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Stories

Blaugraue Erinnerungen

Eine Science Fiction-Kurzgeschichte von Sven Später

Sammy Trent saß im weißen Wartesaal und zählte die Minuten. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis endlich seine Nummer aufgerufen wurde und er sich auf ein neues Leben freuen konnte.
Wie lange saß er hier auf dem recht unbequemen Stuhl aus hartem Kunststoff? Eine Stunde? Zwei? Zeitgefühl war etwas, das Sammy einfach nicht besaß seit … seit sich diese blaugrauen Erinnerungen in seinem Kopf festgesetzt hatten. Er nannte sie so, weil es schien als denke man an einen graublauen Nebel, der sich nicht lichten wollte. Früher waren sie seltener aufgetreten, aber mittlerweile löschten sie immer mehr Details aus Sammys Gedächtnis. Alles wurde von diesem Gedankennebel verschlungen.
Das Zeug verwehrte ihm einen Blick zurück in die Vergangenheit.
Angefangen hatte es damit, dass er sich nicht mehr an einzelne Begebenheiten hatte erinnern können, von denen er jedoch noch wusste, dass sie wichtig waren. Das hatte ihn nicht beunruhigt, nur jetzt verlor er beinahe täglich ein Stück seines alten Lebens. Er wusste, dass er einmal ein Kind gewesen sein musste. Irgendwann hatte er Erlebnisse gehabt, an die man gerne zurückgedachte. Selbst solche, von denen immer behauptet wird, es sei gar nicht schlimm, sie zu vergessen, vermisste Sammy Trent.

Angefangen hatte die Sache vor sechs Jahren, an seinem 26. Geburtstag. An Geburtstagen bemühen Menschen gerne ihr Erinnerungsvermögen und genau da hatte Sammy festgestellt, dass zwischen der 20 und der 26 ein großes Loch klaffte.
Nein, eigentlich war es kein Loch gewesen. Es hatte dieser Nebelwand geglichen, die sich einfach über vergangene Bilder, Gefühle und andere Sinneseindrücke gelegt hatte und seither ständig neue Nahrung in seinem Kopf suchte. Oh, dieses verdammte Zeug ernährte sich von Sammys Erinnerungen und konnte deswegen ungehindert wachsen.

»Nummer 43b Strich 875 in Behandlungsraum 5. Ich wiederhole ...«
Die Lautsprecherstimme musste nicht noch einmal sagen, dass Sammy endlich an die Reihe kam, da er sich schon längst auf dem Weg zum genannten Zimmer befand. Aber woher hätte es die unsichtbare Sprecherin wissen sollen? Sie saß irgendwo in den Eingeweiden des Krankenhauses und las vom Bildschirm ab, was sie durchsagen sollte. Ein körperloser Geist, wie es den Patienten erscheinen musste. Allen Patienten, nicht nur Sammy. Ein Geist ohne Gesicht und nur mit menschenähnlichen Konturen. Vielleicht jemand, bei dem der Nebel schon von innen nach außen gedrungen war und alles umhüllt hatte. Nur noch die Stimme war übrig geblieben und vielleicht ein Auge, damit der Bildschirm gesehen wurde.
Daran, dass ein ganz gewöhnlicher Mensch in einem kleinen Arbeitszimmer saß und sich um die Durchsagen kümmerte, konnte sich Sammy nicht mehr erinnern. Er hatte es schon oft gesehen, denn etwas hatte er im Krankenhaus zu tun gehabt. Nicht als Patient, sondern als … als was eigentlich?

In dem langen Korridor, den Sammy durch eine Plasmatür hindurch betreten hatte, begegneten ihm einige von Drohnen manövrierte Betten, in denen Patienten lagen. Woher sie kamen und wohin sie gebracht wurden, interessierte ihn nicht. Nur ihre blassen Gesichter betrachtete Sammy mit gemischten Gefühlen, die alles andere als angenehm waren. Gesichter mit leeren Augen. Starrenden Augen. So sahen Leute aus, die sich an gar nichts mehr erinnern konnten. Man hatte ihnen noch nichts zurückgegeben oder die blaugrauen Erinnerungen durch die echten ersetzt.
War das überhaupt möglich? Konnte man seine Erinnerungen wiederbekommen? Sammy hatte es einmal gewusst, vor unendlich langer Zeit, wie ihm schien.
Vor Behandlungsraum 5 angekommen blieb Sammy noch eine Weile stehen und sah den selbstfahrenden Betten nach, bis sie nach links schwenkten und durch eine Öffnung glitten, wo zuvor eine stabile Plastikwand gewesen war. Vermutlich sollte niemand sehen, wohin man die Kranken wirklich brachte. Dieser Gedanke bereitete Sammy einige Magenschmerzen, denn er konnte immerhin der nächste Patient sein, der mit leeren Augen und bleichem Gesicht über den Flur gerollt wurde. Es gab da Gerüchte und Geschichten, nur blieben die in Sammys Kopf vom Nebel verdeckt.

