Stories
Der Spiegel – Teil 2
Stella
Eine Fantasy-Geschichte von Reni Dammrich
Professor Marc Wendler stand im Wohnzimmer seines schmucken Häuschens. Er betrachtete das lebensgroße Gemälde über dem Kamin. Vor achtzehn Jahren hatte er es für seine Studentenbude gemalt und seitdem gehütet, wie seinen Augapfel. Andrea, seine Lebensgefährtin, hatte schon mehrfach verlangt er solle diesen kitschigen Ölschinken ins Feuer werfen und sich jedes Mal gewundert, dass der ruhige Marc dann sehr laut wurde. Seit vier Jahren lebten die beiden mehr oder weniger locker miteinander. In den letzten Wochen kriselt es immer öfter und immer waren Andreas Bemerkungen über das Bild am Kamin schuld. Marc fehlte die Kraft, ihr einfach den Laufpass zu geben. Stattdessen trafen sie sich immer seltener. Er schützte Arbeit vor, die einzige Ausrede, die sie gelten ließ.
Marcs Blick hing an dem schmalen Gesicht mit den seegrünen Augen, das von rötlichem, langem Haar umrahmt wurde. Die filigranen Schmetterlingsflügel funkelten im Sonnenlicht. Marc seufzte vernehmlich, als er sich langsam umdrehte und das Haus verließ.
Luigi war gerade dabei gewesen den bestellten Tisch festlich zu schmücken, als sich die Tür seiner Pizzeria leise öffnete. Er hielt inne, drehte sich neugierig um und schaute in zwei traurige grüne Augen.
»Sie wünschen?«, fragte er förmlich, obwohl ihm eher ›kann ich dir helfen‹, auf der Zunge gelegen hatte.
»Ich suche Marc«, sagte die Fremde flüsternd und Luigi war nicht sicher, ob sich ihre Lippen dabei überhaupt bewegt hatten.
»Marc? Und weiter?«, hakte er nach.
»Nur Marc.« Das Mädchen hob bedauernd die Schultern. Sie mochte etwa achtzehn sein und war ziemlich attraktiv, wie der Italiener mit Kennerblick bemerkte.
»Und woher weißt du, dass er hierher kommt?« Luigi betrachtete neugierig das fein geschnittene Gesicht.
»Das hat mir der Hausmeister der Universität gesagt«, entgegnete die Fremde. »Marc lehrt dort etwas über alte Völker oder so.«
»Muss es ausgerechnet heute sein?«, wollte Luigi wissen. Der Tisch war noch nicht fertig und ihm lief die Zeit davon. Dass sein Lokal eigentlich heute geschlossen war, fiel ihm in der Aufregung gar nicht ein.
»Bitte.« Das rothaarige Mädchen sah ihn so flehend an, dass er wortlos auf einen Tisch gleich an der Tür zeigte.
»Möchtest du etwas trinken?«
Das zierliche Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich kann dir nichts dafür geben.«
»Ich bringe dir trotzdem etwas. Einen Cappuccino? Oder lieber etwas Süßes?«
»Nektar?«, fragte die Fremde vorsichtig.
»Geht in Ordnung.« Luigi verschwand in der Küche. Das Lächeln der Kleinen war ihm Bezahlung genug. So etwas war ihm auch noch nicht passiert. Er füllte ein geschliffenes Kristallglas mit gekühltem Nektar.
»Danke.«
Der Wirt widmete sich wieder der Tischdekoration.
»Da drüben kommt Marc«, Luigi deutete aus dem Fenster.
Schon öffnete sich die Tür, drei Männer und drei Frauen traten ein.
»Hallo Luigi. Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen«, sagte einer der Männer und zwinkerte dem Italiener fröhlich zu.
Er hat eine freundliche Stimme, stellte das einsame Mädchen neben der Tür fest, sieht gut aus und die Beschreibung würde passen. Ob das wohl Marc ist? Unbemerkt beobachtete sie die Menschen, welche an dem festlich geschmückten Tisch Platz nahmen und die von ihr keine Notiz zu nehmen schienen. Der Mann mit der freundlichen Stimme machte keinen glücklichen Eindruck. Die Frau, die zu ihm gehörte, war auffällig geschminkt, sprach mit schriller Stimme und nicht ein einziges Mal berührten sich ihre Blicke, während sich die anderen verliebt in die Augen sahen.
Der Wirt beobachtete von seinem Tresen aus sowohl die Feiernden, als auch die Kleine an der Tür, die in winzigen Schlucken ihren Nektar trank. Er hatte erwartet, dass sie sofort zu Marc gehen würde, und war neugierig gewesen, was sie wohl von ihm wollte. Jetzt gewann die Überzeugung Oberhand, dass sie gar nicht wusste, welcher der Männer Marc war. Bisher hatten sich die sechs Gäste nur mit ihren Spitznamen angesprochen.
Interessant! Aber Luigi hatte Zeit. Früher oder später würde er schon erfahren, was es mit Marc und der Kleinen auf sich hatte. Schließlich erfuhr er immer alles – irgendwann. Ganz offensichtlich war das Mädchen dem Professor fremd. Vielleicht eine neue Studentin, man hatte sie ja von der Uni hierher geschickt. Wer weiß? Der Wirt widmete sich den Sektgläsern, denen er altmodisch mit einem Tuch den höchsten Glanz gab.
Soeben zeterte Andrea wieder, dass ihr ›Schatz‹ noch immer das grauenvolle Bild im Hause hätte. Luigi kannte das inzwischen. Ihm ging das Genörgel furchtbar auf die Nerven. Immer wieder fragte er sich, wie Marc das aushielt, beziehungsweise, was ihn überhaupt bei dieser Furie hielt.
Marc verdrehte kopfschüttelnd die Augen, wandte sich ab und wollte aufstehen. Dabei fiel sein Blick auf das Gesicht des Mädchens an der Tür. Mit weit geöffneten Augen ließ er sich auf seinen Stuhl zurücksinken. Ohne es zu merken, musterte er die Fremde, die seinem Blick standhielt. Eichhörnchen rotes Haar, grüne Augen, als Ohrringe trug sie silberne Schneeglöckchen. Die kleine Kerze auf ihrem Tisch zauberte einen Schatten an die Wand, der Marc so vertraut war – Schmetterlingsflügel. Das Gezeter hinter seinem Rücken hörte er nicht einmal. Plötzlich wurde er aus seinen Betrachtungen gerissen. Andrea hatte ihn am Arm gepackt, rüttelte daran und keifte: »Marc! Die Betrachtung der Kleinen ist offensichtlich wichtiger als meine Wünsche!«
Marc schüttelte unwillig ihre Hand ab, stand auf und trat an den Tisch des einsamen Mädchens. Lange schauten sich die beiden an. Er streckte vorsichtig die Hand aus, strich mit der Fingerspitze über einen ihrer Schneeglöckchen-Ohrringe. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
»Galantha«, flüsterte er.
Die Fremde erhob sich rasch. »Dann hast du sie nicht vergessen.«
Marc schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich das?«
»Mein Name ist Stella.« Dann warf sie sich in seine Arme. »Vater!«
Luigi ließ vor Schreck das Tablett fallen, klirrend zerbrachen die Champagnergläser. Andrea fuhr von ihrem Stuhl hoch, starrte die beiden mit offenem Mund an. »Du hast eine Tochter? Du elender Schuft!«, keifte sie, riss ihren Mantel vom Garderobenhaken und rannte aus dem Lokal.
Marc drehte sich nicht einmal nach ihr um. Er hielt das zarte rothaarige Mädchen im Arm, das ihn ›Vater‹ genannt hatte, spürte die geheimnisvolle Elfenkraft, die sie auch in dieser Welt umgab. Obwohl er nichts über dieses Mädchen wusste, war ihm sofort klar, dass sie die Wahrheit sprach. Verblüfft beobachteten die Anwesenden die beiden. Marc hatte sich nie mit Frauen beschäftigt und jetzt tauchte plötzlich ein Mädchen auf, das behauptete, seine Tochter zu sein. Und wie Marc darauf reagierte, ließ nicht einmal Zweifel daran aufkommen.
Thomas stieß Mario an. »Eh! Fällt dir etwas auf?«
»Was denn?«, fragte der und riss seinen Blick los.
