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Die erste und letzte Chance

Janine lief in dem kleinen Zimmer hin und her, immer vor dem Bett entlang. Sie sah auf ständig auf die Uhr und in den Spiegel.
Neben dem Kleiderschrank lagen achtlos verstreute Klamotten, die sie alle angezogen und wieder verworfen hatte. Schließlich hatte sie sich für ein Sommerkleid entschieden, dass sie jetzt skeptisch im Spiegel beäugte. Nie zuvor hatte sie sich ihren Schulkollegen in einem Kleid präsentiert.
Dreimal hatte sie inzwischen ihre Frisur verändert, bis sie sich dafür entschieden hatte, sie entgegen ihrer Gewohnheit offen zu lassen. Sie zuppelte noch einmal einige Strähnen an die richtige Stelle, bevor sie abermals das Kleid betrachtete.
Schließlich sah sie wieder auf die Uhr und verzog dieses Mal die Mundwinkel. Beim besten Willen konnte sie sich nicht länger hinhalten und keine Ausrede für ihr Verhalten finden, die es entschuldigen konnte.
Noch einmal prüfte sie ihr Erscheinungsbild im Spiegel. Das unauffällige Make up und den sorgfältig aufgetragenen Nagelack.
Mit verbissener Mine verließ sie ihren Zufluchtsort. Ihre Freundin, mit der sie sich auf der Abschlussfahrt ihrer Jahrgangsstufe das Zimmer teilte, wartete schon seit einer halben Stunde auf sie.
Janines Schritte lenkten sie zu der Treppe, der einzigen Möglichkeit, eine Etage nach oben zu gelangen. Dorthin, wo ihre Freundin und noch einige andere schon auf sie warteten.
Stumm hoffte sie auf ein Wunder, bis sie um die Ecke bog.
Immer noch saßen die Coolsten der Schule dort und warteten auf den nächsten Normalo um seinen Weg zu einem Spießrutenlauf werden zu lassen.
Als Natascha das nächste Opfer sah, lächelte sie voller Vorfreude, wartete jedoch, bis Janine näher kam. Janine verdrehte in Gedanken die Augen.
Natascha war im Deutschunterricht ein normales, nettes Mädchen, mit dem man gut auskommen konnte. In den Pausen und inmitten ihrer Clique mutierte sie zu einer gehässigen Schlange.
Doch es war Nils, der ganz unten saß, vor dem sie sich wirklich fürchtete. Der einzige, der wirklich ihre Gefühle verletzen konnte.
Seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war, verirrte sich ihr Gehirn in den seltsamsten Gedanken, wenn sie ihm nahe war.
Janine schluckte, als sie sechs Augenpaare auf sich ruhen sah, und ging angespannt auf die geschlossene Gruppe zu, die die Treppe blockierte.
„Dürfte ich vielleicht die Treppe dazu benutzen, wozu sie gedacht ist?“, erkundigte sie sich sarkastisch. Sie bemühte sich, lässig zu wirken. Wenn sie sich schon dumme Sprüche würde anhören müssen, wollte sie sie wenigstens verdient haben.
Nils, der in der Mitte saß, musterte sie von oben bis unten und lächelte süffisant, als er die Einzelheiten ihres neuen Looks wahrnahm.
„Haben wir nicht einen Wegzoll abgesprochen?“, erkundigte sich Hülya bei den anderen.
Janine warf ihr einen bösen Blick zu. Geistig notierte sie eine Notiz: Hülya nie wieder in Biologie zu helfen. Sie lächelte und gab sich Mühe, so zu wirken, als sei sie bereit notfalls über alle sechs hinweg zu stiefeln.
„Was willst du denn da oben?“, fragte Natascha und verzog den perfekt geschminkten Mund zu einer Grimasse. „Willst du etwa in die Geborgenheit deiner kleinen Lesbentruppe fliehen, Eisprinzessin?“
Janine erwiderte ihren Blick. „Ich wusste gar nicht, dass ich auf Frauen stehe!“, entgegnete sie und versuchte möglichst unbeteiligt zu wirken. Nur weil keine von ihren Freundinnen einen Freund hatte, bedeutete dass nicht automatisch, dass sie keinen wollten, dachte Janine und hob den Kopf, um unnahbar zu wirken.
