Stories
Graf Arktikus
Eine Mystery-Kurzgeschichte von Hanno Berg
I
Im Dorfe Njärmi, das hoch oben im Norden Skandinaviens lag, war gerade tiefster Winter. Häuser, Wälder und Felder lagen unter einer dicken Schneedecke, und alle Gewässer der Gegend waren zugefroren. Wie in jedem Jahr traf sich die Dorfjugend zum Schlittschuhlaufen am kleinen Weiher, der inmitten des Dorfes in einem Park gelegen war. Tagein, tagaus liefen die jungen Leute auf seiner zugefrorenen Oberfläche Schlittschuh und hatten sehr viel Spaß dabei.
Eines Tages aber tauchte ein Fremder im Dorf auf. Er war ein junger Mann, sah sehr gut aus und hatte seine Schlittschuhe mitgebracht, um sich zusammen mit der Jugend des Dorfes auf der Eisfläche des Dorfweihers zu vergnügen. So schnallte er am Rand des Weihers seine Schlittschuhe an und lief zunächst allein einige Runden auf dem Eis. Sehr bald aber hatte die junge Damenwelt des Dorfes Notiz von ihm genommen, denn er sah nicht nur gut aus, sondern er lief auch über die Maßen elegant Schlittschuh. So begaben sich nach und nach die Töchter des Dorfes zu dem Fremden auf das Eis und leisteten ihm Gesellschaft. Die schönste junge Frau des Dorfes aber – sie war gerade zwanzig Jahre alt, wunderschön, aber nicht verlobt oder verheiratet – machte dem Fremden schöne Augen und lachte und scherzte mit ihm, als sei er ihr Bräutigam. Sehr bald merkte der Fremde, dass ihm die Schöne zugetan war. Da glitt er zu ihr hin, fasste sie bei den Händen und tanzte längere Zeit mit ihr auf dem Eis. Am Abend jedoch, als es bereits dämmerte, verabschiedete er sich von der jungen Frau, zog die Schlittschuhe von den Füßen und verschwand eilig aus dem Dorf, während seine Tanzpartnerin traurig zurückblieb.
Als aber der Frühling nach dem langen Winter auch in Njärmi Einzug hielt und der unbekannte Fremde längst vergessen war, wurde seine Tanzpartnerin krank. Mit jedem Tag der Wärme schwanden ihre Kräfte mehr. Am Ende des Frühlings aber starb sie, ohne dass ihr irgendjemand hatte helfen können.
II
Als ein Jahr vergangen war und der Winter wieder in den Dörfern im Norden Einzug gehalten hatte, tauchte derselbe Fremde, der im letzten Winter in Njärmi gewesen war, im Dorfe Djornai auf, kaum dreißig Meilen von Njärmi entfernt. Wieder hatte er seine Schlittschuhe mitgebracht und ging zum Dorfteich nahe am Waldrand, wo sich die Jugend Djornais vergnügte.
Als er am Teich angekommen war, schnallte er seine Schlittschuhe an und lief zunächst allein einige Runden. Wieder fiel er mit seinem guten Aussehen und seiner eleganten Art den Töchtern des Dorfes auf, und sie scharten sich auf dem Eis um ihn. Die schönste Tochter des Dorfes aber, die anmutige Hajma, die nicht verlobt oder verheiratet war, verliebte sich sofort in den Fremdling und turtelte um ihn herum, was ihm sehr schnell auffiel. Schließlich fasste er Hajma bei den Händen und tanzte mit ihr längere Zeit auf dem Eis. Wie beim letzten Mal in Njärmi aber verließ er seine Tanzpartnerin am Abend und verschwand eilig aus dem Dorf.
Als der Frühling einige Monate später auch in Djornai Einzug hielt und die Tage wärmer wurden, wurde auch Hajma krank, und ihre Kräfte schwanden mit jedem Tag mehr.
Hajma aber hatte einen jüngeren Bruder namens Jons und eine ältere Schwester, die den Namen Turma trug und mit einem Bauern des Dorfes verheiratet war. Diese beiden sorgten sich sehr um ihre Schwester, und als ihr kein Arzt helfen konnte, gingen sie in ihrer Verzweiflung zusammen zur Dorfältesten Marnika, die schon hundertdrei Jahre alt war und ihnen aufgrund ihrer großen Erfahrung vielleicht einen Rat geben konnte.
»Ich selbst kann eurer Schwester Hajma leider nicht helfen«, sagte Marnika bedauernd, als ihr Jons und Turma von Hajmas Krankheit berichtet hatten. »Aber ich weiß, an wen ihr euch wenden müsst, um zu erreichen, was ihr wollt.«
»Sag schon, Marnika, wer kann uns helfen?«, fragte Jons ungeduldig.
