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Stories

Die Zelle

Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Christian Pirschalawa

Die Zelle, in der Robert saß, war mit schwarzen Kacheln ausgekleidet. Die Zellentür hatte die gleiche Farbe. Man hätte denken können, sich in völliger Dunkelheit zu befinden, wenn es nicht das verschwindend schmale Oberlicht gegeben hätte, welches bewies, dass die Zelle tatsächlich einfach nichts Farbiges enthielt. Sie verfügte auch über kein Inventar, nicht einmal eine Toilette oder ein Bett. Robert, der zusammengekauert in einer Ecke lag, öffnete die Augen. Er wusste, dass sie gleich kommen würden. Die Zellentür wurde aufgerissen, und im grellen Licht, das aus dem Flur in die Zelle drang, erkannte Robert die Schemen der Wachmannschaft.
»Der Weckdienst ist da«, brüllte der Oberaufseher. »Aus den Federn, Insasse Nummer 076016!« Die Wachen stürmten auf Robert zu und begannen, ihn mit den Fäusten auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Fingerknöchel und in den Magen zu schlagen und ihn mit ihren Stahlkappenstiefeln in die Rippen sowie auf die Füße, Arme und Schienbeine zu treten. Am ganzen Körper spürte Robert die gewaltsamen Eindrücke. Sich auf einen einzelnen Schmerz zu konzentrieren war unmöglich.

Obwohl diese Behandlung jeden Morgen stattfand, stumpfte Robert nicht dagegen ab. Schlimmer als die Schmerzen an sich empfand Robert die Orientierungslosigkeit, in der er sich während der Prozedur befand. Kein Hieb, kein Tritt war vorauszusehen, der Urheber jeder einzelnen Pein war in dem Gewirr von Uniformen, Stiefeln und Bärten nicht auszumachen. Die einzige Ausnahme bildete der abschließende Schlag in den Magen, der immer von einem Einzelnen ausgeführt wurde. Heute schien sich ein Neuling daran zu versuchen, denn er schlug aus Versehen in die Rippen und musste sich die Hand danach vor Schmerz reiben. Seine Kollegen lachten.
»Der hat ein legierungsverstärktes Skelett, damit wir länger und fester auf ihn einschlagen können, ohne ihn wegen Knochenbrüchen ins Krankenzimmer schicken zu müssen«, erklärte ihm der Oberaufseher dann freundlich. »Also nächstes Mal entweder besser zielen oder wenigstens Schlagringe überziehen«. Die Wächter zogen kollegial plaudernd ab. Erleichterung konnte Robert darüber nicht empfinden. Für ihn bedeutete das Ende der kurzfristigen Schmerzimpulse nur den Beginn jener langwierigen Phase, in der die neu zugefügten Blessuren nach und nach ihr ganzes quälendes Potenzial entfalteten und dabei schon längst verheilt geglaubte Wundherde wieder aufflammen ließen.

Der Arzt kam immer genau dann, wenn die Schmerzen langsam nachließen. Dabei bedeutete sein Erscheinen keinerlei Linderung der Beschwerden, wie es von Angehörigen seines Berufsstands zu erwarten wäre, sondern ganz im Gegenteil den Erhalt des bestehenden Maßes an Leid. Während diesem Arzt wenig an der Besserung von Roberts Zustand lag, suchte er immerhin eine drastische Verschlechterung zu verhindern. Von daher kamen seine Kenntnisse der Heilkunde zumindest ab und an zum Einsatz und waren nicht vollkommen vergebens erlernt worden. Mit einer verblüffend aufrichtigen Freundlichkeit begrüßte er den Insassen der Zelle und erkundigte sich nach dessen Befinden, doch Robert konnte nur ein wohlmeinendes Ächzen von sich geben. Der Besuch des Arztes gehörte zu den angenehmeren Seiten des Alltags, denn obwohl dieser ihm meist nur Drogen mit den grässlichsten Wirkungen verabreichte, konnte Robert ihn im Gegensatz zu dem anonymen Gewirr an Wachschlägern genau betrachten und mochte das ruhige, freundliche Gesicht. Nachdem Robert ein Kopfschmerzmittel und ein Hunger verstärkendes Serum verabreicht bekommen hatte, verabschiedete sich der Arzt und rief die Sanitäter herein, die Robert aus der Zelle trugen und ihn anschließend durch die grell beleuchteten Gänge schleppten.