»Die Ähnlichkeit«, flüsterte Thomas hektisch.
»Womit denn?« Mario hob die Schultern
»Mit dem Bild – du Esel! Mit dem Bild, das jahrelang in Marcs Zimmer hing, jetzt über dem Kamin und das Andrea so missfällt. Kapiert?« Thomas sah Mario triumphierend an, während die Frauen nur Bahnhof verstanden.
»Du meinst …?«
»Aber sicher! Jetzt gehen mir ganze Kronenleuchter auf«, sagte Thomas, sich zufrieden zurücklehnend. »Das ist keine Fantasiegestalt, das ist eine reale Person.«
»Und die Flügel?«, warf Mario an.
»Was weiß ich! Ein bisschen Verklärung muss schon sein, wenn man an das Objekt seiner Begierde nicht herankommt«, sagte Thomas.
Mario feixte und deutete auf Marc, der noch immer stumm seine Tochter drückte. »Offensichtlich war er ziemlich nah dran. Windbestäubung wird es ja nicht gewesen sein.«
»Ihr seid unmöglich«, schimpfte Tina.
»Und unromantisch«, ergänzte Milena. »Außerdem könnte es jetzt, wo Andrea weg ist, noch ein wundervoller Abend werden.«
Marc löste sich von Stella, legte ihr den Arm um die Schulter und führte sie zu seinen Freunden. »Tina, Milena, Thomas, Mario ich möchte euch meine Tochter Stella vorstellen.«
Die vier begrüßten das schüchterne Mädchen freundlich.
»Möchtest du nicht deinen Umhang ablegen?«, fragte Thomas.
Stella zuckte zusammen, sah Marc hilflos an. »Aber dann …«
Marc nickte, blinzelte ihr mit einem Auge zu und sie ließ sich von Thomas den Umhang abnehmen, der plötzlich einen erstickten Laut ausstieß. Die Freunde hoben die Köpfe. Sie erstarrten. Vier glitzernde Flügel entfalteten sich auf Stellas Rücken. Luigi hätte beinahe noch einmal den Champagner fallen lassen. Er rieb sich die Augen. Jetzt wurde der Hund in der Pfanne verrückt! Dass die Kleine anders war, als alle die sonst sein Lokal besuchten, war ihm vom ersten Moment an klar gewesen, aber was sich nun vor seinen Augen abspielte, war der Hammer. Einzig Marc war Herr der Situation.
»Du hast genau solch wundervolle, filigrane Flügel wie deine Mutter«, sagte er anerkennend. »Du siehst ihr überhaupt sehr ähnlich.«
Stella lächelte scheu.
»Aber sie hat dir keinen Blumennamen gegeben«, stellte Marc erstaunt fest.
»Mutter sagte, Stella wäre passender, weil – na du weißt schon …« Stella wurde rot.
»Stimmt, dort gab es mehr Sterne als Blumen.« Marc lächelte melancholisch bei dieser Erinnerung.
Atemlos lauschten die Freunde der Unterhaltung der beiden.
»Du bist doch sicher nicht nur hier, weil du mich kennenlernen wolltest?«, fragte Marc. »Was ist passiert?«
Stella nahm seine Hand. »Du musst uns helfen. Unsere Welt schwindet – jeden Tag ein Stückchen mehr.«
»Warum denn das?«, fragte Thomas erschreckt.
»Weil die Menschen aufgehört haben, an uns zu glauben. Unsere Welt lebt nur durch ihre Gedanken und die Erinnerung«, flüsterte die Elfe verzweifelt.
»Ich weiß«, sagte Marc. »Deshalb wollte ich, dass dich alle hier so sehen, wie du wirklich bist. Das sind fünf Menschen, die sich immer an dich erinnern werden.«
»Außerdem haben die Zwerge den wandelnden Turm in ihre Gewalt gebracht. Sie können ihn zwar nicht betreten, aber das Spiegeltor ist für uns Elfen verloren. Nicht einmal Aureus hat die Macht den Turm zurückzuerobern«, erzählte Stella weiter.
»Spiegeltor?«, echote Tina.
Marc nickte. »Weißt du nicht, dass Spiegel Fenster und Fenster Tore sind?«
Tina staunte. »Ich habe diesen Spruch sicher schon tausendmal gehört, aber nicht geahnt, dass er einen realen Hintergrund hat.«
»Geht es Galantha wenigstens gut?«, wandte sich Marc an seine Tochter.
»Sie lebt«, entgegnete die Elfe.
Marc sah sie fragend an.
»Seit du gegangen bist, hat sie den Berg nicht mehr verlassen. Tag für Tag beobachtet sie den Spiegel und wartet darauf, dass du zurückkommst«, flüsterte Stella. »Ich habe Mutter noch nie fröhlich gesehen oder gar lachen hören. Sie lebt – mehr nicht.«
»Das habe ich nicht gewollt«, murmelte Marc.
»Es ist auch nicht deine Schuld«, versuchte ihn Stella zu trösten.
Marc hob den Kopf. »Wie lange kannst du bleiben?«
»Noch zwei Tage«, entgegnete Stella. »Ich habe lange gebraucht, um dich in dieser großen Stadt zu finden.«
»Also Freunde, ihr habt es gehört, übermorgen verlasse ich euch auf unbestimmte Zeit. Lasst uns heute noch einmal alle Sorgen vergessen. Stoßen wir auf meine Tochter und meine große Liebe an.« Marc hob das Glas.
»Auf die Elfen!«, riefen die Menschen und ließen die Gläser erklingen.
Marc winkte Luigi heran. »Kannst du für Stella ein Schälchen saftiges, extra süßes Obst bereiten? Wenn es geht ohne Schale?«, bat er.
»Kommt sofort.« Luigi eilte davon. Diesem ungewöhnlichen Gast sollte es an nichts fehlen. Bei der Gelegenheit zog er gleich noch eine Flasche Bananennektar mit aus dem Regal. Der war so süß, dass einem beim Lesen des Etikettes schon der Mund zuklebte. Schmetterlinge mochten so etwas. Elfen vielleicht auch? Luigi servierte Stella das Obst. Sein Blick hing an ihren durchsichtigen Flügeln, die so unendlich zerbrechlich wirkten. Am liebsten hätte er sie berührt.
Stella hob schnuppernd die Nase. Luigi hatte soeben die Saftflasche geöffnet.
»Einmal für wunderschöne Schmetterlinge.« Verschmitzt lächelnd und mit einer Verbeugung kredenzte er ihr den Nektar.
»Ich wusste gar nicht, dass du auf Elfen eingestellt bist?«, verwunderte sich Thomas.
»Steht doch groß draußen an der Tür«, sagte der Wirt im Brustton der Überzeugung.
»Hä?« Mario spähte auf das Schild.
»Na da oben: internationale Gerichte«, feixte Luigi.
Alle lachten.
»Drei Punkte für den Kandidaten«, kicherte Tina. »Luigi ist und bleibt der Größte.«
»Zweifellos. Deshalb halten wir ihm ja auch schon die ganzen Jahre über die Treue«, ergänzte Marc.
Der Italiener nickte. »Dafür bin ich euch auch sehr verbunden. Außerdem bin ich immer noch Marc dankbar, der als Student meinen Laden mit am Laufen hielt, indem er unzählige Male die Gäste bedient hat. Wenn ich mich recht entsinne, dann hast du mir nur einmal die Bitte abgeschlagen.«
»Nimmst es ihm wohl immer noch übel?«, amüsierte sich Thomas.
»Unsinn.« Luigi lachte. »Es war nur das einzige Mal und deshalb ist es mir im Gedächtnis geblieben.«
Marc klopfte Luigi auf die Schulter. »Ich habe diesen Tag auch nicht vergessen und das werde wohl auch niemals. Stella ist der lebende Beweis, dass ich an jenem Tag anderes im Kopf hatte, als deine Gäste.«
Stella errötete wieder.
»Wo hast du ihre Mutter kennengelernt?«, fragte Mario.
»Im Reich des schwarzen Drachen«, erwiderte Marc.
