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Stories - Als die Dunkelheit zurückstarrte

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Widmung

für Damian,
der mir die Geschichte erzählte.
Hoffentlich bin ich ihr gerecht geworden.

Und für
Brigitte.
Wenn du sie gelesen hast,
weisst du, weshalb.

Als die Dunkelheit zurückstarrte

„Meine Mutter liebt Horrorfilme!“
Der Polizist schaute mich skeptisch an, als ich ihm diese Offenbarung einfach so an den Kopf warf. Dann schüttelte er ihn und liess den Ordner zuschnappen, den er vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Es gab einen lauten Knall, der mich zusammenzucken liess.
„Wirklich. Schon immer“, fühlte ich mich trotzdem genötigt zu sagen.
„Wir sind nicht da, um über Ihre Mutter zu sprechen, Frau Leland.“
„Ich weiss. Ich weiss.“
Ich winkte ab. Mit einem tiefen Seufzer setzte ich meine Ellenbogen auf den Tisch, der zwischen uns stand, und liess den Kopf in die Hände fallen.
„Wir sind hier, um über das Verschwinden Ihres Sohnes zu sprechen.“
Ich winkte ein weiteres Mal ab. Als ob ich mir dessen nicht bewusst wäre!
„Und vor allem über ihre mögliche Beteiligung daran.“
Ich schaute ihn erstaunt an.
„Ich dachte, dies wäre eine formelle Befragung, kein Verhör. Stattdessen verdächtigen Sie mich. Ich bin sicher, dass Sie ein paar Türen weiter Kriminelle finden werden, aber mich zu beschuldigen! Eine Frechheit!“
Er schaute mich ganz finster an und versuchte, mich mit seinem Blick niederzustarren. Wenn ich schuldig gewesen wäre, hätte dieser Gesichtsausdruck wahrscheinlich seinen Zweck erfüllt. Aber das war ich nicht.
„Wollen Sie mir zuhören?“
Er blickte mich an, als sei er gerade auf Öl gestossen, und dachte wohl, dass es seine Art war, die mich zum Reden brachte. Aber dem war nicht so. Ich hatte ganz einfach die Nase voll. Wollte endlich aus dieser vermaledeiten Polizeistation raus und nach Hause gehen. Oder besser noch weiter weg. Nur weg von hier.
Leider war mir das im Moment nicht vergönnt, da ich seit dem Verschwinden meines Sohnes die Hauptverdächtige war. Und die Polizei gedachte, diesen Fall zu knacken. Dafür hätte ich sie ja auch ganz gerne gelobt, nur bellte sie dazu die falsche Person an.
„Aber natürlich, Frau Leland.“
„Dann halten Sie gefälligst die Klappe und hören mir zu. Ich erzähle meine Geschichte so, wie ich es für nötig finde.“
Empörung begann sich auf seinem Gesicht zu zeigen, aber ich beschloss, ihn zu ignorieren.
„Ich bin keine dahergelaufene Hausfrau, die Sie nach Ihrem Belieben rumkommandieren können. Haben wir uns verstanden?“
Er nickte zuerst, bevor sich seine Augen zu schmalen Schlitzen verzogen und er mich anstierte, als sehe er mich zum ersten Mal. Wahrscheinlich hatte ich ihm die Augen zu einer neuen Realität geöffnet. Eine, die er zwar kannte, aber nicht erwartet hatte.
„Wir verstehen uns.“
„Gut.“
Ich holte tief Luft.
„Also, wegen meiner Mutter“, begann ich. „Die hat schon als junger Teenager immer gerne Horrorfilme gesehen. – Also nicht so’n Zeug, wie man es uns heute im Kino vorsetzt, wo’s wirklich grausig zu und her geht. Ne, eben Grusel. Sie wissen schon: Dracula, Frankenstein und der Werwolf. Alle in ihrer schwarzweissen Pracht.“
Er nickte und schien zu wissen, wovon ich sprach. Oder jedenfalls tat er so.
„Später bescherte ihr das Zeugs immer Alpträume. Als sie noch ein junges Ding war, hatte sie nie was bemerkt. Jedenfalls sagte sie mir mal was in der Richtung.
Aber später ... Junge, Junge. Das war wirklich das Zeugs, aus dem die Alpträume waren!
Dass mein Vater es so lange ausgehalten hat, neben ihr zu schlafen, rechne ich ihm heute hoch an. Ich könnte das nicht.
Bereits als Kind, wenn wir mal das Zimmer teilen mussten, bekam ich immer einen Riesenschreck, wenn sie plötzlich zu reden oder, noch schlimmer, zu schreien anfing - dass man mich jedes Mal von der Decke pflücken musste, weil ich mich dort verkrallt hatte.“
Sein Grinsen lenkte mich ab, und ich hielt ein, schaute mein Gesicht im Spiegel an, der hinter seinem Rücken stand. Es war immer wieder erstaunlich, wie ich meiner Mutter zu ähneln begann. Als Kind nicht so sehr, aber im Alter wurde es immer schlimmer.
Ich schüttelte den Kopf und musste lachen. „Schlimm“ war ja nun wirklich das falsche Wort! Aber wenn man bedenkt, dass man sein ganzes Leben seinen Eltern zu entfliehen versucht, ist es schon erschreckend festzustellen, dass sie einen jeden Morgen im Spiegel anblicken.
„Haben Sie mir vielleicht etwas zu rauchen?“
„Aber klar.“
Er griff in eine Aussentasche des Sakkos, das über seiner Stuhllehne hing, und brachte eine Packung zum Vorschein, die etwas zerknüllt aussah.
„Kents? Die habe ich noch nie gesehen.“
„Das sind Barclays. Die haben nur den Namen geändert.“
„Muss ja viel gekostet haben, das Image zu wechseln.“
Er zuckte die Schultern. Was sollte er darauf schon erwidern? Es war ja eh nur Smalltalk, den ich da betrieb.
Ich nahm einen Zug, hustete, und nahm absichtlich noch einen. Der Geruch des Tabaks tat gut. Wie ein alter Freund. Das vertraute Kratzen im Hals würde sich mit der Zeit geben. Es begann, etwas meiner Verkrampfung zu lösen. Wenigstens das.
Ich lehnte mich langsam zurück. Als mein Rücken die Lehne meines Stuhls berührte, fuhr ich fort.
„In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich meine Mutter wahrscheinlich keine solchen Filme mehr angesehen. Ich weiss es zwar nicht genau, aber ich denke mir, dass es so ist.
Sie bleibt immer lange auf und schaut sich gerne die Filme an, die spät noch gesendet werden. Aber sie nickt dann meistens beim ersten ein und erwacht dann, wenn vom nachfolgenden bereits der Schluss läuft. Und irgendwie versucht sie dann, aus diesen zwei Filmen einen Sinn herauszuholen. Aber so war sie nun mal, meine Mutter.“
Die Zigarette wanderte in den Aschenbecher, den er herbeigezaubert hatte. Sein Erscheinen war mir gar nicht aufgefallen. Es war ein sehr kleiner, den ich mit der Asche der einen Zigarette fast vollständig füllte. Wahrscheinlich war es nur so ein Excusé-Aschenbecher, der eigentlich nichts in diesem Raum verloren hatte.
„Ich meinerseits, konnte nie was mit diesen Filmen anfangen. Natürlich bin ich als junges Ding mit meinen Freundinnen mitgegangen. Und auch mit meinen Freunden aus diesen Jahren. Nur standen dann nicht unbedingt der Film im Vordergrund, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will.“