Das Ziel der Truppe war ein kleiner Raum, in dem sich bis auf einen Stuhl kein weiteres Inventar befand. An einer Wand befand sich eine Glassscheibe, hinter der man den Kontrollraum sehen konnte. Dort saß hinter einigen technischen Apparaturen Roberts Folterknecht für die nächsten drei Stunden. Er blickte angeödet nach vorne, während Robert von den Sanitätern auf dem Stuhl festgeschnallt wurde. Der Mann im Kontrollraum war Robert besonders verhasst, denn er war weder freundlich noch sadistisch, sondern ging seiner Arbeit vollkommen gleichgültig und gelangweilt nach. Die Prozedur begann sofort, nachdem die Sanitäter den Raum verlassen hatten. Das Licht wurde ausgeschaltet und der Folterknecht begann sein Konzert. Zunächst ließ er einen unangenehmen Pfeifton gemächlich, aber beständig anschwellen. Robert konnte sich entweder auf das akustische Signal oder auf seine Kopfschmerzen konzentrieren, die in gleichem Maße an Intensität gewannen. Als Nächstes schaltete der Mann im Nebenraum ein penetrantes, unrhythmisches Piepen dazu. Eine halbe Stunde musste Robert das ertragen, dann kehrte plötzlich Stille ein. Sie wirkte so wohltuend auf die Ohren, dass Robert fast die Kopfschmerzen vergaß. Allerdings bemerkte er nun auch die einsetzende Wirkung des Hungerserums, und sofort wurde er von einem Schwall aus kulinarischen Geräuschen überfallen. Plötzlich köchelte und brutzelte es überall um ihn herum, Geschirr und Besteck wurden angerichtet, Menschen aßen, tranken, kauten, und leckten sich die Finger. Robert wurde nach einer halben Stunde dieser Behandlung vor Hunger fast wahnsinnig. Dann setzte wieder das Pfeifen und Piepen ein, das diesmal von einem mechanischen Hämmern begleitet wurde und Robert direkt wieder die Kopfschmerzen in die Wahrnehmung rückte, die natürlich nicht ausreichten, um vom starken Hungergefühl abzulenken. Daran änderte auch das langsame Entschwinden der Essensgeräusche wenig, die nun langsam von anderen, aus dem längst vergessenen Alltag stammenden Geräuschen ersetzt wurden.

Das Geschrei von kleinen Kindern, laute Ansagen, tausend schrille Werbesendungen umgaben Robert, um ihn herum fuhren unzählige U-Bahnen ein, die mit ihren Rädern über die Gleise quietschten, Schaffner pfiffen Züge ab, Leute niesten, plapperten wirres Zeug und lachten lauthals darüber. Betrunkene schrien provozierend durch die Gegend, ein ganzer Chor von Menschen wollte nicht aufhören, zu heulen und zu schluchzen. Die Geräuschkulisse machte Robert so aggressiv, dass er um sich treten wollte, allerdings ließen die Gurte dies nicht zu. Er konnte sich nur etwas in ihnen winden, um sich abzureagieren. Allerdings bereitete ihm selbst dies Mühe, wegen der bohrenden Leere des Magens und den Schlägen im Kopf, die durch das Gewinde nicht nachgiebiger wurden. Als er dann auch von Kriegsgeräuschen, knatternden Gewehren, dumpfen Bombeneinschlägen und dem Geschrei der Verwundeten und einer ganzen Heerschar stampfender Maschinen beschallt wurde, lag er nur noch stumpf in dem Stuhl und wartete darauf, dass sich das angestaute Adrenalin langsam wieder abbaute. Inzwischen hatte er schon jegliches Zeitgefühl verloren, und gerade jetzt setzte die letzte, aber schlimmste Phase der Behandlung ein. Die Beschallung setzte plötzlich wieder aus. Und noch ehe sich Robert an die wohltuende Stille gewöhnen konnte, knallte es um ihn herum erneut. Dann wurde es wieder unterbrochen. Dann setzte wieder alles ein. Und immer gab es einige Momente, in denen Robert dachte, dass er den letzten Einsatz überstanden hatte, dass sich gleich die Tür öffnete und die Sanitäter hineinstürmten. Stattdessen schlug der Lärm immer wieder in unregelmäßigen Intervallen auf ihn ein, es wollte und wollte nicht enden. Ab und an gab es sehr lange Pausen der Stille, die wegen der grausigen Erwartung des nächsten Lärms zur Nerven zerreißenden Tortur wurden. Und obwohl Robert kaum in der Lage war, die ungefähre Uhrzeit zu bestimmen, wurde ihm rasch bewusst, dass die Schweine von der Planung diese Behandlung verlängert hatten. Dabei hatte er schon darauf vertraut, dass zumindest dies ein unveränderlicher Bestandteil seines Alltags sein sollte.

