
Stories

Das große Verschwinden
"Leben ist Illusion,
und Realität nur ein Teilchen der Vorstellungskraft."
von Michel Wüthrich

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Träume sind angeblich nur Schäume. Das jedenfalls sucht uns die Schulweisheit zu lehren. Aber wie oft ist mir schon aufgefallen, dass ich im Wachzustand Dinge erlebte, die mir als "Deja-vû"-Erlebnisse von Träumen her bekannt vorkamen?
Unzählige Male sicher! Ihnen haftete ein Atem des Vertrauten an, der mir durch den Schleier des bewussten Denkens vorenthalten wurde, und erst, wenn es geschehen war, mich die Erkenntnis durchfuhr, dass ich das schon einmal erlebt habe. Ja, dass ich das eigentlich vorher schon gewusst hätte.
Ich habe versucht danach zu greifen, aber es ließ sich nicht fassen. Jedenfalls nicht wissenschaftlich. Es seien Zufälle, und manchmal würde das Wunschdenken der betreffenden Person Situationen hervorrufen, die dem Geträumten entsprächen. Eine - in meinen Augen - sehr schwache Erklärung für das Übersinnliche.
Es ist mir nicht gelungen, dieses faszinierende Thema genauer zu untersuchen, da mein Leben eine andere Wende genommen hat. Ich habe nach den Sternen gegriffen. Und dies ist meine Geschichte.
Mein Name ist Ray Kinsella, und in zwei Jahren werde ich so alt sein, wie mein Dad vor fünfundzwanzig Jahren. Mit dreißig hielt ich ihn bereits für einen alten Mann. Zu meiner Rettung kann ich nur anführen, dass ich damals fünf Jahre alt war, und in diesem Alter sehen alle Erwachsenen alt aus. Kann es sein, dass meine Tochter heute genauso denkt? Ich setze mal voraus, dass dem so war.
Über uns Kinsellas gibt es eigentlich wenig zu sagen. Ein W.P.Kinsella schrieb 1982 mal ein Buch über Shoeless Joe Jackson. Für meinen Vater war es eines der wunderbarsten Geschichten, die er je gelesen hatte. Er war stolz darauf, dass ein entfernter Verwandter so gut schrieb und einen Fußabdruck hinterlassen würde. So pflegte er sich jedenfalls auszudrücken. Damit deutete er an, dass sein Leben ganz ohne Bedeutung sei, und wenn er mal starb, nichts mehr an ihn erinnern würde. Aber den anderen Kinsella, der hatte so fest mit seinem Fuß aufgestampft, dass er einen gewaltigen Abdruck hinterlassen würde. Als das Buch Jahre später mit Kevin Costner als "Field of Dreams" verfilmt wurde, machte ihn das sehr glücklich, auch wenn er es nicht gleich jedem ins Gesicht zusagte.
Meine Mutter Lisa und mein Vater waren sehr einfache Leute. Ich will ihnen damit nicht anhängen, dass sie zurückgeblieben waren, sondern nur zum Ausdruck bringen, dass ein Tier oder ein Mensch mit einem Problem oder Wehwehchen ihnen viel mehr bedeutete, als etwa einen Mann auf den Mond zu schicken. Kabelfernsehen, Satellitenschüsseln und Computer blieben meinen Eltern ständig suspekt. Sie mussten all die Dinge greifen können, die ihnen etwas bedeuteten. Alles, mit Ausnahme der Liebe zu Gott. An ihn konnten sie glauben, ohne ihn mit ihren Händen fühlen zu müssen. Ich fragte meine Mutter einmal, wieso das so war und sie antwortete, Gott sei ständig um sie. Sie brauche nur auf das Land zu sehen, die Tiere, die Bäume und Pflanzen zu betrachten, und sie wisse, dass dies alles durch die Hand eines Allmächtigen geschaffen worden sei. Das hat sie wahrscheinlich beide glücklich gemacht.
Das Farm in Iowa war alles was sie je besaßen, und um sie zu erhalten, taten sie auch alles. Arbeiteten von früh bis spät. Sie lebten ein Arbeiterleben. Dann wurde ich geboren, verlebte meine ersten Lebensjahre da - und glückliche, will ich noch hinzufügen.
Weit weg von zu Hause ging ich aufs College um dann später die Uni zu besuchen. Dort lernte ich auch meine Frau Marie kennen. Sie steckte sich zwar zu der Zeit eine fürchterliche Frisur, aber sie war der beste Mensch, der mir je über den Weg lief. Nachdem wir so lange wie möglich bei ihren Eltern blieben - und das war immerhin einen ganzen Nachmittag - suchten wir uns etwas eigenes. Später heirateten wir und bekamen Melanie - wir nennen sie nur Mel. Sie roch zwar in der ersten Zeit etwas streng, aber wir beschlossen sie trotzdem zu behalten.
Am selben Tag, an dem ich ins Trainingscenter aufgenommen wurde, verstarb mein Vater. Er kippte während dem Mittagessen einfach plötzlich um und wachte nicht mehr auf. Mutter verkaufte die Farm, ging in die Stadt und versuchte sich neu auszurichten. Es gelingt ihr mehr schlecht als recht. Wahrscheinlich wird sie bald meinem Vater folgen. Sie waren im Leben gütig zueinander und fast unzertrennlich. Was soll da der Tod daran ändern?
Mein Vater ist nun fast fünf Jahre tot, und trotzdem kann ich mich noch gut an ihn erinnern. Ich glaube, obwohl sein Fußabdruck in der Zeit kaum ersichtlich war, hat er doch einen prägenden Eindruck hinterlassen. Jedenfalls sehe ich es so: Solange ich mich an ihn erinnern kann, ist mein Dad nicht ganz tot. Er wird in meiner Erinnerung weiterleben, und eines Tages werde ich diese meiner Tochter weitergeben.
Zu mir selber fällt mir nur Marginales ein: Ich bin achtundzwanzig, glücklich verheiratet, verliebt in meine Tochter und in zehn Tagen stehe ich vor meinem ersten Flug. Es ist kein gewöhnlicher Flug, sondern einer, der uns zum Pluto bringen wird. Die Startbahn ist schon fast startklar, die Flugfenster auf dem Weg zum O.K., und langsam macht sich unter den Teilnehmern eine gewisse Spannung bemerkbar. Auch bei mir.
Vieles von dem vorher Erwähnten hat mit dem eigentlichen Kern der Story wenig zu tun, aber es hat doch dazu beigetragen, mich zu dem Menschen zu machen, den ich heute darstelle. Es hat geholfen mich ehrfürchtig vor dem Leben zu machen, das diesen Planeten bevölkert. Ich gestehe es rundherum: Ich bin ein Patriot, aber einer der Erde! Ich fühle mich als Terraner und bin stolz darauf, und wenn wir die Reise zum Pluto antreten, dann werde ich diesen Schritt nicht nur für mich, sondern für die gesamte Menschheit vollbringen. Abgesehen davon, haben am Projekt auch Sorten von Leuten mitgeholfen, die allen Nationen dieses Globusses entstammten. Es ist also so, dass wir gemeinsam am Gelingen gearbeitet haben. Und die Früchte davon werden allen zukommen.
Trotzdem, es fällt mir geradezu unheimlich schwer, von dem zu schreiben, was mir vorzugestoßen ist. Kommt es daher, dass es sich weder dem wachen Zustand, noch vollkommen einem Traum zuordnen lässt?
Es fing damit an, dass wir nach Wochen harten Trainings endlich wieder einmal Zeit für uns selbst bekamen. Es wurde uns eine Ferienwoche zugeordnet. Wir nannten es bloß zynisch eine Anhäufung freier Tage. Ferien so kurz vor dem Absprung hatten mit Erholung und Entspannung nichts mehr gemeinsam.
„Ein paar Tage zur Besinnung, bevor es wieder losgeht“, meinte Calmonte, unser Vorgesetzter.
„ Schnappt Euch eure Bräute und Kinder und verschwindet in die Berge oder ans Meer. Und tut, was ihr schon lange auf die lange Bank geschoben habt.“
Wir waren sechs Leute, die vom Training übriggeblieben waren, und bei diesen Worten blickten wir uns alle grinsend an. Jeffrey wurde sogar etwas rot, aber kein Wunder, er war derjenige, der erst seit kurzer Zeit verlobt war. Er würde es schon noch lernen, nicht bei jedem zweideutigen Spruch die Farbe zu wechseln.
Calmonte fuhr in seinem Sermon ungerührt weiter:
- Ich will euch in den nächsten paar Tagen einfach nicht sehen, kapiert? Wenn ich einen von euch erwischen sollte, wie er sich aufs Gelände schleicht um die Übungen fortzusetzen oder sogar in den Büchern schmökert, den lasse ich eigenständig vor ein Erschießungsgericht treten und abknallen.
Tja, was soll ich groß sagen: Wir liebten unseren Vorgesetzten genauso, wie er einen Narren an uns gefressen hatte. Aber er hatte Recht. Von mir aus hätte seine Ansprache auch etwas kürzer ausfallen können, denn es dauerte mir fast schon zu lange, bis bereits wenige Stunden später Wasser vom atlantischen Ozean meine Füße umspülte.
Marie und Mel tobten um mich herum und trieben mich dann unter gemeinsamen Anstrengungen ins Wasser, als ich zuerst den müden Mann mimen wollte.
- Nichts da, Sunnyboy, rief mir meine Frau zu, als sie sich auf mich stürzte und mich unter dem Quietschen von Mel dem kühlen Nass zutrieb. Und dabei veranstalteten beide einen Lärm, als würden Hunderte von Töpfen eine Treppe runterpoltern.
Nach einiger Zeit gelang mir doch noch die Flucht. Ich rettete mich auf mein hart erkämpftes Badetuch, legte mich nieder und schloss für einige Zeit die Augen. Die Möwen kreischten schrill, verloren sich aber in der Brandung des Meeres, und alles hintermalt von den Lauten der Leute, die sich am Strand tummelten.
Schlussendlich musste ich doch eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, lagen nur noch die leeren Badetücher neben mir. Sie sahen aus, als wären sie kurz benutzt worden. Wahrscheinlich hatten Marie und Mal sich aufgemacht, um sich an irgendeiner Strandtheke ein Eis zu ergattern. Mir sollte es nur recht sein. Ein paar Augenblicke ohne jeden Lärm würde mir nur gut tun.
