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Engeltod 6 - Tränen

Eine Horror-Kurzgeschichte von EINsamer wANDERER

Obwohl dieser Teil der Kanalisation schon vor Jahren stillgelegt worden war, roch es immer noch nach Kloake.
»Dieser Abschnitt der Kanalisation gehört uns ... äh ... ich meine euch erst seit Kurzem. Vorher haben einige Satanisten hier ihre verweichlichten Rituale ausgeübt. Präparierte Gummihühnchen und Lippenstift Dämonen zu opfern, ist mehr als lächerlich. Jedenfalls hängen ihre Köpfe nun an den Leitern, die ihr hier gelegentlich an der Seite seht.«
Obwohl es dunkel war, konnte Azrael den kleinen dicklichen Mann sehr gut sehen. Nachdem das Monster die Kirche verlassen hatte, wartete dieser Mann draußen auf ihn und führte ihn in die Kanalisation. Er war es auch gewesen, der sich ins Gefängnis eingeschlichen, den beiden Trotteln den Weg zu seinem Gefängnis erklärt und den Aufstand angezettelt hatte. Azrael fragte sich unwillkürlich, was Lucy wohl tun würde. Selbst in seinem geschwächten Zustand war Azrael ihr haushoch überlegen, aber sie hatte die Gabe, eine schlagfertige Truppe auf die Beine zustellen. Das letzte Mal war auch ER mit von der Partie gewesen, und wer weiß: Vielleicht würde auch diesmal ein mächtiger Gegner dabei sein.
Gerade, als er an die alten Zeiten dachte, kam ihm eine Frage, die ihm schon seit Urzeiten quälte. »Wo ist Caedes? Wo ist meine nach Blut schreiende Geliebte«
»Sie ist in der Gewalt von Vladimir. Er führt zurzeit die Vampire an.«
»Ich erinnere mich an ihn«, sagte Azrael mit angewidertem Gesichtsausdruck, den der Mensch nicht sehen konnte. Vladimir war ein Angsthase, der vor seinen eigenen Schatten reißaus nahm. Er war die rechte Hand seines Vaters gewesen. Ein Schreiberling, der nur irgendwelche Notizen vor sich hinkritzeln konnte. Immer wenn Azrael ihn angesehen hatte, war er vor Schreck zusammengezuckt. Die Rasse der Vampire war wirklich am Ende, wenn dieser Wicht sie anführte.
»Wo hält er sie gefangen?«, fragte Azrael mordlüstern.
»Geduld, Meister, Geduld«, versuchte er nervös ihn zu beruhigen »Einer unserer Spitzel versucht noch, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen.«
Azrael war enttäuscht. Er war während seiner Gefangenschaft von Caedes getrennt gewesen. Sie waren noch nie so lange getrennt gewesen. Ihre Abwesenheit war für ihn fast unerträglich. »Beeilt euch. Ich bin nicht für meine Geduld bekannt«, spornte Azrael seinen Lakaien an. »Wenn es Euch ein Trost ist, Meister, wir wissen, wo Vladimir sich aufhält. Er ist hier in der Stadt. Wir wissen sogar, wo er wohnt.«
Azrael lächelte vorfreudig. Es war Zeit, die Vampire für ihren Frevel zahlen zulassen.

Blut ... Gewalt ... Dark schreckte hoch. Er wusste nicht, ob er geschrien hatte oder nicht. Es war ihm auch egal. Seit Jahren litt er schon unter diesen Albträumen. Doch er konnte sich kaum an etwas erinnern, wenn er aufwachte. Blut und Gewalt war alles, was er nach dem Schlaf noch wusste. Die Träume sandte ihn der Dämon zu, um ihn mürbe zu machen. Soviel stand für Dark fest. Jetzt begann sein morgendliches Ritual. Zuerst mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn wischen. Danach den Handschuh an seiner linken Hand begutachten. Der Handschuh versiegelte etwas, was er Baals Schlund nannte. Dark inspizierte den Handschuh mehrmals am Tag.