Als die Sanitäter in den Raum eintraten, der dank der nun geöffneten Tür von Licht durchflutet wurde, fühlte sich Robert, als sei er gerade von den Toten auferstanden. Er nahm nur verschwommen wahr, wie er losgeschnallt wurde, wie die Sanitäter seinen schlaffen Körper auffingen, ihm ein Antikopfschmerzmittel verabreichten und ihn in den Gang zur Kantine trugen, ihn dort irgendwo auf den Boden legten und ihn wieder verließen. Normalerweise brachte ihm selbst die Erlösung von der Akustikkammer keine Freude, und eigentlich hätte er sich die nächste Dreiviertelstunde nicht mehr gerührt, doch heute war ausnahmsweise ein besonderer Tag. Er richtete sich auf und ging in die Kantine, noch unter einigem Ächzen und Hinken, denn sein Körper war es gewohnt, nach der Geräuschfolter etwas länger zu ruhen.

Robert stand nun mit dem Tablett bei der Essensausgabe. Die Ernährung war, wie so vieles in dieser Anstalt, ein Produkt ins Negative gekehrter Kunst und Wissenschaft. Der Koch war ein Spezialist, der es verstand, ein Essen mit Präzision misslingen zu lassen. Jede einzelne Geschmackskomponente wurde explizit verdorben. Man konnte die verschiedenen Facetten der Ungenießbarkeit herausschmecken, und selbst die abgebrühtesten Esser konnten unmöglich irgendeinen Gefallen an diesem Essen finden. Dennoch bestand man hier auf der Aufnahme des Essens, da es alle notwendigen Nährstoffe für das Durchstehen der unentwegten Folter der Insassen enthielt. Und wer die Aufnahme dennoch verweigerte, wurde sofort ein Kandidat für die Behandlung mit dem Trichter.

Mit einem Tablett voller Auswurf der kulinarischen Hölle in den Händen spähte Robert durch den Speisesaal und suchte nach seinem Kumpanen. Es war schwierig, unter der Masse von blauen Overalls und einheitlich kurzen Haarschnitten Einzelpersonen auszumachen, zumal alle die gleichen zerfallenen, zermürbten Gesichter hatten. Robert sah sicher nicht besser aus. Schließlich erblickte er Cliff, das aber nur, weil auch dieser den Raum mit den Augen absuchte, und setzte sich zu ihm. Cliffs Tablett war bereits leer.

