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Stories

Der Mann mit dem gelben Koffer

Eine Mystery-Kurzgeschichte von Sven Später

Eines schönen Tages erschien ein unscheinbarer Mann, gekleidet in einen höchst langweiligen Anzug in der Stadt. Außer einem großen gelben Koffer trug er nichts bei sich. Zu groß für eine Aktentasche, zu klein als Reisegepäck. Sein schütteres Haar umgab den blanken Schädel gleich einem Kranz aus staubigem Stroh. Auf der Nase des Mannes saß eine dicke, schwarze Hornbrille, die längst schon aus der Mode gekommen war. Der Mund war so schmallippig, dass es ständig aussah, als würde er sich gewaltig anstrengen, ganz gleich, was er gerade tat.
Der Mann zog in einen der schönen, neuen Wohnblocks. Teuer waren die Wohnungen in diesen Gebäuden. Viel zu teuer für arme Menschen, aber der fremde Mann verfügte scheinbar über genügend Geld. Sie wurden üblicherweise von Menschen bewohnt, die etwas zu sagen hatten – meist unnützes Zeug und dreiste Lügen, aber sie hatten die Nase vorn.
Niemand wusste, wer dieser Mann eigentlich war, woher er kam, was und wo er arbeitete. Jeder Anwohner begegnete ihm mit etwas Misstrauen, denn wenn man über einen Menschen nichts wusste, hatte dieser Mensch auf jeden Fall etwas zu verbergen. Nicht zu vergessen, dass sich der Mann mit dem gelben Koffer freundlich gegenüber jedem verhielt. Verdächtig zuvorkommend.
Kein Zweifel, da musste etwas im Argen liegen.
Und dann dieser Koffer, mit dem er tagein, tagaus durch die Gegend wanderte. Man sah ihn niemals ohne. Einem Schwätzchen wich er oftmals gekonnt höflich aus. Die neuesten Geschichten aus der Nachbarschaft interessierten ihn nicht.
Solche Leute hatten doch Dreck am Stecken. Ganz bestimmt. Man musste nur lange genug danach suchen, dann fand man die Flecken auf der weißen Weste auch.
So entschloss sich nach einigen Wochen des Abwartens und Beobachtens ein Hausmeister dazu, der Sache endlich auf den Grund zu gehen. Ihm war der Mann mit dem gelben Koffer von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Seitdem dieser eigenartige Kerl in die leere Wohnung nebenan gezogen war, fiel es Gunnar schwer nachts einschlafen zu können. Nicht, dass es zu laut gewesen wäre. Ganz im Gegenteil.

Kein Laut drang aus der Nachbarwohnung. Nie. Alles war still, wenn sich der Mann mit dem gelben Koffer zuhause aufhielt. Eine unheimliche Friedhofsstille. Gerade das machte ihn verdächtig. Leisetreter waren die Schlimmsten von allen. Die Schlimmsten.
Als Hausmeister oblag es Gunnar, für Ordnung zu sorgen. Das war er seinen Vorgesetzten und den Mietern schuldig. Allein hier wohnen zu dürfen zählte schon zu den wenigen Glücksgriffen in seinem Leben. Da war es ja wohl Ehrensache, zwielichtige Bewohner ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Sein Block war sauber und anständig. Verkappte Perverse hatten da nichts zu suchen.
»Der Typ ist mir sowas von unheimlich«, sagte Gunnar eines Morgens beim Frühstück zu Sandra, seiner Lebensgefährtin. Zuerst wusste die junge Frau nicht so recht, was sie mit dieser Bemerkung anfangen sollte. Entsprechend dämlich schaute sie auch drein.
»Sandra, Mensch! Merkst du das denn nicht? Der Kerl hat was zu verbergen.«
»Wer?«, fragte sie, ein Brötchen mit Erdbeermarmelade kauend.
Nichts klingelte unter der gelockten, Wasserstoff gebleichten Mähne. Bevor sie sich aber gänzlich der Unwissenheit ergab und ihren Freund dazu ermunterte, sie aufzuziehen, fügte Sandra mit unverfänglichen Worten rasch hinzu: »Kann schon sein.«
Gunnar gab sich damit zufrieden. Ihm gingen ganz andere Gedanken durch den Kopf. Er nippte bedächtig an seinem Kaffee und schaute aus dem Fenster. Gerade rechtzeitig, wie er feststellte, denn der neue Mieter verließ just in diesem Augenblick das Gebäude und ging den asphaltierten, säuberlich gefegten und von jedwedem Unkraut befreiten Weg zur Straße entlang. In seiner Rechten trug er den gelben Koffer. Fast nie sah man den Kerl ohne dieses Ding.
Was er wohl darin versteckte?
Hektisch tippte der Hausmeister gegen die Fensterscheibe: »Da, schau doch, da ist er wieder. Schau dir nur diesen steifen Gang an. Immer einen Fuß vor den anderen. Einen vor den anderen. Und dann dieser Blick. Starr geradeaus als gäbe es links und rechts nichts zu sehen. Komm schon, Sandra, das ist doch richtig bedrohlich.«
»Ach«, entgegnete die vor sich hinkauende Blondine, »den meinst du. Der ist doch harmlos.«
»Harmlos? Der soll harmlos sein? So wie der sich aufführt? War ja klar, dass du wieder mal keine Ahnung hast.«
»Wieso Ahnung? Das ist wirklich ein ganz netter Kerl. Hat sich gestern mit der alten Frau Demmer aus dem Dritten unterhalten. Weißt doch, die Alte, um die sich keiner kümmert. Hat ihr sogar dabei geholfen, die Einkäufe hochzutragen.«
Mit weit geöffnetem Mund schaute Gunnar seine Freundin an. In seinen Augen stand blankes Entsetzen geschrieben.
»Er … er ...«, keuchte der Hausmeister. »Er hat es gewagt und die alte Demmer belästigt?«
Das letzte Wort schrie er fast um so die Abscheulichkeit, das Grauen der begangenen Tat selbst noch einmal deutlich hören zu können.
Sandra glotzte ihn an und schüttelte ihren Kopf: »Nicht belästigt. Geholfen hat er der alten Frau. Geholfen.«
»Sag mal, ist in deinem Vogelhirn noch ein Rest von Verstand? Gott, Sandra! Wie naiv kann man denn sein? Was der da getan hat, gilt schon beinahe als sexuelle Belästigung. Na klar, zuerst trägt er ihr die Einkäufe nach oben, spioniert sie aus und dann, mitten in der Nacht, bricht er in ihre Wohnung ein und … und … ich will mir das gar nicht ausmalen.«
Als Antwort erhielt Gunnar ein Schulterzucken. Seine Sandra gehörte eben nicht zu den Gescheitesten, das musste er hinnehmen. Für sie stellte der Mann mit dem gelben Koffer einen einfachen, ruhigen Mieter dar. Gunnar hingegen wusste, wann ein Braten gammlig und faul stank.
Er konzentrierte sich wieder auf den gefährlichen Kofferträger und beobachtete ihn mit Argusaugen. Ohne wegzusehen murmelte er: »Ich wüsste zu gerne, wo der herkommt und was der überhaupt arbeitet. Das ist doch nicht normal.«
»Kannst ihn ja fragen.«
Wütend schlug Gunnar mit der flachen Hand so heftig auf den Tisch, dass Teller und Tassen sich lauthals beschwerten, Kaffee auf die Tischdecke schwappte und zwei Löffel in die Tiefe stürzten.
»Ja, bist du denn wahnsinnig?«, polterte er los. »Du bist komplett bescheuert, oder? Wenn der kriminell ist und ich unterhalte mich mit dem ... was glaubst du, wo ich da reingezogen werde? Dann ist es aus mit dem schönen Leben hier, dann können wir ins Ghetto ziehen. Ja, ja. Denk mal nach, Sandra. Denk einfach mal nach. Ist so leicht wie Haare färben!«
Abermals zuckte sie lediglich mit den Schultern. Sich auf einen Streit einzulassen, brachte nichts. Wenn sich Gunnar in etwas festgebissen hatte, dann blieb er stur. Vor allem bei Dingen, die ihn nichts angingen. Oder wenn seine Phantasie begann, ein Eigenleben zu führen.
Wieder wandte sich der Hausmeister dem Fenster zu. Draußen war niemand mehr zu sehen. Der Mann mit dem gelben Koffer hatte sich aus dem Staub gemacht. Wie üblich. So war das immer mit den Kriminellen. Nur eine Sekunde ließ man sie aus den Augen, schon lösten sie sich auf als seien sie nichts weiter als kleine Rauchwölkchen.

Natürlich wusste Gunnar, dass der getarnte Verbrecher nicht einfach verschwunden, sondern ganz normal seines Weges gegangen war. Trotzdem, man konnte verrückt werden. Wieso meinte es das Schicksal mit zwielichtigen Gestalten immer gut?
Aber ja doch, damit es die ordentlichen Leute nicht ganz so leicht hatten. Lorbeeren wollten verdient werden, die lagen nicht auf der Straße herum. Aber ärgerlich war es doch, den Mann mit dem gelben Koffer aus den Augen verloren zu haben.
»Verdammte Scheiße. Nur wegen dir hab ich das jetzt verpasst«, fluchte er, schaute dabei aber nicht zu Sandra. Lieber wachsam bleiben, vielleicht machte der mysteriöse Nachbar ja kehrt, weil er noch etwas vergessen hatte.
»Was verpasst?«
»Na, den Kerl da, wie er auf den Bürgersteig tritt und dann weitergeht. Ich wollte doch sehen, welche Richtung er heute einschlägt.«
Sandra verstand Gunnars Probleme nicht. Es war doch egal, wohin der Mann mit dem gelben Koffer ging. Er verhielt sich vorbildlich, war leise und zahlte pünktlich die Miete. Nichts war an seinem Verhalten auszusetzen. Wenn alle Mieter so wären wie er, gäbe es keine Schwierigkeiten.
Sie zuckte zum dritten Mal mit den Schultern – eine Geste, die Gunnar irgendwann in den Wahnsinn treiben würde, dessen war er sich sicher – und meinte beiläufig zwischen zwei Schluck Kaffee: »Er wird zur Arbeit gehen, wie viele andere Leute das auch tun. Du verrennst dich da in etwas. Lass ihn doch einfach in Ruhe.«
Bescheuerte Kuh, dachte Gunnar, sprach es jedoch nicht aus. Statt dessen widmete er sich mürrisch seinem Frühstück. Seine Chance hatte er verpasst, jetzt musste bis morgen gewartet werden. Bis dahin konnte weiß Gott was passieren. Von Vergewaltigung über Raubmord, bis hin zu einem gigantischen Gemetzel an Unschuldigen war da alles möglich. Und wenn es sich um einen Auftragskiller handelte, der in dem gelben Koffer sein auseinander gebautes Gewehr mit sich trug? Was, wenn er jetzt gerade auf dem Weg war, einen hohen General oder wichtigen Staatsmann zu töten?
Dann trug seine Freundin die alleinige Schuld daran und würde es nicht einmal begreifen. Weiber! Immer nur mit Weiberkram beschäftigt und mit Weibergedanken. Kein Wunder, dass sie unfähig waren die Welt zu retten. Manche Dinge sollten in Männerhand bleiben, davon ging Gunnar nicht ab. Dieses Gewäsch von Gleichberechtigung konnten die in den Talkshows ja ruhig bereden, Hauptsache er blieb davon im wahren Leben verschont. Wer sich für Geschichte interessierte, der wusste um die Unersetzbarkeit der Männer. Ohne sie ... aber nein, darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Viel wichtiger war es, sich um den Mordbrenner von nebenan zu kümmern.
