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Die Seuche
Eine Science-Fiction-Kurzgeschichte von Sabrina Kowsky
»Sehen Sie sich das an, Wagner. Es ist perfekt.«
Er hielt das kleine Reagenzglas hoch, bis sich der Inhalt im Licht spiegelte. Gebannt beobachtete er die klare Flüssigkeit, wie sie sacht hin und her schwappte.
«Mein Gott, so viele Jahre Arbeit und endlich … der Erfolg. Wir werden jeden einzelnen Grippeviren-Stamm von dieser Erde tilgen.«
Faszination blitzte in seinen Augen. Sein Assistent sah ihn wortlos an, er wusste, dass von ihm keine Antwort erwartet wurde. Doch schließlich räusperte er sich und fragte: »Dr. Müller-Hohenstein, möchten sie mit den Tests nun anfangen?«
Er zuckte unmerklich zusammen, stellte das Glas mit einem leisen Seufzen zurück an seinen Platz, wandte sich um und nickte.
»Lassen Sie uns alles vorbereiten, Wagner.«
»Papi, Audo, Audo, brumm brumm.« Die Kleine sieht ihn grinsend an und lässt das Spielzeugauto vom Tisch in hohem Bogen durch die Luft und dann auf dem Boden weiterfahren, fest hält sie es in ihren kleinen Händen. Der blaue Glitzernagellack ist leicht verschmiert und hebt sich deutlich von ihrer hellen Haut ab. Er lächelt, streicht ihr über den Kopf und sagt: »Auto, Schätzchen, es heißt: A-U-T-O.« Der Tonfall ist sanft, kein Tadel liegt in seiner Stimme. Einen dicken, feuchten Kuss drückt er ihr auf die Stirn, sie schiebt ihn weg und verzieht das Gesicht. Typische kindliche Abneigung, denkt er, ich werde ihr wohl ewig peinlich sein. Er setzt sich, schlägt die Zeitung auf und nippt an seinem heißen, schwarzen Kaffee. Plötzlich klingelt das Telefon, laut und schrill reißt es ihn von seiner Lektüre hoch. Seine Frau ist dran, ihre Stimme hektisch, nervös, ängstlich, als würde sie unter Schock stehen.
»Schatz, bist du es? Wo ist Marisa? Geht es euch gut?«
»Natürlich geht es uns gut, Liebling. Was ist denn los? Du klingst so seltsam …?«Sie lacht, durchdringend und unnatürlich, ungläubig. »Was los ist? Sag mal, hast du die Nachrichten nicht gehört?«
Er wirft einen Blick auf Marisa, die fröhlich, unwissend, weiter am Boden spielt, eine dunkle Vorahnung bemächtigt sich seiner, dann geht er schnellen Schrittes Richtung Wohnzimmer, schnappt sich die Fernbedienung und wählt den erstbesten Kanal. Eine grellgelbe, hohen Wolke, danach nur noch Schleier davon und darunter ein riesiger Krater, die hübsche Sprecherin, die heute merkwürdig fahl wirkt, und die Schlagzeilen, die groß und schnell über den oberen Rand des Bildschirms laufen. Einzelne Worte stechen ihm ins Auge. Angriff, steht da, Tote, Krisensituation, Angst, Panik, Ungewiss.
»Schatz?«, tönt die Stimme aus dem Telefon. Ängstlich. »Schatz, bist du noch da? Michael? Hallo?« Von weit weg dringt sie an sein Ohr, unwirklich, er fühlt sich, als wäre er in die Perversion einer »Vorsicht, Falle!« Sendung hineingerutscht. Langsam fällt der Hörer zu Boden.
Die gleißende Sonne brannte vom Himmel, erhitzte den Wüstensand. Leichter Wind wirbelte die Körner umher. Er stand da, nahm die große, dunkle Brille ab, steckte sie in seine Hemdtasche und starrte noch einen Moment blinzelnd in die blendende Sonne, ehe er sich abwendete. Langsam schloss er die Jalousien und nur grellweiße Flecken erhellten Boden und Wände. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug die Akte vor sich auf und überflog die roten Zeilen, las sie wieder und wieder, solange, bis schließlich Worte und Buchstaben vor seinen Augen verschwammen. Fest presste er die Lider zusammen, fuhr sich mit der kalten, zittrigen Hand über die schweißnasse Stirn. »O Gott, was habe ich nur getan?«, wisperte er. »Was habe ich getan?« Er öffnete die Schublade zu seiner Rechten, nahm die Waffe heraus, entsicherte sie und nahm sie vorsichtig in den Mund. Der Geschmack des kalten Metalls schien über seine Zunge zu laufen und ließ seine Zähne schmerzen. Eine einzelne Träne lief über die runzlige Wange, ehe der Schuss sich löste, der Kopf nach hinten fiel, und Blut und Gehirnmasse die Wand befleckte. Leer starrten seine Augen nach oben.