Wenn sie nicht sehen, dass dich etwas berührt, werden sie ihren Spaß daran verlieren, es weiter zu probieren, dachte sie, wie schon seit Jahren. Es hatte nie wirklich funktioniert. Stattdessen hatte sie sich in der Oberstufe ihren unrühmlichen Spitznamen eingehandelt, den Ruf, dass sie eisig und gefühlskalt war.
„Auf wen stehst du denn?“, erkundigte sich Jens liebenswürdig, um weiter zu sticheln.
Nils schwieg und starrte Janine immer noch an. Sein Blick ruhte auf dem Boden und ihren nackten Füßen.
„Und wenn du der letzte Mann auf Erden wärst, Jens! Ich würde lieber meine Hand nehmen!“ Janine lächelte, obwohl sie innerlich kochte.
Dieser Machtkampf musste natürlich hier stattfinden, natürlich vor Nils den sie seit zwei Jahren gut fand. Dass er kein Interesse an ihr hatte, fand sie auch jetzt deutlich an seiner ablehnenden Haltung abzulesen. Immerhin schien er die Situation und ihre Verlegenheit angemessen zu genießen.
„Lass sie, sie ist doch nur eine unschuldige kleine Jungfrau!“, mischte sich Hülya ein und stieß Nils mit dem Fuß an, um ihn anzustacheln.
Sein Lächeln wuchs in die Breite, während er seinen Blick langsam von ihren rot lackierten Zehennägeln nach oben wandern ließ.
„Weißt du, Eisprinzessin in deiner Nähe kann ein Mann zwar sein Bier kalt stellen, aber das ist nicht alles!“ Er lehnte sich verschwörerisch vor: „Das was du brauchst, ist mal so richtig durchgefickt zu werden.“ Er lehnte sich zurück und weidete sich an Janines Gesichtsausdruck. „Das würde dich viel lockerer machen!“, lächelte er, als spräche er über das Wetter. Dann leckte er sich genüsslich langsam die Lippen und warf ihr einen herausfordernden Blick zu.
Janine ballte die Fäuste und grub ihre Nägel in die Handfläche um einen klaren Kopf zu bewahren.
Doch dieses Mal nutze es ihr nichts. Sie waren zu weit gegangen. Er war zu weit gegangen.
„War das ein Angebot oder nur ein dämlicher vorpubertärer Spruch von einem Möchtegern-Macho?“ Sie warf Nils einen Kussmund zu.
Für einen Augenblick herrschte Totenstille.
Dann begann die Front der langhaarigen Supertussies hinter Nils zu kichern, während Janine begriff, was sie gerade gesagt hatte.
Sie wusste schon, bevor Nils antwortete, dass sie so schnell nicht aus dieser Nummer herauskommen würde. Sie öffnete den Mund, um die Gruppe abzulenken und ohne das Gesicht zu verlieren zu ihren Freundinnen zu kommen.
In diesem Moment griff ihr Stolz ein und verhinderte ein Kleinbeigeben. „Oh, entschuldige! An deiner Reaktion erkenne ich, dass es letzteres war. Dann suche ich mir wohl anderweitige Entspannung!“
Sie starrte Nils an, der als unterster auf der Treppe saß und keine Anstalten machte, sich zu bewegen. Er starrte zurück und ignorierte die Mädchen im Hintergrund.
Langsam verstummten diese. Sie schienen zu begreifen, dass der Machtkampf auf einer neuen Ebene ausgefochten werden würde.
Nils Blick hing an Janine. Er schien abzuwägen, was er verlieren würde, wenn er nachgab.
Ungerührt ließ er seinen Blick abermals über sie gleiten, so auffällig, dass jedem klar war, was er dachte.
Sie ließ sein Abwägen genauso ungerührt über sich ergehen.
Janine wusste, dass sie hübsch war. Nicht so schillernd und aufgemotzt, wie die weibliche Anhängerschaft aus Nils Clique, aber nichtsdestotrotz anziehend.
Trotzdem war sie auf einen weiteren Tiefschlag gefasst und wappnete sich darauf, sich nichts anmerken zu lassen.
Doch der Schönste der Schule überraschte sie mit einem sardonischen Lächeln. „Und was ist, wenn es ein Angebot war?“
Janine schluckte, als sie begriff, dass er nicht nachgeben würde, nicht ein Stück. Nicht vor so vielen Zeugen.
