Oktober 1865 - Mein Name ist Major Benjamin Gribb. Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Aus diesem Grunde halte ich es für meine letzte Pflicht, einen Bericht über die Ereignisse abzufassen, die dazu geführt haben, dass Mr. Quint und ich an diesen sonderbaren, ja unerklärlichen Ort gelangten. Ich glaube nicht, dass es uns je gelingen wird, von hier wieder wegzukommen. Vielleicht findet jedoch eines Tages jemand einen Weg hierher. Demjenigen mögen diese Aufzeichnungen gewidmet sein.
Wir befanden uns auf dem Rückmarsch. Der Krieg, der Bruder gegen Bruder aufeinander hetzte, war endlich vorbei. Am frühen Morgen jenes sonnigen, doch kalten Tages sattelten meine Männer und ich die Pferde, um uns in unsere Heimat zurück zu begeben. Die Zeit des Kämpfens war vorüber. Dennoch lagen auf den Schlachtfeldern noch immer die Leichen unzähliger Soldaten, als Zeugen eines noch nie da gewesenen Blutrausches. Der Gestank der Verwesung wurde durch den Wind über das gesamte Land getragen. Trotzdem erschien alles wie ein Traum. Kein Kanonendonnern, keine knallenden Schüsse. Die Welt war erfüllt vom Gesang der Vögel und vom Rauschen der Blätter, doch auch das Krächzen der Raben und Krähen, die sich an den toten Leibern labten, hallte durch die Natur. Erst gestern kämpfte ich noch mit blutigem Säbel gegen unseren Feind. Und nun, an diesem neuen Tag, stand ich auf einem Hügel und ließ meinen Blick über die friedlichen Wälder und Wiesen schweifen, die im Licht der goldenen Sonne wundervoll leuchteten.
»Wir wären dann soweit«, hörte ich eine Stimme hinter mir.
Ich wandte mich um und erblickte Johnson, dessen Gesicht bleich und ausgezerrt wirkte. Sein rechter Arm war verbunden und blutete noch immer. Während unseres letzten Gefechts hatte er eine Kugel abbekommen. Er war gerade mal achtzehn Jahre alt und wollte noch in diesem Winter heiraten. Danach wollte er die Farm seiner Eltern weiterführen.
»Dann gibt es nichts, was uns noch aufhalten kann«, erwiderte ich fröhlich.
Johnson grinste erschöpft.
Meine Einheit bestand aus vier Mann. Vor etwa sieben Monaten zählten wir noch einhundert. Zu viele junge Menschen starben für nichts und wieder nichts. Doch das Schlachten war vorüber. Nun ging es darum, den Hinterbliebenen zu zeigen, dass der Tod ihrer Söhne und Enkel eine bessere Zukunft für uns alle ebnete.
Mit diesen schwerwiegenden Gedanken ging ich zurück ins Lager. Alle Männer standen neben ihren gesattelten Pferden und warteten auf den Befehl aufzusitzen. Johnson hielt mein Pferd am Zügel.
Wenige Minuten später verließen wir diese Gegend und damit auch unsere gefallenen Freunde, deren steife Körper von Fliegen umschwirrt wurden.
Es war ein schweigsamer Ritt.
Schließlich erreichten wir Tristmond. Eine wunderbare Stadt, die nun teilweise zerstört ist. Es war später Nachmittag. Ich wollte meine Männer bereits hier ihr Nachtquartier aufschlagen lassen. Doch meine Jungs schüttelten ihre Köpfe.
»Wir wollen heim, Sir«, sprach Johnson für sie. »Und zwar so schnell wie möglich.«
Also ritten wir weiter.
Doch nach etwa einer Stunde reichte das Licht bei Weitem nicht mehr aus, um eine ungefährliche Weiterreise gewährleisten zu können.
Ich überlegte mir gerade, dass es besser für uns alle sei, im Freien zu kampieren, als Mr. Quint, der sich im Kampf als hervorragender Scharfschütze erwiesen hatte, an mich heranritt. Vor dem Krieg hatte er ein Medizinstudium begonnen und hoffte, dieses bald wieder aufnehmen zu können.
»Major Gripp, Sir«, sagte er. »Ich glaube, dass ich gerade eine Art Turm gesehen habe, Sir. Vielleicht befindet sich dort eine kleine Ortschaft, wo wir übernachten können.«
»Einen Kirchturm?« fragte ich erstaunt.
»Das konnte ich nicht so genau erkennen, Sir«, erwiderte Quint auf seine ehrliche Art und Weise. »Aber im Licht der untergehenden Sonne sah ich, dass es sich auf jeden Fall um ein Bauwerk handeln muss, Sir.«
»Ich dachte immer, um Tristmond herum existiert außer Wald und ein paar Sümpfen nichts«, sagte Johnson, der unser Gespräch mit angehört hatte.
»Mir ist dergleichen auch nicht bekannt«, pflichtete ich ihm bei.
»Aber da war bestimmt etwas, Sir«, beharrte Quint auf seiner Behauptung.
»In welcher Entfernung?« hakte ich nach.
