Andreas Krasselt
Ich bin kein Mörder
Science-Fiction-Story vom 31. Juli 2006

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Ich hatte Carmine Gallo nie ausstehen können. Er hatte alles, was ich haben wollte. Er war der Leiter des Projekts, hatte ausgesorgt bis an sein Lebensende – und er war mit der einzigen Frau verheiratet, die mir je etwas bedeutet hatte. Ich weiß nicht, warum ich damals bei dem Projekt geblieben bin, als mir Jennifer den Laufpass gab, warum ich immer noch dabei bin. Andererseits ist es das Größte, an dem ich jemals gearbeitet habe, jemals arbeiten werde. Ohne das Projekt bin ich nichts. Und Carmine Gallo weiß, nun ja, wusste das.
Natürlich hatte ich schon lange das Bedürfnis, ihn zu töten. Überrascht Sie das? Seien Sie ehrlich, wer hat nicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt? Aber deswegen bin ich doch noch lange kein Mörder. Ironischerweise war er selbst derjenige, der mich auf die Idee brachte, wie ich sein Ableben in die Wege leiten könnte.
Es waren anstrengende Wochen gewesen. Anstrengend aber erfolgreich. Wir hatten Fortschritte gemacht. In einem Ausmaß, das niemand von uns erwartet hatte. Erste kleine Experimente waren gelungen. Wir hatten ein paar Mäuse und Ratten für wenige Sekunden in die Vergangenheit geschickt – und sie hatten überlebt. Die meisten zumindest. Das ganze Team war in euphorischer Stimmung. Alle, bis auf Gallo.
Er hing mürrisch wie immer über seinem Schreibtisch, verglich die Berechnungen und die Messergebnisse, fügte einige Korrekturen an. Sein feister Nacken glänzte speckig im Licht der Abeitsleuchten, Schuppen bildeten einen feinen Teppich auf seinem Kittel.
„Wir sind fertig für heute, Carmine“, sagte ich. „Hast du noch was? Sonst verabschieden wir uns in den Feierabend.“
Entnervt funkelten mich die winzigen Äuglein unter den dicken Brillengläsern an. Ein Blick, der die ganze Last der Verantwortung, die er allein zu schultern hatte, ausdrückte. Die Resignation, mit der er es aufgegeben hatte, in seinen Mitarbeitern die gleiche Leidenschaft für das Projekt zu wecken. Sein fragend lang gezogenes „Feierabend…“ zeigte die ganze Verachtung des Übermenschen für den normal Sterblichen, mit dessen kleinlichen Bedürfnissen nach Zerstreuung und Schlaf. Carmine Gallo war die Überheblichkeit in Person.
„Na gut“, spuckte er gnädig hervor. „Dann sehen wir uns morgen, nehme ich an.“
„Ja Carmine, bis morgen früh dann.“
Ich verließ den Labortrakt, machte noch einen kurzen Zug durch ein paar meiner Lieblingskneipen. Und während ich ein Bier nach dem anderen in mich hineinschüttete, fragte ich mich immer wieder, was Jennifer an diesem ekligen Klotz gefressen hatte. Carmine war reich und erfolgreich. War das alles, was Frauen interessierte? Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass dieses fette Walross im Bett über Qualitäten verfügen könnte, die meine übertrafen. Was also war es? Carmine Gallo war nicht nur arrogant und misslaunig, zumindest seinen Mitarbeitern gegenüber. Er war auch extrem misstrauisch, ja nahezu ängstlich um seine Sicherheit besorgt. Ständig auf der Hut, als befürchtete er, irgendjemand könne ihm auflauern, ihn überfallen, ausrauben, bestehlen.
Seine Wohnung hatte er in eine Festung verwandelt. Nicht weniger als zehn Schlösser – mechanische und elektronische, inklusive eines Netzhautscanners – hatte er an der Tür angebracht. Bewegungsmelder sicherten nachts sogar die Innenräume. Einmal erzählte Jennifer mir, wie sie versehentlich den Alarm ausgelöst hatte, als sie schlaftrunken zum Kühlschrank ging, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Seitdem hielt sie immer einen kleinen Getränkevorrat in ihrem Schlafzimmer parat, das im Übrigen den Vorteil einer eigenen kleinen Toilette in einem unmittelbar angrenzenden Nebenraum bot. Natürlich schliefen die beiden getrennt. Ich mochte mir nicht vorstellen, ob, wann und wo sie es überhaupt miteinander trieben.
Jedenfalls war Carmine Gallos Phobie neben seinem oft aufbrausenden Temperament einer seiner unangenehmsten Charakterzüge. Ich hasste ihn wirklich.