»Der Handschuh ist in Ordnung«, sagte Ball genervt. »Das Siegel hält«, fügte er verächtlich hinzu. Der Junge traute dem Dämon nicht. Er begutachtete den Handschuh genau. Auf der Handinnenfläche des schwarzen Handschuhs war ein dunkelrotes Auge zu sehen, das von einem weißen Pentagramm umschlossen war. Ein ebenso weißer Kreis, welcher jede Spitze berührte, umschloss das ganze Pentagramm, nur um von einem noch größeren Kreis umschlossen zu werden. Eine längst vergessene Sprache war zwischen den Kreisen geschrieben worden. Dark hielt es für möglich, dass der Handschuh während des Vorfalls im Zug Schäden davon getragen hatte. Nichts dergleichen fiel ihm auf. Kein Riss, der größer werden konnte. Keine Lücke in der Zeichnung, die es dem Dämon erlauben könnte, das Siegel zu zerstören. Nun, dachte er erleichtert, das hätten wir abgeharkt. Dann wollen wir uns doch mal die Stadt ansehen.

Dark stand von der Parkbank, auf der er die Nacht verbracht hatte, auf. Ihn schüttelte es vor Kälte, obwohl es warm war. Die Kälte schien aus dem Inneren seines Körpers zu kommen. Was ist mit mir los? Was passiert mit mir?, fragte er sich.
Der Dämon schien seine Gedanken erraten zu haben. »Als du die Kräfte im Zug heraufbeschworen hast, war dein Seelenvorrat leer, also musste ich mal wieder etwas von deiner Seele verzehren«, sagte der Dämon trocken.
»Verdammt!«, fluchte Dark. Er hatte schon wieder etwas von seiner Seele hergeben müssen. Jedes Mal, wenn jemand von Dark getötet wurde, nahm er automatisch seine Seele auf. Sie wurden dann von Baal verschlungen, wenn Dark seine Kraft brauchte. Sie taten Dark nicht leid. Es waren Monsterseelen, sie konnten von ihm aus im wahrsten Sinne zur Hölle fahren. Wenn Darks Seelenvorrat aber erschöpft war, wurden Teile seiner Seele verzehrt. Jedes Mal, wenn das passierte, wuchs Baals Einfluss auf ihn. Das war der Preis für diese urgewalte Macht. Er wusste, dass es die gerechte Strafe für ihn war.
Der Junge zog sich die Kapuze über den Kopf, verlies den Park auf den schnellsten Weg und tauchte in der Menschenmenge unter. Er suchte neue Gegner, die entweder ihn töten oder deren Verhängnis er sein würde. Fragen hallten wie ein schwaches Echo in seinem Geist umher. Was bin ich? Wohin gehe ich? Was habe ich vor? Dark ignorierte sie, da er darauf keine Antwort wusste.

Die Welt schien sich über Nacht gewandelt zu haben. Der Himmel war ein Gemisch aus allen Farben, aber sie waren düster und bedrohlich. Sie wirbelten chaotisch umher, ohne Sinn und Verstand. Auch schien es wärmer geworden zu sein. Aber keine Wärme schien die Kälte von ihm nehmen zu können. Aus der Straße erhoben sich unzählige Teerhände und schmerz-verzerrte Gesichter.
»Sieh«, sagte Baal verzückt, »wie sie sich winden.«
Dark sah sich die Menschen an. Niemand schien zu sehen, dass sie in der Hölle lebten. »Was ist passiert?«, fragte Dark.
»Ein Höllentor wurde geöffnet. Aus dem Tor kommen Energien aus der Dämonenwelt und dann verwandelt sich eure erbärmliche Welt in ein Paradies für meinesgleichen«, erklärte der Dämon, als wenn er mit einem kleinen Kind spräche.
Dark beobachtete, wie die Hände sich nach den wirbelnden Himmel reckten. Es sah aus, als wenn sie glaubten, dort die Erlösung zu finden. Dark sah, wie ein kleines Kind die Straße überquerte. Natürlich sah es die Hände nicht, an denen es vorbeikam. Auf der Mitte des Weges packten sie die Beine des Kindes. Die Ampel wurde rot. Das Kind kam nicht von der Stelle, egal wie sehr es sich auch anstrengte. Entsetzt sah Dark, wie ein großer LKW auf das Kind zuhielt.
»Baal!«, flüsterte Dark erschrocken.
»Jaaa?«, fragte Baal langsam. »Was willst du?«
»Gib mir etwas von deiner Kraft.«
»Bist du dir da sicher? Ich meine, dein Seelenvorrat ist nicht gerade groß.«
»Ja!«, antwortet Dark entschlossen.