Es musste doch möglich sein, etwas über ihn herauszufinden. Nur durfte der Mann mit dem gelben Koffer nichts davon merken. Meine Güte, dachte Gunnar, wenn der herausfindet, dass ich etwas über ihn herausfinden will, ist es aus mit mir. Dann kommt er und schlachtet mich ab. Sandra vermutlich auch, aber was interessiert mich das. Ich wäre dann tot. Tot!
Soweit durfte es nicht kommen. Er musste seinem Nachbarn das Handwerk legen. Je früher, desto besser.
Still und ruhig zu sein war im Grunde eine feine Sache. Es gab genügend Mieter, die einem mit ihrem Krach den letzten Nerv rauben konnten. Feierten Partys bis spät in die Nacht hinein, ließen ihre Bälger überall umherspringen oder hörten bei voller Lautstärke klassische Musik. Bah! Doch das waren trotz allem anständige Leute. Keine Kannibalen wie der merkwürdige Fremdling von nebenan.

Dieser Kerl war einfach zu ruhig. Über nichts beschwerte er sich, über gar nichts. Dabei gehörte das zu den Rechten der Mieter, sich über jede Kleinigkeit beim Hausmeister zu beklagen. Nur der Mann mit dem gelben Koffer schwieg. Er schwieg, wenn die Gören kreischten, schwieg bei dem Gepolter von oben, das die dort tanzen nannten, und schwieg bei Beethoven. Wer so penetrant still war, hatte mehr als eine Leiche im Keller.
Zum Glück nur eine Redewendung, denn Gunnar durchsuchte den Keller des Hauses jeden Tag, damit dort unten nicht tatsächlich eine Leiche vor sich hingammelte. Ein Toter, den sein Nachbar ins Haus geschleppt hatte. Bis jetzt war der Hausmeister nicht fündig geworden, also musste dieser Serienkiller seine Opfer an einem anderen Ort sammeln.
Das taten die doch: Opfer sammeln, wie andere Menschen Schmetterlinge sammelten.
Im Fernsehen hatte er darüber schon oft Filme gesehen, und Filme waren nichts anderes als die verzerrte Darstellung der Wirklichkeit. Ja, da machte niemand Gunnar etwas vor. Solche Bestien gab es. Eine davon war sein Nachbar.
Etwas, das besonders negativ bei dem Kofferträger auffiel, war die Tatsache seiner stets pünktlichen Mietzahlung. Diesen Umstand in Erfahrung zu bringen, war nicht schwierig gewesen. Als er eines Tages im Büro der Eigentümer, einer Wohnungsverwaltungsgesellschaft, angerufen hatte, um einige Dinge zu klären, war Frau Mallisch, die Sekretärin, in Schwatzlaune gewesen. Sie hatte sich gefreut, dass die Zahlungen des Mannes mit dem gelben Koffer grundsätzlich am Ersten eines jeden Monats auf dem Firmenkonto eingingen. Nicht einen Tag Verspätung.
Wenn das kein verdächtiges Verhalten war, dann wusste der Hausmeister auch nicht mehr weiter. Anständige Leute taten das nicht, die zahlten immer ein oder zwei Tage später. Es gehörte sich nicht, akkurat zu sein.
Und eine weitere Sache fiel ihm ein. Selbst Frau Mallisch hatte Gunnars Nachbarn nur Mann mit dem gelben Koffer genannt. Nie war sein Name gefallen. Bis heute wusste Gunnar nicht, wie der abartige Widerling überhaupt hieß. Dachte man nicht darüber nach, fiel es einem gar nicht erst auf. Wer kannte schon jeden seiner Nachbarn?
Die Zeit war überreif. Es musste gehandelt werden. Gunnars Vater hatte seinem Sohn mit dem Gürtel eingebläut, dass man nie still zusehen durfte, wenn Unrecht geschah. Niemals. Sollte er etwa seinen Vater enttäuschen? Sollte er etwa das Schicksal herausfordern? Am Ende kam der Alte noch aus seiner Grube gekrochen, den verhassten Lederriemen in der einen, die Schnapsflasche in der anderen Hand. Und dann würde er seinem missratenen Sohn derart zusetzen, dass …
Quatsch, schalt Gunnar sich selbst. Du drehst langsam durch. Liegt nur an dem Teufel von nebenan. Nur an dem. Tu deine Pflicht als gewissenhafter Hausmeister – und nicht zuletzt als wertvolles Mitglied der Gesellschaft.
Im Lauf des Tages feilte er gemeinsam mit seiner Freundin an einem Plan, der die finsteren Machenschaften des Wahnsinnigen beenden sollte. Ihn einfach nur zu vertreiben war nicht genug. Das Monstrum sollte hinter Gitter für all seine grässlichen Verbrechen, ganz gleich wie die aussehen mochten. Für Gunnar stand jedoch fest, dass die Taten entsetzlich sein mussten. Schlimmer als alles, das sich ein kranker Hollywood-Regiesseur ausmalen konnte.
Zuerst das Zielobjekt genau beobachten. Aber nicht nur durchs Küchenfenster. Das reichte nicht. Man musste den Kerl unauffällig verfolgen und seinen Tagesablauf genau kennen. Auf diesem Grundstein konnten dann weitere Steine aufgeschichtet werden. Solange, bis man den Typen eingemauert hatte. Ja, einmauern. Ihn dingfest machen, ihm das Handwerk legen. Es gab viele Begriffe dafür, aber am Ende bedeuteten sie: Verbrechen zu bekämpfen. Wie die Kommissare im Fernsehen. Nicht anders.
Informationen sammeln und dann in die Offensive gehen. Ihn kalt überraschen bei seinen perversen, widerwärtigen und brutalen Spielchen. Genau so musste das ablaufen. So und nicht anders.