»Und warum hast du nie darüber erzählt?«
Marc sah seine Freunde amüsiert an. »Hättet ihr es geglaubt?«
Tina runzelte die Stirn. »Vermutlich nicht. Es ist ja jetzt schon schwer genug zu akzeptieren, dass deine Tochter Flügel hat.«
»Kannst du wirklich fliegen?«, wollte Luigi wissen.
»Warum nicht?« Stella schob ihren Stuhl zurück, und schwebte eine Runde durch die Pizzeria.
»Unglaublich«, murmelte Mario.
Stella setzte sich wieder neben Marc. Sie winkte mit dem Finger, worauf ihr das Nektarglas in die Hand sprang.
»Zaubern kannst du auch???« Milena ließ vor Aufregung ihren Löffel fallen.
»Hmm, hmm.« Stella berührte ihre Ohrringe. Statt der Schneeglöckchen funkelten plötzlich kleine Sterne an deren Stelle.
Thomas tippte Marc an. »Wohl eindeutig Mutters Erbteil.«
»Falsch«, erwiderte Stella. »Das verdanke ich meinem Vater.«
Marc hob erstaunt den Kopf. »Der zweite Wunsch?«, fragte er kurz.
Stella nickte dankbar. »Du hast ihn zur rechten Zeit nach jener denkwürdigen Nacht ausgesprochen. So ist dein Segen auch auf mich übergegangen. Und mein Zauber hält ewig, wenn ich das möchte.«
»Wer hat es dich gelehrt?«
»Meine Mutter und der schwarze Drache«, erklärte Stella zu Marcs völliger Überraschung.
»Der Drache?«
»Vergiss nicht, dass wir bei ihm leben.«
»Galantha ist nie wieder auf die weiten Wiesen zurückgekehrt?«, fragte Marc.
»Nie. Sie sitzt in der Grotte und trauert«, erzählte die Elfe.
»Wirst du mir helfen, sie dort wegzubringen? Selbst wenn es in meine Welt ist?«
»Ich mache alles, was du verlangst, nur hilf mir unsere Welt zu retten«, bettelte Stella.
»Ich schwöre dir, dass ich alles tun werde, was ich kann.« Marc streichelte Stellas Wange.
»Sagt, wie wir euch helfen können«, baten Thomas und Mario.
»Versucht euch an Märchen und Sagen zu erinnern, in denen Zwergenheere besiegt wurden. Ich bin euch für jeden noch so kleinen Tipp dankbar. Schreibt mir eine E-Mail, ruft mich an oder rennt mir die Bude ein. Wir haben nur zwei Tage Zeit«, erklärte Marc. »Ich werde ein bisschen meinen Computer quälen, vielleicht spuckt er freiwillig ein paar Informationen aus.«
Stella zuckte entsetzt zusammen.
»Beruhige dich.« Marc lächelte nachsichtig. »Der Computer ist so etwas wie ein Werkzeug und ihn quälen sagt man, wenn dieses ohne Unterbrechung benutzt wird.«
»Interessante Erklärung«, schmunzelte Mario.
»Kannst du es besser?«, fragte Tina spitz. »Ich möchte mal erleben, wie du ihr deinen MP3-Player erklärst.«
»Schon gut«, beschwichtigte sie Mario. »Es ist für uns schon schwierig deutsche Worte für englische Begriffe zu finden. Und jemandem diese Begriffe auf Deutsch zu erklären, der nicht einmal das Wort Technik kennt, ist fast nicht möglich. Ich ziehe also meinen Hut vor Marc und erkläre feierlich, dass seine Erklärung genial war.«
»Na also – geht doch.« Die beiden Frauen nickten sich zufrieden zu.
»Männer sind eben manchmal kompliziert.« Tina zwinkerte Stella zu.
Die Elfe lachte fröhlich.
Am späten Abend löste sich die kleine Runde auf. Alle wünschten Stella und Marc viel Glück. Solange die Lichter im Lokal hell brannten, fühlte sich die junge Elfe sicher. Nun, wo sie auf der finsteren Straße standen, drückte sie sich Schutz suchend an Marc. Das von Luigi bestellte Taxi hielt direkt vor ihnen. Marc half der zitternden Stella beim Einsteigen.
»Guten Abend, Professor Wendler, ich hatte sie gar nicht erkannt«, sagte der Fahrer mit einem ungeniert-neugierigen Blick auf das junge Mädchen. »So spät noch Privatunterricht für ihre Studentin?«
Marc überhörte geflissentlich die anzügliche Bemerkung. »Nein. Die junge Dame ist meine Tochter. Ihre Mutter würde mir die Ohren vom Stamm reißen, wenn ich sie hier, in dieser fremden Stadt, im Hotel übernachten ließe.«
Innerlich musste Marc grinsen, spätestens morgen Mittag würde das ganze Uni-Viertel von seiner hübschen Tochter wissen.
Ein paar Minuten später rollte das Taxi vor dem schmiedeeisernen Tor seines Gartens aus. Er zahlte, legte wie immer reichlich Trinkgeld drauf, dann öffnete er für Stella die Autotür. Mit großen Augen betrachtete die Elfe das Tor und den hellen Kiesweg dahinter. »In diesem Schloss wohnst du?«
»Ja, das ist mein Haus.« Marc reichte ihr den Arm.
Auf der Blumenrabatte flammten kleine Lämpchen auf, die den Weg markierten. Überrascht blieb Stella stehen. »Rosen! So wunderschöne!«
»Ich liebe Blumen. Im Frühling blühen hier tausende Schneeglöckchen.«
»Und wo sind sie jetzt?«, fragte die Elfe verständnislos.
»Sie ruhen in ihren Zwiebeln, bis ihre Zeit gekommen ist.«
Stella tippte mit dem Finger auf die Erde.
»Was machst du?«, fragte Marc erstaunt.
»Ich wecke sie. Schau!« Überall brachen zarte grüne Stängel durch die Erde. Sekunden später breitete sich ein weißer Blütenteppich unter den Rosen aus. Stella schüttelte erstaunt den Kopf. So viele Schneeglöckchen auf einem Fleck hatte sie noch nie gesehen. Hätte sie nicht schon lange gespürt, wie sehr Marc ihre Mutter liebte, wäre spätestens jetzt der Groschen gefallen. Er legte ihr den Arm um die Schulter. »Ja, ich liebe sie, mehr als ich in Wort fassen kann.«
Marc führte seine kleine Elfe in das gemütliche Wohnzimmer, wo er nur die beiden Leuchter auf dem Kaminsims anschaltete. Stella blieb wie gebannt stehen. Sie merkte nicht einmal, dass Vater ihr den Umhang abnahm, trat ein paar Schritte zurück, stieß an die Kante des Sofas und plumpste in die Polster. Schlagartig wurde ihr klar, dass von hier aus der beste Blick auf das grandiose Bild war, welches eindeutig ihre Mutter darstellte. Vater hatte sich eine kleine Welt geschaffen, wo er seinen Träumen nachhängen konnte, genau wie Mutter, die Tag für Tag in der Nähe des Portals blieb, um seine Rückkehr nicht zu verpassen. Marc setzte sich wortlos neben seine Tochter. Lange schwiegen sie, gemeinsam das Bild betrachtend. Stella legte ihren Kopf an seine Schulter. »Du fehlst uns.« Mühsam versuchte sie, das Gähnen zu unterdrücken.
»Komm, ich zeige dir, wo du schlafen kannst.« Marc öffnete die Tür des schmucken Gästezimmers.
»Lässt du mich hier allein?«, fragte Stella ängstlich.
»Ich schlafe gleich gegenüber. Wenn du möchtest, lasse ich die Türen offen«, erklärte Marc. Er deckte Stella zu, gab ihr einen Gutenacht-Kuss auf die Stirn. »Träum was Schönes.« Im Gegensatz zu seiner kleinen Elfe, wie er Stella in Gedanken nannte, lag Marc noch lange wach. Ein Wunder, wie er es so lange erhofft hatte, war Knall und Fall geschehen. Zwar ganz anders als erwartet, aber er war glücklich. Das Problem Andrea hatte sich ganz nebenbei im Selbstlauf erledigt. Irgendwann schlief er zufrieden ein.
