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Stories

Elfnapping

Ein Fantasy-Road-Trip von Sven Später

Auf der Waldlichtung bildeten sechs Großwölfe einen Halbkreis und fletschten gierig ihre Reißzähne. Speichel tropfte auf trockenes Laub und das gesträubte Fell der Kreaturen ließ eines deutlich erkennen: Sie würden jeden Augenblick zum Angriff übergehen.
Tuurg versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Nur mit einem Jagdmesser bewaffnet wusste er einfach nicht, wie diese Bestien zu bezwingen waren. Er gehörte zu den Kriegern, die im Clan recht hohes Ansehen genossen, die sich schon in etlichen Kämpfen bewährt hatten, trotz ihrer Jugend. Doch hier stand er einer Übermacht entgegen. Mit üblichen Schlachten hatte diese Situation nichts gemein.
»Verdammt, tu endlich etwas«, zischte der junge Ork zu einem Elfenmädchen, das dicht hinter ihm stand und ihn bösartig anfunkelte.
»Ach, hat der große Krieger etwa die Hosen voll?«, gab sie ihm zur Antwort und konnte ein gemeines Kichern nicht unterdrücken. Sie genoss es, ihn vor Angst zittern zu sehen. Dabei vergaß sie ganz, in welcher Gefahr sich beide befanden. Mit knirschenden Zähnen erinnerte Tuurg die Elfe gerne daran: »Hör zu, wenn die loslegen, bleibt von dir genauso viel übrig, wie von mir - ein paar blanke Knochen in einem fremden Wald. An deiner Stelle würde ich mich daran beteiligen, wie wir aus dieser Lage wieder herauskommen.«
Mynia schnaubte voller Verachtung und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Orks waren dumm, sie wussten nicht einmal, wie man einen Wald durchqueren konnte, ohne gefressen zu werden. Vielleicht sollte sie einfach abwarten, bis sich die Wölfe auf ihn stürzten und dann die Flucht ergreifen. Andererseits bestand aber auch die Möglichkeit, dass sich die Tiere nicht mit einem großen Brocken wie diesem Grünling zufriedengaben.
»Darf ich dich daran erinnern, dass ich deine Geisel bin? Wie sähe es denn aus, wenn sich der wilde Entführer von einem Elfenmädchen helfen ließe?«
»Keine Bange«, meinte Tuurg, während er versuchte, jeden einzelnen Wolf irgendwie im Auge zu behalten. Noch schien ihnen die Lage nicht ganz zu passen, sonst hätten sich die Biester bereits in Bewegung gesetzt. »Ich vergesse bestimmt nicht, dass du meine Geisel bist. Übrigens die schlechteste Geisel, die man sich vorstellen kann. Wer ist denn so dämlich und wirft eine gute Kriegsaxt in eine Schlucht, statt damit auf den Entführer einzuschlagen?«
»Und wer ist so dämlich und schläft neben seiner Geisel ein, die nicht einmal fachmännisch gefesselt wurde?«
»Und wer ist so dämlich und nutzt nicht die Gelegenheit, die sich einem zur Flucht bietet?«
»Und wer ist so ...«, mehr konnte die Elfe nicht mehr entgegnen, denn der kleine Streit zwischen ihr und dem Ork hatte die Wölfe zuerst ein wenig verwirrt und dann noch wütender gemacht. Sie kamen näher, unaufhaltsam. Bald würden sie springen und ihre Zähne an frischem Fleisch ausprobieren. Nun kamen Mynia einige Zweifel, ob sie wirklich so eng mit der Natur verbunden war, dass ihr Tiere des Waldes nichts anhaben würden.
Leise stimmte die Elfe einen eigenartigen Gesang an, bei dem sich ihre Stimme in stetigem Rhythmus sanft anhob und wieder senkte. Als er die eigentümlichen Laute hörte, konnte Tuurg ein ungläubiges Schielen über die Schulter nicht verhindern, Wölfe hin oder her.
Um die Wölfe nicht noch mehr zu reizen, flüsterte er vorsichtig: »Was, bei allen Göttern, tust du da? Ich glaube nicht, dass sie sich in den Schlaf singen lassen.«
»Tölpel, du sollst mich nicht unterbrechen. Ich singe das Lied des zahmen Wolfes, damit sie ihren Hunger vergessen.« Sie reckte ein wenig das Kinn nach vorne, um die Wichtigkeit ihrer Rede zu untermauern. »Das habe ich schon oft gemacht, wenn ich allein im Wald spazieren ging. Es beruhigt sie.«
»Nun, vielleicht klappt das ja bei normalen Wölfen, aber diese Monster wurden vor langer Zeit von einem Zauberer erschaffen und haben sich seitdem einfach vermehrt.«
»Oh«, antwortete Mynia etwas verlegen. Sie gab es nicht offen zu, aber der Einwand des Orks war nicht von der Hand zu weisen. Auf diese Art von Gesang reagierten nur die üblichen Wildtiere, Zauberwesen waren dagegen immun. Die Elfe musste sich der Realität stellen, sie und der Ork schwebten in höchster Gefahr. Den Monstern würde es gleichgültig sein, dass Mynia einem Volk angehörte, das die Natur nicht nur behütete, sondern mit ihr auch im Einklang lebte.
Konzentration, dachte Mynia. Die Hohepriesterin hatte immer und immer wieder betont, wie wichtig Konzentration bei Zauberanwendungen war. Wer sich nicht konzentrierte, wer sich ablenken ließ, riskierte schlimme Fehler. Magie verzieh einem aber keinen einzigen Fehler. Was ausgesprochen, was gewirkt war, ließ sich nicht rückgängig machen.
Irgendwo in ihrem Geist musste es eine Zauberformel geben, mit der sie zumindest sich selbst aus der bedrohlichen Lage retten konnte. Sollte doch dieser Ork zerfetzt werden, immerhin hatte er sie entführt und die Elfe nicht gerade ihrem Stand entsprechend behandelt. Gut, Mynia musste weder Hunger, noch Durst leiden, trotzdem war es eine Unverschämtheit gewesen, eine so bedeutende Novizin einfach zu verschleppen. Auf gemeinste Art, während sie im Wald hinter dem Tempel Blumen gepflückt hatte. Eine Schande.
»Elfe«, zischte Tuurg, »es wird Zeit. Mit einem Messer ist den Biestern nicht beizukommen. Du musst einen Zauber einsetzen. Verdammt, ich gebe ja zu, dass ich mir beinahe in die Hosen mache.«
»Das dürfte den anderen Gestank, den du sowieso verströmst, wohl teilweise überdecken«, feixte das junge Mädchen und forschte weiter in ihren Erinnerungen. Wie war das mit Zauberwesen? Welcher Spruch machte sie unschädlich oder konnte solche Bestien für eine gewisse Zeit lähmen? Mynia wusste, dass die Hohepriesterin ihr und den anderen Schülern Schutz- und Angriffssprüche für alle möglichen Gelegenheiten beigebracht hatte.
Einer der Wölfe schnappte nach Tuurg, war jedoch noch zu weit entfernt, um ihn wirklich erreichen zu können. Es war eine Geste der Warnung, ein Zeichen der baldigen Attacke. Dennoch zeigte das Zerbeißen der Luft seine Wirkung, denn der Ork stieß einen kurzen, hohen Schrei aus und wich einen Schritt weiter zurück. Dabei stieß Tuurg gegen Mynia, die sich schimpfend beschwerte.
Nein, dieses Gejammere, er hatte es dermaßen satt. Unter all den potenziellen Zielen hatte er sich eine Zicke aussuchen müssen, eine hochnäsige, plappernde, keifende Göre. Sie war die Tochter eines Elfenfürsten, eine überaus wertvolle Fracht, doch rechtfertigte das den Aufwand, den er mit ihr hatte? Geschweige denn die nervliche Belastung. Verzogenes Balg.
»Elfe, ich sage dir … wenn wir das hier überleben, rasiere ich dir den Schädel und prügele dich windelweich.«
Mynia zeigte ihm einen Vogel, den Tuurg jedoch nicht sah, da die Wölfe seine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchten. Also sagte sie verächtlich: »Also diese Aussichten taugen nicht unbedingt dazu, mich zu motivieren. Warum müsst ihr Orks immer so brutal und ungehobelt sein? Habt ihr Grünlinge denn überhaupt keinen Anstand?«
»Wir Grünlinge sind eben so, wie wir sind. Außerdem: Was weißt du schon über uns? Ihr arroganten Elfen haltet euch doch für die tollsten Lebewesen der Welt. Alle anderen sind doch in euren Augen nur Barbaren. Wir erlangen Ehre durch unsere Taten, wir sind Krieger. Selbst unsere Schamanen wissen ordentlich auszuteilen.«
Ohne auf Tuurgs Gerede weiter einzugehen, richtete Mynia ihren Fokus lieber wieder auf das Finden eines geeigneten Zauberspruchs. Langsam schlichten die Wölfe näher, wurden sich ihrer Sache immer sicherer, dass ihre Beute nicht mehr entwischen konnte.
Mit einem Mal hob die junge Elfe ihre Arme himmelwärts, sprach eigenartige Worte und vollführte danach langsame Gesten. Blitze zuckten aus Mynias Fingerspitzen hervor, grüne und gelbe Lichtstrahlen, die zu den Baumkronen schossen. Der Ork wagte nur einen kurzen Blick nach oben, denn wenn er die Wölfe nicht mehr beachtete, würden sie sofort angreifen. So sondierten sie die Lage noch einige Sekunden länger.
Ein Funkenregen fiel herab, traf das Fell des ersten Wolfs, der das aber nicht zu bemerken schien. Erst glaubte Tuurg, der Zauber wäre fehlgeschlagen, doch dann kam die Veränderung. Die Funken, die den ersten Wolf erwischt hatten, sprangen auf die anderen über. Nun blieben die Tiere stehen und schauten einander an. Schließlich bewegten sie sich aufeinander zu. Nicht freiwillig, es war eine unsichtbare Macht, die alle einfach zusammenschob. Natürlich wehrten sie sich gegen diesen Zwang, knurrten und schnappten mit ihren scharfen Fängen nach allen Seiten, wollten den körperlosen Feind vernichten. Vergebens.

Bald standen die Bestien Schulter an Schulter und glotzten ungläubig. Die Bewegung hörte nicht auf, immer enger und enger quetschten sie sich aneinander, bis die Ersten zu Jaulen begannen.
»Bei den Göttern«, keuchte der Ork. »Du hättest sie doch einfach töten können. Wieso musst du sie denn so quälen? Und da heißt es, wir Orks seien Barbaren.«
Ein Vorwurf, der von Mynia überhört wurde, denn sie wusste selbst nicht genau, was da passierte. Sie hatte einfach den ersten Spruch ausprobiert, der ihr in den Sinn gekommen war und irgendetwas mit magischen Wesen zu tun hatte. Was genau das war, wusste sie nicht mehr zu sagen. Ihr blieb nichts anderes als das Schauspiel machtlos mitanzusehen.
Bald würde es zu einem Desaster kommen, das selbst für den gestählten Magen eines Orks zu viel war. Wurden die Tiere noch weiter zusammengedrückt, zerquetschten sie sich gegenseitig. Eine scheußliche Vorstellung. Mit zusammengekniffenen Augen wartete Tuurg auf das Bersten von Knochen, das Geräusch zerplatzenden Fleisches. Doch nichts dergleichen geschah. Vielmehr verschmolzen die Wölfe, wurden zu einem einzigen Wesen. Sechs Köpfe, von denen jedes Haupt über eine Reihe gigantischer Reißzähne verfügte, fixierten Tuurg und Mynia. Sechs Köpfe, von denen jeder einzelne fressen wollte.
»Oh … Götter ...«, stieß Tuurg hervor.
Das Keuchen des jungen Orks riss Mynia aus ihrer Starre, denn sie hatte nichts anderes tun können als ihr Werk fasziniert anzustarren. Sie packte Tuurg an der Schulter, ohne ihre Augen von dem Ungetüm zu lassen. Trotz der Abscheu, die sie für den grässlichen Barbaren mit seiner grünen Haut, den viel zu großen Ohren und diesen ekelhaften Hauern im Unterkiefer empfand, kam Mynia nicht umhin, sich bei direktem Körperkontakt ein wenig sicherer zu fühlen. Wäre er doch nur einer dieser stattlichen Elfenkrieger. Einer dieser galanten Streiter für Recht und Ordnung, die wussten, wie man eine junge Frau aus gutem Hause zu behandeln hatte. All diese Helden würden das Ungetüm mit bloßen Händen töten, das hatte sie oft genug in den Liedern der Barden gehört.
Dichtung mochte vielleicht zum Teil an den Haaren herbeigezogen sein, aber sie selbst hatte die Tapferen schon gesehen, sich mit Zweien unterhalten können. Und all ihre Geschichten, wie sie Drachen erschlagen und Prinzessinnen gerettet hatten, waren wahr gewesen. Aus welchem Grund sollten Helden lügen? Immerhin gehörten sie zu den Wächtern der Ordnung, die alles Böse auf der Welt ausmerzen wollten.
Doch ihr zur Seite stand kein Held. Nein, die Elfe war einem stinkenden Ork ausgeliefert, der sie einfach gefangengenommen hatte. Ein Raufbold ohne Verstand, dessen einziges Interesse darin bestand, durch Mynia einen Batzen Lösegeld zu erpressen.
Oh, Götter, wie grausam ist doch euer Spiel.
Ihre Gedanken wurden erhört, denn die Verwandlung war abgeschlossen und vor Mynia und Tuurg richtete sich ein alptraumhaftes Monster auf, wobei es mit wilden Prankenhieben einige der umstehenden Bäume entwurzelte. Hass und Blutgier funkelten in zwölf Augen, aus sechs Mäulern drang ein ohrenbetäubendes Geheul.
Zitternd packte die Elfe fester zu, krallte sich in die muskulöse Orkschulter und ächzte: »Was sollen wir nun ...«
»Lauf!«, schrie Tuurg, bevor die junge Elfe ihre Frage beenden konnte. Er schnappte das Mädchen am Handgelenk und hielt auf den tieferen Teil des Waldes zu. Dort standen die Bäume dicht an dicht, dort gab es hohe Büsche, die vielleicht dazu taugten, die Bestie aufzuhalten. Ohne Widerspruch hielt Mynia mit ihrem Entführer Schritt. Sie achtete nicht auf ihr Gewand, das immer mehr in Mitleidenschaft gezogen wurde und bald nur noch aus Fetzen bestand. Auch die Kratzer an Armen und Beinen interessierten sie recht wenig. Alles, an was sie denken konnte, waren die Zähne der Wolfsbestie, die sich in ihr Fleisch schlagen würden, sollte sie auch nur eine Sekunde zögerte.
Während die beiden durch den Wald hetzten, folgte ihnen ein wütendes und äußerst hungriges Wesen, das sich von Bäumen nicht aufhalten ließ. Stand etwas im Weg, wurde es einfach zur Seite geschlagen oder niedergewalzt. Unaufhaltsam jagte die Bestie hinter ihrer Beute her. Eine neue Plage, erweckt von der viel zu unerfahrenen Priesterin, die sich an verbotenen Sprüchen probiert hatte.
»Wir … wir schaffen … es nicht ...«
Tuurgs Keuchen wurde von den Lauten der Bestie erstickt. Ork und Elfe wollten sich nicht umdrehen, sie mussten sich nicht von dem Grauen überzeugen, das nach ihnen gierte. Jetzt zählte nur der Weg nach vorne. Wilde Haken schlagend führte Tuurg seine Gefangene durch das Unterholz. Er täuschte vor, rannte dann plötzlich in die andere Richtung, zwängte sich durch enge Baumlücken und stellte an den näher kommenden Geräuschen fest, dass nichts dieses Biest aufhielt.
Plötzlich bremste Tuurg mit einem Mal so sehr ab, dass er fast augenblicklich zum Stehen kam. Mynia prallte hart gegen ihn, brachte den Ork ins Wanken. Dann sah sie, warum es mit dem Lauf so abrupt zuende gegangen war. Vor ihnen gähnte ein Abgrund und weit unten schlängelte sich ein breiter Fluss durchs Tal. Das Monster hatte sich in einem Gewirr von Zweigen, Gebüsch und umgestoßenen Bäumen verfangen, aber es würde nicht lange dauern, bis es sich wieder befreit hatte.
Mit ernstem Blick sah Tuurg seine Geißel an und meinte: »Wir müssen springen.«
Langsam trat Mynia zur Felskante, schaute hinab. Einen Atemzug später schüttelte sie energisch den Kopf: »Nie und nimmer werde ich springen, du dämlicher Grünling. Ich will noch nicht sterben.«
»Wenn wir bleiben, frisst uns dein Ungeheuer. Springen wir, gibt es eine Chance, das alles doch noch zu überstehen. Es ist ganz einfach: Bleiben und sicher sterben oder einen Sprung wagen und die sich bietende Gelegenheit nutzen. Unsere einzige und letzte Gelegenheit.«
Mynia wollte dagegen protestieren, doch sie brauchte ihre Atemluft für nützlichere Dinge, wie den gellenden Schrei, den sie ausstieß, als sie plötzlich keinen festen Grund mehr unter ihren Füßen spürte. Tief in ihrem Innern gab die junge Elfe jede Hoffnung auf. Sie machte sich auf den Schmerz gefasst, wenn ihr zarter Körper auf den scharfkantigen Felsen zerschmetterte. Niemals würde man ihre Leiche finden und sie im Birkenhain bestatten, der Ruhestatt der Ahnen. Ihre Seele wäre für immer dazu verdammt, ziellos durch die Wälder zu streifen.