»So wird dir gegeben, was du begehrst«, zitierte der Dämon bedacht langsam.
Eiskalte Dunkelheit durchflutete Dark. Seine Muskeln schwollen vor Kraft an. Die Augen glühten blutrot. Die Adern traten schwarz hervor. Dark war durch seine Klamotten so vermummt, dass niemand seine Verwandlung bemerkte. Er fühlte sich stark, unüberwindbar. Er rannte schnell wie der Blitz über die Straße. Die Gesichter und Hände wichen vor ihm. Sie fürchteten sich zu recht, wie er fand. Innerhalb eines Herzschlages erreichte er das Kind, entriss es den Händen und brachte es auf die sichere Seite zurück.
»Wie kitschig. Der Held, der als Enziger das Kind retten kann. Bald machst du noch Superman Konkurrenz«, kommentierte der Dämon.
Das Kind sah den LKW vorbeirasen. »Scheiße, das war knapp«, keuchte es.
Dark ging an dem Kind stumm vorbei. Er hatte sich zu schnell für seine Augen bewegt. In so einem Alter kannte ich solche Ausdrücke noch nicht, dachte Dark. Er hörte hinter sich ganz deutlich die Schritte des Kindes. Es wollte immer noch die Straße überqueren. Gerade als Dark aufatmete, hörte er ein Krachen und das Quietschen von Bremsen hinter sich. Die Leute drehten sich entsetzt in Richtung Straße. Nur Dark nicht, er stand starr vor Schreck nur da. Der Junge brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, was passiert war. Das schallende Gelächter von Baal hallte durch seinen Schädel. Er setzte bedrückt seinen Gang durch die Stadt fort.

»Schöne Stadt«, brach Baal nach langer Zeit das Schweigen. »Hohe Häuser mit vielen dunklen Gassen und Wirtskörpern. Hier lässt es sich aushalten. Oder was meinst du? Schöner Ort zum Sterben für dich, und wer weiß, vielleicht beerdigt man dich auf einen schönen Friedhof.«
Dark schwieg weiter. Schon wieder habe ich ein Leben verschuldet, dachte er. Hört das denn nie auf? Wut durchflutete seinen Körper, schenkte ihm Wärme und brachte die Stimme zum Schweigen. Die Kälte verschlang jedoch die Wut und wuchs. Dark zwang sich zur Beruhi-gung. Der Dämon war wie ein Parasit, der sich an dem Leid anderer ergötzte und nährte. Dark starrte beim Weitergehen stur auf seine Füße. Auf einmal hielt er inne. Auf dem Boden war ein durchsichtiger Streifen. Die Spur war eine Aura, die nur höhere Wesen hinterließen. Durch die Besessenheit konnte Dark sie sehen. Mit der Zeit verschwand sie jedoch. Diese hier war noch frisch, sie glitzerte sogar noch. Keine Minute alt. Sein Blick folgte ihr in eine dunkle Nebengasse. Dark schaute auf den Stand der Sonne. Sie war fast untergegangen. Er schaute weiter, auf die länglichen Schatten. Gerade spät genug, um zu jagen. Nachts schlugen die Dämonen am liebsten zu. Die Sonne brachte sie zwar nicht um, aber sie mochten das Licht nicht besonders. Er ging in die Gasse, voller Hoffnung, dort das langerwartete Verhängnis zu finden. Die Spur war nicht lang. Am Ende fand er den Dämon. Er hatte von einer jungen Frau Besitz ergriffen. Um sie herum lagen fünf Leichen. Fünf Teenies, alle auf der Suche nach leichter Beute, wurden sie Opfer eines mächtigeren Jägers. An der Wand stand starr vor Schreck ein weiterer Junge. Käsebleich starrte er auf seine vermeidliche Beute.
Dark stand tatenlos da, als der Dämon mit seinen riesigen, dreifingrigen Klauen den Brustkorb des Jungen zerfetzte. Darks Gesichtsausdruck war entschlossen, als er nach vorne rannte und ein auf den Boden liegendes Messer aufhob. Der Dämon ruckte den Kopf in Darks Richtung. Es sah grotesk aus. Die linke Hälfte des Körpers war dämonisch, die andere menschlich. Seine linke Gesichtshälfte war geschwollen. Die Gestalt hatte Reißzähne. Ihr baumstammdicker Arm war lang genug, um den Boden zu berühren.