Monatelang hatte sie auf eine Gelegenheit gelauert, ihn alleine zu erwischen, um einmal unverbindlich mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Aber er hatte sie nie beachtet. – Wieso hätte er auch? Er fuhr Motorrad, kleidete sich in schwarzes Leder und alle Mädchen seiner Jahrgangsstufe waren in ihn verliebt.
In Janine kochte Wut hoch. Erst ignorierte er sie, wo es ging, und nun wollte er sie vor den schönsten und beliebtesten Mädchen der Schule bloßstellen!
Wenn sie jetzt patzig wurde, konnte sie sich lebhaft das Ergebnis vorstellen: Janine, die zickige Jungfrau, unbefriedigt und frigide.
Mit einem herausfordernden Grinsen kramte sie ihren Zimmerschlüssel aus der Tasche hervor und ließ ihn an ihrem Zeigefinger klimpern, bevor sie sich umdrehte, um ohne einen Blick zurückzuwerfen zurück zu ihrem Zimmer ging.
Sie hielt die Luft an, während sich Aufregung und Spannung in ihr verkrampften. Folgte er ihr? Folgte er ihr nicht?
Sie wusste nicht mehr, welche seiner Entscheidungen ihr lieber war. So hatte sie sich ihre erste und letzte Chance mit ihm nie ausgemalt. Sie wusste nicht, ob sie wütend und enttäuscht über das Schicksal sein sollte, oder sich darüber freuen, dass sie zumindest die vage Möglichkeit hatte, wenigstens einmal allein mit ihm sein zu können.
Wie auch immer er sich entschieden hatte, seine Entscheidung konnte sie jetzt nicht mehr beeinflussen.
Hatte sie sich lächerlich gemacht, als sie sich ihm anbot? Würde er sich lächerlich machen, wenn er ihr jetzt nicht nachging? Waren Stolz und Coolness diese Situation wert?
Sie traute sich nicht, sich umzudrehen, um herauszufinden, ob Nils ihr folgte.
Sie bemerkte, dass sie Angst hatte und schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel. Noch waren alle Möglichkeiten offen.
Atemlos und gespannt öffnete sie die Tür.

Atemlos und gespannt öffnete sie die Tür, bevor sie seine Wärme hinter ihr spürte. Noch vor seinem Atem in ihrem Nacken.
Wortlos folgte Nils ihr ins Zimmer und beobachtete, wie sie hinter sich von innen abschloss.
Schweigend sah er sich um und setzte sich auf das Bett. Für einige Sekunden schien er mit dem Gedanken zu spielen, ihr Angst zu machen, denn er prüfte gewichtsverlagernd die Beschaffenheit der Matratze.
Dann zog er sich die Schuhe aus, machte es sich auf dem Bett bequem und sah sich wieder im Raum um, bis das Schweigen unangenehm wurde.
Ohne Janine zu beachten, nahm Nils die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Deutlicher konnte er ihr nicht zeigen, dass er kein Interesse an ihr hatte.
Sie war peinlich berührt. So hatte sie sich ihre einzige Chance bei ihm nie vorgestellt.
„Was jetzt?“, fragte sie verschüchtert.
Nils sah sie verwirrt an. Dann erst schien er ihre Frage verstehen zu können. Er zuckte lässig mit den Schultern. „Wir bleiben einfach eine Weile hier. Schlagen die Zeit miteinander tot. Niemand wird verletzt, niemand verliert sein Gesicht.“
„Einfach so?“ Janine starrte ihn an. Sie fühlte sich verraten und enttäuscht. Das war nicht der coole, verwegene Nils, den sie sich vorgestellt hatte. Der Nils auf ihrem Bett war weder an ihr interessiert, noch daran, seine Machofassade aufrecht zu erhalten. Er wirkte gelangweilt und gleichgültig.
„Und das war es dann? Wir ziehen einfach wieder unserer Wege?“
Er schien ihren Tonfall zu bemerken, denn er sah sie erstaunt und ein wenig herablassend an.
„Ja, genau!“
Er wandte sich wieder dem Fernseher zu.
„Und du wirst jedem erzählen, wie toll du warst?“ Janine war überrascht, wie bitter ihre Stimme klang.
„Ja!“ Er zappte durch die Kanäle. „Du etwa nicht?“ Er schenkte ihr ein Lächeln und für eine Sekunde sah sie den schalkhaften Nils durch seine Gleichgültigkeit hervorlugen.
Janine sah eine lange Zeit aus dem Fenster, starrte auf den Kleiderhaufen und die nicht benutzten Haarklammern auf dem Tisch. Schließlich sah sie auf den Traummann in ihrem Bett. „Bin ich wirklich so hässlich und uninteressant?“
Nils schaltete um, bevor er antwortete. „Ja!“
Das Kratzen in Janines Hals verdickte sich zu einem Kloß.
„Entschuldige mich!“, krächzte sie und ging an ihm und dem Bett vorbei ins Bad.
Mit dem Gefühl einen riesigen Frust hinter sich gelassen zu haben, schloss sie die Tür und lehnte sich gegen sie.
Langsam ließ sie sich nach unten gleiten. Hoffte, dass die Kälte des Holzes ihre Verzweiflung vertreiben und ihr Selbstwertgefühl aufbauen würde.
Vergeblich versuchte sie, am Boden angekommen, die Tränen zurückzuhalten und an etwas Positives zu denken. Doch ihre Gefühle hatten längst die Kontrolle übernommen und zermürbten sie mit der Wiederholung ihres kurzen Dialoges.
In Gedanken ging sie alle noch offen stehenden Alternativen durch, während ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen. Sie bemühte sich, kein Geräusch zu machen.
Nach Minuten der stillen Verzweiflung traf Janine eine Entscheidung und zerstrubbelte ihre Haare so in ihr Gesicht, dass Nils die Tränenspuren nicht würde sehen können.
So würde sie wenigstens ihre Würde bewahren können, wenn auch nicht ihr Selbstwertgefühl und ihren Ruf – schließlich waren sie ja freiwillig zusammen in einem Zimmer verschwunden.
Sie tapste aus dem Bad und ging am Bett vorbei. In diesem Moment klingelte das Telefon.
Nils reagierte nicht, sondern starrte stur geradeaus auf den Fernseher.
Janine trat auf das Telefon zu.
„Nicht!“ Blitzschnell hatte sich Nils vom Bett gerollt und wolle Janines Hand festhalten.
Mit ihrer freien Hand schubste Janine Nils wieder zurück auf das Bett und wandte ihm den Rücken zu.
„Wenn du drangehst, werden sie wissen, dass hier nichts läuft!“, behauptete Nils mit ruhiger Stimme.
Janine nahm trotzdem beim dritten Läuten ab.
„Mensch! Wo bleibst du denn?“, tadelte Alex. „Wir warten schon seit einer Ewigkeit auf dich!“
Erleichterung durchströmte Janine und für einen Moment schloss sie die Augen, gab sich der Vorstellung hin, die letzten zehn Minuten seien nie geschehen.
„Holt ihr mich ab?“, fragte sie leise. Ihre Stimme vibrierte genug, um Alex wissen zu lassen, dass etwas nicht stimmte.
„Ist alles in Ordnung?“
„Nein!“
„Wir kommen!“ Ohne weiteres legte Alex auf.
Janine zitterte leicht und biss sich auf die Lippe, um nicht wieder zu weinen. Die freundliche, vertraute Stimme ihrer besten Freundin war fast mehr, als sie ertragen konnte.
„Was ist bloß los mit dir?“, fragte Nils. Er klang sauer.
Janines Frust kochte über. Sie fuhr auf dem Absatz herum und schrie ihn an: „Mit mir?“ Ihre Augen waren vor Zorn geweitet. „Ich bin hier nicht diejenige, die versucht, alle Leute bloßzustellen, nur um zu zeigen, dass ich viel cooler bin, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann!“
Sie trat nach einer Hose, die ihr im Weg lag. „Und ich bin auch nicht diejenige, die beleidigend wird und sich alle Mühe gibt, den anderen so richtig Scheiße zu behandeln, damit der sich wie Dreck fühlt!“
Sie konnte nicht verhindern, dass Wuttränen ihre Wangen hinunterliefen.
Nils starrte sie perplex an.
„Ich bin auch ein Mensch und habe Gefühle, aber das scheint ja außer meinem kleinen Lesbenclub niemanden zu interessieren, nicht wahr?“
Als es an der Tür klopfte, biss Janine ihre Zähne zusammen, ihr Ausdruck versteinerte. Sie schüttelte einmal den Kopf, wie um ihren Ausbruch und ihre Gefühle abzuschütteln, bevor sie öffnete.
Vor der Tür standen Alex und die vier anderen Mädels.