Der Aufprall war hart, aber längst nicht so heftig, wie ihn Mynia sich vorgestellt hatte. Eisige Kälte umschloss ihren Körper und für eine Sekunde dachte sie, der Tod hätte nun sie und ihren Entführer ereilt, denn die Elfe spürte noch immer Tuurgs festen Griff.
Erst als ihr Kopf das kalte Nass durchstieß und sich die Lungen gierig mit Luft füllten, erkannte Mynia die Wahrheit. Sie war nicht tot, sondern befand sich in dem Fluss, den sie von der Felskante aus in der Tiefe gesehen hatte.
Tuurg steuerte mit dem freien Arm auf das nächste Ufer zu. Er war ein exzellenter Schwimmer, das musste Mynia zugeben. Orks hatten keine Manieren, sie waren dumm und ohne Erziehung, aber sie waren auch stark und offensichtlich in manchen Dingen geschickt.
Obschon die Elfe durch das aufspritzende Wasser nicht viel erkennen konnte, wollte sie wissen, ob auch das Ungeheuer den Sprung gewagt hatte. Wenn ja, wäre ihr beider Schicksal endgültig besiegelt.
Über die Felskante glotzte das Monster nicht, aber genau das wäre die natürliche Reaktion gewesen. Also musste das Biest irgendwo anders stecken. Aber wo?
Mynia wurde nervös, suchte den Fluss und das Ufer ab, sah aber keinen sechsköpfigen Wolf. Dieses Biest konnte nicht einfach verschwunden sein.
Dann sah sie zwei Wolfskadaver, die an ihr und dem Ork vorbeitrieben. Als beide endlich das Ufer erreichten, konnte Mynia die anderen toten Leiber ausmachen. Einer hatte sich an einem Felsen verfangen und die Strömung riss an seinen Gliedmaßen. Also war die Bestie gesprungen und zu Tode gekommen. Das hatte wohl auch den Zauber gelöst.
Schwer atmend hockte Tuurg auf dem steinigen Ufer und bedachte seine Geisel mit eigenartigen Blicken. Auch die Elfe war sehr mitgenommen und erschöpft. Ihr schönes Gewand war völlig ruiniert, das Haar hing in klatschnassen Strähnen bis auf den Boden und von der Anmut einer angehenden Priesterin konnte Mynia nur noch träumen. Sie könnte jetzt versuchen, ihrem Entführer zu entkommen, aber wo sollte sie hin? In diesen Wäldern kannte sich die Novizin nicht aus. Wie sollte sie auch, nachdem sie …
»Wo sind wir?«, fragte Tuurg, als ob er Mynias Gedanken gelesen hätte.
Die Elfe schloss ihre Augen und machte ein gleichgültiges Gesicht: »Woher soll ich das wissen? Du bist doch der große Fährtensucher.«
Damit lag das Mädchen zwar nicht falsch, aber seine Kenntnisse halfen Tuurg nichts, wenn er nicht mehr dort war, wo er hingehörte und seit Mynia versucht hatte, mit einem Zauber zu fliehen, waren beide in ein unbekanntes Waldgebiet teleportiert worden. Hier gab es unbekannte Pflanzen und Großwölfe, die im Grunde schon vor langer Zeit ausgerottet worden waren. Allein die Götter mochten wissen, was sich in diesem Land alles tummelte und ihnen ans Leder wollte.
Tuurg verzichtete darauf, die Elfe an ihre miserablen Zauberkünste zu erinnern, die sie bereits zweimal zum Besten gegeben hatte. Doch ganz gleich, wo sich dieses seltsame Land befand, es musste einen Weg zurück geben. Wenn nicht auf magische Weise - und auf die konnte Tuurg gut verzichten, wenn Mynia das selbst bewerkstelligen wollte -, dann eben auf die herkömmliche Weise: wandern.
Es sei denn, der Elfenzauber hatte sie in eine gänzlich andere Welt katapultiert.
Daran mochte Tuurg vorerst nicht denken. Immerhin gab es neben all den unbekannten Gewächsen auch noch den Himmel und die Sterne. Das alles hatte sich nicht verändert. Drei Monde, die Sternzeichen - alles war noch da. Also befanden sie sich womöglich nur in einem Winkel der Welt, den Tuurg bisher nicht kennengelernt hatte. Weder persönlich noch durch die äußerst detaillierten Landschaftsbeschreibungen der Wanderorks.
Einige Male atmete der Ork tief durch, erhob sich und stieg die niedrige Böschung hinauf zum Waldrand. Mynia war ebenfalls aufgestanden, blieb jedoch an Ort und Stelle stehen.
»He, was ist mit mir?«
Tuurg, der schon fast die erste Baumreihe erreicht hatte, drehte sich um und meinte: »Was soll sein? Du taugst nicht als Geisel, ich gebe ganz einfach auf. Sieh zu, wie du wieder nach Hause kommst, oder verrotte hier. Mir egal.«
»Du kannst mich nicht zurücklassen. Ohne meine Zauberkraft hätten uns die Wölfe zerrissen.«
Diese Worte genügten, um das Blut des Orks vor Zorn kochen zu lassen. Er funkelte die Elfe an und seine Stimme war ein hasserfülltes Zischen: »Ohne deine Zauberkraft … ohne diesen enormen Pfusch wäre ich überhaupt nicht hier, ohne dich wäre ich den Wölfen nie begegnet, ohne dich hätte ich nicht vor einem Ungeheuer fliehen müssen, das es überhaupt hätte geben dürfen. Meine Güte, da wäre ich ja besser dran, hätte ich eine Zwergenfrau verschleppt.«
»Die können nicht einmal zaubern«, entgegnete Mynia beleidigt.
»Nun«, meinte Tuurg und schaute die Elfe sehr finster an, »dann habt ihr ja etwas gemeinsam.«
Mehr hatte er nicht zu sagen. Er setzte seinen Weg einfach fort und verschwand zwischen den Bäumen. Mynia, die sich tief gekränkt fühlte, blieb keine Wahl als dem Ork einfach zu folgen. Allein konnte sie sich unmöglich durchschlagen. Zudem keine Ahnung von der Jagd und Feuerkristalle trug sie ebenfalls nicht bei sich. Die Aussicht, einige Nächte in völliger Dunkelheit und dazu in einem fremden Wald verbringen zu müssen, ohne Essen, ohne Feuer, ließ ihr die Gesellschaft ihres Entführers als das weitaus geringere Übel erscheinen.

Nach einem schweigsamen Marsch traten beide wieder aus dem Waldstück heraus und fanden sich auf einem sanft abfallenden Hügel wieder. So weit das Auge reichte erstreckten sich Wiesen, einzelne Baumgruppen und … tatsächlich, im Tal schien es eine Straße zu geben. Straßen bedeuteten das Vorhandensein einer Zivilisation und das wiederum hieß, dass man ihnen womöglich helfen konnte.
Mynia wusste nicht, wie die hiesigen Leute auf einen Ork reagieren würden, da sie überall einen äußerst schlechten Ruf genossen und als böse angesehen wurden, aber Elfen wurden in aller Regel immer wieder freundlich empfangen. Man schätzte ihre zurückhaltende und höfliche Art, die Weisheit, die elfischen Handelswaren.
Gerne wäre sie den Hügel hinunter gerannt und der Straße einfach zu einer Stadt gefolgt, doch Tuurg hielt sie am Oberarm fest und deutete nach Westen.
Eine kleine Gruppe von Leuten wanderte dort, soviel konnte Mynia erkennen. Sie wusste nicht, warum der Ork sie aufhielt, vermutete jedoch, dass er sich wieder dazu entschlossen hatte, seine Geisel zu behalten.
»Wenn du mich nicht loslässt, werde ich schreien. Du bist unbewaffnet und könntest nichts dagegen ausrichten, wenn mir diese Fremden zu Hilfe eilen würden.«
»Sei nicht dumm«, flüsterte Tuurg. »Wir wissen nicht, wo wir uns befinden. Wir Orks haben nicht viele Freunde in der Welt, aber ich kann dir sagen, dass auch Elfen nicht überall geachtet werden.«
Sollte er doch erzählen, was er wollte. In der kleinen Truppe sah Mynia eine Chance, aus ihrer Lage befreit zu werden. Zu Hause machten sich gewiss alle möglichen Leute Sorgen um die junge Elfe. Sie musste zurück und wollte ganz bestimmt nicht noch weiter in der Gefangenschaft eines Orks verbringen. Hastig schüttelte Mynia Tuurgs Hand ab, der das ohne Weiteres zuließ, und rannte winkend und rufend den Hügel talwärts.
Sofort blieben die Leute stehen und starrten dem Mädchen entgegen, das da auf sie zurannte. Sie schauten einander an, grinsten und wäre die Elfe nahe genug gewesen, hätte sie das garstige Funkeln in den Augen der Fremden erkannt.
Zu spät bemerkte Mynia, dass die schmutzigen und in Lumpen gehüllten Männer längst nicht mehr so vertrauenswürdig wirkten, als es aus der Ferne den Anschein gehabt hatte. Jetzt umzukehren war ausgeschlossen. Ihre lüsternen Blicke verstärkten den Zweifel an der Rechtschaffenheit der kleinen Gruppe und so blieb der Elfe nur anzuhalten und verloren zu wirken. Das brachte nichts, war aber alles, was ihr gerade einfiel. Ein Zauber wäre zu anstrengend gewesen, denn dazu brauchte sie eine gewisse Ruhe. Tuurgs Gegenwart bei der Sache mit den Wölfen hatte ihr etwas Ruhe beschert, die Dimensionskugel für Teleportreisen hatte sie herbeigerufen, während der Ork geschlafen hatte. Nun gab es nichts, das die Gefahr im Zaum halten konnte.
Mynia konnte nicht einfach weglaufen und darauf hoffen, den Kerlen zu entwischen. Sie war schlank, aber unsportlich und nicht an das Leben eines Waldläufers gewöhnt. Im Tempel oder im Palast gab es keinen Grund, wie von Sinnen zu rennen. Dort verlief das Leben ruhig. Wachen schützten vor Eindringlingen, Zauber verhinderten … apropos Wachen und Zauber. Wo war all das gewesen als Tuurg sie entführt hatte?
»Männer, die Götter sind uns hold«, rief einer der Zerlumpten lachend aus und präsentierte dabei mehrere Zahnlücken. »Eine Gespielin für die Nacht und danach gibt sie einen guten Braten ab.«
Die anderen stimmten in das laute Lachen mit ein und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, dass der Staub nur so davonstob. Zwei trugen Messer an ihren Gürteln, die anderen hatten einfache Knüppel bei sich. Plumpe Waffen, doch äußerst effektiv. Nur ein einziges Mal hatte Mynia kämpfen müssen, gegen eine Mitschülerin, die sich unflätig über Mynias edle Herkunft geäußert hatte. Nach heftigem Haareraufen und unbeholfenen Schlägen, die größtenteils daneben gegangen waren, war alles vorüber gewesen. Die andere hatte nachgegeben.
Mit roher Gewalt kam sie nicht weiter. Ihr Vorteil bestand allein in der Schulung als Priesterin des Waldes, die sie gelehrt hatte, Streitigkeiten mit Worten beizulegen und keine Angst zu zeigen. Ein tiefer Atemzug füllte Mynias Lungen, alles wurde klarer: die Situation, die Bedrohung, die Möglichkeiten. Sie stellte sich gerade hin, reckte wieder ihr Kinn nach vorne und bedachte die Männer mit einem strengen Blick. Dann hob sie die linke Hand und gebot so Einhalt. Tatsächlich kamen die Fremden nicht näher heran.
Noch einmal holte Mynia Luft und sprach mit fester Stimme: »Ihr armen, fehlgeleiteten Kinder. Spricht man in eurem Land so mit einer Priesterin des Waldes? Ist das der gebührende Respekt, den ihr Elfen entgegenbringen solltet? Schämt euch und zieht eurer Wege, dann werde ich bei den Göttern ein gutes Wort für euch einlegen. Nun geht, sonst ...«
»Sonst was?«, fauchte einer der Männer und zückte sein Messer. »Willst du uns verhexen und damit den Zorn des Großen Banuu auf dich ziehen? Dazu fehlt dir der Mut, Elfe. Euresgleichen wird hier seit Jahrhunderten nicht geduldet, ihr Elfen seid nichts weiter als Wild, das eine Festtafel bereichert.«
Banuu? Wer sollte das sein? Mynia hatte diesen Namen nie zuvor gehört und auch ein Land, in dem Elfen unerwünscht waren und offenbar sogar gefressen wurden, wurde von wandernden Barden nie erwähnt. Der Teleport musste sie in den äußersten Winkel der Welt geführt haben. Man verstand ihre Sprache, also konnte sie nicht einmal auf einem anderen Kontinent gelandet sein.
Sollte sie die Männer nicht überzeugen können, würden diese Fragen für immer unbeantwortet bleiben. Dann landete sie in den Mägen irgendwelcher Halunken, die unzivilisierter als jeder Ork waren.
»Hört, ich will keinen Streit«, sagte die Elfe. »Lasst mich einfach auf der Straße entlangwandern und ...«
Mynias Worte wurden jäh unterbrochen. Dieses Mal von einem, der seine mit Stacheln versehene Keule spielerisch von einer Hand in die andere warf: »DIESE Straße gehört unserem Anführer. Wenn du uns etwas Wegzoll zahlst, werden wir dich vielleicht ziehen lassen, du Tier. Aber nur vielleicht. Zudem bist du eine freilaufende Elfe, also Jagdwild. Sieht dich ein Jäger oder triffst du auf Soldaten, machen die kurzen Prozess. Schlimm genug, dass du redest und feinen Stoff am Leib trägst. Hast wohl ein unschuldiges Ding ermordet und geglaubt, mit deren Kleidern wärst du mehr als ein Tier.«
Tier! Niemals hatte man Mynia als Tier bezeichnet. Was war nur los mit diesen Leuten? Kannten weder Anstand, noch … nein, natürlich nicht, kam ihr in den Sinn. Sie alle sahen aus wie Räuber und der Kerl hatte von einem Anführer gesprochen. Also war sie tatsächlich einer Bande Gesetzloser über den Weg gelaufen. Diese Hunde kannten keine Regeln. Wie dumm sie doch gewesen war, die Männer für Bauern zu halten.

