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Die Barbaren auf der kleinen blauen Kugel
Science Fiction-Kurzgeschichte von Rolf Netzmann
Shi Bao schüttelte bedächtig den Kopf, sodass seine mächtigen gelben Tentakel hin und her schwankten.
Schon wieder waren im Verlaufe einer Zeiteinheit 20000 Lebewesen auf der kleinen blauen Kugel ausgestorben.
Nach seiner Einschätzung würde es nicht mehr lange dauern, bis die Lebewesen, welche diese kleine blaue Kugel beherrschten, allein sein würden und alle Konkurrenten ausgerottet wären. Verstanden diese Barbaren nicht, dass sie ihre eigene Existenz ausrotteten?
Barbaren, so nannte Shi Bao sie in seinen Gedanken.
Er war der Leiter der kleinen mobilen Beobachtungsgruppe an Bord der »Androide«, die im Auftrag des interstellaren Rates die kleine blaue Kugel seit einigen Zeiteinheiten beobachtete.
Es waren ohne Zweifel vernunftbegabte Wesen, dafür sprachen ihre Architektur, das Verkehrswesen, ihre Kommunikationsverbindungen. Nur waren sie auch Barbaren. Sie hatten es nicht geschafft, im Einklang mit der Natur zu leben. Gewiss, auf einigen Landteilen gab es Wesen, die so lebten, nur waren diese abgeschnitten von der allgemein dominierenden Lebensweise. Sie kamen Shi Bao wie Relikte einer längst vergangenen Zeit vor.
Früher hatten die Bewohner der kleinen blauen Kugel alle so gelebt, davon war Shi Bao überzeugt. Was hatte sie ihre Lebensweise so ändern lassen?
Er dachte an seinen Heimatplaneten Teleka. Auch dort gab es früher Tendenzen, gegen die Natur zu leben. Nur hatten die Telekas es gespürt, sie hatten die Angst der Natur erlebt und waren diesem Weg nicht weiter gefolgt. Seit ewigen Zeiteinheiten lebten sie mit ihrer Natur in Einheit, sie sahen die Verbindung von Vernunft, wissenschaftlichem Forscherdrang und dem Überleben des telekischen Ökosystems als sich gegenseitig inspirierende Symbiose.
Ein quietschendes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte kurz auf.
Aha, wieder eine dieser kleinen Katastrophen, die die Wesen auf der kleinen blauen Kugel nicht bemerkten.
Der Berggorilla, eine der eindrucksvollsten Gestalten, war soeben ausgestorben. Außer einigen Freaks würden diese Barbaren wohl nicht einmal realisieren, dass eine Art nicht mehr existierte, von deren Vorfahren sie abstammten.
Stattdessen bohrten sie immer tiefere Löcher in die Oberfläche der Kugel, auf der Suche nach Öl, Gas und Kohle. Sie wussten, dass diese Energieträger bald versiegen würden, nur lebten sie weiter wie bisher, betrieben ein wenig Alibiforschung und änderten nichts.
Shi Bao wusste, es würde bald so weit sein, nur noch wenige Zeiteinheiten, und die Barbaren auf der kleinen blauen Kugel würden aussterben. Diejenigen, die alle anderen sterben ließen, würden als letzte den Tod finden. Sie würden verdursten, weil das Süßwasser immer weniger wurde. Sie würden ertrinken, weil das Meerwasser ihre Landmassen überschwemmen würde. Und sie würden verhungern, weil das Ackerland immer weniger wurde und die Milliarden Wesen nicht mehr ernähren würde können.
Und sie würden inmitten ihrer Hektik sterben, weil sie auch angesichts des nahenden Todes keinen inneren Frieden finden würden.
Shi Bao stieß ein lautes Tuten aus seinem Nasenhorn. Sollte er diese Barbaren bemitleiden?
Nein, wieso sollte er, sie verdienten es nicht anders.
Er erinnerte sich an die Diskussionen im interstellaren Rat, wie mit diesen vernunftbegabten Barbaren verfahren werden sollte.
Die 24 Planeten und ihre Bewohner einte, bei aller Unterschiedlichkeit im Aussehen, der Beschaffenheit ihrer Heimatwelten, der Kultur und Technik, eines. Alle lebten in Einheit mit ihrer natürlichen Umwelt, sahen die Einheit des ökologischen Systems mit sich als vernunftbegabten Wesen, die diese Einheit zu bewahren hatten.
Diese Barbaren auf der kleinen, blauen Kugel lebten diese Einheit nicht, sie waren egoistisch, sie ließen ihre Umwelt sterben, sie lebten exzessiv, ohne an das Morgen zu denken.
Sie konnten nicht in den interstellaren Rat aufgenommen werden, sie waren nicht reif dafür.
Vielleicht würden sie später einmal, falls sie ihre Katastrophe überleben sollten, soweit sein.
Shi Bao verließ seinen Beobachtungsposten, es war Zeit, etwas zu essen.
Diese Barbaren würden sich nie ändern.
Copyright © 2010 by Rolf Netzmann
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