»Da bist du ja endlich!«, sagte Cliff.
»Tut mir leid, aber die Bastarde haben die Akustikkammer heute in die Länge gezogen.«
»Mach dir nichts draus, wenn alles klappt, musst du diese Kammer nie wieder sehen.«
Robert musste es unterdrücken, die Augen aufzureißen. »Du hast eine Möglichkeit gefunden?«
Cliff nickte stumm. Mit argwöhnischen Blicken wies er auf die beiden Wachposten, die am Eingang der Kantine postiert waren. »In diesem Komplex gibt es hier und da einige Wachen, Sicherheitskameras habe ich auch schon gesehen. Aber das ist alles mehr Schein als Sein, eine Farce.«
Robert atmete erstaunt ein.
»Man merkt es gar nicht«, fuhr Cliff fort, »da man meist zu sehr mit der Folter beschäftigt ist, aber ich habe heute einmal darauf geachtet. Ein Hochsicherheitstrakt ist das hier bei Weitem nicht.« Cliff musste grinsen. »Die Hürden, die man überwinden muss, sind also gering und erfordern kein übermenschliches Maß an Geschick.«
Robert zuckte mit den Schultern. Gedämpft fragte er: »Und wie geht es nach draußen?«
»Über das Büro des Direktors.«
»Und wie kommen wir dahin?«
»Wir werden morgen nach der Frühbehandlung einfach im Zimmer des Direktors Betäubungsmittel beantragen.«
»Betäubungsmittel, damit die Wachen morgens noch länger auf uns eintreten können?«
Cliff nickte. »Natürlich nur, wenn wir am Morgen darauf noch hier sind. Das Zimmer des Direktors liegt in der Peripherie des Gebäudes. Es soll dort einen Lüftungsschacht geben, durch den man relativ rasch aus dem Gebäude gelangt.«
»Und wie sollen wir das unbemerkt machen?«
»Der Direktor holt doch immer erst die Akten der Häftlinge aus dem Hinterzimmer, bevor er einen Antrag bearbeitet, dann ist unsere Gelegenheit gekommen!«

Robert schritt durch den Korridor, zwar mit einem elenden Geschmack im Mund, aber irgendwie doch gesättigt – wie ein nach Liebe Suchender, der seine Triebe in einem Bordell befriedigen musste, weil er nichts Besseres finden konnte. Glücklicherweise konnten die Tage dieses Fraßes bald gezählt sein. Ein Gefühl des Triumphes stieg in ihm auf, und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, so schien es ihm, spürte er so etwas wie Zuversicht. Doch plötzlich durchzuckte ihn ein grässlicher Schmerz. Robert starrte benommen auf seine rechte Hand, an der sein fehlender Mittelfinger regelmäßig schreckliche Phantomschmerzen verursachte. Verflucht, das hatte er ganz vergessen! Und mit der Erinnerung holte ihn auch direkt die Realität ein: Weiß behandschuhte Hände legten sich auf seine Schultern und führten ihn ab.

Benommen starrte Robert in die Dunkelheit und versuchte herauszufinden, welches Mittel sie ihm diesmal gespritzt hatten. Er bewegte seine Hand ein wenig und schlug seinen Zeigefinger auf die Armlehne. Das pochende Geräusch hallte in seinem ganzen Körper wider. Impulsverfremder. Robert stöhnte innerlich auf. Er vernahm stumpfes Pochen und Gewisper, wie das Zischen von Schlangen: Die Schlächter waren angekommen. Die Beleuchtung sprang an, und grell schrie es Robert ins Gesicht. Ein halbes Dutzend weiße Gestalten standen vor ihm, ihre leeren Augenpaare gaben keinerlei Auskunft über die Mimik unter dem Mundschutz. Es waren die hoch qualifiziertesten Sadisten, denen Robert jemals begegnet war. Der Raum hinter ihnen war mit Spiegeln ausgekleidet, die aus Roberts verschwommener Sicht rundlich aussahen, wie Schuppen. Ihm war, als betrachtete er einen gigantischen Fisch von der Seite. Sämtliche Spiegel bildeten seine Hände ab, auf der linken Seite die gesunde, auf der rechten Seite die verstümmelte. Die Finger liefen in Roberts Wahrnehmung spitz zu, seine Hände sahen aus wie Reptilienpranken. Die Gestalten sprachen miteinander, die Stimmen klangen hohl und spöttisch. Zu jeder Seite holten zwei der Gestalten, die Assistenten, einen Kühlbehälter. Das Zischen des bei der Öffnung hinausströmenden Stickstoffs klang in Roberts Ohren wie ein schrilles Fiepen, und direkt kamen ihm die unangenehmen Erinnerungen der vergangenen Akustikbehandlung wieder hoch. Trotz des widerlichen Inhalts des Behälters zu Roberts Rechten konnte er die Sehnsucht nicht bezwingen und musste hineinsehen: Auf dem Eis lag sein rechter Mittelfinger, angeschlossen an Biokabel, die das Körperteil mit einer Flüssigkeit durchpumpten, die es auf unbegrenzte Dauer transplantierbar machten. Eine Eigenschaft, die bisher schon oft zum Einsatz kam …

