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Stories

Gator, der Söldner

Episode 1

DER STEINERNE GOTT

von Gerold Schulz

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»Du spielst falsch!«
In der von flackerndem Kerzenlicht nur spärlich erleuchteten Weinschenke Zum blauen Krug wurde es augenblicklich totenstill. Das Stimmengemurmel der wenigen Gäste erstarb und das Klirren von tönernen Bechern und Krügen setzte aus. Die meisten der Anwesenden starrten ungläubig auf den groß gewachsenen jungen Nordländer, der in abgerissenen Kleidern an dem Spieltisch in der Mitte der schäbigen Spelunke saß. Ein zerschlissenes Fellhemd verhüllte nur dürftig die knochigen Schultern, seine Füße steckten in einer abgetragenen Stoffhose und ausgetretenen Schnürstiefeln.
Ganz langsam lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. Aus dunklen Augen starrte er sein Gegenüber herausfordernd an.

»Du verdammter Bastard!«, lallte jener des Falschspiels bezichtigte Mann mit schwerer Stimme.
»Sag das noch mal!« Es war ganz offensichtlich, dass der Kerl trotz der frühen Abendstunden schon total betrunken war. Sein verschwitztes, strähniges Haar klebte ihm wirr um den Schädel, er rülpste laut und klammerte sich mit der Linken an die Tischkante, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
»Ich sagte, dass du falsch spielst. Schon seit einiger Zeit tauschst du immer wieder die Spielwürfel mit denen aus, die du in deinem Hemdärmel versteckt hast. Meinst du, ich bin blind oder für wie dumm hältst du mich eigentlich? Du gibst mir jetzt mein Geld zurück und wir beide vergessen die ganze Sache, einverstanden?«, sagte der Nordmann und verzog ärgerlich das Gesicht.
Der angesprochene Spieler lachte schrill.
Die Haltung des jungen Mannes erschien ihm nicht sonderlich gefährlich, und außerdem stärkte der reichlich genossene Wein sein Selbstbewusstsein kolossal. Einem aufmerksameren Beobachter jedoch wären der verkrüppelte linke Zeigefinger, die ausgezupften Augenbrauen oder die Schnalle des ledernen Waffengürtels an dem Jungen bestimmt aufgefallen.
Solche Zeichen wiesen ihren Träger als einen Angehörigen der Söldnerkaste aus, und diese Leute verstanden erfahrungsgemäß wenig Spaß, wenn es um ihr Hab und Gut ging.
Selbstherrlich unterschätzte der Betrunkene den jungen Mann.
Wut blitzte in seinen vom Alkohol geröteten Augen auf, dann fuhr seine Rechte mit einer raschen Bewegung unter das verdreckte Hemd und kam mit einem Krummdolch wieder zum Vorschein.
»Du elender Lügner, dafür schneide ich dir die Kehle durch!«
Stahl blinkte im düsteren Kerzenlicht der Spelunke auf und die tödliche Waffe zischte auf den jungen Mann zu. Der großgewachsene Söldner ließ sich mit seinem Stuhl nach hinten fallen. Zu einem zweiten Dolchstoß kam der betrunkene Spieler nicht mehr. Noch im Fallen riss der Mann aus dem Norden mit einer einzigen, fließenden Bewegung sein Schwert aus dem Leder seines Waffengurts. Indessen der Falschspieler torkelnd den Tisch umrundete, war der junge Söldner bereits wieder auf den Beinen.
Die Waffe in der Hand des Nordmannes beschrieb einen engen Halbkreis, dann bohrte sich die Spitze seines Schwertes tief in die linke Schulter des Spielers. Der Mann blieb abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Sein Gesicht wurde aschfahl.
Nachdem der Söldner sein Schwert mit einem kurzen Ruck aus dem Körper des Spielers gezogen hatte, taumelte dieser zur Seite und brach mit einem langgezogenen Schrei zusammen. Sein Dolch polterte auf die ausgetretenen Fußbodenbretter. Aus der tiefen Wunde an seiner Schulter sickerte dunkles Blut.
Die meisten der Gäste verschwanden in wilder Flucht durch die Türen und Fenster des Gasthofes. Offensichtlich wollte hier niemand mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden.
»Das hättest du auch einfacher haben können«, sagte der junge Mann leise und schüttelte seinen Kopf. Verärgert sammelte er sein Geld vom Boden auf, indessen sich unter dem
