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Band 15 - Druidenfluch
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Samhain1 ; 31. Oktober 2009, Irland
Cnoc Maol Réidh. Kahler grauer Hügel. Der über 800 Meter hohe Mweelrea am Killary Harbour im County Mayo trug seinen Namen zu Recht. Besonders um diese Jahreszeit, in der sich die Natur zur Ruhe begab und der kalte Wind vom Meer herüberwehte, der Mayos höchsten Berg schon seit Jahrtausenden abgeschliffen hatte.
Pàdruig Kerry wünschte sich, der Wind hätte auch das furchtbare Geheimnis weggeschliffen, das hier seit fast achthundert Jahren verborgen wurde. Er schleppte sich den Hügel hinauf. Sein Atem ging stoßweise und bildete weiße Wölkchen in der kalten Luft. Er musste öfter eine Pause einlegen, um wieder zu Atem zu kommen. Sein alter Körper schaffte die Anstrengung eigentlich schon lange nicht mehr. Aber dieses letzte Mal musste es einfach sein. Selbst wenn er am Ende tot zusammenbrach. Er war siebenundneunzig und hatte lange genug gelebt.
Eigentlich.
Pàdruig fürchtete den Tod nicht, obwohl er bis jetzt alles getan hatte, die Apfelfrau auf Distanz zu halten. Dabei hätte er sie nur zu gern endlich umarmt. Er blieb stehen und stützte sich auf seinen knotigen Stab, in den von oben bis unten Symbole eingeschnitzt waren, deren Ränder die vielen Hände, durch die er seit seiner Erschaffung gegangen war, beinahe bis zur Unkenntlichkeit abgegriffen hatten. Er atmete tief durch und pumpte die Luft in seine alten Lungen.
Caitlin, seine Urenkelin, legte den Arm um ihn, um zu stützen. Es hatte ihn eine Menge Überredungskunst gekostet, sie dazu zu bringen, ihn heute hierher zu begleiten. Sie lebte mit ihrer Familie in Dublin, auf der anderen Seite der Insel. Aber sie war die Einzige, die er mit dieser Aufgabe betrauen konnte. Patrick hätte es sein sollen; sein müssen. Sein Ur-Urenkel, Caitlins Sohn. Doch der Junge war erst drei Jahre alt. Zu jung, um zu verstehen, und erst recht zu jung, um die Bürde zu übernehmen.
Sie waren drei gewesen, die sich Jahr um Jahr an Samhain hier versammelt hatten, um immer und immer wieder das Unheil zu bannen, das sonst über die Kerrys hereingebrochen wäre. Vor zwanzig Jahren waren sie nur noch zu zweit gewesen. Und seit fünfzehn Jahren war Pàdruig allein übrig geblieben. Immer wieder hatte er versucht, Caitlin zu überreden, diese Aufgabe zu übernehmen. Als Kind hatte sie noch an die magische Welt hinter dem Schleier der Realität geglaubt. Aber das war lange her.
Als Teenager hatte sie sich vor ihren Freunden ihres verschrobenen Urgroßvaters geschämt, der jeden Morgen bei Sonnenaufgang im Freien stand und Lugh, den Sonnengott, begrüßte, egal ob dessen Gesicht von Wolken verhüllt war, es regnete oder eisig kalt war. Dann hatte Caitlin sich verliebt und erst recht kein Interesse mehr an der alten Religion gehabt, die sie ohnehin nie als Religion betrachtet hatte. Und ihr Mann Bob, obwohl er ebenfalls ein Kerry war, hielt erst recht nichts davon. Doch Caitlin war die Einzige der Familie, in der Pàdruigs Macht schlummerte. In Patrick, der von beiden Elternteilen her ein Kerry war, war sie so stark wie in Pàdruig. Aber er würde nicht mehr leben, wenn der Junge ein Alter erreicht hatte, in dem er mit der Ausbildung dieser Kräfte beginnen konnte. Also blieb Caitlin als einzige Interimshüterin des Rituals übrig.
Er blickte sie an. In ihrem Gesicht las er Besorgnis, aber auch ihre Einschätzung, dass diese Reise in mehr als einer Hinsicht Wahnsinn und völlig sinnlos war. Er packte ihr Handgelenk und drückte es so fest, dass sie vor Schmerz das Gesicht verzog.
»Caitlin, versprich mir ...«
»Ja, Großvater. Ich hab’s dir doch schon versprochen. Vier Mal. Das sollte reichen.«
Es reichte nicht. Caitlin war eine moderne junge Frau, die zwar Gälisch in der Schule gelernt hatte, sich aber weigerte, es zu sprechen, weil sie die alte Sprache für ebenso antiquiert hielt wie die Bräuche ihrer Vorfahren. Dabei hing von beidem mehr ab, als sie bereit war zu glauben.
»Es ist wichtig, Kind.«
»Ja, Großvater. Ich bin doch hier, oder? Kannst du weitergehen? Es ist lausig kalt.«
Pàdruig seufzte und schleppte sich vorwärts. Ein paar Minuten später verließ er den Weg, der zum Gipfel führte, und kämpfte sich mit Caitlins Hilfe durch ein dichtes Gestrüpp. Dahinter existierte ein kaum erkennbarer Pfad, der zu einer Höhle unterhalb des Gipfels führte, deren Eingang aufs Meer hinausblickte. Als er die Höhle betrat, sah er, dass sie noch genauso war, wie er sie vor einem Jahr verlassen hatte. Erleichtert setzte er sich auf einen Stein neben dem Eingang, um zu verschnaufen. Ihm war schwindelig, und das Atmen tat ihm weh in der Brust.
Caitlin leuchtete mit der Taschenlampe die Höhle aus und blickte sich suchend um. Ungehalten runzelte sie die Stirn. »Hier ist doch nichts. Und deswegen hast du mich den ganzen Weg hierher geschleppt? Also wirklich, Großvater!«
Pàdruig schüttelte seufzend den Kopf. »Sieh genau hin.« Er deutete auf die hintere Wand.
Caitlin leuchtete hin und sah nur eine mannshohe Felsplatte, die mit verblassten Symbolen bemalt war. Auf dem Boden davor stand eine Feuerschale, in der noch Aschereste lagen. Offensichtlich handelte es sich um eine alte Kultstätte. Caitlin verdrehte die Augen. Sie hatte mit solchen Dingen nichts am Hut.
Aber abgesehen davon, dass man den Alten einen gewissen Respekt schuldete, hatte Pàdruig ihr keine Wahl gelassen, sondern ihr die Pistole auf die Brust gesetzt. Entweder sie begleitete ihn heute hierher, oder er würde sein Cottage einer wohltätigen Stiftung vermachen. Dabei hatten sie und Bob sich schon ausgerechnet, nach Pàdruigs Tod das Cottage an Touristen zu vermieten und später mit dem Geld aus den Einnahmen Patrick das Studium zu finanzieren. Also war sie notgedrungen mitgegangen.
Der alte Pàdruig hatte ihr schon seit ihrer Kindheit in den Ohren gelegen, dass in den Kerrys das Blut der alten Zauberer floss. Als Kind fand sie diese Geschichten spannend und interessant. Aber als sie älter wurde, verloren sie ihren Reiz. Magie gab es nur in Märchen und Fantasyfilmen. Deshalb hatte sie es auch nicht ernst genommen, wenn Pàdruig sie jedes Jahr aufs Neue damit nervte, sie zur Höhle im Mweelrea zu begleiten, um dort in der Samhainnacht einen alten Fluch zu bannen. Die Höhle war genauso enttäuschend, wie sie sie sich vorgestellt hatte und diese ganze Reise eine elende Zeitverschwendung.
Pàdruig nahm seine Umhängetasche ab, auf die er ein Bündel Zweige von neun verschiedenen Bäumen und Sträuchern geschnürt hatte. »Zünde das Feuer in der Schale an, Kind. Du weißt, in welcher Reihenfolge?«
Das und andere Dinge, die zu dem Ritual gehörten, das er hier durchführen wollte, hatte er sie auf dem ganzen Weg hierher auswendig lernen lassen. »Erst die Haselnuss, dann ...«
»Erst die Eiche, Caitlin, die Eiche! Das ist essenziell.«
»Ach, Großvater, was macht es denn für einen Unterschied, welches Holz zuunterst und welches zuoberst liegt?«
»Das macht den Unterschied aus, ob der Zauber funktioniert oder nicht. Und davon hängt das Leben unzähliger Menschen ab, die durch Blutsbande mit uns verbunden sind.«
Caitlin hatte genug. Sie war müde, erschöpft vom langen Aufstieg, genervt und verärgert. »Ach komm schon, Großvater. Das ist doch alles Aberglaube. Magische Feuer und Bannsprüche bewirken nichts, außer dass die, die daran glauben, ruhig schlafen können. Und ein alter Fluch – selbst wenn es den tatsächlich gegeben haben sollte – hat doch längst seine Wirkung verloren. Ich mache das alles hier mit, weil es dir so viel bedeutet. Aber verlange nicht von mir, dass ich an den Blödsinn auch noch glauben soll.«
Pàdruig packte sie so hart an der Schulter, dass sie vor Schmerz aufschrie. »Ihr bornierten jungen Leute meint immer alles besser zu wissen. Ihr glaubt, ihr könntet euch über die alten Mächte ungestraft lustig machen. Nur weil ihr sie noch nie in Aktion gesehen habt, bildet ihr euch ein, dass sie nicht existieren. Aber ob du daran glaubst oder nicht, sie sind real. Und wenn du nicht verdammt noch mal tust, was ich dir sage, und zwar jedes Jahr an Samhain aufs Neue, und wenn du das nicht auch deinen Sohn lehrst, wird sie jeden Kerry vernichten, und zwar auf der ganzen Welt. Egal wie entfernt er mit unserem Clan verwandt sein sollte. Sie wird jeden männlichen Kerry töten, Caitlin. Auch deinen Mann und deinen Sohn. Hast du das jetzt endlich begriffen?«
Pàdruig sank hustend und nach Luft schnappend wieder auf den Sitzstein und atmete mehrmals tief durch, bis sein hämmerndes Herz sich beruhigt hatte. Er blickte Caitlin eindringlich an. Sein Blick hatte jede Freundlichkeit verloren und war hart, kalt und drohend. In diesem Moment empfand Caitlin Angst vor ihm.
»Hast du das begriffen, Caitlin?«
»Ja, Großvater«, bestätigte sie beinahe gegen ihren Willen. Die Vehemenz in den Worten des alten Mannes ließ in ihr Zweifel aufkommen, ob nicht vielleicht doch etwas an dem dran war, was er sagte. Caitlin war zwar eine moderne Frau, aber auch eine Irin, Kind der Insel, auf der Leipreacháns, Tuatha de Danann und Sidhe zu Hause waren. Pàdruigs Gerede vom uralten Fluch einer Druidin, der auf den Kerrys lastete, mochte tatsächlich Aberglauben sein. Es bestand jedoch der winzige Hauch einer Möglichkeit, dass der einen wahren Kern enthielt. Wie dem auch sei – und völlig unabhängig von dem damit verknüpften Erbe – Caitlin hatte dem alten Mann ihr Wort gegeben, diese Tradition des Fluchbannens fortzuführen.
»Mach dir keine Sorgen. Ich tue alles, wie du es willst. Also zuerst die Eichenzweige, danach die Haselzweige ...«
Pàdruig beobachtete mit Argusaugen Caitlins Vorbereitungen. Er fühlte sich alles andere als wohl, was keineswegs nur an seiner körperlichen Verfassung lag. Ihm machte die böse Vorahnung zu schaffen, die ihn schon seit Wochen in seinen Träumen quälte und die er jetzt bestätigt sah. Caitlin tat zwar, was er von ihr verlangte und wie er es ihr beigebracht hatte, aber sie war nicht mit dem Herzen bei der Sache. Er konnte nur hoffen, dass sie die Details nicht bis zum nächsten Jahr vergessen hatte. Zwar hatte er ihr jedes davon akribisch aufgeschrieben, aber auch das war keine Garantie dafür, dass sie alles richtig machte.
Der alte Mann seufzte tief. Wie es aussah, würde in absehbarer Zeit eintreten, was er und seine Vorfahren achthundert Jahre lang verhindert hatten. Und das bedeutete nicht nur das Ende seines Zweigs des Kerry-Clans. Es bedeutete auch den Tod für unzählige gute Männer und Jungen.
Immerhin platzierte Caitlin die Zweige in der richtigen Position und sprach auch die korrekten heiligen Worte in altem Gälisch, als sie es anzündete. Pàdruig reichte ihr seinen Stab. Sie nahm ihn unsicher entgegen und rührte nicht minder unsicher und, wie er deutlich spürte, verlegen mit dessen Kopfstück im aufsteigenden Rauch. Ebenso zögerlich begann sie, die uralten Worte des Banns zu singen. Wenigstens sprach sie die richtig aus und geriet nicht ins Stocken.
Der Rauch des Feuers verwirbelte durch die Bewegungen des heiligen Stabes zu einer Spirale, die sich gegen den Uhrzeigersinn drehte und vor der Steinplatte hinter der Feuerschale langsam emporstieg. Caitlin beendete den Gesang, als der Rauch den Stein vollkommen einhüllte. Etwas Seltsames geschah. Völlig entgegen allen Naturgesetzen bildete der Rauch den Umriss des Steins nach und waberte darüber, als warte er auf etwas.
»Der Bannspruch. Jetzt«, flüsterte Pàdruig eindringlich.
Caitlin begann die Worte zu sprechen und wunderte sich, dass die ihr so sicher von der Zunge gingen, als hätte sie die nicht erst in den letzten Stunden gelernt. Der Rauch wurde von dem Symbol in der Mitte des Steins angezogen und verschwand darin. Als Caitlin den Bannspruch beendet hatte und das letzte Siegelwort sprach, wurde der Stein für einen Moment durchsichtig, als wäre er hohl und seine Oberfläche aus Rauchglas.
Sie fuhr entsetzt zurück, als sie darin die Gestalt einer Frau in einem weißen Gewand sah. Für einen Moment glaubte sie, dass sie in ein Grab und auf eine unglaublich gut erhaltene Leiche blickte. Dann riss die Frau die Augen auf. Mit wutverzerrtem Gesicht und vorgestreckten, zu Klauen geformten Händen sprang sie vorwärts. Caitlin stieß einen erschreckten Schrei aus und stolperte drei Schritte zurück. Die Frau im Stein öffnete den Mund zu einem unhörbaren Schrei, und ihre Augen glühten vor Hass. Im nächsten Moment wurde der Stein wieder undurchsichtig. Das Symbol, das den Rauch aufgesogen hatte, glühte noch ein paar Sekunden rot, als würde es brennen, ehe es wieder seine normale felsengraue Farbe annahm. Das Feuer in der Steinschale davor erlosch schlagartig.
Caitlin stand eine Weile fassungslos und zitternd da, ehe sie sich langsam zu Pàdruig umdrehte. »Mein Gott, was war das?« Obwohl sie sich einzureden versuchte, dass sie eine Halluzination erlebt hatte, wohl ausgelöst durch den Rauch des Feuers, den sie eingeatmet hatte, wusste sie instinktiv, dass das, was sie gesehen hatte, real war.
»Das, mein Kind, ist der Fluch, den die Zauberer der Kerrys seit Jahrhunderten hier Jahr für Jahr bannen, damit er niemals über uns kommt und uns alle vernichtet.« Er winkte ab, als Caitlin eine weitere Frage stellen wollte. »Ich erzähle dir die ganze Geschichte morgen. Lass uns zurückgehen. Für dieses Jahr ist unsere Arbeit getan.«
Als er sich mühsam von seinem Sitzstein erhob, fühlte er sich erleichtert. Caitlin hatte endlich begriffen. Sie war zwar noch nicht zu einer hundertprozentig Gläubigen geworden, aber sie hatte erkannt, dass Pàdruigs Geschichten nicht die Märchen waren, für die sie sie gehalten hatte. Als sie sich gleich darauf auf den Rückweg machten, war er voller Hoffnung, dass der Fluch für weitere Jahrzehnte von den Kerrys ferngehalten werden konnte.

Caitlin fuhr durch die Nacht zurück zu Pàdruigs Cottage am Ufer des Doo Lough bei Delphi, um dort mit ihm zu übernachten, ehe sie morgen nach Dublin zurückkehrten. Sie war immer noch erschüttert von dem Erlebnis in der Höhle. Obwohl ihr Verstand hartnäckig versuchte, ihr einzureden, dass sie sich die Frau im Stein nur eingebildet hatte, wusste sie, dass dem nicht so war. In der Höhle war offensichtlich ihr Geist gebannt. Und dessen hasserfülltem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, gäbe es eine Katastrophe, sollte er jemals freikommen. Pàdruigs alte Geschichten waren also doch wahr. Caitlin schämte sich, dass sie ihm die nicht hatte glauben wollen und sich sogar hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht hatte.
Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Er hatte den Kopf gegen die Scheibe gelehnt und war eingeschlafen. Sie war schon gespannt, die ganze Geschichte zu hören, was es mit dem Fluch auf sich hatte, sobald Pàdruig morgen wieder zu Kräften gekommen war. Sie wusste nur vage, dass es um ein furchtbares Verbrechen ging, das ihre Vorfahren irgendwann im Mittelalter begangen hatten. Nachdem sie den Hass auf dem Gesicht des Geistes gesehen hatte, musste das eine entsetzliche Untat gewesen sein.
