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Band 16 - Hekates Schlüssel

Irgendwann in der Dimension der Götter

Sie schlief. Zumindest befand sie sich in jenem Zustand der Ruhe, den auch Götter alle paarhundert Menschenjahre brauchen, um ihre Kräfte zu regenerieren. Ein Zustand, in dem sie ihre Umgebung nicht mehr wahrnahm, nicht mal ihren Körper, der ohnehin nur ein überflüssiges magisches Konstrukt war, das sie benutzte, wenn sie sich den Menschen zeigte. Doch sie hatte sich an ihn gewöhnt. Er gefiel ihr. Deshalb behielt sie ihn sogar in der Phase der Regeneration bei.
Obwohl dieser Körper bis zu einem gewissen Grad empfindlich war und sie, wäre sie wach gewesen, den leichten Druck gespürt hätte, den die drei Schlüssel verursachten, die an ihrer Seite lagen, spürte sie in ihrem Zustand nichts. Auch nicht die Hand, die sich nach den Schlüsseln ausstreckte, nicht die Finger, die sich um sie schlossen und nicht die Magie, die das Band zwischen ihr und den Schlüsseln auflöste.
Erst recht bemerkte sie nicht, dass der Dieb die Schlüssel an sich nahm und lautlos verschwand – mit den Schlüsseln, von denen einer die Tore der Unterwelt und das Reich der Toten zu öffnen vermochte ...

Taion hielt den Atem an, als er mit den drei Schlüsseln in der Hand Hekates Ruhezone verließ. Soweit war alles gutgegangen. Jetzt musste er nur noch unbemerkt verschwinden. Das sollte nicht allzu schwierig sein, denn er hatte alles genau geplant.
Als er sich umdrehte, um zum Tor zu fliegen, durch das er diese Dimension verlassen konnte, sah er, dass sein Plan gescheitert war. Zumindest hinsichtlich des unbemerkten Verschwindens. Gyrion stand mit verschränkten Armen vor ihm und blickte ihn kalt an.
»Ich werde nicht zulassen, dass du das tust, Taion. Bring die Schlüssel zurück und ich vergesse, was du getan hast.«
Taion packte die Schlüssel fester und drückte sie an seine Brust. Er schüttelte heftig den Kopf. »Du wirst mich schon töten müssen, um mich daran zu hindern.«
Gyrion nickte. »Wenn du mir keine andere Wahl lässt, werde ich das tun.«
Taion blickte ihn ungläubig an. Doch Gyrions entschlossener Gesichtsausdruck ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass er es ernst meinte. »Du hast sie doch auch geliebt«, versuchte er, ihn umzustimmen. »Du kannst doch nicht wollen, dass sie ...« Er brachte es nicht fertig, das Furchtbare auszusprechen.
»Gyraia ist tot, mein Freund. Was du zurückbringen würdest, wäre eine Leiche. Und glaube mir, die Toten haben unter den Lebenden nichts mehr zu suchen.« Eine Träne rann aus einem Auge, versteinerte und fiel als Diamant zu Boden. »Sie war meine Schwester und allein deshalb wünsche ich mir, sie wieder bei mir zu haben, sie wieder lachen zu sehen und mit ihr zu fliegen.« Ein weiterer Diamant fiel zu Boden. »Aber ich werde nicht in die Ordnung der Götter eingreifen. Außerdem ist Gyraia bestimmt in den elysischen Gefilden. Willst du sie von dort wegholen? Zurück in dieses Dasein, das verglichen mit den Elysien fad und langweilig ist?«
Taion ballte die Faust. »Wenn es sein muss! Ich will sie wieder bei mir haben.« Auch aus seinen Augen kullerten Tränen und fielen als Diamanten zu Boden.
Gyrion schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Wenn du das Tor zum Reich der Toten öffnest, mein Freund, dann findest du Gyraia aber nicht direkt dahinter auf dich warten. Das Tor kann, wenn es mit Hekates Schlüssel geöffnet wurde, auch nur wieder mit ihrem Schlüssel versiegelt werden – von außen allein. Nicht von innen. Das gäbe eine Katastrophe. Während du auf der Suche nach deiner Liebsten bist, bleibt es offen und lässt wer weiß wie viele Tote in die Welt der Menschen ein.«
»Das ist genau das, was wir wollen.«
Gyrion fuhr herum. Während er sich auf Taion konzentriert hatte, waren hinter ihm weitere Gargoyles aufgetaucht. Sie alle gehörten zum Schattenflügel-Clan wie Taion. Ihr Anführer Selos blickte Gyrion herausfordernd an.
»Wir haben genug davon, dass wir von den Göttern wie Abfall behandelt werden. Sie sind unsterblich, aber sie geben uns nicht einmal eine Lebensspanne, die einen Bruchteil ihrer eigenen ausmacht. Sie lassen uns dienen und sterben. Auch deine Schwester ist in ihren Diensten gestorben. Noch dazu viel zu jung. Wir werden unsere Toten aus der Unterwelt zurückholen. Da sie nicht noch einmal sterben können, werden sie ewig existieren.«
»Das kann unmöglich euer Ernst sein.« Gyrion blickte entsetzt von einem zum anderen. »Ihr stört ihre Ruhe. Ihr verdammt sie damit zu einer widernatürlichen Existenz, die ...«
Selos schlug ihm die Faust ins Gesicht und Gyrion ging zu Boden »Du wirst uns nicht aufhalten. – Komm, Taion.«
Gyrion sprang auf, stürzte sich auf ihn und versuchte, Taion die Schlüssel abzunehmen. Gleichzeitig stieß er einen Ton aus, der die Sphären durchdrang, bevor ihn jemand daran hindern konnte. Taion versuchte, ihm zu entkommen. Selos griff Gyrion von hinten an, packte einen seiner Flügel und wollte ihn brechen.
Ein Gargoyle prallte gegen ihn und riss ihn von Gyrion weg und zu Boden. Augenblicke später wimmelte die Luft von weiteren Gargoyles, die sich auf Selos’ Leute stürzten – nicht nur der Dickhaut-Clan, zu dem Gyrion gehörte, sondern auch jeder andere, der dem Anführer der geflügelten Wächter dieser Dimension die Treue hielt. Ein blutiger Kampf entbrannte. So fest entschlossen die Schattenflügel waren, zu denen sich weitere abtrünnige Gargoyles gesellten, Hekates Schlüssel an sich zu bringen, so fest entschlossen war Gyrions Gruppe, das zu verhindern.
Taion versuchte fliegend zu fliehen. Gyrion folgte ihm und brachte ihn zu Fall. Durch den Aufprall auf dem steinernen Untergrund brach sich Taion die Hand. Die Schlüssel fielen zu Boden. Bevor Gyrion sie an sich nehmen konnte, war Selos heran und schnappte sie sich. Hastig flog er zum Dimensionstor. Gyrion setzte nach. Einige von Selos’ Leuten versuchten ihn abzudrängen, wurden aber von Gyrions Gargoyles zurückgedrängt. Auf dem Boden lagen bereits die ersten Leichen.
Gyrion warf sich auf Selos und bekam ihn an den Beinen zu packen. Er schleuderte ihn herum, sodass der große Gargoyle gegen eine der Ziersäulen krachte, die hier überall standen, weil Hekate sie als Accessoires liebte. Einer seiner Flügel brach. Er brüllte auf, ließ aber die Schlüssel nicht los.
»Unverschämtes Insektenpack!«
Die wütende Stimme, die die gesamte Dimension durchdrang, ließ alle erstarren; gehörte sie doch dem mächtigen Zeus.
»Ihr wagt es, uns mit eurem Zank zu stören! Mir reicht es mit euch. Das werdet ihr büßen.«
»Aber warum denn? Das Gerangel ist doch ganz amüsant.«
Diese Stimme gehörte zweifellos Ares, dem Gott des Krieges. Offenbar hatte er den Kampf beobachtet und sich daran erfreut, statt einzugreifen.
Gyrion nutzte die Pause, um dem Obersten der Götter dieser Dimension zu erklären, dass Taion Hekates Schlüssel gestohlen hatte und die abtrünnigen Gargoyles um Selos mit ihrer Hilfe das Totenreich öffnen wollten.
»Herr, Taion hat ...«
Zeus brüllte nur. Aber nicht auf herkömmliche Weise. Sein magisches Gebrüll sprengte das Dimensionstor auf und schleuderte alle Gargoyles hinaus. Alle. Kein einziger blieb mehr in der Dimension der Götter zurück. Hinter ihnen schloss sich das Tor.
Gyrion fiel ins Nichts. Zumindest fühlte es sich so an. Dann änderte sich die Welt um ihn herum. Warme Luft, erfüllt von Gerüchen und Geräuschen, die er nicht kannte, hüllte ihn ein, ebenso Dunkelheit. Er breitete seine Flügel aus und glitt über eine nächtliche Landschaft dahin. Unter ihm fiel Selos wie ein Stein in die Tiefe. Zwar versuchte er, mit seinem gebrochenen Flügel zu fliegen, doch der ließ sich nicht mehr benutzen. Er trudelte wie ein Kreisel immer schneller dem Boden entgegen.
Gyrion sah die Schlüssel in seiner Hand silbern schimmern, die der Clanführer der Schattenflügel immer noch eisern festhielt. Er stürzte ihm nach und passte einen Moment ab, in dem Selos mit dem Rücken zur Erde in der Luft hing. Mit seinen Klauenfüßen packte er die Arme des Gargoyles und schlug heftig mit den Flügeln, um nicht mit ihm in die Tiefe gerissen zu werden. Er beugte sich nach vorn, um die Schlüssel zu nehmen.
Selos wehrte sich nach Leibeskräften. Er trat nach Gyrion und fetzte mit seinen Krallen die unteren Seiten seiner Oberschenkel bis zum Gesäß auf. Gyrion brüllte vor Schmerz. Die zerfetzten Muskeln konnten Selos nicht mehr halten. Er entglitt Gyrions Griff. Gyrion ignorierte die Schmerzen und stürzte ihm erneut nach. Um ihn herum tauchten andere Schattenflügel auf, die ihn abzudrängen und ihren Clanführer zu schützen versuchten. Zwei packten Gyrion an den Flügeln und strebten in entgegengesetzten Richtungen auseinander. Offenbar wollten sie ihn zerreißen.
Andere Gargoyles eilten ihm zu Hilfe. Im Nu tobte ein gnadenloser Kampf am dunklen Himmel, der in der Ferne heller zu werden begann. Seine beiden Angreifer, zu sehr damit beschäftigt, sich selbst zu verteidigen, waren gezwungen, Gyrion loszulassen. Inzwischen hatten andere Selos aufgefangen und trugen ihn davon. Gyrion folgte ihnen. Taion warf sich ihm entgegen. Gyrion schlug ihm die Krallen ins Gesicht und riss ihm die Brust auf. Sein Freund, der überraschend zu seinem Feind geworden war, geriet schreiend aus dem Gleichgewicht und stürzte.
Doch in all dem Chaos um ihn herum gab es für Gyrion nur ein einziges Ziel: Selos, der Hekates Schlüssel hatte. Er arbeitete sich durch den Pulk von kämpfenden Gargoyles, obwohl seine Flügel bei jedem Schlag wahnsinnig schmerzten. Außerdem stellte er fest, dass er sich immer mühsamer bewegen konnte, je heller es wurde. Er hatte keine Ahnung warum. Im Reich der Götter war es ständig hell. Das konnte unmöglich der Grund sein. Doch den anderen erging es ausnahmslos ebenso.
Eine Schicht aus Stein begann, sich um seinen Körper zu bilden. Zunächst nur dünn, aber sie behinderte seinen Flug und zog ihn nach unten. In wenigen Augenblicken würde er so schwer und vor allem unbeweglich sein, dass er abstürzte. Hatte Zeus sie alle in seiner Wut darüber, dass sie ihn gestört hatten, mit einem tödlichen Zauber belegt? Egal. Er musste die Schlüssel zurückholen.
Mit letzter Kraft und beinahe übernatürlicher Anstrengung stürzte er sich auf Selos. Da ein Teil von Gyrions Gefolgsleuten gleichzeitig Selos’ Beschützer abdrängten, gelang es ihm, den Anführer der Schattenflügel zu packen. Seine Haut fühlte sich kalt und steinern an und er konnte sich nur noch eingeschränkt bewegen. In seinen Augen las Gyrion, dass ihm sehr wohl bewusst war, dass er sterben würde. Das würde Gyrion wohl ebenfalls, da sich auch bei ihm die Versteinerung immer weiter fortsetzte. Trotzdem gelang es ihm, Hekates Schlüssel aus Selos’ klammen Klauenhänden zu reißen.
»Zu Boden!«, brüllte er seinen Leuten zu.
Er selbst war, da er Selos’ Fall gefolgt war, dem Boden schon recht nahe. Obwohl er die letzten Meter fast ungebremst absackte, da er sich jetzt kaum noch bewegen konnte, landete er relativ weich auf einem nachgiebigen Untergrund. In unmittelbarer Nähe befand sich ein bizarres Gebilde wie aus filigranen dunklen Steinadern geformt, die sich auf etwas dickeren Adern in die Höhe schraubten und dort seltsam platte, breite und sehr dünne Auswüchse besaßen.
Seinem Instinkt folgend, bei Gefahr den Schutz einer Höhle zu suchen oder einer Umgebung, die dem zumindest ähnlich war, schleppte er sich mit steinschweren Gliedern, die er kaum noch bewegen konnte, unter diese merkwürdigen Gebilde. Gleißendes Licht trat als ein feuriger Ball hinter dem Horizont hervor. Der Mantel aus Stein um Gyrion herum wurde massiv und verdammte ihn zur Bewegungslosigkeit.
Doch der erwartete Tod kam nicht. Gyrion konnte noch wie durch einen dichten Schleier sehen und wie durch eine Mauer hindurch hören. Und sein Gefühl war auch noch intakt. Deshalb sah er unzählige versteinerte Gargoyles vom Himmel fallen und hörte um sich herum das Brechen von Stein, ehe es still wurde.
Eine Ewigkeit später kamen zwei seltsame Gestalten in sein Blickfeld. Ein Wesen halb Mann, halb Pferd und eins, das halb Ziege und halb Mann war. Ein Zentaur und ein Satyr. Gyrion fühlte sich erleichtert. Wo ein Enkel der Göttin Nephele und ein Sohn des Gottes Pan waren, konnte kein schlechter Ort sein. Sie blickten sich um und kamen schließlich auf Gyrion zu. Da er immer noch Hekates Schlüssel in seiner Hand hielt, fanden sie ihn wohl interessanter als die anderen versteinerten Gargoyles. Erstaunen und auch Bestürzung malte sich auf ihren Gesichtern, als sie die Schlüssel wohl erkannten.
Schließlich hoben sie Gyrions versteinerten Körper hoch und trugen ihn davon. Er verspürte keine Angst, denn solche Regungen waren seiner Art fremd. Sie waren von den Göttern als geflügelte Wächter und Krieger erschaffen worden. Angst hätte nicht dazu gepasst.
Erleichtert stellte er fest, dass man ihn nach einem langen Weg in eine Höhle trug und in einer Ecke absetzte. Er fragte sich, was sie mit ihm vorhatten. Sie konnten unmöglich wissen, dass er kein Stein war, sondern ein lebendiges Wesen. Ein versteinertes lebendiges Wesen. Lebender Stein. Was auch immer.
Stunden später erhielt er die Antwort. Das Licht draußen, das die ganze Zeit durch den Höhleneingang hereingefallen war, wurde dunkel. Als es vollständig erloschen war, spürte Gyrion, wie die steinerne Haut sich aufzulösen begann und auch die Erstarrung des restlichen Körpers von ihm abfiel. Er richtete sich auf und streckte Körper und Flügel. Es tat so gut, sich wieder bewegen zu können. Seine ihm von Selos und anderen geschlagenen Wunden waren vollständig verheilt.
Der Satyr, der während der letzten Stunde auf einer Rohrflöte gespielt hatte, beendete seine Melodie und kam zu ihm herüber. Das tat auch der Zentaur.
»Willkommen in meinem Heim«, sagte der Pferdemann. »Ich bin Cheiron. Und das ist mein Freund Nyros.« Er deutete auf den Satyr.
»Wo bin ich?«
»In Thessalien. Am Fuß des Berges Pelios. Diese Höhle ist mein Zuhause. Wer bist du und woher kommst du? Wir haben noch nie ein Wesen wie dich gesehen. Gehörst du zu den Harpyien?«
Gyrion schüttelte den Kopf. »Dieses Thessalien. Welche Dimension ist das? Welche Götter leben hier?«
Cheiron und Nyros blickten einander vielsagend an.
»Keine«, antwortete der Satyr. »Dies ist die Mittelwelt. Das Reich der Menschen.«
Gyrion starrte ihn ungläubig an. Dann blickte er auf die drei Schlüssel in seiner Hand. Offenbar hatte Zeus sie alle in seinem Zorn aus dem Reich der Götter verbannt. Ausgerechnet in die Welt der Menschen. Die Schlüssel durften auf keinen Fall hierbleiben.
»Die anderen. Was ist mit ihnen?«
Cheiron schüttelte ebenfalls den Kopf. »Das wissen wir nicht. Da du aber zum Leben erwacht bist, trifft das sicherlich auch auf die anderen zu. Zumindest auf jene, die nicht in Stücke zerbrochen sind.«
Dann waren sie mit Sicherheit auf der Suche nach ihm. Die Schattenflügel und ihre Gefolgsleute, um Selos zu rächen und die Schlüssel an sich zu bringen, die Dickhäute, um ihm beizustehen.
»Du trägst Schlüssel, die von Magie umgeben sind. Was hat es damit auf sich?«
»Sie gehören Hekate.«
Cheiron stieß einen überraschten Laut aus. Nyros stampfte mit den Hufen den Boden.
»Es gibt sie also wirklich«, stellte der Satyr ehrfürchtig fest. »Die Schlüssel, die das Reich der Götter und die Unterwelt öffnen können.«
Gyrion wich zurück, presste die Schlüssel gegen seine Brust und fauchte die beiden zähnefletschend an. Nyros hob beschwichtigend die Hände.
»Wie bist du an sie gekommen?«
Gyrion zögerte, entschloss sich aber, sie ins Vertrauen zu ziehen. Er war ein Gargoyle-Krieger und würde mit einem Zentaur und einem Satyr schon fertig werden, falls sie ihm die Schlüssel wegzunehmen gedachten. Er erzählte ihnen, was passiert war.
»Ich muss und werde sie zurückbringen«, schloss er. »Und niemand wird mich daran hindern.«
»Wir ganz gewiss nicht«, stimmte ihm Nyros mit funkelnden Augen amüsiert zu, ehe er sehr ernst wurde. »Sie werden dich suchen, um dir die Schlüssel abzunehmen. Und wenn sie dich nicht finden ...« Er blickte Cheiron fragend an.
Der Zentaur schöpfte aus einem Kessel über einem Feuer Tee, den er Gyrion reichte. »Sie werden wissen, dass du als pflichtbewusster Diener Hekates die Schlüssel zurückbringen wirst. Wenn sie dich nicht finden, werden sie, so glaube ich, davon ausgehen, dass du versuchen wirst, den einen Schlüssel zu benutzen, um die Dimension der Götter zu öffnen, um wieder zurückzugelangen. Das heißt, sie werden sich vor dem Tor versammeln und auf dich warten. Und sobald du kommst, werden sie sich deiner und der Schlüssel bemächtigen. Da sie ihre Toten zurückholen wollen, wird ihnen jedes Mittel recht sein.«
Nyros nickte zustimmend. »Und bei dem, was für sie auf dem Spiel steht, werden sie in Ewigkeit warten.« Er blickte Cheiron an. »Gibt es noch einen anderen Weg ins Reich der Götter?«
Der Zentaur schüttelte den Kopf. »Keinen, den jemand benutzen könnte, der nicht selbst ein Gott ist. Nur sie können jene Schleier durchschreiten, die ihre Dimension von dieser Welt trennt. Ich bin zwar der Sohn eines Titanen, aber nicht einmal ich gelange aus eigener Kraft dorthin.«
Das waren keine guten Neuigkeiten. Gyrion trank den Tee und stellte fest, dass er völlig anders schmeckte als alles, was der je zuvor gekostet hatte. Nicht gut, aber auch nicht allzu schlecht. Immerhin wärmte ihn das Getränk. Doch das war nebensächlich. Die Tatsache, dass er und sein Clan aus eigener Kraft nicht mehr von hier wegkamen, erfüllte ihn mit Unbehagen. Falls seine Leute noch lebten und die Schattenflügel sie nicht inzwischen getötet hatten. Er sorgte sich um sie. Besonders um Siryia, seine Gefährtin. Lebte sie überhaupt noch, oder war sie als Stein vom Himmel gefallen und am Boden zerschellt?
»Warum sind wir alle zu Stein geworden, als das Licht kam?«
Cheiron schüttelte den Kopf, Nyros zuckte mit den Schultern.
»Die Mittelwelt ist anders als die Ober- und die Unterwelt«, antwortete der Zentaur. »Zwar war ich noch in keiner von beiden, aber ich habe mich oft mit meinem Halbbruder Zeus über die Unterschiede unterhalten. Die metaphysische Zusammensetzung der drei Welten ist völlig anders. Magie funktioniert hier anders. Dinge und Wesen, die unverletzlich in der Oberwelt sind, werden verwundbar und sterblich, sobald sie in diese Welt kommen. Wesen, die in der Unterwelt nur ein kurzes Leben haben, werden hier hundert Jahre und älter. Es gibt hier Wesen, die leben in der Nacht und ernähren sich von Blut. Andere, die aussehen wie Menschen, verwandeln sich in Wölfe und andere Tiere, wenn der Vollmond scheint. Du und deinesgleichen, ihr werdet offenbar zu Stein, wenn die Sonne aufgeht.«
Das war nicht gut. Wie Gyrion mitbekommen hatte, konnten die Gargoyles in ihrer Versteinerung zertrümmert werden und sterben.
»Ich muss meiner Göttin die Schlüssel zurückbringen. Egal wie.« Hilfesuchend blickte er Cheiron und Nyros an.
»Ich werde mit meinem Bruder reden«, versprach der Zentaur. »Fürs Erste solltest du aber hierbleiben und dich verbergen. Nyros wird nach deinen Leuten suchen.«
»Gibt es ein Merkmal, an dem ich die Schattenflügel von den Dickhäuten unterscheiden kann?«
Gyrion nickte. »Unsere Flügel sind größer und haben einen rötlichen Rand.« Er hielt ihm seinen Flügel hin und deutete auf den unteren Rand. »Die Flügel der Schattenflügel sind schwarz.«
»Ich sehe mich um«, versprach Nyros und verließ die Höhle.
Cheiron bot Gyrion Platz an und gab ihm zu essen. Gyrion merkte erst jetzt, wie hungrig er war. Doch sein Hunger war unwichtig verglichen mit der Sorge um die Schlüssel. Und der Sorge darum, ob er und die Seinen je wieder nach Hause kommen würden.