Körper des verletzten Falschspielers langsam ein hässlicher, dunkler Blutfleck auf dem Fußboden bildete.
»Ich denke, wir beide sollten uns einmal ernsthaft miteinander unterhalten!«
Instinktiv zuckte die Schwerthand des jungen Söldners erneut nach vorn, während sich langsam die Umrisse einer massigen Gestalt aus dem hintersten, dunkelsten Winkel der Schenke schälten.
Der unwahrscheinlich fette Körper jenes unbekannten Sprechers steckte in einem weit geschnittenen, mausgrauen Gewand, dem es augenscheinlich kaum gelang, die gewaltigen Speckmassen seines Trägers gänzlich zu bedecken.
»Mein Name ist Kobbaar«, sagte der Dicke. »Ich gehöre der Gilde der freien Händler an, kaufe und verkaufe Waren aller Art. Ich handle mit seltenen Gewürzen aus der Ostmark, wertvollen Pelzen aus Eislanden ebenso wie kostbaren Stoffen aus Levandurien. Man kann bei mir sogar frisches Obst aus Goa oder erlesene Weine aus dem Ruland bekommen.«
Ein falsches Grinsen lag auf seinem Gesicht, als er dem Jungen mit einem bis zum Rand gefüllten Weinpokal zuprostete.
»Ab und zu habe ich aber auch ein paar junge knusprige Hühner aus dem Südland im Angebot, wenn du verstehst, was ich meine,« fügte er schmierig hinzu.
»Ich bin Gator, der Söldner«, erwiderte der junge Mann knapp. »Was willst du?«
Ohne Umschweife kam Kobbaar sofort zur Sache. »Auf einen Schwertträger wie dich warte ich hier schon seit Tagen!«
»Tatsächlich?«
Das zur Schau getragene, vermeintlich freundliche Grinsen im Antlitz des Händlers verschwand urplötzlich und machte seinem wahren Gesicht Platz. Vor Gator stand nun ein eiskalter, profitgieriger Kaufmann.
»Ich bin hier, um dir ein Geschäft vorzuschlagen.«
»Ich bin im Moment aber nicht an solchen Dingen interessiert«, erwiderte der Söldner.
»Da bin ich aber ganz anderer Meinung«, entgegnete der fette Händler vielsagend.
»Oder kannst du es dir tatsächlich leisten, die Aussicht auf den Besitz eines ganzen Beutels voller Edelsteine so einfach auszuschlagen? Ich glaube nicht, wenn ich mir deine Kleider und deine Ausrüstung so ansehe. Sei ehrlich: Wann hast du das letzte Mal eine anständige Mahlzeit zu dir genommen?«
Gator wusste, dass der Händler mit seinen Worten nur all zu recht hatte, dennoch fiel seine Antwort barsch aus. »Erzähle hier keine Märchengeschichten. Beutel voller Edelsteine liegen in diesem Land nicht so einfach auf der Straße.«
Statt einer Antwort lächelte Kobbaar, seine fleischigen Hände verschwanden für einen Moment in dem mausgrauen Stoff seines Gewandes. Er warf Gator unvermittelt ein rotes, blinkendes Etwas zu.
Ein Edelstein, durchzuckte nach einem raschen Blick jäh die Erkenntnis den Nordmann. Als er die Kostbarkeit blitzschnell wie der Falke seine Beute noch in der Luft erwischte, grinste ihn der fette Händler bereits wieder in seiner unverschämten Art erwartungsvoll an.
Gator öffnete die Rechte und traute seinen Augen nicht. In seinem Handteller lag ein funkelnder, fast Hühnerei großer blutroter Rubin, der ihn herausfordernd anzufunkeln schien.
»Ist das da etwa auch ein Märchen? Ich denke, wir beide sollten uns nun wirklich einmal ernsthaft miteinander unterhalten.« Dabei huschten Kobbaars Augen nervös durch den Gastraum der düsteren Schenke.
»Aber nicht hier. In diesem Wirtshaus haben selbst die Wände noch Ohren. Los, komm mit nach draußen.«
»Und das da?« Gator deutet auf den inzwischen bewusstlos gewordenen Falschspieler, den umgestürzten Tisch und seinen zerbrochenen Weinkrug.
Kobbaar winkte ab. »Das erledigt sich ganz von alleine. Dem Falschspieler ist sowieso nicht mehr zu helfen, dazu hast du zu gut getroffen. Außerdem ist sich hier jeder selbst der Nächste. In diesem jämmerlichen Kaff gibt es noch keinerlei Gesetz, und die nächsten Soldaten des Königs sind erst mehrere Tagesritte von hier entfernt stationiert. Aber jetzt zu uns beiden, los komm endlich mit, bevor ich es mir doch noch anders überlege und meinen Entschluss bereue.«
Dabei legte er seine fleischige, wabbelige Hand besitzergreifend um Gators Unterarm und zerrte den jungen Söldner ungeduldig zum Ausgang.

Draußen auf dem hölzernen Vorbau der Schenke blieben die beiden ungleichen Männer für einen Moment lang stehen, indes Gator mit einer schroffen Geste angewidert die Hand des schmierigen Händlers von seinem Arm wischte.
»Ich komme aus dem Norden, aus Eislanden«, sagte er scharf, »und dort leben wir Menschen in Stolz und Würde. Wir Nordmänner haben es nicht gerne, wenn man uns ungefragt berührt. Also fass mich nie wieder an, es sei denn, du verzichtest gerne auf die Anwesenheit deiner Hände. Ich hoffe wir haben uns verstanden!«
Die Finger des Händlers zuckten zurück, als habe er soeben damit in einen Kessel glühender Kohlen gefasst.
Während Gator einen Schritt zur Seite trat, musterte er Kobbaar eingehend. Ihm gefielen die verschlagenen Züge des Händlers, der kahl geschorene Schädel und die wasserhellen Augen, die voller bösartiger Intelligenz funkelten, zwar nicht sonderlich, aber schließlich überwog doch die Aussicht auf schnellen Reichtum sein Misstrauen.
»Sag, was du willst, aber fasse dich kurz. Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit, um mir irgendwelche Geschichten anzuhören.«
Kobbaar nickte. »Dann will ich dich jetzt nicht mit unbedeutenden Nebensächlichkeiten langweilen und komme sofort zur Sache. Wie du ja inzwischen erfahren hast, bin ich ein Mann, der mit fast allem handelt, was Geld bringt. Auf einer meiner Reisen führte mich der Zufall eines Tages auf die Spur einer umherziehenden Horde von Wegelagerern und Mördern. Die Kerle hatten einen Mann, der so unvorsichtig war, in dieser Gegend allein zu reisen, gefangengenommen und waren gerade dabei, ihn zu Tode zu foltern. Mit glühenden Dolchklingen versuchten sie, dem bedauernswerten Kerl ein Geheimnis zu entlocken.
Als meine Männer und ich völlig überraschend hinter ihrem Rücken auftauchten, ergriff die feige Bande schnell die Flucht. Für den armen Teufel aber kam jede Hilfe zu spät.«
Gator hatte nicht den Eindruck, dass der Tod des Mannes den Händler sichtlich berührte. Sicherlich war der Dicke nur von Neugier und der vagen Hoffnung, dort auf etwas zu stoßen, das er zu Geld machen konnte, angetrieben worden. Insgeheim hegte er sogar den Verdacht, dass Kobbaar beim geringsten Anzeichen von Widerstand wohl den Rückzug angetreten hätte. Missmutig runzelte er deshalb die Stirn, indessen der feiste Mann seine Geschichte weiter erzählte.
»Bevor der Mann starb, stammelte er noch eine Menge wirres Zeug. Soviel ich seinen Worten entnehmen konnte, ging es dabei um einen Schatz und um die Kraft des Sonnenlichts, was auch immer das eine mit dem anderen zu tun haben soll. Jedenfalls war der Kerl ziemlich seltsam gekleidet, und die wenigen Habseligkeiten, die er bei sich hatte, wiesen ihn als einen dieser umherziehenden Wanderpriester aus, die ständig irgendwelche Götter anbeten. Als ich die Sachen des Toten näher untersuchte, fiel mir ein großer Fetzen Papier auf, der in seinem Stiefel steckte. Das Ding war in der Tat ein Schatzplan, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Der Rubin, den ich dir vorhin zugeworfen habe, war übrigens mit einem halben Dutzend anderer Edelsteine darin eingewickelt. Ich bin mir sicher: Da wo die herkommen, gibt es bestimmt noch jede Menge anderer Kostbarkeiten. Also, was ist? Bist du dabei, wenn ich mit meinen Männern versuche, diesen Schatz zu bergen? Wenn ja, dann behalte den Stein als eine Art Anzahlung und wir beide sind ab sofort Partner.«
»Warum gerade ich?«
»Wenn wir den Schatz gefunden haben, brauche ich jemanden, der mir den Rücken freihält.«
»Was ist mit deinen Männern?«
Kobbaar schüttelte missmutig seinen fetten Schädel. »Das sind alles Kerle ohne Ehre. Diese Kreaturen dienen nur demjenigen, der ihnen am meisten zahlt, und deshalb habe ich die Befürchtung, dass sie beim Anblick des Schatzes den Unterschied zwischen meinem und ihrem Anteil nicht mehr so genau kennen.«
»Und wer sagt dir, dass ich nicht genau dasselbe im Sinn habe?«, erwiderte der junge Nordmann lauernd.
»Deine Augen, Junge. Ich bin weit in der Welt herumgekommen und kenne euch Mitglieder der Söldnergilde ganz genau. Euer verdammter Stolz und eure seltsamen Ansichten von Recht und Ehre werden eure Kaste eines Tages bestimmt noch ins Verderben stürzen, aber mit jemandem wie euch an meiner Seite weiß ich, dass ab jetzt ein Schwertkämpfer für meine Sache einsteht und zu mir halten wird, bis selbst die tiefste aller glühenden Dämonenhöllen zugefroren ist.«