Die Freude über das Wiedersehen des vermissten Körperteils wurde jäh durch das Ansetzen des Skalpells unterbrochen. Die beiden Schnitte klangen so, als hätte man Textilien direkt neben Roberts Ohr zerrissen: das Startsignal eines ganzen Infernos unangenehmer Eindrücke. Robert konnte alles in verzerrter Form wahrnehmen. Sämtliche Berührungen seiner Nerven, sei es nun ihr Durchtrennen auf der linken Seite oder das Zusammennähen auf der rechten Seite, fühlte er wie kleine, langsame Stromstöße in allen Gliedern. Blut rauschte an ihm vorbei, wie das Wasser einer tödlichen Strömung, die Robert mit sich riss, stoppte kurz, wenn irgendwo eine Blutung gestillt oder ein Gefäß vernäht wurde, und brach wieder los, wenn die Schlächter ihre Messer erneut ansetzten. Unzählige Reflexionen von zwei biologischen Baustellen umgaben den unfreiwilligen Patienten. Auf der einen wurde abgerissen, auf der anderen restauriert, und überall lagen rötliche und weiße Bauteile herum. Ein Chirurg nähte bereits behutsam die Haut an der rechten Hand zusammen, seine Fischaugen verschlitzten sich zu Ellipsen. Konzentriert ging er zu Werke, wie ein Hobbybastler, der ein teures Modell zusammenbaute. Der andere Finger war schon in sein kühles, temporäres Grab getragen worden. Die Nagetieraugen des zuständigen Chirurgen strahlten vor Zufriedenheit. Ohne Robert noch eines weiteren Blickes zu würdigen, verließen die teuflischen Halbgötter den Raum. Die Schuppen färbten sich schwarz.

»Am rechten Bühnenrand, hast du …«
Robert blinzelte. Was?
»Heute … Kegel …« Robert blickte um sich. Sein rechter Mittelfinger war wieder da, der linke war ihm als Pfand dafür genommen worden. Er hatte nicht geträumt.
»Hörst du mich? Du sollst die verfluchten Kegel jonglieren, Prinzessin!«
Robert schreckte auf. Er kauerte an einer Säule auf einer Bühne. Um ihn herum führten Mitinsassen – die meisten von ihnen waren nackt – lächerliche Kunststücke auf. Neben ihnen standen meist Instrukteure und brüllten ihnen Anweisungen zu. Heute war also das Zellentheater an der Reihe.
»Prinzessin!«
Robert blickte an seinem Instrukteur hinauf, dann ergriff er hastig die drei Kegel, die vor ihm lagen, und richtete sich auf. Er nahm einen kühlen Luftzug an seinem Rücken wahr. Bis auf den Papierkittel, in den er vor der sinnlosen Operation gesteckt worden war, hatte er nichts an. Prinzessin, jetzt verstand er. Die Instrukteure hatten einen dreckigen Humor.

