
Stories - Welcome to Earlonville

Hort der verlorenen Seelen
(Teil 1)

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Vorwort:
„Hallo, da bin ich schon wieder! Nur noch mal zu Ihrer Erinnerung. Man nennt mich Mortimer, und ich bin Ihr sachkundiger Führer durch Earlonville.
Ich werde Sie jetzt mitnehmen auf die erste Erzählung aus diesem unheimlichen und bisweilen grausamen Ort, der irgendwo in den USA liegt. Wo genau, verrate ich Ihnen besser nicht, denn auch wenn einiges von dem, was nun folgen wird, bei Ihnen Angst, Schrecken und sogar vielleicht Abscheu auslösen wird, so könnte ich mir doch vorstellen, dass neben diesen Empfindungen eine gewisse Neugier erwachen und dazu verlocken könnte Earlonville einen Besuch abzustatten.
Und davon möchte ich dringend abraten. Und noch weniger möchte ich dafür verantwortlich sein.
Aber zurück zum Thema: Earlonville
Der Ort erscheint wie viele anderen, er ist nicht sonderlich klein, aber andererseits auch zu groß um winzig genannt zu werden.
Es gibt einen nahen, großen Mischwald, durch den sich ein Fluss schlängelt, sowie weite Felder und ein nahes Küstengebirge.
Earlonville mutet bei Sonnenschein recht ansehnlich und einladend ein, offenbart aber meistens nach Einbruch der Dunkelheit einen grau in grauen Ton von Eintönigkeit und Leere.
Earlonville kann tatsächlich vieles bieten und somit auch Platz.
Außerdem gibt es in der näheren Umgebung etwas ganz und gar Ungewöhnliches.
Und Dr. Clayton Mills interessierte sich dafür ganz besonders……“

Vergangenheit:
Das Schloss erhob sich wuchtig und Erfurcht gebietend vor den Ausläufern des nahen Küstengebirges.
Wahrscheinlich hätte niemand vermutet, dass dieses alte, ja eigentlich sogar uralte Artefakt des europäischen Mittelalters hier, nur wenige Minuten von Earlonville, mitten in den Staaten vorzufinden war.
Mills selber war auch verblüfft gewesen, als er zum ersten Mal auf die kleine Anhöhe gestiegen war, auf der er sich in diesem Moment befand.
Und damals, wie heute, war der Anblick einfach überwältigend.
Das Schloss war Mitte der Zwanziger von einem größenwahnsinnigen Millionär in England Stein für Stein abgetragen worden, nur um hier wieder zusammengesetzt zu werden.
Als 1929 der Börsenkrach den Millionär in den Ruin und einen vorzeitigen Tod durch Selbstmord trieb, war es komplett errichtet gewesen, aber der geplante Innenausbau war niemals erfolgt und somit wurde das Schloss wieder zu dem, was es schon in seiner alten Heimat gewesen war.
Zu einer leer stehenden Ruine.
„Das kann einfach nicht dein Ernst sein.“, erklang es seitlich von Mills, der beim Anblick des vermeintlichen Friedens aus Schloss, imposanten Gebirgsausläufern und friedlich wuchernder Natur, beinahe vergessen hatte, dass er nicht allein hierher gekommen war.
Bob Greer stand neben ihm und starrte aus dunklen, tief liegenden Augen auf das Vermächtnis des Millionärs.
Greer war zwar recht jung an Jahren, doch er verfügte trotzdem über weitreichende Verbindungen im entfernt liegenden Washington und war ein aufstrebender Senator.
Seinen immensen Ehrgeiz und die damit verbundene, bisweilen aufreibende Arbeit, hatte er mit dem Verlust seiner Gesundheit bezahlen müssen.
Obwohl Greer gerade knapp über dreißig war, musste er sich auf einen Gehstock stützen, der eine der Folgen eines kürzlich erlittenen schweren Kreislaufkollapses war.
„Ich habe es dir bereits mehrfach erklärt, Bob. Es ist mein Ernst. Mein voller sogar! Und du wirst mir helfen, mein angestrebtes Ziel zu erreichen. Dieses Schloss ist wie dafür geschaffen.“
Greer verzog seinen Mund, der dermaßen blass war, dass er inmitten des Grautons seiner Gesichtshaut kaum auffiel.
„Und ich habe dir bereits erklärt, dass das nicht so einfach sein wird, wie du es dir vorstellst.“
Greer lachte humorlos auf.
„Allein die damit verbundenen Kosten sind….“
„…kein Problem, wenn man bedenkt, was im Verhältnis dafür auf dem Spiel steht.“, unterbrach Mills seinen Begleiter rüde und mit leichten Anzeichen von Ungeduld und Zorn im hageren Gesicht.
Greer musterte Mills eingehend, dann legte sich eine besänftigende Maske über seine Züge und er trat näher an den, von vielen als genial bezeichneten, Psychologen heran.
„Komm schon, Alter. Sieh es doch ein. Du jagst einem Phantom hinterher. Deine Arbeiten sind zwar allesamt brillant, aber leider interessieren sich die Verantwortlichen nicht genügend dafür so eine Stätte der…..der….“
Greer suchte nach den richtigen Worten.
„Es wird eine Stätte sein, an der die Geheimnisse der Seele und damit verbunden des Wahnsinns, erkundet werden.“
„Und genau dafür interessiert sich eben niemand, Clay. Nimm meinen Rat an und schlag dir dieses Projekt, diese….’Super-Irrenanstalt’ einfach aus dem Kopf, ja?“
Für einen winzigen Moment standen die beiden Männer stumm nebeneinander und es schien fast so, als wären sie zwei Freunde, von denen der eine, dem anderen Trost spendete und beruhigend seine Hand auf die Schulter des anderen gelegt hatte.
Doch dann brach ein Schwall aus wütender Emotion hervor.
Mills wischte die Hand Greers beiseite, trat einen Schritt vor und drehte sich dann zu ihm herum.
„Du wirst mir die nötigen Genehmigungen und Gelder besorgen, Bob. Du wirst es tun, denn andernfalls werde ich….“
Greer lächelte belustigt und nun war er es, der Mills unterbrach.
„Was? Was wirst du tun, mein Freund?“
In Mills Gesicht arbeitete es.
„Ich werde die Dinge, von denen ich erfahren habe, an die Öffentlichkeit bringen, Bob. Alles, alles wird bekannt werden.“
Greers Lächeln vereiste ein klein wenig und er richtete sich nun etwas mehr auf.
Obwohl er körperlich mehr als angeschlagen wirkte, ging von ihm trotzdem eine beeindruckende Ausstrahlung, der auch Mills sich nicht vollständig entziehen konnte, aus.
„Was weißt du denn schon?“, fragte Greer und schaffte es recht gut, eine leichte, aufsteigende Unsicherheit zu kaschieren.
„Mehr als genug, Bob. Mehr als genug.“
Mills griff unter sein Jackett und förderte etwas zutage, dass Greer nun doch in Panik zu versetzen vermochte.
Es war eine silberne Kette, an deren unterem Ende sich ein kleiner, im Sonnenlicht vielfarbig funkelnder Kristall – nicht viel größer als ein Daumennagel – befand.
Greer starrte ihn lange an und Mills ließ seine letzten Worte wirken.
„Du verstehst?“, fragte er nach einer ganzen Weile und ließ den Kristall langsam an der Kette drehen, so dass die Licht- und Farbreflexe über den dunklen Stoff von Greers Jackett zu wandern begannen.
Natürlich verstand Greer.
Der Zusammenbruch war hart gewesen und hatte ihn viel Kraft und Energie gekostet, die er aber im zermürbenden Alltag eines Spitzenpolitikers, wie er es nun einmal war, dringend benötigte.
Clayton Mills hatte ihm damals geholfen und in zahlreichen Sitzungen – oftmals zu undankbaren Zeiten, in denen andere Menschen schlafen gingen – hatte der Psychologe ihm mit Hypnosebehandlungen gewissermaßen unter die Arme gegriffen.
Beruhigung und Desensibilisierung waren die Ziele gewesen und tatsächlich hatte Greer sich seelisch und geistig weitaus besser von seinem Leiden erholt, als körperlich.
Doch nun schrak in dem Senator eine furchtbare Erkenntnis empor.
Was, um Himmelswillen, hatte er unter dem Einfluss der Hypnose ausgeplaudert?
Was nur hatte Mills auf diesem Wege erfahren können?
Mills lächelte schmal und ließ Kristall und Kette langsam in seine offene Hand sinken, die er sogleich zu seiner Faust ballte.
„Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich bestimmte Maßnahmen ergriffen habe, die sicherstellen, dass, falls mir etwas geschehen sollte, bestimmte Informationen an die Presse und andere Behörden, die sozusagen mit deiner konkurrieren, weitergeleitet werden.“
Greer bekam kein Wort heraus.
Er spann den geistigen Faden sogar noch etwas weiter.
Mills behandelte seit drei Jahren noch andere Spitzenpolitiker aus Washington, ein Privileg, für welches er dem Psychologen, durch seine vielen Empfehlungen, erst eingeräumt hatte.
Was hatte Mills von all diesen Männern und Frauen erfahren?
Mills sagte nichts mehr weiter.
Er starrte Greer nur weiterhin durchdringend an.
Dann nickte dieser langsam.
Oh ja, Mills war bestimmt nicht dumm und hatte vorsorgliche Maßnahmen getroffen, die ihn absicherten und weitreichende Untersuchungen nach sich zögen, sollte man ihn umbringen und verschwinden lassen.
Greer ließ seine Schultern sinken.
„In Ordnung. Ich werde tun, was ich kann, um deine Ziele zu ermöglichen.“
Mit diesen Worten drehte der Senator sich um und machte sich dran, über den schmalen Weg, der von der Anhöhe fortführte, zu seinem Wagen zurückzukehren, doch noch einmal sprach Mills ihn an.
„Bob?“
Greer blieb stehen. Er drehte sich nicht um.
„Sei erfolgreich. Um deinetwegen, mein Freund.“
Dies waren für drei Jahre die letzten Worte, die Bob Greer mit Clayton Mills wechselte.

Gegenwart:
Die Veränderung war langsam eingetreten…..kaum merklich und doch unbarmherzig im Endergebnis.
Clayton Mills blickte von seiner erhöhten Position hinab auf die unter ihm gelegenen Gänge.
Durch das Gitterwerk des metallenen Bodens, auf dem er stand, konnte er die zahlreichen Türen erkennen, die zu den Kammern oder Zellen der Bewohner von ‚Spirits Hope’ führten.
Er selber hatte diesem Ort, nach Inbetriebnahme diesen Namen gegeben, denn tatsächlich hatte er all dies nur geschaffen, um den verdammten und verlorenen Geistern oder auch Seelen, die der Hilfe bedurften, Hoffnung zu geben.
Hier, wo vor Jahrhunderten – wenn auch in einem anderen Land – Folterknechte im Auftrage eines, mittlerweile namenlosen, Fürsten schauerliches Werk an Ungeständigen oder Feinden vollendet hatten, lebten nun Menschen, deren Innerstes durch Traumata, Drogen oder angeborene Krankheit zerrüttet und vernichtet worden waren.
Mills glaubte immer noch fest daran, mit ‚Spirits Hope’ einen Ort geschaffen zu haben, der zumindest die Grundlagen dafür liefern würde, damit ernstzunehmende Geisteskrankheiten eines Tages der Vergangenheit angehörten.
Doch der Weg war beschwerlich und kompliziert.
Mills schlenderte über das stumpf wirkende Metall, aus dem das Gitter bestand, hinweg und blickte, verträumt wie es schien, auf den unter ihm liegenden Unterkunftsbereich der Insassen…nein, falsch formuliert….der Bewohner dieser Einrichtung.
Wenn er hätte erfahren wollen, was sich in den einzelnen Kammern abspielte, hätte er einfach nur sein PDA zücken und sich ins interne Sicherheitssystem klicken müssen.
Gar keine Schwierigkeit.
Hier in ‚Spirits Hope’ gab es keinerlei verborgene Winkel oder uneinsehbare Bereiche.
Mehr als 1000 hochmoderne Überwachungskameras vermittelten dem zuständigen Personal und auch Mills, jederzeit den entscheidenden Durchblick und ermöglichten es ihm Langzeitbeobachtungen vorzunehmen, wie sie anderenorts nicht möglich waren.
Mills hatte im Moment aber kein Interesse daran zu sehen, was hinter dieser oder jener Tür vor sich ging.
Seit einiger Zeit störte etwas empfindlich seine berufliche Neugier und hemmte das Vorankommen seiner Arbeit außerordentlich.
Und zwar die Veränderungen!
Mills war kaum in der Lage sich selber zu erklären welcher Art diese Veränderungen waren, aber mehr als einmal hatte er sich schon dabei ertappt, sich ängstlich umzublicken, weil er meinte nicht mehr allein in einem Raum zu sein.
Gelegentlich schreckte er auf, weil ein Geräusch, welches es eigentlich nicht geben durfte, an sein Ohr drang.
Stimmen hörte er nicht, aber dafür veränderten sich oftmals Farben und sichtbare Eindrücke in den Gängen, durch die er nächtens wanderte, weil ihn die eigene Schlaflosigkeit mal wieder umtrieb.
Seit drei Tagen wagte er nicht einmal mehr durch die Gänge der unteren Ebene zu gehen, weil dort die verstörenden Eindrücke noch stärker waren.
Und dann…ja er musste es sich eingestehen….dann waren da die Fremden.
Mills schluckte hart, blieb für einen Augenblick regungslos stehen und wagte es kaum weiter darüber nachzudenken.
„So spät noch auf, Dr. Mills?“
Mills schrak hoch, wäre beinahe ansatzlos herumgewirbelt, doch er konnte sich gerade noch fangen, drehte mit normaler Geschwindigkeit seinen Kopf und sah Roger Benton neben sich stehen.
Benton war seit annähernd drei Jahren sein persönlicher Assistent und Sekretär – ein Mädchen für alles halt – dass Mills zahlreiche lästige Aufgaben abnahm und ihm das Leben im Allgemeinen erleichterte.
Wie Mills selber auch, schien er unermüdlich zu sein, praktisch rund um die Uhr im Dienst und gehörte somit schon fast zum Inventar von ‚Spirits Hope’.
„Oh Roger. Sie haben mich erschreckt.“
Benton war ein mittelgroßer, absolut durchschnittlich wirkender Typ mit runden Pausbacken und ein wenig zu viel Substanz über den Hüften.
Er sah immer aus wie eine Art von Presswurst, denn die Anzüge, die er mit Vorliebe trug – und sie alle ähnelten sich ausnahmslos – schienen immer ein wenig zu eng zu sein.
Auch jetzt blickte er Mills mit dem gleichen nichtssagenden Blick, wie immer an.
„Tut mir Leid, Sir. Ich wollte nur noch kurz ins Büro und kontrollieren, ob alle Monatsberichte abgefasst worden sind. Sie wissen ja, die in Washington können sehr ungeduldig sein.“
Mills nickte, obwohl ihm irgendwie nicht klar war, wer mit ‚die in Washington’ genau gemeint waren.
Eigentlich gab es mit irgendwelchen Behörden oder dergleichen keine Probleme, denn nach wie vor hatte Mills Bob Greer sehr gut in der Hand.
Daran hatte sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert.
„Dann werde ich mal. Gute Nacht, Sir.“
Mills kam nicht dazu, die letzten Worte zu erwidern, denn Benton schoss förmlich davon.
In Richtung des Trakts, in dem die Verwaltungsbüros lagen.
Der Psychologe schüttelte benommen den Kopf und setzte seinen Weg fort.
Unbewusst schlug er den Weg zu seinem eigenen Büro ein, welches er häufiger frequentierte, als die kleine Wohnung, die bei der Modernisierung des Schlosses, für ihn eingerichtet worden war.
Hier befand sich seine gesamte Fachbibliothek, seine handschriftlichen Aufzeichnungen der letzten zwei Jahrzehnte und nur hier fand er genügend Ruhe, um über neue Therapieansätze nachzudenken oder sich einfach mal zu entspannen.
Es war weit nach Mitternacht, als Mills die Tür zu seinem Allerheiligsten öffnete und eintrat.
Das Licht brannte gedämpft, so wie er es am liebsten hatte und ohne Umschweife steuerte der Psychologe ein Regal an der Wand an, auf dem einige wenige Flaschen mit Alkohol standen.
Er goss sich einen Bourbon ein, verzichtete auf Eis oder Wasser und trank das Glas in einem, gierig wirkenden Zug leer.
Mills verstand nicht, was mit ihm los war.
Er fühlte sich unruhig und doch gleichzeitig auch matt und abgeschlagen.
Wahrscheinlich war er schlicht und ergreifend überarbeitet, denn immerhin versah er, von einigen wenigen Reisen nach Washington abgesehen, seit annähernd 20 Jahren permanent seinen Dienst.
Mills hatte sich niemals Urlaub geleistet und selbst wenn ihn eine schwere Grippe plagte, arbeitete er unverdrossen am PC weiter oder überwachte die Arbeit seiner, ihm unterstellten Ärzte und Psychologen.
Im Laufe der Zeit hatte sich ‚Spirits Hope’ zu einem fein abgestimmten Radwerk entwickelt und die Ergebnisse, die aus seinen zahlreichen Versuchsreihen resultierten beflügelten Mills im Grunde genommen schon, weiterzumachen.
Doch da waren diese Veränderungen.
Und die beunruhigten ihn sehr.
Mills stellte das Glas weg und blickte sich einmal kurz in seinem Büro um.
Nein, im Moment beschlich ihn kein eigenartiges Gefühl.
Der Raum präsentierte sich so, wie er auch zu sein hatte.
Er wanderte zu seinem breiten Schreibtisch, ließ sich dahinter nieder und aktivierte den Computer, um noch einmal die Unterlagen des letzten Ankömmlings hier, genauer durch zu arbeiten.
Schnell hatte Mills die wichtigsten Daten aufgerufen und überflogen….
„…John Bears…39 Jahre alt….1,93 m groß….gelernter Maurer….23 Morde in schätzungsweise 7 Jahren…“
Bears hatte in der Nähe von Ohio sein Unwesen getrieben und junge Anhalterinnen mitgenommen und umgebracht.
Er war dabei mit besonderer Umsicht vorgegangen, hatte sehr geschickt Spuren verwischt und sogar falsche Fährten legen können.
Wieder einmal erstaunte es Mills, dass Menschen, die so offensichtlich vom Wahnsinn erfasst worden waren, auch gleichzeitig mit Bedacht und Vorsicht, ja sogar außerordentlicher Schläue vorzugehen waren.
Er lehnte sich zurück, während er die genaueren Details von Bears’ Verbrechen durchlas.
Ihn schauderte schon längst nicht mehr bei solch einer Lektüre, auch wenn in den Berichten von abgehackten Händen, Füßen und Köpfen zu lesen war.
Mills hatte einfach schon zu oft dererlei Berichte in sich aufnehmen müssen, als dass sie ihn noch hätten schocken können.
Und dann war da ja noch sein eigenes Schlüsselerlebnis, welches ihn damals, vor über 36 Jahren bewogen hatte Psychologe zu werden…..

Vergangenheit:
Der 16jährige Clayton Mills war ein ziemlicher Rüpel und Heißsporn gewesen.
In seinem kleinen Heimatort war er aufgrund dieser negativen Eigenschaften sehr bekannt gewesen.
Übermütig hatte er sich und auch andere – vorzugsweise die Mitglieder aus seiner Gang – in Schwierigkeiten und sogar gelegentlich in Gefahr gebracht.
Und wenn sein Vater – ein verweichlichter Dorfbürokrat – ihm die Leviten hatte lesen wollen, hatte Clayton nur darüber gelacht.
Selbst als seinem alten Herrn wirklich mal die Hand ausgerutscht war und Blut aus seinem Mundwinkel getropft war, hatte er nur gelacht, es sich abgewischt und trotzdem mit den Scherereien weitergemacht.
Ja, Claytons Bahn war in die absolute Schiefe abgerutscht und wahrscheinlich hätte er irgendwann einmal eine Karriere als Nichtsnutz oder sogar Dieb oder Erpresser angestrebt, doch es war anders gekommen.
Am 17. Mai 1970 hatte Clayton den Drugstore seines Heimatortes betreten, um sich Zigaretten und Schnaps zu organisieren.
Mit einem selbstsicheren und abfällig wirkenden Grinsen hatte er den Eingang passiert und wollte sich sogleich in Richtung Spirituosenregal orientieren, als er unvermittelt in die Mündungslöcher einer abgesägten und doppelläufigen Schrotflinte blickte, hinter denen ihn übergroße und von geplatzten Adern durchzogene Augen entgegenstarrten.
Speichel lief unablässig aus dem Mundwinkel des grotesk mager wirkenden Mannes, der die Waffe auf ihn gerichtet hielt.
Clayton hörte die brabbelnden und unverständlichen Worte aus diesem schiefen Mund, sah eine dickleibige Frau, ein junges blondes Mädchen und einen älteren Mann auf dem Bauch am Boden liegen und dann den enormen Blutsee, der hinter der Einkaufstheke hervorquoll.
„Du….sterben..…“, zischte das magere Männchen mit der Waffe und Clayton erschrak, als er sah, wie viele irrsinnig kleine Muskeln unter der hart gespannten Gesichtshaut zuckten.
Clayton war wie gelähmt.
Das Blut rauschte hinter seinen Ohren und gleichzeitig hämmerte etwas mit enormer Wucht von innen her gegen seine Brust und seine Schläfen.
Er wollte weglaufen, doch es ging nicht.
Er wollte sich niederwerfen, doch er konnte nicht.
Stattdessen nahm er etwas wahr, wie er es noch niemals zuvor wahrgenommen hatte.
Dabei sah oder hörte er dieses Etwas nicht einmal.
Er schmeckte und fühlte es nicht, aber es war da und es sprang ihn förmlich an.
Viel später – lange nach seinem Psychologiestudium – würde Clayton dieses Etwas als „Hauch der universellen Wahrheit“ bezeichnen.
Und es war etwas, dass in jedem Menschen steckte und die Wahrheit über ihn aussagte.
Clayton starrte weiterhin auf die Waffe, doch die Angst und das Entsetzen wichen aus seinen Pupillen und noch ehe der Magere seinen Finger um den Abzug krümmen konnte, sprach der Jugendliche zu ihm.
„Du brauchst mich nicht anstelle deines Vaters zu bestrafen. Er ist doch schon lange fort, oder?“
Der Finger des Mageren verharrte, eventuell Millimeter davon entfernt den Druckpunkt des Abzugs zu überwinden und Clayton die tödliche Schrotladung entgegenzuschleudern.
„Was?“, fragte er verwundert und hob jenen Bereich, wo normalerweise Augenbrauen wuchsen, die er sich allerdings abrasiert hatte.
„Dein Vater! Er ist doch fort! Vielleicht sogar tot. Warum also willst du andere für das, was er tat, bestrafen?“
Die Lippen des Mageren begannen zu beben und gleichzeitig zitterte Doppellaufmündung vor Clayton merklich.