»Glaubst du, dir bringt das Messer mehr Glück, als den Jungen dort am Boden«, fragte das Monster. Mit einem Schrei ging der Dämon auf ihn los.
Dark machte einen Schritt nach vorn und sagte zu Baal: »Dämon gib mir etwas von deiner Kraft.«
»Nein«, antworte das Geschöpf.
»Warum nicht?«, fragte Dark erschrocken.
»Bin ich deine Wunschfee?«, fragte Baal zurück. »Ich kann deine Bitten jederzeit ablehnen. Wo wir grad so schön dabei sind, wieso sagst du niemals ›bitte‹? Versteh mich nicht falsch, ich stelle dir in meinem endlosen Großmut meine Macht zur Verfügung, und du bringst mir keinen Respekt entgegen.«
Dark antwortete aufgebracht. »Das ist der falsche Zeitpunkt für so was.«
Das Monster sprang und zielte dabei auf seine Kehle. Dark rutschte in einer Blutlache aus. Glücklicherweise sprang die Bestie knapp über ihn hinweg. Seine Haarspitzen berührten sacht das Kinn des Monsters. Sein Gesicht landete auf den Asphalt. Er stand auf. Seine Lippe war aufgeplatzt. Der kupferne Geschmack von Blut lag ihm im Mund. Seine Augen schielten kurz auf seine rechte Hand. Er atmete kurz auf, als er sah, dass er das Messer immer noch in der Hand hielt. Dark richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Monster. Er sah gerade noch, wie es einen erneuten Angriff versuchte. Mitten im Angriff schien die Zeit sich zu verlangsamen. Der dämonische Arm bewegte sich im Sekundentakt auf ihn zu. Dark bewegte sich in dieselbe Richtung wie der Arm, bloß dass er sich nicht langsamer als sonst bewegte. Als er an der menschlichen Seite des Dämon vorbeikam, schnitt er diesem die Hauptschlagadern am Hals durch. Er wich den in Zeitlupe hervorkommenden Schwall Blut aus. Die Zeit nahm wieder ihren gewohnten Lauf, als ein warmer Blutstropfen auf Darks Wange traf. Er drehte sich zum Monster um, welches auf die Knie gefallen war. Sein Arm versuchte, die Wunde zu stillen. Der Dämon stieß einen gellenden Schrei des Entsetzens aus. »Oh mein Gott!«, sagte er entsetzt. »Was habe ich getan? Was ist mit mir passiert?«
Konnte es sein, fragte sich Dark, dass sich der Mensch gegen den Dämon behauptet hat?
Die Frau drehte sich zu ihm um. Sie war den Tränen nahe. Angst, Entsetzen und Trauer wechselten sich auf ihren grotesken Zügen ab.
Dark konnte sie nur allzu gut verstehen. Er wollte sich ihrer annehmen. Wollte ihr helfen. Er wusste, geteiltes Leid war halbes Leid. Also streckte er ihr die Hand entgegen.
Sie sah hoffnungsvoll zu ihm hoch, und er erwiderte dies mit einem Lächeln.
»Ich hab's mir anders überlegt«, warf Baal plötzlich ein.
Sofort durchflutete Dark wieder die dunkle Kraft und für einen kurzen Augenblick verlor er die Herrschaft über seinen linken Arm. Mit einer schnellen und ungewollten Bewegung enthauptete er die Frau. Ihr Kopf rollte über den Asphalt. Sie hatte immer noch diesen hoffnungsvollen Gesichtsausdruck. Dark sah erschrocken auf seine blutige Hand. Dann sah er auf den enthaupteten Körper. Die Stelle, an der er sie getroffen hatte, war schwarz von seiner eigenen Verderbnis. Er rannte angsterfüllt die Hauswand hoch, kletterte aufs Dach und sprang von dort auf das nächste. Irgendwann brach er erschöpft auf einem Dach zusammen. Er lag auf allen vieren. Tränen rollten über sein Gesicht. Wie lange noch? Wie lange musste er diese höllische Odyssee noch ertragen? Würde es denn nie enden?