Das wurde nicht besser, als in jener Nacht, ich war ziemlich schwer betrunken ins Bett gefallen, plötzlich das Telefon schrillte. Natürlich war er es. Wer sonst sollte es wagen, mich um drei Uhr morgens anzurufen. Wollte er mir von einer Aufsehen erregenden Entdeckung berichten? Das wäre eigentlich nicht seine Art gewesen.
Ich grummelte ein lahmzüngiges „Hallo“ in die Sprechmulde. Am anderen Ende hörte ich schweres Stöhnen, lautes Atmen, dann ein leises: „Bist du es, Ron?“
„Wer sollte es denn sonst sein?“, schnarrte ich. „Was ist los, Carmine?“
„Du musst kommen! Sofort!“
„Weißt du, wie spät es ist?“
„Komm her! Und frag nicht!“
Dann legte er auf. Das war er wieder, der unwiderstehliche Mister Großkotz. Ich zog mich an und machte mich auf die Socken.
Ich brauchte eine knappe halbe Stunde bis zu dem Anwesen der Gallos, einer luxuriösen Villa auf einer kleinen Anhöhe. Ich hielt vor der Auffahrt und legte den Weg zum Haus zu Fuß zurück. Rund herum kurz geschorenes Gras. Nicht ein Busch und schon gar kein Baum störte das Sichtfeld. Unwillkürlich fühlte ich mich immer an die freien Flächen vor Festungsmauern erinnert, angelegt, um freies Schussfeld für die Artillerie zu haben. Sicherheitshalber zog ich den Kopf ein.
Kaum hatte ich das Grundstück betreten, schalteten die Bewegungsmelder das Flutlicht an. Ich wunderte mich einmal mehr über diese grandiose Energieverschwendung, war Gallo doch ansonsten so geizig, dass er, bevor er zur Nacht die Innensensoren aktivierte, in seinem Haus sogar oft im Dunkeln umherging. „Ich kenne hier doch jeden Fußbreit Boden“, sagte er immer. „Wozu soll ich dann überflüssig Licht machen?“
Ja, wozu? Das fragte ich mich auch, als ich mich über die taghell erleuchtete Auffahrt zum Eingang begab. Ich klingelte. Nach wenigen Sekunden öffnete Carmine. Er war schreckensbleich. Jennifer war, wie ich wusste, für ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren. Er war also ganz allein in seinem weiten Haus. Und jetzt schlotterte er vor Angst. Er packte mich am Kragen und zog mich hinein in die Dunkelheit.
„Pst“, flüsterte er. „Er war hier. Ich weiß nicht, ob noch andere hier sind.“
„Wer war hier? Carmine, beruhige dich erst einmal.“
„Ich habe überhaupt keinen Grund, mich zu beruhigen. Er … der Dieb, der Räuber, der Killer. Ich hab’ ihn kaltgemacht, glaube ich.“
„Du hast was?“
„Ich hab’ ihn erschossen. Es war ein Einbrecher. Sieh, da hinten liegt er.“
Ich konnte in der Dunkelheit des Hausflurs nach dem Lichtermeer des Vorgartens gar nichts sehen. Allerdings spürte ich, wie Carmine mir mit zitternden Fingern einen metallischen Gegenstand in die Hand drückte, den ich nach einigem Tasten unschwer als Pistole erkennen konnte. Ich roch am Lauf. Tatsächlich. Carmine hatte die Waffe abgefeuert. Doch worauf? Was war hier geschehen?
Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Lichtverhältnis und langsam schälten sich die Umrisse eines am Boden liegenden Körpers aus dem Schwarz des Flures heraus. Ich ging hin, beugte mich hinab. Eindeutig. Der Mann war tot. Ich spürte weder Puls noch Atmung, dafür eine klebrig-feuchte Masse dort, wo eigentlich seine Stirn hätte sein sollen.
Ich schob Carmine in das Wohnzimmer, ließ ihn auf der Couch Platz nehmen und goss ihm einen dreifachen Brandy ein.
„Trink“, sagte ich. „Es wird dich beruhigen.“
Carmine nippte erst zögernd, dann kippte er den ganzen Inhalt mit einem Zug hinunter und hielt mir auffordernd das leere Glas entgegen. Ich schenkte nach.
„Du bist also überfallen worden?“, fragte ich ungläubig, obwohl ich doch das Ergebnis soeben erst mit eigenen Händen berührt hatte.