Das behütete Leben hatte seine Nachteile, denn man verlor oft den Blick für all das, was sich jenseits der Schutzmauern abspielte. Dort gab es keine Armut, die man zu Gesicht bekommen könnte. Es gab Geschichten darüber, die Ältesten unterhielten sich über die Situation der einfachsten Landbevölkerung und über Bettler, aber Mynia hatte niemals einen solchen wirklich gesehen. Da war es nicht ihre Schuld, dass sie Räuber nicht von Bauern unterscheiden konnte.
Langsam bewegte sich das Elfenmädchen rückwärts und hoffte, die Räuber würden es nicht bemerken. Wie es weitergehen sollte, wusste sie noch nicht. Wenn sie es nur bis zum Wald schaffte, dort konnte sie mit ihrem Gesang vielleicht einige Tiere zu Hilfe rufen. Hier, entfernt von den Bäumen, die mit allen Lebewesen des Waldes verbunden waren und durch die Mynia erst mit Tieren kommunizieren konnte, war nichts auszurichten. Nur die vollwertigen Priesterinnen und Meisterdruiden brauchten dafür keinen Baum in unmittelbarer Nähe.
Ihre letzte Hoffnung wurde jäh zerstört, als einer der Halunken mit zwei Sprüngen zu ihr kam, sich hinter Mynia begab und dem Elfenmädchen die Arme den Körper schlang.
»Holla, wir werden doch nicht etwa weglaufen wollen?«, hörte sie die raue Stimme nahe am Ohr. Viel zu nah, denn sein fauliger Atem drang in ihre empfindliche Nase und ließ sie husten. Wenn der Kerl nicht die Klappe hielt, würde sie sich übergeben müssen. So grauenvoll roch nicht einmal der Ork.
Wo war dieser Elfenverschlepper überhaupt? Warum beschützte er seinen wertvollen Fang nicht vor den Räubern? Feige Orkbrut, dachte sie. Können nur stehlen, entführen und hinterrücks angreifen. Ohne ihre riesenhaften Berserker und die halb verrückten Krieger wäre jede Schlacht für die Grünlinge von Anfang an verloren.
Ein Zischen, gleich darauf ein dumpfer Aufprall und etwas Warmes floss über Mynias Schulter. Um ihre Hüfte lockerte sich der Griff des Räubers, der langsam zu Boden sank. Erstaunt drehte sich die Elfe um. Da lag der Hund in seinem Blut. Ein Pfeil hatte sein Genick durchbohrt und ragte noch etwas aus dem Mund heraus. Nur etwas weiter, dann hätte das Geschoss auch Mynia erwischt.
»Verdammt, wo kam der Pfeil her?«, schrie einer der Räuber. Die anderen zogen fluchend ihre Waffen und starrten zum Waldrand. Auch Mynia blickte den Hügel empor.
Tuurg! Er war zurückgekehrt. Doch nicht allein das, bei sich trug er einen Langbogen, den er offensichtlich gut beherrschte.
Wieder suchte ein Pfeil sein Ziel. Ein weiterer Räuber brach tot zusammen, aber die übrigen hatten den Ork entdeckt und stürmten vorwärts. Ihnen war es gleich, dass er schoss, sie wurden von Wut und Blutdurst getrieben, die jedes Denken unmöglich machten.
Zwei der Halunken lagen tot im Gras, drei stürmten den Hügel hinauf, fehlte also noch einer. Warum der den anderen nicht beistand, erfuhr Mynia schneller als ihr lieb war. An ihrem Hals spürte sie die Spitze eines Messers.
»Ich weiß nicht, warum dich dieser edle Ork verschont hat, aber hier stimmt etwas nicht, das spüre ich. Jeder andere der Grünen hätte zuerst dich aus dem Weg geschafft und sich dann erst um uns gekümmert, aber dem dort oben scheinst du lebendig lieber zu sein. Du bleibst bei mir, verstanden?«
Edler Ork? Was faselte der Räuber über edle Orks und wieso waren in dieser Gegend offensichtlich Elfen derart verhasst? All das machte doch keinen Sinn.
Mynia rührte sich nicht, denn sie wusste, dass sie es nicht überleben würde. Statt dessen beobachtete sie, wie Tuurg den Bogen zur Seite schleuderte und nach einem Kriegsbeil griff, das er am Gürtel trug. Sie wusste nicht, wo er die Waffen herhatte, wünschte sich jedoch, dass ihr noch Gelegenheit gegeben würde, ihn danach zu fragen.
Mit wütendem Gebrüll stürzte sich der erste Räuber auf Tuurg und schwang dabei seine mit Stacheln besetzte Keule. Zu einem Schlag kam er nicht, denn der Ork spaltete ihm mit einer erstaunlich geschmeidigen Bewegung den Schädel. Auch die beiden anderen hielten den Hieben Tuurgs nicht lange Stand. Kaum hatten sie ihn erreicht, fielen sie unter dem Kampfgeschick eines ausgebildeten Kriegers.
So hatte Mynia ihren Entführer nicht eingeschätzt. In Wahrheit traute sie keinem der plumpen Orks mehr Können zu, als einfach nur stupide mit riesigen und schweren Waffen um sich zu schlagen. Nun musste sie erkennen, dass auch die Grünhäute ihre Krieger ausbildeten. Oder es lag daran, dass Tuurg eine Ausnahme war. Ob er sich die Bewegungen und Manöver heimlich angeeignet hatte, indem er andere Völker ausspionierte? Aber dann läge nicht diese Perfektion, diese Sicherheit in dem, was er tat.

Nachdem die Angreifer dahingerafft waren, marschierte Tuurg den Hügel hinunter.
»Halt«, schrie der Räuber, dessen Messerspitze noch immer Mynias Kehle kitzelte. »Hoher Ork, ich habe keinen Streit mit Euch. Hier, diese Elfe scheint Euch zu gehören, nehmt sie und lasst mich einfach gehen. Wir wussten nicht, dass Euch das Vieh gehört, sonst hätten wir doch ...«
Mehr konnte er nicht sagen, denn Tuurg hatte sein Beil blitzschnell erhoben und in Richtung des Räubers geschleudert. Röchelnd kippte der Schurke nach hinten, ohne der Elfe ein Haar krümmen zu können, in seinem Schädel steckte die scharfe Schneide.
Für Sekunden fühlte sich Mynia gerettet und frei, doch dann erkannte die Novizin, dass sie nur von einer Gefangenschaft in ihre ursprüngliche gelangt war. Trotz allem freute sie sich heimlich über die Rückkehr des Orks, der wortlos neben sie trat und das Beil wieder an sich nahm.
Er reinigte den Klinge an den Lumpen des Toten. Dann schaute Tuurg durch die Gegend, versuchte sich zu orientieren. Dabei vermied er es peinlich genau, Mynia auch nur aus den Augenwinkeln heraus anzublicken. Mit ihrem Verhalten hatte sie ihn gekränkt.
Sie war es, die das erste Wort sprach: »Danke.«
Nun wurde sie von Tuurg beachtet, der ihr einfach nur zunickte. Er nahm einen tiefen Atemzug, stieß ihn wieder aus und schloss die Augen: »Hör zu, ich könnte dich übers Knie legen für deine Dummheit. Wir wissen nicht, wo wir uns befinden und diese Typen sahen gleich nach Ärger aus. Ich bin lange genug auf Reisen gewesen, um das zu erkennen, du hast ein behütetes Leben verbracht. Also solltest du auf mich hören, wenn wir an diesem Ort überleben wollen. Wir müssen zusammenarbeiten und glaube nicht, dass mir das gefällt.«
»Du hättest mich beinahe mit deinem Pfeil getroffen«, schmollte Mynia.
»Nein, hätte ich nicht. Und warum? Weil ich es nicht wollte. Und auch das Beil war für dich keine Gefahr. Elfe, ich bin geübt im Umgang mit den verschiedensten Waffen. Ich bin ein Krieger, auch wenn dein Volk das nicht glauben will. Wir sind keine Idioten, weißt du? Wir leben nach unseren Regeln, haben Gesetze und unterrichten unsere jungen Orks. Nur verschließen du, deine gesamte Art und so viele der anderen Völker die Augen davor.«
Tuurg klang nicht beleidigt und wirkte auch nicht böse. In seiner Stimme lag Enttäuschung, vielleicht etwas Resignation. Streitereien brachten sie beide nicht weiter. Beide befanden sich in der Fremde, wussten nicht, wie sie zurück konnten oder ob es überhaupt einen Rückweg gab. Und dann war da diese Sache, die Tuurg keine Ruhe ließ. Orks wurden hier verehrt, man nannte sie edel. Das entsprach nicht der Realität. Waren sie am Ende in einem gigantischen Alptraum gefangen?
Er wollte nicht bleiben, ganz gleich, wie hoch Orks in diesem Land angesehen wurden. Sein Clan brauchte ihn … seine Mutter. Sie hatte nur noch ihn und war schon so alt. Niemand würde sich um sie kümmern, denn das war Sache der Familienmitglieder. Im Stamm fanden Alte keinen Platz, denn man konnte sie zu nichts mehr gebrauchen. Einzig Schamanen oder Beterinnen durften auch im hohen Alter sicher sein, von allen umsorgt zu werden. Andere, die allein waren, starben eben.
Plötzlich riss ihn Mynia aus seinen Gedanken, indem sie etwas von Helden faselte: »Ein echter, guter Ritter hätte mich nicht in diese Lage gebracht.«
»Erstens hast du uns hier reingeritten und zweitens … du spinnst dir etwas zusammen. Es gibt keine guten Ritter, so wie ihr behüteten Mädchen euch das vorstellt.«
»Oh, doch«, schnappte die Elfe, »die gibt es. Wahre Helden, edelmütig, unerschrocken, immer zu Diensten, wenn eine junge Frau in Not ist.«
Tuurg lachte, was Mynia erst richtig in Rage brachte.
»Am Hofe meines Vaters habe ich einige von ihnen persönlich kennengelernt. Gut gekleidet, mit vortrefflichen Manieren und nie müde, von ihren vielen Abenteuern zu erzählen. Recktor, der Gerechte. Miirk, der Strahlende. Nulas, der Lange - obwohl er gar nicht so groß wirkte.«
Wieder schüttelte sich der Ork vor Lachen. Dabei versuchte er zu reden, doch erst nach einer Weile gelang es ihm, sich zu beruhigen: »Die … die kenne ich ebenfalls. Recktor, der vor einigen Monaten gehängt wurde, weil er unzähligen adligen Töchtern die Heirat versprochen und sie auch gleich geschwängert hatte. Und dann dieser … dieser … Miirk. Ja … Miirk, der mit dem Sohn eines Grafen durchgebrannt ist und in Frauenkleidern aufgegriffen wurde.«
Bevor er seine Ausführungen beenden konnte, wurde Tuurg durch einen erneuten Lachanfall unterbrochen: »Nulas … Nulas … 'obwohl … obwohl er nicht … nicht so groß wirkte' … man nannte ihn … nannte ihn … auch aus … einem ganz anderen Grund … den Langen ...«
Mehr wollte die Elfe von den unglaublichen Lügengeschichten der Grünhaut gar nicht hören. Da stand er und zog die Helden durch den Schmutz. Dabei wusste doch jeder, dass Ritter nie und nimmer falsch lebten oder gar solche schändlichen Sachen trieben.