Die Sonne stach aus einem wolkenlosen Himmel herab und ich hätte mich sicherlich verbrannt, wenn Marie den Sonnenschirm nicht ausgerichtete hätte. Dann wäre ich jetzt sicherlich so rot wie Mickey Mouse' Hose aus einem seiner früheren Filme.
Mir war unheimlich wohl zumute. Ich weiß, das kam fast schon einem Verbrechen gleich, aber es ging mir wirklich sehr gut. Eine leichte Anspannung konnte ich nicht leugnen, aber mit dem Wissen gebraucht zu werden - und das erst noch zu einer Plutomission - fühlte es sich schon wieder speziell an. Ich genoss sogar den seltenen Luxus, keine Gedanken im Kopf zu haben, da es sich nicht lohnte, an etwas zu denken. Mein Leben war in den richtigen Bahnen und ich besaß das seltene Gefühl, dass alles gut werden würde. Als ob mich jemand an die Hand genommen hätte und mich nun begleiten würde. Ein Gefühl, das tiefe Befriedigung in mir auslöste.
Später griff ich kurz zu einem Buch, das mitgekommen war. Wahrscheinlich eines von denen, das monatelang auf den Bestseller-Listen stand, und schlussendlich sogar seinen Weg in unser Schlafzimmer gefunden hatte. Dort würde es das Schicksal vieler anderer Bücher teilen, nämlich unberührt auf dem Nachtisch herumzuliegen. Ich blätterte einige Seiten durch, bevor ich es dann ganz bleiben ließ.
Eine warme Brise streichelte über die Haut und der Sand unter den Füssen tat sein Übriges zu meinem ausgezeichneten Gemütszustand.
Wie lange ich so ohne jeglichen Zeitsinn herumlag und die Freiheit genoss, hier herumliegen zu können ohne jegliche Verantwortung, ohne Hast und ohne trübe Gedanken, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Als ich aufschaute und abzuschätzen versuchte, wie spät es war, hatte sich die Sonne bereits bedrohlich dem Meereshorizont genähert.
Mein Dad hatte mir in Iowa beigebracht, wie man am Stand der Sonne die Zeit abmessen konnte, aber inzwischen ist mir das abhanden gekommen. Ich sollte mir wohl besser dieses alte Wissen wieder aneignen, damit ich es wenigstens Mel weitergeben konnte. - Es gibt einfach ein paar Dinge, die man seinen Kindern mit auf den Weg geben sollte. Dazu gehört wohl auch, wie man mitten in der Nacht anhand der Wolken feststellte, ob der morgige Tag schön oder bewölkt werden wird. - Mein Vater hatte das alles immer gewusst.
Vor der Sonne hatte sich ein kleiner, verwaschener Fleck gebildet, der langsam deutlicher wurde. Aus dem undeutlichen Geflimmer schälte sich langsam eine Gestalt hervor. Zuerst sah sie groß und sehr dünn aus, da das Sonnenlicht um den Körper herumwaberte. Schließlich konnte ich erkennen, dass ein normaler Mensch den Strand entlang kam. Es war ein ganz gewöhnlicher Mann. Nichts Spezielles, will ich damit sagen.
Sicherlich sehr schlank. Der Oberkörper war braungebrannt und haarlos, und sehr mager. Er sah aber auch nicht unterernährt aus. Zerschlissene Jeans endeten knapp über den Knien und liefen in Fransen aus, die alle eine unterschiedliche Länge besaßen.
Seine ebenfalls braunen Füße steckten in sandfarbenen Sandalen - Jesuspantoffeln sage ich immer - und bis auf die kreisrunde Brille, die nur die Augen vollständig bedeckten und die Brauen in ihrem ungebändigten Wachstum keineswegs behinderten, waren dies seine einzigen Kleidungsstücke. Das lange schwarze Haar trug er im Nacken mit einer gewöhnlichen Schnur zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber das war etwas, was ich erst später herausfinden sollte.
Auf mich machte der Mann einen zierlichen Eindruck, obwohl sein kraftvoller und federnder Gang das Gegenteil aussagten. Fast schon wie zurückgehaltene Kraft, bereit loszuschlagen, wenn es sein musste.
Er sagte weder "Hallo", noch fragte er danach, ob mir seine Gegenwart missfiel. Nur sein unmerkliches Kopfnicken gab mir zu verstehen, dass ich für ihn nicht unsichtbar war. Und er setzte sich mit einer Selbstverständlichkeit hin, als gehöre ihm der gesamte Strand.
Meilenweit war der weiße Strand ohne jegliche menschliche Seele. Das fiel mir erst jetzt auf. Badetücher und Schutzschirme waren alle verschwunden. Es gab nicht einmal mehr Spuren, die auf Menschen hingewiesen hätten!
Den Zahnstocher, den er bis zu diesem Zeitpunkt von einem Mundwinkel zum anderen hin und hergeschoben hatte, nahm er nun zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann begann er mich anzuschweigen.
Komischerweise war ich weder überrascht noch aufgebracht über sein Verhalten. Es war einfach so. Es ließ sich nicht ändern. Es herrschte zwischen uns so etwas wie ein universelles Verständnis. Auf eine Art und Weise fühlte ich mich wieder in meine Kindheit zurückversetzt, als alles einfacher war zu akzeptieren. Als der logische Verstand zum größten Teil seine Aufgabe noch nicht aufgenommen hatte. Es klingt verrückt, aber mit diesem kindlichen Verständnis kam ich zu der Einsicht, dass ich hier und jetzt auf ihn gewartet hatte.
Jetzt, das heißt später, kann ich mir das kaum mehr erklären, aber zu dem Zeitpunkt stimmte einfach alles. Unsere Lebensbahnen würden sich einmal kreuzen, und das war genau zu jener Zeit am Strand, um dann wieder auseinander zu driften. Aber erst, wenn wir das erledigt hatten, wozu unser Treffen bestimmt war.
- Mögen Sie Geschichten?
Und bevor ich antworten konnte, beantwortete er diese Frage bereits selbst:
- Natürlich mögen Sie sie.
Ich nickte trotzdem noch. Dabei überflog sein Gesicht ein Lächeln, als hätte ich nur etwas bestätigt, was er schon lange vor mir über mich gewusst hatte.
- Wollen Sie, dass ich Ihnen eine erzähle?
Auch auf diese Frage wusste er die Antwort bereits, denn er begann übergangslos weiterzusprechen.
Es war eine starke Geschichte. Jedenfalls nannte er es so. Für mich war es ein Erlebnis. Seine Worte begannen mit den Wellen zu klingen. Wind, Sand und seine Stimme verschmolzen zu reiner Harmonie.
Und ich? Ich lehnte mich natürlich zurück und hörte aufmerksam zu.
Aus der tiefen, endlosen Stille und unendlichen Weite es Weltalls näherte sich das von menschlichen Händen gefertigte Raumschiff wieder seinem Ausgangspunkt: der Erde. Lange Zeit hatte es sich hier in diesem sternenarmen Teil der Galaxis aufgehalten, um jetzt nach Beendigung der Aufgabe, nach Hause zurückzukehren. Es bestand Anlass zur Freude. Die Sterne schimmerten in einem hellen Gelb oder manchmal auch in einem leichten Blau, und schienen sich mit dem Menschen an Bord des Raumschiffes mitzufreuen. Nicht mehr lange und er würde wieder festen Boden unter den Füssen verspüren. Wie man so etwas Banales überhaupt vermissen konnte? Lag es daran, dass es im Weltall weder ein Oben noch ein Untern gab? Die Schwerkraft wurde einfach dadurch definiert, wie sich sein Schiff durch den Raum bewegte. Es konnte sich drehen und wenden, da wo sich seine Füße über den Stahl des Bodens bewegten, da war unten.
Wirklich, die Situation hätte eigentlich Freude hervorrufen sollen, doch es gelang ihm nicht, sie auch auszuleben. Er verspürte eine große Erleichterung, endlich zurückzukommen, aber mit Freude selber hatte das nichts gemein.
Sein Gesicht war vielmehr von Sorgenfalten durchzogen. Die Freude war in ihm geknickt wie ein Baum im Sturm. Er hielt noch das Mikrophon in der einen Hand, die andere hing an ihm runter wie ein gebrochener Flügel.
Das Mikrophon hatte er ausgeschaltet, war aber nicht fähig, es loszulassen. Die Geräusche aus den Lautsprechern waren auch nicht dazu fähig, seine Stimmung zu heben. Es gelang ihnen keinen Deut. Kosmische Geräusche drangen ihm entgegen. Das war jedenfalls das, was man ihm im Camp mitgeteilt hatte. Es klänge so ähnlich wie Statik, nur räumlicher. Er hatte keinen Unterschied feststellen können, damals, und war auch heute nicht dazu fähig. Für ihn hörte es sich gleich an. Zwischendurch meinte er zwar so etwas wie einen Motor zu hören, aber mit großer Sicherheit narrten ihn da seine Sinne. Wunschvorstellungen! Wie hätte er auch einen Motor hören sollen, wenn niemand die Funkanlage bediente?
Seine Hand umklammerte das Mikrophon, als mache er es für alles verantwortlich. Die Geste kam schon eher einem Würgegriff nahe, als einem gewöhnlichen Festhalten.
Wie konnte es das nur geben, fragte er sich in ständiger Regelmäßigkeit? Mittlerweile musste er doch nahe genug herangekommen sein, um mit dem Funk Kontakt aufnehmen zu können. Warum meldete sich dann niemand auf seine Rufe?
Hatte die Anlage wieder den Geist aufgegeben, wie damals bei den letzten Übungen? Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie alle um die Anlage herumgestanden waren, und plötzlich hatten dicke, fette Rauchwolken aus der Ummantelung die Leute zum Husten gereizt.
Sein Vorgesetzter war herbeigestürzt und hatte ihm alle Schande an den Kopf geworfen, da er ihn zuerst für den Verursacher des Schadens hielt. Er war nämlich maßgeblich an der Verbesserung des Gerätes beteiligt gewesen, und führte sich jedes Mal auf, als wolle man ihm seine heißgeliebte Tochter wegnehmen.
