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Lyrik

Herbstzeit
Kreislauf immer neuen Glücks

von Evelyn Goßmann

Gehe ich gedanklich in Jahren zurück und krame in Erinnerungen, überzieht ein Lächeln mein Gesicht. Ein schöner Tag mit leuchtenden Farben und spätsommerlichem Sonnenschein lässt meine Erinnerungen neu aufleben.
Bilder von Kindern, die aus den herabgefallenen müden Blättern Hügel voll raschelnden Laubes aufgehäuft hatten, um voller Vergnügen hineinzuspringen, stiegen vor meinem geistigen Auge auf. Andere wiederum sammelten Kastanien, glänzend rotbraun, oder noch geschützt in der stacheligen Schale. Schnell gesellten sich Bilder aus der eigenen Kindheit dazu.
"Ach ja", ein kleiner Seufzer entschlüpft mir unbemerkt, ehe mir erschreckt bewusst wird, dass ich es bin, der ihn ausgestoßen hat.
Auch ich bin einst solch ein unbeschwertes Kind gewesen, das zur Herbstzeit Spaß am raschelnden Laub der trockenen, bunten Blätter und den herbstlichen Naturprodukten hatte. Unbeschwert und möglichst geräuschvoll war ich mit meinen Freunden durch das Laub gelaufen, in die kleinen rot- oder gelbbraunen Hügel gesprungen, hatten uns lachend und übermütig darin gewälzt oder gar mit dem farbenfrohen Blätterregen beworfen. Müde vom Toben wurden fröhlich und jauchzend Kastanien und Eicheln gesammelt, um daheim mit viel Spaß und Feuereifer lustige Basteleien fertig zu stellen.
Schmunzelnd erinnerte ich mich an die kleinen lustigen, kugelrunden Kastanienmännchen, die um diese Zeit gerne gebaut und oft Arme und Beine aus abgebrannten Streichhölzern verpasst bekamen. Haare bekamen sie aus winzigen Wattebäuschchen oder kurzen Wollfäden.
Manchmal bauten wir auch schmale Männlein, die ihre Figur durch die länglichen Eicheln bekamen. Den Kastanienmännlein hatten wir hin und wieder Hütchen aus den Eichelhülsen auf den Kopf geklebt, damit sahen sie wirklich zu komisch aus. Deutlich sah ich wieder vor mir die Reihen dickbäuchiger komischer Gesellen, und auch die schmaleren Figürchen, die um die Zeit ständig Fensterbänke und jedes Regal schmückten. Als Augen wurden ihnen einfach Pfefferkörner aufgeklebt. Nach einer ganzen Weile sahen die gebastelten Männlein zerknittert, kraus und vertrocknet aus, und schrumpften saft- und kraftlos, etwas verbeult und angeschlagen wie nach einem Boxkampf zusammen. Dahin war der ehemals rotbraune frische Glanz der ehemals frischen, reifen, prallen Früchte.
Wie oft hatte ich mit verwunderter stiller Freude in diesen Zeiten alte Menschen im Park auf der Bank sitzen sehen, Hand in Hand, ganz still, und doch schien es, als würden sie sich auf eine telepathische Weise unterhalten. Schon immer hatte mich ein eigenartiges Gefühl beschlichen, wenn ich solche Pärchen sah, die herbstliche Sonne genießend, wenn sie belustigt zwinkernd den Kindern zuschauten mit diesem besonderen, wissenden Lächeln in den Augenwinkeln.
Unbewusst hatte ich immer geahnt, dass es ein Geschenk sein müsste, sich in fortgeschrittenem Alter so innig nahe zu sein, und einander ohne große Worte zu verstehen, weil die Herzen im Laufe der Jahre ganz eng zusammengewachsen waren.
Würde ich auch mal so sein?, hatte ich mich oft gefragt, als ich älter wurde. Es schien ein offenes Geheimnis, dass solche Erlebnisse ganz besondere sein müssten. Ein fast leuchtendes Strahlen ging von solchen Leutchen aus, die voller Glück und Zufriedenheit die Schönheiten des Herbstes auskosteten, egal ob es ein herbstlicher Sturm war, der den mühsam aufgehaltenen Schirm umzuschlagen, ihn gar zu entreißen drohte, oder letzte wärmende Sonnenstrahlen, die durch die sich prachtvoll färbenden Blätter schienen. Oder war es einfach das Glück des gemeinsam erlebten Momentes, der inneren, gemeinsamen Harmonie, der Vertrautheit? Unterschiedlichste Gedanken tummelten sich in meinem Kopf; was es auch war, unverdrossen und unerschütterlich verblieben diese Menschen im Park.
Diese Zeiten und Augenblicke gemeinsam zu erleben, die Gedanken zurückschweifen zu lassen, schöne Erinnerungen abzurufen ließ sie fast schon wieder jung wirken, und musste einen geheimnisvollen, verborgenen Zauber haben. Auch wenn es nicht wirklich zu beschreiben war, berührte solch ein Anblick mich immer wieder aufs Neue, schon als Kind. Ich spürte eine eigenartige Rührung in mir, ein elektrisierendes Gefühl, für das ich keinen Namen wusste.
Heute bin ich schon eine dieser Senioren, und beobachte schmunzelnd und erfreut die glücklichen Herbstspiele der Kinder, ganz hingegeben an diese Freude. Bin versöhnt mit dem Leben, das dies alles bietet, und Generationen nach uns werden gleiche oder ähnliche Gedanken bewegen.
Automatisch greife ich nach der Hand meines Mannes neben mir, der mir sein Gesicht liebevoll, etwas verschmitzt lächelnd zuwendet in der goldenen Nachmittagssonne. Unsere Augen müssen blinzeln, weil die Sonne uns blendet, noch Kraft hat wie wir; ahnen auch, dass uns ähnliche Gedanken bewegten, in die jeder für sich gerade versunken war. Mit der Berührung unserer Hände verschmelzen auch unsere Herzen, einander ergeben voller Vertrauen. Der wärmende Strom der Liebe fließt durch unsere Adern. Ich liebe den Blick in seine fröhlichen, gütigen Augen, in denen funkelnde goldene Pünktchen tanzen, seine Hände, die so unendlich zärtlich und liebevoll sind, immer gearbeitet haben für mich, für uns, unser Kind, unser Leben. Liebevoll hebe ich seine Hand an meine Wange, wortlos doch voller gegenseitigem Verstehen. Wir haben uns, erleben wiederum diesen goldenen Oktober, auch unsere goldene Herbstzeit voller Dankbarkeit, glücklicher Erinnerungen, stiller Freude.
Noch haben die Enkel den gleichen Spaß an der Fülle des reichen Herbstes und seiner Früchte, und wir schauen ihnen zu und erinnern uns zurück, erleben es glücklich neu.
Eines Tages werden unsere Kinder, Enkel diese Menschen sein wie wir heute.
Ich wünsche auch ihnen das große Glück dieses gemeinsamen Herbstes, in dem das neu blühende, heranwachsende Leben so glücklich spielt wie zu unserer Zeit.

© Evelyn Goßmann

 

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