Wir wohnten seit einigen Jahren in einer alten Villa direkt am Waldrand. Die Fenster waren von außen mit schmiedeeisernen Gittern verziert und zudem für die Nacht mit schweren hölzernen Jalousien gesichert. Ein großer Garten mit gemauertem Mini-Pool und wundervolle Blumenrabatten vervollständigten das Bild. Zur Straße hin standen drei uralte, riesige Rhododendren, zu deren Füßen in jedem Frühjahr ein unglaublicher Teppich aus Blausternen blühte. Ein Spielparadies für Kinder, aber auch für Eichhörnchen und anderes Getier, das ab und zu aus dem Wald auf Stippvisite kam.
Die dicken Mauern des Gebäudes und der Schatten der hohen Kiefern hielten die Räume im Sommer herrlich kühl.
Ich teilte mir mit meiner Schwester ein Sechzehn-Quadratmeter-Zimmer. Vater hatte für sie eine Art »Oberstübchen« geschaffen, indem er mittels dicker Bohlen, eine Zwischendecke in ihre Zimmerhälfte einzog. Unten, gleich neben der Leiter zu diesem Stübchen, stand ein Sofa, auf welchem ihr Lieblingskissen lag. Den blütenweißen Stoff zierten zwei kitschig aufgemalte Kinder, die über ein weites Land schauten. Darüber stand »In die Heimat möchte ich wieder«. Bei uns hatte dieses Ding nur den Spitznamen das »Revanchisten-Kissen«. Weiß der Fuchs, woher die Kissenhülle stammte.
Eines Tages begann das Kissen, aus unerklärlichen Gründen zu ergrauen. Erst ein bisschen und dann immer mehr.
»Gib es zu! Du hast mein Kissen genommen!«, tobte meine Schwester.
»Hab ich nicht!«, versuchte ich mich genau so lautstark zu verteidigen.
Kaum war der Bezug gewaschen ging das Spiel von vorne los. Erst erschien ein leichter Grauschleier, dann dunkle Flecke.
Ständig hatten wir uns in der Wolle wegen des blöden Kissens, das ich langsam zu hassen begann. Ich hatte es nicht genommen und wusste langsam nicht mehr, wie ich mich noch verteidigen sollte. Das Kissen wurde auf unerklärliche Weise immer wieder von ganz allein schmutzig.
»Außerdem schnarchst du!«, setzte meine Schwester eines Tages nach.
»Ich schnarche gar nicht«, erwiderte ich wütend und funkelte sie böse an.
Auch, wenn sie schon sechzehn und ich erst neun war, hatte ich keine Lust, mich immer beschuldigen zu lassen.
»Ich – schnarche – nicht! Basta!!!«
Tagelang herrschte zwischen uns Eiszeit. Die Polregionen waren dagegen schon fast warm zu nennen.
Eines Nachts musste meine Schwester zur Toilette. Sie stieg ihre quietschegelbe Leiter herunter. Dabei streifte der Blick zufällig das Sofa.
Auf ihrem geliebten Kissen lag zusammengerollt eine fette Katze und schlief selig schnarchend.
Meine Schwester schrie auf, die Katze erwachte jäh und sprang geradenwegs in mein Bett.
Mir die Decke über den Kopf ziehen und erstarren geschah gleichzeitig. Das war ja schlimmer als ein Albtraum!
»Strampele doch endlich!!!«, rief meine Schwester aufgebracht, als ich gar nicht reagierte.
Die Katze war nämlich auf dem Fußende meines Bettes sitzen geblieben. Nur etwa dreißig Zentimeter trennten sie vom offenen Fenster und einem Spalt in den Jalousien, durch den sie sich offensichtlich Nacht für Nacht gequetscht hatte.
Endlich reagierte ich und trat wie wild um mich. Die Katze verschwand. Kaum war sie weg ließ ich mit zitternden Händen den Rollladen ganz zufahren und verrammelte das Fenster.
Kurz darauf kam das Tier wieder, um die ganze Nacht draußen auf dem Fenstersims zu maunzen. Ich zog mir das Kissen über den Kopf und fürchtete mich wie wahnsinnig.
An den folgenden Abenden erschien immer wieder die Katze und forderte lautstark Eintritt.
Inzwischen reagierte ich panisch. Ich rannte ins Wohnzimmer und weigerte mich vehement, das Kinderzimmer je wieder zu betreten, solange dieses Untier in der Nähe war.
Also gab mir Mutter Decke und Kissen, damit ich auf dem Sofa schlafen konnte. Kaum hatte ich mich wohlig ausgestreckt, als die Katze auch schon am Wohnzimmerfenster erschien und krakeelte. Nun war das Maß voll. Jetzt riss sogar meiner Mutter der Geduldsfaden. Ganz langsam löste sie den Rollgurt der Jalousie, gab unendlich viel davon frei, um das schwere Ding mit einem Ruck nach unten sausen zu lassen.
Die Katze kreischte erschreckt auf und ließ sich nie wieder blicken.
Geblieben ist die Überzeugung, dass manche Katzen Zwerg-Terroristen sind. Deshalb habe ich mich später auch für einen Hund entschieden. Der hüpft garantiert nicht als nächtlicher Fassadenkletterer vor den Fenstern fremder Leute herum, um sie zu Tode zu erschrecken.