»Etwa fünfhundert Meter, Sir«, erwiderte Quint sogleich. »Genau westlich von uns. Die Sonne stand direkt dahinter. Daher fiel es mir auch auf, Sir.«
»Also gut«, sagte ich. »Versuchen wir unser Glück. Im besten Fall haben wir ein Dach über dem Kopf. Reiten Sie voran, Mr. Quint. Sie wissen, wo sich dieser Turm befindet.«
Eine Zeit lang ritten wir durch ein unübersichtliches Stück Wald, bei dem mir, um ehrlich zu sein, nicht ganz geheuer war. Die eng zusammenstehenden Bäume sowie die willkürlich dazwischen wachsenden Sträucher ließen diesen Ort als sehr geeignet für einen Hinterhalt erscheinen. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, es herrschte bei unserem Ritt eine eindringliche Ruhe, die jedoch nicht dazu angetan war, meine Anspannung zu lösen.
Schließlich, nach etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten erreichten wir das, was Mr. Quint für einen Turm gehalten hatte.
Es war eine breite Lichtung, in deren Mitte sich eine Art Bauwerk senkrecht nach oben reckte. Gerade als wir den Ort betraten, befand sie die rot glühende Sonne exakt hinter diesem, um mit den Worten Mr. Quints zu sprechen, Turm, sodass sie in genau zwei leuchtende Halbkugeln geteilt wurde. Der Schatten, der dabei entstand, deutete wie der Zeiger einer Uhr direkt auf uns. Ob dies bereits eine Art Vorzeichen sein sollte?
»Es ist wohl nicht das, was du vermutet hast, Quint«, machte sich Larson über ihn lustig. Larson war der Kräftigste von uns. Früher schlug er sich als Gewichtheber und Boxkämpfer durchs Leben. Seine Großeltern stammten, wie er mir einmal erzählte, aus Dänemark. Er konnte leicht verletzend sein, setzte sich zugleich aber für seine Kameraden ein, als gehörten sie zu seiner eigenen Familie.
Mr. Quint zog ein Gesicht wie ein nasses Leintuch.
»Und trotzdem, einen besseren Ort zum Übernachten hätten wir nicht finden können«, meinte Greg überaus optimistisch. Wenn er wieder nach Hause kam, wollte er versuchen, Schriftsteller zu werden. Er trug ein dickes, zerfledertes Notizbuch mit sich herum, in das er allabendlich seine Erlebnisse und Eindrücke aufschrieb. Bereits vor dem Krieg hatte er mehrere Kurzgeschichten herausgebracht. Allerdings wirkte er seit einiger Zeit bleich und eingefallen und zeigte gelegentlich erste Anzeichen von Schwindsucht.
»Ich gebe Ihnen durchaus Recht, Mr. Thomson«, erwiderte ich. »Die Lichtung ist wundervoll. Bestimmt gelingt es uns, in wenigen Minuten hier ein Lagerfeuer zu errichten.«
Ich gab das Zeichen zum Absitzen.
Es dauerte nicht lange, bis Mr. Quint und Johnson das Holz für ein großartiges Feuer aufhäuften. Als es die Lichtung mit seinem tanzenden Schein erhellte, trat ich näher an das heran, was Quint zuvor für einen Turm gehalten hatte.
»Was meinen Sie könnte das sein?« fragte Greg, der sich zu mir gesellte und dabei sein Notizbuch wie eine Geliebte an sich gedrückt hielt.
Das Gebilde offenbarte sich als eine Art Säule, deren Fundament aus einem breiten, glatten Quader bestand. Die Säule selbst zeigte ebenfalls eine quadratische Form. Soweit wir das erkennen konnten, bestand ihre Spitze aus einer kleinen Pyramide, die für Mr. Quint aus der Ferne wie das Dach eines Turmes gewirkt haben musste. Im weitesten Sinne erinnerte mich dieses Konstrukt an eine Art Obelisk. Allerdings konnte ich nicht beurteilen, aus was für einem Material diese Säule bestand. Sie war glatt und reflektierte ein undefinierbares Schimmern. Als ich dagegen klopfte, so hörte ich von innen einen hohlen Widerhall. Der Quader und die darauf positionierte Säule ragten keineswegs gerade aus dem Boden. Vielmehr befanden sich beide in einer seltsamen Schieflage, ganz ähnlich eines Baumes, der durch den Wind gebeugt wurde.
»Möglicherweise ein alter Ritualplatz«, meinte ich.
»Indianer, Sir?« fragte Greg vorsichtig.
»Das sieht mir keineswegs indianisch aus«, erwiderte ich. »Es gibt allerdings Theorien, die behaupten, dass Amerika bereits vor den Indianern besiedelt war.«
»Eine frühere Zivilisation, Sir?« Offenbar wollte Greg Genaueres darüber erfahren.
»Nur Vermutungen, Greg«, erwiderte ich.
Greg nickte nachdenklich.
Später sah ich, wie er etwas in sein Notizbuch schrieb.
Nach dem Essen saßen wir noch einige Zeit um das Feuer herum, wobei alle davon erzählten, was sie nach dem Krieg vorhatten. Ich ließ dabei etwas irischen Whiskey herumgehen, was die unterschiedlichen Zukunftsträume noch rosiger werden ließ. Greg begann sogar ein Lied zu singen, in das wir alle mit einstimmten.
Irgendwann in der Nacht wurden unsere Augenlider schwer wie Blei. Als ich mich unter meine Decke verkroch, betrachtete ich noch für eine Weile den sternklaren Himmel, der sich über mir wie ein dunkler Fluss voller leuchtender Perlen ins Unermessliche ausdehnte.
