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Stories

Der absolute Wahnsinn

Eine wahre Geschichte von Reni Dammrich

Kennen Sie den Spruch: »Das Auto ist der edelste Körperteil des Mannes«?
Es soll auch Frauen geben, die so denken. Vielleicht gehöre ich dazu. Egal. Jedenfalls hänge ich an unserem Auto. Eigentlich wollten wir zusammen alt werden. Eigentlich. Seit ein paar Tagen ist dieser Glauben tief erschüttert.
Nichts Böses denkend stieg ich ein. Wie jeden Morgen, wenn es mich zur Arbeit bringen sollte.
Ich steckte den Zündschlüssel ins Schloss und versuchte den Passat zu starten. Er versuchte ja auch anzuspringen, dabei blieb es aber auch schon. Das Auto litt und ich mit ihm. Menschlich gesprochen wand es sich in Fieberkrämpfen. Mühsam kam es zum Laufen, schleppte sich bergab an die Tankstelle, um stur wie ein Esel an der Zapfsäule stehen zu bleiben.
Wieder ließ es sich bitten, fuhr ein paar Meter, ging aus. Sprang nach vielen Mühen wieder an, um an der nächsten Kreuzung wieder den Dienst zu verweigern. Mal stand es vor, mal auf, mal hinter der Kreuzung, um zu überlegen, ob es weiterfahren sollte oder nicht. Ich versuchte, mit der Warnblinkanlage den vielen netten Zeitgenossen klar zu machen, dass Auto und ich ein Problem hatten. Irgendwie interessierte mich nach der dritten Kreuzung das Gehupe nicht mal mehr analperipher, um nicht zu sagen, es ging mir voll am Arsch vorbei. Mühsam tuckerten wir vorwärts. Noch mühsamer erklommen wir gemeinsam die steile Zufahrt zur Werkstatt. In der Parklücke hauchte das Auto seine letzte Kraft aus. Ich auch. Ich hatte den Kanal gestrichen voll. Und das gleich doppelt. Ich habe es noch nie geschafft, schönes Wetter zu haben, wenn das Auto muckt. Auch heute schneite und regnete es wie irre durcheinander, überall standen Pfützen und ich musste mit dem Bus weiter, voll beladen mit einer großen Tasche und einem Beutel. Ich konnte nicht einmal in der Firma anrufen, um zu sagen, dass ich später komme.
Kurz vor dem Pförtnerhäuschen gabelte mich mein Chef auf und nahm mich die letzten hundert Meter im Auto mit.
Gegen Mittag kam der Anruf aus der Werkstatt. »Sie können ihr Auto holen.«
Na Gott sei Dank!
Einer unserer Kunden war so freundlich, mich mit seinem Auto zur Werkstatt zu bringen. Ich trat freudestrahlend an den Tresen, um eine erträgliche Rechnung bezahlen und dann ab zu meinem Auto. Als ich fünf Minuten später wieder am Tresen erschien, strahlte ich nicht mehr. Das Auto war zwar angesprungen, tuckerte aber wie ein Traktor. DAS hatte es früh jedenfalls noch nicht gemacht.
»Aber er fährt erst mal«, hieß es vom Meister.
Ich kam mir vor wie bei dem Witz: Wie geht denn dein Auto? Das geht nicht, das fährt. Und? Wie fährt´s? Na es geht.
Ziemlich sauer ließ ich das Auto stehen. Was sollte ich denn mit einem Auto, das nicht mal richtig funktionierte? Das war am 23. Februar 2009. Also wieder zwei Tage mit dem Bus fahren.
Mit der nächsten Rechnung am 25. Februar waren es dann rund 350 Euro. Diesmal fuhr das Auto aber tatsächlich.
Zumindest bis zum Freitag der gleichen Woche. Als ich am Montag der darauffolgenden Woche ins Auto stieg, ging nicht mehr viel. Es sprang beim vielleicht achten Versuch an, schaffte zehn Meter, um dann zu röhren wie ein Hirsch. Es schüttelte sich zwischendurch wie ein nasser Hund, machte sprungartig hin und wieder einen Satz nach vorn, um zu überlegen, ob es weiterfahren sollte oder lieber nicht. Also mit einem satten Fluch auf den Lippen die Warnblinkanlage an und im Zuckeltrab vorwärts, so denn das Auto mal wieder ansprang. Nach vielleicht Hundert Metern setzte sich ein Polizeiauto hinter mich, das mich bis zur Werkstatt begleitete. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sich die Insassen das Schauspiel auch nicht entgehen lassen wollten. Zumindest war jemand da, der die Möhre anschieben konnte. Auch nicht übel. Wie das Auto die steile Auffahrt zu den Parkplätzen mit eigener Kraft geschafft hat, weiß ich nicht.
