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Band 17 - Die Seelendiebin

Klopf-klopf. Klopf. – KLOPF!
Doreen fuhr erschreckt aus dem Schlaf hoch und starrte ins Dunkel. Was war das? Durch das Fenster schien das Mondlicht und malte durch den alten Ahornbaum vorm Haus bizarre Muster auf den Teppich.
Klopf-klopf.
Doreen kicherte erleichtert, als sie sah, dass das unheimliche Geräusch nichts anderes war als ein Ast, der vom Wind gegen ihr Fenster geschlagen wurde. Sie kuschelte sich wieder in ihre Decke und schloss die Augen. Der Wind flüsterte im Baum. Als sie noch klein war, hatte sie geglaubt, das seien die Stimmen der Feen, die darin wohnten und die sich nachts Geschichten erzählten. Inzwischen war sie alt genug, um zu wissen, dass es gar keine Feen gab. Ebenso wenig wie den Weihnachtsmann. Aber sie liebte diese Geschichten immer noch. Und es war schön, sich vorzustellen, dass vielleicht doch etwas Wahres daran sein könnte und Feen und Elfen im Verborgenen direkt im Baum vor ihrem Zimmer wohnten.
»Doreenie.«
Doreen fuhr hoch. Hatte der Baum tatsächlich ihren Namen geflüstert? Unmöglich. Das musste sie geträumt haben.
»Doreenie.«
Nein, das war kein Traum. Sie kletterte aus dem Bett und lief zum Fenster. Sie presste ihre Nase gegen die Scheibe und blickte nach draußen. Zunächst sah sie nur die Schatten des alten Baumes.
»Ich bin hier.«
Das Flüstern kam vom Fuß des Baums. Dort sah sie eine Bewegung, ein Flattern wie von Feenflügeln. Aufgeregt winkte sie, obwohl sie immer noch nicht erkennen konnte, wer dort unten stand. Sie sah nur einen hellen Fleck, der die Form eines Gesichts hatte.
»Komm zu mir, Doreenie. Ich habe ein Geschenk für dich.«
Doreen öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. »Was denn für ein Geschenk?«
»Still!«, mahnte die Feenstimme. »Wenn deine Eltern aufwachen, kann ich es dir nicht mehr geben. Komm herunter. Aber sei ganz leise.«
Doreen nickte. Sie rannte zum Bett, zog ihre Pantoffeln an und öffnete vorsichtig die Tür ihres Zimmers einen Spalt. Im Flur war alles still. Nur das Nachtlicht brannte. Ganz leise verließ sie das Zimmer und ließ die Tür offen, damit sie beim Schließen nicht versehentlich ein lautes Geräusch verursachte, das zumindest ihre Mutter weckte, die einen sehr leichten Schlaf hatte. Ebenso leise schlich sie zur Treppe und in den unteren Flur. Die Alarmanlage an der Hintertür war eingeschaltet, aber sie kannte natürlich die Kombination und tippte sie ein. Als die grüne Lampe leuchtete, öffnete sie die Tür und rannte zum Baum.
Sie hatte halb erwartet, dass die Fee verschwunden war und sie doch nur geträumt hatte, weil es Feen doch gar nicht gab. Aber sie war noch da, trat aus dem Schatten des Baums und lächelte ihr zu.
Doreen war ein bisschen enttäuscht. In ihren Märchenbüchern waren die Feen blond, trugen rosafarbene Kleider und sahen aus wie Prinzessinnen. Diese Fee hatte schwarze Haare wie die Pech-Marie, und ihr graues Kleid sah nicht nur aus wie ein überlanges T-Shirt, es wirkte auch, als wäre es aus Spinnweben gewebt. Ekelig! Wenigstens ihr Gesicht war so schön wie das einer Prinzessin. Und sie lächelte freundlich.
Doreen beugte sich vor. »Wo ist denn das Geschenk?«, flüsterte sie.
Die Fee streckte die Hand aus. Im nächsten Moment erschien eine Art Seifenblase darin, die hell wie eine Lampe schien und in allen Regenbogenfarben leuchtete.
»Oh, ist die schön!« Doreen streckte die Hand danach aus, aber die Seifenblase wich ihr aus und tanzte vor ihr her in Richtung Straße.
»Sie führt dich direkt zu deinem Geschenk. Komm, Doreenie, folge ihr.«
Doreen vergaß alle Ermahnungen der Eltern, nie, niemals mit Fremden mitzugehen. Schließlich galten die nur für Menschen, aber doch nicht für eine Fee. Feen taten Menschen nichts Böses. Sie ergriff die ausgestreckte Hand der Fee und folgte mit ihr der Seifenblase. Je weiter sie ihr folgte, desto mehr verwandelte deren Licht die Umgebung in ein Märchenland mit grünen Wiesen, bunten Blumen, lustigen Schmetterlingen und einer strahlenden Sonne am blauen Himmel.
Doreen zuckte zusammen, als die Hand der Fee sie so fest umklammerte, dass es wehtat. »Au!« Sie warf der Fee einen vorwurfsvollen Blick zu. Und schrie entsetzt.
Die Fee war nicht mehr schön. Sie war alt und hässlich. Ihr Spinnenwebenkleid bewegte sich unnatürlich. Als wenn sich darunter Gesichter befanden, drängten die nach vorn. Der Stoff bildete ihre leeren Augen und ihre aufgerissenen Münder ab, die um Hilfe zu schreien schienen. Aber kein Laut war zu hören.
Doreen schrie wieder und versuchte sich loszureißen, doch die Frau – die böse Hexe – hielt sie eisern fest. Sie schleifte Doreen einen dunklen Gang entlang. Das Mädchen merkte erst jetzt, dass sie sich nicht mehr in der schönen Feenwelt befanden, sondern in einer Art Höhle, von deren Wänden Feuchtigkeit troff.
»Schrei nur, so viel du willst. Hier hört dich niemand.«
Die Stimme der Hexe klang nicht mehr süß und einschmeichelnd, sondern rau und harsch wie die vom alten Mr. Johnson, der immer so viel raucht. Die Hexe schleifte Doreen zu einer Gittertür und machte eine Handbewegung. Das Gitter verschwand. Sie schleuderte Doreen in die Höhle dahinter, machte eine andere Handbewegung, und das Gitter erschien wieder.
»Keine Sorge, Kleine. Du wirst nicht lange leiden.«
Die Hexe drehte sich um und ging. Doreen begann zu weinen. Sie schrie auf, als sich neben ihr etwas bewegte.
»Doreen?« Die schmale Gestalt eines Jungen kam aus dem Schatten.
»Tommy?« Es war tatsächlich Tommy Simpson, der mit ihr in dieselbe Klasse ging. »Was machst du denn hier?«
»Dasselbe wie du. Die Hexe hat mich hergebracht.«
»W-wo sind wir hier?«
Tommy schüttelte den Kopf. »Weiß nicht. Aber das ist ein ganz schrecklicher Ort. Und die Hexe hat irgendwas Böses mit uns vor.«
Davon war Doreen auch überzeugt.
»V-vielleicht w-will s-sie uns f-fressen.«
Doreen weinte noch heftiger. Das tat jetzt auch Tommy. Sie klammerten sich aneinander. Aber ihre Angst ließ dadurch kein bisschen nach. Tief in ihrem Innern ahnten sie, dass sie hier nicht mehr lebend herauskamen.

Sam Tyler setzte sich in ihren Sessel, streckte die Beine von sich und lehnte sich mit einem seligen Lächeln zurück. Graham Winger, Defensor1 und Mönch vom Orden der Pugnatores Lucis2, hatte gerade ihre Detektei für immer verlassen. Ein Jahr lang hatte er auf Befehl der Höchsten Mächte, überbracht vom Engel Sariel, bei Sam »Strafdienst« geschoben, um zu lernen, dass sie zwar eine Dämonin war – ein Sukkubus, der sich vom Sex ernährte –, aber trotzdem nicht zu den Geschöpfen gehörte, die die Defensoren bekämpften, weil sie den Menschen schadeten. Nachdem das Jahr nun abgelaufen war, hatte Sariel gestattet, dass Graham wieder zu seinem Orden zurückkehrte. Der Mönch hatte es sehr eilig gehabt zu verschwinden. Sam war absolut nicht böse darum. Zwar hatten sie Frieden miteinander geschlossen, aber wenn sie Graham Winger nie wiedersehen musste, solange er lebte, wäre sie der glücklichste Sukkubus in nicht nur dieser Welt.
»Wir sind ihn los. Hurra! Zur Feier des Tages bitte Champagner!«
Molly Spring, der als hübsche Sekretärin getarnte Dienergeist, streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment ein Tablett darauf, auf dem eine Flasche Champagner in einem Eiskübel neben einem Glas thronte.
Sam lachte. »So wörtlich war das nicht gemeint, aber trotzdem vielen Dank.« Sie räkelte sich in ihrem Sessel.
Molly stellte das Tablett auf dem Tisch ab. »Zwei neue Klienten kommen.«
Sam setzte sich gerade hin und machte ein professionelles Gesicht. Sekunden später hastete ein Ehepaar Mitte dreißig in die Räume der Detektei. Sie rannten beinahe. Ohne zu warten, dass Molly zum Empfang zurückkehrte und sich um sie kümmerte, kamen sie in Sams Büro gestürmt, aufgeregt, verängstigt und völlig verzweifelt.
»Bitte, Sie müssen uns helfen!« Die Frau rang die Hände, während ihr unaufhörlich Tränen über das Gesicht liefen. »Unsere Tochter ist verschwunden. Sie wurde entführt, aber die Polizei findet sie nicht. Dabei ist sie doch erst neun.«
Ihr Mann legte ihr tröstend den Arm um die Schultern und sah Sam an. »Sie stehen in dem Ruf, jeden finden zu können. Finden Sie unsere Doreen. Egal, was es kostet. Nur finden Sie sie!«
Sam kam um den Schreibtisch herum, schob der Frau einen Sessel hin und half ihr sich hinzusetzen. »Bitte beruhigen Sie sich, Ma’am, Sir.« Sie reichte der Frau die Hand und auch dem Mann. »Erzählen Sie mir genau, was passiert ist. – Molly, zweimal Kaffee, einmal Tee bitte.«
Der Dienergeist ging in die kleine Küche neben dem Empfangsbereich. Sam stellte das Tablett mit dem Champagner auf einen anderen Tisch. »Kleines Dankeschön eines Klienten für einen gerade abgeschlossenen Fall«, erklärte sie auf den verwunderten Blick des Mannes. Sie setzte sich und blickte die Menschen erwartungsvoll an.
»Cooper und Liz Monroe«, stellte der Mann sich und seine Frau vor und nahm in dem Sessel neben ihr Platz, auf den Sam wies. »Unsere Doreen ist vor vier Tagen verschwunden. Mitten in der Nacht aus ihrem Zimmer. Es gibt absolut keine Spur für einen Einbruch. Das Fenster stand zwar offen, aber auch die Hintertür. Die Alarmanlage war ausgeschaltet. Aber sie hat bestimmt nicht mitten in der Nacht das Haus verlassen und ist weggelaufen. Das ist unmöglich.«
Nach Sams inzwischen reichhaltiger Erfahrung mit Kindern – sie und ihr Lebens- und Seelengefährte Nick Roscoe hatten vor fünf Monaten die beiden Töchter ihres verstorbenen Freundes Ronan Kerry adoptiert – war bei Kindern gar nichts unmöglich. Sie kamen manchmal auf die absurdesten Ideen. Aber das behielt sie wohlweislich für sich.
Liz Monroe wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sam reichte ihr ein Taschentuch aus der Spenderbox. »Die Polizei verdächtigt uns«, schluchzte sie. »Ich habe das Gefühl, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man uns verhaftet. Dabei ist Doreenie nicht das einzige Kind, das verschwunden ist. Tommy, ein Junge aus ihrer Klasse, wird schon seit über einer Woche vermisst.«
Molly brachte die Getränke und stellte die Tasse Tee – einen hoch wirksamen Beruhigungstee – vor Liz Monroe hin und den Kaffee vor ihren Mann und Sam. Mit einem für die Menschenfrau nicht erkennbaren magischen Impuls brachte sie Liz dazu, den Tee sofort zu trinken, der in wenigen Minuten seine Wirkung tun würde.
»Wie heißt Tommy mit Nachnamen?«
»Simpson.«
Sam griff zum Telefon und rief Lieutenant Kevin Bennett vom Cleveland Homicide Departement an. »Hallo Vin, ich brauche deine Hilfe. Kannst du für mich rausfinden, ob es im Vermisstenfall eines Tommy Simpson, neun Jahre, vor über einer Woche verschwunden, was Neues gibt? Ich habe hier die Eltern einer Klassenkameradin von ihm, Doreen Monroe. Das Mädchen ist vor vier Tagen ebenfalls spurlos verschwunden. Und ›spurlos‹ ist verdammt wörtlich gemeint.«
»Vermutest du, dass es ein spezieller Fall ist?« Vin Bennett war nicht nur ein guter Freund von Sam, er war auch wie sein Cousin Nick ein Werwolf und außerdem Alphawolf des Clevelander Rudels. Seit einiger Zeit bestand er darauf, nur noch mit »Vin« angeredet zu werden. Die Verwandlung zum Werwolf hatte ihn nicht nur körperlich verändert, weshalb er fand, dass der Name Kevin nicht mehr zu ihm passte und er ihn offiziell in Vin geändert hatte.
»Wird sich zeigen. Ich schließe es aber nicht aus.«
Vin versprach, die Informationen schnellstmöglich zu besorgen.
»Sie schließen was nicht aus?« Liz Monroe klang verzweifelt. »Dass unsere Doreenie ...« Sie wagte nicht, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Aber nein, Mrs. Monroe. Ich schließe nicht aus, dass es sich, wie Lieutenant Bennett vermutet, mit dem ich gerade gesprochen habe, um eine Entführungsserie handelt. Er will mir die Informationen über den Simpson-Fall besorgen, damit wir abgleichen können, ob der Modus Operandi derselbe ist.«
Cooper Monroe atmete auf. »Sie verstehen wirklich Ihr Handwerk, Miss Tyler. Sie werden unsere Doreenie doch finden?«
»Mr. Monroe, ich habe bisher jeden gefunden. Leider nicht immer rechtzeitig, aber gefunden habe ich sie alle. Ich werde auch Ihre Tochter finden. Zunächst brauche ich ein Foto von ihr. Dann werde ich zu Ihnen nach Hause kommen und mir ansehen, wo sie verschwunden ist.«
Monroe zog ein Foto aus der Brieftasche und reichte es Sam. Darauf lachte ein blondes Mädchen fröhlich in die Kamera.
»Ist Tommy auch blond?«
»Nein. Er ist Afroamerikaner.«
Das Telefon klingelte. »Was hast du für mich, Vin?«
»Tommy Simpson ist immer noch verschwunden. Und nicht nur er und auch nicht nur die Tochter deiner Klienten. Wie mir mein Kollege Stewart Colby sagte, der die Fälle bearbeitet, sind insgesamt vier Kinder spurlos verschwunden. Alle im Alter zwischen sechs und zehn.«
»Was ist mit dem Modus Operandi?«
»Der ist unterschiedlich, sieht man von der Tatsache ab, dass es keine Spuren gibt und niemand was gesehen hat. Und davon, dass keine Lösegeldforderung eingegangen ist. Zwei Kinder sind in der Nacht aus ihrem Elternhaus verschwunden, eins während es auf einem Klassenausflug war und eins auf dem Heimweg von der Schule. Deshalb ist man auch von vier verschiedenen Fällen ausgegangen. Der erste Fall ereignete sich vor sechzehn Tagen, der zweite vor zwölf, der dritte vor acht und der letzte vor vier.«
»Na, wenn das kein Muster ist. Dir ist klar, was das bedeutet.«
»Dass der Täter heute wieder zuschlägt. Spätestens in der Nacht. Colby will das FBI einschalten.«
»Gute Idee – von seinem Standpunkt aus. Ich mache mich an die Arbeit. Sag deinem Kollegen, dass ich in der Sache ermittle, damit er mir keine Steine in den Weg legt, wenn wir uns dabei begegnen.«
»Klar, Sam. Ich hoffe inständig, das wird kein Fall für meine Abteilung.«
»Hoffentlich nicht. Bis dann, Vin.«
Sam legte den Hörer auf. Die Monroes sahen sie besorgt an. »Es ist eine Serie. Ihre Tochter ist das vierte verschwundene Kind.«
Liz Monroe presste wimmernd die Hand vor den Mund.
»Es gibt trotzdem eine einigermaßen gute Nachricht. Bis jetzt wurde keine Leiche gefunden.«
»Und das soll uns trösten?« Cooper Monroe klang empört.
»Ja, weil das bedeutet, dass der Täter die Kinder sammelt und was Bestimmtes mit ihnen vorhat. Das erste Kind ist vor sechzehn Tagen verschwunden und noch nicht wieder aufgetaucht. Das heißt, dass Ihre Tochter noch mindestens zwölf Tage zu leben hat.« Dass es auch bedeuten konnte, dass die Leiche so gut versteckt war, dass sie erst Jahre oder Jahrzehnte später, wenn überhaupt gefunden wurde, behielt sie für sich.
Wie sie gehofft hatte, schnappten die Monroes nach dem Strohhalm. Zwar mochten sie nicht darüber nachdenken, was der Entführer mit ihrem Kind vorhatte und ihm vielleicht gerade in diesem Moment antat, aber sie klammerten sich an die Hoffnung, dass ihre Doreenie noch lebte.
Sam stand auf. »Ich begleite Sie nach Hause und sehe mich vor Ort um. Und glauben Sie mir, ich arbeite so schnell und so gründlich wie möglich.«

Die Monroes wohnten in einem schmucken Haus in der Beta Avenue in den Newburgh Heights. Ein sauberes, ordentliches Viertel, in dem Verbrechen das Letzte waren, was man hier vermutete anzutreffen. Sam aktivierte ihre magischen Sinne, als sie aus dem Wagen stieg und den Monroes ins Haus folgte. Sie spürte eine schwache magische Signatur, die ihr unbekannt war.
»Das ist Doreenies Zimmer.« Liz Monroe stieß die Tür zu einem Zimmer im ersten Stock auf. Ein Kinderzimmer mit einer farbenfrohen Tapete, Bett, Tisch, Regalen und vielen Spielsachen, das sich außer in der Größe nur wenig von den Zimmern unterschied, die Sam für ihre beiden Adoptivtöchter eingerichtet hatte. An den Fenster- und Türrahmen befanden sich noch die schwarzen Staubspuren, mit denen die Polizei Fingerabdrücke genommen hatte.
»Wann haben Sie Doreenie vor ihrem Verschwinden zuletzt gesehen?«
»Als wir zu Bett gegangen sind«, antwortete Cooper. »Wir sehen immer noch mal nach ihr, ob sie schläft und sich nicht freigestrampelt hat. Da war es kurz nach Mitternacht. Und als ich am nächsten Morgen die Zeitung reinholen wollte, habe ich gesehen, dass die Hintertür offen stand. Ich dachte zuerst, jemand wäre in der Nacht eingebrochen. Aber es fehlte nichts.«
»Ich habe sofort nach Doreenie gesehen, ob mit ihr alles in Ordnung ist, und sie war weg.« Liz Monroe begann wieder zu weinen.
»Das Fenster stand offen, ihre Zimmertür war nur angelehnt und die offene Hintertür ...« Cooper Monroe schüttelte den Kopf. »Es sieht tatsächlich so aus, als wäre sie mitten in der Nacht aus dem Haus gegangen. Aber das ist völlig unmöglich. Warum sollte sie das tun?«
»Schlafwandelt sie?«
»Nein. Außerdem war die Alarmanlage ausgeschaltet, und ich habe mich wie jeden Abend vergewissert, dass sie wirklich aktiviert ist, bevor wir schlafen gegangen sind.«
»Und Sie haben in der Nacht nichts Verdächtiges gehört?«
Beide schüttelten den Kopf.
»Dabei habe ich wirklich einen sehr leichten Schlaf«, betonte Liz. »Ich hätte doch was hören müssen, wenn da was gewesen wäre.«
Cooper legte den Arm um die Schultern seiner Frau. »Das alles ist sehr mysteriös.«
Sam trat ans Fenster und sah hinaus. Unmittelbar davor stand ein alter Ahornbaum, dessen Zweige bis ans Haus reichten. Seine ausladende Krone berührte auch fast das Nachbarhaus. Sie öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. In erster Linie, damit die Monroes nicht bemerkten, dass sie ihre Gabe der Retrospektion mit einem Zauber aktivierte.
»Sie sagten, das Fenster stand offen. Sie haben es nicht geöffnet?«
Liz schüttelte den Kopf. »Ich schließe es immer, wenn Doreenie schlafen geht, damit keine Mücken hereinkommen.«
Sam ließ den Retrospektionszauber vier Nächte in die Vergangenheit greifen und ihr offenbaren, was sich abgespielt hatte. Zunächst sah sie das Mädchen schlafend im Bett, bis die Kleine vom Schlagen eines Astes gegen das Fenster aufwachte. Eine leise Stimme rief von draußen ihren Namen. Sie trat ans Fenster, genau dort, wo Sam stand und schaute hinaus. Etwas stand am Fuß des Baums in dessen Schatten und lockte das Kind mit dem Versprechen eines Geschenks nach draußen.
»Ich vermute, Ihre Tochter ist von irgendetwas aufgewacht und hat draußen etwas gesehen. Oder jemanden. Warum sollte sie sonst das Fenster geöffnet haben?«
»Glauben Sie, der Entführer hat sie aus dem Haus gelockt?« Cooper schüttelte den Kopf. »Wir haben ihr sehr nachdrücklich beigebracht, dass sie niemals mit einem Fremden mitgeht. Schon gar nicht mitten in der Nacht.«
Liz umklammerte seinen Arm. »Oh Gott, Coop! Wenn es jemand war, den sie kannte?«
»Dann müssten auch die anderen verschwundenen Kinder ihn gekannt haben«, hielt Sam dem entgegen. »Oder sie waren extrem leichtsinnig. Ich sehe mich draußen mal um.«
Der immer noch aktive Zauber zeigte ihr, wie Doreen sich nach unten geschlichen und die Alarmanlage deaktiviert hatte. Zielstrebig war sie zu dem Baum gerannt, wo ihr Entführer auf sie gewartet hatte. Während Sam vorgab, den Baum näher zu untersuchen, versuchte sie, ein klares Bild des Entführers zu bekommen. Es gelang ihr nicht. Sie sah nur eine entfernt humanoide Gestalt, die männlich oder weiblich sein konnte, die wie ein wabernder, aus Spinnweben geformter Schatten wirkte. Das Mädchen sah offenbar etwas anderes in ihr, denn sie ging ohne zu zögern mit ihr. Der Schatten führte sie zwischen den beiden Häusern hindurch in Richtung Straße, wo er von einer Sekunde auf die andere in einer Art Nebel verschwand, der plötzlich aufgetaucht war und sich ebenso schnell wieder in Nichts auflöste.
Sam dehnte ihre magischen Sinne weiter aus und versuchte zu erspüren, womit sie es zu tun hatte. Es gelang ihr nicht. Sie war einem solchen Phänomen in ihren 120 Lebensjahren bisher noch nie begegnet. Sie konnte nur mit Sicherheit sagen, dass es sich nicht um ein Springen durch die Dimensionen handelte – Teleportation – wie sie und fast alle anderen Dämonen es beherrschten.
Sie wandte sich wieder an die Monroes, bevor denen auffiel, dass sie unproduktiv zur Straße starrte. »Hat die Polizei Suchhunde eingesetzt?«
Cooper schüttelte den Kopf. »Bis jetzt nicht.«
»Dann hole ich meinen. Ich bin in einer Stunde zurück.« Sie nickte den Monroes zu, stieg in ihren Wagen und fuhr zu ihrem Haus 198 Cresthaven Drive.
Als sie die Tür aufschloss, kam ihr die fast achtjährige Abby mit tränenüberströmtem Gesicht entgegengelaufen. »Mommy, du musst es aufhalten!«
Sam schloss sie in die Arme und wiegte sie sanft hin und her. Sie streckte einen Arm nach der vierjährigen Siobhan aus, die ebenfalls weinte. Die Kleine warf sich ihr in die Arme. Sam unterband sanft den Strom der Seelenheilmagie, mit dem Siobhan die Angst ihrer großen Schwester linderte, die die Ursache ihrer Tränen war, und die Kleine beruhigte sich. Das tat auch Abby. Nachdem Sam nun da war, stand für sie fest, dass sie keine Angst mehr haben musste, denn Sam würde alles Böse fernhalten und die Dinge in Ordnung bringen. Seit Sam Abby aus der Gewalt eines Psi-Vampirs befreit hatte, der ihre hellseherische Gabe missbraucht hatte, war ihr Vertrauen in ihre dämonische Adoptivmutter grenzenlos3 .
In der Tür zum Wohnzimmer tauchten zwei Männer auf. Dr. Bryce Connlin, ein grauhaariger Mittsechziger, war Psychiater und gehörte zum Geheimbund der Wächter, der seinen Sitz in Denver hatte und über die magische Gemeinschaft wachte. Da er mit magischen Phänomenen wie Hellsichtigkeit vertraut war, hatte er Abbys Therapie übernommen und kam einmal im Monat für eine Woche nach Cleveland, um sie zu behandeln.
Der zweite Mann, Eric McPherson, war deutlich jünger und hatte den Job des Hauslehrers für Abby inne. Da sie aufgrund der früher erlittenen Traumata nicht in der Lage war, eine Schule zu besuchen, wurde sie zu Hause unterrichtet. Eric McPherson war nicht nur ebenfalls mit okkulten Phänomenen vertraut, er besaß die Gabe der magischen Illusion und konnte fast jedem Menschen nahezu alles lebensecht vorgaukeln. Das machte seinen Unterricht für Abby so interessant.
Hinter den beiden Männern drängte sich Sally Warden zu den Kindern vor und stellte sich verteidigungsbereit neben sie. Sally sah zwar aus wie eine hübsche junge Frau und fungierte offiziell als Kindermädchen, war aber in Wahrheit ein Wächterdämon.
»Ist ja schon gut, Abby. Ich bin hier. Alles okay.« Sie blickte die beiden Männer fragend an.
Eric machte ein zerknirschtes Gesicht. »Ich habe ihr mit meiner Magie die Weltkugel gezeigt und sie rotieren lassen. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den Ozeanen, und das hat bei ihr eine Vision ausgelöst.«
Sam hatte schon öfter festgestellt, dass Abbys Hellsichtigkeit auf glänzende Flächen ansprach. »Das war nicht deine Schuld. Visionen kommen, wenn sie kommen müssen.« Sie sah Abby in die Augen, die vertrauensvoll zu ihr aufschauten. »Was hast du denn gesehen, meine Große? Was muss ich aufhalten?«
»Das böse Ding.« Abby suchte nach Worten.
Sam sah Bryce Connlin fragend an. Der zuckte mit den Schultern.
»Ich habe schon versucht, mit ihr darüber zu reden, aber sie kann es nicht in Worte fassen.«
»Kein Problem.« Sam ließ sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder und setzte Abby auf das rechte und Siobhan auf das linke Knie. Sie hielt Abby ihre Handfläche vor die Augen. »Du weißt, wie das geht, Süße. Konzentrier dich auf deine Vision, und wir fangen sie in meiner Hand ein.«
Abby holte tief Luft und starrte auf Sams Hand. Sekunden später erschien wie auf dem Bildschirm eines Fernsehers darin ein Bild. Es zeigte denselben grauen Schatten, der Doreen Monroe entführt hatte. Hinter diesem Wesen tauchten Kinder auf, die etwa in Abbys Alter waren. Sie wirkten teilnahmslos. Ihre Augen blickten leer, ihre Gesichter waren ausdruckslose Masken, als wäre jedes Leben in ihnen erloschen. Dennoch lebten sie. Und es wurden immer mehr, bis der ganze »Horizont« von Sams als Bildschirm fungierende Hand mit leblosen Kindergesichtern ausgefüllt war.
»Das wird passieren, wenn du es nicht aufhältst, Mommy.«
Sam entdeckte in der Masse der Kindergesichter eins, das ihr bekannt vorkam. Sie zoomte die magische Darstellung heran und fand ihren Verdacht bestätigt. Eins der Kinder war Harlan Crawford, der Neffe ihres verstorbenen Verlobten Scott Parker.
»Ich werde tun, was ich kann, Abby.«
Abby lächelte erleichtert und schmiegte sich an Sam. Die drückte auch Siobhan wieder an sich, hielt die beiden Kinder und wiegte sie hin und her, während sie leise ein Lied summte. Als sie spürte, dass beide entspannt waren und sich wieder wohlfühlten, gab sie ihnen einen Kuss auf den Scheitel.
»Kann ich euch wieder mit Sally, Bryce und Eric allein lassen?«
Die Kinder nickten. Sally half ihnen aufzustehen und führte sie zurück ins Wohnzimmer.
Bryce Connlin lächelte. »Wenn ich dich mit den Kindern sehe, kann ich kaum glauben, dass du jemals Zweifel daran hattest, eine gute Mutter für sie sein zu können.«
Sam verzog das Gesicht. »Ich bin Dämonin, Bryce, und ich fühle mich immer noch überfordert mit der Erziehung von Menschenkindern. Aber«, sie lächelte, »zum Glück habe ich kompetente Hilfe von dir und Nick. Und auch von dir, Eric. Aber heute keine spiegelnden Flächen mehr.«
»Keine Sorge. Ich denke, ich setze auch den Unterricht für heute nicht fort.«
»Doch, unbedingt«, widersprach Bryce. »Wenn Abby jetzt keinen Unterricht mehr bekommt, bestärkt sie das in dem Gefühl, dass ihre Vision etwas Schreckliches ist. Das würde sie wieder ängstigen. Es ist wichtig, dass sie genau wie du damals lernt, dass ihre magischen Fähigkeiten etwas Normales sind und sie kein Freak ist, weil sie die hat.«
»Okay.« Eric ging ins Wohnzimmer. »Komm, Abby, der Unterricht ist noch nicht vorbei. Wir machen mit Geschichte weiter.«
»Wo steckt eigentlich Nick?«, wollte Bryce wissen.
»Na wo schon? Er tobt seine Wolfsnatur exzessiv im Wald aus. Aber deswegen bin ich nach Hause gekommen. Ich brauche ihn. Ihr kommt ja bestens ohne mich klar.«
Sie verschwand und sprang durch die Dimensionen in den Cuyahoga Valley National Park, in dem Vins und Nicks Rudel ihr Territorium hatte. Ihr Seelenbund mit Nick verriet ihr, wo er sich gerade aufhielt. Der Werwolf lag schlafend in seiner Wolfsgestalt im Schatten eines Felsvorsprungs neben einem Bach. Als geborener Werwolf und über dreihundert Jahre alt, war er nicht mehr vom Licht des Vollmonds abhängig, um sich verwandeln zu können. Wenn er wollte, könnte er bis in alle Ewigkeit ausschließlich als Wolf leben.
Er fuhr mit gesträubtem Nackenfell und gefletschten Zähnen hoch und knurrte Sam an, als sie zwei Yards vor ihm aus dem Nichts auftauchte. Sie schnitt eine Grimasse.
»Hallo Nick. Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
Nick freute sich nicht über ihr Kommen, das war ihr klar. Er musste sich alle zwei bis drei Monate für mindestens zwei Wochen in den Wald zurückziehen und Wolf sein, weil er die Zivilisation nur begrenzte Zeit aushalten konnte. In dieser Phase empfand er jeden Kontakt mit allem, was die Zivilisation verkörperte, als störend. Das schloss auch Sam mit ein. Deshalb hatten sie vereinbart, dass sie ihn niemals aufsuchte, wenn er sich in den Wald zurückzog; obwohl das ein paar Probleme mit sich brachte.
Da die einzige Nahrung, die Sam verdauen und umwandeln konnte, die beim Sex freiwerdende Energie war, Nick ihr aber während seiner Auszeit in den Wäldern dafür nicht zur Verfügung stand, musste sie sich während dieser Zeiten von anderen Männern ernähren. Sam machte das nichts aus; das war schließlich die Natur eines Sukkubus. Aber Nick lebte als Wolf grundsätzlich monogam. Für ihn war das schwierig, besonders da er mit seinem feinen Geruchssinn die anderen Männer an ihr roch, wenn er zurückkehrte, egal wie oft Sam inzwischen geduscht hatte.
Er richtete sich auf, nahm in wenigen Sekunden seine menschliche Gestalt an und stand nackt vor ihr. Zwar hatte Sam ihn schon lange mit einem Zauber belegt, der seine Kleidung mit ihm verwandelte, aber er zog es vor, sie während seiner »Waldzeit« abzulegen.
»Tut mir leid, dass ich dich stören muss, aber es sind Kinder in Gefahr.«
»Unsere?«
»Nein. Aber andere. Ich brauche dringend deine Hilfe. Und deinen Rat. Vor allem brauche ich einen Spürhund, um unseren neuen Klienten, deren Tochter verschwunden ist, glaubhaft ein paar Dinge zu erklären.«
Nick grollte. »Komm bloß nicht auf den Gedanken, mir eine Leine anzulegen.«
»Verlockende Vorstellung.«
Er lachte und nahm wieder seine Wolfsgestalt an. Sam legte ihm die Hand auf die Schulter und sprang mit ihm in den Flur ihres Hauses, von wo aus sie es mit ihm durch die Tür verließ. Schließlich wussten die Nachbarn nichts davon, dass die Bewohner von 198 Cresthaven Drive eine Dämonin und ein Werwolf waren und öfter Besuch von weiteren Werwölfen, Vampiren, Dämonen und anderen Kreaturen hatten, die äußerlich wie Menschen aussahen. Es wäre nicht ratsam, ihnen das durch die sichtbare Anwendung von Magie oder ein Auftauchen aus dem Nichts neben dem Wagen auf die Nase zu binden.
Während Sam mit Nick zurück zu den Monroes fuhr, berichtete sie ihm, was sie mit Hilfe ihrer Retrospektion gesehen hatte. Nebenbei belegte sie Harlan Crawford aus der Ferne mit einem starken Schutzzauber, der verhindern sollte, dass er dem Ding in die Hände fiel, das Doreen Monroe, Tommy Simpson und zwei weitere Kinder entführt hatte.
Außerdem nahm sie durch eine Art magischer »Telefonleitung« im Geist Kontakt zu einem Wächterdämon auf, der sich bereit erklärte, sich an Harlan zu binden und ihn zu beschützen. Dieser Dämon tauschte in einem unbeobachteten Augenblick den Körper mit Harlans Rottweiler Spike, den Sam dem Jungen vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Da der echte Spike nur ein magisches Konstrukt ohne Seele gewesen war und nicht im herkömmlichen Sinn lebte, tat ihm das Ende seiner Existenz nicht weh und er merkte es nicht einmal.