Am nächsten Morgen weckte ihn ein ungewohntes Geräusch, das er schnell als das leise Tappen nackter Füße identifizierte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, da tauchte auch schon Stellas rote Löwenmähne im Türrahmen auf. Die grünen Augen strahlten wie zwei Sterne. Sie schwebte herein und landete auf der Bettkante. »Guten Morgen.«
»Dich zu sehen heißt, dass es wirklich ein guter Morgen ist.« Marc setzte sich auf. »Du hast sicher Hunger.«
»Ja, wie eine dicke Raupe«, entgegnete Stella.
»Dann sollte ich mich wohl beeilen«, Marc sprang aus dem Bett, eilte ins Bad, kam kurz darauf ins Wohnzimmer, wo Stella wieder vor dem Bild ihrer Mutter saß.
Marc holte die Nektarflasche aus dem Kühlschrank, die ihm Luigi am vergangenen Abend in die Manteltasche gesteckt hatte.
»Hmm, es duftet.« Stella schwebte augenblicklich heran. Neugierig schaute sie sich um. Marc gab gerade gemahlenen Kaffee in die Filtertüte der Maschine.
»Erklärst du es mir?«, fragte Stella auf die Maschine deutend.
Marc lachte. »Mal sehen, ob es mir gelingt.« Dann war er auch schon mittendrin die einfachsten Worte zu benutzen. Stella wiederholte es so, wie sie das Ganze verstanden hatte.
»Ich bin richtig stolz auf dich«, sagte er erfreut.
Stella lächelte ihn an. »Du kannst alles so verständlich beschreiben, dass man es einfach begreifen muss. Deine Studenten sehen das auch so, hat mir der Hausmeister erzählt, wo du lehrst. Alle sprechen dort mit Ehrfurcht von dir. Ist `Professor´ so etwas wie ein Magier?«
»Manchmal schon«, kicherte Marc. »Ich muss das Wunder vollbringen, selbst den Unbegabtesten etwas beizubringen.«
»Ich habe gehört, dass du einer völlig unbegabten Elfe das Zaubern beigebracht hast«, warf Stella ein.
Marc wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. »Galantha hat dir wohl buchstäblich alles erzählt?«
Stella wurde puterrot. Marc winkte ab. »Was frage ich überhaupt, ich müsste es eigentlich wissen.«
»Sag mir lieber, was dieses Ding dort macht«, lenkte Stella schnell auf ein anderes Thema.
Marc musste nun doch lachen. »Auf alle Fälle beherrschst du die typischen weiblichen Tricks.«
»Mutter hatte Recht, dir kann man nichts vormachen.«
»Das hat sie gesagt?«
Stella nickte. Nebenbei beobachtete sie ganz genau, was Marc in der Küche machte, und entdeckte auf dem Regal ein Glas mit goldgelbem Inhalt. »Was ist das?«
»Das ist etwas, das dir schmecken könnte. Das ist Lindenblütenhonig.« Er nahm das Glas herunter, drehte den Deckel auf und reichte Stella einen Löffel. Irgendwann stand sein Kaffee auf dem Tisch, das Weißbrot war getoastet und beide frühstückten gemütlich.
Stella beäugte argwöhnisch den Kaffee. »Und so was kann man trinken??«
»Möchtest du kosten?«
Stella nickte.
»Sei vorsichtig, es ist sehr heiß«, sagte Marc, als sie nach seiner Tasse fasste.
Der Geruch ließ sie angewidert das Gesicht verziehen. Aber Stella wollte es genau wissen. Tapfer nahm sie einen Schluck, schüttelte sich und schob schnell eine Portion Honig hinterher. »Nie wieder!«, rief sie, als sie die Tasse zu Marc zurückschob.
Es klingelte.
»Bin gleich wieder da.« Marc lief zur Tür.
Stella hörte ihn mit einem anderen Mann sprechen. Dann kamen die Stimmen näher.
»Du bist Thomas. Stimmt´s?«, rief sie fröhlich, als Marcs Freund die Küche betrat.
»Wie war die erste Nacht in unserer Welt?«, fragte Thomas, der einen Stapel CDs auf der Küchenzeile ablud. »Frage zwei: Habt ihr einen Kaffee für mich übrig?«
»Du trinkst auch dieses furchtbare Gebräu?«, fragte Stella entsetzt.
Thomas lachte. »Na klar, das ist ein wahres Lebenselixier, das weckt die müden Lebensgeister. Für so einen Süßschnabel wie dich ist das sicher nichts.« Er nahm einen großen Schluck. »Habt ihr heute schon die Nase vor die Tür gesteckt?«
»Nein. Warum?« Marc hob den Kopf.
»Auf deiner Blumenrabatte da draußen ist der Frühling ausgebrochen. Die Nachbarn fotografieren wie die Irren«, erklärte Thomas.
Stella und Marc sahen sich an, dann begannen sie, herzhaft zu lachen.
Thomas sah die beiden groß an, dann begriff er endlich. »Verstehe: Blumenelfe.«
Marc zeigte auf den Stapel Silberscheiben. »Sag mal, hast du überhaupt geschlafen?«
Thomas schüttelte den Kopf. »Mir sind Stella und ihr Hilferuf nicht aus dem Kopf gegangen. Ich habe alles zusammenkopiert, was mir in die Finger gekommen ist.« Er schaute ziemlich interessiert zu Stella hinüber, deren zierlicher Körper mit dem knappen Elfenoutfit alles hatte, um einen Mann träumen zu lassen.
»Wildern verboten.« Marc klopfte ihm auf die Schulter.
»Fällt schwer«, seufzte Thomas. »Bei diesem Anblick. Der ist nicht von schlechten Eltern.«
»Kann ich nachvollziehen, aber sei versichert, dass ich in diesem Fall als Vater und nicht als dein Freund reagieren werde. Stella ist mein ganzer Stolz.« Marc ließ keinen Zweifel daran, seine kleine Elfe gegen alles und jeden beschützen zu wollen.
Stella streichelte Marcs Hand. »Vater, meinst du nicht, dass ich alt genug bin, um auf mich selber aufzupassen?«
Marc seufzte. »Ich wollte mal nie so werden wie mein Vater und buchstäblich über Nacht habe ich plötzlich genau solche Anwandlungen bekommen.« Er fasste nach seinem Besteck. Ein vorwitziger Sonnenstrahl traf die Messerklinge, wurde abgelenkt und blendete Thomas, der die Augen zukneifen musste.
»Die Sonne hat gleich früh eine Kraft, dafür brauchst du glatt einen Waffenschein«, brummte Thomas.
»Das ist es!« Marc sprang auf, drückte Stella und Thomas an sich, gebärdete sich wie Rumpelstilzchen, bei seinem Tanz um das Feuer.
»Was ist es?«, fragten beide gleichzeitig.
Marc setzte sich wieder. »Vielleicht ist es das.«
»Na was denn nun? Thomas und Stella warfen sich fragende Blicke zu.
»Gleich, gleich.« Marc rieb sich das Kinn. »Sag mal, Stella, habe ich das richtig beobachtet, dass die Eispfeile der Zwerge von Metallen abprallen oder dass sich wenigstens das Eis dort nicht bilden kann?«
»Ja. Das ist richtig.«
»Gut.« Marc dachte kurz nach. »Der Drache steht auf eurer Seite?«
»Auch richtig. Er ist wie ein großer Bruder für mich«, erklärte die Elfe.
»Dann sollten wir dem Drachen eine zweite Haut aus Metall verpassen und mit ihm in der Nacht Angriffe auf die Zwerge fliegen«, sagte Marc triumphierend.
Stella schüttelte traurig den Kopf. »Klingt gut, geht aber nicht. Nachts haben wir doch keine Zauberkraft.«
»Liegen in der Höhle noch die vielen alten Rüstungen herum?«, fragte Marc weiter.
»Ja natürlich. Was willst du denn damit?«
»Dem Drachen ohne Zauberkraft eine Rüstung anlegen«, schmunzelte Marc.
Thomas winkte ab. »Du operierst mit unbekannten Größen. Wie willst du denn ein Schweißgerät in die Elfenwelt bringen?«
»Das ist doch schon dort«, entkräftet Marc den Einwand.
Stella und Thomas sahen ihn an, wie einen Geistesgestörten.