Cleveland, Ohio, März 2011

Sie hatten ihn in die Ecke gedrängt und näherten sich ihm von zwei Seiten. Graham Winger konnte ihnen nicht entkommen, denn sie waren schneller als er. Schließlich waren sie keine Menschen. Er konnte auch nicht seine Glock mit den Silberkugeln gegen sie einsetzen; unter anderem deshalb nicht, weil er sie kaum rechtzeitig in Anschlag hätte bringen können, bevor seine beiden Gegner über ihm wären. Ihm blieb nur der Kampfstock, um sich gegen sie zu verteidigen.
Er trat einen Schritt von der Wand weg, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, aber nicht zu weit, sodass einer von ihnen in seinen Rücken hätte gelangen können. Sein Blick flog zwischen ihnen hin und her. Welcher von ihnen würde zuerst angreifen? Sobald der Erste eine Ouvertüre machte, blieb ihm nur noch der Bruchteil einer Sekunde, um zu reagieren. Falls der ausreichte. Graham gab sich keinen Illusionen hin. Unverletzt würde er aus dieser Falle nicht herauskommen. Wenn er Glück hatte – sehr viel Glück –, konnte er wenigstens sein Leben retten.
Der Größere der beiden machte einen Schritt auf ihn zu. Graham reagierte sofort und stach die Spitze des Kampfstocks dem anderen entgegen. Er hatte richtig vermutet, dass der scheinbare Angriff des Größeren nur ein Ablenkungsmanöver sein sollte. Der Vampir flog direkt auf den Kampfstock, der sein Herz durchbohrte. Doch der Aufprall warf Graham zu Boden. Schon war der Größere heran, verwandelte sich im Sprung, und scharfe Wolfszähne schlossen sich um Grahams Kehle, begleitet von einem tiefen Knurren.
Gleich darauf ließ der Werwolf von ihm ab und half ihm grinsend in seiner jetzt wieder menschlichen Gestalt auf die Beine. »Tut mir leid, Graham, aber du bist tot.«
Graham wischte sich den Wolfspeichel vom Hals und die feuchte Hand an der Hose ab. »Shiva aber auch«, stellte er fest.
Shiva Ramajeetha, der aus Indien stammende Vampir, kam auf die Beine und zog sich den Kampfstock aus dem Körper, der ihn der Länge nach in Höhe des Herzens durchbohrt hatte. »Aua«, kommentierte er und grinste ebenfalls. »Das war ein sehr gutes Manöver, Graham. Und ja, ich wäre tot, wäre dein Stock aus Holz und nicht aus Plastik.«
»Tut mir leid, dass ich dich richtig erwischt habe.«
»Muss es nicht. War schließlich mein Fehler, dass ich nicht schnell genug ausgewichen bin. Ich habe tatsächlich geglaubt, dass du auf Nicks Ablenkung reinfallen würdest.«
Graham schüttelte den Kopf. »Dazu kenne ich intelligente, im Rudel jagende Kreaturen wie euch zu gut. Das war nicht abwertend gemeint«, fügte er hastig hinzu, als ihm bewusst wurde, dass man seine Worte so interpretieren konnte. Zu seiner Erleichterung grinsten beide gutmütig.
»Ich werde nie wieder einen Defensor unterschätzen«, schwor Shiva.
Für Graham war das ein großes Kompliment. Nichtsdestotrotz wäre er im Ernstfall tot gewesen. »Was hätte ich tun können, um euch beide zu erledigen?«
Nick umfasste mit einer Handbewegung den Trainingsraum. »In einem Gelände wie hier, ohne Deckung und ohne Ausweichmöglichkeit – nichts. Es ist schon eine hervorragende Leistung für einen Menschen, dass du einen von uns erledigt hättest. Unter anderen Umständen hättest du eine Chance gehabt, wenn du uns einzeln erwischt hättest oder du weit genug von uns entfernt gewesen wärst, um deine Pistole einsetzen zu können.«
Die er für dieses Training mit Gummigeschossen geladen hatte. Er war zwar ein Defensor und vernichtete in dieser Eigenschaft durchaus Geschöpfe wie Vampire und Werwölfe, aber nur wenn sie Menschen bedrohten. Diese beiden waren zwar nicht gerade seine Freunde, aber er hatte gelernt, sie zu respektieren. Shiva war ein Wächter der Vampire und Vorstand der zwölfköpfigen Clevelander Vampir-Gemeinde. Und Nick Roscoe war Betawolf des Clevelander Rudels unter der Führung von Police Lieutenant Kevin Bennett. Außerdem war er der Partner und Seelengefährte der Dämonin Sam Tyler, in deren Haus Graham seit einer Woche wohnte.
Nachdem er endlich begriffen hatte, dass sie nicht zu jenen Ausgeburten der Hölle gehörte, die zu vernichten er als Defensor und Mönch der Pugnatores Lucis, der »Streiter des Lichts«, geschworen hatte und zu einem Waffenstillstand mit ihr gekommen war, hatte sie erlaubt, dass er aus seinem vor ihrem Haus geparkten Wohnwagen in ihr Gästeappartement zog.
Das war ihm eine große Erleichterung, da der Innenraum seines Wohnwagens trotz allem Komfort auf die Dauer doch recht beengt war; immerhin wohnte er seit fast zwei Jahren ununterbrochen darin, in denen er Sam zuerst auf Schritt und Tritt gefolgt war, um sie zu vernichten, sobald sie etwas tat, was das rechtfertigte. Seit einem Dreivierteljahr leistete er auf allerhöchsten Befehl Gottes bei ihr Strafdienst und hatte ihr buchstäblich zu dienen und aufs Wort zu gehorchen. Das war die Art, wie die Himmlischen Mächte ihm drastisch beibrachten, dass Sam zu den Guten gehörte, obwohl sie eine Dämonin war.
Nachdem er das endlich – viel zu spät eigentlich – begriffen hatte, erlaubte sie, dass er in ihrem Haus wohnte. Das war ihm nicht nur wegen des erheblich verbesserten Komforts recht. Sam und Nick hatten vor vier Wochen die verwaisten Töchter ihres besten Freundes Ronan Kerry bei sich aufgenommen, der einem alten Familienfluch zum Opfer gefallen war. Vor ein paar Tagen war die offizielle Adoption erfolgt. Graham fand es einerseits immer noch grotesk, dass eine Dämonin und ein Werwolf Menschenkinder adoptierten und hatte seine Zweifel gehabt, ob das wirklich gutgehen konnte. Deshalb begrüßte er die Möglichkeit, im Haus zu leben und hautnah mitzuerleben, wie sie mit den Kindern umgingen.
Er musste zugeben, dass kein Kind bessere Eltern haben konnte. Besonders Nick umsorgte die Mädchen mit einer spürbaren Liebe, und Sam passte sich ihrer Rolle als Mutter so gekonnt an, wie er es ihr nie zugetraut hatte. Außerdem war da noch Sally Warden. Äußerlich ein hübsches Kindermädchen Anfang zwanzig mit dem durchtrainierten Körper einer Kampfsportlerin, war sie in Wahrheit ein Wächterdämon, der sich an die Kinder gebunden hatte und sie mit seinem Leben beschützen würde. Beide Kinder – magisch begabt – wussten, was die Wesen um sie herum waren und vertrauten ihnen dennoch vollkommen. So sehr, dass sie den indischen Vampir als »Onkel Shiva« in ihre Familie ebenso aufgenommen hatten, wie Graham zu »Onkel Graham« geworden war.
Immerhin konnte er sich auf diese Weise um das Seelenheil der Kinder kümmern. Auch in diesem Punkt hatte Sam ihn überrascht. Er war überzeugt gewesen, dass sie etwas dagegen hatte, dass er mit ihnen über Gott und Seine Lehren sprach. Doch sie ließ ihn gewähren.
»Machen wir Schluss für heute«, schlug Shiva vor. »Ich habe noch Lust auf eine Partie Schach und auf eine Flasche wohltemperiertes Tigerblut. Ich hoffe, Sam hat noch welches.«
Nick grinste. »Du weißt doch ganz genau, dass sie dir davon unbegrenzt viel verschaffen kann. Also stehen deine Chancen ganz gut.« Er wandte sich an Graham. »Isst du mit uns zu Abend?«
Graham räusperte sich. »Ich bin mir nicht sicher, ob Sam das recht wäre. Wir haben nur einen Waffenstillstand, keinen Freundschaftsvertrag.«
»Ich habe dich gerade eingeladen. Damit bist du mein Gast. Sam hat das zu respektieren. Und das wird sie. Also?«
Graham kannte Sam gut genug, um zu wissen, dass sie einen heftigen Streit mit Nick vom Zaun brechen würde, wenn sie entgegen seiner Erwartung nicht damit einverstanden war, mit dem Mann an ihrem Abendbrottisch zu sitzen, der sie gestalkt und mehrmals versucht hatte, sie zu töten. Kein Zweifel, dass sie ihm den Streit ankreiden würde, was ihren fragilen Waffenstillstand sehr schnell wieder beenden konnte. Andererseits war Nick kein Mann, der jeden X-beliebigen zum Essen einlud. Seine Einladung abzulehnen, wäre deswegen auch keine gute Idee, denn der Werwolf konnte ziemlich nachtragend sein.
»Okay. Danke.«
Er folgte Nick und Shiva nach oben, machte sich in seinem Appartement frisch und ging anschließend ins Esszimmer. Der Tisch war schon gedeckt – mit sechs Gedecken. Sam verteilte die Bestecke und nickte ihm zu.
»Irgendeinen Wunsch hinsichtlich des Essens?«
Er schüttelte den Kopf. »Ist es dir wirklich recht, dass ich mit euch esse?«
»Nick hat dich eingeladen, also ist es okay.«
»Das war nicht meine Frage.«
Sie blickte ihn ausdruckslos an. Er hätte eine Menge dafür gegeben zu wissen, was sie dachte.
»Nein, es ist mir nicht sonderlich recht, Graham. Ich bin Dämonin und habe keineswegs vergessen, dass du mich grundlos beinahe umgebracht hättest und mit Hass verfolgt hast. Deshalb ziehe es grundsätzlich vor, von dir so wenig wie nur möglich zu sehen. Aber du hast deine Ressentiments gegen mich revidiert. Und mal abgesehen davon, dass du Nicks Gast bist, nehme ich deine Anwesenheit im Haus und jetzt an meinem Tisch als die Gelegenheit zu lernen, meine Ressentiments gegen dich abzulegen. Auch wenn es mir nicht unbedingt leichtfällt. Also es ist okay. Setz dich.«
Nick und Shiva kamen mit je einem Kind auf dem Arm. Die blonde Abby rannte auf Sam zu, kaum dass Nick sie abgesetzt hatte und umarmte sie heftig. Sam drückte sie liebevoll an sich und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.
Das arme Kind hatte in seinem fast achtjährigen Leben schon mehr Verluste erlitten und Grauen durchlebt als mancher Erwachsene. Wegen der Visionen und ihrer Fähigkeit, Geister zu sehen, hatten ihre Eltern sie bereits mit vier Jahren in eine psychiatrische Kinderklinik gesteckt. Die wurde unglücklicherweise von einem Psi-Vampir geleitet, der Abbys Gabe missbraucht hatte, um aus einer magischen Schale Orakel zu bekommen. Jedes Mal hatte das Mädchen zusehen müssen, wie ein Mensch ermordet wurde, damit sein Blut den in der Schale gebannten Dämon nährte.
Nachdem Sam sie befreit hatte, wurde sie von den Kerrys adoptiert. Doch nur ein Dreivierteljahr später war ihre Adoptivmutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen und nun hatte sie vor vier Wochen auch noch ihren Adoptivvater verloren. Noch einen Verlust ertrug sie nicht. So gesehen war es vorteilhaft, dass Sam und Nick keine Menschen waren. Dinge, die einen Menschen umbrachten, konnten ihnen in der Regel nicht allzu viel anhaben. Trotzdem hatte die Kleine panische Angst, dass Nick oder noch schlimmer Sam sterben könnte, weshalb sie mehrmals täglich in der Detektei anrief, wenn die beiden dort arbeiteten, um sich zu vergewissern, dass mit ihnen alles in Ordnung war.
Sam hob Abby schwungvoll hoch und setzte sie auf ihren Platz. Shiva tat dasselbe mit Siobhan, der Sam, kaum dass sie saß, ebenfalls eine innige Umarmung und einen Kuss gab. Graham und Shiva nahmen ebenfalls Platz, während Nick Sam half, das Essen aufzutragen. Ob mit oder ohne Magie, Sam hatte einen Haufen von Sandwiches, Salat und Obst vorbereitet. Graham stellte nicht zum ersten Mal fest, dass die Zusammenstellung der Nährwerte optimal für die Ernährung von Kindern war. Noch ein Punkt, in dem Sam bestens für die Mädchen sorgte. Sogar erheblich besser als manche menschliche Mutter.
Abby schob ihren Teller ein Stück nach vorn, um die Tischdecke glattzustreichen, die darunter eine Falte geworfen hatte. Das Licht der Lampe über dem Tisch reflektierte auf der weißen Tellerfläche. Das Mädchen blickte darauf. Ihr Gesicht nahm einen leeren Ausdruck an, und ihre Augen wurden groß, als sähe sie auf dem Teller etwas. Sekunden später stieß sie einen entsetzen Schrei aus und begann zu hyperventilieren. Sam ließ den Teller verschwinden, doch die Vision, einmal in Gang gesetzt, verschwand leider nicht durch das Entziehen des auslösenden Fokus’.
Sam nahm Abby in die Arme und redete beruhigend auf sie ein. »Keine Angst, Abby. Was immer du gesehen hast, kann hier nicht rein. Du bist in Sicherheit, und niemand tut dir etwas.«
Graham spürte, dass sie Magie einsetzte, um das Kind zu beruhigen. Abbys Atmung wurde wieder normal. Trotzdem zitterte sie am ganzen Körper.
»Kannst du mir sagen, was du gesehen hast?«
Das konnte Abby offensichtlich nicht. In dem Blick, den sie Sam zuwarf, stand das blanke Grauen. Sam hielt ihr die Hand vors Gesicht und wirkte einen Zauber, der Abbys Vision auf der Handfläche wie auf einem Bildschirm sichtbar machte. Ihr Gesicht war sehr ernst, als sie sah, was Abby gesehen hatte.
»D-du m-musst das v-verhindern, S-Sam.« Abbys Stimme war tränenerstickt.
Sam wischte ihr die Tränen ab und wiegte sie beruhigend hin und her. »Ich tue mein Möglichstes. Versprochen.«
Als hätte allein dieses Versprechen genügt, beruhigte sich Abby wieder. Als sie den Kopf hob, um Sam anzusehen, lag in ihrem Blick ein grenzenloses Vertrauen.
Graham sah es mit einer gewissen Besorgnis. Ein Menschenkind sollte ein derart absolutes Vertrauen zu Gott haben, nicht zu einer Dämonin. Das Wichtigste war jedoch, dass Abbys Entsetzen und ihre damit einhergehende Angst verschwunden waren. Trotzdem wollte sie sich nicht wieder auf ihren Platz setzen, sondern aß ihr Abendbrot auf Sams Schoß sitzend, eng an die Dämonin gedrückt und bestand auch darauf, dass Sam sie anschließend persönlich zu Bett brachte.
»Was hat Abby denn so Entsetzliches gesehen?«, konnte sich Graham nicht verkneifen zu fragen, als Sam schon sehr bald wieder zurück war, weil sie die Kinder garantiert mit einem Zauber in Schlaf versetzt hatte.
Auch Shiva und Nick blickten sie erwartungsvoll an.
»Eine Horde von Toten, die es irgendwie geschafft hat, in die Welt zu kommen und neben Angst und Schrecken ein gehöriges Chaos anrichtet.«
Graham schnaufte. »Und dann versprichst du ihr, dass du das verhindern willst? Wie denn?«
Sam warf ihm einen warnenden Blick zu. »Zunächst mal, Graham, habe ich ihr nur versprochen, dass ich mein Möglichstes tun werde, um das zu verhindern. Und dieses Wort werde ich halten. Das heißt aber nicht, dass ich auch Erfolg habe. Allerdings stehen die Chancen dafür ganz gut, denn gegenwärtig arbeiten Abbys Visionen nach dem Prinzip, dass ihr nur die bewusst werden, die mich oder Nick direkt oder indirekt betreffen oder auf die wir Einfluss nehmen können. Das heißt, dass ich nachher versuchen werde, etwas mehr über Abbys Vision in Erfahrung zu bringen.«
»Wenn ihr die Visionen solche Angst machen, wäre es da nicht sinnvoll, ihre Fähigkeit zu blockieren? Das dürfte doch ein Leichtes für dich sein.«
Sam nickte. »Und diesen Punkt habe ich mit Bryce Connlin eingehend diskutiert.« Der Chefpsychiater des Lotos Instituts war Abbys Therapeut und kam einmal im Monat für ein paar Tage nach Cleveland, um sie zu behandeln. »Einerseits hielt er das auch für besser. Gerade im Hinblick darauf, was Abby wegen dieser Gabe schon alles durchmachen musste. Er bestand aber darauf, dass wir Abby die Entscheidung überlassen. Nachdem sich in der Vergangenheit schon so viele Menschen über ihren Willen und vor allem über ihr Wohl hinweggesetzt hatten, meinte er, sei es wichtig, dass wir auf keinen Fall denselben Fehler begehen. Natürlich nur, sofern es sich um Dinge handelt, wo ihr Wille ihr nicht am Ende schadet. Also haben wir Abby gefragt, ob sie ihre Gabe los sein will.«
»Und das wollte sie nicht? Trotz all des Schrecklichen, das die mit sich bringt?« Graham konnte es kaum fassen.
»So ist es. Und ihre Begründung offenbart einen Mut und eine Weisheit, die ihresgleichen suchen, wenn du mich fragst. Sie sagte, wenn sie ihre Visionen zulässt, hat sie zwar manchmal furchtbare Angst vor dem, was sie sieht. Aber nur ihre Visionen geben mir und Nick die Möglichkeit zu verhindern, dass sie wahr werden. Wenn sie sie nicht zulässt, wird das, was sie sieht, unweigerlich eintreten und manchmal vielen Menschen schaden oder sogar den Tod bringen. Und was sie noch sagte, wird dich ganz besonders freuen, Graham.« Sam verzog das Gesicht, als hätte sie Schmerzen. »Sie sagte, diese Gabe hätte Gott ihr geschenkt, und wenn sie sie aufgäbe, käme das einem Verrat an ihm gleich. Das mit der Gabe Gottes hat Ron ihr beigebracht. Die Schlussfolgerung stammt von ihr.«
»Tapferes kleines Mädchen«, meinte Shiva.
Sam nickte, Graham ebenfalls.
»Sie hat das Herz einer Wölfin«, war Nick überzeugt.
»Ich sorge allerdings dafür, dass sie das Schlimmste wieder vergisst, wenn eine Vision allzu entsetzlich ist für ein Kind.« Sam blickte Graham in die Augen. »Gerade Abbys bedingungsloses Vertrauen zu uns, dass wir verhindern könnten, dass solche Visionen wie vorhin Realität werden, macht es ihr erst möglich, sie überhaupt auszuhalten. Sollte uns das mal nicht gelingen, werde ich sie vergessen lassen, dass sie sie hatte. Auch das ist mit Bryce so abgesprochen. Abby braucht noch mehr als Siobhan die Sicherheit, dass sie sich auf jemanden hundertprozentig verlassen kann. Darum, Graham, werden wir auch jedes einzelne Versprechen, das wir ihr geben, wortgetreu einhalten. Wenn sie älter ist und begreift, dass auch Dämonen und Werwölfe keine Wunder vollbringen können und dieses Bewusstsein ihrer Seele nicht mehr schadet, werden wir auch schmerzhafte Wahrheiten nicht mehr vor ihr verbergen oder sie die vergessen lassen. Für die nächste Zeit – mindestens ein paar Jahre – muss sie noch geschont werden.«
Graham schwieg. Er musste zugeben, dass Sam ihn immer wieder überraschte. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie zu menschlichen Gefühlen fähig war.
»Entschuldige, Sam. Ich wollte nicht ...« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist für mich immer noch, eh, ungewöhnlich, wie sehr du dich um die Kinder kümmerst, obwohl du eine Dämonin bist.«
Sam lächelte und warf Nick einen liebevollen Blick zu. »Ich habe sehr kompetente Hilfe von jemandem, der weiß, wie man mit Kindern umgeht.«
Nick legte seine Hand über ihre und drückte sie fest. »Du würdest das auch ohne meine Hilfe ganz wunderbar machen. Weil du die Kinder liebst.«
Sam ging nicht darauf ein. »Wie ist es, Shiva, spielen wir noch eine Partie Schach?«
»Darauf freue ich mich schon den ganzen Abend.«
Graham nahm das als Anlass, sich in sein Appartement zurückzuziehen. »Danke fürs Abendessen und die Einladung, es mit euch zu teilen. Und danke fürs Training, Shiva, Nick. Gute Nacht.«
»Graham«, hielt Sam ihn zurück. Sie tat einen tiefen Atemzug. »Wenn du willst, kannst du alle Mahlzeiten mit uns einnehmen.«
»Und ein Tischgebet sprechen?«, entfuhr es ihm, bevor er es verhindern konnte. Denn dass Sam niemals dulden würde, dass er das laut tat, war ihm klar.
Sie schnitt eine Grimasse. »Wenn es sein muss – meinetwegen. Solange du es auf das Essen beschränkst und nicht über mir auszuschütten versuchst.«
Graham war derart sprachlos, dass er nur nicken konnte und sich ohne ein weiteres Wort zurückzog. Er musste intensiv darüber nachdenken, was dieses Zugeständnis bedeutete. Und wie er das Beste daraus machen konnte. Vor allem fragte er sich, woher Sams Anwandlungen kamen. Hatte er Einfluss auf sie? Oder lag es an Nick? Er würde es herausfinden.

Sam setzte sich mit Shiva im Wohnzimmer an den Schachtisch und baute die Figuren auf. Nick nahm in seinem Lieblingssessel Platz und griff zum Plain Dealer. Dass er ihnen Gesellschaft leistete, hatte nichts damit zu tun, dass er dadurch sicherstellen wollte, dass Shiva Sam keine Avancen machte. Der Vampir war ein Ehrenmann und käme nicht im Traum auf den Gedanken, die Situation auszunutzen. Nick nutzte jede sich bietende Gelegenheit, in Sams Nähe zu sein, weil er genau wusste, dass in absehbarer Zeit der Moment kam, in dem er sich wieder für einige Zeit in die Wälder zurückziehen und Wolf sein musste. Dann zehrte er von den Erinnerungen an jeden einzelnen Augenblick, in dem er Sams Nähe gespürt und ihren Duft in der Nase gehabt hatte.
Zwischendurch hob er immer wieder den Blick von seiner Lektüre, um sie anzusehen und den Anblick ihrer überirdischen Schönheit zu genießen. Offenbar war sie mit ihren Gedanken nicht vollständig beim Spiel, denn sie machte Züge, die nicht sehr vorteilhaft waren und sie die Partie nach nur einer Stunde verlieren ließen. Sie grinste gutmütig, als Shiva überaus zufrieden verkündete, dass er sie mattgesetzt hatte, nachdem es ihm gelungen war, ihren König in die Zwickmühle zu bringen.
»Das ist garantiert nicht mit rechten Dingen zugegangen, Shiva. Wer hat dir einen Zauber verkauft, damit du mich besiegen konntest?«
»So was brauche ich nicht. Ich stamme schließlich aus dem Land, in dem die Urform des Schachspiels erfunden wurde.«
Sam schnitt ihm eine Grimasse. »Du hast nur gewonnen, weil ich von Abbys Vision abgelenkt war.«
Er grinste. »Ja, und die anderen Male, wo ich dich geschlagen habe, warst du auch von irgendwas abgelenkt.«
»Aber klar doch.« Sam beugte sich vor und sah ihm in die Augen. »Bevor Nick zurückkam von der Vorfreude auf den Spaß, den ich mit dir im Bett haben würde und seit er wieder da ist, von der Vorfreude auf seine hervorragenden Liebeskünste, sobald du uns verlassen hast.«
Shiva lachte und warf Nick einen amüsierten Blick zu, der breit grinste. »Sie ist eine gekonnte Schmeichlerin, nicht wahr?«
»Oh ja. Und nicht nur das versteht sie hervorragend.« Nick zwinkerte Sam zu.
Shiva sah auf die Uhr und stand auf. »Ich würde dir gern noch eine Revanche geben, aber wir haben in einer Stunde unsere monatliche Gemeindeversammlung.«
»Noch eine Flasche Tigerblut zum Mitnehmen?«
»Nein danke. Sonst gewöhne ich mich zu sehr an diese kostbare Köstlichkeit und sie hört auf, etwas Besonderes für mich zu sein. Mach’s gut, Sam. Nick.«
Der Werwolf nickte ihm zu und legte den Plain Dealer zur Seite. Sam brachte Shiva zur Tür, und der Vampir verschwand in der Dunkelheit. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, stand Nick schon hinter ihr und nahm sie in die Arme. Ehe sie sich versah, gab er ihr einen tiefen Kuss.
»Da Shiva nun weg ist«, murmelte er und streichelte ihren Hals mit den Lippen, ehe er ihr sanft ins Ohrläppchen biss, »werde ich deine Vorfreude auf meine hervorragenden Liebeskünste nun in real erlebte Freude verwandeln.« Er hob sie auf die Arme und trug sie in sein Schlafzimmer.
Sam legte die Arme um seinen Hals. »Ich kann es kaum erwarten, mein wunderbarer Wolf.«
Die Nachforschungen nach der Ursache von Abbys Vision konnten ruhig noch eine Stunde warten.

Simon Stronghide hockte auf dem Dach des Comcast Centers in Philadelphia und blickte von dem mit 297 Metern höchsten Gebäude der Stadt über das nächtliche Lichtermeer unter ihm. Von hier oben wirkte alles so friedlich, obwohl in manchen Gegenden der Stadt in den Straßenschluchten ein Krieg tobte mit Gewaltexzessen, die manchmal sehr grausam waren.
Simon genoss diese Momente des Friedens. Sie waren selten genug. Die meiste Zeit verbrachte er damit, seinen Clan davor zu schützen, von den Menschen entdeckt und als das entlarvt zu werden, was er und die Seinen waren. Die restliche Zeit widmete er seiner Aufgabe, das zu bewachen, was der Clan hütete, seit Gyrion, ihr erster Clanführer, sie damit betraut hatte.
Er hörte nahenden Flügelschlag und erkannte an dessen unverwechselbarem Rhythmus seinen Sohn Gordon. Wenige Augenblicke später landete der junge Gargoyle neben ihm. Die drei Schlüssel, die er wie jedes Mitglied der Stronghides an einem um die Taille gebundenen Gürtel trug, klirrten leise. Simon wusste, weshalb Gordon ihn hier aufsuchte und wappnete sich innerlich gegen die Auseinandersetzung, die folgen würde.
»Alles ist ruhig, Vater. Nur Jenna ist noch nicht von ihrer Patrouille zurück.«
»Sie kommt schon noch.«
Gordon schwieg eine Weile und blickte wie Simon stumm in die Nacht. Offenbar überlegte er, wie er sein Anliegen vorbringen sollte, von dem er doch wissen musste, dass Simon es ablehnen würde. Andererseits war der Junge klug und besaß die erforderlichen Führungsqualitäten, die er brauchte, wenn er als Simons Erstgeschlüpfter eines Tages die Führung des Clans übernehmen würde. Mit seinen fast siebzehn Jahren war er in jedem Fall klug genug, um zu wissen, dass er niemals eine Schule der Menschen würde besuchen können. Nicht einmal eine der Schulen für jene unglücklichen »Mondscheinkinder«, die unter einer Krankheit litten, durch die sie vom Sonnenlicht getötet wurden und deshalb in der Nacht lebten wie Gargoyles, Vampire und andere Nachtgeschöpfe.
Zwar hatten die Gargoyles, seit sie in diese Welt gestoßen worden waren, durch Cheirons Magie die Fähigkeit erhalten, ihre Körper äußerlich wie die von Menschen zu formen. Aber ein Schulbesuch barg zu große Risiken. Besonders für den designierten künftigen Clanführer. Außerdem gab es nichts, was Simon seinem Sohn nicht beibringen konnte oder das er von ihrem Freund, dem Satyr Nyros, nicht hätte lernen können.
Gordon reichte ihm einen Prospekt. »Lotos School of the Arts«, las Simon. »Die Lotos School of the Arts ist die Ausbildungsstätte des Lotos Instituts für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft, Denver.«
»Nein.« Simon warf den Prospekt in die Luft. Er segelte davon.
Gordon sprang hinterher, fing ihn ein und reichte ihn Simon nachdrücklich zurück. »Als mein Clanführer erwarte ich vor dir, dass du das liest. Darin stehen wichtige Informationen für unseren Clan.«
Schlau von Gordon, ihn nicht als seinen Vater, sondern als Clanführer anzusprechen. Simon überflog den Text. Außer der Information, dass die Lotos School ein Internat war – ein Grund mehr, weshalb kein Gargoylekind sie besuchen konnte – und nur besonders begabte Kinder und Jugendliche aufnahm, fand er nichts, was für den Clan wichtig gewesen wäre.
»Was soll das, Gordon? Du weißt, dass ...«
»Sie sind Wächter, Vater. Wächter der magischen Gemeinschaft. Wir alle hätten dort ein sicheres Refugium. Ganz besonders auch für das, was wir bewahren.«
»Woher willst du das wissen?«
»Von der Frau, die mir den Prospekt gegeben hat.«
»Was? Du hast dich jemandem offenbart?«
»Nein. Sie hat von selbst erkannt, was ich bin. Sie ist die für die Kolonie in Philly zuständige Wächterin der Vampire. Ihr Name ist Sheeba Sandoval.«
»Und du kennst sie woher? Verdammt, Gordon, wir bleiben unter uns und haben mit Menschen oder den Anderen nichts zu schaffen.«
»Die Zeiten haben sich geändert, Clanführer. Wir haben nicht mehr die Möglichkeit, uns vor den Augen der Menschen zu verbergen. Besonders nicht vor ihren technischen Augen. Jenna wurde vorgestern fast von einem Polizeihubschrauber enttarnt, dem sie gerade noch entkommen konnte. Es gibt kaum noch unbewohnte Gegenden und erst recht keine sicheren Höhlen mehr, in denen wir uns tagsüber verbergen können.«
»Gerade darum ist es essenziell, dass wir uns von Menschen fernhalten und nicht auch noch ihre Schulen besuchen.«
»Eben deshalb sollten wir die Wächter des Lotos Instituts fragen, ob wir bei ihnen leben können. Miss Sandoval sagte mir, dass ihre Residenz mit einem magischen Schild umgeben ist, der nichts Böses und niemanden mit bösen Absichten passieren lässt. Wir wären dort in Sicherheit, und die Shadowwings könnten niemals eindringen, um uns den Schatz zu stehlen. Und ich könnte ihre Schule besuchen. Dieses Internat ist keine normale Schule, Vater. Es ist eine Schule für magisch begabte Kinder und junge Anderswesen wie mich.« Gordon blickte ihn flehentlich an. »Bitte, Vater. Du bist ein wundervoller Lehrer, aber du hast mir bereits alles beigebracht, was du weißt. Ich kann von dir nichts mehr lernen. Aber es gibt noch so unendlich viel zu erfahren und zu entdecken.«
»Dann geh zu Nyros. Der weiß mehr als wir alle zusammen.« Das klang schroffer, als Simon es beabsichtigt hatte.
»Nyros ist – sorry, Vater – ein Fossil. Sein Wissen ist immens, aber es ist alt. Er kann mir nicht beibringen, wie das Hubble-Teleskop funktioniert oder ein Bathyscaph oder die chemische Zusammensetzung von Teflon erklären. Oder ...«
»Schluss!« Simon zerfetzte den Prospekt und warf die Schnipsel weg. Sie segelten als kleine Papierflocken davon. »Das ist mein letztes Wort. Wenn du eines Tages Clanführer bist, kannst du gern in dieses Lotos Institut gehen und dort tun, was immer sie dich tun lassen. Bis dahin gehorchst du mir und befolgst meine Anweisungen. Und die lautet: Du hältst dich von den Menschen fern und auch von den Vampiren. Ist das klar?«
»Ja, Clanführer. Ich halte diese Entscheidung aber nicht für allzu weise.«
Simon kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten. Die Luft war plötzlich erfüllt vom Klang unzähliger schlagender Flügel. Clanflügel – und fremde. Sekunden später hörte er den Warnruf seiner Gefährtin Cora.
»Sie haben uns gefunden! Flieht!«
Eigentlich war das ein absolut inakzeptabler Rat. Die Stronghides - wie die Dickhäute sich hier in Amerika nannten - waren Kämpfer; Krieger seit die Götter sie erschaffen hatten. Aber sie hatten den Schatz zu hüten – Hekates Schlüssel, hinter dem immer noch der Clan der Schattenflügel her war, die sich seit ihrer Übersiedlung in dieses Land den Clannamen Shadowwings gegeben hatten.
Zwar kannte Simon wie alle heute lebenden Gargoyles die damaligen Ereignisse nur aus den Überlieferungen der Alten und dem, was er von Nyros erfahren hatte, der zum Teil dabei gewesen war; aber es hatte sich bewahrheitet, was Cheiron damals vermutet hatte. Die Schattenflügel waren davon ausgegangen, dass die Dickhäute versuchen würden, in die Welt der Götter zurückzukehren, um Hekate die Schlüssel zurückzubringen. Sie hatten sich vor dem Tor zur Lichtwelt postiert und gewartet. Jahrhunderte lang.
Doch der Dickhaut-Clan hatte Cheirons weisen Rat befolgt und sich in der Welt versteckt. Nur alle paar Jahrzehnte hatten sie einen der Ihren geschickt, um nachzusehen, ob die Schattenflügel immer noch das Tor bewachten. Nachdem etliche dieser Boten nicht zurückgekehrt waren, weil sie von den Schattenflügeln entdeckt und getötet worden waren, hatten die Dickhäute sich die Dienste von Sehern erkauft, um mit ihrer Hilfe zu erfahren, ob die Schattenflügel ihre Wacht endlich aufgegeben hatten.
Die Hoffnung war vergeblich, denn sie lauerten immer noch vor dem Tor. Allerdings warteten sie nicht mehr nur passiv. Sie hatten Krieger-Eier ausgebrütet, deren einzige Aufgabe es war, in der Welt der Menschen nach den Mitgliedern des Dickhaut-Clans zu suchen und sie zu vernichten – und in dem Zug die Schlüssel an sich zu bringen. Aus dem Grund hatte Simons Vater vor Jahrhunderten zu einer List gegriffen. Er hatte den Clan nicht nur zu ewiger Wanderschaft gezwungen und ihnen nicht erlaubt, länger als höchstens einen Mondzyklus an einem Ort zu bleiben. Er hatte sich auch von einem Zauberer so viele Duplikate der Schlüssel anfertigen lassen, wie der Clan Mitglieder besaß und jedem befohlen, eins dieser Schlüsselbunde ständig bei sich zu tragen. Niemand außer dem Clanführer und dem Träger wusste, welches Schlüsselbund das echte war.
Deshalb befahl Simon dem Clan jetzt die Flucht. In einem oft geübten Manöver stoben seine Leute nach allen Seiten in der Luft auseinander. Auch Simon und Gordon.
»Verschwinde, Junge! Bring dich in Sicherheit!«
Gordon gehorchte widerstrebend. Simon stieß den Schrei aus, an dem jeder ihn als den Clanführer erkannte. Wie er erwartet hatte, genügte das, um den größten Teil der Verfolger auf sich zu lenken, gingen sie doch davon aus, dass selbstverständlich der Clanführer die echten Schlüssel trug. Simon wandte sich zur Flucht. Die Shadowwings folgten ihm.
Nur Sekunden später tobte ein heftiger Kampf am Nachthimmel von Philly. Simons Clan versuchte natürlich alles, um ihn vor den Angriffen der Feinde zu schützen. Aber es waren zu viele. Da es nur noch wenige Höhlen in der Welt gab, deren Bedingungen für die Lagerung und Reifung von Gargoyle-Eiern geeignet waren, die dreißig Jahre dauerte, und die Shadowwings die Stronghides in der Vergangenheit schon erheblich dezimiert hatten, waren Simons Leute ihnen zahlenmäßig unterlegen. Doch er hatte gerade im Hinblick auf dieses Manko eindeutige Anweisungen gegeben.
Die Frauen, die fünf stärksten Männer und alle Junggargoyles wie Gordon hatten zu fliehen und für den Fortbestand des Clans zu sorgen. Der Rest deckte unter Simons Führung ihren Rückzug und lieferte den Feinden einen Kampf, den sie so schnell nicht vergessen würden.
Während die Auserwählten – unter ihnen der Gargoyle, der die echten Schlüssel trug – sich in Sicherheit zu bringen versuchten, lenkten die anderen den Kampf vom Stadtgebiet weg über den nahen Delaware River. Zwar wurde auch der nachts von Schiffen befahren, aber wenn über seinem Wasser Gargoyles abstürzten, war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf einem Boot in der Lage war, in der Dunkelheit zu identifizieren, was da vom Himmel gefallen war, verschwindend gering. Außerdem war das hier Amerika. Da glaubte man eher an UFOs als an Gargoyles.
Und in den nächsten Minuten würden viele sterben, Stronghides wie Shadowwings. Simon wurde, wie er es erwartet hatte, von mehreren Gargoyles angegriffen. Und wie sie es erwarteten, verteidigte er die Schlüssel an seinem Gürtel mehr als sein Leben, was sie darin bestärkte, dass er die echten trug. Er hatte keine Chance. Zwei packten ihn an den Armen, zwei weitere seine Flügel und brachen sie ihm, während ein anderer nach den Schlüsseln griff. Simon brüllte vor Schmerz und trat mit den Beinen nach ihm. Zwar gelang es ihm, dem Gegner mit seinen scharfen Klauen Brust und Bauch aufzureißen, dass seine Eingeweide herausquollen und er schreiend in den Fluss stürzte; aber ein anderer nahm seinen Platz ein, packte Simon von hinten und entriss ihm die Schlüssel mit einem triumphierenden Gebrüll.
Die Shadowwings ließen ihn fallen. Seine mehrfach gebrochenen Flügel trugen ihn nicht mehr. Er stürzte wie ein Stein in den Fluss – direkt vor den stählernen Bug eines Frachtschiffes, das seinen Körper zermalmte. Den Rest zerfetzte die Schiffsschraube.