„Aber…aber…“, hauchte der Amokläufer nur, doch Clayton setzte nach.
„Vater ist tot. Er kann dich nicht mehr verletzen. Nie wieder kann er…“
Clayton unterbrach sich für eine Sekunde und seine Augen tasteten die nackten Arme seines Gegenübers blitzschnell ab.
Da waren die dunklen Flecken überall verteilt, schlecht verheilt und wie alter Schmutz wirkend.
„…seine Zigaretten an dir ausdrücken. Nie wieder. Er ist tot und somit hat er seine Strafe schon längst erhalten. Warum also noch mehr strafen? Du hättest doch damals doch auch gewollt, dass es irgendwann einmal ein Ende hat, oder?“
Clayton fühlte, wie der letzte Rest Angst in ihm verflog und einer unerschütterlichen Sicherheit wich, die ihn warm und wohlig auszufüllen versuchte.
Doch er ließ dieses Gefühl nicht aufkommen, denn es hätte seinen Blick verklärt.
Seinen Blick auf die Wahrheit des armen Schweins, dass direkt vor ihm stand und andere für etwas büßen lassen wollte, dass ihm von seinem versoffenen oder bekifften Vater zugefügt worden war.
„Nie wieder. So etwas hast du dir doch auch gewünscht, nicht wahr? Du wolltest einfach nur dass es aufhört. Und jetzt hast du die Macht dazu. Lass es aufhören. Beende es jetzt und hier. Stopp dieses sinnlose Büßen. Stopp das Leid. Hör einfach auf damit.“
Clayton hörte die Worte, erkannte aber seine eigene Stimme kaum wieder, als er sie sprach.
Sein Blick war unverändert auf den Mann vor ihm gerichtet, der die Waffe langsam hatte sinken lassen, und in dessen Augen nun etwas anderes zu lesen war, als Hass oder maßloser Zorn.
Clayton sah den Schmerz, der direkt aus der Vergangenheit – vermutlich seiner Kindheit – kam und ihn immer noch anfüllte mit jener Verzweiflung, die er empfunden hatte, als er wieder einmal geschlagen worden war, als man ihn wieder einmal nackt in den Schrank sperrte, nachdem die Glut der Zigarette ihn gepeinigt hatte und kurz nachdem das Quietschen seines Bettes aufgehört und das Gewicht seines Vaters ihn nicht mehr auf die Matratze gepresst hatte.
„Lass es enden. Beende deinen Schmerz und die Erinnerungen an ihn.“, sagte Clayton und seine Stimme war weder beschwörend noch bittend.
Der Magere hatte nun Tränen in den Augen.
Und in ihnen las Clayton wiederum Wahrheit und Dankbarkeit.
Dann nickte er, drehte die Waffe langsam in seinen Händen herum und presste die Doppellaufmündung gegen seinen eigenen Unterkiefer.
„Du…hast Recht…“
Ein dumpfer Knall folgte!
Knochensplitter, vermischt mit Blut und Gehirn wirbelten durch den Einkaufsraum, sprenkelten einige Limonadeflaschen, die Kaugummis nahe der Kasse, die Kasse selber, den Tresen und den gefliesten Boden.
Dann sackte der Leib des Mageren – nunmehr fast nur ein Torso – haltlos zusammen.
Schreie ertönten.
Die dicke Frau stieß sie unablässig aus, während das junge Mädchen, in dem pürierte Überreste der Zunge des Amokläufers klebten sein Gesicht in die eigenen Hände vergraben hatte.
Und der alte Mann regte und rührte sich überhaupt nicht.
Er war – unbemerkt von allen Anwesenden – zwei Minuten zuvor einem Herzschlag erlegen.
Clayton stand einfach nur so da, starrte auf den fast kopflosen Leichnam des Mageren, sah die verbliebenen Fragmente des Schädels auf dem blutigen Ende der Halswirbelsäule und konnte sich einfach nicht umdrehen.
Die ‚universelle Wahrheit’ dieses Mannes hatte ihn berührt, hatte ihn Dinge erkennen lassen, die wahrscheinlich kein anderer Mensch auf Erden über den nun toten Amokläufer gewusst hatte und die ihn letztlich die richtigen Worte hatte finden lassen, um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Gegenwart:
Benton hielt sich etwas zurück, doch Mills spürte deutlich den Blick seines Assistenten im Nacken.
Was sich da vor ihnen, jenseits der gepanzerten und mittlerweile von Speichel, Schweiß und Tränen verschmierten Scheibe abspielte war auch nichts für zarte Gemüter, wobei Mills weder sich noch Benton in diese Kategorie eingeordnet hätte.
In der kleinen Kammer hinter der Scheibe sah man ein Gestell auf welches ein vierschrötiger, muskulöser Mann mit kurz geschorenen Haaren festgeschnallt worden war.
Wulstige Lederriemen und kurze Metallschellen hielten den Mann fest im Griff und machten - selbst Millimeter weise - Bewegungen schier unmöglich.
Jedes Mal, wenn durch die Kabel welche in Anschlüssen, die durch die Schädeldecke in den Schädel ragten Stromstösse flossen, erbebte der gesamte sadomasochistisch anmutende Konstrukt unter den Zuckungen des kraftvollen Gefangenen, den ein Kunststoffkeil daran hinderte sich die Zunge abzubeißen.
"John Bears...", murmelte Mills gedankenverloren und deaktivierte den Stromfluss mittels Knopfdruck auf einer schmalen Armatur, die direkt am Fenster angebracht worden war.
"John Bears...es würde mich interessieren, wie viel von der Pein, die ich dir bereite, du den schändlichen Taten zuschreibst, die du begangen hast."
Benton räusperte sich verlegen, was Mills aber ignorierte.
Tränen flossen aus den großen, dunklen Augen Bears und rannen über seine nackte, dicht behaarte Brust in Richtung Bauchnabel.
"Seine Widerstandskraft ist bemerkenswert, Benton.", sagte Mills plötzlich und machte ein paar kurze Eintragungen auf einen Papierbogen.
"Noch bemerkenswerter als bei Will Edmonds?", fragte der Assistent und trat einen Schritt vor, so dass er nun direkt hinter seinem Vorgesetzten zum Stehen kam.
Mills lachte bitter auf.
"Edmonds? Oh Gott, der klappte ja schon während der 48sten Stunde im Gestell zusammen. Bears hält das immerhin schon 72 Stunden aus, und er zeigt lediglich die physiologischen Reaktionen auf die Peinigung. Keine Spur von Reue oder Abdrift des gestörten Persönlichkeitsbildes. Ich wette mit Ihnen, wenn wir ihm den Beißschutz abnehmen würden, würden wir uns völlig normal mit ihm unterhalten können. Er würde nicht jammern oder dergleichen."
"Sollen wir ihn den aus dem Gestell holen?", fragte Benton.
Mills blickte auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf.
"Es mag gewagt sein, aber ich bin noch nicht mit ihm fertig. Ich will ihn noch weiter unter Belastung sehen. Ich schätze mal, er wird geeignet sein für 'eingehendere Untersuchungen'."
Benton sagte nichts, verzog keine Miene, aber Mills spürte deutlich, wie etwas in seinem Assistenten zusammenfuhr.
Die 'eingehenderen Untersuchungen' wurden nur an besonderen Subjekten vorgenommen, die hier in 'Spirits Hope' einsaßen.
Und John Bears schien ein solches Subjekt zu sein.
Ganz sicher war Mills sich noch nicht, aber er würde es herausfinden.
Erneut drückte er den roten Knopf und schloss den Kontakt, der John Bears mit mörderischer Pein versorgte.
Das Klappern des Gestells drang durch die gepanzerte Scheibe, der nun neuerlicher Schweiß und Speichel entgegenspritzte.

Vergangenheit - vor 16 Jahren:
Mills war enttäuscht.
Es kam nicht oft vor, dass Enttäuschung sich als vorrangiges Gefühl in ihm ausbreitete, doch heute und hier war es so.
Aus zornigen Augen blickte er sein Gegenüber an und am liebsten wäre er dem alten, klapprig wirkenden Mann an die Gurgel gegangen.
Professor Clarence Dearborn war die führende Kapazität in Sachen Psychologie, Psychiatrie und Psychoanalyse.
Es gab kaum ein modernes Fachbuch aus diesem Bereich, welches nicht Zitate aus den Werken Dearborns mit verarbeitete und es gab kaum einen Akademiker hohen Grades, der nicht schon einmal verzweifelt Kontakt mit dem, mittlerweile 81jährigen, Genie aufgenommen hätte.
Und nun war es so weit gewesen.
Bob Greer, mit dem Clayton Mills seit einem guten Jahr wieder Kontakt hatte, war es gelungen ein Treffen zu arrangieren.
Mills, der schon immer ein glühender Bewunderer Dearborns gewesen war, war fast vollkommen aus dem Häuschen gewesen.
Endlich, endlich konnte er sein großes Vorbild treffen, mit ihm diskutieren, ihm Fragen stellen und ihn mit dem Konzept von 'Spirits Hope' konfrontieren.
Er war schon sehr gespannt darauf, in welcher Weise Dearborn sich lobend und wohlwollend darüber äußern würde.
Natürlich musste es so aussehen, als gäbe es diese Einrichtung nicht längst schon, und Mills würde seine Fragen in hypothetischer Form stellen müssen.
Oh, und wie sehr hatte Dearborn ihn enttäuscht.
Selbst jetzt, da Dearborn auf einem großen, ledernen Sessel saß und vergnügt - wie es schien - an seinem Brandy nippte, stachelte es Mills beinahe zu einer unbedachten Reaktion an.
Aber stattdessen nickte er nur wortlos und verließ den Raum ohne sich bei Dearborn oder einem anderen Anwesenden zu verabschieden.
Auf einem Empfang wie diesem, auf dem sogar der Präsident erwartet wurde, ging man eigentlich nicht einfach so, doch Mills hielt sich nicht länger an diesem Ort auf, als es nötig war.
Seine Anwesenheit, sein Wissen und seine Vision waren hier nicht erwünscht.
Dearborn hatte dies, in süffisanten Ton vorgetragen, mehr als deutlich gemacht.
"Warte...Clay...warte doch.", rief ihm Bob Greer hinterher, der es nie und nimmer geschafft hätte den wütenden Psychologen einzuholen.
Seine Beine versagten immer mehr den Dienst und in den Jahren, die sie einander nicht gesehen hatten, war er in erschreckender Weise abgemagert und eingefallen.
Endlich blieb Mills stehen.
Wutschnaubend blickte er durch die hoheitsvolle Halle, die nur einen winzigen Teil des Weißen Hauses ausmachte.
"Du wirst doch jetzt nicht gehen. Der Präsident kommt gleich, und...."
"Ist mir egal, Bob. Völlig egal sogar. Der Präsident kann mir gestohlen bleiben. Ich bin einzig und allein wegen Dearborn gekommen."
Greer verzog seinen Mund, als hätte ihm jemand puren Zitronensaft eingeflößt.
"Und weil er anderer Meinung ist, wie du, bist du jetzt sauer, oder was?"
In seinem Smoking sah Greer aus wie ein magersüchtiger Neureicher, der schon beinahe durch einen Ärmel aus der Kleidung schlüpfen vermochte.
"Du verstehst das nicht, Bob. Ein Großteil meiner Arbeit basiert auf Dearborns Erkenntnissen. Dieser Mann ist ein Guru in Fachkreisen. Ein Messias."
Greer verstand sehr wohl.
"Und es gelang dir nicht diesen Messias ausreichend zu erreichen, oder?"