Die Monroes blickten Sam erwartungsvoll entgegen, als sie aus dem Wagen stieg und Nick herausließ. Beim Anblick des riesigen schwarzen Wolfs wichen sie angstvoll zurück.
»Das Tier sieht ja aus wie ein Wolf.« Cooper Monroe legte schützend seinen Arm um Liz.
»Das ist eine europäische Spezialzüchtung, die einem Wolf nur ähnlich sieht«, beruhigte Sam die beiden. »Er wird rausfinden, wohin Doreen gegangen ist oder gebracht wurde. Darf ich noch mal in ihr Zimmer?«
»Natürlich.«
Sam führte Nick in Doreens Zimmer und zeigte ihm wie einem Hund, wo er schnüffeln sollte. Der Werwolf spielte mit. Er nahm die Witterung des Kindes am Bett auf, folgte ihr zum Fenster und von da aus zur Tür und auf den Flur. Er lief die Treppe hinunter, schnüffelte eine Weile ausgiebig am Fuß des Baums, wo das »Ding« auf das Mädchen gewartet hatte, ehe er zur Straße lief und an dem Platz stehenblieb, wo der seltsame Nebel das Kind verschluckt hatte. Die Monroes waren ihnen gefolgt und blickte Sam erwartungsvoll an.
»Offenbar hat hier ein Wagen gestanden, in den der Entführer Ihre Tochter eingeladen hat und dann mit ihr weggefahren ist.«
»Oh Gott!« Liz war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen.
»Kann Ihr Hund die Spur weiter verfolgen?«, wollte Cooper wissen.
»Ja.« Eine Lüge, denn selbst die feinste Werwolfnase vermochte nicht einer Spur zu folgen, die sich in Luft aufgelöst hatte.
Bevor Sam noch etwas sagen konnte, fuhren zwei schwarze Wagen vor und hielten vor dem Haus.
»Oh, oh«, machte Sam und blickte der schlanken Afroamerikanerin entgegen, die aus dem vorderen Wagen stieg. »Hallo, Agent Mahoney.«
Die Frau baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf und blickte sie misstrauisch an. »Samantha Tyler. Was könntest du hier wohl zu suchen haben?«
»Ein entführtes Kind. Die Monroes haben mich beauftragt, ihre Tochter zu finden. Und falls du hier bist, Shari, um sie zu verhaften, kann ich dir sagen, dass sie mit dem Verschwinden ihres Kindes nichts zu tun haben.«
»Um das herauszufinden, wollte ich deine Klienten befragen.« Sie wandte sich an die Monroes und hielt ihnen einen Dienstausweis unter die Nase. »Special Agent Shari Mahoney, FBI Cleveland Division. Wir haben den Fall übernommen.« Sie nickt einem ihrer drei Begleiter zu. »Ned, würdest du schon mal mit den Monroes ins Haus gehen. Ich komme gleich nach.«
»Wir werden der Spur weiter folgen«, versicherte Sam nochmals den Monroes, »und sehen, wohin sie uns führt.«
Sie und Shari Mahoney warteten, bis die Monroes und Sharis Kollegen im Haus verschwunden waren, ehe die FBI-Agentin Sam auffordernd anblickte.
»Was für eine Spur? Spuck’s aus, Sam. Was weißt du? Womit haben wir es hier zu tun? Da du involviert bist, gehe ich wohl nicht fehl in der Annahme, dass diese Entführungen keine gewöhnlichen Fälle sind.«
Sam nickte. Shari Mahoney gehörte zu einer geheimen Sondereinheit des FBI, dem DOC – Departement of Occult Crimes – und war vor fünf Jahren in die Division nach Cleveland versetzt worden, weil sich zu dem Zeitpunkt Verbrechen mit okkultem Hintergrund hier zu häufen begannen. Die im DOC arbeitenden Agents wussten nicht nur um die Existenz realer Magie und Wesen wie Sam, einige von ihnen verfügten selbst über paranormale Kräfte oder magische Fähigkeiten. Shari gehörte allerdings nicht dazu.
Sie und Sam hatten sich kennengelernt, als Shari und ihr Partner Ned Kershaw vor fünf Jahren nach Cleveland versetzt worden waren, um eine Diebstahlserie zu untersuchen, die von einem Gestaltwandler begangen wurde, der mit einem Zirkus reiste. Sam hatte ihn verfolgt, weil er einem ihrer Klienten einen Datenträger mit sensiblen Informationen gestohlen hatte. Zunächst hatten Shari und Ned Sam verdächtigt, die immer dort auftauchte, wo ein Diebstahl begangen wurde, jedoch schnell begriffen, dass sie auf derselben Seite standen. Nach Abschluss des Falls hatte Shari Sam misstrauisch im Auge behalten, die ihr schließlich offenbart hatte, was sie wirklich war und ihr auch schon bei manchem profanen Fall helfen können. Zwar waren sie nicht gerade Freundinnen, aber sie respektierten einander.
Sam deutete auf Nick. »Mein Partner und Lebensgefährte Nick Roscoe, Werwolf, wie man sieht.«
Shari starrte ihn erstaunt an. »Ich denke, Werwölfe können sich nur bei Vollmond verwandeln.«
»Nur die jungen. Die älteren können die Verwandlung kontrollieren. Jedenfalls spielt Nick den Hund, damit ich den Monroes begreiflich machen konnte, dass ihre Tochter erstens das Haus freiwillig verlassen hat und zweitens an dieser Stelle von jemandem im Auto entführt wurde.«
»Wie ich dich kenne, weißt du auch schon von wem.«
»Nicht direkt. Es ist kein Mensch. Ich weiß nicht, was es ist, denn ich bin so einem Wesen noch nie begegnet. Es sah aus wie ein grauer Schatten. Jedenfalls hat er das Mädchen aus dem Haus gelockt und ist hier in einem Nebel verschwunden. Die angebliche Spur habe ich erfunden, um die Monroes vorübergehend zu beruhigen. Später werde ich zerknirscht melden, dass mein ›Hund‹ die Spur verloren hat.«
Nick grollte. Ich verliere nie eine Spur. Durch ihre magischen Sinne konnte Sam den Sinn seines Knurrens verstehen, das für Werwölfe eine eigene Sprache war, deren Wortschatz weit über den ihrer tierischen Geschwister hinausging.
Ich weiß, grollte Sam zurück, was Shari veranlasste, beiden einen seltsamen Blick zuzuwerfen.
»Hör mal, Shari, dieses Ding – was immer es ist – wird noch eine Menge mehr Kinder entführen, wenn wir es nicht aufhalten. Ich weiß nicht, was es mit ihnen tut, aber sie sind nur noch apathisch, wenn es mit ihnen fertig ist.«
»Was du woher weißt, wenn du so einem Wesen noch nie begegnet bist?«
Sam schnitt eine Grimasse. »Wie du mit Sicherheit schon längst herausgefunden hast, haben wir seit fünf Monaten zwei Adoptivtöchter. Eine davon ist hellsichtig und hat das in einer Vision gesehen. Ich denke, du kannst das Ganze mir überlassen. Du kennst meine Fähigkeiten. Ich spüre die Kinder auf und mache das Ding unschädlich. Wir müssen uns nur eine gute Geschichte als Erklärung dafür einfallen lassen.«
Das war bei allen Fällen mit okkultem Hintergrund, die Sam zu bearbeiten hatte, das Schwierigste. Magische Dinge mussten für die unwissenden Menschen plausibel erklärt werden, damit das Geheimnis gewahrt blieb, dass es echte Magie und Wesen wie Nick und Sam tatsächlich gab. Andernfalls gäbe es eine Massenpanik mit Mord, Totschlag und Genozid an Werwölfen, Vampiren, Hexen und sonstigen Anderswesen, bei dem auch eine Menge unschuldiger Menschen umkommen würden.
»In Ordnung. Ich verlasse mich darauf, dass du mich auf dem Laufenden hältst.«
»Noch was, Shari. Dieses Wesen holt sich alle vier Tage ein Kind, und Doreen Monroe ist vor vier Tagen verschwunden. Heute wird es das nächste Opfer geben, falls ich das Ding nicht vorher aufspüre. Aber ich tue mein Möglichstes.«
»Ich weiß.« Sie nickte ihr und Nick zu. »War nett, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Mr. Roscoe.«
Nick blaffte kurz.
»Gleichfalls«, übersetzte Sam und stieg wieder mit Nick in den Wagen, während Shari ins Haus der Monroes ging.
»Also, Nick, hast du eine Idee? Ist dir irgendwas an dem Geruch der Kreatur bekannt vorgekommen oder sonst was aufgefallen?«
Nein. Ich habe noch nie zuvor so etwas gerochen. Und wir Werwölfe haben ein unbestechliches Geruchsgedächtnis. Was wir einmal gerochen haben, können wir auch noch nach Jahrtausenden identifizieren. Was immer dieses Wesen ist, an ihm haftete ein Geruch von feuchter Erde, Stein und Spinnenweben. Sehr viel Spinnenweben. Als wenn es in einer Decke aus dem Zeug schläft. Und ich habe Magie an ihm gerochen. Hungrige Magie. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Aber frag mich nicht, was das zu bedeuten hat. Was immer die Kreatur ist, ich halte sie für sehr gefährlich. Unsere Kinder sind wirklich sicher vor ihr?
»Das hoffe ich doch. Bis jetzt ist es keinem Wesen mit bösen Absichten gelungen, die magischen Schilde unseres Grundstücks zu durchdringen.« Sie grinste. »Nicht mal Graham Winger, als er noch auf dem Trip war, mich umbringen zu wollen. Also gehe ich davon aus, dass auch diese Kreatur sie nicht durchdringen kann. Ansonsten ist Sally noch da. Und glaub mir, du möchtest keinen Wächterdämon in Aktion sehen, wenn er seine äußersten Mittel anwendet, um die zu schützen, an die er sich gebunden hat. Also ja, die Kinder sind in Sicherheit, solange sie das Grundstück nicht verlassen.«
Sam bog in die Detroit Avenue ein. Schon von Weitem konnte sie sehen und mit ihrem dämonischen Gehörsinn deutlich hören, wie eine Musikband ein paar Yards vor dem Eingang zum China-Restaurant Szechwan Garden, in dem Sam und Nick schon öfter gegessen hatten, mit Geigen und Gitarren rasante Weisen spielte, die eindeutig Zigeunermusik waren.
Nick richtete sich auf. Halt an!
Sam fuhr den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Nick starrte zu den Musikern hinüber, vor denen eine junge Zigeunerin tanzte. Passanten blieben stehen, um zuzusehen und zuzuhören oder warfen im Vorbeigehen Geld in den vor der Gruppe liegenden Sammelhut. Sam ahnte, warum Nick ebenfalls zuhören wollte. Er entstammte selbst einer Zigeunerfamilie, deren einziges überlebendes Mitglied er war. Seit er sein einsames Wanderleben begonnen hatte, pflegte er keinen Kontakt zu anderen Gypsies. Diese Gruppe erinnerte ihn wahrscheinlich an glückliche Zeiten, als er selbst noch mit seiner Familie Musik gemacht hatte. Im Blick seiner Wolfsaugen entdeckte Sam eine brennende Sehnsucht, die sie auch durch das Seelenband spürte, das sie beide teilten.
Ich brauche meine Kleidung. Ich will eine Weile hierbleiben.
»Okay. Verwandle dich, und ich zaubere sie dir im selben Moment auf den Leib.«
Sekunden später saß Nick angezogen neben ihr und stieg aus. »Ich nehme nachher ein Taxi.«
»Bis dann.« Sam fuhr los und Nick ging über die Straße zu den Gypsies.
Die Musik war ihm so vertraut, dass sie ihm das Herz zusammenzog, eine alte Weise, die er auch schon gespielt hatte. Damals in Russland, vor zweihundert Jahren, bevor seine ganze Sippe bis auf ein zwölfköpfiges Restrudel von Menschen ermordet worden war, weil man herausgefunden hatte, dass sie Werwölfe waren und sie fälschlicherweise verdächtigte, ein Kind ermordet zu haben, das eindeutig auf das Konto eines menschenfressenden Tigers ging. Seitdem hatte er nie wieder ein Musikinstrument angerührt und es vermieden, sich Zigeunermusik anzuhören.
Die virtuose Darbietung dieser Gruppe führte ihm schmerzhaft vor Augen, was ihm seit damals fehlte. Immer noch, denn die übrigen Verluste hatte er inzwischen verarbeitet und in gewisser Weise ersetzt. Er hatte ein neues Rudel, das mit ihm verwandt war, weil seine letzten damals noch lebenden Cousins und Cousinen verbotenerweise Menschen verwandelt hatten. Dadurch war ihr Verwandtschaftsverhältnis zu Nick auf die neuen Rudelmitglieder übergegangen. Er hatte eine neue Gefährtin, nachdem er den Tod seiner Frau und seiner kleinen Söhne überwunden hatte. Zu seinem eigenen Erstaunen liebte er Sam sogar noch mehr als Yelena, obwohl er sich nie hatte vorstellen können, dass es eine größere Liebe geben könnte als die zwischen Yelena und ihm. Doch so war es. Und durch die Adoption von Abby und Siobhan hatte er auch wieder Kinder, die er so sehr liebte, als wären sie seine leiblichen Töchter. Nach den entsetzlichen Verlusten der Vergangenheit war durch die Begegnung mit Sam das Glück wieder in sein Leben getreten.
Nur die Musik fehlte immer noch. Als die Gypsy-Band ihre Darbietung beendete, empfand er das beinahe als schmerzhaft. Die Tänzerin hielt den Zuschauern mit einladendem Lächeln den Sammelhut hin. Als sie zu Nick kam, legte er einen Fünfzig-Dollar-Schein hinein. Die Frau sah ihn verblüfft an, ehe sie sich herzlich bedankte.
»Lassen Sie mich Ihre Zukunft aus der Hand lesen«, bot sie an.
Auch seine kleine Schwester Darja hatte auf Jahrmärkten den Leuten aus der Hand gelesen. Das Zweite Gesicht war den Frauen seiner Familie angeboren. Noch etwas, wodurch er sich Abby mit ihren Visionen als Vater verbunden verfühlte. Er hielt der Frau die Hand hin.
Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die Innenfläche. »Wow! Das nenne ich eine lange Lebenslinie. Die reicht ja bis ...« Ihre Augen wurden groß und sie starrte Nick erschrocken an. Offenbar besaß sie wenigstens einen Hauch der Gabe, im Gegensatz zu den meisten anderen heutigen Zigeunerfrauen, denen das Zweite Gesicht im Laufe der Generationen verloren gegangen war.
»Der Wolfsfluch.« Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
Nick lächelte beruhigend. »Ich bin einer von den Guten.« Auch wenn er das noch nicht sehr lange war. »Was ist nun mit meiner Zukunft?«
Sie zögerte, ehe sie wieder in seine Handfläche blickte und die Linien darin studierte. Schließlich ließ sie seine Hand los. »Wenn ein Engel dir verzeiht, wirst du zurückgewinnen, was du verloren hast. Aber vorher musst du dich deiner Vergangenheit stellen und eine alte Schuld begleichen.«
Nick schnaufte spöttisch. Okay, er hatte sich darauf eingelassen, und die Frau hatte erkannt, dass er ein Werwolf war. Der Rest erschien ihm doch mehr als abwegig. Er war sich seiner üblen Taten der Vergangenheit sehr wohl bewusst – der Toten, deren Blut an seinen Händen, Zähnen und Krallen klebte. Er genoss es immer noch zu töten, wenn er das auch nie grundlos tat. Das Letzte, was ihm passieren konnte, war, dass ein Engel ihm verzieh und somit die Höchsten Mächte ihn von der teilweise entsetzlichen Schuld freisprachen, die er im Laufe seines Lebens auf sich geladen hatte.
»Na, da bin ich mal gespannt.« Er gab der Frau trotzdem noch einen Fünfziger. Schließlich wusste er aus Erfahrung nur allzu gut, wie schwer es auch heute immer noch für Zigeuner war, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Er wechselte die Straßenseite und griff zu seinem Handy, um sich ein Taxi zu rufen. Die Gruppe begann, ein neues Lied zu spielen. Wieder empfand Nick bei dem Klang ein Gefühl von Verlust und eine tiefe Sehnsucht. Sein Blick fiel auf ein Geschäft, das sich schräg gegenüber dem Restaurant befand: Educator’s Music – Instruments & Instructions. Er schüttelte überrascht den Kopf. Wie oft war er schon hier gewesen und hatte mit Sam im Szechwan Garden gegessen, aber das Musikgeschäft war ihm nie aufgefallen, obwohl man es vom Eingang des Restaurants aus bequem sehen konnte. Dass er es jetzt bemerkte, erschien ihm wie ein Wink des Schicksals. Als ein Zeichen, dass es an der Zeit war, auch das letzte fehlende Teil zu seinem Glück wieder in sein Leben zu lassen.
Wieder einmal überkam ihn der Anflug eines schlechten Gewissens. Nach allem, was er in seinem Leben an Grausamkeiten und Verbrechen begangen hatte, war er der Letzte, der Glück verdient hatte. Jedoch hatte er durch seine erste Begegnung mit Sam4 und seine endgültige Rückkehr zu ihr5 begriffen, dass er ohne dieses Glück und vor allem seine Liebe zu ihr und den Kindern sich längst seiner dunklen Seite vollständig ergeben hätte. Dass nur dieses Glück die Dunkelheit in ihm im Zaum hielt. Dass er sich dem nicht verschließen durfte, wollte er nicht wieder – und dann für immer – in die Dunkelheit abdriften, aus der er um Haaresbreite entkommen war. Und wenn ihm zu seinem Glück die Musik fehlte – und das tat sie – dann war es an der Zeit, diesen Mangel zu beseitigen.
Er steckte das Handy wieder ein. Es konnte ja nicht schaden, wenn er sich die Auslagen des Geschäfts einmal ansah.
Der Laden war nicht groß, aber gut sortiert, wie ein Blick durch das an zwei Seiten vom Boden bis zur Decke reichende Schaufenster bewies. Gitarren, Percussions, Flöten, Notenständer und – Geigen. Nick trat ein. Ein junger Mann kam aus dem hinteren Bereich und lächelte ihm zu.
»Hat die Musik Sie hergetrieben?« Er deutete auf die durch das Schaufenster sichtbare Zigeunergruppe. »Die sind gut, nicht wahr?«
»In der Tat.«
»Was kann ich für Sie tun, Sir? Sehen Sie sich ruhig in aller Ruhe um.«
Nick trat an das Spezialregal, in dem die Geigen hingen. Gleich die erste erweckte Erinnerungen an frühere Zeiten. Sie besaß einen rötlichen Schimmer wie seine erste Geige. Der Verkäufer legte einen Satz Saiten auf den Tresen und einen Geigenbogen.
»Sie können sie gern ausprobieren.«
Das tat Nick. Gekonnt zog er die Saiten auf das Instrument, stimmte es, spannte den Bogen und begann die ersten Töne seit zweihundert Jahren zu spielen. Als hätte er nie aufgehört, erinnerten sich seine Finger an die korrekte Haltung, fanden zielsicher die Töne, ohne dass er ein einziges Mal daneben griff. Ein wundervolles Gefühl. Das er nie wieder missen wollte. Er verlor sich in der Musik, nahm die Melodie der Straßenmusikanten auf und improvisierte sie, spielte und fühlte, wie die Musik seine Seele durchdrang, sie öffnete, sie reinigte und ausfüllte und ihn, als er endlich aufhörte, zufrieden zurückließ.
Der Verkäufer klatsche Beifall. »Mann, das war toll! Ganz große Klasse.«
Das fand Nick zwar nicht, da er sehr wohl gehört hatte, dass er aus der Übung und weit von seiner früheren Virtuosität entfernt war. Doch es würde nicht lange dauern, bis er die wieder erreicht hatte. Kurzentschlossen kaufte er die Geige. Und auch noch eine Gitarre.
Als er schließlich das Geschäft verließ und mit dem Taxi nach Hause fuhr, fühlte er sich glücklich und so heiter, dass er nicht mehr über die Weissagung der Zigeunerin nachdachte.

»Sie kommt!«
Tommy und Doreen pressten sich in die hinterste Nische des Höhlenraums, in dem die Hexe sie eingesperrt hatte. Sie fühlten sich elend. Nicht nur weil sie Angst hatten, sondern auch, weil sie froren, nicht richtig schlafen konnten und ständig Hunger hatten. Zwar gab die Hexe ihnen zu essen, aber nur einmal am Tag trockenes Brot, das so hart war, dass man es in das Wasser tauchen musste, das es zu trinken gab, um es weich genug zu bekommen, dass man es überhaupt beißen konnte. Für Doreen und Tommy war das ein weiterer Beweis, dass sie nicht überleben würden, falls man sie nicht rechtzeitig befreite. Doch wenn man nach ihnen suchen würde oder wusste, wo man sie hätte suchen sollen, wäre doch bestimmt schon jemand gekommen.
Die beiden hatten inzwischen mitbekommen, dass sie nicht die Einzigen waren, die sich in der Gewalt der Hexe befanden. Zwar konnten sie niemanden sehen, auch nicht durch die Gitterstäbe hindurch, die ihr Gefängnis verschlossen. Aber sie hörten andere Kinder weinen und wussten deshalb, dass sie gegenwärtig zu viert waren.
Die Hexe kam in ihr Blickfeld und blieb vor dem Gitter stehen. Statt des Essens, das sie erwartet hatten, brachte sie ein kleines schwarzes Mädchen, das unablässig weinte. Sie machte eine Handbewegung und die Gitter verschwanden. Sie stieß das Kind hinein, das auf den Boden fiel, und näherte sich Doreen und Tommy. Die beiden versuchten zurückzuweichen. Doch da sie sich bereits mit dem Rücken gegen die Höhlenwand gepresst hatten, gab es kein Entkommen.
Die Hexe blickte die beiden aus glühenden Augen an und schien unschlüssig, für wen sie sich entscheiden sollte. Schließlich packte sie Tommy und riss ihn zu sich heran. Doreen schrie ebenso wie er. Tommy brüllte jedoch nicht lange.
Die Hexe packte seinen Kopf mit beiden Händen und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen, die jetzt pechschwarz wurden wie schwarze Löcher. Etwas wie violetter Nebel drang aus Tommys Mund und Nase und sein Schreien brach ab. Die Hexe sog den Nebel in den Mund und gab behagliche Laute von sich.
Doreen, die zuerst das Gesicht in den Händen versteckt hatte, spähte durch die Finger und sah, dass das alte hässliche Gesicht der Hexe sich veränderte. Je mehr sie von dem Nebel einsog, der aus Tommy herausfloss, desto mehr glättete sich ihre Haut, begann ihr Haar zu glänzen und wurde sie jünger. Doreen stieß einen entsetzten Schrei aus und presste beide Hände auf die Augen. Auch das kleine Mädchen, das die Hexe mitgebracht hatte, schrie und weinte.
Die Hexe ließ schließlich von Tommy ab. Sie lachte zufrieden und verließ die Höhle. Hinter ihr erschienen die Gitterstäbe wieder vor dem Eingang. Tommy stand regungslos dort, wo sie ihn hingestellt hatte und starrte ins Leere. Doreen brauchte einige Zeit, um sich von dem Schrecken zu erholen und es wagte, zu ihm zu gehen. Er starrte blicklos ins Leere.
»T-Tommy?« Er reagierte nicht. Sie berührte seine Hand. Keine Reaktion. Sie packte seinen Arm und zog kräftig daran. »Tommy!«
Auch das zeitigte keine Reaktion. Tommy blieb stehen, wo er war, wie eine Statue. Lediglich das Heben und Senken seines Brustkorbes zeigte, dass er noch lebte.
Das Grauen schlug über Doreen zusammen. Sie packte das kleine Mädchen, das immer noch weinend am Boden lag, zerrte sie in die am weitesten von Tommy entfernte Nische, weinte mit ihr zusammen und wünschte sich, aus diesem Albtraum aufzuwachen und wieder zu Hause in ihrem Bett bei ihren Eltern zu sein. Danach würde sie nie, nie, niemals wieder mit einer fremden Frau mitgehen. Im ganzen Leben nicht!