Gordon befand sich in einer Situation – vielmehr Position, die er nicht wollte und nie gewollt hatte. Zumindest nicht schon jetzt, da er noch nicht einmal erwachsen war. Nicht nach menschlichen Standards und erst recht nicht nach gargoylischen. Allerdings war er nicht mehr jung genug, um diese Bürde noch nicht tragen zu müssen. Deshalb war er unversehens der Anführer des kümmerlichen Häufchens geworden, das sich von seinem Clan um ihn versammelt hatte.
Sein Vater hatte Vorkehrungen getroffen für einen Fall wie diesen. Um im Fall eines Angriffs möglichst vielen das Überleben zu ermöglichen, hatte er ein Refugium gefunden, in dem sie sich versammelten, nachdem die von ihm dazu Bestimmten jeder für sich in eine andere Richtung geflohen waren. Die Taktik, sich zunächst zu verstreuen, bis die Verfolger abgehängt waren, ehe die Überlebenden sich am vereinbarten Treffpunkt sammelten, war die einzige Möglichkeit, wenigstens einen Teil des Clans zu retten. Das Refugium, das Simon Stronghide für diesen Zweck ausgekundschaftet hatte, war das Lagerhaus eines Bildhauers in Wilmington, der lebensgroße mystische Figuren schuf, unter anderem auch Gargoyles. Oder was er dafür hielt.
Da er das Lagerhaus nur selten aufsuchte, war der Rest des Clans hier zumindest für einen Tag sicher. In der kommenden Nacht würden sie weiterziehen und ihre Spuren für die Shadowwings verwischen. Der Sonnenaufgang war nur noch eine Stunde entfernt. Und Gordon musste entscheiden, was zu tun war. Er blickte seine Leute an und stellte fest, dass aller Augen auf ihn gerichtet waren. Selbst für die Ältesten unter ihnen war er trotz seiner Jugend und entsprechenden Unerfahrenheit der Clanführer. Denn Simon Stronghide war ebenso tot wie seine Gefährtin Cora, Gordons Mutter. Und seine Schwester Jenna hatten die Shadowwings als Erste erwischt, wie Moon, Simons und jetzt Gordons Stellvertreter, ihm gemeldet hatte.
»Wir ... wir bleiben den Tag über hier«, brachte er schließlich heraus. Idiotische Bemerkung, da das selbstverständlich war. Aber es klang wenigstens nach einer bewussten Entscheidung. »Doch zunächst wird mir jeder von euch berichten, wen ihr habt fallen sehen. Einzeln und in der Abgeschiedenheit von vier Flügeln. Und derjenige oder diejenige unter euch, der die echten Schlüssel hütet, wird mir das offenbaren. Als ... als Clan ... Clanoberhaupt muss ich das wissen.«
Er konnte nur mit Mühe verhindern, dass ihm die Tränen kamen. Er wollte kein Oberhaupt sein. Er wollte seine Eltern und Jenna zurück. Mit schleppenden Schritten ging er in eine Ecke, hockte sich dort hin und empfing der Reihe nach seine Leute. Moon kam als Erster. Er und Gordon hüllten einander mit ihren Flügeln ein. Dadurch wurde alles, was sie ohnehin nur flüsternd besprachen, so gedämpft, dass die anderen es nicht hören konnten, die sich ohnehin so weit wie möglich von ihnen entfernt aufhielten.
»Sag mir, dass du die Schlüssel hast, Moon. Du hast sie doch?«
Moon schüttelte den Kopf. »Und nein, ich weiß nicht, wem Simon sie anvertraut hat. Ich kann nur raten. Da er ein kluger Anführer war, wird er dafür jemanden gewählt haben, den nicht einmal wir als Hüter des Schatzes vermuten würden.«
Da gab es nur einen im Clan: Jinx. Er zog das Pech geradezu an, hatte aber aus dieser Not seine persönliche Tugend gemacht und spielte den Clown. Dass ausgerechnet er Hekates Schlüssel hüten könnte, erschien Gordon grotesk. Und gefährlich. In jedem Fall war es so oder so eine Katastrophe, denn Jinx war bis jetzt nicht zu ihnen gestoßen. Gordon hoffte inständig, dass Moon sich irrte und einer der Anwesenden der Hüter war.
»Du musst eine Entscheidung treffen, Clanführer, wohin wir uns wenden sollen.«
Gordon hatte keine Ahnung. »Wenn tatsächlich Jinx die Schlüssel hat – hatte, dann müssen wir ihn oder seine Leiche finden. Und wenn er sie nicht mehr hat ...« Ein entsetzlicher Gedanke. »Dann müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, damit die Shadowwings nicht das Tor zum Reich der Toten öffnen.«
Moon knurrte und schüttelte den Kopf. »Dazu haben wir keine Chance. Die Shadowwings sind uns jetzt nach all den Verlusten zahlenmäßig weit überlegen. Sie hätten uns alle in Minuten vernichtet.«
»Das stimmt. Allein hätten wir tatsächlich keine Chance gegen sie.«
»Und falls die Shadowwings die Schlüssel bereits haben, bleibt uns auch keine Zeit, einen anderen Clan zu suchen und zu überreden, an unserer Seite zu kämpfen. Mal abgesehen davon, dass wir dem das Geheimnis offenbaren müssten. Und es gibt keine Garantie dafür, dass dieser Clan oder zumindest einige seiner Mitglieder sich nicht auf die Seite der Shadowwings schlägt.«
»Ich dachte auch nicht an einen anderen Clan.«
Moon sah ihn fragend an, aber Gordon hatte nicht vor, ihm den Plan, der gerade in ihm reifte, jetzt schon preiszugeben.
»Schick mir den Nächsten.«
Die Unterredungen mit den übrigen Clanmitgliedern dauerten nicht lange. Am Ende stand bedauerlicherweise fest, dass keiner von ihnen die echten Schlüssel besaß. Jedoch hatte auch keiner Jinx fallen gesehen. Da nicht sicher war, dass wirklich er sie getragen hatte, mussten sie alle Toten suchen und hoffen, dass die Shadowwings die eine Leiche übersehen hatten, wofür die Chancen denkbar schlecht standen. Hatte es überhaupt Sinn, damit Zeit zu vergeuden?
Gordon wusste nicht mehr weiter. Zum Glück musste er eine Entscheidung nicht sofort treffen. Die Sonne ging auf, und die sich dadurch ändernde metaphysische Beschaffenheit der Atmosphäre, die auch in geschlossene Räume drang, verwandelte die Gargoyles zu Stein und verschaffte ihm einen ganzen Frühlingstag Zeit zum Nachdenken über seine nächsten Schritte.

Die Sonne ging unter und tauchte den Yosemite Nationalpark in feuriges Licht. Nyros begleitete das Schauspiel auf seiner Panflöte und genoss die Atmosphäre des Frühlingsabends, bis ein lautes Knattern am Himmel ihn unwillig die Stirn runzeln ließ. Fluchtartig zog er sich in seine Höhle zurück. Hier war er sicher. Seit seine Freundin Tai’Samala ihm diese Höhle vor vielen Jahren eingerichtet hatte, gab es keinen sichereren Ort für ihn. Sie hatte sie nicht nur magisch in ein Schlaraffenland verwandelt, dass ein laut ausgesprochener Wunsch genügte, um ihn nicht nur mit jeder Form von Nahrung und allem anderen zu versorgen, was er brauchte – Bücher inbegriffen –, sie hatte sie auch mit einem Schutzschild versehen, der sie für menschliche Augen unsichtbar machte. Auch für die Wärmebildkameras in den Hubschraubern der Park Ranger.
Irgendetwas musste irgendwo bei den Menschen passiert sein, denn normalerweise flogen die Hubschrauber der Park Ranger nur zu bestimmten Zeiten über den Park, um den Tierbestand zu zählen. Heute jedoch flogen sie schon zum fünften Mal über dieses Gebiet. Ein drohender Waldbrand konnte nicht der Grund sein, denn es lag nicht jener besondere, für die Sinne eines Satyrs spürbare Hauch in der Luft, der ihm die Waldbrandgefahr ankündigte, lange bevor irgendwo ein Feuer ausbrach. Es musste etwas anderes sein, das die Ranger suchten. Vielleicht ein entflohener menschlicher Verbrecher, der in den Park geflüchtet war. Egal. Es ging ihn nichts an.
Erst als der Hubschrauber so weit weg war, dass er ihn nicht mehr hören konnte, setzte er sich wieder vor seine Höhle. Er konzentrierte sich auf das, was er von den Tieren in der Umgebung spürte. Sie waren unruhig. Kein Wunder. Aber sie würden sich schon wieder beruhigen.
Nyros zuckte zusammen, als er das Flattern großer Flügel hörte. Gleich darauf verdunkelte die Silhouette eines Gargoyles den fast vollen Mond. Nyros zog sich schleunigst hinter den magischen Schutz seiner Höhle zurück. Zwar war die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es sich um jemanden vom Dickhaut-Clan handelte, weil sie als einzige Gargoyles wussten, wo sich Nyros’ Höhle befand; aber natürlich bestand immer die Gefahr, dass deren Gegenspieler, die Schattenflügel, das irgendwie herausgefunden hatten.
Wieder knatterte ein Hubschrauber heran. Sekunden später traf der grelle Strahl eines Suchscheinwerfers den Gargoyle. Geblendet verlor er für einen Moment die Orientierung, geriet ins Taumeln und stürzte in die Tiefe. Er fing sich noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass er auf den Boden prallte und sich etliche Knochen brach. Stattdessen landete er halbwegs manierlich und blickte sich gehetzt um. Der suchende Lichtfinger glitt über den Boden und erhellte die Umgebung gut genug, dass Nyros den Gargoyle erkannte.
»Jinx!«
Der Gargoyle folgte seiner Stimme und sprang darauf zu, als der Scheinwerferstrahl ihn traf. Verdammt! Das konnte gefährlich werden. Nyros hoffte, dass die Besatzung des Hubschraubers nicht gesehen hatte, dass Jinx scheinbar ins Nichts verschwunden war.
»Nyros! Den Göttern sei Dank, dass ich dich gefunden habe.«
Der Gargoyle sackte zusammen und war offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Nyros half ihm, sich auf sein aus duftenden, mit Heu gepolsterten Wacholderzweigen und mit einer Felldecke überzogenes Lager zu setzen, ehe er ihm eine Schale mit Wasser reichte. Jinx blutete aus mehreren Wunden, schien aber nicht ernsthaft verletzt zu sein.
»Was ist passiert, Jinx?«
Der Gargoyle trank die Schale in einem Zug aus und noch eine zweite, ehe er in der Lage war zu antworten. »Die Shadowwings. Sie haben uns erwischt und fast den ganzen Clan getötet. Simon und Cora sind tot. Und ich kann Gordon und die anderen nicht mehr finden.«
»Langsam, Junge. Berichte der Reihe nach.« Jinx zählte zwar schon über dreihundert Jahre, aber verglichen mit Nyros war er immer noch ein Kind.
Jinx berichtete ihm, was vorgefallen war. Schließlich blickte er Nyros sehr ernst an und wisperte: »Ich trage die Schlüssel.« Etwas lauter ergänzte er: »Während Gordon und die anderen, die für den Fortbestand des Clans sorgen müssen, sich in Sicherheit gebracht haben – hoffentlich – wurde ich immer noch von den Shadowwings verfolgt. Ich hatte gehofft, sie abschütteln zu können. Und das ist mir auch gelungen. Aber ich kam zu spät zum vereinbarten Treffpunkt. Die anderen waren schon weg. Wahrscheinlich glauben sie, dass ich ebenfalls tot bin. Schließlich lautete Simons ausdrückliche Anweisung für so einen Fall, dass jeder, der es nicht zum Treffpunkt schafft, zurückgelassen werden und sich allein durchschlagen muss, falls er noch lebt.«
Jinx hielt ihm die leere Wasserschale hin, und Nyros füllte sie noch einmal. Der Gargoyle leerte sie wieder in einem Zug.
»Ich habe versucht, die Spur des Clans zu finden. Aber ich wurde von Shadowwings entdeckt. Sie jagen mich immer noch und haben mich schon wieder zu Beginn der Nacht aufgespürt.« Er deutete auf seine Verletzungen, die sich schon wieder zu schließen begannen. Eindringlich blickte er Nyros an. »Ich fürchte, ich kann den Schatz nicht länger zuverlässig schützen. Ich bin müde. Meine Kräfte reichen nicht mehr sehr lange. Außerdem haben die Menschen mich gestern Nacht entdeckt und suchen nach mir. Ich muss schnellstens fort, damit ich dich nicht auch noch in Gefahr bringe. Aber«, seine Stimme wurde mutlos, »ich weiß nicht mehr, wohin ich mich noch wenden könnte. Deshalb kam ich zu dir in der Hoffnung, dass du einen Ort kennst, an dem ich wenigstens lange genug sicher bin, um meine Kraft zurückzugewinnen. Ein Ort, an dem vor allem der Schatz sicher ist.«
In dem Blick, mit dem er Nyros ansah, lag in diesem Moment ein grenzenloses Vertrauen. Der Satyr dachte eine Weile nach. Schließlich nickte er.
»Cleveland. Dort wohnt Sam Tyler, ein Sukkubus. Ihre magische Macht ist sehr groß. Und ich weiß, dass kein Wesen mit bösen Absichten in ihr Haus eindringen kann. Auch nicht die Shadowwings. Aber es ist ein weiter Weg. Zweitausend Meilen.« Und Nyros hatte keine Möglichkeit, Sam anzurufen, da sie die »Schlaraffenland-Magie« auf seinen eigenen Wunsch hin nur für Nahrung und Lesefutter konzipiert hatte, nicht für technisches Zeug wie Fernseher oder Handy, wofür der Satyr nicht die geringste Verwendung hatte.
»Das schaffe ich schon. Weil ich es muss. Wenn ich mich anstrenge, kann ich fünfhundert Meilen in einer Nacht schaffen.«
»Vor allem musst du dich anstrengen, dass du den Shadowwings nicht wieder unter die Augen kommst oder den Menschen, die nach dir suchen. Aber erst mal musst du was essen und zu Kräften kommen. – Nüsse, viel gebratenes Fleisch, Speck, Honigbrot.«
Augenblicklich erschien das Gewünschte auf Nyros’ Tisch. Jinx machte sich hungrig darüber her und vertilgte wahrhaft riesige Portionen, während der Satyr am Eingang der Höhle wachte und mit den Tieren kommunizierte, um zu erfahren, ob sich unbekannte riesige Nachträuber – Gargoyles – in der Nähe aufhielten oder Menschen.
»Die Luft ist zumindest im Moment rein«, teilte er Jinx mit, nachdem der eine gute Stunde später seine Mahlzeit beendet hatte. »Du solltest aber so weit wie möglich im Schutz der Bäume bleiben, auch wenn du dadurch langsamer fliegen musst. Sie dürfen dich nicht noch einmal entdecken. Weder die Shadowwings noch die Menschen.«
»Danke, alter Freund. Mögen die Götter jetzt nur ein einziges Mal mit mir sein und mich vor dem Pech bewahren, das ich anzuziehen scheine.«
»Vielleicht kann ich da ein bisschen nachhelfen.«
Nyros stieß einige langgezogene Laute aus, von denen etliche in einem Frequenzbereich lagen, dass die Ohren der meisten Tiere sie nicht hören konnten. Sekunden später begann die nächtliche Luft zu wimmeln von Fledermäusen, Eulen und Uhus, die über Nyros’ Höhle kreisten. Und es kamen immer mehr.
»Sie werden dich schützen. In ihrer Mitte wirst du unbehelligt fliegen können. Sollten die Shadowwings kommen, werden sie dich mit ihrem Leben verteidigen. Und glaub mir, meine geflügelten Freunde sind so zahlreich und wehrhaft, dass sie selbst den stärksten Gargoyle zu Boden zwingen. Flieg zunächst nach Norden, ehe du nach Ost-Nord-Ost abdrehst, um die Feinde auf eine falsche Fährte zu locken. Sag Sam, dass ich dich schicke. Dann wird sie dich mit ihrem Leben schützen. Du kannst ihr vollkommen vertrauen. Viel Glück, mein Freund. Mögen alle Götter mit dir sein.«
»Danke.« Jinx drückte Nyros’ Arm und erhob sich in die Luft. Die Fledermäuse und Eulen hüllten ihn in einem dichten Pulk ein.
Nyros sah ihnen nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren und auch der Klang ihrer Flügelschläge in der Ferne verklungen war. Er und Cheiron hatten schon damals gewusst, dass es eines Tages so kommen würde. So kommen musste. Cheirons erster Versuch einer Intervention bei seinem Halbbruder Zeus, die Gargoyles wieder ins Reich der Götter zu lassen, war gescheitert, denn der mächtige Gott hatte ihn in seinem immer noch schwelenden Zorn darüber, dass die Gargoyles ihn in seiner Ruhe gestört hatten, gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Und bevor der Zentaur einen zweiten Versuch hatte unternehmen können, war er durch einen giftigen Pfeil umgekommen.
So hatte Hekate niemals erfahren, dass ihre drei Schlüssel in der Welt der Menschen vom Dickhaut-Clan der Gargoyles gehütet wurden und die Schattenflügel nichts unversucht ließen, sie an sich zu bringen, um die Toten in die Welt der Lebenden einzulassen. Falls sie aus ihrer Ruhephase inzwischen erwacht war und die Schlüssel vermisste, wusste sie es wahrscheinlich. In dem Fall hatte sie wohl ihre Gründe, sich nicht darum zu kümmern. Oder sie ruhte immer noch. So oder so, die Dickhäute hatten immer noch die undankbare und für sie lebensgefährliche Aufgabe zu verhindern, dass die Schattenflügel oder irgendjemand anderes die Schlüssel in die Hände bekam.
Nyros betete inbrünstig zu den Göttern, dass Jinx es nach Cleveland zu Sam schaffte. Wenn nicht ...

Gary Hancock blieb stehen und blickte sich um. »Also wirklich, Coleman, ich bekomme langsam das Gefühl, dass Sie uns an der Nase herumführen wollen.«
»Bestimmt nicht, Doktor. Mein Wort darauf.« Ranger Adam Coleman sprach leise. »Es ist hier irgendwo gelandet.«
Sie befanden sich in einer abgelegenen Gegend des Yosemite Parks. Coleman hatte vor zwei Tagen zusammen mit seinen Kollegen bei einem nächtlichen Routineflug etwas gesehen, das sie für einen riesigen Adler gehalten hatten. Nur dass Adler erstens nicht nachts herumflogen und zweitens nicht derart riesig wurden. Natürlich hatten sie versucht es zu finden und es auch aufgespürt und verfolgt. Aber der einzige flüchtige Blick, den sie im Licht ihres Scheinwerfers darauf hatten werfen können, offenbarte etwas, das wie eine Mischung zwischen Mensch und Drache aussah, aber so schnell am Boden verschwunden war, dass eine eindeutige Identifizierung nicht möglich war. Da es ein solches Wesen natürlich nicht geben konnte, waren alle davon überzeugt, dass die Messinstrumente eine Fehlfunktion gehabt hätten und das, was sie mit ihren Augen gesehen zu haben glaubten, eine schattenhafte Verzerrung durch die Bäume gewesen war.
Coleman wusste es besser. Er hatte schon mal einen leibhaftigen Bigfoot gesehen und, weil ihm niemand glauben wollte, eine Gastvorlesung über Kryptozoologie von Dr. Hancock an der Universität Fresno besucht. Danach hatte er ihm unter vier Augen von seiner Entdeckung berichtet. Hancock hatte ihm geglaubt und sogar mit ihm den Bigfoot zu finden versucht. Leider hatten sie nur seine Spuren entdeckt. Doch seitdem hielt Coleman seine Augen besonders weit offen für ungewöhnliche Dinge.
Wie das Ding, das sich irgendwo hier im Park herumtrieb. Er hatte sofort Dr. Hancock benachrichtigt, der mit seinem Assistenten Lee Smith und seiner Assistentin Amy Stratton gekommen war, um nach dem Wesen zu suchen. Bis jetzt ohne Erfolg.
»Doktor! Sehen Sie sich das mal an.« Amy Strattons Stimme klang aufgeregt. Sie stand vor einer steil aufragenden Felswand und deutete auf den Boden.
Die Männer gingen zu ihr. Auf dem Boden waren deutliche Spuren in den weichen Waldboden eingegraben. Ein Teil davon waren die Spuren von Ziegenhufen, die aber einer ziemlich großen Ziege gehören mussten. Andere Spuren waren eindeutig die von großen Klauenfüßen, die definitiv zu keinem bekannten Tier gehörten. Das Außergewöhnlichste war jedoch die Tatsache, dass die Spuren ungefähr fünf Meter vor der Felswand wie mit einem Lineal abgeschnitten abbrachen. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst.
»Ich habe doch gesagt, dass sich hier ein unbekanntes Tier aufhält«, triumphierte Coleman.
»Aber wohin ist es verschwunden?«, rätselte Amy Stratton. »Es kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.«
Sie ging neben den Spuren her bis zu dem Punkt, an dem sie endeten. Als sie den abrupten Endpunkt erreicht hatte und sich zur Seite wandte, wurde ihr Arm schlagartig unsichtbar. Sie stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang zurück.
Coleman brachte sein Gewehr in Anschlag. Doch Hancock, ganz Wissenschaftler, verschwendete keinen Gedanken an irgendeine Gefahr. Er ging mit vorgestreckter Hand auf den Punkt zu, wo Amys Arm unsichtbar geworden war. Mit demselben Ergebnis. Nur im Gegensatz zu ihr sprang er nicht erschrocken zurück, sondern ging noch einen Schritt vorwärts.
»Oh mein Gott!«
Der Ausruf veranlasste seine Begleiter, zu ihm aufzuschließen und ebenfalls die unsichtbare Barriere zu durchschreiten. Dahinter verbarg sich eine Höhle, die zwar teilweise primitiv, aber doch gemütlich eingerichtet war. Wenn man auf Rustikales stand. Ein mit einer aus Fellen zusammengenähten Decke überdecktes Lager, eine kaminartige Feuerstelle im Hintergrund der Höhle, in der ein duftendes Feuer knisternd brannte, ein Regal mit ein wenig Geschirr und ein großes Regal mit Büchern, von denen einige ziemlich alt waren, ein Tisch und ein gepolsterter Hocker bildeten die Einrichtung. Und neben dem Tisch, auf dem eine Panflöte lag, standen mehrere Kisten mit vollen Weinflaschen.
Nur eins gab es hier nicht: einen Generator oder anderes technisches Gerät, das den Tarnschirm erklärte, hinter dem diese Behausung verborgen war.
»Was ist das hier?« Amy Stratton flüsterte unwillkürlich.
Nahender Hufschlag enthob Hancock einer Antwort. Coleman brachte das Gewehr in Anschlag.
»Nicht schießen«, flüsterte Hancock eindringlich. »Wir wollen es lebend.«
Er gab Smith ein Zeichen, der eine Pistole aus dem Halfter zog, die mit Betäubungspfeilen geladen war. Hancock selbst zog einen Taser und verschanzte sich in einer Nische neben dem Regal. Coleman ging hinter einem Felsvorsprung in Deckung, Smith stellte sich neben den Höhleneingang, und Amy Stratton quetschte sich zwischen den einzigen Schrank und die Felswand.
Keinen Moment zu früh, denn der Besitzer der Höhle tauchte in dessen Eingang auf: ein Wesen mit dem Körper eines Mannes, dem Unterleib einer Ziege und zwei schwarzen Ziegenhörnern, die ihm auf der Stirn wuchsen. Auf seinen Armen hielt er ein Rehkitz, das offensichtlich verletzt war. Er blieb abrupt stehen, als er merkte, dass er nicht allein war. Einen Moment stand er wie erstarrt. Dann setzte er das Kitz vorsichtig auf den Boden. Im nächsten Moment fuhr er herum und sprang auf den Ausgang zu.
Er kam nicht weit. Hancocks Tasergeschosse trafen ihn gleichzeitig mit zwei von Smiths Betäubungspfeilen. Zuckend taumelte der Ziegenmann zur Seite und fiel auf die Kisten mit den Weinflaschen, die klirrend zerbrachen. Einige Splitter bohrten sich in seine Haut und rissen tiefe Wunden hinein. Er stieß ein tiefes Brüllen voller Schmerz aus, ehe das Betäubungsmittel seine Wirkung tat und er das Bewusstsein verlor.
Vorsichtig näherten sich die Menschen mit schussbereiten Waffen.
»Was ist das?«, flüsterte Amy Stratton. »Ein Mensch?«
Smith schüttelte den Kopf. »Mann, muss ein ganz schöner Freak sein, wenn er sich in so ein Kostüm zwängt und hier in der Wildnis in einer Höhle haust.«
Hancock hatte sich über den Bewusstlosen gebeugt und untersuchte ihn, besonders die Stellen, an denen das Fell und die Hörner in Haut übergingen. »Das ist kein Freak in einem Kostüm«, stellte er mit einem beinahe ehrfürchtigen Ton fest. »Das ist ein leibhaftiger, waschechter Satyr.« Er blickte Coleman an. »Wir müssen ihn zum Wagen schaffen und wegbringen, ohne dass jemand etwas davon bemerkt. Schließlich wollen wir nicht, dass die Öffentlichkeit auf diese Sensation aufmerksam wird, bevor wir ihn gründlich untersucht und studiert haben. Nicht wahr?«
»Kein Problem, Doktor. Und wenn Sie mir den versprochenen Finderlohn zahlen, werde ich schweigen wie ein Grab.«

Gordon hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so verzweifelt oder so überfordert gefühlt. Seit mehreren Nächten hatten er und die Seinen äußerst vorsichtig versucht, die Leichen ihrer Angehörigen zu finden. Vergeblich. Was immer von ihnen übrig geblieben war, hatten die Shadowwings restlos vernichtet oder war anderweitig zerstört worden. Leider gab es deshalb auch keine Möglichkeit herauszufinden, ob einer der Toten die echten Schlüssel gehabt hatte.
Da die Shadowwings immer noch in Philly patrouillierten und Stronghides jagten, bedeutete das wohl, dass sie die Schlüssel nicht gefunden hatten. Andernfalls hätten sie die längst benutzt und würden keine Zeit mehr damit vergeuden, Gordons Clan zu verfolgen. Leider hatte deren Jagd in der vergangenen Nacht wieder zwei Clanmitglieder das Leben gekostet und waren die Stronghides auf nur noch elf Gargoyles geschrumpft.
Die Sicherheit des Clans hatte jetzt oberste Priorität. Wobei sich die Frage stellte, wo sie in Sicherheit sein konnten. Die Sonne war vor wenigen Minuten untergegangen, und sein Clan stand um ihn herum, sah ihn gespannt an und erwartete eine Entscheidung von ihm. Gordon straffte sich.
»Wir verlassen Philly und fliegen nach Denver.«
»Ohne Gewissheit über den Verbleib des Schatzes zu haben?« In Pietros Stimme lag ein deutlicher Vorwurf, der Gordon erneut verunsicherte.
Er warf einen Blick zu Moon. Doch sein Stellvertreter sah ihn nur ausdruckslos an und zeigte nicht, was er dachte. Gordon reckte das Kinn vor. Er war der Clanführer, und seine Entscheidungen waren Gesetz. Nicht nur in diesem Punkt musste er in seines Vaters ihm viel zu große Klauenstapfen treten.
»Ja«, bekräftigte er und machte eine sie alle umfassende Handbewegung. »Wir sind zu Wenige, um gegen die Shadowwings zu bestehen. Offenbar hat keiner von uns den Schatz. Sie haben ihn aber auch nicht. Demnach ist er wohl verloren. Wenn wir bleiben und nach ihm suchen, ist die Gefahr, dass die Shadowwings noch mehr von uns töten, viel zu groß. Unsere ... meine Verantwortung liegt im Schutz des Clans. Welchen Sinn hätte es, wenn der Rest von uns auch noch bei der Suche nach dem Schatz umkommt, der vielleicht an einem Ort ist, wo er nicht mehr gefunden werden kann?«
»Unser Clan hat diese Aufgabe seit zweitausend Jahren erfüllt«, erinnerte ihn Pietro. »Dein Vater wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie einfach aufzugeben.«
Gordon schluckte unsicher. Doch dann trat er dicht vor Pietro hin, der ihn um eine gute Haupteslänge überragte, und starrte ihm herausfordernd in die Augen. »Und die letzte Anweisung meines Vaters als Clanführer lautete, dass wir uns in Sicherheit bringen sollen. Außerdem gebe ich unsere Aufgabe nicht einfach auf. Ich werde uns Hilfe besorgen. Die einzige Hilfe, die es noch gibt.« Zumindest hoffte er, dass sie ihm gewährt wurde. »Und deshalb fliegen wir nach Denver. Sofort. Und, Pietro, wage es nicht noch einmal, meine Entscheidung infrage zu stellen. Und erst recht nicht, mich mit meinem Vater zu vergleichen. Simon Stronghide ist tot. Ich führe euch jetzt an. Wem das nicht gefällt, der kann verschwinden und zusehen, ob er ohne den Schutz des Clans allein zurechtkommt. Alle anderen folgen mir.«
Gordon ließ ihnen keine Zeit zu antworten. Er vergewisserte sich, dass die Luft rein war, ehe er das Versteck verließ und nach Westen flog. Die anderen folgten ihm ohne Ausnahme. Das bedeutete, dass sie alle ihn als ihr Oberhaupt anerkannten. Gut.
Doch die Ungewissheit, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, ließ ihn nicht los.