Wortlos marschierte Gunnar durch die Wohnung, zog sämtliche Vorhänge zu, schaute unter den Telefonapparat, in Lampenschirme und sogar hinter den Fernseher. Dann kam er an den Küchentisch zurück und setzte sich wieder. Sandra hatte ihn die ganze Zeit über argwöhnisch und still betrachtet. Jetzt schaute sie ihn an als sei er nicht mehr ganz bei Trost: »Und was sollte das da gerade darstellen?«
»Psst«, zischte er ihr entgegen. »Wir müssen leise sein. Ich will nur sicher gehen, dass niemand durch die Fenster schaut und … man weiß ja nie, ob der Kerl von nebenan hier nicht Wanzen versteckt hat.«
Die Blondine lachte laut auf und bedeutete Gunnar mit einer wischenden Handbewegung vor ihrem Gesicht, dass sie ihn für komplett übergeschnappt hielt. Er setzte den strengsten Blick auf, den er zu bieten hatte. Sofort schwieg Sandra, sie kannte diesen Ausdruck. Wenn sie sich jetzt nicht auf sein Level begab, kam es zu einem handfesten Streit.
Also tat sie ihm den Gefallen und flüsterte: »Bist du noch ganz dicht? Das grenzt doch schon an Wahnvorstellungen.«
»Hey, wir müssen diskret sein, verdammt. Die Ermittlung erfordert professionelles Vorgehen, Sandra. Professionell, verstehst du das?«
»Du bist aber nur ein Hausmeister, kein Detektiv, Mensch. Du bist kein Jack Nicholson in diesem alten Film – Chinatown heißt der, glaub ich. Und du bist auch nicht dieser … dieser … ach, das war auch was mit Jack. Aus so einem Fantasy-Schinken, den ich letzten Monat gelesen habe. Jack … Jack … das war so ein Ork, so mit grüner Haut und großen Zähnen und muskulös … Jack ...«
Fasziniert von ihren Ausführungen, die ihm unglaublich sinnlos vorkamen, was sie aber nicht einmal am Rande bemerkte, starrte Gunnar seine Freundin an.
»Jack … Jack … ach, Mensch!«
»Du liest einen Schund, Mädchen. Was hat das jetzt mit ...«
»Urogk, ha! Genau, Jack Urogk«, unterbrach sie ihn und vergaß für einen Augenblick dieses konspirative Zusammensein. »Das ist vielleicht ein Kerl.«
»Was ist überhaupt ein Ork«, fragte der Hausmeister.
Sie winkte ab: »Nicht so wichtig. Auf jeden Fall sind das Detektive. Du bist es nicht.«
Gunnar schüttelte den Kopf, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzufinden.
»Ist auch egal. Wichtig ist nur, dass wir uns wie Profis verhalten. Der kleinste Fehler und ...«
Er deutete mit dem Zeigefinger an, wie ihm jemand die Kehle durchschnitt.
»Meinst du nicht, dass du da etwas übertreibst? Gut, er ist vielleicht ein wenig eigenartig, mit seinem Koffer und so wie er sich verhält, aber nur weil er ein Sonderling ist, heißt das gar nichts.«
»Sonderling. Pah! Gott allein mag wissen, wie viele Menschen der schon ausgeknipst hat. Zehn, hundert – oder tausend. Kann man das wissen?«
»Man kann auf jeden Fall maßlos übertreiben, wie ich feststelle.«
Auf Sandras sarkastische Worte ging Gunnar nicht ein. Er überhörte sie einfach, da seine Aufgabe einem höheren Ziel diente und nicht durch unsinnige Zänkereien gefährdet werden durfte. Er war nun dazu auserwählt, Menschenleben zu retten. Ohne einen Plan ging das nicht.
»Zurück zu unserem Plan. Also, morgen hast du doch deinen freien Tag, stimmt das?«
»Ja«, bemerkte Sandra, »schon seit zwei Jahren ist das so. Das solltest du eigentlich wissen.«
»Fabelhaft. Dann wirst du ihm morgen früh einfach folgen und herausfinden, was der den Tag über so treibt.«
Von seiner Idee war Sandra alles andere als begeistert. Sie ließ sich gegen die Stuhllehne sinken und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Mit schmollender Miene sagte sie: »Kannst du vergessen. Ich wollte mir morgen die Nägel machen lassen. Auf gar keinen Fall spiele ich den Schnüffler für dich.«
»Sandra! Deine Nägel kannst du dir immer machen lassen. Wir haben hier einen Fall von ungeheuerlichen Dimensionen aufzuklären, das muss dir langsam mal klar werden. Das Schicksal der Welt liegt in unseren Händen.«
»Jetzt hakt es vollkommen bei dir aus, oder? Die Welt? Was erwartest du, dass er in seinem gelben Köfferchen eine Atombombe spazieren trägt?«
»Wäre nicht das erste Mal«, gab Gunnar flüsternd zurück. »Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Sieh mal einer an.«
Sinnlos. Vollkommen sinnlos. Besser sie konzentrierte sich auf das, was er ausheckte. Sonst führte eines zum anderen und am Ende würden sie sich wieder in den Haaren liegen. Nicht zu vergessen, dass Gunnar mit der Zeit auf immer abwegigere Gedanken kam.
Atombomben in Koffern, dachte Sandra, aber sicher. Klar doch.
Sie hatte es zwar schon in einigen Actionfilmen und Thrillern gesehen, aber so etwas konnte es unmöglich in Wirklichkeit geben. Wenn sie nicht mitspielte, drehte er bald völlig durch, und sie kannte Gunnar, wenn er durchdrehte. O ja, das kannte sie gut. Dann war es besser, ihm nicht unter die Augen zu treten. Wie der Teufel es wollte, würde er sich sogar auf seinen Nachbarn stürzen und ihn windelweich prügeln – ganz ohne einen Beweis, versteht sich.
»Also gut«, sagte sie. »Wenn du wirklich so fest davon überzeugt bist, dass unser Nachbar ein Verbrecher ist, opfere ich eben meinen freien Tag. Was soll ich tun?«
»Fein«, meinte Gunnar mit einem breiten, freundlichen Lächeln. »Das ist mein Mädchen. Pass auf, es ist ganz einfach: Sobald der Kerl das Haus verlässt, gehst du ihm hinterher. Du kannst ja dabei dieses ... dieses ... na, der Quatsch mit dem albernen Gehen.«
»Walking?«
»Ja, genau. Schaden kann es ja nicht, hast ein paar Pfund zugelegt.«
»Herzlichen Dank«, entgegnete sie schnippisch.