Kobbaar hatte sein Lager in einem schmalen, windgeschützten Seitental abseits der kleinen Stadt aufgeschlagen. Seine Leute saßen gerade beim Abendessen, als Gator mit dem Händler eintraf. Einer dieser Männer stellte seinen Teller beiseite und wischte sich mit dem Handrücken über den schmallippigen Mund. Er war ein hagerer, hoch aufgeschossener Bursche, der in fadenscheinige Kleider gehüllt war, die auch schon bessere Tage gesehen hatten.
»Guten Abend Kobbaar, was für einen Jüngling bringst du denn da mit?«, rief er erstaunt.
Auch die beiden anderen Kerle, dunkle Burschen, deren verschlagen wirkende Gesichter fast gänzlich von einem dichten, schwarzen Bartwuchs bedeckt wurden, starrten nun neugierig in Gators Richtung. Die drei Männer sahen alles andere als vertrauenerweckend aus, und deshalb lockerte Gator instinktiv sein Schwert in der Lederscheide.
»Ist das unser neuer Küchenbursche?«, fragte einer der bärtigen Kerle, und der andere klopfte sich schadenfroh mit der flachen Hand lachend auf die Oberschenkel. Es war offensichtlich, dass die beiden Brüder waren.
»Seht euch nur mal dieses Milchgesicht an! Der hat ja sogar ein richtiges Schwert dabei.« Dabei starrte er Beifall heischend in die Runde.
»Los, komm her, mein Junge. Ich kratz dir erst einmal die Eierschalen hinter deinen Ohren ab. Dafür darfst du dann meinetwegen meine Stiefel küssen.«
Die Männer grölten.

Im nächsten Moment reagierte Gator mit der Gereiztheit einer kitanischen Wildkatze, der soeben jemand mit voller Absicht auf den Schwanz getreten war. Er stieß sich mit einer augenscheinlich schon oft geübten Bewegung aus dem Sattel ab und war mit einem Satz bei dem Sprecher. Aus einer versteckten Seitenfalte seines Fellhemdes brachte er einen kleinen Krummdolch zum Vorschein. Noch ehe der Mann sich versah, drückte er ihm die nadelfeine Spitze dieser kleinen, aber dennoch tödlichen Waffe genau zwischen die Beine.
»Fass mich an«, sagte er kalt, »sonst werde ich dir genau das abschneiden, was einen Mann von einer Frau unterscheidet!«
Der Sprecher wurde leichenblass und seine Kameraden starrten den jungen Nordmann ungläubig an.
Kobbaar grinste breit. Auffordernd klatschte er in die Hände und versuchte, die angespannte Situation mit einigen erklärenden Worten zu entschärfen.
»Haltet ein, Männer! Bevor ihr euch jetzt gegenseitig die Kehle durchschneidet, darf ich euch vielleicht erst einmal miteinander bekanntmachen? Der Dürre da ist Sihl, die beiden schwarzbärtigen Gesellen hier sind Brüder und heißen Tanar und Lork«, stellte Kobbaar die Männer vor. »Und das hier ist Gator. Ein Söldner, den ich in der Stadt kennengelernt habe. Wie ihr bemerkt habt, ist er trotz seiner Jugend bereits ein wahrer Meister im Umgang mit Schwert und Dolch. Also überlegt euch in Zukunft, mit wem ihr eure derben Späße treibt. Er wird uns nämlich ab sofort begleiten. Aber nun genug geredet, ich denke, ihr legt euch jetzt am besten schlafen, denn wir reiten morgen in aller Frühe los.«
Gator steckte seinen Dolch wieder beiseite, wandte sich ab und begann sein Pferd zu versorgen.
Die Männer erhoben sich betreten und richteten ihre Schlafstätten. Leise wurden Verwünschungen gemurmelt.
»Wieder einer mehr, mit dem wir teilen müssen«, brummte Tanar ungehalten und schüttelte fluchend die Decken seines Nachtlagers auf.
Nachdenklich musterte Gator die Begleiter des Händlers. Ganz offensichtlich schienen die drei finsteren Gestalten weitaus mehr als nur gewöhnliche Handlanger des feisten Mannes zu sein. Ihm kam es langsam so vor, als hätte Kobbaar diese Männer einst nur aus der Not heraus oder in Ermanglung anderer Reisebegleiter angeworben und dabei nicht unbedingt auf Herkunft und Charakter geachtet. Auch deshalb hatte Gator langsam das ungute Gefühl, hier inmitten eines Rudels zweibeiniger Wölfe gelandet zu sein, die sich spätestens nach dem Auffinden des Schatzes gegenseitig an die Kehle gehen würden. Er beschloss, die Männer künftig genau im Auge zu behalten, am besten er schlief ab sofort nur noch mit einer Waffe in der Hand.