Jinx faltete die Flügel zusammen und ließ sich in die Tiefe fallen. Die Krallen des Schattenflügels hinter ihm fuhren ins Leere. Für einen Moment, denn sein Gegner machte dasselbe Manöver und hatte ihn schnell eingeholt. Jinx spürte, wie dessen Klauen sich in das Fleisch seines Rückens bohrten und durch die Muskeln und Sehnen fetzten. Er brüllte vor Schmerz. Dass seine Schreie von den Menschen gehört werden konnten, die sich auf den nächtlichen Straßen von Cleveland noch aufhielten, ließ sich nicht verhindern.
Jinx war am Ende. Nicht nur mit seinen Kräften. Die Schattenflügel hatten ihn aufgespürt, kaum dass er in der Nacht, nachdem er Nyros verlassen hatte, aus seiner Starre erwacht war und sich wieder auf den Weg gemacht hatte. Getreu seinem Spitznamen, der ihm fast seit seiner Schlüpfung anhaftete – Jinx, der Unglücksrabe – war er seinen Verfolgern direkt in die Klauen geflogen, als er auf Umwegen versucht hatte, ihnen zu entkommen.
Viermal hatten sie ihn erwischt und ihm tiefe Wunden beigebracht. So tief, dass selbst die Regeneration unter der Steinhaut am Tag sie nicht mehr hatte heilen können. Seine Flügelspitzen waren teilweise gebrochen, und jede ihrer Bewegungen schmerzte wahnsinnig. Seine Brust war aufgerissen, jetzt auch sein Rücken. Das Blut rann aus ihm heraus, und der Verlust schwächte ihn zusätzlich. Er taumelte.
Ein weiterer Schattenflügel prallte gegen ihn, krallte sich in seinen Schultern fest und versuchte, seinen Kopf zu packen, um ihm das Genick zu brechen. Jinx riss den Kopf zur Seite. Der Gegner fetzte ihm ein Ohr und einen großen Teil seines Skalps vom Kopf. Jinx brüllte wieder. Er mobilisierte seinen letzten Kräfte und faltete die Flügel so, dass er in einer Spirale dem Boden entgegen raste. Sein Gegner konnte sich nicht mehr an ihm halten und fiel von ihm ab – nicht ohne ihm die halbe Seite zerfetzt zu haben. Jinx spürte den Schmerz nicht mehr. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Tod nahe war. Doch er durfte nicht sterben. Noch nicht, denn er war so kurz vor dem Ziel.
Das Haus, das er suchte, stand am Ufer des großen Sees, den die Menschen Erie Lake nannten. Er konnte es schon sehen, denn es war das einzige Haus, das von Magie umgeben war. Er musste es erreichen. Koste es, was es wolle. Er durfte nicht versagen.
Oh Hekate, ich flehe dich an! Lass mich nur einmal im Leben, nur ein einziges Mal Glück haben und meine Mission erfüllen. Nur dieses eine Mal, ich bitte dich!
Doch es sah nicht so aus, als würde die Göttin oder irgendeine andere Gottheit ihn erhören. Sie hatten ihn jetzt zu dritt in der Mangel. Zwei brachen seine Flügel, während der dritte versuchte, ihm die Schlüssel vom Gürtel zu reißen. Jinx schlug ihm die Krallen quer durch das Gesicht, krallte seine Klauen in die Augenhöhlen und riss ihm den Schädel entzwei. Ohne Rücksicht auf sich selbst – er war doch schon tot und weigerte sich nur noch, das zu akzeptieren – riss er seinen Körper im Griff der beiden anderen herum. Dadurch wurden seine Flügel zwar noch weiter gebrochen, aber er schaffte es, den einen mit den Fußklauen, den anderen mit den Händen abzuwehren.
Jinx stürzte zu Boden und prallte so hart auf, dass seine Beine brachen. Aber er hatte sein Ziel fast erreicht. Nur noch wenige Meter trennten ihn von dem magischen Schutzschild und der Tür des rettenden Hauses. Er stemmte sich auf den Armen hoch und zog sich nur mit ihnen und mit letzter Willensanstrengung vorwärts. Ehe die Schattenflügel ihn erneut erreicht hatten, durchbrach er den Schild und warf sich gegen die Tür.
Er hatte es geschafft und umarmte erleichtert den Tod.

Sam beobachtete nachdenklich, mit welcher Freude Nick mit den Kindern spielte und sich balgend mit ihnen am Boden wälzte. Offenbar tat das nicht nur ihm gut, denn sie spürte, wie glücklich er war, sondern auch den Mädchen, die zwischendurch immer wieder zaghaft kicherten. Nachdem sie offiziell adoptiert waren und stolz den Namen Tyler trugen, war eine gewisse Anspannung von ihnen abgefallen, da sie unbewusst immer noch befürchtet hatten, dass Sam und Nick es sich anders überlegen könnten und sie doch nicht als Töchter haben wollten.
Sally Warden übernahm die beiden nach dem Ende der Balgerei, um sie fürs Schlafengehen vorzubereiten. Im Gegensatz zu dem, was Sam von anderen Eltern gehört und in Fachbüchern gelesen hatte, machten die Mädchen niemals den Versuch, diesen Zeitpunkt hinauszuzögern. Erstens hatten sie sehr schnell gelernt, dass das zwecklos war, weil weder Nick noch Sam sich davon erweichen ließen. Zweitens zögerte das auch unweigerlich die Geschichte heraus, die einer von ihnen den Kindern am Bett noch erzählte. Und auf diese fantasievollen Geschichten freuten sich beide immer schon den ganzen Tag.
Sam hatte versucht, etwas über Abbys beängstigende Vision herauszufinden und war damit gescheitert. Ungewöhnlich, da sie normalerweise recht schnell die Ursache aufspüren konnte. Doch als stünde noch absolut nicht fest, ob diese Ereignisse eintreten würden, waren die magischen »Fäden« der Vision, die Sam zu verfolgen versuchte, mal stark spürbar und mal völlig verschwunden, als hinge alles noch in der Schwebe. Deshalb konnte sie gegenwärtig nichts weiter tun, als ein Auge auf alles zu haben.
Nick kam zu ihr. Seine Augen leuchteten, als er sich neben sie setzte und die Arme um sie legte. Aufmerksam blickte er sie an. »Warum so traurig, majá krassíwaja, meine Schöne? Was kann ich tun, damit du glücklich bist?«
Nicht nur durch ihr Seelenband spürte er, dass ihre Stimmung gedrückt war. Er war überhaupt ein sehr sensibler Mann. Eine Eigenschaft, die im krassen Gegensatz zu der dunklen Seite stand, die er in sich trug und die sehr dicht unter der Oberfläche lauerte, bereit, beim geringsten Anlass auszubrechen und ihr zerstörerisches Potenzial zu entfalten.
»Das bin ich doch, seit du zurückgekommen bist und noch mehr, seit du dich entschieden hast, bei mir zu bleiben. Aber genau wie du habe ich Erinnerungen, die mich manchmal traurig stimmen. Ich musste gerade an Scott denken. Heute vor zwei Jahren hätten wir geheiratet, wenn er nicht vier Wochen vorher umgekommen wäre.1 Er hatte dieses Haus mit seinen vielen Zimmern gekauft, weil er gehofft hat, dass wir mindestens zwei gemeinsame Kinder bekommen würden. Jetzt sind die Kinder auf andere Weise Realität geworden. Und Abby sieht ihm überraschend ähnlich.«
Nick drückte sie tröstend an sich und streichelte ihren Rücken, obwohl er, wie Sam deutlich spürte, einen Anflug von Eifersucht empfand.
»Wahrscheinlich wären wir aber gar nicht mehr zusammen. Sobald ich dir begegnet war und sich der Seelenbund zwischen uns etabliert hatte, hätte ich für Scott nicht mehr dasselbe empfinden können, glaube ich. So gesehen ist es gut so, dass alles gekommen ist, wie es gekommen ist. Obwohl es manchmal immer noch weh tut.«
Nicks Eifersucht verschwand und machte tief empfundenem Mitgefühl Platz. Durch das Seelenband zwischen ihnen wurde Sam von seiner Liebe überflutet. Das tat unglaublich gut.
Sie merkte auf, als der Schutzschild um das Haus meldete, dass jemand ihn durchschritten hatte. Im nächsten Moment prallte etwas mit großer Wucht gegen die Haustür, die aus den Angeln brach. Nick sprang ebenso wie Sam verteidigungsbereit auf. Ein Wesen mit riesigen Fledermausflügeln, die an mehreren Stellen zerrissen und gebrochen waren, stürzte aus vielen Wunden blutend zu Boden.
Es streckte eine blutige Hand nach Sam aus, in der es drei große Schlüssel hielt. »Nyros ... sie ... nicht ...«
Dann brach es zusammen. Sam kniete neben ihm und ließ ihre Heilmagie in seinen Körper fließen. Doch sie stieß auf keine Resonanz. Es gab nichts mehr, was die Heilkraft noch aufnehmen konnte. Der Gargoyle war tot.
Die magische Energie des Schutzschildes flammte auf, als mehrere Leute versuchten, ihn zu durchbrechen, deren Absichten alles andere als freundlich waren. Der Schild stieß sie ab und schleuderte sie zurück. Sam folgte mit ihren magischen Sinnen den unfreiwilligen Flugbahnen der Angreifer, die mit größter Wahrscheinlichkeit für den Tod des Gargoyles verantwortlich waren und vernichtete sie mit Levinblitzen, die sie zu Asche zerpulverten.
Graham kam mit der Glock im Anschlag aus seinem Appartement gestürmt. Von oben aus dem Badezimmer der Kinder drang Abbys schriller Schrei. Sam sprang durch die Dimensionen an ihre Seite, während Nick und Graham die Treppen hinaufstürmten. Als sie oben ankamen, hatte Sam Abby in die Arme genommen, während Sally Siobhan hielt. Nick nahm sie ihr ab und drückte sie schützend an sich.
»Ist ja gut, meine Kleine«, beruhigte Sam Abby. »Sie sind weg. Du weißt doch, dass nichts Böses in unser Haus kommt.«
»Sie hat einen Gargoyle durch das Fenster gesehen und sich erschreckt«, erklärte Sally.
»S-sind sie w-wirklich weg?«, vergewisserte sich Abby.
»Ja. Und die kommen nicht wieder.«
Abby schmiegte sich an sie. »Dann kommen auch d-die T-toten nicht.«
»Was meinst du?«
Abby drückte sich noch enger an Sam. »Ich weiß nicht. Ist das schlimm, Mommy?«
Sam brachte es fertig, bei der Anrede nicht zusammenzuzucken. Es war das erste Mal, dass eins der Kinder sie »Mommy« nannte. Gerade für Abby war das ein Beweis, dass ihre seelischen Wunden zu heilen begannen und sie anfing, sich bei Sam und Nick emotional sicher zu fühlen.
»Nein, meine Süße. Das ist überhaupt nicht schlimm.«
Sie fragte sich allerdings, was für ein Zusammenhang zwischen dem Angriff der Gargoyles und der Invasion der Toten bestehen sollte, die Abby gesehen hatte. Doch jetzt war nicht die Zeit, das herauszufinden. Sie und Nick brachten die Kinder ins Bett, erzählten ihnen die übliche Gute-Nacht-Geschichte, und Nick sang ihnen sogar ein russisches Schlaflied vor.
Es war das erste Mal, dass Sam ihn singen hörte. Er hatte eine wundervolle Baritonstimme von großer Ausdruckskraft. Offenbar begannen auch seine seelischen Wunden zu heilen, da die Musik, die er vor über zweihundert Jahren aufgegeben hatte, langsam wieder in sein Leben zurückkehrte.
Nachdem Sam die Kinder mit einem Schlafzauber belegt hatte, damit besonders Abby ruhig durchschlafen konnte, kehrten sie ins Wohnzimmer zurück. Graham hockte neben dem toten Gargoyle.
»Die haben den armen Kerl ganz schön zugerichtet. Ich nehme an, sie wollten diese Schlüssel.« Er deutete auf die drei Schlüssel, die der Gargoyle umklammert hielt.
Sie nahm ihm die Schlüssel aus der Hand. Sie wirkten alt und wie für Schlösser zu großen Portalen gemacht. In ihnen wohnte eine große magische Kraft. Zu welchen Türen gehörten sie? Vor allem: Was hatte der Gargoyle ihr sagen wollen? Sie blickte Nick und Graham ratlos an.
»Was, bei Kallas Blut, hat das zu bedeuten?«
»Ich dachte, das könntest du uns sagen. So von einer Höllenbrut zur anderen«, Graham deutete von ihr zum toten Gargoyle und zurück, »solltest du doch zumindest eine Ahnung haben.«
Nick funkelte ihn finster an. Er mochte es nicht, wenn Graham Sam Höllenbrut nannte oder mit ähnlichen Schimpfworten belegte, selbst wenn die als Scherz gemeint waren.
Sam grinste. »Die hätte ich wohl, wenn Gargoyles Höllengeschöpfe wären. Da sie das aber nicht sind …« Sie zuckte mit den Schultern und wurde wieder ernst. »Er hat Nyros erwähnt.« Sie machte eine wischende Handbewegung und der tote Gargoyle verschwand, ebenso die Blut- und Schmutzflecken, die er auf dem Teppich hinterlassen hatte. Ein weiterer Zauber reparierte die Haustür.
»Wer ist Nyros?«
»Ein Satyr, der im Yosemite Nationalpark lebt. Ich frage ihn mal, ob er eine Ahnung hat, was das Ganze soll.«
Sam sprang zu Nyros’ Höhle. Sie war leer. Das war nicht ungewöhnlich, denn der Satyr trieb sich die meiste Zeit des Tages und so manche Nacht irgendwo im Wald herum. Dass sein kostbarer Vorrat an Weinflaschen zerbrochen war, wunderte sie ebenfalls nicht. Nyros pflegte oft verletzte Tiere in seiner Höhle gesund. Obwohl die meisten spürten, dass er ihnen helfen wollte, gab es doch einige, die sich aus Angst gegen seine Bemühungen wehrten. Dabei ging schon mal das eine oder andere zu Bruch.
Sam zauberte ein Handy auf den Tisch und sorgte mit einem weiteren Zauber dafür, dass es Empfang hatte, obwohl der nächste Sendemast dafür viel zu weit entfernt war, und der Akku nicht leer wurde. Dazu legte sie einen Zettel mit der Bitte, Nyros möge sie dringend anrufen, sobald er zurück war. Anschließend kehrte sie nach Hause zurück.
Sie hatte noch ein paar andere Möglichkeiten, um herauszufinden, was es mit den seltsamen Schlüsseln auf sich hatte.

Gary Hancock betrachtete fasziniert seinen Fang, der in einem Käfig in seinem privaten Labor im Keller seines Hauses hockte. In diesem Käfig brachte er normalerweise erheblich kleinere Tiere unter wie Affen oder Hunde, weshalb er für einen ausgewachsenen Satyr ziemlich klein war.
Hancock hatte ihn, als er noch bewusstlos war, von Kopf bis Fuß vermessen, von allen Seiten fotografiert, ihm Blut und Gewebeproben entnommen und untersucht. Es bestand kein Zweifel darüber, dass sie es hier mit einer eigenständigen Spezies zu tun hatten. Das würde eine Riesensensation werden, sobald er den Satyr der Öffentlichkeit präsentierte. Hancock wäre ein gemachter Mann. Doch bevor er diesen Schritt tat, gab es noch den wichtigsten Test. Es musste geklärt werden, über wie viel Intelligenz der Satyr verfügte. Sonst würden Hancock die Menschenrechtsgruppen aufs Dach steigen. Oder andernfalls die Tierschutzorganisationen, wenn er nicht aufpasste.
Doch bis jetzt weigerte sich der Satyr mitzuspielen. Die meiste Zeit hockte er nur teilnahmslos auf dem Stroh, das den Boden seines Käfigs bedeckte. Zwar beobachtete er genau, was Hancock und auch Lee Smith und Amy Stratton taten, aber er reagierte auf keine Ansprache. Selbst Hunde und erst recht Affen konnte man mit bestimmten Dingen – notfalls über Futter – bis zu einem gewissen Grad zur Kooperation bewegen. Nicht diesen Satyr. Er reagierte auf gar nichts.
Das war entweder ein Beweis dafür, dass er strohdumm und nicht intelligenter als ein Insekt war – was Hancock für höchst unwahrscheinlich hielt – oder dass er im Gegenteil über ein vergleichsweise hohes Maß an Intelligenz verfügte und einfach nicht mitmachen wollte. Dafür sprach, dass er lieber hungerte, als sich durch die Aussicht, Nahrung als Belohnung zu bekommen, dazu herabzulassen, irgendetwas zu tun, das Hancock von ihm erwartete.
Aber der Wissenschaftler war noch nicht am Ende mit seiner Weisheit. Er wollte Amy als Lockvogel einsetzen. Der Satyr reagierte auf sie, wie seinesgleichen nach den Legenden auf alles Weibliche reagierte. Kaum sah er sie, bekam er sofort eine Erektion und ließ Amy nicht aus den Augen. Vielleicht gelang es ihr, ihm auch noch andere Reaktionen zu entlocken.
Die Tür wurde geöffnet und Amy kam herein, gefolgt von Lee Smith. Hancock lächelte ihr beruhigend zu.
»Sie wissen Bescheid, Amy. Reden Sie mit ihm, aber gehen Sie nicht so nahe an den Käfig heran, dass er sie packen könnte. Wir lassen Sie mit ihm allein, aber wir sind gleich nebenan. Sie brauchen also keine Angst zu haben.«
»Wenn ich die hätte, wäre ich nicht hier, Doktor. Machen Sie sich keine Sorgen.«
Hancock und Smith verließen den Raum. Sie würden alles über die Überwachungskameras sehen, hören und natürlich aufzeichnen. Amy wartete, bis sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, bevor sie sich dem Satyr zuwandte. Wie immer, wenn er sie sah, ragte sein aufgerichtetes Glied aus dem Fell zwischen seinen Beinen steif hervor. Sie ignorierte es und ging ein paar Schritte näher. Als sie nur noch eine gute Armeslänge von seinem Käfig entfernt war, stand er langsam auf und blickte sie an.
Wenn man nur seinen Oberkörper betrachtete, den Unterleib und die Hörner auf seinem Kopf ignorierte, sah er richtig gut aus. Konnte so eine perfekte männliche Schönheit zu einem Tier gehören?
»Hallo«, sagte sie freundlich. »Kannst du mich verstehen?«
Er ließ mit keiner Regung erkennen, ob das der Fall war.
»Hast du Durst? Hunger?«
Keine Reaktion. Amy nahm einen Apfel aus der Obstschale, die Hancock für den Satyr gut sichtbar auf dem Schreibtisch stehen hatte und hielt ihm den einladend hin. Zwar war sie sich nicht sicher, was sie eigentlich erwartet hatte; dass er die Hand danach ausstreckte oder zu sabbern begann wie der Pawlowsche Hund; aber sie hatte irgendeine Reaktion erwartet. Doch die blieb aus. Sie warf ihm den Apfel zu in Erwartung, dass er ihn reflexartig auffangen würde. Er tat es nicht. Der Apfel prallte gegen seine Brust und fiel zu Boden.
»Hey, hör mal. Wenn du intelligent bist und sprechen kannst, dann hast du Rechte. Dann dürfen die dich hier nicht einsperren.« Sie beugte sich ein Stück weiter vor und wisperte: »Ich kann dir hier raus helfen. Aber du musst mir vertrauen.«
Der Satyr starrte sie nur stumm an. Vielleicht verstand er kein Englisch. Satyrn stammten aus Griechenland. Was die Frage aufwarf, wie er in den Yosemite Park gekommen war. Vielleicht wurde er von irgendeiner Regierungsstelle geschützt. Schließlich musste irgendwer diesen seltsamen Tarnschirm installiert haben. Die Einrichtung der Höhle ließ jedenfalls darauf schließen, dass der Satyr eine gewisse Intelligenz besaß. Es sei denn, in der Höhle wohnte eine Art Betreuer für ihn und er kam nur sporadisch dorthin.
Amy nahm einen weiteren Apfel und wagte es, ihm den dicht genug hinzuhalten, dass er ihn aus ihrer Hand nehmen konnte, wenn er den Arm durch die Gitterstäbe streckte. »Ich weiß, dass du Hunger hast. Hier, nimm. Er schmeckt wirklich gut.«
Er reagierte nicht einmal darauf. Amy seufzte und gab es auf. Sie ließ ihm den Apfel trotzdem vor die Hufe rollen, ehe sie sich abwandte und den Raum verließ.
»Zwecklos, Doktor«, teilte sie Hancock mit. »Aber vielleicht entlocken wir ihm eine Reaktion, wenn er glaubt, dass er nicht beobachtet wird. Ich sollte später noch mal herkommen und so tun, als würde ich mich reinschleichen. Vielleicht fällt er darauf herein.«
»Gute Idee. Lassen wir ihm also genug Zeit, dass er glaubt, dass wir weg sind.«
»Wir sollten aufhören, ihn mit Samthandschuhen anzufassen«, meinte Lee Smith. »Wenn er Angst hat, wird er schon reagieren. Selbst das dümmste Tier reagiert instinktbedingt, wenn es sein Leben in Gefahr glaubt.«
»Wir werden ihn nicht quälen«, widersprach Amy entschieden.
»Wer redet denn hier von quälen. Wir machen ihm nur Angst. Sonst nichts.«
»Warten wir ab, ob Amys Strategie funktioniert«, entschied Hancock. »Danach sehen wir weiter.«

Lee Smith hatte nicht vor, die sanfte Tour mit dem Satyr noch länger mitzumachen. Er wusste, dass seine Methode Erfolg haben würde; Erfolg haben musste. Und wenn er den erst mal erreicht hatte, würde sich niemand mehr darum scheren, wie der erreicht worden war.
Er wartete, bis Hancock und Amy nach oben in die Wohnung des Wissenschaftlers gegangen waren und blieb unter dem Vorwand im Keller zurück, ein bisschen aufzuräumen. Als er sich sicher war, dass er freie Bahn hatte, nahm er den Besen und ging zu dem Satyr – aber nicht, um dessen Käfig zu säubern.
Das Biest hockte wieder teilnahmslos auf dem Stroh am Boden. Smith schlug den Besenstil gegen die Gitterstäbe. Wie erwartet sprang der Satyr auf. Smith grinste zufrieden.
»Na also. Du kannst ja doch vernünftig reagieren. Und jetzt reden wir beiden mal darüber, was du dir eigentlich einbildest, so ungeniert eine Menschenfrau zu begehren, du Tier.«
Er stieß ihm den Besenstil in den Unterleib. Zwar versuchte der Satyr auszuweichen, schaffte es in der Enge des Käfigs aber nicht. Der Stock traf ihn empfindlich im Schritt. Er klappte stöhnend zusammen. Doch Smith war noch nicht fertig mit ihm. Er schlug ihm den Besenstil über den Schädel, auf die Schultern, den Rücken, drosch ihm den gegen die Beine und stieß ihm das Ende mit aller Gewalt in die Magengegend. Der Satyr, der jetzt aus mehreren Wunden blutete, wo die Haut von den Schlägen aufgeplatzt war, brach in die Knie.
»So, du Missgeburt. Du hast jetzt noch eine einzige Chance. Entweder du redest endlich – ich weiß, dass du das kannst – oder ich schlag dich zu Brei.« Er hob erneut den Stock.
Der Satyr starrte ihn an. Smith holte aus. Der Satyr öffnete den Mund. Aber er sprach nicht. Er brüllte. Die Frequenz des Gebrülls ließ buchstäblich die Wände erzittern. Putz begann von der Decke zu rieseln und die Mauer bekam Risse. Smith stolperte zurück.
»Verdammt, halt den Mund!«, schrie er den Satyr an.
Doch der dachte gar nicht daran. Er brüllte weiter. Mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass Hancock und Amy Stratton im Keller erschienen. Hancock erfasste die Situation mit einem Blick.
»Verdammt, Smith, ich hatte Ihnen verboten ...«
Was immer er hatte sagen wollen, blieb ihm im Hals stecken, denn ein Dämon mit rot glühenden Augen stand plötzlich vor ihnen.
Und die Hölle brach los.