"Ach bleib mir bloß vom Leib. Du bist nicht in der Lage zu erkennen, was...."
Greer unterbrach Mills entschieden.
"Ich erkenne sehr viel mehr, als du glaubst. Ich sehe zum Beispiel, wie dich diese Arbeit aufzehrt. Du siehst an gewissen Tagen schlechter aus, als ich. Und das will schon was heißen."
"Es ist erforderlich gewisse Opfer zu bringen, wenn man ein großes Ziel hat.", erklärte Mills und erkannte im selben Moment, wie schwach dieser Antwort klang.
"Du solltest das eigentlich wissen.", fügte er noch hinzu.
"Tue ich auch. Und ich weiß mittlerweile auch deine Einrichtung zu schätzen, Clay, wirklich. Du lässt gelegentlich den einen oder anderen unliebsamen Typen verschwinden und ziehst dabei noch Erkenntnisse zu deinem Nutzen."
"Zu unserer aller Nutzen, Bob. Wenn es endlich gelingt den Wahnsinn in all seinen Formen zu erkennen, dann..."
"Ja, ja schon gut. Ich wollte auch nur sagen, lass dich von diesem alten Knacker nicht zu sehr unterkriegen, ja? Der macht es eh nicht mehr lange - wenn auch vielleicht länger als ich."
Greer lächelte in einem Anflug von Galgenhumor, doch Mills bemerkte dies nicht.
Wort- und grußlos zog er davon.
Als der Präsident zur Verantstaltung kam und sowohl Bob Greer, als auch Professor Dearborn begeistert in die Hände klatschten, befand Mills sich schon auf dem Weg zum Flughafen und somit auf den Weg zurück nach 'Spirits Hope'.
Dort würde er sich einigeln, seine Forschungen betreiben und neue Erkenntnisse sammeln.
Und auch wenn Dearborn wohl schon tot und begraben sein würde, wenn er eines Tages Erfolg haben sollte, würde ihm dieser Tag noch lange, lange nachhängen.
Und zwar als Niederlage!
Als schmähliche Niederlage sogar!

Gegenwart:
Leises Wimmern erfüllte den kalten Raum, in welchem John Bears stand, nackt und an die Wand gekettet.
Jedoch kein Funken von Mitgefühl erfüllte das Herz von Dr. Clayton Mills, der auf den geschundenen Mann blickte und versuchte, die Barriere, welche ihn umgab, jenen Mantel des Wahnsinns zu durchbrechen.
Die rechte Hand mit dem Elektroschockgerät zuckte vor und knisternd fuhren 25 000 Volt in den schweißnassen Körper Bears, der jetzt, nach den langen Tagen der Pein, nur noch abgeschwächt zuckte.
Mills fühlte beinahe so etwas wie Enttäuschung in sich aufsteigen, als er bemerkte, dass die Reaktionen auf den Strom nur noch in geringem Maße bei Bears auftraten.
Das Stöhnen, welches verkümmert und dumpf zwischen dem Knebelball aus Kunststoff drang, vermochte ihn auch nicht mehr anzustacheln, aber er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.
Die Erkenntnisse, die er aus diesem Mann herausholen würde, würden ihn immens voranbringen.
Bears besaß genau die richtige Mischung aus Wahnsinn und Stärke, die gebraucht wurden, um wirklich ins Innerste eines Individuums vorzudringen.
„Nun? Du fragst dich sicherlich, warum du so leiden musst, nicht wahr?“, raunte Mills und stellte sich direkt vor den zusammengesackten Serienkiller, dessen Augenlider sich beschwerlich hoben und senkten, gerade so als lösten sich Momente des Wachens und des Schlafes binnen weniger Sekundenbruchteile ab.
Mills fühlte nun doch wieder Erregung durch seine Glieder kriechen, denn ganz allmählich öffnete sich jener Zugang zu Bears Innerstem
Oh ja, die Dinge, die der Psychiater mit dem Killer angestellt hatte, all diese nach außen hin bizarren und unsinnig erscheinenden Dinge in denen Bears schreckliche Schmerzen zu durchleiden hatte, in völliger Isolation dahinvegetierte und seinen eigenen, zerrütteten Gedankengängen ausgesetzt war, ohne sich in die sanfte Umarmung von schweren Beruhigungsmitteln – wie sie so oft in Einrichtungen wie dieser verteilt wurden – oder dem Euphemismus einer Bluttat flüchten zu können, all das zeigte jetzt, knapp drei Wochen nach seiner Ankunft hier in ‚Spirits Hope’ endlich Wirkung.
Der Widerstand war brüchig geworden und Mills musste jetzt sein Geschick, sein Talent einsetzen, um mittels des ‚universellen Blicks’ die Wahrheit herauszupicken.
Und Mills spürte, dass der Weg, zu eben jener Wahrheit, allmählich begehbar für ihn wurde.
Nur noch ein bisschen, raunte es zufrieden in Mills, nur noch ein kleines, kleines bisschen mehr Geduld und dann würde er….
Plötzlich schrie Mills erschrocken auf, denn eine schattenhafte Bewegung, aus den Augenwinkeln wahrgenommen, trieb ihn aus diesem innerlichen Mantra.
Er wirbelte herum, riss seine Augen weit auf und erstarrte.
Vor ihm standen….Menschen?
Aber waren es tatsächlich Menschen?
Mills sah bleiche, ausdruckslose Gesichter, magere, fast nicht mehr vorhandene Leiber, die unzureichend in farblose, zerschlissene Fetzen gehüllt waren.
Und sie alle – es waren mindestens acht oder sogar zehn – musterten ihn aus Augen, die groß, weit und starr wirkten.
Mills wich einen Schritt beiseite, passte nicht auf und stieß die Spitze seines Elektroschockers abermals in das weiche Fleisch Bears, der wiederum nur wenig zuckte, so dass der Psychiater über seine Beine stolperte und der Länge nach zu Boden ging.
Und die Fremden?
Sie standen starr, unbeweglich und grauweiß an derselben Stelle und beobachteten das Geschehen aus ihren unheimlichen, weit aufgerissenen Augen, in denen der Schlag von Wimpern fehlte.
Sie schauten nur, doch diese apodiktischen Blicke ließen Mills erschaudern, ja sie erschütterten ihn sogar bis ins Mark.
Es kam ihm so vor, als ging von diesen dunklen Augen, wie sie so vor weißem Hintergrund erschienen, eine Kraft aus, die ihn förmlich am Boden festnagelte.
Er schrie, versuchte um sich zu schlagen, doch nichts davon brachte einen Erfolg, denn plötzlich waren die…..die Anderen fort.
Dieser Umstand erschreckte den Psychiater bald ebenso stark, wie das überraschende Auftauchen der furchtbaren Gestalten.
Keuchend kämpfte Mills sich auf die Beine.
Sein weißer Kittel war am Rücken genässt von Schweiß, Urin und Tränen des gefesselten Bears.
Übelkeit überkam ihn, er wankte und vernahm erst jetzt das leises Knistern und Brutzeln.
Sein Blick fiel auf Bears.
Bei Mills Sturz war der Elektroschocker in dessen Schoss gelandet und entlud sich seitdem ununterbrochen in dessen Lendengegend.
Der Gefesselte zuckte schon längst nicht mehr.
Mit raschem Griff holte Mills den Schocker zurück, doch eine merkliche Veränderung trat nicht ein.
Gebrochene, glanzlose Augen starrten ins Leere, schienen Mills zu durchdringen und ihren Fokus irgendwo im Nichts zu haben.
Mills atmete tief durch.
Ekelerregender Gestank ging von Bears aus, der zwar noch atmete, aber ansonsten keine Regung mehr von sich gab.
Er würde nie wieder jemandem gefährlich werden können.
Mills hatte ihn geistig zertrümmert, obwohl dies gar nicht geplant gewesen war.
„Shit.“, knurrte der Psychiater.
Einige Sekunden blickte Mills noch auf Bears, dann verließ er den Raum.
Wieder eine schmähliche Niederlage.
Wieder einmal!

Vergangenheit – vor 9 Jahren:
Mills betrachtete Anna Burley, die den Eindruck gewann, regelrecht durchbohrt zu werden.
„Anna“, sagte er und seine ruhige Stimme stand in einem krassen Gegensatz zum Ausdruck in seinen Augen.
„Ja?“, ihre Stimme war mehr ein Hauch und ging in den Lauten, die das kleine Cafe im Zentrum von Earlonville erfüllten, fast vollkommen unter.
„Anna, so geht es einfach nicht weiter. Du….du bist meine Untergebene und da kannst du nicht einfach….“
Mills brach ab, denn ihm, den unfehlbaren Rhetoriker fehlten mit einem Mal die Worte.
„Aber ich dachte du…du liebst mich.“, kam es stockend über Annas Lippen.
Mills stöhnte leise.
Nicht etwa so, wie in jenen Nächten, wo sie sich heimlich in seinem Privattrakt von ‚Spirits Hope’ trafen und….na ja, er ihr bewiesen hatte, dass er nicht nur an geistigen Dingen interessiert war.
Mills stöhnte in leiser Verzweiflung, gerade so, als sei es ihm schlichtweg unangenehm mit ihr hier zusammen zu sein.
Nicht weil man sehen könne und sie zum Tagesgespräch aller Angestellten von ‚Spirits Hope’würden.
Nein deshalb nicht.
Es war wirklich ganz einfach.
Er mochte nicht mehr in ihrer Nähe sein.
Er mochte sie einfach nicht mehr.
Anna unterdrückte ein heiseres Schluchzen und fühlte es heiß in ihren Augen aufsteigen.
„Wir müssen es beenden, Anna. Es geht einfach nicht mehr so weiter.“, zischte Mills zwischen zusammengepressten Zähnen und achtete gar nicht darauf, dass er seit geschlagenen zwei Minuten, ununterbrochen in seinem Kaffee herumrührte, obwohl der darin befindliche Zucker wohl schon vollkommen aufgelöst war.
„Aber ich habe doch immer gewissenhaft meine Arbeit gemacht.“
„Ja.“
„Und ich habe dir nie widersprochen, oder dich mir verweigert.“
„Ja auch.“
Unruhe und Ungeduld lag in Mills Stimme.
Das war etwas, was Anna mehr verschreckte, als wenn er sie angeschrieen hätte.
„Und ich habe auch die….“, sie unterbrach sich, als die Erinnerung an jene Male, in denen sie sich ihm hingegeben hatte, selbst als er mit „außerordentlichen“ Wünschen an sie herangetreten war, übermächtig wurde.
„…die ungewöhnlichsten deiner Wünsche erfüllt, oder?“
Mills stockte in seiner Rührbewegung und funkelte sie nun wirklich ärgerlich an, wodurch sie sich förmlich zusammenzog.
„Ich habe dich nie zu etwas gezwungen, das wollen wir mal klarstellen, ja?“
Anna dachte daran wie er mit dem Kästchen, in dem die Nadeln gelegen hatten, das Schlafzimmer betreten hatte und wie er diese genommen und sie ihr, Stück für Stück, in die Haut – an den verschiedensten Stellen ihres Körpers – gestochen hatte, während sie sich nur mühsam hatte zwingen können, nicht einfach los zu schreien.
Die Taue, mit denen er sie an den Bettrahmen gefesselt hatte, hatten ihr übriges getan und sie ebenfalls gemartert.
Drei Wochen lang hatte sie langärmelige Hemden und Kitteljacken tragen müssen, damit die Abschürfungen an den Handgelenken nicht auffielen.
„Das stimmt schon, aber du hast mir gesagt, du würdest mich lieben.“, erwiderte sie mit noch leiserer Stimme, während eine dickleibige Bedienung hinter dem Tresen auf- und abwatschelte und finstere Blicke umher warf.