Zwei Tage später lenkten die fünf Reiter ihre Pferde nach einem schier unendlich erscheinenden Ritt kreuz und quer durch den glühenden Wüstenteil dieses Landes geradewegs auf die Ausläufer eines gewaltigen Bergmassivs zu. Die rote Sonne der Fünflandwelt schleuderte ihre mittägliche Hitze gnadenlos auf das ausgedörrte Land, und selbst die Pferde trabten schließlich nur noch unwillig voran. Ein ständig von den Bergen her wehender Wind strich siedend heiß über die karge Felslandschaft und ließ feine Sandschleier über den von der Sonne hart gebackenen Boden tanzen.
Langsam und vorsichtig tauchten die Reiter in die karge Bergwelt ein und ritten unter Kobbaars Führung zielstrebig auf die dunkle, versteckt gelegene Eingangsspalte einer kleinen Schlucht zu. Dürre, gefährlich aussehende Dornensträucher mit beinahe fingerlangen Stacheln säumten dabei ihren Weg. Allmählich hatte nicht nur Gator das Gefühl, als wuchsen die Wände der Schlucht immer enger zusammen.
»Das gefällt mir hier aber ganz und gar nicht«, murmelte einer der Männer schließlich ungehalten. »Diese verdammte Schlucht hier kommt mir vor wie ein einziger großer Hinterhalt. Wenn nun der Schatz bewacht wird, und damit ist ja wohl zu rechnen, so reiten wir ja direkt in diese Mausefalle hinein.«
»Halt gefälligst dein ungewaschenes Maul«, knurrte Kobbaar gereizt, drehte den Kopf und starrte den Sprecher ärgerlich an. »Solange du in meinen Diensten stehst, wirst du gefälligst das tun, was ich dir sage, Sihl. Wenn dir also etwas nicht passt, dann verschwinde doch einfach. Aber von dem Schatz bekommst du nicht ein einziges Stück.«
Der Angesprochene senkte stumm den Kopf, nur seine Augen blitzten wütend auf. Vorsichtig ritten sie weiter.
Schließlich endete die Schlucht abrupt vor einer felsigen Anhöhe. Nachdem sie diese mühselig mit ihren Pferden bezwungen hatten, zügelten die Männer auf einem flachen Felsplateau ihre erschöpfen Tiere. Kaum einen Steinwurf weit von ihnen entfernt erhoben sich die zerfallenen Mauern eines einstmals sicherlich imposanten Bauwerkes.
»Bei allen Göttern!« Ungläubig starrte Sihl auf die Ruinen.
»Ich reite ja schon wirklich seit vielen Jahren durch diese Berge, aber von einem solchen Gebäude habe ich bisher weder etwas gesehen noch gehört. Was in aller Welt ist das hier für ein seltsames Haus?«
»Wir sind am Ziel«, sagte Kobbaar nur. »Dem Plan nach muss hier irgendwo zwischen diesen Mauern der Schatz versteckt sein.«
Beinahe gierig betrachtete er das alte Gemäuer, während Gator in den Augen des feisten Händlers ein seltsames Funkeln ausmachte, das ihn allmählich beunruhigte.
»Ich habe es von Anfang an gewusst«, murmelte Kobbaar vor sich hin. »Der alte Priester war nicht verrückt, er hat tatsächlich die Wahrheit gesprochen.«
Auch seinen Männern stand die Gier nach Gold jetzt förmlich ins Gesicht geschrieben. Gator betrachtete unterdessen die eingefallenen Mauern mit dem wuchtigen Holztor in deren Mitte.
Die Sonne hatte bereits ihren höchsten Stand überschritten, ihr gleißendes Licht warf unheimliche Schatten auf die Ruinen. Beinahe greifbar hing eine Aura des Bösen über dem verlassenen Gebäude.
Gator lockerte das Schwert in der Lederscheide und blickte sich nach allen Seiten um. Es war seltsam still, zu still! Der Wind hatte sich plötzlich gelegt und selbst die Tiere des Landes schienen den Atem anzuhalten.
Gator schüttelte seine düsteren Gedanken unwirsch von sich ab.

