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Des Kaffees hoher Fettgehalt

Eine wahre Geschichte von von Reni Dammrich

Es regnete. Nicht einfach mal so, sondern schon den ganzen Tag. So hatte ich mir meine Schulferien nicht vorgestellt. Der Garten und die Wiese versanken langsam im Matsch - Besserung war nicht in Sicht. Ich drückte mir an der Fensterscheibe alle paar Minuten die Nase platt, um festzustellen, dass die grauen Wolken einfach kein Ende nehmen wollten.
Großmutter versuchte, mich vergeblich aufzuheitern. Erfindungsreich wie sie war kreierte sie extra für mich immer neue Spiele, die mich zwar eine Weile ablenkten, die Laune aber nicht wirklich heben konnten.
Ich hockte missmutig vor einem meiner Aquarien, stierte die Fische an und langweilte mich. Die Pastellfarben der Tiere erinnerten mich an Bonbons.
Bonbons? Gute Idee! Ich schlich leise in die Küche und inspizierte den Schrank. Eukalyptus. Igitt!
Großmutter steckte den Kopf zur Tür herein. Sie sah mich mit hängenden Ohren vor dem offenen Schrank stehen. Das nächste Geschäft war zwar nicht weit entfernt, der Weg bei diesem Wetter aber eine bösartige Zumutung. Sie legte mir tröstend die Hand auf die Schulter. Plötzlich lächelte sie. »Was hältst du davon, wenn wir uns selber ein paar süße, leckere Bonbons machen?«
Ich war begeistert.
Großmutter zählte auf, was sie alles brauchte und ich beeilte mich, das Gewünschte zu holen. »Backblech.«
Ich flitzte zum Herd.
»Zucker.«
Vom Stuhl aus, reichte ich gerade bis an das Fach heran, wo der Zucker stand.
»Milch und Butter.«
Schnell runter vom Stuhl und den Kühlschrank geplündert.
»Natron.«
Irgendwo in der Dose mit den Backzutaten fand ich ein Tütchen Natron.
»Bereit?«
»Kann losgehen, Omi.«
Großmutter nickte zufrieden. »So, jetzt schüttest du eine dicke Schicht Zucker auf das Backblech und drückst mit dem Daumen in regelmäßigen Abständen die Löcher für die zukünftigen Bonbons hinein.«
»Und Bonbons selber machen geht wirklich?«, fragte ich vorsichtig.
»Aber ja. Ich habe es zwar schon ewig nicht mehr gemacht. Aber wir werden es schon schaffen«, sagte Oma zuversichtlich. Dann mischte sie eine viertel Tüte Zucker mit einer Tasse Milch, gab einen Löffel Butter hinzu und streute etwas Natron mit in den Topf. Auf großer Gasflamme brachte sie das Gemisch zum Kochen, wobei sie fast ständig rührte. »Sonst brennt das ganz schnell an und schmeckt eklig«, kommentierte sie. »Komm nicht so nah ran, das spritzt manchmal.«
Na gut. Ich stellte mich auf den Küchenstuhl und äugte von Weitem in den Topf. Es dauerte auch nicht lange, da warf die Flüssigkeit Blasen, dickte sichtlich ein, wobei sich die Farbe nach hellem Braun änderte.
»Fertig.« Großmutter nahm den Topf vom Herd und ließ vorsichtig die heiße, dickflüssige Masse in die Formen laufen. »So, nun müssen wir warten bis unsere Karamell-Bonbons fest und kalt sind.«
Schon der Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich blieb am Tisch sitzen und schaute den ungewöhnlichen Leckereien beim Abkühlen zu. Irgendwann war es so weit. Ich durfte die Bonbons aus dem Zucker fischen und in eine Schüssel legen. Es war eine ansehnliche Portion geworden, die sicher für die ganze Ferienwoche reichen würde. Zuletzt strich Großmutter den Zucker vom Backblech zusammen und füllte ihn wieder in die Tüte zurück, welche ich wieder oben in den Schrank stellte.

Dann saßen wir beide gemütlich in der Küche und naschten. Großmutter war eben doch die Größte, obwohl sie gerade mal einen Meter vierzig maß.
Am nächsten Morgen weckten mich die Sonne und komische Geräusche aus der Küche.
Mutter hatte gerade Kaffee ausgeschenkt. Erstaunt betrachtete sie die Oberfläche der Flüssigkeit, von der sie mehrere große Fettaugen anglotzten. Sie ging zum Geschirrschrank, untersuchte jede einzelne Tasse und schüttelte hilflos den Kopf. Vater sah sie fragend an.
»Die Tassen sind alle sauber. Ich verstehe es nicht. Die waren doch alle im selben Spülwasser«, murmelte sie verstört. »Na schau mal an! In meinem Kaffee ist kein Fett!«, rief sie plötzlich.
»So?« Vater sah selber nach. »Tatsächlich. Hm.«
Mutter kippte Vaters Kaffee in den Ausguss, gab ihm andere Tasse, schenkte ein.
»Sieht gut aus.« Vater war zufrieden. Er griff nach der Zuckerdose, die Mutter vor dem Frühstück frisch aufgefüllt hatte, häufte etwas auf seinen Löffel und rührte die Kristalle in den Kaffee. Erschreckt ließ er den Löffel los. Schöne, große runde Fettaugen lächelten aus der Tasse. Fast mechanisch nahm er die Tüte Zucker und roch am Inhalt.

Augenblicke später wurden die Übeltäter überführt.
Für mich ist Großmutter, obwohl sie schon lange nicht mehr lebt, immer noch die Größte. Wir anderen erinnern uns immer gern an sie und die Geschichte vom plötzlich erhöhten Fettgehalt des Bohnenkaffees.

© Reni Dammrich

 

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