Johnson weckte mich. Ich musste ziemlich tief geschlafen haben, denn der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, bezog sich auf den Morgenkaffee. Aus diesem Grunde war ich recht erstaunt, als ich bemerkte, dass um mich herum noch immer alles in tiefer Dunkelheit lag. Nur die Reste des Lagerfeuers erhellten das Gesicht Johnsons. Sein Ausdruck verwirrte mich. Seine Augen strahlten etwas aus, das ich nur als blankes Entsetzen bezeichnen konnte.
»Was ist los, Johnson?« fragte ich.
»Sir, ich glaube, wir werden beobachtet«, flüsterte er angespannt.
Sofort richtete ich mich auf. »Beobachtet?«
»Vom Rand der Lichtung aus, Sir«, präzisierte er.
Ich blickte auf die Bäume und Sträucher, die vom glimmenden Licht des Feuers erhellt wurden. Mir fiel nichts Außergewöhnliches auf.
»Sie haben schlecht geträumt, Johnson«, meinte ich.
»Sir, wir haben es auch bemerkt.« Das war Quint.
Erst jetzt sah ich, dass alle anderen ebenfalls wach waren. Greg, Larson und Quint saßen beim Feuer und hielten ihre Gewehre bereit.
Der Anblick fuhr mir wie kaltes Wasser durch die Venen. Der Krieg war vorbei, aber schon wieder zeichneten sich die Vorbereitungen für einen Kampf in ihren Minen ab.
»Direkt vor uns, Sir«, betonte Larson und nickte mit seinem Kopf in die angegebene Richtung.
Dann sah ich es auch. Am Rand der Lichtung bewegten sich mehrere Äste eines Strauchs, so als hätte ein unerwarteter Windstoß sie zum Zittern gebracht. Im selben Moment vernahm ich ein Rascheln, wie wenn ein Kind durch welke Herbstblätter rauschte.
»Was soll das?« rief ich. »Kommen Sie gefälligst heraus!«
Nichts rührte sich. Selbst die Bäume schienen auf eine Antwort zu warten.
Doch gleich darauf vernahmen wir das Rascheln von einer anderen Stelle. Wiederum sah ich einzelne Äste, die sich wie durch Geisterhand bewegten.
»Ich wette, das sind ein paar Rothäute, die sich einen Scherz mit uns erlauben«, zischte Larson.
»Major, Sir, wissen Sie, was das eben war?« In Mr. Quints Stimme schwang eine unvorstellbare Angst mit. Er starrte mich an, als hätte er soeben eine Vorahnung auf seinen eigenen Tod gehabt.
»Das ... kann ich nicht sagen«, antwortete ich, wobei mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief.
Doch dann geschah etwas, an das keiner von uns je geglaubt hätte.
Greg stand auf einmal vor uns und marschierte in langsamen Schritten auf den Rand der Lichtung zu. Sein Gang war keineswegs sicher, sondern vielmehr ein Wanken und Stolpern, sodass ich den Eindruck gewann, als würde er von einem Magneten angezogen. Noch bemerkenswerter oder auch erschreckender war der Umstand, dass Greg sein Gewehr nicht bei sich trug, sondern bloß sein Notizbuch in den Händen hielt.
»Greg!« rief Larson entsetzt. »Hast du etwa den Verstand verloren?«
»Der Whiskey ist ihm wohl nicht ganz bekommen«, meinte Johnson in einer Mischung aus Angst und Ärger.
»Komm zurück, Greg!« krächzte Quint, dem das Grauen ins Gesicht geschrieben stand.
Ich sah es als meine Pflicht an, Greg von seinem wie auch immer gearteten Vorhaben abzuhalten und machte mich bereit, ihm nachzueilen. Doch gerade in dem Moment, als ich mich erhob, verschwand Greg hinter den Büschen. Für wenige Sekunden beobachteten wir noch das Wippen der Äste und vernahmen das Rascheln der Blätter. Kurz darauf wirkten die Pflanzen wie erstarrt, und kein einziges Geräusch drang an unsere Ohren.
»Was ist mit ihm passiert?« Quints Stimme bebte. »Hat jemand von euch gesehen, was mit ihm passiert ist? Was befindet sich hinter dieser Lichtung?«
Larson stand abrupt auf und trat an die Feuerstelle. Mit einem Stock schürte er in der noch glühenden Asche, um dadurch das Feuer neu zu entfachen.
»Was hast du vor, Larson?« fragte Johnson.
»Von mir aus könnt ihr ja hier bleiben«, entgegnete er. »Aber ich suche nach Greg.«
»Du willst in den Wald? Jetzt, wo es dunkel ist?«
»Ich fürchte mich weder vor diesem beschissenen Wald, noch vor dieser beschissenen Dunkelheit.«
Ich trat neben Larson, der es inzwischen geschafft hatte, die Flammen neu zu beleben. Es war mir nicht recht, dass meine Leute begannen, ohne mein Zutun eigene Pläne zu schmieden. Ich stand in meiner Position als Major weit über ihnen, und das sollte auch so lange bleiben, bis wir wieder in unsere Heimat kämen. Alles andere hätte meine Stellung geschwächt. Ich musste daher Larsons Plan zu meinem eigenen machen. Zwar konnte ich kaum meine Angst vor diesen unerklärlichen Dingen verbergen, aber ich betrachtete es als meine Pflicht, die Gruppe zusammenzuhalten.
