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Engeltod 1 - Azrael
Eine Kurzgeschichte von EINsamer wANDERER
(meinem verschollenen Bruder gewidmet)
Dunkelheit. Seit Äonen nichts als Dunkelheit. Wie ist es dazu gekommen? Was hatte er falsch gemacht?
Vor langer, langer Zeit war er von verschiedenen Parteien gefangen worden. Die, die ihn erschufen, hatten sich immer mehr vor ihm gefürchtet, und so haben sie sich mit ihren Feinden verbündet, um ihn los zu werden. Er wurde in die Tiefen der Erde gesperrt, um nie wieder auf der Welt wandeln zu können. Über seinem Gefängnis wurde ein Kloster gebaut. Die Mönche hatten die Aufgabe, über das Böse zu wachen.
Die Zeit verging. Er wurde zum Mythos, nur um schließlich in Vergessenheit zu geraten. Das Kloster zerfiel und wich anderen Gebäuden. Heute steht dort ein Gefängnis.
Es war kurz vor Mitternacht, als es einen Aufstand im Gefängnis gab. Zwei Gefangene flüchteten unter die Erde, nichts ahnend, welches Übel dort lauerte.
»Komm schon, Larry«, keuchte Bill, »das ist unsere Chance.«
Larry erwiderte: »Ich weiß nicht, Bill. Ich kann es mir nicht erklären. Mir ist es hier nicht geheuer.«
Bill reagierte zuerst nicht darauf, doch dann fragte er: »Was meinst du? Wie alt ist das alles hier? Was hatten die Zeichen am Eingang zu bedeuten? Wer hat es gebaut? Naja wenigstens können wir fliehen. Ich muss mich später noch bei den Typen bedanken, der uns sagte, wie wir fliehen konnten.«
Larry antwortete nicht. Er war zu nervös. Seine Augen zuckten unruhig hin und her. »Ich will hier weg«, murmelte er, »ganz weit weg.«
Plötzlich endete der Gang vor einer großen stählernen Tür, auf der viele merkwürdige Runen eingeritzt waren. Die beiden Häftlinge näherten sich zögerlich und schweigend der Tür. Vor Angst trauten sie sich nicht zu atmen.
Bill drückte ganz langsam den Türknauf runter. Die Spannung in der Luft steigerte sich ins Unermessliche. Langsam, ganz langsam öffnete sich die Tür mit einem lauten Quietschen. Dahinter lag ein dunkler Raum, an dessen Wand eine Gestalt saß. Ihre Hände waren an die Wand gekettet.
»Verdammt«, fluchte Billy, »eine Sackgasse! Wir müssen wohl oder übel wieder zurück. Wenn ich den Kerl erwische.«
»Mir soll´s recht sein. Je schneller wir hier weg sind umso besser«, erwiderte Larry.
Aus irgendeinem Grund zog Billy die an die Wand gekettete Gestalt magisch an. Er näherte sich ihr langsam und hob ihr Kinn an, um das Profil zu betrachten.
Plötzlich schlug die Gestalt die Augen auf und zerfetzte Billy die Kehle. Er starb zu schnell, um aufzuschreien.
Larry, der das schreckliche Szenario beobachtet hatte, ergriff schreiend die Flucht, aber der flüchtende Sträfling kam nicht weit, denn das Geschöpf riss mit einem Schrei die Ketten aus ihrer Verankerung. Es machte einen übermenschlichen Sprung und landete auf Larrys Rücken. Als der Stürzende den Boden erreicht hatte, biss das Monster ihn mit einem widerwärtigen Knacken das Genick durch und schlürfte sein Blut.