„Es war schrecklich“, sagte Carmine. „Ich war, gleich nachdem ich aus dem Labor gekommen war, ins Bett gegangen. Ich hatte noch eine meiner Pillen genommen, du weißt“, flüsterte er in falscher Vertraulichkeit, „ohne die ich kein Auge zu machen kann. Doch irgendwann schreckte ich hoch. Ich hörte Geräusche an der Tür. Ein Schloss nach dem anderen wurde geöffnet. Jennifer konnte es nicht sein. Wir hatten noch am Abend telefoniert. Es konnte nur ein Einbrecher sein. Und es war stockfinster draußen.“
„Hat sich deine Parkbeleuchtung nicht eingeschaltet?“
„Nein. Es ist mir unbegreiflich. Nur ich habe den Codegeber, der eine Aktivierung verhindert. Sonst schaltet sie sich automatisch an, sobald sich ein Körper nähert, der größer ist als ein Schäferhund.“
„Wir sollten die Polizei rufen.“
„Um Gottes Willen, Ron. Nur keine Polizei. Ich habe einen Mann erschossen. Wer weiß, was die mir anhängen werden.“
„Mmh“, murmelte ich. „Ich werde mir deinen Besucher mal etwas genauer ansehen. Ich glaube kaum, dass sich hier noch ein anderer versteckt hat“, fügte ich hinzu, als ich bemerkte, wie Carmine sich immer tiefer ins Sofa verkriechen wollte. „Hätte der Kerl einen Komplizen gehabt, hätte der hier sicherlich längst reinen Tisch gemacht.“
Ich ging zurück auf den Flur und schaltete das Licht ein. Dann trat ich erneut an die Leiche heran und fing an, seine Sachen zu durchsuchen. Vielleicht hatte der Mann ja irgendwelche Papiere bei sich. Oder irgendetwas anderes, das uns seine Identität entschlüsseln ließ. Dabei drehte ich den Körper leicht zur Seite und blickte in das, was von seinem Gesicht noch übrig war. Und diesmal war ich es, der erschauerte. Ich ließ die Leiche zurückfallen, sprang auf und rang mühsam um Atem. Dann zählte ich in Gedanken langsam bis drei, schließlich eins und eins zusammen. Und schlagartig wurde mir klar, wie ich Carmine Gallo loswerden würde. Ich würde mir nicht einmal die Hände schmutzig machen müssen. Und das schönste war: Ich hatte gar keine Wahl. Nur damit hier kein Missverständnis aufkommt, ich wiederhole noch einmal: Ich bin kein Mörder!
Der Plan war schnell gefasst. Der Tote musste verschwinden. Hastig suchte ich mir ein dickes Tuch, in das ich die Leiche wickeln konnte. Ich machte Carmine klar, was ich beabsichtigte, zumindest den ersten Teil meines Vorhabens. Dann holte ich mein Auto an den Hauseingang heran, bat Carmine, mit anzufassen, und gemeinsam luden wir die Leiche und einen Spaten in den Kofferraum. Ich ließ mir noch die Pistole geben, um sie ebenfalls verschwinden zu lassen, und fuhr los.
Viel Zeit hatte ich nicht, da die Sonne bald aufgehen würde. Ich fuhr etwa eine Stunde Richtung Süden, bog dann in einen schmalen Waldweg ein, fuhr noch etwa eine viertel Stunde weiter, bis ich meinte, weit genug von der Hauptstraße entfernt zu sein. Mit einer Taschenlampe suchte ich das Dickicht ab, entschied mich schließlich für eine Stelle und fing an, zu graben. Nach einer weiteren halben Stunde, in der ich mich durch immer dichter liegende Steine kämpfte, war das Loch tief genug. Ich zerrte die Leiche aus dem Kofferraum, zog sie zu dem Loch, warf sie hinein, die Pistole hinterher, und füllte die Erde wieder auf. Dann klopfte ich den Boden mit der Schaufelfläche fest. Und machte drei Kreuze.
Von einem ungewohnten Hochgefühl beseelt fuhr ich nach Hause, duschte, frühstückte, und ging dann zur Arbeit, als wäre nichts geschehen. Carmine und ich wechselten nie ein Wort über die Ereignisse.
