Stories
Das Spiel der Schatten
Eine Horror-Kurzgeschichte von Matthias Krutzsch
I
Andy Perkins lief einen langen Eisenbahnschacht entlang. Er konnte seine Schritte in diesen monströsen, kalten Gängen widerhallen hören. Er war auf der Suche nach etwas - doch er wusste nicht genau, was es war. Die Gänge schienen kein Ende nehmen zu wollen, schienen ihm zu sagen, dass er weiterlaufen sollte. Doch wohin würde er laufen? Existierten diese Eisenbahnschienen überhaupt, oder bildete er sich das alles nur ein?
Perkins kam schließlich schweren Atems zu einer Biegung, die sich in zwei weitere Wege aufteilte. Doch nirgendwo befand sich ein Schild, welches ihm gesagt hätte, welchen Weg er hätte einschlagen müssen. Perkins blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich von Sekunde zu Sekunde und auf seiner faltigen Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen.
Was war das für ein Ort?
Urplötzlich glaubte Perkins, einen Gesang zu vernehmen. Einen Kindergesang. Er schien direkt aus dem linken Gang zu kommen. Andy Perkins überlegte, ob er nicht umdrehen sollte, doch seine Neugierde schien über die Angst zu siegen. Er nahm schließlich den linken Gang und rannte immer schneller. Der Gesang wurde von Schritt zu Schritt immer lauter und unheimlicher.
»Wer ist da?«, rief Perkins und blieb einen kurzen Moment stehen.
Der Gesang hatte urplötzlich aufgehört. Alles, was Andy vernahm, war der eiskalte Luftsog, der ihn erfasste, der sprichwörtlich durch Mark und Bein ging. Es kam keine Antwort. Andy lief weiter. Der Gang schien immer schmaler zu werden. Dann und wann kam er zu einer großen Stahltür, auf welcher eine unidentifizierbare Schrift eingeprägt war. Der Türhebel hatte die Form eines Totenkopfes. Auf einmal vernahm Perkins den Schrei eines kleinen Mädchens, der schließlich in unverständliches Wimmern überging. Perkins fuhr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Erst jetzt realisierte er, dass sein ganzer Körper vor Angst zitterte.
»Wer zum Teufel ist da?«, fragte er mit zerbrechlicher Stimme.
Jetzt öffnete sich die große Stahltür mit einem lauten Knacken, das sich für ihn so anhörte, als ob man buchstäblich das Tor zur Hölle öffnen würde. Doch er konnte nichts sehen außer einem roten Licht, das immer heller zu werden schien. Sein ganzer Körper wurde von einem tiefen, stechenden Schmerz erfasst und dann passierte es: Er erwachte.
Ein hastiger Blick auf seinem Wecker teilte ihm mit, dass es gerade vier Uhr morgens war. Seine Hände waren eiskalt. Sein Herzschlag normalisierte sich allmählich wieder und nahm den gewöhnlichen Rhythmus an. Perkins hatte sich normalerweise nie mit Alpräumen herumschlagen müssen, doch dieser Traum kehrte immer wieder zurück. Es wäre schon beinahe trivial gewesen, zu denken, dass es sich bei diesem Traum nur um einen Streich des Unterbewussten handelte. Nein, dieser Traum war eigenartig. Eigenartig deshalb, da er ihn als so unglaublich real empfand. Perkins bewegte sich langsam aus dem Bett, über welchem ein Schal der Red Sox hing. Sein ganzes Zimmer war übersät von Baseballcaps, Postern und natürlich auch Baseballschlägern. Andy liebte den Sport und in diesem Fall war er sich einig, dass er tief in seinem Inneren ein kleiner Junge geblieben war. Er erinnerte sich noch genau an seine erste Liebe Michelle, mit der er damals im Autokino rumgeknutscht hatte, aber vielmehr noch an die vielen Baseballspiele mit seinem Vater. Sein Vater hatte ihm diesen Sport beigebracht, genau so wie das Kartenspielen. Durch ihn hatte er erfahren, was Teamgeist und Disziplin wirklich bedeuteten und was sie bewirkten. Perkins überlegte sich, ob er sich noch mal hinlegen sollte, da er jedoch schon in einer Stunde zur Arbeit musste, entschied er sich dafür, wach zu bleiben. Andy nahm eine heiße Dusche, rasierte sich und zog sich schließlich an. Eigentlich war er Schriftsteller, doch im Moment hatte er eine kleine Schreibblockade, wie er es selbst liebevoll nannte.
II
Er arbeitete deshalb in einer Bar Rosegarden als Barkeeper, um sich ein paar Kröten extra zu verdienen. Irgendwie fehlte ihm im Moment die Inspiration für eine neue Geschichte. Oftmals benötigte er dafür nur ein Bild oder einen Zeitungsartikel. Auch viele berühmte Menschen wie James Dean oder Marilyn Monroe boten für ihn heimliche Inspirationsquellen. Die besten Geschichten schrieb das Leben schließlich immer noch selbst.
Vor Kurzem hatte er zwar einen kleinen Kurzgeschichtenband mit dem Namen Tales of the Shadow-World herausgebracht, welches jedoch bei den Lesern größtenteils ungeachtet blieb. Manchmal glaubte er, dass sich die Menschen weniger mit Horror und stattdessen mehr mit der Wissenschaft befassten. Wahrscheinlich passte es mehr zu dieser Technikgeneration. Viele Menschen lasen eben lieber Bücher aus der Feder eines Dan Brown, anstatt sich mit einer frei erfundenen Horrorgeschichte herumzuschlagen. So war das Leben eben – entweder man passte sich dieser Zeit an, oder man blieb auf der Strecke.
Andy war keinesfalls ein Mann, der auf der Strecke blieb. Mit 21 Jahren hatte er an der Universität in London Journalistik studiert und natürlich auch sein Examen erfolgreich absolviert. Danach arbeite er als Journalist bei der recht unbekannten News Today, wo er ungefähr zwei Jahre verweilte. Später begann er schließlich Kurzgeschichten zu verfassen – stellte einige davon sogar in das Internet. Als niemand auf seine Geschichten aufmerksam wurde, bat er seinen Freund und Verleger Harry Dean Petersen eine seiner Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Mit Erfolg. Schon nach drei Monaten verkaufte er eine ganze Kurzgeschichtensammlung und verfasste auch seinen ersten, erfolgreichen Roman Im Spiegel der Macht. Darin ging es um einen machthungrigen Politiker, der selbst vor Mord nicht zurückschreckte.
Alles kam ihn wie ein weit entfernter Traum vor, den man sich als kleiner Junge des Öfteren vor dem Schlafen gehen ausmalte. Andy ist zwar nicht reich geworden, konnte sich aber dennoch ein schickes kleines Haus leisten und war deshalb nicht gezwungen, übermäßig hohe Kredite aufzunehmen. Alles verlief wie am Schnürchen. Andy liebte den Nebenjob als Barkeeper. So konnte er seine sozialen Kontakte pflegen und war immer auf den neuesten Wissensstand.
Er beschloss, sich noch einen starken Kaffee zu kochen, ehe er das Haus schließlich sich selbst überließ. Normalerweise bestand sein Frühstück nur aus einem starken Espresso und einer Zigarette – ein morgendliches Ritual. Doch nun hatte er mit dem Rauchen aufgehört. Er hatte den Rauch nicht mehr als angenehm, sondern als schädlich und stinkend empfanden. Andy trank seinen Kaffee in aller Ruhe und verließ sein Haus. Er stieg in seinen blauen Ford Challenge ein und fuhr zur Arbeit. An jenem Morgen wirkte Georgetown so lehr gefegt wie eine längst vergessene Geisterstadt, und man hätte für einen kurzen Augenblick meinen können, sich in einem anderen Jahrhundert zu befinden. In letzter Zeit verschwanden in Georgetown seltsamerweise einige Kinder, die Polizei suchte bereits seit zwei geschlagenen Wochen wie besessen nach ihnen. Seitdem ließen viele Mütter ihre Kinder nicht mehr aus den Augen und verboten ihnen sogar, nach der Schule noch umherzutoben. Wahrscheinlich hielt sich irgendein Pädophiler in dieser Gegend auf, den man früher oder später schnappen würde. Man bräuchte nur eine Handvoll guter Forensiker wie aus der Serie CSI und sie hätten den Täter innerhalb von einer Woche. Wahrscheinlich.
Andy parkte sein Auto auf dem Parkplatz hinter dem Rosegarden und genoss mit einem tiefen Atemzug noch einmal die Ruhe vor dem Sturm.
»Hallo Andy! Wie geht’s«, fragte Dept. Shaun Williams, der gerade die Tür des Rosegarden öffnete, um sich einen extra starken Kaffee zu besorgen.
»Na ja, es geht so. Hab heute mal wieder schlecht geschlafen«, entgegnete Perkins ihn mit gesenktem Kopf.
»Was du nicht sagst, Andy. Ich hab auch nicht gerade sehr viel geschlafen.«
III
»Wir sind immer noch auf der Suche nach den zwei Kindern. Wir konnten bisher keine einzige Spur finden. Den Wald haben wir schon durchkämmt. Keine Spuren. Keine Kleidungsteile. Nichts.« Williams starrte auf den marmorierten Boden während Andy seinen Arbeitsplatz herrichtete.
»Willst du einen Kaffee?«, fragte Perkins.
»Mach mir einen extra starken«, meinte Williams und zündete sich eine Marlboro an. »Wenn ich diesen Kerl finde, der diese zwei Mädchen verschleppt hat, mache ich kurzen Prozess mit ihm.«
Perkins erschrak für einen kurzen Moment. »Du willst ihn doch nicht gleich erschießen?«
»Er braucht mir nur einen kleinen Grund zu geben. Eine hastige Bewegung oder ein falsches Grinsen und ich durchlöchere ihn.« Williams wirkte ziemlich angespannt und nervös - alles Gesprochene hatte bei ihm einen nahezu unsicheren Beiklang. Höchstwahrscheinlich stand er aufgrund dieser nicht enden wollenden Suche sehr unter Strom und glaubte, eine Aufgabe erfüllen zu müssen. Die Aufgabe bestand darin, den Täter zu fassen – tot oder lebendig.
»Wie alt sind die beiden Mädchen?«, fragte Andy stirnrunzelnd und reichte Williams den Kaffee.
»Shirley Aberton ist 15 und Lisa Sinclair ist gerade neunzehn geworden.«
»Verdammt, das sind ja noch Kinder!«
»Du sagst es, Mann. Ich werde den Gedanken nicht los, dass diese Stadt allmählich zum Teufel geht.«
Andy Perkins war sich nicht ganz sicher, was Williams damit meinte, aber in seinem Tonfall lag plötzlich wieder mehr Ernsthaftigkeit.
»Ich sage dir, diese Stadt ist ein einziger Abfallhaufen, und dieser Tyler Daniels tut sein Bestes, damit sie zerfällt.«
Perkins hörte diesen Namen zum ersten Mal. Tyler Daniels. Hörte sich an wie der Name des Protagonisten aus Fight Club. »Wer ist dieser Tyler Daniels?«
Shaun Williams inhalierte den blauen Dunst seiner Marlboro, bevor er zu sprechen begann. »In meinen Augen ist er ein verdammter Irrer. Vor vier Wochen ist er nach Georgetown gekommen. Zuerst hat er eine Zeit lang als Tellerwäscher im Hotel Richmond gearbeitet, doch dann haben sie ihn rausgeworfen.«
»Aus welchem Grund, wenn ich fragen darf?«
»Frag mich was Besseres! Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass dieser Kerl Dreck am Stecken hat. Man sagt, er verdient sein Geld durch Erpressung, Schlägereien und Banküberfällen. Dieser Kerl steht auf meiner Liste der Verdächtigen ganz oben.«
Nachdem Williams diesen Satz von sich gegeben hatte, meldete sich sein Funkgerät. Die Suche nach den Mädchen wurde fortgesetzt.
»Oh verdammt, die Arbeit ruft!«, sagte er, während er sich von dem bequemen Barhocker erhob. Auf dem Leder hatte sich ein tiefer Krater gebildet, der sich jedoch augenblicklich wieder ebnete. Einen Moment lang übte Williams auf Perkins einen gebrochenen Eindruck aus, so, als ob er nie wieder glücklich werden würde. Er bezahlte seinen Kaffee schließlich mit einem Fünfdollarschein, bedankte sich für die nette Konversation und verließ das Rosegarden im Eiltempo.
Perkins sah ihm durch das Schaufenster noch einen Moment zu, wie er in seinen schwarzen Pick-up stieg und davonfuhr.
Langsam füllte sich das Rosegarden mit lauter Menschenmassen, die sich offenbar ebenfalls an einer heißen Tasse Kaffee die Hände wärmen wollten. Der gewohnte Alltag nahm seinen Lauf, und ehe Andy sich nur umsah, war es schon wieder halb sechs Uhr abends.
Nach der Arbeit fuhr Andy wieder nach Hause. Er hatte sich an diesem Abend vorgenommen, endlich mal wieder ein paar Zeilen seines neuen Romans zu schreiben und vielleicht würde ihm dabei ja ein Glas schottischem Whisky auf die Sprünge helfen. Als er in seinem Haus angekommen war, stellte er sofort seinen Fernseher ein. Für ihn war das ein abendliches Ritual, welches ihn von der drückenden Stille des Hauses ablenkte.
IV
Er hatte es langsam satt, immer allein zu sein. Mittlerweile waren schon zwei Jahre ohne eine feste Beziehung an ihm vorbeigezogen, was höchstwahrscheinlich auch auf seine immer stärker werdende Isolation zurückzuführen war. Nach der Arbeit konnte er sich eben nur selten dazu motivieren, noch mal unter Leute zu gehen, und die meiste Zeit konzentrierte er sich natürlich auf das Schreiben. Andy nahm eine heiße Dusche und zog sich ein kariertes Hemd sowie eine blaue ausgewaschene Jeans an, welche ihn das Aussehen eines jungen Studenten verlieh. Tagsüber musste er eine Krawatte sowie einen schwarzen Anzug tragen, da es im Rosegarden eben so vorgeschrieben war, doch nach der Arbeit kleidete er sich so, wie ihm es gefiel. Das war wahrscheinlich das, was der moderne Amerikaner als Freiheit bezeichnete.
Andy ließ sich schnaufend auf seinen gemütlichen Ledersessel nieder und schaltete sein Laptop ein.
Während der Computer hochfuhr, schenkte er sich ein Glas Whiskey ein und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. Die hellbraune Flüssigkeit brannte in seiner Kehle und wärmte seinen Magen – ein gutes Gefühl. Andy öffnete die Datei mit dem Namen Das letzte Spiel.
Er hatte vor zwei Wochen einen Grundriss der Geschichte angefertigt, wusste jedoch nur nicht, wie sie beginnen sollte. Als er nach zwanzig Minuten immer noch ohne eine Idee auf den leeren Bildschirm starrte, beschloss er, selbst etwas zu lesen, um vielleicht auf diese Weise zu neuer Inspiration zu gelangen. Andy verschlang in seiner Freizeit unzählige Bände, mal gute und mal weniger gute. Als er in seinem Bett das neue Dean-Koontz-Buch aufschlug, überkam ihm wieder eine schwere Woge der Einsamkeit. Er wusste selbst, dass er sein Leben umkrempeln musste. Eine neue Freundin wäre wahrscheinlich das schönste Geschenk für ihn gewesen. Andy las noch etwa vier Zeilen, ehe er in einem tiefen Schlaf fiel.
Die Träume begannen wieder.
Die Eisenbahnschienen waren verrostet und an einigen Stellen fehlten sogar einzelne Stücke. Die Kälte schlich förmlich durch die Gänge – schneidend wie scharfe Messer. Andy hatte diesmal eine Taschenlampe dabei, welche jedoch bei der aufkommenden Nebelbank nicht gerade sehr viel brachte. Die Gänge machten den Eindruck, als ob sie aus einem anderen Jahrhundert stammten. Vor ihm malte sich allmählich wieder das leicht verzerrte Bild einer Biegung. Dieses Mal würde er jedoch den rechten Weg einschlagen, zum Trotz - nur um zu sehen, was dann passieren würde. Der auf dem Boden liegende Kies knirschte bei jedem gemachten Schritt, und langsam begann Andy, wieder am ganzen Körper zu zittern.
Der Nebel schien immer dichter zu werden – höchstwahrscheinlich hätte man ihn mit einem Schwert zerschneiden können. Irgendetwas stimmte nicht. Der Gang wurde immer tiefer und enger. Andy vernahm murmelnde Laute, die aus dem Nebel kamen. Er überlegte, sich urplötzlich umzudrehen, dem ganzen Grauen zu entkommen. Doch der Gang, aus dem er gekommen war, hatte sich in eine scheinbar undurchdringbare Mauer verwandelt. Jetzt blieb ihm nur eine Option: Er musste diesen Weg beschreiten – selbst wenn sich die Hölle vor ihm öffnen würde. Nach ein paar Metern konnte Andy ein rötliches Licht erkennen, welches den Nebel in Angst einflößende Schleier verwandelte, die sich in der Luft bewegten wie schwebende Geister. Sein Herzschlag schien mit jedem beschrittenen Meter schneller und härter zu werden und seine Kehle schnürte sich vor Angst immer enger zu.
»Wer zum Teufel ist da?«, schrie er in den Gang. Seine Stimme hallte diesmal nicht mehr wieder, vielleicht hatte sie jemand eingefangen oder gar verschlungen. Das Gemurmel wurde immer lauter, und plötzlich wurde Andy von einer eiskalten Kinderhand gepackt.
»Hilf mir, bitte hilf mir«, sagte die Kinderstimme in einem verzweifelten Ton.
Ihm fuhr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Er konnte das Kind nicht sehen, sondern nur ihre Hand, diese schwarze kleine Kinderhand.
V
»Um Gottes willen - ich werde dich hier rausholen«, sagte Andy mit bebender Stimme und zog an dem Handgelenk so fest er konnte.
Als er sich umdrehte, sah er kein Kind, sondern ein Skelett, aus dessen Augenhöhlen unzählige Maden herausfielen. An den Knochen klebten noch einige Gewebefetzen. Blut tropfte auf den kalten Kiesboden. Das Ding zerrte an seinem Arm und es würde mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr loslassen. Es wollte ihn mit in den Schacht zerren – in die alles einhüllende Dunkelheit.
Andy schrie und öffnete die Augen. Sein Fernseher lief noch immer, und auf seinem Bauch befand sich das Dean-Koontz-Buch. Augenblicklich legte er das Buch auf Seite, wandelte schweren Atems in sein Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Als er sein Gesicht im Spiegel sah, musste er feststellen, dass er schon wieder einige Furchen in seiner Haut bekommen hatte. Vielleicht hatte er zu viel Stress. Wenn nur dieser verdammte Traum nicht immer wieder kommen würde, ginge es mir besser. Andy entschied sich dafür, noch eine Quizsendung im Fernsehen anzusehen, ehe er schließlich den Beschluss fasste, weiter zu schlafen. Er musste schließlich am nächsten Morgen wieder fit für die Arbeit sein.
Dieses Mal blieben die Träume aus. Vorerst.
Am nächsten Morgen gab es in Georgetown erneut eine weitflächige Suchaktion. Dieses Mal waren jedoch nicht nur die Polizei, sondern auch normale Bürger an der Suchaktion beteiligt.
Andy fuhr mit seinem Wagen zur Tankstelle. Während er die Zapfpistole betätigte, beobachtete er eine etwa dreißig Jahre alte Mutter, die mit ihrem Sohn die Straße entlang ging. Er kannte sie nicht, konnte die Angst jedoch buchstäblich in ihren Augen aufblitzen sehen.
Sie hielt die Hand ihres Sohnes wie besessen fest, so, als ob sie verhindern wollte, dass er von irgendjemandem oder irgendetwas Bestimmten gestohlen würde. Die Angst hatte sich in dieser kleinen Stadt so schnell ausgebreitet wie eine Grippeepidemie.
Nachdem Andy seinen Wagen vollgetankt und die Rechnung bezahlt hatte, fuhr er wieder in das Rosegarden.
Vor dem Laden befand sich der Besitzer John Roberts, mit dem er vor einem Monat auch das Vorstellungsgespräch geführt hatte. Roberts trug einen verfilzten Cowboyhut, eine schwarze Lederjacke und eine dunkelblaue Jeans, die schon einen sehr ausgewaschenen Eindruck hinterließ. Sein besorgter, schon beinahe eingefrorener Blick glitt über die suchenden Menschenmassen, die sich anscheinend auf den Weg in die nahe gelegenen Calvin–Mountains machten, welche sich ungefähr zwei Meilen entfernt von der Stadt befanden. Viele trugen Rucksäcke, in denen sich Proviant und Ausrüstung für die lange Suche befanden. Auch Dept. Shaun Williams war an der Suche beteiligt und hatte sich bereits in den frühen Morgenstunden auf den Weg in die Berge gemacht.
»Guten Morgen, Andy«, sagte Roberts geschwollen.
»Morgen«, entgegnete ihm Andy.
»Was für ein Aufruhr. Der Stadtrat hat gemeint, ich soll den Laden schließen, damit wir uns an der Suche beteiligen können. Was hältst du davon?« John Roberts bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick.
»Nun ja, ich schätze, dass wir heute ohnehin nicht viel Kundschaft bekommen hätten,« antwortete Andy kühl und blickte sich zu den marschierenden Leuten um.
»Na dann würde ich sagen, du lässt deinen Wagen hier stehen und fährst mit mir.«
»Gut«. Andy hätte an diesem Morgen ohnehin nicht viel vorgehabt, und die Suche konnte man ja sozusagen auch als einen Job bezeichnen. Langsam stieg er in den schwarzen Landrover ein, in dem eine Eiseskälte herrschte. Wahrscheinlich fuhr Roberts immer mit heruntergekurbelten Fenstern.
John legte sich den Sicherheitsgurt um, ehe er in den ersten Gang schaltete. »Ich schlage vor, dass wir uns erstmal einen Kaffee holen, ich glaube, meine Hände frieren bald ab«, sagte er, während er sich eine Zigarette ansteckte.
»Sicher, warum nicht«, meinte Andy und rieb seine Hände. Roberts hatte seine Heizung zwar voll aufgedreht, sah sich jedoch dazu gezwungen, das Fenster zu öffnen, um nicht an dem Qualm zu ersticken.
VI
»Glaubst du eigentlich die Geschichten, die man sich über diese Berge erzählt?«, fragte Roberts, ohne dabei den Blick von der Straße abschweifen zu lassen.
»Welche Geschichten?«
»Ich werde es dir erzählen: Vor etwa 80 Jahren hatte man in den Calvin–Mountains noch Bergbau betrieben. Man baute dort Kohle ab. Viele Leute verdienten ihr Geld in diesem Gewerbe. Der alte Mick zum Beispiel, von dem mir mein Vater erzählt hatte. Er soll sein Leben lang ein armer Schlucker gewesen sein, keinen Cent in der Tasche, und am Ende ist er an Lungenkrebs gestorben. Man baute dort oben einen Tunnel, der etwa zwei Meilen durch den Berg verläuft. Alles lief nach Plan, doch plötzlich verschwand ein ganzes Bergbau–Team dort oben. Es wurden keine Spuren gefunden, absolut nichts.«
Andy bekam bei dieser Geschichte ein unbehagliches Gefühl in der Magengrube. Das, was ihm Roberts soeben erzählt hatte, hörte sich sehr mysteriös und nur wenig plausibel an. »Aber es mussten doch zumindest Leichen geborgen wurden, oder? Ich meine, in einem kleinen Tunnel kann doch niemand einfach so verschwinden?«
John atmete den blauen Dunst aus dem Fenster, ehe er mit dem Sprechen fortfuhr. »Nun, anscheinend ist das schon möglich. Die Polizei hat den ganzen Berg auf den Kopf gestellt. Nichts. Keine Kleidungsteile. Absolut nichts. Es ist schon fast wie mit dem Bermudadreieck.« Andy blickte mit gesenktem Kopf aus dem leicht verschmierten Fenster. »Komisch. Dept. Williams hat ebenfalls gesagt, dass er keine einzige Spur gefunden hat, die auf eins der beiden Mädchen hinweisen kann.«
»Wäre nicht dieser enorme Zeitunterschied, könnte es ja derselbe Täter sein.«
»Theoretisch schon.«
Die Beiden kamen zu einer kleinen Imbissbude, welche man liebevoll auf den Namen Charlys Snacks getauft hatte. Die Luft war an diesem höher gelegenen Punkt beinahe noch kälter als in der Stadt, was die Suche sicherlich nicht erleichtern würde. Der dicke Cowboy parkte seinen Wagen schließlich neben einen schwarzen Shelby Mustang, welchen der Besitzer anscheinend ordentlich tiefergelegt hatte. Vor dem Aussteigen kurbelte der Cowboy das Fenster rauf und schloss den Deckel seines Aschenbechers.
Die Sonne hatte für diesen kalten Morgen eine erstaunliche Kraft und blendete Andy Perkins für einen kurzen Augenblick. Vielleicht waren seine Augen nicht mehr an das Tageslicht gewöhnt.
Der Laden übte eine seltsame Atmosphäre auf ihn aus. Irgendwie passte er mit diesem nostalgischen James-Dean-Look vielmehr in die 50er Jahre und nicht etwa in das 21. Jahrhundert. Beim Betreten des Lokals stach ihm sofort die angestaubte Jukebox ins Auge, die gerade einen Oldie von The Archies herunterdudelte.
»Hallo Rita, machst du uns einen guten Kaffee?«, fragte der dicke Cowboy, setzte sich auf einen Barhocker und nahm mit einer eleganten Handbewegung seinen Hut ab.
Andy setzte sich neben ihn und beobachtete die Kellnerin. Ein flüchtiger Blick in ihre Augen teilte ihm mit, dass sie so blau wie das Meer und so empfindlich wie die eines jungen Mädchens waren. Trotz ihres schlechten Teints sowie den dicken Augenringen hatte sie seiner Meinung nach ein wunderschönes Gesicht. Ihre schlanken Arme sahen sehr sportlich aus und auch ihre Oberweite stimmte. Den Hintern konnte er leider nicht sehen, da sie ihm gerade eine volle Tasse des herrlich dufteten Kaffees einschenkte.
»Wie heißen Sie«, fragte sie ihn völlig unerwartet.
»Mein Name ist Andy«, sagte er leicht verlegen.
»Du musst entschuldigen, mein Freund hier ist ein wenig schüchtern, was Frauen betrifft. Nimm es ihm nicht übel.« Roberts bedachte ihn mit einem höhnischen Grinsen.
Rita streckte lächelnd ihre Hand aus und stellte sich vor. »Hi, ich bin Rita. Lass dich nicht von ihm ärgern. Er ist nur ein alter Cowboy, der selber nicht gut mit Frauen sprechen kann.« Nun lächelte sie noch breiter.
»Ich glaube, ich hab mich gerade verhört«, tönte John Cowboy Roberts lautstark. Rita lachte aus vollem Herzen und machte dabei einen Buckel.
VII
»Andy. Hmm. Hab dich noch nie hier gesehen. Was hast du für einen Job?«
»Ich bin Barkeeper im Rosegarden, aber eigentlich arbeite ich als Schriftsteller“, sagte er stolz und genehmigte sich einen Schluck Kaffee.
»Schriftsteller? Nun, das hätte ich am wenigsten von dir erwartet. Wie ist dein Nachname?«
Andy wusste nicht genau, ob Rita gerade versuchte, mit ihm zu flirten oder ob sie doch bloß an seinem Namen interessiert war. »Perkins.«
Sie überlegte einen Augenblick lang, in dem sie aufmerksam ein Plakat von Jonny Cash studierte. »Tut mir leid, ich hab noch nichts von dir gelesen. Andy Perkins. Klingt irgendwie wie der Name Anthony Perkins.«
Andy kannte das nur zu gut. In der Schule wurde er oft wegen dieser Ähnlichkeit verspottet, hatte es aber eigentlich nie wirklich zu ernst genommen. »Ja ich weiß – unsere Namen sind beinahe kongruent. Aber ich sehe nicht wie er aus, oder?«
Erneut brach sie Lachsalven aus. »Nein natürlich nicht. Wenn ich diesen Schauspieler im Fernsehen sehe, muss ich immer an Hitchcocks Psycho denken.«
»Stimmt. In dieser Rolle wird er unvergesslich bleiben.«
In der kleinen, etwas verwahrlosten Küche machte sich ein Backofen mit einem Lauten und gleich bleibenden Piepsen bemerkbar.
»Oh Mist, ich hätte meinen Kuchen fast vergessen“, sagte sie schon beinahe geschockt und fuhr herum.
Jetzt konnte Andy ihren Hintern sehen und musste feststellen, dass sie außerordentlich knackige Pobacken besaß, die er in diesem Moment nur zu gerne angefasst hätte. Für einen kurzen Augenblick stellte er sich vor, wie schön es wäre; sie zu küssen. Leider wurde er schlagartig aus seinem Tagtraum gerissen.
»Andy, ich glaube wir machen uns langsam auf den Weg«, meinte Roberts und legte einen Zehndollarschein auf den Tresen. »Der Rest ist für dich Rita-Maus«, keuchte er und setzte sich wieder sein Cowboyhut auf.
»Wiedersehen Rita. Vielleicht schau ich morgen mal auf eine Tasse Kaffee vorbei«, sagte Andy lächelnd und stellte nicht wenig erstaunt fest, dass dieses von ihr erwidert wurde.
»Ja Herr Schriftsteller, bis Morgen.«
Nachdem sie wieder in das Tageslicht getreten waren, fuhren sie zu einem noch höher gelegenen Punkt der Calvin Mountains. John Roberts parkte seinen Wagen an einem entlegenen Parkplatz, der sich mitten im Wald befand. Den Beiden kam eine etwa zwölf Mann starke Truppe Suchender entgegen, die eigentlich mit allem ausgestattet waren, was der Survival-Shop so hergab. Einer des dreckigen Dutzends trug sogar eine doppelläufige Schrotflinte auf dem Rücken. Bei dem Truppenführer handelte es sich um Charles Widmor, einen fünfzig Jahre alten Mann, der früher mal bei den Marines gedient hatte. Andy bemerkte sofort, dass dieser Kerl nicht nur über einen sehr markanten Bizeps verfügte, sondern dem verbissenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen ein Mann war, den man besser nicht unterschätzen sollte.
»Guten Morgen, meine Herren. Wollt ihr auch die Berge durchkämen?«, fragte Widmor in einem militärisch angehauchten Tonfall.
»Ja, das hatten wir vor«, entgegnete Roberts und zündete sich eine Zigarette an.
»Ohne Waffen rumzulaufen, könnte sehr gefährlich werden«, meinte Widmor befehlerisch.
Was sich jetzt vor Andys Augen abspielte, hatte die Szenerie eines Westernstreifens.
Roberts schob seinen rechten Mantel elegant beiseite und gab somit einen Revolver zur Schau, der exakt zwölf Kugeln aus dem Lauf abfeuern konnte. Roberts war der neue Clint Eastwood.
»Ich bin auf alles vorbereitet, meine Herren. Ich glaube jedoch nicht, dass ich ihn benutzen muss.« Auf Widmors todernstem Gesicht zeichnete sich allmählich ein kleines Lächeln, welches ihn seltsamerweise nur noch härter aussehen ließ.
Die beiden machten sich schließlich auf den Weg in die Berge. Die Luft schien mit jedem inhalierten Atemzug eisiger zu werden, und allmählich spürte Andy, dass seine Beine immer steifer wurden und ihn das Aussehen eines sechzig Jahre alten Mannes verliehen, der an Inkontinenz litt.
VIII
Die Tannenbäume in diesem Wald waren dem Aussehen nach zu schließen alles andere als gesund. Aus einem Busch, der sich rechts neben ihnen befand, flog eine Schar von Spatzen, die sich wohl für eine Zeit hier niedergelassen hatten. Die Berge rückten mit jedem Schritt greifbar näher und doch waren sie noch so weit entfernt.
»Ich wäre dafür, mal in dem Bergwerk nachzusehen«, sagte Roberts beinahe flüsternd.
Andy hielt das aus irgendeinem unbegreiflichen Grund für keine gute Idee. Vielleicht war es wie in einem seiner Träume. Ein langer Tunnel mit Eisenbahnschienen, der die klimatischen Verhältnisse einer Tropfsteinhöhle besaß. »Gibt es hier eigentlich eine Eisenbahnschiene?«, fragte Andy.
»Ursprünglich hatte man vor eine zu bauen, doch die Gelder der Stadt reichten nicht aus. Im Bergwerk gibt es eine.«
Andy zuckte leicht zusammen. Eigentlich war es nur logisch, denn wie hätte man sonst die Kohle ans Tageslicht befördern sollen?
»Ich glaube nicht, dass wir etwas finden werden. Ich glaube, dass für die Mädchen jede Hilfe zu spät kommt!«, meinte Roberts und erweckte dabei den Eindruck, dass die Mädchen aus seiner Sichtweise bereits verloren hatten.
Andy musste ihn jedoch in diesem Punkt recht geben. Die Suche dauerte schon zu lange, viel zu lange. Vielleicht würden sie aber doch etwas finden. Was wäre, wenn jemand die Mädchen in dem Bergwerk vergewaltigt und sie anschließend unter dem Schutt begraben hätte? Dann würden sie vielleicht auf Knochen stoßen, oder auf Kleidungsteile. Vielleicht würden sie auch auf Spuren des Täters stoßen.
Tief in seinem Inneren wollte Andy aber nichts finden. Er spürte, dass irgendetwas Schlimmes vor ihm lag – seine Eingebung, wie er es selbst oft nannte, sagte ihm, dass er umkehren sollte. Sie teilte ihm mit, dass er sich lieber wieder an seinen Laptop setzen und eine seiner verrückten Geschichten nieder phantasieren sollte, anstatt sich mit Dingen einzulassen, die über den Bereich des Fassbaren, des Möglichen lagen. Er war auf dem Weg in eine Art Twilight-Zone, einer albtraumhaften Schattenwelt, und sein Bewusstsein spürte das Begehren dieser Zone. Das Begehren nach kleinen Mädchen.
Mittlerweile hatten die beiden zwölf Meilen zurückgelegt, ohne dabei auch nur einen Gedanken an eine Pause zu verschwenden. Vor ihnen manifestierte sich langsam die Silhouette eines gigantischen Felsens. Sie hatten den längsten Weg schon hinter sich gelassen.
»Es ist jetzt nicht mehr weit. Ungefähr noch zwei Meilen, dann kommen wir zum Bergwerk«, sagte Roberts erschöpft. Seine Atmung war mit jedem Meter zunehmend ungleichmäßiger und hektischer geworden.
»Geht es dir gut, John?«, fragte Andy besorgt und stützte sich schweren Atmens auf seine Oberschenkel ab.
»Ja mach dir um mich keine Sorgen. Ich glaub das sind die Zigaretten. Die verdammten Dinger bringen einen schneller ins Grab, als man glaubt!«
Von dem riesigen Felsbrocken aus hatte man eine atemberaubende Sicht in das Tal. Georgetown wirkte von diesem Punkt aus wie ein kleines Dorf. Andy genoss den Panorama-Blick und drehte sich um 180 Grad. Plötzlich sah er es. Das Bergwerk. Es lag nur noch eine Meile von ihnen entfernt.
»Siehst du, da ist es!« Andy bewegte sich auf einen kleinen Pfad, der über zwei oder drei Kurven zum Bergwerk führte. Der Eingang wirkte nicht gerade sehr groß und war mit einem verrosteten Metallgitter gesichert, an welchem ein ebenfalls angerostetes Schloss hing.
Auf dem Metallgitter hatte man ein Schild angebracht auf welchem stand: No Trespassing. Betreten für Unbefugte verboten. Einbruch wird zur Anzeige gebracht.
»Hast du einen Schlüssel für dieses Schloss?«, fragte Andy, während er mit seiner rechten Hand daran herumfummelte.
»Natürlich. Hab ich mir vom Bürgermeister geben lassen«, entgegnete Roberts gelassen. Andy fiel etwas Seltsames auf. An der Stelle, wo sich die Einkerbung befand, war der Rost abgeblättert. »Wahrscheinlich war schon jemand vor uns hier«, sagte Andy beunruhigt, nahm den Schlüssel und öffnete schließlich den Riegel.
»Schon möglich«, antwortete Roberts.
IX
Vor ihnen erstreckte sich ein Tunnel, der tief in die Erde zu gehen schien. An den Wänden waren dicke Seile befestigt, die dazu beitrugen, dass man sich beim Gehen kein Bein brach oder gar ausrutschte.
»Haben Sie Taschenlampen dabei?«, fragte Andy und hörte dabei den Klang seiner Stimme widerhallen.
»Ja, die Akkus halten ungefähr zwei Stunden, das heißt, wir sollten uns das Licht gut einteilen, falls es auf dem Rückweg dunkel wird.«
Andy versuchte, nicht direkt auf den Schienen zu laufen. Die Ähnlichkeit mit seinem Traum vergrößerte sich immer mehr und langsam bekam er dabei ein äußerst mulmiges Gefühl. Vor ihnen lag eine kleine Biegung, an welcher sich ein alter Transportwagen für die Kohle befand. »Wieso stellt man so etwas nicht in ein Museum, anstatt es hier unten verrotten zu lassen?«, fragte Andy erstaunt und leuchtete den Wagen mit seiner Taschenlampe ab.
»Der Bürgermeister will hier oben eine Art Museum errichten. Bis jetzt fehlt ihm nur noch das Geld.«
Die beiden liefen weiter und die Kälte fraß sich immer tiefer in die Kleidung. Die Luft schmeckte irgendwie modrig und aus einem unbegreiflichen Grund verbraucht. Der Kies knirschte bei jedem Schritt und der eiskalte Luftsog wurde immer spürbarer. Andy wäre am liebsten sofort umgekehrt, wäre den Weg am liebsten zum Wagen gejoggt und davongefahren. Jetzt wusste er jedoch, dass es kein Zurück mehr gab und sie weiterlaufen mussten. Ein lauter Schrei ließ die beiden zusammenzucken.
Andys Herz schlug ihm bis zum Hals, sein Körper begann zu zittern. »Oh mein Gott!«, flüsterte er und leuchtete mit der Taschenlampe in die Finsternis.
»Jetzt wird es ernst Andyboy. Du bleibst hinter mir. Ich werde mir diesen Scheißkerl vornehmen«, sagte Roberts ernst und zückte seinen Revolver.
Andy war sich im Klaren darüber, dass Roberts zu allem bereit war.
Der dicke Cowboy hatte soeben die Schwelle der Vernunft überschritten und machte sich auf den Weg in die Welt des Chaos. Sie gingen weiter, ob sie nun wollten oder nicht. Nun hörten sie kein Geräusch mehr. Alles war still.
Einen Augenblick hielten sie inne und konzentrierten sich auf jedes mögliche Geräusch. Ihre Sinne stampften ins Leere. Urplötzlich gab es einen lauten Schlag. Staub wedelte im Schein der soeben heruntergefallenen Taschenlampen auf. Felsbrocken fielen auf den Boden. Zwei Arme griffen aus der rechten Wand nach ihnen. Der Kerl aus der Wand schrie, als er nach ihnen griff, und hörte sich dabei wie eine wild gewordene Bestie an.
Roberts schlug ihm mit seinem Revolver auf die Arme.
Andy wusste nicht genau, was er tun sollte. Sein Atem hatte den Rhythmus einer superschnellen Eisenbahn angenommen. Was sollte er tun? Seine Gedanken schossen wie Pfeilspitzen durch seinen Schädel. Der Kerl kam plötzlich aus der Wand. Es war Andy unbegreiflich, wie er das schaffen konnte. War dieser Typ Hulk oder was? Auf jeden Fall konnte ein Mensch unmöglich solche Wände durchstoßen. Das war verdammt noch mal kein Mensch. »Ihr hättet nicht kommen sollen. Das war ein großer Fehler!«, schrie der Kerl in einem beängstigend unmenschlichen Ton, der sich wie das Ende der Welt anhörte.
Roberts hatte seine Waffe verloren. Sofort leuchtete Andy mit der Taschenlampe den Boden ab, damit er diesen Typ in ein anderes Universum befördern konnte. John Roberts hatte keine Chance, gegen ihn zu bestehen. Sein Hut wirbelte auf den Eisenbahnschienen. Der Kerl schlitzte Roberts mit einem scharfen Messer die Kehle auf und grinste beim Anblick des langsam verbluteten Cowboys. Roberts würgte sein eigenes Blut raus.
Endlich hatte Andy die Waffe gefunden. Er richtete den Revolver auf den Kerl. »Eine falsche Bewegung und ich mach aus dir ein verdammtes Sieb.«
Der Kerl grinste noch immer und trat einen Schritt auf Andy zu. »Die Schatten werden kommen, so oder so. Sie werden aus dieser Stadt einen Käfig machen. Ihr habt keine Chance.«
Andy schoss ihm ins rechte Bein. Der Schuss hallte in der Mine wie ein gigantischer Feuerwerkskörper. Das blutige Messer fiel auf den Boden. Er wollte diesen Kerl bluten sehen. »Ich glaube, du verstehst nicht ganz. Du wirst in einen Käfig gesteckt. Sonst niemand, du Kindermörder.
X
Der Kerl lachte schon wieder. »Ich bin nur ein Werkzeug mein Freund. Ein Entführer, aber kein Mörder.«
»Das ist mir egal, soeben bist du einer geworden und deshalb wirst du mitkommen«, meinte Andy gereizt und schlug ihm mit der Taschenlampe auf den Kopf. »Wo sind die Mädchen?«
»An einem entfernten Ort. Man könnte auch sagen in der Dunkelheit.« Abermals schlug er ihm auf den Kopf und wendete dabei noch mehr Kraft an.
»Wo sind sie?«, schrie Andy.
»Sie sind für sie nichts anderes als Batterien. Sie werden ausgesaugt.«
Andy befand sich in einen Albtraum. Es war wie in einer Geschichte von Stephen King oder Dean Koontz. Langsam beugte er sich auf den Boden, ließ dabei den Kerl jedoch nicht eine Sekunde aus den Augen. John Roberts war tot. Er war jämmerlich an seinem eigenen Blut erstickt. Andy fühlte seinen Puls. Nichts. »Wir gehen nach Georgetown, wir beide, und dann wirst du dir wünschen, mir niemals begegnet zu sein«, meinte Andy, während er den Schlüsselbund aus Roberts Jackentasche zog. Er nahm die Taschenlampe in die linke Hand, und den Revolver behielt er fest umklammert in seiner Rechten. Er drückte den Revolver fest in das Kreuz des Kerls. »Geh Mann. Wenn du irgendwas Falsches versuchst, schieß ich dir in den Rücken, du Schwein.«
Der Kerl sagte nichts sondern folgte Andys Anweisungen. Wieso wehrte er sich nicht?
»Wie ist dein Name?«, fragte Perkins ernst.
»Ich hieß früher Tyler Daniels.«
»Und wie heißt du jetzt?«
»Da, wo wir hingehen, gibt es keine Namen. In der Dunkelheit werden wir nichts sein außer Marionetten. Die Dunkelheit wird sich über die Stadt ausbreiten und dann wird nichts mehr so sein, wie es war.«
Andy wurde aus diesem Gerede nicht schlau – nein diese Geschichte war viel zu abgedreht. Sein Leben begann allmählich zu zerbrechen und wenn das, was dieser Kerl soeben gesagt hatte, tatsächlich eintreffen würde, dann stand ihm noch eine schlimme Zeit bevor. Vielleicht auch eine Prüfung, welche von Gott höchstpersönlich arrangiert wurde. Am liebsten hätte er sich auf der Stelle übergeben, doch er riss sich zusammen, denn sonst hätte dieser Wahnsinnige einen großen Angriffspunkt gehabt, und das konnte er nicht zulassen.
Als der Verrückte und der Schriftsteller aus der Mine kamen, wurden sie für eine kurze Zeit vom Tageslicht geblendet. Inzwischen hatte es wieder angefangen zu schneien – die Waldwiese vor ihnen war bereits mit einer beachtlichen Schicht Schnee bedeckt.
»Wie lange müssen wir gehen?«, fragte der Irre mit gesenktem Kopf.
»Hälst du mich für blöd oder was, wie bist du denn hier hoch gekommen? Mit dem Flugzeug?«, schrie ihn Andy an. In seinem Inneren spürte er Hass aufkommen, der wie ein Wasserspiegel stetig anstieg. Hass war normalerweise ein falsches Instrument, aber mit diesem Kerl hätte er nur zu gerne kurzen Prozess gemacht.
Nach einer guten halben Stunde bemerkte Andy plötzlich, dass er noch gar nichts gegessen hatte. Eigentlich war ihm gar nicht danach zumute, aber der Magen ließ sich schließlich nicht beirren.
»Was wirst du tun, wenn du mich weggesperrt hast, Andy?«, fragte Tyler Freak Daniels und begann wieder mit seinem verachtenden Grinsen.
»Um ehrlich zu sein, nicht sehr viel. Vielleicht nehme ich eine heiße Dusche, geh zu Burger King und danach hole ich Roberts Leiche.«
»Holst du sie alleine, oder zusammen mit deinen schwulen Kleinstadtfreunden?«
Keine Chance. Tyler konnte ihn mit derartigen Sprüchen nicht provozieren, dafür war er einfach zu schlau. »Ich schätze mit meinen schwulen Kleinstadtfreunden, aber darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du solltest lieber entscheiden, welche Hinrichtung dir lieber ist. Elektrischer Stuhl oder Giftspritze.«
Tyler begann laut zu lachen – so laut, dass man seine Stimme in den Wäldern widerhallen hören konnte. »Du solltest auch etwas entscheiden, denn deine kleine Barkeeper-Tussie wird es bald nicht mehr geben. Junge Frauen werden zuerst geholt.«
Wie konnte der Typ nur etwas von Rita wissen? Langsam glaubte Andy nicht hinter einem Menschen, sondern einem Monster hinterherzulaufen. »Woher kennst du sie?«, fragte Andy erstaunt.
XI
»Rita ist ihr Name, nicht wahr?«
»Beantworte die scheiß Frage. Woher kennst du sie?«
Eine kurze Pause des Schweigens folgte. »Ich kenne hier alle Menschen. Ich kenne alles und jeden auswendig. Du hättest gerne ihren Arsch angefasst, was? Behalt ihn gut in Erinnerung. Den werde ich mir bald vorknöpfen, ehe sie kommen.«
Das war genug für ihn. Perkins ließ sich provozieren und verlor die Kontrolle über sich. Er trat ihm mit seinem rechten Bein ins Kreuz. Tyler fiel zu Boden und lachte dieses Mal noch lauter.