Sie ruft weiter seinen Namen, dann ein Knistern, ein lautes Rauschen, die Leitung ist tot. Ein Funkloch? Hier? Sie steht mitten auf der Hauptstraße von Straubing Richtung Bogen im Stau. Wütend wirft sie das Handy auf den Beifahrersitz und trommelt mit den Fingern gegen das Lenkrad. Im Radio sprechen sie wieder und wieder von der Explosion und den vielen Toten, so viele Tote, und auf jedem Sender dasselbe. Sie will nur noch nach Hause zu ihrem Mann und ihrer süßen Tochter, und ausgerechnet jetzt hatte urplötzlich jeder dieselbe Idee, genaugenommen, seit die Nachrichten gesendet wurden. Sofort hatte sie die Boutique geschlossen und ihre Mitarbeiter weggeschickt, denn in einer solchen Situation musste man eben Prioritäten setzen. Es hatte einige Zeit gedauert, bis der Schock nachgelassen hatte, doch selbst dann war es ihr unwirklich erschienen. Wie kann so etwas hier passieren? Es war, nein, ist ihr unbegreiflich. Sie seufzt schwer, öffnet einer inneren Eingebung folgend das Handschuhfach, fischt eine uralte Schachtel Zigaretten heraus, zögert einen Moment, doch dann zündet sie sich eine an. Ihre Finger zittern unkontrolliert und der erste, tiefe Zug brennt höllisch in den Lungen, aber schon der Zweite ist leichter, besser und beruhigt ihre angespannten Nerven. Als sie sich umsieht, scheint jeder Autofahrer Probleme mit seinem Handy zu haben. Ein Mann hämmert es wie wild gegen das Lenkrad, sein Kopf ist rot, sein Blick rasend und verzweifelt. Fürchterliches Mitleid empfindet sie mit ihm und mit einem Mal muss sie weinen. Und sie möchte nur noch zu ihrer Familie, zu ihrem kleinen Stück Sicherheit.
Die Faust knallt mit einem donnernden Schlag auf das polierte Holz des großen Schreibtisches. Kaffee schwabbt über den Rand der Tasse, dunkle Flecken auf dem hellen Papier hinterlassend.
»Was zur Hölle soll das heißen: Es gab eine versehentliche Fehlzündung? An der Oberfläche! Wollen Sie mich verarschen, oder was?«
Sein Gesicht hat sich dunkelrot verfärbt, die Adern an seiner Stirn treten deutlich hervor und pochen wild. Die beiden jungen Männer stehen ihm unsicher, verängstigt, gegenüber, die Finger spielen nervös mit den Akten und ihre Blicke wandern hektisch immer wieder zur Türe, es war mehr als eindeutig, dass sie so schnell wie möglich gehen, dieser unangenehmen Situation entfliehen wollen. Einer der beiden, bleich ist er und scheint kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen, tritt einen Schritt, einen kleinen nur, vor und sagt, mit zittriger und brüchiger Stimme: »Sehen Sie, Professor Fischer, der … nun, der Auftrag zur Zündung kam von Dr. Müller-Hohenstein, unserem Projektleiter in Sektor 4 … nun, es ging also bis dahin alles wie vorgesehen, aber, das Experiment, nun es wurde anscheinend nicht mit dem ›harmlosen‹ Probestoff gefüllt, sondern mit einer bis dato noch unbekannten Substanz, und dann zündete das Experiment nicht im üblichen Sektor, sondern, na ja, da … oben … offenbar hat jemand den Auftrag umgeschrieben, wir, wir wissen noch nichts Genaues, aber …«
»Sie wissen noch nichts Genaues? Mann, haben Sie ihren Verstand verloren? Holen Sie mir Müller-Hohenstein, sofort! Und bringen Sie Licht ins Dunkel, ich will wissen, wer dafür verantwortlich ist, dass wir gerade über ein Viertel von Deutschland ins Chaos gestürzt haben. Sofort!«
Er fällt in den Stuhl zurück und seufzt. Mein Gott, das ist mein Ruin, denkt er. Ein leises Klopfen lässt ihn aufblicken. Unwirsch knurrt er ein »Herein!« Und als er seine Sekretärin in der Tür sieht, ungewohnt blass, und wie sie mit fahrigen Bewegungen auf ihn zukommt, da weiß er, dass noch mehr schlechte Nachrichten auf ihn warten. Ihre Stimme ist leise und unnatürlich hoch. »Herr Professor? Gerade ist eine Meldung für Sie angekommen - aus Sektor 4.«
»Ja, welche Meldung?«
»Es … es geht um Dr. Müller-Hohenstein. Er … er wurde gerade von den Sicherheitsleuten aufgefunden. Er ist tot, er … erschossen. Er hat sich erschossen. Gestern Abend. Und …«
Erneut knallt die Faust auf den Tisch. »Was?«
»Tut mir leid, Professor, ich … ich dachte, ich wollte …« Sie legt ihm das Schreiben auf den Tisch und geht dann hastig hinaus. Er greift nach dem Papier, und als er bei der zweiten Seite angekommen ist, stockt er, ungläubig liest er diesen einen Absatz ein zweites, dann ein drittes Mal. Er nimmt den Hörer ab, wählt eine Nummer und mit tonloser Stimme fragt er: »Ist diese Nachricht aus Sektor 4 bestätigt? … Sind sie sicher?« Dann legt er auf, zerknüllt das Papier in seiner Hand und pfeffert den Papierball in eine Ecke.