Sam schleuderte ihren Spiegel gegen die Wand ihres magischen Arbeitsraums im Keller. Da der Spiegel aus einem Material bestand, das aus der Unterwelt stammte und dem Prädikat »bruchfest« eine ganz neue Dimension verlieh – nach menschlichen Standards –, überstand er die rüde Behandlung ohne eine Schramme.
Sie hatte während der letzten Stunden versucht, mit jeder ihr bekannten Art von Suchzauber – und das waren inzwischen eine ganze Menge – die verschwundenen Kinder zu finden. Ohne Ergebnis. Und das war einfach unmöglich. Der einfache Suchzauber spürte die gesuchte Person auf, sofern sie sich nicht durch einen Tarnzauber geschützt hatte. In welchem Fall der umgekehrte Suchzauber funktionierte, der zum Beispiel auf einer Landkarte alle Ort anzeigte, an dem sich der Gesuchte nicht befand, bis ein Ort übrig blieb. Da beide Zauber die Leute selbst dann aufspürten, wenn sie tot und von ihren Leichen nur noch Moleküle übrig waren, funktionierte in der Regel mindestens einer von beiden.
Nicht so in diesem Fall. Sam hatte auch so etwas schon einmal erlebt, als ihr Erzfeind, der Bokor6 Jacques LeGrand, den sie schon mehrfach getötet hatte, seine Seele in den Körper von Aaron Kumara verpflanzte, den Sam im Auftrag seines Bruders Amos suchen sollte. Da Körper und Seele zu Lebzeiten eine Einheit bilden, hatte ihr Zauber Aaron nicht gefunden, da dessen Seele von LeGrand zerstört worden war, sie aber nach der Person Aaron Kumara gesucht hatte. Erst als sie die Suche nach ihm nur auf seinen Körper unabhängig von seiner Seele beschränkte, hatte sie ihn gefunden.
Doch auch dieser Trick hatte für die verschwundenen Kinder nicht funktioniert. Womit Sams Mittel aber noch keineswegs erschöpft waren. Der nächste Schritt war, die Verschwundenen über den magischen Spiegel in der Unterwelt zu suchen. Der Nebel, in dem das Wesen mit Doreen Monroe verschwunden war, deutete darauf hin, dass es in eine andere Dimension gewechselt war. Die Unterwelt mit ihren ausgedehnten Bereichen und »Landschaften« war ein heißer Kandidat für den Zielort. Doch auch dort fand sie die Kinder nicht.
Sie hatte sich sogar unter dem Mantel eines Unsichtbarkeitszaubers an die Stelle begeben, an der Doreen verschwunden war, und mit ihren sämtlichen magischen Möglichkeiten – zumindest denen, die sie unbemerkt von den Menschen anwenden konnte, die an ihr vorbeigingen, ohne zu ahnen, dass eine unsichtbare Dämonin neben ihnen stand – versucht herauszufinden, ob sich dort ein magisches Tor befand oder vorübergehend installiert worden war. Ergebnislos. Was immer der Nebel war, den die Kreatur benutzte, er öffnete keine Sams bekannte Form von Dimensionstoren oder initiierte eine andere magische Möglichkeit der Fortbewegung.
Also der nächste Schritt. Sam hatte das gesamte Stadtgebiet von Cleveland mit ihren magischen Sinnen abgesucht und noch weit über die Stadtgrenze hinaus, sogar bis in die Tiefen des Eriesees, ob es dort irgendwo einen »blinden Fleck« gab, einen Bereich, den ihre Sinne nicht erfassen konnten. In der Regel gab es solche Stellen nur dort, wo ein Zauber den Ort verdeckte. Doch auch das brachte nichts. Cleveland war wie immer.
Da die verschwundenen Kinder aber ausnahmslos aus dem Clevelander Stadtgebiet stammten, lag der Verdacht nahe, dass die Kreatur ihr Versteck auch irgendwo in unmittelbarer Umgebung hatte. Nur – wo, verdammt?
Sam war mit ihrem Latein am Ende und das wurmte sie gewaltig. Sie, ein Sukkubus mit der unglaublichen magischen Macht eines Kitsune7, war nicht in der Lage, ein paar Kinder aufzuspüren. Gleichzeitig verursachte ihr das ein mulmiges Gefühl. Die Kreatur war etwas ihr völlig Unbekanntes, weshalb sie sie nicht einschätzen konnte. Ihre eigenen magischen Kräfte mochten deshalb auch bei einer direkten Konfrontation mit dem Wesen versagen. Sie hatte so etwas schon einmal erlebt, als es LeGrand gelungen war, ihre magischen Kräfte zu blockieren8 – Luzifer mochte wissen (und wusste es wahrscheinlich), wie ihm das gelungen war – wodurch LeGrand sie beinahe getötet hätte.
Bevor sie sich mit dem Ding anlegte, sollte sie wissen, womit sie es zu tun hatte. Sie brauchte Rat. Und ihr Blutsgefährte, der fünfzehntausendjährige Dämon Axaryn, war eine erprobte Quelle des Wissens in solchen Angelegenheiten.
Sie hörte Geigenklänge aus dem Wohnzimmer, die nach Livemusik klangen, und ging nach oben. Bryce Connlin, Eric McPherson und die Kinder saßen mit ergriffenem Gesichtsausdruck auf der Couch und im Sessel vor Nick, der mitten im Raum stand und auf einer Geige spielte. Eindeutig Zigeunerweisen, aber in einer Art, die nicht nur die Seele der Menschen berührte, sondern auch Sams. Sie wusste natürlich, warum Nick vor zweihundert Jahren die Musik aufgegeben hatte. Dass er jetzt wieder spielte, war nicht nur ein gutes, sondern ein wunderbares Zeichen dafür, dass er sein Leid langsam überwand. Siobhans Seelenheilkräfte – so jung die Kleine noch war – halfen nicht nur Abby, sondern auch Nick. Und natürlich auch Sam.
Nick beendete sein Spiel und erntete begeisterten Applaus. Er hatte längst gemerkt, dass Sam hinter ihm stand. Er drehte sich um und blickte sie mit einem strahlenden Lächeln an. Sogar seine Augen strahlten in einer Weise wie sonst nur nach dem Sex mit Sam. Er nahm sie in die Arme und drückte sie so innig an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen.
»Ljubímaja, majá krassíwaja9« , flüsterte er ihr ins Ohr. »Du hast mir die Musik zurückgegeben. Deine Liebe. Und die Kinder. Ich danke dir dafür, meine wunderbare Sam.« Er gab ihr einen tiefen Kuss und ließ erst wieder von ihr ab, als die Mädchen vernehmlich kicherten.
»Das war wunderschön«, versicherte sie ihm. »Wie es aussieht, werden wir ab jetzt regelmäßig deine herrliche Musik zu hören bekommen.«
»Jeden Tag. Und«, er wandte sich an die Mädchen, »wenn ihr Lust habt, bringe ich euch bei, wie man Geige oder Gitarre spielt. Und wie man tanzt. Und überhaupt.«
Die Kinder umarmten ihn jubelnd und eine Weile balgte er sich mit ihnen auf dem Teppich, bis sie erschöpft waren und Sally sich ihrer annahm, um ihnen die verschwitzen T-Shirts zu wechseln.
»Ich muss zu Axaryn und ihn um Rat fragen«, teilte Sam Nick mit. »Ich finde die Kinder einfach nicht. Alle, wirklich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel haben versagt.«
Nick blickte sie alarmiert an. »Was bedeutet das?«
»Dass dieses Ding, was immer es ist, verdammt gefährlich sein kann. Vielleicht weiß Axaryn, womit wir es zu tun haben.« Sie machte ein besorgtes Gesicht.
»Was ist?« Nick streichelte ihre Wange.
»Ich mache mir Sorgen um Harlan. Ich habe den Jungen zwar mit allen möglichen Schutzzaubern umgeben, aber ich habe keine Ahnung, ob die wirklich dieses Wesen abhalten können. Und das gilt dann natürlich auch für die Zauber, die unser Haus schützen.« Sie klopfte ihm auf die Schulter. »Ich muss dir ja nicht raten, wachsam zu sein. Ich bin zurück, so schnell ich kann.«
Sie verschwand und sprang nach Denver zum Lotos Institut für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft, wo die Zentrale der Wächter der magischen Gemeinschaft residierte, zu denen Axaryn gehörte. Doch der Dämon, von dem sie sich gestern noch ihren Sukkubus-Hunger hatte stillen lassen, war wie so oft in letzter Zeit in geheimer Mission irgendwo in der Unterwelt unterwegs. Aber er war keineswegs der Einzige, den sie um Rat fragen konnte. Deshalb suchte sie die nächste Informationsquelle auf: ihren Vater Benyun.

Amos Kumara wartete, bis die Polizei das Haus 5909 Storner Avenue verlassen hatte.
»Glaubst du tatsächlich an Entführung?«, hörte er einen der beiden Streifenbeamten seinen Partner fragen. »Ich meine, sieh dir die Frau doch mal an. Ich wette, sie hat ihre Tochter verkauft und springt jetzt auf die Entführungsserie auf, um das zu vertuschen.«
»Meine Meinung«, schlug der andere in dieselbe Kerbe. »Die bisher entführten Kinder stammten alle aus der gehobenen Schicht. Was will der Entführer mit dem Kind einer heruntergekommenen Sozialhilfeempfängerin? Am besten übergeben wir den Fall der Sitte.«
Amos schüttelte den Kopf. Das war typisch für weiße Cops in Cleveland. Für viele von ihnen waren Schwarze per se Verbrecher, besonders wenn sie arbeitslos waren und von Sozialhilfe lebten. Sein Informant bei der Clevelander Polizei hatte ihm von diesem Fall berichtet, weil er befürchtete, dass seine Kollegen Shanice Williams, die Mutter des verschwundenen Kindes, genau so behandeln würden, wie er es gerade mitbekommen hatte.
Er betrat das Haus und klopfte an ihre Tür. Fast augenblicklich wurde sie von einer Frau aufgerissen, die auf Amos alles andere als heruntergekommen wirkte, obwohl ihre Kleidung abgetragen und mehrfach geflickt war. Ihr Gesichtsausdruck, der zwischen Hoffnung und Angst gewechselt hatte, wurde misstrauisch, als sie sah, dass Amos kein Cop war.
»Was wollen Sie?«
»Amos Kumara, Ma’am. Ich bin Reporter beim Plain Dealer und will Ihnen helfen, Ihre Tochter zu finden.«
Sie traute ihm offensichtlich nicht. »Sie wollen doch bloß eine reißerische Story schreiben. Wahrscheinlich eine, in der es heißt, dass ich eine schlechte Mutter bin, weil mein Kind weg ist.«
»Ganz bestimmt nicht, Mrs. Williams.«
»Miss Williams. Und das wirft man mir auch vor. Dass ich nicht verheiratet bin und nie war.«
»Ich tue das ganz gewiss nicht. Ich will die Wahrheit herausfinden. Warum von heute auf morgen alle vier Tage ein Kind entführt wird. Jede Information, die Sie mir geben können, kann dabei helfen, das Muster zu entschlüsseln und weitere Entführungen zu verhindern. Erzählen Sie mir von Ihrer Tochter. Wie heißt sie?«
»Aleesha.«
Shanice Williams begann zu erzählen, zögernd zunächst, doch dann immer flüssiger, bis Amos sich ein wirklich umfassendes Bild von dem Kind und der Mutter machen konnte, die alles tat, um trotz ihrer prekären Situation ihrer Tochter ein gutes Leben zu ermöglichen. Allerdings gab ihm diese Schilderung keinen Anhaltspunkt, worin die Gemeinsamkeit mit den anderen Entführungsopfern bestehen könnte.
Bevor er sich verabschiedete, reichte er Shanice Williams eine Visitenkarte. »Das ist die Adresse einer Detektei, die darauf spezialisiert ist, verschwundene Personen zu finden. Sie kann Ihre Tochter schneller finden als die Polizei. Wenn Sie sagen, dass ich Sie geschickt habe, bekommen Sie noch heute einen Termin, spätestens morgen. Und ich versichere Ihnen, dass Sam Tyler wirklich jeden findet.«
Er verabschiedete sich und fuhr zurück in die Redaktion, um seinen Artikel zu schreiben. Die beiden Cops von vorhin würden ihre unbedachten Äußerungen über Shanice Williams spätestens morgen bereuen, wenn sie sich im Plain Dealer zitiert fanden.

Ben Turner schob seine Hand unter die Bluse der blonden Frau, während er sie küsste. Seine Finger fanden zielsicher den Verschluss ihres BHs und hakten ihn gekonnt auf. Er ließ die Hand nach vorn wandern und unter den jetzt locker sitzenden BH über ihre Brust kriechen. Als er den Nippel berührte, seufzte sie leise. Als er ihn zwischen die Fingerspitzen nahm und massierte, stöhnte sie lustvoll.
Eine hinter ihm auftauchende Präsenz ließ ihn fluchend von der Frau ablassen. »Verdammt, Sam, was hast du hier zu suchen?«
»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Ben.«
»Ben, wer ist das?« Die blonde Schöne blickte erst ihn, dann Sam befremdet an. »Und wie ist sie hier reingekommen?«
»Das ist meine ...« Er zögerte.
»Tochter«, half sie ihm, »deren Existenz er am liebsten leugnen würde. Und ich habe einen Wohnungsschlüssel.« Das stimmte zwar nicht, aber das musste die Frau ja nicht erfahren. »Ihr wart aber so beschäftigt, dass ihr mich nicht kommen gehört habt. Sie entschuldigen uns einen Moment, Ma’am.« Sie fasste ihren Vater am Arm und zog ihn ins Nebenzimmer. »Ich brauche deinen Rat, Ben.«
Der Inkubus10 befreite seinen Arm aus ihrem Griff und blickte sie bitterböse an. »Wenn es sich wieder um irgendwelche Menschen dreht und du nur deshalb meine Mahlzeit unterbrichst, dann kannst du was erleben. Ich bin deine Verbrüderungseskapaden mit der Brut leid.« Er benutzte Unadru, die Sprache der Dämonen, in der er so lautstark sein konnte, wie er wollte, und sich doch sicher war, dass sein blonder Snack im Nebenzimmer kein Wort verstand.
»Es geht um den Schutz meiner Familie.«
Ben schnaufte verächtlich. »Deiner Werwolf-Mensch-Familie. Die geht mich nichts an. Erst recht nicht, da du keinen Wert mehr darauf legst, dich zu deiner wahren Familie zu bekennen. Verschwinde.«
»Oh, wir wollen doch mal nicht vergessen, dass du derjenige bist, der mich schon immer außen vor gelassen hat, weil ich anders bin als ihr. Dafür kann ich nichts, weil ich mir das nicht freiwillig ausgesucht habe. Schließlich waren du und Mutter diejenigen, die unbedingt in dem Moment ein Kind zeugen wollten, als ihr mit einem Menschen einen flotten Dreier hattet, bei dem offensichtlich ein Teil seiner menschlichen Schwächen auf mich übertragen wurde. Und wahrscheinlich war es genau diese Veranlagung, die es dem Geist damals überhaupt ermöglichte, mir seine menschlichen Gefühle zu verpassen.11 Also mach mir keine Vorwürfe für etwas, an dem ursächlich du die Schuld trägst.«
Benyun quittierte das mit einer obszönen Geste. »Ich helfe dir trotzdem nicht. Du bist in der Unterwelt groß geworden, teilweise als Luzifers Favoritin. Du hättest jederzeit dein dämonisches Wesen vollständig annehmen können. Stattdessen pflegst du lächerlich bis zum Exzess diese Menschlichkeit. Und deine sogenannte Familie ist dein Problem.«
Sam grinste boshaft. »Vergiss nicht, Vater: Es kostet mich ein Fingerschnippen, die Kinder und auch Nick mit einem Blutbund zu Mitgliedern der Familie zu machen. Dann sind sie durch das Band des Blutes auch deine Angelegenheit. Also führe mich besser nicht in Versuchung, dich auf die harte Tour zur Kooperation zu zwingen.«
Benyun knurrte etwas Unverständliches und winkte schließlich ab. »Worum geht es?«
Sam berichtete ihm von dem seltsamen Wesen und dass es ihr unmöglich war, es aufzuspüren. »Hast du eine Ahnung, was das Ding sein könnte?«
Er dachte eine Weile nach und schüttelte schließlich den Kopf. »Ich bin mir sicher, dass mir bisher noch nie ein Wesen über den Weg gelaufen ist, auf das deine Beschreibung passt. Ich würde auf eine Gestaltwandlerart tippen, aber dazu passt weder die Sache mit den entführten Kindern, noch der Nebel und erst recht nicht, dass du mit deinen Kräften ihn nicht aufspüren kannst. Eine Dunkelfee kann es auch nicht sein. Zu der würden zwar die Entführungen passen, aber nicht in so großer Zahl und vor allem nicht in so kurzen Abständen. Ein Ghoul scheidet auch aus ...« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann dir nicht helfen. War es das jetzt?«
»Ja.«
»Dann verschwinde.« Er wandte sich um und wollte wieder ins Schlafzimmer gehen.
»Sag mal, Ben, ...«
»Was noch?«, unterbrach er sie ungehalten.
»Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass eure und besonders deine in letzter Zeit wieder zunehmende Abneigung gegen meine Art zu leben, von Luzifer oder seiner – und bedauerlicherweise auch meiner – Tochter Danaya initiiert sein könnte?«
»Nídra!12« Er maß sie mit einem Blick, als hätte sie den Verstand verloren. »Langsam wirst du paranoid.«
»Vielleicht. Aber es gibt mir zu denken, dass ihr mich und meine ungewollte Menschlichkeit vor noch gar nicht allzu langer Zeit halbwegs akzeptiert habt und sie jetzt derart gegen mich verwendet, dass du schon mehr als einmal kurz davor warst, das Band des Blutes zwischen uns zu kappen. Überleg doch mal. Ihr lebt hier in der Menschenwelt, weil wir alle uns besser nicht mehr in der Unterwelt blicken lassen sollten, sobald Luzifer nicht mehr schützend seine Hand über mich hält. Wobei die Gründe dafür zweitrangig sind«, kam sie einer erneuten Anschuldigung Benyuns zuvor, dass sie daran die Schuld trüge. »Durch das Band des Blutes sind wir immer noch eine Familie und halten zusammen; wenn auch nicht unbedingt freiwillig.«
»Hm. Worauf willst du hinaus?«
»Luzifer will mich für die Große Entscheidung auf seiner Seite haben. Und zwar vollständig. Das Letzte, was er brauchen kann, ist, dass ich durch das Band des Blutes in dieser Welt gebunden bin. Da er aber aufgrund seines mir geschworenen Eides13 nicht in der Lage ist, mir zu schaden – was liegt da näher, als meine Blutsfamilie dazu zu manipulieren, ihr Blutband zu mir zu kappen? Dann gäbe es einen wichtigen Ankerpunkt weniger, der mich an diese Welt und ihre Bewohner bindet. Und je weniger Bindungen ich hier habe, desto leichter fällt es ihm, mich zu überreden, als Königin der Unterwelt meinen Platz an seiner Seite einzunehmen.«
Benyun machte ein grimmiges Gesicht. »Ich ziehe die Bemerkung mit dem verlorenen Verstand zurück. Und ja, das stinkt bei näherer Betrachtung sogar gewaltig nach Luzifers Einfluss.«
»Eher nach Danayas. Er kann sich schließlich denken, dass alles, was er gegen mich unternimmt – sofern das im Rahmen seines Eides möglich ist – ein Punkt zu seinen Ungunsten bei mir ist. Das wird er nicht riskieren.«
Benyun nickte langsam. Schließlich sah er Sam in die Augen. »Mach Nick und die Würmer, eh, eure Menschenkinder mit dem Bluteid zu einem Teil unserer Familie. Und ich schwöre dir bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass ich das Band des Blutes zwischen dir und mir niemals kappen werde.«
»Ben!«
»Zu spät, Samala. Ich kann diesen Eid so wenig brechen wie Luzifer seinen. Vielleicht kostet er mich eines Tages das Leben, aber dann ist es okay. Luzifer hat unserer Familie zu viel angetan, als dass ich ihm freiwillig oder unfreiwillig zu einem Triumph über dich verhelfe.« Er seufzte tief. »Und wenn es sein muss, spiele ich auch im alleräußersten Notfall den verdammten Großvater für deine Kinder.«
»Nicht nötig, Ben. Aber danke fürs Angebot. Man sieht sich. Und genieß deinen Snack.«
»Samala!« Er sah sie ernst an. »Sei bitte sehr, sehr vorsichtig. Falls du den Unterschlupf von dem Ding findest, ist es sehr gut möglich, dass du dort auch vor uns abgeschirmt bist und wir dich nicht aufspüren können, falls du in Lebensgefahr gerätst.«
Sie nickte. »Ich passe auf mich auf.«
»Ha! Das wäre wirklich mal was Neues.«
Sie schnitt ihm eine Grimasse und verschwand.
Ihr Handy klingelte, kaum dass sie wieder in ihrem Haus gelandet war. Der Anruf kam von Molly Spring, die ihr mitteilte, dass die Mutter des gestern verschwundenen Mädchens auf Empfehlung von Amos Kumara um einen dringenden Termin bat. Sam sagte zu, die Frau in zwei Stunden im Büro zu empfangen.
Bryce Connlin hatte sich in das Gästezimmer zurückgezogen, und Eric McPherson war nach Hause gefahren. Die Kinder und Nick saßen im Wohnzimmer, wo Nick ihnen etwas vorlas. Als Sam auftauchte, liefen sie ihr entgegen, umarmten sie und schmiegten sich an sie. Sam spürte, wie glücklich die Kinder über ihre Rückkehr waren. Und wie erleichtert besonders Abby war. Bens Vorschlag konnte durchaus dazu beitragen, dass sie sich noch sicherer fühlte.
Vor allem hatte der einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Das Band des Blutes – egal ob angeboren oder durch das Blutritual erworben – bedingte nicht nur, dass alle, die das Band teilten, fühlten, wenn einer der Ihren in Gefahr war und ihm instinktbedingt zu Hilfe eilten. Es bewirkte vor allem auch, dass die so Verbundenen einander niemals ernsthaft schaden konnten. Wenn Abby, Siobhan und Nick durch den Bluteid mit ihr verbunden waren, würde Danaya keinem von ihnen etwas anhaben können. Auch nicht indirekt. Und das war der beste Schutz, den sie ihrer geliebten Familie vor Luzifers Tochter geben konnte.
»Hört mal, Kinder. Da wir euch adoptiert haben, seid ihr nach den Gesetzen wie unsere leiblichen Kinder. Würdet ihr gern auch richtig unsere leiblichen Kinder werden, als wenn ich euch geboren und Nick euch gezeugt hätte? Dass ihr richtig mit uns blutsverwandt seid? Dann bekämt ihr auch noch einen Großvater und einen Onkel und eine Tante gratis dazu.«
»Au ja! Fein!«, freute sich Siobhan und umarmte Sam.
Abby war skeptisch. »Das kannst du wirklich machen, Mommy?«
Sam blickte sie vorwurfsvoll an. »Habe ich schon mal was gesagt, das ich nicht so gemeint oder nicht gehalten habe?«
Abby schüttelte den Kopf, umarmte Sam und fühlte sich glücklich, erleichtert und stolz.
Sam blickte Nick an. »Die beste und einzig wirklich wirksame Methode, um euch zusätzlich zu schützen«, erklärte sie ihm auf Russisch, damit die Mädchen sich nicht ängstigten. »Die Gegenseite hat nämlich versucht, einen Keil zwischen mich und die andere Hälfte meiner Familie zu treiben. Letztere muss euch zu Hilfe kommen, wenn ihr per Bluteid ein Teil der Familie werdet. Und meine missratene Höllentochter kann euch nichts tun, wenn sie das Band des Blutes mit euch teilt.« Sie lächelte leicht. »Meinst du, du würdest es überleben, mit meiner dämonischen Bagage blutsverwandt zu sein?«
Sam musste nicht seine Gefühle lesen, um zu wissen, dass ihm die Aussicht nicht sonderlich gefiel. Da Familie für ihn aber immens wichtig war, nickte er schließlich.
»Okay. Dann brauche ich von jedem von euch etwas Blut.«
Siobhan zuckte zurück. »Wie im Krankenhaus? Mommy, das tut weh
Sam lächelte, streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment eine Trinkschale darin. »Hey, ich bin Dämonin und kann zaubern. Wenn ich euch Blut abzapfe, tut es garantiert nicht weh. Ihr müsst nur einverstanden sein.«
Abby nickte ohne zu zögern. Auch Siobhan stimmte zu. Nick hielt ihr seinen Arm hin und erwartete, dass sie magisch seine Ader öffnete. Stattdessen beförderte sie etwas von seinem Blut mit einem Bringzauber in die Schale und tat dasselbe mit ihrem Blut und dem der Kinder. Sie hob die Schale.
»Blut zu Blut als mein Gefährte und als meine Töchter, bis die Zeit endet.«
Sie trank einen Schluck des Gemischs und reichte es an Abby weiter, die daran roch und die Nase rümpfte.
»Was muss ich sagen, Mommy?«
»Blut zu Blut als meine Eltern und meine Schwester bis die Zeit endet.«
Abby wiederholte das ohne zu zögern und trank ebenfalls einen Schluck, den sie tapfer hinunterschluckte. Siobhan sprach denselben Eid, nahm auch einen Schluck und reichte Nick die Schale. Er lächelte glücklich.
»Blut zu Blut als meine Gefährtin und als meine Töchter, bis die Zeit endet.« Er trank. Seine Augen wurden groß und er blickte Sam verblüfft an.
Sie seufzte. »Was ist mit meinem Blut nicht in Ordnung?«, fragte sie auf Russisch. »Jeder, der es trinkt, reagiert seltsam darauf.«
»Ich schmecke nur das unglaublich starke Licht in dir, meine wunderbare Sam. Es ist so großartig, dass ich nicht verstehe, warum du es unterdrückst.«
Sam zuckte mit den Schultern und umarmte die Kinder. Nick legte seine Arme ebenfalls um sie und Sam.
»Jetzt seid ihr ganz und gar unsere Kinder, meine Süßen. Und das feiern wir mit Kakao und Kuchen – sobald ihr den gebacken habt.«
Die Mädchen jubelten und rannten in die Küche. Sally, die wie immer wachsam in Reichweite stand, folgte ihnen. Nick zog Sam an sich und sah ihr in die Augen. Er strahlte vor Glück.
»Ist dir klar, dass wir gerade – quasi – geheiratet haben?«
An diesen Nebeneffekt hatte sie gar nicht gedacht. »Nun ... eh, mehr oder weniger. Ein Bluteid bedingt ebenso wenig wie ein Seelenbund, dass wir miteinander leben müssen bis ans Ende unserer Tage.«
Er war spürbar enttäuscht, weil ihr der Bund auf dieser Ebene weniger bedeutete als ihm.
Sie legte die Hand gegen seine Wange. »Ich liebe dich, Nick. Das weißt du. Aber ich bin Dämonin. Formale Bindungen gleich welcher Art sind und bleiben mir nun mal suspekt. Besonders wenn sie so gravierend sind wie ein Blutbund.« Sie zuckte mit den Schultern. »Immerhin müsstest du jetzt auch eine Verbindung mit Axaryn spüren, der schon lange vor dir mein Blutsgefährte wurde. Er ist jetzt dein Bruder.«
Damit konnte Nick leben, da er Sam ohnehin mit dem Erzdämon teilte, wenn er sich in die Wälder zurückzog. Doch das war im Moment für ihn nebensächlich. »Nach meinem Empfinden sind wir verheiratet, Sam. Auf ewig. Aber wenn du das anders siehst, dann heirate mich nach jedem dir genehmen Ritual, das dir dasselbe Gefühl gibt. Doch welche Verbindung könnte enger sein als ein Seelenbund, der zusätzlich noch mit einem Bluteid gefestigt wird als Gefährten, bis die Zeit endet?«
Sam seufzte. »Nichts. Und das ist gut so. Aber dir ist klar, dass das von meiner Seite aus nicht als emotionale Bekräftigung unseres Bandes gedacht war, sondern ein Akt des Schutzes für euch.«
Er lächelte. »Und welcher Liebesbeweis oder welche Bejahung unseres Bundes könnte noch größer sein?« Er zog sie an sich und gab ihr einen innigen Kuss, der in mehr als einer Hinsicht eine Einladung darstellte.
Sie hielt ihn zurück, bevor er weiter gehen konnte. »Trotzdem sollten wir mit einer offiziellen Festigung des Ganzen noch warten, bis die Große Entscheidung vorüber ist. Falls wir dann noch leben ...«
Er drückte sie an sich. »Falls ja, wirst du mich dann auch offiziell heiraten? Das ist mir sehr wichtig, majá krassíwaja, meine Schöne.«
Sie schmunzelte. »Das halte ich für absolut überflüssig. Aber wenn du dann immer noch willst«, sie gab ihm einen Kuss, »werde ich es mir überlegen.«
Er lachte, wurde aber gleich wieder ernst. »Sam, du hast mich heute zum glücklichsten Mann der Welt gemacht. Auch wenn du das nur getan hast, um die Welpen und mich zu schützen. Sie sind jetzt auch mit mir blutsverwandt. Ebenso wie du.«
»Kallas Blut!« Sam blickte alarmiert durch die offene Tür in die Küche, wo die Mädchen unter Sallys Aufsicht die Zutaten für den Kuchen zusammentrugen. »Heißt das, sie sind jetzt durch dein Blut auch Werwölfe?«
Nick zuckte mit den Schultern. »Aber ja, falls dein Blut das nicht neutralisiert. Die ersten Anzeichen in Form verschärfter Sinne müssten sich bald einstellen. Die erste Verwandlung erfolgt wahrscheinlich erst, wenn unsere Welpen in die Pubertät kommen.«
»Verdammt! Daran hätte ich denken sollen.«
»Sam!« Nick klang verletzt. »Was ist für dich daran so schlimm?«
Sie schüttelte den Kopf. »Für mich gar nichts. Aber die Kinder haben es schon schwer genug. Wenn sie jetzt auch noch Werwölfe sind ...« Sie schüttelte den Kopf. »Hauptsache sie sind zusätzlich dadurch geschützt. Und du auch.«
Er küsste sie innig. »Das sollten wir ganz intim feiern.«
»Hm, hm. Aber später, mein Liebster. Ich glaube, die Kinder brauchen jetzt, dass wir mit ihnen zusammen den Kuchen backen und ihn gemeinsam essen. Und ich habe in zwei Stunden einen Termin mit einer neuen Klientin.«
Nick seufzte gespielt frustriert und folgte ihr in die Küche.

Danaya, Prinzessin der Unterwelt, brüllte ihre Wut hinaus, dass die filigranen Edelsteinkelche auf ihrem Tisch zerbarsten, als sie fühlte, dass sich ein Blutband zwischen ihr, ihren Adoptivgeschwistern und Nick Roscoe bildete. Gerade als sie kurz davor gewesen war, ihren Großvater Benyun dazu zu bringen, das Band des Blutes zwischen der Familie und ihrer Mutter zu kappen – was auch ihr eigenes Blutband zu ihrer Mutter neutralisiert hätte –, schuf die drei neue. Dadurch waren ihre Adoptivgeschwister für einen direkten Angriff für sie tabu, solange das Blutband zum Clan der Tai’u bestand, zu dem sie alle gehörten. Das machte ihre Pläne mit den beiden Würmern zunichte.
Zumindest ihre künftigen Pläne. Der, den sie bereits initiiert hatte, wurde davon nicht berührt. Sie durfte dabei nur nicht mehr aktiv werden. Aber das war wahrscheinlich auch gar nicht mehr nötig, denn die Seelenfresserin hatte bestimmt schon die Witterung der leckeren Appetithäppchen in der Nase, die Abby und Siobhan für sie darstellten ...