Unbeholfen warf Robert die Kegel in die Luft. Es war vollkommen sinnlos. Er war weder an seinen wiedererhaltenen Finger gewohnt, noch an das Fehlen des Fingers an der anderen Hand. Robert konnte sich kaum auf den Beinen halten vor Erschöpfung, und sein aus dem Gleichgewicht gebrachter Orientierungssinn schaffte es nicht, auch nur ansatzweise etwas zu koordinieren, geschweige denn zu jonglieren. Das Publikum schrie vor Lachen, während Robert in seinem Papierkleidchen die Kegel durch die Gegend warf, sich unzählige Male vom Boden aufrappelte und die Kegel wieder einsammelte. Fast die gesamte Belegschaft saß im Publikum, die meisten lachten, viele saßen aber auch gleichgültig oder gelangweilt in ihren Sitzen. In den vorderen Reihen saßen meist Leute, die Robert nicht kannte. Er hatte gehört, dass es Verwandte und Bekannte der Häftlinge waren, die zur besonderen Demütigung eingeladen wurden, um dem erbärmlichen Spektakel beizuwohnen. Einige lachten, andere weinten auch. Robert fragte sich, was schlimmer für die Häftlinge sein musste. Langsam wurde er müde: Er brauchte immer länger, um sich nach dem Hinfallen wieder aufzurichten, und bald wurde er von dem Instrukteur nach hinten gewunken. Erleichtert tappte er von der Bühne, bekam eine Flasche ausgehändigt, deren Inhalt er schleunigst die Kehle hinunterschüttete, und wurde von dem Instrukteur zurück in seine Zelle begleitet.

Als Robert in seine Zelle zurückkehrte, fühlte es sich bizarrerweise so an, als ob er nach Hause kommen würde. Es gab immer noch nichts als Schwärze zu erblicken, nichts als den nackten Boden zum Niederlassen und die Luft, deren Temperatur einen gerade vor dem Erfrieren bewahrte. Doch hier konnte er nach einem Tag der Tortur endlich zur Ruhe kommen, ungestört die Augen schließen, tief durchatmen und spüren, wie ihm der Vitalisierungsdrink, den er nach dem Theater erhalten hatte, sämtliche Lebensgeister wieder zurückbrachte. Robert erinnerte sich an Zeiten, in denen er in diesen Augenblicken die absolute Erfüllung fand. Inzwischen hatte sich das Hochgefühl nach der überstandenen Folter aber merklich abgenutzt. Im Endeffekt diente diese Pause doch nur dazu, um wieder für weitere Qualen gewappnet zu sein …

Am nächsten Morgen wartete Cliff auf dem Korridor vor dem Speisesaal auf Robert. Schweigend gingen die beiden den Korridor entlang zum Büro des Direktors. Dieser war ein gemütlicher Mann mit Schnauzbart und einem beigefarbigen Jackett. Er gehörte zu jenem Schlag freundlicher Angestellter, die von ihren Frauen und Kindern erzählten, während sie einem die Fingernägel herauszogen oder wieder einsetzten. Cliff trug dem Direktor ihr Anliegen vor und nannte die Insassennummern. Der Direktor bemerkte noch flapsig, dass da jemand wohl nicht genug bekommen könne, und ging ins Hinterzimmer, um die Unterlagen zu holen. Cliff nickte Robert stumm zu, stieg dann auf einen der Stühle und machte sich am Lüftungsschacht zu schaffen. Robert entdeckte einen Brieföffner auf dem Schreibtisch des Direktors und reichte ihn Cliff. Mit einem Ruck konnte er damit das Gitter öffnen und kletterte nun in den Schacht. Cliff hörte bereits die nahenden Schritte des Direktors und ergriff zitternd Roberts Hände. Kurz, bevor der Direktor wieder in sein Büro trat, brachten sie das Gitter wieder an seinen Platz und krochen den Schacht entlang.

Aus dem Ende des Schachtes strahlte Robert und Cliff ein angenehmes, warmes Licht entgegen …

Später, nach der Flucht, musste Robert manchmal noch an das wohlige Licht jenes Tages denken. Als er es damals gesehen hatte, wusste er, dass alles gut gehen würde. Obwohl sich Cliff den Knöchel verstauchte, als er und Robert die Außenfassade des Zellenkomplexes hinunterrutschten, konnten sie entkommen. Am selben Tag erreichten sie ein Gehöft, über das Cliff schon in der Anstalt viel gehört hatte. Für den Besitzer des Hofes waren die beiden Entflohenen auch kein ungewöhnlicher Anblick. Sie konnten eine Woche auf dem Hof essen und schlafen, bis Cliffs Knöchel wieder geheilt war. Sie erfuhren von dem Besitzer, dass die Autorität des Zellenkomplexes nicht sehr weit reichte und sie sich in der nächsten Stadt vollkommen sicher fühlen konnten.

