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Stories - Terror in L.A.

Cotton L.A.
Terror in L.A.

von
A.F. Morland

mit einem Vorwort von
Peter Thannisch

Abdruck mit freundlicher Zustimmung der Verlagsgruppe Lübbe.
© by Verlagsgruppe Lübbe und Autor.
Alle Rechte der Serie "Cotton L. A.", inklusive der Figuren liegen bei Verlagsgruppe Lübbe.

Wir bedanken uns bei Fritz Tenkrat und Dr. Florian Marzin (für die Verlagsgruppe Lübbe) für die Erlaubnis des nichtkommerziellen Abdrucks dieses Romans.

Die Redaktion

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Vorwort

Der vorliegende Roman wurde ursprünglich für die von BASTEI geplante Serie "Cotton L.A." geschrieben, die leider niemals erschien. Der Roman "Terror in L.A." wurde zwar seinerzeit von BASTEI aufgekauft, sollte aber niemals in der vorliegenden Fassung erscheinen, da er den modernen Stil der Serie "Cotton L.A.", die sich verstärkt an ein jugendliches Publikum richten sollte, nicht traf und wegen seiner rüden Mischung aus Sex und Gewalt von der Redaktion nicht freigegeben wurde. Damit ist dieser Roman leider weder beispielhaft für die Cotton-Serie an sich noch für die damals geplante Serie "Cotton L.A." Viele der damals für die Serie "Cotton L.A." geschriebenen Romane wurden später von den Autoren für die Serie "Jerry Cotton" umgeschrieben, so zum Beispiel "Zwei Männer namens Cotton" oder "Wir jagten Doktor Ewigkeit", und fanden bei den Lesern großen Zuspruch.

München, im Juli 2006
Peter Thannisch

 

Terror in L.A.

Als die Pumpgun in der Bank Feuer und Blei spie, tippte Will Cotton im Foyer gerade seinen Pin Code in den Automaten, um seinen aktuellen Kontostand abzufragen.
"Oh, Scheiße", knurrte er, und das galt sowohl den Zahlen auf dem Monitor als auch dem Kerl, der sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für seinen Coup hätte aussuchen können. Sämtliche Kunden und auch alle Bankangestellten klebten wie Abziehbilder am Boden. Keiner wagte sich zu bewegen, und der uniformierte Sicherheitsbeamte, der den Räuber mit der Waffe in der Hand am Verlassen der Bank hatte hindern wollen, blutete mit schmerzverzerrtem Gesicht still vor sich hin.
Der Gangster trug einen knöchellangen Regenmantel, eine riesige Sonnenbrille und einen falschen Bart. Regenmantel und Sonnenbrille - ein echtes Kontrast-Outfit. Die Beute befand sich in tiefen eingenähten Taschen. Dicke Banknotenbündel schlugen bei jedem Schritt gegen die Beine des Fliehenden, dem sich Cotton entschlossen in den Weg stellte.
Der Bankräuber stoppte irritiert.
"Ist 'ne saudumme Situation", sagte Cotton als würde er's bedauern. "Ich kann dich unmöglich rauslassen, Kumpel."
Der Maskierte legte auf ihn an. Cotton trat ihm die Pumpgun aus den Fingern, drehte sich blitzschnell um die eigene Achse und traf den Verbrecher mit dem Absatz seiner Military-Boots mitten im Gesicht.
Die Sonnenbrille brach, und der Vollbart fiel wie ein toter struppiger Hund auf den Boden. Die Visage eines Mannes zwischen dreißig und vierzig kam zum Vorschein. Nicht gerade Brad Pitt, aber er konnte sich sehen lassen.
Das einzige, was störte, war eine gezackte rote Narbe an der linken Wange. Cotton brachte die Nase des Bankräubers mit einem Kopfstoß zum Bluten.
Der Mann ging zu Boden und brachte sich vor Cottons vorschnellendem Stiefel in Sicherheit, indem er sich geistesgegenwärtig zur Seite wälzte.
Und dann blitzte zum erstenmal seine Gefährlichkeit auf. Die Pumpgun befand sich einen halben Meter neben ihm. Er erkannte sogleich seine Chance, drehte sich noch einmal herum, schnappte sich die Waffe - und das Girl, das totenbleich daneben lag. Ehe Cotton es verhindern konnte, riß der Gangster das magere Mädchen hoch. Er preßte ihr die riesige Mündung unters Kinn, und Cottons Kopfhaut zog sich bei der Vorstellung, was passieren würde, wenn der Kerl abdrückte, schmerzhaft zusammen.
"O Gott", schluchzte das zitternde Mädchen. "O Gott, nein!"
"Weg da?" blaffte der Gangster.
Cotton rührte sich nicht von der Stelle.
"Bitte", flehte das Mädchen, "tun Sie, was er sagt!" Die Todesangst grub ihr tiefe Falten ins blutleere Gesicht.
"Weg da!" stieß der Verbrecher noch einmal hart und ungeduldig hervor.
Cotton bewegte sich langsam zur Seite. "Ist nicht gut, was du da abziehst, Kumpel", sagte er kopfschüttelnd. "Gefällt mir ganz und gar nicht."
"Auf das, was dir gefällt oder nicht gefällt, wird geschissen", bekam er unwirsch zur Antwort.
Der Gangster bewegte sich wachsam an ihm vorbei, und das angstschlotternde Girl trippelte auf Zehenspitzen mit ihm. Wenn Cotton nur einmal zuviel mit der Wimper gezuckt hätte, wäre die Geisel tot gewesen. Er wußte das und unternahm vorläufig nichts. Er haßte Situationen wie diese, haßte es, zur Untätigkeit verdammt zu sein, aber er mußte sich fügen.
Kaum war der Bankräuber draußen, eilte Cotton zu dem verletzten Sicherheitsbeamten. "Hat es Sie böse erwischt?"
"Ich werd's überleben...", ächzte der Uniformierte. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. Blut glänzte an seinen Fingern, die er gegen seinen Leib preßte. "Dieser gottverdammte Mistkerl..."
Der Filialleiter kam ängstlich aus der Versenkung hoch.
"He!" rief Cotton. "Rufen Sie einen Krankenwagen!"
Der Mann sah ihn an, als hätte er ihn nicht verstanden.
"Nun machen Sie schon!" rief Cotton. "Einen Krankenwagen!"
Jetzt erst reagierte der Filialleiter. "Ja... Ja..."
Vor der Bank stand ein offener Geländewagen. In diesen mußte die Geisel steigen. Das Mädchen bewegte sich wie eine schlecht geführte Marionette.
Sie rechnete damit, diesen Tag nicht zu überleben, das sah man ihr an. Der Gangster brauchte sie nicht weiter mit der Waffe zu bedrohen.
Sie war ohnedies starr vor Angst, hockte wie gelähmt auf dem Beifahrersitz und konnte nicht einmal den Kopf nach links oder rechts drehen.
Der Bankräuber schwang sich hinter das Lenkrad, startete den Motor und brauste los. Er hätte beinahe einen verrückt lackierten Buick gerammt.
Der Fahrer mußte scharf bremsen und drückte wütend auf die Hupe.
"Leck mich!" schrie der Gangster und gab wild Gas.
Die Hupe plärrte noch, als Cotton aus der Bank kam, in der es für ihn zwei unerfreuliche Begegnungen gegeben hatte: Jene mit seinem schwachbrüstigen Konto und jene mit diesem skrupellosen Verbrecher.
Er rannte zu seinem Wagen und nahm die Verfolgung auf. Jeder andere FBI-Agent hätte über Funk Unterstützung angefordert. Cotton nicht. Er brauchte keine Hilfe. Er konnte sich den Kerl auch allein schnappen. Sein Wagen schoß mit dröhnendem Motor am Buick vorbei. Er hatte das Geländefahrzeug noch nicht aus den Augen verloren.
Der Gangster überholte einen roten Stingray, einen blauen Toyota und einen weißen Mitsubishi, bog nach einem Kilometer scharf links ab und nahm Kurs auf Santa Monica.
Cotton blieb dran, und da ihm der schnellere Wagen zur Verfügung stand, holte er auch stetig auf. Das machte den Fliehenden natürlich nervös.
Er erhöhte das Risiko, um den lästigen Verfolger abzuhängen. Es gelang ihm nicht. Was immer er anstellte, Cotton (dessen Onkel - ebenfalls G-man - mal gesagt hatte, er hätte nicht zum FBI gehen, sondern Stuntman werden sollen) hielt bei jeder noch so tollkühnen Action mit. Kurz vor Santa Monica schlug der Gangster abermals einen Haken und hielt auf Venice zu, und als der Geländewagen Marina Del Ray erreichte, kam ihm ein riesiger Schutzengel zu Hilfe.
Der Engel, der kein Engel, sondern eine dreißig Meter lange blütenweiße Segeljacht war, schob sich auf einem sechsrädrigen Tieflader zwischen das Fluchtauto und den Verfolgerwagen. Das prächtige Schiff sollte im Calif Yacht Club zu Wasser gelassen werden.
Im Moment sah es allerdings danach aus, als würde es dazu nicht kommen, denn Cotton raste direkt auf die Mitte des schneeweißen Rumpfs zu. Sein Wagen glich einem Torpedo, der abgefeuert worden war, um die Traumjacht zu versenken, bevor sie den Hafen erreichte.
Er rammte den Fuß aufs Bremspedal und wirbelte das Lenkrad herum. Sein Wagen stellte sich quer und rutschte mit rasch abnehmender Geschwindigkeit auf den Tieflader zu.
Die Wucht des Aufpralls war aber immer noch heftig genug, um Cotton spüren zu lassen, daß er einen Totalschaden gebaut hatte. Sein Wagen verformte sich, als wäre er in eine Schrottpresse geraten.
Front- und Heckscheibe flogen aus dem Rahmen, und Cotton hatte das ziemlich schmerzhafte Gefühl, ein gewaltiger Pferdehuf hätte seine Rippen getroffen.
Endstation.
An eine Fortsetzung der Fahrt war nicht zu denken. Daran änderte auch Cottons wüster Fluch nichts, den er ausstieß, während er zornig auf das Lenkrad schlug.

Zach Hogan, der Bankräuber, grinste höhnisch. Endlich war er diesen Verrückten los. Daß der Bursche nicht ganz dicht war, stand für ihn fest. Kein normaler Mensch stellte sich unbewaffnet einem Mann in den Weg, der eine Pumpgun in seinen Händen hielt und bereits bewiesen hatte, daß er entschlossen war, sie auch zu gebrauchen.
Es ärgerte Hogan, daß er den Burschen unterschätzt hatte. Er hatte geglaubt, es würde reichen, die Waffe auf ihn zu richten, doch der Idiot hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Angegriffen hatte er ihn sogar, und um ein Haar wäre es dem Bastard gelungen, seinen Coup zu vereiteln. Ich hätte ihn niederschießen sollen wie den Sicherheitsmann, dachte Hogan grimmig, während er auf den Ballona Creek zufuhr.
Am Coral Tree Place würde er das Fahrzeug wechseln, aber zuvor mußte er seine Geisel loswerden. Er streifte das bleiche Girl mit einem raschen Blick.
Sie war halb tot vor Angst. Das hatte ihr der Junge eingebrockt. Hogan hätte keine Geisel gebraucht, wenn der Geistesgestörte ihm nicht in die Quere gekommen wäre.
Er hielt den offenen Geländewagen am Ballona Creek an. "Raus!" bellte er.
Das magere Mädchen sah ihn entsetzt an. "Bitte tun Sie mir nichts!" flehte sie mit weinerlicher Stimme.
"Mach, daß du aus dem Wagen kommst!"
"Sie - Sie werden auf mich schießen..."
"Ich werde auf dich schießen, wenn du nicht in zehn Sekunden neben dem Wagen stehst!" machte Zach Hogan ihr klar.
Es zuckte unkontrolliert in ihrem Gesicht. "Bitte tun Sie's nicht", wimmerte sie. "Ich mache alles, was Sie wollen, alles..."
Hogan bleckte die Zähne und musterte sie abschätzig. "Ich bin nicht interessiert, Bohnenstange. Du bist mir zu mager." Um sie zum Aussteigen zu bewegen, legte er die Hand auf die Pumpgun. Sie flitzte aus dem Fahrzeug, als hätte sie auf einem Schleudersitz gesessen.
Sobald sie draußen war, fuhr er weiter. Sie sackte zusammen, setzte sich auf den Boden, bedeckte ihr fahles Gesicht mit den Händen und weinte sich ihre Todesangst von der Seele. Hogan erreichte den Coral Tree Place. Der Geländewagen war gestohlen. Hier stand nun sein eigener Wagen. Er legte die Pumpgun in den Kofferraum, öffnete einen Aluminiumkoffer und füllte ihn mit den geraubten Banknotenbündeln.
Anschließend warf er den Regenmantel in das offene Fahrzeug, das ihm gute Dienste geleistet hatte, und verfrachtete sich in seinen Wagen.
Vorsichtig betastete er seine Nase, die inzwischen aufgehört hatte zu bluten. Sie war geschwollen und tat weh. Und sie war so rot wie die eines geeichten Säufers, wie er im Spiegel feststellte.
"Arschloch!" knurrte Hogan böse. "Sollten wir uns noch mal begegnen, bist du dran!"


Nachdem man eine Menge Schrot aus dem Sicherheitsmann geholt hatte, befand er sich auf dem Weg der Besserung, und es stand inzwischen fest, daß dem Bankräuber sechzigtausend Dollar in die Hände gefallen waren.
In dem hohen Glas-Beton-Kasten am Wilshire Boulevard wiegte Porfirio "Pogo" Gonzales, ein siebenundzwanzigjähriger schwarz gelockter Latino, den Kopf und sagte zu Cotton: "Du hast die Kacke mal wieder zum Dampfen gebracht."
"Ich?" Will Cotton sah seinen Kollegen unschuldig an. "Wieso?"
"Du weißt schon..."
"Ich habe die Bank nicht überfallen", verteidigte sich Cotton. "Ich wollte lediglich wissen, wie viele Bucks sich auf meinem Konto befinden - und da erlebte ich eine ziemlich herbe Enttäuschung."
Pogo Gonzales griente. "Du darfst eben nicht mehr Geld ausgeben, als du verdienst."
Cotton nickte und wies mit dem Zeigefinger auf den Kollegen. "Ist'n brauchbarer Tip. Den werd' ich mir merken."
Lincoln "Lina" Abraham erschien hinter Cotton. "Hast du'n bißchen Zeit für den Chef, Bruder?" fragte der Schwarze.
"Aber immer", nickte Cotton.
Lina Abraham, zwei Jahre älter als Cotton, deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die dieser sich begeben sollte. "Dann geh mal zu ihm."
"Wie ist die Stimmung?"
"Oh, ich denke, Steel wird dir bloß ein bißchen den Kopf abreißen."
"Das bin ich gewöhnt."
"O'Hara ist bei ihm", sagte Abraham.
Gonzales feixte. "Weil bekanntlich ein Unglück selten allein kommt."
"Gehen wir nach Dienstschluß einen kippen?" fragte Cotton seine beiden Kollegen.
"Sprichst du von 'nem Elch-Test auf dem Sunset Strip?" erkundigte sich Pogo Gonzales.
"Ich spreche von 'nem gepflegten Bourbon on the rocks", gab Cotton zurück.
Lina Abraham lachte. "Den kannst du dir gleich direkt in den Hals schütten, nachdem Steel und O'Hara deine Birne fachgerecht abmontiert haben."
Cotton suchte furchtlos das Büro auf, in dem er erwartet wurde. Er war sich keiner Schuld bewußt, hatte getan, was er tun mußte.
Mrs. Wainwright, die Sekretärin des SAC - Special Agent in Charge - Richard Steel, warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. Sie würde sich wohl nie an sein mehr als saloppes Äußeres gewöhnen. "Krawatte", sagte sie streng.
"Was ist damit?"
"Sie hängt schief."
"Oh. Entschuldigung." Cotton richtete das seiner Ansicht nach überflüssigste Kleidungsstück, das es gab, gerade. "Aber das Design ist okay, ja?" Das Muster bestand aus vielen kleinen lüstern kopulierenden Sauriern, aber das war nur bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen.
Mrs. Wainwright nahm die obszönen Szenen nicht wahr. Sie stellte lediglich fest, daß die Farbzusammenstellung auf dem Schlips an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen war. Mit nunmehr gerade hängender Krawatte betrat Cotton das Büro des Chefs, das dem Oval Office des Weißen Hauses stark nachempfunden war. Oder hieß der Raum neuerdings Oral Office? SAC Richard Steel saß an seinem Schreibtisch, ein achtundvierzigjähriger Schwarzer mit einigen wenigen grauen Fäden im Haar. Neben ihm stand ein athletisch gebauter, breitschultriger und durchtrainierter Mann - Neil O'Hara, der Kotzbrocken des Hauses.
Mit ihm auszukommen, war nicht nur für Cotton (aber für ihn ganz besonders) ein Ding der Unmöglichkeit. Auch Cottons Kollegen gerieten sich mit dem irischen Dickschädel immer wieder in die Wolle.
Der Inspector, der nach eigener Aussage nicht geliebt, sondern respektiert werden wollte, war gewissermaßen die hauseigene Kontrollinstanz und machte in dieser Funktion allen mit unverständlichem Eifer das Leben schwer. Cotton hätte den Rotblonden ignoriert, wenn es möglich gewesen wäre, aber das ließ der strenge und unleidliche Inquisitor - viele empfanden ihn als solchen - nicht zu.
Cotton baute sich vor dem Schreibtisch auf. Kein Muskel regte sich in seinem kantig-markanten Gesicht. Sein schwarzes Haar war am Morgen zum ersten und zum letzten Mal gekämmt worden. Er fand, daß das reichte und daß er nicht übel aussah.
"Sie wollten mich sprechen, Sir", sagte er zu Steel. Er nickte in O'Haras Richtung: "Inspector."
Neil O'Hara maß ihn tadelnd. Von allen jungen Agenten mochte er diesen Hitzkopf am allerwenigsten. "Sie werden nicht alt bei uns, Cotton", sagte er rauh.
Cotton setzte ein entwaffnendes Lächeln auf. "Ich kann mich nicht entsinnen, einen schriftlichen Antrag auf Versetzung eingereicht zu haben."
"Sie brauchen nicht versetzt zu werden", behauptete O'Hara mit erhobener Stimme. "Man wird Sie früher oder später entweder umlegen - oder Sie werden sich mit Ihrer ungestümen, verantwortungslosen und geradezu sträflich leichtsinnigen Art selbst das Leben nehmen."
Cotton reckte dem Inspector sein Kinn entgegen. "Was haben Sie mir konkret vorzuwerfen?"
"Sie versuchen mit bloßen Händen einen bewaffneten Bankräuber aufzuhalten..."
Cotton grinste. "Ich hätte es beinahe geschafft."
"Sie zwingen den Gangster mit Ihrem unüberlegten Eingreifen, eine Geisel zu nehmen, preschen hinter ihm - sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährdend - durch die Stadt, als hätten Sie die Tollwut, und verwandeln zu guter Letzt ein nahezu fabrikneues FBI-Fahrzeug in ein irreparables Wrack."
"Der Mann, der die Segeljacht zum Hafen brachte, hat nicht aufgepaßt."
"Haben Sie Verstärkung angefordert?"
"Sie wissen, daß ich es nicht getan habe."
O'Hara schlug mit der Faust auf Steels Schreibtisch und brüllte: "Verdammt noch mal, warum nicht?"
Cotton brüllte nicht zurück. Er blieb ruhig. "Ich hatte keine Hilfe nötig."
O'Hara drehte sich zum Fenster um, als wollte er in die Stadt hinausschreien: "Er wäre beinahe in den Tod gerast, der Bankräuber ist ihm entkommen, aber er hatte keine Hilfe nötig!"
Der SAC hatte bis jetzt nichts gesagt. Nun meinte er - wesentlich leiser als Neil O'Hara: "War nicht besonders klug, wie Sie vorgegangen sind, Will."
"Ich habe mein Bestes gegeben, Sir", sagte Cotton.
Richard Steels Miene verfinsterte sich. "Sie wissen, was ich von Alleingängen halte."
"Ich wußte nicht, daß ich zum Abfragen meines Kontostandes auch einen Partner mitnehmen muß, Sir."
O'Hara wirbelte herum und starrte dem jungen Agenten wütend in die Augen. "Verdammt, Cotton, machen Sie sich hier nicht über uns lustig! Sie haben Mist gebaut! Wenn Sie nicht so überheblich gewesen und sich so maßlos überschätzt hätten, wenn Sie nicht geglaubt hätten, Superman zu sein, hätte dieses Mädchen keinen Nervenzusammenbruch erlitten, Ihr Wagen wäre noch in Ordnung, das Geld wäre wieder da, wohin es gehört, und der Räuber säße hinter Gittern!"
"Er wird sitzen", sagte Cotton zuversichtlich zu O'Hara. "Verlassen Sie sich drauf. Und ich hole auch die Beute zurück." Er wandte sich an Richard Steel. "Liegt sonst noch was an, Sir?"
Der SAC schüttelte den Kopf. "Das wäre im Augenblick alles."
"Darf ich gehen, Sir?"
Steel nickte.
Cotton nahm schlampig Haltung an. "Sir. Inspector." Er machte auf den Hacken kehrt und verließ das Büro.
"Na, wie war's?" wollte Pogo Gonzales gleich darauf wissen.
"Ganz nett", behauptete Cotton.
Lincoln Abraham lachte. "Sein Kopf ist noch dran."
"Was wollten sie von dir?" erkundigte sich der Latino.
Cotton zuckte mit den Achseln. "Sie haben mich zum Baseball eingeladen."
"Und?" fragte Pogo.
"Ich habe abgelehnt", sagte Cotton.


