Orkliebe
Einst ward ein Ork gesichtet,
so hat man es berichtet,
der einer hübschen Elfenmaid
stahl das gülden' Hochzeitskleid.
Auf dem großen Hochzeitsfeste
zeigten sich schockiert die Gäste.
Der Bräutigam griff rasch zum Schwerte,
nahm auf des Orkendiebes Fährte.
Die Jagd ging durch die Wälder,
über Berge und durch Felder.
Erst am langen, breiten Fluss
war endlich mit dem Jagen Schluss.
»Hört doch«, rief der Ork und bat:
»Ihr müsst verstehen, diese Tat.
Nach dieser Liebe gier ich schon,
da wart Ihr noch ein Tischlersohn.
Ihr habt es ja zu was gebracht,
habt einen Namen Euch gemacht.
Arm bin ich und nur Poet,
was bei Orks ja gar nicht geht.
Wir sollen kämpfen und auch rauben,
nicht an schöne Dichtkunst glauben.
Wir sollen nur Verderben bringen,
nicht Oden oder Hymnen singen.
Doch meine Seele möcht' das Schöne,
dass ich Elf und Mensch verwöhne
mit sanften Versen über Liebe,
nicht mit Kriegssongs über Hiebe.
Gewährt mir doch dies eine Licht,
das glücklich macht, den armen Wicht.
Habt Verständnis für mein Flehen.
Wollt Ihr über Leichen gehen?«
Den Bräutigam, den störte wohl,
das ein Ork, ansonsten hohl,
plötzlich solche Dinge sprach
und ein Vorurteil zerbrach.
Er schrie zum grünen Ungetüm,
vielleicht ein wenig ungestüm:
»Du hast zerstört die Festlichkeit,
stahlst auch noch das schöne Kleid.
And'rer Leute Elfe begehren -
dich werd' ich nun Anstand lehren.
Stell dich jetzt dem harten Kampf,
gewaltig steh' ich unter Dampf.«
Mit diesen Worten kam die Schneide,
durchtrennte flugs die feine Seide,
die der Ork als schlechten Schild
vor die stramme Brust sich hielt.
»Seid doch nicht so aufgebracht,
ihr habt es ja kaputt gemacht«,
beweinte da der Ork 's Gewand,
hielt fest den Fetzen in der Hand.
»Es war doch nicht die Braut, die holde,
die ich mit mir nehmen wollte.
Nein, der Sinn stand nach dem Kleid,
das ihr eben habt entzweit.«
Vor dem zweiten Klingenstoß
ließ der Held die Klinge los.
Ein Lachen zwang ihn in die Knie,
einen solchen Ork sah er noch nie.
»Komm«, sprach er zum Grünen,
»du sollst nicht länger sühnen
für deine langen Finger,
bist wohl doch kein Orkenringer.«
Der Ork senkte beschämt den Blick,
gab das zerstörte Kleid zurück,
doch der Bräutigam verneinte,
steckte weg das Schwert und meinte:
»Die Schneiderin der Elfen
kann dir sicher helfen.
Ein Kleidchen für dich wird sie nähen,
als Brautjungfer sollst du dann gehen.«
Fröhlich sprang der Ork im Kreis.
Ihm wurde kalt, ihm wurde heiß.
Endlich wurden Träume wahr:
Er als Teil der Jungfernschar.
Vielleicht fing er ja auch den Strauß,
zog dann in die Welt hinaus,
um einen Ork wie ihn zu finden.
An den würd' er sich ewig binden.
Copyright © 2010 by Sven Später