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Dark Shorts Nr. 6 - »Abschiedsbrief« Eine Horror-Kurzgeschichte von Tobias Dragonis
Ich war wie Wachs in deinen Händen. Wir haben uns geküsst. Lang. Inniglich. Ich habe mich wohlgefühlt in deinen Armen. Gut, du warst kein Modelathlet, aber ich liebe dein Bäuchlein. Daran kann ich mich so schön ankuscheln. Meinen Kopf legte ich in deinen Schoss und sah auf zu dir. Du hast mir durch mein Haar gestrichen, meine Nase gekitzelt. Ich zog deinen Kopf zu mir herunter und küsste dich abermals lange und zärtlich. Danach bist du aufgestanden, nahmst mich auf den Arm und hast mich in unser Schlafgemach getragen. Dort haben wir uns geliebt. Es war wundervoll, unbeschreiblich schön. Wie jedes Mal, wenn wir miteinander geschlafen hatten. Jedoch, lieber Titus, was ich dir nicht erzählt habe an diesem Abend war, dass ich ebenfalls unterwegs war. Ich bin in eine Bar gegangen, in der ich nie zuvor gewesen bin. Der Raum war abgedunkelt und seltsam dekoriert. Es sah aus wie in einem Horrorfilm. Die schlechten Filme meine ich, du weißt schon welche. Ich wollte auf dem Absatz kehrt machen, jedoch hielt mich eine Hand zurück. Ich drehte mich um und vor mir stand eine Kellnerin. Sie sagte, ich solle der Bar eine Chance geben und das Flair genießen, das hier herrscht. Ein bisschen widerwillig stimmte ich zu, gab ihr meinen Mantel. Während sie ihn zur Garderobe brachte, nahm ich an der Bar Platz. Der Barkeeper, ein gut gebauter, dunkelhaariger Mann mit französischem Dialekt, fragte mich, was ich denn trinken möchte. Ich bestellte mir zunächst ein Mineralwasser. Mit der Zeit aber wechselte ich zu alkoholischen Getränken. Es dauerte nicht lange, bis ich einen Schwips hatte. Kurz nach meinem letzten Drink wollte ich gehen, denn du würdest ja auch gleich nach Hause kommen. Ich ging wieder zu der Kellnerin und verlangte meinen Mantel. Sie nahm mich mit in die Garderobe. Aber, statt mir meinen Mantel auszuhändigen, zog sie mich an sich und küsste mich. Ja, eine Frau küsste mich, Titus. Ich riss mich los von ihr, gab ihr eine schallende Ohrfeige. Sie hingegen lächelte mich an. Sie wusste oder ahnte, dass ich Gefallen daran hatte. Sekunden nach der Ohrfeige zog sie mich erneut an sich. Dieses Mal war ich nicht in der Lage, sowohl körperlich als auch seelisch, mich zu wehren. Ich ließ mich von dieser Frau verführen. Es war eine Wonne. Sie wusste genau, wonach mein Körper verlangt. Sie wusste genau, wie sie ihre Zunge einzusetzen hatte. Eine Orgasmuswelle nach der anderen durchfuhr meinen heißen Körper. Blitze zuckten in meinem Becken. Völlig erschöpft lag ich danach in ihren Armen. Ich sah ihr in die Augen, das erste Mal. Sie waren dunkel. Alles war dunkel in ihren Augenhöhlen. Es war fast so, als wäre dort kein Leben mehr vorhanden. Wie hypnotisiert von ihrem Blick blieb ich in ihren Armen liegen. Sie streichelte mir, so wie du es immer getan hast, durch meine Haare. Dann drückte sie mein Kinn liebevoll von sich weg und legte mir den Kopf in den Nacken. Ich hörte sie nur noch sagen, dass ich einen schönen Hals und eine sehr weiche Haut habe. Noch bezaubert von ihren Worten, spürte ich einen kurzen Stich an meinem Hals. Danach wurde mir abwechselnd warm und heiß. Titus, so ein Gefühl hatte ich noch nie. Nach etwa 20 Minuten ließ sie von mir ab. Ihre Augen waren immer noch tiefschwarz. An ihren Lippen und ihren Mundwinkeln war Blut und ihre Eckzähne waren deformiert. Ich sagte ihr, dass sie blutet. Sie antwortete mir aber nur, dass es sich dabei um mein Blut handelte und ich jetzt eine von »ihnen« sei. Empört stand ich auf und ging nach Hause. Als ich mich im Bad bettfertig gemacht habe, stellte ich fest, dass ich am Hals zwei Einstiche hatte. Zuerst dachte ich, dass sie mir Drogen gespritzt hat. Ich klebte ein Pflaster drüber und habe dann auf dich gewartet. Während ich gewartet habe, veränderte sich etwas in mir. Diese Wechsel zwischen heiß und kalt wurden erst intensiver, dann ließen sie nach. Meine Zähne veränderten sich auch, zumindest die Eckzähne. Komisch war nur eines. Als du nach Hause kamst, fühlte ich mich wieder ganz normal. Wie ich schon geschrieben habe, haben wir uns verwöhnt, geküsst und geliebt. Währenddessen habe ich deine Brust aufgekratzt, als ich auf dir saß. Ab dem Zeitpunkt roch ich etwas Verführerisches, dachte aber nicht weiter darüber nach. Als wir beide erschöpft nebeneinander sanken, legte ich meinen Kopf auf deine Brust und der Geruch wurde intensiver. Mit einem Finger fuhr ich deine Striemen entlang. Auf meinen Fingerspitzen klebte dein Blut. Obwohl ich es sehr abstoßend fand, mich jedoch nicht zurückhalten konnte, kostete ich davon. Als der erste Tropfen meine Lippen fand, wurde mir sofort wieder abwechselnd warm und kalt. Ich spürte auch, dass sich in meinem Mund etwas bewegte. Mit der Zunge fuhr ich meine Zähne entlang. Die Eckzähne waren wieder spitz. Ich sah wieder zu dir, sah dir auf deine Brust, sah das Blut. Es kam über mich. Ich riss, wie die Kellnerin, deinen Kopf zurück. Du dachtest, ich wolle schon wieder Sex von dir und liest mich gewähren. Ich jedoch wollte etwas anderes. Ich wollte trinken. Dieses Blut, welches so wohlduftend war. Meine Zähne bohrten sich tief in deinen Hals, und ehe du dich zu wehren vermochtest, warst du tot. Ausgesaugt. Durch mich, deine liebende Frau. Dein Blut lief meine Kehle entlang und dieses Gefühl war einzigartig. Es war süß, hatte nur einen kleinen metallischen Geschmack. Kurz gesagt, es war köstlich. Doch jetzt, geliebter Ehemann, liegst du hinter mir auf dem Bett. Deine Lebensgeister haben dich verlassen. Du starbst durch meine Hand, durch meinen Mund, wegen meiner Blutgier. Noch einmal besuchte ich diese Bar dann. Gleich am selben Abend noch. Ich wollte diese Kellnerin zur Rede stellen. Ich lief dort hin. Doch sah ich weder eine Kellnerin, noch eine Bar. Es war verschwunden, alles. Einzig und alleine die Gier nach Blut war noch da und sie wird auch immer bleiben. Ehe ich mich jetzt zurückziehe an einen dunkleren Ort, da ich den Gang in die Sonne nicht mehr vertrage, möchte ich dir sagen, dass ich dich noch immer liebe. Bis in die Ewigkeit, Janina! Copyright © 2010 by Tobias Dragonis |
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