„Körperchemie.“, meinte Mills nur leichthin und begann wieder in seiner Tasse zu rühren.
Das Geräusch, dass dabei entstand, erinnerte Anna an eine andere Nacht, in der Clayton von hinten in sie eingedrungen war und ihr gleichzeitig mit einem dünnen, aber widerstandfähigen Schal die Kehle….
„Körperchemie?“
Mills reagierte erst gar nicht auf dieses gefragte Wort, doch dann ließ er sich dazu hinab, etwas zu erwidern.
„Na ja, es ist wie in der Chemie. Innerhalb gewisser Toleranzen sind zwei Stoffe verträglich zueinander und interagieren gut miteinander. Aber wenn diese Werte überschritten werden dann…“
Er sprach zwar weiter, doch Anna hörte ihn schon gar nicht mehr.
Sie dachte nicht daran, wie sie sich für ihn erniedrigt hatte, wie er sie benutzt und befleckt hatte, nicht einmal daran, wie er ihren Kopf in die Kloschüssel gepresst hatte, um sich einfach nur abzureagieren, und sie beide anschließend zu einem Meeting mit den anderen Ärzten gegangen waren, nicht einmal daran dachte sie.
Sie dachte nur daran, dass er, Clayton Mills, für sie während der zurückliegenden Monate zu einem Leuchtfeuer, zu einem Anker, zu einer Stütze geworden war, die sie all die Pein ihrer eigenen Kindheit hatte vergessen lassen und die die zurückliegenden, gescheiterten Beziehungen in den Hintergrund drängten.
„…so ist es nun einmal. Es tut mir Leid, dass ich es dir nicht schonender sage, aber so bin ich halt nicht. Du kennst mich. Für mich darf es nur meine Arbeit geben. Und nichts anderes.“
Er blickte sie einen langen Moment lang an.
Dann holte er wortlos einige Geldscheine aus der Jackentasche und warf sie zerknüllt neben die Tassen und Teller auf dem Tisch.
„Ich werde dir natürlich ein exzellentes Zeugnis ausstellen. Man wird dich mit Kusshand überall im Land annehmen.“, fügte er hinzu, bevor er sich vom Stuhl erhob und das Cafe einfach verließ.
Zurück blieb Dr. Anna Burley, Psychologin und Psychoanalytikerin am ‚Spirits Hope’.
32 Jahre alt, schlank, zierlich gebaut mit dunklem, halblangen Haar und einer Stupsnase, die sie jünger wirken ließ, als sie wirklich war.
Anna Burley, eine aufstrebende Akademikerin, die über Talent und Können auf ihrem Gebiet verfügte und vor der viele Kollegen hoch achtend den Hut zückten.
Anna Burley, die ihren Weg nach oben bestimmt finden würde und eines Tages zur Elite Amerikas oder gar der ganzen Welt gehören könnte.
Anna Burley, deren bisheriges Leben bar jedweder Liebe gewesen war und deswegen einer im Sande verlaufenden Spur glich.
Anna Burley, die achtzehn Minuten, nachdem Clayton Mills das Cafe verlassen hatte, Selbstmord beging.
Man fand sie in der Toilette des Cafes, wo sie sich mit dem Riemen ihrer Handtasche erhängt hatte.
Dieses Geschehen führte Dr. Clayton Mills nicht als Niederlage auf.

Gegenwart:
„Ja der Zustand von Bears ist irreparabel. Sehr bedauerlich, ja. Ja, wirklich. Ja.“
Monoton und gleichmütig drangen die Worte aus Mills Mund, während er sich gelangweilt wirkend in seinem Sessel zurücklehnte.
„Sie wissen, was Sie zu tun haben, damit es zu keiner eingehenderen Untersuchung kommt. Wir tun das übrige und halten ihn weiter unter Verschluss. In Ordnung. Grüßen Sie Bob Greer von mir.“
Mills rammte den Hörer auf den Apparat und rieb sich über die Augen.
„Alles in Ordnung, Sir?“, fragte Benton, der schweigend dagestanden und dem Telefonat gelauscht hatte.
„Ja, ja, schon gut. Ich brauch nur etwas Ruhe. Gibt es sonst noch etwas?“
Benton schüttelte den Kopf.
„Dann lassen Sie mich bitte allein. Ich werde heute früher Feierabend machen.“
„Sehr wohl Sir. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“
Mills nickte Benton abwesend zu, während dieser leise das Büro und somit den Privattrakt seines Vorgesetzten verließ.
Mills empfand die Nachwirkungen dessen, was im Behandlungsraum von Bears geschehen war, immer noch.
Da waren dieses leichte Zittern seiner Hände und das kaum merkliche Stocken in seiner Stimme, wenn er sprach.
Mills ärgerte sich darüber, dass dieses Geschehen ihn dermaßen zusetzte.
Was war denn schon geschehen?
Er hatte ein bisschen halluziniert!
Wahrscheinlich war er überarbeitet und musste ernstlich über einen längeren Urlaub nachdenken.
Niemand, nicht einmal er, konnte ununterbrochen arbeiten und über Jahre hinweg auf Erholung verzichten.
Mills beschloss wirklich in den nächsten Tagen Vorbereitungen, für einen Urlaub, zu treffen.
Er erhob sich von seinem Stuhl, umrundete den Schreibtisch und blieb plötzlich stehen.
Sein Blick blieb auf etwas haften, das bislang durch die Tischplatte vor seinem Blick verborgen worden war.
Merkwürdig, dachte er, Benton hat gar nichts gesagt.
Es sah aus, wie ein Haufen von Stoffen, die übereinander gelegt worden waren.
Mills sah keine Farbe, sondern nur graues Grau, wie es schien.
Langsam trat er an das Bündel heran, welches größer war, als zunächst angenommen, und blickte es unschlüssig an.
Woher kam dieses Bündel?
War irgendjemand hier drinnen gewesen und hatte es einfach abgelegt?
Nein, dass war unmöglich, denn vorhin, als er selber den Raum betreten hatte, war das Bündel noch nicht da gewesen.
Mills atmete tief ein und roch ein süßliches Aroma.
Irgendwoher kannte er es.
Langsam ging er in die Hocke, schnupperte und überlegte.
Woher kannte er den Duft?
Seine rechte Hand schien ein Eigenleben zu entwickeln und streckte sich langsam nach dem gekräuselten und zerknautschten Stoffen aus.
Der Duft wurde intensiver, genau wie die erwachende Erinnerung an Nächte voller Leidenschaft, voller Extase und Hingabe…..
Die Hand umschloss den Rand des Stoffes und übte leichten Zug aus, um ihn zu bewegen.
Stöhnen…Bewegung…rhythmisches Klappern des Lattenrostes…von Leidenschaft entflammte Augen, die aus der Dunkelheit zu ihm emporblicken…“mehr…mehr…stärker…“, dringt es aus ihrem Mund, wenn er diesen nicht mit seinem eigenen verschließt…heiße Küsse…Berührungen…
Schwindel erfasste Mills und wurde übermächtig, als der Duft in widerwärtigen Gestank umschwenkte, welcher ihm beinahe die Besinnung zu rauben drohte.
Mills keuchte, seine Hand zog den Stoff zu sich heran und legte jene Augen frei, die damals aus der Dunkelheit zu ihm empor gefunkelt hatten.
Ein Gesicht inmitten des Stoffes!
Totenbleich, schwarzgeränderte Augen, rissige, stinkende Haut, aber doch war die Ähnlichkeit unverkennbar.
Eine schwarz angelaufene Zunge hing schräg aus dem leicht geöffneten Mund, in dem Mills dunkel verrottete Zahnreste erkannte und gleichzeitig wurde der Gestank stärker und stärker.
„Ich dachte wirklich du liebst mich.“
„Anna!“
Der Name drang als gellender Schrei über Mills Lippen.
Er sprang aus seiner hockenden Stellung empor und wich von dem Stoffhaufen, der urplötzlich menschliche Formen aufwies, zurück, nur um gegen etwas zu prallen.
Er wirbelte herum und sah wiederum ihr Gesicht.
„Oh nein, Anna.“
„Liebe, Clayton! Mehr wollte ich nicht. Liebe, die mir bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich dich traf, versagt geblieben war. Mehr nicht. Aber auch du warst nicht dazu in der Lage, sie mir zu geben.“
Mills sah sie vor sich, umhüllt von jenem grauen Stoff, der zerfetzt herabhing.
Der stierende Blick dieser unwirklichen und doch so vertrauten Augen, die Male des Riemens am Hals, dort wo der zweite Wirbel gebrochen war und nun als Verformung herausragte.
„Liebe! Warum konntest du sie mir nicht geben? Warum? WARUM?“
Anna streckte die Hand aus und sie berührte den vor Angst schlotternden Mills, der zu keiner Regung mehr fähig war.
Deutlich spürte er die Todeskälte ihres Leibes den Stoff seiner Jacke, seines Hemdes und seiner Haut durchdringen.
Wie ein spitzer Schlangenzahn biss diese Kälte sich in Mills fest, breitete sich aus und wollte ihn noch mehr lähmen.
Das Atmen wurde zur immensen Anstrengung und es erforderte all seine Konzentration den Brustkorb zu heben und zu senken.
Alles begann sich zu drehen, doch Anna und ihr schreckliches Gesicht, blieben konstant in seinem Blickwinkel, während er zu Boden ging.
„Ich vergebe dir. Auch wenn du es nicht verdient hast. Aber ich vergebe dir und schenke dir nun Liebe. Liebe die du mir verweigert hast.“
Diese Worte drangen in jenen dunklen Schacht, in den Mills hinein stürzte, der ihn umgab und fest umschloss, so dass kein Licht hineinzufallen in der Lage war.
Und diese Worte krallten sich in sein Herz und seine Seele, wie ein dunkles Versprechen aus den Tiefen der Hölle.

Vergangenheit – vor 6 Jahren:
Clayton Mills spürte nicht, wie ununterbrochen Regen auf ihn niederprasselte.
Sein Blick war unverwandt auf das frische Grab gerichtet, welches sich ihm – versehen mit Kränzen und Blumen – in einer Farbenfreude präsentierte, die es fürwahr nicht verdiente.
Mills hatte seine Hände in die Manteltaschen gesteckt, damit niemand sah, dass er sie zu Fäusten geballt hielt, damit niemand mit bekam, wie sehr er auf all das hier reagierte.
Aber es war eigentlich nicht zu befürchten, dass ihn hier jemand sah.
Bei diesem Wetter trieb sich nicht einmal der Friedhofsgärtner hier herum, sondern hielt sich in seinem kleinen Büro, an der Ostseite des Totenackers auf, wo er sich mit Keksen von seiner Frau voll stopfte und Kaffee trank (dem ein ordentlicher Schuss Whisky beigemengt worden war).
Mills zog es vor, von niemandem aus der Gemeinde gesehen zu werden.
Er hatte die Fesseln dieser elenden Kleingemeinde abgestreift, war zu jemandem geworden und niemals einen Blick zurück geworfen.
Trotzdem hatte er kommen müssen.
Mills konnte es sich nicht erklären, aber da war ein innerer Drang gewesen, der ihn hierher zurückgeführt hatte, hierher, an das Grab seines Vaters.
Oh, wie sehr er sich selber dafür hasste, dem Drängen in seinen Eingeweiden nachgegeben zu haben und hierher gekommen zu sein.
Oh, wie sehr er dieses Kaff hasste!
Nicht etwa wegen seiner Unbedeutenheit, nicht wegen seiner Winzigkeit, die es schier unmöglich machte, es auf irgendeiner Karte des Landes auf Anhieb zu finden.
Nein, er hasste diesen Ort, weil er der Hüter und Bewahrer der Vergangenheit von Dr. Clayton Mills war.
Hier war immer noch zu erkennen, welch kleingeistiges Geschöpf er einmal gewesen war.
Und hier waren die Erinnerungen an jenen nichtsnutzigen Clayton Mills von damals, immer noch lebendig.
Sein Vater war tot!
Gestorben an einer Lungenembolie, nachdem er mehrere Monate als Invalide in einem Rollstuhl gesessen hatte.
Der Dorfbürokrat, der Mann, an dem alle ihre Schuhsohlen hatten abwischen können, war vor einem Dreivierteljahr von einem Schlaganfall niedergeworfen worden und hatte sich nie wieder richtig erholen können.
Letztlich war Mills’ Vater eine große Ehre zuteil geworden, wie der Psychologe fand.
Ihm war ein jahrelang andauerndes Siechtum verwehrt worden und er hatte die Glückseligkeit der Erlösung durch einen schmerzhaften, aber schnellen Tod empfangen dürfen.
Mills atmete tief durch, drehte sich um und wollte den Friedhof verlassen.
Kein Wort war über seine Lippen gedrungen, als er einfach nur dagestanden und die Grabstätte seines Vaters hatte anstarren können.
Und auch in seinem Inneren vollzog sich nichts, keine Gefühlsregung, keine Emotion.
Mills war einfach leer!
Doch er hatte dem Drängen nachgegeben und hoffte nun, befreit davon, zu seiner Arbeit, seiner überaus wichtigen, bedeutsamen Arbeit, zurückkehren zu können.
Grau war der Vorhang, den der herabstürzende Regen auf die Umgebung gelegt zu haben schien und Umrisse der Umgebung waren nur undeutlich zu erkennen.
Trotzdem stach etwas Dunkles etwas klarer aus diesem allgegenwärtig erscheinenden Grauton heraus.
Eine Gestalt, die nun, da er sich umgedreht hatte, vor ihm stand.
Mills blieb wie angewurzelt stehen und spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte.
Er verdammte sich für diese Reaktion, die sich einfach seiner Kontrolle entzog und fuhr sich sogleich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen.
„Clayton?“
Er kannte die Stimme, liebte sie, hasste sie gleichermaßen und wünschte sich, sie nie, nie wieder hören zu müssen.
Doch gleich darauf erklang sie erneut.
„Clayton, bist du das?“
Mills zog seine Schultern hoch, erkannte, dass er so aus dieser Angelegenheit nicht herauskam und nickte langsam.
„Ja Mutter. Ich bin es!“
Erma Mills trat vor.
Sie erschien wie eine pechschwarz gekleidete Geistererscheinung, der sogar etwas Tragikomisches anhing, denn sie hielt einen uralten, viel zu großen Regenschirm in den schmalen Händen.
Mills erschrak ein wenig, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen.
Er hatte seine Mutter schon lange, sehr lange nicht mehr gesehen.
Sie war abgemagert, wirkte wie eine etwas zu groß geratene Kinderpuppe und blickte ihn aus trüben, umränderten Augen an.
Erma Mills war mittlerweile 78 Jahre alt und das Leben hatte deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.
Sie war keine von diesen Damen, die im hohen Alter noch einen gewissen Witz und eine gewisse Lebensfreude versprühten.
Nein, Erma Mills Körper und Seele waren unter den Lasten der zurückliegenden Jahrzehnte, in denen sie mit einem tyrannischen Ehemann und einem abwesenden Sohn konfrontiert gewesen war, eingeknickt und teilweise zusammengebrochen.
Jetzt trat sie an ihren Sohn heran und Mills erkannte – erfüllt von großem Unbehagen, dass in ihren Augen etwas zu leuchten begonnen hatte.
„Du bist also doch noch gekommen“, meinte sie und ein schmales Lächeln zeigte sich auf ihren blassen Lippen, während sie die rechte Hand vom Schirm löste und Mills berühren wollte.
Der Psychologe jedoch wich zurück, wirkte dabei fast ein wenig verschreckt.
„Ja….ja…ich wollte….“, Mills räusperte sich demonstrativ, „….ich konnte schließlich nicht einfach fortbleiben, nicht wahr? Was hätten die Leute gesagt?“
Ermas Leuchen erlosch schlagartig!
Ihre Hand sank herunter und beim Klang seiner kalten Worte erkannte sie, dass sich nichts, aber auch wirklich nichts geändert hatte.
Die Last des tyrannischen Mannes war ihr genommen worden, doch dafür würde die Last des abwesenden Sohnes um so schwerer wiegen.
Mills wechselte nur noch wenige Worte mit seiner Mutter.
Er versuchte sie – vergeblich – davon zu überzeugen in ein nahe gelegenes Seniorendomizil umzuziehen, weil sie ja ansonsten so schrecklich allein sein würde.
Erma erwiderte kaum etwas, sprach nur wenig mit ihrem Sohn, der keine Stunde, nachdem sie ihn eher zufällig auf dem Friedhof getroffen hatte, wieder aufbrach.
Mills kehrte zurück nach ‚Spirits Hope’ und er sollte seine Mutter nie wieder lebend treffen.
Sie starb fast auf den Tag genau, zwei Jahre später.
In Wirklichkeit aber war sie in dem Moment gestorben, da Mills zu erkennen gab, dass ihn nichts mehr mit ihr oder seiner Familie verband.
Lediglich der Körper folgte langsamer nach……..

Gegenwart:
Mills stürmte vorwärts, schrie lauthals, wankte und krachte hart gegen einen Widerstand.
Mit Ekel erregendem Blut- und Gallegeschmack auf der Zunge sank der Psychologe zu Boden, keuchte und spuckte noch etwas Mageninhalt hinterher, als er vollkommen zusammenbrach.
Die Erscheinung von Anna hatte ihn gepackt gehalten, hatte ihn nie wieder loslassen wollen und dann war er doch mit einem Ruck freigekommen.
Erschöpft, gerade so, als habe er einen 20-Meilen-Lauf hinter sich, blieb Mills keuchend liegen und presste sein Gesicht gegen den weichen Teppichboden.
„Nein, nein, nein…..“, wimmerte er dabei immer wieder und Tränen flossen aus seinen Augen, nur um sofort im Teppich zu versickern.
Irgendwann hob er den Kopf, starrte hinüber in sein Arbeitszimmer und befürchtete erneut das graue Bündel, in welches Anna eingehüllt gewesen war, erkennen zu können.
Aber……da war nichts.
Mills kämpfte sich schwerfällig auf die Beine.
Blut rann ihm seitlich an der Schläfe herunter und etwas von seinem Erbrochenen hing noch im Mundwinkel.
Wohin war Anna verschwunden?
„Nein, verdammt!“
Zorn brandete in Mills empor.
Wie kam er nur darauf, dass Anna irgendwohin verschwunden war?`
Wenn sie tatsächlich irgendwohin hätte verschwinden können, hätte sie zuerst einmal hier sein müssen, doch sie war ja schon seit Jahren tot, also konnte sie nicht hier gewesen sein.
„Verdammt“, fluchte Mills noch einmal.
„Beruhige dich!“
Eine sanfte Stimme erklang und lenkte Mills Blick dorthin, wo sein Bett stand.
Neben diesem stand eine dunkel gekleidete, nur allzu bekannte Gestalt, die ihn aus friedfertigen Augen anblickte.
„Mutter?“
Die Gestalt nickte und hob als liebevolle Geste ihre beiden Arme empor, gerade so, als wolle sie ihn auffordern zu ihr zu kommen, um umarmt zu werden.
„Aber wie….?“
„Ist das jetzt nicht vollkommen unwichtig, Clayton? Komm zu mir. Komm zu deiner Mutter.“
Etwas Unbeschreibliches regte sich in Mills.
Da war dieses Gefühl, welches vielleicht alle Menschen miteinander verband, weil sie es irgendwann einmal in sich gespürt hatten.
Es war der Wunsch nach der Liebe der Mutter!
Vielen wurde dieser Wunsch erfüllt, einigen leider nicht, aber jeder Mensch, egal wo auf der Welt, hatte sich irgendwann einmal danach gesehnt von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden und Worte zu hören, die klarmachten, wie groß ihre Liebe war.
Neue Tränen rannen aus Mills Augen und er war bereit nachzugeben.
Endlich wollte er seine beherrschte und kontrollierte Welt verlassen, nachgeben und sich einfach nur in die Arme dieser Frau sinken lassen.
Er trat vor, nickte und schluchzte leise, als eine weitere Gestalt neben dem Bett erschien.
Sie war groß, massig und wirkte immens brutal im Verhältnis zu der kleinen, schmächtigen Erscheinung von Erma Mills.
„Keine Gnade für ihn. Kein Verzeihen! Du wirst mitkommen“, knirschte das bullige Etwas, packte Erma Mills und zerrte sie einfach mit sich.
Mills schrie auf, warf sich voran und wollte den Eindringling, der ihm seine Mutter raubte, packen und ihn an seiner Tat hindern, doch just in diesem Moment erkannte er ihn.
Mills sah die brutalen Augen unter den dichten Brauen und die zuckenden Mundwinkel des Hünen, die ein widerwärtiges Lächeln darstellen sollten.
Dann waren beide verschwunden, begleitet vom verwehenden Klang des Schreis aus Ermas Mund.
Mills blieb allein zurück!
Wie gebannt starrte er dorthin, wo eben noch die Erscheinungen gestanden hatten.
Er wirbelte herum, eilte sofort in seinen Arbeitsraum zurück und presste seinen Zeigefinger mit viel zu viel Kraft auf den Rufknopf des Sicherheitsdienstes.
Es musste etwas unternommen werden. Er musste etwas unternehmen.
Die Tür öffnete sich und zwei Uniformierte vom Wachdienst stürmten hinein.
„Dr. Mills?“, fragte der eine und musterte augenscheinlich die Platzwunde an der Schläfe des Psychologen.
„Wir müssen eine Suchaktion innerhalb des Hauses starten. Wir müssen jemanden finden. Eine Frau….“, begann Mills aufgebracht.
„Eine Frau?“
Mills nickte.
Er war nicht so leichtsinnig den Männern zu erzählen, dass es sich dabei um seine tote Mutter handelte.
Stattdessen lenkte er um und nannte den Namen des Entführers.
„Bears hat sie. Er ist irgendwie hier hereingekommen und hat sie einfach fortgezerrt.“
„Bears?“
„Ja zum Donnerwetter. Bears. Muss denn jedes Mal, wenn ich etwas sage eine Frage folgen?“
Mills atmete schnell und oberflächlich und das Blut rauschte laut durch seinen Kopf.
„Aber….“, begann der eine Wachmann.
„Kein Aber, verflucht. Trommeln Sie Ihre Leute zusammen und dann suchen Sie diesen elenden Bastard, klar?“
Die beiden Männer standen da wie blöd und blickten sich nun gegenseitig fragend an.
„Was ist denn?“, herrschte sie Mills an.
„Es ist nur so….Sie können es noch nicht wissen, denn es ist erst vor knapp einer Stunde geschehen…..“
Der Wachmann brach ab, sein Kollege sprach weiter.
„Bears ist tot.“

Vergangenheit – vor 2 ½ Jahren:
Mills hasste es eigentlich mitten in der Nacht Auto zu fahren, doch heute hatte es sich einfach nicht vermeiden lassen.
Dabei war es nicht einmal sein eigener Wagen, den er über den von Schlaglöchern übersäten Waldpfad lenkte.