Sie gähnte und blickte wieder nach vorn.
Der Laster bog so schnell um die Ecke der schmalen Straße, dass Caitlin ihm nicht mehr ausweichen konnte. Ihr Wagen prallte frontal gegen den LKW und wurde durch die Wucht des Aufpralls zusammengequetscht wie eine Ziehharmonika. Der Fahrer des Transporters, der offenbar nicht angeschnallt gewesen war, flog durch die Windschutzscheibe und landete Kopf voran auf dem zerbeulten Dach von Caitlins Wagen. Der Sturz brach ihm das Genick.
Als Stunden später die Polizei mit einem Rettungswagen an der abgelegenen Unfallstelle ankam, lebte dort niemand mehr.

1. November 2010, Dublin, Irland - 0.30 Uhr
Bob Kerry starrte in sein Whiskeyglas und glaubte, Caitlins Gesicht sich in der goldgelben Flüssigkeit spiegeln zu sehen. Wahrscheinlich hatte er mal wieder zuviel getrunken und erfuhr jetzt am eigenen Leib die Bedeutung des Spruches, dass man Dinge auf dem Grund eines Whiskeyglases sah. Caitlins Gesicht wirkte so lebendig, und sie lächelte ihm zu.
Bob schob das Glas zurück, ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und weinte. Caitlin war seit einem Jahr tot, und er hatte ihren Tod immer noch nicht überwunden. Er hatte das Gefühl, dass er den nie überwinden würde. Lediglich die Sorge um Patrick hielt ihn halbwegs bei der Stange. Der Vierjährige hatte noch nicht begriffen, dass er Halbwaise war. Er konnte sich kaum noch an seine Mutter erinnern. Sie war nur ein Gesicht auf einem Foto für ihn, und er akzeptierte problemlos Bobs Antwort auf seine Frage, wo denn seine Mutter sei, dass sie bei Gott im Himmel war. Jedenfalls war sie dort, wenn sie Bob nicht gerade vom Grund seines Whiskeyglases zulächelte. Oh Gott, wie sollte er nur ohne sie leben?
Wenn der alte Pàdruig nicht darauf bestanden hätte, dass sie mit ihm diese geheimnisvolle Reise zum Mweelrae unternahm, hätte es diesen entsetzlichen Unfall nicht gegeben und sie wäre noch am Leben. Bob hatte dem Alten immer noch nicht verziehen, dass er Caitlin quasi dazu gezwungen hatte. Wahrscheinlich hätte er ihn eigenhändig umgebracht, wenn der den Trip nicht ebenfalls mit dem Leben bezahlt hätte. Verdammte Scheiße!
Bob glaubte, Caitlin nach ihm rufen zu hören und brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass Patrick geschrieen hatte. Wahrscheinlich hatte der Junge wieder einen Albtraum. Die hatte er in letzter Zeit öfter. Bob kippte den Rest des Whiskeys in einem Zug runter und ging ins Kinderzimmer.
Er stieß einen entsetzten Schrei aus, als er das Licht einschaltete.
Neben Patricks Bett stand eine Frau. Sie war durchsichtig wie ein Geist, und ihre schwarzen Haare waberten um ihren Kopf, als würden sie in Wasser treiben. Das allein hätte schon ausgereicht, Bob die Haare zu Berge stehen zu lassen. Dennoch war das nicht das Schlimmste. Die Frau – der Geist – hatte die Hand in Patricks Brustkorb versenkt. Der Junge war kreidebleich – leichenblass – und schnappte verzweifelt nach Luft. Seine Augen richteten sich auf Bob. Er öffnete den Mund, als wollte er schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Im nächsten Moment erschlaffte sein Körper, als sein Herz aufhörte zu schlagen.
Bob brüllte, als er begriff, dass das keine Halluzination war; so viel hatte er nicht getrunken. Er stürzte zum Bett seines Sohnes, um irgendwas zu tun, das ihn wieder lebendig machte. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Eine unsichtbare Kraft drängte ihn ins Badezimmer. Der Stöpsel des Abflusses rutschte wie von selbst ins Waschbecken, und Wasser begann ins Becken zu strömen. Bob wurde gegen das Becken gestoßen, und die unsichtbare Kraft drückte seinen Kopf ins rasch ansteigende Wasser.
Sein Verstand versuchte ihm einzureden, dass das nur ein schrecklicher Albtraum war. Doch das kalte Wasser in seinem Gesicht, das Nase und Mund bedeckte und ihm die Luft zum Atmen nahm, belehrte ihn eines Besseren. Kein Albtraum konnte so grässlich sein. Bob begriff, dass er ertrinken würde. So sehr er sich auch gegen das Becken stemmte und versuchte, das Gesicht aus dem Wasser zu bekommen und wieder zu atmen, es gelang ihm nicht. Was immer ihn festhielt, war einfach zu stark für ihn. Wie aus weiter Ferne hörte er eine geisterhafte, aber klare Stimme.
»Die Zeit der Vergeltung ist endlich gekommen.« Sie sprach altes Gälisch, das Bob kaum verstand. Ihre Stimme klang wie aus der Tiefe einer Höhle. »Wie ich geschworen habe, werde ich die Männer aus Goll, Ardán und Umhall mic2 Kerrs Blutlinie vernichten bis ins letzte Glied. Ich werde nicht ruhen, bis ihr alle tot seid.«
Bob spürte noch, wie sich die entsetzliche Kälte in seinem gesamten Körper ausbreitete, als der Atemreflex einsetzte und Wasser in seine Lungen pumpte. Danach breitete die Schwärze des Todes sich über ihm aus.

2. November 2010, Cleveland, Ohio
Ronan Kerry fuhr aus einem unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf hoch, als er einen schrillen Schrei hörte, der zweifellos aus dem Kinderzimmer kam. Er sprang aus dem Bett, rannte nach oben und riss die Tür zu Abbys Zimmer auf. Seine siebenjährige Adoptivtochter hockte tränenüberströmt im Bett und hatte sich in die Arme einer rothaarigen jungen Frau geschmiegt, die sie beruhigend hin und her wiegte.
Ronan setzte sich aufs Bett und nahm Abby in die Arme. »Was ist denn los, Abby? Hattest du wieder einen Albtraum?« Er streichelte ihren Rücken und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Ich bin bei dir, und Sally ist auch hier. Da kann dir nichts passieren.«
Das war schon deshalb unmöglich, weil Sally Warden kein Mensch, sondern ein Wächterdämon in Gestalt eines Kindermädchens war, der Abby und Ronans leibliche Tochter Siobhan mit all seiner magischen Macht und seinem Leben gegen jeden Angreifer verteidigen würde. Abby beruhigte das jedoch nicht im Mindesten. Sie griff zu ihrem Notfallhandy, das sie immer bei sich trug und nachts auf ihrem Nachttisch liegen hatte, und drückte die Kurzwahltaste. Ronan ließ sie gewähren. Nach einem Albtraum brauchte Abby immer die Gewissheit, dass es ihrer Freundin und Beschützerin Sam Tyler gut ging und sie nicht in der Zwischenzeit verschwunden oder gar gestorben war.
»Sam? Geht es dir gut?« Ihre Stimme zitterte ebenso wie ihr Körper.
»Mir geht es gut, Abby.« Die Dämonin stand unvermittelt im Zimmer. Sie warf einen anzüglichen Blick auf Ronan, der außer seiner Unterhose keinen Faden am Leib trug, ehe sie das Mädchen in die Arme nahm. »Was ist denn los?«
Sie hatte Abby vor einem Jahr aus den Klauen eines Psi-Vampirs gerettet, der sie gezwungen hatte, ihre seherische Gabe für Orakel einzusetzen, die er gegen Bezahlung an Menschen verkaufte und Abby dadurch beinahe umgebracht hatte. Seitdem war Sam der Mittelpunkt von Abbys immer noch desolater Gefühlswelt, obwohl sie in Ronan und seiner Frau Sarah liebevolle Eltern und in Siobhan eine nicht minder liebevolle kleine Schwester gefunden hatte. Es hatte Monate und unzählige Therapiesitzungen gedauert, bis ihre geschundene Seele sich halbwegs stabilisierte.
Seit Sarah vor vier Monaten einem Unfall zum Opfer gefallen war, waren diese Fortschritte nahezu vollständig wieder vernichtet. Wie in ihrer ersten Zeit bei den Kerrys rief Abby mehrmals täglich Sam an, um sich zu vergewissern, dass die Dämonin noch da war.
»Ich bin hier, Abby, und es geht mir gut. Nick geht es auch gut. Hattest du einen Albtraum?«
Das Mädchen nickte heftig und brach in Tränen aus. Sam streichelte ihr beruhigend den Rücken. Die Tür wurde geöffnet, und die dreijährige Siobhan kam herein. Ohne zu zögern kletterte sie auf Abbys Bett, schmiegte sich an ihre Schwester und setzte ihre Seelenheilkräfte ein, bis Abby sich wieder etwas beruhigt hatte. Danach fing Siobhan an zu weinen und warf sich Ronan in die Arme.
Da sie noch zu jung war, um ihre Kräfte kontrollieren zu können, sog sie das Leid, das sie in anderen spürte, in sich hinein und lebte es aus, indem sie weinte oder schrie. Damit sie nicht ständig von dem immensen Leid überflutet wurde, das ihr Vater wegen des Verlusts ihrer Mutter empfand, hatte Sam Ronan auf seine Bitte hin mit einem magischen Schild umgeben, der verhinderte, dass Siobhan es fühlte. Aber das war natürlich nur eine vorübergehende Lösung. Da Sam wusste, wie sehr Ronan Sarah geliebt hatte, war sie sich bewusst, dass er Jahre brauchen würde, um seine Trauer zu bewältigen. Falls es ihm überhaupt gelang und er nicht für den Rest seines Lebens an einem gebrochenen Herzen litt.
»Was hast du denn geträumt, Abby?« Sam wiegte sie sanft hin und her. Doch das Mädchen war nicht in der Lage, das für sie offenbar Entsetzliche auszusprechen. Sam hielt ihr die Hand vor die Augen. »Sieh in meine Hand und denk an deinen Traum. Wir fangen ihn in meiner Hand ein.«
Abby gehorchte. Sekunden später sah Sam, was sie so beunruhigt hatte. Sie hätte das Kind gern damit beruhigt, dass es doch nur ein Traum gewesen war. Leider waren Abbys Träume keine gewöhnlichen Träume, sondern meistens Visionen, die irgendwann eintrafen.
Diese Vision zeigte Ronans Tod.
Zwar hatte Abby nicht die Umstände geträumt, die dazu führten. Oder falls sie die geträumt hatte, weigerte sich ihr Verstand, sie in ihr Bewusstsein zu lassen. Ihre Vision zeigte Ronan nur leblos und mit einer blutenden Wunde auf der Brust am Boden eines zugefrorenen Teichs liegen, umgeben von Nebelschwaden.
Abby begann herzzerreißend zu weinen. Sam, die als Sukkubus ihre Gefühle so deutlich wahrnahm wie gesprochene Worte, griff zu einem Mittel, das sie nur äußerst ungern anwandte, weil es manchmal unvorhergesehene Nebenwirkungen hatte. Sie belegte Abby mit einem Vergessenszauber, der ihr nur die Erinnerung ließ, dass sie einen bösen Traum gehabt hatte, dessen Inhalt aber aus ihrem Gedächtnis löschte. Anschließend versetzte sie sie und auch Siobhan mit einem weiteren Zauber in tiefen – und traumlosen – Schlaf.
Danach verließ sie zusammen mit Ronan das Zimmer und überließ es Sally, Siobhan wieder in ihr eigenes Zimmer zu bringen.
»Was hat Abby geträumt, Sam?«
»Deinen Tod.« Sie fasste ihn bei den Schultern und drehte ihn zu sich herum, dass er ihr in die Augen sehen musste. »Du kommst mir doch nicht auf ausgesprochen dumme Selbstmordgedanken, Ronan Kerry?«
Er schüttelte den Kopf, obwohl er unmittelbar nach Sarahs Tod tatsächlich eine sehr intensive Todessehnsucht verspürt hatte, die, wenn er ehrlich war, immer noch existierte. »Das tue ich den Kindern nicht an. Aber, verdammt, Sarah fehlt mir so. Sie fehlt mir ganz entsetzlich.«
Er brach in Tränen aus. Sam nahm ihn in die Arme und ließ ihn sich ausweinen. Sarah war die Liebe seines Lebens gewesen. Ohne sie würde er nie mehr derselbe sein. Deshalb dauerte es auch eine geraume Zeit, bis er sich wieder beruhigt hatte und sich mit einem zitternden Atemzug die Tränen abwischte.
»Sam, kannst du die Kinder für ein paar Tage nehmen? Ich versuche immer, mich in ihrer Gegenwart zusammenzureißen. Aber das klappt natürlich nicht. Besonders Abby ist dadurch ständig im Stress und kann nicht zur Ruhe kommen. Ich brauche einfach mal ein paar Tage für mich, um meine Trauer rauslassen zu können, ohne mich dauernd zusammenreißen zu müssen. Ich weiß, wir haben euch schon so viel zugemutet, dass wir zwei Monate bei euch wohnen durften ...«
Sam unterbrach ihn, indem sie ihm die Fingerspitzen auf den Mund legte. »Das war keine Zumutung, Ron, und das weißt du auch. Du bist mein Freund, und du hast mir in der Vergangenheit schon so oft geholfen. Ich bin froh, wenn ich mal was für dich tun kann. Und Nick wird sich freuen, die Mädchen um sich zu haben. Er liebt Kinder sehr.«
»Habe ich bemerkt. Danke, Sam. Wenn du sie gleich mitnehmen könntest? Ich muss jetzt einfach allein sein.«
Sie spürte, dass er wirklich einige Zeit ganz für sich brauchte und sie nur deshalb nicht rauswarf, weil er das als unhöflich empfand. Sie klopfte ihm auf die Schulter, gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging in die Zimmer der Mädchen. Sie nahm die schlafende Abby auf den Arm, Sally holte Siobhan, und sie sprangen durch die Dimensionen zu Sam nach Hause.
Ronan atmete auf, als er spürte, dass er jetzt allein im Haus war. Er wollte nicht nur allein sein, um in Ruhe seine Trauer ausleben zu können. Auch er hatte einen Albtraum gehabt, die Vorahnung einer Nemesis. Statt sich wieder ins Bett zu legen – er wusste, dass er sowie nicht wieder würde einschlafen können – ging er in sein Arbeitszimmer. Gleich nachdem er von seiner Zuflucht bei Sam und Nick in sein Haus zurückgekehrt war, hatte er begonnen, einen Stammbaum der Familie Kerry aufzustellen, und zwar jenes Zweigs, der seine Linie bis auf Umhall mac Kerr und Goll mac Kerr zurückführen konnte. Von den Nachkommen von Ardán mac Kerr, dem Mittleren der drei Brüder, waren er und Siobhan die letzten Abkömmlinge.
Denn er hatte das Gefühl, dass die Informationen über diese Kerrys eines Tages enorm wichtig sein könnten.

Februar 2011, Cleveland
Nick Roscoe stand am Fenster im Büro von Sams Detektei und starrte nach draußen. Der Februar war in diesem Jahr besonders grau und trist, ein Eindruck, der durch die hereinbrechende Dunkelheit noch verstärkt wurde. Aber hier und da zeigten sich schon Anzeichen von Frühling in der Luft, die er als Werwolf sehr viel früher wahrnahm als ein Mensch.
Er war seit acht Monaten mit Sam zusammen. Eine lange Zeit für seine Begriffe. Die längste Zeit seit nahezu hundert Jahren, die er am selben Ort verbracht hatte. Meistens blieb er nur vier oder sechs Wochen irgendwo. Wenn er auf dem Bau gearbeitet hatte, waren es auch schon mal zwei Monate gewesen. Und das war schon das Äußerste, was er aushalten konnte. Ein Teil von ihm wartete ständig darauf, dass sich die Rastlosigkeit wieder meldete und ihn von hier forttrieb.
Aber da war Sam. Seit Yelenas Tod hatte er nicht mehr für eine Frau empfunden, was er für sie fühlte und was er sich kaum einzugestehen wagte: Liebe. Das lag keineswegs – nur – an dem Seelenbund, den sie teilten. Die Macht dieses Gefühls erschreckte ihn und weckte in ihm den Impuls, davonzulaufen so weit er nur konnte. Zwecklos. Wie er aus Erfahrung wusste. Schon bei seiner ersten Begegnung mit Sam hatte er sich in sie verliebt. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sie damals nicht in erster Linie verlassen hatte, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Diesen Grund hatte er nur vorgeschützt. Er war aus Angst gegangen. Angst vor den Konsequenzen, die es nach sich zog, wenn er sich auf sie einließ. Mit ihr lebte. Nicht nur für ein paar Wochen, sondern permanent.
Er hatte neun Monate mit dem fruchtlosen Versuch vergeudet, sie zu vergessen. Nur um festzustellen, dass er nicht vor seinen Gefühlen davonlaufen konnte. Und egal wie viel Angst es ihm machte, ohne Sam war sein Leben freudlos, leer und einfach nicht lebenswert. Sie stabilisierte ihn in einer Weise, die ihm gut tat. Ihre bedingungslose Akzeptanz seiner Natur und das damit verbundene Arrangement, dass er seine Wolfsnatur in den Wäldern des Cuyahoga Valley National Parks ausleben konnte, so oft und so lange er wollte, machten ihn glücklich. Sam zu verlieren – wodurch auch immer – war sein schlimmster Albtraum.
Er wandte sich ihr zu und stellte fest, dass sie ihn wohl schon eine Weile ansah. Sicher hatte sie mit ihren Sukkubus-Sinnen gefühlt, was ihn beschäftigte. Sie lächelte, und in diesem Lächeln offenbarte sich ihre Liebe zu ihm. So wie er ihr noch nie mit Worten gesagt hatte, dass er sie liebte, so wenig hatte sie das getan. Er erwiderte ihr Lächeln und fühlte eine Wärme in der Herzgegend, die ihm die Tränen in die Augen trieb. Sie war so wunderbar, dass er sich immer noch fragte, womit er es verdient hatte, ihr Gefährte sein zu dürfen.
Das Klingeln der Türglocke enthob ihn einer Antwort. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er vor lauter Grübeln die Zeit vergessen hatte und der Abendtermin mit einer neuen Klientin anstand. Die Frau, die er durch die obere Glashälfte der Tür und Trennwand zum Vorraum sehen konnte, war elegant gekleidet und verbarg ihr Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille und unter der Krempe eines modischen Hutes. Sie meldete sich bei Molly Spring an, dem als Sekretärin getarnten Dienergeist. Molly führte sie Sekunden später zu Sam und Nick ins Büro.
Sam winkte mit einer gebieterischen Geste Graham Winger aus dem Vorzimmer zu sich. Der Mönch vom Orden der Pugnatores Lucis war von den Höchsten Mächten dazu verdonnert worden, ihr ein Jahr und einen Tag lang zu dienen. Er sollte dadurch begreifen, dass sie nicht zu den Geschöpfen des Bösen gehörte, die zu vernichten er geschworen hatte. Bis jetzt zeigte die Maßnahme keinen allzu großen Erfolg. Zwar wollte er Sam inzwischen nicht mehr töten, aber er war noch weit davon entfernt zu erkennen, dass sie im Grunde genommen auf seiner Seite stand und jeden Tag mit ihrer Arbeit als Privatermittlerin, Bodyguard und Security-Spezialistin ebenso wie er Menschen beschützte. Besonders auch vor den Geschöpfen des Bösen.
»Guten Tag, Miss Duke«, begrüßte sie die Klientin. »Ich bin Sam Tyler. Das sind mein Partner Nick Roscoe und unser Assistent Graham Winger. Bitte, nehmen Sie Platz. Kaffee? Tee?«
»Nein danke.«
Die Frau setzte sich und nahm zögernd Hut und Sonnenbrille ab. Auch ohne diese Aufgabe ihrer Tarnung und der Kenntnis ihres Namens hätte Sam sie sofort erkannt. Celine Duke war die schwerreiche Tochter und Erbin von Carl Duke, dem Inhaber einer Hotelkette, und wurde in den Medien immer wieder abgebildet als Aushängeschild des Unternehmens. Kein Wunder, denn sie war ausgesprochen schön.
»Was können wir für Sie tun, Miss Duke?«
Celine Duke strich verlegen eine Strähne ihres dunklen Haares hinter das Ohr. »Ich gebe zu, die Sache ist mir ein bisschen peinlich. Aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Ich habe vor einem Jahr einen Mann kennengelernt. Daniel Black. Er arbeitet in der Promotion-Abteilung für unsere Hotels. Auch wenn das jetzt fürchterlich kitschig klingt, aber es war Liebe auf den ersten Blick.«
Ihr Gesichtsausdruck wurde weich, und sie lächelte. »Daniel ist wunderbar. Er bringt mich zum Lachen, und er ...« Sie räusperte sich verlegen und kam wieder zur Sache. »Mein Vater ist natürlich gegen die Verbindung, obwohl Daniel hervorragende Referenzen hat und auch eine ausgezeichnete Ausbildung. Mein Vater ist überzeugt, dass Daniel nicht mich liebt, sondern nur das Geld, das ich eines Tages erbe.«
»Aber Sie sind anderer Meinung.«
Celine Duke seufzte tief. »Das war ich. Und eigentlich bin ich es noch, aber in letzter Zeit kommen mir Zweifel.« Sie blickte bedrückt zu Boden.
»Die Sie woran festmachen?«
»Ich habe das Gefühl, dass er mich betrügt. Zu seinen Aufgaben gehört es, alle sechs Wochen zusammen mit einem Kollegen eine Promotion-Tour zu unternehmen, um für unsere Hotelkette in Touristikzentren zu werben. Als er von der letzten Tour zurückgekommen ist, habe ich zufällig – und ich schwöre Ihnen, ich habe nicht geschnüffelt – eine Quittung von einem Diner in Florida auf seinem Schreibtisch gefunden. Mit dem Datum eines Tages, an dem er angeblich mit seinem Kollegen in New York war. Der Kollege hat das auch bestätigt.«
»Haben Sie mit Daniel darüber gesprochen?«
Sie nickte. »Er konnte sich das nicht erklären und vermutete, dass die Quittung von einem Besuch stammen müsste, den er letztes Jahr in Florida gemacht hat und der Datumsstempel des Diners falsch eingestellt gewesen sein müsste. Das klang zu weit hergeholt, um eine Lüge zu sein, habe ich mir gesagt, und solche Dinge gibt es ja tatsächlich. Aber dann habe ich in seinem Zimmer ein neues Buch gesehen, dessen Preisschild von einem Buchladen in Florida stammt. Und das aufgedruckte Kaufdatum lag in einem Zeitraum, in dem er angeblich in Chicago war.« Sie seufzte tief und blickte Sam gequält an.
»Und deshalb vermuten Sie, dass er Sie betrügt. Mit jemandem, der in Florida wohnt.«
Celine Duke zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Florida ist einerseits ziemlich weit weg für ein ... eine Liebesbeziehung. Und sein Kollege hat ja bestätigt, dass Daniel bei ihm war, in New York und in Chicago. Aber vielleicht hat er gelogen, um ihn zu decken. Die beiden sind immerhin befreundet.« Sie sah Sam in die Augen. »Miss Tyler, ich muss Gewissheit haben. Ich möchte Daniel heiraten. Aber wenn er tatsächlich nur hinter meinem Geld her ist oder mich betrügt oder in irgendeiner Form unkorrekt handelt, Dreck am Stecken hat – was auch immer … ich will es wissen.
Sam nickte. »Das finden wir raus. Soviel kann ich Ihnen versprechen. Ich kann nur nicht garantieren, dass Ihnen gefällt, was wir entdecken. Und es wird nicht billig, wenn wir in Florida recherchieren müssen.«
»Mir ist egal, was es kostet. Ich muss nur wissen, ob ich Daniel wirklich vertrauen kann.« Sie zuckte mit den Schultern und seufzte wieder. »Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie es ist, die Erbin eines Vermögens zu sein. Man weiß nie, ob die Leute, die freundlich zu einem sind, das nur sind, weil sie sich davon Vorteile erhoffen. Und jeder Mann, der vorgibt, mich zu lieben, könnte das nur vortäuschen, um ordentlich abzusahnen. Oder durch seine Verbindung mit mir Zugang zu Kreisen zu bekommen, in die er sonst nie reingekommen wäre.« Sie blickte traurig zu Boden und knetete ihre Finger. »Ich hatte gehofft, mit Daniel wäre es anders.«
»Das Gegenteil ist noch lange nicht bewiesen, Miss Duke. Lassen Sie uns erst mal herausfinden, was wirklich hinter der Sache steckt, bevor Sie ihn aufgeben.«
Sie nickte und nahm ein Foto aus ihrer Handtasche. »Das ist Daniel. Und er fliegt morgen Mittag nach Houston zu einer Promotion-Tour.«
»Wir heften uns an seine Fersen. Sie hören von uns, sobald wir etwas herausgefunden haben. Ich lasse den Vertrag aufsetzen. Dauert nur zehn Minuten. Sobald Sie ihn unterschrieben haben, machen wir uns ans Werk.«
Eine halbe Stunde später hatte Celine Duke das Büro wieder verlassen. Sam rieb sich zufrieden die Hände. »Reisen wir also alle drei nach Houston und eventuell Florida. Oder möchtest du hierbleiben, Graham?«
Die Frage war der pure Hohn, denn der Mönch ließ Sam nur aus den Augen, wenn es unbedingt sein musste. Er war immer noch davon überzeugt, dass sie ihre dämonische – bösartige – Natur ausleben würde, sobald er ihr längere Zeit den Rücken kehrte.
»Keine Chance, Dämon. Ich komme mit.«
»Ich werde hierbleiben.«
Sam blickte Nick fragend an. Sie spürte, dass ihn etwas beschäftigte und er Unsicherheit empfand. Seit er bei ihr war, schwankte er zwischen seinem Wunsch, möglichst oft und lange mit ihr zusammen zu sein, und dem Leben als Wolf im Wald. Mehr noch, er fühlte sich ständig hin- und hergerissen zwischen seinem Bedürfnis nach Nähe und der Angst eben davor. Letztere hatte bis jetzt verhindert, dass er sich fest an Sam band. Ihre Beziehung befand sich immer noch in einer Probephase, die jederzeit beendet werden konnte.
Sie wusste, dass Nick genau das absolut nicht wollte. Aber der Schmerz, den er empfinden würde, falls er sie ebenfalls verlieren sollte, wäre noch schlimmer, wenn er neben dem Seelenbund auch das emotionale Band – seine Liebe – zu ihr voll und ganz akzeptierte. Die Angst vor einem solchen Verlust ließ ihn unbewusst ständig an Flucht denken. Er hatte bisher jedes Wesen verloren, das er liebte: seine Frau, seine Kinder und sein gesamtes Ursprungsrudel. Und das Cuyahoga-Valley-Rudel, das durch den Werwolfkeim seiner Verwandten erschaffen worden war, blieb ihm bis jetzt fremd. Sam war seine einzige Bezugsperson. Wenn er seine Liebe zu ihr zugab, sie in vollem Umfang zuließ, öffnete er sich damit auch neuen Verletzungen. Und diese Art von Verlust ertrug er nicht mehr. Er musste sich darüber klar werden, ob er das Risiko eingehen wollte oder nicht.
Sam spürte, wofür er sich entscheiden würde. Aber Nick musste das für sich selbst herausfinden. Sie lächelte.
»Waldzeit?«
Er nickte und nahm sie in die Arme. »Ich muss ein paar Dinge in aller Ruhe überdenken. Und für diesen Fall brauchst du meine Hilfe ja nicht.«
»Nein, Graham und ich kommen schon klar.«
Er gab ihr einen innigen Kuss, nahm seine Jacke und verließ das Büro. Sie sah ihm nach. Er würde direkt zum Wald fahren und tagelang draußen bleiben. Vielleicht auch Wochen, in denen sie ihn schmerzlich vermisste. Aber er würde zurückkehren. Und nur das zählte.
»Okay, Graham, dann fahren wir mal nach Hause und packen unsere Sachen.« Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Einwände?«
Er schüttelte den Kopf. Da er ihr aufs Wort zu gehorchen hatte, hätten Einwände ohnehin keinen Zweck gehabt.
»Molly, wir sind alle drei ein paar Tage weg. Das übliche Prozedere, falls Klienten auftauchen oder anfragen. In dringenden Fällen ruf mich.«
Der Dienergeist bestätigte das mit einem Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung und setzte seine Arbeit als Sekretärin fort.
Graham stieg wenig später in seinen Dodge und folgte Sams Jeep Cherokee zu ihrem Haus 198 Cresthaven Drive, in dessen Auffahrt er seinen Wohnwagen geparkt hatte. Der war sein einziges Zuhause, seit er vor anderthalb Jahren begonnen hatte, Sam zu verfolgen. Da sie aus verständlichen Gründen nicht erlaubte, dass er in ihrem Haus wohnte, musste er mit dem engen Wohnwagen Vorlieb nehmen. Immerhin war der 18 Fuß lange Fleetwood Pioneer Spirit für seine bescheidenen Bedürfnisse ausreichend.
Er hatte seine Reisetasche schnell gepackt und verbrachte den Rest des Abends mit Kontemplation und Gebeten. Darin spielte ein immer wiederkehrender Gedanke eine zentrale Rolle: »Gott, mein Vater, erweise mir bitte die Gnade, mir zu offenbaren, was an Sam Tyler so Besonderes ist, dass Du Deine Hand schützend über sie hältst. Amen.«

Ronan Kerry hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, vor seinem eigentlichen Dienstbeginn in sein Büro zu gehen und ein paar private Nachforschungen anzustellen. Durch seinen Zugriff auf das Zentralregister der Polizeidatenbanken des gesamten Landes sowie Interpol konnte er Personen beliebig überprüfen. Als irischstämmiger Amerikaner der zweiten Generation, der wie etliche Landsleute tief im Ursprungsland seiner Vorfahren sowie dessen Sprache und Kultur verwurzelt war, hatte er die Irish Times abonniert. Dabei waren ihm im Lokalteil der Insel verschiedentlich Meldungen aufgefallen, dass sich seltsame Todesfälle in manchen Gegenden häuften.
In meistens nur einer Nacht, seltener in zwei, aber höchstens drei Nächten, waren in jeweils ein und denselben Gegenden Männer und Jungen umgekommen. In der Regel gehörten die Toten zur selben Familie. Einige waren an unerklärlichen Herzinfarkten gestorben, sogar Kinder. Andere waren ertrunken – in Badewannen, Teichen, Flüssen, Seen und sogar in den Waschbecken ihrer Wohnungen oder den Waschräumen von Schulen. Ein Arbeiter in einer Destillerie war sogar in einem Whiskeyfass ertrunken. Die dritte Gruppe war erstochen worden.
Die Polizei war sich jedoch in allen Fällen sicher, dass es sich um Mord handelte, begangen vom selben Täter oder einer Tätergruppe. Denn alle Leichen trugen ein Brandmal in Form eines stilisierten Pferdeohres auf der Stirn. Die Rechtsmediziner suchten bei denen, die an Herzinfarkt gestorben waren, nach einem Gift, das ihn verursacht haben könnte, hatten aber bisher nichts gefunden. Die Ertrunkenen wiesen Hämatome auf, die eindeutig bewiesen, dass man sie unter Wasser – oder Whiskey – gedrückt hatte. Und bei den Erstochenen war die Todesursache zwar offensichtlich. Unklar war aber, wieso sie alle der Spurenlage nach zu urteilen Selbstmord begangen hatten. Oder falls der oder die Täter das getürkt hatten, wie sie es geschafft hatten, es wie Selbstmord aussehen zu lassen und das gleichzeitig durch das Brandmal auf der Stirn wieder ad absurdum zu führen. Die Polizei hatte jedoch nicht den geringsten Anhaltspunkt, wer für die Morde verantwortlich sein könnte, denn der oder die Täter hatten keine Spuren hinterlassen.
Immerhin gab es ein weiteres Muster. Die Todesarten folgten einer strengen Reihenfolge: Herzinfarkt, Ertränken, Erstechen – Herzinfarkt, Ertränken, Erstechen und so weiter. Welche Bedeutung diese Reihenfolge hatte oder das pferdeohrförmige Brandmal, blieb ein Rätsel. Ebenso wie der Täter ins jeweilige Haus gekommen war. Es gab niemals Einbruchspuren. Und obwohl einige Todesfälle sich am hellen Tag und mit der Anwesenheit anderer Familienmitglieder im Haus ereignet hatten, hatte niemand etwas gehört oder gesehen.
Ronan hätte das Rätsel lösen können; aber niemand hätte ihm geglaubt. Er hatte die Familien überprüft. Jede Information, die er ausgrub, bestätigte seinen Verdacht, der schon längst zur Gewissheit geworden war. Das Auftreten der ersten beiden Todesfälle in Dublin fiel auf den 1. November 2010 – den Tag nach Samhain. Demnach war der letzte Hüter tot und offensichtlich ohne einen Nachfolger gestorben, der den Fluch bannen konnte.
Er starrte auf den Bildschirm, ohne ihn richtig wahrzunehmen. Das Ende hatte begonnen. Den letzten Toten hatte es vor einer Woche in Limerick gegeben. Danach in Irland keinen mehr. Das bedeutete, sie war hier. Es war demnach nur noch eine Frage der Zeit, bis er an die Reihe kam. Und es gab nichts, was er oder irgendjemand anderes noch dagegen tun konnte. Ihm blieb nur noch übrig, seine weltlichen Angelegenheiten zu regeln, bevor es dazu zu spät war.
»Morgen, Ronan.«
Sein Partner Kevin Bennett betrat das Büro. Ronan starrte immer noch auf den Bildschirm.
Kevin rümpfte die Nase. »Du riechst nach Angst, und du machst ein Gesicht, als wäre jemand über dein Grab gelaufen.«
Ronan wandte dem Werwolf das Gesicht zu. »Ja.«
»Was ist los?« Kevin spannte sich verteidigungsbereit an, als müsste er seinen Freund und Vorgesetzten jeden Moment gegen einen Angreifer verteidigen.
Ronan schwieg.