»Wagner!« Seine Stimme klingt ruhig und doch zischend und bedrohlich. Der junge Mann tritt zitternd nach vorne. »Wagner, gerade eben erhielt ich zwei Meldungen. Zum Einen, dass Dr. Müller-Hohenstein sich anscheinend gestern Abend erschossen hat und … zum anderen, dass unser neues Impfserum, welches noch in der Versuchsphase ist, aus unserem Hochsicherheitslabor in unserem Hochsicherheitstrakt verschwunden ist. Und die Vermutung liegt nahe, dass eben dieses Serum bei dem Test verwendet wurde, der so verdammt schief gelaufen ist!« Er erhebt sich bebend. »Aus einem Hochsicherheitstrakt! Gott, Hohenstein hat Glück, dass er schon tot ist, ansonsten hätte ich ihm jetzt den Hals umgedreht. Wagner!«
»Ja, Professor Fischer?«
»Wagner, Sie waren doch Hohensteins Assistent, richtig?«
»Ja, Professor Fischer.«
»Sehr schön, dann erklären Sie mir doch, wo zur Hölle die gesamten Unterlagen über das Serum hingekommen sind?«
»Alle Unterlagen wurden von Dr. Müller-Hohenstein verwaltet. Weder die Assistenten noch andere Angestellte des Labors hatten darauf Zugriff.«
»Dann bewegen Sie ihren Arsch und schaffen mir diese Unterlagen her, ich will hier alle 10 Minuten einen Krisenbericht von Ihnen und Informationen, alle Informationen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?« Seine sich überschlagende Stimme hallt unnatürlich laut in dem großen Büro wider.
Hastig verschwinden die jungen Männer, und nachdem die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, sinkt der Professor zurück in seinen Stuhl, schlägt die Hände vors Gesicht und stößt einen lauten, tiefen Seufzer aus. Gott, das ist sein Ende.
Angst ist das vorherrschende Gefühl. Angst und Unsicherheit. Keine genauen Informationen dringen an die Öffentlichkeit, lediglich wilde Spekulationen, Gerüchte, verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Das Leben, der Alltag, ist unangenehm geworden, jeder Schritt eine Qual, verbunden mit der steten Furcht vor … vor dem Ungewissen. Sich zu ängstigen und zugleich nicht zu wissen, wovor, bringt den Menschen eine neue Dimension des Entsetzens. Intensiv werden die Nachrichten verfolgt, immer mit der unterschwelligen Hoffnung, die Panik möge endlich ein Gesicht bekommen. Doch sie warten vergeblich.
Zusammen sind sie in der Stadt, gehen spazieren, bemühen sich um Ablenkung. Ihre Mienen sind fahl, traurig, die Stimmung bedrückt, keiner spricht, keiner blickt nach oben, denn längst schon hatte der Himmel sein strahlendes Blau eingebüßt. Es schien, als wäre die Welt schon immer in diesen Schleier aus monotonem Grau gehüllt, dahinter kaum erkennbar, die Sonne, nur als weißer, kümmerlicher Punkt. Michael hat den Arm fest um seine Frau gelegt, Marisa schneidet Grimassen vor dem Schaufenster, kichert und drückt ihre Nase platt, als hätte sie von den Ängsten der Leute nichts mitbekommen. Während sich die Kleine noch beschäftigt, fällt ihnen ein Mann auf, adrett gekleidet, im schwarzen Anzug, doch er taumelt leicht und auf den ersten Blick wirkt er angetrunken. Als er näher kommt, erkennen sie die graue, fleckige Gesichtsfarbe, die tief in den Höhlen liegenden Augen. Entsetzt und doch unfähig wegzusehen, starren sie ihn an und alle Personen um sie tun es ihnen gleich. Michael verstärkt den Druck auf ihre Schultern, doch sie bemerkt es nicht. Ein heiseres Raunen geht durch die Runde, wandelt sich in einen schrillen Schrei, als der Mann zu Boden geht, schwarzen Schleim spuckend und regungslos liegen bleibt. Schon eilen ihm die Ersten zu Hilfe, bleiben fassungslos stehen, weichen zurück. Der mittlerweile allgegenwärtige Wind, trägt seine zu Staub zerfallene Haut ab, nimmt sie mit sich und nur die Überreste der Kleidung bleiben zurück, keine Knochen, keine Zähne, nichts sonst.
»Komm, lass uns gehen«, flüstert Michael. Als Anna sich nicht rührt, packt er sie einfach am Arm und zieht sie mit sich, Marisa hüpft fröhlich, unbeschwert, neben ihnen her. Schweigend gehen sie zum Auto, steigen ein und fahren los. Ihre Tochter plappert vor sich hin, Michael starrt stur auf die Straße, Anna sieht aus dem Fenster und weint leise.
Sie leben ihr Leben weiter, ihr normales, trügerisch normales Leben, doch in ständiger Ungewissheit. Plötzlich hat sie eine schreckliche Lähmung erfasst, als wären sie in ihren eigenen Häusern, in ihrem eigenen Land, ihrem eigenen Sein, starr und gefangen. Jede Unternehmung war zur Qual geworden, jede alltägliche Situation eine Zerreißprobe für ihre Nerven. Angst ihr steter Begleiter.
Deutlich ist der Professor abgemagert, dunkle Ringe liegen unter seinen Augen, der Kaffee ist längst eiskalt, doch er trinkt ihn immer noch, in kleinen Schlucken. Langsam blättert er die Akten durch, die vor ihm liegen. Links, rechts und vor ihm stapeln sich weitere Ordner, einzelne Papiere und weitere Akten. Es klopft. Wagner öffnet die Tür und tritt langsam ein.
»Herr Professor? Haben sie einen Augenblick Zeit?«
Er blickt auf, fixiert den Mann für einen Moment, nickt dann und bedeutet ihm Platz zu nehmen. Wagner nimmt die Akten, legt sie auf einen der vielen Stapel am Boden und setzt sich.
»Was gibt es, Wagner? Wenn es keine guten Neuigkeiten sind, dann scheren Sie sich zum Teufel!«
»Wir müssen eine Sperrzone errichten, laut unseren Berechnungen im Umkreis von 300 km um den Krater«, sagt er, die Aussage des Professors geflissentlich ignorierend.
»300 km Umkreis?« Er lacht, rau und hart. »Sagen Sie doch gleich, dass wir ganz Deutschland in ein Sperrgebiet verwandeln. Oder noch besser: ganz Europa! Oder …«
Wagner unterbricht seine sarkastische Rede, bevor er sich noch mehr hineinsteigern kann: »Professor Fischer, wir müssen diese Zone errichten, verstehen Sie nicht?«
Der stark gealterte Mann sieht ihn an und hebt fragend die Brauen. »Was wollen Sie damit sagen, Wagner?«
»Bevor er sich erschoss, hat Müller-Hohenstein die Testobjekte aus Sektor 4 entlassen.«
»Und? Hat er dafür nicht extra eine Genehmigung erhalten? Für diese … diese … wie nannte er sie noch mal?«
»Seine Kinder.«
»Ja, Kinder. Völlig wahnsinnig der Mann.« Er schüttelt den Kopf.
»Nicht diese Objekte, Professor. Die Testobjekte des neuen Serums aus Sektor 4.«
Es dauert einen Moment, bis er versteht. Dann reißt er die Augen auf und ein heiseres »O mein Gott« verlässt seine Lippen. Dann greift er zum Hörer, und mit gewohnter Kraft in der Stimme brüllt er Wagner an: »Was stehen Sie hier noch rum, Mann? Sperrzone errichten! Schnell! Lassen Sie das Militär Stellung beziehen und egal wer oder was diesen Bereich verlässt, lassen Sie es erschießen.«
Er ruft ihn zurück, als er gerade die Türe erreicht hat.
»Wagner? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Antiserum entwickeln können, geschätzt?«
Der junge Arzt überlegt kurz, ehe er antwortet: »Wenn ich ehrlich sein darf, Professor? Da Müller-Hohenstein alle Unterlagen vernichtet hat, müssten wir noch einmal von vorne beginnen und, das heißt, etwas über 8 Jahre Arbeit, und selbst dann ist es nicht gewiss. Außerdem gab es nur diese eine Probe, die bei der Zündung verwendet wurde. Also, ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering. Tut mir leid.«
Einen Augenblick später ist er gegangen und hat die Tür hinter sich geschlossen.