Der Neubeginn verlief denkbar einfach. Ein Bankautomat offenbarte Robert nach Abtastung seines Auges die hübsche Summe, über die er noch verfügte. Damit konnte er sich seine Unterlagen, eine Wohnung, und sogar seinen Mittelfinger wiederbeschaffen. Sein neuer Chef störte sich an Roberts Lebenslauf nicht und gab ihm gleich eine gute Stelle. Die tägliche Arbeit war eine Wohltat, zuhause gab es Bücher und Filme, das Bad war weißgekachelt und hatte ein richtiges Fenster, und am Wochenende konnte Robert sich ums Auto oder seine Freunde kümmern. Endlich wurde Robert in Ruhe gelassen. Es gab niemanden mehr, der ihm mit einer Peitsche ins Gesicht schlug oder ihm Nadeln ins Zahnfleisch stach. Als er auf einem Empfang seiner Firma seine erste Frau nach dem Zellenaufenthalt kennenlernte, war sein neues Leben perfekt. Natürlich gab es auch Tiefpunkte, aber er konnte sich nicht beklagen.

Einige Monate nach der Flucht hörte Robert wieder von Cliff in Form einer Kurzmitteilung, in der er verkündete, dass er am nächsten Tag wieder zurück in seine Zelle gehen würde. Selbst danach blieb Roberts Leben noch angenehm. Bis er an einem angenehmen Arbeitstag seine Kollegen beobachtete, die angenehm stresserfüllt an ihm vorbeihuschten, und er musste sich vorstellen, dass es bei allem angenehmen Arbeitsklima doch eine Abwechslung für sie wäre, wenn ihnen mal unangenehmerweise eine Metallstange durch den Körper gebohrt werden würde. Sein Umfeld erstarrte nun vor seinem geistigen Auge. Die Kopierer, die Aktenordner und die E-Mails wurden plötzlich unwichtig, denn für die Angestellten zählten nur der Umgang mit der Stange, die Suche nach einer möglichst schmerzfreien Position und die Versuche, die Gedanken irgendwohin zu lenken, wo man die Schmerzen oder die Seufzer der anderen Gepfählten nicht ertragen musste.

Robert riss die Augen auf. Die Angestellten tummelten sich wieder vor ihren Gerätschaften. Das würde er auch noch tun, für die nächsten vier Stunden. Danach würde er etwas zuhause fernsehen, den Abend bei der Freundin verbringen, wieder zu Hause im Bett lesen, einschlafen, und alles wieder von vorne erleben. Robert kannte diese Gedanken gut. Er wusste auch, dass es andere Arbeitsstellen gab, dass man seine Freizeit mit anderen Dingen, mit anderen Menschen, an anderen Orten verbringen konnte, er hatte das alles vor langer Zeit schon ausprobiert. Robert überlegte kurz, dann griff er zum Telefon. »Guten Tag, hier spricht Robert Epstein. Ich war unter der Nummer 076016 angemeldet. Ist meine Zelle noch frei? Ja? Gut … Montag, zehn Uhr. Danke, auf Wiederhören.«

Zusammengekauert lag Robert in einer Ecke seiner Zelle. Er hörte die Fußschritte von draußen. Das metallische Klackern, das sie verursachten, ließ ihre Absicht erkennen. Aktenordner, DVDs oder Liebe würden sie kaum bringen, aber davon hatte Robert in letzter Zeit ja mehr als genug gehabt. Auch die Erinnerung an das warme Licht von damals, während der »Flucht«, war ziemlich langweilig geworden. Und selbst ein verkorkster Freak wie Robert legte Wert auf ein bisschen Abwechslung im Leben …

Copyright © 2009 by Christian Pirschalawa

 

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