»Komm schon, Ronan. Wir sind Freunde, und wenn du ein Problem hast, werde ich dir helfen, es zu beseitigen.«
Ronan lächelte gequält. »Dieses Problem kannst du nicht beseitigen, Kevin. Aber danke fürs Angebot. Ja, ich habe Angst. Nicht um mich, sondern um meine Kinder. Wenigstens sind sie bei Sam und Nick in guten Händen, wenn ...«
Er stand auf und verließ das Büro. Kevin blickte ihm nach. Dann ging er zum Schreibtisch und sah sich an, was Ronan zuletzt gelesen hatte. Es war eine Liste mit Namen, Geburts- und Todestagen, die Ronan offensichtlich selbst zusammengestellt hatte. Tot waren sie alle, und alle waren innerhalb der letzten drei Monate gestorben. Alle Toten waren Männer und Jungen, und viele trugen den Namen Kerry.
Er scrollte die Liste weiter nach unten und fand noch ein paar Namen von Männern und Jungen, die ebenfalls Kerry hießen und in den USA wohnten. Allerdings war diese Liste erheblich kürzer und enthielt nur elf Eintragungen. Auch Ronans Name stand darauf.
Verdammt, was hatte das zu bedeuten?
Kevin setzte sich an seinen Schreibtisch, um den Abschlussbericht für den Mordfall zu schreiben, den er und Ronan gestern gelöst hatten. Ganz abgeschlossen war er noch nicht, denn die Beweise mussten für die Staatsanwaltschaft noch wasserdicht gemacht werden. Der Verdächtige hatte zwar gestanden, aber er wäre nicht der Erste, der sein Geständnis widerrief, wenn er begriff, dass er Gefahr lief, zum Tode verurteilt zu werden. Immerhin wurde in Ohio die Todesstrafe in schweren Fällen tatsächlich vollstreckt.
Ronan kam zurück und widmete sich seiner Arbeit. Kevin stellte fest, dass er geistesabwesend und kaum bei der Sache war. Immer wieder starrte er ins Leere oder nahm das Bild von Sarah in die Hand, das auf seinem Schreibtisch stand. Kevin konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er wie schon unmittelbar nach Sarahs Tod eine intensive Todessehnsucht empfand. Manche Menschen zerbrachen am Tod eines geliebten Menschen. Und Ronan war noch lange nicht über den Verlust seiner Frau hinweg. Nicht einmal im Entferntesten.
Als Kevin eine Weile später zufällig mitbekam, dass er private Telefonate führte und offenbar mit Leuten sprach, deren Namen auf seiner ominösen Liste standen, kam er zu dem Schluss, dass Ronans seltsame Stimmung andere Hintergründe haben musste. Doch obwohl er mehrere Ouvertüren machte, um dem Freund ein offenes Ohr für dessen Sorgen zu signalisieren, ignorierte Ronan sie. Kevin gab schließlich auf. Wenn Ronan über das sprechen wollte, was ihn quälte, würde er das von selbst tun.
Aber ein mulmiges Gefühl böser Vorahnung blieb.

Graham stellte nicht zum ersten Mal fest, seit er in Sams Detektei arbeitete, dass die profane Ermittlungsarbeit ein hartes Brot war. Besonders wenn man jemanden beschattete. Da die Leute, die man observierte, das, was man ihnen nachzuweisen gedachte, in der Regel nicht gerade in dem Moment taten, wo man mit der Beobachtung begann, war das Ganze oft ein ziemlich langweiliger und ermüdender Job.
Das traf auch auf die Beschattung von Daniel Black zu. Der Mann war zunächst zusammen mit seinem Kollegen zum Flughafen gefahren. Statt dort jedoch einzuchecken, hatten die beiden sich mit einem Mann getroffen, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Black besaß. Dem hatte Black sein Flugticket und einige Unterlagen übergeben sowie einen dicken Briefumschlag, in dem sich höchstwahrscheinlich Geld befand. Anschließend hatte der Fremde zusammen mit Blacks Kollegen eingecheckt. Er selbst war in den Wagen des anderen gestiegen und losgefahren.
Eine Überprüfung des Kennzeichens, die Sam mit Magie durchführte, ergab, dass der Wagen einem Lawrence Fenner aus Chicago gehörte, seines Zeichens professioneller Begleiter. Daniel Black hatte ihn offenbar engagiert, um an seiner Stelle seinen Kollegen auf der Promotion-Tour zu begleiten. Er selbst lenkte Fenners Wagen auf den Highway 77 und fuhr nach Süden.
Black war augenscheinlich bestrebt, keine Spuren zu hinterlassen, anhand derer man seinem Weg hätte folgen können. Er hielt nur zum Tanken und die notwendigen Gänge auf die Toilette. Er setzte eine Schirmmütze auf, bevor er auf das Gelände einer Tankstelle fuhr und gab sich große Mühe, dass sein Gesicht auf keiner Überwachungskamera zu erkennen war. Sollten diese Aufzeichnungen jemals ausgewertet werden, würde man ihn anhand des Kennzeichens seines Wagens als Lawrence Fenner identifizieren. Und bestimmt war Fenner seinerseits darauf vorbereitet, »seinen« angeblichen Trip nach Florida zu bestätigen. Außerdem bezahlte Black alles bar, sodass es keine Kreditkartenabrechnungen gab. Schlau.
Nach fast zwölfhundert Meilen mit einer Übernachtung in einem Motel – dessen Manager Sam als »Abendessen« verführte – erreichten sie das Ziel: die Stadt Davie in Florida. Daniel Black quartierte sich im exklusiven Hard Rock Hotel & Casino auf dem Seminole Way ein. Das taten auch Sam und Graham.
Der Mönch war in doppelter Hinsicht froh, dass Sam zwei Einzelzimmer buchte. Zum einen hatte sich ihre Laune in den letzten Stunden erheblich verschlechtert und war sie derart reizbar, dass sie jede noch so winzige Gelegenheit nutzte, diese Laune auszutoben. Graham hätte das auf die lange Fahrt geschoben – sie waren seit fast vierzehn Stunden unterwegs –, wenn sie ein Mensch gewesen wäre. Aber als Dämonin brauchte sie kaum Schlaf. Jedenfalls brauchte er erst einmal eine Auszeit von ihrer miserablen Laune.
Zum anderen musste und würde sie mit verschiedenen Männern schlafen, sobald sie die Gelegenheit dazu bekam. Graham hatte keine Lust, während dieser Zeiten aus einem gemeinsamen Zimmer ausquartiert zu werden. Oder noch schlimmer: Zeuge ihrer Ausschweifung sein zu müssen. Abgesehen davon, dass er schon den Gedanken kaum ertragen konnte, im selben Zimmer zu schlafen wie sie. Sie war immerhin eine Dämonin. Mit ihr endlose Stunden im Auto verbringen zu müssen, war schon mehr als genug Nähe gewesen.
Obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, sie so wenig wie möglich aus den Augen zu lassen, genoss er jetzt das Alleinsein und vor allem eine heiße Dusche. Sam begab sich – natürlich – unverzüglich auf die Jagd nach einem Mann. Immerhin hatte sie erheblich bessere Laune, als sie sich ein paar Stunden später wieder mit Graham traf und wirkte rundherum zufrieden.
Auch Daniel Black hatte sich als Erstes erfrischt, etwas gegessen und ein bisschen geschlafen. Inzwischen war es später Abend, der perfekte Zeitpunkt, um sich ins Nachtleben zu stürzen und im Casino sein Glück zu versuchen. Doch Black stand offenbar nicht der Sinn nach Glücksspiel. Er verließ sein Zimmer eine knappe Stunde vor Mitternacht, fuhr auf den Highway 75, der Alligator Alley, wie die Straße auch hieß, bis zum Big Cypress National Preserve. Dort stellte er seinen Wagen ab, stieg aus und sah sich vorsichtig um, ob ihm jemand folgte.
Graham musste zugeben, dass Sams magische Kräfte in dieser Situation von unschätzbarem Vorteil waren. Sie hatte ihren Wagen mit einem Zauber umgeben, der verhinderte, dass Black ihn sah. Dabei handelte es sich zwar nicht um einen Unsichtbarkeitszauber; der hätte bewirkt, dass niemand den Wagen sehen konnte. Die Magie verhinderte lediglich, dass Black den Wagen oder seine Insassen wahrnehmen konnte.
»Das sieht mir nicht nach einem lauschigen Treffen zum Schäferstündchen aus«, stellte Sam fest. »Dafür ist diese Gegend absolut ungeeignet. Sehen wir mal, wohin Mr. Black uns führt.«
Sie stiegen aus und folgten ihm, diesmal tatsächlich unter Sams Unsichtbarkeitszauber verborgen. Daniel Black schien sich hier auszukennen, denn er folgte zielstrebig zunächst einem Touristenpfad, ehe er auf einen Trampelpfad abbog, der immer unwegsamer wurde und schließlich kaum noch zu erkennen war. Black sah ihn mithilfe seiner Taschenlampe, Sam erkannte ihn durch ihre natürliche Nachtsichtigkeit. Graham hatte jedoch kein solches Hilfsmittel zur Verfügung und stolperte nahezu blind hinter ihr her, unterbrochen von zwei sehr schmerzhaften Stürzen und unzähligen Beinahestürzen. Schließlich prallte er gegen Sam, als sie ohne Vorwarnung stehen blieb.
»Ich kann dir vorübergehend die Fähigkeit zur Nachtsicht geben«, bot sie ihm an.
»Nein!«
Allein der Gedanke, wieder einmal von ihrer unheiligen Magie berührt zu werden, verursachte ihm Abscheu. Er ertrug schon kaum, dass er Unsichtbarkeitszauber und ein sporadisches Teleportieren hinnehmen musste. Dass sie auch noch magisch seine Augen veränderte, war mehr, als er aushalten könnte.
»Idiot.«
Sam ging weiter, und er stolperte notgedrungen hinter ihr her. Ein paar Minuten später wurde die Sicht etwas besser, als der dichte Zypressenwald sich lichtete und das Mondlicht den Pfad etwas erleuchtete. Daniel Black steuerte auf eine Lichtung zu, auf der eine Blockhütte stand. Da durch die Fenster Licht nach draußen fiel, war sie bewohnt.
Black sah sich noch einmal um, ob ihm jemand folgte und klopfte mit einem besonderen Rhythmus gegen die Tür, als er sich sicher war, allein zu sein. Eine alte Frau afrikanischer Abstammung öffnete ihm und ließ ihn ein.
»Das dürfte wirklich kein Auftakt für ein Schäferstündchen sein. Sehen wir uns mal an, was die da drinnen tun.«
Sie gingen näher, doch auf halben Weg stoppte Sam abrupt. »Spürst du das auch, Graham?«
»Magie.«
»Unter anderem als Schutzschild um die Hütte. Wenn wir ihn durchschreiten, klingeln drinnen die Alarmsirenen. Macht aber nichts.«
Graham wurde wieder einmal bewusst, wie groß Sams magische Macht war. Diesen Schutzschild spürte er so deutlich, dass er dessen Ränder beinahe sehen konnte. Den um Sams Haus fühlte er nicht, egal wie sehr er sich anstrengte. Er hatte ihn beim ersten Mal nur dadurch bemerkt, dass er gegen ihn geprallt und von ihm zurückgestoßen worden war.
Sam hockte sich im Schneidersitz auf den Boden und befahl Graham mit einer Handbewegung, sich neben sie zu setzen. Ein Bringzauber holte ihren magischen Spiegel in ihre Hand. Sie wischte mit der Hand darüber. Wie auf einem Fernsehbildschirm erschien auf der Oberfläche ein Bild dessen, was in der Hütte geschah. Den Gegenständen nach zu urteilen, die an den Wänden hingen und in Regalen lagen, war die Frau eine Hexe. In jedem Fall beherrschte sie echte Magie.
»Jetzt wird es interessant«, flüsterte Sam, als Daniel Black der Frau ein kleines Bündel überreichte.
»Ich habe alles besorgt, was Sie wollten. Sind Sie sicher, dass es auch wirklich funktioniert?«
Die Frau grunzte. »Wir werden sehen.«
Sie wickelte den Inhalt des Bündels aus. Zum Vorschein kamen verschiedene getrocknete Pflanzen, die teilweise durch den Transport in dem Bündel zerbröselt waren. Sam erkannte die Pflanzen trotzdem: Raute, Eisenkraut, Rosmarin und Zypressenzweige. Weiter hatte Black fünf Kieselsteine und ein mit einem roten Faden umwickeltes Büschel Haare dazu gelegt.
»Hm.« Die Frau nickte und schüttete den Inhalt des Bündels in eine Feuerschale. Anschließend zündete sie ihn an und begann, einen Zauber zu singen. Sie hielt ihre Hände über die Feuerschale, während sie die Worte immerzu wiederholte.
»Der Kerl will Miss Duke mit einem Liebeszauber an sich binden.« Obwohl er flüsterte, bebte Grahams Stimme vor Wut. »Dieser Mistkerl!« Er ballte die Fäuste und warf Sam einen auffordernden Blick zu.
Sie grinste. »Soll ich diesen Blick als Aufforderung verstehen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten?«
Er zögerte nur kurz. »Ja. Du willst mir doch immer beweisen, was für ein guter Dämon du bist.«
Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. »Wie vereinbart sich das mit der Prämisse, die du sonst vertrittst, dass ich nicht willkürlich in das Leben von Menschen eingreifen darf, erst recht nicht in ihre Entscheidungen? Denn was Mr. Black und die Lady da drinnen planen, ist kein Liebeszauber, sondern ein Hex Breaking, ein Zauber, der einen Fluch brechen soll. Ich bin gespannt, ob er funktioniert.«
Sie blickte Graham in die Augen, der sie mit finster gerunzelter Stirn ansah. »Im Ernst, Graham. Ich erbitte deinen Rat. Was wäre deiner Meinung nach die richtige Maßnahme, falls Mr. Black tatsächlich einen Liebeszauber im Sinn hätte? Dass ich ihn schon im Ansatz neutralisiere und damit auch die Kräfte der Hexe unwirksam mache, soweit es diesen Zauber betrifft? Oder dass ich unsere Klientin Miss Duke mit einem Schutzzauber versehe, der diesen Zauber unwirksam machen würde?«
Graham war sich zwar nicht sicher, ob Sam ihn nicht mit ihrer Frage verspottete, aber er beschloss, ihr ernsthaft zu antworten. »Da Miss Duke dich engagiert und somit um Hilfe gebeten hat, wäre es in dem Fall legitim, sie mit einem Schutzzauber zu versehen. Zuzulassen, dass ihre Seele durch einen Liebeszauber vergewaltigt wird, wäre ein Verbrechen.«
Sam nickte nachdenklich. »Das sehe ich auch so.«
In der Hütte erlosch das Feuer in der Schale, und die Hexe beendete ihren Gesang. Sie rührte mit einem Zweig in der Asche herum, um sich zu vergewissern, dass alles restlos verbrannt war.
»Jetzt das Objekt«, verlangte sie.
Black griff in seine Jackentasche und reichte ihr einen Jeton.
»Ich begreife langsam«, flüsterte Sam. »Black hat sich wohl einen Zauber gekauft, der ihm Glück im Spiel verschaffen sollte. Und jetzt würde er den gern wieder los werden.« Sie grinste. »Wahrscheinlich gefällt ihm der Preis nicht, den er dafür zahlen soll.«
Die Hexe legte den Jeton in die Asche und drückte ihn in die warme Masse, bis er vollständig davon bedeckt war. Sie nahm eine Rassel und schüttelte sie im Kreis gegen den Uhrzeigersinn darüber, während sie ein anderes Lied anstimmte. Zunächst geschah nichts. Dann begann Rauch aus der Schale aufzusteigen. Eine Stichflamme schoss daraus steil in die Luft, die den Jeton in die Luft warf. Eine starke Macht traf die Hexe und schleuderte sie zurück, sodass sie gegen die Wand prallte und mit einem erstickten Schmerzlaut daran zu Boden sackte. Mit Daniel Black geschah das Gleiche.
Ein geisterhaftes und sehr boshaftes Lachen erfüllte die Hütte. Die Stichflamme erlosch, und der Jeton landete mitten auf Blacks Brust. Er stieß einen entsetzten Ruf aus, wischte ihn hastig von seinem Hemd und robbte rückwärts kriechend von ihm weg. Der Jeton rollte unter den Tisch und blieb dort liegen.
»Oh, oh. Unser Mr. Black hat sich mit jemandem eingelassen, der ein paar Nummern zu groß für ihn und seine Helferin ist«, stellte Sam fest. »Spielcasinos sind nun mal die perfekten Jagdgründe für Dämonen, die einen Deal mit Menschen machen wollen. Jetzt hat Black aber ein Problem. Der Dämon, mit dem er einen Deal gemacht hat, nimmt es garantiert sehr übel, dass er ihn einseitig zu lösen versuchte und sich vor der Zahlung des vereinbarten Preises drücken wollte. Das wird böse enden. Für Black.«
Black hatte sich von seinem Schrecken erholt und stand vorsichtig auf, ohne den Jeton aus den Augen zu lassen. Er half der Hexe auf die Beine.
»Was war das?«
Sie schüttelte seine Hand ab und trat von ihm zurück. »Ich kann Ihnen nicht helfen. Gehen Sie und kommen Sie nie wieder zu mir.«
»Aber ...«
»Gehen Sie!« Sie angelte den Jeton mit dem Fuß unter dem Tisch hervor und schob ihn Black hin. »Und nehmen Sie das da mit.«
»Auf keinen Fall! Entsorgen Sie es. Oder tun Sie sonst was damit. Aber ich rühre das Ding auf gar keinen Fall noch mal an.«
Sie lächelte spöttisch. »Sie haben keine Wahl, denn der Jeton klebt an Ihnen, bis Sie den Deal erfüllt haben. Wenn Sie ihn hierlassen, wenn Sie ihn wegwerfen, er wird immer wieder zu Ihnen zurückkehren. Und nun gehen Sie.«
Daniel Black hob den Jeton widerstrebend auf und steckte ihn ein. »Was schulde ich Ihnen?«
Sie hob die Hände und fuchtelte abwehrend. »Nichts. Gar nichts. Verschwinden Sie endlich.«
Er verließ erschüttert und verstört die Hütte und kehrte zu seinem Wagen zurück. Sam und Graham folgten ihm.