»Nur die Ruhe, Junge!«, sagte die Alte. »Hört zu! In einer leeren Holzhütte im großen Fichtenwald, zweihundert Meilen von hier im Osten, kann man den Geist des großen Weisen, der vor vierzig Jahren gestorben ist, fragen, wie man erreicht, was man will. Er weiß, wenn man ihn denn trifft, was zu tun ist.«
»Was heißt ... wenn man ihn denn trifft ...?«, fragte Turma.
»Es gibt dabei zwei Schwierigkeiten, die man meistern muss«, entgegnete die alte Frau. »Erstens muss man den Schlüssel zur Eisentür der Holzhütte aus der Mitte eines großen Findlings, der rechts vor der Hütte steht, bergen, indem man den Stein zum Bersten bringt ...«
»Ist das denn so schwer?«, fragte Jons.
»Ich weiß nur, dass es dazu der gemeinsamen Anstrengung von drei Leuten bedarf«, antwortete Marnika. »Und dass es bisher niemand geschafft hat, den Schlüssel zu bergen!«
»Und was ist die zweite Schwierigkeit?«, fragte Jons.
»Man muss die Tür der Hütte genau zur Mittagsstunde öffnen, sonst trifft man den Geist des großen Weisen nicht«, gab die Alte zur Antwort.
»Na dann, vielen Dank, Marnika!«, sagten die beiden jungen Leute, verabschiedeten sich von der alten Frau und verließen ihr Haus.
Draußen gingen sie zu Turmas Haus zurück, berichteten dort ihrem Mann Nefi von den Worten Marnikas und baten ihn, mit ihnen zusammen zum großen Fichtenwald im Osten zu ziehen. Nefi willigte auf der Stelle ein, und sie schnürten eilig alle drei ihr Bündel, um noch am selben Abend aufzubrechen.
III
Einige Tage später hatten die drei den großen Fichtenwald im Osten erreicht. Sie suchten nach der Holzhütte, von der die alte Marnika gesprochen hatte, und fanden sie schließlich auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte des Waldes.
»Dort steht der Findling, direkt neben der Tür«, rief Turma den beiden anderen zu, nachdem sie die Hütte erreicht hatten. »In seiner Mitte muss sich der Schlüssel zur Tür der Hütte befinden!«
Die drei betrachteten den Stein aus der Nähe. Es handelte sich um einen etwa anderthalb Meter hohen und einen halben Meter breiten Felsblock mit einem Umfang von vielleicht einem Meter.
»Da, seht doch!«, rief Jons laut und deutete auf eine Stahlplatte, die auf der Vorderseite des Steins angeschraubt war.
Sie schauten genauer hin. In die Platte war ein merkwürdiger Spruch eingraviert. Er lautete:
»Mekatha, thekatha, mursala, kaus,
Schlüssel des Weisen, öffne sein Haus!«
Die drei rätselten eine Weile, was dieser Spruch wohl bedeuten mochte. Dann sagte Turma: »Was auch immer dieser Spruch sagen will, wir müssen den Stein mit vereinten Kräften spalten, um an den Schlüssel der Hütte zu gelangen!«
»Du hast recht!«, sagte Nefi. »Lasst es uns zuerst mit den Hämmern versuchen, die wir mitgebracht haben!«
Mit diesen Worten händigte er den beiden anderen zwei Hämmer aus, die er in seinem Bündel mitgebracht hatte, und nahm selbst einen dritten Hammer in die Hand, den er ebenfalls mitgenommen hatte.
Anschließend hämmerten alle drei gleichzeitig mit ihren Hämmern auf den Findling ein, doch sie konnten nicht das kleinste Stückchen abspalten, egal, mit wie viel Kraft sie auf den Stein einschlugen.
Als sie auf diese Weise keinen Erfolg hatten, schlug Jons vor, den Stein mit vereinten Kräften zum nahen Abhang zu rollen und ihn in die Tiefe zu stürzen. Die anderen willigten ein, und sie versuchten alle zusammen, den Stein von der Stelle zu bewegen. Der Koloss ließ sich aber von ihnen nicht um einen Zentimeter vom Fleck schaffen. Ratlos setzten sie sich schließlich ins Moos neben dem Stein, um zu verschnaufen. Minuten später aber hatte Turma eine Idee.