»Larson hat recht«, sagte ich. »Wir sind es Greg schuldig, dass wir nach ihm suchen. Er ist der Jüngste von uns.«
»Aber wenn es Indianer sind?« bekräftigte Quint seine Furcht vor der bevorstehenden Suche.
»Bei Tristmond gibt es schon seit ewigen Zeiten keine Indianer mehr«, entgegnete ich.
Im Schein des Feuers wandelte sich Quints Miene von blanker Angst in ein sprachloses Erstaunen.
Inzwischen präsentierte uns Larson seine Fackel. »Na, was sagt ihr dazu? Ist doch wie geschaffen für eine Nachtwanderung.«
Nachdem wir übrigen ebenfalls mit Fackeln und Gewehren ausgerüstet waren, schritt ich voran auf das dichte Buschwerk zu, hinter dem Greg sich in Luft aufgelöst hatte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich spürte die Anspannung meiner letzten verbliebenen Männer, die sich wünschten, lieber weiter zu ziehen, als kurz vor ihrer Heimat nochmals in eine vielleicht lebensgefährliche Situation zu geraten. Ich konnte ihnen das bei Weitem nicht verdenken. Doch wer hätte auch nur im geringsten geahnt, dass wir an solch einen furchtbaren Ort gelangen würden?
»Also gut, Männer«, flüsterte ich. »Suchen wir Greg.«
Mit meiner linken Hand drückte ich die Äste und Blätter beiseite. Um uns herum blieb alles ruhig. Der Wald, der sich vor uns erstreckte, verschluckte den Mondschein zur Gänze, sodass allein das Licht unserer Fackeln für etwas Helligkeit sorgte.
Zwischen den knorpeligen Bäumen, die schief und verwachsen aus dem Boden wuchsen, lag ein hauchdünner Nebel. Was war mit Greg Thomson geschehen? Als wir den Boden auf seine Fußspuren hin absuchten, fanden wir nichts. Greg war verschwunden, so als wäre er urplötzlich in eine andere Welt katapultiert worden.
Wir gingen weiter.
So lange, bis wir die Steine erreichten.
Das, was sich uns hier bot, spottete jeder menschlichen Vorstellung. Vor uns lagen zwischen den Bäumen verstreut mehrere schwarze Steine – jedenfalls hielten wir sie dafür -, die wie die Überreste einer uralten Behausung wirkten. Ihre Formation erinnerte mich an Teile eines Gebäudes, die durch eine Explosion weggeschleudert wurden. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es waren Bruchstücke. Aber Bruchstücke von was? Die Steine besaßen die unglaubliche Größe eines Elefanten! Ob sie hierher transportiert wurden oder bereits immer hier lagen, blieb ein Rätsel. Andererseits glich das Material demjenigen, aus dem die Säule bestand. Ob beides miteinander zusammenhing?
»Schauen Sie hier, Sir«, wies mich Johnson auf etwas hin, das er auf einem der Brocken entdeckt hatte.
Ich erkannte seltsame Symbole und Zeichen, die auf so etwas wie eine Keilschrift hinwiesen.
Unser Erstaunen stoppte durch einen unerwarteten Aufschrei.
»Fasst die Steine nicht an! Um Gotteswillen, fasst bloß nicht die Steine an!«
Es handelte sich dabei um Quint, der wie benommen zwischen den Bäumen torkelte und dabei nicht wusste, ob er sich die Augen zu halten oder sich die Hände abreißen sollte.
»Was ist jetzt wieder los?« Larson schien der einzige zu sein, der bei diesem Anblick die Ruhe bewahrte. »He, Quint! Alles klar?«
»Die Steine!« krächzte dieser völlig außer sich. »Diese verdammten Steine!«
»Was soll mit den Steinen sein?«
Quint kam neben uns zum Stehen. Er atmete schwer. Mit wirrem Blick begutachtete er ständig seine Hände, so als wären es zwei fremde Wesen, die er einer eingehenden Untersuchung unterziehen wollte.
»Quint, was soll mit diesen Steinen sein?« wiederholte ich Larsons Frage.
»Wenn man sie anfasst, dann versuchen sie, einen zu packen«, murmelte er wie zu sich selbst.
»Zu packen?«
Quint schüttelte langsam den Kopf, wobei er seine Hände nicht aus den Augen ließ. Statt einer Antwort entrang sich ein leises Wimmern seiner Kehle.
»Über was redet Quint überhaupt?« schaltete sich Johnson ein. »Es sind einfach nur Steine. Kalt und feucht und teilweise mit Moos überwuchert. Wahrscheinlich der Rest von irgendeiner Siedlung.«
»Irgendeiner Siedlung? Sind Ihnen diese enormen Ausmaße denn nicht aufgefallen? Sehen Sie es sich doch an. Hier müssen Riesen gehaust haben.«
Entweder wollte Johnson nicht wahrhaben, was er hier sah, oder es beeindruckte ihn wirklich nicht. Er betrachtete jeden von uns mit einer gewissen Skepsis und sagte dann: »Sir, wir sollten lieber nach Greg Thomson suchen.«
»Aber irgendetwas muss mit diesen Steinen sein«, meinte ich. »Quint ist extrem verstört. Ich glaube kaum, dass er sich nur etwas eingebildet hat.«
»Sir, dann probieren Sie es aus«, schlug Johnson vor. »Ich habe zuvor ebenfalls einen der Steine berührt und dabei ist mir nichts dergleichen geschehen.«
»Um ehrlich zu sein, mir auch nicht, Sir«, teilte Larson mit.