»Ist doch so. Aber egal, jedenfalls kannst du ihm so unauffällig folgen. Musst dich nur zurückhalten und ihm nicht auf die Pelle rücken.«
»Gunnar, ich bin nicht dämlich. Ich weiß, wie ich das zu machen habe.«
»Gut«, sagte er und blickte sie streng an. »Versau mir das nicht, Mädchen. Wer weiß, ob es wieder eine Chance geben wird. Außerdem: Es geht um Menschenleben!«

Am nächsten Morgen wurde zur Jagd geblasen. Während Gunnar verstohlen hinter den Gardinen des Küchenfensters stand und alles beobachtete, hatte sich Sandra bereits vor die Haustür begeben. In ihrem Sportdress – überaus sexy, wie der Hausmeister wieder einmal feststellen musste – erweckte sie wirklich keinen Verdacht. Sie sah einfach nur aus wie eine junge Frau, die sich gerne fit hielt.
Sie machte einige Dehnübungen, grüßte Herrn Müller aus dem ersten Stock, der wie immer in Eile war und lediglich verkrampft nickte und wartete auf den Mann mit dem gelben Koffer.
Punkt Sieben kam er auch. Er schaute beiläufig zu Sandra und Gunnar stockte der Atem. Was, wenn der Kerl den Braten roch? Mit einem Mal schien seine Idee mit Sandra als Sportlerin gar nicht mehr so unauffällig zu sein. Immerhin hatte sie nie um diese Uhrzeit dort gestanden. Wäre also nicht verwunderlich, wenn der Terrorist ihre Anwesenheit als eigenartig einstufen würde.
Jetzt drehte sich Sandra auch noch zu dem Typen um und schwatzte. Diese dämliche Kuh. Wollte sie die ganze Sache gefährden? Er hätte es anders aufziehen sollen. Seine Freundin war nicht klug genug für derartige Aktionen.
Sie lächelten, der blutrünstige Kofferträger winkte ihr zu und machte sich wieder auf den Weg. Nur ein kleiner Plausch unter Nachbarn. Gunnar atmete auf. Ihm wurde fast schwindelig von all der Aufregung.
Einige Zeit, nachdem der Mann mit seinem gelben Koffer nach rechts gebogen war, trabte Sandra in gemächlichem Schritt los. Sehr gut, sehr gut. Wenn sie das Tempo beibehielt, verlor sie ihn nicht aus den Augen und er bemerkte sie nicht.
Ganze fünf Minuten blieb Gunnar noch am Fenster stehen. Fast glaubte er, Sandra müsste jeden Augenblick noch einmal zurückkommen, weil sie in ihrem Spatzenhirn die Lange nicht begriffen hatte. Als nichts weiter geschah und seine Freundin weiterhin das tat, was sie tun sollte, gönnte sich Gunnar ausnahmsweise schon in den Morgenstunden eine Flasche Bier und lehnte sich gemütlich auf dem Küchenstuhl zurück.
Den Stein hatte er ins Rollen gebracht. Mit dem, was Sandra später zu berichten hatte, konnte die weitere Vorgehensweise geplant werden. Bis dahin würde er sich ein wenig entspannen.
Gut, dass es solche Bürger wie mich gibt, ging ihm durch den Kopf. Sonst würde die Welt schon längst in Trümmern liegen.
Just in dem Moment als Gunnar seine Bierflasche öffnete, folgte Sandra dem Mann mit dem gelben Koffer in den Park. Was er da wohl zu suchen hatte? Nun, ihr war es gleich, wo sie ihr Walking fortsetzte. Lust dazu hatte sie ohnehin nicht.
Auf einer Parkbank nahe einem Spielplatz, den bereits einige Mütter und Tagesmütter mit ihren Kindern besetzt hatten, nahm der Mann Platz, stellte seinen Koffer neben sich und öffnete ihn. Den Deckel hob er nicht an, aber die Verschlüsse klickten hörbar. Dann schaute er sich die Gegend an und tat ... nichts.
Sandra hatte sich hinter einer der stämmigen Eichen versteckt, die im Park verteilt standen. Von dort konnte sie das Treiben des Mannes beobachten, ohne von ihm gesehen zu werden. Viel zu beobachten gab es jedoch nicht. Er saß einfach nur da.
Plötzlich kam ein Kind zu ihm gelaufen. Die Kleine mochte etwa vier oder fünf Jahre alt sein. Vielleicht auch sechs. Immerhin waren Ferien, da trieben sich Kinder jeden Alters im Park herum. Lächelnd begrüßte der Mann das Mädchen, das ein wundervolles rotes Kleidchen trug, an einigen Stellen von Sand beschmutzt. Sie zeigte auf seinen Koffer und er hob den Deckel an. Für einen kurzen Augenblick glaubte Sandra eine Art Funkenregen zu sehen, der aus dem Inneren des Koffers in das Gesicht des Mädchens sprang, zugleich etwas wie einen schwarzen Schatten aus dem Mund des Kindes kommend und im Koffer verschwindend.
Sandra kniff die Augen fest zu und öffnete sie wieder. Nein, da war rein gar nichts. Keine Erscheinung, keine Funken und erst recht kein Schatten. Alles nur Einbildung. Gunnar konnte einen mit seinem Wahn anstecken.
Fröhlich hüpfte das Mädchen wieder zu ihren Freunden. Sie war verändert, etwas an ihr war anders, aber Sandra konnte sich nicht erklären, was das sein sollte. Akribisch beobachtete sie jede Bewegung des Kindes und dann fiel es ihr auf. Die Kleine war glücklich. Durch und durch glücklich. Ein Gefühl, das die anderen Kinder anzustecken schien, denn eines nach dem anderen begab sich zu dem Mann und warf einen Blick in dessen Koffer.
Und alle gingen wieder zurück mit dieser Aura des Glücks, die beinahe zu leuchten schien. Was immer da vor sich ging, es war nicht normal. Gunnar mochte richtig liegen, dass dem Mann mit dem gelben Koffer etwas Mysteriöses anhaftete, aber es konnte doch nichts Böses sein. Zumindest war es Sandras erster Eindruck.
Mehr als eigenartig war jedoch, dass die Eltern und Tagesmütter gar nichts bemerkt hatten. Sie hatten nicht mitbekommen, wie ihre Schützlinge zu dem Mann gelaufen waren, obwohl sie es hätten sehen müssen. Niemand war aufgestanden oder hatte die Kinder zurückgerufen. In der heutigen Zeit ließ man doch nicht einfach einen Fremden mit Kindern reden. Und schon gar nicht in einen Koffer schauen.
Nein, das war nicht in Ordnung. Das war ganz und gar nicht in Ordnung.
Auch wenn Gunnar maßlos übertrieb, so musste diesem Treiben dennoch ein Ende gesetzt werden. Aber da gab es andere Möglichkeiten als zu spionieren oder andere Pläne zu schmieden.
Eine alte Frau kam zu der Bank und setzte sich neben den Mann, der seinen Koffer höflich auf den Schoß nahm. Ihre Haltung war gebeugt und aus ihren Augen sprach eine unglaubliche Traurigkeit. Sandra erkannte sie als Frau Nadler, die im Nachbarhaus wohnte. Eine warmherzige Witwe, die den Tod ihres Mannes im letzten Winter nie hatte überwinden können. Die Arme war einsam.
Beide redeten miteinander und dann sah Sandra, wie der Mann mit dem gelben Koffer rührselig lächelte und eine Bewegung seines Oberkörpers, die eindeutig zu einem Seufzen gehörte. Dann öffnete er seinen Koffer und Frau Nadler sah hinein. Einen Augenblick später verabschiedete sie sich.
Verändert. Ohne jeden Zweifel – die alte Frau hatte sich verändert. Gebeugte Haltung und dieser verklärte, traurige Blick waren verschwunden. Sie strahlte förmlich vor Glück.
Der Kerl hat irgendeine Droge in seinem Koffer, überlegte Sandra. Eine Droge, die über die Luft übertragen wird – oder so. Auf jeden Fall etwas, das nicht normal sein konnte und ganz sicher auch nicht legal.
Sie hatte genug gesehen. Genug um Gunnar dabei zu helfen, alles zu einem endgültigen Ende zu bringen.

Auf dem Heimweg überlegte sie, was das für ein Zeug sein konnte, das einfach aus einem Koffer heraus auf jemanden einwirkte, ohne dass man es berühren musste. Sicherlich etwas, das eingeatmet wurde. Gute Güte, wenn dem tatsächlich so war, konnte Gunnars und ihr Nachbar sämtliche Bewohner im Haus süchtig machen. Einfach so und niemand würde es bemerken.
Nachdem Sandra die Wohnung betreten hatte, fand sie Gunnar auf dem Sofa im Wohnzimmer, wie er sich eine dieser dämlichen Talkshows ansah. Er sprang auf und eilte zu seiner Freundin. Auf seiner Stirn waren kleine Schweißperlen zu sehen, denn Gunnar schwitzte grundsätzlich, wenn er freudig erregt war. Eine scheußliche Sache. Richtig widerlich.
»Was hast du herausgefunden? Sag schon, komm, jetzt rede endlich.«
»Komm mal runter«, meinte Sandra, ließ sich aber nicht noch einmal auffordern, ihren Bericht abzuliefern. »Unser Nachbar ist nicht zur Arbeit gegangen. Der wanderte einfach in den Park und hat sich beim Spielplatz auf 'ne Bank gesetzt.«
»Und dann? Und dann? Das kann doch unmöglich alles sein«, drängte Gunnar.
»Nein, das war nicht alles. Aber es war alles so … so … eigenartig.«
Sandra machte eine kleine Pause, die den Hausmeister fast um den Verstand brachte. Wenn die Pute nicht bald mit ihren Entdeckungen herausrückte, würde er sie am Kragen packen und so lange schütteln, bis ihr Spatzenhirn im Schädel Achterbahn fuhr.
Ein Schicksal, das der Blondine erspart blieb. Sie fand die richtigen Worte: »Also … Kinder sind zu ihm gekommen und er hat sie in seinen gelben Koffer schauen lassen. Nach einigen Sekunden sind sie dann wieder zum Spielplatz gelaufen.«
»Und dann? Was war mit den Kindern? Das muss doch noch weitergehen«, bemerkte Gunnar und durchbrach damit die unheilschwangere Stille, die sich abermals ausgebreitet hatte.
»Nix. Na ja, sie haben wieder gespielt. Aber eines war doch eigenartig, aber ich kann es nicht wirklich beschreiben.«
Gunnar herrschte sie an, es ihm zu erzählen oder er würde sich vergessen. Seine Anspannung ließ ihn nun wahre Ströme aus Schweiß produzieren, die ihm über sein Gesicht rannen. Er musste wissen, was der Schlächter getan hatte. Er musste das Geheimnis des Perversen erfahren.
Seine Freundin biss sich auf die Unterlippe und blickte zur Decke als würden dort die richtigen Worte erscheinen, mit denen sie ihr Erlebnis beschreiben konnte. Dann meinte sie: »Na ja ... die haben irgendwie … wie soll ich das nur sagen? Die Kinder schienen … fröhlicher zu sein als zuvor. Nicht, dass sie vorher lustlos oder traurig gewirkt hätten, aber … also, nachdem sie in den Koffer gesehen hatten, fühlten sie sich … ausgelassener … von ganzem Herzen … glücklich. Ja, genau. Die waren dermaßen glücklich, dass man es schon fast riechen konnte.«
»Ha!«, polterte Gunnar los und reckte seine Fäuste in die Luft. »Habe ich es mir doch gedacht. Dieses verfluchte Schwein. Glückliche Kinder! In Deutschland! Die Sache wird immer besser. Wo kommen wir denn da hin? Nein, nein, keine Frage, wir müssen diesen niederträchtigen Wurm aus dem Verkehr ziehen. Wir müssen! Tz, glückliche Kinder. Dieser Satan!«
Da musste ganz rasch etwas geschehen, dessen waren sich beide einig, auch ohne es auszusprechen. Nur was? Was konnten sie tun, um dem Schrecken ein Ende zu setzen?
Einige Augenblicke überlegte Gunnar angestrengt. Dabei legte er die Stirn in Falten, schnitt mit seinem Mund Grimassen und starrte irgendwo ins Nichts.
»Einmal in der Woche geht er doch zum Einkaufen«, begann er langsam, während die Gedanken in seinem Kopf noch eine Weile brauchten, bis sie endlich reif waren.
Sandra nickte: »Ja, jeden Freitag.«
»Genau, freitags. Von zehn Uhr morgens bis um elf Uhr – exakt – ist er außer Haus. Den Koffer nimmt er da nie mit.«
»Nein«, wiederholte Sandra die Überlegungen, »seinen Koffer nimmt er da nie mit.«
»Dann ist das unsere Chance.«
»Ja, das wäre dann unsere … wofür? Gunnar, Chance wofür?«
Eine Ahnung schlich sich in ihre Vorstellung. Aber sie konnte nicht glauben, Gunnar könnte das auch nur in Erwägung ziehen.
»Du willst nicht bei ihm einbrechen, oder? Gunnar? Sag, dass du auf gar keinen Fall einfach da drüben reingehen willst, wenn er nicht da ist.«
»Doch«, meinte der Hobbyschnüffler, »genau das. Hab doch von sämtlichen Wohnungen einen Schlüssel. Wir könnten reingehen, nach Beweisen suchen und wieder verschwinden. Der Teufel würde nichts davon mitbekommen. Eine Stunde ist mehr als genug. Vor allem haben wir die Möglichkeit, in diesen verdammten Koffer zu sehen. Da muss etwas Belastendes drin sein. Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.«
Von ihrem Verdacht mit den Drogen hatte Sandra noch gar nichts erwähnt. Also lag sie vielleicht gar nicht so falsch, auch wenn man Gunnars Paranoia nie als Maßstab nehmen sollte.
Aber ein Einbruch? Einfach so? Wenn sie Pech hatten, konnte die ganze Geschichte nach hinten losgehen. Job weg, Wohnung weg und dann noch eine Anzeige am Hals von einem, der gewiss selbst etwas zu verbergen hatte. Aber wer würde ihnen dann noch glauben?
Niemand. Sie wären für alle Zeit gebrandmarkt.
Energisch fuchtelte Sandra mit ihren Händen durch die Gegend.
»Bist du vollkommen durchgedreht?«, fragte sie ihn und tippte sich dabei gegen die Stirn. »Du kannst doch nicht so einfach in eine fremde Wohnung gehen. Man wird uns erwischen!«
Gunnar winkte ab: »Ach, Blödsinn. Wer soll uns denn schon erwischen? Bevor der wieder da ist, sind wir längst draußen. Aber mit Beweisen.«
»Nein, Freundchen, dazu überredest du mich nicht. Wir sollten einfach zur Polizei gehen.«
»Aber sicher doch«, entgegnete der Hausmeister genervt. »Die werden einem auch glauben, wenn man nichts vorzeigen kann. Weißt du, dieses Monster von nebenan ist schlau. Was glaubst du, warum der sich so freundlich gibt? Damit niemand Verdacht schöpft und er sauber dasteht.«
Mit einem energischen »Nein!«, beendete Sandra jede weitere Diskussion.

Zwei Tage später standen Gunnar und Sandra in der Wohnung des Mannes mit dem gelben Koffer. Seit etwa zehn Minuten war er außer Haus und würde auch erst in genau fünfzig Minuten wiederkommen. Das reichte, da sie nur den Koffer finden mussten. Als Beweis wäre das ausreichend, wenn man bedachte, welcher Inhalt darin vorzufinden war. Über Sandras Drogentheorie hatten sie am vergangenen Abend gesprochen und Gunnar war hin und weg von dem Geistesblitz seiner Freundin gewesen. Genug, um ein paar sinnliche Stunden nach ihrer Unterhaltung gemeinsam zu verbringen.
Eine ausgedehnte Suche würde es nicht werden, denn die Wohnung des Nachbarn präsentierte sich nüchtern. Im Grunde karg. Keine Bilder an den Wänden, nichts lag herum, nicht einmal Zeitungen oder Zeitschriften. Die Küche war sauber und restlos alles befand sich in Schränken. Auch im Wohnzimmer herrschte absolute Langeweile. Ein Sessel vor dem Fernsehapparat, ein kleiner Beistelltisch, auf dem nicht ein einziges Staubkorn lag.
Ansonsten gab es weder eine Stereoanlage, noch andere technische Spielereien. Keine CDs, DVDs oder was auch immer einem das Leben ein wenig versüßen konnte, standen in Regalen.
Wie lebte der Typ eigentlich? Für seine Bedürfnisse hätte schon fast eine Garage genügt. Statt dessen hatte er sich eine Wohnung in der besseren Preisklasse gegönnt. Das passte doch nicht zusammen.
Ganz klare Anzeichen dafür, dass es sich bei dem Kerl um einen ausgewachsenen Psychopathen handelte.
Von dem gelben Koffer fehlte bisher jede Spur, aber den hatte der Mann mit absoluter Sicherheit im Schlafzimmer deponiert. Wo sonst? Koffer stellte man ins Schlafzimmer, das war ein ungeschriebenes Gesetz, dem sich sogar Wahnsinnige unterwarfen.