„Was ist denn hier los?“, Alex versuchte einen genaueren Blick in ihr gemeinsames Zimmer zu werfen.
Ihre Augen huschten von Nils zu Janine. Diese schüttelte den Kopf, sie wollte nicht über das Vorgefallene sprechen.
„Oh! Macht das gefühlskalte Prinzesschen doch einen Rückzug?“ Die hohe und schadenfrohe Stimme Nataschas war unverkennbar.
Alex Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Jede Freundlichkeit und jedes Lächeln erlosch, bevor sie sich zu den Neuankömmlingen umdrehte.
„Warum kümmerst du dich nicht einfach um deinen Belange?“, erkundigte sie sich süßlich und versperrte Nils Anhängerschaft der Supertussis den Blick in Janines Zimmer und auf Janine.
Janine war dankbar für diese Geste ihrer Freundin, beschloss jedoch einen offensichtlichen Rückzieher zu machen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
„Wenn ihr uns alle entschuldigen würde?!“, meinte Nils und warf die Zimmertür mit einem lauten Knall zu.
„Bist du wahnsinnig geworden?“, fragte er und zog Janine mehr in den Raum.
„Ich?“ Sie starrte ihn an, wehrte sich jedoch nicht gegen diese Behandlung.
„Du benimmst dich wie eine Furie, dabei hast du doch angefangen!“, behauptete er.
„Ich habe angefangen?“ Janine musterte ihn wütend und überrascht.
„Wenn du mir nicht diesen blöden Spruch reingewürgt hättest…“, Nils verstummte
„Was dann? Hätte das deinen sexistischen Macho-Scheißsatz ungeschehen gemacht?“
„Welchen Macho-Scheißsatz?“
Janine knurrte. „Also, entweder du bist echt völlig bescheuert oder hast eine Halbwertzeit von wenigen Sekunden.“ Sie änderte ihre Stimme und ahmte ihn nach: „Du müsstest mal so richtig durchgenudelt werden, kleine Eisprinzessin, dass würde dich viel lockerer machen!“
Nils sah sie an und runzelte die Stirn.
„Das war doch ein Scherz!“
„Toller Scherz! Auf meine Kosten!“ Sie musste ihre Hände zu Fäusten ballen, damit sich ihre Nägel in ihre Handflächen bohrten und sie nicht auf ihn losging. „Immer auf anderer Leuts Kosten, ist billiger, nicht wahr?“
„Du bist doch darauf eingegangen und hast mir angeboten, mitzukommen und dich aufzulockern!“, konterte Nils.
„Ist dir ja durch das Ignorieren meiner Person gut gelungen, nicht wahr?“, meinte Janine böse und achtete darauf, dass ihre Haare ihren Gesichtsausdruck verbargen.
„Ach, kleine, kalte Prinzessin! Du hast doch nicht gedacht, es würde hier etwas passieren, oder?“, stichelte er herablassend.
„Du bist so ein bescheuerter Arsch!“, murmelte Janine und konnte nicht verhindern, dass sich abermals Tränen in ihren Augen sammelten. „Und ich ein Idiot, dass ich überhaupt einen Gedanken an dich verschwendet habe!“
„Wer hätte gedacht, dass sich Eis verlieben kann?“, höhnte er.
Als sie nicht antwortete, sondern zu Boden sah, blinzelte er ungläubig. „Du bist wirklich in mich verliebt?“
Janine antwortete nicht. Der Kloß in ihrem Hals war mittlerweile so dick, dass sie kaum noch Luft bekam.
Nils legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie ihn anzusehen. Er wirkte irritiert. „Warum weinst du denn?“
„Weil ich so wunderschön und so schrecklich interessant bin!“, antwortete Janine mit dem letzten Rest Sarkasmus, der ihr noch geblieben war.
Nils verkrampfte sich, als er sich an seine Worte erinnerte. Er ließ unsicher seine Hand sinken.
„Es tut mir leid!“, murmelte er leise.
„Geh einfach, ja?“, bat Janine und wandte sich ab.
„Ich kann doch nicht einfach so…“, weiter kam Nils nicht, da sich Janine zu ihm gedreht hatte und ihn unterbrach: „Geh!“ Sie wies zur Tür und machte einen Schritt in die gezeigte Richtung. „Los! Raus zu deinen Tussen und deinen tollen Freunden!“ Sie riss die Tür auf und erschreckte ihre Freunde und Nils Clique.