»Quints Verwirrung ist auf jeden Fall durch etwas verursacht worden«, entgegnete ich ungeduldig.
Aber Thomson hatte recht. Die Steine fühlten sich kalt und nass an.
»Und?« hörte ich Larson.
»Nichts.«
Doch von einer Sekunde auf die andere wurde jenes Ereignis nebensächlich. Hinter Quint bewegte sich etwas.
Noch bevor ich ihn hätte warnen können, umschlangen ihn zwei mit Klauen besetzte Arme. Ein Ruck durchzog Quints Körper, und mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit schnellte er nach oben, so als hinge er an einem Seil.
»Was ist passiert?« Larson wandte sich um und zückte sein Gewehr. »Wo ist Quint?«
Johnson drehte sich einmal im Kreis, dabei die Fackel weit von sich gestreckt, wobei er mit seiner Waffe auf Phantome zielte. »Was geht hier überhaupt vor? Wo sind wir hier? Was ist das für ein verdammter Ort?«
Ich hob meine Fackel, damit das Licht so weit wie möglich an die Baumwipfel heranreichte. Es war nichts zu erkennen. Über uns erstreckte sich eine undurchdringliche Finsternis, welche den Schein des Feuers in sich aufnahm, so als würde man ein paar Tropfen Wasser auf einen ausgedörrten Boden fallen lassen.
»Wieso schaust du nach oben?« Larson stand neben mir und versuchte, meinen Blicken zu folgen.
Im selben Moment hörte Johnson auf, sich im Kreis zu drehen. Mit einem leeren Ausdruck in seinem fahlen Gesicht wandte er sich mir zu und fragte: »Quint ist in den Bäumen verschwunden?«
»Etwas hat ihn gepackt und ihn hinauf gezerrt.«
»Ist dasselbe etwa auch mit Greg Thomson geschehen?«
»Möglich wäre es«, erwiderte ich.
»Aber was machen wir jetzt?« Johnsons Stimme bebte als würde er im selben Moment durchgeschüttelt. Ein schleichender Wahnsinn setzte sich in seinen Augen fest. Ich befürchtete, er würde gleich durchdrehen.
»Wir klettern hinauf«, sagte ich. »Vielleicht finden wir die Antwort auf alles über unseren Köpfen.«
»Sir, das geht doch nicht, Sir«, begann Johnson zu jammern. »Wir sollten so schnell wie möglich von hier fort. Greg ist sicherlich schon tot. Quint ebenso. Sir, es hat doch keinen Sinn, hier zu bleiben.«
»Nimm dich gefälligst zusammen!« zischte Larson.
»Aber ich will von hier weg!« schrie Johnson auf einmal.
Was danach geschah, kann ich bis heute nicht mehr genau nachvollziehen. Vollkommen unerwartet packten mich von hinten zwei kalte, trockene Arme. Ich sah noch Johnsons weit aufgerissene Augen und vernahm Larson, der eine Art Quietschen von sich gab.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einer Art Höhle. Es roch stark nach Holz und Moos. Der Boden, auf dem ich lag, bestand aus glatten Brettern und sonderte eine angenehme Wärme ab. Die Höhle wurde von Gaslampen erhellt – jedenfalls hielt ich sie dafür -, die wie Sturmlaternen von den Wänden hingen.
Ich richtete mich langsam auf. Direkt vor mir in der Wand führte eine halbrunde Öffnung auf eine Art Steg hinaus, der rechts und links von Laternen beleuchtet wurde. Keine Geräusche drangen in die Höhle. Es herrschte eine traumartige Stille.
Ich erhob mich. Was befand sich am Ende des Stegs? Eine weitere Höhle? Seltsamerweise verspürte ich kein bisschen Angst. Im Gegensatz dazu wuchs meine Neugier ins Unermessliche.
Als ich mich auf den Steg hinaus wagte, bemerkte ich außerhalb davon nichts als eine vollkommene Schwärze. Selbst das Laternenlicht drang nicht weiter vor, sondern schien nur dazu gedacht, den Weg zu erhellen. Mit nicht geringem Erstaunen nahm ich dafür meine direkte Umwelt wahr. Der Steg, auf dem ich gerade stand, zählte nicht zu den einzigen. Vielmehr erstreckte sich vor mir ein komplexes Verbindungssystem von Wegen dieser Art, welche nicht nur waagerecht, sondern ebenso vertikal nach oben verliefen. Dazwischen erkannte ich Treppen in jeder nur denkbaren Form – egal, ob gerade oder spiralförmig -, die eine Plattform mit der anderen verbanden. An bestimmten Knotenpunkten gab es Baumhöhlen, die derjenigen glichen, in der ich vorhin zu mir kam. Interessanterweise existierten jedoch keine Treppen, die nach unten führten. Ich befand mich also auf der untersten Ebene. Was mich dabei aber wunderte, bezog sich darauf, dass wir von unten diese undenkbare Konstruktion keineswegs erkennen konnten. - Es sei denn, dass diese unerklärliche Schwärze etwas damit zu tun hatte ...