Bei den Göttern, fluchte er lautlos in sich hinein, er hatte sich doch nicht dem Händler angeschlossen und war so weit geritten, um sich jetzt noch von irgendwelchen Menschen, Tieren oder sonstigen Wesen von der Schatzsuche abhalten zu lassen. Geschmeidig sprang er vom Rücken seines zottigen Pferdes und schritt auf das Eingangstor des verfallenen Gebäudes zu. Das dunkle Holz machte einen morschen Eindruck, trotzdem musste er fast seine ganze Kraft aufbieten, um die schwere Eichentür zu öffnen.
Knarrend schwang das Tor nach innen auf.
Im Innern des eingefallenen Gebäudes erwartete ihn ein einziger, riesiger, beinahe viereckiger Saal. Der sorgfältig mit steinernen Platten ausgelegte Boden war mit Dreck bedeckt, den ein hier normalerweise ständig wehender Wind im Laufe unzähliger Jahrhunderte hereingetragen hatte.
Ein seltsamer, modriger Gestank stieg ihm in die Nase, und Gators Augen weiteten sich jäh, als er erkannte, dass der Boden außer mit verfaulten Blüten und Blätter, verdorrten Zweigen und heißem Wüstensand auch von unzähligen Menschenknochen bedeckt war. Das ganze innere Mauerwerk war mit bizarren Zeichnungen geschmückt. Überall an den von unzähligen Rissen und Löchern durchzogenen Wänden reihte sich ein Bild an das andere, und alle stellten dieselbe scheußliche Fratze eines unheimlichen Wesens dar. Trotz der hochstehenden, glühend heißen Sonne war es hier drin seltsam kalt und düster.
Der ganze Raum war leer, bis auf einen steinernen Thron in seiner Mitte.
Gators Hand zuckte augenblicklich zum Schwertgriff, als er die Umrisse einer Götzenstatue erblickte, die den Thronsitz vollständig einnahm. Ein vierarmiger, riesiger Körper, dessen Aussehen nur den dunkelsten Abgründen der tiefsten Dämonenhöllen entstammen konnte.
Gator schüttelte sich.
Diese Statue konnte nur dem kranken Hirn eines offensichtlich wahnsinnig gewordenen Menschen entsprungen sein. Das steinerne Abbild glich zwar dem Körper eines gewaltigen Kriegers, aber der Kopf hatte absolut nichts Menschliches an sich.
Kobbaar und seine Leute drängten sich inzwischen neugierig an dem Nordmann vorbei. Gemeinsam starrten alle wie gebannt auf ein entsetzlich entstelltes Antlitz, das beherrscht wurde von einem einzigen riesigen Auge, einer Nase, die nicht mehr war als zwei klaffende Öffnungen in der dämonischen Fratze und einem wulstigen Mund, aus dem gewaltige, in sich gebogene Zähne herausragten. Es war offenbar eine Götzenstatue, und dieses versteckt gelegene Anwesen war der Tempel einer schrecklichen Gottheit.
Dem Söldner stellten sich beim längeren Betrachten der Statue die Nackenhaare auf und langsam ergriff ein unheimliches Gefühl Besitz von ihm.
»Da«, schrie Kobbaar und seine fleischigen Finger zitterten vor Aufregung, als er auf die Statue deutete.
Um den Hals der mächtigen Gestalt lag eine Kette von unfassbarer Schönheit. Dutzende in goldgefasste blutrote Rubine und Smaragde funkelten auf eigentümliche Art und Weise durch das Dämmerlicht, welches im Raum herrschte. Ihr kostbarer Glanz brachte die Eindringlinge beinahe um den Verstand.
Jetzt wusste Gator auch, woher jener Stein stammte, den Kobbaar ihm in der Schenke zugeworfen hatte.

Für die Männer gab es beim Anblick der Edelsteine kein Halten mehr. Zu Gators Überraschung handelte Kobbaar als Erster. Mit wieselflinken Bewegungen, die der Nordmann dem dicken Händler gar nicht zugetraut hatte, stieß Kobbaar seine Männer zur Seite und rannte los. Wie ein Kastenteufel sprang er über den mit Unrat bedeckten Boden, während unter seinem gewaltigen Gewicht die über den Boden verteilten Menschenknochen mit hässlichem Knirschen unter seinen Stiefelsohlen zersplitterten. In seiner Gier nach Reichtum ließ er jegliche Vorsicht außer Acht und erklomm blitzschnell den steinernen Thron. Mit seinen fetten Händen hatte er schon einen Rubin aus seiner goldenen Fassung gerissen, als seine Männer die Götzenstatue erreichten.
Der Nordmann indes hielt sich immer noch vorsichtig im Hintergrund.
»Zum Teufel mit dem Schatz, irgendetwas stimmt hier nicht«, zischte Gator, durch seinen Söldnerinstinkt gewarnt. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und seine Rechte umschloss den Griff des Schwertes so fest, dass die Handknöchel fast weiß hervortraten.
Die Männer waren jetzt alle wie von Sinnen, während sich in ihm immer stärker ein ungutes Gefühl ausbreitete. Irgendwie erschien ihm das alles zu einfach. Sicher, Kobbaar hatte seinen Plan. Diesen unscheinbaren Fetzen Papier, ohne den sie wahrscheinlich niemals den Eingang zu jener kleinen Schlucht gefunden hätten, noch jenen Weg, der sie auf die Mauern dieses Gebäudes zugeführt hatte.
Dennoch, dieses Vermögen, das da so einfach hier vor ihnen lag, ohne Wachen, ohne verborgene Fallen, er konnte nicht glauben, dass dieser Schatz bisher unentdeckt geblieben war. Die Knochen auf dem Boden erzählten ihm eine andere Geschichte.
Indessen die Männer vor Freude wie kleine Kinder kreischten, schossen dem Nordmann die unmöglichsten Gedanken durch den Kopf.
Was hatte jenen seltsamen Priester dazu bewogen, mit einigen dieser Edelsteine das Weite zu suchen?
Konnte der ständige Anblick dieses immensen Vermögens den Priester vom rechten Weg abgeleitet haben oder hatte es irgendetwas mit dieser steinernen Statue zu tun, deren Anblick ihm immer mehr ein unangenehmes Kribbeln im Magen verursachte?

Nachdenklich versuchte Gator, sich einen Reim auf all diese Dinge zu machen, als er genau in diesem Moment das unheilvolle Knirschen von Stein auf Stein zum ersten Mal hörte.
Eine eiskalte Hand legte sich um sein Herz, das Blut in seinen Adern schien zu stocken. Das immer lauter werdende Geräusch drohte ihn wahnsinnig zu machen, und auch die Männer hielten abrupt in ihrem Treiben inne. Unfähig sich zu bewegen, starrten sie allesamt auf die steinerne Götzenstatue, die sich langsam vor ihren Augen erhob.
Das einzige, riesige Auge begann plötzlich bösartig zu funkeln und die unheimliche, steinerne Gottheit wuchs mit einer erschreckenden Beständigkeit mehr und mehr in die Höhe. Beinahe ruckartig bewegten sich die vier Arme der Statue hin und her, der ganze Körper pendelte auf und ab wie eine überdimensionale an Fäden gehaltene Marionette. Als der Blick seines Auges auf die um ihn herumstehenden Menschen fiel, reagierte die Schreckensgestalt augenblicklich. Ungeachtet jener Männer, die zu seinen Füßen verharrten, handelte die Bestie. Die gewaltigen Hände des Dämons öffneten sich zuckend und umschlossen sogleich die massige Gestalt Kobbaars, der als Einziger nicht vom Thron geflüchtet war und auch nicht von der kostbaren Rubinkette des steinernen Gottes lassen konnte.
Wie eine fette, lästige Fliege hing er am Hals der gigantischen Statue und zerrte mit den Fingern seiner Linken gierig an den Edelsteinen.
Schlagartig brachen sich seine gellenden Schreie an den Wänden, als die krallenartigen Finger der Bestie sich um seinen Körper legten und seinen Leib wie Messer durchbohrten. Blut spritzte und das entsetzliche Geräusch von splitternden Knochen erfüllte den Raum.
Weg, nur fort von hier, durchzuckte es Gator. Seine Furcht vor dem Unbegreiflichen steigerte sich schier ins Uferlose. Das Auge des steinernen Giganten funkelte erneut unheilvoll auf und richtete sich dann genau auf Sihl.
Der steinerne Gott bewegte seine wulstigen Lippen, die lautlose Worte zu formen begannen. Der hagere Diener Kobbaars, der in diesem Moment im Begriff war, sich umzudrehen, um von diesem schrecklichen Ort wegzurennen, blieb unvermittelt stehen. So, als wäre er abrupt gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Seine dunklen Augen nahmen plötzlich einen seltsamen, verklärten Ausdruck an und ein entrücktes Lächeln verzerrte sein Gesicht von einem Moment zum anderen in die Fratze eines Wahnsinnigen.
Es war ganz offensichtlich, dass nun eine unheimliche, fremde Macht von seinem Bewusstsein Besitz ergriff, seinen Willen brach und schließlich absolute Gewalt über ihn erlangte. Wie eine seelenlose Gliederpuppe, die von achtloser Kinderhand hin und her geschüttelt wird, zappelte Sihl vor der Statue herum, um im nächsten Moment fast völlig zu erstarren. Speichel floss aus seinen Mundwinkeln, als er nun mit einer entsetzlich wirkenden Gleichgültigkeit auf das Herannahen des steinernen Dämons wartete.
Die gewaltigen Arme erfassten auch diesen Mann, Knochen krachten und Sihl war bereits tot, noch ehe sein hagerer Körper auf dem staubigen Fußboden des Raumes aufschlug.
Gator, der das ganze Geschehen vom Eingang aus beinahe fassungslos mit angesehen hatte, begann lauthals zu rufen. »Tanar, Lork, lauft!«
Seine gellenden Schreie ließen die beiden Männer herumwirbeln, in ihren Augen stand pure, nackte Angst, als sie loszurennen begannen. Der steinerne Götze blickte sich langsam um. Sein Auge funkelte drohend in die Richtung der Männer, die in diesem Moment dem Ausgang förmlich entgegenflogen.
Gator bemerkte aus den Augenwinkeln, wie einer der Arme des Dämons umherzuckte und dabei den vordersten Mann streifte.
Wie von einer unsichtbaren Riesenfaust gepackt, wurde Lork durch die Luft gewirbelt und mit elementarer Gewalt an die gegenüberliegende Wand geschmettert. Einer formlosen, blutigen Masse gleich glitt er daran hinab und sein zerschmetterter Körper versank lautlos
im Staub des Raumes.
Plötzlich fühlte Gator, wie auch er vom Blick des steinernen Gottes erfasst wurde. Ein teuflischer Zauber zwang ihn dazu, auf der Stelle zu verharren, seinen Kopf zu heben und dem unheimlichen steinernen Götzen direkt ins Gesicht zu starren. Wie gebannt blickte er in das Auge des Scheusals.
Im nächsten Moment erfasste eine dämonische Macht den Körper des jungen
Nordmannes. Seine Lungen brannten plötzlich wie Feuer und sein Herz hämmerte wie wahnsinnig, bis er glaubte, es würde in seiner Brust regelrecht zerspringen. Angst drohte ihn zu lähmen.
Aber gerade diese Angst trieb ihn dazu, gegen das vermeintlich Unabwendbare anzukämpfen. Seine Herkunft, sein Glaube und sein Söldnerstolz ließen es einfach nicht zu, sich wehrlos zu ergeben, selbst nicht im Angesicht eines sicheren Todes. Mit beinahe übermenschlicher Kraft zwang er sich, sein Gesicht von dem unheimlichen Auge des steinernen Gottes abzuwenden. Seine Zähne bohrten sich dabei in die Unterlippe, bis dunkle Blutstropfen hervorquollen. Die angespannten Muskeln drohten vor Anstrengung beinahe zu reißen, als er sich mit unbändiger Willenskraft umdrehte und Schritt für Schritt ins Freie schleppte.
Der Dämon verharrte kurz.
Anscheinend war es das erste Mal, dass sich ein Wesen seinem Willen zu widersetzen wagte.
Ein infernalisches Gebrüll, das niemals von jemandem aus dieser Welt stammen konnte, hallte von den Wänden wider. Als das knirschende Geräusch von Stein auf Stein erneut in seinen Ohren dröhnte, wusste Gator auch ohne sich umzudrehen, dass diese Höllenkreatur ihm unbarmherzig folgte.
Vorwärts, hämmerte er sich ein. Du schaffst es, du musst es schaffen!
Nur durch Armeslänge getrennt, durchschritten Gator und die Bestie nacheinander das Eingangstor. Die Krallenhand des steinernen Gottes hatte ihn beinahe schon erreicht, als der helle Schein der Sonne die gewaltige Götzengestalt traf. Der Dämon brüllte auf mit einer Stimme, die dem Brüllen eines waidwunden Raubtieres glich, und im gleichen Augenblick erfüllte ein dumpfes Dröhnen die Luft.
Die gewaltige Gestalt des Steinernen zerfiel im Sonnenlicht fast augenblicklich zu Staub.
Mit dem Tod des Unheimlichen begann plötzlich die Erde zu beben, und fast im gleichen Moment stürzten auch die baufälligen Mauern des Gebäudes in sich zusammen. Eine riesige Wolke aus Staub, Dreck und Sand hüllte das eingestürzte Gebäude, das gesamte Tal und auch den Söldner fast gänzlich ein.
Hustend und nach Atem ringend entkam er diesem Chaos.
Tanar war nirgends zu sehen. Die einstürzenden Mauern hatten den Mann unter sich begraben, und somit war er, Gator, der einzige Überlebende dieses Alptraums.
Erst jetzt, nachdem die Gefahr gebannt war, erinnerte er sich seltsamerweise wieder an jene Sätze, die der unheimliche Priester kurz vor seinem Tod gesagt haben sollte. Von Sonnenlicht war damals die Rede gewesen und keiner von ihnen allen hatte bis zur Stunde je die Bedeutung dieses Wortes auch nur erahnt.

Zwei Tage später zügelte Gator sein zottiges Pferd erneut vor einem Gasthaus.
Er war hundemüde, völlig zerschlagen und sein ganzer Körper war übersät mit kleinen, brennenden, ekelhaft schmerzenden Wunden, die er sich zugezogen hatte, als er aus dem Inferno der einstürzenden Mauern heraus um sein Leben gerannt war.
Er tastete nach seiner Hosentasche, um sich zu vergewissern, dass er wenigstens den Rubin, den ihm Kobbaar vor Tagen noch so selbstsicher zugeworfen hatte, immer noch besaß und betrat erschöpft die Schenke.
Das Einzige, was den Nordmann jetzt noch interessierte, war ein heißes Bad, ein Krug gefüllt mit blutrotem Wein, ein anständiges Stück gewürztes Bratenfleisch und letztendlich ein weiches Bett für eine Nacht.
»Was kostet mich der Spaß?«
Der Wirt murmelte gleichmütig einen Betrag und streckte seine Rechte in Erwartung der fälligen Summe dem Söldner entgegen. Gator legte den Rubin zum Bezahlen auf die hölzerne Theke. Der Edelstein funkelte im klaren Sonnenlicht, das durch die vielen weit geöffneten Fenster der Schenke fiel, kurz auf, und ...
... und zerfiel zu grauem Staub, den ein kurzer Windzug überall im Raum verteilte. Fassungslos starrten der Wirt und der junge Nordmann gemeinsam auf die Theke.
»Bei Hela und Belen, den Göttern von Eislanden. Verhöhnt mich diese verdammte Götzenstatue selbst noch über ihren Tod hinaus? Wahrlich, ich bin schon ein komischer Schatzsucher.«
Gator machte einen Augenblick lang ein wütendes Gesicht, aber dann fiel ihm wieder jene schicksalhafte Bedeutung des kleinen Wortes Licht ein, und insgeheim schalt er sich einen ausgemachten Narren. Seine Schultern zuckten kurz hoch und langsam überzog ein gequältes Grinsen sein sonnenverbranntes Antlitz.
Anscheinend hatte mit dem Tod des steinernen Gottes auch den Schatz jenes zu Staub gewordene Schicksal seines Besitzers ereilt.
So ganz allmählich begann er, sich endgültig mit seinem Los abzufinden und sein sarkastisches Lachen klang dem Wirt der kleinen Spelunke immer noch in den Ohren, als Gator längst mit wehenden Haaren auf seinem Pferd am Horizont verschwunden war.

Ende

 

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