Sam fühlte sich so frustriert, dass sie am liebsten irgendwas zerstört hätte, und zwar so nachhaltig, dass selbst sie Mühe gehabt hätte, es hinterher wieder zu rekonstruieren. Die geheimnisvollen Schlüssel weigerten sich standhaft, ihr Geheimnis preiszugeben. Egal welche Magie sie anwandte, die Dinger ließen sich nicht mal von dem stärksten Zauber beeindrucken.
Auch Nyros hatte sich nicht gemeldet. Sam hatte ein paar Mal in seiner Höhle nachgesehen, doch er war noch nicht zurückgekehrt. Zwar war auch das nicht unbedingt ungewöhnlich, da er oft mehrere Tage seiner Höhle fern blieb und sich in anderen Gegenden des Nationalparks aufhielt; aber sie begann doch deswegen unruhig zu werden. Sie würde ihn suchen, sobald sie die unerfreuliche Aufgabe hinter sich gebracht hatte, die auf sie und Nick wartete.
Zumindest ein Teil davon war unerfreulich. Nachdem nun feststand, dass sie und Nick zusammenbleiben würden, war es an der Zeit, ihre Familie von dem dreifachen Zuwachs in Kenntnis zu setzen. Sam wusste genau, wie ihr Vater und ihre Geschwister darauf reagieren würden. Zum Ausgleich dafür hatte sie anschließend die Parkers zum Kaffeetrinken eingeladen. Scotts Eltern, die sie vom ersten Moment an emotional adoptiert hatten und sie als zweite Tochter betrachteten. Sam war sich deshalb sicher, dass sie sich nicht nur freuen würden, dass Sam jetzt Kinder hatte, sondern auch mit Freuden für Abby und Siobhan die Rolle von Großeltern einnehmen würden. Bryce Connlin hatte ihr gesagt, dass es für die gesunde Entwicklung von Kindern wichtig war, auch Großeltern zu haben.
Sam verstaute die Schlüssel in ihrem magischen Arbeitsraum im Keller des Hauses, wo sie absolut sicher waren, und ging nach oben. Einer Eingebung folgend beauftragte sie einen Luftelementar, nach Nyros zu suchen. Sie würde sich besser fühlen, wenn sie wusste, wo er steckte und dass es ihm gutging. Der Luftgeist eilte davon.
Nick saß mit den Kindern im Wohnzimmer und tat, was er neben mit ihnen zu spielen ebenfalls gern machte: Er las ihnen ein Märchen vor. Die Mädchen hörten gebannt zu.
Sam ging zu Grahams Appartement, klopfte an und trat auf seine Aufforderung ein. Er saß in einem Sessel und las in der Bibel, legte sie aber sofort zur Seite und blickte Sam gespannt an.
»Arbeit?«
Es war Sonntag, und die Detektei hatte im Moment ohnehin keine akuten Fälle zu bearbeiten. Für die ständigen Security-Vertragspartner arbeitete eine Horde Dienergeister rund um die Uhr.
Sam schüttelte den Kopf. »Meine Familie tanzt gleich hier an und es wird eine heftige Auseinandersetzung geben. Also ignoriere alles, was du an Gebrüll und Gewalttätigkeit zu hören bekommst. Da besonders mein Vater immer noch nicht gut auf dich zu sprechen ist, empfehle ich dir dringend, dich hier in deinem Appartement unsichtbar zu machen und so zu tun, als wärst du nicht da.«
»Kein Problem.« Graham hatte nicht die Absicht, Sams Vater jemals wieder zu begegnen, wenn er es vermeiden konnte. Der Kerl hatte seine Hände verstümmelt und hätte ihn auf grausame Weise beinahe getötet.2 Davon hatte er immer noch Albträume.
Sie nickte ihm zu, ließ ihn wieder allein und gesellte sich zu ihrer Familie ins Wohnzimmer. Wie die Mädchen hörte auch sie zu, wie Nick vorlas und empfand ein merkwürdiges, ihr unbekanntes Gefühl dabei. Es fühlte sich aber keineswegs schlecht an.
Nick beendete die Geschichte. »Und da ein Drache nicht am Alter sterben kann, lebt er immer noch glücklich irgendwo und singt seine wunderschönen Lieder.« Das Ende war zweifellos eine freie Interpretation des Buchtextes. Er klappte das Buch zu.
»Bitte noch eine Geschichte, Daddy«, bettelte Abby.
Seine Augen strahlten vor Freude über die Anrede. »Später, maí dótschenki, meine Töchterchen. Wir erwarten gleich Besuch und müssen noch den Tisch decken. Es gibt Kuchen.«
»Fein!«, freute sich Siobhan.
Der Kuchen war Abby egal. Kontakt mit fremden Menschen machte ihr nach wie vor Angst. Sie drückte sich an Nick, der sie und auch Siobhan umarmte. Sekunden später erschlafften die Körper der Kinder, als Sam sie mit einem Schlafzauber belegte. Es wäre absolut nicht ratsam, wenn die Mädchen die gleich folgende Auseinandersetzung miterlebten. Wie sie ihre Familie kannte, würde keiner von ihnen sich wegen der anwesenden Kinder mäßigen.
»Na, dann wollen wir mal.« Sie sandte den stummen Ruf aus, der ihren Angehörigen äußerste Dringlichkeit signalisierte und klammerte nur ihre Tochter Danaya davon aus. Sie war sich sicher, dass die erstens längst wusste, dass Sam die Kinder adoptiert hatte; und zweitens war sie auf Danaya nicht gut zu sprechen, die genau genommen die Schuld an Sarah Kerrys Tod trug3 und damit indirekt auch an Ronans.
Wenige Sekunden nach ihrem Ruf tauchte ihr Vater auf, unmittelbar nach ihm ihre Geschwister. Ihre Hände glühten von abfeuerbereiten Levinblitzen, da sie Sam in Gefahr glaubten. Sie ließen sie verlöschen, als sie sahen, dass dem nicht so war.
»Verdammt, Samala, ich hoffe, du hast einen guten Grund, uns hierher zu zitieren«, polterte Benyun los. Er warf Nick einen finsteren Blick zu. »Und wer ist das?«
»Gute Frage«, schlug Conaru in dieselbe Kerbe. »Und was sollen die Würmer da?« Er nickte zur Couch hinüber, auf der Abby und Siobhan schliefen.
Nick fletschte die Zähne und knurrte ihn wegen der Bezeichnung »Würmer« an.
Sam warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. »Das ist meine Familie in ihrem ganzen uncharmanten Selbst. Mein Vater Benyun, mein Bruder Conaru und meine Schwester Lilama.«
Benyun kniff die Augen zusammen. »Wir warten auf eine Antwort, Samala.«
»Ich habe euch hierher ‚zitiert’, damit ihr den Familienzuwachs kennenlernt. Das ist Nick. Er ist mein Seelengefährte. Und damit gehört er zur Familie, ob es euch passt oder nicht.«
Benyun kniff die Augen zusammen. »Nick?« Er tastete ihn mit seinen magischen Sinnen ab und erkannte ihn als Werwolf. Grollend schüttelte er den Kopf. »Das musste ja so kommen.«
»Offensichtlich.« Sam sah ihren Vater auffordernd an.
Benyun seufzte. »Und das da?« Er deutete auf die Kinder.
»Das sind unsere Adoptivkinder.«
Der Inkubus sah sie einen Moment lang an. Dann explodierte er. »Verdammt, Samala, es reicht! Deine Verbrüderung mit den Menschen nimmt derart groteske Züge an, dass ich versucht bin, das Band des Blutes zwischen uns zu kappen. Das sind Menschenkinder! Und du spielst die Mutter für sie? Hast du den Verstand verloren?«
Er sprach Unadru, sodass Nick nicht mitbekam, was er sagte. Doch der Tonfall sagte ihm ohnehin mehr als die Worte. Er legte einen Arm um Sam und knurrte Benyun warnend an.
»Halt dich da raus, verlauster Wolf.«
Benyun hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, als er schon durch die Luft flog und gegen die Wand krachte. Ein Feuerball hüllte ihn ein, der ihm die Kleidung vom Leib fraß und seine Haut versengte. Er stieß einen wütenden Schrei aus, löschte das Feuer, heilte die Verbrennungen und zauberte sich neue Kleidung auf den Leib.
»Noch so eine Unverschämtheit, und ich kappe das Band des Blutes zwischen uns, Vater
»Womit du uns allen einen Gefallen tust.« Benyun knurrte beinahe wie Nick. »Du hast schon genug angerichtet. Deinetwegen sind wir das Gespött der Unterwelt, wir – einer der ältesten Clans unserer Art, und mussten die Unterwelt verlassen.«
»Oh, dafür spielten noch ein paar ganz andere und weitaus gewichtigere Gründe eine Rolle, wie du sehr wohl weißt. Wenn Mutter und Tante Patama sich nicht geweigert hätten, Fürst Yorok zu dienen und ihn obendrein auch noch zu verhöhnen, hätte er sich wohl kaum bemüßigt gefühlt, deswegen gleich unseren ganzen Clan vernichten zu wollen. Deshalb mussten wir die Unterwelt verlassen. Und was das Spotten betrifft, Ben: Luzifer will mich als seine Königin haben. Kein Dämon wagt es gegenwärtig, über mich oder euch zu lachen. Kehrt in die Unterwelt zurück, und Scharen von Dämonen werden sich euch als meinen Angehörigen zu Füßen werfen und euch in die Ärsche kriechen, weil sie sich davon Vorteile erhoffen.«
»Danke, kein Bedarf«, wehrte Conaru ab. »Wie du sehr wohl weißt, können sich solche Gunstbezeugungen von einer Sekunde auf die andere ins Gegenteil verkehren. Fürst Yorok ist zwar tot, aber es gibt noch eine Menge seiner Leute, die dadurch viel verloren haben und nur darauf warten, dass wir uns in der Unterwelt wieder blicken lassen, damit sie ihre Rache an uns nehmen können. Und über uns hält Luzifer nicht seine schützende Hand.« Er blickte Benyun an. »Aber dafür, Vater, kann Samala nun wirklich nichts. Allerdings«, er blickte Sam wieder an, »halte ich das Ausmaß, das deine Versuche annehmen, dich als Mensch zu tarnen«, er deutete auf die Kinder, »mittlerweile für derart übertrieben, dass es schon an Irrsinn grenzt. Das sind Menschenkinder. Du bist Dämonin
Sam seufzte. Sie hatte gewusst, dass ihre Familie das niemals verstehen würde. »Ich habe sie nicht adoptiert, um mich als Mensch zu tarnen. Aber meine Beweggründe gehen euch nichts an. Ich erinnere euch nachdrücklich daran, dass ich ein freier Sukkubus bin. Und wenn ich Menschenkinder adoptiere und mit einem Werwolf lebe, habt ihr das zu akzeptieren und zu respektieren. Sie gehören jetzt zu mir. Und wenn ihr das nicht anerkennen wollt, mache ich sie mit einem Blutbund zum Teil der gesamten Familie. Dann müsst ihr sie akzeptieren.«
Benyun hob abwehrend die Hände. »Schon gut. Hauptsache du verlangst nicht von mir, dass ich den Großvater spielen soll.«
»Keine Sorge. Die Rolle haben wir jemand anderem zugedacht, der sehr glücklich darüber sein wird.«
Benyun brummte etwas Unverständliches und warf Nick einen missmutigen Blick zu. »Seelengefährte also«, sagte er in Englisch und zuckte mit den Schultern. »Na dann: Willkommen in der Familie, Werwolf.«
»Mein Name ist Nick.«
»Willkommen in der Familie, Nick.« Lilama trat zu ihm, strich ihm verführerisch über die Brust und setzte ihre Lockmagie ein.
Sams Magie schleuderte sie gegen die Wand, bevor Nick unter dem Einfluss ihres Zaubers die Arme um sie legen konnte. »Lass ihn in Ruhe, Lil. Tob dich meinetwegen mit jedem Mann in den drei Welten aus, aber er gehört mir.«
Lilama rappelte sich unbeeindruckt auf und zuckte mit den Schultern. »Schon gut. Wenn du so dumm bist, dich an einen einzigen Mann zu binden – bitte.« Sie schüttelte den Kopf. »Du bist wirklich in mehr als einer Hinsicht eine Schande für unsere Art.« Sie verschwand.
Das tat auch Benyun.
Conaru war an die Couch getreten, auf der die Kinder schliefen und tastete sie mit seinen magischen Sinnen ab. »Hey, das ist ja eine kleine Dryade.« Er streichelte verführerisch Siobhans Rücken. »Ich kann es kaum erwarten, dass sie geschlechtsreif wird.«
Sam warf auch ihn gegen die Wand. »Du lässt sie in Ruhe, Conaru. Sollte ich jemals deine Lockmagie an ihr riechen, bringe ich dich um.«
»Ha! Das kannst du nicht. Das verhindert das Band des Blutes.« Er grinste breit.
Nick machte einen Schritt auf ihn zu und starrte ihm in die Augen. »Aber ich bin keiner solchen Beschränkung unterworfen. Vergreif dich an meiner Tochter, und ich töte dich.«
Conaru lachte. »Da hast du schlechte Karten, Wolf, denn das Band des Blutes zwingt Samala, in dem Fall mir beizustehen – gegen dich.«
»Irrtum.« Sams Stimme klang trügerisch sanft. »Ich weiß aus dem berufenen Mund von Axaryn, dass ein Seelenbund über dem Band des Blutes steht. Solltest du es also auf einen Kampf mit Nick ankommen lassen, hast du schlechte Karten. Sehr, sehr schlechte Karten.«
Conarus Grinsen verschwand.
»Also, Bruder, vergiss das nie. Und sag es auch Ben und Lil. Vergreift euch an meiner Familie«, sie umfasste Nick und die Kinder mit einer Handbewegung, »und ich kappe das Blutband zwischen uns und werde euch vernichten.«
Er blickte sie verständnislos an und schüttelte den Kopf. »Kallas Blut, Samala, wir sind deine Familie.«
»Ach, tatsächlich? Darauf scheint ihr aber schon seit geraumer Zeit keinen Wert mehr zu legen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bin nun mal anders als ihr, Conaru. Seit Miyuki Tanakas Geist mir damals mit diesen menschlichen Gefühlen einen entsetzlichen Fluch verpasst hat.4 Und glaub mir, das macht mir selbst am meisten zu schaffen. Ich habe Axaryn schon vor einiger Zeit gebeten, sie mir wieder zu nehmen. Das geht nicht, weil sie längst ein Teil meiner Persönlichkeit geworden sind. Und noch etwas. Und das solltet ihr alle nicht vergessen. Diese menschlichen Gefühle sind das Einzige, was mich daran hindert, meinen Platz an Luzifers Seite als seine Königin anzunehmen. Welche Folgen es hätte, wenn ich das täte, muss ich dir nicht erklären.«
Conaru wurde blass und schluckte.
»Allein schon deshalb wäre es hilfreich, wenn ihr mich nicht durch eure Ablehnung dessen, was ich unfreiwillig geworden bin, zusätzlich unter Druck setzt.«
Conaru machte ein zerknirschtes Gesicht, nahm sie in die Arme und drückte sie – ausnahmsweise einmal ganz brüderlich – an sich. »Schon gut, Samala. Kommt nicht wieder vor. Und ja, ich sag es Vater und Lila.« Er ließ sie los und reichte Nick die Hand. »Willkommen in der Familie, Nick. Und zumindest ich meine das ernst. Ich bin Conaru. Connor für die Menschen. Da wir schon weitergezogen sind, ist unser offizieller Nachname gegenwärtig Turner.«
Nachdem Jacques LeGrand vor gut anderthalb Jahren versucht hatte, Sam und ihre Familie zu vernichten und im Zuge dessen Conarus, Lilamas und Benyuns Domizile zerstört hatte, waren sie weitergezogen. Ben hatte sich in Los Angeles niedergelassen, und Conaru und Lilama lebten in Atlanta.
Nick drückte Conarus Hand. »Nick Roscoe.«
»Und er ist achtzig Jahre älter als Ben. Das nur nebenbei bemerkt.«
Conaru grinste. »Das werde ich Vater mit Vergnügen stecken.« Er zuckte mit den Schultern. »Wie er schon sagte. Das mit euch beiden war wohl zu erwarten, nachdem ...« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts gegen Werwölfe. Und gegen einen Seelenbund kann man sowieso nichts machen. Und ja, ihr habt euren Standpunkt klar gemacht. Ich werde die kleine Dryade nicht verführen. Aber ich werde sie auch nicht abweisen, sollte sie eines Tages freiwillig zu mir kommen.«
»Keine Einwände«, stimmte Sam zu. Sie würde, wenn es soweit war, schon dafür sorgen, dass Siobhan sich an einen Menschen band, nicht an einen Inkubus, von dem sie dann emotional vielleicht nie wieder loskommen würde.
Conaru verschwand.
Sam seufzte tief. »Die letzte derart heftige Auseinandersetzung mit meiner Familie hatte ich, als ich damals mit Scott zusammengezogen bin. Ich nehme an, du verstehst jetzt, warum ich bei dieser Bagage nicht allzu viel von Familie halte.«
»Vollkommen.« Nick blickte sie nachdenklich an. »Was haben dein Bruder und dein Vater damit gemeint, als sie sagten, das mit uns sei zu erwarten gewesen und musste so kommen?«
»Ben und ich mussten vor einiger Zeit in die Vergangenheit reisen, um was in Ordnung zu bringen.5 Aber wir haben dadurch die Zeit verändert. Als wir in die Gegenwart zurückkehrten, hatten wir alles nur noch schlimmer gemacht. Und ich war mal mit einem Werwolf namens Nick verheiratet, den unser – genauer gesagt mein Erzfeind Jacques LeGrand ermordet hatte. Also sind wir noch einmal zurückgegangen und haben das wieder in Ordnung gebracht. Seitdem wusste ich, dass irgendwo auf der Welt ein Werwolf namens Nick existiert, der, sollten wir uns je begegnen, wohl eine besondere Rolle in meinem Leben spielen würde.«
Er legte die Arme um ihre Taille und zog sie an sich. »Trotzdem hast du mich damals wieder gehen lassen.«
»Das war deine Entscheidung. Wir hätten, glaube ich, keine Chance gehabt, wenn ich versucht hätte, dich zu halten. Du musstest erst erkennen, was du wirklich willst und wo du in Zukunft deinen Platz haben wolltest. Ich bin sehr froh, dass der hier bei mir ist.«
»Wo sonst?«
Er küsste sie verlangend. Gleich darauf ließ er sich auf die Knie nieder, zog ihr Hose und Slip aus und küsste ihr Geschlecht. Sam seufzte lustvoll, spreizte die Beine und vergrub ihre Hände in seinem Haar. Er fuhr mit der Zunge ihre Spalte entlang und schmeckte ihr betörend duftendes Fleisch. Sam stieß einen leisen Schrei aus, als er ihre Klitoris leckte, und spreizte die Beine weiter.
Er lachte leise, richtete sich auf und zog seine Hose aus. Er hob Sam mühelos hoch. Sie schlang die Beine um seine Hüften. Seine Eichel glitt zwischen ihre Schamlippen, folgte der Spalte und tauchte zielsicher in ihre heiße Muschel ein. Sam legte die Arme um seinen Hals und stieß ihre Zunge tief in seinen Mund. Er trug sie ins Obergeschoss, ohne sich aus ihr zurückzuziehen. Jeder Schritt verursachte einen angenehmen Stoß, der nicht nur Sams Erregung innerhalb kürzester Zeit fast bis zum Höhepunkt steigerte.
Doch Nick hatte nicht vor, das Spiel so schnell zu beenden. Statt ins Schlafzimmer trug er Sam ins Bad und stellte sich mit ihr unter die Dusche. Sie lachte, als der warme Strahl des Wassers sich über sie ergoss und ihre Bluse und sein Hemd durchnässte, was sie beides noch nicht ausgezogen hatten. Nick drückte Sams Rücken gegen die Kachelwand, knöpfte ihre Bluse auf und streifte sie von ihren Schultern. Sie tat dasselbe mit seinem Hemd.
Er nahm ihre Brustwarze in den Mund und saugte daran, während er die andere zwischen Daumen und Zeigefinger rollte. Sam schrie lustvoll auf. Wieder erreichte sie fast den Höhepunkt, doch Nick zog sich aus ihr zurück, drehte sie um und drang von hinten in sie ein. Er legte einen Arm um ihre Taille und presste sie an sich. Die andere Hand schob er unter ihrem Arm hindurch und streichelte ihren Bauch und ihre Brüste, während er ihren Nacken küsste und sanft biss.
Sam stützte sich an der Wand ab und drängte sich seinen Stößen entgegen, die immer kräftiger und schneller wurden. Das immer noch auf sie niederprasselnde Wasser stimulierte sie zusätzlich. Sam wob einen Hauch ihrer Sukkubus-Magie um Nick, weil sie wusste, dass die seinen Höhepunkt noch intensiver machte. Mit einem seligen Stöhnen ergoss er sich in sie. Fast im selben Moment erreichte auch Sam ihren Höhepunkt. Ihrer beider Ekstase kumulierte sich kaum eine Minute später zu einem zweiten Höhepunkt und ließ sie einander schließlich zufrieden in einem liebevollen Kuss versinken.
Nick drehte das Wasser ab und leckte die Tropfen von Sams Gesicht. Sie fuhr ihm mit der Hand durch das Haar.
»Mach so weiter und ich falle noch mal über dich her.«
»Nur zur.« Er knabberte an ihrem Ohrläppchen.
»Geht nicht. Della und Jonathan kommen gleich.«
Nick seufzte gespielt frustriert.
Sam blickte ihn liebevoll an. »Du bist ein so wunderbarer Mann, Nick.«
Er streichelte ihre Wange. »Und du die wundervollste Frau, der ich je begegnet bin.« Er sah sie nachdenklich an. »Wir waren in jener anderen Realität tatsächlich verheiratet?«
»Ich glaube ja. Zumindest warst du ...« Sie biss sich auf die Lippen.
»Was?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob es ratsam ist, dir davon zu erzählen. Das betrifft immerhin einen Zeitstrang, den es so nie geben wird.«
»Dann besteht doch keine Gefahr. Oder? Und ich würde gern wissen, wie unser Verhältnis damals war.«
Doch Sam scheute sich, ihm zu sagen, dass sie von ihm Kinder gehabt hatte. Sie schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich nicht ratsam, darüber zu sprechen.«
Sie gab ihm einen innigen Kuss und begann ihn abzutrocknen. Das Ablenkungsmanöver funktionierte. Nick tat mit ihr dasselbe und fragte nicht weiter.
Sie kehrten zu den Kindern zurück, setzten sich wieder so hin, wie sie gesessen hatten, bevor Sam den Schlafzauber auf sie legte, und Sam weckte sie auf.
»Also, ihr zwei, wer stellt die Kuchenteller auf den Tisch und wer die Tassen?«, fragte Nick.
»Du«, verlangte Siobhan und ihre grünen Augen funkelten.
»Keine Chance, majá malüschka, meine Kleine. Jeder hilft mit.«
Er hob die Kinder hoch und trug sie in die Küche, wo er die Aufgaben verteilte, während Sam Kaffee kochte. Nachdem der Tisch gedeckt war, schickten sie die Kinder mit Sally ins Spielzimmer, bis die Parkers kamen. Della und Jonathan ließen nicht lange auf sich warten und erschienen pünktlich. Della hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Kuchen mitzubringen. Jonathan reichte Nick augenzwinkernd eine Flasche erlesenen Whiskeys.
»Bevor wir zur Tat der Vernichtung dieses delikaten Kuchens schreiten, müssen wir noch was mit euch beiden besprechen.« Sam führte die beiden Menschen ins Wohnzimmer und bot ihnen Platz an.
»Ja, wir haben uns schon gedacht, dass diese überraschende Einladung, ohne dass einer von euch Geburtstag hat, einen besonderen Grund haben muss.« Jonathan sah sie beide erwartungsvoll an. »Ihr wollt heiraten, stimmt’s?«
Nick legte die Arme um Sam und gab ihr einen Kuss. »Irgendwann ganz sicher.«
»Aber heute haben wir euch eingeladen aus ganz selbstsüchtigen Gründen«, erklärte Sam unverblümt. »Wir haben euch eine Aufgabe zugedacht, von der wir wissen, dass ihr sie schon anderweitig verdammt gut bewältigt. Deshalb wollten wir euch bitten, uns ab und zu auch mal einen solchen Dienst zu erweisen.«
Della lachte. »Oh Sam, du sprichst in Rätseln. Was sollen wir denn tun?«
»Großeltern sein.«
Die Parkers starrten sie einen Moment verblüfft an, ehe sie erfreut lächelten.
»Herzlichen Glückwunsch!«, sagte Jonathan.
»Sam, du bist schwanger!«, freute sich Della.
»Das nicht. Aber Nick und ich sind trotzdem sehr überraschend Eltern geworden.« Sie erläuterte die Situation.
»Oh Gott, die armen Kinder!« Della war voller Mitgefühl. »Natürlich nehmen wir sie gern ab und zu mal zu uns, wenn ihr keine Zeit habt.«
»Wir haben ein sehr kompetentes Kindermädchen, aber ich habe mir sagen lassen, dass auch Großeltern für Kinder wichtig sind.« Sam warf Nick einen bezeichnenden Blick zu, der ihr lächelnd zuzwinkerte. »Allerdings könnt ihr die Kinder für die erste Zeit nicht zu euch nehmen. Sie reagieren panisch darauf, zu anderen Menschen gebracht zu werden, wenn wir nicht bei ihnen bleiben. Das heißt also, falls ihr mal auf sie aufpassen wollt, müsstet ihr das hier in ihrer vertrauten Umgebung tun.«
»Kein Problem«, versicherte Jonathan.
»Wo sind sie denn? Wir wollen sie kennenlernen.«
Sam signalisierte dem Wächterdämon, dass er die Kinder zu ihr bringen sollte, und Sally Warden führte sie herein.
Della schlug bei Abbys Anblick die Hand vor den Mund. »Oh mein Gott«, flüsterte sie ergriffen. »Sie sieht ja aus wie Scott.«
»Ja, eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden.«
Abby sah Scott tatsächlich ähnlich, was sich nicht nur auf ihr blondes Haar und die blauen Augen beschränkte. Auch ihre Gesichtszüge ähnelten denen von Scott Parker. Damit hatte Abby die Herzen der Parkers im Sturm erobert.
»Abby, Siobhan, das sind Della und Jonathan Parker. Sie sind sozusagen meine Adoptiveltern. Und sie würden deshalb für euch sehr gerne Großeltern sein.«
Abby macht erst einen Schritt rückwärts. Dann stürzte sie auf Sam zu und klammerte sich an ihr fest. »Schickst du uns weg, Sam? Mommy?«
»Aber nein. Ich habe den beiden nur erlaubt, euch ab und zu zu besuchen. Wenn ihr damit einverstanden seid.« Sie nahm Abby auf den Arm und sah ihr in die Augen. »Du erinnerst dich doch, was ich dir und deiner Schwester versprochen habe. Dass ihr nie wieder von uns weg müsst. Habe ich schon jemals ein Versprechen nicht gehalten?«
Abby schüttelte den Kopf. Ihr Vertrauen in Sam und ihre Versprechungen war derart umfassend, dass sie sich auf der Stelle beruhigte und ihre Angst schlagartig verschwand. Sie ließ sich von Sams Arm gleiten und ging zu den Parkers. Sie reichte Della die Hand.
»Guten Tag, Ma’am. Ich bin Abby.«
»Bitte nicht ‚Ma’am’. Du darfst Della zu mir sagen. Oder Grandma.«
Mit Letzterem war Abby offensichtlich überfordert. Mit Ersterem auch. Nicht so Siobhan. Sie kletterte unbefangen auf Dellas Schoß.
»Ich bin Shivvie6. Darf ich auch Grandma zu dir sagen?«
»Aber natürlich.«
»Und mich dürft ihr Grandpa oder Jonathan nennen.«
Sam erstarrte. Der Luftelementar war gekommen und meldete ihr, dass er Nyros gefunden und was sich in dessen Höhle ereignet hatte. Und dass sich der Satyr in Lebensgefahr befand. Sam drückte Nick einen Kuss auf die Wange und flüsterte ihm zu: »Ich muss weg. Nyros ist in Gefahr. Lenk die Parkers ab. Ich komme so schnell wie möglich zurück.«
Sie ging äußerlich gelassen nach oben ins Badezimmer. Kaum war sie außer Sichtweise der Menschen, sprang sie zu dem Ort, an dem Nyros sich befand. Der Satyr war in einen engen Käfig eingesperrt und brüllte vor Schmerz. Blut rann ihm aus mehreren Wunden über den Rücken und das Gesicht. Vor ihm stand ein Mann mit einem Besenstil in der Hand, mit dem er Nyros offensichtlich geschlagen hatte. Eine Frau stand mit entsetzt vor den Mund geschlagenen Händen neben einem älteren Mann, der den Schläger wütend anfuhr: »Verdammt, Smith, ich hatte Ihnen verboten ...«
Was immer er sagen wollte, blieb ihm bei Sams Auftauchen im Hals stecken. Sie brüllte vor Wut und machte eine werfende Bewegung. Die drei Menschen wurden zur Seite geschleudert und krachten gegen die Wand. Der Schläger kollidierte vorher noch mit einem Schreibtisch, dessen Kante ihn im unteren Rückenbereich traf. Hörbar brachen die Wirbelkochen. Er stürzte schreiend zu Boden.
Sam fetzte mit ihrer Magie Nyros’ Käfig auf. Der Satyr stolperte erleichtert aus seinem Gefängnis. Sie wandte sich wieder den Menschen zu. Levinpfeile begannen, in ihren Händen zu glühen, als sie den älteren Mann ins Visier nahm.
»Samala, nein!« Nyros stellte sich ihr in den Weg. »Tu es nicht. Sie sind unwissende Menschen.«
Sam fletschte die Zähne. »Sie haben dich gequält, dich gefoltert. Und dafür werden sie bezahlen! Also geh mir aus dem Weg.« Sie hob die Hände.
Nyros legte ihr die Hände auf die Schultern, sah ihr tief in die Augen und schüttelte den Kopf. »Lass sie leben, Samala. Bitte.«
»Du ... du sprichst?«, wisperte der ältere Mann. »Du kannst sprechen?«
Sam schob Nyros zur Seite. »Natürlich kann er das. Was habt ihr denn gedacht, ihr verteufelte Menschenbrut? Dass er ein Tier ist, das man studieren und an dem man Tierversuche machen kann?« Ihre Augen glühten rot vor Wut.
»Oh mein Gott!«
»Falsch! Ich bin Dämonin und ich habe keine Nachsicht mit Abschaum wie euch.« Sie hob die Hand, um einen Levinpfeil auf ihn zu schleudern.
Er schrie entsetzt. Nyros drückte ihre Hand nach unten. Der Blitz krachte in die Wand neben dem Kopf des Mannes und sprengte ein Loch hinein. Er schrie erneut. Hinter Sam versuchte Smith sich nur mit den Armen vorwärts ziehend den Ausgang zu erreichen. Sam schleuderte ihn mit ihrer Magie zurück, sodass er gegen die Gitterstäbe von Nyros’ Käfig krachte. Sekunden später erfüllte der Gestank von Urin die Luft, als er vor Todesangst sein Wasser nicht mehr halten konnte. Die Frau hockte kreidebleich mit weit aufgerissenen Augen in einer Ecke und wagte nicht sich zu rühren.
»Oh bitte«, wimmerte der Ältere, »das haben wir nicht gewusst. Wir wollten doch nur ...«
Sam versetzte ihm einen magischen Faustschlag unters Kinn, sodass sein Kopf zurückflog und der Kiefer brach. »Erspar uns deine Lügen, Mensch. Ihr wart in seiner Höhle. Ihr habt seine Bücher gesehen. Erzähl mir doch nicht, dass ihr gedacht habt, ein Tier könnte lesen! Ihr kennt eure eigenen Legenden und habt gewusst, dass ein Satyr ein intelligentes, fühlendes Wesen ist. Und trotzdem habt ihr ihn entführt, misshandelt, in einen Käfig gesperrt und gequält. Und dafür werdet ihr bezahlen.«
»Bitte, Samala, töte sie nicht. Das will ich nicht.«
»Keine Sorge, alter Freund. Ich lasse sie leben. Aber alles, was sie dir angetan haben, werden sie selbst erleiden. Und zwar ebenso lange wie sie es dich haben erleiden lassen.«
Ihre Magie drang in Nyros’ Erinnerungen ein, nicht nur die seines Geistes, sondern auch die seines Körpers. Alle Schmerzen und die ganze Qual, die sie ihm körperlich und seelisch zugefügt hatten, projizierte sie in die Gehirne der drei Menschen. Die Wirkung trat augenblicklich ein. Die drei brüllten auf, als sie spürten, wie die Taserpfeile sich in Nyros’ Haut gebohrt und seine Muskeln schmerzhaft verkrampften, er auf die Weinflaschen stürzte, die unter seinem Gewicht zerbrachen und sich in seine Haut bohrten.
Nyros krümmte sich stöhnend zusammen, als eine Nachwehe des Schlags, den Smith ihm vorhin in die Magengegend verpasst hatte, sich bemerkbar machte. Sam legte den Arm um seine Schultern, warf noch einen drohenden Blick in die Runde und verschwand mit ihm. Nicht ohne vorher die Menschen mit einem Restriktionszauber belegt zu haben, der sie daran hinderte, jemals irgendwem gegenüber preiszugeben, was hier geschehen war. Und natürlich nicht ohne sämtliche Aufzeichnungen der Überwachungskameras zu zerstören und jeden Hinweis zu tilgen, dass sich in dem Labor jemals ein leibhaftiger Satyr befunden hatte.
Sie landete mit ihm unter einem Unsichtbarkeitszauber vor den magischen Schutzschilden des Lotos Instituts. Mit einem großen Schritt passierte sie die profan und sprang in den Raum, in dem sie Lady Sybilla spürte.
Die Hexe und Chefin der Wächter befand sich in einer Konferenz mit einigen Wächtern, unter ihnen Axaryn, Vesgyn, Bryce Connlin, Sulie Whitesnake und Arvin Ravenstone, dem Ratsvorsitzenden der Wächter der Werwölfe. Sie alle sprangen von ihren Sitzen auf, als Sam und Nyros vor ihnen auftauchten und Sam den Unsichtbarkeitszauber ablegte.
»Hallo Leute. Das ist Nyros. Er braucht vorübergehend eine Unterkunft. Ich habe Menschen im Haus, die nichts von uns wissen, sonst könnte er ...«
Nyros sackte in die Knie und hielt sich stöhnend den Bauch.
Sam fing ihn auf und setzte ihre Heilkräfte ein. »Entschuldige, alter Freund. Das hätte ich schon viel früher tun sollen.«
Lady Sybilla eilte an seine Seite, stützte ihn und half ihm, sich wieder aufzurichten, nachdem Sams Magie seine Wunden und inneren Verletzungen vollständig geheilt hatte. Als sich ihre Augen trafen, malte sich Staunen auf seinem Gesicht. Und Sybilla wirkte wie vom Donner gerührt. Wahrscheinlich war sie noch nie einem Satyr begegnet. Doch Sam hatte das intensive Gefühl, dass ihre Reaktion – und die von Nyros – andere Gründe hatte.
»S-sie können bleiben, so lange Sie wollen, Nyros. Wir haben hier genug Platz. Was ist geschehen?« Sie blickte fragend zu Sam.
Nyros stemmte sich hoch und Sybilla half ihm. Der Satyr überragte sie um Haupteslänge. Er ließ kein Auge von ihr, als wäre sie das größte Wunder, das ihm je begegnet war. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie wunderschön war.
Sam berichtete knapp, was geschehen war. »Zwar sind die Mistkerle, die ihm das angetan haben, im Moment damit beschäftigt, meine Strafe zu überstehen«, schloss sie, »aber ich halte es für zu gefährlich, dass Nyros wieder in seine Höhle zurückkehrt. Wir suchen ihm was anderes. Jetzt muss ich aber schleunigst zurück, bevor ich vermisst werde. Man sieht sich. Und danke.« Sie verschwand.
Sybilla wandte sich an die anderen. »Wir machen eine Pause. Kommen Sie, Nyros. Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer und den Weg zur Küche. Sind Sie hungrig? Haben Sie Durst?«
Er nickte stumm und folgte ihr aus dem Raum, ohne auch nur ein Auge von ihr zu lassen.

Die Parkers waren sichtbar glücklich, als sie nach drei Stunden Sam, Nick und die Kinder wieder verließen. Nach dem Kaffeetrinken hatten sie mit Abby und Siobhan gespielt und Abby hatte einen Teil ihrer Scheu vor ihnen verloren. Siobhan fühlte sich mit den Parkers spürbar wohl und genoss es, von ihnen verwöhnt zu werden.
»Du weißt natürlich, was für eine große Freude du uns heute gemacht hast, Sam«, sagte Della, als sie sich in der Diele verabschiedeten.
Sam nickte. »Ihr seid jederzeit willkommen, die Kinder zu besuchen. Wann immer ihr wollt.« Sie wusste, dass die Parkers das recht oft tun würden, weil sie Scott in Abby sahen. Und Siobhan würde mit ihren Seelenheilkräften dafür sorgen, dass die Parkers auch noch den Rest ihres Schmerzes über Scotts Verlust überwanden.
»Abbys Ähnlichkeit mit Scott«, begann Jonathan. »Also, unser Sohn war bestimmt kein Heiliger und hatte seine Affären, bevor ihr euch kanntet. Was ich damit sagen will, ist, ob wirklich sicher ist, dass Abby nicht seine Tochter sein könnte?«
»Völlig sicher. Das habe ich gründlich überprüft. Die Ähnlichkeit ist wirklich nur zufällig. Aber ich bin darüber ebenso wenig traurig wie ihr.« Sie zwinkerte den Parkers zu.
Beide lächelten. Della strich Sam liebevoll über die Wange und blickte sie und Nick an. »Wann heiratet ihr denn?«
Nick legte einen Arm um Sams Schultern und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Sobald Sam ja sagt.«
»Sam?« Della sah sie erwartungsvoll an.
»Eines Tages. Vielleicht«, wich sie aus.
»Warte damit nicht zu lange«, mahnte Jonathan und klopfte Nick auf die Schulter. »Einen besseren Mann findest du nicht.«
»Dessen bin ich mir bewusst. Trotzdem will so ein Schritt wohl überlegt sein.«
»Drängt sie bitte nicht«, schlug Nick sich auf ihre Seite. »Wenn Sam so weit ist, wird sie es mich wissen lassen.«
Die Parkers verabschiedeten sich und Sam schloss nach einem letzten Winken die Tür hinter ihnen.
Nick legte von hinten die Arme um sie und schmiegte seine Wange an ihre. »Habe ich dir nicht immer gesagt, dass Familie was Wunderbares ist?«
Sam schnitt eine Grimasse. »Das kann ich immer noch nicht in dem Sinne nachvollziehen, den du meinst. Aber ich fühle, dass du glücklich bist.«
»Wie sollte ich nicht? Du bist die Frau, die ich liebe und obendrein meine Seelengefährtin, und dank dir habe ich auch wieder Kinder. Kurzum eine Familie. Ich bin ein Wolf, Sam. Ich brauche eine Familie, sonst fehlt mir etwas Gravierendes.«
»Dir sind natürlich auch die Komplikationen bewusst, die es gibt, wenn wir demnächst von hier verschwinden müssen. Ich lebe seit über dreizehn Jahren in Cleveland. Noch ein Jahr, höchstens zwei, dann muss ich verschwinden. Als ich hierher zog, war ich offiziell zwanzig und sah für eine Zwanzigjährige reichlich alt aus. Jetzt bin ich offiziell dreiunddreißig, sehe aber immer noch so aus wie damals. Es dauert nicht mehr lange, dann wird das den ersten Nachbarn auffallen. Mit einem normalen Umzug ist es nicht getan. Ich muss auch die Identität wechseln. Und du weißt ja, wie so was abläuft. Für die Leute, die man an dem Ort kennt, den man verlässt und die nicht in unser Geheimnis eingeweiht sind, erleide ich einen tödlichen Unfall. Und du und die Kinder dann ebenfalls. Für die Parkers wird das furchtbar werden.«
»Es gibt eine Alternative.«
»Ihnen zu offenbaren, was wir wirklich sind. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die das verkraften.« Sie drehte sich in seinen Armen um und sah ihm in die Augen. »Ich mag die Parkers. Nicht nur weil sie Scotts Eltern sind.«
Nick lächelte. »Ich mag sie auch. Weil sie dich aufrichtig lieben.«
Sie seufzte. »Gerade das macht es schwierig.« Sie blickte zur Seite. »Als ich das letzte Mal die Identität wechseln musste, besaß ich diese menschlichen Gefühle noch nicht. Da hat es mir nichts ausgemacht, dass der Freund, von dem ich mich verabschieden musste, nicht mit dem Wissen umgehen konnte, was ich bin. Ich habe es ihn ohne Bedauern vergessen lassen. Jetzt habe ich diese Gefühle. Und allein die Möglichkeit, dass die Parkers mich genauso voller Abscheu ansehen könnten wie er – oder wie Scott, als er rausgefunden hat, was ich bin – macht mich traurig.« Sie machte sich von ihm los und drehte ihm den Rücken zu. »Verflucht seien diese menschlichen Gefühle! Ich wünschte, ich hätte sie nie erhalten.«
Nick nahm sie erneut in die Arme und drückte sie an sich. »Ich bin froh, dass du sie hast. Ohne sie könntest du weder mich noch die Kinder lieben.«
»Ohne sie könnte ich Danaya nicht lieben und könnte Luzifer mich nicht über sie manipulieren. Ich sehe nur Nachteile.«
Nick schwieg einen Moment. »Du empfindest deine Liebe zu mir und den Kindern also als Nachteil?«
»In gewisser Weise. Ich bin dadurch angreifbar.« Sie sah ihm in die Augen. »Aber abgesehen von diesem Nachteil ist sie – wunderbar.« Sie gab ihm einen innigen Kuss. »Bevor du zurückgekommen bist, wusste ich nicht, dass es ein so intensives Glück überhaupt gibt, wie ich es jetzt empfinde.« Ihr Gesicht verdüsterte sich. »Leider hat sich auch mein Leidempfinden erheblich verstärkt.«
Ebenso die Dimension von Gefühlen wie Hass. Sam fragte sich, ob sie Hancock und seine Kumpane tatsächlich umgebracht hätte, wenn Nyros nicht um ihr Leben gebeten hätte.
Nick drückte sie an sich. »Ljubímaja, glaube mir: das Glück und die Liebe zu der du fähig bist, wiegen diese Nachteile allemal auf. Ich habe in meinem Leben sehr viel Leid erlebt. Einen großen Teil davon habe ich anderen verursacht. Glück und Leid gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Münze. Und jedes Körnchen Liebe wiegt ein Kilo Leid auf.« Er umarmte sie fester und sah ihr in die Augen. »Lass sie zu, Sam. Lass diese menschlichen Gefühle zu. Sie machen dich erst zu der Frau, die ich so sehr liebe. Und was die Parkers betrifft, so haben wir einander, um uns zu trösten, falls sie uns mit Abscheu betrachten, wenn wir ihnen offenbaren, was wir sind.«
Er küsste sie und Sam fühlte sich schon jetzt getröstet. Als er ihr die Bluse aus dem Hosenbund zog und seine Hände über die nackte Haut darunter streichen ließ, hielt sie ihn zurück.
»Ich muss noch was mit Graham besprechen.«
Falls er sich darüber wunderte, ließ er es sich nicht anmerken. »Beeil dich. Ich warte.« Er zwinkerte ihr zu und ging nach oben.
Sam ging zu Grahams Appartement und klopfte an die Tür.
»Herein«, forderte der Mönch sie fast augenblicklich auf. Er saß im Sessel und las die Zeitung, die er sofort zur Seite legte, und blickte Sam aufmerksam an.
»Ich habe Nyros gefunden.«
»Geht es ihm gut?« Er bot ihr mit einer Handbewegung Platz an.
Sam setzte sich. »Jetzt ja. Er ist im Lotos Institut bei Lady Sybilla.« Sie berichtete ihm, was geschehen war. Alles. Auch wie sie Hancock und seine Kumpane bestraft hatte. »Sage mir, Graham, was hättest du an meiner Stelle getan? Mit diesen Menschen?«
Er dachte eine Weile darüber nach. »Wenn ich deine Möglichkeiten hätte – dasselbe wie du. Obwohl Christus uns Verzeihen lehrt, muss man solchen Leuten doch Grenzen setzen, um zu verhindern, dass sie weiter Schaden anrichten.« Er sah sie aufmerksam an. »Warum fragst du?«
»Ich habe dir mein Wort gegeben, dass du das Vertrauen, das du mir inzwischen entgegenbringst, niemals bereuen würdest. Aber vorhin hätte ich dieses Wort beinahe gebrochen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin Dämonin. Das sollte mir nichts ausmachen. Lügen, Betrug und Wortbruch sind für die meisten von uns Tugenden.«
»Aber nicht für dich. Und es macht dir etwas aus.«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Wie du schon sehr richtig gesagt hast, Sam, hättest du dein Wort beinahe gebrochen. Du hast es aber nicht getan.«
»Aber was hätte ich getan, wenn Nyros mich nicht daran gehindert hätte, sie umzubringen?«
Seinem besorgten und misstrauischen Gesichtsausdruck nach zu urteilen fragte er sich das auch. Gleich darauf wurde er nachdenklich und sah Sam unverwandt an. »Was genau hast du in dem Moment gefühlt? Außer berechtigter Wut.«
»Hass. Das Bedürfnis, diesem Kroppzeug so weh zu tun, wie sie Nyros weh getan haben. Mindestens so sehr. Ihnen eine Lektion zu erteilen, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.«
Er nickte nachdrücklich. »Du hättest sie auch ohne Nyros’ Intervention nicht umgebracht, Sam. Denn dann hättest du ihnen keine Lektion mehr erteilen können. Dann hätten sie nicht mehr leiden können. Wie hoch war die Energie der Levinpfeile, die du in dem Moment in der Hand hattest?«
»Groß genug, um ein Loch in die Wand zu sprengen.«
»Als du sie abgefeuert hast. Aber unmittelbar davor? Ich weiß, dass du deren Energie in Sekundenbruchteilen verändern kannst; selbst wenn sie schon abgefeuert sind.«
Graham hatte recht. In dem Moment, da sie die Blitze auf Hancock geschleudert hatte, war deren Energie sehr viel schwächer gewesen. Erst nachdem Nyros sie abgelenkt hatte und sie wusste, dass sie Hancock nicht treffen würde, hatte sie sie verstärkt. Sie atmete auf.
»Sie hätten ihm nur – ziemlich weh getan.«
Er lächelte. »Siehst du. Du hast mein Vertrauen in dich nicht enttäuscht.«
Sie blickte ihn missmutig an. »Woher wusstest du das?«
Er grinste flüchtig. »Nun, ich schiebe nicht erst seit gestern bei dir Strafdienst. Ich habe dich seit insgesamt fast zwei Jahren intensiv beobachtet. Und nachdem ich die Dinge, die ich dabei gesehen habe, endlich in den richtigen Zusammenhang gebracht habe und sie nicht mehr durch die, eh, schwarze Brille meiner Vorurteile sehe, wage ich zu behaupten, dass ich dich recht gut kenne. Du bist zwar ein sehr gefährliches und tödliches Geschöpf, wenn es darauf ankommt, aber ich habe dich noch nie grundlos töten gesehen. Mitleidlos – ja. Grundlos – nein.« Er beugte sich vor. »Dir bedeuten Menschen etwas. Sonst würdest du nicht unter ihnen leben und sie beschützen. Du bist eine Dämonin, aber du kannst lieben und Mitgefühl empfinden. Das ist ein Wunder. Aus meiner Sicht ein Wunder Gottes.«
Sam verzog das Gesicht. »Was auch immer es ist, es macht mich zum Paria meiner Familie und zum Gespött meiner Art. Ich nehme an, du hast vorhin die Auseinandersetzung mitbekommen, die ich mit meiner Familie hatte.«
Er nickte.
»Ich bin nicht mehr die Person, die ich mal war. Aber ich habe keine Ahnung, wer ich gegenwärtig bin. Oder sein werde. Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als meinen eigenen Weg zu finden und zu lernen, mit diesen menschlichen Gefühlen umzugehen.«
»Das gelingt dir meiner Meinung nach schon recht gut. Und du wirst deinen Weg finden, Sam. Da bin ich mir sicher.« Er sah sie nachdenklich an. »Warum bist du mit dieser Frage zu mir gekommen und hast sie nicht Nick gestellt?«
»Weil du ein Mensch bist. Was die Beurteilung oder das Verständnis menschlicher Gefühle betrifft, bist du der Kompetentere von euch beiden. Außerdem hast du trotz unseres Waffenstillstands immer noch einen sehr kritischen Blick auf mich, während Nicks von seiner Liebe zu mir gefärbt ist. Ich hoffe, den behältst du bei.«
»Worauf du wetten kannst, Dämon
Sie grinste flüchtig, ehe sie ihn ernst anblickte. »Grundsätzlich mag ich die Menschen ganz gern. Sie sind faszinierend und interessant. Trotzdem habe ich immer wieder das Bedürfnis, Typen wie diesen Wissenschaftler zu vernichten.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bin Dämonin. Das ist meine Natur.«
Er nickte bedächtig. »Du hast aber auch noch eine andere Natur in dir: das Licht, das ich viel zu lange nicht gesehen habe. Aber ich sehe es jetzt.«
Sam stand auf. »Danke, Graham. Hin und wieder bist du doch tatsächlich ganz nützlich.«
Er lachte über den Scherz. Sam stimmte darin ein und verließ sein Appartement. Sie spürte Nick in seinem Zimmer und ging zu ihm.
Der Werwolf stand nackt am Fenster und blickte auf den Eriesee hinaus. Als er sich zu ihr umdrehte und sie die bedingungslose Liebe zu ihr in seinen Augen sah, wusste sie, dass er recht hatte. Ein Korn Liebe wog ein Kilo Leid auf. Und mit ihm an ihrer Seite würde sie alles überstehen.
Sie ließ ihre Kleidung verschwinden, nahm ihn in die Arme und gab sich den Zärtlichkeiten hin, die er ihr wie immer reichlich schenkte.

Nyros lehnte sich behaglich auf dem Stuhl im Speisesaal zurück und schob den Teller zur Seite. Hobart Hobson, Chefkoch des Lotos Instituts, eilte herbei.
»Noch einen Nachschlag, Mr. Nyros? Oder noch eine Flasche Wein? Ein Dessert?«
»Nein danke, Mr. Hobson. Es war sehr reichlich und überaus delikat. Mir hat lange kein Essen so gut geschmeckt.«
»Vielen Dank für das Kompliment.« Hobson verneigte sich, nahm den Teller und wollte gehen.
Nyros fasste ihn am Arm und hielt ihn zurück. »Und ich danke Ihnen auch dafür, dass Sie mich mit Respekt behandeln und nicht wie ein Tier.«
Hobson sah ihm ernst in die Augen. »Diese Form von Respekt werden Sie von uns allen erfahren, die hier leben und arbeiten, Mr. Nyros. Unter den hier wohnenden Wächtern und Lehrern sind ein Erzdämon, eine Uktena7 , zwei Werwölfe, ein Vampir und eine Obayifu8. Und im Internat haben wir ebenfalls Schülerinnen und Schüler, die keine Menschen sind. Bei uns werden alle Anderswesen mit Achtung und Respekt behandelt. Sie sind sicher, dass ich Sie nicht doch zu einem Dessert überreden kann? Traubenpudding mit Honigcreme und einem Schuss Wein verfeinert?«
Nyros lachte. »Sie haben mich überzeugt. Her damit. Bitte.«
Hobson ging zufrieden lächelnd. Die Tür zum Speisesaal wurde geöffnet und Lady Sybilla kam herein. Nyros stand sofort auf und blickte ihr entgegen. Sie hier zu sehen, sie wiedergefunden zu haben nach dieser endlos langen Zeit, war ein Wunder. Und ein Fluch. Und deshalb konnte das hier nicht anders als böse enden. Wenn er blieb. Doch das war so oder so unmöglich. Zum Glück spürte Sybilla zwar eine Verbindung zwischen ihnen, aber sie konnte sich nicht erinnern, woher ihr Nyros bekannt vorkam. Für sie war das ja auch in einem anderen Leben gewesen.
»Lady Sybilla, haben Sie vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft. Ich habe eine dringende Bitte. Ich muss unbedingt mit Sam sprechen. Können Sie bitte schnellstmöglich ein Treffen arrangieren?«
»Selbstverständlich, Nyros.« Sie legte den Kopf schräg, als lauschte sie auf etwas. »Sie ist gerade gekommen.«
Sie hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, als Sam vor ihnen stand. In der Hand hielt sie eine Panflöte, die sie Nyros reichte. Er nahm sie mit einem Laut der Freude entgegen und blies ein paar Töne, ehe er sie mit einer liebevollen Geste auf den Tisch legte.
»Alles in Ordnung, alter Freund?«
»Jetzt ja. Dank dir.« Er ergriff Sams Hände und drückte sie fest. »Hat Jinx es bis zu dir geschafft? Konnte er dir die Schlüssel geben?«
»Ja, da war ein Gargoyle, der mir drei Schlüssel gebracht hat, bevor er mit deinem Namen auf den Lippen starb.«
»Den Göttern sei Dank! Dass die Schlüssel in Sicherheit sind. Nicht dass Jinx tot ist.«
»Was hat es damit auf sich? Meine – Tochter Abby hatte Visionen von Toten, die die Welt bevölkern und Furchtbares darin anrichten. Und das hat offensichtlich mit den Schüsseln zu tun.«
Nyros nickte und setzte sich wieder. Auch Sam und Sybilla nahmen an seinem Tisch Platz. Hobson, der ihr Kommen bemerkt hatte, brachte drei Portionen seines Traubenpuddings und stellte vor jedem eine Schale hin, ehe er sich wieder zurückzog. Sam roch den verführerischen Duft des Puddings und begann mit Genuss zu essen. Sybilla tat es ihr nach.
»Es sind Hekates Schlüssel. Und einer von ihnen öffnet das Reich der Toten. Genau das wollen die Schattenflügel seit zweitausend Jahren tun, weshalb sie seit damals hinter dem Dickhaut-Clan her sind.« Nyros berichtete, was sich damals zugetragen hatte, während er nebenbei seinen Pudding aß. »Jinx besaß die echten Schlüssel«, schloss er. »Ich habe ihn zu dir geschickt, Sam, weil du die einzige Person in dieser Welt bist, bei der die Schlüssel sicher sind.«
Sam schüttelte den Kopf und nickte Lady Sybilla zu. »Am sichersten sind sie hier im Hochsicherheitstresor des Instituts. Aber gibt es keine Möglichkeit, die Schlüssel ins Reich der Götter zurückzubringen? Vesgyn hat doch Zugang zum Reich des Lichts.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann zumindest eins tun: mit einem Vergessenszauber sämtliche Schattenflügel-Gargoyles vergessen lassen, dass diese Schlüssel existieren. Das müsste den Trick tun.«
Nyros schüttelte den Kopf. »Da bin ich mir nicht sicher. Manche Zauber wirken bei Gargoyles nicht. Aber es ist natürlich einen Versuch wert.«
Sam dachte nach. »Am sichersten wäre natürlich, die Schlüssel der Göttin zurückzugeben. Nyros, du mit deinem immensen Wissen kennst doch bestimmt die Rituale, mit denen Hekate beschworen werden kann.«
Er nickte. »Falls sie sich nicht immer noch in der Ruhephase befindet. Wir brauchen dafür eine Wegkreuzung, an der sich drei Wege treffen, ein Feuer, eine Opfergabe und die alte Anrufungsformel. Ein Hekate geweihter Schrein wäre natürlich noch besser, aber ich glaube, es gibt auf der ganzen Welt keinen mehr. Zumindest keinen, der korrekt geweiht wurde.«
»Gibt es besondere Voraussetzungen für die Wegkreuzung?«, wollte Sybilla wissen. »Falls nicht, können wir die in unserem Park nehmen. Die Gebäudekomplexe sind als Dreieck um den Park gebaut«, fügte sie für Nyros als Erklärung hinzu. »Die Wohnungen und Arbeitsräume der hier lebenden Wächter, die Gebäude, die zum Internat und der Schule gehören und der Komplex, in dem die eigentlichen Forschungsräume untergebracht sind. Sie sind durch gepflasterte Wege miteinander verbunden, die sich in der Mitte des Parks treffen. Dort steht auch ein Baum. Eine alte Silberweide.«
»Das wäre perfekt. Wenn es recht ist, würde ich gern sofort versuchen, die Göttin zu erreichen. Ist es möglich, dass wir dort ungestört sind?«
Sybilla nickte. »Ich sorge dafür. Da wir ab und zu magische Experimente durchführen, sind alle Bewohner des Instituts gewöhnt, dass wir sie manchmal auffordern, sich in ihren Räumen aufzuhalten oder bestimmte Bereiche zu meiden.«
Sybilla verließ den Speisesaal. Nyros sah ihr nach.
Sam legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich halte es nicht für ratsam, dass du in deine alte Höhle zurückkehrst. Ich werde natürlich herausfinden, ob außer deinen Peinigern noch jemand von ihr weiß.«
Er nickte. »Ein Ranger war noch mit dabei. Wahrscheinlich sind auch andere aufmerksam geworden. Sie hatten Jinx bemerkt, als er auf der Suche nach mir war. Vielleicht sind sie schon dabei, meine Höhle zu plündern.« Sein Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an.
»Keine Sorge. Ich habe sie versiegelt und den Tarnzauber aufgehoben. Wer immer dorthin kommt, steht vor einer sehr echten und durch und durch soliden Felswand ohne das geringste Anzeichen dafür, dass dahinter eine Höhle ist. Ansonsten brauchst du mir nur zu sagen, wo du deine neue Höhle haben willst. Wieder irgendwo im Yosemite? Oder anderswo?«
Nyros zögerte. »Ich werde darüber nachdenken.«
Über die in jedem Raum des Instituts angebrachten Lautersprecher ertönte Lady Sybillas Durchsage, dass alle Anwesenden sich für die nächsten zwei Stunden aus dem Park fernzuhalten hatten.
»Machen wir uns ans Werk.«
Sam sprang mit Nyros zu der Weide im Park, vor der sich die Wege kreuzten. Nyros blickte sich um, legte die Hände gegen die Rinde der alten Weide und schmiegte sich schließlich an den Baum, als wäre es der Körper einer Frau.
»Perfekt«, fand er. »Dieser Ort ist perfekt für einen Schrein für Hekate. In jedem Fall genügt er für unsere Zwecke. Lass uns beginnen.«

Gordon sah das Ziel vor Augen und wusste, dass er es nicht erreichen würde. Keiner von ihnen. Dabei trennten ihn und den Rest seines Clans nur noch wenige hundert Meter vom schützenden Gebiet des Lotos Instituts am Ufer des Cooper Lakes in Denver. Aber die Shadowwings waren fest entschlossen, die letzten sieben Stronghides zu töten, ehe die sich dort in Sicherheit bringen konnten. Da sie erheblich zahlreicher waren als der Stronghide-Clan selbst zu seinen zahlenmäßig stärksten Zeiten gewesen war, hatte es sie kaum Mühe gekostet, die Gegend um Philly systematisch zu überwachen und die Stronghides zu finden, als sie ihr Versteck verließen, um nach Denver zu fliegen.
Was folgte, war eine buchstäblich mörderische Verfolgungsjagd, die vier weitere Clanmitglieder das Leben gekostet hatte. Gordon und seine Leute waren geflogen, so schnell sie nur konnten, eine kräftezehrende Flucht, die nun so oder so ihr Ende fand. Die dicke Haut ihrer Flügel, die ihrem Clan seinen Namen gegeben hatte, erwies sich als hinderlich, denn die der Shadowwings war erheblich dünner und damit leichter. Das machte sie schneller und wendiger. Dazu noch ihre Überzahl – es hätte schon ein Wunder geschehen müssen, um die Stronghides zu retten.
Gordon kannte seine Pflicht als Clanführer: Der Clan musste überleben, und sei es nur in einem einzigen Paar, das sich fortpflanzen konnte.
»Moon, bring dich und die Frauen in Sicherheit!«
»Auf keinen Fall lasse ich dich im Stich, Junge!«, brüllt Moon zurück und wich drei Shadowwings aus, die sich auf ihn stürzten.
»Das war ein Befehl! Die anderen Männer zu mir!«
Moon gehorchte ebenso widerwillig wie die drei Frauen, doch keinem kam der Gedanke, sich einem ausdrücklichen Befehl des Clanführers zu widersetzen. Sie flogen auf das Institut zu. Eine Horde von Shadowwings schnitt ihnen den Weg ab. Gordon und die beiden anderen Männer gaben ihre Versuche auf, sich vor ihren eigenen Verfolgern in Sicherheit zu bringen und stürzten sich auf die Feinde, um unter Opferung ihres eigenen Lebens einen Korridor zu schaffen, durch den die Frauen mit Moon fliehen konnten.
Vergeblich. Vier Gargoyles packten Gordon an den Flügeln und an den Armen, um ihn auf dieselbe Weise in Stücke zu reißen, wie sie das mit seinem Vater getan hatten, während die anderen dasselbe mit den restlichen Stronghides taten. Keiner entkam ihnen.
Das war das Ende.
Doch das Wunder, für das er stumm gebetet hatte, geschah. Gordon nahm nur aus den Augenwinkeln wahr, dass auf der breiten Treppe, die von der Zufahrt zum Haupteingang des Instituts führte, vier Personen aus dem Nichts auftauchten, zwei Männer und zwei Frauen. Im nächsten Moment spürte er, wie sich machtvolle Magie zusammenballte und sie alle einhüllte. Sekunden später gingen die Shadowwings in Flammen auf und rieselten als Asche zu Boden.
Gordon fiel, fing sich aber mit ein paar kräftigen Flügelschlägen ab. Zwei seiner Männer und eine der Frauen hatten weniger Glück. Die Shadowwings hatten ihnen die Flügel gebrochen. Sie stürzten ab. Doch ein zweites Wunder geschah. Wieder ballte sich Magie zusammen, hüllte die Fallenden ein und brachte sie sanft und sicher zu Boden, direkt vor die vier Zauberer; oder was immer sie waren. Eine andere Form von Magie entstand, und die Verletzungen aller heilten in wenigen Augenblicken. Gordon fühlte neue Kraft in seinen Körper strömen und konnte es kaum fassen, dass er und sein Clan tatsächlich gerettet waren.
Er besann sich auf seine Manieren und seine Pflicht und winkte seine Leute gebieterisch zu sich. Sie stellten sich hinter ihm auf, während er auf ihre vier Retter zuging. Eine der Frauen, eine rothaarige Schönheit, erkannte er von einem Foto, das er im Prospekt des Lotos Instituts gesehen hatte: Lady Sybilla Oliphant, die Leiterin der Einrichtung. Er verbeugte sich vor ihr.
»Lady Oliphant, ich grüße Sie. Ich bin Gordon Stronghide, Clanführer des Stronghide-Clans.« Er deutete auf seine Leute. »Ich erbitte für meinen Clan die Erlaubnis, uns bei Ihnen für einige Zeit niederlassen zu dürfen. Im Gegenzug dafür werden wir Ihr Institut beschützen und verteidigen und dafür sorgen, dass kein Feind es in der Nacht angreifen kann.«
Nachdem er die starken magischen Schilde um das Institutsgelände gespürt und gesehen hatte, wie mächtig die Magie war, über die die Vier verfügten, die vor ihm standen, war ihm klar, dass sein Angebot lächerlich war. Doch die Höflichkeit wie auch der Ehrenkodex der Gargoyles geboten, eine Gegenleistung anzubieten. Und da die Stronghides nichts anderes besaßen, das sie hätten geben können, blieb nur das Angebot, über das Institut zu wachen.
Falls Lady Oliphant das lächerlich fand, ließ sie es sich nicht anmerken. »Ich heiße Sie alle herzlich willkommen bei uns. Gern können Sie bleiben, so lange Sie wollen. Und wir nehmen auch mit dankbarer Freude Ihr Angebot an, unser Institut zu schützen. Wächter gibt es auf der Welt nie genug. Und Gargoyles stehen in dem Ruf, die besten Wächter gegen das Böse zu sein.« Sie lächelte und machte eine einladende Geste zum Eingang hin. »Treten Sie ein und stärken Sie sich alle erst einmal. Doch als Aperitif habe ich eine, wie ich hoffe, gute Nachricht für Sie alle. Die Schlüssel sind in Sicherheit.«
Gordon stieß einen erstickten Laut aus, der verdächtig an ein Schluchzen erinnerte, wofür er sich zutiefst schämte. »Jinx lebt?«
»Nein, leider nicht«, sagte die schwarzhaarige Schöne an Lady Oliphants Seite. »Aber er hat es auf Nyros’ Anraten bis zu mir nach Cleveland geschafft und mir die Schlüssel anvertraut. Wir waren gerade dabei, Kontakt zu Hekate aufzunehmen, um ihr die Schlüssel zurückzugeben. Sollte uns das nicht gelingen, deponieren wir die Schlüssel hier im Institut, wo keiner an sie herankommt. Da die Sache deinen Clan betrifft, solltest du als sein Anführer dabei sein, Gordon. Ich bin übrigens Sam Tyler.«
Ehe er sich versah, hatte sie ihn am Arm gepackt. Im nächsten Moment stand er unter einem Weidenbaum, zu dessen Fuß in einer Feuerschale ein duftendes Feuer brannte. Davor stand Nyros und fächelte dem Feuer mit einem Wedel aus duftenden Zweigen Luft zu.
»Nyros!« Gordon warf sich dem Satyr ganz unmännlich in die Arme. Da keiner seiner Leute in der Nähe war und diese Demonstration von Schwäche sehen konnte, gab er seinem Bedürfnis nach, sich wenigstens für ein paar kostbare Augenblicke auf eine starke Schulter stützen und alle Verantwortung ablegen zu können.
»Gordon, mein Junge!« Nyros drückte ihn innig an sich. »Du lebst! Und du hast die richtige Entscheidung getroffen, hierher zu kommen. Hier bist du in Sicherheit. Wie viele von euch konnten sich retten?«
»Sieben. Wir sind nur noch sieben.«
Gordon konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen kamen, die kristallisierten, zu Diamanten wurden und ins Gras unter dem Baum fielen. Es dauerte lange, bis er sich wieder gefangen hatte. Nyros tröstete ihn und versicherte ihm immer wieder, dass er und sein Clan hier in Sicherheit waren und alles gut werden würde.
»Und dafür sollten wir endlich sorgen«, erinnerte Sam Tyler, als Gordon sich endlich ausgeweint hatte. »Je schneller ich die Schlüssel los bin, desto besser.«
Gordon trat zur Seite. Nyros wandte sich dem Feuer zu, streute aus einer kleinen Schale duftende Kräuter hinein und intonierte eine uralte Beschwörung in archaischem Griechisch. Das einzige Wort, das Gordon davon verstand, war Hekates Name.
Ein Windstoß fegte über das Feuer und die Flamme änderte ihre Farbe. Statt rötlichgelb begann sie nun silberfarben zu leuchten. Eine starke Macht ballte sich um das Feuer zusammen und legte sich um den Baum und den Kreuzweg und hüllte die drei Wesen ein, die vor dem Feuer standen. Sekunden später manifestierte sich die Gestalt einer Frau zwischen dem Feuer und dem Baum und Hekate stand leibhaftig vor ihnen. Gordon und auch Nyros ließen sich demütig auf die Knie nieder. Sam neigte nur leicht den Kopf, blieb aber stehen.
»Es ist lange her, dass ich mit diesem Ritual angerufen wurde.« Ihre Stimme, obwohl nicht laut, klang so kraftvoll, dass die Luft davon vibrierte. »Und es ist noch länger her, dass ich nicht gerufen wurde, um Menschen einen Wunsch zu erfüllen.« Sie blickte von einem zum anderen. »Und noch niemals haben mich ein Satyr, eine Dämonin und ein Gargoyle gemeinsam angerufen. Oder mir Gargoyletränen als Geschenk gegeben.« Sie hob ein paar der Diamanten auf, die Gordon geweint hatte.
»Tja, die Zeiten haben sich geändert. Man nennt das heute Globalisierung.«
»Samala«, rügte Nyros wispernd ihren Mangel an Demut.
Sam streckte ungerührt die Hand aus und hielt im nächsten Augenblick die drei Schlüssel darin, die sie Hekate hinhielt. »Ich glaube, die gehören dir. Und es ist höchste Zeit, dass du sie wieder an dich nimmst.«
Die Schlüssel verschwanden aus Sams Hand und erschienen in Hekates. »Ist dir bewusst, Tai’Samala, welche Tore diese Schlüssel öffnen?«
»Einer davon das Tor zum Reich der Toten. Meine kleine Tochter hatte etliche Albträume davon, weil die Gefahr bestand, dass durch diese Schlüssel die Toten in die Welt gelassen werden. Ich empfehle, Göttin, dass du in Zukunft etwas besser darauf aufpasst.«
Sowohl Nyros wie auch Gordon zuckten bei dieser Unverschämtheit zusammen. Hekate drohte Sam mit dem Finger.
»Tai’Samala, hüte deine Zunge. Auch die Tatsache, dass du bei der Großen Entscheidung eine wichtige Rolle spielst, gibt dir keinen Freibrief, mir gegenüber respektlos zu sein.«
»Oh, ich spiele eine wichtige Rolle? Interessant. Hättest du vielleicht die Güte, mir zu sagen welche? Noch besser wäre natürlich, wenn du mir offenbarst, wer der Champion des Lichts ist, auf den ich wohl einen gravierenden Einfluss haben werde.« Sie blickte die Göttin fragend an.
»Den hast du. Doch alles Weitere wird dir rechtzeitig offenbart werden.« Hekate schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab und wandte sich an Gordon. »Dein Clan, Gordon Stronghide, hat mir bewundernswerte Loyalität erwiesen. Ihr werdet dafür belohnt werden, wenn die Zeit gekommen ist. Dein Clan wird wieder wachsen und gedeihen und bestehen bleiben, solange diese Welt existiert.«
Gordon verneigte sich tief. »Die Shadowwings ...«
»Um die müsst ihr euch nie wieder Sorgen machen. Ich habe die, die noch leben, vergessen lassen, dass es diese Schlüssel gibt und was man mit ihnen tun kann.« Sie blickte Sam wieder an. »Der zweite öffnet die Dimension der Götter, und der dritte zeigt dem, der ihn benutzt, den Weg zu Glück auf Erden. Hättest du mir die Schlüssel zurückgegeben, Tai’Samala, wenn du das gewusst hättest?«
Sam zuckte mit den Schultern. »Was sollte ich wohl im Reich der Götter wollen? Ich bin Dämonin und gehöre dort nicht hin. Und was das Glück auf Erden betrifft, so bin ich gegenwärtig so glücklich, dass es kaum noch ein größeres Glück geben könnte. Also ja, ich hätte sie dir in jedem Fall zurückgegeben.«
Hekate blickte Sam nachdenklich an. »Eines Tages, Tai’Samala, wirst du diesen Schlüssel dennoch brauchen.« Sie hielt den hoch, der Glück auf Erden verschaffte. »Wenn es soweit ist, kannst du ihn dir jederzeit ausborgen.« Sie wandte sich an Nyros. »Und du, mein tapferer Satyr, wähle deinen nächsten Schritt weise. Denn ich habe dich dazu ausersehen, in ein paar Jahren diejenige, die meine Priesterin werden wird, zu lehren, was sie dazu wissen muss.«
Die Göttin wartete eine Antwort nicht ab, sondern verschwand.
Sam schüttelte den Kopf. »Immer diese kryptischen Bemerkungen. Darin sind alle Götter und ihre Boten gleich.« Sie klopfte Nyros auf die Schulter. »Sobald du weißt, wohin du ziehen möchtest, lass es mich wissen. Ich sorge in der Zwischenzeit dafür, dass die Sachen in deiner Höhle unangetastet bleiben.«
»Danke, Samala.«
Sam nickte ihm und Gordon zu und verschwand. Der junge Gargoyle starrte nachdenklich auf die Stelle, an der sie gestanden hatte.
»Ist sie wirklich eine Dämonin?«
»Ja. Trotzdem würde ich ihr jederzeit mein Leben und meine Seele anvertrauen.« Nyros legte den Arm um Gordons Schultern. »Komm, mein Junge. Teilen wir deinem Clan die gute Nachricht mit.«
Gordon nickte. »Ob Lady Oliphant erlaubt, dass ich hier zur Schule gehe?«
Nyros lächelte. »Da bin ich sehr zuversichtlich.«