Zach Hogan feierte den geglückten Coup sehr ausgiebig mit seiner blonden Freundin Polly Holliday. Sie gingen zuerst schick essen, und anschließend zogen sie von Bar zu Bar. Im vierten Lokal gab es Troubles. Einer, der glaubte, jede Frau haben zu können, schmiß sich an das gut gebaute Girl ran, während Hogan auf der Toilette war.
Der freche Kerl machte ihr ein eindeutiges Angebot, und sie scheuerte ihm daraufhin eine. Das konnte er vor seinen schadenfroh grinsenden Freunden natürlich nicht so einfach hinnehmen. Er schlug sie ebenfalls - und der zurückkehrende Hogan bekam das mit. Seine Hand landete hart auf der Schulter des Westentaschen-Casanovas.
Er riß ihn kraftvoll herum und pflanzte ihm die Faust mitten ins Gesicht. Wie vom Blitz getroffen fiel der Mann um und regte sich nicht mehr.
Hogan legte Geld auf den Tresen und sagte zu Polly: "Komm, laß uns gehen."
Niemand hinderte sie am Verlassen des Lokals. Draußen fiel Polly ihrem Freund lachend um den Hals. Sie war schon ein wenig beschwipst.
"Du warst großartig, Zach", sagte sie und küßte ihn wild. "Ein Schlag genügte - und das Problem war gelöst." Sie preßte sich an ihn. "O du mein starker, furchtloser Beschützer, ich liebe dich." Sie rieb ihren Schoß an seinem Schenkel. "Das eben Erlebte hat mich unheimlich scharf gemacht", raunte sie ihm ins Ohr. "Ich möchte mit dir schlafen."
Er grinste. "Gleich hier?"
"Zu Hause." Sie winkte einem Taxi. "Ich möchte deine animalische Kraft in mir spüren."
Er nickte. "Ich denke, das läßt sich bewerkstelligen."
Das Taxi hielt. Sie stiegen ein - und zehn Minuten später waren sie daheim. Polly zog sich sofort aus. Als sie nackt vor ihm stand, sah er sie an, als würde sie sich ihm zum erstenmal unverhüllt präsentieren.
Sie hatte feste, üppige Brüste mit handtellergroßen dunklen Höfen um die steif gewordenen Warzen. Ihr Bauch war wunderbar flach, ihre Taille schmal.
Sein Blick saugte sich am blonden Flaum ihres Schoßes fest, und er bemerkte heiser: "Mädchen, du bist heißer als ein Sonnenbrand."
Sie öffnete seine Hose. Ihre schlanke Hand glitt hinein. "Komm", flüsterte sie ungeduldig. "Komm, laß uns Liebe machen."


Nachdem das Videoband der Überwachungskamera ausgewertet worden war, sagte Cotton zu Donna Sullivan, seiner schönen Partnerin: "Ich hab ja doch richtig gehandelt - wenn Steel und O'Hara das auch ander sehen." Er saß mit gelockertem Krawattenknopf und geöffnetem Hemdkragen an seinem Schreibtisch und hatte die Beine hochgelegt.
Donna, wie immer aus dem Ei gepellt, schüttelte den Kopf. "Du bist ein unverbesserlicher Raufbold."
"Bin ich nicht", widersprach Cotton. "Ich schlage mich nie ohne Grund."
Die brünette Agentin trug ein schlichtes Khakikostüm, das ihre phantastische Figur sehenswert modellierte. Wenn Donna sich in der Horizontalen mit ihm hätte vergnügen wollen, hätte er ganz sicher nicht nein gesagt.
Sie verdrehte seufzend die Augen. "Womit habe ich dich als Partner verdient?"
Er grinste breit. "Ich nehme an, du warst sehr brav, und sie wollten dich belohnen."
"Sie haben mich nicht belohnt, sondern bestraft."
Cotton hob die Hände und meinte salbungsvoll: "Ich vergebe dir, weil ich weiß, daß du nicht wirklich meinst, was du sagst."
"Ich meine jedes einzelne Wort so, wie ich es sage."
"Ich vergebe dir trotzdem", erwiderte Cotton großherzig.
Donna gefiel ihm ausnehmend gut. Sie hatte Rasse und Klasse, war die hübscheste FBI-Agentin, die ihm je begegnet war. Jedenfalls bis jetzt.
Im Gegensatz zu ihm kam sie aus der High Society und hatte einen entsprechend wohlhabenden Verlobten. Sie hätte nicht zu arbeiten brauchen.
Es hätte genügt, zu heiraten und ein, zwei Kinderchen zu kriegen, dann wäre sie für den Rest ihres Lebens bestens versorgt gewesen, aber das war nicht ihr Ding. Sie wollte auf ihren eigenen wohlgeformten Beinen stehen und nicht von einem Mann abhängig sein, den sie - vielleicht - nicht genug liebte, um mit ihm alt werden zu können. Cotton wußte, daß Donna ihn mochte. Da war manchmal ein Blick - eine Geste - ein Wort... O ja, sie fand ihn sympathisch und attraktiv, wenn sie das auch niemals zugegeben hätte.
Er war der Ansicht, daß man gut daran getan hatte, ihn mit ihr zusammenzuspannen, denn sie ergänzten einander - bei allen Gegensätzlichkeiten (die sie nicht trennten, sondern verbanden) - ganz hervorragend.
Sie waren ein erstklassiges Team, zu großen Taten befähigt. Sie würden noch viel von sich reden machen, davon war Cotton überzeugt. Und wenn er Donna mal auf dem falschen Fuß erwischen sollte, würde sie fallen. Zuerst in seine Arme - und dann in sein Bett.
Der Gedanke gefiel ihm. Er lächelte.
"Warum grinst du so dreckig?" wollte Donna wissen.
"Oh, mir ist da nur was Nettes eingefallen."
"Du hast an Sex gedacht."
"Woher weißt du?"
"Das lüsterne Leuchten deiner Augen hat es mir verraten."
Cotton schmunzelte. "Ich sollte Sonnenbrillen tragen."
Donna sagte: "An Sex mit wem?"
"Wie, bitte?"
"Du hast an Sex gedacht. An Sex mit wem?"
Cottons Grinsen reichte von Ohr zu Ohr. "An Sex mit dir, Baby. Wenn in meinem Kopfkino so ein heißer Film abläuft, bist immer du meine reizvolle Partnerin."
"Ferkel."
Cotton lachte. "Du weißt ja nicht mal, was wir angestellt haben."
"Ich kenne deine schmutzige Phantasie." Donna wechselte das Thema, bevor der Boden allzu schlüpfrig wurde. "Wieso bist du so sehr davon überzeugt, in der Bank richtig gehandelt zu haben?" wollte sie wissen.
Cotton deutete auf die vielen Fotos, die unordentlich über seinen Schreibtisch verstreut lagen. Man hatte sie vom Video-Tape gezogen.
Die Bilder zeigten ihn in voller Aktion.
"Wieso erinnern mich diese Aufnahmen an die vielen Prügelfilme von Bud Spencer und Terence Hill?" fragte Donna.
Cotton zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Sag du es mir."
Donnas Blick wanderte über die Fotos. "Du findest deinen rabaukenhaften Auftritt in der Bank also in Ordnung."
"Auf jeden Fall", nickte Cotton stolz. "Hätte ich dem Knaben nicht eins auf die Zwölf gegeben, wäre ihm wohl kaum die Maske vom Gesicht geflogen. Wir wüßten nicht, wie er aussieht - und es wäre in weiterer Folge das nicht herausgekommen." Er nahm einen Computerausdruck auf, der neben den Aufnahmen lag, und wedelte damit hin und her. Das Blatt knisterte leise. "Zach Hogan", sagte Cotton, ohne auf das Papier zu sehen. "Fünfunddreißig Jahre alt, ehemaliger rechtsextremer Terrorist. Arbeitet seit kurzem allein und nur noch für sich selbst. Hat mit politischem Terror nichts mehr am Hut. Hat sich von seinen früheren Terrorkameraden getrennt, was diese ihm so sehr übelnahmen, daß sie ihn auf ihre Abschußliste setzten... Und das ist noch nicht alles." Cotton nahm die Beine vom Tisch. "Wir kennen die Namen seiner einstigen Freunde, wissen, daß sie Scott McFadden, Dennis Turkel und Vincent Wallace heißen, wissen, wie sie aussehen." Er zauberte ein paar Fahndungsfotos von den Männern hervor und fuhr fort: "Und das ist erfreulicherweise noch immer nicht alles." Er legte die Fotografie eines gutaussehenden Mannes, der Zach Hogan entfernt ähnlich sah, auf die anderen Bilder und sagte: "Wir wissen außerdem, daß Zach Hogan einen Bruder namens Cyril hat, der sich das Brot zur Wurst als vielbeschäftigter Callboy verdient... Und das alles nur, weil ich für einen Moment meine guten Manieren vergessen und dem Bankräuber eins vor die Nuß gedonnert habe."
Donna zog indigniert die rechte Augenbraue hoch. "Hast du eben von guten Manieren gesprochen?"
"Auf jeden Fall hat meine Spencer-Hill-Nummer eine ganze Menge bewirkt", gab Cotton zurück. "Das kannst du nicht leugnen."


Cyril Hogan machte sein Job keinen Spaß mehr. Er gab zwar nach wie vor sein Bestes, aber er träumte immer häufiger davon, Schluß zu machen, auszusteigen, sich zur Ruhe zu setzen. Es kotzte ihn an, all die unbefriedigten Weiber bedienen und ihnen Glück und Erfüllung geben zu müssen, weil ihre reichen Ehemänner entweder zu alt oder zu beschäftigt waren, um den eigenen Garten selbst zu bestellen.
Sie wohnten in den besten Gegenden. In prunkvollen Palästen. Sie hatten alles, wovon normal sterbliche Frauen nicht einmal zu träumen wagten.
Teure Autos, wertvollen Schmuck, kostbare Pelze, herrliche Haute-Couture-Roben. Sie hatten wirklich alles - bis auf eines. Und das hatte er.
Deshalb war er so begehrt. Er war einer der gefragtesten Callboys von L. A. Jung, stark, elegant, gepflegt und - vor allem - potent.
Er konnte sich rühmen, noch nie versagt zu haben. Sein zuverlässiger Partner - sein stiller Teilhaber, wie er ihn hin und wieder scherzhaft nannte - hatte ihn noch nie im Stich gelassen, und das machte sich tagtäglich in klingender Münze bezahlt.
Doch die Freude an der Arbeit war bedauerlicherweise schon vor geraumer Zeit auf der Strecke geblieben. Es gab ihm nichts mehr, mit einer Frau ins Bett zu gehen, selbst wenn sie noch so schön war.
Der Job hatte irgend etwas in ihm verkümmern lassen. Er war zu keinen ehrlichen Gefühlen mehr fähig, zog nur noch - mit gut verborgener Lustlosigkeit - seine ausgeklügelte und erfolgversprechende Show ab und fuhr anschließend schlecht gelaunt nach Hause. Da er auf großem Fuß lebte, waren seine Ersparnisse nicht überragend, aber mit seinem phantastischen Aussehen konnte es ihm wohl kaum schwerfallen, eine reiche Lady zu finden, die ihn mit Haut und Haaren und für sich ganz allein haben wollte und bereit war, ihn zu heiraten.
Soeben war er zu Phoebe Brooks unterwegs. Phoebe war mit dem Produzenten Rip Brooks verheiratet, einem wahren Wunderknaben in der Filmbranche.
Alles, was er anfaßte, wurde zu Gold. Er hatte als Regisseur einige Mega-Seller geschaffen, die ihren Platz in der Liste der ewigen Top twenty gefunden hatten. Ein Genie im Beruf. Ein Versager im Bett. Dennoch hätte er seiner Frau nie einen Liebhaber erlaubt.
Wenn er über weite Strecken hinweg ohne Sex auskam, mußte ihr das auch möglich sein. Aber das wollte sie nicht. Sie war vierzig, und sie hatte nur dieses eine Leben.
Okay, sie hätte sich von Rip scheiden lassen können, aber sie wollte nicht auf den Luxus verzichten, den er ihr bot, und auch nicht auf das Ansehen und auf ihre gesellschaftliche Stellung an seiner Seite. Vierzig... Phoebe Brooks litt darunter, obwohl man ihr ihr Alter nicht ansah.
Sie hätte glatt für fünfunddreißig durchgehen können. Phoebe hatte ihren vierzigsten Geburtstag nicht gefeiert. Sie war ihn übergangen, als hätte es ihn nicht geben. Cyril Hogan erreichte das Anwesen des Ehepaares Brooks in Bel Air. Es war von einer großen weißen Mauer eingefriedet, die keine neugierigen Blicke zuließ.
Trautes Heim, Glück allein. Glück für Phoebe, ja. Aber nicht mit Rip. Impotenz ist ein schlimmes Wort im Leben eines Mannes. Deshalb nahm sie es auch nie in den Mund.
Phoebe empfing den Callboy nervös und ungeduldig. Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in ihren Augen. Es war fast schon Gier.
Auf jeden Fall aber war es Hunger. Hunger nach Zärtlichkeit und lustvoller Berührung. Sie gab ihm Geld. Mehr, als vereinbart war.
Sie bezahlte ihn immer überm Tarif, konnte es sich leisten, großzügig zu sein. Es war ja nicht ihr Geld, das er von ihr für seine qualitativ hochwertigen Liebesdienste bekam.
Phoebe Brooks nahm Cyril Hogans Hand und führte ihn sogleich in ihr Schlafzimmer. Das große Haus war still und leer. Cyril und Phoebe waren allein.
"Wo ist dein Mann?" wollte der Callboy wissen.
"Auf einer dieser vielen langweiligen Hollywoodpartys", gab Phoebe zur Antwort.
"Und wieso bist du nicht bei ihm?"
Sie kicherte. "Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen." Sie ließ die Hüllen fallen und legte sich aufs Bett. "Komm her, mein Junge." Sie streckte ihm verlangend die Hände entgegen. "Befreie mich von meinen rasenden Kopfschmerzen. Ich halt' sie nicht mehr aus."
"Wann kommt dein Mann nach Hause?"
"Morgen. Wir haben seeehr viel Zeit."
Er entledigte sich seiner Kleider. Durch das hohe Panoramafenster konnte er das Lichtermeer von Los Angeles sehen. Phoebes Gesicht war im Licht des Mondes ganz weiß. Ihr Mund sah aus wie eine große Wunde.
Ihr Atem ging keuchend. Sie war bereit, ihn zu empfangen, und ein tiefer, wohliger Seufzer entrang sich ihrer Kehle, als er zu ihr kam.
Routiniert ließ Cyril Hogan die Erde ein paarmal für Phoebe erzittern.
Plötzlich flammte das Licht auf und Phoebes Ehemann stand in der Tür...


Hämmernde Rhythmen. Schummrige Beleuchtung. An den Tischen geborene Verlierer. Ausgemergelte Gestalten. Alkoholkranke. Junkies. Kokser. Abschaum. Eine der unzähligen Schmuddel-Discos, die es in L. A. gab.
Die Firma "Shit & Pot" sorgte für aufdringlich süßlichen Gestank. Auf einer Minibühne verrenkte ein nahezu total nacktes Girl seinen schwabbeligen Körper.
Sie hätte die allerbesten Aussichten gehabt, die Wahl der "Miß Cellulite" zu gewinnen.
Donna Sullivan blickte sich mit gerümpfter Nase um. "Ich fühle mich hier nicht wohl."
Cotton griente. "Kann ich verstehen. Aber wir sind nicht zu unserem Vergnügen hier. Ich weiß, du bist Besseres gewöhnt. Dein wohlhabender Verlobter vergnügt sich mit dir bestimmt nur in klinisch sauberen Schickimicki-Nachtklubs."
"Hör auf, auf meinem Verlobten herumzuhacken." Es blitzte böse in Donnas schönen Augen.
"Verzeihung."
"Was wir in unserer Freizeit tun, geht dich einen feuchten Kehricht an."
"Wie recht du hast", pflichtete Cotton seiner Kollegin bei.
"Ich kann nichts dafür, daß du dich in der Gosse so wohl fühlst", versuchte Donna ihm einen Stachel ins Fleisch zu setzen, doch sie hatte damit kein Glück.
Er lächelte. "Ich auch nicht", sagte er achselzuckend. "Es ist einfach so. Damit müssen wir leben."
"Ich nicht", stellte Donna richtig. "Du mußt damit leben."
"Ja, ich", sagte Cotton zerknirscht. "Bin ich nicht zu bedauern?" Der massige Kerl neben ihm ließ einen herzhaften Rülpser hören. "Prösterchen!" sagte Cotton.
"Hä?"
"Na sdorowje."
"Du mich auch", knurrte der Koloß unfreundlich.
"Hi", grinste der Agent, "ich bin Will Cotton." Er nahm die große Hand seines Nachbarn und schüttelte sie. "Stammgast hier?"
"Sicher."
Cotton nickte beeindruckt. "Schicker Schuppen. Kennst du Bruce Spano?"
"Klar."
"Wann hast du ihn zuletzt gesehen?"
"Vorgestern."
"Hier?" fragte Cotton.
"Sicher hier."
"Kommt er heute?"
"Keine Ahnung."
"Wo hängt er sonst noch so rum?" erkundigte sich Cotton.
"Keine Ahnung."
"Wo kann man ihn finden, wenn es mal eilig ist?"
"Keine Ahnung."
"Kennst du seine Adresse?" wollte Cotton wissen.
"Nein."
"Bestimmt nicht?"
"Du fragst zuviel", sagte der Koloß mürrisch.
Cotton grinste. "Und du weißt zuwenig."
Der Koloß blies seinen Brustkorb auf. "Ich hab was gegen neugierige Typen."
Cotton zuckte mit den Achseln. "Die gibt es nun mal."
"Und ich hab was gegen vorlaute Saftsäcke."
Cotton nickte. "Ich auch."
Zorn rötete mit einem Mal das Gesicht des Massigen. "Wenn du was auf die Gurke willst, sag es!"
"Okay", gab Cotton zurück. "Ich hoffe bloß für dich, daß du das Echo verträgst."
Der Koloß ließ sich Cottons Frechheiten nicht länger bieten. Er schlug zu. Cotton tauchte unter dem Heumacher weg, griff in das dichte, fette und verfilzte Haar des Gegners und ließ ihn schwungvoll den nassen Tresen küssen.
Der harte Aufprall betäubte den Riesen beinahe. Cottons Finger blieben in sein Haar gekrallt. "Spano", sagte er gepreßt. "Bruce Spano. Wo wohnt er?"
Der Massige röchelte die Adresse heraus, und Cotton verließ mit seiner attraktiven Partnerin die Diskothek, bevor der Koloß sich vom Schock seines Lebens erholte. Cotton schloß den Dienstwagen auf. Sie stiegen ein. Donna preßte die Lippen zusammen und blickte starr geradeaus.
"Irgend etwas nicht in Ordnung?" erkundigte sich Cotton.
Donna rollte die Augen. "Ich weiß, ich wiederhole mich", seufzte sie, "aber ich muß es trotzdem loswerden: Du bist ein unverbesserlicher Raufbold."
Cotton hob mit Unschuldsmiene die Schultern. "Der Zweck heiligt die Mittel."


Rip Brooks stand mit blutunterlaufenen Augen in der Tür. Seine Frau - von der glutvollen Umarmung noch außer Atem - griff blitzschnell nach der Decke und verhüllte damit ihre Blößen. Cyril Hogans Herz raste.
Es war allgemein bekannt, daß Brooks verdammt eifersüchtig war. Er hatte auf einer Party einem Mann, der sich zu sehr um Phoebe bemüht hatte, den Kiefer gebrochen. Hogan lag nackt vor Brooks.
Er kam sich schäbig und jämmerlich vor. Noch nie hatte es ihn so sehr gestört, daß er nichts anhatte. Er schämte sich zum erstenmal in seinem Leben seiner Nacktheit.
Brooks hielt einen Revolver in der Faust. Das war mit Sicherheit keine Attrappe, und die Waffe war auch bestimmt nicht mit Platzpatronen geladen.
Wenn Rip Brooks abdrückte, dann wollte er Hogan nicht erschrecken, sondern töten. Der Callboy sah dem Produzenten an, daß er meinte, dieses Recht zu haben.
"Hö-hören Sie", stammelte Hogan mit einer Stimme, die ihm selbst fremd vorkam, "es - es ist nicht so, wie es aussieht... Ich meine... Ja... Ich bin hier... Mit Ihrer Frau... Aber ich bin nicht Phoebes Liebhaber... Ich will sagen, ich bin kein richtiger Liebhaber... Ich liebe Ihre Frau nicht..." Er wischte sich den kalten Angstschweiß von der Stirn. "Das - das Ganze ist bloß ein Geschäft... Verstehen Sie? Phoebe betrügt Sie nicht mit mir... Sie hat mich für das bezahlt, was ich tue... Es sind keine Gefühle im Spiel... Ich erledige einen Job und verschwinde nach getaner Arbeit wieder... Das dürfte für Sie doch eigentlich kein Problem sein, Mr. Brooks..."
Der Produzent starrte seine Frau mit haßlodernden Augen an. "Miststück!"
"Rip...", kam es dünn über ihre bebenden Lippen.
"Schlampe!"
"Bitte, Rip..."
"Kopfschmerzen, he? Ich hab's geahnt!"
"Bitte beruhige dich, Rip...", sagte Phoebe beschwörend.
"Miese, dreckige Hure!"
Cyril Hogan setzte sich langsam auf. "Tun Sie nichts, was Ihnen hinterher leid tut, Mr. Brooks...", sagte auch er beschwörend. "Legen Sie die Waffe weg... Legen Sie um Himmels willen den Revolver beiseite, ehe ein Unglück geschieht..." Er rutschte zur Bettkante. Seine Nervenstränge vibrierten. "Ich werde jetzt aufstehen, okay? Sie werden nicht schießen. Nicht schießen, okay? Ich werde aufstehen, mich anziehen und verschwinden. Geht das in Ordnung, Mr. Brooks? Erlauben Sie mir, aufzustehen und mich anzuziehen?" Noch nie hatte er seinen Entschluß, Callboy zu werden, so sehr bereut.
Er beglückte viele Frauen mit dem Einverständnis ihrer Ehemänner. Aber nicht alle. Rip Brooks hatte es ihm nicht erlaubt. Hogan stand ganz langsam auf.
Er war jünger als sein Bruder Zach. Fünf Jahre. Cyril hatte nie verstehen können, daß Zach sich so fanatisch für politische Ziele einsetzte.
Es war ihm immer schon schwergefallen, Zach zu verstehen. Und Zach verachtete ihn, weil er sich prostituierte. Zach war kampferprobt.
Er hätte gewußt, was in dieser Situation zu tun war (wenn man davon absah, daß Zach nie in eine solche beschissene Lage geschlittert wäre). Jetzt stand Cyril Hogan neben dem Bett. Nackt und hilflos. Dem eifersüchtigen Ehemann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
"Ich werde schweigen", sagte der Callboy eindringlich. Wenn es ihm nicht gelang, den Produzenten zu beschwichtigen, war sein Leben keinen löchrigen Cent mehr wert. "Kein Sterbenswörtchen wird über meine Lippen kommen. Niemand wird davon je erfahren. Ich bin sehr diskret, Mr. Brooks. Sie können sich auf mich verlassen. Was Sie gesehen haben, hat niemals stattgefunden."
Rip Brooks setzte sich in Bewegung. In seinen Augen war ein Ausdruck, der Hogan angst machte.
Der Callboy schüttelte furchtsam den Kopf. "Nein, Mr. Brooks... Sie werden doch nicht... Es hatte wirklich nichts zu bedeuten... Es war eine rein körperliche Sache... Ich habe Ihnen Phoebe nicht weggenommen..."
"Bist ein hübscher Junge", sagte der Produzent kehlig.
Hogan schwieg.
"Bist bestimmt der Liebling vieler Frauen", sagte der Produzent. "Hast ein verdammt gut geschnittenes Gesicht. Hättest beim Film Karriere machen können."
Hogan erwiderte nichts.
"Ich frage mich, was dich mehr trifft", fuhr Rip Brooks frostig fort. "Wenn ich dir die Eier abschieße oder die Visage zerschlage."
"Bitte...", flehte der Callboy. Er hatte nicht die Härte seines Bruders, war nicht fürs Heldentum geboren. "Verschonen Sie mein Gesicht... Ich lebe von meinem guten Aussehen..."
"Okay." Brooks richtete den Revolver nach unten.
"Nein!" schrie Cyril Hogan entsetzt auf.
"Also, was nun?" fragte Brooks ungeduldig. "Wähle!"
"Ich... kann... nicht..."
Rip Brooks schlug zu. Seine ganze Kraft und seinen ganzen Haß legte er in den Schlag. Er wollte, daß die Waffe einen bleibenden Schaden im Gesicht des Callboys anrichtete, und er schaffte das auch.
Blutend, heulend und mit gespaltener Lippe ergriff Cyril Hogan die Flucht. Rip Brooks hätte den Nackten mit einer Kugel für immer von den Beinen holen können, doch darauf verzichtete er. Er hatte seine Rache.


Der spitze Schrei einer Frau veranlaßte Cotton, seine gewaltige Automatik aus dem Holster zu reißen und die Tür, an die er klopfen wollte, einzutreten.
Die Waffe war so groß und schwer, daß man sie nur mit beiden Händen effizient bedienen konnte. Cotton stürzte in die Wohnung, die SIG Sauer im Beidhandanschlag.
Die Frau, die vorhin geschrien hatte, schrie sofort wieder und starrte entsetzt in das schwarze Mündungsauge von Cottons Dienstpistole.
Ihr dunkles Haar war zerzaust. An ihrer Wange glühten die fünf Finger des Kerls, der sie geschlagen hatte. Sie hatte den Sex-Appeal eines Brückenpfeilers, trug ein billiges Kleid, das ihr zu eng war, und hob die Hände, als hätte sie etwas verbrochen. Auch der Mann, der sie geohrfeigt hatte, versuchte mit hochgestreckten Händen die schmutziggraue Decke zu stützen. Cottons Überraschungsauftritt hatte die gewünschte Wirkung. Damit die Leute ihn nicht für einen gefährlichen Killer oder etwas Ähnliches hielten, sagte er: "Cotton. FBI."
"Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit", stieß der Mann hastig hervor. Er trug Jeans und ein geripptes Unterhemd. Seine Oberarme waren tätowiert.
Cotton sah einen Adler, eine Schlange, die sich um ein Herz wand, eine schöne nackte Frau...
"Nur eine unbedeutende Meinungsverschiedenheit, ja", pflichtete die Geschlagene dem Mann bei.
"Ich wollte Rita nicht schlagen", beteuerte er.
Sie nickte. "Es ist meine Schuld. Ich mußte mal wieder das letzte Wort haben."
"Und da ist mir die Hand ausgerutscht", sagte der Mann.
Cotton sah die Frau an. "Möchten Sie zurückschlagen?"
Sie schüttelte bestürzt den Kopf. "Nein, Sir. O nein."
"Auge um Auge, Zahn um Zahn", versuchte Cotton ihr die Sache schmackhaft zu machen.
"Davon halte ich nichts", sagte sie und sah auf den Boden.
"Rita und ich vertragen uns im allgemeinen recht gut", behauptete der Mann. "Nur manchmal..."
"Rutscht dir die Hand aus", ergänzte Cotton.
Der Mann hob belämmert die Schultern. "Nun ja..."
Cotton verstaute die SIG Sauer im Holster. "Ich möchte, daß das nicht noch mal vorkommt", sagte er streng. "Wenn dir nach Schlagen ist, halte dich an Kerle, klar?"
"Ja, Sir. Natürlich, Sir. Es tut mir leid, Sir."
"Du kannst es wiedergutmachen", sagte Cotton. Hinter ihm erschien seine Partnerin. "Das ist meine Kollegin Donna Sullivan", stellte er sie vor. Er sah den Mann im Unterhemd an. "Und du bist Bruce Spano, richtig?"
"Ja, der bin ich", bestätigte der Tätowierte.
Rita lehnte sich an die Wand.
"Sie fragen sich sicher, was wir von Ihnen wollen", sagte Donna.
Spano nickte. Er hatte den Blick eines geprügelten Hundes. "Irgendwie schon."
"Willst du die lange oder die kurze Version der Geschichte hören?" fragte Cotton.
Spano schluckte trocken.
"Es waren einmal vier böse Jungs", begann Cotton. "Die machten eine Menge Wind mit ihrem kurzen Hemd. So viel Wind, daß sie dem FBI unangenehm auffielen. Er begann nach ihnen zu fahnden, erwischte sie aber bis zum heutigen Tag nicht. Findest du die Geschichte interessant?"
Spano sagte nichts.
"Du kommst auch darin vor", sagte Cotton. "Also - diese vier Terroristen... Habe ich erwähnt, daß es sich bei den bösen Jungs in meiner Geschichte um rechtsextreme Terroristen handelt, auf deren Konto eine Waggonladungvoll Verbrechen gehen? Nein? Hab ich vergessen. Aber nun weißt du's. Diese vier Kerle gehen eine zeitlang gemeinsam schießend, kidnappend und bombend durchs Leben. Eines Tages sieht einer von ihnen keinen Sinn mehr darin, verläßt die Truppe und geht seinen eigenen Weg. Den andern gefällt das nicht. Sie fühlen sich nicht sicher, wenn er nicht mehr bei ihnen ist. Er weiß zuviel von ihnen, könnte reden, deshalb setzen sie ihn auf ihre Abschußliste. Er taucht unter, und niemand scheint zu wissen, wo er ist. Um sein neues Leben finanzieren zu können, überfällt er eine Bank und reißt sich sechzigtausend Dollar unter den Nagel. Keine üble Story, nicht wahr? Würde sich gut für einen Actionreißer eignen. Mit Harrison Ford in der Hauptrolle."
Spano sah Cotton mit wachsender Nervosität an. Rita lehnte noch immer an der Wand und massierte ihre Wange, die nach wie vor rot war.
"Zach Hogan - so heißt der abtrünnige Terrorist", sagte Cotton. "Schon mal von ihm gehört?"
Spano schwieg.
"Oder von seinen früheren Freunden Scott McFadden, Dennis Turkel und Vincent Wallace?" fragte Cotton.
Spano biß sich auf die Unterlippe.
Cotton fuhr fort: "Als die vier noch zusammen waren, sollst du sie gelegentlich mit Sprengstoff beliefert haben - sagt unser Computer."
Bruce Spano wurde blaß. "Das stimmt nicht... Ich habe nie... Ihr Computer irrt sich... Ich werde doch nicht an Terroristen... Man konnte mir das nie nachweisen... Ich wäre wohl kaum noch auf freiem Fuß, wenn man dazu in der Lage gewesen wäre."
"Uns geht es heute nicht darum, dir etwas anzuhängen", sagte Cotton, als wäre er Spanos Freund. "Wir möchten Zach Hogan wegen dieser Banksache kriegen. Und zwar, bevor seine Freunde ihn finden. Ich habe meinem Vorgesetzten versprochen, die sechzig Riesen zurückzuholen, und ich pflege meine Versprechen zu halten."
"Wo finden wir Zach Hogan, Mr. Spano?" fragte Donna Sullivan mit ernster Eindringlichkeit.
Bruce Spano hob die Schultern und schüttelte den Kopf. Er bemühte sich dabei sichtlich, so ehrlich wie möglich auszusehen. "Ich weiß es nicht."
Cotton sagte: "Zur Zeit findet hinter den Kulissen der Wettlauf zweier Teams statt: die Guten gegen die Bösen. Es wäre megastark und affengeil, wenn die Guten gewinnen würden. Und gesünder wär's für Hogan obendrein. Aber das ist dir wahrscheinlich nicht so wichtig. Du kennst Zach Hogan doch, oder?"
"Flüchtig."
Cotton lächelte. "Ich bin froh, daß du weißt, von wem die Rede ist."
"Aber ich schwöre beim Grab meiner Mutter, ich weiß nicht, wo Hogan sich versteckt hat", beteuerte Spano.
Cotton nickte. "Wir glauben dir. Wirst du uns helfen, diesen Wettlauf zu gewinnen?"
"Ich wüßte nicht, wie."
"Versuch herauszufinden, wo Zach Hogan steckt. Wenn dir das gelingt, und wenn du Rita nicht mehr schlägst, wär's möglich, daß wir Freunde werden."


Als sie in den Dienstwagen stiegen, merkte Cotton sofort, daß mal wieder dicke Luft herrschte. "Was ist jetzt schon wieder verkehrt?" wollte er wissen.
Donna funkelte ihn an. "Wieso glauben wir ihm?"
"Weil er die Wahrheit sagt."
"Ich glaube ihm nicht", sagte Donna kriegerisch, "und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du in Zukunft nicht mehr alles gleich für mich mit entscheiden würdest. Oder darf ich als deine Partnerin keine eigene Meinung haben?"
Cotton hob die Shultern und ließ sie wieder fallen. "Du darfst Meinungen haben, soviel du willst. Von mir aus jeden Tag eine andere."
"Wieso bist du so sicher, daß Spano die Wahrheit sagt?" fragte Donna angriffslustig.
"Ich hab's gespürt, und ich kann mich im allgemeinen auf mein Gefühl verlassen."
"Bist ja schon irre lange beim FBI, nicht wahr?" sagte Donna spöttisch.
"Entweder man hat einen solchen Instinkt oder man hat ihn nicht", gab Cotton trocken zurück. "Das ist weder eine Frage der Zeit noch des Alters."
"Danke für die Belehrung."
"Keine Ursache", grinste Cotton. "Gern geschehen."
Donna wiegte den Kopf und zeigte auf das Haus, in dem Bruce Spano wohnte. "Du hast dich da drinnen ja mal wieder wie ein Vandale aufgeführt."
"Wenn eine Frau schreit, reagiere ich immer so", erwiderte Cotton gleichmütig. Er sah seine schöne Partnerin fragend an. "Wo darf ich dich absetzen?"
"Mein Verlobter erwartet mich zu Hause", erklärte sie und legte den Sicherheitsgurt an. "Du weißt, wo er wohnt?"
"Leider ja", knurrte Cotton und fuhr los.


Als Zach Hogan nach Hause kam, sagte Polly Holliday: "Cyril hat vor einer Minute angerufen."
Hogan schob das Budweiser, das er geholt hatte, in den Kühlschrank. "Was wollte er?"
"Mit dir reden." Polly strich sich das kurze blonde Haar aus der Stirn. Sie trug Stretch-Jeans, die ihren verlängerten Rücken sensationell zur Geltung brachten. Wer bei einem solchen Anblick nicht auf dumme Gedanken - die nicht einmal so dumm waren - kam, konnte kein richtiger Mann sein. "Cyril war kaum zu verstehen", berichtete sie.
"Wieso nicht? War er besoffen?"
"Diesen Eindruck hatte ich nicht."
"Was hat er gesagt?"
"Er wollte, daß ich dich an den Apparat hole. Ich sagte, das wäre nicht möglich, weil du nicht zu Hause wärst - da hat er ohne ein weiteres Wort aufgelegt."
Hogan grinste. "Er scheint dich nicht zu mögen."
Polly machte sich nichts draus. "Gibt es überhaupt eine Frau, die er mag?"
Hogan nahm sich einen Apfel und biß so herzhaft hinein, daß es krachte. "Er bumst sie", sagte er mit vollem Mund.
"Ja, für Geld", sagte Polly. "Aber mag er sie?"
"Wird er noch mal anrufen?"
"Keine Ahnung."
"Wie hat er geklungen?"
"Als fühlte er sich ziemlich mies."
Hogan nickte mit finsterem Blick. "Solange es ihm gutgeht, hat er keinen Bruder. Er erinnert sich nur an mich, wenn er in der Scheiße sitzt und Hilfe braucht. Das war schon immer so." Er biß wieder in den Apfel. "Aber ich bin darüber nicht unglücklich. Wenn einer sich so schamlos verkauft, wie Cyril es tut, will ich ohnedies nichts mit ihm zu tun haben. Okay, ich bin auch kein Heiliger, aber ich kann wenigstens zu dem, was ich früher aus einer gewissen politischen Überzeugung heraus getan habe und was ich jetzt tue, stehen. Das machte und macht irgendwo Sinn. Aber unbefriedigten Weibern gegen Bezahlung einen zu verbraten - das fände ich unter meiner Würde."
Polly schlang die Arme um seinen Nacken. "Du machst es lieber umsonst."
Er grinste. "Richtig, Baby."
"Und du machst es mit Sicherheit besser als Cyril."
Er biß noch einmal in den Apfel, legte ihn dann weg, umschloß das Girl mit den Armen und drückte es kräftig gegen sich. "Auf jeden Fall ehrlicher und mit mehr Gefühl."
Es zuckte kurz in ihrem schönen Gesicht. "Warum läufst du ständig mit einer Kanone herum?"
Die Waffe steckte in seinem Gürtel und drückte unangenehm gegen Pollys Brustkorb. "Soll ich mit Steinen um mich werfen, wenn es für mich brenzlig wird?"
"Hast du schon mal daran gedacht, L. A. zu verlassen?"
Zach Hogan schüttelte den Kopf. "Ich möchte nicht weggehen. Mir gefällt es in dieser Stadt, die ich wie meine Westentasche kenne. Ich bin in Los Angeles geboren und aufgewachsen. Das bringt eine Menge Vorteile mit sich, die mir in einer anderen Stadt nicht zur Verfügung stehen würden. Ich habe in L. A. so etwas wie 'nen Heimvorteil, auf den ich nicht verzichten möchte."
Polly knabberte an seiner Unterlippe. "Ich bin sehr froh, daß wir uns begegnet sind."
"Ich auch."
Sie berührte behutsam die gezackte rote Narbe an seiner linken Wange. "Ich möchte dich nicht verlieren."
"Das wirst du nicht. Wir bleiben zusammen."
"Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen." Sie lachte leise. "Ist das nicht verrückt?"
"Es ist okay."
"Wenn dir etwas zustoßen würde... Ich - ich würde glatt den Verstand verlieren..."
Es läutete an der Tür. Zach Hogan löste sich von Polly und zog die Pistole. "Sieh nach, wer das ist!" verlangte er von seiner Freundin. Seine Gesichtszüge waren hart geworden, sein Mund wirkte verkniffen.
Polly Holliday ging zur Tür. "Ja? Wer ist da?"
"Cyril", kam es undeutlich durch das Holz.
Zach schob die Waffe in seinen Gürtel und nickte. "Mach auf." Er entspannte sich.
Polly öffnete die Tür. Sie kannte Cyril, aber sie erkannte ihn nicht. In seinem Gesicht befanden sich mehr Mull und Pflaster als in ihrer Hausapotheke.
"Hallo, Polly", sagte er.
Jetzt wußte sie, warum er so undeutlich redete.
"Ist Zach...", begann er.
"Bin eben heimgekommen", sagte Zach und trat neben Polly. "Junge, wie siehst du denn aus? Bist du frontal gegen einen Bus gelaufen? Oder hast du versucht, 'ne Bärin zu vergewaltigen?"
"Können wir reden, Zach?"
"Klar. Komm rein."
"Allein."
"Soll ich Polly ins Kino schicken? Gleich hier um die Ecke läuft ein scharfer Hardcore-Streifen: 'Lady Obszön und der geile Flüsterer.'"
"Gehen wir einen trinken?"
Zach zeigte verwundert auf Cyrils Gesicht. "Wie kannst du damit trinken?"
"Ich schaff' das schon irgendwie."
Polly bekam von Zach einen Klaps aufs stramme Hinterteil. "Bin bald zurück."
"Okay."
Er trat aus der Wohnung. Sie schloß die Tür. Cyril forderte seinen Bruder auf, in seinen Wagen zu steigen.
"Wohin fahren wir?" wollte Zach wissen.
"Ins 'Happy Romance'."
"Kenne ich nicht."
"Ist ein ziemlich neues Lokal am Santa Monica Boulevard."
"Bringst du mich auch wieder nach Hause?" fragte Zach.
"Selbstverständlich."
"Na, dann..." Zach stieg ein.
Im "Happy Romance" trugen die Serviererinnen transparente mintfarbene Kleidchen und nur ein winziges Tangahöschen drunter. Cyril Hogan setzte sich mit seinem Bruder in eine Loge.
"Hi, ich bin Lola", sagte eines der Servicegirls freundlich. "Was kann ich für euch tun, Jungs?"
Cyril sah seinen Bruder an. "Was möchtest du?"
"Bier."
"Okay." Cyril nickte. "Ein Bier für ihn und für mich ein Glas Chardonnay - und einen Trinkhalm."
"Läßt sich organisieren." Lola stöckelte auf schwindelerregend hohen Absätzen davon.
Zach schaute ihr nach. "Sexy." Er wiegte beeindruckt den Kopf. "Verflucht sexy." Er grinste. "Aber ihr Chef ist ein gottverdammter Geizkragen."
"Wieso?"
"Hast du nicht gesehen, wie er mit dem Stoff für ihr Kleid gespart hat?"
Das Mädchen brachte die Drinks.
"Danke, Lola", sagte Zach. "Wenn ich etwas für dich tun kann, laß es mich wissen."
"Sorry", erwiderte das hübsche Girl und schenkte ihm ein warmes Lächeln. "Ich bin vergeben."
"Ich eigentlich auch." Er grinste. "Na schön, dann soll es eben nicht sein."
Lola entfernte sich. In ihrem Gang waren Rhythmus und Musik.
Zach lachte. "Wenn Polly meine Stielaugen sehen würde, bekäme ich was ziemlich Unangenehmes zu hören." Er trank.
Cyril mühte sich mit dem Trinkhalm ab.
"Was ist passiert?" wollte Zach wissen.
"Ich bin für den Rest meines Lebens entstellt, Zach." Cyrils Augen wurden feucht.
"Wieso?"
"Jemand hat mir die Oberlippe aufgeschlagen", sagte Cyril undeutlich wie immer. "Sie mußte mit sieben Stichen genäht werden. Jochbein und Nase sind gebrochen."
"Mit anderen Worten, du mußt deinen Job an den Nagel hängen."
"Ich könnte mir vorstellen, daß dich das freut", sagte der Callboy bitter. "Du hast dich ja immer schon an meiner Tätigkeit gestoßen."
Zach zog unwillig die Augenbrauen zusammen. "Weil es eines Mannes nicht würdig ist, sich zu verkaufen."
"Hast du dich etwa nicht verkauft?"
"Ich hatte Ideale, hatte politische Ziele, von denen ich überzeugt war, daß sie richtig sind, und die ich, wenn es nicht anders ging, eben auch mit Schrecken, Gewalt und Terror durchgesetzt sehen wollte."
"Man hat dich dafür bezahlt."
"Man hat mir Geld gegeben, damit ich mich voll und ganz meiner Aufgabe widmen konnte und mich nicht mit irgendeinem Job belasten mußte."
Sie waren wieder einmal nicht derselben Meinung. Aber Cyril wollte mit seinem Bruder nicht streiten, deshalb setzte er die fruchtlose Grundsatzdiskussion nicht fort.
Zach zeigte auf das Gesicht seines Bruders. "Wer hat das getan?"
"Ein eifersüchtiger Ehemann."
"Dessen lüsternes Weib du in den siebten Himmel gestoßen hast?"
"Ja", knirschte Cyril.
"Du hast dich doch nicht etwa in flagranti erwischen lassen."
"Leider schon."
"Scheiße. Und da hat der Kerl dich natürlich vermöbelt."
"Er hat mir das Gesicht zerschlagen", sagte Cyril bitter. "Ich werde nie wieder wie früher aussehen."
"Kannst du das dem Mann verdenken? Versuch dich doch mal in seine Lage zu versetzen. Er kommt heim und findet einen fremden Kerl auf seiner Frau."
"Mein gutes Aussehen war mein Kapital." Cyril ballte die Hände zu Fäusten. "Jetzt bin ich bankrott, und daran ist dieser gottverfluchte Rip Brooks schuld."
"Ach, auf seiner Frau hast du geturnt." Zach schnippte mit den Fingern. "Wie ist doch gleich ihr Name?"
"Phoebe."
"Richtig. Phoebe. Womit hat Brooks dich geschlagen?"
"Er hat mir seine Pistole ins Gesicht gedroschen. Ich habe ihn angefleht, es nicht zu tun. Er hat es trotzdem getan."
"Sei froh, daß er dich nicht erschossen hat", meinte Zach nüchtern.
Cyril schlug die nassen Augen nieder. "Ich wäre lieber tot als entstellt."
"Blödsinn."
"Es ist wahr." So etwas wie ein Schluchzen kam unter der weißen Mullschicht hervor. Es dauerte eine Weile, bis Cyril seinen Bruder wieder ansah. "Ich brauche deine Hilfe, Zach", sagte er undeutlich. Jedes Wort schmerzte ihn.
"Wobei?" wollte Zach wissen.
"Ich möchte mich rächen?"
"An Rip Brooks?"
"Ich möchte, daß er stirbt."
"Und dabei soll ich dir helfen?" Zach sah seinen Bruder befremdet an. "Du möchtest, daß ich dir helfe, Phoebe Brooks' berühmten Ehemann umzubringen?"
"Ich möchte, daß du ihn für mich kaltmachst", stellte Cyril richtig.
Ärger funkelte mit einem Mal in Zachs Augen. "Ich bin kein Killer", stieß er empört hervor.
"Du hast schon Menschen umgebracht."
"Das war etwas anderes."
"Ich bin dein Bruder."
"Na und?" brauste Zach auf. "Das gibt dir trotzdem nicht das Recht, mich um einen solchen Gefallen zu bitten."
Cyril nickte. "Na schön." Er nickte noch einmal. "Na schön, dann bezahle ich dich eben. Wieviel willst du für Rip Brooks' Leben?"
"Ich brauche dein Geld nicht", sagte Zach frostig, "und ich bin nicht gewillt, irgend jemanden für dich zu töten."
In der Loge, in der die Brüder saßen, herrschte für eine Weile brütendes Schweigen. Schließlich sagte Cyril kalt und entschlossen: "Nun gut, dann muß ich es eben selbst tun."