Nach einer weiteren kurzen Diskussion, welche Richtung sie einschlagen sollten und nachdem Tuurg die Elfe halbwegs davon überzeugen konnte, dass es besser für sie war, wenn er ihr einen Strick um die Taille band und sie wie ein Haustier führte, folgten beide der Straße nach Osten hin. Mynia beschimpfte ihn, beleidigte seine Art, seine Familie und wünschte ihm die Seuche an den Hals. Sie konnte verstehen, dass Tuurgs Plan, sie an der Leine zu führen, zum Teil der Tarnung diente, aber der Ork ließ die Novizin auch merken, wie viel Spaß er dabei hatte.
Leider hatten die Räuber nicht viel Brauchbares bei sich getragen. Ihr einziger Schatz waren wohl die im Wald verborgenen Truhen mit Waffen gewesen. Einige Münzen hatte Tuurg finden können. Besser als nichts. Für ein Nachtlager und eine üppige Mahlzeit würde es genügen. Fragte sich nur, wie weit die nächste größere Ortschaft entfernt lag, in der es hoffentlich ein Wirtshaus gab.
Unter der heißen Mittagssonne fiel das Wandern schwer. Rings herum gab es kleinere Waldstücke, die wiederum in einen großen Wald mündeten. Durchbrochen wurden die Baumreihen von großen, wild wachsenden Wiesen. In der Ferne entdeckte Tuurg Felder, also musste es in der Nähe Bauern geben. Oder es waren die Felder eines Fürsten, die oftmals weit verstreut lagen.
Nachdem sie eine weitere Stunde der Straße gefolgt waren, sahen sie ein ausladendes Gebäude. Vor dem Bauwerk standen Pferde, Kutschen und ein großes Schild, auf das irgendein mittelmäßiger Künstler einen Bierkrug gemalt hatte. Also handelte es sich tatsächlich um eine Handelsstraße, denn einige Wirte ließen sich gern an viel bereisten Routen nieder. Reisende waren eine sichere Einnahmequelle, denen man leicht das Geld aus den Taschen ziehen konnte.
Nicht allzu weit entfernt musste es somit auch eine größere Siedlung oder vielleicht sogar eine Stadt geben. Nur von zufällig Vorbeikommenden konnte niemand leben. Es fragte sich, wie auf einen Ork und eine Elfe reagiert wurde. Das Wenige, dass sie durch die Wegelagerer hatten in Erfahrung bringen können, besagte lediglich, dass Orks in der allgemeinen Gunst recht hoch standen. Inständig hoffte Tuurg auf die Bestätigung dieser Vermutung, er wollte sich nicht schon wieder in einen Kampf stürzen.
Überall Leichen zu hinterlassen brachte am Ende nur noch größere Probleme. Er wusste nicht, welche Gepflogenheiten in diesem Land herrschten, wie es um Gesetze und deren Einhaltung bestellt war.
»Wir sollten eine Rast einlegen und uns etwas stärken«, schlug der Ork vor. Mynia schwieg, sie wollte nicht mit dem Rüpel sprechen. Außerdem hätte es keinen Grund für einen Einwand gegeben, denn auch sie war müde, hatte schrecklichen Durst und in ihrem Magen breitete sich allmählich eine unvorstellbare Leere aus. Wie gerne würde sie nun mit den anderen Priesterinnen an einer reich gedeckten Tafel sitzen und köstliche Speisen genießen.

Aus der Nähe entpuppte sich die Gaststätte als schönes, rustikales Haus mit drei Stockwerken. Es gab keine wurmstichigen Balken, keine verwitterten Steine. Hier legte man Wert auf ein einladendes Erscheinungsbild.
Ohne Bedenken öffnete Tuurt die Tür. Doch kaum hatte er den ersten Schritt ins Innere getan, aus dem ihm der Duft von Gebratenem entgegenwehte, kam auch schon ein großer Mann mit dichtem Bart auf die beiden Reisenden zu und fuchtelte mit seinem erhobenen Zeigefinger durch die Luft: »Oha, nein, nein, nein. So nicht! Nicht in meinem Wirtshaus. Elfen haben hier drinnen nichts zu suchen, ich will mir doch kein Ungeziefer ins Haus holen. Bindet das Biest draußen an und sorgt dafür, dass es sich nicht an den Pferden vergreift.«
Mit diesen Worten schob der Wirt, denn um niemand sonst konnte es sich handeln, Tuurg und Mynia wieder ins Freie.
»Da, dort hinten. Seht Ihr den kleinen Trog? Wenn Ihr Eure Elfe dort anbindet, ist sie weit genug entfernt, dass mir keine Gäste vertrieben werden. Wärt Ihr kein Ork, ich würde Euch davonjagen.«
Auf der Schwelle blieb der Wirt stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete, wie Tuurg Mynia zu der ihm angewiesenen Stelle führte. Noch immer schimpfte der Bärtige vor sich hin: »Unverschämtheit. Schleppt einfach eine Elfe in mein sauberes Lokal. Eine Elfe! Orks glauben wirklich, sie dürften sich alles erlauben. Dabei sind sie sonst doch so reinlich. Tz ...«
Tuurg hörte nicht mehr weiter zu. Immer deutlicher erschlossen sich beiden die veränderten Regeln, auf die es hier zu achten gab. Orks gehörten tatsächlich zu der anerkannten und vielleicht sogar zur verehrten Gesellschaftsklasse, während man Elfen abgrundtief hasste.
Zuerst trottet Mynia hinter Tuurg her, ließ es sogar geschehen, dass er das Seil um einen kleinen Baum schlang und sie festband, aber bevor er zurückkehren konnte, sagte sie: »Lass uns weiterziehen.«
Er bedeutete ihr, still zu sein. Tränen füllten Mynias Augen und für eine Sekunde wurde Tuurgs Herz schwer. Schließlich baute er sich vor der Elfe auf, so konnte man nicht erkennen, was er genau tat. Niemand sollte mitbekommen, wie er sich mit ihr unterhielt. Womöglich wirkte das auf andere befremdlich.
»Wir brauchen Proviant. Ob ich Glück bei der Jagd haben werde, weiß ich nicht, aber hier kann ich etwas Essbares kaufen und vielleicht sogar einen Wasserschlauch.«
»Ich brauche nichts zu essen«, entgegnete die Elfe leise, obwohl ihr nach schreien zumute war.
»Gut, wenn du meinst. Aber ich brauche etwas zwischen die Zähne. Jetzt verhalte dich einfach ruhig, bis ich wiederkomme.«
Mynia bedachte Tuurg mit einem Blick, der den Ork frösteln ließ. So schaute jemand, der einem jederzeit ein Messer in den Rücken rammen würde. Dennoch ließ er sie allein zurück, da es keine andere Möglichkeit gab, leicht an etwas Essbares zu kommen. Sie würde es begreifen, sie musste. Tuurg könnte sie ihrem Schicksal überlassen, doch das widersprach seiner Ehre. Er hatte die Elfe entführt und nun war er für ihren gesunden Zustand verantwortlich.
Seine Schritte waren langsam und schwerfällig, als er zum Eingang des Wirtshauses zurückkehrte. Ohne sich noch einmal umzusehen betrat Tuurg zum zweiten Mal den Schankraum. Er wollte noch einmal zu Mynia blicken, ihr zu verstehen geben, dass alles gut werden würde, wenn sie sich nur ihrer Rolle entsprechend verhielt. Aber dann hätte er sich selbst eingestehen müssen, dass er seiner Geisel nicht mehr kühl genug reagierte. Sie beide waren verfeindet, ihre Völker bekriegten sich bis aufs Blut und die Elfe bedeutete nur einen kleinen Vorteil für die Orks im ewigen Kampf um die Vorherrschaft.

Bevor er weiter grübeln konnte, erklang die viel zu laute Stimme des Wirts: »So mag ich Euch als Gast, edler Herr. Orks sind hier immer Willkommen, aber die Dämonen sollen mich fressen, wenn ich Elfengesindel in meine gute Stube lasse.«
Tuurg grunzte ungehalten zur Antwort. In seiner Heimat konnten er und seinesgleichen nur Spelunken aufsuchen, in denen sich nicht ungefährliche Gäste aufhielten. Dort ging es roh zu, alle Nase lang brach ein Streit vom Zaun, der regelmäßig in Schlägereien oder Kämpfen auf Leben und Tod endete. In solchen Wirtshäusern war es ungemütlich, ganz anders als in dieser Gaststätte.
An den Tischen und am Tresen saßen einige Reisende. Viele von ihnen mussten Händler oder Kuriere sein, das verriet die saubere und teilweise teure Kleidung. Sie alle betrachteten den Ork mit einer Mischung aus Verwunderung und höflicher Freundlichkeit. Gesittet aßen sie mit Besteck von sauberen Silbertellern und tranken Wein und Bier aus verzierten Tonbechern. Niemand schüttete sich ganze Kannen in den Schlund, nur um betrunken zu werden. Diese Gäste benahmen sich anständig, tranken nicht aus purer Lust.
Während der Wirt plapperte und von der Unmöglichkeit erzählte, dass Elfen noch immer so zahlreich im Süden durch die Wälder streunten, bestellte Tuurg ein ausgiebiges Mahl und etwas zu trinken. Er kommentierte den Redeschwall nicht, hielt sich bedeckt und nickte nur hin und wieder.
Gleich neben der Tür stand ein kleiner Tisch, an dem sich Tuurg niederließ. Jetzt, da sich der Gastwirt in Fahrt geredet hatte, wurde seine ganze Gaststätte unterhalten. Es gab viele Dinge, über die er sich offenbar zu beschweren hatte, aber jedes Problem, jede Krankheit und sogar schlechtes Wetter wurden seiner Überzeugung nach letztendlich von den Elfen verursacht.
Viele der anderen Anwesenden stimmten zu und ließen sich ihrerseits über das Elfenproblem aus. Tuurg spürte, dass dieses Land für Mynia mehr als gefährlich war und etwas in seinem Magen drückte ein wenig. Natürlich würde er sich keine Gedanken um ihre Gesundheit machen, wenn er sie nicht noch brauchen würde. Was hatte er von einer verletzten oder gar toten Geisel? Das hätte die Forderungen, die für einen Austausch gestellt werden konnten, auf ein Minimum reduziert.
Als der Wirt seinem neuen orkischen Gast einen duftenden Schweinebraten mit Klößen und einen großen Krug Würzbier auftischte, lehnte er sich weit vor, um etwas in Tuurgs Ohr zu flüstern: »Herr, warum seid ihr so schäbig gekleidet und dann noch mit einer Elfe unterwegs? Wenn Ihr in geheimer Mission unterwegs seid, dann ist diese Aufmachung aber viel zu auffällig. Kein Ork, der etwas auf sich hält, würde wie ein Halunke reisen.«
Das verdutzte Gesicht Tuurgs, der mit dem Gerede wenig anzufangen wusste, ließ den Wirt grinsen.
»Ihr seid Agent des Königs, nicht wahr?«
Tuurg musste mitspielen, an weitere Informationen kam er offenbar nur über Umwege. Er grinste seinerseits und zwinkerte. Dann flüsterte der Ork verschwörerisch: »Darüber darf ich nicht reden, aber an welche Mission habt Ihr denn gedacht, guter Mann?«
Nun strahlte der Wirt über sein gesamtes bärtiges Gesicht: »Also ist es wahr. Nun, sagt einfach nichts, wenn ich richtig liege, aber die Neugierde würde mich umbringen. Man hört da so einige Geschichten, dass der Große Banuu versucht, Elfenherden zu züchten. Dazu müssen sie jedoch von dem Fehler geheilt werden, wie intelligente Wesen zu wirken. Es heißt, Elfenfleisch wäre besonders zart und in anderen Königreichen eine Delikatesse. Leider kann man sie nur jagen, da sie sich einfach nicht in Gehegen einleben. Banuu, der wohl mächtigste Magier im Land, forscht bereits seit geraumer Zeit im Bereich der Elfenzucht.«
»Wie kann man denn Elfen essen? Sie sind euch Menschen doch so ähnlich.«
Kaum hatte Tuurg seine Worte ausgesprochen, bereute er die Unachtsamkeit, denn das Gesicht des Gastwirts wurde rot und mit einem Mal ließ der hochgewachsene Mann eine fleischige Faust auf den Tisch krachen.
»Herr, ob Agent oder nicht, ich lasse mich nicht von Euch beleidigen. Uns Menschen mit Elfen zu vergleichen … Ich vergleiche ja auch nicht Euch mit einem Wildschwein. Wir Menschen mögen nicht von so hoher Abstammung sein, wie das Volk der Orks, aber wir sind doch kein Vieh!«
Augenblicklich nahm der Ork vier Silbermünzen aus einem der Beutel, die er den toten Räubern abgenommen hatte, und legte sie auf den Tisch.
»Zwei zusätzliche Münzen für Euch, guter Mann und bitte übt Nachsicht. Ich bin schon so lange mit dieser plappernden Elfe in östlicher Richtung unterwegs, dass ich meine gute Erziehung vergessen habe. Verzeiht.«
Der Bärtige nahm das Geld und nickte.
»Ich kann Euch verstehen, Herr, mir würde es nicht anders ergehen. Und wenn Ihr nach Osten reist, so stimmt also meine Vermutung. Ihr wollt Banuus Haus aufsuchen.«
Dazu sagte Tuurg nichts mehr. Er beließ es bei einem weiteren Zwinkern und begann zu essen. Zufrieden mit dem Geld und der vermeintlichen Auskunft ließ ihn der Wirt allein.