Da die zwei Möchtegern-Detektive bisher nichts hatten entdecken können, das sich als felsenfestes Indiz für ein geplantes Verbrechen eignete, begaben sie sich also ins Schlafgemach.
Dort sah es ebenso steril und öde aus wie in den anderen Räumen. Das Bett war fein säuberlich gemacht und im Schrank befanden sich lediglich einige Kleidungsstücke, die altbacken und trist wirkten. Ob irre oder nicht, Gunnars und Sandras Nachbar war der Prototyp eines Langweilers.
Nur der gelbe Koffer fehlte.
»Das kann doch nicht wahr sein«, zischte Gunnar frustriert. »Er hatte ihn nicht dabei, ich weiß es genau. Sandra, irgendeine Idee?«
Ihr fiel auch nicht mehr ein, bis sie meinte: »Hast du schon unter dem Bett nachgesehen?«
Sofort hechtete Gunnar zum Bett und legte sich flach auf den Boden. »Bingo!«, rief er etwas zu laut, sodass sich seine Freundin ängstlich umblickte.
»Sei leise, Mensch«, ermahnte sie ihn, aber der Hausmeister ließ sich in seinem Triumph nicht stören. Er griff unter das Bettgestell und zog den Koffer zu sich. Jetzt hat das Treiben dieses verrückten Perversen ein Ende, dachte er und machte sich ohne aufzustehen gleich an den Verschlüssen zu schaffen. Wenn die gesichert waren, hatten sie alles umsonst auf sich genommen. Doch ein kurzes Betätigen der Entriegelung bestätigte Gunnar, dass er dieses Mal vom Glück gesegnet war. Klick. Klick. Die Kiste der Wahrheit war offen.
Zögernd hob er den Deckel. Was auch immer ihn erwartete, es würde nicht schön sein, dessen war er sich durchaus bewusst. Aber es musste sein. Ein richtiger Mann stellte sich den Gefahren und vor allen Dingen seiner Bürgerpflicht.
»Jetzt habe ich dich, du Dreckskerl«, gab er grinsend von sich. Die Spannung zerriss ihn beinahe, also klappte er den Deckel schließlich mit Schwung nach oben ...
... und schrie.
Er schrie, bis seine Stimme den Dienst versagte, und schrie lautlos weiter, bis sich die Welt um ihn herum in einem Wirbel aus Farben und Blitzen aufzulösen schien. Er schrie immer noch, als sich Blut in seinem Mund sammelte.
Sandra, die in der Zwischenzeit auf den Flur hinausgetreten war, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen, stürmte wieder zurück ins Schlafzimmer. Nie zuvor hatte sie ähnlich grässliche Laute gehört. Angst und Panik, die weit über das Ertragbare hinausgingen, lagen in Gunnars Geschrei.
»Was ist ...«
Mehr konnte sie nicht mehr sagen. Zu schrecklich war das, was sie in der Wohnung des Fremden vorfand.
Auf dem Boden lag Gunnar, den geschlossenen Koffer zwischen seinen Beinen liegend. Sein Haar war so weiß wie Schnee, dabei waren sie vor nicht einmal zwei Minuten noch feuerrot gewesen. Aus seinem halb geöffneten Mund floss blutiger Speichel. Er röchelte, atmete schwer. Ansonsten blieb Gunnar vollkommen regungslos.
Was Sandra aber gänzlich aus der Fassung brachte, waren Gunnars Augen. Er blinzelte nicht, schaute einfach mit den weißen Augäpfeln eines Blinden in die Leere.
Verzweifelt versuchte Sandra, Gunnar zu einer Reaktion zu bewegen. Wieder und wieder hämmerte sie mit ihren Fäusten auf seine Brust ein und versank schließlich in Tränen.
Sie bemerkte nicht, wie der mysteriöse Mann das Schlafzimmer betrat. Erst als er eine Hand auf ihre Schulter legte, schreckte sie auf. Gleich darauf schrie Sandra dem Fremden entgegen: »Was haben Sie getan, Sie verdammtes Schwein? Was ist mit meinem Gunnar? Ekelhaftes Monster!«
Ihr Geist drängte sie dazu, den Mann einfach zu töten. Mit bloßen Händen. Aber ihre Glieder waren schwer wie Blei.
»Die Frage ist doch wohl eher: Was haben Sie und Ihr Freund in meiner Wohnung zu suchen?«, bemerkte der Mann ruhig.
Obwohl er alles Recht der Welt hatte, wütend auf die beiden Eindringlinge zu sein, blieb er freundlich. Nichts deutete darauf hin, dass er feindselig oder böse war. Im Gegenteil, seine Stimme verriet nur eine leichte Enttäuschung.
»Was haben Sie getan? Was ist in diesem beschissenen Koffer?«
Der Mann nahm wortlos seinen Koffer, öffnete ihn und begann damit, seine spärlichen Kleidungsstücke einzuräumen.
»Jetzt ist nichts mehr darin«, sagte er, ohne sich beim Packen stören zu lassen. »Ihr Freund hat alles in sich eingesogen. Nun kann ich auch gehen und mir eine neue Bleibe suchen. Manche Leute können es einfach nicht verstehen.«
»Verstehen?«, rief Sandra. Ein hysterisches Kreischen, das ihre Stimme verzerrte. »Was kann niemand verstehen?«
Langsam drehte der Mann seinen Kopf, blickte die am Boden kauernde Blondine an und lächelte: »Wissen Sie, ich bin Sammler. In meinen Koffer sperre ich all die Alpträume und Ängste der Kinder ein. Dann können sie besser leben und meine Sammlung wächst und wächst. Leider hat Ihr Freund die letzten Monate zunichtegemacht. Das alles ist jetzt in ihm und ich kann Ihnen sagen ... die Kinder heutzutage haben schlimme Alpträume.«
Dann nahm er seinen gelben Koffer und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung.
Zurück blieben Sandra, die das Gesagte nicht verstehen konnte, und Gunnar, der bis zum Ende seiner Tage die Alpträume der Kinder in seinem Geist ertragen musste.

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