Marc lachte aus vollem Halse. »Es ist wirklich schon dort. Der Drache hat so eine wunderbare Flamme, dass wir ohne Probleme damit das Metall verbinden können. Alle anderen Arbeiten, bei denen gezaubert werden muss, können wir ja am Tage erledigen.«
»Du bist verrückt – aber genial.« Thomas schlug mit der Faust in seine andere Hand. »Damit könnten wir es wirklich schaffen.«
»Wir?«, fragten Stella und Marc, weil sie glaubten, sich verhört zu haben.
»Ja, wir. Glaubt ihr denn, ihr könnt mich hier lassen? Ich beschäftige mich nicht von klein auf mit Elfensagen, studiere nicht jahrelang alte Kulturen, um dann, wenn es an die Feldforschung geht, bei der Theorie stehen zu bleiben.« Thomas hatte sich in Wallung geredet.
»Das könnte gefährlich werden. Es kann sogar sein, dass wir nie wieder in unsere Welt zurück können. Vielleicht beißen wir bei der Aktion sogar ins Gras«, sagte Marc eindringlich.
»Scheiß der Hund drauf!« Thomas machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dann ist es wenigstens für eine wirklich gute Sache.«
»Wie ich dich kenne, setzt du so wie so alle Hebel in Bewegung. Ehe du Unsinn verzapfst, nehmen wir dich lieber mit«, gab Marc resigniert nach. »Was sagt Milena dazu?«
Thomas wurde unbehaglich zumute.
Stella zupfte Marc am Ärmel. »Du, wer war die Frau gestern Abend?«
»Ein Fehlversuch des menschlichen Zusammenlebens«, murmelte er.
»Fehlt sie dir?«
»Nein, ganz im Gegenteil.« Marcs Miene hellte sich zusehends auf. »Dein plötzliches Erscheinen hat mir eine Menge Ärger erspart. Was mir wirklich fehlt, siehst du in meinem Garten und über dem Kamin.«
Stellas Fingerspitzen berührten seinen Handrücken. »Morgen siehst du sie wieder. Falls die Zwerge nicht auch noch dieses Portal erobert haben.«
»Dann Gnade ihnen Gott!«, rief Marc wütend. »Ich glaube wir sollten beginnen die Daten zu sichten und uns mehrere Schlachtpläne zurechtlegen.«
»Mutter sagt, du hasst Waffengewalt«, flüsterte Stella.
»Deshalb will ich auch, dass sich diese dämlichen Zwerge selber ins Nirgendwo befördern, mit ihren eigenen Waffen«, antwortete Marc. »Wir werden uns nur verteidigen.«
Marc räumte den Tisch ab, griff die CDs und führte die beiden in sein Arbeitszimmer. Thomas klappte seinen Laptop auf, schob die erste CD in das Laufwerk. Marc kommentierte seine Handgriffe, in für Stella verständlichen Worten.
»Und ich?«, fragte Stella, als Marc ebenfalls einen Laptop öffnete.
»Du kannst auch mithelfen. Es gibt nämlich Programme, die dir die Texte aus den CDs vorlesen können.« Er installierte auf seinem großen Rechner eines dieser Programme, schob eine CD ein und startete das Programm. Stella lachte. Das war einfach zu komisch.
»Klingt ja schlimmer wie Micky Maus.« Thomas verzog das Gesicht.
Marc änderte ein paar Einstellungen, bis dem Vorleser wirklich angenehm zuzuhören war. »So, das hätten wir. Jetzt bekommst du noch Kopfhörer und dann kannst du dich ganz entspannt berieseln lassen.«
Stella schaute erschreckt an die Decke. Marc grinste schuldbewusst. »Tut mir leid. Ich meinte kein Wasser, sondern die Worte des Erzählers.«
Stella sah ihn mit großen Augen an. »Eure Welt ist wirklich kompliziert. Ihr sagt immer etwas anderes, als ihr meint. Erstaunlich, dass ihr euch trotzdem versteht.«
»Das kann man auch nur machen, wenn man sich wirklich versteht – geistig meine ich«, erklärte Thomas. »Wir beide, Marc und ich, sind wie zwei alte Schuhe. Wir kennen uns schon eine halbe Ewigkeit, für menschliche Verhältnisse, da weiß der eine genau, was der andere gleich tut. Dann genügen wenige Worte, die Fremde gar nicht verstehen würden, um das Gleiche zu denken und zu fühlen.«
Marc erklärte seiner Tochter die Kopfhörer. Als er sie ihr reichte, bemerkte er, dass ihre Hände eiskalt waren.
»Du frierst?«
»Ein bisschen.«
Marc holte eine flauschige Decke, rückte zwei Sessel mit den Sitzflächen zusammen und baute so ein warmes Nest für Stella, die sich bis an die Nasenspitze einkuschelte. Dann vertieften sich alle drei in ihre Datenfluten. Stella hielt die Augen geschlossen, um der Stimme aus den Kopfhörern besser folgen zu können. Nach fast zwei Stunden legten alle eine Pause ein.
»Kaffee? Nektar?«, fragte Marc.
»Gern.« Thomas reckte sich, um den steifen Körper wieder auf Trab zu bringen.
Stella schob die Decke weg und schwebte lautlos auf die beiden zu.
»Einmal diese Flügel berühren«, sagte Thomas mehr zu sich selbst.
»Was hindert dich daran?« Stella landete direkt vor seiner Nase.
»Ein überbesorgter Vater«, lachte Thomas mit Seitenblick auf Marc.
Der blinzelte Stella lächelnd zu. Sie drehte sich um, bewegte ganz langsam die Flügel, sodass Thomas gar nicht anders konnte, als mit den Händen sein Gesicht zu schützen. Seine Finger glitten über die durchsichtigen, schillernden Flächen, die sich fest aber zugleich auch elastisch anfühlten.
»Einfach märchenhaft«, flüsterte er hingerissen. »Marc, du bist ein Glückspilz.«
»Was haltet ihr davon, wenn wir ein halbes Stündchen in den Garten gehen? Die Sonne wird Stella gut tun.« Marc öffnete bereits die Tür zur Terrasse. »Ich bringe gleich die Getränke.«
Stella schwebte über die Schwelle. »Ist das eine komische Wiese! Hier gibt es ja gar keine Blumen im Gras!«
»Das ist Rasen – typisch Mensch«, sagte Thomas. »Da muss sogar jeder Grashalm wie der andere aussehen.«
»Aha.« Stella huschte durch den Garten. »Da sind sie ja. Ich habe die Blumen gefunden!«, rief sie zu Thomas hinüber.
Marc tauchte gerade mit dem Tablett auf. Der Duft des Nektars lockte die Elfe sofort in die Sitzecke.
»Sie vermisst die Blumen auf der Wiese«, sagte Thomas zwischen zwei Schlucken Kaffee.
»Kein Wunder.« Marc schaute nachdenklich seinen Rasen an. »Du hast ja keine Vorstellung davon, wie sagenhaft und unendlich weit die Wiesen in ihrer Welt sind. Da blüht die Pfefferminze gleich neben dem Schneeglöckchen. Die Schafgarbe neben dem Vergissmeinnicht und der Nelke. Ein Duft liegt in der Luft, wie ihn hier nicht einmal die Rosen abgeben. Die Wälder riechen noch nach Harz und nicht nach Abgasen. Aus den Bächen kannst du trinken, ohne dir eine Schwermetallvergiftung zu holen. Einhörner streifen durch die Wälder …«
»Hast du eins gesehen?«, fragte Thomas leise.
Marc nickte. »Ich bin sogar darauf geritten. Sie haben Galantha und mich zum Drachenberg gebracht. Ob sie wohl noch leben?«
Thomas schaute Marc seltsam an. »Ich denke die sind unsterblich.«
Marc nickte. »Ja, aber nicht unverwundbar und die Zwerge machen Jagd auf diese wunderschönen, sanften Tiere.«
»Warum bist du nicht dort geblieben?« Thomas schaute Marc verständnislos an.
»Weil er hier in dieser Welt Freunde hat, die er nicht einfach im Stich lassen wollte«, antwortete Stella für ihren Vater.
Thomas fasste nach Marcs Arm. »Du bist nur wegen uns zurückgekommen?«
Marc nickte stumm, während sich seine Augen mit Tränen füllten.
Die Sehnsucht nach Galantha wurde von Stunde zu Stunde größer.