Perkins wollte ihn noch mal schlagen, ihn noch mal wehtun, spürte dann jedoch die Vernunft allmählich zurückkehren. »Du bist es nicht wert. Du bist fertig. Steh auf, geh weiter und halts Maul.«
Erstaunlicherweise folgte Tyler ohne jede Gegenwehr. Irgendwann kamen sie zu Roberts Geländewagen. Andy öffnete den Wagen, hielt dabei den Revolver immer noch wie besessen auf Daniels gerichtet. Auf dem Rücksitz lag ein Seil, das Roberts höchstwahrscheinlich für gelegentliche Kletterausflüge genutzt hatte. Ihm kam eine gute Idee. »Setz dich und halt die Fresse«, sagte er emotionslos und band ihm das Seil so fest um den Brustkorb, wie es nur möglich war. Er fixierte es schließlich mit einem festen Knoten, den er noch mal durch einen
Kletterhaken sicherte. Selbst wenn Tyler hätte Faxen machen wollen, wäre ihm das sofort aufgefallen. Außerdem war er angeschossen. Andy verzichtete auf das Anschnallen und hielt die Waffe in der rechten Hand. Mit der Linken betätigte er den Schalthebel. »Bald sind wir da. Dann kannst du in deine Zelle und ich unter die Dusche«, meinte er triumphierend.
Auf dem Rückweg kamen sie an Charleys Snacks vorbei und Andy hielt sofort den Wagen an. Er fuhr direkt zur Eingangstür und stellte den Motor ab. »Ich sehe dich aus dem Fester, also mach keine Dummheiten, sonst kommen ein paar Kugeln geflogen. O.K.?«
Tyler nickte grinsend, so als ob ihm das alles egal wäre. Andy schlug die Tür des Ladens auf. »Rita ich weiß, du wirst mich für verrückt halten, aber ich hab den Mörder!«
Ritas Augen schienen jeden Moment vor lauter Überraschung aus den Höhlen zu fallen. »Wo ist er?«, rief sie und ließ dabei ein Blech Bananentorte auf den frisch gewischten Marmorboden krachen.
»Im Wagen. Ich habe ihn festgebunden. Er hat Roberts getötet und du bist auch in Gefahr, Rita. Komm mit.«
Sie überlegte nicht lange, zog ihre Schürze aus und folgte dem aufgebrachten Schriftsteller. Tyler Daniels grinste noch immer, aber jetzt schienen sich seine Augen in irgendeiner Weise verändert zu haben. Waren sie jetzt grün? »Ach da ist sie ja, deine Freundin. Du wirst sie nur nicht beschützen können.«
Rita legte die Stirn in Falten. »Vor wem beschützen, Andy? Etwa vor diesem Arschloch?« Sie blickte Daniels mit tief erfülltem Hass in die Augen und konnte ebenfalls nichts Menschliches darin finden.
»Ich bin nur ein Vorbote. Die Apokalypse, das wahre Chaos kommt noch. Ich schätze, ich habe es freigelegt.«
Als sie endlich beim Polizeirevier ankamen, überkam Andy eine Woge der Erleichterung. Endlich hatte er diesen Typ los. Aber was wäre, wenn das was er gesagt hatte, wirklich eintreffen würde? Was wenn Georgetown tatsächlich eine Apokalypse bevorstünde? Dann wäre alles sprichwörtlich im Eimer.
Shaun Williams schlenderte aus dem Revier und ließ bei dem Anblick der drei seine Tüte Donuts augenblicklich fallen. »Mein Gott, ich fasse es nicht, ist das der Mörder, dieses Schwein?«, fragte er fassungslos, während sein Gesicht immer röter anlief.
»Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob er die Mädchen umgebracht hat, aber er hat John Roberts getötet«, meinte Andy und machte währenddessen das Seil los.
Williams zückte sein Funkgerät. »Bitte alle rauskommen, sofort. Wir haben das Schwein.« Aus der Tür des Polizeireviers kamen fünf mit Schrotflinten ausgerüstete Polizisten, die sofort die Waffen auf Daniels richteten.
»Wo habt ihr ihn gefunden?«, fragte Williams mit besorgter Miene.
»In dem alten Bergwerk der Calvin Mountains«, erwiderte Andy.
XII
»Komisch zwei von meinen Leuten haben die Mine heute Morgen ebenfalls durchsucht. Haben sich aber noch nicht gemeldet«, sagte Shaun Williams erstaunt.
Tyler Daniels brach in Lachsalven aus. Er krümmte sich förmlich vor Freude.
»Na gut du dummes Schwein, jetzt bekommst du ne Abfuhr«, sagte Williams wütend und holte mit seiner Schrotflinte zum vernichtenden Schlag aus.
Andy hielt ihn jedoch davon ab. »Genau das will er Deputy. Geben sie ihm keine Chance zu gewinnen.« Andy spürte, wie der Verstand allmählich wieder in die Hülle des von Wut zerfressenen Sheriffs zurückkehrte.
»Sie haben recht. Sperrt das Schwein in die Zelle.«
Williams Kollegen folgten und führten Daniels sofort ab. Sie schienen ebenfalls von diesem Anblick nicht gerade sehr angetan zu sein und ließen ihn nicht eine Sekunde aus den Augen.
»Ich werde gleich ein Team ins Bergwerk schicken, damit sie das Gebiet sichern. Wahrscheinlich hat dieses Schwein die Leichen irgendwo da oben begraben«, sagte Williams und ließ es sich nicht nehmen, Perkins kräftig auf die Schulter zu klopfen. »Gute Arbeit. Mr. Perkins. Viele Leute werden dankbar für das sein, was Sie getan haben.«
»Ich fürchte nur, es ist noch nicht vorbei«, entgegnete Andy mit herabfallendem Mundwinkel.
»Was wollen Sie damit sagen? Wir haben den Kerl, oder? Glauben Sie, dass er Komplizen gehabt hat?«, fragte der Deputy aufgebracht.
»Daniels hat erzählt, dass bald eine Apokalypse anbrechen werde und dass wir in dieser Stadt bald nur noch Marionetten sind. Ich weiß nicht genau, was er damit gemeint hat, aber …«
Shaun fiel ihm ins Wort. »Sie glauben doch nicht allen Ernstes das Geschwafel dieses Irren, oder? Der Typ ist ein Verrückter, ein Psychopath, und ich werde alles daran setzen, dass er für immer hinter Schloss und Riegeln kommt.«
Eine kurze Zeit des Schweigens folgte.
»Gehen Sie mit Ihrer Freundin nach Hause, außer Sie sind verletzt, dann fahre ich Sie persönlich ins Krankenhaus«, meinte Williams.
»Ich denke ich werde nach Hause fahren, aber Deputy: Bitte passen Sie auf. Der Typ hat etwas Monströses an sich.«
»Um mich brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen«, sagte Williams abschließend und kehrte in das Polizeirevier zurück.
Andy blickte Rita mit einem Gesichtsausdruck an, in dem sowohl Trauer als auch Resignation über das Geschehene lag. Er wollte nur noch in sein Haus und er wollte sie dabei haben. »Rita, ich glaube es ist das Beste, wenn du erstmal bei mir bleibst. Vielleicht hat der Kerl wirklich Komplizen. Auf jeden Fall bist du in Gefahr«, sagte Andy kühl und blickte sie ernst an.
»Ich weiß nicht so recht. Ich kann das alles noch nicht so richtig einordnen.« Sie starrte gedankenverloren auf den Asphalt. Ein plötzlich aufkommendes Lächeln verriet ihm jedoch, dass sie sich entschieden hatte. »In Ordnung, ich komme mit. Aber ich muss noch ein paar Sachen bei mir abholen«, meinte sie.
»Wo wohnst du denn?«, fragte er mit einem Dackelblick.
»Eigentlich gleich um die Ecke. Carson Street 14.«
»Ich würde sagen, wir laufen. Ich kann unmöglich mit Roberts Wagen herumkurven, außerdem steht meiner gleich beim Rosegardens.«
»O.K.« Rita sprach den ganzen Weg über nicht gerade sehr viel, da sie anscheinend über die Geschichte im Bergwerk nachdachte. Ihr Blick peilte immer wieder den Gehsteig an und ihre Hände schien sie fest in ihrer Jackentasche vergraben zu wollen.
»Wieso sagst du nichts?«, fragte er leise und blickte sie dabei an.
»Ich weiß nicht genau, aber die Geschichte lässt mich nicht mehr los. Ich habe etwas Ähnliches erlebt und es hat mich für immer verändert«, sagte sie betroffen und verlor dabei einige Tränen, die ihr über die Wange kullerten wie Wasserperlen über eine Rose.
»Was hast du erlebt?«
»Vor ungefähr zehn Jahren war hier mal ne große Party. Ich wohne ja eigentlich schon mein ganzes Leben in Georgetown. Nun ja, auf dieser Party lernte ich einen Kerl namens Josh kennen, der auf den ersten Blick eigentlich ganz süß war. Wir tranken zusammen etwas und gingen in ein Zirkuszelt …«
»Ein Zirkuszelt?«, fragte Andy erstaunt.
XIII
»Ja es gab hier mal einen Zirkus, und sie haben vergessen, die Zelte ordentlich abzuschließen. Er schmiss mich ins Heu und vergewaltigte mich. Ich hab gedacht …« Ihre Stimme zitterte, begann zu brechen wie eine Welle. »Ich hab gedacht, dass ich ihm vertrauen kann. Kurz darauf hab ich ihn mit einem Messer erstochen. Es lag irgendwo bei den gespannten Seilen herum. Ich hab ihn erstochen. Ich hatte keine Wahl.«
Andy hatte schon lange keinen so verletzten und traurigen Menschen mehr gesehen, und plötzlich kam ihm der Gedanke, den Rest seines Lebens mit ihr verbringen zu wollen. Er würde sie beschützen, sie niemals verletzen.
»Seitdem habe ich nie mehr einem Mann vertraut. Kann ich dir trauen?«, fragte sie zerbrechlich und blickte ihn an. Ihre Augen waren leicht gerötet – Gott, jetzt sah sie beinahe noch schöner aus als zuvor.
»Rita, ich bin kein Teenager mehr. Ich weiß was Vertrauen, was Liebe bedeutet und ja! Mir kannst du vertrauen. Wenn du willst, beschütze ich dich. Wenn es sein muss auch mit meinem Leben.« Andy vermutete nun, dass sie ihn küssen würde, ihn sehr lange und zärtlich küssen würde. Stattdessen umarmte sie ihn, so fest sie konnte. Er spürte ihre glatte Haut auf seiner Wange, ihren Atem in seinem Nacken. Ihr Körper wärmte ihn in diesem kalten Schneegestöber. Andy vergaß für einen Augenblick die Geschichte in dem Bergwerk, vergaß einen Augenblick Tyler Daniels höhnisches Grinsen und genoss den Moment, so vergänglich er auch seien mochte.
Nachdem sie den Wagen geholt hatten, fuhren sie noch kurz in die Carson Street, damit Rita ihre Sachen zusammenpacken konnte. Die Zeit verging wie im Flug, und als sie schließlich an Andys Haustür ankamen, wurde es auch schon langsam dunkel. Andys Magen knurrte. Man konnte es schon fast als ein Blubbern bezeichnen. In seinem Kühlschrank hatte er noch ein Päckchen Steaks, die er sich später anbraten würde. Nach der heißen Dusche. Er schaltete wie gewohnt seinen Fernseher ein, in dem auch gleich ein Gesicht von Daniels erschien. Auch er und Roberts waren auf diesem Video zu sehen.
»Ich glaube, sie feiern dich jetzt als Held«, meinte Rita und zog ihre weiße Jacke aus.
»Ich bin nicht scharf darauf, ein Held zu sein. Weiß du, ich erfinde gerne Helden, in meinen Geschichten. Selber als Held dazustehen, ist was anderes«, sagte er gelassen und wirkte dabei wie ein arroganter Schauspieler, dessen Gage soeben erhöht wurde.
»Nun ja, ich muss gestehen, dass ich auf Helden stehe.« Sie lächelte ihn breit an.
»Ich glaube der eigentliche Ruhm gebührt Roberts. Aber er ist tot. Er ist tot, weil er diesen Kerl besiegen wollte. Mein Gott er hat ihn die Kehle aufgeschlitzt«, antwortete er leicht hysterisch und setzte sich auf sein Bett.
Rita setzte sich sogleich neben ihn und legte ihre Arme um seinen Hals. Er spürte die Wärme ihres Körpers, ihre tiefe Zuneigung zu ihm.
Dann geschah es. Wie ein warmer Sommersturm erfasste ihn der Kuss dieser Frau, der ihn mitriss wie die Strömung eines rauschenden Flusses. All seine Sorgen verschwanden augenblicklich – bei diesem Kuss, der alles veränderte. Sie schmeckte ein wenig nach Erdbeere und auch ein wenig nach Minze. Eine sehr gute Geschmacksrichtung. Die Küsse wurden heftiger und nach ein, zwei Minuten zog sie ihm die Kleider vom Leib. Er schlief mit ihr. Er verwöhnte sie und sie verwöhnte ihn.
Im Polizeirevier herrschte eine Eiseskälte. Wahrscheinlich funktionierten wieder einmal die Heizungen nicht richtig, doch Williams war eigentlich zu faul, um nachzusehen. Er hatte sich auf seinen Stuhl niedergelassen, und auf seinen Schoss befand sich eine Schrotflinte, mit welcher er Daniels bewachte.
»Sie haben gesagt, dass sie mich bei Sonnenuntergang in einen von ihnen verwandeln. Danach gibt es keinen Halt mehr. Die Dunkelheit wird kommen.«
Williams beobachtete den Gefangenen, der an den Stäben der Zelle klebte wie ein Geisteskranker.
XIV
»Willst du wirklich riskieren, dass ich dir hier und jetzt den Schädel wegpuste. Du hast zwei von meinen Leuten auf den Gewissen. Roberts hast du auch umgebracht.«
Tyler Daniels grinste und dabei begannen seine Augen erneut leicht grünlich zu funkeln, wie die eines gerissenen Kobolds, der nur darauf wartete, sein Gold einzufordern. »Bald ist es so weit. Ach ja, Deputy, ich schlage vor, dass Sie Ihre primitiven Waffen verschrotten. Sie werden nichts bringen.«
Williams bäumte sich langsam auf. »Ich glaube, dass dir noch niemand Manieren beigebracht hat, oder? Bis jetzt hast du dein Leben als Schrotthaufen weitergeführt, aber ich denke, dass ich dir einen kleinen Vorgeschmack gebe. Einen Vorgeschmack auf das, was dich hinter Gittern erwartet.«
Tyler Daniels blickte aus dem verschmierten Fenster des Polizeireviers. Es war dunkel, sogar stockdunkel. Das Licht der Petroleumlampe, die sich auf Williams Schreibtisch befand, begann leicht zu flackern. Man hätte fast meinen können, dass dies das Werk eines kleinen Windsogs gewesen sein könnte, welcher sich durch einen kleinen Spalt an der Eingangstür hätte durchquetschen können. Der Schatten, der von der Petroleumlampe ausging, verformte sich langsam.
Williams blickte auf die weiße Steinwand, neben der sich die Zellen befanden. »Was zum Teufel ist hier los?«, fragte er Tyler Daniels, der wieder mit seinem erschreckenden Lachen begann.
Es wurde tiefer und dunkler und schien nicht von einem Menschen sondern vielmehr von einem Dämon zu stammen. Der Schatten nahm die Gestalt eines Menschen an. An der Stelle, wo die Silhouette einer Petroleumlampe hätte sein sollen, manifestierten sich nun die Umrisse eines Körpers.
Williams verlor vor lauter Angst einen Schwall Urin. Der Schatten griff nach Tyler Daniels Zelle. Er wollte ihn freilassen, oder ihn in seinesgleichen verwandeln. Eines von beiden. Tyler Daniels verwandelte sich ebenfalls in einen schwarzen Schatten. Seine Kleidung fiel auf den Boden. Die letzten Überreste eines früheren Menschen.
Shaun Williams feuerte zwei Kugeln aus seiner Schrotflinte. Die Schüsse hinterließen zwei etwa fünf Zentimeter große Krater an der Steinmauer. Die Schatten bewegten sich jedoch weiter.
»Oh mein Gott.« Williams nahm sein Funkgerät in die Hand und ließ die Flinte fallen. »Jungs, fahrt sofort ins Revier! Ich brauche Hilfe!«
Einer der Schatten näherte sich ihm und ging buchstäblich durch ihn durch. Zurück blieben nur noch ein Haufen Asche und natürlich das Funkgerät, welche beinahe zeitgleich auf den Boden fielen. Shaun Williams war Geschichte.
Die Petroleumlampe begann wieder leicht und völlig normal zu fackeln. Die Geister waren verschwunden.
Andy beobachtete Rita beim Schlafen. Sie hatte eine sehr ruhige und tiefe Bauchatmung. Ihr Gesicht wirkte entspannt. Perkins ging ins Badezimmer. Er hatte schließlich noch nicht einmal geduscht. Als er das Licht einschaltete, sah er in den Spiegel. Sein Gesicht war entspannt, aber natürlich nicht ganz faltenfrei. Wäre ja auch zu schön gewesen.
Urplötzlich verschwamm das Spiegelbild wie ein See, in dem man einen Stein hineinwarf.
Andy sah ein kleines Mädchen, das sich langsam aus der Badewanne erhob. Seiner Ansicht nach konnte sie nicht älter fünfzehn oder sechzehn sein. Ihre Haare waren dunkelschwarz und verdeckten ihr ganzes Gesicht. Sie erhob sich tatsächlich aus seiner Wanne.
Das kann einfach nicht sein. Andyboy, du träumst wieder einen deiner Albträume. Das Mädchen ist nicht real.
Urplötzlich begann die Halogenlampe des Badezimmers leicht zu flackern und tauchte das Badezimmer in helle Blitze. Das Mädchen beobachtete ihn. Sie rührte sich jedoch keinen Zentimeter vom Fleck.
»Was willst du von mir?«, fragte er zitternd vor Angst.
Wieder ein heller Blitz. Sie streckte ihre Hand aus. Wahrscheinlich wollte sie ihn berühren. Sie konnte ihn jedoch überhaupt nicht berühren. Sie war ja im Spiegelbild gefangen.
XV
»Was willst du von mir?«, fragte er nochmals, und dann wurde er von einer Hand gepackt.
Es war die Hand des Mädchens, aus dem Spiegel. Sie kam aus dem Spiegel und wollte ihn mit hineinzerren. »Komm mit uns, Andy. Hab keine Angst«, sagte eine tiefe, Angst einflößende Stimme. Die Hand des Mädchens wurde immer kälter. Wenn sie noch kälter geworden wäre, hätte er anstelle einer Hand, nur noch einen fünfzackigen Eiszapfen gehabt.
»Lass los!«, schrie er und schlug die Scheibe mit seiner linken Hand ein. Es war vorbei. Jedenfalls für einen Moment.
Wir müssen hier weg!, sagte er zu sich selber und öffnete die Tür des Badezimmers. Wir müssen hier weg! Er rannte in das Schlafzimmer und traute seinen Augen kaum. Rita lag nicht mehr in dem Bett, sondern wurde von einem Schatten regelrecht verschlungen. Andy zweifelte langsam an seinem gesunden Menschenverstand. Das war der schlimmste reale Albtraum, den er in seiner Karriere als Mensch je erlebt hatte.
»Lasst sie in Ruhe!« Andy rannte in das Schlafzimmer, doch sie war verschwunden.
An der Decke schwebten drei große Schatten wie ruhelose Phantome im Kreis. Der Fernseher lief noch immer, doch von einer Sekunde auf die andere fiel das Bild aus. Man konnte nur noch ein seltsam endgültiges Rauschen vernehmen. Dann passierte schon wieder etwas Unbegreifliches. Das Rauschen verschwand und Andy blickte in das Gesicht von Tyler Daniels. Der Kerl lief im Fernsehen, obwohl er eigentlich im Polizeirevier sein sollte. Dieses Mal waren seine Augen jedoch giftgrün.
»He Mann. Nimm es nicht persönlich ja. Sie haben mich geschickt, um dir zu sagen, dass sie jetzt in einer anderen Welt ist. Sie ist sozusagen in Sicherheit, mein Freund.«
»Ich bin nicht dein beschissener Freund«, meinte Andy schnaufend vor Wut.
»Alles klar, du bist sauer. Du kannst sie zurück ins Leben holen, Andy. Alles, was sie wollen, ist ein Anführer, ein Botschafter, und dafür bist du weiß Gott mehr als geeignet.«
Andy konnte nicht ganz verstehen. »Ich dachte, du wärst dieser Anführer. He. Wieso braucht ihr mich?«
»Weil sie gesehen haben, wie viel Kraft in dir steckt, Mann. Ich selber bin wie gesagt nur ein Instrument. Komm in die dunkle Welt und befreie sie.«
Andy Perkins überlegte einen Moment, während er sich im Kreis bewegte wie ein aufgebrachtes Kleinkind, den man gerade die Süßigkeiten weggenommen hatte. »Kann ich dann auch zurückkommen?«, fragte er in einem verzweifelten Tonfall.
»Ich glaube nicht. Du wirst ebenfalls ein Instrument der Hölle.«
»Wie gelange ich dorthin?« Andy Perkins grinste.
»Das wirst du schon herausfinden. Ich gebe dir einen Tipp: Spiegel sind hier Tore. Mann!«, sagte er, und dann verschwamm sein Gesicht zu einer hässlich verzerrten Fratze. Er fiel förmlich in sich zusammen. Der Fernseher lief wieder ganz normal. Auch die Schatten waren verschwunden.
Erst jetzt bemerkte Andy, dass er vergessen hatte, seine Nachttischlampe auszuschalten und die Schatten höchstwahrscheinlich deswegen entstehen konnten. Wie sollte man sie aufhalten? Es handelte sich um Dämonen, die durch Spiegel kommen konnten. Sie konnten in Form von Schatten Menschen mit in die Hölle reißen. Ihm fiel bei dieser absurden Geschichte ein Horrorfilm mit Kiefer Sutherland ein, in dem es ebenfalls um Monster ging, die aus Spiegeln kamen. Er hatte sich den Film vor einem Monat angesehen. Andy war sich nun sicher, jeden Moment seinen Verstand zu verlieren. Das Leben hatte sich für ihn in eine schreckliche Albtraumwelt verwandelt und er konnte nichts dagegen unternehmen. Er war dem Teufel ausgeliefert. Vielleicht gelang es ihn, dorthin zu kommen, aber was wäre, wenn er dann nie wieder zurückkehren würde? Egal. Er musste Rita befreien. Wenn dieser Daniels Recht behielt, lebte sie noch und er würde sie befreien. Andy zog sich seine Lederjacke über und bewaffnete sich sicherheitshalber mit einer Taschenlampe. Vielleicht half es ja gegen die Schatten.
Als er in die kalte Luft trat, wurde ihm übel. Er übergab sich direkt vor der Eingangstür.
XVI
Als er spürte, dass sein Magen nichts mehr besaß, was er hätte von sich geben können, marschierte er zu seinen Wagen. Was sollte er jetzt tun? Zuerst musste er ins Polizeirevier. Vielleicht lebte Williams ja noch.
Der Motor ruckelte beim Starten und sein Radio stimmte einen Song von AC/DC an. Andy wusste nicht genau, warum er sich ausgerechnet in dieser Situation für einen Rocksong interessierte, aber er wusste, dass die Fahrt ohne Musik nur noch nervenaufreibender gewesen wäre. Seine Augen begannen leicht zu brennen und sein Körper zitterte. Eine Zigarette. Er brauchte jetzt eine verdammte Zigarette. Noch vor eine Woche hätte er nicht einmal im Traum daran gedacht, auch nur einen Gedanken an diese Dinger zu verschwenden, doch dieser Tag zwang ihn förmlich dazu. Ja genau, eine Zigarette. Rauch eine, bevor du in die Hölle kommst, Mann. Und wie wäre es vielleicht mit einem Scotch. Oh, Mann da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen.
Im Polizeirevier brannte noch Licht. Auch das Auto von Deputy Williams stand noch am selbigen Platz wie am Nachmittag. Andy parkte seinen Wagen neben den von Roberts, ließ den Motor jedoch laufen, damit es im Auto etwas wärmer werden konnte. Als er die Tür des Reviers öffnete, traute er seinen Augen kaum. Williams war verschwunden. Tyler Daniels war verschwunden. Die Hölle hatte sie sprichwörtlich eingefordert. Andy Perkins entschied sich dafür, einige Waffen mitzunehmen. Er band sich eine Schrotflinte um den Hals, packte zwei dazugehörige Päckchen Munition in seine Jackentasche und holte sich die Schachtel Marlboro, welche neben einer brennenden Petroleumlampe lag. In der Schachtel befand sich ein Feuerzeug, was er mit einem erleichternden Seufzen aufnahm. Als er den ersten Zug inhalierte, wurde ihm sofort wieder bewusst, warum es ihn anfangs so schwer gefallen war, damit aufzuhören. Der Rauch schmeckte zwar widerlich, übte aber ein scheinbar angenehmes Gefühl in der Lunge aus.
Im Waffenschrank befanden sich neben ein paar Handgranaten auch Leuchtstäbe, welche nach sofortigem Brechen ein helles Licht entfachten. Ohne zu überlegen, schlug er die Scheibe des Schrankes an und packte seine Taschen voll. Nun war er gewappnet für einen Krieg gegen das Unbekannte, glaubte jedoch nicht daran, letztendlich als Sieger vom Schlachtfeld zu marschieren. Andy ging mit einer Tasche voller Waffen aus dem leer gefegten Revier und blickte auf die Straße. Keine Menschenseele war unterwegs. Doch dann geschah etwas. Etwas, mit dem er eigentlich schon gerechnet hatte. Ein etwa dreißig Jahre alter Mann rannte die Straße entlang. Auf seiner rechten Wange verlief eine mindestens fünf Zentimeter lange Narbe, welche höchstwahrscheinlich durch einen tiefen Messerschnitt entstanden war. Irgendetwas war hinter ihm her. Der Kerl litt unter Todesangst, so viel war sicher.
Andy konnte nichts sehen, außer dem Mann. Doch dann konnte er erkennen, dass die Straßenlaternen ungewöhnliche Schattenformen mit sich zogen, die ihn scheinbar verfolgten. Der Kerl versuchte anscheinend in der Dunkelheit zu bleiben, denn das Licht der Laternen ließ logischerweise die Schatten entstehen. In der Dunkelheit wäre er sicher, jedenfalls vorerst. Als der Typ Andy erblickte, begann er laut zu schreien. »Bitte, helfen Sie mir! Sie sind hinter mir her! Bitte, um Gottes willen! Helfen Sie mir!«
Andy fiel darauf nur eine schlüssige Antwort ein. »Bleiben Sie in der Dunkelheit! Treten Sie nicht in das Licht! Ich komme Sie holen!« Der Mann folgte seiner Anweisung und verweilte auf dem in Finsternis gehüllten Gehsteig. Auf der anderen Straßenseite formierten sich die Schatten zu seltsamen, flüsternden Figuren. Sie tanzten regelrecht und schienen zu wissen, dass sie sich den Mann früher oder später schnappen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.
Andy verstaute die Tasche mit den Waffen auf den Rücksitz seines blauen Ford Challenge und legte in einem aberwitzigen Tempo den ersten Gang ein. Der Motor hörte sich an wie ein brüllender Löwe. Er fuhr direkt zu dem Mann und ließ ihn einsteigen. »Machen Sie die Türe zu, sonst bleibt das Licht an«, meinte Andy kühl und fuhr los.
XVII
»Bitte bringen Sie uns hier raus. Fahren Sie aus der Stadt raus, nach Queensville oder Ohio, ganz egal.«
Andy wusste, dass er das nicht tun konnte. Zuerst sah er sich gezwungen, den Kampf mit seinen Albträumen aufzunehmen. Er musste seine Freundin um jeden Preis da raus holen. Er hatte versprochen, sie mit dem Leben zu beschützen. »Ich kann hier nicht weg! Tut mir leid. Steigen Sie in ein Auto und fahren Sie davon«, meinte er, den Blick auf die verschneite Fahrbahn gerichtet.
»Ich schaffe es nicht allein. Sie verfolgen mich. Sie haben meine Familie geholt und jetzt wollen sie mich auch holen.« Der Typ zitterte am ganzen Leib, Angstschweiß rann ihm von der Stirn.
Nun kehrten die Schatten zurück. Andy hatte vergessen, dass die Scheinwerfer seines Fords auch Schatten warfen und sich gerade neu formierten. Ihre Krallen näherten sich unwiederbringlich der Windschutzscheibe. Sie griffen nach ihnen.
Andy überlegte nicht lange und schaltete das Licht aus. Er drosselte die Geschwindigkeit seines Wagens und reduzierte sie auf ein Minimum. Doch dann kam das nächste Problem auf ihn zu. Die Spiegel. Er konnte sie doch unmöglich zerstören. Dann wäre er blind wie ein Maulwurf gewesen. Andy blickte ängstlich in den Rückspiegel und sah ihn wieder.
Tyler Daniels saß scheinbar auf den Rücksitz, doch sein Blick war dieses Mal ernst. Todernst. Seine Augen waren blutrot und sein Gesicht war mit tiefen Schnittwunden übersät. So musste man sich den Teufel in Menschengestalt vorstellen. Seine Stimme klang furchtbar tief, wie die eines Dämons. »Du kannst sie nicht retten, Andy. Ich kenne dich. Du glaubst, du kannst alle Menschen retten, doch du hast keine Chance gegen uns. Wir sind überall und wir holen uns das, was wir wollen.«
Andy spürte sein Herz schwer in der Brust schlagen. Jeder einzelne Blutschwall, der über die Aorta in seinen Körper gelangte, schien stechende Schmerzen zu verursachen. »Ich werde dich töten! Ich schwöre dir, ich werde dich vernichten!«, sagte Andy voller Zorn.
Tyler beugte sich ein Stück nach vorne. »Wenn du meinst. Vorher hole ich mir aber noch deinen Freund.« Kurz, nachdem Daniels das gesagt hatte, kam eine schwarze Hand aus dem rechten Seitenspiegel, die den Mann einsaugte wie eine Spinne mit einem Staubsauger. Übrig blieb nur noch ein Chicago Bulls Jacke, die jetzt auf den Nebensitz lag.
»Du verdammtes Schwein, du verdammtes Schwein!«, schrie Andy verzweifelt und begann zu weinen. Er weinte vor Verzweiflung.
»Ich glaube, ich weiß, was du vorhast, Andyboy. Du willst ins Bergwerk, was? Du glaubst dort irgendetwas zu finden. Ich schlage vor, du fährst direkt durch dieses Schaufenster.«
Andy fasste es nicht. Das Schaufenster vor ihm hatte eine sehr dunkle Tönung und spiegelte deswegen die Umgebung auch besonders scharf. Er hielt den Wagen vor dem Schaufenster und schaltete in den Leerlauf. Das Spiegelbild zeigte seinen Ford Challenge. Im Hintergrund befanden sich jedoch herumfliegende Dämonen und ein gigantisch wirkendes Riesenrad. In den Waggons des Riesenrads waren Menschen, die um Hilfe schrien. Um die Waggons herum schwebten die Dämonen und fuhren durch sie hindurch. Übrig blieben nur die Skelette der Menschen, die Seelen wurden gefangen genommen und gefoltert.
Eine Truppe von ungefähr zwei Dutzend Skeletten näherte sich langsam seinem Ford Challenge. Das alles überbot die Szenerie eine Hieronymus-Bosch-Gemäldes um Längen. Es existierte tatsächlich eine andere Welt. Eine Welt des Bösen. Tyler Daniels musste sie ver-sehentlich geöffnet haben. Das Tor zur Hölle war offen.
»Na gut, ihr wollt es nicht anders!«, rief Andy mit einem von Wut verzerrten Gesicht und steuerte seinen Wagen in die andere Seite, steuerte ihn durch die Scheibe – in eine andere Dimension. Die Plexiglasscheibe des Ladens blieb beim Durchfahren ganz, sie verschlang das Auto.
Danach war in Georgetown wieder alles ruhig. Keine Schatten. Keine Menschen. Die Schatten der Straßenlaternen lagen ruhig auf dem Asphalt.
Andy war sich nicht sicher, wie er lange er bewusstlos auf diesen mit Knochen übersäten Boden gelegen hatte, aber er befand sich definitiv nicht mehr in der normalen Welt. Dies war die Schattenwelt, die Welt der Toten.
XVIII
Der Raum, in dem sich Andy befand, hatte riesige Wände, an denen spitze Pfeile heraus-ragten. An manchen Spitzen klebten noch Gewebefetzen. Schreie wirbelten wie Tornados durch die Halle, in der er sich befand. Es waren unzählige Schreie. Er konnte sie unmöglich auseinanderhalten. Langsam richtete er sich auf, wie eine Maschine. Sein angsterfüllter Blick glitt über einen ungefähr sechs Meter hohen Schrottplatz. Anders konnte man es nicht beschreiben. Dort lagen Karosserien verschiedenster Art und auch einzelne Teile von Schiffen.
Das war einfach unmöglich. Verdammt, wach endlich auf Andy! Wach auf aus diesem Albtraum! Doch er war sich im Klaren darüber, dass dieser Wunsch nur ein Flehen seines Verstandes war. Ein nicht erfüllbares Flehen.
Andy suchte sein Auto. Eigentlich wusste er selber, dass es nahezu unmöglich war, sein Auto in diesen Schrottmassen zu finden. Ein Versuch war es jedoch wert. Andy trat mit seinen Stiefeln über herumliegenden Oldtimerreifen, deren Chrom so hell glänzte wie geschliffene Diamanten. Vor ihm lag der Mast eines Schiffes, welcher eine Länge von mindestens zwanzig Metern maß. Das hier musste etwas Ähnliches wie das Bermudadreieck sein. Andy stieg auf die Tragfläche eines Schiffes und versuchte dabei, nicht sein Gleichgewicht zu verlieren. Die Luft, die er atmete, war modrig und verbraucht wie im Bergwerk. Die Schreie wurden immer lauter, immer tiefer.
Dann sah er ihn. Wie durch ein Wunder gelangte er zu dem Wrack seines 67er Challenge, der so eingequetscht war, dass er ihn hier unmöglich wieder rausmanövrieren konnte. Rechts neben ihn befand sich ein kleines japanisches Flugzeug. Es sah aus wie eines, dass die Japaner im Zweiten Weltkrieg beim Angriff auf Pearl Harbour geflogen hatten.
Andy versuchte, an den Rücksitz seines Wagens zu kommen. Unmöglich. Er war von allen Seiten regelrecht eingedrückt. Aber er konnte die Scheibe einschlagen und somit an seine Tasche gelangen. Bei dem Durchschlagen der Scheibe spürte er keinen Schmerz. Es fiel ihm sogar leicht. Er zerrte die Tasche mit den Waffen vom Rücksitz und band sie sich über seinen Rücken. Dann sah er ihn wieder. Tyler Daniels, oder das, was noch von ihm übrig war.
»Mit diesen Waffen hast du nicht den Hauch einer Chance!«, sagte Daniels laut.
Andy ließ sich jedoch nicht davon abhalten, seine Schrotflinte zu laden. Daniels näherte sich ihm langsam. Andy feuerte zwei Kugeln aus dem Lauf, die Daniels wie einen Stein zurückfliegen ließen. Doch nach einem kurzen Moment stand er wieder auf. Nichts konnte ihn in dieser Welt etwas anhaben. Nichts.
»Glaubst du wirklich, dass mich das aufhält. Du bist nun einer von uns. Also folge mir.«
Doch Andy dachte nicht daran, ihn zu folgen. Er wollte ihm eine Abfuhr geben. Eine vernichtende Abfuhr. Andy sprang von dem Schiffswrack und rannte schreiend auf Daniels zu. Er holte mit der Schrotflinte aus und ließ sie mit voller Wucht auf Tylers Gesicht krachen. Ein dumpfer Schlag war zu hören.
