Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Stories - Sonstige - Der Hausmeister
Stories

Der Hausmeister

Eine Kurzgeschichte von Ulrich Erik Görs

Hier hatten sie also gelebt, gemeinsam, so viele Jahre. Er war ein bescheidener Mann und sie eine bescheidene Frau. Kennengelernt hatten sie sich auch hier. Damals arbeitete sie noch in der Pflege, da war er schon der Hausmeister des ehrwürdigen Seniorenheims, an dessen abgewandter Parkseite sie dann später gemeinsam ein kleines, beinahe baufälliges Bruchsteinhäuschen beziehen durften, das zum Anwesen gehörte.

Sie hatte sich nie beklagt, auch nicht, nachdem sie krank wurde und beide von dem winzigen Hausmeistergehalt leben mussten, das ihnen verblieb. Er brauchte sich nie zu sorgen, sie kümmerte sich verlässlich, er wusste nicht mal, wie viel er verdiente. Oft reichte es kaum zum Leben, zum Glück zahlten sie keine Miete, doch einen Teil seines Gehaltes behielt die Stiftung dafür gleich ein.

Seit sie weg war, war er ein einsamer Mann geworden, und wenn die Nacht kam, saß er oft trübsinnig in seiner karg eingerichteten Schreibstube mit Blick in den Park. Sie liebte diese Aussicht, hatte sie ihm mal gesagt. So saß er auch an diesem Abend hinter den beschlagenen Kastenfernstern seiner traurigen Behausung. Es könnte heute Nacht den ersten Frost geben, dachte er, als plötzlich die Laterne am Eisentor des Nebeneinganges, von dem kaum einer wusste, zu leuchten begann. So, wie die schwache Glühbirne der umgebauten Gaslampe einen warmen Schein in die gespenstische Allee warf, so warm wurde nun sein aufgeschrecktes Herz und es begann schneller, und voller Hoffnung zu schlagen.

An diesem Abend war es ein paar Wochen her, dass sie ihn verlassen hatte, ausgezogen war, ohne ein Wort des Abschieds. Sie hatte geweint, als sie ging, aber sie blieb stumm, während sie ihre wenigen Habseligkeiten in den winzigen, verstaubten Lederkoffer packte, der schon ihrer Mutter gehörte. Sie berührte noch ein letztes Mal sanft seine Hände und er wusste, dass es für immer sein würde. Lebe wohl, war das Einzige, das sie noch gesagt hatte, bevor das verrostete Eisentor der Parkanlagen hinter ihr ächzend ins Schloss fiel. Auch ein einfacher Mann wie er weiß, was das bedeutet.

Noch eben saß er an seinem, von den Spuren der Jahre gezeichneten Sekretär, und sann, wie jeden Abend, darüber nach, was er anstellen müsste, um sie zurückgewinnen zu können. Ein Geschenk müsste er ihr machen, ein ganz besonderes Geschenk, doch nichts, was ihm einfiel, schien ihm gut genug zu sein, um ihr Herz wieder für ihn zu entflammen.

Und nun sollte es etwa Wirklichkeit werden, kam sie zu ihm zurück? Wer sonst könnte den Bewegungsmelder auslösen um diese Zeit? Auf dieser Seite des Parks kam des Nachts gewöhnlich niemand vorbei, so fern vom Pflegeheim, das auf der anderen Seite lag, so fern der Straße, die in die Stadt führt in der sie jetzt lebt. Nur ganz selten kam es mal vor, dass die kleine Laterne sich einschaltete, und wenn, dann hatte sich der Besuch angemeldet. Nicht so aber an diesem Tag, er erwartete niemanden.

Auf dem Weg durch den Flur schlüpfte er schnell in seine Hausschuhe, die er sonst nur selten trug, schon gar nicht, wenn er in den Park hinausging. Da war er ganz genau, Hausschuhe gehören ins Haus, hatte er ihr mal gesagt, nachdem sie in Pantoffeln zur entlegenen Mülltonne geschritten war. Das fiel ihm jetzt ein, wo er seine guten Manieren abzulegen bereit war, um nachzusehen, wer sich dem Hintereingang näherte.