Natürlich ist ebenfalls erwähnenswert, dass es sich dabei um eine komplizierte Ausgabe eines Funkgerätes handelte, und zu dem Zeitpunkt auch noch sehr neu gewesen war. An Pannen hatte es nie gefehlt, aber trotzdem bekam er jedes Mal einen kleinen Herzanfall und fluchte und tobte, dass sich die Balken bogen.
„Schon mal was von Fingerspitzengefühl gehört? Mann, oh, Mann! Zwei linke Hände nennt er sein eigen, und mit der rechten kann er auch nichts Gescheites anfangen. Junge, du wärst besser damit aufgehoben, dass man dich irgendwo in Sibirien erschießt, vergräbt und dann schnell vergisst. So was wie dich nannte man früher nämlich eine Plage.“
„Ich liebe dich auch“, war seine einzige Erwiderung gewesen.
„Junge, mach mich bloß nicht fertig. Es ist - verdammt noch mal - eine neue Konstruktion. Also behandle sie gefälligst dementsprechend. Wenn du sie nicht wie eine hochschwangere Frau behandelst, da oben, dann nehme ich die nächste Rakete und komme dir den Arsch aufreißen.“
„Er wird sie lieben, wie seine eigene Frau, nicht wahr?“ rief einer der Anwesenden dazwischen.
Man versuchte ihm zu Hilfe zu kommen, aber gegen diesen Vorgesetzten ein hoffnungsloser Versuch. Er wandte sich nämlich sofort von ihm ab und drang auf seinen Kollegen ein.
„Er soll sie nicht lieben, du Döskopp. Hab ich irgend etwas in die Richtung gesagt? Finger weg! Das habe ich gemeint.“
Und wieder ihm zugewandt:
„Wenn du sie noch einmal berührst, brech ich dir alle Finger.“
Alle hatten geschmunzelt, als er von dannen lief. Eine qualmende Rauchwolke hinter sich herziehend. Und dabei rauchte er nicht einmal.
Sein Vorgesetzter war eigentlich ein guter Mensch. Ein bisschen tollpatschig, aber doch ein guter Mensch. Was seinen Charme ausmachte, das waren seine beiden linke Füße. Im Camp wurde nach einiger Zeit eine neue Maßeinheit eingeführt, die die kürzeste Distanz zwischen zwei Fettnäpfchen bezifferte, in die man treten konnte: ein Calmonte!
Sicherlich ließ sein Umgangston etwas zu wünschen übrig, aber sein Unterricht war erste Klasse. Man konnte darin stark profitieren. Er hatte dies getan, und diesen Kasten so oft auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, dass er dies mit geschlossen Augen hatte tun können. Und so, wie er es gelernt hatte, sollte der Apparat in einwandfreiem Zustand sein und deshalb auch funktionieren. Alle Kontrollen leuchteten grün, die Kontakte waren gut gesteckt, verschweißt, und keines der Kabel irgendwie lose.
Kam ihm Calmonte nun den Arsch aufreißen? Es klang verrückt, aber sogar über diesen Besuch hätte er sich nun gefreut.
Mit dem Schuh verpasste er der Konsole einen Tritt. Es schien ihr keinen Eindruck zu machen.
- Funktionier endlich, du Scheißding!
Das Bild der Erde, mit seinem Mond im Hintergrund, hing vielversprechend vor ihm, eingerahmt in den Monitor, der die Flugrichtung anzeigte. Ein Stilleben des SF-Zeichners Robert André hätte nicht schöner wirken können. Die Erde wirkte wie ein blauer Ball, den man nur aufheben musste, um mit ihm zu spielen.
- Let's play a game, Sam, schien er ihm zuzuschreien.
Was war es denn auch anderes, als ein furchtbar blödes Spiel, in dem einer gerade die Regeln geändert hatte, ohne ihn darüber zu informieren, und dann kaltschnäuzig weiterspielte, als sei nichts geschehen.
Ha, bis kurz vor dem ersten Versuch, mit der Erde in Kontakt zu treten, hatte er gemeint, alle Karten in der Hand zu haben. Nun erfuhr er, dass man eigentlich Schach
spielte ...
Obwohl es nicht auszuschließen war, dass sich irgendwo ein Chip gelöst hatte oder etwas verschmort war, ohne dass es gleich eine Anzeige gab, konnte er sich doch nicht vor den Gedanken verstecken, die länger je mehr seine Überlegungen in einen gefährlichen Strudel rissen. Sie waren vielleicht schon länger da gewesen, aber nun kamen sie zum Vorschein, und sie wurden schließlich in seinem Kopf vorherrschend: Was war da unten um Gottes Willen geschehen, wenn mit dem Funkgerät alles in Ordnung war? Was, zum Henker?
Stunden später ...
Der Adler ist gelandet ... Ohne größere Probleme hatte er den Vogel landen können. Man könnte auch sagen, trotz der angespannten Sinne. Die Landung hatte ihn aber zugleich davon abgehalten, ständig den trüben Gedanken nachzuhängen.
Das Schiff lag nun also auf der Landebahn. Aber warum, zur Hölle, zeigte sich dann niemand? Nirgendwo ließ sich ein Wagen ausmachen, mit der Aufschrift "Follow me". Von der Ambulanz oder der Feuerwehr ganz zu schweigen. Nichts!
Wo waren denn all die Leute, die sich sonst immer bei einer Landung einfanden? So wie er das Land überblickte, war alles leer.
Wo waren die Menschen, die ihm hätten gratulieren sollen und ihn auf der Erde willkommen heißen. Wo? WO?
Scheißspiel!
Er wartete fünfzehn Minuten bewegungslos im Raumsessel. Keine Ahnung, was ihn da genau festhielt. Hoffnungslosigkeit? Enttäuschung?
Weitere fünfzehn bis zwanzig Minuten verstrichen, in denen er nervös mit den Fingern auf den Armlehnen herumtippte, und mit den Füßen nicht wusste, wohin er sie tun sollte. Schließlich unterschlug er sie, um gleich wieder ungeduldig die Position zu wechseln. Über seinem ganzen Körper hatte sich eine feine Schicht Schweiß gebildet: Panikschweiß!
Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er fluchte noch einmal herzerbärmlich, dass davon sogar ein Seemann noch rot geworden wäre, während er gleichzeitig die Kühlungsturbinen des Schiffes abwürgte, die ansonsten noch stundenlang ihrer Arbeit nachgekommen wären. Was jetzt noch mit dem Triebwerk geschah, war ihm eigentlich egal.
Ein einziger Handgriff, und nach fünf Minuten bemerkte er auf einmal, dass sich eine Stille breit machte, wie er sie noch nie in seinem Leben erlebt hatte. Es war eine Stille, wie es sie auf der Erde eigentlich nicht geben durfte. Er selber hatte sie draußen im Weltraum entdeckt, als er im Raumanzug das Schiff verlassen hatte. Die totale Einsamkeit hatte ihn da ebenfalls erfasst, aber er war darauf vorbereitet gewesen. Aber nicht hier. Nicht hier.
Er vernahm nur noch seine eigenen Atemgeräusche. Aber das konnte es doch nicht geben. Das war unnatürlich.
Ohne auf die Quarantäne-Bestimmungen zu achten, hastete er zum Ausstieg und riss die Tür zur Schleuse auf, als hinge sein Leben davon ab. Eine Art von Platzangst versperrte auf einmal seine Atemwege, nur war sie viel schlimmer. Sie presste sogar sein Herz zusammen, als halte es eine unbarmherzig, zusammen-pressende Faust umschlossen. Er hustete, keuchte, fiel auf die Knie, lief langsam blau an, da er nicht genügend Sauerstoff bekam. Es kam ihm so vor, als ziehe er einen Elefanten durch einen Strohhalm.
Als er mit lahmen Bewegungen doch noch den Öffnungsmechanismus betätigen konnte und die Schleuse aufschwang, befiel ihn eine unnatürliche Erleichterung, als der heiße Atem der Wüste über sein schweißnasses Gesicht wehte. Es herrschte draußen mindestens eine Temperatur von 45 Grad Celsius, aber für ihn bedeutete es in dem Moment nur eine Erleichterung.
Eine Zeitlang blieb er so liegen. Und in diesen wenigen Momenten gewann er etwas von seiner Abgeklärtheit zurück. Es half ihm nichts, jetzt in Panik zu verfallen. Er musste das Problem logisch angehen. Und falls es keine logische Erklärung für das Geschehen gab, dann musste er sich bei der Übersinnlichen eine ausborgen.
Fast schon lässig konnte er sich mit dem schweren Raumanzug aufrichten. Er wollte aussteigen, aber da war keine Treppe, die man für ihn bereitgestellt hatte. Natürlich konnte er im Schiff selber nirgendwo so etwas wie ein Seil finden, schlussendlich war er Astronaut und kein Skipper. Der hätte im Gegensatz zu ihm genügend Seil gehabt, aber ihm stellten sich sicherlich auch nicht die selben Probleme.
In seinem Schiff war alles fest verankert. Für die Ewigkeit gebaut. Nur half ihm das jetzt verdammt wenig.
Nach einigem Überlegen griff er zu einem der Asbestanzüge. Er befühlte sich das Material, nahm einen zweiten und dritten, und verknotete sie. Einen befestigte er an der Schleuse, den Rest warf in den Sand.
- Shit. Zu kurz.
Aber es musste gehen. In Schweiß gebadet hangelte er sich an den Asbestanzügen hinunter. Das letzte Stück musste er sich fallen lassen. Er konnte sich noch so sehr dagegen wehren: es half nichts. Es wurde ein harter Sturz, so in voller Montur. Er konnte von Glück reden, dass er sich dabei nichts brach.
„O.K., Sam, dann lass uns mal dieses Schwein suchen, dass die Regeln geändert hat, ohne mich davon zu unterrichten.“
Der Fluch brachte ihn taumelnd auf die Füße zurück.
Die Landebahn war verdammt hart gewesen. Er war nach hinten gefallen und hatte sich dabei den Kopf angeschlagen. Glücklicherweise blutete es nicht, aber eine Beule würde er davon schon bekommen.
