Stories
Divina Commedia
Eine Mystery-Kurzgeschichte von Norman Nekro
Tja, das war's denn wohl.
Allem Anschein nach bin ich jetzt tot.
Ich stehe oder schwebe, wer weiß das schon, in einem dunklen Nichts. Besser gesagt, in absoluter Schwärze. Ich kann nichts sehen, nichts hören – und wenn ich vorsichtig um mich herum taste, auch nichts fühlen.
Ist das noch mein Körper? Der Eindruck, Arme und Beine bewegen zu können, ist zwar nach wie vor da. Wie im richtigen Leben, verzeihen Sie den Sarkasmus. Aber ist dieses Gefühl real oder schlichte Einbildung? Vielleicht nur eine Erinnerung an ehemals selbstverständliche Fähigkeiten, die sich dagegen sträubt, das Bewusstsein verlassen zu müssen?
Bewusstsein? Gibt es sowas überhaupt in diesem schwarzen Loch? Anscheinend doch, denn ich weiß ganz genau, wer ich bin – oder, ebenfalls besser gesagt, war. Aber das tut hier nichts zur Sache. Wissen müssen Sie nur, dass ich das Auto nicht habe kommen sehen. Wer rechnet auch mit einem Vollgastrottel in einer engen Sackgasse? Erst in der buchstäblich letzten Sekunde, als das Blech bereits begann, sich in meine Eingeweide hineinzufressen, hörte ich den dumpfen Schlag und nahm bewundernd das herrliche Metallic-Orange der Motorhaube wahr.
Dann war nichts mehr.
Komisch, dass hier alles schwarz ist. Man liest doch immer, dass der Mensch während der Phase seines Ablebens in einem Tunnel schwebt, dem verheißungsvollen Licht an dessen Ende entgegen. Soll der Himmel sein, heißt es. Von Tunneln und Lichtern habe ich aber nichts gemerkt.
Heilige Sch ..., bin ich vielleicht bei der Konkurrenz gelandet? Aber selbst dann müsste man ja eigentlich etwas sehen können. Feuerschein und so. Auch das Jammern und Zähneknirschen wäre in diesem ganz speziellen Wellness-Etablissement sicher nicht zu überhören.
»Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren«, soll über dem Eingang stehen.
Warum fällt mir gerade jetzt jener lorbeerbekränzte Dichterfürst ein, mit dem mich die Lehrer während meiner Schuljahre so genüsslich geplagt haben? Auswendig lernen und interpretieren, interpretieren und auswendig lernen! »Dante ist eine Erfahrung für's Leben«, sagten sie.
Für das Leben vielleicht. Aber jetzt bin ich ja tot, hehe.
Trotzdem. Hier einfach für alle Ewigkeiten rumhängen bringt auch nichts. Also die Arme nach vorne gestreckt, damit ich in dieser verdammten Schwärze nicht gegen eine Mauer oder sonstwas renne – und langsam vorwärts. Schritt für Schritt. Vielleicht finde ich doch den Weg zum Tunnel mit dem Licht. Es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert.
Komme ich überhaupt vom Fleck?
Kann ich nicht sagen.
Also weiter.
Ich sehe was, das du nicht siehst. Schön wär's! Aber Moment mal – können auch Sie diesen Schimmer da vorn erkennen? Irgendwas ist da nicht mehr ganz so schwarz. Ein rotes Loch, nein, ein … Portal!
Kommen Sie mit, das sehen wir uns an. Tatsächlich! Beleuchtet wie der Eingang zum Club Chérie! Ein toller Laden, kann ich nur empfehlen, mit den schärfsten ...
Aber was für ein Schild hängt dort? Werbung? Nein, jetzt kann ich es lesen. Klingt wie O-Ton Dante.
Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Nicht gerade aufmunternd, meinen Sie nicht auch? Aber erstmal abwarten, Dichtung ist schließlich Dichtung und Wahrheit ist Wahrheit. Ich werde den Tunnel und das Licht schon finden. Aber durch diese Tür hier gehe ich nicht. Nee, Trauer und Schmerzen – ohne mich!
Was ist das? Da kommen Typen raus! Zwölf … sechzehn … neunzehn! Dreizehn Männer und sechs Frauen! Genau die Gruppe, die ich in meinem Berufsleben abserviert habe. Immer im Auftrag der Firma, und immer schön sauber mit einem einzigen Schuss aus meiner Glock, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.
Mein Gott, was halten die denn in den Händen?
Gleich haben sie mich erreicht. Ich kann nicht weg, meine Glieder lassen sich nicht mehr bewegen.
Können Sie mir denn nicht helfen ...?
Copyright © 2010 by Norman Nekro
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