Stella legte ihren Kopf an seine Schulter. Wie hätte sie ihn auch anders trösten sollen. Marc streichelte ihr Haar. »Eins weiß ich ganz genau. Ich komme entweder mit Galantha oder nie mehr hierher zurück.« Im selben Augenblick erblühten zu seinen Füßen mehrere Schneeglöckchen. Es waren genau die Stellen, die seine Tränen benetzt hatten.
Thomas kannte seinen Freund genau. Er wusste, dass der diesen Schwur niemals brechen würde.
Stella löste sich von Marc. »Es ist schön bei dir. Sie wird sich wohl fühlen.«
»Und du?«, flüsterte er.
Stella lächelte. »Wenn es uns tatsächlich gelingt, das Elfenland zu retten, kann ich jederzeit zwischen den Welten wandern. Haltet mir ganz einfach ein Plätzchen frei.«
»Das ist jetzt schon für dich reserviert«, sagte Marc mit einer einladenden Geste zum Haus hinüber. »Es ist das Zuhause, das ich dir bieten kann.«
»Ja. Ein Zuhause.« Stella ließ ihre Finger über die unzähligen Blüten des Blauregens gleiten, der die Sitzecke umrankte. »Bei dir fühle ich mich wirklich zu Hause.« Sie schaute sich um. »Gibt es hier überhaupt ein Zimmer, in dem keine Pflanzen stehen?«
Marc schüttelte den Kopf. »Sogar auf den Fenstersimsen der Kellerfenster habe ich Blumentöpfe. Im Winter, wenn der Schnee das ganze Land bedeckt, blühen meine Weihnachtskakteen, Orchideen, die Billbergien und das Einblatt.«
»Er spricht sogar mit seinen Pflanzen«, warf Thomas schmunzelnd ein.
»Das haben sie auch verdient«, entgegnete Stella nachsichtig. »Und wie man sieht, danken sie es ihm mit herrlichen Blüten.«
Marc schnitt Thomas über den Rand der Tasse hinweg eine lustige Grimasse, die sagen sollte: Ätsch, das habe ich dir ja schon vor Jahren erzählt.
Die Männer ließen Stella genügend Zeit um Sonne zu tanken, bevor sie sich wieder über ihre Märchen und Sagen hermachten. Die Elfe seufzte einige Male auf.
»Was ist?«, fragte Marc.
»Das ist eine Liebesgeschichte – nicht so herzergreifend wie die von Mutter und dir, aber trotzdem schön«, antwortete Stella. Dann streifte sie wieder die Kopfhörer über und lauschte.
Irgendwann stellte Marc fest, dass sie völlig das Mittagessen verpasst hatten. »Wir sollten uns bei Luigi Plätze reservieren und wenigstens ordentlich zu Abend essen«, schlug er vor.
»Du bezahlst?« Thomas grinste breit.
»Da fragt dieser Mensch noch!«, rief Marc in gekünsteltem Ärger.
»Ich hätte auch noch einen Vorschlag«, warf Thomas ein. »Du solltest für Stella unauffälligere Kleidung besorgen.«
»Stimmt.« Marc überlegte nicht lange. »Kommt. Wir gehen einkaufen.«
Unterwegs im Auto erklärten die beiden Stella, was sie zu beachten hätte. Die Elfe nickte. Man hatte ihr tatsächlich verwundert und mit dummen Bemerkungen hinterher geschaut, als sie mit ihrem Umhang durch die Straßen gelaufen war. Marc steuerte eine Edelboutique an, wo er der absoluten Verschwiegenheit sicher sein konnte. Außerdem gab es dort einen Änderungsservice, der sofort vor Ort tätig wurde und wegen der Flügel seiner Tochter unumgänglich war.
»Professor Wendler, schön Sie zu sehen. Soll es ein neuer Anzug sein?«, die Besitzerin reichte ihm beide Hände.
»Nein. Ich möchte, dass Sie meine Tochter gut, aber unauffällig ausstatten.«
»Ihre Tochter?«
»Ja, sie wartet im Wagen.«
»Das Anprobezimmer ist frei«, sagte die Besitzerin. »Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung.«
Marc half Stella beim Aussteigen. Thomas nutzte die Gelegenheit, um nebenan im Antiquariat nach Elfenliteratur zu stöbern. Frau Rocci erwartete Vater und Tochter bereits. Sie enthielt sich eines Kommentars, über das seltsame Cape des jungen Mädchens.
Marc nahm Stella den Umhang ab.
»Ach herrje!« Frau Rocci schlug die Hände vor das Gesicht, als sie der Flügel ansichtig wurde. »Das wird nicht ganz einfach werden.« Sie starrte ungläubig Stellas Rücken an.
»Vielleicht sollten Sie von unten beginnen?« Marc musste sich das Lachen verkneifen.
Die Frau nickte und eilte in den Verkaufsraum. Mit einem Arm voller Hosen kam sie zurück. Stella griff nach einer cremefarbenen Nadelstreifenhose.
»Bei diesen Modelmaßen sieht das besonders edel aus«, sagte Frau Rocci. »Ich hole die Hose eine Nummer kleiner.«
»Nicht nötig.« Stella strich mit der Hand über die Hose, welche sich zusehends ihrem Körper anpasste.
»Aber das ist doch …«, die Besitzerin der Boutique musste sich setzen. Sie war vieles gewöhnt, nur das hier sprengte alle Rekorde.
Marc schüttelte amüsiert den Kopf. »Meine Tochter ist eine Elfe, eine Blumenelfe um genau zu sein. Da ist mit ungewöhnlichen Vorkommnissen jederzeit zu rechnen.«
»Elfe.« Frau Rocci erhob sich mühsam. »Elfe.« Sie schaute Stella verunsichert an. Stella bewegte die Flügel, schwebte zur Bestätigung quer durch das Ankleidezimmer.
»Eine Elfe. Warum eigentlich nicht?« Frau Rocci nickte lächelnd. Sie freundete sich mit dem Gedanken recht schnell an. »Zu ihrer blassen Haut und den rötlichen Haaren würde ich eine himmelblaue Bluse empfehlen. Auf dem Rücken arbeiten wir einen Reißverschluss ein, damit sie sie von unten bis an die Flügel schließen kann.«
Schnell war das Gewünschte gefunden. Frau Rocci rief die Schneiderin. Jetzt musste sich sogar Stella das Kichern verkneifen. So ein verdattertes Gesicht hatte sie noch nie gesehen. Eine halbe Stunde später betrachtete sich Stella erfreut im Spiegel. Marcs Augen leuchteten voller Stolz. Seine Tochter bot einen hinreißenden Anblick. Söckchen und flache Schuhe waren schnell gefunden. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einer Jacke, die die Flügel vollständig verdeckte, wenn selbige eng am Körper anlagen. Stella entschied sich schließlich für eine ponchoähnliche Jacke aus königsblauem dünnem Stoff.
»Du siehst umwerfend aus. Wenn dich deine Mutter jetzt so sehen könnte!« Marc strich Stella eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann wandte er sich an Frau Rocci. »Packen Sie noch einen legeren Hausanzug und ein Paar Söckchen ein.«
Frau Rocci lächelte reizend. »Das Oberteil mit oder ohne Reißverschluss?«
»Mit Reißverschluss im Rücken und aus Mikrofaser, die Socken ebenfalls«, bat Marc. »Elfen frieren schnell, da ist das Beste gerade gut genug«, setzte er erklärend hinzu.
Stella bestaunte die schmalen Silbercolliers in der Schmuckauslage.
»Die Libelle?«, fragte Marc.
Stella nickte.
»Die sollst du haben.« Er zückte seine Scheckkarte.
Frau Rocci legte Stella das Schmuckstück um. »Ihre Tochter scheint Ihnen sehr viel zu bedeuten.«
»Sie ist mein Sonnenschein. Ich habe viel nachzuholen. Bis gestern wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt.« Marc nahm die Tasche mit dem Hausanzug in Empfang.