Jedenfalls versuchte wenig später ein Meister, es in die Werkstatt zu bringen. Er ließ es mit Mühe an. Die Geräusche, die das Auto von sich gab, waren noch wilder als auf meiner Fahrt bis hierhin. Dann ging es plötzlich aus, um auch nicht wieder anzuspringen. Also noch mal zwei Tage mit dem Bus fahren.
Als ich es endlich wieder holen konnte, hatte man alle Teile, die frisch eingebaut worden waren, noch einmal auf Garantie getauscht. Was lange währt, wird gut, heißt es ja im Volksmund. Ich betrachtete mittlerweile nicht nur den Spruch, sondern auch das Auto skeptisch. Irgendwie hatte ich langsam die Faxen dick. Wegen dieser rollenden Möhre würde ich sich sicher irgendwann einen Herzinfarkt bekommen. Argwöhnisch jedes Geräusch beobachtend nahm ich das Auto mit nach Hause. Es fuhr endlich wieder.
Bis - ja bis zum Montagmorgen. Es hatte am Wochenende wieder gestanden und glaubte nun offensichtlich, dass es Montag auch nicht fahren müsste. Wutentbrannt stieg ich aus, rief meinem Mann, der auf dem Balkon gestanden hatte, und wohl darauf wartete, dass ich den Parkplatz verließ, zu: »Die Scheißmöhre macht wieder nicht, was sie soll!«
Und wieder einmal tuckerte ich zur Werkstatt. Dabei hatte ich ab dem nächsten Morgen Urlaub, eine ganze Menge vor und hätte das Auto dringend gebraucht. Und wie immer - es regnete Bindfäden. Am Mittwoch holte ich das Auto wieder. Es regnete immer noch. Was mit dem Auto so richtig los ist oder war, konnte mir auch keiner erklären. Auf alle Fälle war es noch mal auf Garantie repariert worden.
Die Hälfte der Strecke freute ich mich, dass ich endlich das Auto wieder hatte. Auf der zweiten Hälfte entgleisten mir Muskel für Muskel die Gesichtszüge. Ein »Bratzeln« wie von unterbrochenen Stromkabeln, hin und wieder eine Art leises Kreischen, hatten mich aufgeschreckt. Ich dachte mein Hamster bohnert! Mit zitternden Händen kam ich zu Hause auf dem Parkplatz an, stieg aus und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich verkniff mir erst mal beides.
Am nächsten Tag bat ich meinen Mann ein kurzes Stück mitzufahren, damit er sich mit eigenen Ohren das Theater anhören konnte. Mein Mann wiegelte die ganze Sache ab. Nach dem Motto, es wird schon nicht so schlimm sein, sonst hätten sie dir das Auto nicht gegeben. Darüber hatte ich nach den letzten Werkstattbesuchen so meine eigene Meinung. Ich machte nun doch noch, was schon einen Tag vorher hatte tun wollen. Ich setzte mich in eine Ecke und heulte wie ein Schlosshund. Davon ging das Geräusch allerdings auch nicht weg. Wenn ich daran dachte, dass ich so fahren sollte, wurde mir richtig übel. Um meinen Mann zu überzeugen, dass etwas mit dem Auto faul war, schleppte ich ihn, weil ich totale Panik hatte, allein zu fahren, früh sieben Uhr in die »Sachsenallee« zum Einkaufen. Schon an der ersten Kreuzung ging das »Gebratzel« wieder los. Mir begannen vor Angst derart die Hände zu zittern, dass ich schon beim Fahren aufpassen musste.
Dann fiel mein Blick zufällig auf das Armaturenbrett, wo nur zusätzliche Schalter angebracht sind, die mit der eigentlichen Fahrerei nichts zu tun haben.
»Ach, nee, das darf doch nicht wahr sein! Schau dir das mal an!« Ich zeigte auf die Schalter der Sitzheizung. Beide standen auf fünf. Beim Beifahrer kein Problem. Nur auf der Fahrerseite ist ein Bruch im Kabel. Seit bestimmt zwei Jahren schon. Reparatur zu teuer. Außerdem nicht lebensnotwendig. Also blieben beide Schalter seitdem aus, eben weil es irgendwo zwischen den Kabeln »bratzelte«. Dass bei Plusgraden jemand die Sitzheizung anmacht, hatte ich nicht vermutet. Ich drehte die Heizung aus und augenblicklich herrschte die gewohnte Ruhe im Auto.

Nun hoffe ich, dass nächste Woche das Auto immer noch das tut, was es soll.
Falls ihr nichts mehr von mir hört, hat mich wegen neuerlicher Probleme doch noch der Schlag getroffen.

Copyright © 2009 by Reni Dammrich

 

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