Fischer seufzt. Er hatte es gewusst, schon damals, als sie mit der Entwicklung begonnen hatten, dass es zu viel sein würde für Hohenstein. Der Mann war größenwahnsinnig und offenbar hatte es sich über die Jahre noch gesteigert und jetzt …
… jetzt ist das wohl die Rache dafür, das er damals nicht gehandelt hatte. Er flucht. Fischer sitzt da, nimmt den Hörer ab und seufzt nochmals. Gott, er hasst diesen Teil seines Jobs.
Umgeben von den traurigen Ruinen der ehemals so prächtigen Häuser geht er schnellen Schrittes durch die Straßen. Staub und Steine knirschen unter seinen Sohlen. Hektisch sieht er sich nach allen Seiten um, geduckt beginnt er zu laufen, das kleine Päckchen eng an die Brust gedrückt. Asche regnet vom Himmel, klebt an seiner Haut, wie Schnee legt sie sich auf ihm nieder, wie dunkler, trauriger Schnee.
Als er am Haus ankommt, verschließt er alle Türen, wirft durch die Ritzen der Bretter vor den Fenstern einen Blick nach draußen, sichert die Umgebung und geht dann schnell in den Keller, wo er wieder die Tür hinter sich abriegelt.
Ihr kleiner, schmaler Körper liegt wie verloren in ihren Armen, ihr Gesicht ruht an ihrer Schulter, die blonden Zöpfe hatte ihr Anna ganz neu geflochten, doch an der rechten Seite fehlte ihre Spange, sie hatte sie irgendwann, irgendwo verloren. Er kniet sich vor sie, küsst seine Frau und streicht Marisa sanft über den Kopf, dann öffnet er das Päckchen. In einem abgegriffenen, kleinen Tuch liegt etwas Löwenzahn, einige Nüsse und ein winziges Stück Käse.
»Käse?«, flüstert Anna ungläubig. »Wo hast du den her?«
Er schüttelt den Kopf, ein seltsamer Ausdruck schleicht sich in seine Augen. »Frag nicht, bitte. Frag einfach nicht, Liebling.«
Erschrocken öffnet sie den Mund, schließt ihn jedoch gleich wieder. Es war völlig gleichgültig, wo er ihn herhatte, jetzt war er hier und es war kostbarer als alles, was sie je besessen hatten. Noch vor wenigen Jahren hätte sie darüber gelacht, denn damals aßen sie jeden Tag Käse und Milch und Fleisch und Obst, gütiger Gott, sie hat den Geschmack von Obst vergessen! Sie schließt kurz die Augen, verdrängt die unliebsamen, schmerzhaften Gedanken und weckt ihre Tochter zum Essen. Michael holt Wasser aus einem Eimer, es ist der Rest des Brunnens in ihrem Keller, für den sie unendlich dankbar sind, jetzt. Regen schmeckt bitter und ist ungenießbar geworden. Er teilt das Wasser in mickrige Portionen auf und reicht jedem seinen Teil des Essens. Sie haben gelernt langsam und bedächtig zu kauen, um zumindest die Vorstellung einer Sättigung beizubehalten. Marisa legt sich auf die verdreckten Decken und schläft wieder. Von ihrem ehemals so fröhlichem Gemüt war nichts mehr übrig, sie war still geworden und verbrachte die Hauptzeit des Tages mit Schlafen. Sie machten sich große Sorgen, aber es gab keine Möglichkeit etwas zu ändern. Sie aßen und tranken wenig, bemühten sich in der Sicherheit ihres Hauses zu bleiben, gingen nur um Essen zu holen nach draußen und trotz der langen Zeit hatten sie immer noch die Hoffnung, dass jemand sie retten würde. Anna hustete, es steigerte sich zu einem lauten Bellen, einem harten Röcheln, bis es wieder abebbte. Michael rutscht zu Marisa, zieht Anna zu sich und eng aneinander gekuschelt schlafen sie ein.
Lautes Poltern weckt sie, Anna drückt ihre Tochter an sich und beide quietschen erschrocken, weinen leise. Er packt die Taschenlampe und der helle Strahl irrt zitternd im Raum umher, bis er schließlich auf den Eimer trifft, der auf der Seite liegt, hin und her wackelt und das Wasser, welches um ihn eine kleine Pfütze gebildet hatte, vermischt mit Staub und Dreck. Die schmalen, dunklen Augen der struppigen Ratte glänzen im Licht der Taschenlampe. Er hört seine Frau schreien und flucht leise. Noch, ehe er einen Schritt in Richtung des Tieres machen kann, quiekt dieses kurz und verschwindet in einem kleinen Loch in einer Ecke des Raumes. Er leuchtet noch einmal den Raum ab, und als alles in Ordnung scheint, geht er zu dem Eimer und tastet nach dem Wasser, hoffend, dass er noch etwas davon nutzen kann, noch trinkbar ist. Doch es wurde bereits von dem staubigen Boden aufgesogen, als sei selbst dieser durstig.