Die Aussicht bis zum Stützpunkt zu laufen, stimmte ihn nicht gerade rosig. In weiter Ferne konnte er Berge ausmachen, die trotz der Hitze hier unten, Schnee auf den Gipfeln trugen. So war eben Nevada. Einesteils voller Widerspruch mit Felsen, Sand, Wüste. Andererseits in seiner Farbenpracht der Flüsse, Bäume und den Seen. - Kaum zu glauben, dass man hier früher Atombombentests durchgeführt hatte.
Als er sich in Richtung Stützpunkt in Bewegung setzte, fühlte er in sich eine tiefe Unordnung. Seine Gefühle befanden sich in einem wirren Durcheinander. Seit gestern Morgen von seiner Seite her der erste Funkkontakt versucht worden war, befand er sich in diesem Wirrwarr. Die Befriedigung, die er bis zu diesem Zeitpunkt gefühlt hatte, war mit einem Streich weg gewesen. Er war jetzt zurückgekommen. Na und? Was nützte ihm das?
Himmel, er musste daran denken, wie er vor so vielen Jahren ins Camp kam und all die hoffnungsvollen Gesichter von Frauen und Männer um sich gesehen hatte. Alle waren zuversichtlich gewesen, da sie nur einen Wunsch gehegt hatten, und der mit dem Eintritt ins Camp in unmittelbarere Nähe gerückt war: ins Weltall vorzustoßen. Es waren Gesichter gewesen, die davon geträumt hatten, Astronauten zu werden. Viele hatten diesen Traum sicherlich schon seit Kindesbeinen an gehabt.
Und damals hatte er nur eines mit Bestimmtheit gewusst: dass er es auf jeden Fall schaffen würde. Denn er wusste, so fest die anderen auch ihren Traum verwirklichen wollten, er konnte am härtesten träumen!
Sicher waren seine Gedanken auch von Heldentum geprägt gewesen, als er daran dachte, wie er als ruhmreicher Astronaut zurückehren würde. So oft er sich das Nachhausekommen auch immer vorgestellt hatte, in seinem übelsten Alptraum war es nie so schlimm gekommen.
Die Sonne brannte unnatürlich heiß herunter und ließ jeden Anflug von Wasser augenblicklich auf seiner Haut verdunsten, als gehöre er nicht hierher.
- Eigentlich genau die richtige Temperatur, in der man handliche T-Bone Steaks grillte.
Er musste grinsen, als ihn in all der Zeit, in der er ohne jeden Gedanken im Gehirn durch die Wüste lief, ein solches Bild vor Augen gesetzt wurde. Wenn er sich fest konzentrierte, vermochte er sogar das Steak zu riechen. Garniert mit Kräuterbutter, Tomaten und Petersilie. - Im Schiff hatte er auch immer seine Gedanken anstrengen müssen, als er Salat und Kartoffelstock aus der Plastiktüte essen musste. Die Vitamindragees waren da natürlich auch nicht zu verachten gewesen. Sie hatten eigentlich nur dank seiner Einbildungskraft einen Geschmack bekommen. Aber es hatte ihm immer einiges bedeutet, wenn er sich die Zeit zu einem "Essen" nahm. Einesteils erinnerte ihn jedes Menü an Zuhause, andererseits sättigte bewusstes Essen viel mehr, als wenn er es sich nur so nebenbei reingepfeffert hätte.
Er kam sich so allein vor. Fast wie ein Jude während dem zweiten Weltkrieg, in der Gaskammer. Mit anderen, aber doch eigentlich allein.
Er hatte sich einige Zeit mit dem Thema auseinandergesetzt, es dann aber schlussendlich bleiben lassen. Das Ganze war ihm zu fest an die Nieren gegangen. Aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Es war, als hätte die eine Gedankenkette eine Reaktion ausgelöst, die er nicht mehr zu stoppen vermochte. Die Frage war, ob er es überhaupt wollte.
Er sah sich auf einmal in einer solchen Gaskammer stehen, zusammengepfercht zwischen anderen, die mit den Händen nur spärlich ihre Scham bedeckten. Vielen war es auch egal, da sie ahnten, was auf sie zukommen würde.
Als ein Volk waren sie der Willkür eines anderen Volkes ausgesetzt, dem gegenüber sie sich unmöglich erwehren konnten. Ihr Weg war es zu lehren und Wissen weiter zu geben. Wie konnten sie sich gegen einen Gegner auflehnen, der den Weg des Tötens gelernt hatte?
Er sah sich als ein Jude unter einer der vielen Duschen stehen, die heute keine Wasser bringen würden. Er sah das Gas aus den Düsen austreten, breit machen und bei den Eingesperrten langsam die Sinne benebeln. Die aufbrandende Panik weicht schnell einmal Furcht, die auch bald keinen Platz für andere Gedanken mehr lässt. Eine einzige Überlegung hält ihn auf den Beinen: "Ich glaube es bringt mich um ..."
Und in dem Moment, in dem er dies fertig denkt, weicht auf einmal alle Kraft aus seinen Beinen. Der Körper schlägt gegen die gekachelte Wand der Dusche, rutscht an ihm herunter und hinterlässt einen schmierigen Film, bevor er ganz umfällt, als wären ihm die Füße weggeschlagen worden. Er fällt zwischen andere Körper, die schon länger aufgegeben haben, sich zu wehren. Das bemerkt er aber nicht mehr. Er ist tot, bevor ganz auf dem Boden liegt.
So einsam kam er sich vor. Nur war es ihm vergönnt zwischen anderen Menschen den Tod zu empfangen. Ja, so fragte er sich weiter, war er vielleicht gestorben und nun nicht mehr dazu fähig, das Leben um ihn herum wahrzunehmen?
Natürlich glaubte er an ein Leben nach dem Tod. Er konnte sich zwar nicht mit der Ansicht der Bibel anfreunden, denn es klang für ihn stumpfsinnig, nach einem ausgiebig gelebten Leben entweder die Flügel zu montieren und es sich auf der nächsten Wolke gemütlich zu machen, oder mit einem Einfach-Ticket Richtung Hölle zu fahren. Für ihn waren das Ammenmärchen, um die Kinder zu erschrecken. Leben nach dem Tod war in seinen Augen so einfach und so komplex, wie das Leben sich in der Natur darstellte: man starb, um immer wieder zu kommen. Er hatte mal über Jesus gelesen, wie dieser gesagt hatte, dass das Leben auf der Erde wie eine Brücke zu etwas Höherem sei, und dass man es sich auf der Brücke nicht zu gemütlich machen sollte. - War er nun von dieser Brücke gefallen und trieb unten im Wasser? Waren all die Menschen tot oder war nur er es, ohne es bemerkt zu haben?
Oder war vielleicht die Erde ohne Menschen? Einfach so. Plötzlich. - NEIN! Das war so unwahrscheinlich wie ein Kopf ohne Schuppen.
Über diesen Vergleich gelang es ihm sogar zu grinsen. Erst recht, als er gewahr wurde, zu welchen Gedanken ihn sein Alleinsein getrieben hatte, und in welchen Irrsinn seine Überlegungen gesteigert wurden.
Ihm hatte man schon früher einen Hang zum Melodramatischen vorgeworfen. Die Leute konnten sich gerade noch zurückhalten mit den Fingern auf ihn zu zeigen, aber hinter vorgehaltener Hand war er schon oft ihr Hauptthema gewesen. Er war schon immer der Showman gewesen, schon als Kind. Und wenn man einmal mit den Übertreibungen angefangen hatte, dann konnte man fast gar nicht mehr damit aufhören ...
So einsam wie ein Jude! Abgesehen davon, dass diese Zeit der Melodramatik schon lange zurücklag, hatte er gemeint, diesen Zug an sich verwachsen zu haben. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte er sich damit nicht mehr identifizieren können.
Auf seinen Sohn traf das schon eher zu. Zu ihm hatte er immer einen speziellen Draht gehabt. Obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, verstanden sie sich. - Ein Bild von ihm trug er immer in der Geldbörse mit sich herum. Vor allem, als er auf große Fahrt ging, begleitete ihn sein Bild wohlbehütet in der Brusttasche. Es war eine außergewöhnliche Fotografie, die er vor einiger Zeit selber hatte machen können, als sie an einem kalten - überraschend nassen -Sommertag raus zum Strand gingen. Er hatte ihn in einem Augenblick abgelichtet in dem er sich wohl unbeobachtet gefühlt hatte. Ein richtig verlorener Ausdruck hatte sich auf sein Gesicht geschlichen, als wäre Robert damals in der Situation gewesen, in der er nun steckte. Sein Blick suchte den Horizont über dem Meer ab, als erwarte er etwas wiederzufinden, dessen Verlust ungewöhnliche Auswirkungen auf seine Kindheit haben könne. Und in dem langen, farbigen Pullover, der ihm erst in ein, zwei Jahren gehen würde, machte er erst recht einen verlorenen Eindruck.
Seinem Sohn hatte er damals das Bild nicht gezeigt, als es aus dem Entwicklungsinstitut kam. Auf irgend eine Art kam er sich sogar miserabel vor, seinen Sohn in einem so verletzlichen und privaten Augenblick gestört zu haben. Er wollte Robert nicht noch auf die Nase binden, dass dieser spezielle Moment auch noch von ihm filmisch festgehalten worden war.
Aber genau wie auf diesem Bild kam er sich nun vor. Da waren die Bilder von seiner Frau und Tochter, wie sie während einer Geburtstagsparty zwischen knallfarbigen Ballons hervorgrinsten, schon weniger persönlich, obwohl er dies nicht in abfälliger Weise meinte. Sie stellten einfach etwas dar, das er gewohnt war: ihre ausgelassene Laune, die darin zum Ausdruck kam, dass sie einander liebten und einander immer noch hatten.
- Sand und Steine trugen sogar die selben Farben, wie die Luftballons auf dem Foto, entdeckte er, als er in einem Anflug von Heimweh die Bilder aus der Brusttasche klaubte.
Es war ein schwerfälliges Unternehmen, da er immer noch die Handschuhe über den Hände trug. Die unerträgliche Sonneneinstrahlung hatte es ihm ratsam erscheinen lassen, möglichst viel von seiner Montur zu tragen. Durch die lange Fahrt im Schiff durchs All, war seine Haut sehr empfänglich für Brenner geworden. Er ließ sich lieber auf keine Experimente ein.