„Ich verstehe vollkommen, Frau Leland.“
„Mein Gott, nennen Sie mich Trudi. Das klingt ja, als würden Sie meine Mutter meinen. Und ich habe jedes Mal das Bedürfnis, mich umzudrehen, weil ich meine, dass Sie mit ihr reden. Obwohl ich von hier aus den Spiegel sehen kann.“
„Okey, Trudi. Und wie weiter?“
„Sie wurden ja auch nicht gerade mit einer guten Kinderstube ausgestattet!“, tat ich etwas empörter, als mir wirklich zumute war.
„Warum?“
Er tat überrascht.
„Na ja, ich lasse Sie mich duzen, und Sie tun so, als wäre nichts dabei.“
Er schnaufte tief, als er die nächsten Worte aussprach: „Dann nenn mich Kevin.“
„Oh, oh.“
„Was ist nun schon wieder?“
„Bist du eines dieser Schweizerkinder, die mit diesem Namen gestraft wurden?“
Es war nicht wirklich eine Frage gewesen, und ich denke, dass er dies auch nicht als solche auffasste.
„Was soll damit schon sein? Es ist ein Name. Und seit über fünfunddreissig Jahren eben auch meiner.“
„Sogar der Mittermaier macht sich lustig über euch“, meinte ich spöttisch, aber nicht wirklich bösartig.
Ich winkte ab und nahm meine Geschichte wieder in die Hand. Noch bevor er mir hier explodierte, der gute Kevin. So, wie sein Gesicht plötzlich Farbe bekam, wäre das gut möglich.
„Kennst du vielleicht Disneys ‚Toy Story’?“
Sein Gesicht blieb leer, darum setzte ich zu einer tieferen Erklärung an.
„Da, wo die Spielzeuge zu leben beginnen, wenn die Menschen die Zimmer verlassen.“
„Ah, ja. Den habe ich auch mal gesehen. Niedlich.“
Sein Gesicht hellte sich auf, als würden auf einmal Kindheitserinnerungen in ihm auftauchen. Doch so alt war der Film wiederum auch nicht. Oder er gehörte als Kind zu denen, die sich das schon immer wünschten, dass die Spielzeuge anfingen zu leben.
„Niedlich? Das ist doch der absolute Horror!“
Meine Worte wischten sein erheiterntes Gesicht leer, als hätte ich es mit einem Waschlappen geputzt, der ein Reinigungsmittel enthielt, das dazu fähig wäre.
„Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt, bevor ich diesen Film mit meinem Jungen zum ersten Mal sah, noch nie das Gefühl gehabt, Grusel oder Horror gesehen zu haben. Aber dieser Film brachte in mir dieses Gefühl hervor. Unmissverständlich!“
„Aber wieso denn?“, wollte er wissen.
Ich holte tief Luft und begann dann mit meiner Erklärung, während ich Hände und Füsse daran teilhaben liess. Er zuckte sogar etwas zurück, als ich vor seinem Gesicht herumfuchtelte.
„Also, wenn ich ein Kind wäre und den Film mit Kinderaugen zum ersten Mal gesehen hätte, ich hätte wahrscheinlich nie mehr ein Auge zugetan unter all den Spielsachenen, die ich damals in meinem Zimmer hatte. Nur schon der Gedanke, dass die sich zu regen beginnen, wenn ich einschlafe, hätte dazu ausgereicht, mich wachzuhalten. Und noch als Erwachsene achtete ich darauf, dass ich zur Schlafenszeit nie mehr eine Puppe oder einen Teddy in meinem Zimmer hatte.“
Er schnappte nach Luft und fragte erneut: „Aber wieso denn?“
Ich beugte mich über den Tisch und winkte ihm, sich ebenfalls zu nähern. Er tat es etwas zurückhaltend. Als traue er mir nicht ganz. Ich konnte es ihm nicht einmal verübeln.
„Woher wollte ich wissen, dass meine Stofftiere mir nichts antaten? Woher wollte ich wissen, dass sie nicht auf einmal über mich herfielen und weiss Gott was mit mir machen würden? Woher wollte ich das wissen? Wer wollte mir das garantieren?“
Ich schnappte nach Luft.
„Und dann kam Chucky!“
„Chucky? Wer ist denn das ... oh.“
Er begann zu verstehen. Seine Augen sprachen ein deutliches Zeichen. Eines, das ich erkannte.
„Die Mörderpuppe.“
Ich nickte.
„Genau.“
„Aber die Filme gab es schon vor ‚Toy Story’.“
„Es gibt sogar mehrere?“, fragte ich ungläubig.
Er liess es bei einem bejahenden Nicken bewenden.
„Kann schon sein“, winkte ich ab. „Jedenfalls sah ich den Film erst später. Und das war dann wirklich der absolute Höhepunkt ...“
Ich verstummte einen Augenblick, besann mich und fuhr dann fort: „Streich das! Fast der Höhepunkt des Grauens. Eine Puppe, die lebte und genau das machte, wovor ich schon immer Angst hatte. Das war ja nun wirklich kaum mehr zu überbieten.“
Mit etwas zittriger Hand griff ich nach den Zigaretten, die neben dem Aschenbecher lagen, klaubte eine raus und zündete mir diese an. Der Rauch kratzte wieder im Hals, aber es lenkte mich für den Moment ab.
Kevin hatte mir dabei stumm zugeschaut. Ich konnte mir gut vorstellen, was hinter seiner Stirn vor sich ging. Wahrscheinlich überlegte er sich gerade, wann er mich in der Klapsmühle abliefern sollte.
„Trudi, du weisst, dass diese Filme alles nur Fantasiegebilde sind? Auch das, was du dir da ausgedacht hast, dass die Spielsachen plötzlich zu leben beginnen und dir wehtun wollen. Das alles sind Ängste, mit denen du dich, mit der richtigen Unterstützung natürlich, auseinander setzen kannst, und mit der nötigen Zeit dann auch stellen wirst.“
Als hätte ich das nicht selber schon herausgefunden! Ich sagte ihm das auch. Er nickte wieder sein dämliches Nicken, das zwischen Mitleid und Fragwürdigkeit hin und her pendelte. Das konnte ich seinen Augen entnehmen.
Mittlerweile war die Zigarette fast wieder zu Ende. Der Aschenbecher war längst am Überquellen. Nichtsdestotrotz zündete ich an ihrem Stummel eine neue an. Doch anstatt diese wieder zwischen die Lippen zu schieben, liess ich sie in der Asche stehen. Der Rauch schwebte langsam nach oben.
Das Zeugs war so vergänglich, ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Einfach so. Es sah aus, als würde sich die Zigarette von selber rauchen.
„Es geht noch weiter“, stiess ich in der Stille hervor. Meine Stimme klang rau von den Zigaretten. Ich war es einfach nicht mehr gewohnt!
Er setzte sich etwas gerader hin. Die volle Aufmerksamkeit in Person! Ich hielt ihm seine fast leere Packung hin, aber er lehnte dankend ab.
„Vor zwei Wochen bin ich mit meinem Jungen – mit Jonah – in der Stadt unterwegs gewesen. Es war eigentlich bis zu diesem Zeitpunkt gut gegangen. Trotz dem Einkaufen ...
Es gab den gelegentlichen Ausbruch, wenn ich an der Kasse stand und er unbedingt etwas wollte, das natürlich genau auf seiner Augenhöhe lag. Ich war aber bestimmt und liess mich trotz seiner Tränen nicht erweichen.
Er bekam zwischendurch etwas gekauft, aber ich wollte vermeiden, dass er nur aus diesem Grund mitkam, weil dabei etwas für ihn heraussprang.