Michael nimmt Anna in den Arm und beide nehmen Marisa in ihre Mitte. Er spricht leise mit ihnen, beruhigt sie und schickt Marisa dann wieder schlafen.
Der Blick seiner Augen ist müde, er scheint alt geworden zu sein. Erste, viel zu frühe, graue Strähnen durchziehen sein dunkles Haar, seine Haut ist fahl und gräulich, wie die ihre. Ihre Kleidung ist alt und abgestanden, steif und starrend vor Schmutz. Seit Monaten hatten sie sich nicht mehr waschen können, die Haare waren fettig, die Kopfhaut aufgerissen und, ebenso wie ihr ganzer Körper verschorft und nässend wund.
So sitzen sie eng umschlungen in der Dunkelheit, ihr Kopf liegt an seiner Schulter, er streichelt zart über ihre Wange.
»Wir brauchen Wasser.«
Sie schüttelt den Kopf, Michael kann es spüren.
»Vielleicht, wenn wir noch mal den Brunnen …« Sie bricht ab, weiß das es sinnlos ist. Es ist kein Wasser mehr da, nicht einmal ein Tropfen. Sie schluchzt und weint leise. »Ich habe so viel Angst, Michael. So viel Angst.«
»Ich weiß«, Flüstert er, hält sie fester, noch enger umschlungen. »Ich weiß.«
Noch lange sitzen sie so, ehe sie endlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fallen.
Es ist noch dunkel, als Michael sie aufweckt. Es gibt nichts, was sie mitnehmen könnten, alles hat an Bedeutung verloren, alles erscheint unnütz, solange es keine Nahrung oder Wasser ist. Anna lässt Marisa auf ihren Rücken klettern, kann sie so leichter tragen. Michael hält den Baseballschläger in der einen Hand, während er mit der anderen die Schlösser entriegelt. Er sieht nach draußen, fischt die Taschenlampe aus seiner hinteren Hosentasche, beleuchtet kurz die Umgebung und geht dann voran. Sie halten sich an die festen Straßen, knöcheltief sinken sie im Staub ein, der vom Wind hochgewirbelt wird, in ihren Haaren, an ihren Wimpern klebt, an der Haut. Sie sagen kein Wort, zu stark ist ihre Angst, zu ausgemergelt sind ihre Körper, als dass man sie noch zusätzlich durch die Anstrengung des Sprechens schwächen müsste. Nichts als weites, von Unkraut überwuchertes Feld ist um sie, die vielfältigen Geräusche der Nacht dringen an ihre Ohren. Tiefes, dunkles, vielstimmiges Heulen erklingt in der Ferne. Er bleibt stehen, fahrig blickt er nach allen Seiten, der Strahl der Lampe irrt hektisch über das weite Ackerland, streift verrottete Büsche, kahle Bäume und dazwischen, im hellen Schein, leuchten zwei paar Augen weiß-bläulich inmitten der Dunkelheit. Und dann noch ein Paar und noch eines, und … Wie erstarrt stehen sie, wagen nicht sich zu bewegen. Ihr Herz pocht hart, schmerzhaft beengt scheint der Brustkorb plötzlich zu sein, während der Atem flach, schnell und wie gepresst, kleine, weiße Wölkchen in die kühle Luft bläst. »Michael?«, flüstert sie, ihre Stimme bebt vor Angst.
Die Kleine hat sich fest an sie gedrückt und wimmert leise im Schlaf. Schauer jagen über seinen Körper, Schrecken fährt in seine Glieder, wie gelähmt steht er da und starrt auf die flammenden Augen in der Dunkelheit. Keiner bewegt sich, sie wagen kaum zu atmen, trotz der heftigen, stechenden Schmerzen in der Brust, in der Seite. Keiner kann sagen, wie viel Zeit vergeht, während sie so stehen und warten.
»Mami? Mami?«
Wie auf ein Zeichen stürmen die Augen nach vorne, kein Umriss eines Körpers hebt sich ab von der Dunkelheit. Sie drückt ihm Marisa in die Arme und schiebt ihn an.
»Lauf, schnell, ich werde sie ablenken!«
Verblüfft steht er da, sieht sie ungläubig an, als hätte er kein Wort verstanden.
»Bitte, Schatz.« Sie weint. Verzweiflung verleiht ihrer Stimme einen dunklen Klang. »Ich kann sie nicht tragen. Ich … ich werde sie ablenken. Lauf, jetzt. Los!« Das letzte Wort schreit sie ihm entgegen, ehe sie sich abrupt abwendet und in die andere Richtung rennt.