Die Hitze setzte ihm immer mehr zu. Wie schön es jetzt wäre, mit einem Chauffeur - zwar in Quarantäne - aber doch in einem klimatisierten Wagen über die Steppe zu brausen, bloß getrennt durch eine dünne Schicht Glas. Vielleicht würde sie sich sogar beschlagen. Wassertropfen, die nach einiger Zeit der Schwerkraft gehorchend nach unten fließen würden; andere mit sich in die Tiefe reißend...
Und da durchfuhr es ihn plötzlich siedendheiß, dass er gar nicht daran gedacht hatte, etwas Wasser mit sich zu nehmen. Der Behälter im Anzug war nämlich leer! Er hatte ihn in der Aufregung vergessen nachzufüllen. - Shit! Aber es war ja logisch: wer hatte je davon gehört, dass ein Astronaut nach der Landung noch für seinen eigenen Wasservorrat aufkommen musste? Bis jetzt war der Job mit der Landung immer erledigt gewesen. Und nun ausgerechnet er, bei dem alles anders lief. - Scheißjob!
Ja, er hatte sein Ziel erreicht Astronaut zu werden. Aber lohnte es sich wirklich, wenn man am härtesten träumte?
Viel später ...
Er hatte sich zurückhalten können, als er bei einem Halt bemerkte hatte, dass die Bilder nicht mehr in der Brusttasche waren. Wahrscheinlich hatte er sie mit seinen Wurstfingern einfach nicht mehr in die Tasche gekriegt. Irgendwie war alles auf einmal nur noch darauf konzentriert, dass er seinen Durst irgendwie löschen musste. Dagegen wirkten sich der Verlust der Fotos geradezu gering aus.
Mit einer Klarheit, die schon fast weh tat, war er sich bewusst, dass er im Anzug schwitzte, aber sobald er ihn ablegen würde, wäre er innerhalb kurzer Zeit von Kopf bis Fuß rot wie ein Krebs. Er besaß keine anderen Kleidungsgegenstände, die ihn vor der Sonneneinstrahlung beschützt hätten. Im Raumschiff hatte er sich nach etwas Bequemerem umgeschaut, das zugleich auch eine Schutzfunktion ausüben konnte, aber natürlich war er nicht fündig geworden. Natürlich hatte niemand daran gedacht, etwas anderes als die Glasfiber-Schutzkleidung ins Schiff zu legen. Wozu auch?
„Woran hatte man denn dann gedacht?“, schrie er in seiner Wut in die Wüste hinaus.
Wenn man es genauer bedachte, dann waren die Leute im Camp gegenüber unerwartet eintreffenden Ereignissen so unvorbereitet, wie neugeborene Kinder nach der Entbindung.
War dies vielleicht nur ein neuer Test, um zurückgekehrte Astronauten auf ihren verbliebenen Geisteszustand zu überprüfen? Und falls es einer war, dann war er stinksauer darüber, dass man gerade ihn dazu auserkoren hatte, das Versuchspferdchen zu spielen.
Nein, darüber war Sam wirklich nicht glücklich.
Es war schon Jahre her, seit er das Gebäude einmal gesehen hatte. Um sich mit den Begebenheiten einmal vertraut zu machen, machte man einen Ausflug nach Nevada. Keinem war damals in den Sinn gekommen, die Strecke nach einer Landung zu Fuß zurückzulegen.
Eigentlich war es auch keine Ausbildungswoche gewesen, sondern eher ein Ausflug unter der Woche. Und wenn ein paar Jungs nach harten Wochen des Trainings einmal ausspannen können, wer nimmt da schon groß acht auf die Umgebung? Nicht einmal er. Eigentlich konnte er ja von Glück reden, dass ihn Fortuna gleich auf den richtigen Weg geschickt hatte.
Das Gebäude war ein viereckiger Klotz, der einsam und verlassen in den Wüste stand. Ein flacher Bau schmiegte sich von der rechten Seite her an die Wand, als suche es Schutz vor den Gräueln der Welt.
Eine einzige Straße führte hin. Keine weiteren Zeichen von Zivilisation. Irgendwo in weiter Ferne verschwand die Straße hinter den Bergen, d. h. er konnte sie nur noch spärlich ausmachen, da der Wind unablässig Sand ablegte. Und es war niemand da, der dafür sorgte, dass alles seine Ordnung und Sauberkeit hatte. Er nahm es an, dass die Strasse zu den Bergen führte.
Hier draußen war es ziemlich einsam. Nur dieses Gebäude und die Natur. Es sah auch so schon recht deplaziert aus, wie sich die amerikanische Flagge gegen den Hintergrund abhob. Ungefähr so passend wie ein Engel in der Hölle.
Von der Seite, aus der der Wind ständig blies, hatte sich eine hohe Sandschicht angehäuft. Dem Bild verlieh es eine eigenartige Form von Kälte, da man solche Skulpturen nur aus kälteren Gebieten kannte, wenn der Schnee aus den flachen Lagen von Wind und Wetter zu Erhebungen gezwungen wurde.
Er war froh, dass er den Anzug anbehalten hatte. Hier in diesen klimatisierten Räumen wäre er sonst erfroren.
Nun war er also drin. Fort von der Wüste. Der heißen Sonne entronnen. An einem Ort, der wieder Schatten aufwies.
Er hatte es fast nicht glauben können, als er vor der Glastüre ankam. Der Gedanke es geschafft zu haben, war beinahe einem Sakrileg gleichkommend. Und jetzt war es doch geschehen. Als er mit einem weiteren Schritt in den Sichtbereich des Sensor kam und die Tür aufschwang, musste er sich doch eingestehen, dass er für einen kurzen Moment daran gedacht hatte, das Ganze würde sich in Luft auflösen und sich als eine Fata-Morgana herausstellen.
Ein, zwei Schritte in den Bunker rein, und er blieb keuchend stehen. Er musste sich an eine Wand anlehnen. Nur kurz. Die Wand strahlte eine Kälte aus, die ihm einen Schauder über den Rücken laufen ließ.
Ein saugendes Geräusch hinter ihm erklang, das ihm anzeigte, dass sich die Flügeltüren erneut in Bewegung gesetzt hatten. Dieses Mal, um die heiße Wüstenluft draußen zu halten.
Ah, Kühle. Ein fremdes Gefühl, diese Kälte. Sie umfächelte sein Gesicht und legte sich auf die Haut wie Spinnweben.
Bevor er sich versah, umwölkte ihn plötzlich Dunkelheit und er fiel da um, wo er kurz zuvor gerade noch gestanden hatte. Sein Kopf schlug hart auf dem Boden auf, aber es war ihm egal. Verwundert nahm er nur das Knirschen des Sandes zwischen den Zähnen war.
Später ...
Durst hatte ihn aus der Erschöpfung geweckt. Ihn verlangte am ganzen Körper nach etwas trinkbarem, dass es schon eine Qual war. Vor allem, wenn er überall diese Automaten sah, die da vor sich hinsummend ihren Dienst verrichteten.
Nun, eine Cola nähme er jetzt gerne intus, egal von welcher Generation.
Schweren Schrittes schleppte er sich auf einen der Dinger zu. Mit einer behandschuhten Hand wollt er doch tatsächlich in einer Tasche nach etwas Geld suchen. Ts, als ob er so was mit in den Weltraum mitgenommen hätte.
Missmutig vergewisserte er sich der Gegenstände, die um ihn herumstanden. Sein Blick blieb etwas länger an einem einfachen metallenen Stuhl hängen. Er hob ihn kurzerhand hoch und schmetterte ihn ein paar Mal gegen den Automaten, bis irgendetwas nachgab und die Dosen rauskullerten. Er ließ sich einfach auf die Knie fallen, riss eine an sich, entledigte sich des Verschlusses und schüttete sich den Inhalt in die Kehle rein. Mit dem zweiten und dritten Getränk verhielt es sich nicht anders. Erst ab dem vierten ließ er sich etwas Zeit.
Auch wenn er an die zwanzig Liter Wasser am Körper verloren hatte, besaß er nun ja die Möglichkeit, diese langsam wieder aufzufüllen.
Es mag verrückt klingen, aber irgendwann, als er wieder einigermaßen bei klarem Verstand war, meldete sich sein schlechtes Gewissen. Er glaubte unter diesen Umständen nicht gegen ein Gebot verstoßen zu haben, auch wenn es so war und stehlen eine Sünde war. Es war nur der Gedanke, gegen etwas zu verstoßen, woran man fast vierzig Jahre geglaubt hatte. Was dem Ganzen aber den Boden aus dem Fass schlug, war, wenn er Geld auf sich getragen hätte, dann wäre er der erste gewesen, der den Betrag zurückerstattet hätte. Dabei sollte gerade er wissen, dass niemand da war, der danach fragte. Auch wenn er sich eingestehen musste, er fast froh gewesen wäre, wenn ihn jemand wegen des Schadens so richtig blöd angefickt hätte. Aber ohne böse zu werden, wäre er der Person wahrscheinlich lachend um den Hals gefallen.
Die Cola vermochte den Durst jedoch nicht zu löschen. Sie verklebte ihm den Gaumen. Er beschloss später auf sie zurückzukommen.
Schlecht gelaunt kickte er die leeren Dosen vor sich aus dem Weg. Diejenige in der Hand schmiss er an die Wand. Und den restlichen Durst konnte er an den Wasserbehältern löschen, die zuhauf über das Gebäude verteilt waren.
„Ah, eiskaltes Nass.“
Es gab viele gute Dinge auf der Erde, wovon Wasser nur eines davon war. Das bemerkte er auch, als er unter einer Dusche den Wüstenstaub aus den Poren und sonstigen Öffnungen seines Körpers wusch. Etwas später folgte ein Bad, in dem er sich ein paar Stunden einweichen ließ, und die Völle seines Bauches genoss, der vor lauter Wasser fast platzte.
In der Küche wurde er später fündig. Ein gewisser Sidney Skolsky hatte ein paar Packen Budweiser in den Kühlschrank gestellt. Wahrscheinlich sein eigener Notvorrat. Nun, falls dieser zurückkommen würde, hinterließ er eine Nachricht mit seiner Adresse. Man wusste ja nie.
Sidney Skolsky war dem Bild nach, das neben dem Eingang zu den Essräumen stand, eher ein seltenes Exemplar von Koch. Jedenfalls nicht das, worunter man sich einen Koch vorstellte: spindeldürr, wenn man vom Gesicht aus schließen konnte.
