
Lyrik

Grafik: © Michael Sagenhorn
Warum in manch einem Buch der Leser liest,
die Feder mächtiger als das Stahlschwert ist:
Der große Krieger steht stolz auf einem Berg,
in der Hand ruht ein blitzend’ Schwert.
Der kleine Schreiber, an ein Pult gesandt,
hält eine dünne Feder in der Hand.
Der Krieger hat, so war’s in alten Tagen,
schon über tausend Mann mit seinem Schwert erschlagen.
Der Schreiber schreibt bei Kerzenlicht,
mit seiner Feder ein Gedicht.
Der Krieger erhält Ehr’ und Ruhm fortan,
der Schreiber hungert, da er außer dichten nicht viel kann.
Des Kriegers Name hallt durchs ganze Land,
der Schreiber bleibt den Menschen unbekannt.
Gefürchtet ist des Kriegers Schwert,
denn es schlägt schnell den Kopf vom Rumpf.
Des Schreibers Feder scheint nichts wert,
sie ist schon lange alt und stumpf.
Als dann erschien der Sensemann,
ein weiterer Unterschied zum Vorschein kam.
Auf des Kriegers Tod erfolgte Wehgeschrei,
des Schreibers Schwinden war den Menschen einerlei.
Hundert Jahre sind vergangen,
vergessen wurd’ des Kriegers Namen.
Er musste für die andern weichen,
auch diese wollten Ruhm erreichen.
Der Rost zersetzt des Schwertes Stahl,
nichts mehr da, es war einmal!
Auch die Feder war gewesen,
doch ihr Erbe ist zu lesen.
Schon bald ist ein Gedicht zu finden,
geboren durch des Schreibers Händ’.
Das Gedicht lässt alle Trauer schwinden,
obwohl niemand seinen Namen kennt.
© Michael Sagenhorn 2001
|