»Beehren Sie mich wieder, Professor«, Frau Rocci öffnete die Tür. »Viel Glück, Stella.«
»Auf Wiedersehen.«
Thomas wartete am Auto. Er trug ebenfalls einen Beutel in der Hand. »O-la-la! Ist das ein Anblick! Stella, du siehst umwerfend aus.«
Die Elfe lachte silberhell. »Das hat Vater auch vor wenigen Augenblicken gesagt.«
Luigi riss die Augen auf, als Stella seine Pizzeria betrat. »Mamma, mia! Stella! Du siehst umwerfend aus! Aber wo hast du deine herrlichen Flügel gelassen?«
Die Elfe lupfte lachend die Jacke. »Der Nächste! Die Flügel sind noch genau dort, wo sie hingehören.«
Luigi führte die drei an einen Tisch in einer Nische, der vor neugierigen Blicken geschützt lag. Er hatte eine flache Kristallschale auf den Tisch gestellt, in der verschiedenfarbige Rosenblüten schwammen, die einen herrlichen Duft verströmten. Stella erhielt Bananen-Nektar, die Männer wählten alkoholfreies Bier.
»Hoffentlich ist es nicht das letzte Mal, dass wir hier so beisammensitzen«, sagte Marc, als Luigi mit der Speisekarte kam.
»Ich wünsche euch alles Glück dieser Welt.« Der Italiener schaute einen nach dem anderen bekümmert an. »Rettet die Elfen, holt Marcs große Liebe und kommt mit Stella gesund zurück.«
»Dein Wort in Gottes Gehörgang«, seufzte Thomas. »Woher weißt du eigentlich, dass ich mitgehe?«
Luigi lachte. »Ich kenne dich seit mindestens zwanzig Jahren. Reicht das als Antwort?«
Ungestört verbrachten sie den Abend bei angeregter Unterhaltung. Hin und wieder schaute Luigi vorbei, um sich daran zu beteiligen oder die Bestellungen entgegenzunehmen.
»Soll ich euch für morgen einen Tisch reservieren?«, fragte er, als Marc um die Rechnung bat.
Der schüttelte den Kopf. »Wer weiß, ob wir morgen um diese Zeit überhaupt noch leben.«
»Meinst du das ernst?«, fragte Luigi erschrocken.
»Ja. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich bin in Stellas Welt zweimal knapp davon gekommen und Glück ist eine flüchtige Sache.« Marc drückte ihm fest die Hand, bevor er mit Stella und Thomas das Lokal verließ.
»Ich fahr dich noch nach Hause«, bot Marc Thomas an.
Thomas schüttelte den Kopf. »Mir wäre es lieber, wenn du ein Eckchen für mich frei hättest. Ich könnte aus lauter Angst, das Wichtigste zu verpassen, keine ruhige Minute finden.«
Eine halbe Stunde später saßen sie vor dem Kamin, in dem ein lustiges Feuer brannte. Für Stella war es schwer, sich daran zu gewöhnen, dass ihr die Flammen hinter dem Glas nichts anhaben konnten. Sie drückte sich in die äußerste Sofaecke, ängstlich die Glut beobachtend. Marc ließ seinen Zeigefinger über die CDs im Regal gleiten.
»Ach, da haben wir ja was.« Er öffnete eine Hülle, legte die Scheibe in die Stereoanlage und drückte den Startknopf. Leise Musik erklang.
Stella lauschte. »Das ist wunderschön. Solche Musik habe ich noch nie gehört. Ich wusste gar nicht, dass es in eurer Welt so etwas gibt. Es erinnert mich an Knospen, die sich öffnen und Blüten, die sich Sonne entgegenrecken.«
Thomas sah Stella erstaunt an.
Marc lächelte glücklich. »Genau das soll diese Melodie auch erzählen. Sie heißt ›Der Frühling‹. Vivaldi heißt der Mann, von dem sie stammt. Wenn sogar eine Elfe fühlen kann, was er damit sagen will, dann ist er wirklich ein Meister.«
»Frühling?«, murmelte Stella, nach kurzem Nachdenken. »Das ist doch, wenn deine Schneeglöckchen aufwachen.«
»Du hast es dir gemerkt?«
»Hmm, hmm, weil du Mutter einmal `Schneeglöckchen´ nanntest«, entgegnete Stella. »Erzählst du mir etwas über den Frühling?«
Marc nahm einen dicken Bildband aus dem Regal. Die halbe Nacht betrachteten sie Bilder, und die beiden Männer erklärten Stella den Wechsel der Jahreszeiten. Die Elfe betrachtete ihre dicken, flauschigen Socken und den kuscheligen Hausanzug.
»Woran denkst du?«, fragte Marc leise.
»Daran, dass ich mir vorstellen könnte, auch im Winter hier zu leben.« Stella sah ihn entschlossen an. »Du zeigst mir, was ich machen muss, damit ich nicht erfriere und dann gehen wir im Schnee spazieren.«
Thomas sah die beiden amüsiert an. »Du bist wirklich eine ungewöhnliche Elfe.«
Stella lächelte. »Ich habe ja auch ungewöhnliche Eltern. Vater hat so viel Pflanzen im Haus, dass mir auch vor dem Winter nicht bange ist. Ich hätte nur Angst davor, in einer Welt ganz ohne Pflanzen leben zu müssen.« Sie kuschelte sich an Marc, schloss die Augen und lauschte wieder der Musik. Bald zeigten ihre ruhigen Atemzüge an, dass sie eingeschlafen war. Marc trug sie in ihr Zimmer, löschte das Licht und teilte sich das Doppelbett mit Thomas.
Am nächsten Morgen weckte ihn die Sonne. Thomas war noch nie ein Frühaufsteher gewesen. Marc ließ ihn schlafen. Stella schlummerte auch noch. Zwei lange Nächte, völlig ungewohnt für eine Elfe, forderten Tribut.
Der Kaffeeduft lockte Thomas in die Küche. »Und Stella?«, fragte er.
»Wir gleich hier sein«, entgegnete Marc.
»Glaube ich nicht. Sie schläft ja noch wie ein Murmeltier.« Thomas winkte ab.
»Moment.« Marc öffnete das Honigglas, nahm eine Zeitung, mit der er den Duft in den Flur hinaus wedelte.
Ein leises Gähnen, ein Rascheln und im nächsten Augenblick schwebte Stella herein, die der Duftspur gefolgt war.
Thomas lachte Tränen. Stella stimmte ein, als Vater ihr erklärte, warum sich Thomas gar nicht mehr beruhigen konnte. Auch während des Frühstücks begannen die beiden immer wieder zu kichern, wenn sich zufällig ihr Blick traf.
»Es ist schön bei euch«, sagte Stella. »So viel wie in den letzten beiden Tagen habe ich noch nie gelacht.«
»Manchmal gibt es auch schwere und sorgenvolle Zeiten.« Marc streichelte ihre Hand. »Dann bleibt oft nicht einmal Zeit für Fröhlichkeit.«
Stella nickte. »Das weiß wohl niemand besser als ich.« Sie bewegte das Glas in ihrer Hand und schaute gebannt zu, als der Nektar einen gelben Strudel bildete.
Thomas hätte ich gern etwas Tröstendes gesagt, allein ihm fehlten die rechten Worte.
Schließlich hob sie den Kopf. »Wann seid ihr bereit, mit mir durch das Tor zu gehen?«
»In einer Stunde«, sagte Marc, der sich wortlos mit Thomas verstand. »Ich möchte wenigstens noch einmal die Blumen gießen.« Er machte Anstalten das Geschirr abzuräumen. Thomas hielt seine Hand fest. »Lass! Das mache ich. Kümmere du dich um die Pflanzen.«
Stella war Marc gefolgt. Sie streichelte die Blätter der Gewächse und murmelte unverständliche Worte.
»Was tust du?«, fragte Marc erstaunt.
Stella hob den Kopf. »Ich sage ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen und dass du bald wieder da bist.«
Stella hatte die menschliche Kleidung abgelegt, ihren Schurz und das knappe Oberteil angezogen. Sie strich zum Abschied noch einmal mit der Hand über den flauschigen Stoff, griff nach ihrem weißen Cape und ging, ganz bewusst die Füße auf den Boden setzend zu den beiden Männern in den Wohnraum.
»Wo ist das Portal?«, fragte Marc.