Ich setzte meinen Weg fort. Bereits nach wenigen Metern erreichte ich eine Treppe, die in einem weiten Bogen auf die obere Plattform führte. Bevor ich die erste Stufe berührte, sah ich mich nochmals auf dieser endlos erscheinenden Ebene um. Mir fiel dabei jedoch nichts auf, dass auf eine Art Lebenszeichen schließen ließ. Ich fühlte mich wie in einem Traum, in dem ich völlig alleine auf einer Fläche stand, die nach allen Richtungen kein Ende hatte. Möglicherweise befand sich ja jemand über mir.
Ich stieg die seltsam geformte Treppe empor. Ich war noch nicht weit gekommen, als auf einmal ein lautes Surren erschallte und direkt vor meiner Nase eines der wohl hässlichsten Wesen erschien, das man sich nur vorstellen konnte. Seine Haut besaß eine grauweiße Färbung und war unbehaart. Es glotzte mich aus zwei grünlich schimmernden, ovalförmigen Augen an. Dort, wo der Mund sein sollte, prangte eine Art eingefallenes Loch, in dem ich so etwas wie verkümmerte Zahnstummel erkannte. Das überaus Entsetzliche aber galt seinen Armen. Diese hingen bis zum Boden und endeten in jeweils einer schwarzen Kralle, die lang und leicht gebogen war.
Dieses hässliche Wesen hing direkt vor mir in der Luft. Zuerst glaubte ich, es würde tatsächlich schweben. Doch dann erkannte ich, dass es an einem Seil hing, dessen Ende es um seine Taille geschlungen hatte.
Das Wesen hob seine grotesken Arme und stieß mit seinen Krallen so stark gegen meine Brust, dass ich das Gleichgewicht verlor und rückwärts die Stufen hinunter stolperte, bis ich schließlich der Länge nach hinfiel.
Es starrte mich noch für einige Sekunden an, bevor es auf seinem Seil wieder empor surrte, so als würde irgendwo weiter oben jemand eine Kurbel betätigen.
»Die lassen einen nicht hoch, Sir.«
Verdutzt drehte ich meinen Kopf. Neben mir stand Greg Thomson. Sein bleiches Antlitz besaß einen überaus erschöpften Ausdruck. Ich hätte nicht sagen können, ob es an seiner Schwindsucht oder an diesem Ort lag.
»Sie waren auf einmal spurlos verschwunden«, erklärte ich. »Ist mit Ihnen etwa das Gleiche geschehen wie mit Quint und mir?«
Greg zuckte die Achseln. »Ich wurde auf einmal gepackt und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich hier an diesem fremdartigen Ort. Bisher weiß ich nur, dass sie einen nicht hoch lassen.«
»Und Quint?«
Wiederum zuckte Greg die Achseln. »Er sitzt in einer der anderen Höhlen und lallt vor sich hin. Sir, ich glaube, er hat den Verstand verloren.«
»Gehen wir zu ihm.«
Greg führte mich den Steg entlang, an einer Baumhöhle vorbei, die er als seine bezeichnete, und weiter, bis wir an einen weiteren Knotenpunkt kamen. Aus der Höhle, die sich dort befand, drang ein unverständliches Jammern an meine Ohren.
Als wir durch die Öffnung traten, bemerkte ich Quint, der mit dem Rücken zu uns vor einer der knorpeligen Wände saß und dabei ständig seinen Oberkörper hin und her wippte. Dabei gab er ein nicht zu verstehendes Gefasel von sich, das gleichförmig und monoton wie ein einfacher Singsang wirkte.
»Quint?«
Quint reagierte nicht.
Ich hockte mich neben ihn und berührte ihn an der Schulter. Aber auch dies verursachte bei ihm keinerlei Reaktion.
»Was sollen wir mit ihm machen, Sir?« fragte Greg.
»Lassen wir ihn erst einmal hier«, erwiderte ich. »Zuerst müssen wir herausfinden, wie wir hier wieder wegkommen.«
»Es gibt keinen einzigen Weg, der nach unten führt, Sir«, bemerkte Greg.
»Das habe ich auch schon gesehen«, erwiderte ich. »Aber wenn die uns hier her gebracht haben, dann muss es doch einen Weg geben, um von hier auch wieder weg zu kommen.«
Wir verließen die Höhle. Das Wegsystem, das sich vor uns ausstreckte, wirkte wirr und unübersichtlich. Andererseits erinnerte es auf entfernte Weise an ein Netz oder besser an verschiedene übereinander gelagerte Netze, die durch Treppen und weitere Wege miteinander verbunden waren. Es gab keine Geländer und auch keine Wände. Ich konnte auch nichts erkennen, was auf die Halterung dieser Stege Aufschluss gab. Sie schienen in der Luft beziehungsweise in diesem schwarzen Nichts zu schweben. Die Wärme des Holzbodens sowie die Quelle des Lichts in den Laternen blieb ebenso ungeklärt.
»Wir haben unten Bruchstücke von Irgendetwas entdeckt. Ob diese vielleicht mit diesem Ort zusammenhängen?«
Greg schaute mich schweigend an, da er nicht wusste, ob ich zu mir selbst sprach oder ihm eine Frage stellte.
Kurz darauf sagte er: »Wenn wir versuchen, eine andere Ebene zu erreichen, kommt sofort wieder einer von ihnen, um das zu verhindern, Sir.«
»Wieso wollen die nicht, dass wir dort hinauf gelangen?« wunderte ich mich.