Er beruhigte sich dann auch immer gleich wieder. Und das anschliessende Grinsen machte es mir als Mutter wieder leichter. Auch wenn ich zwischendurch das Gefühl habe, dass es mir das Herz abdrückt, wenn er so schreit und quengelt.
Dann kamen wir an diesem Schaufenster vorbei, in dem immer diese Puppen ausgestellt waren.“
„Wo war das genau?“
Ich musste kurz überlegen: „Wenn man vom Rex her über die Marktgasse geht, in Richtung Sternenplatz, da, wo im Herbst immer der Fuhlehung ist, kommt man rechts in die Gerberngasse.“
„Ah, ja.“
Der Polizist schrieb etwas in den Ordner hinein, der nun wieder offen vor ihm lag.
„Das erste Schaufenster gehört noch zum Elektrogeschäft, in dem ich meinem Mann – Gott hab in Selig – seinen Rasierer gekauft habe. Dann das Sportgeschäft, an dessen Namen ich mich aber nicht erinnern kann.“
„Ist schon gut. Ich weiss wo“, winkte er ab.
„Ja, dann nach der Einfahrt. Wo an den Säulen immer die Kinoprogramme aufhängen – jedenfalls früher war das so. Das Schaufenster da.“
Ich musste mich zurückhalten, dass ich beim Gedanken daran nicht wieder zu zittern anfing. Sein Blick sah mein Frösteln, das bekam ich noch mit, aber ich versuchte, es mit einem belanglosen Lächeln abzutun.
„Schon früher hatten die ausgestellten Puppen in mir ein Kältegefühl ausgelöst. Wie sie da herumstanden. Sich preisgaben. Jede sauber angezogen und mit offenen Augen in die Welt der Menschen hinausschauend. Was ging durch ihre Köpfe?, fragte ich mich gelegentlich, wenn ich ihrer ansichtig wurde.
Es war immer so, dass ich auf der Höhe des Geschäftes meine Schritte beschleunigte. Schon immer! Daran hatte sich auch nichts geändert, als ich älter wurde.
Und jetzt blieb mein Junge noch davor stehen! Stell dir vor! Er zeigte auf etwas, das ihm gefiel. Und ich musste sogar hoch schauen, obwohl ich es vermied, das Schaufenster überhaupt anzublicken, wenn es ging. Er zeigte auf etwas, das ich mir unbedingt ansehen musste!
Es war die Statue einer Puppe! Der Kopf war in Übergrösse gearbeitet, wobei sich der Anteil des Körpers im Verhältnis zum Kopf geradezu kümmerlich ausnahm. Sie war etwas abstrakt gearbeitet. Fast so, als habe sie ein Kind in Afrika gemacht. Sie war aus dunklem Holz und wirkte sehr anziehend mit ihren knallroten Kleidern, das musste sogar ich zugeben. Das Holz wirkte beinahe wie Kohle, so dunkel war es. Doch die ausgesparten, leeren Augenhöhlen waren erschreckend. Es kam mir vor, als würde ich ins Nichts schauen, aber aus dem Nichts heraus würde mich etwas beobachten. Ich konnte es nicht erkennen, nur spüren.
Jonah zog und zupfte an mir rum, wollte mich in den Laden zwängen. Er müsse dieses Ding unbedingt haben. – Wie sie halt so sind, diese Quälgeister.
Am liebsten hätte ich ihm ja eine geschmiert, aber schlussendlich obsiegte das Mutterherz.“
Meine Stimme troff vor Hohn, aber ich konnte nichts dagegen tun.
„Oder der kleine Zwerg hatte wieder mal seinen Willen durchgesetzt! - Muttis der Welt, vereinigt euch!“
Mein Gott, was war bloss in mich gefahren? Waren das wirklich die Gedanken gewesen, die mir zu dem Zeitpunkt durch den Kopf gegangen waren? Hatte mich die Angst so gepackt?
Wenn der Bengel jetzt aufgetaucht wäre, dann hätte ich ihn mit Freuden an mich gedrückt. Aber ihm wahrscheinlich etwas später den Hintern versohlt. Strafe musste sein! Dann hätte ich ihm noch eine Standpauke gehalten, wie er mich da nur ins Bockshorn hatte jagen können.
Tja, so sprach ich jetzt, aber was wäre wirklich?
Als die Polizei in unsere Wohnung kam, alles untersuchte und schlussendlich erfolglos blieb, da hätte ich ihn vor Wut gegen eine Wand geworfen, wenn dies ein Streich war, den er da mit mir – uns - spielte. Mein Strafmass war zugunsten der Erleichterung am Schrumpfen und wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, geringer. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, und der Junge ging straffrei aus ...
„Ich ging also mit Jonah rein. Er hatte mich an der Hand gepackt, was einigermassen schwierig war, da ich in jeder eine Tüte hielt, aber er schaffte es locker, einen meiner Finger zu greifen und mich so zu ziehen.
Ein Mann kam von hinten auf uns zu, da bei unserem Eintreten ein Klingelton ausgelöst wurde. Aber ich sage dir, das hätte es bei uns nicht gebraucht. Der Junge quatschte mir wegen der Puppe die Ohren voll. Und ich dumme Kuh ging einfach mit.
Ein kalter Schauer durchlief meinen Rücken, weil ich die Blicke der Puppen aus dem Geschäft im Nacken spürte. Aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, und grüsste freundlich zurück, da er Herr hinter dem Tresen stehen blieb und sich gespannt und sehr freundlich nach unseren Wünschen erkundigte. Am liebsten wäre ich ja laut schreiend rausgelaufen, aber mein Junge an der Seite gab mir die Kraft, es durchzustehen.
Vielleicht war es ja wirklich alles nur Einbildung? Ein Gedanke, der mich einfach so plötzlich überkam und den ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Aber wer weiss, vielleicht war es ja der, der meine Füsse bewegungslos am Boden hielt.“
„Beschreibe mir doch bitte den Mann, Trudi.“
„Was soll ich sagen? Keine besonderen Kennzeichen.“
„Nichts, was dir an ihm aufgefallen wäre?“
„Das einzig Auffallende an dem Mann war, dass er nichts Auffallendes besass. Durchschnittliche Grösse, durchschnittliches Alter, durchschnittlich gekleidet. So ein richtiger 08/15-Typ. Ich würde in der Stadt glatt an ihm vorbeigehen.“
„Trug er zum Beispiel eine Brille?“
„Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Vielleicht, vielleicht nicht. Keine Ahnung.“
Er notierte sich etwas im Ordner, aber ich sprach ungestört weiter.
„Jonah forderte mich auf, dem Mann zu sagen, dass er die Büste da im Schaufenster haben wollte. – Stell dir vor, er sprach mit mir, obwohl der Mann direkt daneben stand. Aber es ging ihm darum, dass ich es dem Herrn sagte. Also sagte ich es ihm. Und ein überschwängliches Grinsen machte sich in Jonahs Gesicht breit. Er wusste, dass er schon fast gewonnen hatte, der Schlingel.
Der Mann ging sie also aus dem Schaufenster holen beziehungsweise deutete zuerst auf diejenige welche und fragte dann, ob es diese sei, was der Junge bejahte. Ich blickte stur nach vorn auf einen Punkt, den nur ich sehen konnte. Mir war speiübel, und mittlerweile war ich so weit, alles zu tun, nur damit dieser Besuch in diesem Laden so kurz wie möglich ausfiel.