Abgesehen davon, dass der Kerl Geschmack besaß, würde er ihm bis an sein Lebensende dankbar sein.

Unter der Dusche hatte er ein wenig gesungen, da ihn der Übermut etwas in den Griff bekommen hatte und er sich noch so gerne hingab. Aber schließlich war er wieder verstummt. Er konnte es drehen und wenden, aber seine Stimme kam gegen die Stille nicht an, oder sie war nicht laut genug, um sie zu übertönen. Als er die Dusche verließ, legte sich die Einsamkeit wie ein Ring um seine Brust, der ihm nicht passte. Es gelang ihm nicht richtig zu atmen, als hätte ein Dinosaurier darauf parkiert.
Er war sich im klaren, dass seine anfänglich gute Laune nur aufgesetzt war. Sie war ein Produkt des momentanen guten Zustandes, dass er noch lebte, zu essen und trinken hatte, und er sich trotz der Wüste draußen, ein Bad und eine Dusche hatte leisten können. Ihm war aber bewusst, dass sich der Zustand jede Sekunde wieder verflüchtigen konnte.
Nackt, nur mit einem Badetuch um die Lenden, begab er sich auf Kleidersuche. Irgendwie war ihm das vor der Dusche gar nicht in den Sinn gekommen. Er ging von Zimmer zu Zimmer, und war so richtig enttäuscht über den zeitgenössischen Geschmack des Personals, der dem seinen nicht so ganz entsprach. Schlussendlich gelang ihm aus verschiedenen Kleidungsstücken etwas zu kombinieren, das ihn einigermaßen zufrieden stellte. Er hatte ein farbenfrohes Unterhemd hochgehoben und zuerst bedauernd den Kopf geschüttelt, aber wenn er es einfach so trug, dann ging es gerade noch durch. Probleme hatte er vor allem damit gehabt, eine bequeme Hose zu finden. Schlussendlich griff er zu einer, die sie wie eine Jeans anfühlte, aber trotzdem aus etwas Anderem bestehen musste. Seitwärts waren auf den Oberschenkeln Taschen angebracht, die man eher auf einer Arbeitshose finden würde, aber es sah auch so gut aus.
Den Rest packte er in eine Tasche. Rosafarbene Unterwäsche - die Farbe war zum Schreien, aber es war die einzige gewesen, die er hatte finden können. Nun ja, es würde ihn ja niemand darin sehen. Ein weiteres paar Jeans, zwei Hemden aus dem gleichen Stoff wie die Hosen. Dazu eine Jacke mit den Emblems der Air Force.
Leute mit großen Füßen wurden in der NASA wohl auch nicht gerne gesehen. Das kleinste Paar, das er gefunden hatte, besaß ungefähr die Größe eines zehnjährigen. Nur das größte passte ihm gerade knapp.
„Mann. Es gibt Millionen von Menschen auf der Erde. Aber ausgerechnet ich gelange an einen Club, der kleinere Füße hat als meine kleine Schwester.“
So angezogen sah er doch wieder wie ein normaler Sterblicher aus. Er fand sogar etwas Geld. Auch wenn er sich dabei wie ein Dieb vorkam, nahm er es doch an sich. Er wusste, dass dies alles müßige Gedanken waren. Es gab einfach keinen realen Grund, warum er sich so hätte fühlen müssen. Es war niemand da, der ihm etwas hätte streitig gemacht. Er hinterlegte auch hier einen Zettel mit seiner Anschrift, auch wenn ihm der logische Verstand immer wieder einzureden versuchte, dass er sich diese Geste sparen könnte.
Im Bunker gab es eine Kantine, eine Quarantäne- und Krankenstation. Alle waren reichlich ausgerüstet. Nur war niemand da, der sie in Anspruch nahm. Die Mannschaftsräume waren ebenso leer, wie die Sportanlagen. Man hatte sogar an ein Kino gedacht. Es lief eine neue Inszenierung von „Casablanca“, die gerade zum zweiten Mal zur Aufführung kam. Vor seinem Abflug hatte er diesen Film noch zu Gesicht bekommen und sich das Urteil darüber gebildet, dass das Original mit Boogie und der Bergmann um einiges besser war, als dieser nachgemachte Schinken.
Während seiner Suche durch die leeren Gänge der Station fiel ihm auf, dass alle elektrischen Erzeugnisse noch liefen. Wecker läuteten endlos, weil niemand sie abstellte. In einem Raum fand er sogar noch einen Rasierapparat, der vor sich hinbrummte. Im Lavabo entdeckte er ein paar Bartstoppeln, und ihm wurde es unheimlich flau in der Magengegend. Er hatte das Gerät abstellen wollen, aber die Furcht, die sich in ihm breit machte, verhinderte, dass er ihn überhaupt in die Hand nehmen konnte. Eilig verließ er das Quartier. Es kam schon fast einer Flucht gleich.
Auf den Gängen verrichteten die Robotcleaner nach wie vor ihre einprogrammierte Arbeit, auf der Suche nach dem aufdringlichen Wüstenstaub, der überall aufzufinden war.
Es war schon verrückt, dass all die vom Menschen entwickelten Maschinen immer noch ihre Arbeit verrichteten. So in Gedanken versunken und in Richtung Hangar hastend, kamen ihm einige utopische Romane in den Sinn, die er als Junge zuhauf gelesen hatte. Damals war das Science Fiction gewesen, und die Autoren mussten sich viele Vorwürfe über ihr pessimistisches Weltbild gefallen lassen. Im Augenblick kamen ihm die Schreibtischtäter eher wie Abziehbilder von Jules Verne vor, die, wie er, von Dingen geschrieben hatten, die erst nach ihrem Tode in Erfüllung gingen. Und ihm jetzt passierten.
Im unterirdischen Hangar fand er nur ein einziges Fahrzeug vor. Es war dies das Schwesterschiff, mit dem er eben vor wenigen Stunden - oder waren es schon Tage ? - auf die Erde zurückgekehrt war. Er versuchte es zu betreten, aber er bekam mit seinem Code keine Zutrittberechtigung.
Erstaunlicherweise waren alle anderen Flugzeuge und Aufklärer weg. Aber es sah nicht so aus, als hätte es einen Hals-über-Kopf-Aufbruch gegeben.
Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, um ihr tägliches Nickerchen zu halten, empfand er dies als eine angebrachte Idee. Er ging in die Mannschaftsquartiere zurück, verriegelte einen der Räume, nachdem er sich darin umgesehen hatte, und legte sich zum Schlafen nieder. Doch so müde und ausgelaugt er auch war, der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Sein Körper verlangte zwar danach, aber er war so aufgeregt und durcheinander, dass er keine Ruhe fand. Es war einfach zuviel geschehen, als dass er sich einfach niederlegen konnte und träumen. Gleichzeitig war er sich aber bewusst, dass er dies genau tun musste, wenn er raus in die Welt wollte, um zu erfahren war passiert war. - Wie sich das anhörte? Vielleicht stolperte er ja über eine Zeitung, in der stand: „Erde entvölkert!“
Wenn er sich ehrlich gegenüber war, dann verlangte ihn nach menschlicher Gesellschaft. Es hätte auch ein Säufer sein können, mit dem man diskutieren konnte. Egal! Irgend jemand, der wenigstens nach Mensch roch und sich so anfühlte.
Ihn verlangte aber in erster Linie nach seiner Frau und den Kindern. Natürlich hatte er dieses Bedürfnis auch schon im All gehabt, aber da hatte er gelernt sich zu gedulden. Hier aber, wo er ihnen so nahe war, konnte er seine Sehnsucht fast nicht mehr im Zaume halten. Und wenn alles glatt gelaufen wäre, dann hätte er sie wenigstens schon gesehen.
Wenn er nur schon ihre Stimmen gehört hätte, wäre das schon in Ordnung gewesen. Aber im Haus funktionierte nirgends ein Apparat, d. h. sie funktionierten eigentlich schon, aber am anderen Ende nahm niemand ab. Immer nur dieses Tuten einer offenen Leitung zu hören, hatte ihn fast in den Wahnsinn getrieben und er hatte mit schweißnassen Fingern aufgelegt. Zitternd am ganzen Körper hatte er nach dem anderen Telefon gegriffen, aber das selbe Ergebnis erhalten.
Mann, es hätte ihm schon eine Beruhigung verschafft, wenn jemand Fremdes an den Apparat gegangen wäre, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau momentan nicht an den Apparat kommen konnte, da sie anderweitig beschäftigt war. Da wäre wenigstens die Ungewissheit von ihm genommen worden. Aber
so ...! Er drehte fast durch bei dem Gedanken, wie es ihnen ging.
Das andere Nummern ebenfalls nicht funktionierten, d. h. auch niemand den Anruf entgegennahm, wurde von ihm viel ruhiger akzeptiert. Aber eine Selbstdiagnose ließ ihn den Ernst der Situation klar erkennen. Wenn er darüber ebenso aufgebracht und mit Panik reagierte, dann würde kurz einmal etwas in seiner Birne durchbrennen.
Und dann waren ihm noch die Fotos abhanden gekommen! War das vielleicht ein böses Omen? Aber es war schon zuvor anders verlaufen, als man sie auf der Akademie gelernt hatte.
Er verdrängte den Gedanken, dass er sie in der Wüste verloren hatte. Seine Wurstfinger in der Hitze die Bilder nicht mehr hatten halten können und er sie dann einfach hatte liegen lassen. Vielleicht verdrängte er diese Tatsache auch einfach, weil sie ihm sonst wie ein Verrat an den Seinen vorgekommen wäre.
Im Fernseher gab es natürlich auch nichts zu sehen, dabei hätte er etwas Ablenkung gerade in diesen Stunden sehr gebraucht. Und wenn es nur dazu verwendet worden wäre, um einzuschlummern. Doch das Schlafmittel war wirkungslos, wenn sich auf allen Kanälen ein rauschender Bildschirm zeigte. Das Radio funktionierte ebenfalls nicht. Unter den Umständen und allem, was er bislang schon zu Gesicht bekommen hatte, wäre er darüber sogar sehr erstaunt gewesen.