»Vielleicht gibt es dort etwas, Sir«, antwortete Greg.
Ich trat auf eine nahe gelegene Treppe zu, die erst gerade nach oben verlief, um nach wenigen Metern in einer engen Spirale weiter empor zu klettern.
»Wenn wir wissen, was es dort gibt, dann finden wir vielleicht einen Weg, der uns von diesem Ort wieder wegführt.«
»Aber diese Wesen, Sir«, warf Greg ein.
»Versuchen wir es einfach«, sagte ich.
Nachdem ich vier Stufen emporgestiegen war, vernahm ich das mir bereits bekannte Surren. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis erneut jene sonderbare Kreatur vor mir hing, die mich bei unserer ersten Begegnung von der Treppe gestoßen hatte. Das Wesen schaute erst mich, dann Greg mit seinen grün schimmernden Augen an. Verglich es etwa unser Aussehen?
Trotzdem sich dieses Ding direkt vor mir aufbaute, wagte ich eine Stufe höher. Sogleich ertönte das Surren, und das Wesen erhob sich ebenfalls um mehrere Zentimeter.
»Sir, passen Sie lieber auf«, warnte mich Greg, der noch immer auf der Plattform stand.
»Kommen Sie auch hoch, Greg«, forderte ich ihn auf, ohne das Wesen aus den Augen zu lassen.
Ich hörte, wie Greg darauf die erste Stufe nahm. Im selben Moment jedoch ertönte ein weiteres Surren, worauf ein ähnliches Wesen wie das, welches vor mir hing, auf einem Seil herunter sauste. Kaum befand es sich auf einer Höhe mit Greg Thomson, als es plötzlich seine teigigen Arme um ihn schlang und ihn etwa einen Meter in die Höhe zog.
»Major Gribb!«
Das Wesen schwenkte etwas zur Seite, sodass es nun nicht mehr über dem Steg, sondern über jener unerklärlichen Schwärze hing, welche das Wegsystem umgab.
»Major Gribb, helfen Sie mir!«
Ich weiß bis heute nicht, was ich mir dabei dachte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mehr Zeit zum Überlegen gehabt hätte. So aber reduzierte sich alles auf eine bloße Affekthandlung. Ich sprang zu dem Seil, an dem das zweite Wesen hing, und klammerte mich daran fest. Im selben Augenblick jedoch öffnete die Kreatur ihre Arme. Greg Thomson stürzte in die Tiefe. Die Schwärze verschluckte ihn wie ein nächtlicher Ozean.
Auf einmal ertönte wieder jenes Surren. Die Kreatur, die sich für mich zuständig zeichnete, fuhr mit ihrem Seil soweit nach unten, bis sie mir direkt gegenüber hing. Währenddessen versuchte das andere Wesen mit seinen Krallen nach mir zu greifen, was aber nicht gelang, da ich mich außerhalb seiner Reichweite an dem Seil fest hielt.
Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Und dieses Mal wollte ich dem Angriff dieser Kreatur zuvorkommen. Denn entweder hätte es mich wie Greg gepackt oder versucht, mich anderweitig von dem Seil zu reißen. Ohne noch weiter abzuwarten, stieß ich mit meinem rechten Stiefel gegen die Brust dieses scheußlichen Wesens. Hilflos schwang es darauf von mir weg. Als sich der Schwung jedoch wieder umkehrte, kletterte ich, soweit es mir innerhalb dieser kurzen Zeit gelang, weiter nach oben. Das Wesen schwang auf das Seil zu und versuchte, sich mit seinen Krallen daran festzuhalten. Dies gelang ihm nicht, sodass es wie ein Pendel nach vorne schwang und sich beim Rückweg mit dem anderen Seil verhedderte.
Inzwischen ertönte wiederum ein Surren. Es gab einen Ruck. Beide Seile wurden zugleich empor gezogen. Das Wesen unter mir versuchte, die miteinander verschlungenen Seile zu entwirren. Dabei hieb es mit seinen Krallen verzweifelt auf das Material ein, das bei jedem Schlag mehr ausfranste.
Wir erreichten die zweite Ebene, die sich durch nichts von der ersten unterschied. Die skurrilen Treppenformationen zogen an mir vorbei wie wirre Träume. Wir hatten schon beinahe die dritte Ebene erreicht, als ein heftiger Stoß das Seil erschütterte. Gleichzeitig kam unser Aufwärtszug zum Stocken. Als ich nach unten sah, bemerkte ich den Grund. Das Wesen hatte eines der Seile durchtrennt, sodass das andere in die Tiefe stürzte. Ich sah, wie es auf einem der Stege aufschlug, abrutschte und darauf seinen Sturz fortsetzte, bis es von der Schwärze verschluckt wurde wie ein Stein, den ein Kind in einen Teich warf.
Nun erschien es für die Kreatur ein leichtes, die Seile zu entwirren.
Direkt neben mir wand sich eine spiralförmige Treppe wie in einem unsichtbaren Turm nach oben. Ohne lange zu überlegen, setzte ich über auf jene warmen Holzstufen. Zwei Stufen über mir stand eine jener ungewöhnlichen Laternen. Das Surren, das erneut einsetzte, kennzeichnete bereits die näher kommende Gefahr.