Das Tauwetter, welches vor einigen Tagen eingesetzt hatte, machte es dem altersschwachen Buick nahezu unmöglich voranzukommen und mehrfach erwuchs in Mills die Angst, er könne irgendwo stecken bleiben.
Für den Psychiater gestaltete sich dieser „Ausflug“ als wahre Tortur, denn er wurde hinter dem Lenkrad arg hin und her geschleudert, während es immer tiefer und tiefer in den Wald hinein ging.
„Hier muss er doch irgendwo sein“, presste Mills zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor und hielt verzweifelt Ausschau nach dem stillgelegten Steinbruch.
Vor einigen Monaten hatte er eine kleine Wanderung durch die Wälder unternommen und wusste daher, dass wenn er sich aus dieser Richtung dem Steinbruch näherte, in jedem Augenblick das Gelände schlagartig abfallen konnte.
Zu der Angst stecken zu bleiben, gesellte sich nun die Furcht, er könne sich mit dem Wagen zu weit vorwagen und dann in die Tiefe stürzen.
Plötzlich nagelte sein rechter Fuß das Bremspedal regelrecht fest.
Der Wagen kam mit einem letzten harten Schlag zum Stehen und Mills dankte dem Himmel dafür, dass er den Gurt angelegt hatte, denn ansonsten wäre sein Nasenbein schmerzhaft mit dem Lenkrad kollidiert.
Mills holte tief Luft, spürte wie eine seltsame, aber nicht unangenehme Erregung durch seine Glieder kroch und fühlte kalten Schweiß, der ihm mit einem Mal auf die Stirn trat.
Zweifelte er etwa an dem, was er tun musste?
Mills war zu sehr der Psychologie verhaftet, als dass er es unterlassen hätte tief in sich hineinzuhorchen, doch gleichzeitig fürchtete er sich vor der Antwort, auf diese Frage.
War das, was er im Begriff war zu tun, tatsächlich notwendig?
Die Frage beantwortete sich eigentlich schon im selben Atemzug selber, denn er war bereits zu weit, viel zu weit, als dass er noch hätte aussteigen können.
Entschlossen schüttelte Mills den Kopf.
Nein, ich kann nicht mehr zurück!
Außerdem war es richtig, was er vorhatte, ihm blieb keine andere Wahl, denn ansonsten wäre alles, wofür er in den letzten zwanzig Jahren gekämpft und geschuftet hatte, verloren gewesen.
Obwohl er sich geschworen hatte nie wieder auf das Wissen zurückzugreifen, welches ihm durch Professor Dearborn vermittelt worden war, kamen ihm doch Worte seines ehemaligen Lehrherrn in den Sinn.
Es gibt immer Alternativen Clay. Wir können uns immer für oder gegen eine bestimmte Handlungsweise entscheiden, dass ist unser größtes und wichtigstes Vorrecht.
Es ist Quell von unzähligen segensreichen Entdeckungen, Erfindungen und Entscheidungen und ebenso der Ursprung von Verderben, Leid und Tod.
Denken Sie immer daran, mein junger Freund. Ein jeder hält die Macht über seinen eigenen Mirkokosmos in der Schale der Entscheidung.
Unbewusst nickte Mills.
Trotz der Enttäuschungen, die er durch Dearborn erlitten hatte, musste er dem – mittlerweile seit sechs Jahren toten – Professor zugestehen, sehr viel Wahres und Wahrhaftiges ausgesprochen zu haben.
Er konnte sich entscheiden.
Und in diesem Fall musste er sich entscheiden.
Nein!
Er hatte sich bereits entschieden.
Es arbeitete kurz in Mills Gesichtsmuskulatur, dann stieg er aus und stapfte in den übergroßen Gummistiefeln, die er sich bewusst für dieses Vorhaben besorgt hatte, zum Kofferraum des Buicks, den er aufschloss und dessen Deckel er hochklappte, nachdem er eine stupsnasige 38er Special aus der Manteltasche geholt hatte.
„Rauskommen“, schnarrte er mit kalter Stimme und das undeutlich erscheinende Bündel, welches vor ihm im Kofferraum lag, erzitterte beim Klang dieser Worte.
Ein Keuchen erklang!
Es hörte sich an, wie eine Mischung aus Dampflok und Asthmaanfall, und es zeigte Mills, dass der Verursacher dieses Geräusches, Todesangst empfinden musste.
Kein Wunder!
Er hieß Henry Donovan und war ein billiger Reporter einer unbedeutenden Regionalzeitung, die in Earlonville und Umgebung erschien.
Und er hatte den Fehler gemacht, intensive Recherchen in Richtung „Spirit’s Hope“ durchzuführen, wobei er über einige – für ihn interessante – Aspekte gestolpert war.
Zum Beispiel über einige Konten, die von Regierungsseite her eingerichtet worden waren und die es ermöglichten immense Geldsummen auszubringen.
Auch hatte Donovan es eigenartig gefunden, dass einige bestialische Serienkiller in „Spirits Hope“ aufgetaucht waren, obwohl es offiziell hieß, sie seien hingerichtet worden.
Es gab dafür sogar Fotos.
Hätte Donovan seine Recherchen betrieben, um sie in einen fundierten Artikel seiner Zeitung unterzubringen und dann zu veröffentlichen, hätte Mills vielleicht erst davon etwas mitbekommen, wenn er diesen dann beim Frühstück hätte lesen wollen.
Doch Donovan hatte einen anderen Kurs eingeschlagen und war telefonisch an Mills herangetreten, um ihn zu erpressen.
Der Leiter der Einrichtung war erschüttert gewesen, denn er hatte gemeint, dass das Netz aus verdeckten Zahlungen und widerrechtlichen Anordnungen, welches er und Bob Greer über die Jahre mehr und mehr ausgebaut hatten, undurchschaubar war.
Doch dahingehend hatte er sich geirrt, sich tatsächlich ein, zweimal mit Donovan getroffen und dessen Material auf Echtheit überprüft.
Und er war zu dem Ergebnis gekommen, dass Donovan eine echte Gefahr für ihn und seine Forschungen darstellte.
Daraus hatte sich dann für ihn die Erkenntnis ergeben, dass er tun musste, was zu tun war.
Er hatte sich über Donovan schlau gemacht und vieles über den übergewichtigen, geschiedenen Mann herausgefunden.
Mills hatte seine seltsame Gabe der „Erkenntnis“ eingesetzt und ein Profil für Donovan erstellt, welches ihm ermöglichte sich selber ein wasserdichtes Alibi zu verschaffen.
Niemand würde glauben Donovan wäre umgebracht worden.
Niemand!
„Ich…ich…will nicht…Mills…bitte…ich…“
„Raus da!“, zischte Mills ärgerlich und rammte die Mündung in den wabbeligen Bauch des Reporters, den eine Dosis Halothan außer Gefecht gesetzt hatte.
Donovan keuchte wieder auf seine Weise und quiekte dabei beinahe wie Schweinchen Dick.
Endlich kam Bewegung in den fetten Reporter und mühsam wälzte er sich aus dem Kofferraum, in den ihn Mills unter unsäglichen Mühen verfrachtet hatte.
„Ich…ich werde…ich…bitte…“
Stammelnd stolperte Donovan zur Fahrertür.
„Einsteigen“, befahl Mills emotionslos und sah dabei zu, wie Donovan sich hinter das Steuer plumpsen ließ.
„Man wird annehmen Sie seien mit Ihrem erfolglosen Leben nicht mehr fertig geworden.“
Donovan fuhr zusammen.
„Oh Gott, Sie wollen mich tatsächlich…?“
Er wollte hochspringen, doch die Mündung der 38er hielt ihn zurück.
„Man wird einen Brief in Ihrem Computer finden, den ich eingetippt habe, nachdem ich Sie betäubte, Donovan. Es war ein Fehler von Ihnen sich mit mir in Ihrer Wohnung treffen zu wollen.“
„Man hat Sie gesehen!“
Mit diesen Worten fuhr Donovan ins Mills’ Ausführungen, doch dieser lächelte nur schwach.
„Sie wohnen in einer abgelegenen und miesen Gegend in Earlonville, außerdem trug ich diesen Mantel, den ich mir, genau wie die Stiefel extra für heute besorgt habe. Offiziell sitze ich in meinem Büro und darf nicht gestört werden. Meine Leute werden bezeugen, dass ich unmöglich nach draußen gelangen konnte, ohne gesehen zu werden. Niemand ahnt etwas von einem Geheimgang, den der ursprüngliche Besitzer des Schlosses einbauen ließ, und den ich zu meinem Vorteil zu nutzen gelernt habe.“
Donovan machte den Eindruck, als würde er jeden Augenblick anfangen zu weinen.
Doch damit konnte er Mills nicht beeindrucken.
„Ich habe alle relevanten Daten in Ihrem kleinen beschissenen Computer gelöscht und so wird niemals jemand etwas von dem erfahren, was Sie herausgefunden haben. Machen Sie sich keine Hoffnungen.“
Tränen rannen über die dicken, roten Wangen Donovans.
„Sie haben keine Freunde, und daher wird es keinen interessieren, warum Sie Selbstmord begingen.“
Mit einer raschen Bewegung sprang Mills nun vor, zauberte eine zweite Halothan-Spritze aus seiner Manteltasche hervor und rammte die Kanüle in den Hals des Reporters, bevor dieser auch nur einen Schrei ausstoßen konnte.
Das Halothan würde nicht mehr nachgewiesen werden können, denn Donovans Leichnam würde total verbrannt sein, wenn man ihn fand.
Es dauerte nur wenige Sekunden, da hockte Donovan gelähmt, aber immer noch bei Bewusstsein, hinter dem Steuer seines eigenen Wagens.
Der Rest war schnell erledigt!
Eine brennende Zigarette in eine Streichholzbriefchen in den Kofferraum, der, wie der Rest des Wagens mit Benzin übergossen worden war und dann die Waffe in die Hand des Reporters gepresst.
Mills drehte den schlaffen Arm Donovans herum, drückte die Mündung gegen dessen Schläfe und feuerte.
Danach entfernte er sich in den viel zu großen Stiefeln, vom Ort des Geschehens und vernahm wenige Minuten später das weitreichende Flackern der Flammen, welches gespenstisch zwischen den abgestorben erscheinenden Baumstämmen aufglomm.
Er erreichte den Mietwagen, stieg ein, nachdem die verschmutzten Kleidungsstücke – alles für heute besorgt – in einem Plastikbeutel verschwunden waren und fuhr dann zurück zum Ausgang des Geheimganges vom Schloss.
Wagen abstellen (ihn zurückbringen und dabei unauffällig die Kleidung beseitigen würde er in den nächsten Tagen) und zurückkehren in sein Büro, wo ihn während der Nachtstunden niemand vermisst hatte.
Alles war gut gegangen!
Er hatte wieder einmal eine perfekte Arbeit abgeliefert.

Gegenwart:
Mit zitternden Händen hatte Mills Bentons Nummer gewählt, doch er hatte seinen Assistenten nicht erreichen können.
Bears war tot?
Aber wie hatte er hier erscheinen können?
Andererseits, seine Mutter war auch tot, ebenso wie Anna, und die beiden waren auch hier gewesen.
„Was geschieht hier nur?“, fragte er mit brüchiger Stimme.
„Warum fragen Sie denn das? Sie wissen es doch schon längst, oder?“
Mills Kopf ruckte herum und da stand er…Donovan!
„Nein, nein, nein…“, hauchte Mills und spürte, wie ihm alles Blut aus den Gliedern wich.
Donovan sah so aus, wie damals, bei ihrem letzten Treffen.