»Kommen Sie, kommen Sie«, sagte jemand, der in Behandlungsraum 5 hinter einem metallenen Schreibtisch saß und wie Sammys Vater aussah. Oder wie ein Arzt, den er vor Jahren einmal aufgesucht hatte. Es konnte sich auch um das Gesicht seines Bruders handeln, aber das war unwahrscheinlich, denn Sammy Trent wusste nicht, was ein Bruder war.
Etwas unsicher betrat er den Raum. Der Arzt wies ihn an, sich auf einer unbequemen Liege auszustrecken. Dann wurde das Hämmern einer Computertastatur hörbar und der Arzt stellte seine Fragen:
»Was haben wir denn? Virusinfektion?«
»Ich weiß es nicht«, begann Sammy, »Sie müssen mich untersuchen. Mit meinem Kopf stimmt etwas nicht … also, in meinem Kopf, verstehen Sie? Ich kann mich an viele Dinge nicht mehr entsinnen, da sind nur noch blaugraue Erinnerungen … wie ein Nebel.«
»Aha, mhm, mhm«, war die Antwort des Arztes. »Und dieser Nebel, wie Sie es nennen … seit wann leiden Sie unter diesem Phänomen?«
»Kann ich nicht mehr sagen, aber bis gerade eben wusste ich es noch. Im Wartezimmer wusste ich ganz genau, wann alles angefangen hatte, aber jetzt … das breitet sich immer schneller aus. Sie müssen mir wirklich schnell helfen, sonst vergesse ich restlos alles.«
Angst. Er hätte sich ängstigen sollen. Fragte sich nur, wie man Angst bekommen konnte. War es vielleicht dieser Druck in Sammys Magen oder das leichte Zittern seiner Hände? Der kalte Schweiß auf seiner Stirn? Das konnte es nicht sein, kein Schweiß. Sammy schwitzte nicht, und wenn er das doch einmal getan hatte, dann wusste er nichts mehr davon.
»Tja, Sammy Trent, das kommt mir zwar bekannt vor, aber ich möchte da noch einen Kollegen hinzuziehen. Wird nicht lange dauern.«
Der Arzt, der sich noch immer nicht erhoben hatte, sondern weiter hinter seinem Schreibtisch saß, betätigte einen Knopf und sprach mitten in den Raum: »Bereichsleiter K33? Sind Sie da?«
»Ja, was gibt es, 29f4?«
Diese Stimme kam ebenfalls über Lautsprecher, die irgendwo in den Wänden saßen. Verborgen vor den neugierigen Augen der Patienten.
»Ich habe hier einen Sammy Trent, kann im Computer aber nichts finden«, erklärte der Arzt. »Sagt, er leide unter einem Nebel im Kopf und dass er immer mehr Dinge vergessen würde.«
Einige Sekunden blieb es still, dann meldete sich wieder die Stimme aus den Lautsprechern: »Trent … Trent … etwas Geduld bitte, ich schaue rasch nach.«