So lief er schnellen Schrittes die kleine Allee hinunter, sich dem fahlen Schein der alten Laterne nähernd. Die hundertjährigen Eichen rauschten über ihm im Nachtwind und ein paar Blätter kamen ihm auf dem dunklen Weg entgegen. Noch bevor er die Lampe erreichte, erlosch ihr Leuchten wieder, denn so zeitig hatte er sie eingestellt. Er kam immer näher, als der Melder ihn wahrnahm und das Licht wieder anging. Vor dem verschlossenen Eisentor wurde sein Schritt langsamer, er schaute sich um. Er drehte sich, sah in der Ferne das Fenster, hinter dem er gerade noch gesessen hatte. Hier war niemand und die eben noch gehegte Hoffnung wich langsam der Enttäuschung und fand ihr Ende in dem, ihm inzwischen vertrauten Gefühl der Traurigkeit und Einsamkeit.

Also doch nicht, sagte etwas in ihm, und er stand da, ganz still und allein. Er schaute traurig in das Licht der Laterne, an der sich ein Rosenstock anlehnte und deren letzte Blüten ihrem herbstlichen Ende trotzten. Resigniert ging er den Weg zurück. Es muss wohl ein Nachttier gewesen sein, das den Bewegungsmelder ausgelöst hatte, dachte er.

Zurück an seinem Schreibpult senkte er seinen Kopf in beide Hände, müde war er, seine Beine schmerzten von der Gartenarbeit, mit der er sich über den Tag abgelenkt hatte. Ein Geschenk müsste ich ihr machen, etwas ganz besonderes müsste es sein. Morgen mache ich ihr ein Geschenk, zum Zeichen meiner Liebe, auf das sie ihr Herz erweicht und zu mir zurückkehrt. Das waren seine Gedanken.

Gerade als er sich erheben wollte, um sich auf sein Nachtlager vorzubereiten, er nahm sein Gesicht aus beiden Händen, in die er sich bis jetzt gestützt hatte, traute er seinen Augen kaum, als er in der Ferne erneut das Licht der Laterne brennen sah. Das gibt es doch nicht, dachte er, da stimmt doch was nicht. Nie zuvor ist so etwas geschehen. Das geht kaum mit rechten Dingen zu, oder sollten es etwa Einbrecher sein, die sich zu schaffen machten?

Wieder lief er die Allee entlang, hinab zu dem leuchtenden Relikt aus alten Zeiten und wieder erlosch es, bevor er es erreichte. Als es dunkel war, näherte er sich bedächtiger, um das Licht nicht selbst auszulösen. Er beschloss einen Seitenpfad einzuschlagen, um sich dem Eisentor von einer anderen Richtung zu nähern. Von da aus wollte er die unheimliche Szenerie eine Weile beobachten, um gegebenenfalls einschreiten zu können oder Hilfe zu holen. Er schlich sich durch die Sträucher um einen geeigneten Standort zu finden, von dem aus er alles beobachten konnte.

Leise raschelte das trockene Laub unter seinen zaghaften Schritten, und als er eine Stelle fand, die ihm geeignet schien, hockte er sich hin und sah zu dem umgebauten Gaslicht hinüber, aber nichts geschah. Die gusseiserne Leuchte stand dort, unbeweglich und stumm. Das Mondlicht fiel blassblau auf die Rosenblüten, die sich um die Ornamente der nostalgischen, alten Lampe rankten, als wären sie ein Paar. Sein Gemüt beruhigte sich und so saß er wohl viele Minuten unter dem Busch, bis er merkte, dass seine Gedanken wieder bei ihr waren. Morgen mache ich ihr ein Geschenk, dachte er, etwas ganz besonderes muss es sein. Wie lange war es her, dass er ihr ein Geschenk gemacht hatte, er konnte sich nicht erinnern.