Nach dem Mahl ließ sich Tuurg einen ordentliches Proviantbündel schnüren, kaufte vier Beutel mit Wein und verließ die Gaststätte. Draußen saß Mynia auf dem Boden und würdigte ihren Begleiter keines Blickes. Sie war wütend. Schrecklich wütend. Gut, der Ork konnte nichts für das ungebührliche Verhalten der Leute, aber sie hätten weiterziehen können. Statt dessen hatte er sich den Bauch vollgeschlagen und sie draußen angebunden.
Widerstrebend nahm sie etwas Brot und Trockenfleisch aus einem großen Bündel entgegen, dass der verdammte Verräter drinnen besorgt hatte. Sie kaute unter stillem Protest, während Tuurg das Seil vom Pfosten löste und losmarschierte. Wäre Mynia nicht so niedergeschlagen und müde gewesen, hätte sie es ihm schwerer gemacht. Doch sie folgte gehorsam. Jedenfalls sollte dieser orkische Barbar das glauben.
Nachdem sie etwa zwei Stunden der Straße durch Wälder und vorbei an wilden Wiesen gefolgt waren, wurden Mynias Schritte langsamer. Sie strauchelte einige Male, ließ sich mehr ziehen als selbst zu gehen, bis Tuurg vorschlug, am Wegesrand ein Nachtlager aufzuschlagen.
Direkt im Wald schien es etwas unsicher zu sein, bedachte man die Wölfe, denen sie begegnet waren. Noch besser wäre ein ordentliches Dach über dem Kopf, aber da Tuurg mit einer Elfe unterwegs war, würden ihm wohl alle Türen verschlossen bleiben. Sie einfach draußen zu lassen, kam nicht infrage. Da war etwas, er spürte eine Art von Zuneigung.
Fast hätte er es freundschaftlich genannt. Unsinn, er hatte Mynia entführt und sie war keine angenehme Gefangene. Die viel zu große Klappe, oft verstand die Elfe den Ernst einer Situation nicht und dass sich sowohl er, als auch Mynia in diesem Gebiet anpassen mussten. Gerade sie durfte nicht so sehr aus der Reihe tanzen.
Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch eine Weile, aber genügend Ruhe für die bevorstehende Wanderung zu finden, sollte gewiss kein Schaden sein. Einen fähigen Magier aufzusuchen machte Sinn, denn durch ihn konnten beide vielleicht wieder in ihre Heimat gebracht werden.
Wie weit das Haus dieses Banuu noch entfernt sein mochte, wusste Tuurg nicht zu sagen. Er hätte den Wirt danach fragen sollen. Nun, ihnen würde schon noch jemand begegnen, der ihnen Auskunft geben konnte. Nach dem guten Zustand der ausgebauten Straße zu urteilen, wurde der Handelsweg häufig genutzt. Überall gab es Ausbesserungen. Niemand würde eine solche Route aus reinem Spaß pflegen und magische Fackeln in großen Abständen am Rand anbringen.
In der Nacht sorgte das rötliche Leuchten für ein wenig Helligkeit. Schon das war ein Grund dafür, am Wegesrand zu lagern, da wilde Tiere unnatürliches Licht scheuten, selbst wenn die Geschöpfe magischen Ursprungs waren.
Stumm kaute die Elfe auf einem salzigen Fleischstück. Dabei vermied sie jeden Blickkontakt mit Tuurg, sondern begutachtete ihre Schuhspitzen. Mit einem Ork gab es nichts zu bereden. Ihr war es egal, ob ihr Volk hier beliebt war. Nur durch seine Schuld befand sie sich nun in einem schrecklichen Alptraum. Nur durch ihn musste sie Trockenfleisch essen, konnte nicht in ihrem Bett schlafen und war womöglich schrecklich weit von Zuhause entfernt.
Nach einer Weile hielt Tuurg das Schweigen nicht mehr aus. Seit er die Elfe entführt hatte, war sie unentwegt damit beschäftigt gewesen, ihn zu beschimpfen und irgendwelchen Blödsinn von sich zu geben. Auch wenn es ihm auf die Nerven ging, diese plötzliche Stille lastete eigenartig schwer auf seinem Gemüt.
»Es ist nicht meine Schuld, weißt du. Du kannst mir nicht anlasten, dass ich dich wie ein Tier behandeln muss. Es liegt an diesem Land, in das wir geraten sind.«
Mynia sagte noch immer nichts. Sie saß einfach nur da und kaute.
»Hör zu, ich habe dich entführt, aber ich habe dich trotzdem respektvoll behandelt.«
Nun endlich schaute sie auf. Ihre Augen verrieten Tuurg ein schwelendes Feuer der Wut, das ihre Elfenseele beherrschte. Durch das jugendliche Gesicht wirkte sie mehr wie eine Heranwachsende, der man etwas verboten hatte und die nun rebellierte, statt wie eine junge Frau, die Priesterin werden sollte. Kein Wort kam über ihre Lippen, statt dessen funkelte sie Tuurg an, bis ihm mit einem Mal schrecklich warm in seiner abgewetzten Lederrüstung wurde.
Unruhig rutschte er im Gras hin und her, schaute nervös in sämtliche Richtungen, um schließlich den Vorschlag zu machen, sich am Waldrand umzusehen, ob es da Spuren eventuell gefährlicher Tiere gab. Ein Vorwand, den Mynia sofort durchschaute. Beinahe hätte ein voreiliges Grinsen alles verdorben, aber sie wollte, dass es dem Ork unwohl in ihrer Nähe wurde. Als kleine Rache für die Schmach und für seine Unverfrorenheit, sie überhaupt verschleppt zu haben.
Am Ende würde er noch seine gerechte Strafe bekommen. Spätestens, wenn sie beide zurück im eigenen Land waren und die Leibwache ihres Vaters sie gefunden und befreit hatte. Dann mochte Mynia nicht in der Haut des grünen Barbaren stecken. Er würde den Tag seiner Geburt verfluchen und mit absoluter Sicherheit den Tag, an dem er die Novizin entführt hatte.
Die Folterknechte würden ihn … würden … bei dem Gedanken, dass man Tuurg auspeitschen, an den Pranger stellen und schließlich hinrichten mochte, fühlte sich die Elfe unwohl. Ja, er war ihr Feind, aber er hatte sie auch beschützt. Vielleicht war es nur Eigennutz seinerseits gewesen, aber so wertvoll war Mynia nicht. Es gab Mädchen von edlerer Herkunft, die wesentlich mehr Lösegeld einbringen würden.
Ärgerlich verdrängte sie ihre dummen Gedanken. Orks verdienten ein grauenvolles Schicksal, sie verehrten das Böse. Schluss mit den unsinnigen Zweifeln an der schwarzen, von Mordlust zerfressenen Seele der Grünhaut.

Nach wenigen Minuten kehrte Tuurg von seiner Erkundung zurück. In seinen Händen trug er einige Beeren, die er der Elfe anbot: »Wilde Erdbeeren. Hier, nimm.«
Zuerst versuchte Mynia, sich zu weigern, doch der Duft dieser süßen Früchte, der ihr verlockend in die Nase stieg, ließ ihr keine Wahl. Rasch packte die Elfe einige der Erdbeeren und stopfte sie sich in den Mund. Herrlich. Roter Saft rann ihr über das Kinn, verteilte einige Tropfen auf ihrem ohnehin geschundenen Gewand. Um Etikette scherte sich Mynia nicht. Der Ork hatte selbst nie etwas von Tischmanieren gehört, daran konnte es gar keinen Zweifel geben.
»Dachte mir schon, dass sie dir schmecken. Ist ein kleines Friedensangebot.«
»Frieden?«, fragte die Elfe mit vollem Mund. »Wenn ein Ork Frieden schließen will, hat er doch längst einen Bogenschützen hinter einen geschickt.«
»So denkt ihr Elfen über uns? Ihr glaubt wirklich, wir seien unfähig ehrlich und freundlich zu sein?«
Mynia schluckte den Rest des süßen Breis in ihrem Mund hinunter, wischte ihren Mund mit dem Ärmel ab und meinte: »Natürlich. Ihr Orks seid das Übel in der Welt, das Böse. Ihr überfallt wehrlose Bauern, tötet ohne Gewissen, kennt keine Ehre, habt ...«
»Schluss! Behalte deine Lügen für dich!«
Tuurgs wutschnaubende Stimme ließ die Elfe auf der Stelle verstummen. So hatte sie ihren Entführer bisher nicht erlebt. Mit geballten Fäusten stand der hünenhafte Krieger vor ihr, seine Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt. Wieder donnerte Tuurgs Stimme los, sodass Mynia etwas zurückwich.
»Ihr verdammten, verlogenen, hochnäsigen Elfen! Was maßt ihr euch an, so über mein Volk zu reden! Wir haben mit dem Krieg nicht begonnen! Wir haben uns nur verteidigt!«
Nun war es an Mynia, die Beherrschung zu verlieren. Mit einem Satz war sie auf den Beinen und baute sich vor dem Ork auf: »Ihr habt den Krieg begonnen! Wir waren gezwungen, uns den orkischen Horden in den Weg zu stellen, bevor das ganze Land in Asche verwandelt worden wäre!«
»Ihr habt angefangen!«, polterte Tuurg.
»Nein, ihr wart das!«, konterte Mynia.
Dieses Spiel hätten sie eine halbe Ewigkeit fortführen können, wäre ihnen nicht eine dritte Stimme dazwischen gekommen, die laut genug war, beide zu übertönen: »Was ist denn das? Ein Ork lässt sich von einer dreckigen Elfe beschimpfen? Bursche, erschlage das Tier oder ich tue es für dich!«
Beide verstummten und schauten zu einem Reiter auf, dessen Ankunft sie nicht bemerkt hatten, so sehr waren sie in Schuldzuweisungen vertieft gewesen. Ein Soldat oder Wachmann aus der Stadt, kam es Tuurg in den Sinn. Die glänzende Rüstung war ein sicheres Zeichen dafür, dass der fremde Ork nicht in Schlachten gekämpft hatte. Seine Aufgabe bestand wohl eher darin, Gesetzlose aufzugreifen, Schlägereien zu beenden und allgemein nach dem Rechten zu sehen. Kein wirklich erfahrener Kämpfer für das Schlachtfeld, aber auch nicht ungefährlich. Sich mit den Gesetzeshütern anzulegen, bekam jedem, der durch die Fremde zog, äußerst schlecht.
Mit etwas Glück konnte das Problem diplomatisch gelöst werden.
Tuurg begrüßte seinen Artgenossen mit einer ausladenden Geste, die er einmal am Hof eines menschlichen Lords aufgeschnappt hatte. Unterwürfig durfte er jedoch nicht wirken, denn Orks hassten Speichellecker.
Grob stieß er Mynia zur Seite, sodass sie unsanft zu Boden stürzte und Tuurg aus großen Augen anstarrte. Aber sie blieb ruhig. Vermutlich hatte das Mädchen mittlerweile akzeptiert, dass dies nicht ihre Heimat war.
»Herr, ich habe mich hinreißen lassen«, gestand Tuurg dem Soldaten, der von seinem Pferd abgestiegen war. Ein riesiger Kerl, selbst für einen Ork und vermutlich angesagt bei den Frauen. Kerzengerade stolzierte er auf und ab, spuckte die Elfe an und reichte Tuurg schließlich einen kunstvoll geschmiedeten Dolch: »Hier, Sohn. Und jetzt möchte ich, dass du das Biest erledigst.«
Die Waffe lag gut in der Hand, perfekt ausbalanciert. Wer sie geschmiedet hatte, hatte den Dolch orkischen Händen angepasst. Sekunden verstrichen, zogen sich hin wie Stunden, als Tuurg darüber nachdachte, wie er den Soldaten besänftigen könnte. Ihm fiel das Gespräch mit dem Wirt ein, der ihn für einen Agenten gehalten hatte. Wenn die Götter einen guten Tag haben sollten, klappte eine solche Lüge auch bei dem Soldaten.
»Herr, ich darf die Elfe nicht töten. Ich muss sie lebendig abliefern.«
Skepsis lag im Blick des Soldaten, der fragte: »Abliefern? Wo soll das Vieh denn hingebracht werden?«
Nun galt es, den richtigen Ton zu treffen. Wollte Tuurg weiterhin die Täuschung aufrecht erhalten, musste er etwas bieten. Vertrauen war da die beste Wahl. Wer Vertrauen schenkte, wurde oft dafür belohnt.
»Eigentlich darf ich nicht darüber reden«, begann Tuurg, senkte seine Stimme und näherte sich dem Soldaten, »doch Ihr steht in hohen Diensten. Da kann ich Euch wohl anvertrauen, dass ich Agent des Königs bin, der dem Großen Banuu die wildeste Elfe überbringen soll, die es zu finden gab.«
Für einige Augenblicke blieb alles ruhig, dann schnaubte der Soldat ein, zweimal durch die Nase und brach in schallendes Gelächter aus.
Mehr brauchte es nicht. Tuurg erkannte, dass weder er noch Mynia diese Begegnung überleben würden. Solange der Soldat abgelenkt war, ergriff Tuurg seine Chance. Mit einem einzigen Stoß trieb er die Klinge des Dolchs tief in die Kehle des lachenden Ork, der zu röcheln begann und mit beiden Händen versuchte, das hervorquellende Blut zurückzuhalten. Mynia sprang auf, rannte zu einer magischen Fackel, riss sie aus dem Boden und deutete mit dem leuchtenden Kristall auf den Soldaten.
Einige Worte kamen über ihre Lippen, die aus der Fackel einen flammenden Strahl feuern ließen. Grelles Licht umhüllte den Körper des sterbenden Orks. Ein Licht, das so hell war, dass Tuurg sich instinktiv umdrehte. Mit einem Arm bedeckte er die schmerzenden Augen.
Kein Röcheln, kein schwerer Körper in Rüstung, der mit einem Scheppern zu Boden krachte.
Vorsichtig schielte Tuurg zur Stelle, an der nun eigentlich der Soldat liegen müsste. Aber der Kerl stand. Nicht allein das, er hielt noch immer die Hände um den Hals geklammert, das Gesicht verzerrt vor Schmerz und Überraschung. Nur war er von einer holzartigen Schicht überzogen, die ihn wie eine Skulptur aussehen ließ.
Zufrieden lächelte die Elfe: »So, der ist erledigt.«
»Was … was … hast du … getan?«
»Ich habe ihn in Holz verwandelt«, sagte Mynia. »Er ist jetzt einfach nur noch ein lebloses Stück Holz. Gut, ein sehr großes Stück Holz. Eine Statue.«
»Was - hast - du - getan?« Dieses Mal stellte Tuurg die Frage nicht stotternd. Im Gegenteil, er betonte jedes Wort überdeutlich.
»Ich dachte, das viele Blut auf der Straße wäre nicht gerade förderlich. Es braucht nur einen Händler, der das entdeckt und der etwas weiter zwei Fremden begegnet. Schon hätten wir eine halbe Armee auf den Fersen. Er hätte es gemeldet, die anderen Soldaten würden an ihren Kameraden denken, der nicht zurückkehrte und … schon sind wir dran. So wird man nicht einmal die Leiche finden.«
Diese Elfe raubte dem Orkkrieger den letzten Nerv. Sie war nicht dumm, kein Zweifel, doch von taktischen Finessen oder anderen Dingen, die zu beachten waren, wenn man sich durch unbekanntes Terrain bewegte, hatte sie nicht die leiseste Ahnung.
Rüstung und Waffen des Soldaten konnten nun nicht mehr verwendet werden. Eine gute Tarnung, auf die Tuurg verzichten musste.
Ja, Mynia hatte dafür gesorgt, dass kein toter Soldat gefunden werden konnte. Dafür gab es ja jetzt die Holzstatue eines Sterbenden, die Hand an die Kehle gekrallt und der daraus hervorragende Griff eines hölzernen Messers. Wie wahnsinnig mochte ein Künstler sein, der solche Skulpturen erstellte. Zudem würde das Ding hier mitten auf der Straße sogar noch mehr auffallen, als es bei einem getrockneten Blutfleck der Fall gewesen wäre.
Mit erzwungener Ruhe erklärte er der Elfe ihren Fehler, wollte keinen weiteren Streit provozieren. Mynia sah nicht ein, wo das Problem lag, denn sie hatte das Beste getan, was ihr eingefallen war. Zudem konnten magische Feuer leicht außer Kontrolle geraten, wurden sie von unerfahrenen Novizen verwendet. Etwas in Holz zu verwandeln, lernten die Priesterinnen im ersten Jahr, da konnte nichts passieren.
»Hilf mir, ihn … es … das Ding in den Wald zu schaffen. Wenn wir etwas Laub und ein paar Äste darauf legen, wird es länger dauern, bis jemand darüber stolpert.«
Im Traum dachte Mynia nicht daran, sich den Rücken zu ruinieren. Orks verfügten über genügend Körperkraft, er konnte die Statue alleine in den Wald hinein ziehen. Das tat Tuurg auch, denn er war müde. Kurz bevor er den Waldrand erreichte, eilte die Elfe zu ihm und packte mit an. Er fragte sie nicht, wieso sie ihre Meinung geändert hatte und sie verspürte auch nicht den Drang, ihn an der Entscheidung teilhaben zu lassen.

