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Harry Mullers Fisch-Spezialitäten
Science Fiction-Kurzgeschichte von Rolf Netzmann
Leise schlugen die Wellen gegen das Glas. Harry Muller jr. stand auf dem Gang und sah auf das Meer hinaus. Oder das, was mal Meer war. Er wusste, dass ihn zwei Meter dickes Spezialglas von den Wellen trennte und dass das Wasser dort draußen kaum noch Leben barg. Sein Vater hatte den richtigen Riecher gehabt, als er als junger Mann auf Tuvalu anfing, Meeresfische in Aquarien zu halten. Wie wurde er belächelt, der Spinner, so schlimm wird es alles nicht. Harry Muller hatte sich mit einem Biochemiker zusammengetan, ein Visionär wie er.
Sie begannen zu erforschen, wie es möglich wäre, die Fische zu klonen, um daraus eine Massenproduktion zu machen. Als Verrückte waren sie abgestempelt worden, damals vor 70, 80 Jahren.
Am Ende der Stadt hatten sie ihr Labor errichtet, hatten Aquarien aufgestellt.
Harry Muller jr. biss in sein Fischbrötchen.
Lecker, dachte er und schmunzelte.
Zwei Jahre nach dem Beginn der Arbeiten war klar, dass Tuvalu nicht mehr lange existieren würde. Harry Muller, der immer noch als Spinner verschrien war, begann, sein Labor zu verlegen; nach Alaska. Er wollte die natürliche Kälte für seine Aquarien nutzen.
Also kaufte er von einem alten Ranger dessen Land auf und verlegte seine Fabrik in die unwirtliche Kälte Alaskas.
Inzwischen bestand Tuvalu nur noch zur Hälfte aus seiner früheren Landmasse und immer mehr Menschen verloren ihre wenigen Habseligkeiten. Harry Muller, seine Frau Melissa und sein Sohn Harry jr. begannen, das erste Geld zu verdienen. Durch den expansiven Fischfang waren die Bestände arg dezimiert. Fische, selbst Heringe, wurden zum Luxusgut.
Doch Harry Muller hatte die Lösung. Er expandierte ebenfalls. »Harrys Fish-Ranch« bewirtschaftete immer mehr Aquarien, in denen sich Heringe, Sprotten, Schwertfische, Flundern, aber auch Krebsarten und sogar Haie tummelten. Harry Muller sen. hatte sich das von ihm und seinem Team entwickelte industrielle Klonverfahren vom Weltpatentamt schützen lassen und war damit zum alleinigen Lieferanten der Gastronomie aufgestiegen.
So lag es nahe, dass er irgendwann selbst Gastronom und einer der reichsten Männer der Welt wurde. Lediglich Thomas Dell, der Computermogul, hatte mehr Vermögen als er gescheffelt.
Muller konnte die besten Ingenieure und Wissenschaftler beschäftigen und sie mit exklusiven Fischspezialitäten ködern, die er nicht in den Verkauf brachte. So entstanden vor etwa 20 Jahren seine schwimmenden Restaurants, in denen die Gäste Fisch, Hummer und Krebse genießen und einen Blick auf das Wasser werfen konnten, das ihnen immer mehr den Lebensraum nahm. Pro Jahr stieg es weltweit um etwa 10 Millimeter an. Die riesigen Eisberge, von denen Harrys Vater ihm früher, als er noch ein Kind war, erzählt hatte, waren nur noch auf alten Filmen zu sehen.
Wie ein Märchen wirkten auf Harry Muller jr. die Bilder, auf denen Politiker zu sehen waren, die in Kopenhagen auf einem Weltklimagipfel debattierten, wie die Vernichtung der Erde verhindert werden könne.
Wie Kinder, die sich gegenseitig ihr Spielzeug wegnehmen, so kamen sie Harry vor.
Sein genialer Vater hatte die Zeichen der Zeit richtig erkannt und seinen Nachkommen ein sorgenfreies Leben hinterlassen.
Harry war zufrieden.
Er schlenderte langsam den Gang entlang. Für dieses Restaurant, das "Remember", hatte er die Koordinaten seiner ehemaligen Heimat gewählt. Hier war früher mal Erde, hier befand sich Tuvalu, ehe das Wasser es überflutet hatte.
Das »Remember« war sein Flaggschiff, mit einem Durchmesser von 2 Kilometern und Gästezimmern, einem Casino und einer eigenen Meerwasser-Entsalzungsanlage.
Harry erreichte sein Büro im 2. Obergeschoss.
Er wartete auf eine wichtige Nachricht. Wann würde der Flug zum geheimen Fluchtpunkt der Milliardäre im All erfolgen, den er mit Thomas Dell und Francis Porsche, einem Nachkommen des legendären Automobilpioniers, finanziert hatte?
Die Erde, das wussten sie, war nicht mehr zu retten ...
Copyright © 2010 by Rolf Netzmann
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