Sam starrte in ihrem Büro düster vor sich hin und überlegte sich ein paar Strategien, wie sie Abby und Siobhan schonend beibringen konnte, dass sie nun auch noch Werwolf-Hybriden waren. Einerseits war das für die Mädchen nicht das Schlechteste; es würde ihnen Kraft, Selbstvertrauen und Sicherheit geben. Andererseits hatten sie damit die Probleme aller Werwölfe, die sich noch nicht willkürlich verwandeln konnten. Doch das war im Moment zweitrangig. Sie musste die verschwundenen Kinder finden und das Wesen, das sie entführt hatte, unschädlich machen.
Molly signalisierte ihr mit einem winzigen magischen Impuls, dass die neue Klientin kam. Sam sah auf den ersten Blick, den sie durch die halb verglaste Wand des Empfangsbereichs auf die Frau bekam, dass sie nicht zur herkömmlichen Klientel gehörte, die ihre oder überhaupt eine Detektei aufsuchte. Was ganz sicher nicht daran lag, dass sie Afroamerikanerin war. Sie hatte abgetragene, eindeutig selbst genähte, an unzähligen Stellen sorgfältig geflickte Kleidung an, deren Farbe von unzähligem Waschen verblasst war. Außerdem war sie extrem mager, was von häufigem Hungern zeugte.
Etwas passte jedoch nicht in das Bild. Die Frau trug eine halb durchsichtige Bluse, die sie so weit aufgeknöpft hatte, dass sie sich noch auf die Straße trauen konnte, ohne eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu riskieren. Auch ihr Haar war in einer Weise frisiert, die Verführung signalisierte.
Sie trat zu Molly an den Empfangstresen. »Bitte, ich möchte zu Mr. Tyler. Shanice Williams. Ich habe einen Termin.«
»Treten Sie ein, Miss Williams«, forderte Sam sie auf und unterstrich das mit einer einladendenden Handbewegung. »Ich bin Sam Tyler.« Sie hielt ihr die Hand hin.
Shanice Williams starrte sie wie vom Donner gerührt an. Sam spürte, dass ihre Stimmung von Hoffnung, gepaart mit Angst, zu Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung umschlug. Sie ahnte warum. Shanices Aussehen nach zu urteilen konnte sie sich einen Detektiv nicht leisten. Da sie Sam aufgrund ihres Namens für einen Mann gehalten hatte, war sie in der Hoffnung gekommen, ihn verführen zu können und auf die Weise seine Dienste zu erkaufen. Deshalb auch das verführerische Outfit. Gleichzeitig fürchtete sie sich, dass der Mann das Angebot hätte annehmen können. Da Sam eine Frau war, deren Dienste sie nicht bezahlen konnte, glaubte sie, keine Hilfe zu bekommen, was sie verzweifeln ließ.
»Ich ... ich bitte um Verzeihung, M-Miss – Tyler. Ich ... Es ist ein Irrtum. Tut mir leid.« Sie wandte sich um und wollte eilig die Detektei verlassen.
Sam fasste ihre Hand. »Miss Williams, Sie sind gekommen, weil Sie die Hilfe eines Detektivs brauchen. Erzählen Sie mir, worum es geht, und lassen Sie mich entscheiden, ob Ihr Kommen wirklich ein Irrtum war. Kommen Sie.« Sie zog Shanice in ihr Büro, die ihr nur widerstrebend folgte. »Molly, zweimal Kaffee und einen Snack.« Sie signalisierte dem Dienergeist, dass der Snack eine ausgewachsene Mahlzeit sein sollte, denn sie spürte auch, dass Shanice Hunger hatte.
»M-Miss Tyler, ich ... ich fürchte, ich kann Sie nicht bezahlen. Ich ...«
»Miss Williams.« Sam drückte ihre Hand fest. »Jeder kann sich meine Dienste leisten, weil ich meine Preise dem Geldbeutel meiner Klienten anpasse. Neulich hat mich ein Farmer mit einem ganzen Schwein bezahlt.« Das beim darauf folgenden Vollmond ein Festmahl für Nicks und Vins Werwolfrudel geworden war. »Und ich hatte mal ein kleines Mädchen als Klientin, deren Vater ich finden sollte. Sie hat mich mit dem da bezahlt.« Sam deutete auf eine gerahmte Kinderzeichnung an der Wand. »Ich bin sicher, wir finden etwas, das Sie bezahlen können.«
Shanice umklammerte Sams Hand. Tränen begannen ihr über das Gesicht zu laufen. »Ich tue alles für Sie, Miss Tyler, wirklich alles, aber finden Sie meine kleine Aleesha. Bitte!«
Sam führte sie zum Besuchersessel und drückte sie sanft hinein. Molly kam mit einem Tablett, auf dem ein großer Teller mit Sandwiches thronte und stellte ihn so auf den Schreibtisch, dass sowohl Sam wie auch Shanice ihn bequem erreichen konnten.
»Verzeihen Sie mir, wenn ich nebenbei esse, während wir uns unterhalten, aber ich habe den ganzen Tag noch nichts in den Magen bekommen.« Das war zwar gelogen, da Sam mit den Mädchen zusammen gefrühstückt und vorhin Kuchen gegessen hatte und davon sowieso nicht satt geworden war. Schließlich brauchte sie als Sukkubus Sex als Nahrung. Aber das würde es Shanice erleichtern, ebenfalls zu essen. »Bitte, Miss Williams, bedienen Sie sich. Und entschuldigen Sie mich für einen Moment, ich muss hier im Internet noch was Dringendes prüfen.«
Auch das war nur ein Vorwand, damit Shanice in Ruhe essen konnte. Sam griff zu einem Sandwich und aß es nebenbei, während sie konzentriert auf den Bildschirm blickte. Shanice griff zunächst zögernd zu einem Sandwich und knabberte daran herum. Dann aber übermannte sie der Hunger. Sie schlang es hastig hinunter und tat das noch mit einem zweiten und dritten, wobei sie Sam ständig im Auge behielt, um sofort aufzuhören, sollte die ihren Blick vom Computer wenden. Was Sam erst tat, als sie fühlte, dass Shanice vorerst gesättigt war.
»Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Miss Williams. Jetzt haben Sie meine volle Aufmerksamkeit. Ihre Tochter ist verschwunden. Aleesha.«
Shanice nickte. »Vorgestern. Ich bin von ... von der Arbeitssuche nach Hause gekommen.« In Wahrheit hatte sie, wie Sam fühlte, die Mülltonnen nach Essbarem durchsucht. »Da war sie nicht mehr in der Wohnung. Aber sie würde nie, niemals allein die Wohnung verlassen. Erst recht nicht in der Nacht. Sie ist erst fünf.« Sie biss sich auf die Lippen, als ihr bewusst wurde, dass sie damit ihre Behauptung mit der Arbeitsuche als Lüge entlarvte. Oder andeutete, dass die Arbeit, die sie gesucht hatte, nicht zu den ehrbaren Beschäftigungen gehörte.
Sam tat, als fiele ihr das nicht auf. »Ich nehme an, Sie haben die Polizei verständigt.«
Shanice nickte. »Die glauben mir nicht. Die glauben, ich hätte mein Baby verkauft. Sie haben das ganze Zimmer durchwühlt und nach dem Geld gesucht, das ich angeblich für Aleesha bekommen habe und haben mich stundenlang verhört. Sie mussten mich wieder gehen lassen, weil sie mir nichts beweisen konnten. Aber sie suchen nicht nach meiner Kleinen. Ist ja nur ein uneheliches schwarzes Kind einer schwarzen Ex-Junkie-Mutter, die sich mit Betteln durchschlägt, weil die Stütze nicht reicht.« Sie biss sich auf die Lippen und senkte den Kopf. Dann hob sie ihn und blickte Sam gerade in die Augen. »Aber ich liebe meine Aleesha. Und niemals würde ich sie hergeben. Nicht mal das Jugendamt hat einen Grund gefunden, sie mir wegzunehmen. Ich gebe ihr alles, damit es ihr gut geht und spare jeden Cent, damit sie mal eine gute Schule besuchen kann.«
Das erklärte, warum Shanice so abgemagert war. Sie verzichtete zugunsten ihrer Tochter oft darauf, selbst etwas zu essen. Sam bewunderte ihre bedingungslose Hingabe für das Wohl ihres Kindes.
»Ich finde Ihre Tochter, Miss Williams. Mein Wort drauf. Sie ist nicht das einzige Kind, das verschwunden ist. Und was die Bezahlung betrifft«, Sam umfasste das Büro mit einer Handbewegung, »meine Putzfrau hat letzte Woche gekündigt.« Nicht dass in der Detektei jemals eine Putzfrau gearbeitet hätte. »Wenn Sie wollen, gehört der Job Ihnen. Dazu gehört auch das Einkaufen von Kaffee, Tee und Snacks für die Klienten und so weiter. Mein Honorar ziehe ich Ihnen in den ersten Monaten ratenweise vom Gehalt ab. Sind Sie interessiert?«
Shanice brauchte eine volle Minute, um zu begreifen, dass Sam es ernst meinte. Dann sagte sie mit Freuden zu und schüttelte Sams Hand ebenfalls eine volle Minute lang. Es fehlte nicht viel und sie hätte sie geküsst.
»Ich fahre Sie nach Hause und sehe mir an, wo Aleesha verschwunden ist. Kommen Sie, Miss Williams.«
Shanice Williams folgte ihr voller Vertrauen.

Etwas war anders als bei den übrigen Fällen.
Die verschwundenen Kinder waren entweder im Freien entführt oder aus dem Haus weggelockt worden. Sam hatte das inzwischen an den entsprechenden Schauplätzen mit dem Retrospektionszauber überprüft. Aber immer hatte das Wesen, das sie entführt hatte, Sichtkontakt mit den Kindern hergestellt. Das schien essenziell zu sein.
Bis jetzt. Shanice Williams’ Wohnung lag im Keller des Hauses 5909 Storner Avenue. Genau genommen handelte es sich um einen vergleichsweise kleinen Kellerraum, der nachträglich als Wohnraum ausgestattet worden war mit einer winzigen Nasszelle und einer Kochnische sowie gebrauchten, aber relativ gut erhaltenen Möbeln. Aber es gab in dem ganzen Raum kein Fenster, durch das das Wesen Sichtkontakt hätte herstellen können. Auch in der Tür gab es außer dem Schlüsselloch keine Öffnung. Und Shanice schwor, dass sie die Tür abgeschlossen hatte, als sie die Wohnung verlassen hatte.
Die Retrospektion bestätigte das. Für ein Wesen, das in einem magischen Nebel verschwinden konnte, stellte das Öffnen einer verschlossenen Tür kein Problem dar. Während Sam so tat, als sähe sie sich im Raum intensiv um und vor allem das Türschloss untersuchte, beobachtete sie in der Rückschau, was passiert war.
Die kleine Aleesha hatte fest geschlafen, als Shanice die Wohnung verlassen hatte. Eine Weile danach war ihr Schlaf unruhig geworden, als hätte sie einen Albtraum. Urplötzlich war sie hochgefahren, hatte angstvoll die Tür angestarrt, vergeblich nach ihrer Mommy gerufen und sich unter der Bettdecke verkrochen, als sie keine Antwort erhielt. Bis zu diesem Zeitpunkt war aber noch absolut nichts geschehen. Erst ungefähr eine Minute später, nachdem das Kind sich unter der Decke versteckt hatte, war die Tür magisch entriegelt und aufgestoßen worden. Davor stand das Wesen, das auch Doreen und die anderen Kinder entführt hatte. Es riss die Decke magisch von Aleesha weg, die entsetzt schrie, aber schwieg, als sie sah, was vor ihr stand.
Wieder kam Sam zu dem Schluss, dass das Wesen sich dem Kind in einer für die Kleine wohl angenehmen Form präsentierte, während Sam es in seiner wahren Gestalt sah. Trotzdem hatte Aleesha immer noch Angst. Die schwand, als das Wesen ihr ihre Lieblingsspeise hinhielt. Das Mädchen, das zu oft schon Hunger erfahren hatte, ließ darauf alle Vorsicht fahren und folgte dem Wesen und der versprochenen Aussicht auf noch viel mehr leckere Speisen. Unmittelbar vor der Tür der Wohnung war es mit Aleesha verschwunden.
Sam brach den Zauber und bemerkte, dass Shanices Gesicht einen ängstlichen Ausdruck zeigte. Die hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und rieb sich die Oberarme, als wäre ihr kalt. Unmittelbar nachdem Sam den Retrospektionszauber beendet hatte, entspannte sie sich.
»Alles in Ordnung, Miss Williams?«
Unsicher blickte Shanice sie an. »G-glauben Sie an – Geister, Miss Tyler?« Als Sam weder verneinte, noch Anzeichen zeigte, dass sie Shanice wegen dieser Frage für verrückt hielt, fuhr sie fort: »Ich meine, dass es Dinge gibt ... Wesen, die ...« Sie schüttelte den Kopf. »Vergessen Sie das.«
Sam legte ihr die Hand auf die Schulter. Shanice zuckte zurück. »Ich glaube nicht nur daran, Miss Williams, ich weiß, dass sie existieren. Und Sie wissen das auch. Ebenso Aleesha. Ich vermute, dass sie die sehen kann.«
Shanice blickte sie aus großen Augen an. »Woher wissen Sie das?«
»Kleine Kinder sind für solche Dinge sehr empfänglich.«
Shanice nickte langsam. »Das war ich auch als Kind. Als ich älter wurde, habe ich aufgehört, sie zu sehen. Außerdem ...« Sie zuckte mit den Schultern.
»Außerdem hat Ihre Umwelt Ihnen eingeredet, dass das Hirngespinste wären.«
Shanice nickte. »Aber ich fühle manchmal Dinge. Als ich vorgestern nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, dass ... dass etwas hier gewesen ist und meine Kleine geholt hat. Nicht gerade ein Geist, aber ...« Sie rieb sich wieder die Oberarme. »Aber eben hatte ich das Gefühl, dass ein Geist hier ist. Oder was Ähnliches.«
Sie hatte also Sams Zauber gespürt.
»Ich dachte früher, wenn ich Drogen nehme, hört das auf, dass ich sie dann nicht mehr fühlen kann. Aber es wurde dadurch noch schlimmer. Darum nehme ich keine Drogen mehr. Nie wieder.« Sie blickte Sam verzweifelt an. »Miss Tyler, irgendwas Nichtmenschliches hat meine Tochter und die anderen Kinder geholt. Auch wenn das verrückt klingt.«
»Das tut es nicht. Und ich stimme Ihnen vollkommen zu.«
Shanice war so entwöhnt davon, dass man ihren Wahrnehmungen glaubte, dass sie Sams Äußerung für versteckten Hohn hielt. Sie blickte sie verärgert an. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich Sekunden später zu Misstrauen, dann zu Angst, als sie sich wohl zum ersten Mal auf Sam konzentrierte, statt auf die Sorge um ihre Tochter. Was immer sie wahrnahm, ließ sie zurückweichen.
Sam seufzte über die typische Reaktion der meisten Menschen, die unvermittelt damit konfrontiert wurden, dass sie kein Mensch war.
»Was sehen Sie in mir, Miss Williams?«
»N-nichts. Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
Sam setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf. »Na, kommen Sie. Sie nehmen etwas an mir wahr, das Sie irritiert. Was ist es? Und sagen Sie jetzt bitte nicht, es wäre nichts. Wir wissen es beide besser.«
Shanice zögerte und wich noch einen Schritt zurück. »Meine ... meine Urgroßmutter war ... sie ... sie galt als Hexe. Sie konnte wirklich Dinge tun, die kein Mensch glauben wollte. Sie tat es nicht oft, aber wenn, dann habe ich ein Licht um sie herum gesehen, ein blaues Licht, und eine Macht gefühlt, die ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Die schien nicht von dieser Welt zu sein.« Sie warf Sam einen unsicheren und ängstlichen Blick zu. »Bei Ihnen fühle ich dasselbe. Nur ...« Sie atmete zitternd ein und schwieg.
»Nur, ich schätze mal, hundertfach stärker.«
Shanice nickte. »Sind ... sind Sie eine – Hexe, Miss Tyler?«
»So was in der Art. Aber ich gehöre zu den Guten. Und ich bin froh, dass ich jetzt offen mit Ihnen sein kann. Ihr Eindruck, dass ein nichtmenschliches Wesen Ihre Tochter entführt hat, ist vollkommen korrekt. Als Sie eben das Gefühl hatten, ein Geist wäre hier, da habe ich mit einem Zauber auf eine Weise, die nur ich sehen kann, rekonstruiert, was geschehen ist. Es ist in keinem Fall Ihre Schuld, Miss Williams. Selbst Schutzhaft in einem Hochsicherheitsgefängnis hätte Aleesha nicht vor der Entführung durch dieses Wesen bewahren können. Aber ich werde sie finden. Versprochen.«
Denn nun hatte Sam eine Ahnung, wie alle Entführungen möglicherweise zusammenhingen. Sie blickte Shanice eindringlich an. »Miss Williams, fühlen Sie sich in der Lage, sich sinnvoll zu beschäftigen?«
Shanice nickte zögernd. »Ich denke schon.«
Sam zückte ihre Brieftasche und gab ihr dreihundert Dollar. »Kaufen Sie sich was Schönes zum Anziehen und dann melden Sie sich in meiner Detektei bei Miss Spring zum Arbeitsantritt. Molly wird Ihnen auch bei der Suche nach einer vernünftigen Wohnung helfen. Ich suche weiter nach Aleesha.«
Sam wehrte ihren Dank ab und setzte sie in der Innenstadt ab. Danach rief sie die Monroes an.
»Haben Sie sie gefunden?«, fragte Liz Monroes aufgeregt.
»Noch nicht, aber ich glaube, ich weiß jetzt, wie diese Entführungsserie zusammenhängt. Sagen Sie, Ma’am, ist Doreen ein sehr fantasiebegabtes Kind? Eins, das Feen, Elfen und Kobolde sieht?«
»Oh ja, sehr sogar. Wir haben ihr natürlich beigebracht, dass diese Dinge in der Realität nicht existieren. Aber das kann doch nichts mit der Entführung zu tun haben.«
»Möglicherweise doch, denn wie es aussieht, hat es der Entführer gezielt auf solche Kinder abgesehen. Ich melde mich wieder, sobald ich mehr weiß.«
Das bestätigte Sams Verdacht, denn auch Harlan Crawford war in der Lage, Anderswesen zu sehen und zu spüren, obwohl er bereits elf war und die natürliche Fähigkeit von Menschenkindern auf diesem Gebiet sich in der Regel im Alter zwischen fünf und sieben verlor.
Sam machte die Probe aufs Exempel. Sie wandelte ihre Gestalt zu der eines Police Officers und stellte den Eltern der übrigen Entführungsopfer Fragen nach der »besonderen Fantasie« ihrer Kinder. Ihr Verdacht wurde bestätigt. Alle entführten Kinder galten als besonders fantasiebegabt und hatten bis zu einem gewissen Alter hartnäckig darauf bestanden, dass sie den leibhaftigen Weihnachtsmann, Elfen, Kobolde oder Geister gesehen hätten.
Das Wesen, was immer es war, hatte es also ausschließlich auf solche Kinder abgesehen. Die Frage war, warum.
Sam rief Shari Mahoney an und teilte ihr ihre Erkenntnis mit. »Möglicherweise haben wir es mit etwas zu tun, das sich diese Gabe der Kinder in irgendeiner Form zunutze machen will. Ich weiß nur nicht wie.«
»Sam, drei der Kinder sind vor einer Stunde wieder aufgetaucht. Sie wurden im Forest Hill Park aufgegriffen. Sie sind völlig apathisch, reagieren auf keine Ansprache und erkennen nicht mal ihre Eltern. Verdammt, Sam, was ist das für ein Ding, Wesen oder was auch immer?«
Die Frage stellte Sam sich auch. Und sie wurde immer dringender.

Harlan Crawford wusste auf Anhieb, dass etwas nicht stimmte mit der Frau, die neben dem Eiswagen stand und ihn freundlich anlächelte. Sie sah zwar wunderschön aus, aber als er seine besonderen Sinne anstrengte, sah er, dass sich hinter dieser Maske ein Wesen verbarg, das halb wie ein Mensch, halb wie ein unförmiger grauer Sack aussah. Dass das Ding ausgerechnet ihn im Fokus hatte, machte ihm Angst.
»Harlan.«
Harlan hatte zwar noch nie eine Sirene singen gehört, aber er kannte die Legende. So verführerisch mussten diese Dämoninnen für Odysseus geklungen haben. Er verwarf seinen Plan, sich ein Eis zu kaufen. Stattdessen wechselte er auf die andere Straßenseite und hastete an dem Eiswagen und dem Ding vorbei.
»Harlan, lauf doch nicht weg. Ich habe ein Geschenk für dich. Das wird dir gefallen.«

Er war sich sicher, dass er das Geschenk von diesem Ding nicht mal sehen, geschweige denn haben wollte. Er begann zu laufen. Als er etliche Yards weiter einen Blick zurück warf, war das Ding verschwunden.
Harlan atmete auf und setzte seinen Weg fort. Bis nach Hause waren es nur noch gute hundert Yards. Er konnte schon den Grundstückszaun sehen, hinter dem Spike ihm entgegensah und sich schwanzwedelnd über seine Heimkehr freute. Harlan winkte dem Rottweiler zu. Der sträubte plötzlich das Fell und begann zu knurren. Er bellte wütend, setzte über den Zaun und rannte auf seinen jungen Herrn zu.
»Spike, was ...«
Nebel hüllte Harlan ein und entzog den Hund seiner Sicht. Er hustete, als die Feuchtigkeit ihm seltsam scharf in die Kehle stach. Er hörte Spike aus der Ferne bellen, dann jaulen und schließlich heulen mit einem Ton, der ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Für einige Augenblicke hatte er das Gefühl, von zwei Riesen gepackt zu werden, von denen jeder an ihm in entgegengesetzter Richtung zerrte. Er schrie vor Schmerz, als die Kräfte ihm beinahe die Arme auskugelten. Dann ließ eine der beiden Kräfte abrupt los, gefolgt von einem unmenschlichen Wutgebrüll, das sein Herz stocken ließ. Für einen Moment umfing ihn Dunkelheit. Als sie sich lichtete, befand er sich in einer Art Höhlengang – und das Ding stand direkt vor ihm.
Harlan machte einen Schritt rückwärts, drehte sich um und wollte fliehen. Doch hinter ihm befand sich eine Wand und endete der Gang. Harlan hatte jetzt richtig Angst. Besonders als das seltsame Wesen ihn am Handgelenk packte und mit sich schleifte. Er schrie, schlug und trat nach dem Biest, aber das schien seine Gegenwehr nicht zu spüren. Sekunden später wurde er in einen Höhlenraum geworfen, in dem zwei Mädchen hockten, die sich weinend aneinander klammerten.
Vor dem Raum erschienen Gitterstäbe. Das Wesen verschwand. Harlan hätte auch am liebsten geheult. Aber er war schließlich kein Mädchen. Deshalb schluckte er die Tränen tapfer hinunter.
»Hi. Ich bin Harlan. Harlan Crawford.« Er streckte dem älteren Mädchen die Hand hin.
Sie ergriff sie zögernd. »D-Doreen Monroe. Das ist Aleesha.«
Harlan hielt auch der Kleinen die Hand hin. Die drückte sich aber ängstlich an Doreen und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er hockte sich unschlüssig neben die beiden.
»Hast du eine Ahnung, was für ein – ein Ding das Biest ist, Doreen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es hat irgendwas mit Tommy und den anderen gemacht. Irgendwas aus ihnen rausgesaugt. Danach«, Doreen kullerten dicke Tränen über die Wangen, »d-da h-hat er g-gar nicht mehr reagiert. Als wenn er t-tot wäre.« Sie heulte richtig los, und Aleesha stimmte darin ein. »Wir kommen nie mehr hier raus.«
Harlan schluckte. Genau das befürchtete er auch. Einerseits. Andererseits: »Du, ich verrate dir ein Geheimnis. Ich habe eine Tante, die ist ein Engel. Oder so was. Glaube ich. Sie wird uns finden und befreien.«
Doreen blickte ihn verärgert an. »Lügner! Wenn sie deine Tante ist, kann sie kein Engel sein. Engel sind keine Menschen.«
»Klar. Sie ist ja auch nur beinahe meine Tante, weil sie meinen Onkel Scott fast geheiratet hätte.«
»Engel heiraten nicht.«
»Ja, schon. Aber Tante Sam ist trotzdem ein Engel. Und sie wird uns befreien. Wirst sehen. Ganz bestimmt.«
Denn davon war Harlan trotz seiner Angst felsenfest überzeugt.

Sam machte einen Abstecher nach Hause. Zum einen wollte sie in Ruhe mit einem Zauber herausfinden, wo oder durch wen sie einen Hinweis auf die Identität und idealerweise den Aufenthaltsort des Wesens bekommen könnte. Zum anderen war sie mittlerweile hungrig. Immerhin war es bereits Nachmittag und sie hatte den ganzen Tag noch nichts »gegessen«. Zwar konnte sie durchaus ein paar Tage ohne Nahrung auskommen; besonders wenn der »Spender« eine so gehaltvolle Energie lieferte wie Nick.
Aber wenn sie Hunger hatte, sank ihre Laune auf den Nullpunkt und sie war eine Pest für ihre Umwelt. Davon abgesehen machte es ihr unabhängig von der Nahrungsaufnahme großen Spaß, mit Nick zu schlafen. So brutal der Werwolf seinen Feinden gegenüber sein konnte, so unglaublich zärtlich war er zu Sam.
Als sie das Haus betrat, war Nick mit den Kindern auf der Terrasse und spielte mit ihnen und Sally Basketball. Der Wächterdämon bildete mit Abby ein Team, Nick und Siobhan das zweite. Als Nick Sam bemerkte, hielt er inne und lächelte ihr zu. Das nutzte Abby aus, um ihm den Ball anzujagen. Sally deckte sie und hinderte Nick daran – der sich absichtlich keine allzu große Mühe gab –, den Ball wieder an sich zu bringen. Abby dribbelte auf den Korb zu, umging Siobhan, die ihr den abzunehmen versuchte, und warf den Ball in den Korb.
Nicht nur sie und Sally jubelten, sondern auch Siobhan, Nick und Sam. Abby strahlte über das ganze Gesicht, rannte auf Sam zu und warf sich ihr in die Arme. Sam spürte, wie glücklich das Kind war. Abby hatte ihre ersten Adoptiveltern, Siobhans leibliche Eltern Ronan und Sarah Kerry, zwar Mommy und Daddy genannt, weil man das von ihr erwartete; sie hatte sie auch gern gehabt. Aber für Sam und Nick empfand das Mädchen eine grenzenlose Liebe. Deshalb hatte sie auch Ronans Tod, der nur ein Dreivierteljahr nach seiner Frau gestorben war, nach nur fünf Monaten schon nahezu vollständig überwunden. Bei Siobhan würde das länger dauern. Doch Abby war, seit sie bei Sam und Nick lebte, so glücklich wie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht.
»Toller Wurf, meine Große«, lobte Sam. »Wie ich sehe, habt ihr Spaß.«
Abby nickte.
»Meinst du, ihr zwei Kinder könnt Sally fertigmachen?«
Abby grinste verschmitzt und nickte. Sie rannte zu Siobhan. »Komm, Shivvie, wir tricksen Sally aus.«
»Au fein!« Siobhan war Feuer und Flamme für den Plan.
Sam signalisierte dem Wächterdämon, dass er die Kinder für die nächste Stunde ablenken sollte, damit sie und Nick ungestört waren. Der Werwolf hob Sam schwungvoll auf die Arme.
»Schließe deine Augen, meine wunderbare Sam. Ich habe eine Überraschung für dich.«
Sie legte die Arme um seinen Hals und schloss gehorsam die Augen. Er trug sie nach oben in sein Zimmer und schloss die Tür mit einem Fußtritt hinter ihnen. Sam blähte die Nasenflügel und sog den betörenden Duft nach Blumen und Kräutern ein, der das ganze Zimmer ausfüllte.
»Jetzt darfst du hinsehen.«
»Oh Nick!«
Das ganze Zimmer war mit einem Meer von Blumen und duftenden Kräutern gefüllt, die in Töpfen, Vasen und Schalen arrangiert waren. Und das ganze Bett war mit Rosenblättern bedeckt. Er stellte Sam auf die Füße und blickte ihr ernst in die Augen.
»Eines Tages werden wir unseren Bund auch vor den Augen der Menschen besiegeln. Wenn du willst. Aber für mich bist du ab heute nicht mehr nur meine Seelengefährtin und Lebensgefährtin, sondern meine Ehefrau.« Er zuckte mit den Schultern. »So empfinde ich unseren Blutbund nun mal.«
Sie legte die Hand gegen seine bärtige Wange und streichelte sie. »Daran muss ich mich zwar erst gewöhnen, aber es fühlt sich nicht schlecht an.« Sie gab ihm einen Kuss.
Nick drückte sie an sich und erwiderte ihren Kuss innig. Anschließend knöpfte er Sams Bluse auf und zog sie ihr aus. Er wehrte ihren Versuch ab, ihm sein Hemd auszuziehen. Deshalb ließ sie ihn gewähren und wartete ab, was er plante. Er zog ihr unter Streicheln und Küssen auch den Rest der Kleidung aus, hob sie hoch und ließ sie auf die Rosenblätter auf dem Bett gleiten. Anschließend entkleidete er sich und legte sich zu ihr. Eine Weile betrachtete er nur ihren Körper. Dann begann er, sie an ihren empfindlichen Stellen zu streicheln, während er sie unablässig küsste.
Sam erwiderte seine Zärtlichkeiten. Die Rosenblätter, auf denen sie lag, fühlten sich an wie Seide und stimulierten sie durch ihren Duft zusätzlich. Sie spürte Nicks wachsende Erregung und sog deren Energie sanft in sich ein, was wiederum Nick zusätzlich erregte. Er schob sich über Sam, die sich ihm weit öffnete, und glitt sanft in sie hinein. Er verschmolz seinen Mund mit ihrem, drückte ihren Körper fest an sich, als wollte er auch ihre Körper untrennbar miteinander verschmelzen.
Er begann, Sam mit sanften Stößen zu reizen. Zwischendurch verharrte er reglos in ihr, küsste und streichelte sie an ihren empfindlichsten Stellen, bis sie sich unter ihm wand, ehe er wieder in sie stieß, zunehmen härter und schneller, bis sie beide kurz vor dem Höhepunkt waren. Bevor sie den erreichten, zog er sich aus ihr zurück und wartete, bis ihre Erregung ein bisschen nachgelassen hatte. Er leckte ihre Haut und schmeckte das betörende Aroma, vermischt mit dem Duft und dem Geschmack der Blumen. Er schloss die Augen und stellte sich vor, mit ihr im Wald zu sein. Allein der Gedanke machte seine Erektion härter. Er saugte an ihren Nippeln, während sein Glied zielsicher den Weg in Sams heiße Muschel suchte.
Sam gab einen leisen Laut von sich, als er in sie stieß. Sie fasste seine Hüften und presste sich an ihn, fuhr mit einem Finger sein Rückgrat entlang bis zum Steiß. Er stöhnte und bewegte sich schneller. Das tat auch Sam. Sie passte sich seinem Rhythmus an, kam ihm entgegen und ließ nicht zu, dass er sich ihr noch einmal entzog. Sanft wob sie ihre Sukkubus-Magie um ihn und brachte ihn und sich zu einem erlösenden Höhepunkt, der sie beide überflutete und noch lange, nachdem er abgeklungen war, durstig nach mehr zurückließ.
Nick bettete sie in seine Arme und streichelte Sam unablässig. Tränen liefen ihm über die Wangen. Sam küsste sie lächelnd weg.
»Es ist so schön mit dir, Sam.«
»Mit dir auch.« Sie gab ihm einen tiefen Kuss. »Auch auf die Gefahr hin, dass dir das möglicherweise zu Kopf steigt, muss ich trotzdem sagen, dass es mit keinem der unzähligen Männer, die ich in meinem Leben gehabt habe, so schön war, wie es mit dir ist. Nicht mal mit Axaryn und auch nicht mit Gwyn. Ich vermute, das liegt an dem Seelenbund. Egal was es ist, es ist herrlich.«
»Das ist es.« Er streichelte zart ihr Gesicht. »Es gibt nur noch eins, das mich vielleicht noch glücklicher machen könnte, majá tschudésnaja, meine Wunderbare: wenn du eine Wölfin wärst. Mit dir als Wölfin durch den Wald zu laufen und dich als Wolf zu lieben ...« Er seufzte sehnsüchtig, ehe er Sam fest an sich drückte. »Aber es ist auch so wundervoll mit dir. Absolut göttlich.«
Sie wand sich aus seiner Umarmung und stieg aus dem Bett.
»Verzeih mir, Sam, ich ...«, begann er, weil er glaubte, sie mit seinen Worten verletzt zu haben.
Sam lächelte – und stand im nächsten Moment in Wolfsgestalt vor ihm. Schon vergessen? Ich besitze auch die Fähigkeit, die Gestalt zu wandeln. Wenn du mich also als Wölfin willst ...
Nick stieß einen erstickten Laut der Überraschung und Freude aus. Er strich über ihr Fell, das sich in nichts von dem eines echten Wolfs unterschied, und konnte es kaum fassen, dass sie als Wölfin vor ihm stand. Er verwandelte sich ebenfalls und stupste sie mit der Schnauze an, ehe er liebvoll ihre Lefzen leckte. Das will ich, meine schöne Wölfin. Aber nicht hier. Ein anderes Mal. Im Wald. Nur du und ich. Oh Sam!
Er schmiegte sich eine Weile an sie, ehe er sich zurückverwandelte. Das tat auch Sam. Nick nahm sie in die Arme und sah ihr eine Weile in die Augen.
»Ich habe in meinem Leben eine verdammte Menge grausamer Taten begangen. Ich habe nicht verdient, so glücklich zu sein.«
Sie lehnte sich an ihn. »Ich denke, doch. Nimm das Glück als Belohnung dafür, dass du dich geändert hast. Glaub mir, Nick, der Mann, der du heute bist, hat Glück verdient. Davon abgesehen: Auch ich habe etliche Untaten auf dem Kerbholz, die verglichen mit denen, die du begangen hast, erheblich schlimmer sind. Ich entstamme schließlich der Unterwelt und war eine Zeitlang Luzifers Favoritin. Trotzdem genieße ich das Glück, das ich durch dich gefunden habe. Denn genau dieses Glück verhindert, dass ich wieder in alte Untugenden zurückfalle.«
Er strich ihre zärtlich über das Haar. »Wenn du das so siehst ...«
Sam nickte nachdrücklich. Und stieß einen Fluch aus, als ihr Handy klingelte. Seufzend beförderte sie es mit einem Bringzauber in die Hand. Der Anruf kam von Shari Mahoney.
»Hallo Sam. Ich habe ein bisschen nachgeforscht. Vielleicht haben wir einen Hinweis. Zumindest auf den Ursprung von diesem Ding. Ich habe in den alten Akten gestöbert, die dem DOC nach seiner Gründung übergeben wurden. Alles Fälle nicht nur vom FBI, die unaufgeklärt blieben und in irgendeiner Form merkwürdig waren. Inzwischen sind sie digitalisiert worden. Gott sei Dank. Jedenfalls hat es schon früher ähnliche Fälle gegeben. Der erste dokumentierte stammt aus dem Jahr 1895. In Hawthorne, einem Dorf in Florida, sind im Abstand von je vier Tagen sechs Kinder verschwunden im Alter zwischen vier und zwölf. Die beiden zuletzt verschwundenen wurden aber nur im Abstand von je zwei Tagen entführt. Die jüngeren waren Schwarze, die beiden älteren Seminolen. Ungefähr drei Wochen später sind sie innerhalb weniger Tage wieder aufgetaucht, teilweise am selben Tag, waren aber genau wie die heutigen Opfer apathisch und nie mehr ansprechbar.«
»Interessant.«
»Es kommt noch besser. Von da an zieht sich eine Spur von einem Dorf zur nächsten Stadt durch das ganze Land. Auch was den Modus Operandi betrifft. Die ersten fünf Entführungen hatten vier Tage Abstand, die folgenden nur noch zwei. Außerdem ergibt die Spur ein Muster. Ich habe es dir gerade gesendet.«
Sam rief die Bilddatei auf. Shari hatte auf einer Landkarte alle Orte markiert, an denen ein entsprechender Vorfall stattgefunden hatte, und in chronologischer Reihenfolge mit Linien verbunden. Von Hawthorne aus bewegte sich das Wesen – falls es dasselbe war, das in Cleveland sein Unwesen trieb, und davon war Sam überzeugt – in einer nahezu geraden Linie nordwestwärts quer über den ganzen Kontinent. Zwar endete die Linie an der Grenze der USA zu Kanada, aber wohl nur, weil das FBI keine Akten über Fälle aus Kanada hatte. Ein Stück seitwärts versetzt kam dem Ausgangspunkt ebenfalls von der Grenze her eine zweite Linie entgegen, die südostwärts zum Ausgangspunkt zurückführte. Von da aus lief ein weiterer Strahl wieder nördlich und wieder einer zurück und immer weiter über Jahrzehnte hinweg, bis es ein fächerartiges Strahlenmuster ergab. Die Serie brach allerdings 1971 in Akron ab, 35 Meilen von Cleveland entfernt.
»Sieht so aus, als würde dieses Wesen dort ansetzen, wo es vor 40 Jahren aufgehört hat«, meinte Sam.
»Die Frage ist, warum es so lange pausiert hat.«
»Mir stellt sich noch eine ganz andere Frage. Was ist in Hawthorne, dass es immer dorthin zurückkehrt? – Shari, ich muss mir die Kinder ansehen. Vielleicht kann ich rausfinden, was mit ihnen los ist.«
»Und sie aus ihrer Katatonie holen? Das wäre wunderbar. Sie wurden ins Fairview Hospital gebracht. Treffen wir uns dort in einer Stunde. Ich gebe dich als FBI-Beraterin aus, dann hast du Zugang zu den Kindern.«
»Bis dann.« Sam unterbrach die Verbindung und legte die Arme um Nick. Sie pflückte ein Rosenblatt aus seinem Haar und kitzelte damit seine Nase. Nick nieste. »Kommst du mit?«
Bevor er antworten konnte, klingelte Sams Handy erneut. Die Anruferin war Jenny Crawford.
»Sam, Harlan ist verschwunden. Ist er bei dir?«
Harlan war schon einmal aus der Schule weggelaufen, weil er in seinem neuen Lehrer einen Rattendämon erkannt hatte, und sich zu Sam geflüchtet.
»Nein, Jenny. Ich habe ihn zuletzt vor vier Wochen auf deinem Geburtstag gesehen. Was ist denn das für ein Lärm bei euch?«
Jenny seufzte genervt. »Das ist Spike. Er spielt verrückt und bellt ununterbrochen. Als Harlan aus der Schule kommen musste, ist er plötzlich über den Grundstückszaun gesprungen und weggelaufen. Und dann lag er plötzlich völlig benommen auf der Straße. Oh Sam, Harlan ist doch nicht von den Kinderfängern entführt worden, die die anderen Kinder entführt haben? Die Zeitungen berichten täglich darüber.«
»Das ist ...«
Sam hätte beinahe gesagt unmöglich. Schließlich hatte sie Harlan mit allen möglichen Schutzzaubern umgeben und ihm den Wächterdämon zur Seite gestellt, damit eben das nicht passieren konnte. Doch ein kurzer magischer Kontakt mit dem Wächterdämon, der Spikes Gestalt angenommen hatte, bestätigte ihr, dass das seltsame Wesen Harlan in seine Gewalt gebracht hatte. Und auch das war eigentlich unmöglich, denn einem Wächterdämon standen Möglichkeiten zur Verfügung, die Personen zu schützen, an die er sich band, über die nicht einmal Sam verfügte.
Ihr lief es kalt über den Rücken. Ein Wächterdämon, den fast nichts verletzen oder gar zerstören konnte – aber er hatte Harlan trotzdem nicht schützen können und war obendrein auch noch durch irgendwas betäubt worden. Das sagte ihr, wie gefährlich das Ding war.
»Das wäre die erste Entführung, die am hellen Tag mitten auf der Straße stattgefunden hätte«, versuchte sie Jenny zu beruhigen. »Gibt es Zeugen?«
»Nein. Niemand hat was gesehen. Der Fahrer des Schulbusses hat Harlan an der Haltestelle abgesetzt und seitdem ist er verschwunden.« Jenny begann zu weinen. »Wenn ihm was passiert ist ...«
»Ich werde ihn suchen, Jenny. Und ich finde ihn. Mein Wort drauf.«
Jenny beruhigte sich etwas. »Oh Sam, was geht hier vor? Das kann doch kein Zufall sein. Und warum ausgerechnet Harlan? Er …«
»Jenny!«, unterbrach Sam sie eindringlich. »Ich finde ihn. Versprochen.«
»Danke, Sam. Was sollen wir tun? Was können wir überhaupt tun?«
»Bleibt zu Hause und wartet. Vielleicht hat er sich nur mit einem Freund irgendwo verbummelt.«
»Aber …«
»Jenny, Nick und ich sind Profis im Auffinden verschwundener Personen. Du kannst die Suche nach Harlan uns überlassen.«
Das sah Jenny ein und beendete zögernd das Gespräch. Sam blickte Nick ernst an, der sich inzwischen wieder angezogen hatte. »Du musst bei den Kindern bleiben, Nick. Du hast gehört, was Jenny gesagt hat.«
Er nickte. Das war seinem empfindlichen Wolfsgehör nicht entgangen.
»Verdammt, ich hatte Harlan mit allen möglichen Schutzzaubern umgeben, aber die haben das Ding nicht abgehalten. Es hat sogar einen Wächterdämon ausgeknockt.« Sam schüttelte den Kopf. »Das Ding ist extrem gefährlich. Ich muss befürchten, dass es auch die Schutzzauber um dieses Haus durchdringt. Kallas Blut, was ist dieses Ding?«
Nicks Gesicht nahm einen grimmigen Ausdruck an. »Du weißt, dass ich die Welpen mit meinem Leben beschütze.«
Sie nickte und strich ihm über die Wange. »Das könnte aber möglicherweise nicht ausreichen. Ich engagiere noch ein paar zusätzliche Wächterdämonen.« Sie schüttelte den Kopf. »Verdammt, ich muss endlich rausfinden, womit wir es hier zu tun haben.« Sie zauberte sich ihre Kleidung auf den Leib, gab Nick einen innigen Kuss und verschwand in ihrem magischen Arbeitsraum.
Als Erstes verpflichtete sie zwanzig Wächterdämonen, die unsichtbar im Haus und um das Grundstück patrouillierten. Anschließend nahm sie ihren magischen Spiegel zur Hand und ließ sich mit einem Zauber anzeigen, wer ihr etwas darüber sagen konnte, womit sie es mit diesem Wesen zu tun hatte. Als erste Informationsquelle tauchte Luzifer auf. Das wunderte Sam nicht im Mindesten. Er war allerdings der Allerletzte, an den sie sich wenden würde.
Dass als nächste Quelle ihre Tochter Danaya genannt wurde, überraschte sie. Obwohl sie es sich eigentlich hätte denken können. Danaya unternahm schon seit ihrer Geburt alles, um Sam emotional ausschließlich an sie zu binden und ihre Bindungen an die Welt der Menschen zu kappen. Gut, das war der einzige Zweck, zu dem Luzifer sie mit Sam gezeugt hatte. Trotzdem hoffte sie immer noch, dass ihre Tochter sich wenigstens ab und zu ihrer Mutter gegenüber loyal verhalten würde. Aber das war wohl zuviel verlangt.
Sam hatte sich entschlossen, seit Danaya mitverantwortlich für Sarah Kerrys Tod war und daher indirekt auch für Ronan Kerrys Tod14, so wenig Kontakt wie möglich zu ihrer Tochter zu halten. Weil Danaya sich auf Anweisung ihres Vaters weigerte, Sam in der Welt der Menschen zu besuchen, musste sie für jedes Treffen in die Unterwelt gehen. Zu dem auch »zufällig« jedes Mal Luzifer auftauchte und versuchte, Sam dazu zu verführen, ihren Platz als Königin der Unterwelt an seiner Seite einzunehmen. Somit schied auch Danaya als Wissensquelle aus.
Weitere Dämonen erschienen im Spiegel, aber die würde Sam ebenfalls nicht befragen. Oder höchstens als letzte Möglichkeit. Das war zum Glück nicht nötig, denn im Spiegel erschien das Gesicht eines Vampirs, der ihr gut bekannt war: Cronos. Der über viertausendjährige Wächter seiner Art war, seit sie einander kennengelernt hatten, ein guter Freund geworden, obwohl sie einander selten sahen. In jedem Fall war Cronos eine vertrauenswürdige – und angenehme – Informationsquelle. Sobald sie ihr Treffen mit Shari im Fairview Hospital hinter sich gebracht hatte, würde sie ihn in New Orleans besuchen.

