Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Stories - Dark Shorts Nr. 4 - Gehäutet
Stories

Dark Shorts Nr. 4 - »Gehäutet«

Eine Horror-Kurzgeschichte von Tobias Dragonis

»Was war denn das«, fragt sich Casey, als sie mitten in der Nacht einen lauten Schrei aus dem Nachbarhaus gehört hatte. Sie stand auf, ging ans Fenster und schaute zu den Nachbarn hinüber. Das Licht war eingeschaltet und sie sah Mr. Northwood vor seinem Bett stehen. Vor ihm stand noch jemand, seine Frau konnte es nicht sein, denn die war in Santa Monica zum Wellnessurlaub. Der- oder diejenige vor ihm schien jedoch sehr aufgebracht zu sein. Wild gestikulierte der Mensch vor Mr. Northwood. Seltsam war, dass ihr Nachbar seine Hände schützend vor sich hielt, als hätte er Angst. Dabei war er bei den Marines und eigentlich geübter Nahkämpfer. Casey beobachtete weiter. Im Nachbarhaus kam es zu einem Handgemenge. Sie sah, wie Mr. Northwood auf sein Bett geschleudert wurde. Das Wesen, oder was immer es auch war, sprang hinterher. Danach ertönte noch ein Schrei und danach war es ruhig. Gespenstisch ruhig. »Was da wohl passiert ist gerade?«, fragte sich Casey. »Ich muss nachsehen gehen. Vielleicht ist ja wer verletzt.«

Casey zog sich etwas an, schnappte sich einen Baseballschläger und ging hinunter zur Tür. Sie entriegelte die Schlösser, derer fünf an der Zahl, lugte vorsichtig zur Tür raus, um zu sehen, ob die Luft rein ist. Ihr fiel auf, dass keine Tiere zu hören waren. Normalerweise ist es hier nachts ein wenig lauter, nur heute nicht. Sie ging zur Tür raus und sah wieder zu Northwoods Haus. Das Licht im Schlafzimmer wurde ausgeschaltet. Casey ging weiter, trotz Angst im Bauch. Nach einigen Schritten stand sie vor dem Haus ihrer Nachbarn. Wie es sich gehört, klopfte sie an und fragte laut, ob wer zu Hause sei: »Hallo? Mr. Northwood? Mrs. Northwood? Sind sie zu Hause?« Stille, bis auf ein leises Stöhnen, das von oben kam. Nachdem keine Antwort kam, ging sie in das Haus hinein. Alles war dunkel. Die einzige Lichtquelle war der Mond. Es wäre noch heller im Haus, wenn wir Vollmond hätten, dachte sie sich. Da das Geräusch, welches sie vernahm, aus dem ersten Stock kam, sparte sich Casey das Untersuchen des Erdgeschosses. Casey hielt ihren Schläger fest in der Hand und ging die Treppe langsam nach oben. Immer wieder drehte sie sich um und sah nach, ob da nicht doch jemand gewesen war. Doch Fehlanzeige. Außer dem Stöhnen von oben war hier nichts. Langsam, Stufe für Stufe, ging sie nach oben. Plötzlich drückte etwas gegen ihre Beine. Erschrocken schrie sie auf und schlug mit ihrem Baseballschläger nach unten. Knochen knackten, und das, was sie getroffen hatte, stieß einen stumpfen Schrei aus und fiel die Treppe herunter. Casey lief die Stufen wieder nach unten, um zu schauen, was dort war. Zu sehen bekam sie aber nur einen leblosen Katzenkörper, dessen Schädel eingeschlagen war. »Verdammte Katze«, sagte sie und fing aber im nächsten Augenblick zu weinen an. Sie mochte das Tier gern und hatte es ab und an gefüttert.

Nach ein paar Minuten beruhigte sie sich wieder und ging die Stufen erneut nach oben. Dieses Mal schaffte sie es ohne Zwischenfall. Das Stöhnen wurde immer lauter und es begann verfault zu riechen. Sie zog ihren Pulli als Atemschutz vor ihren Mund. Der Geruch begann immer schlimmer zu werden, und dies wollte sie nicht wirklich in ganzem Ausmaß riechen müssen. Das Schlafzimmer befand sich am Ende des Flures. Mit leisen Sohlen bewegte sie sich darauf zu. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand sie vor der Tür, die nur angelehnt war. Sie spähte durch den schmalen Schlitz, in der Hoffnung, etwas erkennen zu können. Einen Schatten, der ums Bett und dann durch das GESCHLOSSENE Fenster huschte. »Wie … was ... was war das?«, sagte sie entsetzt. »Mr. Northwood? Hallo? Alles okay«?
Es kam nur ein stumpfes Stöhnen zurück.
»Mr. Northwood, brauchen Sie einen Arzt?«
Wieder nur Stöhnen als Antwort. Casey hatte tierische Angst, ging aber trotzdem auf das Bett zu. Northwood war komplett zugedeckt. Casey griff zur Decke und wollte sie wegziehen, als Northwood anfing zu wimmern.
»Mr. Northwood, nun sagen Sie schon was«, forderte sie ihn auf. Sie legte den Schläger beiseite und zog die Wecke weg. »OH MEIN GOTT«, schrie sie. Northwoods Gesichtshaut war komplett entfernt. Das pure Fleisch war zu sehen. Sie ließ die Decke fallen, ging zum Fenster, öffnete dieses und übergab sich mehrfach. Danach kehrte sie zurück und zog die Decke ganz weg. Northwood war komplett gehäutet. Kein Stückchen Haut war mehr an ihm dran. Man sah seine Muskeln, Sehnen, Organe waren freigelegt und alles roch so fürchterlich. Casey flüchtete aus dem Haus wieder in ihr Heim. Sie verriegelte alle Fenster und Türen. Danach griff sie zum Telefon und wählte die 911. Es verging eine Ewigkeit, bis sich jemand meldete: »NYPD Emercency, wie kann ich Ihnen helfen?« Hastig erzählte Casey von dem gehäuteten Mr. Northwood. »Wir schicken eine Streife«, sagte die Stimme am anderen Ende und legte auf.

Casey fand sich in ihrem Bett wieder. Sie war völlig durchnässt. »Nur ein Alptraum«, sagte sie erleichtert. Sie ging ins Bad und wollte zur Toilette. Als sie in den Spiegel sah, wurde ihr schlecht. Ihre Schulter war blutig und es fehlte Haut. Wie im Traum. Gleich darauf zog sie etwas Starkes in die Duschkabine.

»Was war denn das?«, fragt sich Mr. Murphy, als er mitten in der Nacht einen lauten Schrei aus dem Nachbarhaus gehört hatte. Er stand auf, ging ans Fenster und schaute zu seiner Nachbarin rüber. Das Licht im Bad war eingeschaltet und er sah Casey, die junge Stripperin, in ihrer Duschkabine stehen.

Copyright © 2010 by Tobias Dragonis



© by 2010
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox