Stories
Die gelbe Kerze
Eine Mystery-Kurzgeschichte von Hanno Berg
I
Nachdem das Stahlgerüst mit Beton ausgegossen war, seufzte er erleichtert auf. Der Beton würde am nächsten Morgen ausgehärtet sein, und keiner würde in diesem Neubaugebiet bemerken, dass er in der Nacht das Fundament dieses Hauses gegossen hatte, das niemand mehr fertig stellen würde, weil dem Bauherrn die Mittel ausgegangen waren. Er ging zurück zur Straße, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Dort angekommen setzte er sich hinter das Steuer und fuhr los. Nun musste er nur noch den Revolver entsorgen, mit dem er seine Frau erschossen hatte.
Er fuhr zum etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernten Buchenwald am Stadtweiher von Orlangen. Dort stieg er aus, nahm die Tüte mit dem Revolver und seinen Spaten an sich und ging einige Meter in den Wald hinein. Es war bereits mitten in der Nacht, sodass ihn niemand bemerken konnte.
Dort war die richtige Stelle! Unter einer sehr alten Buche, die schon fast all ihre Blätter verloren hatte, weil der Herbst schon weit fortgeschritten war, grub er ein etwa einen Meter tiefes Loch. Als er fertig war, legte er die Tüte mit der Mordwaffe hinein. Dann schüttete er das Loch wieder zu, klopfte die Erde fest und legte Laub über die Stelle, damit sie nicht auffiel.
Jetzt hatte er seine Ruhe! Der Revolver war nun vergraben und die Leiche seiner Frau im Beton verschwunden. Den Teppich, der das Blut der Toten aufgesaugt hatte und den robusten Plastiksack, in welchem die Leiche in seinen Wagen transportiert worden war, hatte er so sorgfältig verbrannt, dass es keine Rückstände gab. Ansonsten waren da keine weiteren Spuren der Tat in Haus und Auto zu finden. Sinnvollerweise hatte er die Leiche und den Revolver in verschiedenen Städten, jeweils fünfzig Kilometer von seinem Wohnort entfernt, entsorgt. Nun würde ihn sicherlich niemand als Mörder seiner Frau entlarven können, denn es war nahezu undenkbar, dass man sowohl die Leiche als auch die Tatwaffe finden würde. Ihm konnte also nichts mehr geschehen. Er pfiff übermütig einen alten Titel der Rolling Stones, während er mit seinem Wagen zurück zu seinem Wohnhaus fuhr.
II
»Ich habe das Miststück gestern erschossen«, sagte er zu Jenny. »Sie hat mir wieder gedroht, sich scheiden zu lassen und mich aus dem Haus zu jagen. Ich sollte keinen Pfennig von dem Geld bekommen, das sie von ihren Eltern geerbt hat.«
»Und das sagst du mir?«, kreischte Jenny. »Ich bekomme gerade richtig Angst vor dir!«
Je mehr er versuchte, sie zu beruhigen, desto hysterischer wurde seine Freundin, deren Verhältnis mit ihm er seiner Frau zum Schluss nicht mehr hatte verheimlichen können. Auch als er Jenny sagte, dass man ihm nichts werde nachweisen können, und dass er nun über das ganze ererbte Geld seiner reichen Frau verfügen und mit ihr ein glückliches Leben führen könne, beruhigte sie sich nicht. Schließlich ließ sie sich von ihm weder anfassen noch küssen, nahm ihren Mantel und lief aus dem Haus in die Dunkelheit hinaus ungeachtet des strömenden Regens, der seit dreißig Minuten niederging.
Was war nur falsch? Er hatte doch seine Frau ihretwegen umgebracht. Nur so konnten sie das nötige Geld bekommen, um künftig zusammen sorgenfrei zu leben. Er verstand nicht, warum Jenny so reagierte. Es hatte doch keine andere Möglichkeit gegeben.
Er grübelte lange vor sich hin. Schließlich öffnete er eine Flasche Scotch und trank in großen Schlucken mehrere Gläser davon. Dann machte er das Radio an, um ein wenig Musik zu hören und auf andere Gedanken zu kommen. Als gerade ein Oldie von den Beatles gespielt wurde, nickte er auf seiner Couch ein.
III
»Hergst, machen Sie auf, sonst müssen wir die Tür gewaltsam öffnen! Hier ist die Polizei!«
Er sprang wie elektrisiert von seiner Couch auf und stellte das Radio aus, das wohl die ganze Nacht gelaufen war. Dann ging er zur Tür und öffnete. Draußen standen zwei Beamte in Uniform und einer in Zivil mit Hut und Mantel.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte er noch immer völlig überrascht.
»Ziehen Sie sich etwas an und kommen Sie mit!«, befahl der Beamte in Zivil. »Sie werden des Mordes an Ihrer Frau verdächtigt! Wir wollen Sie auf dem Kommissariat verhören!«
Etwa zwanzig Minuten später saß er im Verhörraum an einem Tisch einem Kriminalkommissar gegenüber. Dieser konfrontierte ihn mit der Aussage Jennys. Sie hatte der Polizei erzählt, er habe seine Frau umgebracht. Er leugnete alles und dachte, wenn am Ende Aussage gegen Aussage stehe und keine Beweise gefunden würden, werde ihn das Gericht freisprechen müssen. Keiner konnte die Leiche und den Revolver finden! Es war alles sehr gut versteckt!
Als die Beamten, die einander abgewechselt hatten, mit ihm auch nach vier Stunden Verhör nicht einen Schritt weiter gekommen waren, ging einer der Kommissare aus dem Raum und kam Minuten später mit einer Kerze aus gelbem Bienenwachs wieder. Diese stellte er vor ihn auf den Tisch. Dann machte er das elektrische Licht aus und steckte den Docht der Kerze mit seinem Feuerzeug in Brand. Anschließend stellte er ihm erneut die Fragen, die man ihm schon die ganze Zeit gestellt hatte, doch er antwortete genauso wie zuvor.
Während er daran dachte, wie er seine Frau getötet und ihre Leiche versteckt, den Revolver verbuddelt und die anderen Sachen verbrannt hatte, beteuerte er dem Beamten, dass er unschuldig sei. Dieser aber sah ihn dabei gar nicht an, sondern er schien völlig abwesend die Wand hinter ihm anzustarren. Endlich blies er die gelbe Kerze aus, machte das elektrische Licht wieder an und verließ den Raum.
Mehrere Stunden saß er nun im Verhörraum, ohne dass jemand kam, der ihn weiter verhörte. Man brachte ihm nur zwei Sandwiches und Kaffee. Endlich kam der Kommissar zurück, der die Kerze vor ihm entzündet hatte und sagte: »Herr Hergst, wir haben die Leiche Ihrer Frau und die Tatwaffe gefunden. Die Waffe weist Ihre DNA auf, und wir können beweisen, dass Sie sie vor einigen Tagen gekauft haben. Außerdem werden wir auch heute noch Schmauchspuren eben jener Waffe an Ihrer Hand nachweisen können. Jedes weitere Leugnen ist zwecklos. Alle Indizien beweisen, dass Sie die Tat begangen haben.«
Anschließend beschrieb der Beamte genau die Fundorte der Leiche und der Tatwaffe, sodass er nun nicht mehr zweifeln durfte. Sie konnten ihm den Mord nachweisen!
Da entschloss er sich, ein Geständnis abzulegen, denn nur ein solches konnte seinen Richter nun noch milde stimmen. Eine Woche später wurde er dann als Mörder verurteilt und in das städtische Gefängnis gebracht.
IV
Wochenlang hatte er mit seinem Zellengenossen und den anderen Häftlingen kein Wort gesprochen. Gerade als dieser das Radio in der Zelle anschaltete, um die Nachrichten zu hören, setzte er sich auf seiner Pritsche auf. Während ein Bericht über die Wirtschaft des Landes lief, sprach er plötzlich zu sich selbst: »Wie nur konnten sie wissen, wo ich die Leiche und den Revolver entsorgt hatte? Ich hatte Jenny nichts darüber gesagt und auch keinem anderen! Ich begreife das nicht!«
Da mischte sich sein Zellengenosse ein: »Du kannst ja sprechen! Ich habe schon gedacht, du wärest stumm. Erzähl, was dich bedrückt!«
Er erzählte ihm seine ganze Geschichte von Anfang an bis zum Verhör auf dem Kommissariat und der gelben Kerze.
»Das ist es!«, sprach da sein Mithäftling. »Sie haben ihre Geheimwaffe geholt! Da hattest du natürlich keine Chance mehr!«
»Die gelbe Kerze – eine Geheimwaffe? Das glaube ich nicht! Was für eine Wirkung soll sie gehabt haben?«
»Mit dieser Kerze hat es das Folgende auf sich: Der leitende Hauptkommissar der Mordkommission hat sie einmal von einer alten Frau bekommen, die ihr Leben lang als Privatdetektivin gearbeitet hat und gute Erfolge vorweisen konnte. Wenn man den Raum verdunkelt und die Kerze zwischen sich und einen mutmaßlichen Täter stellt, kann man im so erzeugten Schatten seines Kopfes an der Wand hinter ihm alle Gedanken sehen, die ihm durch den Kopf gehen. Sie erscheinen dort wie ein Film an der Wand, der sofort wieder verschwunden ist, wenn der Missetäter seinen jeweiligen Gedanken zu Ende gedacht hat. So wirst du also, während er dich verhört hat, an deine Tat und deine Verstecke gedacht haben, die er auf diese Weise finden konnte. Wie gesagt, du hattest keine Chance!«
Völlig außer sich legte Hergst sich auf seine Pritsche und konnte an nichts anderes mehr denken als an dieses Teufelswerkzeug der Polizei. Als er dreizehn Jahre später entlassen wurde, war er ein gebrochener Mann und starb wenige Monate später.
Copyright © 2011 by Hanno Berg
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