»Es war ein Trick«, verteidigte sich Baal. »Der Dämon lockert den Würgegriff über den Wirt und lässt sein Opfer unvorsichtig werden. Dann übernimmt er wieder die Oberhand und tötet sein Opfer. So steht es in allen Lehrbüchern.«
Dark sah, dass er immer noch das Messer in der Hand hielt. Ihm kam ein Gedanke.
»Nicht schon wieder«, sagte der Dämon gelangweilt. »Du hast dir schon sooft die Pulsadern durchtrennt, hast dich vor Fahrzeuge geworfen und vieles weitere, nur um deiner Existenz ein Ende zu bereiten. Aber durch mich stehst du immer wieder auf. Weißt du, manche würden für deine Unsterblichkeit morden, aber du willst unbedingt sterben. Und ich sagte dir, dass nur ein höheres Wesen dir den Tod bringen kann. Also such dir gefälligst einen Gegner!«
»Wie hast du das gemacht?«, flüsterte Dark.
»Nun, mein Einfluss auf dich ist jetzt groß genug, um einzugreifen, wenn es bremslig wird. Du brauchst mich also nicht mehr zu bitten«, erzählte er genüsslich. »Im Gegenzug hast du permanenten Zugriff auf meine Kräfte, oder was glaubst du, wie du auf dieses Dach gekommen bist oder warum du den Himmel siehst, wie er wirklich ist? Natürlich sind diese Kräfte eingeschränkt«, erklärte er wie selbstverständlich.
Dark erhob sich. Er musste weiter. Er steckte das Messer in die Hosentasche, inspizierte den Handschuh und sprang danach vom Dach des Gebäudes in die schwarz gähnende Häuserschlucht.

Der Asphalt, auf den die Hufe des Hengstes trafen, verwandelte sich zu Asche. Der langsam trabende Hengst starrte aus seinen pupillenlosen Augen ins Leere. Er war alt und ausgemergelt, seine Rippen waren deutlich zu erkennen. Sein Fell war ergraut. Der Reiter war eine hagere, vermummte Gestalt. In seinen dunkelbraunen, knochigen Händen trug er eine Sense aus dunklem Holz. Das Gesicht war in einer Kapuze verborgen. Sein schwarzes, zerrissenes Gewand wehte sanft im Wind. Alles, was an dem Reiter vorbeikam, starb. Pflanzen verdorrten und wurden zu Asche. Tiere kippten tot um. Hinter ihm klatschten die Vögel tot auf die Erde. Der Wind wehte die Asche weg und unter ihr kam das blanke Weiß von Schädeln hervor. Etwas hinter ihm waren seine Schergen. Skelette in schwarzen Gewändern, mit Sensen bewaffnet. Sie drangen in die Häuser ein, hielten fahrende Autos an und töteten die Menschen. Die Schreie der Sterbenden begleiteten den Reiter auf seinem Ritt. Er war hier, um seine Pflicht zu erfüllen. Er hatte den Ruf gehört. Das Ende war nahe und kein Sterblicher würde ihn aufhalten.

Niemand achtete auf Dark. Es war inzwischen Nacht geworden und er hatte sein nächstes Opfer gefunden. Danach würde er für heute Schluss machen. Müdigkeit und Albträume riefen ihn bereits. Gegenüber auf der anderen Straßenseite in einem Restaurant saß der ausgewählte Dämon. Der Junge gähnte ungeniert, während er die gesammelten Informationen Revue pas-sieren ließ. Er wusste, wo die Ein- und Ausgänge, die Toiletten und die Küche waren, den Aufenthaltsort seines monströsen Opfers und dessen Opfer, eine alte Frau, die gut und gerne Darks Oma sein konnte. Diesmal würde er nicht tatenlos zusehen, wie ein Menschenleben gewaltsam von einem Monster beendet wurde. Von einer Sekunde auf die andere wechselte sich die Welt. Es war alles still und dunkel. Eisige Kälte durchdrang ihn bis ins Mark seiner Seele. Er war in einen sehr engen Raum, er musste sich ganz klein machen, um überhaupt hineinzupassen. Baals hämisches Gelächter hallte ab und zu wie ein Echo umher und unterbrach die Stille. So plötzlich, wie sich die Umgebung verändert hatte, fand Dark sich bei dem Restaurant wieder. Kopfschüttend vertrieb er die Illusion, die der Dämon ihm geschickt hatte. Oder war es vielleicht ein Blick in seine Zukunft gewesen? Er vertrieb den Gedanken und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Mit einem Lächeln sah Dark, wie sich der Dämon in Richtung Toilette bewegte. Die Sicht auf Dark wurde durch einen vorbeifahrenden LKW unterbrochen. Als die Sicht wieder frei war, war Dark spurlos verschwunden.