Shanice Williams wäre vollkommen glücklich gewesen, wenn Aleesha nicht verschwunden wäre. Dass ausgerechnet die Entführung ihrer Tochter der Anlass war, dass sich ihr Leben zum Besseren wendete, verursachte ihr ein schlechtes Gewissen.
Wie Sam Tyler ihr aufgetragen hatte, hatte sie sich ein paar bessere Kleidungsstücke gekauft. Natürlich in einem Second-Hand-Laden, denn gerade weil dreihundert Dollar für sie ein wahrer Reichtum waren, gedachte sie nicht, auch nur einen Cent davon sinnlos zu verplempern. Doch der unerwartete Geldsegen war nicht die einzige freudige Überraschung des Tages.
Als sie sich in der Detektei zum Arbeitsantritt gemeldet hatte, half die Sekretärin Molly Spring ihr erst einmal, eine Wohnung zu finden. Erstaunlicherweise hatte es keine Stunde gedauert, bis sie nicht nur eine ausfindig gemacht hatte, sondern Shanice auch als Mieterin angenommen worden war. Dass sie das nur einem Zauber zu verdanken hatte, den Molly Spring benutzt hatte, um die Vermieterin zu überzeugen, wie sie sehr wohl spürte, war ihr egal. Sie hatte endlich eine ordentliche Wohnung mit Fenstern, durch die die Sonne schien, in einer ordentlichen Gegend. Beim Umzug würden Miss Tyler und ihre Freunde helfen, hatte Miss Spring versichert. Jetzt fehlte ihr nur noch das Wichtigste zu ihrem Glück: Aleesha.
Ihr kamen die Tränen. Deshalb war sie so beschäftigt damit, sich wieder unter Kontrolle zu bringen, dass sie die Polizisten zu spät bemerkte, die vor dem Haus, in dem sie wohnte, auf sie gewartet hatten. Sie nahm sie erst wahr, als sie die Kellerwohnung aufschloss und von hinten angesprochen wurde.
»Miss Shanice Williams? Sie werden uns aufs Revier begleiten. Und dort werden Sie uns erzählen, an wen Sie Ihre Tochter verkauft haben.«

Sam genügte ein einziger Blick mit ihrer magischen Sicht auf die drei wiedergefundenen Kinder, um zu erkennen, dass ihnen mit keiner Magie der drei Welten zu helfen war. Dort, wo ihre Seele hätte sein müssen, klaffte ein dunkles Loch. Sie hatte etwas Ähnliches schon einmal gesehen. Als vor ungefähr einem Jahr eine Horde rachsüchtiger Geister entfesselt worden war15, hatten sie Besitz von den Körpern ihrer Opfer ergriffen und im Zuge dessen deren Seelen zerstört. Nachdem es Sam und Graham Winger gelungen war, die Geister wieder zu bannen, waren deren Opfer nur noch auf ihre Grundfunktionen reduzierte Hüllen gewesen, die nicht einmal mehr sprechen konnten. Mit diesen Kindern war es genauso.
Sam hörte sich die Erklärung der behandelnden Ärzte ebenso an wie Shari und Ned Kershaw, die ihnen berichteten, was Sam schon wusste. Dass nur noch die Körper funktionierten, die Kinder aber auf keine Reize reagierten. Sie tat, was man von ihr als »Beraterin« erwartete, gab vor, eigene Reflextests zu unternehmen, nur um den besorgten und hoffnungsvollen Eltern zu verkünden, dass auch sie keine Ahnung hätte, was mit den Kindern passiert war.
»Das war gelogen, nicht wahr?«, meinte Shari, nachdem sie mit Sam und ihrem Partner Ned Kershaw das Hospital verlassen hatten.
Sam nickte. »Wir haben es mit einer Art Seelenfresser zu tun. Den Kindern wurden die Seelen gewaltsam entrissen.«
»Was genau bedeutet das?«, wollte Ned Kershaw wissen.
»Dass diese armen Kinder bis an ihr Lebensende in dem Zustand bleiben werden, in dem sie jetzt sind.«
»Scheiße.«
»Das verstehe ich nicht.« Shari schüttelte den Kopf. »Dämonen haben auch keine Seele. Das hindert sie aber nicht daran, intelligent zu handeln.«
»Mal abgesehen davon, dass einige von uns durchaus eine Seele haben, gibt es in diesem Punkt einen gravierenden Unterschied zwischen uns und den Menschen. Bei uns Dämonen existieren Geist und Seele vollkommen voneinander getrennt und funktionieren auch getrennt. Bei euch Menschen sind sie untrennbar verbunden. Wird – durch was auch immer – eins von beiden zerstört oder gravierend geschädigt, ist der andere Teil ebenso davon betroffen. Bei euch kann zwar die Seele ohne den Geist existieren, wenn auch verkrüppelt, aber nicht der Geist ohne die Seele. Warum das so ist – keine Ahnung.«
»Das wird ein schwerer Schock für die Eltern.«
»Sie werden lernen, damit zu leben. Was mir zu denken gibt, ist, dass ich noch nie von der Form von Seelenfressern gehört habe, die ich in der Retrospektion gesehen habe.« Sam blieb stehen und blickte die beiden Agents ernst an. »Das Ding ist brandgefährlich. Ich habe gerade von einer Freundin die Nachricht bekommen, dass es ihren Sohn entführt hat – obwohl ich den mit allen mir bekannten Schutzzaubern geschützt hatte und ein Wächterdämon an seiner Seite war. Meine magische Macht ist ziemlich groß. Und trotzdem ist es dem Ding gelungen, Harlan zu entführen.«
Shari wurde blass unter ihrer dunklen Haut. »Oh Gott! Heißt das, es gibt nichts, womit man das Ding aufhalten kann?«
»Nun, es gibt immer eine Möglichkeit.«
Die ganz einfach wäre, wenn Sam ihre Macht als Königin der Unterwelt benutzt hätte. Sie war sich ziemlich sicher, dass nicht nur Luzifer in der Lage wäre, das Ding zu vernichten, sondern auch jeder seiner Vasallen, die Zehn Mächtigen Fürsten. Aber Luzifer wartete nur darauf, dass Sam sich ihnen oder einem anderen Dämon gegenüber als Königin gab, indem sie einem von ihnen Befehle erteilte. Denn damit hätte sie diese Stellung akzeptiert, was unabsehbare Folgen für sie und ihre Freunde hätte. Somit schied diese Möglichkeit aus.
»Da das Ding schon einmal 40 Jahre lang vorübergehend unschädlich gemacht worden ist – wodurch auch immer – muss es etwas geben, mit dem man es aufhalten kann. Ich kenne jemanden, der vielleicht was darüber weiß. Vielleicht finde ich dann auch den Ort, wo die Kinder gefangen gehalten werden.«
Shari machte ebenso wie Kershaw ein zweifelndes Gesicht. »Ich weiß, dass ich dir das nicht sagen muss, aber beeil dich, Sam. Bevor noch mehr Kinder ihre Seele verlieren. Denn der Sohn deiner Freundin hat offenbar den Übergang vom Vier- zum Zwei-Tagesrhythmus eingeläutet.«
»Musst du mir nicht sagen, Shari. Wirklich nicht.«
Sam verabschiedete sich von ihr und Kershaw und brachte ihren Wagen zum Büro, um den Anschein zu erwecken, dass sie dort wäre. Kaum war sie drinnen und unbeobachtet – nachdem sie Molly Springs Statusbericht entgegengenommen hatte –, sprang sie durch die Dimensionen nach New Orleans.

Rebecca Morris fuhr mit ihren Händen durch das dunkle Haar des Mannes, der seinen Kopf auf ihren Bauch gelegt hatte und ihrem Innenleben lauschte.
»Ich höre den Wein mit dem Käse kämpfen. Der Mais hüpft leise vor sich hin und versucht, dem Paprika und den Zwiebeln auszuweichen, die sich um ihn schlingen wollen. Aber der Reis schleicht sich von hinten heran, verleibt sich alles ein und tanzt mit den Chilischoten Twist.« Er kitzelte ihren Bauch.
Rebecca lachte. »Das ist die denkwürdigste Beschreibung von Jambalaya16, die ich je gehört habe.«
Er schob sich hoch und brachte sein Gesicht dicht vor ihres. »Das ist aber nicht mehr das Gericht, das ist die Beschreibung deiner hoch interessanten Verdauung desselben.«
Sie lachte wieder, legte die Arme um seinen Hals und sah ihm in die dunklen Augen. »Ich liebe dich, Vince. Du wirst doch bei mir bleiben? Auch wenn ich alt und hässlich bin?«
Er küsste sie. »Meine wunderbare Becca, selbst im Alter wirst du noch schön sein. Ich werde bei dir bleiben, solange du lebst. Mein Wort darauf. Und wäre jemand hier, der mich gut kennt, könnte der oder die dir bestätigen, dass ich noch nie mein Wort gebrochen habe. Jedenfalls nicht in den letzten zweieinhalbtausend Jahren.«
Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr er hoch. »Es ist jemand an der Tür.« Im nächsten Moment ertönte der Türgong.
Rebecca seufzte enttäuscht. »Ich vermute mal, das ist jemand, der dich mit einer wichtigen Vampirangelegenheit mit Beschlag belegt und du wieder die halbe oder ganze Nacht weg sein wirst deswegen.«
»Werden wir gleich sehen.«
Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Rebecca seufzte neidisch. Sie hätte auch gern Vincents Fähigkeiten besessen, sich schneller zu bewegen, als das menschliche Auge wahrnehmen konnte, seine Kraft und vor allem seine Unsterblichkeit. Für sie war es immer noch ein Wunder, dass er sie nicht nur liebte und dass sie sich ebenfalls in ihn verliebt hatte, sondern dass ein Mann wie er, der seit Jahrtausenden lebte und mit unzähligen schönen Frauen liiert gewesen war, sie attraktiv und begehrenswert fand.
Von unten hörte sie Vincents Stimme, die erfreut klang, und – die Stimme einer Frau. Rebecca sprang aus dem Bett und war froh, dass sie außer ihren Slippern noch nichts ausgezogen hatte. Sie eilte ins Wohnzimmer. Beim Anblick der Frau, die in einer Sprache mit Vince redete, die Rebecca nicht verstand, stockte ihr der Atem. Die Frau war trotz ihres beinahe militärisch kurzen Haarschnitts so wunderschön, dass Rebecca sich potthässlich vorkam.
Nein, sie kam sich nicht so vor, sie war hässlich. Das hatte ihr Calvin nur allzu deutlich zu verstehen gegeben, als er sie abserviert hatte. Und was er noch alles gesagt hatte, hatte sie auf das Dach des Bürogebäudes getrieben, in dem sie arbeitete, um sich das Leben zu nehmen. Besonders seine Perfidie, mit der er ihr Liebe vorgeheuchelt hatte, nur um über sie an geheime Daten der Firma heranzukommen. Der Tod war leichter zu ertragen als dieser Schmerz, der nur das Fass von unglücklichen Beziehungen zum Überlaufen gebracht hatte.
Doch bevor sie sich in den Tod stürzen konnte, war Vince da gewesen. Angeblich hatte er sich aufs Dach zurückgezogen, um unerlaubterweise eine Zigarette zu rauchen. Inzwischen wusste sie, dass er mit seinem hochempfindlichen Vampirgehör ihr verzweifeltes Schluchzen gehört hatte und gekommen war, um sie zu retten. Was ihm auch gelungen war. Als sie Monate später herausgefunden hatte, dass er ein echter Vampir war, hatte sie sich bereits in ihn verliebt. Gerade deshalb befürchtete sie, dass auch er sie eines Tages verlassen würde, obwohl er ihr schon mehr als einmal geschworen hatte, das nicht zu tun, solange sie lebte. Aber wenn sie sah, mit was für Frauen er in seiner Eigenschaft als ein Wächter, ein Vampirpolizist, zu tun hatte – so wie diese schwarzhaarige Göttin – dann hatte sie nur noch Angst, ihn an einen von denen zu verlieren.
Er wandte sich ihr zu. »Becca, hier ist eine der Personen, die dir bestätigen kann, dass ich immer mein Wort halte: Sam Tyler. Sam, das ist Rebecca Morris, meine große Liebe.«
Rebecca starrte Sam Tyler an. Vince hatte ihr von der guten Freundin erzählt, die in Cleveland lebte und die keine Vampirin, sondern eine leibhaftige Dämonin war. Sie sah überhaupt nicht dämonisch aus.
»Das kann ich bestätigen«, bekräftigte sie und blickte Rebecca verschwörerisch an. »Was hat er denn versprochen?«
Vince kam zu ihr, nahm ihre Hand und legte den Arm um Rebecca. »Dass ich bei ihr bleiben und sie lieben werde bis zu ihrem natürlichen Tod.«
Die Dämonin nickte. »Das wird er halten, andernfalls er das niemals versprochen hätte.«
Rebecca lehnte sich mit einem erleichterten Seufzen an ihn. Er gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Verspätet besann sie sich auf ihre Manieren. Sie reichte Sam Tyler die Hand.
»Nett Sie kennenzulernen.«
»Gleichfalls. Nenn mich Sam. Ich wollte euch nicht stören – zumindest nicht lange –, aber ich brauche dringend deinen Rat, Cronos. Du weißt etwas, und ich muss es auch wissen.«
Cronos deutete auf die Sitzecke. »Schieß los.«
»Mögen Sie ... magst du irgendwas essen oder trinken, Sam?« Rebecca lachte unsicher. »Oder kannst du dich auch nur von Blut oder so was ernähren?«
»Sex.«
»Wie bitte?«
Sam grinste. »Ich bin ein Sukkubus. Meine Art kann nur die beim Sex freiwerdende Energie verdauen. Aber«, sie zwinkerte Rebecca zu, »ich habe heute schon gegessen. Wenn es dir keine Umstände macht, nehme ich gern einen Tee.«
»Macht keine Umstände.« Sie deutete auf den Durchgang zur Küche, während Sam und Cronos sich setzten. »Ich koche uns welchen.«
»Danke.«
Cronos schenkte Rebecca ein liebevolles Lächeln und blickte ihr nach, als sie in die Küche ging.
Sam grinste. »Die Gerüchte sind also wahr. Cronos der Alte hat sich in eine Menschenfrau verliebt.« Sie sprach altes Ägyptisch, Cronos’ Muttersprache. Rebecca musste nicht unbedingt hören, was sie mit ihm zu besprechen hatte.
Er nickte und seufzte. »Egal wie alt man wird, egal wie abgeklärt und egal für wie immun man sich gegen solche Anwandlungen hält, sofern man kein Dasein als Eremit führt, erwischt einen die Liebe immer wieder. In der Regel aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung.« Er sah Sam tief in die Augen. »Ich glaube, das weißt du inzwischen auch.«
Sie nickte und seufzte ebenfalls. »Aber ich bin mit einem zumindest was das Altern betrifft unsterblichen Werwolf liiert. Beziehungen zu Menschen sind und bleiben aufgrund unserer extremen Langlebigkeit problematisch. Aber das muss ich dir ja nicht sagen.« Sie grinste flüchtig. »Kannst du eigentlich alle deine Liebschaften noch zählen?«
Er schüttelte den Kopf. »Schon lange nicht mehr. Aber ich erinnere mich immer noch an die vergleichsweise wenigen Frauen, die ich wirklich geliebt habe. Und mit Becca ist es was ganz Besonderes. Falls ich schon mal irgendwann für eine Frau empfunden habe, was ich für sie fühle, kann ich mich nicht daran erinnern.« Er schnitt eine Grimasse. »Ich habe mich schon bei dem Gedanken ertappt, einen Eid zu leisten, nach ihr nie wieder eine andere Frau zu lieben.«
Sam lachte. »Dazu lebst du noch viel zu lange. Ein ewiger Zölibat wäre gerade für dich die Hölle. Ich glaube, das wäre der erste Eid, den du früher oder später brechen würdest.«
»Wahrscheinlich.« Cronos winkte ab. »Davon abgesehen sind selbst wir, die wir von der Natur mit unendlich vielen Lebensjahren beschenkt wurden, nicht wirklich unsterblich. Irgendwann wartet irgendwo der Tod auch auf uns.« Sein Blick wurde melancholisch. »Aber je älter man wird, umso mehr fürchtet man neue Verluste. Vor allem hat man irgendwann Angst, sich wieder in eine Sterbliche zu verlieben, weil man weiß, wie das Ende aussieht. Natürlich hofft man immer, dass es die große Liebe ist und sie bis zum natürlichen Tod des geliebten Menschen hält. Aber das ist selten der Fall.«
»Woran liegt das? Mal abgesehen von dem ganz natürlichen sich Auseinanderleben, das heutzutage unter Menschen Hochkonjunktur hat.«
Er seufzte. »Bei den Menschen ist es meistens Verlustangst. Sie stellen mit fortschreitendem Alter fest, dass sie nicht mehr attraktiv sind und fürchten, irgendwann wegen eines jüngeren, attraktiveren Menschen verlassen zu werden. Daraus resultieren Verlustängste und Eifersucht. Auf unserer Seite ist es ab einem gewissen Punkt die Unfähigkeit, das Leid des geliebten Menschen zu ertragen. Mit dem Altern kommt der körperliche Zerfall, kommen Krankheiten. Diesen Zerfall vor Augen zu haben und zu wissen, dass man ihn aufhalten könnte, indem man sie verwandelt, genau das aber nicht tun darf und zusehen muss, wie das Ende kommt – sie in ihren Tod gehen lassen muss ...« Er schüttelte den Kopf. »Da ist die Feigheit der Flucht leichter zu ertragen. Besonders wenn sie dich ab einem gewissen Stadium anflehen, sie zu verwandeln.« Er sah Sam in die Augen. »Du ahnst nicht, wie groß die Versuchung in solchen Momenten ist.«
»Ich kann es mir vorstellen. Du hast ihr trotzdem dein Wort gegeben, bis zum Ende bei ihr zu bleiben?«
Er nickte. »Und ich weiß, dass wir beide leiden werden, lange bevor es soweit ist. Aber ich bin fest entschlossen, das bis zum buchstäblich bitteren Ende zu ertragen. Denn was wir einander bis dahin geben, wird die paar Jahre Leid allemal aufwiegen.«
Sam blickte ihn forschend an. »Da ist doch noch mehr im Spiel.«
Er nickte wieder. »Sie hat eine Menge durchgemacht. Es ist ihr wahnsinnig schwergefallen, zu mir Vertrauen zu fassen. Genau genommen bin ich der einzige Grund, warum sie sich nicht umgebracht hat. Wenn ich sie verlasse oder sie mich auf andere Weise verliert, wird sie nicht weiterleben wollen und auch nicht können. Du weißt vielleicht, dass Menschen eine Grenze dessen haben, was sie ertragen können. Wird diese Grenze überschritten ...« Er zuckte mit den Schultern. »Mein Verlust, egal auf welche Weise der geschieht, würde Beccas Grenze überschreiten und sie in den Tod treiben. Das werde ich ihr nicht zumuten, indem ich sie verlasse. Und deshalb werde ich, wenn es so weit ist und sie mich nicht aus eigenem Antrieb vorher verlässt, das Leid ertragen und sie erst verlassen, wenn ihre Leiche in einem Sarg in der Erde ruht.«
Sam spürte in ihm eine unbeugsame Entschlossenheit und eine ebenso heftige Liebe, als er Rebecca ansah, die in der Küche werkelte. Die Intensität seiner Gefühle stand denen, die Nick für Sam empfand, in nichts nach.
»Cronos, mein Freund, ich habe ein Geschenk für euch.«
Er grinste süffisant. »Hütet euch vor Dämonen, wenn sie Geschenke bringen. So lautet, glaube ich, ein altes Sprichwort.«
Sam trat ihn vors Schienbein. »Nein, es heißt: Hütet euch davor, Dämonen zu beleidigen, denn ihre Rache wird furchtbar sein.«
Er lachte. Sam stimmte darin ein. Rebecca sah unsicher zu ihnen her und zwang sich zu einem Lächeln, als Cronos ihr zuzwinkerte. Sam spürte ihre Angst wie eine dunkle Wolke, dass Sam alte Gefühle in ihm entfachen und er sich deshalb von Rebecca abwenden könnte.
»Im Ernst, alter Freund. Mein Geschenk wird euch gefallen. Es gibt einen Regenerationszauber, mit dem diejenigen unter uns, die nicht von Natur aus ›ewig‹ leben – was übrigens die Mehrheit von uns ist – unseren natürlichen Alterungsprozess neutralisiert. Er bewirkt, dass, wie das bei euch Vampiren von Natur aus der Fall ist, die Zellen sich so schnell regenerieren, dass der Körper nicht mehr altern kann.«
Cronos starrte sie an, als er begriff, was Sam meinte. Hoffnung und Erleichterung keimten in ihm.
»Wenn ihr in zehn Jahren noch zusammen seid und eure Liebe dann immer noch ungebrochen ist, belege ich Rebecca mit diesem Zauber. Vorausgesetzt, sie ist damit einverstanden. Als Sukkubus weiß ich, ob ihr in zehn Jahren noch genauso füreinander empfindet wie jetzt. Ist das der Fall, bekommt sie den Zauber.«
Cronos riss sie in seine Arme und gab ihr einen heftigen Kuss. »Danke, Sam! Hunderttausendfachen Dank! Eine Million Danke!« Er küsste sie erneut.
»Vince!« Rebecca klang entsetzt und verletzt. Sie stand mit einem Tablett in der Küchentür und starrte ihn und Sam an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Cronos war im nächsten Moment bei ihr, hatte das Tablett auf den Boden gestellt und nahm sie in die Arme. »Keine Sorge, mein Liebling. Das war nur ein ganz spontaner Dank. Sam hat uns beiden ein Geschenk versprochen, das ...« Er küsste Rebecca erneut.
»Das ihr erst bekommt, wenn ihr in zehn Jahren noch zusammen seid«, ergänzte Sam. »Und bis dahin wird dieser vorlaute Vampir seine Klappe darüber halten, sonst belege ich ihn mit einem Restriktionszauber, der ihn am Plaudern hindert.« Sie warf Cronos einen mahnenden Blick zu. »Aber keine Angst, Rebecca. Der Kuss hatte wirklich nichts zu bedeuten außer ›danke‹. Ich bin zwar ein Sukkubus, aber ich habe trotzdem Prinzipien, von denen das oberste lautet, dass Freunde in festen Beziehungen und die Männer von Freundinnen für mich als Futterquelle oder Snack zwischendurch tabu sind. Du kannst also unbesorgt sein. Was zwischen Cronos und mir war, ist vorbei. Geblieben ist nur unsere Freundschaft. Und solange ihr zwei zusammen seid, bleibt die platonisch. Unter anderem weil ich inzwischen glücklich in einer festen Beziehung mit einem Werwolf lebe und wir Kinder haben.«
Rebecca blickte unsicher von Sam zu Cronos, der nachdrücklich nickte und sie erneut küsste. Sie erwiderte seinen Kuss innig.
Sam spürte, dass sie für Cronos eine so heftige, allumfassende Liebe empfand, gepaart mit einer immensen Verlustangst und noch einer Reihe von anderen Gefühlen, die Sam nicht einordnen konnte. Sie begriff, wie recht er hatte: Sein Verlust würde Rebecca vernichten. Ihr Regenerationszauber würde das verhindern.
Es erstaunte sie wieder einmal, wie einfach es doch manchmal war, ein Problem zu lösen. Der Zauber war nicht einmal besonders kompliziert und wäre in weniger als einer Minute erledigt. Aber er ermöglichte zwei Wesen, die einander über alle Maßen liebten, miteinander glücklich zu werden.
Cronos stellte das Tablett mit dem Tee auf den Tisch und setzte sich, Rebecca im Arm. »Du wolltest irgendwas wissen, Sam. Wie kann ich dir helfen?«
Sie erklärte ihm, was in Cleveland los war. »Ein Zauber hat mir offenbart, dass du mir zumindest einen Hinweis geben kannst, um was für ein Wesen es sich handelt.«
»Oh Gott, das ist ja furchtbar«, fand Rebecca. »Die armen Kinder.«
Sam nickte. »Und weil dieses Ding durch scheinbar nichts mir Bekanntem aufzuhalten ist, mache ich mir große Sorgen um meine Kinder.«
»Verständlich.« Cronos nickte und hatte nachdenklich die Stirn gerunzelt. Er schloss die Augen und konzentrierte sich.
Sam trank ihren Tee und störte seine Gedanken nicht. Sie merkte, dass Rebecca sie verstohlen beobachtete und gab sich Mühe, durch keinen Blick und keine Geste etwas zu tun, das die Menschenfrau als Interesse an Cronos hätte interpretieren können.
Nach einer Weile öffnete Cronos die Augen. »Im alten Ägypten gehörte zum Pantheon der Götter und Dämonen eine Unterweltgöttin: Amemait. Manche nannten sie Ammit. Und ob sie wirklich eine Göttin oder eine Dämonin war, darüber streiten sich die Geister. Vielmehr die Kulte, in denen sie eine Rolle spielte. Sie hatte den Kopf eines Krokodils, den Mittelteil einer Löwin und den unteren Teil eines Flusspferds.«
»Eindeutig Dämonin«, war Sam überzeugt. »Wir nennen ihre Art Ama’éma Ahítu – Todesgefährten.«
Cronos nickte. »Das passt. Amemait soll gemäß dem einen Kult die Toten beseitigt, also gefressen haben, nach einem anderen«, er blickte Sam bedeutungsvoll an, »deren Seelen verschlungen haben.«
Sam schüttelte den Kopf. »Das Wesen, das ich gesehen habe, war definitiv kein Ama’éma Ahítu. Und die ›Unzerstörbarkeit‹ passt auch nicht dazu.«
»Stimmt. Einer alten Legende nach soll Amemait eines Tages sechs Töchter geboren haben, die von Apophis gezeugt wurden. Apophis galt als Verkörperung des Chaos und der Finsternis. Seine Kinder von Amemait waren keine gewöhnlichen Toten- oder Seelenfresser. Sie holten sich nur die Seelen von Kindern, die magisch begabt waren. Angeblich wollten sie durch diese jungen Seelen – warum auch immer – menschliche Gestalt erlangen, um auf der Erde leben zu können.«
»Aber wieso kann ich dieses Ding nicht finden? Es existiert, also müsste ich es aufspüren können.«
Der alte Vampir schüttelte den Kopf. »Durch die Abstammung von Apophis ist sie kein Teil dieser Welt. Und auch kein Teil der Unterwelt. Das war das Besondere an diesen sechs Töchtern. Sie sind Teil des ...«, er suchte nach Worten, »... der Struktur, aus der die Dimensionen bestehen. Verstehst du?«
Sam schüttelte den Kopf.
»Nun, du kannst keinen einzelnen, ganz bestimmten Wassertropfen im Ozean lokalisieren, weil der ein Teil des Ozeans und untrennbar mit ihm verbunden ist. Der eine Tropfen Wasser unterscheidet sich in nichts von allen anderen Wassertropfen. Sie sind identisch, deshalb haben sie alle dieselbe metaphysische Beschaffenheit. Anders kann ich es nicht erklären. Diese sechs Wesen bestehen aus der metaphysischen Struktur, aus der die Dimensionen gemacht sind. Aber weil sie wie ihre Eltern verehrt werden wollten, brauchten sie eine substanzielle Gestalt. Die konnten sie nur erreichen, indem sie sich diese besonderen Seelen einverleibten. Keine Ahnung warum oder wie genau das funktioniert. Du kannst sie demnach nicht vernichten, weil sie nicht Teil dieser Welt sind, alle deine magischen Kräfte und ›Waffen‹ aber schon.«
Sam kaute nachdenklich auf der Unterlippe und schüttelte schließlich den Kopf. »Es muss aber etwas geben, das sie zerstört. Oder zumindest bannt. Erstens sind diese Wesen damals in Ägypten irgendwann verschwunden und Jahrtausende nicht mehr aufgetaucht, bis sie oder eins von ihnen urplötzlich vor 116 Jahren in Hawthorne erschien. Dann ist es vor vierzig Jahren wieder verschwunden und vor drei Wochen wieder aufgetaucht. Außerdem scheint es sich tatsächlich nur um ein einziges zu handeln. Was ist mit den anderen fünf passiert? Und warum kehrt das eine immer wieder nach Hawthorne zurück?«
Cronos schüttelte den Kopf. »Darauf weiß ich keine Antwort. Ich bin nur fast allwissend. Aber vielleicht findest du in Hawthorne einen Hinweis.«
»Dorthin wollte ich sowieso als Nächstes.«
Sams Handy klingelte. Die Anruferin war Shanice Williams.
»Miss Tyler, die Polizei hat mich verhaftet. Ich soll meine Aleesha an ... an irgendwelche Kinderschänder verkauft haben.« Sie begann zu weinen. »Weil man das Geld gefunden hat, das Sie mir gegeben haben und ...«
»Keine Panik, Miss Williams«, unterbrach Sam. »Hören Sie mir gut zu. Sie sagen der Polizei, dass sie ab sofort kein einziges Wort mehr sagen, bis Ihr Anwalt bei Ihnen ist. Ich bin in ungefähr einer halben Stunde mit meinem Anwalt bei Ihnen und kläre die ganze Sache auf. Danach bringe ich Sie nach Hause. Alles klar?«
Shanice bestätigte das zögernd.
Sam klappte ihr Handy zu. »Menschen!« Sie schüttelte den Kopf. »Manchmal könnte ich das ganze Pack kollektiv in den Arsch treten.«
Cronos nickte. »Ich weiß, was du meinst.« Er zog Rebecca an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Aber einige von ihnen sind einfach wunderbar.«
Sam dachte an Scott und die Liebe, die sie füreinander empfunden hatten. »Nur allzu wahr.« Sie stand auf. »Vielen Dank, alter Freund. Du hast mir sehr geholfen.« Sie reichte Rebecca eine ihrer Visitenkarten. »Wenn du mal Hilfe brauchst, melde dich.«
Rebecca lächelte überrascht und erfreut. »Danke, Sam. Ich wusste nicht, dass es Dämonen gibt, die nett sind«, platzte sie heraus.
Sam und Cronos lachten.
»Die meisten von uns sind niederträchtig, bösartig, gemein und fies. Du solltest also keinem trauen. Außer mir. Für meine Harmlosigkeit verbürgt sich nicht nur Cronos.«
Der Vampir lachte schallend. »Also ›harmlos‹ ist so ziemlich das Letzte, was auf dich zutrifft. Aber«, er wandte sich an Rebecca, »wenn es so was wie eine ›gute‹ Dämonin gibt, dann ist das Sam.«
Sie zwinkerte beiden zu. »Man sieht sich.«
Sie verschwand. Als Erstes machte sie zusammen mit Shiva Ramajeetha, ihrem Anwalt und Wächter der Vampire von Cleveland, einen Abstecher ins Police Departement. Shiva hatte durch Sams Aussage die Anschuldigungen gegen Shanice in nur wenigen Minuten vollständig entkräftet, und Sam brachte Shanice nach Hause.
Shanice blickte sie hoffnungsvoll an, als Sam sich verabschieden wollte. »Miss Tyler, haben Sie irgendeinen Hinweis darauf, wo meine Aleesha sein könnte?«
Sam schüttelte bedauernd den Kopf. »Aber ich habe den Kreis der Verdächtigen einschränken können und weiß jetzt, womit wir es zu tun haben. Das ist ein Fortschritt. Und ich weiß, wo ich weitere Informationen bekomme.« Sie legte Shanice die Hand auf die knochige Schulter und streichelte sie sanft. »Glauben Sie mir, ich arbeite, so schnell ich kann.«
Shanice nickte. »Wissen Sie, ohne meine Aleesha ist das alles nichts wert. Ich lebe nur für sie. Wenn Sie auch Kinder haben ...« Sie blickte Sam fragend an, die nickte. »Dann wissen Sie, was ich meine.«
Das wusste Sam nicht. In gewissen Bereichen würde sie die Menschen wahrscheinlich nie verstehen. »Ja, das weiß ich durchaus.«
Sie verabschiedete sich von Shanice. Die nächste Station war Hawthorne, Florida. Sam war gespannt, was sie dort finden würde.

Harlan hatte das Gefühl, dass ihm das Herz stehenblieb, als er das leise Knistern hörte, das die Schritte des Dings begleitete. Es klang wie das entfernte Säuseln des Windes im Gras. Oder wie wenn im Winter der Wind über den Schnee strich, der auf dem Dach lag. Doreen begann zu wimmern und Aleesha zu weinen. Harlan, der zwischen ihnen hockte, je einen Arm um die Schultern eines Mädchens gelegt hatte und sich in dieser Pose einigermaßen stark vorgekommen war, hätte am liebsten ebenfalls geweint.
Alle drei wussten, was nun folgte. Das Ding würde sich einen von ihnen nehmen und das Schreckliche tun, was es auch mit Tommy und den anderen getan hatte. Die Frage war nur, wer sein Opfer werden würde.
Die Gitterstäbe verschwanden, die den Fluchtweg versperrten. Dennoch war an Flucht nicht zu denken, weil das Ding davor stand. An jeder Hand hielt es einen kleinen Jungen, Zwillinge, nicht älter als fünf, die es in den Raum zerrte und sie achtlos fallen ließ, während es sich auf Harlan, Aleesha und Doreen konzentrierte. Schließlich griff es nach Doreen.
Sie schrie auf. Das tat auch Aleesha. Ebenso Harlan. Doch während die Mädchen nur unartikuliert kreischten, brüllte Harlan aus Leibeskräften nach derjenigen, von der er irrationalerweise hoffte, dass sie ihn hörte und endlich kam, um sie alle zu retten: »Tante Saaam!«

Hawthorne war ein kleines Dorf mit nur knapp 1500 Einwohnern. Sam kehrte im Burger Barn am Sid Martin Highway ein, spielte die Durchreisende und ließ sich mit Kaffee und Burgern verköstigen. Unter einem Unsichtbarkeitszauber vor menschlichen Augen verborgen, hatte sie ihren magischen Spiegel vor sich liegen. Sie ließ ihn die Ereignisse anzeigen, die vor 116 Jahren hier stattgefunden hatten, während sie tat, als würde sie in einer Zeitung lesen.
Zunächst zeigte der Spiegel nichts Besonderes und ließ nur das Alltagsleben der Dorfbewohner im Zeitraffer vorübergleiten. Bis zu dem Tag, an dem eine Sonnenfinsternis kam. Während die Hälfte der Bevölkerung sich während der Zeit in die Kirche flüchtete, betrachtete ein anderer Teil das Schauspiel am Ufer des Johnson Lake, wobei sie die Wasseroberfläche als Spiegel benutzten, um nicht direkt in die Sonne zu sehen.
Als ein paar Stunden später die Nacht hereinbrach, entstieg das Wesen, das Sam in den Retrospektionen gesehen hatte, dem See. Es war konturlos und irrte eine Zeitlang um den See herum und unbemerkt durch Hawthorne. Schließlich nistete es sich im Keller eines halb verfallenen Hauses ein und ging auf die Jagd. Doch ab da konnte Sam es auch mit dem magischen Spiegel nicht mehr bis in sein Versteck verfolgen, denn das war schlagartig verschwunden.
Nach allem, was Cronos ihr darüber gesagt hatte, dass das Wesen ein Teil der metaphysischen Struktur der Dimensionen war, wunderte sie das nicht. Offenbar verschmolz das Wesen mit seinem Domizil mit nicht nur einer Dimension, sondern mit allen gleichzeitig. Herkömmliche Magie funktionierte immer nur in der Dimension, in der sie gewirkt wurde und in einer anderen nur dann, wenn sie durch ein offenes magisches »Wurmloch« dorthin geschickt werden konnte.
Nun gut. Eine Frage war beantwortet. Andere blieben. Zum Beispiel was im Johnson Lake war, dass das Wesen daraus hatte kommen können und warum es immer wieder dorthin zurückkehrte. Aber Sams magische Sinne, mit denen sie den nur ein paar Hundert Yards entfernten See abtastete, offenbarten ihr nichts. Vielleicht war es durch die Sonnenfinsternis angelockt worden oder hatte die auf metaphysischer Ebene etwas bewirkt, das es dem Wesen ermöglicht hatte, diese Welt zu betreten.
Sie beendete ihre Mahlzeit, verließ die Burger Barn und spielte dasselbe Spiel in Akron, wo das Ding vor 40 Jahren verschwunden war. Diesmal dauerte es erheblich länger, bis sie einen Hinweis fand. Aber der erschütterte sie zutiefst. Nicht wohin das Wesen verschwunden war, sondern der Grund, warum es wieder aufgetaucht war. Bei einem der Wechsel von dieser Dimension, in der es sich manifestieren musste, um der Kinder habhaft zu werden, in sein »dimensionsloses« Domizil, das offenbar nicht fest an einem Ort verankert war, geriet es in einen unterirdischen, von Eisenpartikeln durchzogenen Salzstock. Wahrscheinlich lag es an der besonderen Beschaffenheit von Salz und Eisen, denn auf beides reagierten viele Dämonen allergisch und es schränkte ihre magischen Fähigkeiten erheblich ein oder neutralisierte sie. Jedenfalls wurde das Wesen in dem Salzstock gefangen.
Bis vor drei Wochen eine Dämonin auftauchte, den Salzstock zerstörte und es aus seinem Gefängnis befreite: Danaya.
Sam musste sich beherrschen, um ihrer Wut nicht mitten unter Menschen Ausdruck zu verleihen, die nicht nur das Restaurant in Schutt und Asche gelegt hätte, in dem sie saß, sondern noch ein erheblich größeres Areal. Noch mehr musste sie sich beherrschen, um nicht Danaya in der Unterwelt aufzusuchen und ihrer Tochter magisch den Hintern und erheblich mehr zu versohlen. Dies war eine neue Intrige ihrer Tochter, um Sam dazu zu verleiten, ihre Stellung als Luzifers Königin anzunehmen.
Wieder einmal verfluchte sie den Umstand, dass sie nicht nur mit menschlichen Gefühlen geschlagen war, sondern auch eine Seele besaß. Ohne beides oder auch nur eins von beiden, würde es ihr nichts ausmachen, dass ihre eigene Tochter ihre Feindin war und täte ihr das nicht so elend weh. Aber es war nicht zu ändern.
Sam unterdrückte ihre dämonische Wut. Sie wusste jetzt, was sie tun musste, um das Ding wieder von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Auf magische Weise einen mit Eisenpartikeln versetzten Salzpanzer um das Wesen zu bilden, kostete sie ein Fingerschnippen. Das Problem war, das Ding zu finden, und zwar schnell, denn es hatte Harlan, Doreen Monroe und Aleesha Williams in seiner Gewalt. Und vielleicht nicht nur diese drei. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schon dem nächsten Kind die Seele entrissen hatte, war groß und wuchs mit jeder Sekunde.
Aber wie, bei Kallas Blut, machte man einen einzigen bestimmten Wassertropfen im Ozean ausfindig, der sich in nichts von allen anderen Wassertropfen unterschied? Wie fand man ein Wesen, das nicht nur die Dimensionen nach Belieben wechselte, sondern Teil aller Dimensionen war?
Sam kannte niemanden, der ihr darauf eine Antwort hätte geben können. Außer vielleicht Axaryn, aber sie spürte, dass er immer noch nicht von seiner Mission wohin auch immer zurückgekehrt war.
Aber er war nicht der Einzige mit immensen magischen Fähigkeiten und einer über zehntausendjährigen Expertise. Es gab noch jemanden. Kurz entschlossen verließ Sam das Restaurant in Akron und sprang durch die Dimensionen zum Lotos Institut nach Denver.
Vesgyn, der letzte Überlebende und Erzpriester von Atlantis, hielt in der dem Institut angeschlossenen Schule Unterricht ab über magische Gesetzmäßigkeiten vor einer nur aus vier jungen Leuten bestehenden Klasse – Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer Natur bei Tag nicht am Unterricht teilnehmen konnten: ein Gargoyle, zwei Vampire und eine Nachtalbin.
Sam platzte ohne zu zögern in den Klassenraum. »Vesgyn, ich brauche deine Expertise.«
Vesgyn runzelte missbilligend die Stirn. »Sam, ich unterrichte, wie du siehst. Bis zum Ende der Stunde wirst du wohl noch warten können.«
»Nein. Es geht um Menschenleben.« Sie machte eine Kopfbewegung zur Tür.
Er seufzte und wies die jungen Leute an, eine Pause zu machen, ehe er Sams Hand nahm und mit ihr in seine Wohnung im Institut teleportierte. »Worum geht es?«
Sam berichtete ihm von dem Seelenfresser. »Und ich habe keine Ahnung, wie ich das Ding aufspüren kann«, schloss sie ihren Bericht und blickte ihm ernst in die strahlend blauen Augen. »Da Axaryn nicht verfügbar ist, bist du meine letzte Hoffnung, denn die Zeit drängt.«
Er nickte nachdrücklich. »Das sehe ich auch so.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, starrte an die Decke und dachte mehrere Minuten lang nach. Schließlich blickte er Sam an.
»Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Aber die Schwierigkeit mit dem Aufspüren dieser Seelenfresserin ist, dass deine Sinne und damit auch deine magischen Fähigkeiten sich nur innerhalb der Dimensionen bewegen, aber nicht in sie eintauchen können.«
»So weit war ich auch schon mit meinen Überlegungen.«
Vesgyn lächelte flüchtig über ihren Unmut. »Falls du dich mir zu einem Experiment anvertrauen kannst, glaube ich, dass ich es schaffen könnte, deine Bindung an die Dimensionen magisch aufzuheben. Zumindest vorübergehend. Ich glaube nämlich nicht, dass es dir gut täte, wenn du diesen Zustand beibehieltest.«
Sam blickte ihn eine Weile nachdenklich an. Sie und Vesgyn hatten in der Vergangenheit ein paar Differenzen gehabt und waren nicht gerade Freunde gewesen. Zwar hatten sie die vor einem Jahr bereinigt17, aber Sam spürte, dass Vesgyn ihr immer noch nicht hundertprozentig vertraute und ihr gegenüber nach wie vor ein gewisses Misstrauen empfand. Aber hier ging es um das Leben unschuldiger Kinder.
»Okay. Was muss ich tun?«
»Nichts. Du solltest dich aber auch nicht gegen meine Magie wehren. Deshalb habe ich gefragt, ob du mir vertrauen kannst.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Du bist ein Wächter. Allein deshalb würdest du nichts tun, das mir schadet. Außerdem sind wir auch – Freunde. Deshalb vertraue ich dir.«
Er äußerte sich nicht dazu, aber Sam spürte, dass ihre Worte ihn rührten. »Entspann dich, Samala.«
Sam gehorchte. Sekunden später fühlte sie, wie seine Magie in sie eindrang und sich mit ihrem Köper bis auf die molekulare Ebene verband. Für den Bruchteil einer Sekunde empfand sie den Impuls, sich dem zu verschließen. Nicht nur weil sie spürte, wie die Magie sie veränderte, sondern auch, weil sie so stark von Licht durchdrungen war, dass es sie schmerzte. Sie ignorierte den Schmerz.
Als Vesgyn fertig war und sie gespannt anblickte, sah sie sich um. Die Wände des Zimmers hatten für ihre Augen und ihre Sinne ihre Festigkeit verloren und wirkten nunmehr wie dünne Schleier, hinter denen Sam andere Dimensionen nicht nur sehen, sondern sie auch spüren konnte. Wenn sie ihre Sinne ausdehnte, konnte sie alles erfassen, was sich nicht nur in dieser Dimension abspielte, sondern fühlte, hörte und sah auch das, was sich in den anderen tat. Sie erblickte Wesen und Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte und die sie deshalb nicht benennen konnte. Es war beinahe berauschend.
»Wow!« Sam sah Vesgyn an. Auch seine Struktur hatte sich für ihre Sicht verändert. Sie konnte, wenn sie sich darauf konzentrierte, nicht nur in seinen Körper hineinblicken wie mit einem Röntgengerät, sondern auch durch ihn hindurch. »Wie lange hält das an?«
»Fünf Stunden. Nicht, dass ich an deiner mentalen Stabilität oder deinen Fähigkeiten zweifle, aber es könnte sein, dass die Reizüberflutung zu groß ist, wenn du sie länger aushalten musst. Da diese Seelenfresserin sich mit ihren Beutezügen auf Cleveland konzentriert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie ihr Domizil auch dort irgendwo hat. Die Zeit sollte ausreichen, um sie zu finden.« Er zuckte mit den Schultern. »Notfalls wiederholen wir den Zauber.«
»Danke, Vesgyn.« Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber der entsetzte Schrei eines Kindes, ausgestoßen in höchster Not, der durch die Dimensionen an ihre Ohren drang, hinderte sie daran.
»Tante Saaam!«
»Kallas Blut!« Die Schallwellen des Schreis zeigten Sam durch die für ihre Sinne zu einer Einheit verschmolzenen Dimensionen den Weg. Sie sprang dorthin, von wo jetzt ein zweiter Schrei erklang.
»Tante Saaam! Hilfeee!«
Sam tauchte neben dem Wesen auf, das Doreen Monroes Kopf in seinen Händen hielt und gerade begonnen hatte, die Seele aus dem Kind zu saugen, die für Sams Augen wie ein bläulicher Nebel aus Mund und Nase austrat. Noch hatte die Seelenfresserin diesen Nebel nicht berührt. Dazu kam sie auch nicht mehr. Nicht nur, weil Sams Auftauchen sie dermaßen überraschte, dass sie Doreen losließ, worauf die Seele sich sofort wieder in das Kind zurückzog. Doreen sackte benommen zu Boden.
Sam ging ohne zu zögern zum Angriff über. Sie wollte das Ding instinktiv mit Levinpfeilen vernichten. Wahrscheinlich lag es daran, dass Vesgyns Zauber sie auch auf dieser Ebene verändert hatte, denn statt der tödlichen magischen Blitze strömte ihr ganzer Körper und vor allem ihre Seele ein so starkes Licht aus, dass es Sam noch schlimmer schmerzte als das Licht in Vesgyns Zauber. Aber nicht nur sie.
Lichtfinger griffen von ihr nach der Seelenfresserin, die schmerzgepeinigt aufkreischte. Ihr spinnenwebartiges Gewand begann sich aufzulösen. Wo seine Struktur zerfiel, lösten sich kugelrunde nebulöse Lichtwölkchen daraus, die einen Moment in der Luft schwebten, ehe sie verloschen. Bis auf drei. Die flogen zielstrebig durch die Decke des höhlenartigen Raums. Sam ahnte, dass es sich um die Seelen der drei Kinder handelte, die im Fairview Hospital lagen. Sie hatte aber keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn die Seelenfresserin ergriff die Flucht.
»Tante Sam!« Harlan warf sich ihr in die Arme und hinderte sie dadurch daran, dem Ding zu folgen. »Ich wusste, dass du uns holen kommst. Ich wusst’s.« Er begann zu schluchzen und versuchte tapfer, die Tränen zu unterdrücken. Ohne Erfolg.
Sam drückte ihn tröstend an sich. »Tut mir leid, dass das so lange gedauert hat, Harlan. Bist du in Ordnung?«
Er nickte und drehte sich zu Doreen um, die am Boden hockte, aber Sam mit großen Augen staunend ansah. »Ich hab doch gesagt, meine Tante Sam ist ein Engel!«
Sam zuckte bei der Behauptung zusammen, widersprach dem aber nicht. Sie hatte das Gefühl, dass die Kinder die Illusion brauchten, ein Engel habe sie gerettet. Sam würde sie mit einem Restriktionszauber belegen, der verhinderte, dass sie ihren Eltern und später Polizei und FBI etwas anderes erzählten als eine logisch nachvollziehbare Version dessen, wie Sam sie gefunden und befreit hatte.
»Wo sind denn deine Flügel?«, wollte Doreen flüsternd wissen.
Sam lächelte. »Da ich unter Menschen lebe und die nicht wissen dürfen, was ich bin, sind meine Flügel unsichtbar.«
»Darf ich sie trotzdem mal sehen? Ich verrate es auch niemandem.«
So weit wollte Sam die Illusion eigentlich nicht treiben. Da sie aber spürte, dass nicht nur Doreen, sondern auch Harlan und Aleesha und besonders die völlig verängstigten Zwillingsjungen ein Zeichen brauchten, dass sie in Sicherheit waren und ihnen nichts mehr passieren konnte, erschuf Sam ein Paar Flügel, schwarz wie ihr Haar. Doch die Kinder nahmen die wohl anders war, da immer noch das schmerzhafte Licht aus ihr strahlte, von dem sie das Gefühl hatte, dass es sie innerlich verbrannte. Bestimmt lag das an Vesgyns Zauber und verspürte sie deshalb den Wunsch, ihn in den Arsch zu treten.
Egal. Die Angst der Kinder schwand, und Sam löste die Flügel wieder auf. »Das muss unser Geheimnis bleiben, okay? Ihr dürft niemandem erzählen, dass ich kein Mensch bin.«
Die Kinder nickten. Harlan zupfte sie an der Hand.
»Können wir jetzt nach Haus gehen, Tante Sam? Bitte schnell?«
»Aber klar doch.«
Sie sah sich um und erkannte mit ihrer immer noch veränderten Sicht, dass sich der Höhlenkomplex zwar in einer anderen Dimension befand, aber in der Menschenwelt in der Nähe der Drydock Street am Ufer des Cuyahoga-Flusses. Sam manifestierte die Höhlen in der Dimension der Menschen und erschuf unbemerkt von den Kindern einen Zugang, der in einem stillgelegten Kanalisationstunnel mündete. Dann nahm sie Aleesha auf den Arm und Doreen an die Hand, während Harlan, der sich wieder auf seine Rolle als großer Junge besann, die Zwillingsjungen an die Hand nahm.
Sam führte die Kinder durch den Tunnel an die Oberfläche und tat, was jeder Mensch in dieser Situation tun würde. Sie rief die Polizei an.
»Hier ist Sam Tyler, Privatermittlerin. Ich habe die entführten Kinder gefunden.«