Schlussendlich gelang es ihm einen Disc-Man aufzustöbern. Die Kassette, die sich darin befand, traf zwar nicht ganz seinen Musikgeschmack, aber es war immerhin etwas, was die Stille zurückdrängt. Wahrscheinlich war es etwas Neues, das er noch nie gehört hatte, schließlich war er lange weg gewesen.
Im nachhinein musste er doch noch eingeschlafen sein, nachdem er sich mit einer Tüte Chips, einem Packen Brot und einer Milchtüte bewaffnet, in eine der Kojen gelegt hatte. Eine bekannte Musik weckte ihn auf. Es war ein sehr alter Song von Louis Armstrong „What a wonderful World“. Langsam nahm er den Kopfhörer ab und begann zu weinen.
Was mochte wohl den Aufnehmer der Disk dazu bewogen haben, ausgerechnet diesen alten und wunderbaren Song unter das neue, technische Gebräu zu streuen? Was es auch immer gewesen war, er war ihm oder ihr dankbar dafür.
Er setzte sich die Hörer wieder auf, spulte zurück, drückte dann das Gerät an die Brust und weinte wie ein kleines Kind in sich hinein, bis er schließlich von selbst einnickte, und auch weiter schlief, als sich das Gerät selbständig ausschaltete.
Die Sonne brannte wieder schmerzend in ihrem fest angestammten Platz von Zenit, und beleuchtete den einsamen Wagen, der sich in einer ausgehungerten Staubwolke von den zwei Gebäuden entfernte. Der Fahrer blickte weder rechts noch nach links, noch nahm er es für wichtig, den Kopf zu wenden, um zu sehen, wie es sich in der Entfernung verlor.
Aus den Lautsprechern erklang in mörderischer Lautstärke ein Lied, das ihm beinahe die Tränen der vergangenen Nacht zurückbrachte.
„I see friends shakin’ hands
saying: How do you do?
They really say: I love you.“
Ein Teppich von Frühlingsblumen bedeckte den Talboden in seiner vollen Länge und Breite. Und während er daran vorbeibrauste, fiel ihm das unfassbare klare Licht auf, das die Entfernung verzerrte. Jetzt, drei Stunden nach seinem Start, hatte sich die Wüste in einen Garten Eden verwandelt. Es war erstaunlich, wie schnell dieser Vorgang vor sich gegangen war. Und über allem hing dieser Schein, dieser blausilbriger. Er wusste, dass, je weiter der Tag voranschritt, sich das Licht langsam in ein goldenes Flimmern verwandeln und glimmen würde. Spätestens zu dem Zeitpunkt war klar, dass dies das Tal der L’Ano Estacado war, von dem die Goldsucher schon immer geträumt hatten zu finden.
Sein Weg führte ihn über den Highway No 95 weiter über die Grenze von Nevada nach Kalifornien. Hinter ihm, durch das Tal, das er gerade gekreuzt hatte, befand sich Las Vegas. Das wusste er noch von seinem letzten Besuch her. Damals war es nicht ausgeblieben, dass sie noch einen kleinen Abstecher ins Sodom und Gomorrah des 20. Jahrhunderts gemacht hatten.
Ein paar seiner Kumpels waren damals sogar zum ersten Mal in dieser Lasterhöhle der Spieler gewesen. Er selber war schon einmal hier gewesen. Nach dem College hatte er sich mit ein paar Schulfreunden daran gemacht, den Westen ein wenig unsicher zu machen. Und sie waren auch recht erfolgreich darin gewesen. Er glaubte, dass er noch heute schief angesehen würde, wenn die Leute ihn oder einen der anderen erkannte.
Zahllose ausgetrocknete Seen lagen beidseits der Highways. Lavagründe, seit Äonen in der derzeitigen Form erstarrt, schmückten einen großen Teil die Distanz nach Los Angeles. Spielplatz des Teufels hatte man die Mojave-Wüste auch schon bezeichnet.
Weiter Richtung Westen über den Interstate No 15.
Ihn schauderte davor, auf einer Autobahn zu fahren, die in beide Richtungen vierspurig verlief, jedoch ohne eine menschliche Seele. Überall brannten die Lichter der Großstadt. Straßen waren beleuchtet, doch nirgendwo bewegte sich eine menschliche Seele. Kein Auto kam ihm entgegen gefahren. - Wie man nur so etwas wie Scheinwerfer vermissen konnte, die einem entgegenleuchteten.
Es war nun schon eine Zeitlang her, seit er den Player ausgeschaltet hatte. Die Musik war ihm schlussendlich unerträglich vorgekommen, wenn er da so langsam um die herumstehenden Autos fahren musste. Jetzt begleitet ihn nur noch das Säuseln des Windes. Es gelang ihm nicht genau zu definieren, was unerträglicher war: die Stille der Stadt oder die Musik.
Unterhalb von Beverley Hills hielt er an. Mitten auf der Straße. Doch als der Motor verstummte, und er langsam die Tür öffnete, gelang es ihm nicht, den vertrauten und sicheren Raum des Wagens zu verlassen. Er befand sich mitten in der Stadt, aber es hätte nichts ausgemacht, wenn er sich auf einem anderen Planeten befunden hätte. Das Ergebnis war das selbe. Der Wind verursachte das einzige Geräusch.
Auf dem Hügel prangten die riesigen Buchstaben, die von einer anderen Zeit zu erzählen wussten, als die, durch die er jetzt gerade getragen wurde: Hollywood.
Schnell fuhr er weiter. Die Fahrt verlief eigentlich recht ereignislos, aber genau das war das Schreckliche daran. Ab und zu musste er Autos ausweichen, die einfach auf der Straße standen. Als er einmal anhielt um nachzuschauen, ob sich jemand darin befand, wurde er aufs neue enttäuscht: nicht einmal ein Skelett grinste ihn an. Auch wenn dies kein appetitlicher Anblick gewesen wäre, so wäre er doch über etwas gestolpert, das mal ein Mensch gewesen wäre. Aber nichts! Es gab nicht einmal Tiere. - Scheißstadt!
Um in Richtung San Francisco zu gelangen, nahm er in der Stadt den San Diego-Freeway. Während er seiner Heimatstadt näher kam, versuchte er den Umstand zu ignorieren, dass an dieser Stelle normalerweise Hunderte von Autos fuhren. Manchmal waren es sogar zu viele. Jetzt brauste er mit 100 Meilen dahin. Irgendwie war ihm zum Weinen zumute. Aber er brachte es einfach nicht fertig.
Je mehr er sich dem Zuhause näherte, umso weniger verspürte er das Gefühl, sich beeilen zu müssen. Er hatte nur eine Erklärung dafür, dass sich in ihm langsam so etwas wie ein „Damit-Abfinden“ breit machte. Es schmerzte, dies erkennen zu müssen.
Ein kleiner Umweg richtete es so her, dass er über die Golden Gate in die Stadt gelangte. Schon von weitem hatte er über der Stadt ein heftiges Gewitter toben sehen, und irgendwie kam ihm das wie ein schlechtes Zeichen vor. Las Vegas wird zwar als Sündenstadt bezeichnet, aber jetzt sah es so aus, als habe sich Gott in der Stadt vergriffen, und über die falsche seine Zerstörung verhängt.
Als er die Westküste hinaufgefahren war, hatte sich ihm nichts gezeigt, was ihn so durcheinander gebracht hätte, wie jetzt dieser Anblick. - Einmal von den leeren Straßen abgesehen. Die Städte leuchteten Abends wie früher auch schon, und es wäre ein leichtes gewesen, sich einzureden, dass doch alles beim Alten war.
In Santa Barbara war ein Feuer ausgebrochen und fraß langsam die Stadt auf. Er hatte es aber nicht für nötig befunden, dies näher auszukundschaften. Minutenlang war seine Faszination auf die Flammen gerichtet gewesen, bis ihm das Fehlen von Sirenen auffiel. Und als dies einsickerte, machte er, dass er weg kam.
Obwohl er es kaum mehr eilig hatte, musst er sich eingestehen, dass er noch so langsam fahren wollte, wie er konnte. Hinein in die Stadt musste er doch!
Als er über die Brücke fuhr, herrschte tiefste Nacht. Das Gewitter verlor an Kraft, da nur noch gelegentlich Blitze niederfuhren. Überall leuchteten die Lichter der Großstadt.
„Diese automatischen Scheißdinger!“
Er wünschte der ganze elektrische Strom wäre ausgefallen. So wäre ihm der Effekt dieser Geisterstadt erspart geblieben.
Bevor der Wagen wieder festen Boden unter die Räder bekam, hielt er ihn an und stieg für wenige Minuten aus. Es machte ihm nichts aus, dass er in dieser kurzen Zeit bis auf die Haut durchnässt wurde.
Als er so an das Absperrgitter der Brücke lehnte und die Stadt fixierte, empfand er sie eher wie ein Bild, als etwas Reales.
Draußen im Wasser der Bay lag Alcatraz. Genauso verlassen, wie er sich gerade fühlte. - So cool wie Bogie müsste man sein. Dann hätte man keine Probleme, mit all dem fertig zu werden.
Durch den Schleier des Regens - oder der Tränen? - sah er die Lichter blinken. Aber keine Geräusche. Weder menschliche Laute noch Motorengeräusch. Nur die Natur! Das Wasser der Bay schlug gegen die Planken der Brücke, in den Nachwehen des mittleren Sturmes. Aus dem Lincoln Park drang das Rauschen der Baumwipfel. Gelegentlich drang das Geräusch eines Gegenstandes an seine Ohren, der vom Wind über die Straße gejagt wurde. Eine Dose oder sonst etwas Leichtes.
Mit schlurfenden Schritten kämpfte er sich zum Wagen zurück, stieg ein und startete den Motor. Doch bis er losfuhr, dauerte es noch ein paar Sekunden.
„Das ist nicht fair“, zischte er zwischen den Zähnen hervor.
Ein Schlag auf das Steuerrad brachte ihm außer etwas Schmerz nichts ein. Es linderte nicht einmal die Wut, die er gegen Ungekannt hegte.
An der Ecke Bush Street, von der die enge Buritt Street abzweigte, stieg er erneut aus, ging zur kleinen Bronzetafel am Haus, sagte „Hallo Sam. Hallo Dash.“ Dann setzte er sich wieder in den Wagen und fuhr nach Hause.