Das Projekt ging weiter in Riesenschritten voran. Wir dehnten die Experimente auf größere Tiere aus, Katzen und Hunde, und schickten sie für längere Zeiträume – bis zu einer halben Stunde - in die Vergangenheit. Das seltsame an unserer Forschung war, dass wir schon immer vor unseren Experimenten über das Ergebnis Bescheid wussten. Doch das änderte gar nichts. Einmal versuchte ich, eine der bereits abgeschlossenen Zeitreisen, es war glaube ich das Experiment mit der Schildkröte, nachträglich gar nicht erst stattfinden zu lassen. Es gelang mir nicht. Je näher der Zeitpunkt des Versuchs rückte, desto zwingender wurde das Gefühl, damit beginnen zu müssen. Ich schob es auf den Ruf der Pflicht, doch keimte in mir das unbehagliche Gefühl, mit unserem Projekt in die freie Willensentscheidung einzugreifen. Dennoch fieberte ich immer stärker der Stunde entgegen, an der es uns erstmals gelingen würde, einen Menschen durch die Zeit zu schicken. Ich war sicher, nein, ich wusste, dass es uns eines nicht allzu fernen Tages gelingen würde.
Und in der Tat brauchte ich nur zwei Monate warten, bis mein Wunsch in Erfüllung ging. Ich hatte seit dem Zwischenfall wie ein Besessener gearbeitet und mir dadurch, oder auch durch die gemeinsame Erfahrung jener Nacht, das Vertrauen Carmine Gallos verschafft. Ich erhielt immer weiter reichende Kontrolle über einzelne Abschnitte des Projekts. Und schließlich gelang mir der entscheidende Schritt. Ich hatte meine Berechnungen mehrmals vom Computer überprüfen lassen. Mit diesen Einstellungen würden wir einen Menschen transportieren können. Ich machte die Probe aufs Exempel. Es war ein befremdendes Gefühl, zwei Minuten lang meinem lachenden älteren Ich ins Auge zu sehen. Dann war ich es der lachte. Von dem Übergang hatte ich nichts gespürt. Ich behielt meinen Erfolg für mich. Noch.
Am nächsten Tag konstruierte ich meine Falle. Carmine würde wie meist als Letzter das Labor verlassen. Er würde wie immer ein Taxi nehmen, um sich nach Hause bringen zu lassen. Es war nicht schwer, die Projektoren im Flur zu installieren. Scharf gemacht, würde eine simple Lichtschranke sie auslösen. Es war nicht ungewöhnlich in diesen Tagen, dass auch ich bis in den späten Abend hinein arbeitete. Alle anderen Mitarbeiter waren bereits gegangen. Ich war mit Carmine allein. Schließlich verabschiedete ich mich.
„Bis morgen, Ron“, rief er mir nach.
Wir werden sehen, dachte ich. Beim Hinausgehen legte ich den Schalter um.
Ich wusste, dass Carmine irgendwann ebenfalls das Labor verlassen würde. Er würde nach Hause kommen, mit seinem Codegeber die Bewegungsmelder und andere Alarmvorrichtungen kurzzeitig deaktivieren. Jennifer würde nicht da sein. Dann würde er die zehn Schlösser seiner Haustür öffnen. Eines nach dem anderen. Er würde in den dunklen Hausflur schlüpfen. Vielleicht würde er, obwohl ihm jeder Fußbreit so vertraut war, doch einmal gegen irgendeinen Gegenstand stoßen und ein verdächtiges Geräusch machen. Vielleicht auch nicht. Es spielte keine Rolle. Denn nachdem Carmine Gallo in seinen dunklen Hausflur eingedrungen war, würde eine Gestalt aus dem hinteren Schlafzimmer heraustreten, schlaftrunken noch, doch unbeirrt mit einer Waffe auf den undeutlichen Schemen zielend. Und dann würde dieser andere, jüngere Carmine Gallo abdrücken und seinem „Alter Ego“ das Gehirn wegblasen. Ich sag's Ihnen noch mal: Ich bin kein Mörder! Seit wann bitte schön ist Selbstmord Mord?
Es war mein Pech, dass irgendein blöder Hund Monate nach dem unerklärlichen spurlosen Verschwinden Gallos seine Leiche ausbuddelte. Sie hatte mittlerweile so lange in dem modrigen Waldboden gelegen, dass der Gerichtsmediziner den Todeszeitpunkt nur noch ungenau bestimmen konnte. Was für die Todesursache bedauerlicherweise nicht galt. Denn wunderschön deutlich war auch in dem skelettierten Schädel noch das große Einschussloch zu sehen. Nun, das Ganze wäre so nicht weiter schlimm gewesen. Irgendein Gauner, der ihm aufgelauert hatte, der ihn kalt gemacht und versteckt hatte. Leiche gefunden, Aktendeckel zu. Doch neben Carmine Gallos Leiche lag auch die Pistole, mit der erschossen worden war. Und auf dieser Waffe waren, klar und deutlich, meine Fingerabdrücke. Doch egal was Sie jetzt glauben. Alle sollen es wissen, verdammt: Ich bin kein Mörder!
© "slomohan" aka
Andreas Krasselt