Oben war der Kampf in vollen Gange. Wärter und Gefangene lieferten sich ein hartes Gefecht. Einige Sträflinge hatten sich die Waffen der toten Wächter genommen. Inzwischen waren mehrere Feuer ausgebrochen, am Anfang hatte die Sprinkleranlage noch gelöscht, doch sie hatten schon längst den Geist aufgegeben. Das Knallen der Pistolen mischte sich mit den Schreien der Verwundeten zu einer Orgie aus Schmerz und Tod. Der Kampf endete abrupt, als sich ein in Schwarz gekleideter Mann lautlos wie ein Geist den Kämpfenden näherte. Seine Haut war leichenblass. Die pechschwarzen Haare wirbelten umher wie Feuer. Seine Ohren waren zugespitzt. Auf seinen Gesicht war ein irres Lächeln, welches zwei Reihen haifischartiger Reißzähne entblößte. Die Eckzähne waren länger als die anderen Zähne und wirkten dadurch wie Furcht einflößende Dolche. Seine geschlitzten Pupillen waren von einer leuchtenden, blutroten Iris umgeben. Es hatte krallenähnliche schwarzen Fingernägel. Die Kettenglieder der Handschellen verursachten keinen Laut, als wenn sie sich davor fürchteten, die Aufmerksamkeit des Wesens auf sich zu ziehen. Das Wesen strahlte etwas Bedrohliches aus.
Die Menschen konnten sich nicht vom Anblick dieser Gestalt, der kein Mann war, losreißen. Schließlich konnte einer von ihnen den Mut aufnehmen, um seine Pistole zu heben und das Feuer zu eröffnen. Der Schuss löste die Starre auf. Alle, Wärter wie Sträflinge, feuerten sinnlos auf das Geschöpf. Als fast alle Patronen verbraucht waren, stand die vollkommen durchlöcherte Kreatur noch aufrecht stehend da. Aus ihren Wunden kam kein Tropfen Blut. Plötzlich begann das Blut der Gefallenen in die Richtung des Wesens zu fließen. Die Wunden der Kreatur schlossen sich, als das Blut in sie floss. Vor den Augen der angsterfüllten Kämpfer regenerierte sich die Kreatur. Als sich die Wunden geschlossen hatten, begannen sich die Löcher in der Kleidung ebenfalls zu schließen.
Eine panische Flucht begann, denn die Sterblichen begriffen, dass sie es mit diesen Monster nicht aufnehmen konnten. Sie schubsten, drängelten und rannten weg. Einige hatten noch genug Mut, um auf das Ungeheuer weiter zu schießen, aber die Wunden schlossen sich jedes Mal.
Als wäre nichts gewesen stand es immer noch lächelnd da und ergötzte sich an der Angst der Fliehenden. Doch nach ein paar Momenten wurde dies ihr überdrüssig. Das Monster stieß einen bestialischen Schrei aus und nahm mit übermenschlicher Schnelligkeit die Verfolgung auf. Nicht weit entfernt begann eine Glocke, die mitternächtliche Stunde anzukündigen, doch man hörte nur noch Schreie ... Schreie von Menschen, die abgeschlachtet wurden.
Immer noch lächelnd trat der Unmensch ins Freie. Blut haftete an ihm, doch sein Körper sog es auf wie ein Schwamm. Endlich, dachte er, endlich ist die Zeit der Rache gekommen. Sie werden büßen. Sie werden es bereuen, sich mit den mächtigen Azrael angelegt zu haben. Plötzlich hielt er inne. Er drehte sich langsam zu der Kirche um, die neben dem Gefängnis stand, welches jetzt den Gestank eines Schlachthauses hatte. Ihm war aufgefallen, dass die Glocke schon zum 30. Mal läutete. 31 ... 32 ... Nach dem 33. Schlag verstummte die Glocke. Azraels Lächeln wurde breiter. Er wusste, wer sich in der Kirche befand, also ging er gemächlichen Schrittes auf das Gotteshaus zu. »Jetzt beginnt eine Zeit des Todes und Kampfes, die nur der Stärkste überleben wird, und das bin ICH.«
»Lucia«, sprach das Licht, ,»du musst dich sofort in die sterbliche Welt begeben, denn die Reinkarnation des Todes wandelt wieder auf ihr. Du musst ihn aufhalten.«
Lucia blickte auf und erwiderte nur mit einem »Verstanden«.
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