Stories
Ärgernis
von Thomas Tippner
Ich wusste, dass es Ärger gab!
Schon, als ich den kleinen, gebeugten Mann sah, wie er sich durch die dicht beieinander stehende Masse schob, seine zu lang wirkenden Arme rücksichtslos einsetzte, und mit geiferndem Maul lauthals schrie. »Lasst mich durch! Lasst mich durch!«
Nur widerwillig ging die neugierige Masse auseinander, die- ebenso wie ich- fasziniert und angeekelt dem Schauspiel folgte, welches sich auf dem eckigen Marktplatz abspielte und als abschreckendes Beispiel dienen sollte.
Vor mir, auf einem Podest, stand der einsame, in Lumpen gehüllte Mann, in den Haaren leichte Perlen geflochten, den Mund umrahmt von einem blond angedeuteten Bart. Er war einer jener Männer, die gefangen genommen worden waren, nachdem sie mit einem Schiff nach Hamburg eingedrungen waren, um die Stadt an der Elbe in Schutt und Asche zu legen.
Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, dass sie es konnten, aber der Übermut, mit dem die wilden Männer aus dem hohen Norden die Hafenstadt überfielen, war zu ungestüm gewesen und zu wenig organisiert.
Außerdem hatten die Männer sich auf ihre Schnelligkeit verlassen, und nicht mit dem Einfallsreichtum der Hamburger gerechnet, die Barrieren unterhalb des Wasserspiegels aufbauten, und nur an Seilen ziehen brauchten, um die Rümpfe der schmal dahin gleitenden Drachenschiffe aufzureißen, und die überraschte Mannschaft in den Tiefen der Elbe versinken zu lassen.
Nun, wo einer der wenigen Gefangenen des Überfalls auf dem Marktplatz stand, und sich verstört, wenn nicht sogar ängstlich umschaute, lösten meine Blicke sich von ihm, und folgten dem kleinen, buckligen Mann, der geradewegs auf mich zu kam und mich aus seinem zu geschwollenen linken Auge musterte, während das rechte aussah, als ob es ein zerschlagenes Ei wäre, dessen Dotter kurz davor stand auseinander zu laufen.
»Du, Beowulf!«, brüllte er und übertönte für einen kurzen Moment sogar die erschrocken rufende Masse, als der Henker auf das Podest trat, und die nackten Arme vor der in schwarzes Tuch gehüllten Brust verschränkte.
Kinder, die sich an die Hände ihrer Mütter und Väter krallten, schauten verwundert zu ihren Eltern, und die, welche die aufkommende Spannung nicht verstanden, fragten mit hektischen Stimmen, was passierte.
»Was willst du von mir?« Meine Frage klang kalt und abweisend.
»Du sollst mit kommen!«
»Wohin?«
Ich war verwirrt und gleichermaßen fasziniert von dem, wie der Bucklige auftrat. Er schien sich nicht dafür zu interessieren, was ich wollte, oder was die um ihn herumstehenden Menschen sagten oder taten. Einige, die nicht sonderlich vertrauenserweckend aussahen, hatten schon einen Blick auf den Buckligen geworden und deuteten immer wieder mit den Fingern auf ihn und rieben sich gelegentlich die Hände; ganz so, als ob sie sagen wollten. »Endlich jemand, der mehr leiden darf, als wir!«
Den krumm gehenden Mann, mit dem zu breiten Mund, und den muskulösen Armen interessierte es nicht.
Er kicherte nur leise, als er sagte. »Hydrona will dich sehen!«
Mein Atem stockte.
Mir war plötzlich heiß!
Ich wusste nicht, was ich sagen oder denken sollte.
Alles um mich herum versank in einem undurchdringlichen Nebel aus Erinnerungen und wild durcheinander laufenden Szenarien, die mich zurück in meine Heimat, Richtung Dänemark, trieben und mir zeigten, was ich damals, vor so langer Zeit getan hatte.
Ich sah mich wieder dastehen, den Steinkreis um uns herum; das Lagerfeuer vor mir.
Es war verrückt!
Aber ich glaubte die vom Wind aufgeworfenen Schneewehen zu sehen, und die beißende Kälte im Gesicht zu spüren, die der Winter ins Land getragen hatte und viele der im Dorf lebenden Familien die Grundlage zum Leben genommen hatte.
Die Versuchung war zu groß gewesen!
Sie hatte nach uns allen gerufen und uns nicht erzählt, auf was für ein Wagnis wir uns einließen.
Um mich herum versank das Stimmengemurmel zu einem undurchdringlichen Schweigen. »Was ... was will sie von mir?«
»Geschäfte«, lächelte der Bucklige und drehte sich um.
Ich folgte ihm!
Mit schnellen Schritten und hier und da ausfahrenden Ellenbogen, damit die Schaulustigen mir aus dem Weg gingen und mir eine Schneise öffneten, die ich mühelos passieren konnte.
Der eben noch interessante und äußerst spektakulär erscheinende Marktplatz hatte seinen Reiz verloren und war nach wenigen Sekunden nicht mehr und nicht weniger, als eine verblassende Erinnerung, der ich keinerlei Aufmerksamkeit mehr schenkte.
Ich Narr!
Aber meine Blicke galten niemand anderem mehr, als dem vor mir herum humpelnden Buckligen, der sich mit einer Geschwindigkeit bewegte, die ich ihm niemals im Leben zugetraut hätte.
Er brachte mich eine jener Gegenden von Hamburg, die ich weder mochte, noch jemals geschätzt hatte.
Tief waren hier die Schatten, und die dicht aneinander gebauten Häuser, erzeugten das Gefühl einer schüchtern beieinander stehende Herde, die kurz davor stand, in Panik auszubrechen. Die Lehmbauten, durch die sich oberschenkeldicke Balken zogen, waren dem meist nieselnden Wetter Hamburgs nicht gewachsen, und neigten sich bedrohlich dem Boden entgegen. Die Dächer sahen aus, als ob sie jeden Moment ihre Schindel verlieren würden, und der Boden war übersäht mit Kot, verdorbenen Speisen und anderen unappetitlich wirkenden Unart.
Hier würde sie mich erwarten!
Irgendwo!
Mich schüttelte es, und als meine Blicke den Buckligen folgten, wie dieser eine lose in den Angeln hängende Tür aufstieß, schlug mein Herz bis zum Hals, und die leisen, murmelnden Worte des beschwörenden Schamanen drangen mir wieder an die Ohren.
Zu laut!
Zu aufdringlich!
Mir gefiel das nicht, und ich bemerkte, wie sich meine Schritte verlangsamten und fast zum Erliegen kamen, als ich die Holztür ereichte, die mir wie ein Maul vorkam, das mich schlucken wollte.
»Komm«, hauchte der Bucklige. »Komm her!«
»Wo ist sie?«
»Oben!«
»Ich glaube dir nicht«, sagte ich schnell und wischte mir eine blonde Locke aus dem Gesicht, die mir bis zur Nase gefallen war.
»Dann lass es bleiben und erfahre nie, was Hydrona von dir will«, wieder kicherte der Bucklige. »Hast du dir denn jemals Gedanken darüber gemacht, was die gute Hydrona dir anbieten könnte?«
Ich sagte nichts.
Warum auch?
Das, was der Bucklige sagte, stimmte, und es würde weiterhin Gültigkeit haben; egal, wann und wo ich auf die Dienerin des Odins traf und krampfhaft versuchte, sie zu ignorieren und mein Schicksal so zu tragen, wie es für jemanden bestimmt war, der die Torheit besessen hatte, die alten Götter um einen Gefallen zu bitten.
Ich atmete kurz tief ein und war dann mit einem kurzen Schritt in die Dunkelheit verschwunden und fragte mich fieberhaft, wie es sein konnte, dass die jung anzusehende Frau, mit dem Plattenpanzer vor der Brust und dem Helm auf dem Kopf, sich an mich wand. Schließlich war ich es gewesen, der etwas von ihr, beziehungsweise ihrem Herren gewollt hatte.
Und jene, die in Walhalla lebten, interessierten sich nicht für die Sterblichen, die auf der Erde hausten und ihrer huldigten.
Was war geschehen?
Eine von Odins Launen?
Wollte er wieder jene quälen, denen er ein Geschenk gemacht hatte, ohne sie zu warnen, auf was sie sich einließen?
Ich vermutete es und stieß die aus Holz geschlagene Treppe empor und lauschte dem verdächtigen Ächzen und Stöhnen des guten Stückes und wartete nur darauf, dass ich jeden Augenblick in die Tiefe stürzen würde, um mich in einem Keller wieder zu finden, indem es vor Dreck, Feuchtigkeit und Fäulnis stank.
Die äußere Ruhe, die ich an den Tag legte, war nur gespielt und in diesem Augenblick dankte ich den Göttern dafür, dass sie mir ein Leben geschenkt hatten, indem man mehr als einer unangenehmen Situation gegenüber stand und aus diesem die Lehren zog, für die nächsten Abenteuer.
So wie jetzt!
Niemand solle in meiner Mimik lesen, geschweige denn erraten, was ich wollte oder dachte.
Deswegen blieb in meinem Gesicht alles starr, und als wir den ersten Stock des Gebäudes erreichten, sah ich, wie der Bucklige eine weitere Tür öffnete und sich leicht verbeugte.
»Hier hinein«, sagte er und grinste schief.
Ich sagte nichts und ging einfach an ihm vorbei.
Das Zimmer, welches sich vor mir ausbreitete, war gepflegt und sauber. Es überraschte mich, keinerlei Dreck der Straße zu sehen, geschweige den, die verbrauchte Luft atmen zu müssen, die immer dann entstand, wenn mehr als vier Menschen einen Raum bewohnten und keine Ahnung von Reinigung und Körperpflege hatten.
Hier war es anders.
Der kleine Tisch war mit einer leinenden Tischdecke bedeckt, und die beiden Stühle, die aus einem leichten Holz gefertigt waren, hatten anstatt eines weichen Kissens auf der Sitzfläche gespannte Polsterungen, die bläulich schimmerten.
Ich war überrascht und ließ meine Blicke weiter durch den Raum schweifen und blieb an einer Gestalt hängen, die die Hände im Rücken zusammengelegt hatte, und aus dem verhangenden Fenster zu schauen schien. Sie hatte etwas Bekanntes, so wie sie da stand, und meine Enttäuschung wuchs ins Unermessliche, als ich erkannte, dass es sich bei der Person im Raum um einen Mann handelte, anstatt um eine Frau. Ich schnaufte ärgerlich und stand kurz davor, mich auf der Stelle umzudrehen und den Ort des Betrugs wieder zu verlassen.
Als ob der Mann bemerkt haben musste, was ich vorhatte, sagte er mit leiser, vertrauter Stimme. »Bleib, Beowulf, ich habe mit dir zu sprechen!«
Das leichte Kerzenlicht, welches von einer Kerze stammte, die auf der Fensterbank gestanden hatte, und leicht flimmerte, hüllte den Mann vor mir ein, der mir bekannter war, als jeder andere Mensch auf dieser Erde!
Es war Björn!
Mein Bruder!
Ich schluckte, und verharrte.
»Du?« Fragte ich ärgerlich und gleichzeitig verwundert. »Aber ... aber ...«
Björn lachte leise, als er meinte. »Hab dich nicht so, Beowulf. Hast du denn niemals damit gerechnet, dass wir uns irgendwann wieder sehen?«
»Ich habe es mir oft gewünscht«, gab ich ehrlich zu und betrachtete die schwarze Kutte meines Bruders genauer, die er um seinen muskulösen Körper gelegt hatte. »Nur habe ich nie damit gerechnet, dass wir uns auf diese Art und Weise treffen würden.«
»Was für eine Art und Weise?«
»Aufgrund einer Lüge.«
»Ach so«, Björn lachte leise und drehte sich zu mir um. »Du meinst das Angebot, welches Hydrona dir machen möchte?«
»Was fragst du so blöde, Björn?« Sagte ich schnippisch und verdrehte die Augen, als ich in das Gesicht meines Bruders schaute, dass sich nicht ein Stück verändert hatte. Es hatte noch immer die typischen, markanten Formen. Das eckige Kinn stach spitz hervor, die runden Augen waren blau und kraftvoll, und die bei jeder Bewegung des Mundes hervorstechenden Wangenknochen, waren zu prägnant, um von dem Bart verdeckt zu werden, den Björn trug.
Er war wie ich!
Unsterblich!
Gefangen, in dem ewigen Kreislauf des Lebens und nicht fähig zu sterben.
Egal, was wir taten oder versuchten, wir leben weiter; ob nun mit einem Messer in der Brust oder Tollbären im Magen!
Es blieb immer das gleiche Spiel und es würde sich weiterdrehen.
Ich seufzte, als ich den Kopf schüttelte und nicht wusste, ob ich auf meinen Bruder zugehen sollte, oder nicht. Mir viel es schwer, um ehrlich zu sein, und mir war nicht gut bei dem Gedanken, dass Björn etwas in Schilde führte, was ich weder verstand noch hinterschauen konnte.
»Es ist ganz einfach«, sagte Björn und schritt auf den Tisch zu. »Sie wird uns erhören und uns das geben, was wir am meisten wollen.«
»Was hast du vor?« Fragte ich misstrauisch.
»Ich werde sie beschwören, und hier fesseln. Ich werde sie zwingen, den Fluch von uns zu nehmen, den sie auf uns gelegt hat, nachdem wir sie beschworen und ihr unsere Seele zum Fraß vorwarfen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das ist lächerlich, und das weißt du. Die alten Götter werden sich weder auf dein noch auf mein Spiel einlassen.«
»Verstehst du denn nicht, was ich vorhabe?«
»Nein!«
Björn schüttelte den Kopf. »Es wird ein Tausch geben. Ein Geschäft, wenn du so möchtest. Hydrona kann uns dieses nicht ausschlagen!«
»Sag endlich, was du möchtest!« Meine Stimme war rau, und die Furcht davor, noch tiefer in ein Schlamassel hineingezogen zu werden, welchem ich seit Jahren leid war, ließ mich vorsichtig werden und misstrauisch zu meinem Bruder schauen. Dieser hatte ein ehrliches und vielversprechendes Lächeln auf den Lippen, als er meinte. »Du hast die Hinrichtung gesehen?«
»Ich war da. Ja.«
»Dann weißt du auch, was mit dem Mann geschieht?«
»Er wird gehängt«, meinte ich leise und kniff misstrauisch die Augen zusammen.
»Oder auch nicht!«
»Bitte?« Meine Skepsis wuchs und ich konnte noch immer nicht verstehen, was Björn von mir wollte. Alles schien sich um mich herum zu drehen, und als ich ihn anschaute, wusste ich, dass er einen Plan ausgeheckt hatte, der schlimme Folgen für jemanden haben konnte, den ich noch nicht kannte.
»Er wird leben, sobald Gordon zurückkehrt.«
»Gordon?« Fragte ich misstrauisch. »Der Bucklige?«
»Eben der!«
Ich hatte nicht mitbekommen, dass sich der kleine, bucklige Mann zurückgezogen hatte, und mir war nicht klar gewesen, was für eine Aufgabe er in diesem Spiel hatte.
Nun begriff ich!
Es war logisch!
Natürlich, er war nicht weniger und nicht mehr, als ein Handlanger meines Bruders, ein Gehilfe, der durch seine Abnormität auffiel, und durch seine schrullige Art die Menschen erschreckte und dazu trieb, sich von ihm fernzuhalten.
Sie fürchteten das, was anderes war als sie, und sie begriffen nicht, dass es jene gab, die aussahen wie sie, aber grundlegend verschieden waren.
Ich seufzte und fragte leise. »Was hast du vor?«
»Lausche in die Stille Hamburgs, Beowulf, und du wirst es verstehen.«
Ich tat das, was Björn mir sagte.
Unbehagen ergriff mich, als ich nach wenigen Momenten des Schweigens laute Rufe hörte und das bellende Brüllen von Befehlen. Es schien, als ob sich um uns herum alles veränderte und die friedlich im Morgenlicht stehende Stadt sich in einen Vorhof der Hölle verwandelt hatte.
Schrille Pfiffe wehten mir entgegen, und das Klappern von Pferdehufen und schnell auftretenden Ledersohlen auf festen Grund, ließ mich schlucken und ahnen, was geschehen war.
Ich hatte zu oft diese Geräusche gehört.
Nicht in diesem gleichen Klang, aber genau das, was sie aussagten.
Jagende und fliehende Menschen!
Mir war schwindelig geworden und ich schaute zu Björn, als ich leise fragte. »Was hast du getan?«
»Ich rette uns beide!«
»Wie?«
»Komm, setz dich«, meinte er und zog den Stuhl zurück, und grinste, als er aus den Ärmeln seiner Kutte eine steinerne, kleine Platte hervorholte, die mit einer Art Keilschrift versehen war.
Noch nie hatte ich die Schrift der alten Schamanen lesen können; erst als das lutheranische Schriftbild Europa eroberte, hatte ich angefangen, mich mit der Kunst des Lesens und Schreibens auseinander zu setzen.
Alles schien so lange her ...
»Was ist das?«
»Der Handelsruf«, lächelte Björn. »Sie wird kommen, und sie wird meinen Vorschlag annehmen müssen.«
»Ich wünschte, ich könnte dir glauben. Denn ...«, meine Worte blieben mir im Hals stecken, als ich das Poltern hörte, das draußen, außerhalb des Zimmers, auf der Treppe erklang und mich daran erinnerte, wie ich die einzelnen Stufen hinauf geschritten war.
Und dann stand er vor uns!
Die Augen panisch aufgerissen, den Mund leicht geöffnet und auf den Lippen einen leichten Speichelfilm. Er schien verwirrt und konnte mit der neuen Situation weder etwas anfangen, noch sie begreifen.
Er stierte uns aus seinen blauen Augen an, und seine gefesselten Hände kneteten sich, als ob sie nach etwas bestimmen suchten. Mir war kalt geworden, als ich ihn und den Buckligen sah.
Nur Björn machte es anscheinend nichts aus.
Er lächelte, als er sich von seinem Platz erhob, und die kleine Tafel anhob, und leicht mit ihr winkte. »Wie schön dich hier zu sehen, tapferer Seemann.«
»Was ... was soll das?«
»Willst du nicht ewig leben?«
»Hä?« Machte er und taumelte einen Schritt zurück und dann wieder nach vorne. Der Hieb, den Gordon ihn versetzte, musste schmerzhaft gewesen sein, denn er verzog den Mund, und fiel beinah auf die Knie, hätte Björn ihn nicht aufgefangen.
»Willst du ewig Leben? Ja oder nein?«
»Natürlich!« Keuchte der Mann, der in unserer alten Heimatsprache redete, und in mir das Gefühl von Heimweh auslöste.
»Dann setz dich, und hilf uns, diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.«
Immer noch verwirrt und nicht Herr der Lage, kam der Nordmann auf den Tisch zu, an dem ich saß, und noch immer nicht wusste, was Björn vorhatte. Er verriet es auch nicht und begann sofort mit seltsamen Worten zu sprechen, die in meinen Ohren fremd und doch gleichzeitig vertraut klangen.
Vor zu langer Zeit hatte ich sie schon einmal gehört, und seit dem niemals wieder.
Jetzt aber, wo sie auf mich eindrangen, mir pulsierend unter die Haut fuhren, und hinter meiner Stirn ein Chaos anrichteten, welches ich weder verstand, noch glaubte begreifen zu können, stieg in mir die Angst auf, etwas falsch zu machen!
Mal wieder!
Denn schon einmal hatte uns diese Beschwörung ins Chaos gerissen und ich war der festen Überzeugung, dass es noch einmal geschehen würde.
Kälte breitete sich aus!
Sie kroch über mich hinweg, erfasste den Nordmann vor mir, der wie entsetzt zu Björn schaute und nicht begriff, was sich ihm hier zeigte.
Wie sollte er auch?
Er war vom Regen in die Traufe gekommen!
Das Erbarmen, welches sein Schicksal für ihn übrig gehabt hatte, war zu einem satirischen Witz auf seine Kosten geworden.
Der Mann wollte aufstehen!
Er schaffte es nicht!
Er war ebenso wie ich, an den Stuhl gefesselt, von einer Magie umgeben, die sich schlangenartig um uns gelegt hatte, und uns immer fester auf dem Platz drückte, auf dem wir saßen.
Björn kümmerte es nicht!
Er beschwor weiterhin die alten Götter und Helfershelfer dieser.
Etwas veränderte sich!
Es passierte plötzlich, so, als ob sich irgendwo ein Tor öffnete, durch das man in eine andere Welt schauen konnte, in die sterbliche nicht blicken durften; und wenn sie es doch taten, sich auf ein Wagnis einließen, welches schlimme Konsequenzen haben konnte.
Ich wusste das!
Ich hatte es schon einmal erlebt!
Und ich sah sie!
Schön, glatt und kalt!
Das scharmante Lächeln auf den vollen Lippen, und in den funkelnden Augen ein spöttisches Blitzen, und im Gesicht eine Arroganz, die man ihr am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte.
So stand sie vor uns.
Hochgewachsen, den schmalen Körper in einen Plattenpanzer gehüllt, in der rechten Hand einen Stoßspeer, der sie über einen Schritt überragte. Ihre blonden Haare vielen glatt unter dem Helm hervor auf ihre Schulter.
Hinter ihr, in dem violetten Schein Walhallas erkannte ich andere, neugierig blickende Gestalten, die sich anscheinend gestört fühlten, in ihrem Gelage; denn das, was auf uns einströmte, war die Abneigung und Abscheu allem menschlichen gegenüber und der offenkundige Hass auf jene, die es wagten, die Ruhe der Götter zu stören.
»Alte Bekannte, wie ich sehe«, wehte uns die Stimme Hydrona entgegen und ließ mich die Hand zur Faust schließen. »Und ein neues Gesicht!«
»Wir wollen dir einen Handel vorschlagen«, zischte Björn, und seine Stimme klang, als ob sie jeden Augenblick verstummen würde.
»Wie nett«, lächelte Hydrona gönnerhaft. »Und der wäre?«
»Die Freiheit leben zu dürfen, im Tausch gegen ein sterbliches Leben!«
»Wie interessant«, murmelte Hydrona und fixierte mit ihren Blicken den Mann, der auf seinem Stuhl saß und vor Schrecken den Mund nicht wieder schließen konnte.
Alles, woran er bisher geglaubt haben musste, war über den Haufen geworfen und der Schreck, der in seinen Gliedern saß, ließ ihn kein weiteres Wort sagen.
So erging es auch mir.
Ich fand es zu waghalsig!
Das, was Björn tat, war ein Himmelsfahrtkommando, welches uns mit Leichtigkeit in die Hölle katapultieren konnte.
Hydrona war eine Botin der Götter!
Ein hinterlistiges und egoistisches Wesen, das für niemanden auf der Welt etwas tat, ohne etwas dafür bekommen zu wollen.
Ich schluckte und versuchte mich zu erheben.
Es gelang mir nicht!
Ich war weiterhin gefesselt und schaffte es nicht, dass zu tun, was ich wollte.
»Er ist es sicherlich, den ich für Eure Sterblichkeit bekommen soll, oder?«
»Ja. Er ist es.«
»Er sieht stattlich aus«, bemerkte Hydrona. »Ein nettes Menschengeschöpf, wenn ich es so sagen darf. Und mehr als eure Sterblichkeit wollt Ihr nicht dafür?«
»Nein«, Björn schüttelte den Kopf.
»So sei es«, lächelte sie. »Ihr werdet sterben dürfen.«
Ich war fassungslos.
Das, was sich vor mir gerade abspielte, war nicht zu begreifen und ich war mir sicher, zu träumen.
Alles schien sich in einem leichten Hagel aus Freude zu verteilen und ließ mich einen Blick auf meinen Bruder werfen, der dastand, die Steintafel in den Händen, die Blicke ungläubig auf die Dienerin des Odin gerichtet.
»Wir ... wir danken dir.«
»Gern geschehen. Und du«, sagte sie schließlich zu dem Nordmann, der sich wie von Geisterhand berührt erhob und auf das geöffnete Tor zuging. »Wirst mich kurz begleiten. Walhalla wartet auf uns.«
»Wir danken dir.«
Hydrona lächelte nur und schaute uns an.
Der Bann fiel ab von mir, und ich fragte mich, ob es wirklich wahr war.
War ich wieder sterblich?
Wieder einer Wesen, die geboren worden waren, um am Ende ihres Lebens ins Reich der Toten und gefallenen Krieger einzugehen?
Ich schluckte.
Ich tastete mich ab und schaute zu Björn, der mich anlächelte, und meinte. »Wir haben es geschafft.«
»Dann ... dann dürfen wir sterben?« Fragte ich leise. »Bitte. Tue es!«
»Gordon!«
Dann ging ein Schlag auf mich nieder, der mich vom Stuhl riss und zu Boden schleuderte. Ich konnte gegen die plötzlich aufflammenden Schmerzen nichts unternehmen, und das höhnische Lachen Hydrona bohrte sich in mein Gemüht wie ein Donnerschlag beim Gewitter.
Ich wusste nicht, womit Gordon mich niedergeschlagen hatte, oder wie er versucht hatte, mich zu töten.
Dass der Schlag Lebende schneller auslöschte, als ihnen lieb sein konnte, wusste ich, und mir war schlecht, als ich die Augen öffnete.
»Aber ...«, flüsterte ich und kam nicht weiter, als Björn brüllte. »Du hast uns angelogen. Du elendes, verräterisches Miststück! Du ...«
»Hüte deine Zunge, Björn!«, donnerte Hydrona . » Niemand hat hier gelogen! Ich habe dir das gegeben, was du wolltest. Sterblichkeit!«
»Warum lebt mein Bruder dann noch?«
»Weil er noch unsterblich ist!«
»Aber ... warum?«
»Du hast nicht klassifiziert, wann du wieder sterblich sein möchtest. Sondern nur, dass du es wieder sein willst. Dem habe ich zugestimmt.«
»Nein ... das ...«, Björn brach ab, als das höhnische Lachen Hydrona ihm entgegen wehte, und sich der magische Riss schloss, den er geöffnet hatte.
Björn hatte einen Fehler begannen.
Einen großen.
Und ich war derjenige, der mit darunter litt ...
Ende
© Thomas Tippner