Wieder das Schweigen, das Sammys Mut mehr und mehr schwinden ließ. Die Angelegenheit war wohl etwas kompliziert. Hier drinnen kam es ihm zu kühl vor, gleichzeitig fühlte er sich fiebrig. Etwas an ihm war nicht in Ordnung, da fehlte etwas. Nicht nur seine Erinnerungen. Das Fehlen war … größer. Ein ganzes Stück Leben war einfach weg. Es würde auch nicht hinter dem Nebel zum Vorschein kommen. Vielmehr wäre da dann plötzlich ein anderes Leben, andere Erinnerungen als die, die hätten dort sein sollen.
All das konnte er dem Arzt nicht erklären, der scheinbar keine Veranlassung sah, sich von seinem Platz zu erheben und Sammy richtig zu untersuchen.
»Wollen Sie nicht einmal nach mir sehen? Ich meine … Sie müssen doch nach den Ursachen suchen und meinen Körper abtasten, oder?«
Sammys Frage blieb zuerst unbeantwortet, dann meinte der Arzt mit dem eigenartigen Namen: »Eigentlich ist das nicht notwendig. Nun ja, einen Scan könnten wir trotzdem durchführen. Sicher ist sicher. Bleiben Sie einfach ruhig liegen, nicht bewegen.«
Sammy Trent gehorchte. Über ihm öffnete sich ein etwa ein Meter breiter Spalt in der weißen Zimmerdecke. Etwas, das aussah wie eine gewöhnliche Neonröhre, senkte sich zu ihm herab. Blaues Licht blendete plötzlich seine Augen und Sammy musste sie fest schließen. Mit leisem Summen setzte sich die Röhre in Bewegung und fuhr von Sammys Kopf bis hinunter zu seinen Füßen und wieder zurück.
Nach nur einem Durchgang erlosch das Licht, die Röhre fuhr zur Decke und verschwand wieder in der Öffnung, die sich gleich darauf lautlos schloss. Hämmern auf der Tastatur. Einige Geräusche, die Sammy nicht zuordnen konnte, dann wieder das Klappern der Tasten.
»Gute Nachrichten, Mr. Trent. Sie haben sich nicht infiziert.«
»Danke, das beruhigt mich«, sagte Sammy, während er weiter die Decke anstarrte und seine Gedanken schweifen ließ. Viel gab es nicht, über das er nachdenken konnte. Oder: nicht mehr. Immer schneller wurde sein Erinnerungsvermögen ausgelöscht und es war nur eine Frage von Minuten, bis er nicht einmal mehr wusste, wo er war oder was er hier überhaupt wollte.

»29f4? Hat etwas gedauert«, meldete sich die Lautsprecherstimme. »Dieser Trent heißt nicht mehr Trent. Laut meinen Werten hat er schon siebenmal den Namen und dreimal das Geschlecht gewechselt.«
Damit konnte Sammy nichts anfangen? Wieso hätte er den Namen ändern sollen und … das Geschlecht? Wie war es möglich, sein Geschlecht einfach mal so zu wechseln? Hier lief etwas verdammt schief. Wenn doch nur der Nebel verschwinden würde, der jetzt damit begann, sämtliche Geschehnisse auszuradieren, die vor dem Aufruf zum Behandlungsraum passiert waren. Da waren andere Patienten gewesen, oder? Sammy hatte seine Wohnung verlassen und war zum Krankenhaus gefahren. Doch, ganz sicher. Fragte sich nur, wie diese Wohnung aussah. Straße, Menschen, Gebäude - einfach alles wurde von den blaugrauen Erinnerungen überwuchert.
Die Lautsprecherstimme fragte, ob der Patient infiziert sei, doch Dr. 29f4 verneinte.
Patient. Nun war Sammy Trent nur noch ein Patient. Ein gestrandetes Wesen ohne Namen. Dabei müsste er doch viele Namen haben, wenn Mr. Lautsprecherstimme nicht gelogen hatte.
»Gibt es eine Möglichkeit zur Heilung?«
Genau das hatte Sammy nicht hören wollen. Es klang vernichtend. Er lag da und hörte zu, wie sie über sein Schicksal entschieden, wie man über ihn redete als sei er nur eines dieser blassen Geschöpfe, die mit leeren Augen in Betten lagen und über Flure gekarrt wurden.
»Da ist nichts zu machen«, erwiderte Lautsprecherstimme. »Er ist nur eine Nebenfigur und sein Schöpfer hat die Geschichte längst verworfen. Etliche Male umgeschrieben und jetzt ganz gelöscht. Von diesem Sammy Trent existieren nur noch einzelne Fragmente, die sich irgendwie zusammengesetzt haben. Mein Rat: Shreddern.«

Sammy hatte keine Ahnung, worüber gesprochen wurde, denn er konnte sich nicht einmal daran erinnern, was Sprache war. Seine Augen starrten zur Decke, verloren ihren Glanz und wurden leer. In Sammys Kopf gab es nur noch einen Nebel - blaugrauen Nebel.
Dr. 29f4 betätigte einen seiner geliebten Knöpfe und orderte ein Drohnenbett. Hier gab es eine beschädigte Datei zu entfernen, die auf der Festplatte nichts mehr zu suchen hatte.
Als Sammy aus dem Zimmer geschafft wurde, seufzte 29f4 etwas traurig und meinte zu sich selbst: »Armer Kerl. Diese Schreiberlinge wissen gar nicht, was sie mit ihren Computern anrichten. Wären sie doch bei Schreibmaschinen geblieben … Die nächste Nummer kann rein, Schwester 33zkL.«

Copyright © 2011 by Sven Später

 

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