»Was glaubst du, wird mit ihm passieren?«
»Kommt darauf an, wer der Dämon ist, mit dem er einen Deal gemacht hat und welche Laune das Kerlchen jetzt hat. Der kleinen Demonstration nach zu urteilen, ist die nicht berauschend. Die Möglichkeiten reichen vom Tod bis zu ewigem Pech bis an Blacks Lebensende, das ziemlich bald kommen wird, da er irgendwann Selbstmord begeht, wenn er es nicht mehr aushält. In jedem Fall kann er so oder so seine Pläne mit Miss Duke vergessen. Es sei denn ...« Sam schwieg.
»Was?«
»Ich könnte die Katastrophe verhindern. Die Frage ist nur, ob ich das tun sollte. Was meinst du?«
Diesmal war sich Graham sicher, dass sie ihn verspottete. »Was fragst du mich? Du tust doch sowieso, was du willst.«
»Letztendlich schon. Ich würde aber gern das tun, was das Beste ist.«
»Für wen?« Er knurrte die Frage regelrecht.
»Für unsere Klientin. Sie ist auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück und der Liebe fürs Leben und glaubt, sie in Daniel Black gefunden zu haben. Wenn er stirbt, wird sie trauern, sich aber vielleicht wieder fangen. Obwohl man das bei euch Menschen nie voraussagen kann.« Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. »Ron zum Beispiel wird nie über Sarahs Tod hinwegkommen. Er wird sich irgendwann ein Leben ohne sie einrichten, aber verwinden wird er ihren Tod nie. Und somit auch niemals offen sein für eine neue Liebe. Womit er letztendlich mindestens einer Frau irgendwann das Herz bricht, die sich in ihn verliebt hat.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn ich dafür sorge, dass Black am Leben bleibt, werde ich unserer Klientin berichten müssen, dass ihr Verlobter in Florida dem Glücksspiel gefrönt hat, während er auf Promotion-Tour für ihre Hotels sein sollte und obendrein versuchte, sich mit einer Art von Betrug zu bereichern. So wie ich sie einschätze, ist das für sie ein handfester Grund, den Kerl in den Wind zu schießen. Ob sie danach jemals wieder einem Mann trauen wird, ist fraglich. Ich habe ihre Gefühle gespürt. Wenn Mr. Black sie enttäuscht, wird sie höchstwahrscheinlich den Rest ihres Lebens einsam bleiben und verbittert werden. Geht mich natürlich nichts an. Aber seit Nick bei mir ist, beginne ich zu begreifen, wie viel eine aus Liebe geschlossene Partnerschaft für euch Menschen bedeutet.« Sie blickte ihn ernst an. »Auch wenn es dir schwerfällt zu glauben, Graham, ich versuche, meinen Weg in der Welt der Menschen zu finden, die ich immer noch nicht richtig verstehe.«
»Du könntest in die Hölle zurückkehren, wo du hingehörst, und dich nie wieder hier blicken lassen.«
»Das Problem ist, dass ich dort schon lange nicht mehr hingehöre.«
Er schnaufte verächtlich. »Nicht? Wohin sollte die Königin der Unterwelt wohl sonst gehören?«
Sam seufzte. »Ich sehe schon: Mit dir kann man kein vernünftiges Gespräch führen. Ich hatte gehofft, dass du mir bei meiner Entscheidung helfen kannst. Du bist schließlich ein Mensch mit hohen moralischen Prinzipien. Auch wenn du die in letzter Zeit ziemlich oft vergisst, sobald es um mich geht.«
Graham errötete. Verdammt, er hatte sich wieder einmal hinreißen lassen, Sam seine Abneigung zu zeigen. Und damit eine Möglichkeit verspielt, sie positiv zu beeinflussen. Er traute ihr ohne weiteres zu, dass sie jetzt erst recht tun würde, was ihrer dämonischen Natur entsprach. Was entweder für Daniel Black oder Celine Duke zum Nachteil wäre. Oder sogar für beide.
»Du solltest dich grundsätzlich immer für das entscheiden, was den geringsten Schaden anrichtet, wenn es schon nichts Gutes bewirken kann«, versuchte er zu retten, was hoffentlich noch zu retten war. »Ich muss aber zugeben, dass das zu entscheiden nicht immer einfach ist.«
»Wie wahr.«
Graham dachte eine Weile nach. »In dieser Situation bin ich der Meinung, dass deine, hm, Loyalität der Klientin gelten sollte, da sie ja nichts Ungesetzliches verlangt, weshalb du in ihrem Sinn handeln solltest. Es sei denn, das wäre der größere Schaden oder ungesetzlich.«
»Das sehe ich auch so. Danke, Graham.«
Der Mönch schwieg. Dass Sam moralische Überlegungen anstellte, war ein gutes Zeichen. Wahrscheinlich hätte er sie sogar noch intensiver positiv beeinflussen können, wenn er sich mehr auf sie einließ. Aber er scheute sich nach wie vor, ihr allzu nahe zu kommen.

Ronan legte den Hörer auf und vergrub das Gesicht in den Händen. Er war so unendlich müde. Und was er tat, war letztendlich fruchtlos. Er hatte gerade versucht, einen Nachfahren von Goll mac Kerr zu erreichen, der in Chicago wohnte, aber nur dessen Frau erreicht, die ihm unter Tränen mitgeteilt hatte, dass ihr Mann vor zwei Tagen verstorben war – offenbar von jemandem erstochen, der sich auf noch ungeklärte Weise und völlig unbemerkt Zutritt zum Haus verschafft und die Leiche dann auch noch mit einem pferdeohrförmigen Brandzeichen verstümmelt hatte.
Damit war er der fünfte Tote von Ronans Liste während der letzten elf Tage. Und er konnte nichts tun, um es aufzuhalten.
Er griff erneut zum Hörer und wählte die Nummer von Colm Kerry, einem weiteren Nachfahren von Goll mac Kerr, der in Erie wohnte. Er erreichte ihn auf Anhieb.
»Mein Namen ist Ronan Kerry, und ich bin Lieutenant beim Cleveland Police Department.«
»Kerry? Sind wir verwandt?«
»Höchstwahrscheinlich ja. Deswegen rufe ich an. Ich betreibe Ahnenforschung und bin dabei auf gemeinsame Vorfahren gestoßen aus dem dreizehnten Jahrhundert: Goll mac Kerr.«
Colm Kerry gab sich leutselig und war gern bereit, ein bisschen zu plaudern. Nachdem sie sich eine Weile über Familie und Verwandte im Allgemeinen und Besonderen ausgetauscht hatten, wagte Ronan den Vorstoß in die Richtung dessen, was ihm auf dem Herzen lag.
»Sagen Sie, Colm, wir Iren lieben ja Geschichten. Je gruseliger desto besser. Haben Sie mal was von dem Fluch gehört, der über den Kerrys liegen soll?«
Colm lachte. »Wir haben einen Familienfluch? Verwandeln wir uns bei Vollmond in Werwölfe?«
Colm hätte das mit Sicherheit nicht lustig gefunden, wenn er gewusst hätte, dass Werwölfe real waren und Ronans Partner und Freund einer von ihnen war.
»Nein. Es heißt, dass unsere Vorfahren mal einer heidnischen Priesterin Unrecht getan haben und dafür verflucht worden sein sollen bis ins letzte Glied. Ich weiß nicht, ob Sie von der Mordserie in Irland gehört haben, bei der alle Toten ein Brandmal in Form eines Pferdeohres auf der Stirn trugen.«
»Nichts davon gehört. Aber Irland ist ja weit genug weg.«
»Die Serie ist jetzt zu uns rübergeschwappt. Der letzte Fall ereignete sich in Chicago vor zwei Tagen. Und alle Toten waren Kerrys.«
»Hey Mann, Sie machen mir Angst. Aber diese Morde haben ja wohl kaum was mit einem Fluch zu tun. Glauben Sie, ich und meine Familie sind auch in Gefahr?«
»Nur Sie, da Sie keinen Sohn haben. Colm, das Leben kann so schnell vorbei sein. Falls es Dinge gibt, die Sie unbedingt regeln sollten für den Fall der Fälle, so sollten Sie das schnellstmöglich tun, bevor es zu spät ist. Vor allem sagen Sie Ihrer Familie, wie sehr Sie sie lieben.«
Colm Kerry schwieg einen Moment. »Ich glaube nicht, dass ich dieses Gespräch fortführen will. Rufen Sie mich nie wieder an.« Er legte auf.
Ronan tat es ihm nach. Ihm war zum Heulen zumute. Nicht nur wegen der Aussichtslosigkeit der Situation, sondern weil ihm wieder einmal bewusst wurde, dass er unzählige Momente versäumt hatte, in denen er Sarah hätte sagen können – sagen müssen –, dass und wie sehr er sie liebte. Deshalb war es ihm ein tiefes inneres Bedürfnis, die letzten noch lebenden Männer der Kerrys dazu zu animieren, ihren Familien das noch einmal zu sagen. Es könnte genau das sein, was ihren Witwen später half, über den Verlust ihres Mannes hinwegzukommen.
Er ging in Siobhans Zimmer. Seine kleine Tochter schlief friedlich und – zumindest im Moment – völlig unbelastet von irgendwelchen Sorgen. Er strich ihr über die kastanienbraunen Locken, die sie ebenso wie die grünen Augen von ihm geerbt hatte. Ihre Gesichtszüge waren dagegen bis hin zu den Wangengrübchen die von Sarah. Siobhan hatte schon die Mutter verloren und würde in absehbarer Zeit auch noch den Vater verlieren, wenn kein Wunder geschah. Zum Glück war sie erst dreieinhalb Jahre alt. Sie würde, wenn sie zu liebevollen Adoptiveltern kam, den Schmerz des Verlustes bald vergessen haben.
Ronan war froh, dass er dafür bereits unmittelbar nach Sarahs Tod Sorge getragen hatte. Bei Sam und Nick war sie in den besten Händen. Beide konnten nicht nur ihre magischen Kräfte akzeptieren und Sam sie ausbilden. Niemand – nicht mal Sally, der Wächterdämon – konnte sie besser beschützen und lieben als diese beiden.
Abby würde es dagegen viel schlimmer treffen. Sie hatte früh ihre Eltern verloren, die sie aus Angst vor ihren Visionen in eine psychiatrische Kinderklinik abgeschoben hatten. Das hatte sie zum ersten Mal traumatisiert. Zeugin der perversen Rituale des Psi-Vampirs werden zu müssen, der ihre Gabe missbraucht hatte, fügte dem ein weiteres schweres Trauma hinzu. Sarahs Tod hatte ihre Verlustängste bis an den Rand des Erträglichen gesteigert. Wenn Ronan jetzt auch noch starb, konnte das ihrer verletzten Seele den Rest geben.
Er ging in Abbys Zimmer hinüber. Sally saß dort in einem Sessel und wachte mit Argusaugen über ihren Schlaf, der im Moment zum Glück ruhig und friedlich war. Sam hatte ihr nach ihrem letzten Albtraum vor ein paar Monaten einen Traumfänger geschenkt, den der Lakota-Schamane und Seelenheiler John Whispering Wind für Abby angefertigt hatte. Seitdem ging es ihr etwas besser. Abby würde nach seinem Tod zwar für eine Weile außer sich sein, sich aber recht schnell bei Sam und Nick eingelebt haben. Sie hing an der Dämonin mit einer so bedingungslosen Liebe und so ultimativem Vertrauen, dass sie den Schock schnell überwinden und glücklich sein würde.
Er strich Abby über das blonde Haar, das fast denselben Farbton hatte wie Sarahs und stellte fest, dass er das Mädchen keinen Deut weniger liebte als Siobhan. Unglaublich, aber so war es. Er gab dem schlafenden Kind einen sanften Kuss und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er stellte sich ans Fenster und blickte in den Garten hinaus. Dort stand Siobhans Seelenbaum, ein Silberweidenschössling, den Sam mit allen nur erdenklichen Schutzzaubern versehen hatte, damit er nicht beschädigt wurde und Siobhan dadurch starb.
Vielleicht würde SIE heute Nacht kommen und sein Leben beenden. Vielleicht morgen oder übermorgen. Oder wann auch immer. Seine Tage waren in jedem Fall gezählt.
Und genau genommen war es gut so.

Daniel Black spielte wie besessen. Mal gewann er, mal verlor er. Aber unter dem Strich steigerte sich sein Gewinn stetig, wann immer er den Jeton benutzte, den die Hexe zu vernichten versucht hatte. Natürlich hatten die Spezialisten des Casinos ihn längst auf dem Radar. Einer, der eine solche Glückssträhne hatte, war immer verdächtig. Allerdings konnten sie ihm keine Unregelmäßigkeit nachweisen, besonders da er nicht immer an demselben Tisch spielte und klug genug war, den Jeton nicht regelmäßig bei zum Beispiel jedem dritten oder vierten Spiel einzusetzen. Aber wenn er ihn einsetzte, gewann er und jedes Mal eine größere Summe.
Sam und Graham hatten sich unter das Publikum gemischt. Sam sah wieder einmal hinreißend aus in dem bordeauxroten Abendkleid, das sie trug, und bewegte sich mit einer lässigen Eleganz, dass sie alle Blicke auf sich zog. Sogar die der Frauen. Selbst die Bestaussehenden unter ihnen wünschten sich neidvoll, Sams Aussehen zu besitzen, das auch nicht von ihrem militärisch kurzen Haar geschmälert wurde, und erst recht ihre Ausstrahlung, die sie zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit jedes Mannes machte.
Lediglich Grahams Anwesenheit an ihrer Seite verhinderte, dass man ihr reihenweise Avancen machte. Er trug den Smoking, den er auf Sams Geheiß – Befehl – vor ein paar Monaten für einen anderen Auftrag hatte kaufen müssen. Da er auch ohne diesen Aufzug alles andere als unattraktiv war, schmachteten ihn die Frauen ebenso reihenweise an wie die Männer Sam. Allein ihre Anwesenheit an seiner Seite verhinderte, dass man ihm eindeutige Angebote machte. Die keineswegs nur von Frauen gekommen wären. Graham stand Homosexualität zwar durchaus tolerant gegenüber, aber er fühlte sich als Objekt der Begierde einfach nicht wohl.
Das lag jedoch nicht daran, dass er sich freiwillig zum Zölibat verpflichtet hatte, weil er sich erstens in seiner Arbeit als Defensor der Pugnatores Lucis von nichts ablenken lassen wollte; und sexuelles Begehren stellte erfahrungsgemäß eine sehr große Ablenkung dar. Zweitens wollte er Gott aus tiefem Respekt für Ihn und Sein Werk ein zusätzliches Opfer bringen, mit dem er Ihm die Ernsthaftigkeit seiner Berufung demonstrierte. Obwohl er für die Zeit seines Strafdienstes bei Sam auch von diesem Gelübde entbunden worden war, hielt er es dennoch streng ein.
Davon abgesehen hatte er schon immer Intimität bevorzugt, die sich aus einer persönlichen Beziehung entwickelte, die von Sympathie, gegenseitiger Achtung und seelischer Verbundenheit getragen wurde. Nur auf seinen Körper zum Zweck der Lustbefriedigung reduziert zu werden, empfand er als abstoßend. So gesehen war er Sam zutiefst dankbar, dass sie ihn nicht als »Futterquelle« in Betracht zog; denn gemäß seiner Anweisung von Gott durch Seinen Engel hätte er ihr auch darin zu gehorchen gehabt.
Obwohl Sam wie jeder andere im Casino hier und da spielte – Graham registrierte, dass sie dabei keine Magie anwandte, um zu gewinnen – ließ sie Daniel Black nicht aus den Augen. Der warf ihr hin und wieder einen Blick zu, wie jeder andere Mann im Casino, aber er konzentrierte sich hauptsächlich auf sein Spiel. Mit jedem Gewinn wurde seine Stimmung jedoch gedrückter statt besser. Er hörte auf, als er zweihunderttausend Dollar gewonnen hatte. Zu dem Zeitpunkt war er bereits von Sicherheitsleuten und anderem Casinopersonal eingekreist und stand kurz davor, ein Spielverbot zu kassieren, weil man ihn – zu Recht – verdächtigte, dass seine Gewinne nicht mit rechten Dingen zugingen. Die Wahrheit hätten sie ihm natürlich nie beweisen können, aber es blieb nun mal Unrecht.
Daniel Black löste seinen Gewinn ein und nutzte den Service des Casinos, das Geld auf sein Konto überweisen zu lassen, statt es in bar oder als Scheck mit sich herumzuschleppen. Anschließend ging er auf sein Zimmer.