Mit gesenktem Kopf ging Nils an ihr vorbei. Als er auf ihrer Höhe war, murmelte sie leise: „Lass mich in Ruhe! Lass mich einfach nur in Ruhe!“
Er warf ihr einen Blick zu, doch in ihrem Gesicht las er nur Ablehnung und Enttäuschung.
„Hast du es der kleinen Eisprinzessin nicht richtig besorgt?“, spottete Jens aus dem Hintergrund.
Nils Blick durchbohrte ihn. „Lass sie einfach in Ruhe, ja?!“ Seine Worte waren ein Befehl.
Als er sich zu Janine umdrehte, hatte sie die Tür schon hinter ihren Freundinnen geschlossen.

Am nächsten Morgen spürte Janine wie die Augen der gesamten Stufe auf sie gerichtet waren, als sie den Frühstückssaal betrat.
„Hatte sie oder hatte sie nicht?“, war die große Frage. Die Gerüchteküche brodelte. Einer sagte, sie hätte Nils rausgeworfen, andere behaupteten, er hätte das Weite gesucht. Die nächsten meinten, die beiden hätten die ganze Nacht miteinander verbracht und wieder ein anderer behauptete, alles wäre nur eine große Show.
Janine beantwortete keine Fragen. – Zumindest nicht von Leuten, die ihr egal waren und das waren außer ihren Freundinnen alle. Und die fünf wussten seit gestern Bescheid.
Mit gesenktem Blick huschte sie an dem Tisch vorbei, an dem Nils saß und lustlos in seinem Kaffee rührte.
Zu ihrer Überraschung schwieg seine Clique und alle bemühten sich, sie nicht anzustarren. Außer Nils.
Alex machte sie darauf aufmerksam, dass er jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgte. Als sie sich einmal zu ihm umdrehte, musterte sein Blick sie herablassend überlegend und sie konzentrierte sich wieder auf ihr Essen.
„Wir müssen miteinander reden!“, behauptete Nils Stimme neben ihr.
Janine zuckte zusammen und starrte auf ihren Teller.
An der atemlosen Stille erkannte sie, dass alle Augen auf sie und ihre Reaktionen gerichtet waren.
„Ich glaube nicht, dass ICH mir DIR reden MUSS!“, betonte sie ihre Ablehnung sorgfältig.
„Ich bitte dich: Rede mit mir!“, bat Nils.
Janine starrte weiter verbissen auf ihr Frühstück und schüttelte den Kopf.
„Also, Prinzessin! Du hast die Wahl: Entweder du kommst jetzt freiwillig mit, oder ich werde dich vor allen Leuten aus diesem Saal zerren!“, flüsterte er leise.
Janine hob ihren Blick und sah ihn an. Nils Gesichtsausdruck wirkte wütend und entschlossen.
Ärger machte sich in Janine breit und da sie sich sowieso schon tödlich blamiert hatte, beschloss sie ihre verhaltene Art und ihre Erziehung zu vergessen.
„Wenn du mich noch einmal Prinzessin oder Eisprinzessin oder so ähnlich nennst, haue ich dir eins in die Fresse!“, meinte sie und presste die Lippen kämpferisch zu einer schmalen Linie zusammen.
Nils überraschte sie mit einem Lachen. „Halleluja! Eine Reaktion!“, meinte er triumphierend.
Irritiert blinzelte Janine und sah auf die Hand, die er ihr hinhielt.
Als sie nicht reagierte, lächelte er süffisant. „Kommst du nun, Eisengel?“
Janine schnappte nach Luft, sprang aber tatsächlich auf. Doch bevor sie ihre Drohung in die Tat umsetzen konnte, hatte Nils sie schon in seine Arme gerissen und küsste sie.
Sein Griff verhinderte, dass Janine zurückweichen oder sich wehren konnte. Seine Lippen pressten sich fest auf ihre und drückten sie auseinander.
Als seine Zunge in ihren Mund glitt, begannen die anderen Schüler zu grölen und mit den Füßen aufzustampfen. Janine zappelte erbost, erreichte jedoch nur, dass Nils seinen Griff verstärkte und der Kuss wehtat.
Schicksalsergeben ließ sie den Kuss und das Gejohle über sich ergehen und funkelte Nils böse an, als er von ihr abließ.
„Bist du fertig?“, fragte sie verärgert.