Inzwischen beherrschte Dark die Dämonenkräfte einigermaßen. Jedenfalls gut genug, um vor dem Dämon die Toilette zu erreichen und seine Verletzungen zu heilen. Dark ließ sich nicht von der Großvater-Erscheinung seines Gegners täuschen. Er wusste, dass dies ein hinterhältiges, böses Monstrum war, dass es zu töten galt. Dark tat so, als ob er sich mit Papiertüchern die Hände abtrocknen würde, als sein Gegner hereinkam.
»Du braust dir keine Mühe zugeben. Ich weiß, wer du bist«, sagte der Großvater.
»Huch!«, staunte Baal. »Eine überraschende Wendung der Ereignisse.«
»Du bist der, den sie den Monsterschlächter nennen. Du bist jünger, als ich dachte«, fuhr das Wesen ruhig fort.
Dark wusste, dass die Monster ihm diesen Namen gegeben hatten. Oftmals war es das Letzte, was sie auf dieser Welt sagten. »Willst du mich nicht angreifen?«, fragte Dark kühl, um seine Verunsicherung zu überspielen.
Der Dämon schüttelte den Kopf. »Ich bin zu schwach, um dich aufzuhalten. Ich bin hierher gegangen, damit du dich zeigst. Ich wusste von Anfang an, dass du mich gefunden hast. Aber bevor ich sterbe, möchte ich dich um etwas bitten.« Er legte eine Pause ein, um Dark die Möglichkeit für eine Erwiderung zugeben. Aber dieser blieb stumm. »Ich bin mit einem Zweiten auf diese Welt gesandt worden, um unseren gebannten Meister zu befreien. Aber ich habe mich in diese Frau, die du gesehen hast, verliebt. Sie versteht mich und ich liebe sie. Sollte mein Meister jedoch wieder in diese Welt gelangen, würde sie sterben. Er würde die ganze Stadt in Schutt und Asche legen. Darum bitte ich dich, meinen Meister aufzuhalten, ich bin zu schwach, um es selber zu tun.« Er wartete auf Darks Antwort.
»Er lügt!«, brüllte Baal sofort los. »Dämonen können weder lieben noch weinen. Er lügt!!!«, fügte er noch energisch hinzu.
Dark kam nach einigen Nachdenken auf dasselbe Ergebnis. Er stürzte sich auf den Dämon und enthauptete ihn mit seiner rechten Handkante. Der Kopf rollte über den. Der Mann hatte keinen Tropfen Blut verloren. Da sah man mal wieder, wie unterschiedlich die Kreaturen der Hölle doch waren. Plötzlich bewegte sich der Körper. Der Zeigefinger berührte sacht Darks Stirn. Vor seinem geistigen Auge sah er eine Kirche. Nachdem sie in vielen verschiedenen Blickwinkeln gezeigt worden war, ging es in einem rasenden Tempo weg. Über Straßen, Ampel und Baustellen bis zum Restaurant, von da in die Herrentoilette, in der Dark war, dann verschwand das Bild.
»Halte ihn auf. Ich weiß, dass du es als Einzigster schaffen kannst«, ächzte der Kopf, bevor der letzte Lebensfunke erlosch.
Dark hörte Schritte. Sein geschultes Gehöhr sagte ihm, dass es ein Mann war. Panik stieg in ihm auf. Er blickte sich um. Ein Fenster! Etwas zu klein, aber es würde dennoch reichen. Also quälte er sich ins Freie. Es war gerade noch rechtzeitig, denn ein Männerschrei durchstieß die Nacht. Dark rannte panisch davon.
Obwohl ihn keiner außer Dark hörte, konnte sich Baal den Kommentar mal wieder nicht verkneifen. »Du schreist wie ein Mädchen«, spottete er.

Fortsetzung folgt …

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