Daniels packte mit seiner rechten Hand zu. Er packte Andys Kehle und drückte sie zu-sammen. »Ich könnte dir die Kehle rausreißen, du Nichts. Aber ich fürchte, dass du deine Stimmbänder noch eine Weile brauchen wirst. Nur für den Anfang, versteht sich.«
Andy zog ein Päckchen Munition aus seiner Jacke und knallte sie mit voller Wucht auf seinen Schädel. Daniels taumelte leicht zurück. Diese Pause nutzte Andy. Er schlug mit beiden Fäusten in Daniels Magengrube und dann schlug er ihm ins Gesicht. Er konnte regelrecht spüren, wie sein Kiefer beim Aufprall brach. »Du verdammtes Schwein« Sein Zorn verlieh ihn geradezu übernatürliche Kräfte, die ihn jedoch nicht viel brachten.
Beim nächsten Schlag packte Daniels seinen Arm und brach ihn. Andy spürte den heftigsten Schmerz seines Lebens. Er war außer Gefecht gesetzt, dem Bösen hilflos ausgeliefert.
»Komm mit!«, sagte Daniels und zog ihn hinter sich her wie ein Sack Kartoffeln.
Andy spürte die Knochen um sich herum. Er hielt seinen Arm vor Schmerzen fest.
Daniels verfrachtete ihn in einen noch größeren Raum, in welchem sich die Menschen be-fanden. Sie waren wie in einem Horrorfilm an Ketten fixiert, welche sich wie Schlangen durch ihre Haut bohrten.
XIX
Einige Mädchen wurden von seltsamen Maschinen ausgesaugt, die das Blut mittels Eisenrohren in eine noch größere Maschine beförderte.
»Willkommen auf der anderen Seite«, sprach Daniels in einem herablassenden Ton, der für Andy verdammt endgültig klang. »Das hier ist die Endstation. Du wirst mein Gehilfe sein.«
Da kam Andy eine Idee. Was war überhaupt mit Rita? Laut dem Deal, den er mit Tyler geschlossen hatte, blieb ihm die Option, sein Leben gegen ihres einzutauschen. »Zuerst lässt du Rita laufen!«, sagte Andy scharf und keuchend vor Schmerz.
»Nun, ich denke nicht, dass du in der Position für Forderungen stehst, aber ausnahmsweise. Du sollst sie haben!«
In dem Raum befanden sich nach Andys Schätzungen mindestens ein Dutzend riesiger Spiegel. Aus einen wurde Rita befördert, wie eine abgelaufene Batterie. Sie fiel ächzend vor Schmerzen auf den Skelettboden.
»Rita, oh mein Gott. Haben sie dir was angetan?«, fragte Andy, während er sich auf den Boden krümmte.
»Nein. Andy, ich habe Angst!«, antwortete sie.
»Ich komme zurück Rita, ich verspreche es!«
Tyler Daniels grinste wieder. Die Krater in seiner Haut verliehen ihm das Gesicht einer aufgeplatzten Tomate. »Nun, das glaube ich weniger, mein Freund!«
Rita wurde von einigen metallischen Schläuchen durch ein weiteres Fenster geworfen.
Andy konnte zwar nicht genau sagen, ob sie sich nun wirklich wieder auf der Erde befand, oder nur in einen anderen Schacht geworfen wurde. Er hatte jedoch keine Wahl. Er sah sich gezwungen, dies anzunehmen.
»Menschen. Sie sie dir an, Andy. Verlorene Geschöpfe. Hier werden sie erfahren, was Schmerz bedeutet. Wir werden sie nie wieder weglassen. Unsere Maschinen brauchen schließlich Energie. Wenn die Ressourcen verbraucht sind, kommen wir zurück. Dann nehmen wir uns ein anderes Städtchen vor. So läuft das, mein Freund. So sind hier die Regeln. Gewöhn dich am besten schon mal dran.«
Andy griff nach seinem Rucksack. Es war seine letzte Chance. Er zog eine Handgranate aus dem Rucksack. »Ich habe auch meine Regeln!«, meinte er schnaufend und zog den Sicherheitsverschluss mit seinen Zähnen ab. Er steckte sie in Daniels Hose, schubste ihn weg und ging hinter einen Haufen Autoreifen in Deckung.
Mit einem lauten Knall wurde Tyler in alle Einzelteile zerfetzt. Ein leichtes Beben erschütterte den Raum. Andy lud die Schrotflinte mit seiner letzten Munition. Ein Metallschlauch packte ihn am rechten Bein und versuchte, ihn mit in einen Schlund zu ziehen. Noch mehr Schläuche tauchten auf.
»Verdammte Scheiße!«, sagte Andy und feuerte die Munition auf die Spiegel ab. Sie zerfielen in riesige Scherben, welche auf den Boden fielen wie die leere Hülsen.
Inzwischen setzten sich Tyler Daniels herumliegende Gewebefetzen wieder selbst zusammen. Es wirkte fast so, als ob Metallstaub von einem Magneten angezogen wurde.
Andy glaubte nicht mehr daran, noch aus dieser Hölle entkommen zu können, doch eine Stimme in seinem Kopf behauptete was anderes. Du kannst es schaffen Andy! Leg den Hauptreaktor lahm! Andy wusste nicht genau, welchen Hauptreaktor diese Stimme eigentlich meinte.
Das Blut der jungen Mädchen war nun vollständig in den riesigen Behälter geflossen. Übrig waren nur noch einzelne Hautfetzen, die von Tyler Daniels bösem Magnetismus angezogen und regelrecht verschlungen wurden. Daniels war zurückgekehrt und er war böser denn je. Langsam lief er auf Andy zu. Das höhnische Grinsen war nun nicht mehr sichtbar.
Andy überlegte, was er machen sollte. Er hatte nur noch zwei Handgranaten und vielleicht fünf Schrotkugeln. Eine davon feuerte er auf Daniels ab, der sich dadurch jedoch nicht auf-hielten ließ. Der Metallschlauch zerrte immer noch wie besessen an Andys Bein.
Andy schlug mit der Schrotflinte auf den Metallschlauch und konnte sich wie durch ein Wunder befreien. Er fiel auf den mit Knochen übersäten Boden. Sein Bein schmerzte beim Aufprall. Dann kam ihn die beste Idee des Tages, vielleicht die beste Idee seines Lebens. Er konnte das Spiel der Schatten nicht gewinnen, da sie ihm ohnehin immer einen Schritt voraus gewesen wären, aber er konnte diesen verfluchten Behälter, den Reaktor lahmlegen.
XX
Blitzschnell zückte er eine Granate, die er in eine der Blutschläuche steckte. Er entfernte den Sicherheitsverschluss. Sie wurde von dem Schlauch tatsächlich eingesaugt.
Daniels lief immer noch auf ihn zu, doch als der Reaktor im Begriff war, zu explodieren, ver-änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Der Mundwinkel sank herab – die blutroten Augen öffneten sich weit. Ein verzweifelter Schrei kam aus seinem Mund.
Doch dann hüllte die Stärke der Explosion alles in ein grelles Licht. Aus dem Wrack des Reaktors flossen Unmengen von Blut, die alles mit sich zogen, was nicht durch Ketten oder Schläuche angebracht war. Die letzten übrig gebliebenen Spiegel zerplatzten beim Aufprall des Blutes. Die Hölle war im Begriff zu zerbrechen.
Rita wachte in einem Kaufhaus von Georgetown wieder auf. Auf den Boden befanden sich Millionen kleiner Glasscherben. Sie war splitternackt und befand sich in einem Meer aus Scherben. Als sie aufstand, bohrte sich eine der Scherben tief in ihren Fuß. Sie schrie vor Schmerzen laut auf. »Verdammte Scheiße!« Doch sie lief weiter. Es war ihr egal, ob sie sich verletzte, da sie ohnehin noch unter Schock stand.
Die Lampen des Kaufhauses flackerten wie ein helles Lagerfeuer und tauchten die Umgebung in helle, Angst einflößende Blitze. Rita vermutete, dass die Schatten sie jeden Moment wieder ergreifen würden. Komischerweise griff nichts nach ihr. Sie taumelte wie betrunken aus dem Kaufhaus und überblickte die Straße. Die Lichter der Laternen lagern ruhig auf den Asphalt. Plötzlich erloschen sie lautlos und Rita zuckte heftig zusammen. Sie zitterte am ganzen Leib und hatte ihre Arme schützend um ihren Körper geschlungen. Das Läuten der Kirchenglocken ließ sie abermals heftig zusammenzucken, bis ihr allmählich etwas klar wurde. Der Spuk war vorüber. Es war ein Uhr 15. Die Lichter wurden immer um diese Zeit abgeschaltet. Der Spuk war vorüber.
Rita wandelte wie ein Zombie durch die Geisterstadt, in der es nichts mehr gab, außer Häuser, Autos und leere Straßen. Andy du fehlst mir so! Wieso hast du mich im Stich gelassen? Wieso lässt du mich hier alleine zurück? Rita lief an einem roten Oldtimer vorbei, in dem Licht brannte. Je näher sie sich dem Wagen näherte, um so lauter wurde die Musik, die aus dem Wagen kam. Sie wusste es nicht genau, glaubte aber einen Song von den Beatles zu vernehmen. Help. I need somebody. Help …
Rita warf einen Blick auf den Fahrersitz. Dort ruhten eine schwarze Lederjacke und ein silberner Nietengürtel. In dieser Straße standen sehr viele Autos, deren Türen geöffnet waren. Einige Häuser brannten und einige stürzten sogar in sich zusammen.
Rita weinte. Das war alles, was sie tun konnte. Sie weinte.
Urplötzlich glaubte sie eine Stimme aus dem Radio zu vernehmen. Es war die von Andy.
»Hallo Rita? Rita bist du da? Wenn du mich hören kannst Schatz, dann melde dich bitte, ja?«
Rita zögerte einen Augenblick lang. »Ja ich bin hier, Schatz!«, sagte sie und sah dabei aus, als ob sie gleich verrückt werden würde. Ihre Augen funkelten und zuckten wild umher.
»Du musst ins Bergwerk gehen, nur so kannst du mich retten!«
»Was soll ich tun?« Ihre Stimme glich einem Erdbeben.
»Suche einen schwarzen Würfel.«
»Einen schwarzen Würfel?«
»Bitte Schatz, tu, was ich dir sage. Ich verspreche dir, es wird alles wieder gut.« Die Stimme klang verzerrt.
Obwohl Rita nicht daran glaubte, dass Andy noch lebte, machte sie sich auf den Weg ins Bergwerk. Es war ein Schritt der Verzweiflung, der sie antrieb. Außerdem standen die Chancen fifty fifty. Vielleicht konnte sie ihn ja zurückholen. Vielleicht holte sie auch die Schatten zurück. Vielleicht träumte sie auch nur. Egal, sie machte sich auf den Weg in das Bergwerk.
Noch einmal drehte sie sich um, damit sie sich vergewissern konnte, dass sie von Nichts und niemandem verfolgt wurde.
XXI
Ich verspreche dir, es wird alles wieder gut. Es wird alles wieder gut werden. Rita hörte diese Worte immer wieder in ihrem Kopf widerhallen wie ein ohrenbetäubendes Echo. Ihr Körper war kalt – eiskalt. Ich komme, mein Schatz. Ich werde dich aus der Schattenwelt rausholen. Dann werden wir heiraten und Kinder kriegen. Ich werde dich da rausholen! Eine der Straßenlaternen flackerte kurz auf, um kurz darauf wieder zu erlöschen wie eine Fackel. Einen Augenblick lang, glaubte sie ein Flüstern zu vernehmen, welches von einem starken Windsog herangetragen zu werden schien. Rita schloss die Augen kurz und öffnete sie wieder. Sie atmete tief ein und machte sich schließlich auf den Weg in die Berge.
© Matthias Krutzsch