„Ja!“ Sein Lächeln war triumphierend.
Sie holte aus und wollte ihm eine Ohrfeige verpassen, doch er hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Er fing ihren Arm ab und küsste sie zu ihrer Überraschung abermals.
Langsamer diesmal, sinnlicher.
Diese Mal grölte niemand.
Als er sie ein Stückchen von sich schob, schenkte er ihr ein intimes Lächeln. „Entschuldigung! Ich habe mich geirrt, ich war doch noch nicht fertig!“
Sie schüttelte den Kopf, um die Gedanken und Emotionen in den Griff zu bekommen, die in ihr tobten.
„Und jetzt?“, fragte sie argwöhnisch.
Nils hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. „Bin ich immer noch nicht fertig!“, behauptete er.
Verärgert schlug Janine seine Hand weg. „Was willst du?“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Verärgerung zu kaschieren.
Die Selbstsicherheit, mit der Nils vor ihr stand und sie vor allen Leuten ansah, ging ihr auf die Nerven. Die Tatsache, dass er es gewagt hatte, sie inmitten der gesamten Stufe zu küssen, als hätte er dazu ein Anrecht, ließ die Wut in ihr brodeln.
Nils lachte leise. Der Ton war freundlich und beschwichtigend. Behutsam zog er sie näher und gab ihr einen spitzbübischen Kuss auf den Mund.
„Das hier wollte ich schon immer mal machen!“, behauptete er so laut, dass es alle hören konnten.
Ein gekünsteltes Lachen kam vom Eingang, in dem Jens gerade erst erschienen war. „Aber in deiner Fantasie hast du eine echte Frau geküsst, aus Fleisch und Blut und mit Leidenschaft, oder hast du vor gehabt, dir Frostbeulen zu holen?“, erkundigte er sich höhnisch.
Nils drehte sich zu ihm, ließ Janine aber nicht los.
„Eifersüchtig?!“, erkundigte sich Nils liebenswürdig und betrachtete Janine, die zu verwirrt war, um zu reagieren.
Dass er sich ihrer sicher schien, machte sie rasend.
„Und schon wieder vor allen Leuten!“, stellte sie leise fest.
Nils sah sie an, als hätte er fast vergessen, dass Janine ein Anrecht auf eine eigene Meinung hatte.
„Und wieder auf meine Kosten!“, behauptete sie und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.
Er schüttelte sachte den Kopf, als könne er nicht begreifen, wie sie diese Behauptung aufstellen konnte. „Wieso auf deine?“, flüsterte er leise. „Ich mache mich doch hier zum Affen.“ Abrupt ließ er sie los und fiel vor ihr auf die Knie.
Ungläubig starrte Janine auf Nils, der vor ihr auf dem Boden hockte und sie ansah. Sie warf einen Blick in die Runde, um festzustellen, wie die anderen Nils Handlung bewerteten und ob von irgendeiner Seite Hilfe zu erwarten war.
Niemand regte sich. Die Gesichter der anderen schwankten zwischen Ungläubigkeit, Hohn und Lachen.
„Ich möchte mich bei dir entschuldigen!“ Nils sah sie flehend an. „Bekomme ich eine letzte Chance?“
Janine warf einen zweiten Blick in die Runde und verharrte bei Nils Clique. Zog er sie auf? Wollte er sie doppelt blamieren, indem sie ihm jetzt eine Chance gewährte und damit in der Öffentlichkeit zugab, dass sie ihn mochte, damit er sie dann der Lächerlichkeit preisgeben konnte?
„Lass mich nicht betteln, Mädchen!“, bat er leise.
Sie konnte nicht erkennen, was die Anderen dachten und wandte sich Nils zu, der ihr seine Hand hinhielt.
„Bitte! In Filmen funktioniert das immer!“, meinte er nervös.
Janine schloss die Augen und traf eine Entscheidung. Mit ausdrucksloser Miene nahm sie seine Hand an. Sie würde immer noch behaupten können, sie hätte ihm mit der Geste nur verziehen, nicht mehr.
„Können wir das unter vier Augen besprechen?“, fragte sie so, dass es niemand außer ihm hören konnte.
Nils schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln. Eines, das nicht wusste, ob es willkommen war. Unsicher stand er auf und ging ihr nach, während die anderen ihnen nachsahen und wild spekulierend.

© Jennifer Schreiner

 

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