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Einzelhaft von Carola Kickers Wie jede Woche betrat Pfarrer Berthold das Gefängnis, um neue Insassen zu begrüßen und seinen altbekannten und manchmal widerspenstigen Schäfchen Trost zu spenden. Er tat diesen Dienst gerne und mit dem Eifer eines Pfadfinders. Das respektable, von hohen Zäunen und Stacheldraht umrahmte Gemäuer aus roten Backsteinen stammte aus der Jahrhundertwende und trotz umfangreicher Sanierungsarbeiten schien es noch immer an seiner Vergangenheit festzuhalten. Selbst nachts war es niemals ganz still hier drin. Von hallenden Schritten in den menschenleeren Gängen bis hin zu dem vereinzelten Husten eines Häftlings hörte man alle möglichen Geräusche. Ja, das Gebäude selbst schien zu atmen. Wärter Schulze war diese an Atmosphäre gewohnt, tat er doch seinen Dienst selbst seit drei Jahrzehnten in diesem Bauwerk. Er kannte alles und jeden hier, selbst die Mauselöcher im alten Vorratskeller, der längst nicht mehr benutzt wurde. Auch Schulze schien in der Vergangenheit stecken geblieben zu sein. Sein grauer, gepflegter Bart erinnerte an die deutsche Kaiserzeit, ebenso seine eiserne Disziplin. Wärter und Pfarrer machten den wöchentlichen Rundgang durch die endlosen, nach Bohnerwachs riechenden Gänge wie gute, alte Freunde. Jeder, der die Beiden so nebeneinander sah, hätte unwillkürlich lachen müssen. Der in Uniform militärisch daher schreitende Egon Schulze mit einer Größe von fast 1,90 m und der Figur einer Bohnenstange und der kleine, wohlgenährte Pfarrer, der bei seinem Gewicht schon etwas Mühe beim Treppensteigen hatte. Ihre gemeinsamen Rundgänge nahm Wärter Schulze nur zu gerne wahr, um von seiner Familie und den vielen kleinen und großen Wehwehchen, die ihn von Zeit zu Zeit plagten, zu erzählen. Endlich hatte er einen dankbaren Zuhörer gefunden. Pfarrer Berthold seufzte meist nur ergeben oder nickte verständnisvoll. Ab und zu kam dann ein »Ja, ja, so ist das« über seine Lippen. Hin und wieder schloss Schulze eine Zellentür auf oder zu, wenn der Pfarrer den einen oder anderen Häftling besuchte. Die meisten der Inhaftierten freuten sich über die Unterbrechung ihres tristen Alltags, auch, wenn diese eine Soutane trug und ihnen mit den üblichen Bibelsprüchen Trost zu spenden versuchte. Andere wiederum hatten mit der Kirche und dem Prinzip Hoffnung längst abgeschlossen. Aber selbst bei denen ließ der Priester nicht locker und besuchte sie regelmäßig. Nach einiger Zeit wurde Schulze heute von einem Kollegen weggerufen. »Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, ich muss mal eben nach dem Rechten schauen. Sie kennen sich ja aus, gehen Sie doch so lange in die Kantine und holen sich einen Kaffee. Bin in zehn Minuten zurück.« Zackig, wie es seine Art war, drehte Egon Schulze sich um und marschierte zu einem der benachbarten Zellenblöcke. Der Gefangene drehte sich unhöflicherweise nicht einmal um. Er hielt seine Hände hinter dem Rücken verschränkt wie ein Generaldirektor, und seinen Namen nannte er auch nicht. Man hatte den Eindruck, dass dieser groß gewachsene, schlanke Mann mit den kurz geschnittenen, dunklen Haaren auf irgendetwas wartete. »Ich habe gelogen, verführt, betrogen und getötet – oder besser – töten lassen. Ja, ich selbst habe mir niemals die Hände schmutzig machen müssen.« Die Stimme des Gefangenen klang ruhig und angenehm, aber völlig emotionslos. Der Pfarrer war schockiert, ließ sich aber nichts anmerken. Offenbar ein ganz schwerer Junge! Sollte hier etwa ein Geisteskranker vor ihm stehen? Pfarrer Berthold wurde mulmig zumute. Trotzdem wagte er noch einen Vorstoß. Vielleicht gab es ja eine logische Erklärung dafür? Der Pastor seufzte. Wie sollte er diesen Menschen nur mit seinem Glauben erreichen? »Sehen Sie«, begann der Gefangene zögernd, aber mit fester Stimme, »ich habe meine Aufgabe, genau wie Sie. Meine Opfer, wie Sie sie nennen, haben einen freien Willen. Sie können meinen Weg wählen oder einen anderen. Genau wie Sie darf ich den Menschen alle Möglichkeiten aufzeigen.« Pfarrer Berthold empfand diese Erklärung als pure Blasphemie und bemühte sich verzweifelt um einen ruhigen Tonfall. »Herr Pfarrer, Sie sündigen gerade«, bemerkte der Mann am Fenster mit leisem Spott. Kaum war er auf den Gang getreten, kam Wärter Schulze ihm auch schon mit großen Schritten entgegen gelaufen. »Ach, da sind Sie ja, Herr Pfarrer, ich habe Sie schon überall gesucht. Was machen Sie denn in der leeren Zelle?« Der Geistliche sah den Wärter jetzt völlig entgeistert an. »Wieso leer? Ich habe doch gerade mit dem Häftling darin gesprochen.« Pfarrer Berthold drehte sich verdutzt um und bemerkte erst jetzt die plakative Zahl auf der grün gestrichenen Zellentür: 666 © Carola Kickers
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