Samstag - Waschtag. In den siebziger Jahren wenig komfortabel, weil wir noch keine Maschine mit Spülfunktion und Schleuder hatten. Meist arbeiteten wir vier Mädels, nämlich Mutter, Großmutter und wir zwei Schwestern Hand in Hand. Dreimal spülen, auswringen mit der großen Standschleuder wenigstens etwas Wasser loswerden und Wäsche aufhängen beanspruchten nicht gerade wenig Zeit. Immerhin waren wir fünf Personen im Haushalt.
Auch heute wartete die alte Schwarzenberg-Waschmaschine schon darauf, mit weißer Kochwäsche bestückt zu werden. Mutter hatte bereits alles vorsortiert. Nun stopfte sie lange warme Herren-Unterhosen, Unterhemden, Taschen- und Geschirrtücher, sowie die restliche Unterwäsche in die Trommel, nebst allem anderen, was sonst noch hell und kochfest war.
Mit geübtem Griff schloss sie die Verriegelung der Waschtrommel, den Deckel der Maschine und schaltete sie an.
Dann hieß es warten. Zwischendurch ein argwöhnischer Blick in das Bad, ob der Schaum nicht unterm Deckel hervorquoll, wie es immer wieder einmal vorkam.
Erleichtertes Aufatmen, diesmal blieb alles ruhig.
Irgendwann war die alte Rumpel endlich fertig. Mutter öffnete den Deckel, griff nach dem Rührholz, um die kochend heiße Wäsche ans Tageslicht zu befördern. In der Badewanne wartete schon das kalte Wasser für den ersten Spülgang.
Mutter stocherte also in der Waschlauge herum, bekam etwas mit dem Rührholz zu fassen, hob es langsam und vorsichtig hoch, um sich nicht zu verbrühen.
In ungläubigem Staunen riss sie die Augen auf.
Was da zum Vorschein kam war mitnichten weiß. Auf dem Holz hing ein Wirrwarr aus äußerst kräftig rosa leuchtender Wäsche. Barbie wäre glatt neidisch geworden.
Vater war weniger erfreut, als er seine Unterhosen und Hemden so zu Gesicht bekam.
Tapfer fischte Mutter die letzten Wäschestücke aus der Brühe und förderte dabei den Verursacher der ganzen Aufregung zu Tage - eine dunkelrote Schlafanzugjacke, die unbemerkt mit in die Trommel geschlüpft war. Das Corpus Delicti selber hatte den Kochgang bestens überstanden, nichts von seiner Leuchtkraft eingebüßt und war makellos dunkelrot geblieben.
Wie wir auch spülten und schrubbten, die ganze ehemals weiße Waschladung blieb strahlend rosa. Also hängte Mutter wohl oder übel alles hinter dem Haus auf mehrere Wäscheleinen zum Trocknen.
Genauer betrachtet gefiel uns die neue Farbe sogar. Nicht ein Wäschestück sah verfärbt aus, so gleichmäßig war der Farbton geworden.
Nur Vater war und blieb sauer. »Ich zieh doch keine rosa Wäsche an!«
Verständlich.
Meine Schwester sah die praktische Seite. »Kein Problem ich nehme es als Schlafanzug.« Na wenigstens kam nichts um. Gut so.
Nach etwa einer Stunde ging Mutter in den Garten, um den Trocknungsgrad der Wäsche zu prüfen.
Kichernd lief sie wieder ins Haus zurück. »Ihr glaubt ja nicht, was mir gerade passiert ist! Die Nachbarin guckte über den Zaun und fragte: ›Sie haben wohl einen Vertrag mit der Färberei bekommen?‹ Ich habe sie in dem Glauben gelassen.«
Herrlich!
Am späten Nachmittag kam Großmutter von ihrer Freundin oder wie wir immer sagten: »Tratschtante«. Sie blieb stehen, nahm die Sonnenbrille ab, setzte sie wieder auf, nahm sie noch einmal ab und putzte sie, setzte sie wieder auf und starrte auf die Wäscheleinen. Dann kam sie kopfschüttelnd ins Haus.
»Erika, die Wäsche sieht ganz rosa aus.«
Mutter schaute aus dem Fenster. »So? Sieht doch aus wie immer.«
Großmutter wandte sich an Vater: »Wolfgang, die Wäsche ist doch rosa - oder?«
Vater sah ebenfalls zum Fenster hinaus. »Rosa? Wo denn?«
Völlig verunsichert wandte sich Großmutter nun an meine große Schwester. »Ist die Wäsche wirklich nicht rosa?«
Karin im Brustton der Überzeugung: »Nein. Da ist nichts rosa.«
Großmutter schaute noch einmal aus dem Fenster, drehte sich wütend um und stampfte mit dem Fuß auf.
»Der verfluchte Augenarzt! Hat er mir die falschen Tropfen verschrieben!«
Das Gelächter war kaum zu überbieten.
Dass sie uns den Scherz jahrelang übel genommen hat, steht auf einem anderen Blatt.