»Wie nun, wenn wir den Spruch hersagen müssen, der auf der Stahlplatte steht?«, fragte sie ihre Begleiter. »Und wie, wenn wir ihn alle gleichzeitig hersagen müssen, wenn dies mit »gemeinsamer Anstrengung« gemeint ist?«
Die beiden Männer sprangen auf und zogen Turma mit sich, um zu versuchen, was sie vorgeschlagen hatte. Kaum aber hatten sie gleichzeitig den Spruch hergesagt, da tat es einen lauten Knall, und der Stein zerbarst in tausend Stücke. In der Mitte seiner Trümmer fanden die drei tatsächlich einen kleinen, silbernen Schlüssel, wie es ihnen die alte Marnika gesagt hatte.
»In zehn Minuten ist es Mittag!«, sagte Turma, nachdem sie auf ihre Taschenuhr gesehen hatte. »Dann können wir den Schlüssel ausprobieren!«
Jons nahm den Schlüssel an sich und steckte ihn dann ins Schlüsselloch der Hüttentür. Sie warteten eine Weile. Dann begann im Innern der Hütte eine Standuhr zur Mittagsstunde zu schlagen. Im selben Moment versuchte Jons, den Schlüssel im Schloss herumzudrehen, aber es gelang ihm nicht. Endlich hatte die Uhr im Innern zwölf Schläge getan und verstummte. Die Tür zur Hütte aber blieb verschlossen.
Völlig ratlos sahen sich die drei gegenseitig an. Da aber hatte Nefi den rettenden Gedanken.
»Es ist erst in fünf Minuten zwölf Uhr!«, rief er laut und lachte. »Die Uhr im Innern der Hütte geht fünf Minuten vor! Meine Uhr, die ich von meinem Vater geerbt habe, geht ganz genau, das weiß ich. Darauf aber ist es jetzt erst fünf vor zwölf!«
Im rechten Moment bedeutete er Jons, den Schlüssel herumzudrehen, und als seine Uhr die zwölfte Stunde anzeigte, ließ sich die Tür zum Innern der Hütte tatsächlich öffnen.
IV
Die drei drängten in die Hütte hinein. Als sie alle drei in der Hütte standen, waren sie einen Moment von dichtem Nebel umhüllt, sodass sie nicht die Hand vor Augen sehen konnten. Dann aber verflog der Nebel, und sie sahen, dass sie in einem großen Saal standen, der viel größer war, als die Hütte von außen gewesen war. Am Ende des Saales aber stand ein großer Lehnstuhl, und auf diesem saß ein uralter Mann mit schneeweißem Haar und einem langen, ebenfalls weißen Bart.
»Ich bin der Geist des Weisen vom Fichtenwald«, sagte der Alte mit tiefer Stimme. »Ihr habt mich gerufen. Was begehrt ihr zu wissen?«
»Wir kommen zu dir wegen meiner kleinen Schwester Hajma«, erwiderte Turma. »Im letzten Winter kam ein schöner Fremder in unser Dorf und tanzte mit ihr in Schlittschuhen auf dem Dorfteich. Er verdrehte ihr völlig den Kopf, doch er verließ sie noch am selben Abend und ward nie wieder bei uns gesehen. Hajma aber wurde im Frühling, als es wärmer wurde, krank und siecht seitdem dahin, ohne dass ihr jemand, nicht einmal der beste Arzt, helfen kann.«
»Das ist schlimm!«, sagte der Geist des Weisen. »Aber vielleicht kann ich euch einen Rat geben. Hört zu! Es handelt sich bei dem schönen Fremden um Graf Arktikus, der niemals älter wird und seit tausend Jahren im äußersten Norden in einem Schloss lebt, das ganz aus Schnee und Eis gebaut ist. Er selber hat ein Herz aus Eis. Wenn im nördlichen Skandinavien Winter ist, kommt er in ein Dorf dieser Region, betört das schönste unverheiratete Mädchen dort und lädt es ein, mit ihm auf dem Eis zu tanzen. Wenn er es aber in die Arme nimmt und mit ihm auf dem Eis tanzt, dann wird auch das Herz des Mädchens zu Eis. Hat Arktikus dies erreicht, so zieht er wieder zu seinem Schloss im Norden und lässt das Mädchen allein zurück. Dieses wird, wenn der Frühling kommt, krank, denn sein Eisherz beginnt nun, zu schmilzen. Wenige Wochen später ist es dann ganz geschmolzen, und das Mädchen stirbt. Sein Geist aber fliegt in den Norden zum Schloss des Grafen und tanzt mit diesem und den Geistern all der anderen Mädchen auf dem zugefrorenen See vor dem Schloss. Seit Arktikus lebt, hat es dort oben keinen Frühling gegeben, und er wird so lange sein Spiel treiben, bis dereinst in einem der Dörfer, die er im Winter aufsucht, ein Mädchen mit ihm auf dem Eis tanzt, das sein Herz zuvor einem anderen als ihm geschenkt hat. Dann werden alle Mädchen, die Arktikus je betört hat, gerettet werden. Im nächsten Winter wird der Graf ins Dorf Varno kommen, um sich dort ein neues Opfer zu suchen.«
Nachdem der Weise dies gesagt hatte, löste sich sein Geist vor den Augen von Turma, Nefi und Jons in Luft auf, und sie waren wieder allein. Ohne jede weitere Verzögerung machten sie sich auf den Heimweg, um Hajma und die anderen Mädchen zu retten.