Lady Sybilla konnte nicht schlafen. Das lag jedoch keineswegs daran, dass vor wenigen Stunden eine Schlacht der Gargoyles vor dem Institut stattgefunden hatte und sieben von ihnen jetzt hier ebenso residierten wie der Satyr Nyros. Doch um eben den kreisten unaufhörlich ihre Gedanken. Irgendetwas an ihm faszinierte sie. Sie hatte das Gefühl, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab, die sich ihrem Verständnis entzog. Als würde sie ihn schon eine Ewigkeit kennen. Auch ihre magischen Kräfte hatten ihr den Grund dafür nicht offenbaren können.
Bevor sie sich aber weiter schlaflos im Bett wälzte, hatte sie beschlossen, sich ein Buch aus der Bibliothek zu holen und ein bisschen zu lesen, um sich abzulenken. Die Bibliothek enthielt nicht nur Fachliteratur, sondern auch Belletristik, und Sybilla hatte Appetit auf einen richtig schnulzigen, kitschigen Liebesroman, der so realitätsfremd war, dass sie lange, bevor sie ihn ausgelesen hatte, wieder froh war, sich realen Problemen widmen zu können.
Als sie die Bibliothek betrat, stellte sie fest, dass in einer der Lesenischen Licht brannte. Da es inzwischen nach Mitternacht war, fragte sie sich, wer wohl mal wieder vergessen hatte, das Licht auszuschalten. Als sie die Leseecke erreicht hatte, sah sie Nyros. Der Satyr saß wie ein Mensch auf der Couch und war so in ein Buch vertieft, dass er ihre Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck entspannter Aufmerksamkeit. Außer seinem Fell trug er nichts. Das gestattete ihr, die wohlproportionierten Muskeln seines Oberkörpers zu bewundern. Betrachtete man nur den und sah man von den Hörnern ab, die aus seiner Stirn wuchsen, wirkte er wie ein normaler Mann. Ein überaus gutaussehender und auch anziehender Mann.
Sybilla seufzte leise. Ihre Arbeit als Chefin der Wächter ließ ihr nur selten Zeit für ein Privatleben. Eine feste Beziehung gehörte zu den Dingen, die auf der Strecke geblieben waren, seit sie sich vor über vierhundert Jahren von dem Vampir Gwynal getrennt hatte. Ganz abgesehen davon, dass ihr der dazu passende Partner für eine feste Beziehung fehlte. Natürlich lebte sie nicht im Zölibat; doch Sex allein befriedigte zwar den Körper, machte aber die Seele nicht glücklich. Ganz davon abgesehen, dass eine dauerhafte Partnerschaft auch daran scheiterte, dass Sybilla infolge der unvorhergesehenen Nebenwirkungen eines Heilungszaubers, der mehr »geheilt« hatte, als er sollte, unsterblich war. Ein Fluch, der sich nicht mehr rückgängig machen ließ.
Nyros musste ihr Seufzen gehört haben, denn es blickte auf und sah sie. Augenblicklich sprang er von der Couch.
»Verzeihen Sie, Nyros ...«
»Ich bitte um Entschuldigung, Lady Sybilla ...«
Beide unterbrachen sich und mussten lachten. Die Augen des Satyrs funkelten belustigt.
»Ich wollte Sie nicht stören. Ich sah hier Licht und dachte, dass jemand es vergessen hätte auszuschalten.«
»Sie stören in keiner Weise, Lady Sybilla.«
Seine Stimme klang voll und tief und hatte ein Timbre, das Sybilla beinahe wie ein verbales Streicheln vorkam.
»Ist es Ihnen überhaupt recht, dass ich die Bibliothek benutze?« Er umfasste die Regale mit einer Handbewegung. »Diese Schätze des Wissens, die Sie hier haben – wundervoll.« Er hob das Buch, in dem er gelesen hatte. »Strabons Geographica. Ich habe allerdings festgestellt, dass es ein paar Übersetzungsfehler enthält.« Er lächelte. »Ich habe eine Ausgabe des Gesamtwerkes in meiner Höhle.« Ein Schatten flog über sein Gesicht. »Ich hoffe zumindest, dass die Bücher noch dort sind.« Sein Gesicht erhellte sich. »Falls dem so ist, könnte ich Ihnen zum Dank für Ihre Gastfreundschaft eine korrekte Übersetzung anfertigen.«
»Dafür ist kein Dank erforderlich. Können wir irgendetwas tun, um Ihnen zu helfen? Hinsichtlich eines neuen Domizils zum Beispiel. In Ihr altes können Sie wohl nicht mehr zurück, nachdem es jetzt einigen Menschen bekannt ist. Oder können wir in anderer Form etwas für Sie tun?«
Er legte das Buch mit einer beinahe liebevollen Geste auf den Tisch und trat zu Sybilla. Er nahm ihre Hand und legte die andere Hand darüber, ehe er sich leicht verbeugte. »Wenn ich weiterhin die Bibliothek benutzen darf, solange ich hier bin, wäre mir das eine große Freude.«
»Aber natürlich gern.«
Seine Berührung fühlte sich warm und gut an. Mehr als gut. Sybilla hatte das Gefühl, als elektrisiere sie sie. Sie senkte den Blick und stellte fest, dass das offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Aus dem dichten Fell zwischen seinen Beinen ragte Nyros’ Glied prall hervor. Kein Wunder. Er war ein Satyr und sie eine Frau. Natürlich begehrte er sie wie jedes andere weibliche Wesen. Dennoch ...
Nyros trat näher, zog ihre Hand an die Lippen und drückte einen zarten Kuss darauf. Sybilla sog scharf die Luft ein, als er anschließend seinen Atem über die geküsste Stelle blies. Er sah sie sehnsüchtig und hoffnungsvoll an, unternahm aber keinen weiteren Versuch, sie zu verführen.
Sybilla schluckte und wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Sein Angebot war verlockend. Andererseits war er ein Satyr, dem Sex nichts bedeutete außer der Befriedigung seiner Lust. Und Sybilla hatte schon immer auch eine geistige Beziehung zu ihrem Partner gebraucht, bevor sie sich auf ein Sexabenteuer einließ.
Nyros ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Die Hoffnung in seinen Augen erlosch. Sybilla empfand unerklärlicherweise ein so tiefes Bedauern, als wäre sie selbst gerade zurückgewiesen worden. Spontan legte sie ihm die Hand auf den Arm. Bevor sie etwas sagen konnte, legte er die Arme um sie und zog sie an sich. Sie fühlte sein hartes Glied zucken und erwartete, dass er unverzüglich beginnen würde, sie auszuziehen. Doch er hielt sie nur und sah ihr lange in die Augen.
»Du bist etwas so Besonderes«, wisperte er und strich ihr mit den Fingerspitzen über das Gesicht.
Sie imitierte seine Geste. »Das bist du auch.« Das war er in mehr als einer Hinsicht. Ehe sie sich versah, folgte sie ihrem Gefühl und vor allem dem Verlangen ihres Körpers und küsste ihn.
Nyros erwiderte ihren Kuss in einer Weise, wie Sybilla noch nie geküsst worden war und die sie ganz bestimmt keinem lüsternen Satyr zugetraut hätte. Sanft und doch so leidenschaftlich, dass er Sybilla damit ansteckte. Ihr Verstand versuchte zwar, sie davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee war, sich mit einem Satyr einzulassen; Sex bedeutete ihm ungefähr so viel wie einem Inkubus, und Nyros würde in ein paar Tagen das Institut für immer verlassen. Dennoch wollte sie ihn. Und zum Teufel mit dem, was später kam.
Nyros hob sie auf seine Arme, als wöge sie nicht mehr als eine Feder. »Wo?«
»Mein Appartement.« Ihre Stimme war nur ein Hauch.
Er trug sie aus der Bibliothek und Sybilla wies ihm den Weg, froh darüber, dass es mitten in der Nacht war und die meisten Bewohner des Instituts schliefen. Sie wollte nicht unbedingt dabei ertappt werden, wie sie auf den Armen eines Satyrs auf dem Weg in ihr Zimmer war. Jeder hätte sofort gewusst, dass sie dort keine Lagebesprechung abhalten würden. Und auf ihren guten Ruf bedacht zu sein, war ein ihr noch aus ihrer Zeit als Mitglied eines schottischen Adelshauses in Fleisch und Blut übergegangenes Bedürfnis.
Doch niemand begegnete ihnen. Nyros setzte sie in ihrem Wohnzimmer ab und blickte sie erwartungsvoll an. Sanft strich er eine Strähne ihres kupferroten Haares hinter das Ohr und streichelte dabei mit dem Daumen ihr Gesicht.
»Nur wenn du mich wirklich willst«, wisperte er.
Sybilla war sich sicher, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie einen Mann so sehr gewollt hatte wie ihn. Nicht einmal Gwynal. Was war nur mit ihr los? Sie nickte und sah sich um. Nyros war ein Satyr mit den typischen Ziegenbeinen seiner Art. Da war ein herkömmliches Bett wohl nicht das Richtige. Vor dem Kamin lag ein Flokatiteppich. Ein Feuerzauber setzte das Holz darin in Brand. Nyros seufzte behaglich, hob sie noch einmal schwungvoll auf die Arme und ließ sie gleich darauf auf den flauschigen Teppich gleiten. Mit einer Anmut, die sie ihm nicht zugetraut hatte, legte er sich neben sie und strich ihr so zart über das Gesicht, dass es kitzelte. Im nächsten Moment küsste er sie.
Sybilla drängte sich an ihn und schmiegte sich in seine Umarmung, ließ sich von ihm streicheln, erwiderte seine Zärtlichkeiten und genoss die Berührung seiner warmen Haut, die sich überraschend seidig anfühlte. Das Spiel der starken Muskeln darunter erregte sie zusätzlich, ebenso der moschusartige Duft seines Fells. Mit geübten Fingern knöpfte er ihre Bluse auf und streifte sie von ihren Schultern. Sybilla hatte das Gefühl, dass die Blicke, mit denen er beinahe andächtig ihren nackten Oberkörper bewunderte, feurige Bahnen über ihre Haut zogen.
Das tat gleich darauf seine Zunge, als er ihr von der Kehle bis zum Bauchnabel und wieder zurück über die Haut leckte, ehe er den Mund um ihren Nippel schloss und daran saugte. Sybilla bäumte sich wimmernd auf. Er drückte sie an sich, blickte sie lächelnd aus funkelnden Augen an und wiederholte dasselbe mit ihrer anderen Brust. Sie schlang die Arme um ihn. Er öffnete geschickt den Reißverschluss ihres Rockes und streifte ihn ihr von den Hüften. Sekunden später auch den Slip. Mit einer lässigen Bewegung kickte er die Kleidung zur Seite. Er hob Sybilla an den Hüften hoch, kniete vor ihr nieder und küsste ihr Geschlecht.
Sie stieß einen leisen Schrei aus und vergrub die Hände in seinem Haar. Er gluckste amüsiert und fuhr fort, sie zu lecken, bis sie sich unter seinen Händen wand und es kaum noch aushielt. Er drehte sie herum, sodass sie ihm den Rücken zuwandte. Sie beugte sich nach vorn. Im nächsten Moment spürte sie die Spitze seines Schafts zwischen ihren Schenkeln, die langsam ihre Spalte entlang glitt und zielsicher in ihren Körper eintauchte.
Sybilla schrie, nein brüllte ihre Lust hinaus und war nicht zum ersten Mal dankbar für die sowohl profane wie auch magische Schallisolation aller Appartements der Wächter. Andernfalls hätte man ihre Lustschreie im halben Haus gehört. Sie hatte noch nie zuvor etwas so Köstliches erlebt oder einen Mann mit einem so großen und harten Glied gehabt. Nyros’ Stoß war beinahe schmerzhaft. Aber eben nur beinahe. Und er genügte bereits, um in ihrem Schoß einen so heftigen Orgasmus explodieren zu lassen, der alles in den Schatten stellte, was sie bisher erlebt hatte. Sie presste sich an ihn und hatte das Gefühl, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren, während er mit der Zunge ihren Rücken entlang fuhr, ihre Taille umfasste und sich in sie presste.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis die Ekstase ein wenig nachließ. Nur ein wenig, denn Nyros war noch lange nicht fertig mit ihr. Er zog sich aus ihr zurück, drehte sie zu sich herum und bettete sie auf den Flokati. Andächtig kniete er sich zwischen ihre Schenkel, streichelte ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Hüften und küsste ihre angewinkelten Knie, ehe er sich auf sie legte und mit einem sanften Stoß erneut in sie eindrang.
Sybilla schrie wieder, krallte die Hände in seine Schultern und klammerte sich an ihn, während er sie abwechselnd mit sanften und heftigen Stößen stimulierte, bis sie zu einem neuen Höhepunkt kam, der sie schüttelte. Mit einem erlösenden Schrei kam auch Nyros. Als wären sie durch eine geheime Magie verbunden, spürte Sybilla seine Ekstase, als würde sie sie selbst empfinden, ein Gefühl absoluter Glückseligkeit, das sie noch nie zuvor erfahren hatte. Es hielt so lange an, dass es beinahe schmerzte und ihr die Tränen in die Augen trieb.
Nyros kostete es bis zur Neige aus und zog sich erst aus ihr zurück, als auch der letzte Rest verklungen war. Er legte sich neben sie, seine Hand auf ihren Bauch, und seine Augen strahlten.
Sybilla rannen Tränen über die Wange. Er küsste sie zärtlich weg. Schließlich stützte er sich auf dem Ellenbogen auf, den Kopf in die Hand und blickte sie lächelnd an, während er mit einem Finger ihr Gesicht streichelte. Sie ertappte sich bei dem brennenden Wunsch, dass er bleiben möge. Für immer und ewig. Dass er sie nie wieder verließ und ihr der Gefährte sein würde, den sie ihr Leben lang vergeblich gesucht hatte.
Doch das war unmöglich. Er war ein Satyr, der die Wildnis brauchte, die Natur um sich herum und die grenzenlose Freiheit, die nur die ihm geben konnte. Davon abgesehen konnte sie von ihm kaum erwarten, dass er – falls er dennoch geblieben wäre – sich an sie gebunden hätte und bildlich gesprochen nicht mehr jeden Rockzipfel gelüftet hätte, dessen Trägerin das zuließ. Einer einzigen Frau treu zu sein widersprach der Natur eines Satyrs. Sybilla begann zu ahnen, wie Sams Partner Nick sich fühlen musste mit dem Bewusstsein, dass er nie der einzige Mann in ihrem Leben sein würde.
Sie schob die düsteren Gedanken beiseite. Jetzt war jetzt. Alles andere zählte im Moment nicht. Sie schmiegte sich in Nyros’ Arme, schloss die Augen und gab sich ihrem Traum hin, genoss, dass Nyros sie hielt wie etwas Kostbares und ihre Schulter streichelte.
Sie legte die Arme um ihn und fühlte sich entspannt und glücklich und merkte kaum, dass sie schließlich mit dem Kopf auf seiner Schulter einschlief.

Sam durchschritt den Schutzschild des Lotos Instituts und musste nicht einmal ihre magischen Sinne bemühen, um zu erkennen, wo sich Nyros aufhielt, der sie vor einer Stunde angerufen und gebeten hatte, sich hier mit ihr zu treffen. Nach einer Woche im Institut hatte er jetzt wohl eine Entscheidung über seine Zukunft getroffen. Sie hörte sein Flötenspiel aus dem Park und sprang dorthin.
Nyros saß unter dem alten Weidenbaum. Um ihn herum hatten sich etliche Kinder und Jugendliche versammelt, die im hauseigenen Internat wohnten. Auch ein paar Lehrkräfte, Wächter und Leute aus der Verwaltung hatten sich ins Gras gesetzt und lauschten sichtbar verzückt und ergriffen seiner Musik.
Als er sein Spiel beendete, erntete er nicht nur intensiven Applaus, sondern auch die vielfache Bitte um eine Zugabe. Er winkte ab.
»Ein andern Mal. Darf ich darum bitten, mich jetzt allein zu lassen? Ich muss privat etwas mit Miss Tyler besprechen.« Er deutete auf Sam.
Die Menge zerstreute sich augenblicklich. Nyros blickte den Menschen und Anderswesen unter ihnen sehnsüchtig nach. Sam setzte sich neben ihn ins Gras.
»Warum so ein trauriges Gesicht, alter Freund?«
»Weil ich traurig bin, Samala. Es ist schön hier. Damit meine ich nicht nur diesen Park. Es sind die Leute, die hier leben. Sie akzeptieren mich. Sie achten mich und sind respektvoll. Kein Einziger sieht mich an, als wäre ich ein Tier. Oder ein lüsternes Monster, das nur Sex im Kopf hat.«
»Hast du in der Tat nicht.«
Sie warf einen anzüglichen Blick auf seine Körpermitte. Seit sie sich kannten, hatte allein ihr Anblick ausgereicht, seine Lust zu wecken. Jetzt blieb sein Glied schlaff und verborgen im Fell seines Unterleibes.
»Aber wo ist das Problem, Nyros?«
Er blickte sie gequält an. »Du weißt, dass ich hier nicht bleiben kann. Ich brauche Wald um mich, Tiere, den Duft von Gras und Blumen im Sommer und Schnee im Winter. Ich brauche Weite, in der ich mit dem Wild laufen kann und ...« Er unterbrach sich und seufzte tief. »Das gibt es hier nicht.«
»Der Pike National Forest ist nicht allzu weit entfernt. Ich könnte dir dort einen sicheren Ort schaffen. Ich bin mir sicher, dass der Fahrdienst des Instituts dich jederzeit gern abholt, wenn du mal wieder unter Menschen sein willst. Das dürfte kein Problem sein.«
Nyros blickte die Hausfassade empor zu einem Fenster, auf dessen Scheibe bunte Schmetterlinge klebten. »Aber sie ist nicht dort.«
Sam folgte seinem Blick und erkannte, dass er auf ein Fenster von Lady Sybillas Appartement blickte. Das erklärte ihr schlagartig, warum er keine Lust auf seine bevorzugte Sukkubus-Freundin hatte.
»Nyros, ich glaube es nicht! Du hast dich verliebt? Du?«
Er senkte den Blick und drehte verlegen den Kopf von einer Seite zur anderen. Schließlich sah er Sam wieder an. Kaum zu glauben, aber sein Gesichtsausdruck war noch leidvoller geworden. »Ich habe es dir nie erzählt, Samala. Ich habe es niemandem erzählt, weil es so schmerzhaft für mich ist. Auch nach zwei Jahrtausenden. Ich bin – wir sind verflucht.«
»Wer ist ‚wir’?«
»Chrysantha und ich. Sie war eine Sibylla, eine Seherin im Dienst Apollons. Als solche hatte sie damals enthaltsam zu leben. Sie war so schön und so ...« Er zuckte mit den Schultern. »Sieh Sybilla an, dann weißt du, wie sie ausgesehen hat. Nur ihr Haar war schwarz wie Rabenflügel.«
»Du glaubst, dass deine Chrysantha in Sybilla wiedergeboren wurde?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube es nicht, Samala. Ich weiß, dass sie es ist. Sie spürt das auch, obwohl sie sich nicht bewusst an mich – an uns erinnern kann.« Er seufzte tief. »Es war alles meine Schuld. Ich wollte sie, weil sie so schön war und habe sie verführt. Doch die Art, wie sie sich mir hingegeben hat – nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrer Seele ...« Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich in sie verliebt und sie sich auch in mich. Und es war uns beiden egal, dass sie meinetwegen ihre Keuschheitsgelübde gebrochen hat. Wir dachten, wir könnten unsere Liebe geheimhalten. Doch vor einem Gott kann man sich auf die Dauer nicht verstecken.«
Sam ahnte, wie die traurige Geschichte weitergegangen war.
»Chrysantha wurde vor meinen Augen hingerichtet. Sie starb mit meinem Namen auf ihren Lippen und der Beteuerung, dass sie mich in Ewigkeit lieben würde.« Eine Träne rann über seine Wange. »Mich hat Apollon verflucht, dass ich jeder Frau Unglück und Leid bringen werde, die ich liebe. Das ist ein Grund, warum ich die meiste Zeit meines Lebens fern von Menschen im Wald bin. Nicht nur aus Respekt vor der Erinnerung an Chrysantha, die meinetwegen sterben musste, wollte ich mich nie wieder verlieben. Genau genommen habe ich mich jetzt nicht wieder verliebt. Ich liebe immer noch dieselbe Frau wie damals. Nur heißt sie heute Sybilla.«
Er blickte Sam eindringlich an. »Sie ist etwas so Besonderes, Samala. Sie ist wunderbar. Sie ist ...« Er seufzte und sah wieder zu Sybillas Fenster hinauf. Unvermittelt packte er Sams Hände. »Ich will bei ihr bleiben. Ich will hier bleiben. Nicht nur ihretwegen. Ich könnte eine Aufgabe übernehmen, Lehrer sein. Mein immenses Wissen weitergeben und unter Menschen leben, die mich weder fürchten noch verachten noch für was auch immer missbrauchen. Aber ohne Wildnis und Wald kann ich nicht leben. Und wenn ich es könnte und bliebe, würde ich ihr gemäß dem Fluch Unglück oder sogar den Tod bringen.« Er ließ sie los und blickte traurig zu Boden.
Sam legte die Hand gegen seine Wange und zwang ihn, sie anzusehen. »Bevor du dir das Herz brichst, mein Freund, habe ich ein Geschenk für dich, das dein Problem löst. Vorausgesetzt du willst wirklich hier blieben und Sybilla ist damit einverstanden.« Sie nahm seine Hand und sprang mit ihm direkt in Lady Sybillas Büro.
Die Hexe lächelte für einen Moment bei seinem Anblick. Dann wurde ihr Gesicht bekümmert. »Ich nehme an, es ist Zeit für den Abschied.«
Falls Sam Zweifel gehabt haben sollte, wie es um Nyros und Sybilla stand, wurde der jetzt beseitigt. Sie fühlte eine heftige Welle von Liebe in ihm aufbranden und eine ebensolche Welle gepaart mit Schmerz über die bevorstehende Trennung in Sybilla.
»Darüber wollten wir mit dir reden, Sybilla. Ich denke, ich sage dir nichts Neues damit, dass Nyros gern hierbleiben würde.«
»Er ist hier willkommen, und das weiß er.«
Er ging zu ihr, nahm ihre Hände und drückte zärtliche Küsse darauf.
»Dann ist ja alles geklärt«, meinte Sam, bevor einer von ihnen etwas sagen konnte. »Ich brauche nur noch deine Erlaubnis, Sybilla, Nyros’ Zimmer magisch für seine Bedürfnisse herzurichten.«
Beide sahen sie verständnislos an. Sam grinste.
»Ich baue an dein Zimmer eine magische Weltentasche an, in der ich ein Habitat für dich erschaffe, wie du es haben willst. So groß und mit so viel Wald, Wiesen und Tieren, wie du nur willst. Einschließlich Moskitos, falls du auf denen bestehst. Im Gegenzug dafür«, sie blickte Sybilla an, »erwarte ich, dass er hier gut behandelt wird.«
»Das wird er, Sam. Darauf gebe ich dir mein Wort.« Sie blickte Nyros an. »Du willst wirklich bleiben?«
Er blickte sie sehnsüchtig an, ehe er sich an Sam wandte. »Aber was ist mit dem Fluch?«
»Was für ein Fluch?« Sybilla sah von einem zur anderen.
Nyros erklärte es ihr. Sybilla schien nicht überrascht.
»Das ist es also.« Sie nickte. »Ich habe so etwas geahnt. Du warst mir von Anfang an so vertraut, so ...« Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen schossen. »Aber ...«
»Stopp!«, unterbrach Sam. »Das mit dem Fluch werde ich regeln.«
»Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte, Samala.« Nyros nahm Sybilla in die Arme und sah Sam leidvoll an.
Sam grinste verschmitzt. »Aber Nyros! Du hast doch mitbekommen, dass ich bei Hekate quasi einen Wunsch frei habe hinsichtlich Glück auf Erden. Nach allem, was ich über sie gehört habe – falls die alten Mythen stimmen – war sie schon immer mächtiger als Apollon. Selbst wenn der euch immer noch grollen sollte, wird er nichts tun können, wenn Hekate euch schützt.«
Beide sahen einander hoffnungsvoll an.
»Aber Hekate hat dir diesen Wunsch gewährt, Samala, nicht uns.«
»Sie hat aber nicht bestimmt, dass ich den für mich verwenden muss
»Sam, du ...«
»Still, Sybilla. Seit ich mit Nick glücklich bin, weiß ich, wie wichtig Liebe für alle Wesen ist, die sie empfinden können. Eure hat über zwei Jahrtausende überdauert. Ihr solltet sie endlich in vollem Umfang erfüllen können. Ohne Angst und schlechtes Gewissen. Und sollte sich Hekate wider Erwarten querstellen, so habe ich noch ein paar andere Optionen, mit denen ich den Fluch brechen kann.«
»Den Fluch eines Gottes?« Sybilla sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
Sam nickte. Was bei Ronan Kerry gewirkt hätte, wenn er ihr erlaubt hätte, ihm auf diese Weise zu helfen und den Fluch der Göttin Macha zu brechen9, würde mit Sicherheit auch bei Nyros wirken. Und der Satyr war nicht wie Ronan von Todessehnsucht erfüllt, sondern von Liebe. Er würde alles für sein und Sybillas Glück tun, alles auf sich nehmen, wenn er dadurch mit ihr zusammensein konnte.
»Ja, Sybilla, das kann ich. Und ich hoffe, du fängst jetzt nicht wieder an, mir wegen dieser Macht zu misstrauen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich besitze sie nun mal. Also warum soll ich sie nicht benutzen, um zwei meiner besten Freunde zu helfen?«
Sybilla umarmte Sam. »Danke, Sam.« Sie blickte Nyros an. »Du bleibst also?«
Er drückte sie an sich. »Wenn du mich bei dir haben willst, Sybilla. Nur dann.«
»Ja!« Und der Kuss, den sie ihm auf die Lippen drückte, bestätigte ihm mehr als alle Worte, wie ernst es ihr damit war.
»Dann«, er blickte Sam an, »lass uns an die Arbeit gehen.«
Seine Augen leuchteten ebenso wie Sybillas. Die Traurigkeit war vollständig von ihnen abgefallen und hatte einem Glück Platz gemacht, das Sam so intensiv noch nie von Nyros gefühlt hatte. Erst recht nicht von Sybilla.
Sie nahm seine Hand, sprang mit ihm in sein Zimmer und begann, in der hinteren Wand eine perfekte Imitation des Yosemite Parks zu schaffen, einschließlich der Höhle, in der Nyros gelebt hatte. Sie holte mit einem Bringzauber auch seine noch dort befindlichen persönlichen Dinge. Zu seiner großen Freude waren seine geliebten Bücher vollzählig erhalten. Die Gegenstände, die Hancocks Gruppe zerbrochen hatte, als sie Nyros entführten, ersetzte sie.
Keine zwei Stunden später rannte ein glücklicher Satyr mit einem Rudel Hirsche um die Wette über die Frühlingswiese.
Sam sprang zu einem abgeschiedenen Ort, an dem sich drei Wege kreuzten und an dem vor Ewigkeiten ein inzwischen längst zerfallener Schrein von Hekate gestanden hatte. Sie imitierte Nyros’ Ritual, rief die Göttin an und musste nicht lange warten.
»Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wiederzusehen, Tai’Samala.«
Sam schnitt eine Grimasse. »Erzähl mir doch nichts. Du, die Göttin unter anderem der Weissagung, hast das doch garantiert schon lange gewusst.«
Hekate drohte Sam mit dem Finger. »Ein bisschen respektvoller solltest du mir gegenüber schon sein.«
Sam neigte den Kopf. »Ich bitte dich um den Schlüssel.«
Die Göttin hielt ihn augenblicklich in der Hand. »Dir ist aber bewusst, dass du ihn nur ein einziges Mal benutzen kannst.«
»Ja. Und wenn er, vielmehr das, was ich mit ihm erlangen kann, bewirkt, dass Nyros und Sybilla von Apollons Fluch für alle Zeiten befreit sind, dann ist es das wert. Ich brauche ihn nicht. Die beiden schon.«
»Du wirst ihn in der Zukunft brauchen.«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass die Zukunft viele verschiedene Varianten hat. Was in diesem Moment sicher ist, kann sich schon in der nächsten Sekunde ändern. Ich gehe das Risiko ein, Hekate. Immerhin hat Nyros mir geholfen, dir die Schlüssel zurückzugeben. Ich habe ihm versprochen, dass ich den Fluch beende, und das werde ich tun.«
Hekate blickte sie eindringlich an. Sam fühlte diesen Blick bis auf den Grund ihrer Seele dringen. Obwohl sie sich dem reflexartig verschließen wollte, ließ sie es dennoch zu.
»Du hast richtig gehandelt, Tai’Samala, als du deinen Freund Ronan Kerry in den Tod gehen ließest, den er selbst gewählt hat. Es war von Anfang an vorherbestimmt, dass Abby bei dir aufwächst. Warum, das wirst du erkennen, wenn sich ihre magischen Kräfte entwickeln. Und was immer kommen wird, dein inneres Licht wird dich leiten.«
Sam seufzte. »Du weißt bestimmt auch, woher dieser ‚Webfehler’ bei mir kommt.«
»Oh ja.« Hekate lächelte. »Das wird dir offenbart werden am Tag der Großen Entscheidung. Und das ist ein Fixpunkt in der Zukunft, den nichts außer deinem Tod verhindern könnte. Bis zum Tag der nächsten Sonnenfinsternis wirst du dich also gedulden müssen.« Sie ließ den Schlüssel verschwinden und hob abwehrend die Hand, als Sam protestieren wollte. »Apollons Fluch über Nyros und Sybilla war bereits von dem Moment an gebrochen, als sie einander wiederbegegnet sind. Sybilla steht schon sehr lange unter meinem persönlichen Schutz.« Sie zwinkerte Sam zu. »Rate, wer ihr diese immensen magischen Kräfte geschenkt hat.«
Natürlich. Das hätte Sam sich eigentlich denken können. »Ich nehme an, du bist auch für den damals überfunktionierenden Heilungszauber verantwortlich, der sie unsterblich gemacht hat.«
Hekate ging nicht darauf ein. »Deshalb habe ich nicht zugelassen, dass Apollon sie und Nyros immer noch mit seinem Zorn verfolgt. Mal ganz abgesehen davon, dass er den Vorfall von damals längst vergessen hat. Aber du weißt, wie Flüche sind. Auch wenn der Verursacher sich nicht mehr an sie erinnert, wirken sie immer noch fort. Nun, dieser wirkt nicht mehr.«
»Ich danke dir, Göttin.« Sam verneigte sich tief.
Hekate lächelte nur und verschwand. Sam kehrte nachdenklich nach Hause zurück.