»Papi? Mami weg?«, nuschelt Marisa verwirrt, verängstigt. »Nich weg, Mami. Nich weg!«, wimmert sie und zappelt in seinen Armen. Er zögert nur eine Sekunde, packt sie, ungeachtet ihrer Schreie und ihres Wimmern, wirft sie über die Schulter und läuft los. Als er lautes Kreischen hört, dreht er sich um, hält ihren Kopf, damit sie es nicht mit ansehen muss, und starrt wie gebannt auf die anormale Szenerie vor ihm, ironischerweise hell erleuchtet vom Lichtkegel seiner Taschenlampe, die dort am Boden liegt. Einsam und verlassen. Sie war zurück zu ihnen gerannt, als die Bestien auch vor ihr aufgetaucht waren. Sie haben sie eingekreist, ihre schwerfälligen, verstümmelten Kadaver bewegen sich mit der Perversion einer Gangart auf sie zu, halb laufen sie aufrecht, halb krabbeln sie auf allen vieren dahin, hinkend, die Gliedmaßen wild zuckend. Geifer trieft aus ihrem Maul, unter den zerfetzten Lippen ragen spitze, gelblich-glänzende Zähne nach vorne, blutrote Augen haben den Blick fest auf sie gerichtet. Ihr schrilles, in Todesangst ausgestoßenes Kreischen hallt durch die Nacht, als die erste Bestie sich auf sie stürzt, sich in ihrer Schulter verbeißt, Blut spritzt zwischen seinen Zähnen hervor. Sie stößt ihn weg, presst die Finger auf die Wunde. Tränen laufen über ihre grauen Wangen, glänzende, helle Spuren hinterlassend. Das Licht flackert, zittert, geht aus. Wie bei einem letzten Aufbäumen, strahlt es noch einmal hell. Sekundenlang sieht er seine Frau am Boden liegen, über ihr die wogende Masse aus halb verwestem Fleisch, Zähne und Klauen, die sich in ihre Körper schlagen, ihn in Stücke reißen, Blut, wie es aus ihr hinausläuft und dann, inmitten der neu entstandenen Dunkelheit, nur noch diese schmatzenden Laute und ihr schrilles, gurgelndes, leiser werdendes Kreischen.
Schlagartig war es Tag geworden und es schien, als wäre die Welt schon immer in diesen Schleier aus monotonen Grau gehüllt, denn längst schon hatte der Himmel sein strahlendes Blau eingebüßt, dahinter, kaum erkennbar, die Sonne nur als weißer, kümmerlicher Punkt. Umgeben von den traurigen Ruinen der ehemals so prächtigen Häuser geht er schnellen Schrittes durch die Straßen der Stadt. Sein Körper ist taub, gefühllos, keine Angst, keine Wut, nicht einmal das schmerzhafte Gefühl von Trauer und Verlust, nein, nur noch tiefe Leere ist in ihm und es ist, als hätte sie sein innerstes Selbst ersetzt. Seine Knie beben, die verkümmerten Muskeln zucken wild, doch er geht immer weiter und weiter, wie in Trance. Als wäre dies nicht sein mehr sein Körper, als quäle diese ausfüllende Vakuum in ihm sein Fleisch einfach vorwärts.
»Wasser. Essen. Wasser. Essen«, sagt er leise vor sich hin, in einem geflüsterten Kanon. Nicht für sich, denn er empfindet weder Hunger noch Durst, aber für seine Tochter. Staub und Steine knirschen unter seinen Sohlen. Asche regnet vom Himmel, klebt an seiner Haut, wie Schnee legt sie sich auf ihm nieder, wie dunkler, trauriger Schnee. Marisa hatte sich zunächst weinend und wimmernd an ihn gedrückt, hart und keuchend hatte sie gehustet, schwarzen Schleim gespuckt, dann war sie still geworden. Und nun liegt ihr kleiner, schmaler Körper wie verloren in seinen Armen, ihr Gesicht ruht an seiner Schulter, die blonden Zöpfe wippen bei jedem Schritt. Flüsternd erzählt er ihr Geschichten, redet und redet, nur um überhaupt etwas zu sagen, in einem verzweifelten Versuch, die Leere in ihm und um ihn herum mit Worten zu füllen. Hin und wieder stockt er, es ist schwer, denn die Erinnerung an früher ist schwach und verschwommen, kaum noch vorhanden. Wie beschreibt man Farben, wie Gerüche, wie beschreibt man Gefühle? Er redet und redet, von der unerwarteten Angst befallen, er könnte etwas vergessen, voller Angst er würde das Andenken nicht weitergeben können und diese schreckliche bleierne Natur um sie wäre nunmehr auf ewig in ihren Köpfen als alltäglich gespeichert.
Vorsichtig umgeht er die leblosen Körper, deren fleckig-graue Haut sich im leichten Wind auflöst, davongetragen und eins wird mit dem Staub der Straßen. Seine Augen brennen, er hustet und spuckt schwarzen Schleim, doch er hört nicht auf zu reden. Tiefes, dunkles, vielstimmiges Knurren dringt an sein Ohr. Er bleibt stehen, hektisch blickt er nach allen Seiten, plötzlich fällt ihm das Atmen sehr schwer, das Herz pocht hart in seiner Brust. Reflexartig drückt er sie enger an sich, leise raunt er ihr zu: »Schschsch, Baby, alles ist gut, alles ist gut.« Doch selbst für ihn klingt seine Stimme erschreckend monoton. Als die schwarzen Umrisse zu erkennen sind, welche ihre monströsen Schatten vorausschicken, als er das helle, klickende Geräusch ihrer Klauen auf dem rissigen Teer hört, da beginnt er zu rennen, ihren feingliedrigen Körper fest an sich gepresst. Jeder einzelne, röchelnde Atemzug ist wie flüssige Lava, die seine Kehle hinabfließt, wie kleine Explosionen in seiner Lunge. Blitzende Lichter tanzen vor seinen Augen, die Arme werden ihm schwer, die Füße taub, doch dessen ungeachtet läuft er weiter und läuft und läuft … Noch immer liegt Marisa in seinen Armen, ruhig und sie erscheint ihm seltsam leicht.
Das laute Heulen begleitet ihn, stachelt ihn an, ihr lauter, hechelnder Odem hallt tausendfach wider, steigert sich so zu einer abnormen Melodie. Er weiß nicht, wie lange er schon gelaufen ist, aber seine Schritte sind mittlerweile immer langsamer geworden, seine Beine immer schwerer und jetzt ist Luft holen zu einer nahezu unmöglichen Marter geworden, denn schwarzer Schleim fließt ihm aus der Nase und seine Augen haben zu bluten begonnen. Als er vor der haushohen Mauer aus Unrat, Autoteilen und verwestem, menschlichem Fleisch steht, wird ihm klar, dass sie ihn nur gehetzt hatten, getrieben, mitten in diese endgültige, perfekte Falle. So steht er nun, mit dem Rücken zu der Perversion einer Wand, ihren Körper schützend an sich gepresst, hustend und keuchend. Und wartend. Als würden sie aus den Schatten kriechen, sind sie da, wie aus dem Nichts, lauernd. Langsam bewegen sie ihre schwerfälligen, verstümmelten Kadaver auf ihn zu. Halb laufen sie aufrecht, halb krabbeln sie auf allen vieren dahin, hinkend, die Gliedmaßen wild zuckend. Geifer trieft aus ihrem Maul, unter den zerfetzten Lippen ragen spitze, gelblich-glänzende Zähne nach vorne, blutrote Augen starrten ihn mit festem Blick an. Er kennt sie und er weiß nur zu gut was sie wollen. Seine Schultern beben unter dem Ansturm der heißen Tränen, die sich mit Blut vermischen und kontrastreiche Streifen auf seinen eingefallenen Wangen hinterlassen. Der Anblick ihrer verstümmelten, verwesenden, fremdartig-tierischen Körper und deren vertraute, menschliche Antlitze. Ihre großen, blauen Augen starren stumpf und glanzlos, die kleinen Hände baumeln leblos und die fleckig-graue Haut, die sich im leichten Wind auflöst, davongetragen und Eins wird mit dem Schmutz der Straßen. Die blonden Zöpfe, die im Takt seiner Schritte wippen, der grazile Körper, der in den Staub einsinkt und dann - die heiseren Schreie der Meute, als sie sich auf sie stürzen, ihre gierigen Fresslaute. Und seine panischen, gequälten Schreie, als sein Verstand zu brechen beginnt, als leidenschaftlicher Wahnsinn sich der Leere bemächtigt, als er seine Hände erblickt, die sich langsam in ein fleckiges Grau zu verfärben beginnen. Und er sitzt da, wimmernd und winselnd, solange, bis sein Geist verstorben ist und gellendes, krankes Gelächter die Stille aus den Straßen nimmt. Und so sitzt er da und wartet, während das Blut aus ihrem kleinen Körper in schmalen Bächen über den Schmutz der Straße rinnt, sich mit ihm verbindet, ihn weiterträgt.
Und er wartet. Bis sie endlich kommen. Ihn endlich erlösen.
Copyright © 2010 by Sabrina Kowsky
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