Durch das Unterholz wurde die Sache zu einer wahren Tortur. Beide mussten ihre letzten Reserven mobilisieren, aber schließlich entdeckte Tuurg eine Mulde zwischen einigen umgestürzten Baumstämmen. Keuchend hievten sie die Holzstatue in die Vertiefung, bedeckten sie mit trockenem Laub, einigen Dornenranken und Ästen. Nun hatte der Soldat sogar ein Grab bekommen. Anständig für einen Ork, der im Kampf gefallen war, wenn auch nicht wirklich standesgemäß. Andererseits war es ja kein wirklicher Kampf gewesen. Gemeiner Meuchelmord traf da wohl mehr zu.
Zurück am Straßenrand, wo noch immer das Bündel mit Proviant lag, überlegte Tuurg, was er mit dem Pferd anstellen sollte. Es einfach in die Wildnis zu schicken kam nicht infrage. Domestizierte Tiere neigten dazu, in ihre Stallungen zurückzukehren. Die Stadtwache sollte keinesfalls auf die Idee gebracht werden, so früh nach ihrem Kameraden zu suchen.
»Wir sollten das arme Tier laufen lassen«, schlug Mynia vor, die ganz ihrer Elfenart folgte und das Pferd als wichtiges Mitglied der natürlichen Ordnung ansah. Als Reittier hätte es wohl beide tragen können, aber wenn ihnen weitere Leute begegneten ... Hier würde keiner eine Elfe mit in den Sattel nehmen. Tuurg allein und Mynia neben ihm herlaufend? Nein, die Elfe sollte nicht gequält werden. Nicht, solange im Clan keine gemeinsame Absprache getroffen wurde. Wenn der Häuptling Folter anordnete, sollte es eben so sein. Bis dahin musste auf Mynia achtgegeben werden.
Bei dem Gedanken, dass ihr im Orklager übel mitgespielt werden könnte, überkamen Tuurg Gewissensbisse. Besser war es, nicht weiter darüber nachzudenken. Ein Schritt nach dem anderen. Zuerst mussten sie einen Rückweg finden. Was dann geschehen sollte, lag verborgen in einer ungewissen Zukunft.
Schließlich gewann Mynia ihr kleines Spiel um das Schicksal des Pferdes, da dem Ork selbst keine bessere Lösung einfiel. Er nahm den Sattel, brachte ihn rasch zu dem improvisierten Grab im Wald und dann scheuchten sie das Pferd fort. Vielleicht wählte das Tier die Freiheit, Tuurg betete zu seinen Göttern, dass es so sein mochte.
Dann legten sich beide ins Gras am Straßenrand und schliefen kurze Zeit später erschöpft ein. Mithilfe der magischen Fackeln kamen Wildtiere nicht nahe heran, mehr durfte nicht erwartet werden. An andere Gefahren wollten weder der Ork noch seine gefangene Elfe denken. Alles, was sie jetzt brauchten, war etwas Schlaf.

Erst als die ersten Sonnenstrahlen langsam über die Straße krochen, erwachte Tuurg aus seinen seltsamen Träumen. Es waren Träume von Tod und Verderben gewesen, aber auch von Liebe und Geborgenheit. Omen? Nein, Orks glaubten nicht daran, dass sich die Zukunft in einem Traum offenbaren konnte. Schamanen verfügten über diese Macht, ihre nächtlichen Erlebnisse kontrolliert durch die Geisterwelt schweben zu lassen, Krieger verstanden sich auf andere Fähigkeiten. Ihnen reichte die greifbare Welt, wenn es etwas zu verändern oder zu erfahren gab.
Der Blick des Orks wanderte zu Mynia, die noch fest schlief. Sie hatte sich am vergangenen Tag tapfer geschlagen, das musste er ihr lassen. Für eine Elfe war sie mutig. Probleme bereitete im Grunde nur ihr Glaube, mit Magie gefahrlos hantieren zu können. Tuurg hatte ausgebildete Priesterinnen und Druiden der Elfen erlebt, er wusste um die Macht fähiger Zauberer, doch Mynia war noch nicht so weit. Sie lernte erst, glaubte aber so fest an sich und ihr Talent, dass sie der Zauberkunst viel zu leichtfertig begegnete.
Tuurg nahm das Ende des Seils, das noch immer um die Hüfte der Elfe gebunden war, und zog einige Male daran. Sie erwachte, verzog ihr Gesicht ob der Schmerzen, die ein Lager auf hartem Boden in einem untrainierten, verwöhnten Körper hinterließ, und setzte sich langsam auf.
Sie betrachtete die Umgebung, seufzte. Alles war so wunderschön, so friedlich. Gesunde Wiesen, üppige Wälder, ein blauer Himmel mit kleinen, weißen Wölkchen. Doch über allem schwebte diese Schwere, etwas Finsteres. Dem Ork fiel es bestimmt nicht auf, ihm fehlte dafür das Feingefühl.
»Wann brechen wir auf?«, fragte Mynia mit einem herzhaften Gähnen.
Tuurg reichte ihr etwas Käse und Brot, schulterte den Proviantsack und meinte: »Jetzt. Wir können unterwegs etwas essen. Hierzubleiben ist zu gefährlich, weil der Soldat gewiss zur nächtlichen Straßenwache eingeteilt war. Die werden sich schon fragen, warum er noch nicht wieder zurückgekommen ist.«
Gehorsam stand Mynia auf und sie marschierten los. Es schien wirklich besser zu sein, etwas Abstand zu einer Stadt zu gewinnen, der irgendwo hinter den Wäldern liegen musste. Oft wurden Handelsstraßen Tag und Nacht von Stadtgarden kontrolliert. Da die Begegnung mit den Räubern nicht allzu weit entfernt stattgefunden hatte, gab es wohl eine oder mehrere Banden, die entlang der Straße Händlern auflauerten. Das wiederum machte eine stärke Soldatenpräsenz notwendig.
Nach etwa drei oder vier Kilometern kamen Tuurg und Mynia an eine Abzweigung. Auf einem verwitterten, nach Süden weisenden Schild stand der Name eines Ortes, den beide nie gehört hatten: Gallist. Eine etwas schmalere Straße folgte der Richtung, die das Schild zeigte, und verlor sich hinter einer Hügelkuppe. In jeder anderen Situation wäre es interessant gewesen, fremde Städte kennenzulernen. Tuurg und Mynia suchten jedoch die Abgeschiedenheit, wollten so wenig Aufsehen wie möglich erregen.
Eine Stadt so nah zu wissen, gefiel dem Ork nicht. Dort gab es Soldaten, die einen der ihren vermissten. Jede Sekunde konnte eine Patrouille erscheinen und das ungleiche Paar erregte zu viel Aufmerksamkeit, um einfach übersehen zu werden. Fragen würden gestellt werden, auf die Tuurg nicht antworten wollte, weil es keine Antworten gab.
Rasch gingen sei weiter, beschleunigten ihre Schritte. Irgendwo am Ende der Straße wartete der Magier, der noch nichts von ihrem Kommen wusste. Tuurg hielt nichts von einem Land, in dem sich Orks von anderen eitlen Fatzken nicht unterschieden. Dabei lag das Schicksal seines Volkes in der Freiheit, nicht im Speichellecken. Jeder durfte ein Clansoberhaupt herausfordern, wenn er oder sie glaubte, die Geschicke der Gemeinschaft besser leiten zu können. Einige bezahlten ihren Mut mit dem Leben, aber sie starben in Würde.
Stadtgardisten gehorchten einem gebrechlichen Herrn, der keine Achtung verdient hatte. Einem, der in weichen Betten schlief und sein Mahl auf Silbertellern zu sich nahm. Einem, der nie wirklich eine Waffe benutzt hatte, falls es sich um mehr als Übungen handeln sollte. Solche Orks hatten ihr wahres Ich verraten, ließen sich mit Befehlen abspeisen, die nicht hinterfragt werden durften.
Manche nannten das Leben der freien Ork-Clans barbarisch, chaotisch. All diese Narren kannten den Kodex der Orks nicht. Wenn es zu Kämpfen kam, konnte ein orkischer Feldherr nur Ratschläge erteilen, denen man folgen konnte oder auch nicht. Wer es aber nicht tat, bekam bald zu spüren, dass gewisse Taktiken ihren Sinn hatten und sich Feldherren nicht ohne Grund in ihrer höheren Position befanden.
»Wir sollten für eine Weile zwischen den Bäumen verschwinden, solange die Straße noch durch den Wald führt«, schlug Mynia vor, die angesichts der bedrohlichen Situation für Elfen immer mehr Weitsicht entwickelte. Sie lernte schnell. Tuurg nickte, dann verließen sie die Steine und tauschten sie gegen altes Laub. Leise mussten die zwei Reisenden nicht sein, der Sichtschutz genügte vollkommen. Wer mit Wagen oder als Reiter unterwegs war, achtete kaum auf Geräusche aus dem Wald. Nicht so nahe der Stadt. Räuber würden hier keine Überfälle wagen.