Ich besaß nicht die geringste Ahnung, was passieren würde, wenn das Glas einer der Laternen zersprang. Vielleicht geschah überhaupt nichts. Möglicherweise aber konnte ich zumindest dadurch eine Reaktion bei diesem Wesen auslösen, die mich in kurze Vergessenheit gerieten ließ.
Ich zog mich daher an dem Laternenpfahl nach oben. Das war schwieriger als ich dachte, denn immer wieder rutschte ich nach unten. Kaum hatte ich die Lichtquelle erreicht, als das Wesen bereits vor mir baumelte. Ich ballte meine Hand zur Faust. Es ertönte ein sanftes Klirren, als meine Knochen das hauchdünne Glas durchbrachen. Im selben Moment erschallte ein ohrenbetäubendes Fauchen. Ich ließ mich auf die Stufen fallen und sah dabei eine gewaltige Stichflamme, die auf das Wesen zuschoss und es versengte. Ein verkohltes Etwas fiel an mir vorbei in die Tiefe.
Genau so unerwartet, wie die Flamme erschienen war, entschwand sie auch wieder. Kein neues Surren ertönte. Nach kurzem Warten setzte ich meinen Weg nach oben fort.
Ich erklomm mindestens fünf weitere Ebenen, bis über mir keine weiteren Stege mehr verliefen. An einer Stelle standen zwei Seilwinden. Daneben erhoben sich die Reste einer dritten Winde, die längst aus ihrer Halterung gerissen war. Ich sah keines dieser Wesen mehr, was allerdings seltsam erschien. Denn irgendjemand musste die Winden doch betätigt haben?
Auch hier oben gab es Knotenpunkte, auf denen Baumhöhlen angebracht waren. Es fiel mir von Mal zu Mal schwerer, den Sinn dieser eigenartigen Konstruktion auszumachen. Wer waren diese Wesen? Was wollten sie von uns? Dienten jene sonderbaren Höhlen als eine Art Wohnplatz? Immerhin wurden Greg, Quint und ich in eine solche gebracht. Wieso aber gab es so viele von diesen Plätzen? Existierten etwa noch mehrere dieser abscheulichen Wesen? Und wenn ja, wo befanden sie sich?
Ich konnte mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Ich suchte einige der Höhlen auf, ohne jedoch etwas Auffälliges zu finden. Sie waren leer.
Auf einmal vernahm ich einen Schrei.
Ich späte nach unten und sah, wie Quint aus seiner Höhle kroch.
»Mr. Quint!«
Quint schaute sich erstaunt um.
»Hier oben, Mr. Quint!« Ich beugte mich etwas nach vorne und winkte ihm zu.
»Major Gribb!« Seine Stimme drang deutlich an meine Ohren. Dies gehört ebenso zu den unerklärlichen Phänomenen innerhalb dieser Konstruktion. Ich schätze, dass zwischen der ersten und der fünften Ebene mindestens dreißig Meter liegen. Trotzdem vernahm ich Quint, als stände er direkt neben mir.
»Geht es Ihnen besser?«
Quint winkte mir zu.
»Warten Sie, ich komme zu Ihnen herunter!«
Wenige Minuten später standen wir uns gegenüber. Quints Augen besaßen noch immer jenen leicht kritischen Glanz. Aber insgesamt schien er wieder in Ordnung.
»Sir, ich glaube nicht, dass wir hier jemals wieder herauskommen werden«, sagte er, so als würde er über das Wetter sprechen. »Und Springen bedeutet den Tod.«
»Ich frage mich nur, wie jene Wesen es schafften, herauszukommen, um Sie und mich hierher zu bringen?«
»Möglicherweise sind jene Dinger gegen diese namenlose Kraft immun. Aber ein Mensch ist das nicht. Ich sah Greg Thomson, als er auf die Schwärze traf, Sir. Er löste sich auf.«
»Und das Wesen?«
»Es fiel hindurch. Aber wohin, ist eine Frage für sich.«
»Ob Larson und Johnson noch auf uns warten?«
Quint zuckte die Achseln. »Vielleicht sind sie nach Tristmond, um Hilfe zu holen.«
Also warteten wir. Wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, kann ich nicht sagen. Es sind vielleicht Stunden, möglicherweise aber auch Wochen und Monate. Seltsamerweise verspüren weder Mr. Quint, noch ich bisher irgendeine Art von Hunger. Dennoch fühlen wir uns von Mal zu Mal schwächer. Quint, als angehender Mediziner, ist der Meinung, dass wir hier drinnen schneller altern.
Ich selbst mache mir darüber schon längst keine Gedanken mehr. Mit Sicherheit werden wir von hier nicht mehr wegkommen. Als ich Greg Thomson Notizbuch fand, das noch in seiner Höhle lag, beschloss ich, diesen Bericht zu schreiben. Wenn mir langweilig ist, blättere ich Gregs Aufzeichnungen durch. Kurz vor seinem tragischen Ende beschäftigte er sich mit einem recht sonderlichen Thema. Er notierte etwas über ferne Welten, gigantische Städte auf der Rückseite des Mondes und der Möglichkeit, in bizarren Gebilden, die Greg als Weltenraumschiff bezeichnete, durch das Universum zu fliegen.
Wie man auch immer zu diesen Ideen stehen mag, ich denke, Greg Thomson wäre mit Sicherheit ein interessanter Schriftsteller geworden.
© Max Pechmann