Der Mann nannte mir den Preis, der eigentlich noch ging. Aber es veranlasste mich doch dazu, Jonah zu sagen, dass damit Geburtstag, Weihnachten und Ostern gedeckt waren. Dass es kein anderes Geschenk mehr von mir geben würde. Erstaunlich schnell ging er darauf ein.
Beim Einpacken sah ich, wie die Büste bei der linken Hand zwei Finger hochhielt, wie zum Victory-Zeichen geformt. Zuerst meinte ich, dass die anderen Finger bereits abgebrochen waren, und wollte schon eine Reduktion des Preises verlangen, als ich sah, wie der Künstler die anderen Finger zu einer Faust geformt hatte.
Ich fand es etwas albern. Wenn der Macher vielleicht noch so fest im südafrikanischen Kontinent zu suchen war, dann hatte er also schon von den Amis gehört und war dann ihrem Bann erlegen. Aber was soll’s. Es war ja nicht für mich. Jonah würde die Büste einige Zeit aufgestellt haben, und irgendwann würde sie den Weg in eine Kiste finden, die ihrerseits mal im Keller oder auf dem Estrich landen würde. Dann wäre der Spass vorbei und die Sache für mich dann auch geregelt.
Wir zahlten und gingen; Ich legte ein Tempo an den Tag, bei dem Jonah bei jeder anderen Gelegenheit gemault hätte, aber er wollte auch so schnell wie möglich nach Hause. Ich auch, aber aus einem anderen Grund.
Drei Tage später fingen die grässlichen Lacher an!“
Mich schauderte auf meinem Stuhl, wenn ich nur schon daran zurückdachte, wie ich das Geräusch zum ersten Mal gehört hatte. Noch jetzt, nach dieser guten Woche, in der ich mich eigentlich hätte daran gewöhnen sollen, kam es mir vor, als würde etwas mit klammen Fingern in meinen Brustkasten greifen und so fest am Herzen rütteln, dass es aus dem Takt fiel und einen stechenden Schmerz durch den Körper jagte.
„Welche Lacher? Davon hast du uns bis jetzt noch nichts erzählt.“
„Wenn man gegenüber aussen für einigermassen normal wirken will, erzählt man auch nicht gleich jedes Missgeschick, das einem widerfährt. Oder erzählst du allen Leuten, dass du gelegentlich mit dir selber redest?“
„Kommt gar nicht vor“, wollte er aufbegehren, doch ich winkte gleich wieder beruhigend ab.
„Bist du da wirklich sicher? Auch nicht, um einfach mal nur Recht zu haben, und kein Fremder einem widerspricht? – Kevin, es kann beruhigend sein, sollte jedoch nicht zur Gewohnheit werden.“
Er begann zu lachen, aber es klang etwas unsicher. Ich liess es dabei bewenden und nahm den Faden wieder auf.
„Das erste Mal hörte ich das Lachen, als ich aus der Waschküche kam und durch die Wohnungstür trat. Es klang wie das Lachen aus einem dieser Filme, die meine Mutter sich immer angeschaut hat. So richtig übertrieben! Und so voller Kälte. Das Lachen eines richtigen Feindes.
Ein Freund von mir – von sehr viel früher – las Comics und liess die gelegentlich auch rumliegen. – Ich bin zwar dagegen, sich mit diesem Schund zu beschäftigen, aber es ist doch gescheiter, dass die Kinder das lesen als überhaupt nichts mehr.“
„Was liest er denn so?“
„Kommt das in den Rapport? Ist das wichtig?“
„Ne, ich frage nur aus Neugierde.“
„Ich kann die Dinger nicht auseinander halten, ehrlich gestanden. Für mich sind es einfach knallbunte Bilder mit etwas Text. Ich kaufe sie ihm auch nicht mehr, sondern gebe ihm das Geld, und er holt sich die Hefte dann selber“, musste ich etwas niedergeschlagen eingestehen. Hatte er nun das Gefühl, dass ich meinen elterlichen Pflichten nicht mehr nachkam?
„Jedenfalls war es dort, dass ich so ein Lachen dargestellt sah. Ein richtig bösartiges ‚Bbwwahhahahahah!’
Da gibt’s nichts zu lachen, Kevin. Natürlich klingt das jetzt idiotisch, aber mir war an jenem Tag gar nicht nach Lachen zumute! Mein Gott, haben sich bei mir die Nackenhaare gesträubt, und es lief mir eiskalt den Rücken runter, dass ich am liebsten auf den Knien durch die Wohnung gegangen wäre. Aber bestenfalls rückwärts zur Tür raus!
Und trotzdem ging ich durch die Zimmer und habe nachgeschaut, ob jemand da war. – Was habe ich da geschlottert!
Wenn mich also jemand zu dem Zeitpunkt angesprochen hätte, wäre ich wahrscheinlich tot umgefallen. Oder wenn nur schon das Telefon geklingelt hätte ... Ich mag es mir gar nicht ausmalen!
Ich fand natürlich nichts. Niemanden. Die Wohnung war leer. Jonah war in der Schule, wie er mir später mitteilte, als er am Mittag nach Hause kam.
Natürlich habe ich das überprüft, da ich dem Schelm alles zutraute, aber er hatte mir die Wahrheit gesagt.“
„Ja, und dann?“
„Und dann kam das Lachen wieder! Nicht gerade so häufig, dass man die Uhr danach hätte richten können, aber doch in einer gewissen Regelmässigkeit von zwei bis drei Mal pro Tag.
Vor der Puppe blieb ich natürlich am längsten stehen, da sie ja das einzig Neue war, das in den letzten Tagen in die Wohnung gekommen war. Doch wie heisst es so schön: Wenn man darauf wartet, passiert nichts!
Das blöde Lachen erwischte mich immer dann, wenn ich anfing, mich zu entspannen. Und dann war ich wieder total auf der Hut und lief mit dem Brotmesser durch die Wohnung und hätte jeden abgestochen, der sich mir in den Weg gestellt hätte.
Als ich es nicht mehr aushielt, ging ich zum Puppengeschäft zurück. Es hatte mich sehr viel Kraft gekostet, diese Option überhaupt in Betracht zu ziehen. Und dann auch noch wirklich hinzugehen!
Die Puppe hatte ich zuhause gelassen. Ich konnte das Ding nicht wirklich anrühren. Und selbst wenn ich es gekonnt hätte, wäre ich mir irgendwie dumm vorgekommen, mit der hier unter dem Arm aufzutauchen. Was, wenn ich mich irrte? Mir einfach nur etwas einbildete?
Das erste Mal war das Geschäft zu, und ich hatte auf einmal das Gefühl, einsam und verlassen auf der Welt zu sein. Einen Kampf zu führen, der nur mit unserer absoluten Niederlage enden konnte.
Ich lief nach Hause zurück, jede Sekunde hassend, die ich in der Wohnung verbleiben musste. Einer Eingebung folgend ging ich stattdessen in ein Tea-Room und erst anschliessend in die Wohnung zurück, kurz bevor Jonah von der Schule kam.
Es war schon am Eindunkeln, als ich das Abendessen vorbereitete. Er sass am Küchentisch, und während er an seinen Hausaufgaben arbeitete, erzählte er von seinem Tag, all den Eindrücken, Schatten- und Sonnenseiten, die er mit sich gebracht hatte.
Seine Anwesenheit gab mir etwas Hoffnung, war mir das Lachen doch immer nur erschienen, wenn ich alleine war. War ich überarbeitet oder sonst wie überfordert, dass mein Geist sich alles ausdachte?

Als das Lachen das nächste Mal erklang, stand Jonah direkt neben mir. Wir schauten uns mit grossen Augen an, und mit Verwunderung sah ich, wie sich an seinem Arm die kleinen, blonden Haare aufzurichten begannen. Ich musste schlucken, und er musste die Angst in meinem Blick gesehen haben, denn er wollte mit Weinen beginnen, aber ich riss ihn zu mir, blickte mich panisch um und lief dann mit ihm im Schlepptau auf die Wohnungstür zu. Beim Vorbeigehen riss ich uns noch die Mäntel vom Haken. Dann waren wir draussen.

Wir blieben für zwei Tage der Wohnung fern. Übernachten taten wir in einem Hotel. Ich wollte nicht zu Verwandten. Wie sollte ich dies erklären, um Gottes willen?
Eigentlich wäre ich gerne ins ‚Hotel Krone’ gegangen, aber irgendwie schien es mir zu nah an dem Puppengeschäft zu sein, das nur gerade zweihundert Meter entfernt war. So entschied ich mich für das ‚Holiday’ im Dürrenast draussen. Es war zwar nicht ganz mein Stil, aber ich hatte andere Sorgen, als mich damit herumzuschlagen, ob ich in die höhere Gesellschaft hineinpasste oder nicht.
Es war nur eine kurze Busfahrt von da, wo wir wohnten, aber sie kam mir unendlich lang vor. Der Bus war gerammelt voll, und ich musste Jonah auf die Knie nehmen, was er einfach so hinnahm. Wir wisperten hin und wieder ein paar Worte, aber im Grossen und Ganzen schwiegen wir die Fahrt durch. Die Menschenmenge hatte einen Vorteil: Sie liess das Geschehen etwas in den Hintergrund treten und machte es unwirklicher. Und doch konnte ich mich des Gefühls von Einsamkeit nicht erwehren.
Natürlich hatte ich zu wenig Geld mit, als ich das Hotelzimmer bezahlen wollte. Die Kreditkarte löste das Problem.
In der ersten Nacht schlief ich kaum. Jonah lag neben mir und verhielt sich etwas unruhig, aber ich denke mal, dass er doch schlafen konnte. Ich hörte überall Geräusche, was in einem Hotel ja auch kaum verwunderlich war, aber aus dem Echo meiner Gedanken hörte ich immer wieder das Lachen, und wenn mich der Schlaf gelegentlich zu übermannen drohte, weckte mich das immer wieder. Und so, wie dann das Herz raste, war es für die nächste halbe Stunde aus mit Einschlafen.
Den nächsten Tag brachte ich Jonah in die Schule und entschuldigte ihn auch gleich bei seiner Lehrerin, dass er seine Aufgaben nicht dabei hatte. Ich deutete etwas von einer kranken Grossmutter an, und sie schien mir zu glauben. Es tat mir Leid, das nette Ding zu belügen, aber was sollte ich denn sonst tun? Die Wahrheit klang zu verrückt!
Dann ging ich wieder auf dem direktesten Weg in die Stadt. Das Geschäft war auch dieses Mal geschlossen, aber ich sah auf einem Zettel an der Tür, dass bald geöffnet würde. Ich beschloss zu warten. Lief hin und her, gefangen in den Gedanken, aber nicht direkt neben dem Geschäft. Ich hatte mich dazu zur Einfahrt begeben. Aus dieser Entfernung konnte ich gut erkennen, was ablief, ohne dass ich mich den Puppen direkt zeigte.
Dann hörte ich den Verkäufer mit den Schlüsseln hantieren, und noch bevor er fertig war, hing ich am Griff.
Er schnauzte mich durch die Tür an, dass ich gefälligst den Griff loslassen soll, sonst könne er den Schlüssel nicht drehen. Was ich dann auch tat und einen Schritt, zwei, drei, zurückwich.
Er war wieder so unscheinbar gekleidet, wie beim ersten Besuch vor wenigen Tagen. Ein Mann, der in seiner Unscheinbarkeit verloren ging.
Ich erzählte ihm von dem Lachen und meiner Annahme, dass es mit der Puppe zu tun habe. Er schaute mich mit zweifelnden Blicken an. Ob es an meinen Worten oder meinem Verstand lag, vermochte ich zuerst nicht ganz ausfindig zu machen. Der Mann war vorsichtig, aber bestimmt mit seiner Ablehnung mir und meinen Schlüssen gegenüber. Es dauerte einige Minuten, bis sich das änderte und ich ihm auf den Wecker zu gehen schien. Aber ich liess nicht locker.
Er drohte mir damit, dass er mich bei der Polizei melden würde, was mich kalt liess. Das wäre sowieso mein nächster Schritt gewesen. Als er dann sah, dass das keinen Eindruck auf mich machte, beruhigte er sich wieder etwas. Bis er sogar beschwörend auf mich einzureden versuchte.
Und ich gab mein Bestes, ihm klar zu machen, dass ich nicht verrückt war. Etwas hatte sich verändert, seit die Puppe in unser Haus gekommen war, und schliesslich sah ich, wie er sich einen Ruck gab und meinte, er wolle dem nachgehen, woher die Puppe eigentlich genau komme.
Ein Stein fiel mir vom Herzen, und auf einmal fühlte ich mich auch nicht mehr so verloren. Sein Einrenken liess in mir das Gefühl von Gemeinsamkeit aufkommen. Gemeinsam würden wir dem Spuk schon ein Ende bereiten.
Am liebsten wäre ich gleich bei ihm im Geschäft geblieben, aber er wimmelte mich ab. Meine Anwesenheit brachte ihn wohl aus dem Konzept. Verdenken konnte ich es ihm nicht.
Ich nahm ihm jedoch das Versprechen ab, dass er mich sofort über das Handy anrufen solle, wenn er etwas herausgefunden habe. Da stimmte er nur zu gerne zu. Seine Erleichterung machte sich deutlich bemerkbar. Wahrscheinlich würde eine Party steigen, sobald ich die Eingangstüre hinter mir zugezogen hatte ... Es war jedoch nichts in der Richtung zu vernehmen, als ich auf die Gerberngasse trat.
Dann ging ich unruhig durch die Stadt. Immer wieder griff ich nach dem Handy, weil ich um keinen Preis den Anruf verpassen wollte. Lief in zwei, drei Restaurants, die ich jedoch gleich wieder verliess, da ich mich kaum ruhig halten konnte. Das Herumlaufen tat mir am besten.
Und dann kam ein Anruf!
Obwohl ich es gerade vor wenigen Minuten in den Händen gehalten hatte, war es in den tiefsten Winkel meiner Handtasche gekrochen, und es dauerte etwas, bis ich hässig abnehmen konnte.
Es war wirklich der Mann aus dem Puppengeschäft. Und er hatte eigentlich keine speziellen Neuigkeiten, was ich mit einer gewissen Erleichterung aufnahm. Der Händler sei einer, der ihn schon öfters beliefert habe. Dessen Vertreter und Lieferant hätten ebenfalls gute Referenzen, wie er mit einem gewissen Stolz in der Stimme erwähnte.
Dann wurde sein Stimme jedoch schwerer und die Worte kamen nicht mehr so flüssig wie zuvor. Etwas zu denken gäbe ihm nur, dass es sich um ein Einzelstück handle, von dem ihm auch keiner seiner Leute etwas anderes habe sagen können. Das sei ja als solches nicht unbedingt schlecht, da es die Puppe zu einem Sammlerobjekt mache, fügte er mit einem nervösen Lachen hinzu.
Auf mich machte es einen unruhigen Eindruck. Da war er doch gerade dabei, meine Zweifel zu zerstreuen, und jetzt machte er alles wieder zunichte!
Was ihm selber noch etwas zu denken gegeben habe, sei eine Mitteilung des Händlers, dass die Puppe bei zwei Familien gewesen wäre, bei der je ein Kind verschwunden sei.
Ich begann mich immer unwohler zu fühlen und sagte ihm das auch, aber er versuchte, mich zu beruhigen, da nirgendwo etwas von einem Lachen beschrieben sei, was ja schlussendlich zu meinem Besuch bei ihm geführt habe. Etwas widerwillig gab ich ihm Recht.
Gleichzeitig teilte ich ihm aber mit, dass ich diese Puppe aus meinem Leben haben wolle. Er wand sich hin und her, und ich spürte schon, dass es ihm dabei ums Geld ging. Als ich ihm jedoch sagte, dass er von mir aus die Fr. 250.- behalten könne – das war es mir allemal wert-, erst da liess er sich erweichen und lenkte ein.
Als das Gespräch beendet war, fühlte ich mich schon viel besser. Als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen.
Es war bereits Nachmittag, als ich nach Hause ging. Und dieses Mal mit einem leichteren Gefühl in der Magengegend.
Auf dem Heimweg fiel mir ein, dass es wohl gescheiter wäre, wenn der Händler die Puppe abholen käme. Ich hatte nicht wirklich Lust, diese anzurühren. Weder beim Einpacken noch beim Transport. Und ich nahm an, dass es Jonah genau gleich erging wie mir.
Ich beschloss, den Puppenhändler von zuhause aus anzurufen. Als ich jedoch in die Wohnung und anschliessend in Jonahs Zimmer ging, war komischerweise die Puppe weg!
Wo war sie denn jetzt, das blöde Ding?
Wie ich so vor dem leeren Platz stand, kam es mir schon etwas unheimlich vor. Aber ich versuchte, mit logischen Argumenten der aufkommenden Angst – die ja eigentlich unbegründet war – entgegenzuwirken. Was mir aber nicht gerade leicht fiel.
Die Wohnungstür war geschlossen gewesen, überlegte ich. Ausser mir besass niemand einen Schlüssel. Ein kurzer Kontrollblick im Schlüsselkasten bestätigte das.
Jonah selber besass auch keinen Schlüssel.
Ob unter Umständen der Hausmeister in der Wohnung gewesen war? Aber wenn ja, dann stellte sich die Frage, was er hier zu suchen hatte. Und selbst wenn diese Antwort irgendwie logisch geklungen hätte, warum wäre dann etwas entwendet worden? Und dann ausgerechnet etwas so auffälliges wie eine Puppe, deren Verschwinden wir ja unweigerlich entdecken würden.
Um mich etwas abzulenken, suchte ich noch die Fenster und die Balkontüre ab. Aber es war alles zu. Es war schon komisch. Aber eher unheimlich komisch.
Ich griff zum Telefon und rief das Geschäft des Puppenmenschen an. Er war zuerst etwas ungehalten über meinen Anruf, hörte mir aber dann aufmerksam zu, als ich von dem Verschwinden berichtete.
Schliesslich forderte er mich auf, die Polizei einzuschalten. Das wäre wohl für alle Parteien das Beste. Die hätte vor allem die nötigen Utensilien und Möglichkeiten, mehr herauszufinden, als er das könne.
Ich verstand ihn bis zu einem gewissen Grad, merkte jedoch an, dass das für mich klang, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schiessen. Aber ich gab dann trotzdem nach.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass Jonah bald zu erwarten sei. Nach der Schule hatte er noch mit seinem Freund etwas unternehmen wollen, und ich habe etwas widerwillig nachgegeben, obwohl ich zuerst anders hatte reagieren wollen. Aber er bat mich am Morgen so inbrünstig darum, den Termin doch stehen zu lassen, dass ich schlussendlich nachgab. Er sollte ja auch seinen Spass haben, auch wenn wir noch im Hotel ‚Holiday’ wohnten.

Die Polizei war dann auch bald mal zur Stelle, wobei es schon über eine Stunde dauerte, bis sie endlich auftauchte. Ich nahm jedoch an, dass es sich um einen lauen Abend halten musste, da für mich die Polizei doch immer schwer beschäftigt war, und das vor allem um die Feierabendzeit. Nicht so heute!
Sie kamen nicht gerade mit Blaulicht, aber als dann die Frau und der Mann vor mir standen, sah es so aus, als wären sie voller Tatendrang und schwer bewaffnet. Erst beim zweiten Hinsehen sah ich aber, dass vor allem anderes an ihren Gürteln hing als Waffen. Eine Pistole hing gesichert an den Hüften. Und das andere musste wohl so vielfältig einsetzbar sein wie der Gürtel von diesem Superhelden ... Wie hiess er doch gleich wieder?“
Ich schnippte mit der einen Hand vor meinem Gesicht rum, als wolle ich andeuten, dass mir der Name auf der Zunge lag. Was aber gelogen war, da ich davon einfach zu wenig Ahnung besass.
„Batman?“, kam mir Kevin zu Hilfe.
„Das ist er. Der Rächer der Enterbten.“
„Das ist jemand anders“, berichtigte er mich.
„Spielt ja auch keine Rolle. - Jedenfalls nahm die Frau sich meiner an, während der Mann sich schon in der Wohnung umsah. Er kam mir irgendwie wie mein Mann vor – Gott hab ihn selig -, der sich auch immer hinter das Lösen von Problemen machte, wobei er noch nicht einmal das Problem genau erkannt hatte. Im Sinne von Programmieren von neuen Geräten, obwohl noch nicht einmal die Bedienungsanleitung gelesen wurde.
Wie wollte der männliche Polizist also wissen, worauf er zu achten hatte, wenn er nicht einmal wusste, worum es eigentlich ging? Er besass blonde Haare. Ob man ihm den Blondinenbonus zugute halten konnte?
Da machte die Dame schon einen besseren Eindruck auf mich. Sie nahm sich Zeit, hörte mir zu und schrieb sich auch gelegentlich etwas auf den mitgebrachten Notizblock.
Nach ein paar Minuten war die Frau informiert, und anschliessend untersuchten sie gemeinsam die Wohnung. Mir fiel ein, dass ich Jonah noch nicht gesehen hatte. Und ich fühlte mich schuldig, weil ich ihn über die Ankunft der Polizei vergessen hatte. Elternschuldigkeit oder so was ...
Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass er jedenfalls nicht auf dem Spielplatz war, geschweige denn vor dem Haus.
In dem Moment bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Und es ging mir plötzlich nicht mehr so sehr um das Verschwinden der Puppe als darum, dass vielleicht Jonah etwas zugestossen sein könnte.
Hastig nahm ich das Telefonbuch zur Hand, fand die Nummer seines Freundes und rief dort an.
Der Vater des Jungen nahm ab. Wir wechselten ein paar Belanglosigkeiten, was eben so dazugehört, wenn man die Eltern seines Sohnes mal bei einem Elternabend kennen lernt, aber sonst keine Gemeinsamkeiten besass. Man kannte sich einfach, aber das war’s denn auch schon gewesen.
Auf meine Frage hin, erkundigte er sich nach hinten bei Frau und Sohn, was denn mit Jonah sei. Durch den Hörer bekam ich mit, was gesprochen wurde. Und plötzlich wurde mir eiskalt. Jonah sei gar nicht aufgetaucht!
Ich musste mich hinsetzen, da ich auf einmal keine Luft mehr bekam. Das Herz begann zu rasen, nachdem es für ein paar Schläge aussetzte. Und nachdem für Sekunden die Welt wie erstarrt war, nahm sie den normalen Zeitablauf wieder auf. Und ich auch.
Die Polizisten standen von einem Augenblick zum anderen neben mir. Ich hatte ihr Erscheinen gar nicht bemerkt. Sie nahm mir dann den Hörer aus der Hand, während er mir vom Boden half. Beim Telefon stand nämlich gar keine Sitzgelegenheit, und so musste ich einfach auf den Boden geplumpst sein. Ein Umstand, der sie dann auf mich aufmerksam machte, während sie bei den Untersuchungen durch die Wohnung gingen.

Und das war’s dann eigentlich schon gewesen. Bald darauf sind wir hier in der Guntelsey angekommen. Ihre Leute dachten, dass es unter Umständen das Beste sei, wenn ich meine Aussage gleich zu Protokoll gebe. Und abgesehen davon war es mir recht, wenn ich aus der Wohnung kam und unter Menschen ging. Welcher Art, war mir eigentlich egal.“
Ich verstummte und blickte Kevin auffordernd an. Der brachte zuerst noch ein paar Eintragungen im Ordner an – ich hätte ja zu gern gewusst, was er sich da genau aufschrieb –, bevor er den Augenkontakt wieder herstellte.
„Wir haben dich etwas warten lassen, bevor ich dann das Gespräch mit dir aufnahm.“
„Das ist richtig“, gab ich ihm Recht. Meine Stimme blieb ruhig, obwohl die Wut in mir wieder aufzuwallen begann, wenn ich schon daran erinnert wurde, wie sie mich für Stunden im Büro hatten rumtigern lassen. Niemand wollte mir Genaueres sagen, aber sie waren sich darin alle einig gewesen, dass ich gefälligst zu warten habe, bis man sich meiner annahm. Was blieb mir also anderes übrig?
„Wir haben natürlich einige Dinge vorab telefonisch abgeklärt, bevor ich hier hereinkam, um mit dir zu sprechen.“
Wenn er dachte, dass mich das aus dem Konzept bringen würde, dann sah er sich in dieser Annahme getäuscht. So was hatte ich mir selber zusammenreimen können. Und irgendwie war es ja auch logisch gewesen. Mich brachte nur in Rage, dass mir niemand etwas über Jonah sagte oder selber in diese Richtung etwas zu wissen schien.
„Und alle Leute, die wir zu dieser Stunde erreichen konnten, haben ungefähr dasselbe Bild von dir gezeichnet.“
„Welches denn?“
„Alleinerziehende Mutter. Hingebungsvoll dem Sohn gegenüber. Oft etwas hart, aber des Öfteren auch etwas zu lasch.“
„Aha!“
„Eben ein typischer Mensch, mit all seinen Schwächen. – Wenn ich du wäre, würde ich auch nicht zu viel in diese Sache hinein interpretieren. Leute reden gerne über andere. Der Polizei gegenüber noch viel mehr. Aber diese Personen haben eigentlich nur bestätigt, was unser Gespräch hier bereits vermuten liess.“
Er schloss den Ordner, legte ihn vom Knie auf den Tisch zurück und blickte mich dann wieder an.
„Was du mir da gerade erzählt hast, ist eine etwas verrückte Geschichte, aber wir werden dem nachgehen.“
„Danke!“
Echte Erleichterung schwang in meiner Stimme mit, und ich meinte es wirklich ernst. Jeglicher Sarkasmus war vergangen. Und wenn es sich um meinen Sohn handelte, verstand ich wirklich keinen Spass!
„Keine Ursache. Es ist ja auch unser Job.“
„Das hätte ich dann als Nächstes gesagt.“
Darüber musste er grinsen.
„Da ist noch was zu erwähnen: Wenn jemand verschwindet, kann man diese Person erst nach 48 Stunden als vermisst melden ...“
„Aber Jonah ...“
Er winkte ab, bis ich wieder verstummte, und fuhr dann fort: „Bei Kindern sieht die Sache etwas anders aus. Ohne wirklich gleich das Schlimmste annehmen zu wollen, ging schon sehr bald eine Beschreibung raus, und viele meiner Leute haben bereits Bilder von Jonah erhalten, damit sie ihn auch erkennen, falls sie ihm begegnen würden. Wir können jetzt nur abwarten, was passiert. Suchen und abwarten.“ Und nach Sekunden der Stille fügte er noch hinzu: „Und hoffen.“
Er schaute mich erwartungsvoll an.
„Können wir etwas für dich tun? Etwas zu trinken oder etwas zu essen besorgen? Unsere Kantine ist zwar nicht die Beste, aber wenn man Hunger hat, nimmt man ja bekanntlich alles.“
Es war an mir abzuwinken.
„Nein, danke. Ich könnte im Augenblick nichts essen. Das Ganze hat mir etwas auf den Magen geschlagen.“
„Ist wahrscheinlich eh das Beste.“

Mit diesen Worten war ich entlassen. Ich war nur froh, endlich raus zu können aus den Räumen und endlich wieder mal an die frische Luft zu gehen. Nach ein paar tiefen Atemzügen in der sternenklaren Nacht ging es mir etwas besser. Es war fast vier Uhr morgens. Zeit, endlich ins Bett zu gehen. Und dann hoffentlich einschlafen zu können, trotz allem, was heute geschehen war.
Kevin brachte mich bis zum Wagen, der mich wieder nach Thun bringen sollte. Am Steuer sass ein anderer Polizist als der, der bereits in meiner Wohnung gewesen war.
Der Abschied von Kevin fiel sehr kurz aus. Was verband uns schon ausser die Tragödie des heutigen Tages? Wir versprachen, uns gegenseitig auf dem neusten Stand zu halten, wenn etwas wegen Jonah auftauchen sollte.
Dann versprach er noch, dass sie ihr Bestes geben würden. Und die Hoffnung nicht verlieren, soll ich. - Er konnte ja gut reden, schliesslich war es nicht sein Kind!
Vielleicht sei ja alles nur ein dummer Bubenstreich, dass er ferngeblieben war.
Ich nickte abwesend, ohne etwas zu sagen. Weder verneinte noch bejahte ich etwas. Mach es wie Rudi Carrell, sagte ich mir ständig: Lass dich überraschen!
Hoffentlich würde es eine positive Überraschung werden!