Es dauerte nicht lange, bis der erste Händler an ihnen vorbeifuhr. Stur blickte der Mann geradeaus, pfiff gelangweilt eine Melodie und dachte nicht im Traum daran, dass sich jemand am Waldrand versteckt hielt. In den nächsten Stunden folgten noch zwei weitere Fuhrwerke und ein kleiner Trupp Soldaten, die sich auffallend sorgfältig umsahen. Also hatten sie die Suche nach ihrem Kameraden begonnen. Fanden sie ihn, würde es überall von Gardisten wimmeln. Tuurg bemerkte, dass zwei Reiter menschlich waren, die anderen gehörten zu Tuurgs Volk. Und einer der Orks hatte die Befehlsgewalt, deutlich erkennbar an seiner reich verzierten Rüstung und dem Helm mit Federschmuck. So herausgeputzt konnte es sich nur um eine Art Hauptmann handeln.
Während die Soldaten, ohne es zu wissen, dicht an Tuurg und Mynia vorbeiritten, sprach der Hauptmann von einem besonderen Gegenstand. Etwas, das sie wohl suchten und unbedingt haben wollten. Was genau es war, wurde nicht erwähnt, aber es musste sehr wichtig sein. Hin und wieder fielen sie in raues Gelächter, machten Witze und sprachen von Venkor, dem Schlitzer. Wie sich herausstellte der Name des Anführers hiesiger Banden von Wegelagerern.
Dann entfernte sich der Trupp wieder und Elfe und Ork setzten ihre Reise fort.
»Was hältst du von dem Gerede?«, wandte sich Mynia an ihren Entführer.
Tuurg zuckte mit den Schultern: »Keine Ahnung, es ist mir auch egal. Auf alle Fälle haben sie noch nicht ihren verwandelten Freund gefunden, soviel ist sicher. Die scheinen mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Uns kommt das gelegen.«
Der Wald ging in eine weitläufige Wiesenlandschaft mit sanften Hügeln über. Es blieb dem ungleichen Paar nur mehr eine Rückkehr zur Straße.
Die Stunden flogen dahin, zweimal legten sie eine Rast ein um etwas zu essen und Mynia beschwerte sich über ihre schmerzenden Füße. Tuurg ließ sie reden, er konnte sie weder bedauern, noch wollte er sich über sie lustig machen. Eine Elfenpriesterin war nicht für ausgedehnte Wanderungen geschaffen, das Tempelleben machte schlaff.
»Warum werdet ihr Orks eigentlich nie müde? Das ist unnatürlich.« Während einer weiteren Rast saß Mynia am Straßenrand und massierte ihre Füße.
Tuurg lag im Gras und beobachtete die Wolken am Himmel. Beiläufig beantwortete er die Frage der Elfe, denn ihm war nicht nach Unterhaltung. Sein Volk musste nicht immer plappern und reden und diskutieren und erörtern.
»Ich bin müde, aber das Leben und der ewige Kampf machen einen hart. Müdigkeit, Erschöpfung … all das kann verdrängt werden, wenn man einen festen Willen hat.«
»Ihr solltet euch mehr ausruhen, dann wärt ihr auch nicht so böse.«
»Wir sind nicht böse«, entgegnete Tuurg, steckte sich einen langen Grashalm zwischen die Zähne und kaute darauf herum. »Wir sind nur nicht scharf darauf, Sklaven eines feigen Königs zu sein.«
Ein leichter Fausthieb traf sein Kinn. Verblüfft schielte Tuurg zu Mynia, die ihn wütend anstarrte: »Der König ist nicht feige, du Hund. Er ist mutig, gerecht, kämpft tapfer in jeder Schlacht.«
»Ach, tut er das?«, entgegnete der Ork. Der Hohn in seiner Stimme war unverkennbar. »Nun, ich habe ihn bisher nur in einer Schlacht gesehen und da ist er davongelaufen - wie ein ängstliches Huhn. Selbst sein Schwert und den Schild hatte er fallenlassen, damit er schneller rennen konnte.«
Wieder schlug Mynia zu, auch dieses Mal blieb Tuurg unbeeindruckt. Sie stürzte sich auf ihn und hämmerte mit beiden Fäusten auf seine Brust ein, bis er sie einfach beiseite schleuderte. Die Schläge selbst schmerzten nicht, aber er fühlte sich in seiner Ruhe mehr als gestört.
»Hör auf damit, Elfe, ich warne dich!«
»Nein«, kreischte die junge Priesterin. Sie stürmte auf Tuurg los, der aufgestanden war und seine Arme vor der Brust verschränkt hatte.
Tritte, Schläge, der bemitleidenswerte Versuch, ihm das Gesicht zu zerkratzen regneten gleichzeitig mit lauten Beschimpfungen auf Tuurg ein. Mit beiden Händen umklammerte der Ork Mynias Handgelenke. Ein rascher Tritt gegen ihr Schienbein und die Elfe schrie vor Schmerz auf. Sie stürzte, umklammerte heftig keuchend ihr Bein.
»Hör zu«, sagte Tuurg betont gebieterisch, »wir wollen etwas klarstellen. Ich habe dich geraubt, du konntest das nicht verhindern, also habe ich das Sagen hier und du hast dich wie eine ordentliche Gefangene zu benehmen. Es gibt Regeln, verdammt. Und eine dieser Regeln besagt, dass jemand, der entführt wurde, Angst vor seinem Entführer haben muss!«
In den Augen der Elfe waren Tränen zu erkennen. Mit all ihrer Kraft hielt Mynia sie zurück. Die Novizin unterdrückte jedes Wimmern, das hinaus wollte. Einige tiefe Atemzüge, dann fand sie ihre Stimme wieder: »Du hast mich überrascht, sonst wäre ich nicht in dieser Lage. Ich hätte dich mit Leichtigkeit in eine Kröte verwandeln können.«
»Gib nicht so an, Elfe. Wie weit es um deine Zauberkünste bestellt ist, hat man ja gesehen. Du konntest nichts dagegen tun, dass ich dich einfach mitgenommen habe und du kannst nichts dagegen tun, dass ICH der Boss bin. Also lass es endlich bleiben, mich in den Wahnsinn treiben zu wollen, sonst ...«
Mynia zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen: »Sonst passiert was?«
»... sonst wirst du das kennenlernen, was du in mir siehst.«
Durch das tiefe Brummen der Worte ließ Tuurg keinen Zweifel daran, dass er meinte, was er sagte. In ihm steckte eine Bösartigkeit, die er bisher ihr gegenüber nicht wirklich offenbart hatte. So sehr Mynia ihn verabscheute und ihn gerne zu seinen Göttern schicken würde, sie kannte ihre Grenzen und wusste, dass sie ihm in Wahrheit hilflos ausgeliefert war.
Sie stand auf, rieb sich noch einmal ihr Bein und senkte den Blick. Ein Zeichen, dass er gewonnen hatte - zumindest für den Augenblick. Es würde sich noch eine Möglichkeit ergeben, ihn ihren eigenen Zorn spüren zu lassen. Er hatte sie durchschaut, hatte ihren Bluff bemerkt. Mynia zählte zu den besten Schülern der letzten drei Generationen und in der Magie beherrschte sie bereits mehr als andere Novizinnen in ihrem Alter, doch das reichte gegen wirkliche Gefahren nicht aus. Feinden war sie fast schutzlos ausgeliefert.

Es ging weiter. Mynia nahm ihren Platz hinter Tuurg ein und versuchte nicht weiter, sich gegen den Grünling zu stellen. Welchen Sinn hätte es auch gehabt? Er war stärker und hatte in dem fremden Land wohl sämtliche Einwohner auf seiner Seite.
In der Abenddämmerung kamen sie an einem kleinen Haus vorbei, das inmitten einer Grasebene stand, etwa 300 Meter von der Straße entfernt. Hin und wieder gab es Einsiedler oder Jäger, die weitab von Dörfern und Städten lebten, aber die halb zerfallene Hütte mit kaputten Wänden und dem halb eingefallenen Dach schien verlassen zu sein.
Ohne Zögern wandte sich Tuurg in Richtung der hölzernen Ruine: »Dort können wir die Nacht verbringen. Ist sicherer als im Freien.«
Aus der Nähe betrachtet, stellte sich der Bau als überaus schäbig heraus, von einem ungeschickten Handwerker windschief zusammengebaut. Ein provisorischer Unterschlupf. Auch drinnen gab es kaum etwas zu entdecken. Ein alter Tisch, zwei Hocker, übersät von Wurmlöchern und eine zusammengebrochene Liege ohne Bettzeug.
Traurig schaute Mynia zu dem unbrauchbaren Bett und seufzte. Wieder würde nur der Boden für die Nachtruhe bleiben. Zumindest sah das Dach von außen schlimmer aus als drinnen. Trotz des erbärmlichen Zustands bedeckte es über die Hälfte der Hütte. Besser als nichts.
In der hinteren, rechten Ecke stand eine große Truhe, an deren Schloss sich Tuurg sofort zu schaffen machte. Mit dem Griff des Kriegsbeils gelang es ihm, den Deckel zu entriegeln. Beim Öffnen des Deckels stieß der Ork ein überraschtes »Holla!« aus. Etwa 10 gefüllte Weinschläuche hatte jemand darin verstaut. Ganz so unbewohnt konnte die Hütte also nicht sein. Ein Unterschlupf für Räuber? Vermutlich. Sie treiben sich ganz in der Nähe herum, dachte Tuurg. Da hieß es, auf der Hut zu bleiben. Im Schlaf erschlagen zu werden passte nicht zu seinen Vorstellungen von einem ehrenvollen Kriegerleben.
»Hier wohnt doch jemand«, sagte Mynia und blickte sich noch einmal um. Nichts.
Wein hielt sich lange, also konnte es sich auch um ein Zwischenlager handeln. Reisende, die einer Gilde angehörten, wie etwa Händler, könnten sich abgesprochen haben, an diesem Ort eine Art verstecktes Proviantlager einzurichten. Tuurg wollte davon nichts wissen, er blieb bei seiner Theorie einer Verbrecherbande.
»Besser wäre es, diesen Ort zu verlassen und noch ein Stück der Straße zu folgen.«
»Nein«, protestierte Mynia. »Ich meine … bitte, lass uns hierbleiben. Ich kann nicht mehr. Den ganzen Tag sind wir gewandert, haben nur kurze Pausen gemacht und nun bin ich zu erschöpft. Nützt es dir denn, wenn du mich über den Boden schleifen musst, weil ich einfach umfalle?«
Die Elfe sprach die Wahrheit. Sollte er auf einen Aufbruch bestehen, würde sie nicht mehr lange durchhalten. Ob sie nun in der Hütte blieben oder gezwungen waren, nicht weit davon entfernt die Nacht zu verbringen, machte keinen Unterschied.
Eine fremde Stimme machte jede weitere Überlegung ohnehin überflüssig: »Sieh da, sieh da. Wenn sich ein Ork mit einer Elfe herumtreibt, muss dieser große Herr wohl etwas ausgefressen haben. Ist es nicht so?«
Beide wandten sich gleichzeitig um und sahen einen Ork mit zwei großen Narben, die sich quer über sein Gesicht zogen. Er hielt ein schweres Breitschwert in der Hand, seine Kleidung bestand aus einer alten Lederrüstung, braunen Hosen aus Rindsleder und schweren Soldatenstiefeln mit Metallbesatz am Schaft. Dieser Kerl gehörte nicht zur Oberschicht und wurde wohl nicht weniger verachtet wie Tuurg mit seiner Mynia.
»Mag sein, dass ihr von mir gehört habt, mein Name ist Venkor.«
»Der Schlitzer«, flüsterte Mynia.
»Oh, wie ich höre, kennt ihr mich also. Gut, dann wisst ihr wohl auch, was euch nun erwartet. Zuerst werde ich mich um den Bruder kümmern und ihn rasch vom Elend erlösen, das man Leben nennt. Dann bist du an der Reihe, kleine Elfe. Mit dir lasse ich mir mehr Zeit, ich werde dich … Was ist DAS?!«
Der ausgestreckte Zeigefinger Venkors deutet abwechselnd auf Tuurgs Kriegsbeil am Gürtel und auf den Bogen, den er über der Schulter trug. Er machte einen Schritt nach vorne, aber Tuurg hatte bereits sein Beil zur Hand und ging in Kampfstellung.
»Komm nur her und wir werden sehen, wer hier wen vom Leben erlöst.«
»Aber, aber«, meinte Venkor, breitete dabei seine Arme gleich einer freundschaftlichen Geste aus und versuchte ein gewinnendes Lächeln, das jedoch wie das Grinsen eines gefräßigen Monsters wirkte. »Wir sollten alle vernünftig bleiben. Ich gebe gerne zu, etwas übertrieben reagiert zu haben. Reiche mir einfach deine Waffen und wir können uns als Freunde voneinander verabschieden.«
»Hältst du mich für blöde?« Tuurg tippte sich an die Stirn.
»Junger Freund, du weißt nicht, was du da hast. Meine Freunde sollten es zu mir bringen, an diesen Ort. Nun, da sie nicht kamen und du statt dessen die Sachen hast, gehe ich davon aus, dass sie es wohl nicht überlebten. Stimmst du mir zu?«
Noch immer hielt Venkor genügend Abstand, um nicht in Schlagweite zu kommen. Im Gegensatz zu Tuurg, der sich darauf konzentrierte, ob der Körper des Wegelagerers ein Zeichen für den Angriff andeutete, erfasste Mynia das Gesamtbild. Etwas stimmte nicht. Venkor war nicht nur vorsichtig, er war geradezu ängstlich. Ob die Waffen verzaubert waren? Als Räuber kannte der Schlitzer diese Art von Zwickmühlen. Also hatten die Gegenstände etwas an sich, das sie von normalen Tötungswerkzeugen abhob.
Sie standen sich gegenüber, lauernd, wartend. Venkor suchte nach einer Unachtsamkeit Tuurgs und Tuurg wartete auf Venkors Vorstoß. Nur Mynia behielt ihren Blick für andere Geschehnisse. Sie wollte sich nicht abwenden, doch als sie kurz durch eine Öffnung in der Holzwand schielte, stockte ihr der Atem. Gardisten waren auf dem Weg zur Hütte. Ihre Pferde mussten sie am Straßenrand gelassen haben, denn die waren nirgendwo zu sehen.

Warum waren sie hier? Rasteten sie etwa immer in dieser alten Hütte? Nein, kam es der Elfe in den Sinn, die kommen her und wollen saufen. Das erklärte die vielen Weinschläuche. Aber natürlich, in der Abgeschiedenheit konnten sich die Soldaten dem Wein hingeben, Karten- oder Würfelspiele spielen und ihren Dienst etwas angenehmer gestalten. Niemand würde sie entdecken.
Mynia wollte Tuurg warnen, doch sie konnte sich nicht abwenden und beobachtete genau, was sich draußen abspielte. Für Gardisten, die sich geheime Freuden gönnen wollten, wirkten ihre Mienen aber viel zu ernst. Auch der stramme, hastige Marsch passte nicht zu den Vermutungen der Elfe. Vor Stunden waren diese Krieger an Tuurg und Mynia vorbeigeritten und aus ihrem Versteck hatte die Elfe jeden von ihnen gut erkennen können. Sie hatten über diesen Venkor gesprochen, der mit Tuurg eine psychische Schlacht austrug, bei der bisher keiner den Sieg davontrug.
Der Schlitzer war hier, die Soldaten waren hier … da musste es einen Zusammenhang geben.
Einige Meter von der Hütte entfernt blieben die Soldaten stehen. Sie bildeten eine Reihe und griffen nach ihren Waffen, dann trat der Hauptmann noch zwei Schritte vor und rief: »Venkor! Wir sind hier. Lass uns das Geschäft abschließen und wir verschwinden wieder.«
Ein leises Rascheln auf der Rückseite ließ Mynia aufhorchen. Sie ging zu der gegenüberliegenden Wand, suchte auch dort im morschen Holz einen Spalt und spähte hinaus. Im Dickicht hinter der Hütte bewegte sich etwas. Etwas oder jemand schlich dort herum.
Dann huschten Gestalten von einer Deckung zur nächsten - Wegelagerer. Kein Zweifel, Venkor hatte den Soldaten eine Falle gestellt. Nur waren diese nicht dumm und vorbereitet. Der Hauptmann musste dem Banditen von Anfang an misstraut haben. Sie erwarteten den Hinterhalt.
Zwei Armbrustschützen machten sich gerade bereit als Mynia wieder zur Vorderseite eilte.
»Hör zu, Bursche! Hast du die Soldaten gehört? Der Hauptmann versteht keinen Spaß, der will seine Ware und du hältst sie in der Hand.« Venkors Versuch, kühl und überlegen zu klingen, schlug fehl. Ihm war seine Nervosität leicht anzusehen, denn die Augen blickten unstet von links nach rechts, blieben immer wieder an Tuurg haften und fanden keine Ruhe.
Vorsichtig näherte sich Mynia ihrem orkischen Entführer. Sie flüsterte ihm ins Ohr, was den Schlitzer beinahe gänzlich aus der Fassung brachte. Dennoch hielt er sich zurück.
»Die haben Armbrustschützen und von der Hinterseite nähern sich Freunde von diesem Schlitzer.«
Tuurg schnaubte: »Gut, dann schlachten die sich gegenseitig ab und wir sind fein raus. Hör zu, Elfe ...«
»Ich habe einen Namen, Ork
»My-ni-a, nimm den Bogen, die Pfeile und kümmere dich um die Schützen.«
Venkors Stimme überschlug sich: »Was habt ihr da zu bereden? Gebt mir die Waffen, verdammt!«
Jetzt war nicht die richtige Zeit, sich mit Tuurg anzulegen. Gehorsam tat die Elfe das, was ihr aufgetragen worden war. Sie nahm den Bogen, schnallte den Köcher um die Hüften, legte einen Pfeil ein und zielte durch eines der größeren Löcher nach draußen.
Das Geschoss sauste weit an dem ersten Armbrustschützen vorbei und landete irgendwo auf der Wiese.
Aber es blieb nicht unbemerkt. Einer der Soldaten rief: »Ein Hinterhalt!«
»Als hätte ich es geahnt«, bemerkte der Hauptmann, während der zweite Pfeil durch die Luft sirrte, ohne auch nur annähernd jemanden zu treffen. »Los, Männer, zeigen wir denen, was richtige Krieger sind.«
Kaum war der Befehl des Hauptmanns ausgesprochen, brach die Hölle los. Hinter dem Haus kamen die Räuber mit gezückten Waffen schreiend angerannt. Mit nicht minder lautem Gebrüll stürzten sich ihnen die Gardisten entgegen und der Kampf war in vollem Gange.
Metall schlug auf Metall, Schmerzensschreie, Befehle - lange konnte sich Venkor nicht mehr beherrschen. Er zischte etwas und stürmte zur Tür hinaus. Tuurg wandte sich Mynia zu: »Wie viele hast du schon erwischt?«
»Keinen«, entgegnete die Elfe, während sie einen weiteren Pfeil in die Natur sandte.
»Was soll das heißen? Kannst du etwa nicht mit Pfeil und Bogen umgehen? Du bist eine Elfe, ich dachte immer, euch läge das im Blut.«
Mynia ließ den Bogen sinken und atmete tief ein um ihren Ärger zu unterdrücken. Dieser scharfe, gemeine Unterton in Tuurgs Stimme störte sie gewaltig: »Wenn der Herr Ork ja einmal nachdenken würde, müsste dem Herrn Ork aufgefallen sein, dass ich zu den Priesterinnen gehöre und nicht zu den Kriegerinnen. Ja, wir haben die besten Schützen, aber sie müssen es genauso lernen, wie alle anderen auch.«
Vorsichtig näherten sich beide dem einzigen Fenster und lugten ins Freie. Kein Zweifel, die Gardisten kämpften verbissen, aber gegen eine Überzahl wilder Banditen konnten sie nichts ausrichten. Vier Soldaten lagen bereits tot am Boden und ein anderer versuchte, sich gegen den Ansturm zu stellen.
Schwerter und Äxte zwangen ihn nieder, seine Todesschreie hallten in Mynias Ohren wider.
Nun war nur mehr der Hauptmann übrig, der sich aus dem Scharmützel herausgehalten hatte und den auch niemand wagte anzugreifen. Er stand einfach nur da, beobachtete, wie seine Männer abgeschlachtet wurden und wartete auf etwas.
Vor ihm tänzelte Venkor hin und her. Plötzlich machte der Schlitzer einen Satz nach vorne und trieb seine Klinge in die Brust des Hauptmanns.
Nichts. Keine Wunde, kein Blut. Statt dessen fegte er den Räuber fast beiläufig mit einer leichten Handbewegung zur Seite. Venkor flog durch die Luft und landete hart auf dem Boden. Einen Augenblick blieb er benommen liegen, in seinem Gesicht stand nackte Angst geschrieben.
Was hatte das zu bedeuten?
Tuurg sah auf das Beil in seiner Hand, das Venkor unbedingt hatte an sich reißen wollen. Der Ork kannte viele alte Geschichten und dachte daran, dass es sich nicht um eine einfache Waffe handelte, sondern um etwas, das jemand verzaubert hatte. Verzaubert für einen bestimmten Zweck.
Neben ihm gab Mynia einen Laut der Überraschung von sich und der Ork folgte ihrem Blick wieder nach draußen.
Der Körper des Hauptmanns bebte. Ein Zittern hatte ihn erfasst und ließ ihn immer stärker verschwimmen. Dann wuchs er, veränderte sich. Aus seinem Mund ragte ein grässliches Raubtiergebiss, die Ohren verschwanden und seine Haut färbte sich schwarz. Seine Kiefer schoben sich nach vorne, bildeten ein Maul, die gelben Augen leuchteten voller Bosheit. Wo zuvor Hände waren, befanden sich Klauen mit langen, scharfen Krallen.
Bald glich er einem riesenhaften Mischwesen, das Echse und Hyäne in sich vereinte. Teile der durch die Verwandlung gesprengten Rüstung lagen verstreut auf der Grasfläche und für einige Sekunden bot der Hauptmannshelm auf dem riesigen Kopf ein groteskes Bild. Mit seinem langen, Dornenschwanz peitschte das Ungeheuer hin und her, riss Banditen von den Beinen, die sich zu nahe herangewagt hatten. Wer nicht durch die Wucht getötet oder durchbohrt wurde, starb an den klaffenden Wunden, die in ihre Körper geschlagen wurden.
Wenn Tuurg die hintere Wand einschlug, könnten er und Mynia fliehen. Fragte sich nur, ob sie das Monster auch fortlassen würde. Und selbst wenn, sie mussten weiter der Straße folgen. Im Wald war es nicht weniger gefährlich, wie sich vom Beginn der Reise an herausgestellt hatte.
»Die Waffen! Die Waffen!«
Venkor kreischte in wilder Panik. Das Monster hatte ihn mit einer Klaue geschnappt und führte den Banditen langsam zu dem geifernden Maul. Voller Ekel wandte sich Mynia von dem grässlichen Schauspiel ab, es genügte ihr, die erstickten Schreie, gefolgt von dem Knirschen brechender Knochen hören zu müssen.
Tuurg berührte Mynia und bedeutete ihr mit dem Finger an den Lippen still zu sein. Sie mussten sich ruhig verhalten, durften nicht das geringste Geräusch machen. Dann gab es eine Chance, aus der Sache lebendig herauszukommen.
»Zurück!«
Überraschend hart schubste Mynia den Ork vom Fenster weg. Sie selbst sprang ebenfalls zur Seite. Gerade rechtzeitig, bevor beide von der einstürzenden Hüttenwand erschlagen wurden. Das Biest hatte die Vorderseite mit einem einzigen Hieb eingerissen und nun standen sie einer tödlichen Gefahr gegenüber, die offensichtlich nicht zu verletzen, geschweige denn zu töten war.
Hastig deutete Mynia auf das Monster: »Töte es, los, töte es!«
»Du machst mir Spaß. Wie soll ich denn dieses Vieh ...«
Tuurg wurde gegriffen, bevor er seine Frage beenden konnte. In seiner Verzweiflung hieb er mit dem Beil auf die Klaue ein, ohne auf Erfolg hoffen zu dürfen. Umso mehr freute es ihn, dass seine Hiebe Wirkung zeigten. Dort, wo die Schneide der Axt in das Fleisch des verwandelten Hauptmanns eindrang, verfärbte es sich auf der Stelle und stank erbärmlich.
Wütendes Gebrüll ließ die Erde erbeben, doch Tuurg wurde nicht losgelassen. Kraftvoll stieß er das Beil in den Kiefer des Ungeheuers, sodass es nicht zubeißen konnte.
»Mynia! Der Bogen! Nimm den Bogen!«
Zuerst zögerte die Elfe, doch schließlich suchte sie zwischen den Trümmern nach dem Bogen und den Pfeilen.
»Ich kann nicht damit umgehen!«
»Bei den Göttern, das Biest ist so groß wie ein Haus! Da kann man gar nicht vorbeischießen! Jage ihm einen Pfeil in den Leib, Mynia! JETZT!«
Voll konzentriert erfasste die Elfe den Körper der Bestie und ließ die Sehne los. Mit leisem Zischen fuhr er nur einen Zentimeter von Tuurgs Nase entfernt vorbei in die Weite.
Der Ork riss seine Augen weit auf, starrte zu Mynia und rief: »Das ist nicht wahr, oder? Du hast nicht wirklich vorbeigeschossen und fast mich getroffen ...«
»Ich könnte meine Magie ...«
»Wage es ja nicht, Elfe! Wage es ja nicht! Lieber lasse ich mich fressen.«
Erneut versuchte Mynia ihr Glück, trat noch einige Schritte näher an das Monster heran, wobei sie darauf achtete, außer Reichweite des Schwanzes zu bleiben. Dieses Mal traf der Pfeil. Er fraß sich zischend in die Schulter des Wesens, ließ das Fleisch auf der Stelle verfaulen. Auch die beiden nächsten Schüsse trafen. Endlich lockerte sich der Griff um Tuurgs Körper.
Hastig riss der Ork sein magisches Beil aus dem nach fauligem Atem stinkenden Rachen und hieb auf seinen Gegner ein. Auch Mynia schoss weiter.
In blinder Wut schlug die Bestie um sich, erkannte aber längst nicht mehr, wem sie sich zuwenden sollte. Mit jeder Wunde breitete sich eine Art Verwesung aus, bis der ehemalige Hauptmann unter einem weiteren, markerschütternden Brüllen vornüber fiel. Sogleich hastete Tuurg zum Hals des Monsters und schlug zu. Einmal, zweimal. Mit dem dritten Schlag löste sich das Haupt und zerfloss zu einem zähen Brei. So geschah es auch mit dem ganzen Leib, bis nichts weiter übrig blieb als ein großes, schmutziges Skelett in übel riechender Brühe.
Mynia stand noch immer mit ihrem gespannten Bogen da. Langsam ließ sie ihn sinken und schaute zu Tuurg: »Wir haben es geschafft.«
»Wir? Du hättest mich treffen können. Das war reines Glück.«
»Nein, die Götter des Waldes haben meine Hand gelenkt.«
Ein lautes Lachen entfuhr Tuurgs Kehle: »Elfe, das war nichts weiter als Todesangst. Die kann einen zu Höchstleistungen treiben.«
»Ich hatte keine Angst«, entgegnete Mynia kühl, »aber ich kenne da einen Ork, der sich beinahe in die Hose gemacht hätte.«
»Pah! Mir war nur nicht wohl bei dem Gedanken, die ganze Arbeit allein machen zu müssen, während die werte Dame nicht zu schießen versteht.«
»Hättest du mich nicht entführt ...«
Auf ihrem Weg zur Straße vertieften sich Tuurg und Mynia in ihr Wortgefecht. Alle Müdigkeit war für den Augenblick vergessen, sie wollten weg von dem kleinen Schlachtfeld, weg aus diesem Land.
Und dazu mussten sie der Straße folgen.

Anmerkung des Autors:

Die Geschichte hat ein offenes Ende und - bei Gefallen - kann sie gerne auch von anderen fortgeführt werden, mit eigenen Abenteuern, die Tuurg (Ork) und Mynia (Elfe) erleben. Es gäbe da nur ein paar kleine Bedingungen:

  • Mögliche Fortsetzungsgeschichten werden ausschließlich für den GS zur Verfügung gestellt.
  • Tuurg und Mynia kabbeln sich weiter - nix mit Mulder-Scully-Liebesgedöns während der Entwicklung.
  • Sie folgen der Straße, die von mir aus unendlich lang sein kann.
  • Tuurg und Mynia müssen überleben.

Es dürfen für eine Geschichte oder auch zwei gerne auch andere Mitreisende hinzukommen, aber nicht mehr als zwei. Mynia darf sich auch gerne tarnen, mit einem Umhang z. B., aber trotzdem hat sie elfische Gesichtszüge. Ansonsten ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

 

Copyright © 2011 by Sven Später


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