Sam beorderte einen Luftelementar an seine Seite, der ihr ständig meldete, was er tat. Eine Weile tat er nichts weiter, als im Zimmer auf und ab zu gehen. Schließlich verließ er das Hotel und ging in den um diese Zeit nahezu menschenleeren Park hinaus. Sam und Graham folgten ihm. Beide hatten sich inzwischen umgezogen und trugen wieder ihre normale Kleidung. Daniel Black setzte sich schließlich auf eine einsame Bank, stützte die Ellbogen auf die Knie, vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte. Dass Sam und Graham vor ihm stehen blieben, merkte er zunächst gar nicht.
»Nachdem Sie gerade zweihunderttausend Dollar gewonnen haben, sollten Sie eigentlich fröhlicher sein«, meinte Sam.
Er sah erschrocken auf, entspannte sich aber, als er Sam als die Frau erkannte, die er als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit im Casino gesehen hatte.
»Da haben Sie recht, Ma’am. Aber Sie ahnen nicht, was mich dieser Gewinn unter dem Strich kostet.«
Sams Mitleid mit ihm hielt sich in Grenzen. »Tja, das kommt nun mal davon, wenn man sich mit Dämonen einlässt. Ihr Menschen denkt immer, dass ein Deal mit den Mächten der Finsternis keine gravierenden Konsequenzen hätte oder dass ihr schlau genug wärt, sie auszutricksen. Aber Dämonen sind nun mal Jahrhunderte und Jahrtausende älter als ihr und kennen alle Tricks.«
Er war bleich geworden und starrte sie entsetzt an. »Oh mein Gott! Hat er sie geschickt?«
»Nein. Miss Duke hat uns engagiert herauszufinden, was der Mann Ihrer Träume – das sind wohl Sie; keine Ahnung wieso – in Florida zu suchen hat, wo er doch angeblich auf Promotion-Tour in Houston ist. Sie wäre wohl nicht sehr erfreut zu erfahren, dass Sie hier dem Glücksspiel frönen und einen Pakt mit einem Dämon geschlossen haben, um viel Geld zu gewinnen.«
Black sah von ihr zu Graham und wieder zurück. »Wer sind Sie?«
Sam reichte ihm eine Visitenkarte. »Sam Tyler, Privatermittlungen. Viel interessanter für Sie ist allerdings die Frage, was ich bin.« Sie beugte sich vor und ließ ihre Augen rot glühen.
Black fuhr zurück. »Oh mein Gott!«
»Den hätten Sie vielleicht mal anrufen sollen, bevor Sie sich mit Dämonen einließen«, knurrte Graham. Selbstsüchtige Leute waren ihm von jeher zuwider.
»Nichtsdestotrotz können wir Ihnen vielleicht helfen«, meinte Sam. »Ob wir das tun, hängt davon ab, wie gut Ihre Antworten auf meine Fragen sind.«
Daniel Black zitterte vor Angst und nickte stumm.
»Sie wissen, dass Miss Duke sich mit dem Gedanken trägt, Sie zu heiraten.«
Er nickte.
»Warum brauchen Sie so viel Geld? Ihr Bankkonto weist auch ohne die heutige Einzahlung ein Guthaben von fast drei Millionen auf.«
»Woher wissen Sie das?«
Sam schnaufte verächtlich. »Leute wie ich erfahren alles, wenn wir wollen. Also warum? Sollen Sie einen Ehevertrag unterzeichnen, der Ihnen keinen Cent an Miss Dukes Vermögen gibt?«
»Ihr Vater besteht garantiert darauf. Ob Celine das auch tut, weiß ich nicht. Ich habe mit ihr nicht darüber gesprochen. Das ist mir auch egal. Ich liebe Celine. Ich liebe sie wirklich. Das müssen Sie mir glauben. Eben deshalb wollte ich ja ein bescheidenes Vermögen gewinnen, bevor ich ihr einen Antrag mache. Verstehen Sie?« Er blickte Sam eindringlich an. »Ich will nicht, dass sie glaubt, dass ich nur wegen ihres Geldes an ihr interessiert bin. Ich habe mit Jack Carruthers darüber gesprochen, wie man am besten zu Geld kommt. Er ist mein Freund.«
»Derjenige, der Sie deckt, während Sie hier sind?«
Black nickte. »Er sagte, er kennt jemanden, der jemanden kennt, der mir dabei helfen kann. Und alles wäre ganz legal.«
Sowohl Sam wie auch Graham schnauften unisono und schüttelten die Köpfe.
»Und das haben Sie geglaubt?«
Er nickte. »Zunächst nicht. Aber ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn ich mir anhöre, was der Typ zu bieten hat. Jack arrangierte also ein Treffen. Der Typ, der auftauchte, wirkte sehr seriös und erklärte mir, dass es sich bei der Sache um ein mathematisches System handelt, das einfach zu bedienen wäre, sobald man es verinnerlicht hat, mit dem man im Spielcasino absahnen kann. Da es kein Gesetz gibt, das einem verbietet, mit einem mathematischen System zu gewinnen, wäre alles legal.«
»Das wäre es auch, wenn es sich dabei tatsächlich um ein mathematisches System handelte. Aber mithilfe von Magie zu gewinnen ist und bleibt Betrug.«
Sam blickte den Mann missbilligend an, und Graham blickte Sam überrascht an. Wieder war er versucht, ihr zu unterstellen, das nur zu propagieren, um ihm Sand in die Augen zu streuen bezüglich ihrer angeblichen Harmlosigkeit. Er musste allerdings zugeben, dass sie vorhin tatsächlich ehrlich gewonnen hatte, sofern sie überhaupt etwas gewann. Außerdem hatte er noch nie festgestellt, dass sie ihre magischen Kräfte zu etwas wirklich Illegalem benutzte; zumindest nicht, um sich selbst dadurch einen materiellen Vorteil zu verschaffen. Und wenn sie ihre Macht einsetzte, um ihre Fälle zu lösen, dann ging es meistens darum, den Menschen eine plausible Erklärung für die Vorkommnisse zu liefern, die andernfalls mit Logik und gesundem Menschenverstand nicht zu erklären waren.
»Aber das wusste ich doch nicht!«, beteuerte Daniel Black. »Der Typ nahm mich mit in ein Casino. Das East Nite Club in der St. Claire Avenue, falls sie das kennen. Dort führte er mir das System vor. Beim Roulett sagte er immer einen Gewinn voraus, wenn er setzte, nachdem die Kugel auf die Sechs gefallen war. Er setzte danach auf die Sechsunddreißig und gewann. Beim nächsten Mal setzte er auf die Neun, beim übernächsten Mal auf die Achtzehn. Das wäre das ganze System, sagte er. Ich dachte natürlich, er hätte das mit dem Inhaber oder dem Croupier abgesprochen und bestand darauf, das in einem Casino meiner Wahl noch am selben Abend zu versuchen. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass er sich mit jedem Croupier in jedem Casino abgesprochen hat, war ich danach überzeugt und unterzeichnete den Vertrag. Zehn Prozent des Gewinns für den Typen erschien mir nicht sehr viel für ein so sicheres System.«
»Und wann haben Sie bemerkt, was es mit dem Ganzen wirklich auf sich hat?«, wollte Graham wissen. »In dem Vertrag muss doch noch etwas anderes als Preis gestanden haben als nur zehn Prozent vom Gewinn.«
Black nickte. »Aber das war mit unsichtbarer Tinte oder so geschrieben. Ich hatte mich zwar gewundert, warum das Unterschriftsfeld ganz unten auf der Seite stand, obwohl zwischen ihr und der letzten Zeile des Vertrags eine halbe Seite frei war. Aber ich habe mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Der Typ«, er schüttelte den Kopf, »ich kann mich nicht mal an seinen Namen erinnern. Jedenfalls schenkte er mir diesen Jeton und sagte, ich müsse unbedingt den setzen, wenn es so weit wäre. Da dämmerte mir, dass damit irgendwas faul sein könnte. Ich meine, jedes Casino hat seine eigenen Jetons. Ein für das East Nite Club gültiger ist hier zum Beispiel wertlos. Dachte ich. Dann habe ich gesehen, dass der Jeton überhaupt keine Kennung besaß. Und auch keinen Wertaufdruck. Ich dachte, der Kerl hat mich verarscht. Aber da er keine Vorauszahlung gefordert hat und mich das Ganze nur eine Unterschrift auf einem, wie mir schien, sauberen Vertrag gekostet hat, habe ich das Ding mitgenommen.«
Sam steckt die Hand aus. »Darf ich mal sehen?«
Black griff in die Jacketttasche und reichte ihr den Jeton. Sam grinste flüchtig. »Das Ding riecht fünf Meilen gegen den Wind nach Magie. Es verändert sein Aussehen, je nachdem, in welchem Casino Sie spielen, sodass es von den casinoeigenen nicht zu unterscheiden ist. Er wechselt den Wert nach Bedarf, und er bewirkt, dass die Neun, Achtzehn oder Sechsunddreißig geworfen wird, sobald er auf dem Tisch liegt. Einfache Sache.« Sie sah Black an. »Und wann sind Sie dahinter gekommen?«
»Als das Ding plötzlich auf dem Tisch lag, ohne dass ich es hingelegt hätte. Ich dachte, das System funktioniert auch ohne den Jeton. War wohl etwas blauäugig von mir.«
»In der Tat«, stimmte Graham ihm mit ironischem Unterton zu.
»Als ich meinen ersten Einsatz mit einem normalen Jeton machte, nachdem die Kugel auf eine Sechs gefallen war, lag plötzlich der da anstelle des anderen auf dem Tisch. Eine Sekunde sah er so aus wie jetzt, in der nächsten hatte er einen Aufdruck vom Casino und einen Wert von hundert Dollar. Jedes Mal, wenn ich versuchte, ihn in der Tasche zu lassen – ich habe ihn sogar einmal in Cleveland gelassen – lag er doch auf dem Spieltisch. Das war so gruselig. Ich habe es mit der Angst bekommen und den Typen angerufen. Ob Sie es glauben oder nicht«, er blickte Sam misstrauisch an, fuhr aber fort, »er stand aus dem Nichts heraus plötzlich vor mir. Ich wollte ihm seinen Gewinn geben und den Jeton zurück. Dachte, das wäre ganz einfach, weil der Vertrag besagt, dass ich jederzeit aufhören kann, wenn ich genug habe.«
»Aber dann präsentierte er Ihnen das Kleingedruckte«, ergänzte Sam. »Das, was zwischen Ihrer Unterschrift und der letzten Zeile steht, die Sie lesen konnten.«
Black nickte. »Dort stand als Definition, dass ‚genug haben’ bedeutet, dass ich die Summe erspielt habe, die mir in dem Moment vorschwebte, als ich den Vertrag unterzeichnet hatte. Das waren drei Millionen. Aber da stand noch mehr.« Er schlug erneut die Hände vors Gesicht.
»Nämlich der wahre Preis für diesen Erfolg«, ergänzte Sam. »Was will der Dämon von Ihnen? Ihre Seele?«
Black schüttelte den Kopf und brach in Tränen aus. »Das Leben des Menschen, den ich am meisten liebe. Und das ist Celine. Oh Gott im Himmel, hilf mir! Hilf ihr!«
Sam warf den Jeton in die Luft und fing ihn wieder auf, während sie wartete, dass Black sich beruhigte.
»Ich habe versucht, den Vertrag zu zerreißen, zu verbrennen, zu schreddern. Es hat nicht funktioniert. Das Ding lag hinterher unversehrt wieder auf dem Tisch. Ich habe versucht, den Jeton zu zerstören mit demselben Ergebnis. Ich habe versucht, nicht mehr zu spielen, aber als wenn ich fremdgesteuert würde, befand ich mich nach einem Blackout, wie ich dahin gekommen war, immer wieder in einem Casino. Ich habe versucht, nur noch sporadisch zu spielen und nur ganz kleine Gewinne zu machen. Das ging einmal gut. Beim nächsten Mal habe ich sofort größere Summen gewonnen, ob ich wollte oder nicht. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen und habe vor ein paar Stunden sogar die Hilfe einer ... einer Hexe in Anspruch genommen, um den Fluch zu brechen. Aber ich fürchte, das hat den Typen – Dämon – nur wütend gemacht.«
»In der Tat«, kommentierte Sam. »Wir haben es gesehen.«
Black blickte sie überrascht an und schien sich erst jetzt wieder bewusst zu werden, dass Sam wohl kein Mensch war.
»Ich habe vorhin den Rest der Summe gewonnen, der mir zu den drei Millionen noch fehlte. Das heißt, dass Celine nur noch bis Mitternacht dieses Tages zu leben hat. Oh Gott!« Er schluchzte auf.
Sam warf einen Blick auf die Uhr. Es war zwei Uhr morgens. Celine Duke blieben also noch zweiundzwanzig Stunden. Black sah sie an.
»Wenn Sie eine Möglichkeit wissen, wie ich Celines Leben retten kann, sagen Sie es mir! Ich tue alles, wenn ihr nur nichts geschieht.«
Sam spürte, dass er es ehrlich meinte. Er mochte sich nicht ganz korrekt verhalten haben, als er sich auf den Deal einließ, aber er wollte nur das Beste für die Frau, die er liebte. Außerdem hatte er nicht gewusst, dass sein Geschäftspartner ein Dämon war, als er den Vertrag abschloss. Im Gegenteil hatte der ihn ausgetrickst. Sam blickte Graham an.
»Wie siehst du das? Meiner Meinung nach haben wir hier ein Opfer, das übel reingelegt wurde.«
Graham nickte. »Das sehe ich auch so. Was hast du vor?«
Daniel Black nahm die Frage als Vorzeichen dafür, dass Sam ihm etwas antun wollte. »Bitte, tun Sie mit mir, was Sie wollen, aber Celine darf nichts geschehen.«
Sam blickte ihn nachdenklich an. »Okay, ich denke, ich kann was für Sie tun. Aber meine Hilfe hat ihren Preis.«
Graham schnaubte voller Verachtung. »Typisch Dämon! Ich wusste von Anfang an, dass du ...«
»Oh, halt die Klappe!«
Sam schnippte mit den Fingern, und Graham versagte die Stimme. Zu diesem drastischen Mittel hatte sie lange nicht mehr greifen müssen, aber sie war nicht in der Stimmung, sich seine haltlosen Beschuldigungen anzuhören. Er schien absolut unbelehrbar zu sein. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden die Höchsten Mächte seinen Strafdienst bei ihr um Monate verlängern, bis er endlich Vernunft annahm.
»Mr. Black. Jetzt machen wir beide einen Deal.«
Der Mann schüttelte vehement den Kopf. »Ich werde mich nicht noch mal mit einem ... einem Dämon einlassen. Nie wieder! Und wenn Sie mich dafür umbringen!«
Sam grinste. »Nobel. Den Vorsatz sollten Sie beibehalten. Was ich von Ihnen verlange dafür, dass ich Sie aus diesem unheiligen Pakt erlöse, ist Folgendes. Vorausgesetzt Miss Duke will Sie immer noch haben, dann werden Sie alles tun, um Sie glücklich zu machen. Sie werden ihr treu sein, sie niemals betrügen, sie niemals finanziell, moralisch oder auf andere Weise hintergehen und vor allem ihr Vertrauen in Sie niemals enttäuschen. Sie werden Sie wertschätzen und auf Händen tragen bis ans Ende Ihrer hoffentlich gemeinsamen Tage. Darüber hinaus werden Sie ein absolut redliches und ehrliches Leben führen und nie wieder auch nur mit dem Gedanken spielen, sich auf einen so saudämlichen Vertrag einzulassen, um was auch immer zu erreichen. Haben Sie das so weit verstanden?«
Black nickte.
»Gut. Denn wenn Sie sich nicht daran halten, suche ich Sie heim. Und verglichen mit mir und dem, was ich mit Ihnen tun werde, ist das, was der Dämon, von dem Sie den Jeton haben, mit Ihnen plant, nur ein müder Abklatsch. Verstanden?«
Black nickte. »Und dafür tun Sie was?«
»Sagte ich schon. Ich erlöse Sie aus dem Vertrag.«
Sie warf den Jeton in die Luft und torpedierte ihn mit einer magischen Feuerkugel. Er zerplatzte und fiel in tausend stinkenden Funken zu Boden. Ein Wutschrei ertönte. Im nächsten Moment stand ein Mann mit rot glühenden Augen vor ihnen und machte Anstalten, sich auf Daniel Black zu stürzen. Der warf sich mit einem Aufschrei zurück, wobei sein Rücken schmerzhaft gegen die Rückenlehne der Bank prallte, auf der er immer noch saß. Graham riss seine Glock aus dem Halfter. Doch Sam stellte sich zwischen den Dämon und Black.
»Lass den Blödsinn.«
Der Dämon starrte sie einen Moment an. Dann sank er vor ihr auf ein Knie und verbeugte sich so tief, dass seine Stirn fast den Boden berührte. »Meine Königin. Was befiehlst du?«
Sam verdrehte die Augen und seufzte tief, denn sie stand schlagartig vor einem Problem. Sie hätte dem Dämon befehlen können, Daniel Black in Ruhe zu lassen, was er augenblicklich getan hätte. Dann allerdings wäre er in die Unterwelt zurückgekehrt und hätte dort bezeugen können – und ausposaunt –, dass Sam ihre Macht als Königin der Unterwelt angenommen hatte, weil sie ihm sonst nie einen Befehl erteilt hätte. Aber eine freundliche Bitte, Black und Celine Duke in Ruhe zu lassen, würde nichts bringen. Dämonen verstanden in diesem Sinn keine Bitten. Sie reagierten nur auf Deals, vorübergehende Allianzen und beugten sich der Gewalt – oder den Befehlen – eines stärkeren Dämons. Das Problem war, dass Sam gegen ihn keine Form von dämonentypischer Befehlsgewalt ausüben konnte, die er und jeder andere Dämon ihr nicht als Ausübung ihres Amtes als Luzifers Königin interpretieren würde.
Schlagartig begriff sie, was hier gespielt wurde.
»Mr. Black, haben Sie bei Ihrem letzten Besuch irgendwo in Florida ein Diner aufgesucht?«
»Nein. Ich habe mich immer nur hier im Casino aufgehalten und im Restaurant des Hotels gegessen. Und auf der Fahrt immer nur an den Tankraststätten gegessen.«
»Oder haben Sie in einem Bookshop in Florida ein Buch gekauft?«
»Nein. Warum fragen Sie?«
»Das habe ich mir gedacht.« Sie fixierte den Dämon mit einem kalten Blick. »Wer hat dich auf diesen Menschen angesetzt?«
Der Dämon, der immer noch am Boden kniete, duckte sich und vermied es, Sam anzusehen.
»Entweder du antwortest, oder ich foltere die Antwort aus dir heraus, Kerlchen. Also?«
»Prinzessin Danaya.«
Dies war also ein neuer Versuch ihrer Tochter, sie auf die Seite der Finsternis zu ziehen. Vielleicht hatte Luzifer sie dazu angestiftet, vielleicht auch nicht. Das machte keinen Unterschied. Sam hätte Wut empfinden oder den gescheiterten Versuch in dämonischer Manier lustig finden sollen. Stattdessen fühlte sie nur Traurigkeit. Nicht wegen dem, was sie nun tun musste, um zu vermeiden, dass Danayas Plan aufging, sondern wegen des Bewusstseins, dass ihre Tochter, die sie liebte, ihre Feindin war. Axaryn hatte recht gehabt, als er ihr einmal vorgehalten hatte, dass sie Danaya zwar geboren hatte, sie aber durch und durch Luzifers Tochter war.
Sie zerpulverte den Dämon mit ein paar Levin-Blitzen zu Staub. Daniel Black starrte sie entsetzt an. Sam machte eine scheuchende Handbewegung.
»Fahren Sie nach Hause, Mr. Black, und machen Sie Miss Duke glücklich. Das gewonnene Geld befindet sich noch auf Ihrem Konto. Ich hoffe, es bringt Ihnen Glück.«
Er zögerte und konnte sein Glück kaum fassen. »Was ... was werden Sie Celine sagen?«
»Die Wahrheit.«
Er wurde blass.
»Dass Sie sie nicht betrügen. Und dass Sie hierher gekommen sind, um genügend Geld zu gewinnen, um ihrer würdig zu sein. Dass Sie ein halber Seminole sind, sollten Sie ihr selbst sagen, sonst könnte ihr Vater das gegen Sie verwenden.«
»Woher wissen Sie das?«
Sam zuckte mit den Schultern. »Wir Dämonen erfahren so ziemlich alles, was wir wissen wollen. Gehen Sie, Mr. Black. Und machen Sie was Gutes aus Ihrem Leben. Vor allem: ruinieren Sie Celines nicht.«
»Sie lassen mich gehen? Haben Sie keine Angst, dass ich jemandem verraten könnte, was ... dass ...«
Sam lächelte und schüttelte den Kopf. »Wer würde Ihnen das wohl glauben?«
Daniel Black hatte nicht vor, dem geschenkten Gaul noch länger ins Maul zu schauen. Er machte, dass er wegkam. Sam sah ihm nach, ehe sie sich an Graham wandte.
»Irgendwelche Einwände gegen mein dämonisches Handeln?«
Der Mönch schüttelte den Kopf. »Ich nehme an, dass du ihn mit dem Zauber, den ich dich gerade anwenden fühlte, daran hinderst, dein Geheimnis zu verraten.«
Sie nickte. »Ein harmloser Restriktionszauber, der es ihm unmöglich macht, irgendjemandem meine wahre Natur zu offenbaren.« Sie blickte ihn nachdenklich an. »Dir ist klar, warum ich den Dämon töten musste?«
Graham nickte langsam. »Ich denke schon. Andernfalls hätte die Falle funktioniert, in die die H... – deine Tochter dich locken wollte.«
Sam hielt ihm die Hand hin. »Da gibt es noch etwas, das ich dir zeigen will. Klappe halten, denn wir sind gleich unsichtbar.«
Graham kniff die Augen zusammen und wappnete sich gegen das unangenehme Kribbeln, das er jedes Mal spürte, wenn Sam ihn mit einem Zauber belegte. Widerstrebend fasste er ihre Hand. Eine Sekunde später standen sie in der Sterling Road, nur ein paar Blocks vom Casino entfernt, vor einer Kirche, vor der ein Schild sie als First Seminole Baptist Church bezeichnete. Sam forderte Graham mit einer Kopfbewegung auf, ihr hineinzufolgen. Die Kirche war Tag und Nacht geöffnet, sodass Gläubige jederzeit eintreten konnten.
Sam setzte sich in eine der leeren vorderen Reihen. »Jetzt warten wir eine Viertelstunde«, flüsterte sie Graham zu.
Er wunderte sich, dass Sam freiwillig eine Kirche betrat und nutzte die Zeit, um stumme Zwiesprache mit Gott zu halten, während er darauf wartete zu sehen, was Sam ihm zeigen wollte.
Als knapp fünfzehn Minuten später die Tür geöffnet wurde, blickte er gespannt zum Eingang. Daniel Black kam herein. Er rannte beinahe nach vorn, kniete vor dem Altar nieder und faltete die Hände.
»Oh Gott, ich danke dir! Dass ich noch am Leben bin, dass ich von diesem unheiligen Vertrag erlöst wurde, dass Celine noch am Leben ist und bleibt. Und ich schwöre dir, dass ich der Kirche beitreten und ab sofort jede Woche mindestens einen Gottesdienst besuchen werde. Ich werde ein dir gefälliges Leben führen und nie wieder irgendetwas Unrechtes tun!«
Graham blieb beinahe der Mund offen stehen. Er konnte es nicht fassen. Eine Dämonin hatte einen Menschen dazu gebracht, in die Kirche zu gehen – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – und Gott in sein Leben zu lassen. Unglaublich. Und doch war er Zeuge dieses Wunders.
Sam nahm seine Hand und sprang mit ihm zurück in den Park des Casinos. Von dort aus kehrten sie profan ins Hotel zurück.
»Gute Nacht, Graham«, wünschte sie ihm, als sie vor ihren Zimmern angekommen waren.
Er nickte ihr zu. »Gute Nacht.«
Er schloss die Tür hinter sich ab, nahm eine heiße Dusche und legte sich eine halbe Stunde später schlafen. Seine Gedanken kreisten um Sam und ihre Motive, bevor er endlich einschlief.

Kevin Bennett sah von seinem Bildschirm auf, als Ronan das Büro betrat. »Hallo Ronan. Schön, dass du dich mal wieder blicken lässt. Der Commander hat schon zweimal nach dir gefragt.«
»Was hast du ihm gesagt?«
»Dass du dir noch mal den Tatort vom Dorkin-Mord ansehen wolltest, um dich zu vergewissern, dass wir nichts übersehen haben. Er hat’s geschluckt. Ebenso die zweite Ausrede, dass die Schule deiner Tochter dich angerufen hat, weil irgendwas passiert ist.«
»Abby geht in keine Schule. Sie hat Privatunterricht.«
»Das weiß ich, aber der Commander nicht. Wo warst du?«
»Was wollte der Commander?«
»Fragen, ob du eine Detective Claire Shepherd als zusätzliche Partnerin aufnehmen willst. Sie bat um dringende Versetzung von ihrer bisherigen Dienststelle im Fünften Distrikt. Wegen sexueller Belästigung durch einen Kollegen. Angeblich hat sie sich die Sache nur ausgedacht, weil er sie hat abblitzen lassen. Ich war so frei, mich zu informieren. Jedenfalls nannte sie deine Abteilung als bevorzugte Wirkungsstätte.«
Ronan schüttelte den Kopf. »Wenn sie behauptet, dass der Kerl sie belästigt hat, dann stimmt das. Ich habe ein Dreivierteljahr mit ihr zusammengearbeitet, als Ben Cruz angeschossen wurde und mit Krankenhaus und Reha so lange ausgefallen ist.3 Sie ist okay und absolut korrekt. Ich hätte sie gern als Partnerin behalten, wenn Ben nicht versucht hätte zurückzukommen.«
Was nur ein knappes halbes Jahr gutgegangen war. In dieser Zeit hatte Cruz festgestellt, dass er psychisch den Dienst in der Homicide Division nicht mehr packte und sich frühpensionieren lassen. Zu Kevins Glück, denn dadurch hatte er – frisch von Carlsbad nach Cleveland versetzt – nachrücken können. Er bezweifelte, dass ein anderer Partner damit hätte umgehen können, dass er ein Werwolf geworden war.
»Also ja, ich nehme sie gern.« Er blickte Kevin an. »Du wirst sie mögen.«
»Das interessiert mich im Moment weniger als die Antwort auf meine Frage, wo du gewesen bist.«
Ronan setzte sich an seinen Schreibtisch und stützte die Ellenbogen auf. Colm Kerry war tot. Herzinfarkt in seinem Arbeitszimmer – an dem Morgen, nachdem Ronan ihn angerufen hatte. Natürlich hatte er ein pferdeohrförmiges Brandmal auf der Stirn gehabt.
»Ich war in Erie. Dort gibt es einen Mordfall, der zu einer Serie gehört, die in Irland begonnen hat.«
Anschließend war er nach Akron gefahren, wo er Brendan Kerry kontaktiert und ihn gewarnt hatte. Aber der hatte ebenso wie Colm nicht auf ihn hören wollen. Stattdessen hatte er seine Warnung sogar als Drohung aufgefasst und ihn rausgeworfen. Dabei hatte Brendan einen zehnjährigen und einen achtjährigen Sohn. Zuletzt hatte Ronan Kieran O’Leary hier in Cleveland aufgesucht. Mit demselben Ergebnis.
»Was interessiert dich an dem Fall? Weder Irland noch Erie gehören zu unserem Einzugsbereich.«
Ronan zuckte mit den Schultern und schwieg.
»Verdammt, Ronan, rede mit mir. Hat es was mit dieser ominösen Namensliste zu tun, die du führst und auf der fast alle tot sind?«
Ronans Kopf ruckte hoch. »Schnüffelst du mir etwa nach?«
»Wenn du es so nennen willst. Ich versuche herauszufinden, warum mein bester Freund seit Tagen ein Gesicht macht, als läge jemand im Sterben, sich benimmt, als würde er selbst bald sterben und obendrein auch noch zwischendurch für Stunden verschwindet, ohne mir zu sagen wohin.«
Ronan sprang auf. »Halt dich da raus, Kevin. Du kannst es sowieso nicht aufhalten. Niemand kann das.« Er verließ das Büro, um dem Commander persönlich zu sagen, dass er mit Claire Shepherd einverstanden war. Sie würde eine gute Partnerin für Kevin abgeben, wenn er nicht mehr da war.
Kevin blickte ihm nach und fluchte. Ronan steckte offensichtlich in Schwierigkeiten, aber dieser irische Sturkopf wollte einfach nicht mit der Sprache rausrücken. Nun gut, er würde ihm noch ein paar Tage Zeit lassen. Aber wenn er bis zum Wochenende nicht gebeichtet hatte, würde er Sam auf ihn loslassen. Die würde schon aus ihm rausbringen, was Sache war.

Graham legte seine Reisetasche in den Kofferraum von Sams Jeep, während sie die Motelrechnung bezahlte. Sie waren gestern am frühen Vormittag von Davie aufgebrochen und hatten sich im Holiday Inn Express in Savannah für die Nacht einquartiert. Daniel Black hatte sich noch nicht wieder auf den Rückweg gemacht, sondern die First Seminole Baptist Church aufgesucht, um sich taufen zu lassen und seine ersten Unterweisungen im christlichen Glauben zu erhalten. Graham stimmte das froh. Jede Seele, die zu Gott fand, war ein kleiner Sieg über das Böse. Besonders wenn es jemandem so ernst damit war wie Daniel Black.
Er stieg in den Wagen und schaltete das Radio ein. Die letzten Noten eines Songs verklangen gerade.
»Sie hörten ›Red as Blood‹ von Cynthia McQuillin«, verkündete der Moderator. »Unser nächster Song – ›Silver Crescent Lady‹ – stammt von Gwyn the Harper.«
Graham drehte die Musik etwas lauter. Gwyn the Harper war sein Lieblingsmusiker. Er besaß alle CDs, die der Mann jemals herausgebracht hatte. Seine Melodien streichelten die Seele, und die Texte waren überaus inspirierend. Sie berichteten von Liebe, Leid, Ehre, Wahrhaftigkeit, Mystik und den Wundern der Natur. Graham lehnte sich im Sitz zurück, schloss die Augen und genoss die sanften Harfenklänge, die beinahe überirdisch schön waren. Gwyn the Harper war in der Tat ein Meisterharfenist, wie es ihn wohl alle paar Hundert Jahre nur einmal gab.
Er empfand es als schmerzhafte Störung, als Sam die Tür öffnete und sich auf den Fahrersitz setzte. Widerstrebend griff er zum Radio, um die Musik auszuschalten.
»Nicht ausschalten«, verlangte die Dämonin zu seiner Überraschung. »Ich liebe Gwyns Musik. Im Handschuhfach habe ich ein paar CDs von ihm. Wenn du magst, können wir sie uns alle der Reihe nach bis nach Cleveland anhören.«
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Offensichtlich gab es doch etwas, das sie beide gemeinsam hatten. Er war sich allerdings nicht sicher, ob ihm das gefiel.
»Dir gefällt seine Musik«, stellte Sam fest.
Er nickte. Da sie seine Gefühle lesen konnte, wäre Leugnen ohnehin zwecklos. Obwohl er sich nicht wohl damit fühlte, dass sie dadurch noch etwas mehr über ihn wusste. Er wollte sie nicht noch näher an sich heranlassen als unbedingt nötig. Und selbst das Nötige war ihm schon viel zu viel.
Sie startete den Motor und fuhr los. »Willst du ihn treffen?«
»Wen?«
»Gwyn. Er wohnt in Baltimore. Wir können einen kleinen Abstecher machen. Wie ich Gwyn kenne, ist er entzückt, wenn wir vorbeikommen. Bis Baltimore sind gut sechshundert Meilen. In zehn Stunden können wir da sein.«
»Du kennst ihn?«
Bei näherer Betrachtung und unter Berücksichtigung von Sams Natur wunderte ihn das allerdings nicht. Wo konnte ein Sukkubus bessere Nahrung für sich finden als im Umfeld eines prominenten Musikers, der ständig von Fans beiderlei Geschlechts umlagert war.
»Oh ja. Gwyn ist ein guter Freund. Also besuchen wir ihn?«
Graham schwankte einen Moment zwischen dem Wunsch, diesen Mann, dessen Musik er nicht nur bewunderte, sondern die ihm schon oft geholfen hatte, seinen Geist zu klären, einmal kennenzulernen und dem Widerwillen dagegen, dadurch Sam etwas schuldig zu sein.
»Wenn du willst«, überließ er ihr die Entscheidung.
Sie steckte den Hörer der Freisprechanlage in ihr Ohr und wählte eine in ihr Handy einprogrammierte Nummer.
»Guten Morgen, Gwyn«, begrüßte sie den Musiker gleich darauf. »Hast du schon geschlafen?« Das klang ausgesprochen scheinheilig, als wüsste sie die Antwort ganz genau. Sie grinste auf seine Antwort. »Nun, ich dachte mir, nach all den Gelegenheiten, bei denen ihr mich schon mitten in der Nacht aus dem Bett geholt habt, räche ich mich mal und wecke dich früh am Tag. Aber ich mache es wieder gut. Hör mal, mein Assistent und ich sind gerade auf dem Rückweg von einem Auftrag und fahren über Baltimore. Er ist ein Fan von dir und würde dich gern mal persönlich kennenlernen. Wenn du Zeit und Lust hast, können wir heute Abend bei dir sein.«
Die Antwort des Harfenisten veranlasste sie zu einem Lachen. »Oh Gwyn, habe ich schon jemals keine Lust auf dich gehabt? Und natürlich spekuliere ich darauf, dass wir bei dir übernachten können. – Prima. Ist Stevie auch vor Ort? – Klasse! Lad sie ein. – Oh, die anderen sind auch da? Dann feiern wir eine mordsmäßige Party. Falls wir euch nicht stören? – Okay, ich bringe für euch alle einen guten Tropfen mit. Bis dann, Gwyn. Und: gute Nacht!«
Sie lachte und schaltete das Handy aus. »Du hast es gehört. Heute Abend dinieren wir mit Gwyn und ein paar seiner Kollegen und Freunde und dürfen bei ihm übernachten.«
Graham antwortete nicht darauf, sondern nickte nur. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, an einer Künstlerparty teilzunehmen. Nach allem, was er über solche Partys wusste, arteten sie in Sauf- und Sexorgien aus. Dass Sam darauf bestanden hatte, noch eine Frau – Stevie – einzuladen, ließ ihn vermuten, dass die sich wohl mit ihm, Graham, beschäftigen sollte, während Sam sich mit dem Musiker in dessen Bett vergnügte.