Sam schwankte zwischen Wut und einem ihr unerklärlichen Gefühl von Befriedigung, als sie Stunden später nach Hause kam. Für Befriedigung gab es ihrer Meinung nach nicht den geringsten Grund, denn die Seelenfresserin war entkommen. Daraus resultierte ihre Wut, denn nachdem die Polizei in der Drydock Street aufgetaucht war, um den Tatort in Augenschein zu nehmen, an dem die Kinder gefangen gehalten worden waren, hatte Sam denen und dem FBI mehrere Stunden lang Rede und Antwort stehen müssen. Auch den Medien, die innerhalb kürzester Zeit erfahren hatten, dass eine Privatdetektivin die entführten Kinder gefunden hatte.
Wieder einmal hatte sie sich eine plausible Begründung einfallen lassen müssen, wie sie auf den Gedanken gekommen war, die Kinder ausgerechnet dort zu suchen, wo sie sie gefunden hatte. Sam hatte behauptet, in der Wohnung von Shanice Williams auf dem Boden eine verdächtige Substanz gefunden und analysiert zu haben; diese Behauptung konnte sie durch ihre Magie ziemlich leicht beweisen. Das Ergebnis der Analyse hatte ihr angeblich den Hinweis auf die Höhle unter der alten Kanalisation an der Drydock Street gegeben, in der sich eben diese Substanz befand. Wofür sie natürlich ebenfalls mit Magie sorgte. Eine gute Begründung zu erfinden, woher sie die Höhle kannte, war vergleichsweise einfach.
Trotzdem dauerte es bis nach Mitternacht, bis Lieutenant Stewart Colby, der die Entführungsfälle bearbeitete, sie endlich gehen ließ. Zu dem Zeitpunkt hatte Vesgyns Zauber bereits aufgehört zu wirken, sodass sie die Seelendiebin nicht mehr verfolgen, geschweige denn finden konnte. Was sie noch wütender machte.
Weshalb sie das Gefühl von Befriedigung irritierend fand, das sie empfunden hatte, als die Eltern gekommen waren und ihre Kinder abgeholt hatten. Shanice Williams hatte Sam ebenso innig umarmt wie Jenny und Bill Crawford. Die Monroes hatten ihr mehrere Minuten lang ununterbrochen die Hand geschüttelt, und der Vater der Zwillingsjungen hatte Sam einen Scheck über einen hohen Betrag ausgestellt, obwohl er sie gar nicht engagiert hatte, seine Söhne zu suchen. Aber wieso empfand sie Befriedigung, nur weil die Eltern überglücklich waren? Das war wahrscheinlich wieder einmal eine dieser ihr unbegreiflichen menschlichen Regungen.
Sam hatte gerade die Haustür aufgeschlossen, als Shari Mahoney und Ned Kershaw die Auffahrt heraufkamen. Sam bat sie notgedrungen ins Wohnzimmer, wo Nick saß und hingebungsvoll Geige spielte. Er legte sie zur Seite, als die drei eintraten und betrachtete Shari und Kershaw wachsam, die ihn ebenso wachsam musterten.
»Nick Roscoe, nehme ich an?«, fragte Shari und fügte auf sein Nicken hinzu: »Als Mann gefallen Sie mir entschieden besser.«
Nick grinste und deutete eine leichte Verbeugung an.
»Was gibt es, Shari, dass ihr mich mitten in der Nacht heimsucht?« Sams Stimme drückte mehr als deutlich aus, dass sie ihre Ruhe haben wollte.
Shari winkte ab. »Seit wann stört es eine Dämonin, dass es mitten in der Nacht ist?«
»Komm zur Sache. Meine Laune ist nicht die beste.«
»Das sollte sie aber sein, nachdem du die Heldin des Tages bist und morgen in allen Clevelander Zeitungen auf der Titelseite stehen dürftest.«
Sam schnitt ihr eine Grimasse.
»Deine Diagnose bezüglich der seelenlosen Kinder war falsch. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber sie sind aus ihrer Katatonie erwacht und vollkommen ansprechbar, obwohl sie erhebliche Erinnerungslücken haben, was die Zeit betrifft, die sie in Gefangenschaft verbracht haben. Hast du dafür eine Erklärung?«
Sam nickte. »Das Ding ist keine Seelenfresserin, sondern eine Seelensammlerin. Ich habe ihr ›Sammelgefäß‹ beschädigt, und dadurch kamen die gefangenen Seelen wieder frei. Zum Glück für die Kinder.«
»Ist sie tot?«
Sam verzog das Gesicht und ballte die Faust. »Nein. Da ich mich um die Kinder kümmern musste und im Anschluss daran ihr und die Polizei mich aufgehalten habt, konnte ich sie nicht verfolgen. Aber ich bleibe am Ball. Ich weiß inzwischen auch, wie ich sie unschädlich machen kann. Das Problem ist, sie zu finden.«
»Aber du hast sie doch schon mal gefunden.«
»Ja, und ich habe immer noch Schmerzen davon«, schnappte Sam. Sie machte eine wegwerfende Geste. »Auch meine Kräfte haben Grenzen, Shari. Und dieser Seelendiebin ist mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen.«
Shari schwieg.
»Hast du rausfinden können, warum sie immer wieder nach Hawthorne zurückkehrt?«, wollte Kershaw wissen.
»Ich habe eine Theorie. Sie ist von dort aus – möglicherweise zum ersten Mal – in diese Welt gekommen. Vielleicht fühlt sie deshalb eine besondere Verbindung zu diesem Ort. Ist auch egal. Ich werde jedenfalls nicht ruhen, bis ich sie unschädlich gemacht habe. – War es das jetzt?«
Shari hob abwehrend die Hände. »Wir sind schon weg.« Sie sah Sam in die Augen. »Du hast verdammt gute Arbeit geleistet, Sam, und etliche Menschen sehr glücklich gemacht, indem du ihnen ihre Kinder zurückgegeben hast. Darauf kannst du stolz sein.«
»Da die Seelendiebin mir entkommen ist, sehe ich dafür keinen Grund.« Und da ihre Tochter Danaya ursächlich für die ganze Sache verantwortlich war, sah sie erst recht keinen Grund für Stolz. Im Gegenteil.
Sie begleitete die beiden Agents hinaus und knallte die Tür hinter ihnen zu.
Nick nahm sie in die Arme, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. »Agent Mahoney hat recht. Du hast wirklich allen Grund stolz zu sein.«
»Den habe ich ganz und gar nicht, denn es war meine missratene Tochter Danaya, die diese Seelendiebin auf die Menschheit losgelassen hat.«
Nick blickte sie verständnislos an und schüttelte den Kopf. »Warum tut sie so was? Sie ist deine Tochter
»Sie ist in erster Linie Luzifers Tochter. Und auch das ist meine Schuld. Wenn ich mich mehr um sie gekümmert hätte, als ich noch Einfluss auf sie hatte, stünde sie vielleicht auf meiner Seite.«
Nick drückte sie an sich und streichelte ihr Gesicht mit seinen Lippen. »Warum hast du es nicht getan?«
Sam seufzte. »Weil Káshnarokk, ein Dämon, den Luzifer vor Jahrtausenden erschaffen hat, um Atlantis zu zerstören, Scott umgebracht hat18. Jedes Mal, wenn ich danach Danaya begegnete, habe ich in ihr nicht meine Tochter gesehen, sondern Luzifer, der mittelbar für Scotts Tod verantwortlich ist. Hätte er ihn nicht zu einem Inkubus gemacht, wäre der nie auf den Gedanken gekommen, unbedingt an meiner Seite stehen zu wollen, als wir mit vereinten Kräften Káshnarokk wieder gebannt haben. Nach Scotts Tod konnte ich lange nichts mehr in meiner Nähe ertragen, was mit der Unterwelt zu tun hat.« Sie zuckte mit den Schultern. »Als ich meine Ressentiments überwunden hatte, war meine Tochter bereits eine loyale Dienerin ihres Vaters.« Sie lehnte sich an Nick und legte den Kopf auf seine Schulter. »Es ist alles meine Schuld. Durch Danayas Taten bin ich mitschuldig an Sarahs und Ronans Tod und dass Siobhan und Abby ihre Eltern verloren haben und an allem, was Danaya getan hat und noch tun wird, um mich auf die Seite der Finsternis zu ziehen.«
»Das bist du nicht, Sam. Absolut nicht.« Nick schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Dafür ist allein deine Tochter verantwortlich. Sie könnte sich jederzeit für dich entscheiden, bei dir leben und dir gegenüber loyal sein. Wenn sie es will. Dass sie nicht will, ist ihre eigene freie Entscheidung. Für die bist du nicht verantwortlich. Und«, er nahm ihr Gesicht in beide Hände, »als Vater von insgesamt elf leiblichen – und leider toten – Kindern, kann ich dir aus entsprechender Erfahrung Brief und Siegel darauf geben, dass der Einfluss von Eltern auf ihre Kinder sehr begrenzt ist. Solange sie noch klein sind, können wir sie beeinflussen. Aber sobald sie Teenager und erst recht wenn sie erwachsen sind, habe wir nur noch so viel Einfluss, wie sie zulassen. Deine Tochter war zum Zeitpunkt von Scotts Tod bereits erwachsen. Und damit ist alles, was sie tut oder getan hat, allein ihre Verantwortung, niemals deine.« Er gab ihr einen zärtlichen Kuss. »Glaub mir, du hättest nichts von all dem verhindern können.«
Sie konnte das nicht glauben. Da sie aber erst fünf Monate Erfahrung mit der Erziehung von Kindern hatte, widersprach sie ihm nicht. »Ich muss nach Denver zu Vesgyn. Er muss mir helfen, die Seelendiebin zu finden. Ich komme zurück, sobald ich kann.«
Sie gab ihm einen innigen Abschiedskuss und verschwand.

»Nein.« Vesgyn schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Das kann ich nicht tun, Samala. Nicht so kurz hintereinander.«
»Wieso nicht? Ich versichere dir, ich halte das aus.«
»Dein Geist vielleicht, aber dein Körper nicht. Spürst du das nicht? Dein Körper hat sich in seiner Molekularstruktur noch nicht wieder vollständig gefestigt. Ich kann es mit meinen magischen Sinnen sehen. Wenn ich dich jetzt noch einmal in diesen instabilen Zustand versetze, könntest du aus dem nicht mehr herauskommen und ewig in ihm hängen bleiben. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich dich dann magisch da wieder rausholen kann.«
Sam starrte ihn böse an. »Verdammt, Vesgyn, ich muss diese Seelendiebin finden und unschädlich machen, bevor sie noch mehr Kinder entführt. Ich habe ihr ihren Vorrat an Seelen weggenommen; zumindest einen Teil davon. Ich weiß zwar nicht, wozu sie die gesammelt hat, aber da sie das nicht ohne Grund getan hat, braucht sie die und jetzt dringend Nachschub. Die Zeit drängt.«
»Das ist mir bewusst. Trotzdem werde ich nicht dein Leben riskieren oder deine Sicherheit. Sobald dein Körper sich vollständig erholt hat – und ich hoffe, dass er sich erholt – können wir es noch einmal versuchen. Obwohl es auch dann immer noch sehr riskant ist. Erstens hätte jede Wirkung des Zaubers nach Ablauf der fünf Stunden verschwinden müssen. Zweitens hätten deine Selbstheilungskräfte deinen Körper längst vollständig regenerieren müssen. Dass das nicht der Fall ist, zeigt deutlich, wie gefährlich dieser Zauber ist. Und deshalb werde ich ihn nicht noch einmal anwenden, bis du nicht wieder völlig geheilt bist. Egal was du sagst, tust oder mir androhst zu tun. Und das ist mein letztes Wort.«
Sam kniff verärgert die Augen zusammen. »Vielleicht liegt es aber auch an diesem widerlichen Licht, das du mir mit deinem Zauber ›injiziert‹ hast.«
Vesgyn blickte sie verständnislos an. »Licht? Samala, ich schwöre dir, ich habe nichts dergleichen getan. Was ist passiert?«
Sie spürte, dass er die Wahrheit sagte. Zumindest bewusst hatte er sie nicht mit diesem Licht infiziert. Sie berichtete ihm, was vorgefallen war.
Als sie geendet hatte, schüttelte er den Kopf. »Dieses Licht ist ganz von selbst aus dir gekommen. Gerade ein solches Licht kann nicht durch einen Zauber in einem anderen Wesen manifestiert werden, wenn es nicht von vornherein bereits in ihm ist.« Er lächelte und legte ihr die Hand auf den Arm. »Es ist das Licht, das du von Geburt an in dir trägst. Es ist wundervoll, dass es sich auf diese Weise gezeigt hat.«
Sam entzog ihm den Arm. Was Vesgyn sagte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Zwar behauptete jeder, der ihr Blut trank, dass sie ein starkes inneres Licht besäße; es hatte sich auch schon zwei- oder dreimal gezeigt. Aber noch nie derart massiv. Vor allem hatte es nie so wehgetan und diese Wirkung so lange angehalten. Allerdings hatte gerade dieses Licht die Seelendiebin vertrieben und vielleicht sogar verletzt. In jedem Fall hatte es sie in die Flucht geschlagen.
»Nun gut. Aber, Vesgyn, sollte nur noch ein einziges Kind verschwinden, dann wirst du diesen Zauber wiederholen, weil ich es so will. Und ich scheiße auf die Folgen. Das Ding muss unschädlich gemacht werden. Egal wie und egal um welchen Preis.«
Sie verschwand, aber nicht schnell genug, um nicht noch seine letzten Worte zu hören: »Du denkst wie eine Wächterin, Samala.«
Am liebsten wäre sie zurückgekehrt und hätte ihn für diese Bemerkung in den Arsch getreten, besonders da er überaus erfreut und zufrieden geklungen hatte. Nicht nur Luzifer wollte sie unbedingt auf seiner Seite haben; auch die Wächter versuchten schon seit Jahren, sie ihren Reihen einzuverleiben. Sogar Axaryn hatte nur den Blutbund mit ihr geschlossen, damit sie sich nicht gegen ihn und damit gegen die Wächter stellen konnte. Sie hasste Manipulationsversuche zutiefst. Wahrscheinlich glaubte Vesgyn, Axaryns Einfluss zeige endlich Früchte und Sam würde sich in absehbarer Zeit entscheiden, eine Wächterin zu werden. Aber darauf konnten die Wächter lange warten!
Doch das war im Moment völlig unwichtig. Da tatsächlich noch Nachwirkungen von Vesgyns Zauber in ihr waren, konnten die ihr vielleicht helfen, die Seelendiebin zu finden. Sie kehrte nach Hause zurück, setzte sich zu Nick ins Wohnzimmer und versuchte, von den ruhigen Klängen seiner Geige begleitet, das Wesen durch die Restwirkung von Vesgyns Zauber aufzuspüren.

Das Klingeln ihres Handys riss Sam Stunden später aus ihren fruchtlosen Versuchen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es kurz vor Morgengrauen war. Nick saß immer noch an ihrer Seite und ließ sie nicht aus den Augen. Sein Gesicht drückte Besorgnis aus.
Ein Blick auf das Display sagte ihr, dass der Anruf von Gwyn Harper kam, dem Wächter der Vampire von Baltimore, der einer ihrer besten Freunde war.
»Hi Gwyn, was gibt es?«
Am anderen Ende blieb es eine Weile still, ehe Gwyn mit brechender Stimme sagte: »Cronos ist tot. Er wurde von einem Jäger von PROTECTOR ermordet.«
»Kallas Blut! – Oh Gwyn, das ...« Ihr fehlten die Worte. »Wenn ich irgendwas für euch tun kann ...«
»Danke, Sam«, unterbrach er sie, und sie hörte, dass er weinte. »Wir kommen schon klar. Ich wollte es dir nur sagen.«
Gwyn wartete ihre Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung.
Sam starrte auf das Handy und hatte das Gefühl, eine Halluzination erlebt zu haben. Cronos – tot? Das konnte doch nicht sein. Einer der ältesten Vampire, der seit Jahrtausenden lebte – ausgelöscht für immer? Ihr Freund Cronos? Der immer ein wenig arrogante, neckende, sture, trotzdem weise und mitfühlende Cronos, mit dem sie vor wenigen Stunden noch gesprochen hatte und der mit Rebecca Morris endlich mal wieder das große Glück gefunden hatte? – Unmöglich!
Sie erwachte aus ihrer Starre, als Nick ihr das Handy aus der Hand nahm und sie umarmte. Mit seinem scharfen Wolfsgehör hatte er natürlich mitbekommen, was Gwyn gesagt hatte.
»Ich muss zu ihm, Nick. Cronos war Gwyns Seelenbruder. Gwyn leidet Höllenqualen. Ich weiß nicht, was er tut, wenn …« Sie ballte die Fäuste. »Und wenn ich diesen verfluchten Jäger erwische, ziehe ich ihm die Haut bei lebendigem Leib in Streifen ab! Inch für Inch, damit er höllischste Qualen leidet, bevor ich ihn den Ghouls zum Fraß vorwerfe, noch bevor er tot ist!«
Ihre Stimme war mit jedem Wort tiefer geworden, bis sie einen hohlen, dunklen Klang hatte, der so dämonisch hallte, wie Nick es noch nie gehört hatte. Ihre Augen glühten blutrot. Sie nahm sich zusammen, als sie Nick erschauern spürte und sah ihm in die Augen.
»Gwyn braucht mich.«
Er legte die Hand gegen ihre Wange. »Natürlich, Ljubímaja.« Er streichelte ihr Gesicht. »Als ich damals Yelena und meine Welpen verloren habe, war der Schmerz entsetzlich. Einen Seelengefährten zu verlieren, muss ungleich schlimmer sein. Geh zu ihm. Und gib ihm alles, was er von dir braucht.« Er tat einen tiefen Atemzug und zuckte mit den Schultern. »Ich wollte mich sowieso wieder in den Wald zurückziehen. Für die nächsten zwei Wochen oder so.«
Sam fühlte genau, dass er das gar nicht vorhatte. Er tat nur so, damit sie gemäß ihrer Übereinkunft, einander absolut treu zu sein, solange Nick in der Stadt war, Gwyn nicht abweisen musste, falls er Sex brauchte, um die nächsten Tage zu überstehen. Sie blickte Nick liebevoll an, strich ihm über die Wange und gab ihm einen innigen Kuss.
»In Momenten wie diesem, mein Geliebter, weiß ich ganz genau, dass ich dich nicht nur liebe, weil wir seelenverbunden sind, sondern weil du ein wunderbarer Mann bist. In jeder Beziehung.«
Er gab ihr einen heftigen Kuss, ehe er sie nachdrücklich von sich schob. »Geh.«
Sam verschwand.

Sie landete in einer Wolke von so schwarzer Verzweiflung, Schmerz, Trauer und Hass, dass sie für mehrere Sekunden nichts sehen konnte, bis es ihr gelang, diesen emotionalen Sturm auszublenden. Gwyn lag zusammengerollt am Boden, weinte, brüllte und stieß Laute aus, in denen eine solche Agonie lag, wie Sam sie noch nie zuvor gehört oder gefühlt hatte. Selbst ihre Verzweiflung nach Scotts Tod, die sie an den Rand des Selbstmords getrieben hatte, war ein müder Abklatsch mit der allumfassenden Qual, die Gwyn empfand, dem ein Teil seiner Seele entrissen worden war.
Sie nahm ihn in die Arme. »Ich bin hier, Gwyn. Und ich lass dich nicht allein. Ich bin nicht Cronos, aber ich bin bei dir.«
Sie war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt wahrnahm. Noch nie hatte sie bei irgendwem eine so vollständige Verlorenheit und Orientierungslosigkeit gefühlt. Sie hatte schon manches Leid erlebt und noch mehr von anderen Wesen gefühlt, aber keins war so gewaltig gewesen wie Gwyns. Er war kurz davor, den Verstand zu verlieren.
Sam besaß als Sukkubus die Fähigkeit zur absoluten Empathie. Sie konnte alle Gefühle der Wesen in ihrer Nähe wahrnehmen, auch die verborgensten und subtilsten, die ihnen selbst gar nicht bewusst waren. Sie hatte aber noch nie versucht, ob sich diese Wahrnehmung magisch umkehren ließ, sodass sie in der Lage wäre, ihre eigenen Gefühle auf jemand anderen zu projizieren. Sie versuchte es.
Sie konzentrierte sich auf ihre Zuneigung und Freundschaft zu Gwyn, nahm seine Liebe auf, die er für sie empfand, und versuchte, sie ihm mit ihren eigenen Gefühlen vermischt zurückzugeben. Zu ihrem Erstaunen und ihrer Erleichterung klappte das. Seine Liebe und ihre Gefühle strömten in das klaffende Loch seiner Seele, wo vorher die Verbindung mit Cronos gewesen war. Zwar konnte das die zerstörte Verknüpfung der beiden Seelen nicht ersetzen, aber es verschaffte ihm Erleichterung.
Mit einem wimmernden Laut entrollte er sich aus seiner Embryohaltung und blickte Sam aus tränenblinden Augen an. Er schien sie erst jetzt wahrzunehmen. Im nächsten Moment küsste er sie heftig und hungrig, als wollte er sie verschlingen. Sam erhielt die Rückkopplung seiner Gefühle mit ihren aufrecht, sodass er eine Weile fast nichts weiter wahrnehmen konnte, als seine Liebe, Zuneigung und Freundschaft zu ihr.
Mit einer Geschwindigkeit, zu der fast nur Vampire fähig waren, hatte er ihr und sich die Kleidung vom Leib gerissen, tauchte in ihren Körper ein und umklammerte sie, als wollte er mit ihr verschmelzen. Statt wie sonst mit ihr zu spielen, stieß er so schnell in sie, dass er nur Sekunden später zum Höhepunkt kam. Sam projizierte auch diese Gefühle auf ihn. Nach einer Weile begann sein Verstand wieder zu funktionieren und kehrte sein Geist aus der Schwärze der Verzweiflung zögernd in die Welt zurück. Noch immer flossen Tränen unaufhörlich aus seinen Augen.
Er brauchte eine Weile, ehe er sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde. »S-Sam? Wie ... was ...«
Sie drückte ihn an sich. »Ich bin hier, Gwyn. Und ich bleibe bei dir, so lange du mich brauchst.« Sie hoffte, dass nicht gerade in dieser Zeit die Seelendiebin wieder aktiv wurde. Doch sie vertraute darauf, dass Nick oder Shari ihr Bescheid geben würden, falls sie in Cleveland gebraucht wurde. Außerdem hatte sie ihre Familie und die gefundenen Kinder mit Luftelementaren umgeben, die ihr unverzüglich melden würden, wenn etwas mit ihnen passierte.
»Oh Sam.« Gwyns Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Er richtete sich auf und zog sich langsam aus ihr zurück. »Er ist ...« Seine Stimme brach, und er schluchzte herzzerreißend.
Sam legte den Arm um seine Schultern. »Ich bin hier, Gwyn. Ich bin nicht er, aber ich bin für dich da.«
Sie wiederholte das wie ein Mantra, während sie fortfuhr, ihre Gefühle für ihn auf ihn zu projizieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit fasste er sich ein wenig, starrte aber ins Leere.
Sam streichelte seinen Rücken. »Hey«, sagte sie sanft.
Er wandte ihr das Gesicht zu, schien aber durch sie hindurchzublicken. »Ich kann sie hören, Sam.« Seine Stimme war nur ein raues Flüstern, das so schwerfällig über seine Lippen kam, als müsste er jedes Wort gewaltsam dazu zwingen. »Sie schreien nach Rache.«
Sie musste nicht fragen, wer »sie« waren. Cronos war nicht nur ein Wächter und einer der ältesten Vampire gewesen, er hatte unzählige der jüngeren als Mentor betreut, nachdem sie verwandelt worden waren, hatte ihnen geholfen, sich mit ihrem neuen Dasein auszusöhnen und gesetzestreue Vampire zu werden. Er war ihr Freund gewesen. Jeder, der in irgendeiner Weise mit Cronos verbunden gewesen war, hatte seinen Tod gespürt. Der Jäger, der ihn ermordet hatte, hatte immenses Leid über die gesamte Gemeinschaft der Vampire gebracht, nicht nur über Gwyn und Cronos’ Vater Sean O’Shea.
Gwyn ballte die Fäuste. »Ich hasse ihn! Egal, wer er ist! Und ich wünsche mir nichts sehnlicher als seinen Tod!«
»Das lässt sich arrangieren.« Sam fletschte die Zähne zu einem wahrhaft bösartigen Grinsen.
Gwyn packte ihren Arm. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Aber er war in diesem Moment wieder vollkommen klar. »Tu das nicht, Sam. Ich bitte dich. Cronos hätte das nicht gewollt.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist eine Sache, sich den Tod des Jägers zu wünschen, und das tue ich im Moment, ja. Aber ihn zu töten oder dich damit zu beauftragen, würde bedeuten, meine Eide als Wächter zu brechen und ein Verbrecher zu werden. Davon abgesehen macht der Tod des Jägers Cronos nicht wieder lebendig. Es muss endlich mal ein Ende haben mit dem ewigen Töten.«
»Sag das den Jägern, nicht mir.«
Gwyn starrte sie an, ohne ihren Arm loszulassen. Mit der anderen Hand wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. »Das ist kein schlechter Gedanke. Gefährlich, aber es wäre vielleicht machbar.«
Sam schüttelte den Kopf und streichelte sanft seine Hand. »Ich verstehe sowieso nicht, warum ihr die Jäger von PROTECTOR und andere ihrer Art nicht schon längst hypnotisiert und sie habt vergessen lassen, dass Vampire real existieren.«
»Weil das erstens unseren Gesetzen widerspricht. Wir berauben Menschen nicht auf diese Weise ihrer Erinnerungen und damit auch ihres freien Willens. Zweitens würde es nichts nützen. Solange es Vampire gibt, die unsere Gesetze brechen, werden immer wieder Menschen von uns erfahren. Außerdem gibt es unter den Jägern auch einige wenige, die gegen Hypnose immun sind.«
»Um die würde ich mich kümmern.«
»Nein, Sam.« Gwyn drückte ihren Arm. »Bitte respektiere, dass wir das nicht so handhaben. Wenn Cronos dir was bedeutet hat«, er beugte sich näher zu ihr, »wenn ich dir wirklich was bedeute, dann respektiere unsere Entscheidung.«
Sam berührte mit den Fingerspitzen sein Gesicht. »Du bist mein Freund, Gwyn. Ich würde nichts tun, das dir zusätzliches Leid verursacht.«
Er nahm ihre Hand und küsste die Innenfläche. »Ich werde mich um den Jäger kümmern. Vielleicht kann ich ihm die Augen für die Wahrheit öffnen.«
»Viel Glück dabei.« Sie gab sich keine Mühe, den Sarkasmus zu unterdrücken.
»Gibst du mir dein Wort, dass du dich raushältst?«
Sie seufzte tief. »Unter Protest. Aber okay, du hast mein Wort.«
Er nahm sie in die Arme und legte sich mit ihr auf die Couch. Er drückte sich an sie in einer Weise, als wollte er in sie hineinkriechen. Sam spürte, dass er das Gefühl ihrer Nähe in sich einsog und daraus Kraft schöpfte. Ein stärkendes Licht drang durch den finsteren Schleier seiner Verzweiflung aus ihrer in seine Seele und kapselte die Leere, die Cronos’ Tod dort hinterlassen hatte, in ein emotionales Licht ein, das ihm Kraft gab.
Sam wünschte sich einmal mehr, auch die Fähigkeit zur Seelenheilung zu besitzen, um sein Leid noch mehr zu lindern. Doch so sehr sie auch versuchte, ihr inneres Licht zu einer Seelenheilung zu bewegen, es funktionierte nicht. Entweder weil sie es falsch anfing oder weil ihre Lichtkraft nicht über diese Fähigkeit verfügte – es ging einfach nicht. Was ihr dieses unerwünschte, schmerzende Licht nicht sympathischer machte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als Gwyn das bisschen zu geben, was sie konnte.
Stunden später, in denen sie mehrfach das Gefühl hatte, dass Gwyn in eine Art Stasis gefallen war, richtete er sich langsam auf. Er blickte sie dankbar an und gab ihr einen langen Kuss.
»Danke, Sam.«
Sie strich ihm eine Strähne seines wirren Haares aus dem Gesicht. »Wenn ich irgendwas für dich – für euch tun kann ...«
»Ja. Bring mich zu Sean. Ich will mit ihm gemeinsam um seinen letzten Sohn trauern. Das wird uns beiden helfen. Und danach müssen wir uns darum kümmern, dass Cronos’ Tod nicht entsetzliche Folgen für die Gemeinschaft nach sich zieht. Sie werden den Jäger töten wollen. Das muss verhindert werden.«
»Mein Angebot bleibt bestehen, das für euch zu erledigen.«
Gwyn schüttelte den Kopf.
Sam zuckte mit den Schultern. »Eure Entscheidung. Aber wenn ich sonst irgendwas für euch tun kann – egal was –, dann erwarte ich, dass ihr euch meldet.«
Gwyn nickte. Sam umarmte ihn, zauberte ihm und sich die Kleidung wieder auf den Leib und lieferte ihn mit einem Sprung durch die Dimensionen in Seans Haus in Atlanta ab.

Harlan hatte Angst. Nicht dass er das zugegeben hätte, aber er hatte Angst. Die Erinnerungen an den Aufenthalt im Domizil der schrecklichen Frau steckten ihm so sehr in den Knochen, dass er sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte und nie mehr zum Vorschein gekommen wäre. Und jetzt sollte er darüber mit diesem Mann reden. Dr. Jessup.
Nicht dass der was Böses im Schilde geführt hätte. Harlan hatte ihn sich genau angesehen. Seine Aura leuchtete in einem hellen Blaugrün; demnach war er ein guter Mensch. Aber er wollte, dass Harlan ihm alles genau erzählte. Doch davor fürchtete er sich. Nicht nur weil er am liebsten die schreckliche Frau und alles vergessen wollte, was mit ihr zu tun hatte. Er fürchtete auch, dass man ihm nicht glauben würde. Denn er konnte in Gegenwart seiner Eltern und des Psychiaters manche Dinge nicht aussprechen. Das hatte Tante Sam ihm als Schutz gegeben, damit er nicht für verrückt gehalten wurde, wenn er von Dingen berichtete, die er und auch Tante Sam sehen konnten, andere aber nicht. Diese Lücken mochten ihm nur allzu leicht als Lügen ausgelegt werden.
»Dr. Jessup will dir doch nur helfen, Harlan.« Die Stimme seiner Mutter klang schmeichelnd. »Das wollen wir alle.«
Spike, der fühlte, wie es um seinen jungen Herren stand, setzte sich neben ihn, legte den Kopf auf seine Knie und blickte ihn aufmunternd an. Harlan nahm den Hund in die Arme und klammerte sich an ihm fest. »Ich will nur mit Tante Sam reden.«
Seine Mutter sah hilflos zu seinem Vater und zu Dr. Jessup.
»Nur mit Tante Sam«, beharrte Harlan und fühlte, wie ihm die Tränen kamen, die er vergeblich zu unterdrücken versuchte.
Dr. Jessup winkte seine Eltern aus dem Zimmer. Da sie die Tür nicht schlossen, konnte Harlan hören, was sie sagten.
»Der Wunsch Ihres Sohnes ist verständlich, Mrs. Crawford. Seine Tante hat ihn befreit und ist allein schon deshalb in seinen Augen eine Heldin. Wir können sie zu unserer Verbündeten machen. Wenn sie ihm zuredet, dass er auch mit mir spricht, kann er sich an mich gewöhnen und sich davon überzeugen, dass ich kein Schwarzer Mann bin.«
»Wird er dieses entsetzliche Erlebnis jemals überwinden?« Seine Mutter klang besorgt. Harlan hörte, dass sie weinte.
»Wenn er bereit ist, darüber zu reden, dann wird er das schaffen, denke ich. Bitten Sie seine Tante ruhig her.«
Harlan hörte, wie sein Vater eine Nummer auf seinem Handy wählte. »Hallo Sam. Wir haben hier ein Problem. Harlan will nicht mit einem Psychiater reden. Nur mit dir. Falls du also irgendwann Zeit hast – idealerweise noch heute ... – Oh prima. Danke, Sam.«
Die Erwachsenen kamen zurück. »Tante Sam ist gleich hier«, teilte ihm sein Vater mit. »Aber mit ihr wirst du reden. Versprochen?«
Harlan nickte erleichtert. Wenn Tante Sam kam, würde alles gut werden. Wie immer. Sie war schließlich ein Engel.