Cotton drehte auf seiner leise schnurrenden Harley Davidson eine Grübel-Runde durch L. A. Die schwere Maschine gehörte nicht dem FBI.
Die XLH Sportster 1200 war sein persönliches Eigentum, auf das er mächtig stolz war und das er mehr hegte und pflegte als alles andere, was er besaß.
Während Donna Sullivan im Büro Akten wälzte, dachte er auf seiner Harley nach.
Bruce Spiro hatte ihm mit keiner Adresse dienen können (außer vielleicht mit der des Künstlers, der ihn so gründlich - möglicherweise bis hinunter zum... - tätowiert hatte, aber an der war er nicht interessiert).
Ob er bei Frank Marshall mehr Glück haben würde? Ihm war zu Ohren gekommen, daß Marshall gewissermaßen Cyril Hogans erster Arbeitgeber gewesen war.
Marshall vermietete Männer an Frauen. Oder Männer an Männer. Wie es eben gewünscht wurde. Eine Menge gutaussehender Typen arbeiteten für ihn - Studenten, Faulenzer, engagementlose Schauspieler, die auf ihre große Hollywoodchance warteten und bis dahin von irgend etwas leben mußten...
Er hatte kein Büro, dieser Frank Marshall, und seine Jungs waren nicht mit schriftlichen Verträgen an ihn gebunden. Was sie bei der Stange hielt, war Angst, denn wenn man sich Marshalls Groll zuzog, konnte das zu recht schmerzhaften Konsequenzen - bis hin zu bleibenden Schäden - führen.
Alle wußten das, und deshalb war auch jeder redlich darum bemüht, gut mit ihm auszukommen. Cyril Hogan hatte eine Zeitlang für ihn gearbeitet. Aber er hatte sich von ihm nie zu Männern schicken lassen.
Cotton hoffte, daß Frank Marshall ihm sagen konnte, wo Cyril Hogan wohnte, und über diesen wollte er dann an Zach Hogan herankommen.
Das Lokal, in dem Marshall seine Geschäfte abwickelte, befand sich unter der Erde und sah aus wie eine Gruft. Als Cotton nach Marshall fragte, sagte ein Typ, der einen Kopf größer war: "Ich möchte sehen, ob du sauber bist."
"Ich habe heute morgen ausgiebig geduscht und die Unterwäsche gewechselt", gab Cotton zurück.
"Mit wem?" fragte der Große breit grinsend.
"Mit meiner Freundin."
Der Große wollte Cotton filzen.
Dieser wich einen Schritt zurück und sagte warnend: "Wenn du mich anfaßt, gibt's was auf die Schneidezähne."
Der Große glaubte ihm nicht. Cotton mußte ihm beweisen, daß es ihm mit dem, was er gesagt hatte, ernst war. Sobald der Große ihn berührte, schlug Cotton zu, und der Getroffene bewegte sich rückwärtstorkelnd durch das Lokal.
Sobald er sich gefangen hatte, riß er seine klobigen Fäuste hoch und fluchte mit roten Zähnen.
"Ich hab dich gewarnt", sagte Cotton.
"Verdammt, was ist da los?" wollte ein Farbiger energisch wissen. Er trug eine schwarze Lederweste mit blitzenden Chromnieten.
"Er wollte sich nicht anfassen lassen, Boß!" grollte der Große.
"Leibesvisitationen dürfen bei mir grundsätzlich nur junge Damen durchführen", erklärte Cotton.
"Was willst du hier?" fragte der Farbige unfreundlich.
"Mit dir reden."
"Mit mir?"
"Du bist Frank Marshall, richtig?"
Der Farbige kniff die Augen zusammen und musterte sein Gegenüber von Kopf bis Fuß. Seine Unterlippe war viermal so dick wie seine Oberlippe, und an seinen ebenholzfarbenen Wangen befanden sich tiefe Pockennarben. "Kennen wir uns?"
"Noch nicht."
"Wie heißt du?"
"Will Cotton."
Marshall dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf. "Nie gehört."
"Gut für dich", sagte Cotton. "Ich bin nämlich beim FBI."
Ein wenig begeistertes Raunen ging durch das schummrige Lokal. Der Große ließ sofort die Fäuste sinken. FBI! Das mußte einem doch gesagt werden. Niemand hatte Lust, sich mit einem G-man anzulegen.
Marshall zeigte auf einen Tisch. "Setzen wir uns. Was zu trinken?"
Sie nahmen Platz. Cotton schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht durstig."
Marshall lehnte sich zurück und lächelte unschuldig mit blitzweißen Zähnen, die in einem gesunden rosigen Zahnfleisch steckten. "Ich habe nichts verbrochen."
"Ich suche Cyril Hogan", sagte Cotton.
"Der verkehrt hier nicht mehr", entgegnete Marshall. "Ist zu höheren Weihen aufgestiegen."
"Ich brauche seine Adresse."
"Die kann ich Ihnen leider nicht geben. Im Großraum L. A. leben vierzehn Millionen Menschen."
"Ist mir bekannt."
"Cyril ist ein Zugvogel", behauptete Marshall. "Er wohnt mal hier, mal da..."
"Mal dort", sagte Cotton.
"Wie? Äh... Ja."
"Ich würde mich auch mit der Adresse seines Bruders zufriedengeben", sagte Cotton.
"Mit der kann ich noch viel weniger dienen", bedauerte Frank Marshall.
"Wer kann mir helfen?" wollte Cotton wissen.
Marshall überlegte. "Vielleicht Victor Hamilton", bemerkte er dann. "Ihm gehört die Agentur 'Love & Guide' in Downtown Los Angeles. 412 South Main Street. Cyril ging von hier zu Hamilton."
"War das denn so einfach möglich?" fragte Cotton. "Legte ihm da keiner was in den Weg?"
"Wenn erwachsene, kluge und friedfertige Männer sich mit dem festen Willen, sich zu einigen, zusammensetzen, kommt dabei fast immer etwas Vernünftiges heraus."
"Hat der Chef von 'Love & Guide' Cyril Hogan freigekauft?"
"Wir fanden eine Lösung, mit der alle zufrieden sein konnten", antwortete Frank Marshall ausweichend.


Victor Hamilton war tiptop gekleidet. Er trug einen cremefarbenen Seidenanzug, ein himmelblaues Hemd und eine geschmackvoll gemusterte gelbe Krawatte.
Seine weißen Lackschuhe glänzten, als würde er sie heute zum erstenmal tragen, und seine geraden Bügelfalten waren rasiermesserscharf.
Cotton erkannte auf den zweiten Blick, daß weder die regelmäßigen Zähne noch das dichte blonde Haar des hageren Mannes echt waren.
"Love & Guide" hatte Niveau und Stil. Cotton konnte verstehen, daß Cyril Hogan nicht bei Frank Marshall geblieben war. Das Büro des Unternehmens befand sich in einer großen hellen Dachterrassenwohnung.
Der Wind spielte mit jungen Kübelpalmen - und Victor Hamilton verstand Cottons Besuch falsch. Er bat ihn, sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Cotton tat es, und Hamilton begutachtete ihn.
"Sie sehen nicht schlecht aus", stellte der Chef von "Love & Guide" fachmännisch fest.
"Danke."
"Sind ein Frauentyp."
Cotton lächelte selbstgefällig. "Nun ja, ich würde sagen, ich komme beim weiblichen Geschlecht ganz gut an."
"Sind Sie verheiratet?"
"Nein."
"Verlobt?"
"Auch nicht."
"In festen Händen?"
"Ich bin so frei, wie ein Mann nur sein kann", gab Cotton mit ausgebreiteten Armen zur Antwort.
Hamilton nickte zufrieden. "Das ist gut."
Cotton grinste. "Finde ich auch, und deshalb werde ich daran auch nichts ändern."
"Das sollten Sie auch nicht. Das einzige, was mich an Ihnen stört, ist Ihr Outfit."
"Was haben Sie daran auszusetzen?" fragte Cotton mit Verwunderung im Blick.
"Nun ja, ich meine - es ist ziemlich salopp... Um nicht zu sagen schlampig."
Cotton blickte an sich hinunter. "Ich find's okay." Er drehte sich freiwillig noch einmal um die eigene Achse, damit Hamilton ihn von allen Seiten bewundern konnte. "Lederjacke. Saubere Jeans. Frisch geputzte Schuhe. Sogar die Krawatte ist da."
"Also, wenn Sie für mich arbeiten wollen..."
"Will ich nicht", stellte Cotton mit Entschiedenheit klar. "Ich habe einen Job, und gar nicht mal so einen üblen."
Hamilton sah ihn verwirrt an. "Sie möchten nicht in die 'Love & Guide'-Kartei aufgenommen werden?"
"Ich wäre stinksauer, wenn das geschähe", gab Cotton energisch zurück.
"Ich dachte..."
Cotton griente. "Falsch gedacht, Meister."
Hamilton senkte verlegen den Blick. "Dann muß ich mich wohl entschuldigen."
Cotton winkte großzügig ab. "Brauchen Sie nicht. Brechen Sie sich keine Verzierung ab. Sagen Sie mir einfach, wo ich Cyril Hogan finde, und alles ist vergeben und vergessen."


"He, Cotton, erinnerst du dich an die Kleine, die ich in Burbank angebaggert habe?" fragte Lincoln "Lina" Abraham und wippte verschwörerisch mit den Augenbrauen. Cotton verstand sich prächtig mit dem schwarzen Kollegen. Sie nahmen nach Dienstschluß des öfteren gern noch zusammen einen zur Brust und teilten sich gelegentlich auch die Frauen.
"An die mit den drei Brüsten?" fragte Cotton scheinheilig.
Lina tippte sich an die Stirn. "Die hatte doch keine drei..."
"Ach, du meinst die Schmale mit dem starken Bartwuchs, die bei windigem Wetter immer Steine in ihren Taschen trägt."
"Ich meine die mit den Supermöpsen, bei der dir beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen wären", sagte Lina und zeigte mit beiden Händen eine gewaltige Oberweite.
"Ach die. Was ist mit der?"
"Du mußt mit ihr ausgehen."
"Wie komme ich zu der Ehre?"
"Na ja", dehnte Abraham, "du mußt mir aus der Patsche helfen, Bruder. Ich bin mit der Kleinen verabredet, kann sie aber nicht treffen."
"Bist du blank? Möchtest du ihr keine Currywurst zumuten? Soll ich dir 'nen Fuffi leihen?"
"Ich brauche von dir kein Geld. Ich bin flüssiger als du."
"Wo ist dann das Problem?"
"Zeta hat sich zurückgemeldet." Zeta Jackson war bis vor drei Monaten Lincoln Abrahams ganz großer Schwarm gewesen - bis sie im Auftrag der UNO auf unbestimmte Zeit in die Golfregion geschickt worden war.
"Ach, ist sie wieder im Lande?" sagte Cotton.
"Ja, und sie möchte mich sehen."
"Dann nimm sie doch mit zu der Kleinen aus Burbank", schlug Cotton grinsend vor.
"Sehr witzig. Ich hatte gehofft, du würdest mich bei ihr vertreten. Sie steht zwar in erster Linie auf mich, aber sie hat mir gestanden, daß sie auch dich ganz nett findet."
"Na, das ist doch was fürs Ego."
"Machst du's?" fragte Lincoln gespannt. "Springst du für mich ein? Vertrittst du mich?"
Cotton zierte sich. "Ich weiß nicht, ob ich dafür gut genug bin."
"Du kannst vielleicht dämlich daherreden."
Cotton nickte. "Na schön, ich leg' die Puppe für dich flach."
"So weit brauchst du nicht zu gehen", sagte Lincoln schnell. "Es genügt, wenn du sie für mich warmhältst. Zeta fliegt in ein paar Tagen schon wieder nach New York, und dann kann der gute Lina seine Interessen ja wieder selbst wahrnehmen."
Cotton fragte ernst: "Wieviel?"
"Wieviel - was?"
"Wieviel ist dir die Sache wert?"
Lincoln sah ihn entgeistert an. "Bist du behämmert? Ich dachte, wir wären Freunde."
Cotton griente. "Wir sind sogar mehr als das."
Lincoln Abraham strich sich mit der Hand fahrig über den Kopf. "O Mann, wer dich zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr." Sein Telefon läutete. Er schnappte sich den Hörer, blaffte seinen Namen in die Sprechmuschel, wurde dann ganz freundlich und leise, und als er auflegte, zeigte er auf den Apparat und sagte: "Weißt du, wer das eben war? Die Kleine aus Burbank. Sie ist untröstlich, weil sie sich nicht mit mir treffen kann."
"Sie hat abgesagt?"
Lincoln Abraham lachte. "Großartig, wie das Leben manchmal so spielt, was?"
"Sie hat dem großen Lina einen Korb gegeben?"
"Quatsch, sie hat mir keinen Korb gegeben. Sie muß nur ganz dringend zu ihrem Ex nach Albuquerque."
"Sie versetzt dich wegen ihrem Ex?" Cotton wiegte den Kopf. "Junge, das würde mir aber echt zu denken geben."
"Auf jeden Fall hat sich die Angelegenheit somit erledigt, und ich werde mir in Zukunft sehr genau überlegen, ob ich dich noch mal um einen Gefallen bitte."
Cotton vertiefte sich in die spärlichen Unterlagen, die es zum aktuellen Fall gab. Die Besuche bei Frank Marshall und Victor Hamilton hätte er sich - wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte - sparen können. Es war nichts dabei herausgekommen. Weder Marshall noch der Chef von "Love & Guide" hatten ihm helfen können - oder wollen.
Donna Sullivan erschien. Sie war fuchsteufelswild, hatte sich über Neil O'Hara geärgert.
"Warum tue ich mir das eigentlich an?" fauchte sie kopfschüttelnd. Sie war ein ehrgeiziges Mädchen. Ihr Vater war ein reicher Arzt, ihre Mutter Vorsitzende in -zig sozialen Verbänden. "Bin ich verrückt oder was? Warum schmeiße ich ihm meine Dienstmarke nicht in sein verflixtes irisches Gesicht und bleibe zu Hause?"
"Weil du weißt, daß du hier unentbehrlich bist", sagte Cotton besänftigend.
"Kein Mensch ist unentbehrlich."
"Womit hat der Kotzbrocken dich denn so sehr aus der Fassung gebracht?" wollte Cotton wissen. "Möchtest du darüber reden?"
"Nein."
"Du würdest dich hinterher wohler fühlen."
"Hast du was mit den Ohren?" schnauzte Donna ihren Partner an, und ihre Augen verschossen Blitze. "Ich habe nein gesagt."
Ihr Verlobter rief an und wollte wissen, ob sie, wie besprochen, drei Urlaubstage beantragt habe. Sie sagte, es täte ihr leid, sie habe es vergessen.
Ihr Verlobter wagte es daraufhin, ihr Vorhaltungen zu machen. Zu einem (was er nicht wissen konnte) denkbar schlechten Zeitpunkt.
Mehr brauchte er nicht. Sie fuhr mit ihm gehörig Schlitten und knallte den Hörer anschließend wild auf den Apparat. Lincol Abraham sah Cotton an und wedelte mit der Hand, als hätte er sich die Finger verbrannt. Cotton sagte nichts. Er wollte von seiner Partnerin nicht gefressen werden. Donnas Apparat klingelte wieder. Als der Zwanzig-Sekunden-Anruf zu Ende war, erhob sich die Agentin.
"Cotton!"
Cotton schnellte hoch, nahm Haltung an, knallte die Hacken zusammen und bellte: "Sir!?"
"Laß die blöden Witze", sagte Donna absolut nicht amüsiert und marschierte aus dem Büro.
Cotton grinste in Linas Richtung. "Eine humorlose Person." Er folgte seiner Partnerin. Erst im Wagen erfuhr er, wer angerufen hatte: Shelley Dante, eine Polizistin, die undercover als Nutte arbeitete.


"Hallo, ihr Süßen", sagte die leicht bekleidete Prostituierte. Sie beugte sich zum offenen Wagenfenster hinunter und zeigte, was sie hatte. Luftballons. Natur. Eine Seltenheit in einer Stadt wie L. A., in der Siebzehnjährige von ihren Müttern zum Geburtstag große Oberweiten vom Schönheitschirurgen geschenkt bekommen, wie sie betonte. "Seid ihr an 'nem flotten Dreier interessiert? Ich bin nach allen Seiten hin offen."
"He, hau ab, du Miststück!" rief eine Dirne hinter ihr. "Das sind meine Stammkunden!"
"Kann ich das riechen?" ärgerte sich die Dolly-Parton-Imitation.
Ihre Kollegin rempelte sie zur Seite. "Ich zerkratz' dir gleich die häßliche Visage."
"Der Blitz soll dich treffen."
"Verdammt, wieso bist du noch hier? Ich hab gesagt, du sollst abhauen!"
Die üppige Bordsteinschwalbe zog sich zurück und machte einer attraktiven Dunkelhaarigen Platz. "Schlagen wir der Welt mal wieder zusammen ein Loch?" fragte sie laut und wiegte sich aufreizend in den Hüften.
"Steig ein", sagte Donna Sullivan.
"Mein Tarif für Sonder-Nummern hat sich erhöht", sagte das käufliche Mädchen. Sie sah aus, als käme sie aus dem Fitness-Center.
Sie trug sexy Leopardenleggins, einen sandfarbenen Body, der hinten zwischen ihren wohlgerundeten Pobacken verlief, und ein breites Stirnband.
"Steig ein", wiederholte Donna Sullivan.
Die Dirne öffnete den hinteren Wagenschlag. "Okay." Sie stieg ein. "Dann laßt uns mal ein bißchen Spaß haben."
Cotton fuhr los, und sie zeigte Dolly Parton den Stinkefinger.
Donna drehte sich zu der Nutte um. "Hi, Shelley."
Shelley Dante lachte. "Na, wie war ich?"
"Überzeugend", nickte Donna.
"Wir fahren ein bißchen spazieren, okay?" sagte Cotton.
"Ist mir recht", gab die Polizistin, die als Undercover-Prostituierte im Dauereinsatz war, zurück. Shelley Dante hatte schlimme Schicksalsschläge hinter sich. Sie wäre daran beinahe zerbrochen.
Zuerst war ihr Bruder ein Opfer der Unterwelt von L. A. geworden. Er hatte seine hohen Spielschulden nicht bezahlen können. Man hatte ihn so schwer verprügelt, daß er an inneren Blutungen gestorben war.
Ihrem Ehemann, einem bekannten Baulöwen, hatte man eine Bombe ins Büro gelegt, weil er sich geweigert hatte, mit gewissen profitgeilen Leuten gemeinsame Sache zu machen. Und dessen Tochter aus erster Ehe hatten sie mit achtzehn Jahren süchtiggespritzt und auf den Strich geschickt. Drei Monate hatte das zerbrechliche Mädchen durchgehalten. Dann hatte es sich mit einem Sprung vom Dach eines Hochhauses das Leben genommen - und Shelley hatte nach einem Monat Nervenklinik den Entschluß gefaßt, den mächtigen dunklen Elementen von Los Angeles als Undercover-Dirne den Kampf anzusagen.
Shelley Dante legte die Hände auf Cottons Schultern und massierte seine Nackenpartie. Sie machte das sehr gut. Er ließ einen wohligen Laut hören. "Hast du was mit deinem Gesicht gemacht, Süßer?" fragte sie.
"Nein", gab er zurück. "Wieso?"
"Ich hatte dich nicht so hübsch in Erinnerung."
Cotton sah sie im Spiegel an und grinste. "Danke für die Blumen, Shelley. Bist ein Schatz."
Shelley wandte sich an Donna. "Stört es dich, wenn ich mit deinem Partner flirte?"
Donna schüttelte den Kopf. "Überhaupt nicht."
"Läuft zwischen euch was?" fragte Shelley so direkt, daß es Donna unangenehm war.
"Wie?" fragte Donna Sullivan heiser.
"Habt ihr was miteinander?"
"Nein." Donnas Antwort klang beinahe empört.
"Nein?" fragte Shelley verständnislos. "Woran liegt es?"
"Bestimmt nicht an mir", ließ Cotton verlauten.
Shelley stieß Donna leicht an. "Was hast du gegen Cotton?"
"Nichts", gab diese mit belegter Stimme zurück.
Cotton lachte. "Ich bin in ihren Augen ein Prolet."
Shelley stieß Donna abermals leicht an. "Stimmt das?"
Diese hüstelte nervös. "Nein... Ja... Nun ja..."
"Ich komme von unten, sie von oben", erklärte Cotton.
"Dann könntet ihr euch doch in der Mitte schön treffen", sagte Shelley.
Donna verdrehte seufzend die Augen.
Cotton amüsierte sich köstlich.
Seine Partnerin verlangte energisch: "Können wir bitte über etwas anderes reden? Ich bin verlobt. Ich nehme das sehr ernst, und ich habe weder Lust noch irgendeine Veranlassung, meinen Verlobten zu betrügen." Sie sah Cotton und die Undercover-Dirne verstimmt an. "Sind damit alle Unklarheiten beseitigt? Können wir endlich zur Sache kommen?"
"Gut." Shelley hob die Hände, als wollte sie sich ergeben. "Ist ja schon gut. Ich konnte nicht wissen, daß ich meine Finger auf eine offene Wunde lege."
"Es gibt keine offene..." Donna unterbrach sich. "Was hast du für uns?" wollte sie kühl und sachlich wissen.
"Ihr sucht die Hogan-Brüder", sagte Shelley Dante.
"Eigentlich sind wir nur an Zach Hogan interessiert", erklärte Cotton (der Stadtteil, durch den sie soeben fuhren, hieß Santa Ana, und sie waren weiter nach Costa Mesa unterwegs), "weil er eine Bank überfallen hat. Cyril suchen wir bloß, weil wir hoffen, daß er Zachs derzeitigen Unterschlupf kennt."
"Er kennt ihn", sagte Shelley Dante überzeugt. "Die beiden waren gestern im 'Happy Romance'", erzählte sie. "Ich saß zufällig in der Loge neben ihnen und bekam ihre Unterhaltung mit. Cyril Hogan hatte einen 'Betriebsunfall'. Rip Brooks hat den Callboy mit seiner Frau bei der Arbeit erwischt. Der Produzent hat ihm daraufhin seine Kanone ins Gesicht geschlagen und ihn so sehr entstellt, daß es mit seiner Schönheit ein für allemal vorbei ist. Nun haßt Cyril den Filmproduzenten so sehr, daß er ihn um jeden Preis tot sehen will. Er hat Zach gebeten, Brooks für ihn umzulegen, doch der hat abgelehnt. Nicht mal gegen Bezahlung war er dazu bereit. Also beschloß Cyril, es selbst zu tun."


