Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Stories - Das Gespräch mit dem Teufel
Stories

Das Gespräch mit dem Teufel

Eine Mystery-Kurzgeschichte von Marc Hartkamp

Ich saß in meinem Arbeitszimmer und sinnierte über das Pro und Kontra des Glaubens an Gott und das Gute im Menschen, wie ich es in letzter Zeit immer häufiger tat, um zu erkennen, welches der beiden überwiegt. Vor allem meine Zweifel an der Gutartigkeit des Menschen verhärteten sich, angesichts dessen, was sich mir täglich an Schreckensmeldungen in den Medien offenbarte. Geschieht das alles mit Gottes Wissen, oder liegt es schon nicht mehr in seiner Hand?
Das Ticken der Wanduhr mir gegenüber und das Spiel des Windes mit den Vorhängen, wie er sie abwechselnd bauschte und wieder in die Nacht hinauszog, machten mich schläfrig, als hinter mir eine Stimme ertönte, die meinen Namen flüsterte. Das unglaublich erotisierende und zugleich abstoßende Timbre drang prompt zu sämtlichen Nerven meines Körpers vor und ließ mich erstarren. Ein mir bis dahin unbekanntes, extrem starkes Gefühl der Lust durchströmte mich, drang in meine Gedanken vor und suggerierte mir Bilder nie gesehener, sexueller Praktiken, Zügellosigkeit und Perversion. Dann, so plötzlich mich diese Emotion gepackt hatte, ließ sie mich fallen und ich sackte kraftlos in meinem Sessel zusammen. Der Verlust dieses überwältigenden Gefühls hinterließ eine Art Traurigkeit und Enttäuschung in mir, wie ich es nie vorher gespürt hatte.
Schließlich blickte ich mich um und sah im Halbdunkel des Zimmers die Umrisse einer Gestalt, die im hinteren Teil des Raumes auf einem Stuhl saß.
»Das hat dir offenbar gefallen, Prediger? Wo das herkommt, ist noch viel mehr für dich!«, sprach die offenbar männliche Person in einem sehr beruhigenden, ja fast zärtlichen Ton, welcher bei mir eine Gänsehaut erzeugte, die sich über den ganzen Körper ausbreitete. Obwohl ich mich niemals, sei es auch nur im entferntesten Sinne sexuell von Männern erregt fühlte, erzeugte dieser Wortlaut das genaue Gegenteil in mir, was mich beschämte aber gleichwohl hilflos stammeln ließ: »Wer sind Sie? Wie kommen Sie hier herein?«
»Beruhige dich, Gottesdiener. Du kennst mich sicherlich aus deinen lächerlichen, nutzlosen Gebeten zu Gott, mit denen du deine kostbare Lebenszeit verschwendest. Gib es zu, dein Glaube an das Gute wird von Tag zu Tag schwächer und ebenso dein Fleisch. Das gerade war nur ein kleiner Test, ob dein Zölibat stärker ist als dein Schwanz! Offensichtlich ist dem nicht so. Um deine zweite Frage zu beantworten: Ich habe überall Zutritt! Fast überall!«
»Was willst du ausgerechnet von mir?«
»Ich habe gerade nichts anderes zu tun und dein Glaube wird schwach, also vertreibe ich mir die Zeit mit einem Affen Gottes wie dir, bis mir etwas Neues einfällt, um die Rasse Mensch zu vernichten. Aber momentan läuft alles zu meiner Zufriedenheit.«
Der erotisierende Effekt der Stimme war nun verschwunden, stattdessen steigerte sich der Klang von Wort zu Wort zu einer hysterisch, gutturalen Modulation, die schmerzhaft in meinem Kopf widerhallte und ihn scheinbar zu sprengen drohte.
»Hör’ auf damit! Du bringst mich um!«
»Was wäre denn so dramatisch daran, dich zu töten, gläubiger Affe? Dein Glaube an ihn ist längst verdorben. Dein Gewissen und dein bestes Stück haben entschieden, mir zu folgen! Ist es nicht so Pfaffe? Der Himmel ist so ein monotoner Ort! Ich weiß, wovon ich spreche. Die Missionarsstellung ist alles, was dich dort erwartet, doch bei mir gibt es das volle Programm! Komm, setz dich zu mir, wir plaudern noch ein wenig, bevor ich dich wieder deinem prüden und nutzlosen Dasein überlasse.
Ich ging auf seinen Vorschlag ein und setzte mich ihm gegenüber an den massiven Eichentisch.
Sein Gesicht blieb im Schatten verborgen.
Ich fasste allen Mut, der mir noch blieb, zusammen und sprach ihn an: »Wenn du nun wirklich der Teufel bist, wieso tötest du mich dann nicht einfach, anstatt mich durch meine Triebe in Versuchung zu führen?«
»Weil es mich ungemein amüsiert, Hostienlutscher!«
Plötzlich spürte ich unter dem Tisch, wie etwas an den Innenseiten meiner Oberschenkel rieb. Ich blickte zu Boden und sah zwei nackte, rothaarige Frauen, die sich gegenseitig mit ihren gespaltenen Zungen oral stimulierten und eine mit ihren Füßen meine Schenkel massierte.
Die Schönheit dieser Frauen war schlicht atemberaubend und eine Erektion unausweichlich. Sie gaben sich weiter ihrem Spiel hin und die Massage hatte sich nun zwischen meine Beine verlagert. Doch so unerwartet dieses Ereignis entstand, war es plötzlich verschwunden und bewahrte mich vor einer Ejakulation in meine Hose. Benommen schaute ich zu meinem Gegenüber, der sich offensichtlich sehr amüsierte.
»Nun? Möchtest du immer noch in den Himmel? Oder gefällt dir ihre Gesellschaft nicht? Du kannst diese beiden Täubchen für dich haben, wann immer du willst«.
»Allein mich in Versuchung zu führen, zu sündigen, ist es, was du kannst, ist es nicht so, du Teufel?«, brach es aus mir heraus. »Du kannst mich weder töten noch körperlich etwas antun. Allein mich zur Sünde zu verführen bleibt dir als Mittel, meine Seele für dich zu gewinnen! Ist das nicht etwas armselig für ein Wesen wie dich?«
»Hüte deine Zunge, Pfaffe, oder ich lasse dich schälen wie einen Apfel!«
Aus dem Dunkel hinter ihm traten zwei Kreaturen hervor, die sich jedoch im Schatten verborgen hielten. Allein die Unförmigkeit und erschreckende Größe ihrer Körper ließen mich erschaudern.
»Wenn das nun tatsächlich alles ist, wozu du fähig bist, bestärkt dies meinen Glauben nur!«
Mein Kopf begann plötzlich wieder sehr schmerzhaft zu dröhnen. Es fühlte sich an, als drohte er zu zerspringen. »Ja, töte mich nur und bereite diesem Spiel endlich ein Ende! Mach schon, töte mich, wenn du kannst, oder verkrieche dich in das Loch, aus dem du gekommen bist!«
Der Schmerz ließ schließlich nach, und ich war fähig, meine Augen zu öffnen. Der Teufel und seine Begleiter waren verschwunden. Mit zittrigen Beinen erhob ich mich von meinem Stuhl und erhellte den Raum, um mich zu vergewissern, ob der Spuk nun vorbei war.
Der Stuhl, auf dem der Teufel gesessen hatte, war leer. Allein fünf tiefe Kerben in der massiven Tischplatte, in die er sich offensichtlich aus lauter Wut gekrallt hatte, sind bis heute ein Zeugnis seiner Anwesenheit.

Copyright © 2011 by Marc Hartkamp

 

© by 2011
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox