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Dark Shorts Nr. 3 - »Kalter Vorgarten«

Eine Horror-Kurzgeschichte von Tobias Dragonis

Es hatte geschneit des Nachts. Als Mina ihren Rollladen nach oben zog, war die ganze Gegend schön winterlich weiß. Besonders die schneebedeckten Tannen fand Mina wunderschön. Obwohl sie mittlerweile 26 Jahre alt war, baute sie sehr gerne Schneemänner. Ihr Freund Steven schlief noch im Bett der gemeinsamen Wohnung. Ungeduldig, wie Mina nun mal war, hüpfte sie aufs Bett und rüttelte Steven wach.
»Schatz, Schatz! Aufstehen! Es hat geschneit. Lass uns im Schnee einen Schneemann bauen«.
Steven öffnete die Augen leicht und grummelte Mina an: »Du glaubst doch nicht, dass ich JETZT aufstehe und einen Schneemann baue? Mitten in der Nacht! Niemals. Vergiss es!« Er drehte sich um und schnarchte weiter. Mina ging trotzdem ins Bad duschen, föhnte ihre Haare trocken und packte sich warm ein. Danach ging sie nach unten vor ihr Haus. Zuerst sah sie nach oben und genoss es, als die dicken Flocken auf ihrem Gesicht landeten. Danach warf sie sich in den Schnee, bewegte Arme und Beine, um so einen Schneeengel zu kreieren. Anschließend begann sie, einen Schneemann zu bauen. Mittlerweile war auch Steven wach. Er lief zum Fenster, öffnete es und sah seiner Freundin zu. Grummelig schrie er nach unten: »Anstatt hier einen Schneemann zu bauen, solltest du dich vielleicht lieber um meine Karotte bekümmern.«
Mina drehte sich um und sagte nur: »Besorg es dir doch selber. Hast ja genug anregende Filmchen.« Er zeigte ihr seinen Mittelfinger, drehte sich um und schloss das Fenster wieder.
»Blöder Steven«, sagte sie. »Manchmal könnte ich ihn umbringen für sein Verhalten.« Danach brachte sie noch eine Karotte als Nase an und ihr Werk war vollendet. Voller stolz zückte sie ihr Handy und fotografierte ihren Schneemann, den sie liebevoll »Charly« taufte.

Einige Zeit später, sie hatte inzwischen Brötchen geholt, saßen Mina und Steven am Frühstückstisch. »Nur zu deiner Info Mina«, sagte Steven recht provozierend. Ich gehe heute Abend mit den Kumpels saufen.«
Mina rollte die Augen: »Schon wieder? Ach Steven, ich hätte gerne einen Weihnachtsfilm mit dir geschaut.«
Steven stand auf und antwortete ihr: »Tja Schatz, nicht heute Abend.«
Mina war stinksauer auf Steven und sie sprachen den ganzen Tag nicht miteinander. Als es abends dann soweit war und Steven abgeholt wurde, sagten sie nicht einmal »Auf Wiedersehen« zueinander, geschweige denn gab es einen Kuss. Mina wartete bis Steven und sein Kumpel weg waren und ging dann nach draußen. Sie stellte sich zu Charly und fragte sich laut: »Warum kannst du nicht mein Freund sein? Du wärst bestimmt kuschelig mit deinem Bauch und immer lieb, weil du so schön lächelst. Außerdem siehst du mit deinem Hut verdammt sexy aus.« Sie kicherte und ging wieder in die Wohnung. Sie sah sich trotzdem einen Weihnachtsfilm an. Eingekuschelt in ihrer warmen, großen Decke. Mit einer heißen Schokolade und Weihnachtsplätzchen zum Naschen fühlte sie sich wohl und schlief auch irgendwann, als die Schale mit Plätzchen und ihre Tasse mit Kakao leer waren, ein.

Spät in der Nacht kam Steven nach Hause. Er vom Auto Richtung Wohnung. Plötzlich vernahm er eine dunkle Stimme, die seinen Namen rief. »Steeeeeeven. Steeeeeeven … komm zu mir.«
Erschrocken sah er sich um. Außer Charly, dem Schneemann, war niemand zu sehen. Muss wohl der Wind gewesen sein, dachte er sich und torkelte weiter. Wieder hörte er die Stimme und schaute sich um. Sein Blick blieb auf Charly hängen. Er ging auf ihn zu und fragte im Alkoholrausch: »Hast du mich gerufen, Schneemann? Na wohl eher nicht. Du bist ja tot. Nicht lebensfähig.« Dann zeigte Steven mit einem Finger auf ihn und lachte ihn aus. Im nächsten Moment bekam Charly stahlblau glühende Augen, sein Mund öffnete sich und es kamen viele scharfe Zähne zum Vorschein.
Steven stand staunend vor ihm. Starr vor Schreck war er nicht fähig sich zu bewegen.
»Tot bin ich also, Steven. Tot wirst du gleich sein. Ganz wie meine Schöpferin befohlen hat«.
Entsetzt sagte Steven: »Deine Schöpferin? Mina?«
Charly nickte und umfasste Steven fest. Er hob ihn auf Augenhöhe und blies kalte Luft auf Stevens Mund. Seine Lippen, die feucht waren, gefroren sofort. Sein Mund war somit versiegelt und er konnte nicht mehr schreien. Danach hob der Schneemann ihn über seinen Kopf, öffnete seinen Schlund und ließ Steven in sich sinken. Das Blut in Stevens Adern fror langsam ein. Von den Füßen ab schlich die Kälte langsam nach oben. Es war ein grausamer Tod und Steven war für immer gefangen in Charly. Stevens Augen waren genau auf der Höhe von Charlys Augen und ersetzten diese.

Am nächsten Morgen wurde Mina wach. Sie stellte fest, dass Steven nicht bzw. noch nicht da war, und war sauer und besorgt zugleich. Sie zog sich an und ging zu Charly nach draußen. »Weißt du, wo mein Steven ist«, fragte sie und sah ihm ins Gesicht. Irgendwas war anders, doch wusste sie nicht was. »Naja, bist ja nur ein Schneemann. Woher sollst du wissen, wo er ist.« Sie drehte sich um und ging ins Haus. »Wenn er nicht bald da ist, braucht er nie mehr hier zu erscheinen.«

Charlys Augen, genauer gesagt, Stevens Augen schauten ihr nach, suchten Hilfe. Doch als Mina die Tür schloss, erlosch auch das Leben in den Augen von Steven.

Und der Schneemann lächelte fröhlich weiter … so wie der Schneemann, den DU gebaut hast.

Copyright © 2010 by Tobias Dragonis


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