Cleveland, drei Monate später

Graham druckte den Schlussbericht des letzten Falles aus, an dem er mit Sam und Nick zusammen gearbeitet hatte, heftete ihn in den Order und legte ihn dem als Sekretärin Molly Spring getarnten Dienergeist auf den Tisch, damit sie die Rechnung schrieb. Eigentlich wäre den Bericht zu schreiben Nicks Aufgabe gewesen, da er den Fall geleitet hatte; aber der Werwolf hatte sich wieder einmal auf unbestimmte Zeit in die Wälder zurückgezogen.
Als Graham sich wieder an seinen Schreibtisch setzte, um wie immer, wenn er etwas Leerlauf hatte, im Internet nach Berichten zu suchen, die vielleicht ein Fall für Sams spezielle Talente sein könnten, fiel sein Blick auf den Kalender. 30. Juni. Das eine Jahr plus einem Tag Strafdienst bei der Dämonin war mit dem gestrigen Tag abgelaufen. Falls Gott es mit der Zeit sehr genau nahm, dann lief die Frist in wenigen Minuten aus.
Graham beschlich ein banges Gefühl. Nachdem er sich in den ersten acht Monaten Sam gegenüber ziemlich mies verhalten hatte, indem er sie beschimpfte, mit Hass verfolgte und ihr in Gedanken und Worten ein Unrecht nach dem nächsten getan hatte, würde es ihn nicht wundern, wenn er noch ein paar Monate Verlängerung aufgebrummt bekäme. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er die verdient hätte.
Er warf einen Blick auf Sam, die in ihrem Büro am Fenster stand und hinaussah. Er hätte eine Menge dafür gegeben zu wissen, was sie gerade dachte. Wahrscheinlich trauerte sie wieder einmal um Ronan Kerry. Der Verlust ihres besten Freundes hatte sie tatsächlich derart tief getroffen, wie Graham es ihr nie zugetraut hätte. Da er aber inzwischen begriffen hatte, dass ihre Reaktionen – die positiven wie die negativen – aufrichtig waren und sie die nicht darauf abstimmte, ihn davon zu überzeugen, dass sie zu den Guten gehörte, wusste er, dass sie tatsächlich litt.
Wenn er auch in diesem Punkt ehrlich war, musste er zugeben, dass Sam tatsächlich etwas Menschliches an sich hatte. Was vielleicht daran lag, dass sie schon so lange unter Menschen lebte. Aber sie war und blieb eine Dämonin, obwohl sie zur Liebe fähig und somit ein Wunder Gottes war. Graham hatte zu oft erlebt, wie sie ihre dämonische Seite in einer Weise auslebte, die er niemals gutheißen oder akzeptieren konnte. Auch wenn ihre Nähe ihn nicht mehr mit Abscheu oder Ekel erfüllte, wollte er trotzdem nur schnellstmöglich weg von ihr und sie nie wiedersehen. Allerdings wagte er nicht, Gott um entsprechende Gnade zu bitten. Nicht nach allem, was er Sam in den ersten Monaten angetan hatte.
Er zuckte zusammen, als Molly einen undefinierbaren Laut ausstieß und übergangslos verschwand. Sam drehte sich alarmiert um und kam in den Vorraum. Im nächsten Moment stand ein Mann vor ihnen, dessen Licht von innen heraus so stark leuchtete, dass es Mensch und Dämonin blendete. Gleich darauf dimmte der Engel Sariel es auf ein Maß, dass es zwar noch sehr deutlich spürbar, aber nicht mehr sichtbar war.
»Ich grüße euch«, sagte er lächelnd. Graham sank vor ihm auf die Knie, während Sam stehen blieb und ihn erwartungsvoll ansah. Sariel gebot dem Mönch mit einer Handbewegung, sich zu erheben. »Nun, Graham, die dir auferlegte ursprüngliche Zeit als Sams Diener ist um.«
Graham verspürte grenzenlose Erleichterung, die Sariels nächste Worte jedoch wieder zunichte machten.
»Aber wie wir beide wissen, gibt dein während des überwiegenden Teils dieser Zeit Sam gegenüber gezeigtes Verhalten allen Anlass zum Tadel.«
Graham errötete und wurde gleich darauf blass.
»Nicht der Rede wert«, versicherte Sam hastig. »Ich verzeihe ihm.«
Sariel lachte und drohte ihr mit dem Finger. »Du kannst einen Engel nicht belügen, Sam.«
Sie zuckte mit den Schultern. »War einen Versuch wert.«
»Aber«, wandte er sich wieder an Graham, »deshalb habe ich nun zu entscheiden, ob du tatsächlich genug gelernt hast, dass du in der Lage bist, deine Arbeit als Defensor und Pugnator Lucis wieder so zu erledigen, wie es sein sollte.«
Davon war Graham zwar überzeugt, aber er hatte sich in dieser Hinsicht schon einmal geirrt und beinahe Sam, dieses Wunder Gottes, umgebracht. Deshalb wagte er nicht, Sariel zu versichern, dass dem so war.
»Sage mir, Graham, was du von Sam gelernt hast.«
Der Engel blickte ihn ebenso erwartungsvoll an wie Sam. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war sie der Überzeugung, dass das nicht allzu viel sein konnte.
»Ich habe gelernt, dass ich ein zu geringer Mensch bin, um auch nur zu ahnen, welche Gottes Pläne mit uns sind und speziell mit Sam.« Er machte eine kurze Pause. »Durch die Arbeit mit ihr habe ich begriffen, dass es auch unter Dämonen Leute gibt, die zu Gutem fähig sind und dass ich jedes Wesen als Individuum beurteilen muss und nicht verurteilen darf, nur weil es zu einer bestimmten Spezies gehört. Außerdem habe ich eine schon lange überfällige Lektion in Demut erhalten. Sie war schmerzhaft, aber notwendig, und ich bin dankbar, dass ich sie erhalten habe. Ich war arrogant, selbstgerecht und deshalb sehr ungerecht. Aber durch den Einblick, den ich dank Sam in die magische Gemeinschaft erhalten habe, glaube ich – nein, bin ich mir sicher, dass ich diese Form von Überheblichkeit vollständig überwunden habe.«
Sariel blickte ihn eine Weile stumm an, ehe er sich Sam zuwandte. »Und du, Sam? Was hast du von Graham gelernt?«
Graham war sich sicher, dass die Dämonin vehement abstreiten würde, irgendetwas von ihm gelernt zu haben. Abgesehen davon, dass er selbst Sariels Frage auch nicht hätte beantworten können.
»Ich glaube«, antwortete sie zu seiner Überraschung, »dass ich die Menschen dank seiner jetzt erheblich besser verstehe. Obwohl ich immer noch weit davon entfernt bin, sie wirklich zu verstehen. Wenn du verstehst, was ich meine.«
Sariel lächelte. »Tröste dich, Sam, das gelingt uns Engeln auch nicht immer. Kaum glauben wir, dass wir sie begreifen, zeigen sie ein Verhalten, das alles, was wir zu wissen glauben, wieder ad absurdum führt. Aber jede gewonnene Erkenntnis ist natürlich wertvoll, ganz gleich wie gering sie sein mag.«
Sam nickte nur, und Sariel blickte sie erwartungsvoll an. Graham fragte sich, worauf der Engel wartete. Dass Sam so viel zugegeben hatte, war erheblich mehr, als er ihr zugetraut hätte. Mehr war von ihr kaum zu erwarten. Doch die Dämonin überraschte ihn ein zweites Mal.
»Außerdem habe ich durch ihn gelernt, dass ich nicht alles tun darf, was ich mit meinen magischen Kräften tun kann. Allerdings werde ich eine Weile brauchen, um für mich die Grenzen zu finden. Auch darf ich einen Menschen nicht heilen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, oder Dinge tun, die ich für richtig halte und die auch objektiv richtig sind, der Betreffende aber trotzdem ablehnt. Anders ausgedrückt«, knurrte sie mit einem finsteren Seitenblick auf den Mönch, »anderen Leuten ihren freien Willen zu lassen und ihre Entscheidungen zu achten, auch wenn ich anderer Ansicht bin.«
Graham blieb vor Überraschung der Mund offen stehen und Sariel lächelte wohlwollend. »Wie ich sehe, habt ihr beide ausgesprochen intensiv von eurer Zusammenarbeit profitiert.«
Sam hob abwehrend die Hände. »Komm bloß nicht auf dumme Gedanken! Ich für meinen Teil hatte genug Profit. Es reicht!«
»Gleichfalls«, stimmte Graham ihr zu und blickte den Engel flehentlich an, ihm um Himmels Willen nicht noch einen Monat oder gar länger bei Sam aufzubürden. Zwar hatten sie einen Waffenstillstand erreicht und gelernt, einander zu respektieren. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass sie einander sympathisch waren. Sam war und blieb eine Dämonin mit einer sehr dunklen Seite, die er niemals akzeptieren konnte.
»Keine Sorge«, beruhigte Sariel sie beide. »Da du, Graham, deine Lektion gelernt hast, und auch du, Sam, könnt ihr wieder getrennte Wege gehen.«
»Gott sei Dank!«
»Amen!«, stimmte Sam inbrünstig zu. »Nichts für ungut, Graham, aber ich bin nicht böse darum, wenn ich dich nie wiedersehen muss.«
»Ebenso.«
Sariel grinste spitzbübisch. »Nun, ihr müsst einander nicht wiedersehen. Aber vielleicht ändert ihr eure Meinung eines Tages.«
»Eher friert die Hölle zu«, war Graham überzeugt.
»Wenn Luzifer Mönch wird«, stimmte Sam ihm zu.
Sariel schmunzelte und warf Sam einen nachdenklichen Blick zu. »Sam, ich möchte dich um einen persönlichen Gefallen bitten.«
»Solange der nicht darin besteht, euren nächsten ‚Problemfall’ bei mir abzuladen – gern.«
»Nichts dergleichen. Ich möchte dich nur einmal umarmen dürfen.«
»Was?« Sam war mindestens ebenso überrascht wie Graham und blickte Sariel misstrauisch an. »Und warum sollte ein Engel einen Sukkubus umarmen wollen? Du hast nicht zufällig vor, mir dabei ein besonderes ‚Geschenk’ zu machen so wie der Geist, der mir damals diese verdammten menschlichen Gefühle verpasst hat?«
»Nein«, versprach Sariel ernst. »Ich habe keine derartigen Hintergedanken. Ich möchte dich aus ganz persönlichen Gründen nur einmal im Arm halten und werde nichts anderes tun als das.«
Sam zögerte und zuckte schließlich mit den Schultern. »Okay, wenn es weiter nichts ist.«
Sie trat auf den Engel zu. Sariel strich ihr mit einer beinahe liebevollen Geste erst über die Wange, ehe er die Arme um sie legte, sie sanft an sich drückte und seine Wange an ihren Kopf legte. Er schloss die Augen und hielt sie umfangen wie etwas unglaublich Kostbares.
Graham hatte den Verdacht gehegt, dass Sariel möglicherweise einmal am eigenen Leib die Verführungskünste der Dämonin erfahren wollte; schließlich waren auch Engel nicht gegen Versuchungen gefeit, wie er inzwischen wusste. Doch was sich zwischen den beiden abspielte hatte nichts mit Verführung zu tun. Es war eine rein freundschaftliche oder geschwisterliche Geste. Umso mehr wunderte er sich über den Beweggrund des Engels. Doch natürlich fragte er nicht danach.
»Danke, Sam«, sagte Sariel inbrünstig, als er sich nach einer geraumen Weile endlich von ihr löste, und wandte sich übergangslos an Graham. »Du kannst nun zu deinem Orden zurückkehren. Ich verabschiede mich.« Er verbeugte sich leicht und verschwand.
Graham stand einen Moment reglos und konnte sein Glück kaum fassen. Es war vorbei. Und er hatte trotz aller anfänglichen Verfehlungen keine Verlängerung seines Strafdienstes erhalten. Es war beinahe unglaublich.
Sam grinste amüsiert. »Also, wenn dir der Abschied von mir so schwerfällt, kannst du gern noch eine Weile bleiben.«
Das scheinheilige Angebot ernüchterte ihn. Er eilte wortlos zu seinem Schreibtisch und packte seine wenigen Sachen zusammen, die sich im Laufe des vergangenen Jahres darauf und in den Schubladen angesammelt hatten. Als er fertig war, hielt Sam ihm einen Briefumschlag hin.
»Dein Gehalt für den letzten Monat. Du hast übrigens verdammt gute Arbeit geleistet als mein Assistent.« Sie sah ihn aufmerksam an. »Haben wir Frieden miteinander?«
Graham nahm den Umschlag und steckte ihn in die Innentasche seiner Jacke. »Von meiner Seite aus ja. Solange du und deine Familie euer Verhalten gegenüber Menschen nicht verändert, habt ihr von mir nichts zu befürchten. Ich habe meine diesbezügliche Lektion zu bitter lernen müssen.«
Er hatte erwartet, dass Sam das mit einem Grinsen boshafter Genugtuung quittieren würde, doch sie überraschte ihn auch in diesem Punkt. Sie reichte ihm die Hand, die er zögernd ergriff. »Darüber bin ich ausgesprochen froh, Graham, denn du bist ein Mann, den ich nicht unbedingt zum Gegner haben möchte. Geh also in Frieden. Und«, leitete sie die nächste Überraschung dieses Tages für Graham ein, »wenn du mal meine Hilfe brauchst, scheue dich bitte nicht, dich bei mir zu melden. Alles Gute und gute Reise.«
»Danke.« Er drückte ihre Hand fest und beschloss, ihre innere Größe mit derselben Größe seinerseits zu beantworten. »Gleichfalls«, bot er an. »Dir auch alles Gute, Sam. Für Nick ebenfalls. Und für euch beide. Und die Kinder. Und«, er räusperte sich, »überhaupt danke für alles. Auch dafür, dass du mein Leben gerettet hast.« Er zögerte, ehe er die entscheidende Frage stellte, die ihn seit fast zwei Jahren quälte. »Warum hast du das getan? Ich hätte dich fast getötet und du hättest mich sterben lassen können. Warum hast du das nicht getan?«
»Du bist ein Krieger des Lichts, Graham. Viele Menschen brauchen dich und deine Arbeit. Du warst nur durch das Erlebnis mit dem Spinnendämon von deinem Weg abgekommen. Dich sterben zu lassen, wäre einfach nicht richtig gewesen. Außerdem hätte das nicht zu dem Weg gepasst, den ich mich entschieden habe zu gehen. Trotz deiner damaligen Verblendung hattest du den Tod einfach nicht verdient.«
Graham blickte sie eine Weile stumm an. »Ich hätte einer Dämonin nie so viel Großmut zugetraut.«
Sam grinste. »Muss an den verdammten menschlichen Gefühlen liegen, mit denen ich gestraft bin. Aber da wir schon mal dabei sind: Ich danke dir ebenfalls, Graham, für alles, was ich durch dich gelernt habe. Und ich werde auch in Zukunft mein Wort halten. Du wirst niemals bereuen, dass du mir vertraust.«
»Ich weiß. Also, mach’s gut, Sam.«
»Darf ich dir noch einen Schutzzauber geben, damit du heil nach Hause kommst?«
Auch das Angebot hatte er nicht erwartet. Er zögerte, ehe er den Kopf schüttelte. »Danke nein. Ich vertraue vollkommen auf Gott. Er wird mich ausreichend schützen. Ich denke, Er hat mich nicht den Angriff des Spinnendämons überleben lassen und alles andere oder mich meine Lektion bei dir lernen lassen, nur damit ich auf dem Rückweg ins Kloster sterbe. Und falls doch, dann ist es Sein Wille und gut so. Aber ich danke dir für das Angebot.«
Sie blickte ihn nachdenklich an, ehe sie den Kopf schüttelte. »Das irrationale Vertrauen, das ihr Menschen den Göttern entgegenbringt, werde ich wahrscheinlich nie verstehen. Aber es ist natürlich deine Entscheidung. Die zu respektieren ich gelernt habe.«
»Mehr erwarte ich auch nicht.«
Er machte einen weiteren Schritt auf die Tür zu. Sam verstellte ihm erneut den Weg und blickte ihm ernst in die Augen. Dennoch war Graham nicht auf die größte Überraschung vorbereitet, die sie ihm jetzt bereitete. »Mein wahrer Name ist Tai’Samala.«
Und damit gab sie ihm eine gewisse Macht über sie in die Hände.
»Warum sagst du mir das?«
»Weil du endlich begriffen hast, dass wir auf derselben Seite stehen und somit Verbündete gegen dieselben Gegner sind. Du wirst dieses Wissen nicht missbrauchen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann dich zwar immer noch nicht besonders leiden, aber man muss seine Verbündeten ja nicht unbedingt mögen. Man muss nur mit ihnen auskommen. Und dieses Stadium haben wir meiner Meinung nach erreicht.«
»Das haben wir«, versicherte er. »Danke für dein – Vertrauen.«
Ohne ein weiteres Wort verließ er das Büro und fuhr zu Sams Haus. Er räumte seine Sachen aus seinem Appartement und verabschiedete sich von Abby und Siobhan und sogar von ihrem Wächterdämon. Anschließend dockte er den Wohnwagen ans Auto und machte sich auf den Weg zurück nach New York ins Kloster. Fest entschlossen, Sam niemals wiederzusehen und um keinen Preis in der Welt jemals um Hilfe zu bitten. Nie im Leben!

Sam seufzte erleichtert, als sich die Tür der Detektei hinter Graham schloss. Der Dienergeist erschien, kaum dass der Mönch das Büro verlassen hatte. Sam setzte sich in ihren Sessel, streckte die Beine von sich und lehnte sich mit einem seligen Lächeln zurück. »Wir sind ihn los. Hurra! Zur Feier des Tages bitte Champagner!«
Molly streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment ein Tablett darin, auf dem eine Flasche Champagner in einem Eiskübel neben einem Glas thronte.
Sam lachte. »So wörtlich war das nicht gemeint, aber trotzdem vielen Dank. Oh, ich werde die Ruhe genießen! Keiner mehr da, der jedes Wort von mir auf die Goldwaage legt oder der mich beobachtet wie ein Tier im Zoo. Und ich kann wieder nackt in meinem Haus herumlaufen, ohne zu befürchten, einen im Zölibat lebenden Mönch in Verlegenheit zu bringen. Wundervoll.«
»In der Tat. Jetzt kann ich dir wieder in vollem Umfang dienen, ohne dass er mir einen Teil der Arbeit wegnimmt und damit mein Nahrungsangebot schmälert.«
»Nun tu mal nicht so, als würde ich dich verhungern lassen. Du hattest immer noch mehr als genug zu tun. Aber wenn dir das zu wenig ist, lasse ich mir gern noch ein paar Sonderaufgaben einfallen.«
Molly stellte das Tablett auf dem Tisch ab. »Zwei neue Klienten kommen.«
Sekunden später hastete ein Ehepaar um die dreißig in die Räume der Detektei. Sie rannten beinahe. Ohne zu warten, dass Molly zum Empfang zurückkehrte und sich um sie kümmerte, kamen sie in Sams Büro gestürmt, aufgeregt, verängstigt und völlig verzweifelt.
»Bitte, Sie müssen uns helfen!« Die Frau rang die Hände, während ihr unaufhörlich Tränen über das Gesicht liefen. »Unsere Tochter ist verschwunden. Sie wurde entführt, aber die Polizei findet sie nicht. Dabei ist sie doch erst neun.«
Ihr Mann legte ihr tröstend den Arm um die Schulter und sah Sam an. »Sie stehen in dem Ruf, jeden finden zu können. Finden Sie unsere Tochter. Egal, was es kostet. Nur finden Sie sie!«

Ende

Fussnoten:

1 siehe Sukkubus 7: »Die Unadru-Schriften«
2 siehe Sukkubus 11 »Im Bann des Voodoo-Priesters«
3 siehe Sukkubus 13 »Rattenbrut«
4 siehe Sukkubus 1 »Der Geisterfuchs«
5 siehe Sukkubus 3 »Das Grimoire der Marie Laveau«
6 Shivvie = Koseform von Siobhan (gesprochen = Schiwonn)
7 indianischer Schlangendämon
8 afrikanische Vampirart, die sich von der Lebensenergie von Pflanzen ernährt statt von Blut
9 siehe Sukkubus 15 »Druidenfluch«

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Im nächsten Roman:
In Cleveland und Umgebung verschwinden immer mehr Kinder. Die Polizei geht zunächst von Entführungen durch einen Kinderschänder-Ring aus, doch dann tauchen die Kinder nach und nach wieder auf – äußerlich unversehrt, aber als seelenlose Hüllen –, und die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Als schließlich auch Harlan Crawford entführt wird, der Neffe von Sams früherem Verlobten Scott Parker, bittet ihre Beinahe-Schwägerin Jenny Crawford sie um Hilfe. Für Sam beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um Harlan unversehrt aus den Fänger der Seelendiebin zu retten. Doch nicht nur die hat nicht das geringste Interesse daran, dass Sam Erfolg hat.

»Die Seelendiebin« erscheint am 05.12. exklusiv im »Geisterspiegel«.

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Hekate
Prähelenische Göttin, die große Macht besessen haben soll. Einer Legende nach ist sie die einzige überlebende Titanin und besitzt Macht über den Himmel, die Unterwelt und das Leben auf Erden. Deshalb wird sie in der Regel als dreigestaltig dargestellt. Sie ist die Tochter des Titanen Perses (Sohn des Sonnengottes) und der Sternengöttin Asteria (nach einer anderen Legende die Tochter der Göttin Nyx, der Göttin der Nacht). Sie gilt als Göttin des Mondes und vor allem der Zauberkunst und des Hexenwesens, ebenso der Weissagung und der wilden Jagd. Sie wird meistens dreigestaltig dargestellt. Ihre Attribute sind Fackel, Schwert, Schlange, Schlüssel, Strick und Dolch. Oft wird sie von drei Hunden oder einer Hundemeute begleitet.
Sie gilt als Schützerin der Kreuzwege, wo sich drei Wege treffen (daher ihr Beiname »Enodia« = Wegschützerin) und soll zu jenen drei Wegen die Schlüssel besitzen, die ins Reich der Götter, in die Unterwelt und zu einem glücklichen Erdenleben führen.
In der Öffentlichkeit spielte ihr Kult kaum eine Rolle. Dafür wurde sie in Privathaushalten nachhaltig verehrt und galt als Schützerin der Frauen. Im modernen neuheidnischen Kult gilt sie als die Weise Alte, obwohl sie ursprünglich nie als alte Frau, sondern immer nur als junge oder Frau mittleren Alters dargestellt wurde.

Quelle: Herders Lexikon der abendländischen Mythologie

Gargoyles
Im Gegensatz zu der Geschichte dieses Romans stammen die Gargoyles NICHT aus der griechischen Mythologie. Sie erblickten als dämonisch aussehende Wächterfiguren in Form von Wasserspeiern an gotischen Kathedralen das Licht der Welt, stammen also aus dem Mittelalter ca. um das 12./13. Jahrhundert. Ihre Aufgabe war es, das Böse abzuschrecken. Einer Legende nach sollen diese Wächterfiguren angefangen haben zu schreien, sobald sich das Böse dem Gebäude näherte, das sie bewachten. Diese Schreie sollen so durchdringend sein, dass das Böse dadurch vertrieben oder sogar vernichtet wird.
Erst in modernen Mythen finden wir die Gargoyles als Nachtgeschöpfe, die am Tag versteinert sind und erst in der Nacht zum Leben erwachen. Bekannt wurden sie durch die Zeichentrickserie »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit«.

Quelle: Norbert Borrman, Lexikon der Monster, Geister und Dämonen

Zentauren
Der Legende nach sind die Zentauren Abkömmlinge von Ixion, dem König der thessalischen Lapithen, und einer Wolke, die Nephele genannt wurde. Der Sage nach hatte Ixion, als er anlässlich der Feier der ihm von Zeus geschenkten Unsterblichkeit zu einem Gastmahl zu den Göttern eingeladen war, Hera Avancen gemacht, was Zeus natürlich missfiel. Darauf veranlasste er Hera, einer Wolke ihre Gestalt zu geben. Ixion schlief mit der Wolke und glaubte, es sei Hera. An dieser Stelle gehen die Darstellungen auseinander.
Die eine Version besagt, dass dieser Verbindung Ixions Sohn Kentauros (Centauros) entstammt, der sich durch extreme Lüsternheit auszeichnete, die er in Ermangelung ausreichender menschlicher Partnerinnen mit Stuten ausgelebt haben soll und auf diese Weise das Volk der Zentauren zeugte. Die andere Version sagt, dass Ixion selbst die Zentauren durch seine Vereinigung mit Nephele zeugte. Aufgrund ihrer Abstammung von einem lüsternen und unbeherrschten Vater, galten Zentauren ebenfalls als lüstern und unbeherrscht. Cheiron ist die einzige Ausnahme, da er von Kronos gezeugt wurde und mit den restlichen Zentauren nicht verwandt ist.

Quelle: Herders Lexikon der abendländischen Mythologie

Nephele
Ursprünglich eine Wolke, die sich in der Gestalt der Hera dem Ixion hingibt und dadurch zur Mutter bzw. Großmutter der Zentauren wird. Später wurde sie selbst zu einer Wolken- und Regengöttin stilisiert.

Quelle: Herders Lexikon der abendländischen Mythologie

Cheiron
Cheiron oder auch Chiron war der einzige unsterbliche Zentaur. Sohn des Kronos – und damit Halbbruder des Zeus – und der Philyra (Tochter des Oceanos). Da Kronos sie in Gestalt eines Pferdes verführt hat, wurde Cheiron als Mischwesen aus Pferd und Mann geboren. Er galt als der weiseste aller Zentauren und war der Lehrer von Helden wie Achill, Jason und Asklepios. Er lebte in einer Höhle am Fuß des Peliongebirges in Thessalien. Eines Tages wurde er versehentlich von Herkules unheilbar mit einem vergifteten Pfeil verwundet und trat seine Unsterblichkeit an Prometheus ab. Zeus versetzte ihn daraufhin als Sternbild an den Himmel.

Quelle: Herders Lexikon der abendländischen Mythologie

Bigfoot
Bigfoot, in Kanada Sasquatch (indianisch für »stark behaarter Mensch«) genannt, ist ein Wesen der amerikanischen Folklore und in nahezu jeder Gebirgsregion der USA und Kanadas zu Hause. Er wird beschrieben als großes, stark behaartes, menschenähnliches Wesen mit riesigen Füßen. Etliche Leute wollen bereits ein Exemplar gesehen haben, aber einen wissenschaftlichen Nachweis für seine Existenz gibt es bis heute nicht.

Quelle: Wikipedia

Copyright © 2011 by Mara Laue

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