V
Als die drei Gefährten wieder in Djornai angekommen waren, hörten sie sofort die traurige Geschichte vom Tod der jungen Hajma. Dennoch waren sie nicht verzweifelt, denn der Weise vom Fichtenwald hatte ihnen gesagt, dass sie alle Mädchen, mit denen Graf Arktikus auf dem Eis getanzt hatte, retten konnten, und dies galt offensichtlich nicht nur für lebendige Mädchen, sonder auch für solche, die bereits gestorben waren. Turma, die ja ihr Herz schon vor langer Zeit ihrem Manne Nefi geschenkt hatte, war genau die rechte Frau, um mit dem Grafen auf dem Eis zu tanzen und ihm so das Handwerk zu legen.
Als dann der nächste Winter in den nordskandinavischen Dörfern Einzug hielt, reiste sie nach Varno, wo der Graf wohl in diesem Winter nach einem neuen Opfer Ausschau halten würde. Dies hatte zumindest der große Weise gesagt.
Kaum war Turma in Varno angekommen, da traf Arktikus ebenfalls dort ein und ging sofort zum Dorfweiher, um dort mit den jungen Leuten Schlittschuh zu laufen. Turma begab sich ebenfalls dorthin, zog ihre Schlittschuhe an, die sie mitgebracht hatte, und nahm ihren Ehering vom Finger und steckte ihn in die Jackentasche, damit der Graf keinen Verdacht schöpfte. Dann drehte sie in der Nähe des Grafen ihre Runden auf dem Eis und sah ihn mit schmachtenden Blicken an. Arktikus entgingen Turmas Blicke nicht, und da sie noch sehr jung und die Schönste auf dem Eis war, fasste er sie bei den Händen und tanzte mit ihr. Eine Stunde später aber überließ er Turma sich selbst, verließ das Eis und schnallte seine Schlittschuhe von den Füßen. Dann verschwand er eilig aus dem Dorf und zog gen Norden zu seinem Schloss aus Schnee und Eis.
VI
Auch Turma kehrte nach Hause zurück. Als es Frühling wurde, erkrankte sie jedoch nicht, wie all die unverheirateten Mädchen vor ihr, denn ihr Herz war nicht zu Eis geworden und konnte so in der wärmenden Frühlingssonne nicht dahinschmilzen. Sie wartete noch den Beginn des Sommers ab und bat dann ihren Mann und ihren Bruder, gen Norden zum Schloss von Graf Arktikus zu ziehen, um nachzuschauen, was sich dort inzwischen ereignet hatte. Die beiden jungen Männer verließen noch am selben Tag das Dorf.
Einen Monat später kehrten Nefi und Jons aus dem hohen Norden zurück, und sie brachten zur großen Freude Turmas ihre kleine Schwester Hajma mit, die nun wieder lebendig war.
»Erzähle, was geschehen ist!«, forderte Turma ihre Schwester auf, nachdem sie diese freudig in die Arme geschlossen hatte.
»Das will ich gern tun, Turma!«, sagte Hajma lächelnd. »Hör zu! In diesem Jahr wurde es zum ersten Mal seit tausend Jahren in der Region um das Schloss des Grafen Frühling, und Schnee und Eis, auch das Schloss selbst, schmolzen in der warmen Sonne dahin. Alles grünte und blühte, der Graf aber wurde sehr krank, da sein Eisherz zu schmilzen begann, und er starb wenige Wochen später. Wir Mädchen aber, die wir vom Grafen betört worden waren, bekamen unsere menschlichen Herzen zurück und wurden alle wieder lebendig. Ich reiste mit Nefi und Jons nach Djornai, und auch alle anderen Mädchen zogen heim. Nie wieder wird der Graf nun junge Mädchen zu seinen Sklavinnen machen, und es wird wohl nie wieder ein junges Ding an einem Herzen aus Eis zugrunde gehen!«
»Das will ich hoffen!«, sagte Turma und nahm Hajma noch einmal in die Arme.
Auch künftig liefen alle jungen Mädchen im hohen Norden im Winter Schlittschuh auf den zugefrorenen Teichen und Seen, doch sie schauten sehr genau hin, wenn ein junger Mann dort mit ihnen tanzen wollte.
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