Zurückgekehrt in seine Wohnung verdunkelte er den Raum, in dem er saß, und beschloss, das entfernte Tor noch eine Weile zu beobachten, und tatsächlich wiederholte sich die seltsame Erscheinung in dieser Nacht noch ein weiteres Mal. Auch danach konnte er nicht erklären, wieso sich das elektrische Licht in der einstigen Gaslampe grundlos einschaltete, und irgendwann legte er sich in sein Bett und suchte den Schlaf. Seine letzten Gedanken in dieser Nacht galten ihr. Bevor der Schlaf über ihn kam, dachte er noch an das Geschenk für seine Liebste, aber immer noch schien ihm nichts gut genug für sie.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich an die seltsamen Ereignisse der vorangegangenen Nacht und er nahm sich vor bei Tag zu prüfen, was das Licht ausgelöst haben könnte. Nach Spuren wollte er suchen, nach einer Erklärung, doch ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Da war alles wie immer, die Eisenpforte war verschlossen, die Laterne stand, wo sie immer stand, die letzten Rosen des Jahres leuchteten im Morgenlicht in ihrem schönsten Rot, und nichts schien ihm auffällig zu sein. Er entschied sich den nächtlichen Vorfall zu vergessen, doch in der folgenden und darauf folgenden Nacht wiederholten sich die Ereignisse auf dieselbe Art.

So vergingen drei Tage und drei Nächte, es war ihm unheimlich geworden und er konnte sich nur erklären, dass es sich um einen technischen Defekt handeln musste. Noch am selben Tag fuhr er in die Stadt und kaufte einen neuen Bewegungsmelder und etwas Fett für das alte Tor. Gar nicht weit entfernt wohnte sie jetzt, und bei der Gelegenheit dachte er an sein Geschenk. Etwas ganz Besonderes sollte es sein und er durchkämmte viele Geschäfte, aber nichts schien ihm kostbar genug, um ihr Herz zu erreichen.

Am Nachmittag kam er heim, ohne ein Geschenk, der neue Bewegungsmelder und ein kleiner Topf mit Schmieröl waren seine einzige Beute. Mit einer Schere und verschiedenen Werkzeugen beladen schritt er die Allee entlang. So bereitete er alles vor, um das zum Eigenleben erwachte Bauteil auszuwechseln. Zuvor strich er noch sorgfältig das Fett auf die Scharniere der alten Pforte, bis sie wieder leise und leichtgängig zu öffnen war. Um die eigenwillige Leuchte zu reparieren, war es nötig, den Rosenstock zurückzuschneiden, der sie schützend umwuchs, und so schritt er zur Tat.

Schade, dachte er, bevor er begann, sie blühen noch so wunderschön. Es tat ihm fast ein wenig weh, als er die erste Blüte abschneiden wollte, die besonders weit hinausgewachsen war, und es sah so aus als würde sie versuchen sich dagegen zu wehren, indem sie im Herbstwind immer wieder seinen Schnitten entfloh. Bald wird ihr wundervolles Rot verblasst sein, wie vergänglich doch alles ist, waren seine Gedanken, als er sie brach.

In der folgenden Nacht kam dann der erste Frost und kleine Eisblumen blühten auf den sonst beschlagenen Scheiben seines Heimes. Von diesem Tag an haben sich die nächtlichen Vorfälle nicht wiederholt, das alte Tor blieb geschlossen, und noch lange wünschte er sie käme zurück, doch es sollte nie geschehen. Bis zuletzt dachte er, ein Geschenk müsste ich ihr machen, ein wundervolles Geschenk, das kostbar und edel genug für sie sei.

Copyright © 2010 by Ulrich Erik Görs

 

© by 2010
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox