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Die Stygische Ausstellung
Eine Science Fiction-Kurzgeschichte von Christian Kathan
Archibald Caester blickte sich immer wieder um. Er konnte sich kaum sattsehen an den Formen und Farben der unregelmäßig gewölbten Wände, die in allen Nuancen des Regenbogens schimmerten. An einigen Stellen veränderten sich die Farben stetig, changierten von einem Farbton in den nächsten und zurück.
Nur der Boden bestand aus lichtgrauem Kunststoff. Der Konzern, der die Ausstellung finanzierte, hatte ihn einbauen lassen, sonst wäre die Begehung für die Besucher der tunnelsystemartigen Gewölbe zu einer gefährlichen Klettertour geworden. Die eingezogenen Ebenen, Treppen, Brücken und Korridore führten durch das Innere des verwinkelten Komplexes.
Die Sammlung ist beeindruckend, dachte Caester. Und dieser Ort ist ideal, um die Stygischen Säulen zu präsentieren.
Er wandte sich dem nächstliegenden Kunstwerk zu. Aus einem Sockel heraus erhob sich ein langgezogenes Gebilde. Es erinnerte Caester an einen leidenden Menschen in einem schwarzen Plastiksack. Die Konturen waren verstörend und einzelne Schattierungen auf der Oberfläche wirkten wie Abgründe.
Caester erschauerte. Diese Arbeiten waren im Setara-System entstanden und reichten laut den Künstlern bis in den Hyperraum.
Hyperdimensional schwingendes Gestein, von Hinterwäldlern zu bedrohlich wirkenden Statuen gehauen, dachte Caester. Wovor sollte man mehr Furcht haben? Den Kunstwerken oder den Künstlern?
Er nahm sich vor, diesen Gedanken für seinen Bericht zu verwenden. Sein Urteil über die Ausstellung würde zwiespältig sein: Einerseits waren diese Plastiken im versteinerten Gehirn eines tot im Weltraum treibenden, riesigen Lebewesens sensationell in Szene gesetzt – andererseits waren die Werke bis ins Mark verstörend. Der Name der Ausstellung war zweifellos geschickt gewählt: Die Stygischen Säulen von Setara.
Caester hatte genug gesehen und blickte sich nach dem Ausgang um. Drei Stunden hatte er in dieser Ausstellung, die sein Inneres in Aufruhr versetzte wie kaum etwas zuvor in seinem Leben, verbracht. Er hatte einen guten Überblick erlangt und ausreichend Informationen gesammelt.
Nachdenklich ging er durch einen exponatlosen Korridor, eine Treppe hinab, über eine abgrundüberspannende Brücke und durch die Haupthalle, in der sich mehrere Dutzend der Stygischen Säulen befanden. Der Ausgang, eine altertümliche Personenschleuse, war etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt.
Caester überlegte, was er heute Abend essen wollte, da riss ihn eine Erschütterung von den Füßen. Schreie waren zu hören.
Er blickte sich um. Überall lagen Besucher auf dem Boden. Er sah in schmerzverzerrte und angstgezeichnete Gesichter.
Eine weitere Erschütterung. Der ganze Komplex erbebte. Eine Frau schrie auf, als eines der Exponate auf sie fiel. Die Beleuchtung flackerte.
Die Farben an den Wänden veränderten sich. Plötzlich beherrschten blaue und schwarze Schlieren die Wandflächen. Erneut ein gewaltiger Stoß.
Auf einmal durchflutete Caester ein rasender Schmerz. Er fühlte, dass nicht sein Körper verletzt war. Vielmehr war in seinen Gedanken das Leiden eines anderen Lebewesens. War das Telepathie?
Caester spürte die Verwirrung und Benommenheit eines Wesens, das gerade erwachte. Da begriff er, dass er sich in diesem Wesen befand.
Die Beleuchtung fiel aus und blitzartige Entladungen tanzten über die Wände. Die Umgebung bebte. Archibald Caester dachte noch: Wie absonderlich, die Pein dieses Wesens in meinem Gehirn zu spüren. Ob ich mich da selbst wahrnehme?
Dann war Dunkelheit.
ENDE
Anmerkung des Autors:
Die Stygische Ausstellung entstand als Beitrag zu einem Kurzgeschichten-Wettbewerb, bei dem jede Story eine maximale Länge von 500 Worten haben durfte und eine Zeile eines Gedichts aufgreifen sollte. Ich wählte als Thema meiner Geschichte: Ausstellung hinter der Stirn.
Copyright © 2010 by Christian Kathan
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