Stella warf einen Blick auf das Bild über dem Kamin. »Ich glaube, das weißt du besser als ich.«
»Weiß Aureus Bescheid?«
Stella schaute Marc mit einem undefinierbaren Blick an. »Ihm bleibt nie etwas verborgen.«
Auf der Straße ertönte eine Autohupe. »Das Taxi ist da.« Thomas führte Stella hinaus. Marc schaute sich noch einmal um, als wäre es ein Abschied für immer. Er nannte dem Fahrer die Adresse.
Als er die Rechnung beglichen hatte, blieb er stehen und schaute zur Wohnung des alten Mannes hinauf. Noch immer hingen die gleichen altmodischen Gardinen an den Fenstern. Thomas´ Blick streifte die Klingel. A. Goldmann stand in schnörkeliger Schrift auf dem fast verwaschenen Schild.
»Hier ist es.« Marc blieb vor einer dunklen Tür im dritten Stock stehen.
Stella klopfte. Ihm war sofort klar, dass es sich dabei um ein vereinbartes Zeichen handelte.
»Tretet ein«, sagte eine freundliche Stimme und gab die Tür frei. »Wie ich sehe, hast du deinen Vater gefunden.«
Marc sah den alten Mann verblüfft an, der noch genau wie vor achtzehn Jahren aussah. Nicht eine Kleinigkeit hatte er sich verändert. Bei Aureus lächelten nur die Augen, als er sich an Marc wandte. »Du bist der erste Mensch, der es geschafft hat, mich hinters Licht zu führen. Die Erklärung für deine Beule klang ziemlich überzeugend.«
Dann nickte Aureus Thomas zu. »Du hast ehrliche Augen. Das Portal steht auch für dich offen. Halte dich genau an das, was Marc sagt, es ist die einzige Garantie, dass du heil aus diesem Abenteuer zurückkehren kannst.«
Der Alte streichelte Stellas Haar. »Ich hoffe sehr, dass sie die Welt hinter dem Tor retten können. Geht nun. Viel Glück.«
»Reicht euch die Hand und lasst nicht los, egal was passiert«, wies Stella die beiden Männer an. Sie fasste Marc fest an und trat vor den Spiegel. »Kommt.«
Fasziniert sah Thomas zu, wie sie durch den Rahmen stieg und verschwand, wobei sie Marc und ihn mitzog. Es war ein wie ein Schweben in der Schwärze des Alls, dem ein rasender Fall folgte. Im Gegensatz zu Thomas war Marc darauf vorbereitet. Mit Stellas Hilfe gelang es ihm, auf den Füßen zu bleiben und auch Thomas vor dem Hinschlagen zu bewahren.
Marc erkannte den Ort wieder, an dem er einst Galantha zurückgelassen hatte.
»Wo sind wir?«, flüsterte Thomas, als ein Jubelschrei die Grotte erzittern ließ.
Im selben Augenblick hing eine zierliche Gestalt mit Flügeln an Marcs Hals, küsste ihn, lachte und weinte zugleich.
Stella drückte glücklich lächelnd Thomas´ Hand. »Beantwortet das deine Frage?«

Sie zog Thomas mit sich fort. Zumindest versuchte sie es. Thomas schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. Mit ausgestrecktem Zeigefinger und unnatürlich weit geöffneten Augen stand er da. Stella folgte seiner Blickrichtung, lachte fröhlich. »Darf ich vorstellen: mein großer Wahl-Bruder, genannt der schwarze Drache.« Sie streichelte die Nase des Riesen.
Der Drache stupste Thomas an. »Ist der immer so schweigsam?«
Die Elfe lachte übermütig. »Nur heute. Er taut sicher in den nächsten Stunden auf.«
»Ich lasse euch lieber eine Weile allein, nicht dass er vor lauter Aufregung noch tot umfällt.« Der Drache schob sich ins Freie und flog majestätisch davon.
»Der - der - der war echt.« Thomas fand langsam seine Sprache wieder.
»Ja natürlich. Ich hab dir doch von ihm erzählt.« Stella führte Thomas zum Ausgang der Höhle. Sie breitete die Arme aus. »Und das da unten ist meine Welt.« In der untergehenden Sonne funkelten Bäche und Seen, breiteten sich Wälder und Wiesen aus, so weit das Auge reichte.
»Märchenhaft.« Thomas gebrauchte sein Lieblingswort. Nur wurde ihm hier die Bedeutung erst richtig klar. Soeben war er durch einen Spiegel in eine andere Welt gestiegen, hatte einem gigantischen Drachen gegenübergestanden und nun sah er auf ein Land herab, wo die Natur noch wirklich eine war. Keine künstlichen Felder, keine Häuser und Straßen, die Luft so klar, dass er unendlich weit in die Ferne schauen konnte. Erst das schaurige Heulen am Fuße des Berges unterbrach jäh seine Gedanken.
»Was ist das?«, flüsterte er.
Das sind die Wölfe, die den Zwergen gehorchen. »Jetzt ist die Stunde, wo die Macht der Elfen endet. Komm, gehen wir in die Grotte zurück. Dort sind wir sicher.«
Galantha streichelte noch immer Marcs Gesicht. »Du hast dich verändert«, sagte sie leise.
»Nun, der Mensch wird älter«, antwortete Marc mit einem Schulterzucken. »Und wie schnell das geht, sehe ich an unserer Kleinen.«
Stella kam soeben mit Thomas zurück. Galantha schwebte auf die beiden zu, um auch sie gebührend zu begrüßen.
»Es ist kühl hier, wenn die Sonne untergegangen ist«, stellte Marc erstaunt fest.
Galantha schmiegte sich Wärme suchend an ihn. »Der Drache wird gleich wiederkommen. Mit seinem Feueratem heizt er den kalten Stein auf. Ohne ihn wären wir Elfen hier verloren.«
Stella zog fröstelnd ihren Umhang enger um den Körper. Thomas fragte nicht erst. Er zog sie auf seinen Schoß und hüllte sie so gut es ging in seine Jacke ein.
»Jetzt wünschte ich mir meinen Kuschelanzug her«, seufzte sie.
Galantha sah sie neugierig an. »Deinen was?«
Stella erzählte, was Marc alles für sie gekauft hatte.
»Und wo ist es jetzt?«, fragte Galantha.
Stella seufzte noch einmal. »Ich habe es zu Hause gelassen. Es liegt in meinem Zimmer.«
Galantha glaubte, sich verhört zu haben. »Zu Hause?«, fragte sie verunsichert. »In deinem Zimmer?«
Stella nickte. »Ja zu Hause, bei Vater, dort wo tausende Schneeglöckchen im Garten stehen, unzählige Blumen ihre Blüten zur Sonne recken und darauf warten, dass er ihnen Wasser bringt und mit ihnen spricht.« Stella beschrieb das Haus und den Garten so detailliert, dass sich die beiden Männer verwundert ansahen. Die Elfe erzählte ihrer Mutter von Mario, Luigi und natürlich Thomas, der mit in die Elfenwelt gekommen war, um die Zwerge zu vertreiben.
»Jetzt verstehe ich, warum du gehen musstest«, murmelte Galantha.
Marc lächelte. »Und ich werde wieder gehen. Nur diesmal nehme ich dich und Stella mit, aber nicht ohne vorher die Welt der Elfen gerettet zu haben.«
»Zu zweit? Wie wollt ihr denn das machen?«, fragte Galantha verzagt.
»Darüber muss ich noch mit dem Herrn der Höhle sprechen«, entgegnete Marc. »Es sei denn, er zieht es vor, mich wieder rösten zu wollen.«
Ein großer Schatten tauchte auf. Der Drache kroch in seine Höhle. Er hatte wohl die letzten Worte vernommen, schaute Marc an und sagte: »Mut hast du jedenfalls.«
Marc lachte. »Du hoffentlich auch, denn ohne deine Hilfe bleiben die Zwerge Sieger. Mein ganzer Plan fußt auf deiner Mitarbeit.«
»Einem wie dir helfe ich gern«, versprach der Drache. Er hockte sich zu den Menschen und Elfen. »Was soll ich tun?«
Die fünf so unterschiedlichen Wesen steckten ihre Köpfe zusammen, um gemeinsam zu beraten. Die Existenz des Elfenreiches stand auf dem Spiel, und sie wussten, dass sein Schicksal ganz allein in ihren Händen lag.
© Reni Dammrich
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