Cotton hielt die entsicherte SIG Sauer (das SIG stand für "Schweizerische Industrie-Gesellschaft") mit beiden Händen. Die P 226 wog etwa einen Kilo. Zach Hogan stand mit offenem Mund vor ihm.
"Cotton. Will Cotton. FBI", sagte der Agent. "Du erinnerst dich an mich? Du hast meine Bank überfallen. Ich wußte, daß wir uns wiedersehen."
Hogan wich verdattert zurück. Er war wütend. Auf sich selbst. Weil er so arglos die Tür geöffnet hatte. Verfluchte Scheiße. Jetzt steckte er gewaltig in der Klemme.
Gegen diese mächtige Kanone hatte er wohl kaum eine Chance. Oder doch?
Cotton schüttelte den Kopf. Er schien Gedanken lesen zu können, denn er sagte: "Daran würde ich nicht einmal denken. Wenn ich zur Waffe greife, benutze ich sie auch, wenn die Umstände es erfordern."
Shelley Dante hatte ihnen nicht nur erzählt, was Cyril Hogan vorhatte. Sie hatte auch gewußt, daß Zach Hogans Freundin Polly Holliday in Inglewood ein Apartment für sich und Zach gemietet hatte.
Und hier hatte Cotton - welche Freude - den Ex-Terroristen und Neo-Bankräuber nun, glücklicherweise allein, angetroffen. Hogan stakste bis ins Wohnzimmer zurück.
Cotton folgte ihm. "Flossen hoch!" befahl er.
Hogan gehorchte. Spannung knisterte in der Luft.
"Umdrehen!" verlangte Cotton.
Hogan gehorchte.
"Hände an die Wand!"
Hogan gehorchte.
"Beine grätschen!"
Hogan gehorchte. Cotton tastete ihn rasch und gewissenhaft ab. Hogan war unbewaffnet. Cotton befahl ihm, die Arme runterzunehmen, und legte ihm Handschellen an. Donna Sullivan hatte sich - für den Fall, daß es Hogan irgendwie schaffte, auszurücken - am Hinterausgang des Hauses postiert. Sie würde vergeblich auf Hogan warten. Er würde nicht kommen.
"Ich lese dir nachher deine Rechte vor", sagte Cotton. "Aber zuerst sagst du mir, wo das Geld ist, das dir nicht gehört."
Hogan schwieg.
Cotton führte ihn zur Couch. "Setzen!" Er gab Hogan einen Stoß, und Hogan saß.
Cotton schob die Edelstahl-Neun-Millimeter ins Holster und ließ den Blick durch den Raum schweifen. "Wo hast du's versteckt, hm?"
Hogan hatte die Beute nicht versteckt. Er hatte geglaubt, das wäre nicht nötig. Er hatte sich in der Wohnung, die Polly aufgetrieben hatte, absolut sicher gefühlt. Nie hatte er damit gerechnet, unerfreulichen Besuch vom FBI zu kriegen. Er fragte sich, wie es diesem gottverfluchten Burschen, der nicht im entferntesten so aussah, wie man sich normalerweise einen G-man vorstellte, gelungen war, ihn zu finden. Hatte ihn irgend jemand verpfiffen? Wer? Cyril? Nein, nicht Cyril. Sie waren zwar noch nie ein Herz und eine Seele gewesen, aber verraten hätte Cyril seinen Bruder dennoch nie.
Auch nicht, nachdem er, Zach, es abgelehnt hatte, Rip Brooks zu töten. Verrat war einfach - bei allem, was sie trennte - nicht drin.
Und Polly? Absurd, auch nur einen Augenblick daran zu denken. Polly war verknallt in ihn. Er konnte ihr vertrauen wie sich selbst.
Sie würde niemals etwas tun, das ihm schadete. Selbst wenn es noch so knüppeldick kommen sollte - Polly würde immer zu ihm stehen. Aber wer, verdammt noch mal, wer, hatte den G-man auf seine Spur gebracht?
Cotton öffnete den breiten Wohnzimmerschrank. Gläser, Flaschen, Fotoalben, Schallplatten, Dokumente, Tischtücher - und darauf ein stabiler Aluminiumkoffer.
Zach Hogans Sonnengeflecht zog sich zusammen. Verfluchter Mist, er hat's gefunden! schrie es in ihm. Zorn rumorte in seinen Eingeweiden.
Er wollte aufspringen und sich auf Cotton stürzen, aber seine Arme waren auf den Rücken gefesselt. Cotton hätte leichtes Spiel mit ihm gehabt. Der G-man war ein exzellenter Fighter, das hatte er in der Bank bewiesen. Einen gefesselten Angreifer hätte er wohl kaum besonders ernst genommen. Mit dem hätte er kurzen Prozeß gemacht.
Cotton ließ die Verschlüsse aufschnappen und öffnete den Alu-Deckel. Geld. Sechzigtausend Dollar, grob geschätzt. Vielleicht ein bißchen weniger. Zach Hogan und Polly Holliday konnten bereits etwas davon abgezweigt haben. Doch viel hatten sie allem Anschein nach noch nicht ausgegeben. Was fehlte, konnte die Bank sicher verschmerzen.
Cotton schloß den Koffer wieder. "Des einen Freud, des andern Leid." Er lachte. Doch im nächsten Moment verging ihm das Lachen gründlich.


Donna Sullivan stand mit entsicherter Waffe im finsteren Hinterhof und wartete gespannt auf Zach Hogan. Sollte der Ex-Terrorist das Kunststück fertigbringen, Will Cotton zu entkommen, würde sie sich von ihm bestimmt nicht über den Haufen rennen lassen.
Stimmen. Schritte.
Donna drückte sich in eine dunkle Mauernische. Sie sah zwei junge Männer. Taschendiebe, die hastig checkten, was an ihren langen Fingern kleben geblieben war.
Sie nahmen Bargeld und Kreditkarten an sich. Geldbörsen und Brieftaschen wurden achtlos weggeworfen. Nachdem sie die Barschaft brüderlich geteilt hatten, verschwanden sie - vielleicht um weitere Menschen, die nicht gut genug auf ihr Portemonnaie aufpaßten, zu beklauen.
Donna konnte sich vorstellen, daß das Geschäft bestens florierte, denn die Unvorsichtigen, Sorglosen, Vertrauensseligen und Naiven starben ja nicht aus.
Donna blieb in der dunklen Nische. Peinlich, was Shelley Dante im Auto gesagt hatte. Ist es denn so deutlich zu sehen, daß Will Cotton für mich mehr als bloß ein Kollege ist? fragte sich die schöne Agentin.
Will war manchmal unmöglich. Ein verrückter Heißsporn. Als man sie mit ihm zusammengespannt hatte, war sie darüber nicht besonders erfreut gewesen.
Sie hatte das Gefühl gehabt, mit diesem Halbzivilisierten den Schwarzen Peter gezogen zu haben, hatte gemeint, etwas Schlimmeres könne ihr nicht passieren.
Doch inzwischen hatte sie sich an den sympathischen Burschen mit den ungehobelten Manieren gewöhnt. Sein engagiertes Draufgängertum hatte angefangen ihr zu imponieren. Lief sie etwa schon Gefahr, seinem rabaukenhaften Charme zu erliegen?
Wie auch immer, Will Cotton war ein guter Polizist. Ein gnadenloser Hüter des Gesetzes. Ehrlich, geradlinig und unbestechlich.
Ein Mann, dem kein Risiko zu hoch war, wenn es galt, der guten Sache zum Sieg zu verhelfen, und der, seit er in L. A. war - also in relativ kurzer Zeit -, schon so manchen brisanten Fall mit beachtlicher Bravour gelöst hatte.
Aus diesen und vielen anderen Gründen sah Donna in ihm nicht nur einen großartigen Kollegen, auf den sie sich jederzeit hundertprozentig verlassen konnte, sondern auch und vor allem einen aufrechten, wunderbaren Freund, mit dem man Pferde stehlen konnte. Und vielleicht... Wenn ihr Verlobter sich nicht genug Mühe gab... Konnte es sich unter Umständen ergeben... Aber wie kam Shelley Dante dazu, ein so heikles Thema so unsensibel aufs Tapet zu bringen?
Donna wurde langsam unruhig. Wie lief es oben im Apartment von Polly Holliday und Zach Hogan? Kam Cotton mit den beiden alleine klar oder brauchte er Unterstützung?


Ist das eine verrückte Fügung des Schicksals oder haben sie mich beschattet, ohne daß es mir auffiel? durchzuckte es Cotton, als er McFadden, Turkel und Wallace erblickte. Habe ich sie ahnungslos zu ihrem Ex-Freund geführt? Brauchten sie mir nur zu folgen, um ihren einstigen Komplizen, den sie so lange vergeblich gesucht haben, endlich zu finden?
Sie starrten Zach Hogan eiskalt an, hielten Kanonen in ihren Händen. Cotton schien im Moment für sie nicht zu existieren. Hogan wußte, was er zu erwarten hatte. Er wurde kreideweiß und schnellte hoch.
Gleichzeitig warf Cotton sich hinter das Sofa und griff zur Waffe. Das Kilo SIG-Stahl flog ihm förmlich in die Hand, während Scott McFadden, Dennis Turkel und Vincent Wallace sich von ihrem Ex-Kumpel Zach Hogan auf eine wenig herzliche Art verabschiedeten - jeder mit einer Kugel. Dreifach tödlich getroffen landete Hogan auf der Couch, und Cotton ließ die sechzehnschüssige SIG donnern. Er trieb die Terroristen damit aus der Wohnung, doch das reichte ihm nicht. Er wollte sie nicht bloß verjagen, sondern für den Mord an Hogan - den sie kaltschnäuzig vor seinen Augen verübt hatten - und all ihre anderen ungesühnten Verbrechen zur Rechenschaft ziehen.
Grimmig sprang er auf und stürmte durch das Apartment. Im Treppenhaus lieferte er den Terroristen ein erbittertes Feuergefecht.
Er rückte stetig vor. Sie konnten ihn nicht stoppen, so sehr sie es auch versuchten, und obwohl sie zu dritt waren. Sie konnten von Glück sagen, daß es ihnen gelang, das Haus unversehrt zu verlassen.
Als sie zu ihrem Wagen liefen, hetzte Cotton die Stufen hinunter. Er war schnell. Verdammt schnell. Die Anstrengung verzerrte sein Gesicht. In seinen Augen funkelte der unbändige Wille, sie nicht entkommen zu lassen. Sie hatten gemordet. Sie sollten dafür bezahlen. Sie sprangen in ihren Wagen und rasten los. Wie vom Katapult geschleudert flog Cotton aus dem Haus. Bis zur Fahrbahnmitte. Und dann ballerte er eine Menge Munition hinter dem Fluchtwagen her.
Donna tauchte hinter ihm auf.
Sie trafen sich beim Dienstwagen, stiegen hastig ein, und Cotton gab Vollgas. Donna wollte wissen, was passiert war. Cotton berichtete in Schlagworten.
Er ließ das Fahrzeug über den Asphalt schießen. Donna griff nach dem Mikro, meldete, was sich ereignet hatte, gab ihre Position durch und forderte Unterstützung an. Doch die Terroristen hatten an diesem Tag mehr Glück als Verstand. Sie schafften es auf eine unerklärbare Weise, sich unsichtbar zu machen und ihren Verfolgern zu entkommen.


Cotton stellte den Aluminiumkoffer auf Richard Steels Schreibtisch. "Die Beute, Sir. Ich habe gesagt, ich würde sie wiederbeschaffen."
"Sie haben auch gesagt, Sie würden dafür sorgen, daß Zach Hogan in den Knast kommt", knurrte der SAC. "Und wo ist er gelandet? Im Leichenschauhaus."
"Ich habe ihn nicht erschossen."
"Aber es passierte vor Ihren Augen. Wieso haben Sie es nicht verhindert?"
"Ich hab's versucht, Sir."
"Verdammt, wieso ist es Ihnen nicht gelungen, Will?" wollte der Schwarze gereizt wissen.
Cotton war wütend. Auf sich. Auf Steel. Auf die Terroristen. "Ich habe keinen Dank erwartet, Sir..."
"Dank? Wofür denn?"
"...aber auch keinen Anschiß!" vollendete Cotton seinen Satz.
"Ich muß mich nicht jedesmal bei meinen Männern bedanken, wenn sie ihren Job tun", sagte Steel.
Cotton reckte sein Kinn kämpferisch vor. Es blitzte gefährlich in seinen Augen. "Wenn Sie finden, daß ich versagt habe - warum schmeißen Sie mich dann nicht raus?"
Richard Steel sah den jungen Agenten, der sich innerhalb kürzester Zeit mehrfach bestens bewährt hatte, scharf an. "Möchten Sie das?" fragte er rauh.
"Wenn Sie's tun, mache ich ohne Ihren Segen weiter", gab Cotton mit schmalen Lippen zur Antwort. "Mir schießt man nicht ungestraft einen Verhafteten unter den Fingern weg. Ich will und werde McFadden, Turkel und Wallace dafür zur Rechenschaft ziehen."
Es entstand eine kurze Pause.
Dann nickte Richard Steel und sagte: "Na, dann tun Sie's."
"Sir?"
"Tun Sie's", wiederholte der SAC. "Aber nicht ohne, sondern mit meinem Segen."


"Was hat er gesagt?" wollte Donna Sullivan wissen, als Cotton von der Kopfwäsche zurückkam.
Cotton blies seinen Brustkorb auf und lächelte stolz. "Er möchte mich für eine Medaille vorschlagen."
"Für was für eine Medaille?"
"Für eine, die es noch nicht gibt, die erst geschaffen werden muß."
"Wieso wollte er dich allein sprechen?" fragte Donna.
Cotton sagte in vertraulichem Ton: "Ich bin für ihn so etwas wie sein Adoptivsohn. Aber das soll niemand wissen."
"Die Hogan-Sache war unser Fall, nicht bloß deiner", sagte Cottons attraktive Partnerin.
"Er wollte auch dich für einen Orden vorschlagen", berichtete Cotton, "aber du hast bereits zwei." Er deutete grinsend auf ihre hübschen Brüste.
Donna überging die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geflissentlich. "Er hat dich zusammengestaucht, weil Zach Hogan tot ist, stimmt's?" sagte sie ernst.
"Er hat mich gebeten, Zach Hogans Mörder zur Strecke zu bringen, und ich habe ihm versprochen, das zu tun."
"Ohne mich?"
"Selbstverständlich mit dir", gab Cotton grinsend zurück. "Schließlich sind wir Partner. Hast du Rip Brooks inzwischen erreicht?" fragte er unvermittelt.
Donna schüttelte den Kopf. "Niemand weiß, wo er ist."
"Hoffentlich weiß es auch Cyril Hogan nicht", knurrte Cotton.
"Scheint so, als wollte Brooks seine Ehe in Ordnung bringen", sagte Donna. "Einer seiner Freunde vermutet, daß er mit seiner Frau in die Einsamkeit gefahren ist. Kein Radio. Kein Fernsehen. Kein Telefon. Nur sie beide. Und - vielleicht - ein neuer Anfang."
Cotton nickte. "Wünsche ich ihnen. Und ein langes Leben. Vor allem Rip Brooks, denn Phoebes ist ja nicht in Gefahr."
"Wenn wir Glück haben, finden wir Cyril Hogan, bevor er dem Produzenten etwas anhaben kann."
"Vielleicht kennt eine seiner Kundinnen seine derzeitige Adresse", sagte Cotton hoffnungsvoll. "Er muß doch irgendwie erreichbar sein, wenn 'Not am Mann' ist."
"Das kann über einen telefonischen Auftragsdienst laufen, den Hogan dazwischengeschaltet hat", meinte Donna. "Ich habe Pogo gebeten, in der Brooks/Hogan-Sache für uns dranzubleiben, damit wir uns auf die Terroristen konzentrieren können."
"Gute Idee."
"Sobald Brooks aus der Versenkung hochkommt, gibt Pogo uns Bescheid. Dann können wir den Produzenten in Gewahrsam nehmen oder, falls er das nicht möchte, ihm einen Schutzengel an die Seite stellen, damit ihm nichts zustößt."
"Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Mädchen", sagte Cotton zufrieden.
"Wäre schön, wenn Rip Brooks so lange in Deckung bliebe, bis Cyril Hogans Rachegelüste verraucht sind."
Cottons Miene verdunkelte sich. "Ich fürchte, dazu wird es nie kommen. Der Callboy ist - bei allem, was die Brüder trennte - in erster Linie ein Hogan. Er wird versuchen, sein mörderisches Ziel mit der den Hogans eigenen Beharrlichkeit zu verfolgen und sein rachsüchtiges Vorhaben auszuführen. Da bin ich ziemlich sicher."


Während Donna Sullivan sich in ihrer Freizeit ihrem Verlobten widmete, machte Will Cotton allein weiter. Er tauchte noch einmal bei Bruce Spano auf und fühlte ihm sehr gründlich auf den Zahn. Der Tätowierte beteuerte, seine Freundin seit dem letztenmal nicht mehr geschlagen zu haben.
Rita bestätigte das mit niedergeschlagenem Blick, und Cotton wußte, daß Spano nicht die Wahrheit sagte. Wenn Rita eine Spur besser ausgesehen hätte, wäre sie bestimmt nicht bei Spano geblieben.
So aber schien sie froh zu sein, überhaupt einen Mann abgekriegt zu haben. Keine Freude, ein solches Dasein an der Seite eines Kerls wie Bruce Spano zu fristen, ging es Cotton durch den Sinn.
Er sagte: "Du erinnerst dich an den Wettlauf, den ich erwähnt habe? Die Guten gegen die Bösen. Nun, wir, die Guten, haben ihn verloren. Die Bösen haben ihn gewonnen. Zach Hogan ist tot. Weil du uns nicht geholfen hast." Seine Stimme klang scharf und vorwurfsvoll.
"Ich konnte nicht."
"Ich glaube eher, du wolltest nicht."
"Das ist nicht wahr."
"Was hast du unternommen, um Zach Hogans Versteck für uns herauszufinden", wollte Cotton wissen.
"Ich habe mit ein paar Leuten telefoniert."
Cotton sah Rita an. "Ist das wahr?"
Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, schwieg.
"Rita war nicht zu Hause, als ich anrief", behauptete Spano.
Cotton erzählte, wie Zach Hogan gestorben war. Spano sah den jungen G-man an, als hätte er einen Toten vor sich, und er sagte, Cotton müsse - nach dem erbitterten Feuergefecht, das er sich mit den Terroristen geliefert habe - damit rechnen, daß nun er, nach Zach Hogans Tod, an oberster Stelle der Killer-Hitliste stand.
"Das bedeutet, daß Sie sie nicht zu suchen brauchen", fuhr Spano mit belegter Stimme fort. "McFadden, Turkel und Wallace werden Sie finden."
Cotton sagte: "Du meinst, ich brauche mich zu gegebener Zeit nur umzudrehen, um sie unmittelbar vor mir zu haben."
Bruce Spano nickte sehr ernst. "Das ist zu befürchten."