Und obwohl er wegen des Gewitters die Inschrift nicht hatte lesen können, wusste er doch deren Wortlaut. Er hatte ihn oft genug gelesen: „Ungefähr an dieser Stelle wurde Miles Archer, der Partner von Sam Spade, von Brigid O’Shaughenessy umgelegt“.
Und obwohl dies nur in einem Roman von Dashiell Hammet geschehen war, hatte man hier eine kleine Gedenktafel aufgestellt, um daran zu erinnern, was damals im „Malteser Falken“ geschehen war.
Wenn er von einer langen Reise zurückkam, ging er immer wieder hier hin. Ihm lag sehr viel an Sam, Hammett und Bogie. Sie hatten ihn durch seine Jugendzeit begleitet. Hatten ihm eine gewisse Sicherheit im Leben gebracht, auch wenn er manchmal vor sich hinsprach und Selbstgespräche führte, die eigentlich an Sam gerichtet waren. Aber es brachte ihm viel.
Jetzt und heute war es ein weiterer Stein seiner Verzögerungstaktik.
Der Regen hatte an Kraft gewonnen. Die Scheibenwischer waren fast nicht imstande, das Wasser wegzuwischen. Man konnte meinen, die Natur wolle ihn im Auto ersäufen.
Wie hätte es auch anders sein können? All seine Hoffnungen, die sich während der Reise irgendwie aufgebaut hatten, waren zersprungen, als er die Wohnung betrat und nichts anderes als unbewohnte und leere Räume vorfand. Auf dem Küchentisch fand er einen Brief, den die Kinder mit ihren ungelenken Fingern an ihn geschrieben hatten.
„Hallo Daddy. Willkommen daheim.“
Darunter beider Namen.
Er musste sich vor Schreck am Tisch festhalten. - Mein Gott, war das vielleicht erst vor kurzem geschehen? Ihn schwindelte bei dem Gedanken, dass diese Leute, die Menschen, erst kurz vor seiner Landung verschwunden waren. Trug er an dem Verschwinden schuld? Hatte er auf seiner Reise durch das Weltall etwas mitgenommen, von dem er nichts ahnte? Er konnte es einfach nicht glauben. Es klang zu abwegig.
Plötzlich empfand er das drängende Gefühl, den Raum verlassen zu müssen. Ein Anfall von Atemnot, wie er ihn nach der Landung verspürt hatte, überflog ihn. An der frischen Luft erging es ihm wieder besser. Keuchend atmete er die blitzdurchnässte Luft ein. Rollender Donner brach sich an den Hausmauern. - Das Gewitter nahm wieder zu.
Ein weiterer Blitz fuhr vom Himmel herunter und schlug weit von ihm ein.
„Der liebe Gott macht Fotos“, hatte er seinen Kindern erzählt, um ihnen die Angst vor den elektrischen Gewalten zu nehmen. Erstaunlicherweise hatte es damals sogar funktioniert. Und als er sich dieses Ereignis durch den Kopf gehen ließ, fühlte er auf einmal die beklemmende Wirkung auch nicht mehr so stark. Doch einen gewissen Zynismus konnte er sich beim besten Willen nicht verkneifen, dass der liebe Gott jetzt damit beschäftig war, sein Fotoalbum der Erde wieder auf Vordermann zu bringen. - Seine Kinder hätten an dem Vergleich ihre Freude gehabt.
Er rannte durch die Wohnung auf die Straße raus und blieb mitten darauf stehen. Als er so im Regen stand, und das Wasser durch seine nassen Kleider strömen fühlte, über den Körper in die Schuhe und weiter, da fühlte er sich mit dem Himmel verbunden, wie noch nie zuvor. Momentan fühlte er das Gleiche wie der Himmel. Beider Zustand erforderte etwas, womit das Erlebte weggewischt werden konnte. Regen und Tränen waren dem selben Zweck dienlich. Plötzlich gelang es ihm wieder zu weinen ...
Sein Wagen, der mit angeworfenen Scheinwerfern hinter ihm stand, projizierte seine Gestalt in einem riesigen Schatten auf das Haus, in dem er jahrelang mit seiner Familie gewohnt hatte. Obwohl die Schattengestalt riesig war, vermochte sie doch nichts auszurichten. Er war nicht hier gewesen, und hatte nichts tun können. Jetzt war er da, und fühlte sich genauso hilflos.
Seine Tränen, seine Stimme, sie waren das Einzige, was neben dem Plätschern der Wassertropfen noch zu hören war. Eine Stimme, die sich selbst verfluchte, weil er von zuhause weggegangen war. Wenn er da gewesen wäre, dann hätte er vielleicht mit ihnen gehen können. Wohin das auch war.
Und war seine Stimme noch so leise auf der Erde, so war sie doch so erhaltenswert, wie jedes andere lebende Ding, in diesem ganzen Universum. Insofern mehr zählend, weil sie allein, so leise erklang. Fas wie der Laut eines sterbenden Tieres.
Der Astronaut, der am härtesten geträumt hatte, war nach Hause zurückgekehrt. Doch dieses Daheim war nicht mehr das, als das er es gekannt hatte. Es war ihm so fremd, wie es ein anderer Planet niemals hätte sein können ...
Damit wäre die Geschichte wiedergegeben, die mir der junge Mann am Strand erzählte. Nach dem Schluss war er noch kurz sitzen geblieben, hatte sich dann aber ruckartig aufgesetzt, und war ohne ein Wort des Grußes in Richtung untergehender Sonne entschwunden. Ich versuchte ihm eine Zeitlang mit den Augen zu folgen, doch das Gleißen der Sonne verunmöglichte es mir. Nur konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass er verschwand, wie er aufgetaucht war, nämlich mitten in der Sonne.
Aber das ist natürlich blanker Unsinn! Das Verrückte ist nur, dass ich dann aufwachte, bzw. von Marie geweckt wurde, als sie mit Mel zurückkam. Nun ist es mir total verunmöglicht herauszufinden, ob ich diese Begebenheit bloß träumte. Hatte mir der Unbekannte wirklich eine Geschichte erzählt, die frappante Zusammenhänge zu meinem wirklichen Leben aufwies?
Marie habe ich bis jetzt nichts davon erzählt, und werde es wohl auch weiter so halten. Sie würde sich sonst zu große Sorgen machen. Ich kenne sie zu gut. Obwohl sie sich nichts anmerken lässt, macht sie sich so ihre Gedanken, wie es sein wird, mein erster interstellarer Flug. - Genau wie ich!
Als ich Mel das letzte Mal ins Bett brachte, hat sie mich so herzerweichend angesehen und gefragt, ob ich denn auch wieder zurückkommen werde? Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und mir wären die Tränen über die Wangen gekugelt.
Ich wollte mich schon von ihr verabschieden, weil ich am nächsten Tag früh ins Camp rein musste. Am Wochenende war dann der Start. Und bis zu meiner Rückkehr würde ich meine Familie an die fünf Jahre nicht mehr sehen. Es tat mir in der Seele weh. Aber ich wollte dabei sein. Ich hatte es mir immer erträumt, bei einem historischen Schritt dabei zu sein. Nur, nachdem ich dieses Geschichte zu hören bekam, war ich plötzlich nicht mehr Feuer und Flamme. Es tauchten auf einmal Gedanken auf, ob ich denn wirklich das Richtige tat.
Es würde ja nicht so sein, dass ich allein war. Es flogen noch drei andere mit. Der bebrillte Watson, dem es - seinen eigenen Worten nach - bereits in einem schnell aufwärts fahrenden Fahrstuhl mulmig wurde. Doch er war bereit, diese Herausforderung mit einem gewissen Stolz anzugehen.
Dann war da noch Swanson, unser schmalbrüstiger, eisenharter Philosoph. Der konnte beim Armdrücken noch über das Weltall reden, als sitze er gemütlich beim Psychiater auf dem Behandlungsstuhl.
Tagertchi verspürte genau wie ich die Lockung des Alls. Wir mussten einfach hinaus, in den leeren Raum. Es gab keine logischen Worte, die diesen Drang hätten erklären können.
Im Gegensatz zu der Geschichte, wäre ich also nicht allein. Dabei vergaß ich einfach den Gedanken, dass die Story von einer Rückkehr gehandelt hatte, und nicht von einem Aufbruch. Vieles konnte seither geschehen sein. - Ach was, ich machte mich noch wahnsinnig, wenn ich mein Leben, meine Träume, wegen so einem Geschwätz aufs Spiel setzte.
Dann stimmte etwas anderes ebenfalls nicht: mein Sohn Robert. Der existierte gar nicht!
Es muss doch ein Traum gewesen sein, in dem ich mir meine Angst vor dem Flug vor Augen hielt. Ich weiß ja, dass sich das Unterbewusstsein mit Dingen beschäftigt, die man im wirklichen Leben stets verdrängt.
Ehrlich gesagt, jetzt, wo ich dies alles niedergeschrieben habe, geht es mir doch schon viel besser, als zu Anfang.
Jetzt freue ich mich direkt schon auf den Countdown. Ich höre sie schon, wie sie mit wichtigen Gesichtern die Zahlen runterleiern: „Drei ... Zwei ... Eins ... Zündung.“ Und es tut gut zu wissen, dass ich bei diesem historischen Augenblick dabei sein kann.
Postscriptum (von Hand):
Diese Ergänzung musste ich einfach noch schnell niederschreiben:
Marie hat mir nach dem Abspeichern eine Nachricht übermittelt, von der sie annahm, dass sie mich freuen würde: sie sei schwanger. Der Doktor habe gesagt, dass es ein Junge werden würde. - Mein Gott!
Und sie hat auch schon einen Namen für ihn ausgesucht. Sie werde ihn auf den Namen Robert taufen lassen!
Ich kam gerade noch davon, ihr meine erschrockenen Gesichtszüge damit zu erklären, dass ich mir Gedanken mache, wie es sein würde (und damit hatte ich nicht einmal gelogen!), wenn ich bei der Geburt nicht dabei wäre. Sie wäre dann auf sich allein gestellt und so. Jedenfalls versuchte ich mich herauszureden. Ich habe keine Ahnung, ob mir das auch wirklich gelang.
- Jesus. Jetzt ist die Angst zurückgekehrt. Und wie!
Ende
© Michel Wuethrich
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