Damals, als ich ihn ermordete…, dachte der Psychiater erschrocken.
Dieselbe Kleidung, dieselbe Frisur und Körperhaltung, ebenso übergewichtig wie zu Lebzeiten.
Mills Blick wanderte zu dem Daumennagel großen Einschussloch an der linken Schläfe.
Es wirkte im Kontrast zur bleichen Haut beinahe schwarz und auf unnatürliche Weise ausgefranst.
„Ich…ich…“, begann Mills und zauberte damit einen belustigten Ausdruck auf die Züge des Toten.
„So habe ich mich damals auch angehört, nicht wahr? Ich erinnere mich nur undeutlich an diese Minuten. Todesangst kann die Erinnerung erheblich stören, richtig?“
Unbewusst nickte Mills.
„Ich hatte keine andere Wahl…“
„Es gibt immer Alternativen!“, drang es nun aus einer anderen Richtung an Mills’ Ohren.
Dearborn! Professor Clarence Dearborn stand in der gegenüberliegenden Ecke und musterte seinen ehemaligen Studenten mit scharfem Blick.
„Sie haben sich damals entschieden. Sie hatten eine Alternative, nämlich Donovan am Leben zu lassen.“
„Doch er entschied sich dagegen, Professorchen.“
Donovans Stimme klang belustigt und irgendwie…gefährlich!
Blitzschnell sprang Mills auf, rannte zur Tür, die direkt von seinen Privaträumen in sein Büro führte und hechtete förmlich hinein.
Seine Bewegungen waren schnell und präzise.
Die Tür knallte zu und Mills aktivierte die Spezialverriegelung, die eigentlich für den Fall einer Revolte unter den Bewohnern dieser Einrichtung, vorgesehen war.
Doch nun sollte sie etwas anderes zurückhalten!
Mills stockte der Atem, als ihm klar wurde, was er da soeben gesehen hatte.
Und dieses Mal ließ sein eigener Verstand keinen anderen Schluss zu, als eben diesen einen.
Die einzige Wahrheit!
Mills schüttelte den Kopf, schluchzte gequält auf und drehte sich um.
Er musste zum Schreibtisch, er musste Hilfe rufen, denn wenn…sie schon in seinen Räumen waren, hatten sie wahrscheinlich auch den Rest von „Spirits Hope“ eingenommen.
Mills eilte los!
„Aber, aber, nur keine Hektik, Dr. Mills.“
Mills erstarrte vollständig zur Salzsäule.
„Bleiben Sie ruhig, Dr. Mills!“, sagte Benton, hinter ihm stehend und der Kopf des Psychiaters flirrte blitzartig herum.
„Wie…wie konnten Sie hier herein kommen? Die Tür ist verriegelt.“
Tatsächlich stand Benton nun neben dem Schreibtisch und wirkte so wie immer.
Erst jetzt wurde Mills gewahr, dass er Benton noch nie in einem anderen Anzug gesehen hatte, als jenen, den er auch gerade in diesem Moment trug.
Seit Benton in seine Dienste getreten war, sich unentbehrlich gemacht hatte und es ihm überhaupt ermöglicht hatte an diesem Ort jene Arbeit zu vollbringen, die er tagtäglich geleistet hatte, hatte er sich nicht um ein Deut verändert.
„Wir müssen sofort Hilfe herbeiholen.“, keuchte Mills und schob jene abwegigen Schlussfolgerungen, die aus den eben angestrengten Gedankengängen zu erwachsen drohten, beiseite.
„Ich muss Bob Greer anrufen.“
Die letzten Worte sollten Selbstbewusstsein vortäuschen, denn Mills war bis ins Mark erschüttert, seit er gesehen hatte, was sich da jenseits der Tür, außerhalb seines Büros, abspielte.
„Die Situation droht sich vollkommen unserer Kontrolle zu entziehen. Der Notfallplan muss in Kraft treten.“
Mit diesen Worten machte Mills ein paar unbeholfen wirkende Schritte auf seinen Schreibtisch zu doch Benton kam ihm, erfüllt von einer bedrohlichen Entschlossenheit, entgegen.
„Das werden Sie nicht, Dr. Mills. Niemand wird erfahren, was sich dort draußen befindet.“
Mills blieb stehen, schaute seinen Assistenten verwundert an.
„Sind Sie verrückt, Benton? Da draußen sind….sind…“
Ja, was war da eigentlich draußen?
Was sollte er berichten, wenn er tatsächlich den Telefonhörer mit der Standleitung nach Washington abhob?
Das menschenähnliche, ja was eigentlich, die Anstalt förmlich überfluteten?
Das dies das Ergebnis eines Prozesses war, der über mehrere Monate, ja sogar Jahre, schleichend abgelaufen war und er sich bislang außerstande gesehen hatte, dieses Geschehen zu stoppen, obwohl er in seinen Berichten immer wieder betont hatte, dass er hier die vollkommene Kontrolle besaß?
Was sollte er melden?
„Egal.“, sagte er, wohl mehr zu sich selber.
„Hauptsache ist, dass wir Hilfe bekommen. Gehen Sie beiseite Benton.“
Wieder wollte er vortreten, doch Benton wich nicht zur Seite, sondern verblieb dort, wo er stand.
Unscheinbar wie immer, blass und unbewegt schaute er Mills entgegen und dabei umspielte ein leichtes, kaum wahrnehmbares Lächelns eine dünnen Lippen.
„Ich sagte…“
„Ich habe gehört, was Sie sagten, Dr. Mills. Aber ehrlich gestanden ist es mir egal. Ich gehorche Ihren Anweisungen nicht länger. WIR gehorchen Ihnen nicht mehr länger.“
Mills kam es so vor, als würde ihm jemand den Teppich unter den Füßen fortziehen.
Gedanken überschlugen sich in ihm, wirbelten durcheinander und blitzten dann in Form von kurzen Stößen vor seinem geistigen Auge auf.
Wieder vernahm er jene Schlussfolgerungen.
Benton hatte sich nicht verändert, nicht verändert, nicht verändert.
DIE DA DRAUSSEN, hatten sich auch nicht verändert, nie verändert, nicht um ein bisschen.
„Oh Gott.“, hauchte der Psychiater leise und wich ein, zwei Schritte vor Benton zurück.
Das Grauen, von dem er gerade noch gedacht hatte, er hätte es ausgesperrt, befand sich direkt vor ihm, hier gemeinsam mit ihm auf engstem Raum.
Benton nickte langsam, das Lächeln blieb dabei unverändert.
„Sehr richtig, Dr. Mills. Sehr richtig!“
Während dieser Worte verfärbten sich die Wände ringsum, nahmen einen grauen, krank wirkenden Farbton an.
Sogleich erkannte Mills jedoch den Irrtum seiner Beobachtung, denn die Wände verfärbten sich nicht wirklich grau, sie wurden von grauen Körpern, unheilvollen Phantomen gleich, durchdrungen.
Mills sah die Augen derer, die eingetreten waren und schauderte schrecklich.
„Oh Gott, ich…ich…“
„Sie hören sich schon wieder an, wie ich damals, Doc.“
„Alternativen sind wichtig. Sie hätten eine davon ergreifen müssen.“
„Meine Eier tun immer noch weh von deiner elenden ‚Behandlung’, du Wichser.“
„Ich habe dich geliebt und hätte alles, alles für dich getan…“
„Mein Sohn, ich kann dir nicht mehr helfen…“
Mills hörte die Worte der Ankömmlinge, von denen immer mehr in den Raum strömten und sich durch die Materie der Wände nicht aufhalten ließen.
Irgendwann inmitten der grauen Körper, die sich immer dichter und dichter an ihn heran schoben und ihn unbarmherzig umkreisten, erkannte er ein weiteres, bekanntes Gesicht.
Nun in ebenso grauem Ton erscheinend, wie die der anderen.
„Ich war immer schon kränklich, Clay. Washington muss ohne mich auskommen. Du aber nicht.“
„Bob…?“
Weiter kam Mills nicht, denn irgendwann reichte der Platz nicht mehr.
Mehr und mehr drängten sich in das Büro, geleitet von Benton, der als erster den entscheidenen Schritt tat und in Mills fuhr.
Mills schrie.
Eisige, tödlich erscheinende Kälte, aus den Tiefen des Kosmos stammend, durchströmte und peinigte ihn.
Dann war es Bears, der in ihn eindrang, dann Anna, dann seine Mutter, sein Vater, der Amokläufer von damals…
Es nahm kein Ende, konnte kein Ende nehmen, durfte kein Ende nehmen.
Mills schrie, schrie, schrie…während sein eigener Geist in endlose Agonie verfiel und von den Reißzähnen des Wahnsinns zermahlen wurde.
Jetzt, erst in diesem Moment, erkannte Dr. Clayton Mills die wahre Natur des Wahnsinns.
Er erreichte sein angestrebtes Ziel!
Doch er würde dadurch niemals Erfüllung finden!
Niemals!

Epilog: Nach der Gegenwart…in sechs Wochen:
Benton folgte Dr. Warren Cassidy, der „Spirits Hope“ mit forschen Schritten durcheilte.
„Ich werde den begonnen Weg weiterführen, Benton. Sie können also ganz beruhigt sein. Aus Bob Greers Tod wird dieser Institution kein Nachteil entstehen.“
Benton verzog keine Miene.
„Das freut mich zu hören“, antwortete er in neutralem Tonfall.
Plötzlich blieb Cassidy stehen.
Er stammte aus Washington und war von Greers Nachfolger für diesen Posten empfohlen worden.
„Wir werden die Forschungen vorantreiben, Benton. Mills’ Weg erschien vielen absonderlich, aber ich glaube, er war auf der richtigen Fährte.“
Plötzlich lächelte er Benton an.
„Vielleicht können wir tatsächlich der Geißel Wahnsinn ein Ende bereiten, was?“
„Vielleicht Sir.“
Cassidy nickte zufrieden und stiefelte davon.
Benton blieb noch einen Moment neben der Zellentür stehen, an der sie angehalten hatten.
Mit Cassidy würde es einerseits leichter sein, das Tor offen zu halten und vielen die Rückkehr zu ermöglichen.
Cassidy würde nicht merken, dass „Spirits Hope“ weiterhin als Durchgang für die Rückkehrer dienen würde und dahingehend war Benton zufrieden.
Aber Cassidy würde niemals das Potenzial von Dr. Mills erlangen, welcher die vollständige Öffnung des Portals erst ermöglicht hatte.
Oh ja, Mills war aufgrund seiner „universellen Erkenntnis“ ein Träger von enormer Energie, welche das Portal letztlich vollkommen aufgestoßen hatte.
Aber Benton machte sich deswegen keine großen Sorgen.
Sein Blick fiel, bevor er Cassidy folgte, auf die Beschriftung an der Zellentür, hinter der gequältes Schreien und abgehacktes Kichern in Wechselfolge erklangen.
No. 1322
MILLS, C.
Es würde noch eine ganze Weile genügend Energie für das Portal erzeugt werden.
Und wenn diese Quelle versiegte.
Benton lächelte schmal, was für ihn sehr ungewöhnlich war.
Nun, dann würden sie eine neue Quelle auftun können.
In Earlonville war eben nichts unmöglich!
- Ende der ersten Geschichte –
Damit verabschiede ich mich zunächst einmal von Euch!
Doch ich verspreche nicht, mich nicht wieder zu melden.
Aus Earlonville gibt es noch viel, viel mehr zu berichten und es wäre doch schade, wenn ich mich darüber ausschweigen würde, oder?
Also, bis demnächst, meine lieben Freunde!
Schauerlichste Grüße
Mortimer
© Stefan Albertsen
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