Sam war kaum wieder in ihrem Haus angekommen und hatte noch keine Zeit gehabt, die Kinder und Nick zu begrüßen, als ihr Telefon klingelte. Es war inzwischen Nachmittag. Die Nummer im Display sagte ihr, wer der Anrufer war.
»Bill, was gibt es? Wie geht es Harlan?«
»Hallo Sam. Wir haben hier ein Problem. Harlan will nicht mit dem Psychiater reden. Nur mit dir. Falls du also irgendwann Zeit hast – idealerweise noch heute ...«
»Ich bin zufällig in eurer Nähe«, log Sam. »In ein paar Minuten kann ich bei euch sein. Bis gleich.«
Sam sprang durch die Dimensionen in ihren Wagen, der in der Garage stand, und transportierte ihn unter einem Unsichtbarkeitszauber zu einem freien Parkplatz in einer abgelegenen Straße in der Nähe des Hauses der Crawfords. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand es sah, löste sie die Unsichtbarkeit auf und lenkte ihn aus der Parklücke.
Fünf Minuten später kam sie bei den Crawfords an. Sie hatte kaum das Haus betreten und Jenny, Bill und einen Dr. Jessup begrüßt, als Harlan gelaufen kam und sich ihr in die Arme warf.
»Tante Sam!«
Sie drückte ihn beruhigend an sich. »Alles klar, Harlan. Ich bin da. Du wolltest mich sprechen. Gehen wir in dein Zimmer. Da sind wir ungestört.«
Worauf der Junge sich an ihre Hand klammerte, Sam in sein Zimmer zog und die Tür sorgfältig schloss.
»Können die uns hören?« Harlan flüsterte nur.
»Nein.« Sam zwinkerte ihm zu. »Ich habe die Wände mit einem magischen Schalldämpfer versehen. Wir könnten brüllen, und die würden trotzdem nichts hören.« Sie sah ihn eindringlich an. »Wie fühlst du dich.«
»I-ich habe Angst, Tante Sam. Dass die schreckliche Frau noch mal wiederkommt. Sie ... sie ist nicht t-tot. Oder?«
»Noch nicht. Aber ich verspreche dir, Harlan, ich kriege sie. Es ist nur eine Frage der Zeit.«
Harlan glaubte ihr zwar, aber seine Angst blieb. Sam tastete den Jungen mit ihren magischen Sinnen ab, um sich zu vergewissern, dass ihm nichts fehlte und die Seelendiebin ihm nicht doch einen Schaden zugefügt hatte, außer ihn wahnsinnig zu ängstigen. Sie stellte fest, dass seine Körperstruktur ähnliche Merkmale aufwies wie die der Seelendiebin. Offenbar hatte der Aufenthalt in ihrem Domizil das bewirkt. Ihr kam eine Idee, wie sie vielleicht mit seiner Hilfe das Wesen aufspüren konnte. Und mit Abbys.
»Hey, was hältst du davon, wenn du eine Weile zu mir ziehst? Falls du es in einem Haus mit zwei Mädchen aushältst. Meine Tochter Abby hat vor ein paar Jahren etwas Ähnliches erlebt wie du. Sie kann dir sagen, wie man damit umgeht. Und bei uns bist du in Sicherheit.«
Und Siobhans Seelenheilkräfte würden ein Übriges tun.
Harlans Augen leuchteten auf. Gleich darauf ließ er die Schultern hängen. »Das wird Mom nie erlauben.«
»Ich überzeuge sie schon, keine Sorge. Wenn du also mitkommen willst, pack deine Sachen.«
Harlan hechtete zu seinem Schrank, riss einen Rucksack heraus und begann hineinzustopfen, was ihm wichtig erschien: Playstation, G.I. Joe, Transformer Optimus Prime und ähnliche Dinge. Sam verließ lächelnd sein Zimmer.
»Was ist mir ihm?«, überfiel Jenny sie sofort.
Sam klopfte ihr beruhigend auf die Schulter und blickte Dr. Jessup an. »Sie können nichts dafür, Doc, aber Harlan hat Angst vor Ihnen.«
»Er braucht aber unbedingt therapeutische Begleitung«, wandte Bill ein und wirkte verzweifelt.
»Das sehe ich auch so. Ich habe ihm angeboten, dass er eine Weile zu mir ziehen kann.«
»Was?« Jenny war entsetzt.
»Keine Sorge. Unsere Abby hat regelmäßig Therapie bei einem sehr kompetenten Psychiater, der sich auch um Harlan kümmern wird. Zufällig ist er für die nächsten Wochen bei uns.«
»Darf ich fragen, wie der Mann heißt und welche Qualifikation er hat?« Dr. Jessup war nicht bereit, seinen kaum übernommenen Fall kampflos abzugeben.
»Dr. Bryce Connlin.«
»Der Bryce Connlin? Die Koryphäe aus Denver?«
Sam nickte.
»Und der kommt von Denver hierher, um Ihre Tochter zu behandeln?«
»Ja, mindestens einmal im Monat. Und alle Vierteljahr macht er eine Intensivtherapie für mehrere Wochen. Die hat er vor ein paar Tagen begonnen.« Sam wandte sich an Jenny und Bill. »Harlan hat auch hier im Haus Angst. Ich weiß nicht warum« – eine glatte Lüge – »aber er ist überzeugt, dass er in meinem Haus sicher ist. Dr. Jessup wird mir sicherlich zustimmen, dass das seine Heilung erheblich mehr begünstigt, als wenn er mit einem Therapeuten arbeiten soll, vor dem er Angst hat und das an einem Ort tun soll, an dem er sich nicht sicher fühlt. Außerdem kann ich mit Kindern inzwischen ganz gut umgehen.«
»Das konntest du schon immer«, war Jenny überzeugt. »Also gut. Wenn es Harlan hilft, dann kann er eine Weile bei euch wohnen. Und er ist bei euch wirklich sicher?«
»Mein Wort drauf, Jenny. Unser Kindermädchen ist Kampfsportexpertin, und sicherheitshalber nehmen wir Spike mit. Der Hund wird jeden in Stücke reißen, der Harlan was antun will. Davon abgesehen ist das Haus mit Alarmanlagen gesichert, und Nick und ich sind auch noch da. Er ist bei uns absolut sicher, Jenny. Und ihr könnt jeden Tag vorbeikommen und nach ihm sehen.«
Harlan kam reisefertig angezogen mit dem Rucksack über der Schulter aus seinem Zimmer und blickte die Erwachsenen unsicher an. Jenny umarmte ihn und ermahnte ihn, sich bei Sam anständig zu benehmen und ihr zu gehorchen. Nachdem sie ihm noch eine Tasche mit Kleidung gepackt hatte, setzte sie ihn und den Hund eigenhändig in Sams Wagen und winkte ihnen unter Tränen nach, bis sie ihrer Sicht entschwunden waren.
»Du bist klasse, Tante Sam.«
»Vielen Dank.«
»Du wirst diese Monsterfrau bestimmt finden und erledigen.«
»Ganz sicher, Harlan.«
Die Frage war nur, wie viel Zeit ihr dafür noch blieb, bevor die Seelendiebin ihr nächstes Opfer holte.

»Und darum habe ich Harlan mitgebracht«, beendete Sam ihre auf Russisch abgegebene Erklärung.
Der Junge fühlte sich sofort wohl und heimisch in Sams und Nicks Haus. Nachdem er mit Kakao und Kuchen verköstigt worden war und Abby und Siobhan nicht nur von Spike begeistert waren – und sofort nach einem eigenen Hund verlangten – sondern auch seinen Transformer ganz toll fanden, fühlte er sich, als hätte er schon immer zu Sams Familie gehört.
Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie völlig anders ihr Leben verlief, als sie es je gedacht hatte. Und zwar in jeder Beziehung. Der gravierendste Unterschied zu ihrem ursprünglichen Lebensentwurf – wobei man absolut nicht davon reden konnte, dass sie ihr Leben je geplant hätte – war, dass eine Familie mit einem dauerhaften Lebenspartner das Vorletzte und Kinder das Allerletzte waren, das darin je enthalten war. Sie fragte sich, was an völlig ungeplanten und unerwarteten Dingen noch kommen würde.
Aber das war im Moment unwichtig. Sie gesellte sich zu den Kindern. »Harlan, Abby, ich brauche eure Hilfe. Traut ihr euch zu, mir zu helfen, die Monsterfrau zu finden?«
Harlan schluckte und wurde blass. Abby schluckte auch. Trotzdem fasste sie vertrauensvoll Sams Hand.
»Ja, Mommy. Was muss ich tun?«
Da Harlan nicht hinter einem Mädchen zurückstehen wollte, stimmte er ebenfalls zu. »Klar, Tante Sam.«
Für einen Menschen hätte das cool und tapfer geklungen, aber Sam hörte einen Hauch von Furcht heraus und spürte natürlich seine Angst. Sie legte die Arme um die beiden. »Ihr seid sehr, sehr mutig. Aber ich passe auf euch auf, und euch kann nichts passieren.« Hoffte sie jedenfalls. »Also, Harlan, Abby, fasst euch an den Händen.«
Abby streckte ihm ohne zu zögern die Hände hin, die er unsicher ergriff.
»Festhalten und nicht loslassen, egal was passiert.«
»Okay.«
»Ja, Mommy.«
»Gut. Schließt die Augen. Harlan, konzentrier dich auf die Frau. Erinnere dich, wie sie ausgesehen hat, wie sie gerochen hat, wie sie sich angefühlt hat. Alles, was du noch weißt. – Und du, Abby, konzentrierst dich auf deine Gabe und darauf, was Harlan fühlt und erinnert. Versuche, mit deiner Gabe zu erspüren, wo sich die Frau aufhält. Alles klar?«
Beide Kinder bestätigten das. Nick nahm Siobhan auf den Schoß und beäugte unbehaglich das Experiment. Eine Weile geschah nichts, außer dass Harlans Unbehagen ständig wuchs bei der Erinnerung an die Seelendiebin.
Abby stieß einen Schrei aus und ließ Harlans Hände los. »Es ist hier, Mommy! Es ist hier!«
Im nächsten Moment überschlugen sich die Ereignisse. Nebel wallte mitten im Zimmer auf, gleich darauf stand die Seelendiebin vor den Kindern. Sam ließ augenblicklich einen mit Eisenpartikeln durchzogenen Salzblock um sie herum entstehen. Aber die Seelendiebin wechselte so schnell in eine andere Dimension, dass das Salz sie nicht berührte. Sie tauchte hinter Sam auf und griff nach Abby. Augenblicklich stand Sally Warden dazwischen und stieß einen durchdringenden Laut aus, der Nick sich aufschreiend die Ohren zuhalten ließ. Sam schützte sein empfindliches Gehör mit einem Zauber und versuchte, das Wesen in einem neuen Salzblock einzuschließen.
Wieder entkam es dem Salz. Aber Sallys akustische Verteidigung zeigte Wirkung, denn es gelang ihm nicht, vollständig zu verschwinden. Sam versuchte es erneut, während die unsichtbaren Wächterdämonen das Ihre taten, um das Wesen von den Kindern fernzuhalten. Die Seelendiebin musste entweder extrem hungrig oder sehr von ihrer Unverwundbarkeit überzeugt sein, weil sie nicht aufgab. Wieder entkam sie in eine andere Dimension und tauchte neben Siobhan auf.
Nick schob das Kind hinter sich und stürzte sich wütend knurrend auf das Wesen. Statt auszuweichen, verschmolz es mit der Dimension, aber nur für eine Sekunde. In dem Moment, da Nick durch es hindurch sprang, manifestierte es sich wieder – und Nick war in dessen Körper gefangen. Sam konnte sehen, wie er sich unter dem Spinnenwebengewand des Wesens wand und sich zu befreien versuchte. Ohne Erfolg. Sam spürte zu ihrem Entsetzen, dass es begann, Nicks Seele auszusaugen.
Sie handelte instinktiv und ließ ihre magischen Kräfte selbst das geeignete Mittel wählen, das Nick retten und das Ding vernichten konnte und konzentrierte sich auf die Manifestation nur der einen Kraft, die dieses Ziel erreichen konnte.
Das Licht brach so machtvoll und strahlend aus ihr heraus, dass die Wächterdämonen gepeinigt verschwanden, sogar Sally Warden und Spike. Auch Sam schrie vor Schmerzen auf. Es hüllte die Seelendiebin ein und fetzte sie auseinander, verbrannte sie zu Asche, ehe sie überhaupt begriff, was geschah. Keine fünf Sekunden später lag Nick am Boden und lösten sich die letzten Überreste der Seelendiebin vollständig auf. Sams Licht erlosch. Spike und Sally tauchten wieder auf, und Sam sackte zu Boden. Der Schmerz, den ihr das Licht verursacht hatte, kreiste noch in ihrem Körper und ebbte nur langsam ab.
»Mommy!« Abby stürzte angstvoll auf sie zu, klammerte sich an ihr fest und begann zu weinen. »Bitte, bitte, bitte nicht sterben!«
Sam legte den Arm um sie. »Hey, Süße, keine Angst. Ich sterbe nicht. Das war nur sehr, sehr anstrengend, und ich bin erschöpft. Ansonsten geht es mir gut.«
Sie streckte den Arm nach Harlan aus, der nur auf diese Geste gewartet hatte, um sich in die Sicherheit ihrer Umarmung zu flüchten. Nick war unversehrt, hatte sich erhoben und beruhigte Siobhan, die zu weinen begonnen hatte.
»Wow, Tante Sam! Das war Wahnsinn!«
So fühlte es sich für Sam auch an. »Ich habe doch gesagt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich das Ding erledige.«
»Ist es wirklich ... weg? Ganz weg? Kommt es nie wieder?« Harlan hatte noch Zweifel.
»Natürlich nicht«, stellte Abby klar. »Wenn Mommy so ein Ding verbrennt, dann kann es nie wieder kommen.«
»Stimmt. Aber ihr hattet einen maßgeblichen Anteil daran. Das war ganz toll, was ihr geleistet habt.« Sie drückte die Kinder an sich.
Nick kam mit Siobhan, setzte sich zu ihnen auf den Boden und umarmte sie alle. Er gab Sam und den Mädchen einen Kuss und wuschelte Harlan liebevoll durch das blonde Haar. »Und da die Gefahr nun vorbei ist, sollten wir alle was essen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe einen Mordshunger.«
»Kann ich zum Abendessen noch ein Stück Kuchen haben, Onkel Nick?«
»Nur wenn du uns beim Tischdecken hilfst, Harlan.«
Das passte dem Jungen zwar nicht sonderlich, aber die Aussicht auf Kuchen als Belohnung motivierte ihn ausreichend. Sam setzte sich auf die Couch und entließ die unsichtbaren Wächterdämonen, die inzwischen ebenfalls zurückgekehrt waren. Einen von ihnen verpflichtete sie, sich in ein paar Tagen in der Gestalt eines Hundes im Büro einzufinden, von wo aus Sam ihn als »Geschenk« für die Kinder mit nach Hause bringen würde.
Nachdem der Schmerz endlich aufgehört hatte, den das Licht verursachte, rief sie Shari an und teilte ihr mit, dass die Seelendiebin vernichtet war. Deren Frage nach dem Wie ließ sie unbeantwortet.
»Das Ding ist tot und restlos aufgelöst, Shari. Das muss dir genügen, denn mehr wirst du nie erfahren.«
Shari kannte sie gut genug, um zu wissen, dass jedes weitere Nachfragen zwecklos war. Sie dankte Sam und ließ die Sache auf sich beruhen. Die Polizei würde natürlich noch eine Zeitlang nach der »Entführerin« der Kinder fahnden, sie aber niemals finden und den Fall irgendwann ungelöst zu den Akten legen.
Während Nick und die Kinder in der Küche das Abendessen vorbereiteten und im Esszimmer den Tisch deckten, warf Sam einen Blick auf den Plain Dealer, der auf dem Tisch lag. Wie Shari vorausgesagt hatte, prangte ihr Foto als Retterin der Kinder auf der Titelseite. Amos Kumara hatte den Artikel dazu geschrieben und nicht versäumt, Sam als Beispiel dafür hinzustellen, was die Arbeit von seriösen Privatermittlern bewirkten konnte. Molly Spring hatte gemeldet, dass fast stündlich neue Klienten um einen Termin baten. Sam hatte sie autorisiert, in ihrem Namen weitere Dienergeister zu rekrutieren, die als Mitarbeiter der Detektei getarnt einen großen Teil der Fälle übernahmen.
Sie war erst einmal froh, dass keine weiteren Kinder verschwinden und ihrer Seele beraubt würden. Sie hätte nur gern gewusst, was die Seelendiebin mit den gestohlenen Seelen tat oder geplant hatte zu tun, da sie sie nicht vernichtet hatte. Und warum sie immer wieder nach Hawthorne zurückgekehrt war. Wo sie sich in den Jahrtausenden herumgetrieben hatte, seit sie zuletzt in Ägypten gesehen worden war. Und wo die anderen Fünf ihrer Art steckten. Doch das würde sie wohl nie erfahren.
Sam richtete sich kerzengerade auf, als ihr schlagartig bewusst wurde, welche Tragweite das Verschwinden der Kinder von Cleveland hatte. Es war das vierte Omen, das der Großen Entscheidung vorausging. Dieses Ereignis fand alle 999 Jahre statt und diente gemäß einem uralten Vertrag dazu, durch einen rituellen Kampf zwischen einem Champion der Mächte des Lichts und einem der Finsternis zu entscheiden, welche der beiden Mächte für die nächsten 999 Jahre die Vorherrschaft in der Welt der Menschen erhielt.
Vor jedem dieser Ereignisse gab es vier Zeichen, die dem eigentlichen Datum vorausgingen: die Geburt eines mächtigen Dämons, das Kommen eines Zerstörers, die Rache der Geister und das Verschwinden der Kinder. Die Große Entscheidung selbst fand im Moment eines fünften Omens statt, der auf das letzte Zeichen folgenden totalen Sonnenfinsternis.
Die Geburt des Dämons hatte vor fast drei Jahren stattgefunden und der Unterwelt ihre Prinzessin Danaya beschert, die nach Luzifer mächtigste Dämonin dort. Ein halbes Jahr später war es ein paar machtgierigen Menschen gelungen, Káshnarokk zu entfesseln, der sein zerstörerisches Werk in Form von Naturkatastrophen getan hatte, bis er mit den nolens, volens vereinten Kräften von Licht und Finsternis wieder gebannt werden konnte. Vor einem Jahr war versehentlich ein Fluch gebrochen worden, der eine Horde rachsüchtiger Geister entfesselt hatte. Und nun hatte das angekündigte Verschwinden der Kinder stattgefunden.
Am Tag der nächsten Sonnenfinsternis würde die Entscheidung fallen. Sam ging in ihr Arbeitszimmer und rief im Internet eine Tabelle auf, die ihr das Datum nannte. Danach griff sie zum Telefon und rief Lady Sybilla Oliphant, die Chefin der Wächter in Denver an. Als Sybilla sich meldete, hielt Sam sich nicht mit einer Begrüßung auf.
»Die Große Entscheidung findet am 13. November 2012 statt. Cleveland hat gerade das letzte noch fehlende Omen überstanden. Gibt es endlich einen Hinweis auf einen der beiden Champions?«
»In der Unterwelt wirst immer noch du als heiße Kandidatin gehandelt, Samala.« Die Stimme gehörte Axaryn. Offenbar war er von seiner Mission zurück und konferierte mit Sybilla. »Für die Hälfte der Dämonen bist du ihre Königin19, die andere Hälfte wartet ab, ob sich dieses Gerücht bestätigt. Du hast nicht zufällig irgendwas getan, das man als Akzeptieren deiner Inthronisierung interpretieren könnte?«
»Wenn dem so wäre, wüsstest du das längst. Immerhin kennen wir jetzt das Datum des Tages. Das sollte uns doch irgendwie helfen.«
Sybilla seufzte. »Schön wäre es. Aber wir werden sehen, was wir tun können. Bist du dir absolut sicher, was das Omen betrifft, Sam?«
»Völlig. Also, falls eure Vermutung stimmt, dass ich auf den Champion des Lichts einen gravierenden Einfluss haben werde, dann kann es nur jemand sein, den ich kenne oder den ich in absehbarer Zeit kennenlernen werde. Ich halte meine Augen und sonstigen Sinne offen und gebe euch Bescheid, falls ich was weiß.«
»Danke, Sam.«
Sie beendete das Gespräch und hatte kaum den Hörer aufgelegt, als ihr Handy klingelte. Der Anruf kam von Gwyn.
»Wie geht es dir, Gwyn?«
»So schlecht wie noch nie in meinem Leben.« Seine Stimme klang müde und er sprach schleppend, als wäre jedes Wort eine wahnsinnige Anstrengung. »Aber ich werde es dank dir überstehen.« Er schwieg einen Moment. »Ich weiß nicht, was du getan hast, aber es hat mein Leben gerettet. Vor allem meinen Verstand.« Er atmete tief durch. »Ganz ehrlich, Sam: Ohne deine Intervention hätte ich mich wohl umgebracht, weil ich den Schmerz über Cronos’ Verlust nicht ertragen hätte. Der ist immer noch entsetzlich, aber in mir ist auch etwas ... eine Art Licht, das du in meine Seele gepflanzt hast. Das hilft mir sehr. Ich habe noch unglaublich viel zu tun. Nicht nur, um diese Krise zu meistern, in die wir durch Cronos’ Tod geraten sind. Du hast dadurch nicht nur mir, sondern uns allen einen großen Dienst erwiesen. Danke, Sam. Und du weißt ja, dass ich jederzeit für dich da bin, wenn du mich mal brauchst. Immer und zu jeder Zeit.«
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung. Sam war froh über diese Nachricht. Gwyn würde noch sehr lange brauchen, um Cronos’ Tod zu überwinden, aber er würde es schaffen. Eine Sorge weniger.
Sie ging ins Esszimmer, wo die anderen schon auf sie warteten und blendete für eine Weile alle Gedanken an Seelendiebe, die Große Entscheidung und Cronos’ Tod aus.

»Das Biest ist wirklich ein für allemal tot?«, vergewisserte sich Nick, als sie Stunden später, nachdem die Kinder mit Hilfe von Sams Schlafzauber ruhig und albtraumfrei schliefen, Arm in Arm auf der Couch im Wohnzimmer saßen und stille Zweisamkeit genossen.
»Für immer und ewig«, bestätigte Sam. »Du willst wieder in den Wald.«
Er nickte. »Da mein Aufenthalt dort schnöde unterbrochen wurde, muss ich ihn nachholen. Meinst du, die Kinder verkraften das?«
»Aber klar doch. Schließlich bin ich ja auch noch da. Außerdem kümmert sich Bryce die nächsten Tage besonders intensiv um ihrer aller Seelenheil. Geh du nur in deinen Wald und bleib so lange, wie du es brauchst.«
Er drückte sie an sich. »Du bist wunderbar, Sam. Ich weiß dein Verständnis für meine Bedürfnisse sehr zu schätzen. Du gibst mir dadurch das Gefühl frei zu sein.«
»Das bist du, Nick. Immer.«
Er gab ihr einen Kuss und blickte sie danach aufmerksam an. »Dich bedrückt etwas.«
Sam nickte und lehnte sich an ihn. »Das Wissen, dass wir Danaya den ganzen Schlamassel zu verdanken haben, macht mir zu schaffen. Meine eigene Tochter hat der Seelendiebin den Weg in diese Welt geebnet, damit sie Abby und Siobhan die Seelen stiehlt. Ich bin mir absolut sicher, dass unsere beiden das eigentliche Ziel waren. Die anderen Kinder waren nur Kollateralschäden.« Sie fühlte Nicks Wut und teilte sie vollkommen.
»Was, tschjort pabjerí20, hat sie vor?«
Sam seufzte. »Sie ist Luzifers Werkzeug gegen mich. Und er hat vor, sämtliche meiner Bindungen an diese Welt zu kappen, damit ich die einzige Bindung akzeptiere, die mir dann noch bleibt: die zu Danaya und somit zur Unterwelt. Da er das nicht selbst tun kann – vielmehr nicht mehr tun darf –, überlässt er die dazu erforderlichen Strategien ihr und wäscht seine Hände in Unschuld.«
Nick gab ein gereiztes Knurren von sich. »Deine Tochter sollte mir besser niemals über den Weg laufen.«
Sam seufzte. »Das ist das Problem. Durch den Bluteid bist du auch mit ihr verbunden und kannst ihr so wenig anhaben wie ich. Ich kann sie bestrafen und ihr in dem Zug eine Menge Unannehmlichkeiten verursachen. Auch Schmerzen. Aber wir können nichts tun, das ihr ernsthaft schadet, solange das Band des Blutes zwischen uns besteht.«
Nick grollte tief in der Kehle. »Wie ich verstanden habe, ist es möglich, das Band zu kappen.«
Sam schloss die Augen. »Ja. Und glaub mir, ich täte nichts lieber als das.«
»Aber?«
Sie zögerte. »Ich weiß schon lange, dass Luzifer Danaya nur deshalb mit mir gezeugt hat, um mich dadurch zu manipulieren und auf seine Seite zu bringen.«
»Ein Grund mehr, das Band zu lösen. So sehr ich auch Familienbande ehre, aber deine Tochter hat sie ebenso sehr missbraucht wie damals mein Bruder21. Mindestens so sehr. Sie hat jedes Recht verspielt, noch länger deine Tochter zu sein. Also wo ist das Problem?« Er drückte sie fest an sich.
»Wenn ich das Band löse, ist Luzifers Plan dadurch gescheitert. Zumindest soweit es Danaya betrifft. Sie ist dann nicht mehr für ihn von Nutzen.«
»Eben. Also warum zögerst du?«
»Weil sie nicht nur seine, sondern auch meine Tochter ist. Luzifer ist – für ihn dummerweise – an einen Eid gebunden, den er nicht brechen kann, der ihn daran hindert, einem Mitglied meiner Familie oder meinen Freunden etwas anzutun. Nach allem, was Danaya sich bisher geleistet hat, ist sie das vorletzte Wesen, auf das ich im Moment gut zu sprechen bin. Wenn ich das Band des Blutes zwischen uns kappe, ist sie nicht mehr vor Luzifers Zorn geschützt, weil sie dann nicht mehr zu meiner Familie gehört.« Sam sah ihm in die Augen. »Er würde sie auf der Stelle töten, und zwar sehr, sehr qualvoll. Aber trotz allem, was sie getan hat, das hat sie nicht verdient.«
Sam spürte, dass Nick gänzlich anderer Meinung war. Er küsste ihre Wange. »Und trotz allem hoffst du, doch noch einen Weg zu finden, sie zu retten.«
Sam seufzte tief und nickte. »Das auch. Und deshalb werde ich das Blutband zu ihr aufrecht erhalten, bis die Große Entscheidung vorüber ist. Danach braucht Luzifer sie sowieso nicht mehr, egal wie die ausgeht. Vielleicht ...« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn ich nur wüsste, wer der Champion des Lichts ist, auf den ich einen so gravierenden Einfluss haben soll.« Sie zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls werden wir vor der Großen Entscheidung keine Pläne machen können, die allzu weit in die Zukunft reichen, denn diese Entscheidung wird die Welt verändern. Und ich möchte nicht in der Haut derjenigen stecken, die sie ausfechten müssen. Mir reicht schon, dass ich indirekt daran beteiligt bin und deshalb im Mittelpunkt nicht nur Luzifers Interesse stehe.«
Nick drückte sie fester an sich. »Stimmt. Du stehst auch sehr im Mittelpunkt meines Interesses.« Er drückte seine Nase gegen ihre Halsbeuge und knabberte an ihrem Nacken. »Deshalb werde ich dich auf andere Gedanken bringen.«
Er ließ seine Hände nach vorn zu ihrem Bauch wandern, zog ihre Bluse aus der Hose, schob sie hoch und legte seine Hände über ihre nackten Brüste. Sam tat dasselbe mit ihm und überließ sich gern dem Liebesspiel, das sie auf andere Gedanken brachte. Zumindest für die nächste Stunde.

An einem geheimen Ort in der Unterwelt; Monate später

Raksusha, Königin der Basilisken, betrachtete zufrieden ihr Werk. Der Dämon, der vor ihr stand und der noch vor knapp zwei Menschenjahren ein Bokor namens Jacques LeGrand im Körper des Voodoo-Priesters Aaron Kumara gewesen war, hatte sich besser entwickelt, als sie es in ihren kühnsten Träumen erhofft hatte. Er war mächtig geworden, sehr mächtig. Natürlich nicht ganz so stark wie Raksusha, doch mächtig genug, um Tai’Samala töten zu können, die Königin der Unterwelt.
»Perfekt, mein Geschöpf«, stellte sie fest, als LeGrand mit der Demonstration seiner Macht fertig war. »Der kleine Sukkubus wird nicht die geringste Chance gegen dich haben ...«

Ende

Fussnoten:

1 lat. = Verteidiger; die Defensoren sind eine Gruppe von Gott Auserwählten, die das Böse bekämpfen, besonders die Höllenkreaturen
2 lat. = Streiter des Lichts; ein Mönchs- und Nonnenorden, der ausschließlich aus Defensoren besteht (aber nicht jeder Defensor ist Ordensmitglied)
3 siehe Sukkubus 10 »Die Runenschale«
4 siehe Sukkubus 9 »Das Schwarze Rudel«
5 siehe Sukkubus 13 »Rattenbrut«
6 Schadenszauberer des Voodoo
7 japanischer Fuchsgeist; siehe Sukkubus 1 »Der Geisterfuchs«
8 siehe Sukkubus 8 »Die Maske aus Menschenhaut«
9 russisch = Liebste, meine Schöne
10 männlicher Sexdämon
11 siehe Sukkubus 1 »Der Geisterfuchs«
12 Unadru = Quatsch, Blödsinn
13 siehe Sukkubus 5 »Das Amulett der Lady Arden«
14 siehe Sukkubus 13 »Rattenbrut«
15 siehe Sukkubus 12 »Geisterrache«
16 Kreolisches Gericht aus den genannten Zutaten (mit Wein als Getränk dazu), in der Gegend um New Orleans sehr beliebt
17 siehe Sukkubus 12 »Geisterrache«
18 siehe Sukkubus 7 »Die Unadru-Schriften«
19 siehe Sukkubus 11 »Im Bann des Voodoo-Priesters«
20 russisch = verdammt noch mal
21 siehe Sukkubus 9 »Das Schwarze Rudel«

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Im nächsten Roman:
Der Bokor Jacques Le Grand ist am Ziel seiner Racheträume angelangt. Mithilfe der Basiliskenkönigin Raksusha wurde er in einen Dämon verwandelt, dessen Macht sogar einen Sukkubus wie Sam vernichten kann, die über die Kräfte eines Kitsune verfügt. Doch Sam soll leiden, und so macht sich LeGrand daran, jedes Wesen zu vernichten, das Sam liebt: Nick, ihre Kinder, Axaryn, ihren Vater und ihre Geschwister. Sams magische Kräfte versagen gegen seine Macht. Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg, den ausgerechnet Luzifer ihr anbietet. Wird sie ihren Platz an seiner Seite als Königin der Unterwelt annehmen? Gelingt es ihr, eine andere Lösung zu finden, um ihre Lieben zu retten? Oder wird LeGrands Vergeltung am Ende auch sie vernichten?

»LeGrands Vergeltung« erscheint am 5. März 2012 exklusiv im Geisterspiegel.

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Seelenfresser
In nahezu jeder Mythologie weltweit gibt es Seelenfresser, die in unterschiedlichen Gestalten auftreten. Das Prinzip ist jedoch immer dasselbe. Entweder verschlingt der Seelenfresser die Seele nach dem Tod oder raubt sie dem Menschen noch zu Lebzeiten, wodurch der in einen Zustand der Katatonie fällt. In manchen Kulturen gelten sie als Dämonen, in anderen als gespensterartige Wesen, in weiteren als dunkle Gottheiten. Manchmal werden sie auch mit Psi-Vampiren/Sympathen gleichgesetzt.

Amemait/Ammit/Ammut
In der ägyptischen Mythologie wird Amemait wahlweise als Göttin der Unterwelt oder Dämonin bezeichnet. Sie ist ein Mischwesen mit dem Kopf und Oberkörper eines Krokodils, dem Mittelteil eines Löwen und dem Unterleib und Extremitäten eines Flusspferds. Ihr Beiname »Verschlingerin der Seelen« oder »Verschlingerin der Toten« deutet ihre Stellung im Pantheon an: Sie verschlang die Seelen der Toten in der Unterwelt und/oder fraß ihre Körper.
Die in diesem Roman erwähnte Legende, dass die hier beschriebene Seelendiebin ein Kind von Amemait und Apophis sein könnte, ist aber frei erfunden.

Apophis
Altägyptischer Gott/Dämon des Chaos, der Finsternis und der Auflösung, dargestellt als Schlange.

Copyright © 2011 by Mara Laue

© by 2011
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