Die Rückfahrt verlief eintönig. Ich hatte keine Lust auf Smalltalk – war auch viel zu müde dazu. Nachdem die Spannung nachgelassen hatte, war der Körper kurz davor runterzufahren. Obwohl es nur eine kurze Strecke war, erwischte ich mich ein paar Mal, wie ich fast einnickte. Bereits Kevin hatte ich so unverschämt angegähnt, bevor ich mich von ihm verabschiedete.
Meinem Fahrer schien es genauso zu gehen. Auch er hielt zu dieser frühen Stunde nichts von belanglosem Gerede. Was hin und wieder die Eintönigkeit durchbrach, waren die Stimmen aus dem Lautsprecher, die uns die ganze Fahrt hindurch begleiteten. Für ihn muss der Code Sinn gemacht haben, in dem sie sprachen. Ich selber versuchte, mir heute Abend – oder besser gesagt am frühen Morgen – darüber den Kopf nicht weiter zu zerbrechen.
Obwohl es früh war, kamen uns auf der Autobahn Wagen entgegen. Nicht viele, aber doch einige. Auf unserer Seite waren wir die einzigen, die noch unterwegs waren. Die Scheinwerfer schnitten in die Schwärze der Nacht und suchten sich den Weg wie Bluthunde, die einer Spur folgten.
In den Aussenbezirken der Stadt gab es in einigen Wohnungen noch Licht – oder bereits wieder. Thun war keine Grossstadt, aber selbst sie schien nicht mehr zu schlafen, wie sie das früher mal, zu meiner Kindheit noch, getan hatte.
Als er mich vor dem Hauseingang meines Wohnblockes rausliess, starb eine weitere Hoffnung von mir. Nämlich die, dass Jonah draussen stehen und auf mich warten würde. Ich weiss, dass es naiv von mir war, so zu denken, aber ich versuchte, mich an jeden Grashalm zu klammern, der Hoffnung verhiess. Dies war nun einfach einer weniger.
Er konnte ja auch bei Nachbarn sein und bereits im Land der Träume weilen, während ich mir vor Gram fast die Haare raufte.
„Träum weiter!“, sagte eine innere Stimme in mir, der ich liebend gern den Hals umgedreht hätte.
Ich verabschiedete mich von dem Polizisten, stieg aus, klaubte den Schlüssel raus, damit ich überhaupt in den Block kam, und stieg matt die Treppe hoch. Was hätte ich jetzt für einen Lift gegeben. Ein Königreich? Wohl kaum. Jedenfalls nicht für den Lift!
Ein herzhaftes Gähnen kam über mich. Nur noch wenige Schritte und Minuten, dann könnte ich meinem Körper endlich Ruhe gönnen. Dem Geist hoffentlich auch.
Der Schlüssel wollte an der Wohnungstür nicht funktionieren, als mir in den Sinn kam, dass ich ja offen gelassen hatte. So senkte ich einfach nur den Türgriff. In der Wohnung brannte Licht! Zuerst wollte ich voller Freude nach Jonah rufen, als mir einfiel, dass ich auch dieses hatte brennen lassen, falls er nach Hause kam ... Er besass zwar keinen Schlüssel, aber es hätte ihn schon jemand reingelassen. Da war ich mir sicher.
Meine Handtasche warf ich irgendwo ins Wohnzimmer, als ich zum Telefon ging. Es fand sich aber keine Nachricht darauf. Der Beantworter war leer. Es hätte mich aber auch erstaunt, wenn es anders gewesen wäre. Jonah wusste die Nummer meines Handys. Es war zwar ein Murks gewesen, sie ihm beizubringen, aber seit er sie kannte, konnte er sie auch rückwärts dahersagen. Falls also irgendwo eine Nachricht zu finden wäre, dann auf meinem Handy. Dies war jedoch nicht der Fall ...
Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Wahrscheinlich war ich zu müde, und solche Dinge prallten einfach an mir ab. Oder sie wurden nicht mehr richtig im Kopf registriert.
Ich beschloss so schnell wie möglich ins Bett zu gehen. Aus den Kleidern war ich rasch. Die Dusche sparte ich mir für später auf. Wenigstens putzte ich mir noch die Zähne. Etwas Toilette gemacht, dann war ich bereit für die Heia. Ich ging durch die Wohnung, um die Lichter zu löschen. Im Wohnzimmer blieb ich für Sekunden im Dunklen stehen, das schon nicht mehr so dunkel war. Am Horizont liess sich bereits ein leichter Schimmer des anbrechenden Tages erkennen. Den würde ich wohl zum grossen Teil verschlafen.
In meinem Schlafzimmer brannte noch als einziges Licht. Es erhellte die Umrisse der Wohnung etwas, aber ich konnte auch gut ohne Licht meinen Weg finden.
Als ich an Jonahs Zimmer vorbeikam, blieb ich stehen und haderte mit mir, ob ich schnell Licht machen sollte. Oder sogar in seinem Bett schlafen? Aber was würde es bringen?
Ich wandte mich ab und erstarrte, als ich das Lachen aus Jonahs Zimmer vernahm! Mein Herz blieb vor Schreck stehen, und an meinem Nacken spürte ich, wie die Härchen plötzlich alle strammstanden. Ohne Ausnahme! Ein eisig kalter Hauch fuhr mir den Rücken runter, dass ich anfing zu zittern. Angst schnürte mir die Kehle zu, obwohl ich schreien wollte.
Dann entfuhr mir der Schreckensschrei doch noch. Es hätte nicht viel gefehlt, und es wäre mir noch mehr entfahren ...
Mit einem weiteren Schrei auf den Lippen, der alles beinhaltete, wozu ich fähig war, angefangen von Frust über Hoffnungslosigkeit, grapschte ich im Halbdunkel nach dem Lichtschalter. Dann stiess mir grelles Licht in die Augen.
Ich blinzelte zuerst etwas, aber ich sah durch meine abgeschirmten Augen die Puppe an dem Platz stehen, an den sie Jonah vor ein paar Tagen gestellt hatte. Als sei nichts gewesen! Als sei sie nie verschwunden gewesen!
Vom kleinen Stein zu den Manga-Büchern, die er von seiner Oma gelegentlich bekam, bis zu der Figur, die ihm sein Patenonkel zu Weihnachten geschenkt hatte. Alles lag auf dem Gestell, das fast bis unter die Decke reichte. Und mittendrin diese Puppe!
Der Anblick brachte mich zum Verstummen. Aber nur für einen Sekundenbruchteil, dann sprang ich mit einem weiteren Schrei auf die Puppe zu. Ich wollte sie zerstören, zerhacken und Kleinholz aus ihr machen. Egal, was ich mit dem Inhaber des Geschäftes abgemacht hatte. Es war mein Eigentum, und ich konnte damit anfangen, was ich wollte. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Es war zu viel! Dieses Lachen raubte mir den letzten Nerv und war unerträglich!
Ich holte aus und wollte gerade mit der blossen Hand die Puppe von der Anrichte gegen die Wand fegen, als ich einhielt. Etwas hatte sich verändert!
Es dauerte nur eine Sekunde, dann sah ich es schon! Aber ich sah den Zusammenhang erst ein paar Sekunden später. Und als der Gedanke kam und einschlug, fing ich auf einmal unkontrolliert zu schluchzen an. Meine Hände flogen zum Mund, um einen Laut des Entsetzens zurückzuhalten. Die Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, die mir den Blick trübten, aber ich wusste, was ich gesehen hatte. Die Knie knickten mir weg, und ich fiel auf den Boden, auf den Teppich. Ich spürte den Aufprall kaum.
Was hatte ihm der Lieferant noch gesagt? Zwei Kinder waren im Zusammenhang mit der Puppe verschwunden. Dann die Geste, die ich fälschlicherweise als Victory-Zeichen interpretiert hatte ...
Jetzt hielt die Puppe drei Finger hoch!

ENDE

© Michel Wuethrich

 

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