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Dark Shorts Nr. 7 - »Im Morgengrauen«
Eine Horror-Kurzgeschichte von Tobias Dragonis
Ich nahm mir den Vater deiner beiden Kinder. Mit meinen starken Händen zog ich ihn an mich heran. Ich sah ihm in seine Augen. Sie waren erfüllt mit Angst, doch weinten sie nicht. Ich packte ihn an seinen Haaren, zog seinen Kopf zurück. Sein Adamsapfel ragte hervor. Ich leckte an seiner Halsschlagader, spürte seinen Puls. Spürte, wie er raste. Ich konnte es schon riechen. Sein warmes Blut, das mit großem Tempo durch seine Adern schoss.
Wieder und immer wieder hast du mich angefleht. Doch meine Gier war zu groß. Mit unbändiger Kraft biss ich ihn. Er schrie kurz auf, zappelte, wollte sich befreien. Seine Tochter, sein Sohn und du, seine Frau, knieten vor mir. Gebetet habt ihr zu eurem Gott. Dem Gott, der euch längst den Rücken gekehrt hatte. Ihr habt gebetet und gefleht, gefleht um Gnade für euren Vater, deinen Mann. Doch in meiner unendlichen Gier hörte ich euch nicht.
Ich wollte euch nicht hören. Sein Lebenssaft lief mir die Kehle hinunter. Es war so viel, dass es meine Mundwinkel entlang lief und auf den Boden tropfte. Als er ausgesaugt war, widmete ich mich seinen Nachkommen. Sie habe ich nur gebissen. Sie sollten meine Erben werden. In meinem Schloss wohnen und unseren Clan am Leben erhalten. Ihre Körper waren zunächst leblos. Ich legte sie ab. Schon in zwei Tagen würde es soweit sein. Meine Erben werden erwachen und mich einst ablösen. Danach nahm ich mir dich. Ich strich über deine Wange, hinunter zu deinem prallen Busen. Du knietest vor mir, sahst mich ehrfurchtsvoll an. Du flehtest mich an, deine Kinder nicht von dir zu trennen. Du weintest viele Tränen und hast mich angebettelt, ich solle gnädig mit dir sein. Aber auch deinen Kopf zog ich an deinen langen blonden Haaren nach hinten. Ich beugte mich nach unten, legte mein Ohr auf deinen Hals. Im Gegensatz zu deinem Mann raste dein Blut nicht. Du warst, trotz deiner Angst, ganz ruhig. Sanft bohrte ich meine Zähne in deine zarte Haut. Leicht saugte ich an dir. Dein Körper wurde kalt, deine Augen schlossen sich und du bist zu Boden gesunken. Ich erwies dir meine Gnade, aber auch du wirst mir in zwei Tagen dienen und deine Kinder, meine Erben, versorgen.
Wir lernten uns zu lieben, lebten glücklich, jahrelang, in meinem Schloss. Du, meine Erben und ich. Doch wusste ich nicht, welchen Plan du all die Jahre hattest. Deine Kinder wurden groß und stark. Bekamen sie doch nur das Blut der Edlen und Schönen, der Reichen und Intelligenten. Als sie reif geworden waren, hast du sie weggeschickt. Sie sollten eigene Erfahrungen sammeln. Du sagtest mir, dass sie wiederkehren würden. In blinder Liebe habe ich dir vertraut. Deinen Worten Glauben geschenkt. Doch kehrten sie nie wieder zurück zu mir. Tage danach, du warst alleine im Schloss, hast du dir das Leben genommen. Und nun stehe ich, an deinem ersten Todestag, auf meinem Balkon. Die Welt ist in Dunkelheit gehüllt. Ich denke nach über mich und die Dinge, die ich getan habe. Es ist ein guter Zeitpunkt dafür. Ich bin alleine. Alle haben mich und mein Schloss verlassen. Zu schlimm, zu schrecklich waren die Dinge, die ich getan habe, die Dinge, die ich dir angetan habe. Du bereitest meinem Herzen jedoch den größten Schmerz, in dem du fortgegangen bist. Weit weg von mir. Du hast mich zurückgelassen ohne ein Wort des Abschieds. Ohne einen letzten Kuss deines zarten Mundes. Ich durfte dein Parfüm, das so lieblich roch, nicht mehr riechen. Keine, mein Herz wärmende Umarmung gab es mehr für mich. Wie schön waren die Stunden, in denen ich in deinen Augen versunken bin. Sie waren tiefblau wie das Meer, auf das wir manchmal stundenlang blickten. Wir saßen oft zusammen hier auf unserem Balkon. Haben uns geliebt im Licht des Mondes. Haben miteinander gekuschelt im Mondenschein. Wir sahen den Schiffen nach, die den Hafen erreichten und wieder verließen. Niemals wollten wir uns trennen. Aber du hast deinen Anlegeplatz in meinem Herzen verlassen.
Jetzt werde ich gehen, von dieser Welt. Ich gehe den gleichen Weg, den du gegangen bist. In wenigen Minuten erreicht die Sonne den Horizont. Sie wird mich bestrafen für meine Taten und mich vielleicht wieder zu dir bringen. Schon jetzt flehe ich um deine Vergebung, so wie du es damals getan hast, als wir und das erste Mal begegnet waren.
Copoyright © 2010 by Tobias Dragonis
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