Nach seinem Besuch bei Bruce Spano und dessen Freundin Rita lernte Cotton in einem Fast-Food-Restaurant ein verdammt kokettes Girl namens Jodie Stansfield kennen... Sie betrat das Lokal kurz nach ihm. Er bemerkte sie sofort. Und nicht nur er. Sie zog auch die Blicke aller anderen Männer auf sich. Sie war einfach nicht zu übersehen.
Aufregende Figur. Aufreizender Gang. Langes schwarzes Haar. Endlos lange, wohlgeformte Beine. Ihre Füße steckten in schwindelerregenden High-heels. Und sie schien den Minirock und das Rip-Top ihrer kleinen Schwester zu tragen. Beim Anblick dieser nabelfreien Attraktion mußten jedem normal veranlagten Mann sündige Gedanken kommen.
Klar, daß auch Cotton sich vorzustellen versuchte, wie diese Fleisch gewordene Versuchung im Bett war. Der Sex mit ihr mußte granatenmäßig sein.
Während Cotton sich noch eine Strategie überlegte, wie er ihre Bekanntschaft machen konnte, versuchte es bereits ein Kerl auf die plumpe Tour.
Sie hatte ihm - wie sie es wohl immer und überall tat - schöne Augen gemacht und ihm ein geheimnisvolles und möglicherweise auch ein wenig verheißungsvolles Lächeln geschenkt, und er hatte das als dringliche Aufforderung angesehen, er möge ihr doch tatkräftig näher treten.
Also kniff er sie grinsend in den Po. Doch er hatte ihre Signale mißverstanden. Sie bewies es ihm, indem sie ihm ihren Grapefruitsaft, den sie eben bekommen hatte, ins Gesicht schüttete und ihm auch noch eine schallende Ohrfeige gab.
"He, du Flittchen!" stieß der Mann wütend hervor. "Sag mal, bist du blöd geblieben, oder was ist los mit dir?"
"Geiler Sack!" fauchte sie mit kampflustig funkelnden Augen. "Du hast mich nicht anzufassen!"
"Du hast das doch gewollt."
"Hab ich nicht. Hab ich gesagt, du sollst mich in den Hintern kneifen? Ich kann mich nicht entsinnen, daß ich das von dir verlangt habe."
"Man weiß doch, was eine wie du will. Es ist nicht nötig, daß du was sagst. Du forderst es doch mit jedem Blick, mit jeder Geste, mit jeder Bewegung, mit deiner verführerischen Aufmachung heraus."
Sie zeigte zur Tür. "Wenn da draußen ein schicker Sportwagen steht... Dein Traumauto... Der Schlüssel steckt... Der Motor läuft... Steigst du ein und fährst fort?"
"Natürlich nicht."
"Warum nicht?"
"Weil mir der Wagen nicht gehört."
"Aha, und wieso glaubst du dann, das Recht zu haben, dich meiner bedienen zu dürfen, als würde ich dir gehören?"
"Das ist doch etwas ganz anderes."
"Findest du?"
"Ja, finde ich. Du bist nicht mein Traumauto." Der Typ grinste dreckig. "Aber ich würde trotzdem gern 'ne Runde mit dir drehen." Er packte das Girl, riß es an sich und preßte seine Lippen gierig auf ihren Mund.
Sie biß zu. Er schrie auf, blutete. Der Blutgeschmack in seinem Mund ließ ihn durchdrehen. Er schlug ihr die Faust in die Magengrube.
Das reichte Cotton. Er sprang auf. Mit wenigen Schritten war er bei Mr. Brutalo und bestrafte ihn mit harten Schlägen. Nach dem dritten Treffer krümmte sich der Mann.
Er beugte sich zu Cottons hochschnellendem Knie hinunter und lag Augenblicke später röchelnd auf dem Boden. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, griff Cotton nach dem Mädchen und schob es zur Tür hinaus.
"Danke", sagte die Schwarzhaarige, als sie auf der Straße waren.
"Gern geschehen."
Das Girl lachte. "Dem hast du's ganz schön gegeben."
"Ich hab was gegen Kerle, die nicht wissen, was sich gehört", grollte Cotton.
Sie strich mit den Händen ihren kurzen Rock an den wohlgerundeten Hüften glatt. "Er ist aus der Steinzeit."
"Wieso aus der Steinzeit?"
"Damals gingen die Männer mit 'ner Keule auf Brautschau." Sie zeigte mit dem Daumen auf das Tal zwischen ihren üppigen Brüsten. "Ich bin Jodie. Jodie Stansfield."
"Cotton. Will Cotton."
"Ich suche mir die Männer aus, die mich anfassen dürfen", sagte Jodie.
"Das ist dein gutes Recht."
Jodie Stansfield musterte ihn mit unverhohlenem Interesse. "Du kämst in die engere Wahl."
"Ich fühle mich geehrt."
"Du dürftest mich anfassen."
Er nickte lächelnd. "Vielleicht komme ich demnächst darauf zurück."
"Würde mich freuen."
"Möchtest du Motorrad fahren?" Er zeigte auf seine Harley, die nur zwanzig Meter von ihnen entfernt aufgebockt war.
"Gehört das heiße Eisen etwa dir?"
"Denkst du, ich kurve mit einer gestohlenen XLH Sportster 1200 durch die Gegend?"
Jodie kicherte. "Ist ein ziemlich geiles Gefühl zwischen den Schenkeln, wenn man auf so 'ner vibrierenden Prachtmaschine sitzt."
Cotton ging mit ihr zur Harley. "Steig auf. Ich bringe dich nach Hause."


Cotton hatte es gewagt, sich mit McFadden, Turkel und Wallace anzulegen und mußte nun - so Spiro - davon ausgehen, daß sie ihn dafür auf ihrer Abschußliste an jene Stelle gesetzt hatten, die nach Zach Hogans Tod frei geworden war. Das beunruhigte ihn zwar nicht besonders, aber er war dennoch etwas vorsichtiger als sonst und schaute etwas öfter über seine Schulter als in normalen Zeiten.
Er hatte Jodie Stansfield seine Karte gegeben und rechnete fest damit, ihr schon sehr bald wiederzubegegnen. Was dann passieren würde, war klar. Er war ein junger, gesunder, kräftiger Mann mit legitimen Bedürfnissen. Sie war eine tolle Frau. Es sprach absolut nichts dagegen, daß er sie flachlegte, wenn sie sich wiedersahen.
Sie erwartete das mit Sicherheit von ihm, und er war entschlossen, sie nicht zu enttäuschen. Er würde ihr in reichem Maße geben, was sie brauchte - und sich nehmen, was sie für ihn bereithielt.
"He, Bruder, du siehst aus, als hättest du soeben einen feuchten Traum", lachte Lincoln Abraham.
"Kümmere dich um deinen eigenen Kram", brummte Cotton zurück.
"Solltest du von Donna geträumt haben..."
"Hab ich nicht."
"Dann ist es gut."
"Wieso?" Cotton griente. "Ist sie etwa das Ziel deiner Begierde?"
"Ich schätze sie als Kollegin sehr, aber ins Bett möchte ich mit ihr nicht gehen."
"Und warum nicht?"
Lina hob die Schultern und kräuselte die Stirn. "Ich weiß nicht. Ich glaube, da wäre sie mir zu brav."
"Ich glaube, du unterschätzt das Feuer dieser Frau", sagte Cotton. "Wenn ein Mann sie richtig behandelt, wird sie garantiert so heiß, daß er sich an ihr Brandblasen holt."
"Ich bin nicht scharf auf Brandblasen."
Cotton lachte spöttisch. "Warum sagst du nicht gleich, du getraust dich nicht, sie anzumachen, weil sie für dich eine Nummer zu groß ist?"
Abraham zeigte mit seinem Kugelschreiber auf den Kollegen. "Die Frau, die ich mich nicht anzumachen wage, gibt es nicht", tönte er.
Cotton grinste breit. "Du hast Angst, dir einen Korb zu holen, möchtest dich nicht blamieren."
Abraham warf ihm einen unwilligen Blick zu. "Woher willst du das denn wissen, eh?"
Cotton breitete amüsiert die Arme aus. "He, Bruder, ich bin dein Freund. Ich kenne dich besser als du dich selbst."


Rip Brooks war zurückgekehrt, und Will Cotton befand sich auf dem Weg zu ihm, um ihm klarzumachen, daß es gesünder für ihn war, sich einen zuverlässigen Leibwächter zuzulegen und mit diesem gleich wieder in der Versenkung zu verschwinden, bis Cyril Hogan sich auf Nummer Sicher befand. Porfirio Gonzales hatte in Erfahrung gebracht, daß der Produzent sich zur Zeit in seiner Villa in Bel Air befand. Ohne Phoebe. Die befand sich allem Anschein noch da, wo Brooks sich während der letzten Tage mit ihr aufgehalten hatte.
So, wie Pogo zu Ohren gekommen war, daß Rip Brooks seit einigen Stunden wieder verfügbar war, konnte es auch Cyril Hogan erfahren haben.
Theoretisch konnte er sich in diesen Minuten genauso auf dem Weg zu Brooks befinden wie Cotton, und dann mußte man sich eine Frage von existenzieller Wichtigkeit stellen: Wer wird früher am Ziel sein?
"Brooks hat sich bei einigen Geschäftsfreunden gemeldet", hatte Porfirio Gonzales vor zwanzig Minuten am Telefon berichtet. "Sie sollen morgen zu ihm kommen. Er geht angeblich mit der Idee zu einem neuen großen Film schwanger und möchte ihnen die finanzielle Beteiligung an dem teuren Projekt schmackhaft machen."
"Dann will ich mal die Grundvoraussetzung dafür schaffen, daß er sein neues Projekt in Angriff nehmen kann, indem ich dafür sorge, daß ihm nichts zustößt", hatte Cotton erwidert.
"Fährst du mit Donna zu ihm?"
"Sie ist nicht hier."
"Möchtest du, daß ich dich begleite?" hatte Pogo gefragt.
"Danke für das Angebot, Kumpel", hatte Cotton zurückgegeben, "aber ich denke, ich schaffe es auch ohne Unterstützung, Brooks davon zu überzeugen, daß er im Moment nichts Besseres tun kann, als den Kopf wieder einzuziehen und so lange unten zu lassen, bis wir Cyril Hogan entschärft haben."
In diesem Augenblick erreichte Cotton auf dem Sunset Boulevard Bel Air. Er fuhr an den gepflegten Villen und Parks bekannter Stars vorbei. Die Straße stieg an und schlängelte sich zwischen imposanten Anwesen hindurch. Hier roch es an allen Ecken und Enden nach Geld. Wer es sich leisten konnte, in einem dieser Prachthäuser zu wohnen, der mußte auf einem ziemlich fetten Bankkonto sitzen.
Denk jetzt nicht an dein Konto, riet sich Will Cotton, sonst kommen dir die Tränen.
Schauspieler... Früher hatte man die Wäsche von der Leine geholt, wenn das fahrende Volk in den Ort gekommen war, weil diese Leute nichts gehabt hatten und alles gebrauchen konnten. Das hatte sich inzwischen sehr geändert. Jedenfalls für jene, die das Glück gehabt hatten, in Hollywood Fuß zu fassen und sich hier einen Namen zu machen.
Cotton sah die weiße Mauer, die das Anwesen des Filmproduzenten umgab. Büsche und Bäume überragten sie. Es war unmöglich, einen Blick auf das Haus zu erhaschen. Der G-man erreichte die Grundstückseinfahrt, und als er ausstieg, war auf einmal der Teufel los...


Rip Brooks saß auf der Terrasse in der Sonne und telefonierte mit einem befreundeten Drehbuchautor. "Das Skript bringt dir garantiert eine Oscar-Nominierung ein", köderte er den Mann. "Du weißt, daß eine solche Nominierung mehr wert ist, als der Oscar selbst, weil es da nämlich noch einigermaßen ehrlich zugeht. Was danach kommt, ist Lug, Trug, Ränkespiel und Politik und hat mit den hehren Werten der Kunst nur noch am Rande zu tun."
Eine Gestalt schlich durch das Haus. Brooks sah sie nicht. Sein Blick war auf die flirrende Wasseroberfläche des nierenförmigen Swimmingpools gerichtet.
"Ich arbeite gerade an einem Drehbuch für Haymes Newton", sagte John Ramsey, der Autor.
"Wann bist du damit fertig?" wollte Rip Brooks wissen. Er hielt nicht viel von Haymes Newton. Der Mann wußte nie, was er wollte, und dementsprechend konfus waren auch seine Filme.
"Schwer zu sagen", seufzte Ramsey. "Du kennst Newton. Bis dem ein Skript paßt..."
"Entwirf die Grundstruktur der Story und nimm dir einen Co-Autor", riet Brooks dem Freund.
"Damit wäre Newton nicht einverstanden."
Brooks lachte schnarrend. "Er muß es ja nicht wissen."
"So etwas tu' ich nicht."
"Du bist zu ehrlich für diese Welt, John."
"Damit bin ich bisher recht gut gefahren", gab er Autor zurück.
Die Gestalt bewegte sich langsam durch das große Wohnzimmer, ging an der Sitzgruppe vorbei.
Rip Brooks sagte: "Junge, du läßt mich doch nicht etwa hängen."
John Ramsey: "Ich stehe derzeit ziemlich unter Druck."
Die Gestalt war Cyril Hogan. Sein Gesicht war nicht mehr hinter einem Mullberg verborgen. Breite Pflasterstreifen schützten jetzt die Wunden.
Brooks: "Ein guter Film steht und fällt mit einem guten Drehbuch."
Ramsey: "Ich weiß das."
Hogan blieb kurz stehen. Er sah sein Spiegelbild in der großen Glasfront, die einen ungehinderten Blick auf die üppige Natur erlaubte. Er trug schwarz. Schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarze Sportschuhe mit schwarzen Gummisohlen. Es war keine Trauerkleidung. Er trauerte nicht um seinen Bruder. Er hatte irgendwie immer damit gerechnet, daß Zach keines natürlichen Todes sterben würde.
Brooks: "Du bist meine erste Wahl, John."
Ramsey: "Ich würde auch gern wieder für dich arbeiten, Rip."
Hogan ging weiter. Die Walther, die er hinten im Gürtel stecken hatte, drückte gegen seine Wirbelsäule.
Brooks: "Du wirst es möglich machen, hörst du?"
Ramsey: "Ich werde es versuchen."
Ein Teil der Glasfront war offen. In Hogans Augen loderte abgrundtiefer Haß. Rip Brooks hatte ihm die Zukunft zerstört. Mit einem einzigen grausamen Schlag. Der Filmproduzent hatte keine Gnade zu erwarten.
Brooks: "Ich werde meinen Geschäftspartnern morgen sagen, daß du das Skript lieferst."
Ramsey: "Sei nicht so voreilig."
Hogan war entschlossen, seine Rache eiskalt zu genießen. Er hatte - im Gegensatz zu seinem Bruder - noch nie einen Menschen getötet. Er hatte immer geglaubt, daß er dazu nicht imstande war. Deshalb hatte er auch Zach gebeten, es für ihn zu tun. Doch nun spürte er, daß er damit absolut kein Problem hatte. Er konnte es tun. Und er würde es tun.
Brooks: "Wenn sie deinen Namen hören, beißen sie an und machen jede Summe locker, die ich ihnen nenne."
Ramsey: "Ich kann im Moment keine verbindliche Zusage machen."
Hogan zog die Walther und trat auf die Terrasse. Es war ein schöner, warmer, sonniger Tag. Rip Brooks sah seinen Mörder noch immer nicht.
"Ich rechne fix mit dir", sagte er, beendete das Telefonat und legte das Handy neben sich auf den Tisch.
Hogan ließ den Schlitten schnappen. Der Filmproduzent drehte sich erschrocken um. Als er den bewaffneten Callboy sah, sprang er entsetzt auf.
"Du machst noch große Pläne?" höhnte Cyril Hogan. "Nach dem, was du mir angetan hast, Scheißkerl?"
Brooks wurde leichenblaß.
"Gleich gibt's hier 'nen Todesfall", knurrte Hogan. Er brachte die Worte nur undeutlich heraus, hatte nach wie vor Schwierigkeiten, mit seiner kaputten Lippe korrekt zu sprechen.
Brooks starrte auf die Walther.
"Ich hatte auch große Pläne", sagte Hogan frostig. "Du hast sie zunichte gemacht. Und nun zerstöre ich die deinen - und dich gleich mit."
"Warte...!" krächzte der Filmproduzent. "Bitte...!"
"Worauf?"
"Laß uns reden."
"Worüber?" fragte Hogan harsch. "Du hast mein gutes Aussehen ruiniert. Ich habe dich angefleht, es nicht zu tun. Du hast es dennoch getan."
"Es - es tut mir leid."
"Es tut dir kein bißchen leid", herrschte Hogan den angstschlotternden Produzenten an.
"Doch. Ich war gekränkt, gedemütigt, enttäuscht, wütend, als ich dich mit Phoebe sah. Kannst du das nicht verstehen?"
"Ich wollte mir eine reiche Frau suchen und meinen Job an den Nagel hängen. Das kann ich nun vergessen. Und als Callboy kann ich auch nicht mehr arbeiten. Ich bin erledigt, und das habe ich dir zu verdanken."
"Laß mich dir ein Geschäft vorschlagen..."
Hogan schüttelte grimmig den Kopf. Der Haß hämmerte immer stärker zwischen seinen Schläfen. "Du kannst dich nicht freikaufen."
"Vielleicht doch", stieß Rip Brooks heiser hervor. "Du willst Geld. Ich habe Geld. Nenn deinen Preis. Was immer du verlangst, du bekommst es. Du kriegst von mir so viel Geld, daß du keine reiche Frau zu heiraten brauchst. Du kannst unabhängig bleiben, brauchst dich nicht zu binden. Außerdem bin ich mit dem besten plastischen Chirurgen der Welt befreundet. Er lebt und arbeitet in Brasilien. Er kann den Schaden, den ich an deinem Gesicht angerichtet habe, bestimmt reparieren. Wenn ich ihn darum bitte, wird er an deinem Aussehen ein wahres Wunder vollbringen."
Das Angebot hörte sich verlockend an. Cyril Hogan lehnte es trotzdem ab. Er wollte sich von Brooks nicht leimen lassen. Der Filmproduzent war ein allseits bekanntes Schlitzohr. Er würde niemals Wort halten, würde sein vieles Geld eher dafür verwenden, einen Killer anzuheuern, der die Dinge, die ihm Sorgen machten, in seinem Sinn bereinigte.
Hogan hob langsam die Waffe.
"Nein!" schluchzte Brooks. "Nein!"
"Nichts macht mich glücklicher, als dich sterben zu sehen", sagte Cyril Hogan gnadenlos. "Du wirst verstehen, daß ich mir das nicht entgehen lassen kann."
Der Produzent hatte nicht die geringste Chance, doch das begriff er in seiner Panik nicht. Er wirbelte auf den Absätzen herum, brüllte lauthals um Hilfe und ergriff die Flucht.
Hogan war kein guter Schütze, deshalb trafen den Fliehenden von den acht Kugeln, die er abfeuerte, nur drei. Die erste ließ ihn taumeln, die zweite stolpern und die dritte stieß ihn in den Pool.


Cotton hörte die Hilfeschreie. Hogan! schoß es ihm siedendheiß durch den Kopf. Er wollte die Mauer überklettern und dem Produzenten zu Hilfe eilen.
Da röhrte ein Pickup, hinter dessen spiegelnder Windschutzscheibe Scott McFadden saß, die Straße hoch. Auf der Ladefläche standen Dennis Turkel und Vincent Wallace.
Auf Brooks' Grundstück bellten Schüsse. Turkel und Wallace rissen Maschinenpistolen hoch und eröffneten das Feuer auf Cotton. Dieser warf sich auf den Boden.
Im Fallen zog er die SIG. Die MPis hämmerten in rascher Folge und ohrenbetäubend laut. Die Kugeln der Terroristen pfiffen eine häßliche Todesmelodie.
Cotton schoß zurück. Die gewaltige Automatik rüttelte und spuckte in seinen Fäusten. Er war ständig in Bewegung, feuerte, wälzte sich herum, feuerte, wälzte sich herum, bot den Gegnern ein denkbar schlechtes Ziel. Ihre Geschosse umschwirrten ihn wie fette Hummeln. Keine einzige traf ihn. Zum Glück.
Aber etliche trafen seinen Dienstwagen. Verdammt. Schmetternd stanzten die Projektile häßliche Löcher ins Karosserieblech, zertrümmerten den rechten Außenspiegel und machten den linken Hinterreifen platt.
In Sekundenschnelle war der Pickup vorbei. Cotton zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen. Bruce Spano hatte gemeint, er brauche McFadden, Turkel und Wallace nicht zu suchen, sie würden ihn finden, und er hatte gesagt: "Du meinst, ich brauche mich zu gegebener Zeit nur umzudrehen, um sie unmittelbar vor mir zu haben."
Bruce Spano hatte sehr ernst genickt und erwidert: "Das ist zu befürchten."
Und so war es gekommen. Verdammt, ich hätte mich einmal mehr umdrehen sollen, durchfuhr es Cotton, während er aufstand.
Stille. Auf der Straße und auf dem Grundstück. Der Pickup war verschwunden. Die Terroristen waren wie ein böser Spuk verschwunden.
Sie hatten sich tatsächlich vorgenommen, ihn dafür zu bestrafen, daß er die Unverschämtheit besessen hatte, sich mit ihnen anzulegen.
Cotton überkletterte die Mauer und lief auf das Haus des Filmproduzenten zu. Schwer lag die SIG in seinen Händen. Seine scharfen Augen suchten ein Ziel.
Es gab keines. Es hatte den Anschein, als befände Cotton sich allein auf dem großen Anwesen, doch sein Instinkt sagte ihm, daß dies nicht der Fall war. Er sah sich vor, war auf der Hut, lief geduckt und war bemüht, nichts zu übersehen. Wer hatte um Hilfe geschrien? Brooks? Wer hatte geschossen? Hogan? Wo war Hogan jetzt? Wo Brooks?
Cotton erreichte das Haus. Er schaute durch ein Fenster ins Wohnzimmer. Niemand hielt sich darin auf. Cotton eilte weiter. Den Rücken an der Wand.
Und er drehte seinen Kopf ständig hin und her, damit man ihn nicht überraschen konnte. Seitwärtsgehend erreichte er die Terrasse.
Auf dem weißen Tisch lag ein Handy. Es läutete. Cotton nahm den Anruf entgegen. "Ja?"
"Ich habe mit Newton gesprochen", sagte jemand. "Der Querkopf ist heute ausnahmsweise mal vernünftig. Wenn ich Ralph Young als Co-Autor gewinnen kann, ist er einverstanden. Ich rufe dich wieder an, sobald ich mit Ralph gesprochen habe."
Das war's. Mehr kam nicht. Cotton legte das Handy auf den Tisch zurück und begab sich zum Swimmingpool, in dem ein Mann mit dem Gesicht nach unten schwamm. Er holsterte die Automatik, kniete sich auf den Beckenrand, griff nach einem Bein des Toten und zog ihn zu sich. Er holte die Leiche aus dem Wasser und legte sie neben dem Pool auf den Boden.
Es war Rip Brooks. Sein Gesicht war von Panik und Todesangst verzerrt. Für Cotton stand fest, daß dieser Mord auf Cyril Hogans Konto ging.
Und auch Turkel und Wallace hatten Schuld am Tod des Filmproduzenten, denn wenn sie nicht gerade in dem Augenblick, als Cotton die Mauer überklettern wollte, das Feuer eröffnet hätten, hätte der G-man die Todesschüsse eventuell noch verhindern können. Die Terroristen hatten ihn davon abgehalten, Rip Brooks das Leben zu retten.


Der Mord an Rip Brooks sorgte tagelang für Schlagzeilen. Offiziell wußte niemand, wer den reichen Filmproduzenten erschossen hatte.
Hinter den Kulissen wurde aber fieberhaft nach Cyril Hogan gefahndet. Und nach Scott McFadden, Dennis Turkel und Vincent Wallace.
Diesmal steckten Will Cottons Vorgesetzte den beschädigten Dienstwagen kommentarlos weg. Gewöhnten sie sich allmählich daran, daß man sich nicht darauf verlassen konnte, daß ein Fahrzeug, das er benutzte, heil blieb? Waren sie schon froh, wenn er es nicht ganz zu Schrott fuhr?
Als er mit dem reparierten Wagen in Los Nietos unterwegs war, meldete die Zentrale, daß die Besatzung eines Patrol Cars Cyril Hogan in einem Supermarkt in Pico Rivera gesehen hatte. Die beiden Stadtteile lagen direkt nebeneinander. Sie wurden durch den Gabriel River getrennt.
"Na, endlich", sagte Cotton zu seiner Partnerin, und er gab so mächtig Gas, daß die Beschleunigung sie fest gegen die Rückenlehne preßte.
Fünf Minuten später erreichten sie den Supermarktparkplatz und sprangen aus dem Wagen. Die Cops standen mit schußbereiten Waffen hinter ihrem Fahrzeug.
Will Cotton und Donna Sullivan eilten zu ihnen. Sie wiesen sich aus.
"Ist er noch drinnen?" fragte Cotton gespannt.
"Ja", sagte einer der beiden Uniformierten. "Dort drüben steht sein Wagen. Der leuchtendgrüne Stingray."
"Geile Farbe", befand Cotton.
"Wie viele Personen befinden sich insgesamt im Supermarkt?" wollte Donna Sullivan wissen.
"Etwa dreißig. Mit dem Personal."
"Weiß jemand, was los ist?" fragte Donna.
Der Cop, den sie ansah, schüttelte den Kopf. "Wir wollten ihn hier draußen in Empfang nehmen."
Cotton wollte nicht warten, bis Hogan herauskam. Wenn Rip Brooks' mutmaßlicher Mörder den Streifenwagen bemerkte, machte er sich vielleicht durch einen Notausgang aus dem Staub, deshalb sagte er zu Donna: "Komm, ich kaufe dir Gummibärchen."
"Ich nasche nicht."
"Dann darfst du dir etwas anderes aussuchen."
Sie betraten den Supermarkt.
"Da ist er", zischte Cotton. Seine Hand glitt in die Lederjacke und holte die P 226 heraus.
Donna brachte ihre P 228 in Anschlag, das kleinere, aber genauso tödliche Modell von SIG.
In Hogans Einkaufswagen türmten sich amerikanische, italienische, französische und chinesische Fertiggerichte. Glück für ihn, daß er sie noch nicht bezahlt hatte, denn künftig würde ihn der Staat verpflegen.
Hogan war auf dem Weg zu den Kassen. Cotton wartete neben gefühlsechten, genoppten und fluoreszierenden Kondomen sowie Gummis mit Himbeer-, Erdbeer- und Zitronengeschmack. Im Regal neben Donna Sullivan lagen Modezeitschriften. Sobald Cyril Hogans Einkaufswagen auftauchte, handelte Cotton. Er explodierte förmlich, federte vorwärts und gab dem voll beladenen Gefährt einen kraftvollen Tritt.
Hogan wurde zurückgeworfen. Er stieß mit dem Ellenbogen gegen einen Konserventurm, der rasselnd in sich zusammenstürzte. Das laute Geräusch lockte Neugierige an.
Cotton hätte am liebsten gebrüllt, sie sollten sich zum Teufel scheren. Sie hatten keine Ahnung, in welcher Gefahr sie sich befanden.
Wenn Hogan bewaffnet war, wenn er so unvernünftig war, die Waffe zu ziehen, wenn er den Kopf verlor und wie toll um sich ballerte, konnte das einige von ihnen das Leben kosten.
Hogan stolperte über die Dosen - und er war so unvernünftig, seine Walther zu ziehen!
Donna Sullivan stieß ihre Pistole in seine Richtung. In diesem Augenblick sah sie unglaublich gefährlich aus. Bereit, zu schießen, wenn Cyril Hogan es nicht anders haben wollte. Cotton rammte den Einkaufswagen zur Seite, hackte Hogan die Walther mit der SIG aus der Hand, packte ihn, wirbelte ihn herum, stieß ihn gegen das Regal mit den Präservativen, riß ihm die Arme nach hinten und legte ihm Handschellen an.
"Okay, Leute!" rief er den Neugierigen zu. "Die Show ist zu Ende! Ihr könnt euren Einkauf fortsetzen! Es gibt keine Zugabe!"


Vierundzwanzig Stunden später hatten sie Cyril Hogans Geständnis. Will Cotton und Donna Sullivan machten reinen Tisch, indem sie sämtliche Unterlagen an das Büro des Staatsanwalts schickten, aber die Hände würden sie erst in den Schoß legen können, wenn sie auch McFadden, Turkel und Wallace aus dem Verkehr gezogen hatten.
Cottons Telefon läutete. Donna stand zufällig daneben und schnappte sich den Hörer. "Für dich", sagte sie dann und hielt ihrem Partner den Hörer hin.
Er griff nicht sofort danach. "Wer?" wollte er zuerst wissen.
"Ein Mädchen", gab Donna zur Antwort.
"Oh. Ein Mädchen." Neugierig nahm er den Hörer. "Ja? Cotton hier. Wer begehrt mich zu sprechen?"
"Jodie Stansfield. Ich hoffe, du erinnerst dich noch an mich."
Er lachte laut und vergnügt. Donna sollte sehen, daß sie nicht die einzige Frau in seinem Leben war. "Na, hör mal, wie könnte ich dich je vergessen? Langes schwarzes Haar, lange, wohlgeformte Beine, ein Körper, den Gott in seiner allerbesten Laune schuf."
"Du hast gesagt, ich soll mich mal bei dir melden." Ihre Stimme klang ein wenig gehemmt.
"War doch ein prima Vorschlag", sagte Cotton.
Donna zog sich zurück.
"Ja. Klar. Aber ich wußte nicht so recht... Na ja, du bist beim FBI. Du hast bestimmt sehr viel zu tun..."
Cotton sprach lauter, damit seine Partnerin ihn trotzdem noch deutlich verstehen konnte. "Das ist zwar richtig, aber für jemanden wie dich kann ich jederzeit mal eine Pause einschieben." Einschieben, dachte Cotton amüsiert. Das ist ein verdammt zutreffendes Wort.
"Du meinst, du hättest Zeit für mich?" Jetzt klang Jodies Stimme hoffnungsvoll.
Cotton schielte in Donnas Richtung. Sie schaute in die andere Richtung, spitzte aber die Ohren. Er sagte grinsend: "Wenn du Sehnsucht nach mir hast, Baby."
"Was hältst du von einem Abend zu zweit?" fragte Jodie Stansfield.
"Sehr viel."
"Magst du Canneloni?"
"Ich sterbe für Canneloni."
"Wie wär's mit heute abend?"
"Paßt mir prima", sagte Cotton. "Ich bringe zwei Flaschen Valpollicella zum Aufwärmen und Entkrampfen mit."
Jodie nannte ihre Adresse und sagte: "Ich freue mich auf dich."
Er lachte dunkel. "Was meinst du, wie ich mich auf dich freue."
"Ich habe mich noch nicht richtig für dein mutiges Einschreiten bedankt."
"Dazu wirst du heute abend reichlich Gelegenheit haben", sagte Cotton und legte auf. Er erhob sich und ging zu Donna. "Ich hab 'ne Verabredung."
"Das war nicht zu überhören", sagte sie, als wäre sie darüber wenig erbaut.
Er bleckte seine gesunden, kräftigen weißen Zähne. "Falls du vorhattest, mich zu fragen, ob ich heute abend mit dir ins Kino gehe - verschieb's auf morgen, okay?"
Sie musterte ihn abschätzig. "Du bildest dir wohl ein, jede Frau ist verrückt nach dir, wie?"
"Ist es denn nicht so?"
"Nein", erwiderte Donna viel zu laut. "Ich zum Beispiel..."
Er legte ihr den Finger auf die Lippen und brachte sie damit zum Verstummen. "He, Partner", sagte er ganz leise. "Keine Lügen. Okay?"


Sie hatten gegessen und getrunken - und nun...
Schmusesongs lagen im CD-Player. Jodie trug ein hübsches Kleid aus raschelnder Seide. Kornblumenblau. Seitlich raffiniert geschlitzt. Keinen BH. Das hatte Cotton schon mitgekriegt, als sie sich beim Servieren der Canneloni zu ihm heruntergebeugt hatte, so daß er ihr herrliches Glockenspiel bewundern konnte.
Die Situation war ausbaufähig.
Cotton küßte das heiße Girl. Sie erwiderte seinen Kuß mit derselben glühenden Leidenschaft. Ihr Mund öffnete sich, und ihre Zungen begannen zu tanzen.
In Jodies Augen brannte ein unbändiges Verlangen. Als Cotton ihre Brüste berührte, zuckte sie wie elektrisiert zusammen, und ihr Atem ging schnell und stoßweise.
Mit zitternden Fingern knöpfte sie sein Hemd auf und zog ihm ihre spitzen Krallen über die Brust. Der Schmerz war ihm nicht unangenehm.
Im Gegenteil. Er steigerte sein Lustgefühl und machte ihn hart und bereit für die sexuelle Vereinigung. Sie gingen ins Schlafzimmer und legten sich auf das breite französische Bett.
"Ich möchte dich verwöhnen", flüsterte Jodie. "Laß es zu. Laß es zu, okay?"
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er alles abgelegt hatte, was es an störender Kleidung gab. Nachdem auch Jodies Hüllen gefallen waren, spürte er ihre warme Zunge, ihren saugenden Mund...
Sie wußte, was ihm gut tat, und sie stattete ihm ihren Dank so perfekt ab, wie es noch kein Girl getan hatte. Seine Hände glitten über Jodies Hügel und Täler.
Sie hatte wohlgerundete Hinterbacken - jung und fest. Während sie sich innig und erfahren seiner Männlichkeit widmete, fand seine Hand einen Weg zwischen ihre heißen Schenkel.
Er spürte den dichten Flaum ihrer Scham und streichelte sie behutsam. Damit brachte er sie so sehr auf Touren, daß sie zitterte und bebte.
Cotton liebte dieses ewige Spiel der Geschlechter, das, obwohl in den Grundzügen immer wieder gleich, doch auch immer wieder aufregend anders war.
Keine der Frauen, die er gehabt hatte, war wie die andern gewesen. Sie hatten sich alle - wenn auch manchmal nur durch geringe Nuancen - voneinander unterschieden.
Und auch Jodie war wunderbar anders. Unvergleichlich gut. Angenehm erfahren. Cotton reagierte auf diese Erfahrung mit einer machtvollen Erektion.
Er packte das scharfe Mädchen mit beiden Händen und positionierte es über sich, und als sie sich langsam und genußvoll stöhnend auf ihn niederließ, war ihm, als glitte er in körperwarmes Öl.
Jodie paßte sich geschickt seinem harten Rhythmus an, und ihre schönen Brüste hüpften dazu in sinnlichem Gleichklang. Sie verstand es, diesen Mann, den sie sich ins Bett geholt hatte, ohne Scham zu genießen, und sie hatte auch keine Hemmungen, begeistert aufzuschreien, zu schluchzen und zu wimmern, als sie über den Gipfel der Wollust hinwegkippte und von den ekstatischen Zuckungen einer gewaltigen Klimax geschüttelt wurde.
Cotton drehte noch eine - von Jodie sehr geschätzte - Ehrenrunde, bevor auch er sich erlaubte, ins Ziel zu kommen. Schweigend lagen sie dann nebeneinander und kosteten den Nachhall ihres Zusammenseins restlos aus.
"Zufrieden?" fragte er irgendwann.
"Du warst wunderbar, Will." Sie hauchte ihm einen Kuß auf die linke Brustwarze.
"Du warst auch verdammt gut", sagte er.
"Ich hatte noch nie besseren Sex."
Cotton grinste. Er war ein Mann, der immer hundert Prozent gab. Ob im Beruf oder in der Liebe... Er machte da keinen Unterschied. Mit weniger gab er sich nicht zufrieden.
Jodie richtete sich auf.
"Wohin willst du?" fragte Cotton.
"Ins Bad."
"Genehmigt." Er sah ihr nach, als sie unbekleidet das Schlafzimmer verließ, und rief: "Baby, du bist auch von hinten eine Augenweide."
"Danke", gab sie lachend zurück.
Er hörte die Klospülung. Dann rauschte die Dusche. Und als Jodie Stansfield wieder im Rahmen der Schlafzimmertür stand, trug sie schwarze Hosen und ein weißes T-Shirt von Gucci.
Cotton sah sie überrascht an. Er klopfte mit der Hand neben sich auf die Matratze und fragte: "Kommst du nicht mehr kuscheln?"
"Es hat sich ausgekuschelt, Bastard", fauchte sie mit einer ihm unbegreiflichen Feindseligkeit. "Das war deine letzte Nummer, Will Cotton. Jetzt geht es ab mit dir ins Grab, Drecksbulle." Sie brachte einen stumpfnasigen Colt zum Vorschein. Wut und Haß ließen ihre Hand leicht zittern, aber auf diese kurze Entfernung würde sie wohl kaum danebenschießen.
Cotton versuchte sich cool zu geben. "War irgend etwas nicht zu deiner Zufriedenheit? Ich dachte, du hättest noch nie besseren Sex gehabt."
"Das war gelogen", zischte Jodie mit schmalen Lippen. "Ich hatte besseren Sex. Fast jeden Tag. Mit einem Mann, den ich liebte und den du mir genommen hast. Mit drei Kugeln. Eiskalt und feige. Oder ist es eine Heldentat, jemanden zu erschießen, den man zuvor mit Handschellen gefesselt hat?"
"He, ist bei dir hier oben alles in Ordnung?" Cotton tippte sich an die Stirn.
"Du hast mich nicht blödgebumst, kleiner Scheißer", spie sie ihm aggressiv ins Gesicht. "Du bist bei weitem nicht so gut, wie du dir einbildest. Und du bist auch kein besonders cleverer Bulle, sonst wärst du mir nicht so ahnungslos ins Netz gegangen. Ich hab den Ärger im Fast-Food-Restaurant provoziert, damit du dich für mich stark machst, und du hast genau so reagiert, wie ich es wollte." Sie bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. "Bist ein prima funktionierender Hampelmann, Will Cotton. Man braucht bloß am richtigen Faden zu ziehen, schon hüpfst du."
"Jodie..."
"Ich bin nicht Jodie Stansfield", schrie das gefährliche Girl. "Ich bin Polly Holliday." Sie riß sich die schwarze Langhaarperücke vom Kopf. Kurzes blondes Haar kam zum Vorschein. "Ich war die Freundin von Zach Hogan, den du umgebracht hast."
Cotton schüttelte langsam den Kopf. "Ich habe deinen Freund nicht erschossen."
"Du lügst!" Polly Holliday ließ die Perücke auf den Boden fallen. "Ich weiß, daß du es warst. Ich war kurz weg. Als ich nach Hause kam, hörte ich dich zu Zach sagen: 'Cotton. Will Cotton. FBI. Du erinnerst dich an mich? Du hast meine Bank überfallen. Ich wußte, daß wir uns wiedersehen.' Es war deine Stimme. Nie werde ich diese Worte vergessen. Sie haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich befand mich im Treppenhaus, das wußtest du nicht. Während du unsere Wohnung betratst, rannte ich aus dem Haus, und als ich wenig später wiederkam, war Zach tot. Von dir getötet. Ermordet von einem gottverfluchten FBI-Bullen, damit er ihm keinen Ärger mehr machen konnte. Ich verlor über diesen Verlust beinahe den Verstand, und ich schwor mir, Zachs Tod grausam zu rächen. Endlich ist es soweit. Endlich habe ich dich Dreckschwein vor meiner Kanone. Ich werde dich auch mit drei Kugeln töten. Wie du es mit Zach gemacht hast."
Cotton dachte an die SIG. Wo war sie? Sie mußte irgendwo unter seinen neben dem Bett verstreuten Klamotten liegen. Verdammt, wie hätte er ahnen sollen, daß er hier seine Dienstwaffe brauchen würde?
Abgrundtiefer Haß und eine beängstigend große Portion Verrücktheit glühten ihm aus Pollys Augen entgegen. Sie würde tun, was sie sich vorgenommen hatte.
Verflucht noch mal, sie würde es tun. Sie hatte sich total in ihre Idee verrannt und war wohl mit nichts mehr von ihrem Beschluß abzubringen.
Cotton versuchte es trotzdem. "McFadden, Turkel und Wallace haben deinen Freund auf dem Gewissen", sagte er. "Sie kamen in die Wohnung, nachdem ich Zach gefesselt hatte, und verpaßten ihm jeder eine Kugel."
"Ich kaufe dir deine blöde Geschichte nicht ab", gab Polly aufgewühlt zurück. "Ich find's schwachsinnig, daß du versuchst, Zachs früheren Freunden deinen feigen Mord in die Schuhe zu schieben."
Ich muß an die SIG kommen, hallte es in Cottons Schädel. Nur meine Waffe kann mich jetzt noch retten.
Pollys schöne Züge wurden hart. Sie preßte ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Ihre Augen wurden schmal. Es war soweit.
"Fahr zur Hölle, Bulle!" fauchte das rachsüchtige Girl.
Als sie abdrückte, warf Cotton sich zur Seite. Die Kugel pfiff haarscharf an ihm vorbei. Er ließ sich vom Doppelbett fallen, suchte mit fieberhafter Hast die Automatik, konnte sie in der Eile aber nicht finden.
Polly feuerte den nächsten Schuß ab. Cotton - ohne seine SIG doppelt so nackt - wälzte sich unter das Bett, und dann folgte ein Kraftakt, den er sich selbst nicht zugetraut hätte, aber in Krisensituationen kann der Mensch, das ist erwiesen, weit über sich hinauswachsen.
Während Polly schoß, schoß, schoß, stemmte sich Cotton mit aller Kraft gegen das Bett. Er kippte es hoch und rammte es in vertikaler Lage wie einen riesigen Schutzschild gegen Wand und Türrahmen.
Zwei Kugeln bohrten sich noch in die Matratze, dann herrschte auf der anderen Seite Stille. Was kommt jetzt? fragte sich der G-man nervös. Lädt sie ihre leergeschossene Waffe nach? Er holte sich die P 226 und schob die Bett-Barrikade zur Seite. Polly Holliday, die er nicht überzeugen konnte, daß er nicht der Mörder ihres Freundes war, war nicht mehr da.
Sie hatte die Wohnung, die sie eigens für diesen Zweck unter falschem Namen gemietet hatte, wie sich später herausstellen sollte, Hals über Kopf verlassen.


Sein Bericht fiel sehr dürftig aus und wies beträchtliche "Erinnerungslücken" auf, aber das wußte außer ihm niemand. Er schrieb nur das Nötigste auf und ging nicht ins Detail, um sich den Spott seiner Kollegen zu ersparen.
Cotton beschränkte sich auf die Tatsache, daß Zach Hogans Freundin ihn in eine Falle gelockt hatte und an ihm Rache für einen Mord nehmen wollte, den McFadden, Turkel und Wallace verübt hatten.
Die Bettgeschichte ließ er großzügig unter den Tisch fallen. Wen interessierte die schon? Er sorgte dafür, daß Polly Holliday auf die Fahndungsliste gesetzt wurde, und war froh, daß die Sache so glimpflich für ihn ausgegangen war. Pollys Kugeln hätten ihn auch treffen können.
Donna Sullivan spürte, daß mehr passiert war als das, was ihr Partner erzählt hatte, doch sie war so taktvoll, es auf sich beruhen zu lassen.
Hektik brach im FBI-Building am Wilshire Boulevard aus, als es auf dem Harbor Freeway eine Massenkarambolage gab. An und für sich war das nichts Besonderes. Es krachte täglich irgendwo auf Los Angeles' Straßen. Aber diesmal waren McFadden, Turkel und Wallace darin verwickelt, und das war ein Grund für Cotton, sich zu freuen.
"Der Himmel meint es gut mit uns!" jubelte er, sprang auf und fischte seine Lederjacke von der Stuhllehne.
Die Terroristen waren zwischen zweihundert Fahrzeuge eingekeilt. Angeblich war bei dem Super-Crash auch ihr Wagen nicht heil geblieben.
Ein Cop, der dienstfrei hatte, hatte die Terroristen kurz vor dem großen Knall erkannt, als sie an ihm in einem Land Cruiser vorbeigerauscht waren.
Der Mann hatte geistesgegenwärtig zum Handy gegriffen und den FBI informiert.
"Jetzt haben wir sie." Cotton rieb sich die Hände. "Sie können nicht vor und nicht zurück. Es wird verdammt lange dauern, bis der Verkehr auf dem Harbor Freeway wieder in Fluß kommt. Ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt werden. Und ehe der Knoten sich auflöst, sind wir da und krallen sie uns."
Das Büro sah ziemlich verwaist aus, als Will Cotton es verließ, denn Donna Sullivan, Porfirio Gonzales und Lincoln Abraham kamen mit ihm.
Ein Hubschrauber brachte sie zum Einsatzort. Von weitem schon sahen sie das Chaos.
"Sieht übel aus", stellte Cotton fest.
Zwei Fahrzeuge brannten. Rote Feuerzungen leckten aus den Vehikeln.
Pechschwarzer Rauch stieg hoch, wurde vom Wind erfaßt und in Richtung West Basin des Los Angeles Harbor getragen.
Die FBI-Agenten standen in permanentem Funkkontakt mit den Kollegen vom LAPD.
Es würde nichts gegen die Terroristen unternommen werden, solange Cotton und seine Kollegen nicht vor Ort waren. Der FBI-Helikopter ging runter und setzte die vier Agenten hinter einem Sattelschlepper ab.
Hundertfünfzig Meter hinter den Terroristen.
Rettungsleute waren zwischen den zum Teil schwer ineinander verkeilten Fahrzeugen unterwegs.
Verletzte mußten mit Schweißbrennern aus ihren zertrümmerten Autos befreit werden.
Blutüberströmte Menschen wurden auf Tragen gelegt und fortgebracht.
Frauen weinten. Kinder schrien. Jene, die unverletzt waren, halfen - oder versuchten es zumindest. Cotton und seine Kollegen sprachen sich kurz mit den Männern vom LAPD ab und hasteten dann los.
Der Land Cruiser der Terroristen stand quer zur Fahrtrichtung. Heck- und Frontscheibe waren kaputt.
Kotflügel abgerissen, Tür eingedrückt, Vorderreifen platt - alle beide.
Je näher die Agenten dem Land Cruiser kamen, desto tiefer duckten sie sich. Alle drei Terroristen waren verletzt.
Scott McFadden blutete aus der Nase.
Dennis Turkel hatte eine Schnittwunde an der linken Wange.
Und Vincent Wallaces linkes Handgelenk schien gebrochen zu sein.
Kein Grund, diesen Einsatz auf die leichte Schulter zu nehmen. Verletzte Raubtiere sind bekanntlich besonders gefährlich, und diese Männer waren Raubtiere.
Skrupellose Killer, denen ein Menschenleben überhaupt nichts bedeutete.
An dem Fahrzeug, das neben dem Land Cruiser stand, lehnten ein Mann und eine Frau.
Dampfendes Wasser rann aus dem aufgeplatzten Kühler ihres Autos.
Die Frau zitterte, als würde sie entsetzlich frieren. Ihr Kleid war zerrissen.
Der Mann hatte seine Arme um sie gelegt und drückte sie tröstend und beruhigend an sich.
Als er die SIG in Cottons Hand sah, riß er bestürzt die Augen auf.
"Haben Sie keine Angst, Sir", sagte Will Cotton eindringlich. "Es wird Ihnen nichts geschehen. Ist das Ihre Frau?"
"Ja", antwortete der Mann.
"Würden Sie mit ihr bitte ein paar Fahrzeuge weiter nach hinten gehen? Ich bin FBI-Agent." Cotton zeigte seine Dienstmarke. "Die Männer im Land Cruiser sind lange gesuchte, gefährliche Verbrecher. Bitte entfernen Sie sich mit Ihrer Frau so unauffällig wie möglich von hier. Gehen Sie. Gehen Sie, und sehen Sie nicht zum Land Cruiser hinüber, okay? Es wäre nicht gut, wenn diese Männer zu früh von unserer Anwesenheit Wind bekämen. Bitte, Sir, gehen Sie. Sie haben nichts zu befürchten."
Der Mann nickte und brachte sich mit seiner Frau in Sicherheit. Auch Donna Sullivan, Porfirio Gonzales und Lincoln Abraham holten Personen aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Es sollten keine Unschuldigen zu Schaden kommen, wenn sie zuschlugen. Sobald die Fahrzeuge um den Land Cruiser herum leer waren, rückten Cotton und seine Kollegen vor.
Scott McFadden war mit seiner Nase beschäftigt.
Dennis Turkel drückte sich ein sauberes Taschentuch auf die blutende Wange.
Vincent Wallace drückte seinen verletzten Arm gegen den Leib.
Pogo und Lina hielten zwei vorbeieilende Sanitäter an, wechselten wenige Worte mit ihnen und zogen dann ihre weißen Mäntel an.
Cotton hatte Sichtkontakt mit ihnen. Er nickte und bedeutete ihnen mit hochgestrecktem Daumen, daß er ihre Idee gut fand. Angesichts zweier Rettungsleute würden die Terroristen wohl kaum Verdacht schöpfen.
Sie konnten sich dem Land Cruiser nähern, ohne daß McFadden, Turkel und Wallace gleich zu den Waffen griffen. Bestimmt hatten sie eine Menge Schießzeug in ihrem Wagen. Diese Kerle gingen ja nicht einmal unbewaffnet aufs Klo.
Will Cotton und Donna Sullivan warteten. Sobald Porfirio Gonzales und Lincoln Abraham die Terroristen abgelenkt hatten, würden sie hochflitzen und eingreifen.
"He, Leute!" rief Pogo in Richtung Land Cruiser. "Wie sieht's aus? Braucht ihr Hilfe?"
"Nein", gab Scott McFadden zurück.
Pogo und Lina näherten sich dem schwer beschädigten Fahrzeug.
"Ihr seid verletzt!" rief Porfirio Gonzales.
"Wir kommen allein klar", gab McFadden abweisend zurück. "Kümmert euch um die Schwerverletzten."
"Ich bin Arzt", behauptete Gonzales.
"Wir brauchen keinen Arzt!" schrie Dennis Turkel gereizt.
Vincent Wallace griff nach unten. Vielleicht nach einer Waffe.
"Davon muß ich mich selbst überzeugen, Sir!" rief Gonzales.
Der Schmerz ließ Wallace schneller als sonst die Geduld verlieren.
Er hielt auf einmal eine dieser schußschnellen Ein-Hand-MPis in der Rechten und richtete sie auf Pogo.
Cotton bekam Zustände, als er das sah. Jetzt mußten sie ernst machen.
Die Zeit des Abwartens war vorbei.
"Verschwinde, Arschloch!" brüllte Vincent Wallace.
Dr. Gonzales und der andere Weißkittel mimten nicht länger die hilfreichen Sanitäter.
Wenn einer eine Waffe auf sie richtete, brachten auch sie ihre Kanonen ins Spiel.
Das war ein Reflex, den man ihnen in Quantico anerzogen hatte. Er funktionierte seither immer und überall - und in jeder Situation.
Als ihre Schießeisen sichtbar wurden, begriffen die Terroristen, was es geschlagen hatte.
In Gedankenschnelle waren auch McFadden und Turkel kampfbereit.
McFadden zeigte zwei Revolver.
Turkel zwei Pistolen.
Sie dachten, es nur mit Porfirio Gonzales und Lincoln Abraham zu tun zu haben.
Will Cotton und Donna Sullivan machten ihnen klar, daß das ein Irrtum war.
Cotton richtete sich auf. "FBI! Waffen weg!" Seine Stimme war laut und schneidend. "Waffen weg! Sofort!"
Anstatt zu gehorchen, drehten die Terroristen durch. Sie brachen einen wüsten Krieg vom Zaun, schossen aus allen Rohren, ballerten in alle Richtungen. Ein mörderisches Bleigewitter war die Folge.
Der Abzug von Wallaces Maschinenpistole schien zu klemmen. Die Waffe ratterte ununterbrochen und spie pausenlos Feuer.
Bis mehrere Kugeln ihn trafen und ihn zwangen, das Feuer einzustellen.
Die eingedrückte Tür öffnete sich knarrend. Wallace kippte aus dem Land Cruiser, und noch bevor er auf dem Asphalt aufschlug, war er tot.
Auch McFadden fiel aus dem Wagen. Genau genommen ließ er sich fallen.
Dann wälzte er sich unter das Nachbarfahrzeug und versuchte sich robbend in Sicherheit zu bringen.
Turkel gab auf, nachdem er zweimal schwer getroffen worden war.
Er warf die Pistolen von sich, als hätten sie angefangen zu glühen.
Verstört blickte er auf die Einschußlöcher in seinem Hemd. Anscheinend hatte er sich bis zum heutigen Tag für unverwundbar - oder nur für geringfügig verletzbar - gehalten. Zu erkennen, daß dem nicht so war, schien für ihn die bitterste Erfahrung seines Lebens zu sein.
Während er langsam das Bewußtsein verlor, kümmerte sich Cotton um McFadden, der, nachdem er zehn Meter gerobbt war, aufsprang und eines der Fahrzeuge erklomm.
Die Autos standen so dicht beisammen, daß McFadden über sie hinweglaufen konnte. Mal war er oben, mal unten. Mal war er auf einem Wagendach, mal auf einer Motorhaube oder auf einem Kofferraumdeckel.
Mit blindwütigen Schüssen versuchte er sich seines Verfolgers zu entledigen. Cotton feuerte nicht zurück. Noch nicht. Er nahm Rücksicht auf die vielen Menschen, die bei ihren Fahrzeugen ausharrten.
Scott McFadden waren sie egal. Wenn ein Unschuldiger durch eine seiner Kugeln zu Schaden kam, hatte er eben Pech gehabt.
Wenn McFadden feuerte, warf Cotton sich immer wieder flach hin.
Er landete auf Wagenblechen verschiedenster Farbe und Stärke. Manchmal kam er relativ weich auf, dann wieder verflucht hart.
Der ungewöhnliche Fitneßparcours machte ihm ganz schön zu schaffen.
Auf, nieder, auf, nieder... Ein Glück, daß er so hervorragend in Form war, sonst hätte er diese kräfteraubende Verfolgungsjagd nicht durchgehalten. Wieder ballerte McFadden mit haßverzerrtem Gesicht drauflos. Diesmal erwiderte Cotton das Feuer, und seine Kugel fegte den Terroristen von dem Autodach, auf dem er breitbeinig stand.
Cotton hastete zu ihm. Der Streifschuß, den McFadden abbekommen hatte, machte ihm nicht allzu sehr zu schaffen. Als Cotton den Terroristen erreichte, stand er schon wieder auf den Beinen und zog die Stecher seiner beiden Waffen durch, doch sie machten nur noch "Klick!".
Cotton stürzte sich auf ihn. Er deckte den Mann mit wuchtigen Faustschlägen ein.
McFadden wehrte sich mit den gemeinsten Hieben und Tritten, doch Will Cotton ließ ihm keine Chance. Er setzte dem Mann so lange mit seinen granitharten Fäusten zu, bis dieser röchelnd zusammensackte und nicht mehr die Kraft hatte, sich noch mal zu erheben.
Der G-man packte den erledigten Terroristen, zerrte ihn hoch, stieß ihn vornüber auf die Motorhaube eines weißen Mustang, und dann setzten seine Handschellen dem Ärger einen klirrenden Schlußpunkt.


Sie feierten den Erfolg in einem Country-Schuppen. Das Bier war kalt, die Girls heiß, die Stimmung gut.
Donna wäre mitgekommen, aber ihr Verlobter hatte sie mit Konzertkarten überrascht, und er wäre bitterböse gewesen, wenn sie ihn versetzt hätte.
Als Cotton nach Hause gehen wollte, kam ihm eine vollbusige Rothaarige in die Quere.
Sie sah so toll aus, daß er unbedingt testen mußte, ob sie tatsächlich so viel hielt, wie sie versprach.
Pogo und Lina grinsten süffisant, als Cotton sich verabschiedete.
"Wenn sie gut ist, will ich auch mal", raunte Cottons schwarzer Kollege.
Der Latino lachte. "Wir können ja mal fragen, ob die Kleine was dagegen hat, wenn wir gleich mitkommen."
"Die Kleine vielleicht nicht", sagte Cotton rauh. "Aber ich."
Er ging. Die Rothaarige hing an seinem Arm. Eine der schärfsten Sexbomben, die Porfirio Gonzales und Lincoln Abraham je gesehen hatten.
Pogo und Lina verließen das Lokal eine halbe Stunde später. Als Porfirio Gonzales nach Hause kam, kauerte eine schwarz gekleidete Gestalt vor der Haustür.
Ein Mädchen. Schluchzend. Ein großes schwarzes Tuch überm Kopf. Das Gesicht zwischen die Knie gepreßt.
"He", sagte der Latino. Er mochte es nicht, wenn Mädchen weinten. "He, du."
Sie schien ihn nicht wahrzunehmen, schluchzte weiter.
Er berührte vorsichtig ihre Schulter. "Was ist mit dir? Was hast du? Sag es mir. Vielleicht kann ich dir helfen."
Sie schluchzte lauter.
"Komm", sagte der G-man. "Steh auf." Er faßte unter ihre Arme und zog sie hoch.
Das schwarze Tuch rutschte von ihrem Kopf. Blondes Haar kam zum Vorschein.
Das Mädchen lächelte Pogo mit grausamer Kälte an. Sie war nicht traurig, war nicht unglücklich, hatte nicht geweint. Keine Träne trübte ihren feindseligen Blick. Etwas Hartes bohrte sich in die Magengrube des Latinos: ein stumpfnasiger Colt.


Tags darauf erschien Porfirio Gonzales nicht zum Dienst. Er rief nicht an, war zu Hause nicht zu erreichen. Das hatte es noch nie gegeben.
Lincoln Abraham schüttelte mit besorgter Miene den Kopf und brummte: "Da stimmt irgend etwas nicht."
Um zehn Uhr rief Polly Holliday an. "Es ist noch eine Rechnung offen, Drecksbulle!" sagte sie zu Will Cotton. "Wann gedenkst du sie zu begleichen?"
Cotton - gezeichnet vom nächtlichen Nahkampfeinsatz im Bett der Rothaarigen, der bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte - preßte die Kiefer grimmig zusammen.
"Polly Holliday...", kam es knurrend über seine Lippen.
"Vermißt du etwas, Will?" fragte sie höhnisch. "Oder jemanden? Einen Freund und Kollegen vielleicht?"
"Verdammt", brauste Cotton auf, "hast du dich etwa an Porfirio Gonzales vergriffen?"
"Der Latino befindet sich in meiner Gewalt", berichtete das Girl triumphierend.
"Wie geht es ihm?"
"Er hat die ganze Nacht kein Auge zugetan."
"Ist er verletzt?"
"Nein."
"Wo ist er?"
"Gut aufgehoben. Den findest du nie." Wieder war dieser Triumph in ihrer Stimme.
"Ich möchte mit ihm sprechen", verlangte Cotton energisch.
Es klickte in der Leitung. Polly Holliday hatte aufgelegt.
"Hallo!" schrie Cotton in die Sprechrillen. "Hallo!" Er schleuderte den Hörer wütend auf den Apparat.
Donna Sullivan und Lincoln Abraham sahen ihn gespannt an.
Er zeigte auf das Telefon. "Diese Geisteskranke hat Pogo entführt."
Polly rief zehn Minuten später wieder an. "Hast du den Schock inzwischen verdaut?" spottete sie.
Cotton schrie ihr ins Trommelfell: "Wenn du Miststück Gonzales auch nur ein Haar krümmst..."
Sie lachte laut. "He, was soll das? Was bist denn du für ein merkwürdiger G-man? Ihr Jungs vom FBI steht doch immer über den Dingen. Nichts kann euch erschüttern oder aus der Fassung bringen. Ihr bleibt stets cool, macht euren Job wie gut funktionierende Roboter. Diesen Eindruck hatte die Welt bisher von euch. Dazu passen doch keine solchen Gefühlsausbrüche."
"Ich bin eben anders", behauptete Cotton. "Und deshalb besser", fügte er selbstbewußt hinzu. "Das werde ich dir noch beweisen."
"Ich will dich haben, Will. Du hast mir den einzigen Menschen genommen, der mir etwas bedeutete."
"Das waren..."
"Komm mir nicht wieder mit diesem idiotischen Märchen!" fiel Polly dem G-man scharf ins Wort. Dann schwieg sie einen Augenblick. Schließlich fuhr sie fort: "Ich hasse dich, Will Cotton. Ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich dich hasse!" Sie machte wieder eine kurze Pause. Und sprach dann weiter: "Ich schlage dir einen Tausch vor: Dein Leben gegen das von Gonzales."
Er schloß die Augen. "Okay." Sein Herz hämmerte laut. "Einverstanden."
Sie legte wieder auf und ließ ihn schmoren. Erst nach zwanzig Minuten hatte er sie wieder an der Strippe. "Keine Tricks, Will. Klar? Du kommst allein und unbewaffnet hierher."
"Wohin?"
"Das erfährst du später. Erst mal verläßt du das FBI-Building und fährst nach Monterey. In der Huntington Avenue gibt es eine Cafeteria. Dort rufe ich dich wieder an. Aber beeile dich, denn wenn ich dich nicht erreiche, lege ich Gonzales um."
Cotton machte sich auf den Weg. Die Automatik ließ er im Büro. Als er die Cafeteria betrat, fragte der Besitzer gerade: "Ist ein Will Cotton da?"
"Ja", keuchte der G-man. "Hier."
"Bist du allein?" wollte Polly wissen.
"Ja."
"Und unbewaffnet?"
"Wie du es verlangt hast."
Sie schickte ihn von Monterey nach Malibu, von Malibu nach Pomona und von Pomona nach Glendale.
Sie hetzte ihn kreuz und quer durch L. A. Jedesmal wenn er dachte, er wäre nun endlich am Ziel, nannte sie ihm einen weiteren Ort, zu dem er fahren mußte, und sie setzte ihm die Fristen immer schweißtreibend knapp. Jedes kleine Verkehrshindernis konnte Pogo das Leben kosten.
Als sie endlich sicher war, daß er sich an ihre Bedingungen hielt, holte sie ihn ins San Fernando Valley, wo sie den Latino in einer großen alten Scheune versteckt hatte. Cotton öffnete das riesige Scheunentor.
Er bot ein gutes Ziel im sonnenhellen Rahmen, aber Polly schoß noch nicht. Offenbar wollte sie ihren Triumph erst mal voll auskosten.
Cotton trat ein. Pogo hing an einem breiten Balken. Seine hochgestreckten Hände waren mit einer dickgliedrigen Kette gefesselt.
Als er Cotton sah, sagte er schleppend: "Verdammt, warum bist du gekommen? Du hättest dich von dieser gottverfluchten Hexe nicht erpressen lassen dürfen."
Cotton ging auf ihn zu. "Wo ist sie?"
"Keine Ahnung. Aber bestimmt in der Nähe."
Polly trat aus dem finsteren Hintergrund und befahl Cotton, stehenzubleiben.
Er gehorchte. Über ihm befand sich der Heuboden. Cotton spreizte die Arme ab.
"Okay", sagte er heiser. "Ich bin hier. Laß Gonzales gehen."
"Bist du unbewaffnet?"
Cotton nickte. "Bin ich."
"Ich will es sehen. Zieh dich aus."
Er mußte sich bis auf die Boxershorts entkleiden.
Sie betrachtete ihn wie ein Pferd, das sie kaufen wollte. "Hast einen bildschönen Körper", stellte sie sachlich fest. "An dieser Pracht hätten sich noch viele Frauen ergötzen können."
In Cotton kochte die Wut. "Befreist du jetzt endlich Gonzales?"
Polly Holliday schüttelte grinsend den Kopf. "Ich hatte nie wirklich vor, ihn laufenzulassen. Dein Freund wird mit dir sterben. Er ist ein Bulle wie du, und ich kann Bullen auf den Tod nicht ausstehen. Sieh her. Schau zu, wie dein Kollege stirbt. Und anschließend büßt du für den feigen Mord an Zach Hogan."
Sie setzte Pogo den Colt ans Ohr.
"Will!" rief plötzlich Donna über ihm.
Ein kleiner Sender mit großer Reichweite in seinem Wagen hatte es ihr ermöglicht, ihm unbemerkt zu folgen. Jetzt warf sie ihm seine Automatik zu.
Alles Gute kommt von oben!
Donnas Auftritt irritierte Polly ganz kurz. Sie hob den Kopf. Dann wurden ihre Züge hart, ihr Blick wurde grausam kalt, und sie wollte Pogo erschießen. Aber da hatte Cotton die SIG bereits in der Hand, und Polly Hollidays blinder Haß zwang ihn, vor ihr abzudrücken.
Ein Knall. Feuer. Ein heftiger Rückstoß. Die P 226 tötete das von Haß zerfressene Mädchen wie ein Blitzstrahl - und die Gefahr war gebannt.
Cotton befreite Porfirio Gonzales. Donna Sullivan turnte an einer wurmstichigen Holzleiter herunter und genehmigte sich noch rasch einen Blick auf die gut ausgeprägten Muskelpartien ihres Partners, bevor er wieder in seine Klamotten schlüpfte. Er gab ihr einen freundschaftlichen Kuß, gegen den ihr Verlobter nichts einzuwenden haben konnte, und sagte: "Danke, Donna."
"Wofür?"
"Dafür, daß du dich nicht verfahren hast und zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort warst."
Die schöne Agentin lächelte schmal. "Wenn man schon einen Partner hat, dann sollte man sich auf den auch verlassen können."
Sie verließen die Scheune. Es war einer dieser Tage, für die Kalifornien berühmt ist. Donna Sullivan ging zu ihrem Wagen, benachrichtigte die zuständige Mordkommission, und sie warteten auf deren Eintreffen.
Porfirio Gonzales war nach zwölf Stunden Schlaf wieder fit. Er erschien voller Tatendrang zum Dienst und behauptete: "Freunde, heute könnte ich Bäume ausreißen."
Cotton grinste breit und erwiderte: "Ja. Aber nur frisch gepflanzte."
Und Donna Sullivan und Lincoln Abraham lachten herzlich.
A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland A.F. Morland
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