Andererseits hatte er noch nie gehört, dass Gwyn the Harper in einen der in der Branche üblichen Skandale verwickelt gewesen wäre. Genau genommen gab es keine einzige Meldung in der Klatschpresse über ihn, sondern nur seriöse Berichte über seine Konzerte. Das passte nicht zu einem Mann, der Orgien feierte. Nun, Graham würde sich in ein paar Stunden selbst ein Bild von ihm machen können. Er hoffte nur, dass es kein Bild der Enttäuschung wurde.

Gwyn the Harper residierte in einem Viertel der gehobenen Klasse von Baltimore, genauer gesagt in einem alten Gebäude im Stil der Kolonialzeit. Nichtsdestotrotz besaß es modernste Sicherheitsanlagen. Unter anderem Videokameras im Eingangsbereich und ein Schloss mit Handscanner und Zahlencode, wie Graham feststellte, als er und Sam kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Garagenhof parkten.
Sam holte eine Kiste mit einem Dutzend Weinflaschen aus dem Kofferraum, die bei ihrer Abfahrt heute Morgen noch nicht darin gewesen war und die sie auch nirgends unterwegs gekauft hatte, und nahm ihre Reisetasche. Graham nahm seine ebenfalls mit. Dass Sam nicht übertrieben hatte, als sie behauptete, Gwyn wäre ein Freund von ihr, erkannte der Mönch, als er sah, dass sie ihre Hand auf das Scannerfeld legte und anschließend einen Code in die Tastatur tippte, worauf die Eingangstür entriegelt wurde. Wer so viel Wert auf seine Sicherheit legte, gab niemandem uneingeschränkten Zugang zu seinem Haus, dem er nicht vollkommen vertraute. Ob der Musiker wusste, dass Sam eine Dämonin war?
Sie schloss die Tür hinter sich und Graham und stellte die Weinkiste und ihre Reisetasche ab.
»Sam!«
Ein dunkelhaariger Mann, in dem Graham augenblicklich den Musiker erkannte, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und drückte sie an sich. Sie gab ihm einen innigen Kuss, den er hingebungsvoll erwiderte in einer Art, die keinen Zweifel daran ließ, dass er später noch sehr viel Intimeres mit ihr plante.
»Sam!«
Eine unglaublich jung aussehende Frau – eher noch ein Mädchen – kam angerannt und ließ den beiden kaum Zeit, sich von einander zu lösen, ehe sie Sam in die Arme schloss, als wäre sie eine lange vermisste Verwandte.
»Stevie! Ciao, amica. Come stai?«
»Bene, grazie. E tu?«
»Bene, bene.«
Es folgte ein Schwall weiterer italienischer Worte auf beiden Seiten. Stevie hakte sich bei Sam unter, während sie auf sie einredete. Die Anwesenheit von Gwyn und Graham schienen beide vergessen zu haben.
»Weiber«, kommentierte Gwyn mit gespielter Verachtung.
Sowohl Stevie wie auch Sam lachten.
»Und was wäre wohl die Welt ohne uns ›Weiber‹, oh Meister der Nacht?«, verlangte Sam zu wissen, einen Arm um Stevies Schultern gelegt.
Gwyn grinste breit. »Freudlos, leer und total langweilig«, gestand er freimütig und machte eine einladende Geste ins Innere des Hauses. »Aber kommt erst mal rein und macht es euch gemütlich.«
Sam schnappte sich die Weinkiste, hob sie mühelos mit einer Hand hoch und hielt sie Gwyn hin, während sie mit der anderen ihre Tasche wieder aufnahm. Sie nickte Graham zu.
»Das ist mein Assistent, Graham Winger.«
Gwyn nahm die Weinkiste und reichte Graham die Hand. »Erfreut Sie kennenzulernen, Graham. Ich bin Gwyn Harper, und ich heiße wirklich so.«
Auch Stevie begrüßte ihn mit einem überraschend kräftigen Händedruck. »Stevie Price. Ebenfalls erfreut.«
»Gleichfalls«, quetschte Graham heraus, obwohl das nicht vollständig der Wahrheit entsprach.
Genau genommen entsprach das überhaupt nicht der Wahrheit, denn mit seinen Defensorsinnen erkannte er diese Wesen augenblicklich als das, was sie waren: Vampire. Allerdings waren sie keine einfachen Vampire, sondern umgeben von der Aura der Wächter. Das wurde ihm auch bestätigt durch die breiten Goldringe mit den fingernagelgroßen Rubinen, die sie an der rechten Hand trugen und die das Insignium der Vampirwächter darstellte.
St. Zeno, das New Yorker Kloster, zu dem Graham gehörte, lebte in einträchtiger guter Nachbarschaft mit der ungefähr fünfzigköpfigen Vampirkolonie der Stadt. Seit das Kloster vor über hundert Jahren in der Bronx erbaut worden war, gehörte es zum guten Ton, dass jeder neue Abt sich dem Präfekten der Kolonie – ihrem Oberhaupt – vorstellte und sie einander der fortgesetzten guten Nachbarschaft versicherten. Umgekehrt machte auch jeder neue Präfekt einen Höflichkeitsbesuch im Kloster.
Gegenwärtig war Graham aber nicht sehr erbaut davon, mit Vampiren Kontakt zu haben. Sie waren per se gefährliche Geschöpfe. Und – Wächter oder nicht – dass sie freundschaftlichen Umgang mit Sam pflegten, sprach in seinen Augen nicht für ihr Urteilsvermögen.
Gwyn führte ihn ins Wohnzimmer, in das Sam schon mit Stevie immer noch auf Italienisch schwatzend gegangen war. Zwei weitere Vampire – ein Mann und eine Frau, beide ebenfalls Wächter – begrüßten Sam mit innigen Umarmungen.
»Schön dich mal wieder zu sehen, Sam«, sagte der Mann. »Geht es dir gut?«
»Bestens. Mein Assistent Graham Winger.«
»Sean O’Shea.« Er reichte Graham die Hand und hielt sie länger fest, als es nötig gewesen wäre, während er den Mönch forschend ansah.
Graham musste sich beherrschen, um sich nicht von ihm loszureißen. Er war erleichtert, als die Frau ihm ebenfalls die Hand reichte.
»Vivian O’Shea. Herzlich willkommen in unserer Mitte.«
»Danke, Ma’am.«
Gwyn hob die Weinkiste hoch. »Sam hat uns was mitgebracht. Und es duftet verführerisch.« Er schloss die Augen und hielt seine Nase schnuppernd über die Flaschen. »Hm, eins leckerer als das andere.« Er hielt Sam die Kiste hin.
Sie verteilte die Flaschen. Die erste ging an Gwyn. »Ziege«, erklärte sie und gab die nächste Stevie. »Kalb.« Eine mit »Lamm« bezeichnete Flasche ging an Vivian. Sam nahm eine vierte beinahe ehrfürchtig aus der Kiste, drückte sie gespielt innig an sich und blickte Sean an. »Und hier die absolute Kostbarkeit.« Sie reichte sie ihm mit einer tiefen Verbeugung. »Hirschkuh in der Stillphase. Wohl bekommt’s!«
Sean nahm die Flasche, schraubte sie auf und schnupperte daran. »Oh Sam, du verwöhnst uns. Vielen Dank!« Er stutzte und roch erneut an der Flasche. Argwöhnisch blickte er Sam an.
Sie zuckte mit den Schultern. »Gwyn behauptet, dass mein Blut das leckerste wäre, das er je getrunken hat. Ich dachte mir, es würde euch gefallen, es auch einmal zu kosten. Deshalb habe ich in jede Flasche ein paar Tropfen davon reingemixt. Aber ich kann sie sofort wieder rauszaubern, wenn ihr sie nicht probieren wollt.«
Sean sah sie ernst an. »Dir ist klar, welche Nebenwirkung das hat?«, vergewisserte er sich.
Sie nickte nicht minder ernst. »Das ist der beabsichtigte Effekt. Schließlich kennen wir uns lange genug. Ihr seid meine Freunde, und ich möchte, dass ihr genau wisst, wen ihr in mir als Freundin habt. Vorausgesetzt ihr stellt, sobald ihr alles über mich wisst, nicht fest, dass ihr es vorzieht, mich nie wiederzusehen.«
»Keine Chance«, war Stevie überzeugt. »Du hast mein Leben gerettet. Wie könnte ich da nicht mehr deine Freundin sein wollen. Schließlich wissen wir, dass du eine Dämonin bist und deshalb so einiges auf dem Kerbholz hast.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich verrate dir ein Geheimnis. Wir sind in dem Punkt nicht besser. Jeder von uns Wächtern hat mindestens einen dunklen Fleck auf der Weste und irgendwann mal schwere Schuld auf sich geladen. Der Wunsch, diese Schuld zu begleichen, war bei nahezu jedem von uns der Grundgedanke für unsere Entscheidung, Wächter zu werden. Also, was immer du angestellt hast, meine Freundschaft ist dir nach wie vor sicher.«
Sam grinste. »Wir werden sehen, ob du in fünf Minuten auch noch der Meinung bist.«
Während Gwyn Gläser brachte und alle sich aus ihren Flaschen einschenkten, war Graham hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, schnellstmöglich das Weite zu suchen oder die Gelegenheit zu nutzen, etwas darüber herauszufinden, wie es möglich war, dass Vampirwächter mit einer Dämonin wie Sam befreundet sein konnten. In erster Linie hoffte er jedoch, dass man nicht von ihm erwartete, ebenfalls Blut zu trinken. Obwohl das Glas, das Gwyn ihm gab, ihn das Schlimmste befürchten ließ.
Sam reichte ihm eine Flasche. Er zuckte unwillkürlich zurück.
»Schwarzriesling für uns. Oder möchtest du lieber einen Port?«
Graham wollte aus ihrer Hand gar nichts und starrte sie nur stumm und reserviert an.
»Ich habe auch eine exquisiten Bordeaux«, schlug Gwyn vor. »Falls Sie den bevorzugen. Sie können gern meinen Weinkeller plündern, wenn Sie wollen, Graham.«
Der Mönch schüttelte den Kopf und nahm die Flasche widerstrebend entgegen. Sam hielt ihm ihr Glas hin, und er musste sie notgedrungen öffnen und ihr einschenken. Misstrauisch roch er an der Flasche, nahm aber nur das Bouquet des Weins wahr.
»Purer Wein ohne jede Beimischung«, versicherte sie ihm. »Halbvoll bitte für mich.«
Er gehorchte.
Sam hielt Gwyn ihr Glas hin. »Bekomme ich was von deiner Ziege?«
Gwyn füllte ihr den Rest des Glases mit Ziegenblut. Graham musste sich beherrschen, um sich nicht vor Ekel zu schütteln. Dass Vampire Blut tranken – okay, das war ihre Natur. Andere Nahrung verdauten sie nun mal nicht. Aber Sam ... Dass sie ebenfalls Blut trank, bestätigte ihm, dass sie ein abscheuliches Höllengeschöpf war, egal was sie versuchte, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
Da man offensichtlich anstoßen wollte und alle Graham erwartungsvoll ansahen, schenkte er sich ebenfalls einen Schluck Wein ein.
Sean hob sein Glas, und die anderen taten es ihm nach. Er sah Sam in die Augen. »Auf das Vertrauen«, sprach er den Toast.
»Auf das Vertrauen, das du uns damit entgegenbringst, Sam«, bekräftigte Vivian.
Und auch Gwyn und Stevie wiederholten den Spruch, ehe sie ihre Gläser an die Lippen setzten und einen Schluck tranken, den sie sichtbar mit Genuss auf der Zunge kosteten. Ihre Augen richteten sich ausnahmslos mit einer gewissen Ehrfurcht auf die Dämonin.
»Oh Sam!« Stevie stellte ihr Glas ab und umarmte die Dämonin so heftig, dass die ihren Blutwein fast verschüttete. » Du bist ja ...« Was immer sie sagen wollte, etwas hinderte sie daran, sodass sie nur mit bewegter Stimme herausbrachte: »Danke für dein Vertrauen.«
»Gern geschehen, Leute.«
»Wir sind sehr geehrt, dass du uns zu deinen Freunden zählst, Sam«, stellte Vivian fest.
»Die Ehre ist ganz meinerseits, dass ihr mich als Freundin betrachtet, nachdem ihr nun alles über mich wisst.«
»Wie sollten wir nicht?« Sean nickte ihr zu.
»Weil ich die Königin der Unterwelt und die Mutter der Höllenprinzessin bin.« Sams Stimme klang ausgesprochen düster.
»Das hast du dir ja nicht freiwillig ausgesucht«, erinnerte Gwyn sie. »Außerdem wird das Licht in dir niemals zulassen, dass du dich auf die Seite der Finsternis schlägst.«
»Bist du dir sicher?«
»Absolut. Ich habe dein Blut getrunken, Sam. Und eben nicht zum ersten Mal. Ich bin mir sicher.«
Sie seufzte und schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass du der Einzige bist, der sich in diesem Punkt sicher ist.«
»Ist er nicht«, widersprach Stevie. »Ich bin es auch.«
»Ich ebenfalls«, bekräftigte Sean.
Vivian nickte. »Worauf du wetten kannst.«
Sam zuckte mit den Schultern und nahm einen großen Schluck Blutwein und spülte ihn mit halb geschlossenen Augen genießerisch im Mund herum, ehe sie ihn hinunterschluckte.
Sean wandte sich an Graham. »Sie sind also Sams Assistent. Demnach sind Sie mit paranormalen Erscheinungen und der Existenz von Anderswesen vertraut.«
»Durchaus«, gab Graham zu und wusste immer noch nicht, wie er sich den Vampiren gegenüber verhalten sollte. Als »Anderswesen« hatte er sie und die anderen Nachtgeschöpfe oder die Ausgeburten der Hölle noch nie gesehen, fand es aber beinahe widerstrebend eine interessante Betrachtungsweise.
»Graham ist ein Defensor und Mönch von den Pugnatores Lucis«, erklärte Sam. »Sein Orden hat ihn für ein einjähriges Praktikum bei mir freigestellt.« Sie nahm einen weiteren Schluck Blutwein.
»Das ist eine gute Idee«, fand Stevie. »Niemand kann Ihnen besser die Feinheiten der okkulten Gemeinschaft vermitteln als Sam.«
Graham musste der Dämonin wohl oder übel dankbar sein, dass sie ihn nicht bloßstellte und den Vampiren verriet, dass sein »Praktikum« bei ihr buchstäblich eine Strafe Gottes war. Oder dass er sich bis jetzt den »Feinheiten der okkulten Gemeinschaft« verschloss, weil er sie unter keinen Umständen durch die Dämonin oder überhaupt kennenlernen wollte. Sam warf ihm einen spöttischen Blick zu. Er erwartete eine höhnische Bemerkung von ihr, mit der sie ihn doch noch bloßstellte, und errötete. Doch sie trank nur kommentarlos ihr Glas aus.
»Ich ... ich habe noch viel zu lernen.« Immerhin war das die Wahrheit, auch wenn er das nicht auf sein »Praktikum« bei Sam bezog.
Gwyn nahm auf dem Zweisitzer Platz, legte einen Arm auf die Lehne, während er Sam anblickte und winkte ihr gebieterisch. Sie lachte, saß im nächsten Moment neben ihm und kuschelte sich in halb liegender Stellung an ihn, wobei sie die Füße auf die Couchlehne legte. Gwyn gab ihr einen Kuss auf die Stirn, legte die Arme um sie und streichelte sie.
»Was gibt es Neues bei dir?«, wollte er wissen. »Vor allem: Wie kommst du mit deinem Seelenbund klar?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Bis jetzt ganz gut. Nick und ich haben entschieden, eine Beziehung zu versuchen. Die Zeit wird zeigen, ob sie auf die Dauer Bestand haben kann.«
»Warum hast du ihn nicht mitgebracht? Wir würden ihn gern mal kennenlernen.«
»Ein anderes Mal, Gwyn, wenn er nicht gerade seine wölfische Natur in irgendeinem Wald exzessiv auslebt. Das braucht er von Zeit zu Zeit wie die Luft zum Atmen. Er fühlt sich in der Stadt nicht sonderlich wohl. Das heißt, dass wir, falls wir zusammenbleiben, irgendwann an einen Ort ziehen werden, der am Stadtrand liegt und einen Wald buchstäblich vor der Haustür hat. Jetzt hat er sich in den Wald zurückgezogen, um sich darüber klar zu werden, ob er mit und bei mir wirklich sesshaft werden will.«
Diese Informationen waren neu für Graham. Bisher hatte er geglaubt, dass Nicks sporadische Abwesenheit darin begründet lag, dass er und Sam sich gestritten hätten. Oder dass der Werwolf ihre regelmäßige Untreue nicht ertrug und sich wieder von ihr trennen wollte, durch ihre sukkubische Magie aber immer wieder zu ihr zurückkehren musste.
»Ich nehme an, ihr habt für diese Zeiten ein entsprechendes Arrangement getroffen«, vermutete Gwyn.
»Natürlich. Nick weiß schließlich, was ich bin und dass ich nicht wochenlang fasten kann, ohne meine Gesundheit zu ruinieren und mein Leben zu gefährden.«
»Das wollte ich dich schon immer mal fragen.« Stevie blickte sie gespannt an. »Was passiert eigentlich, wenn du mal einen ganzen Tag lang keinen Sex hast?«
»Außer dass ich hungrig und ziemlich übel gelaunt bin, nicht viel. Allerdings beginnt der Hunger ab dem dritten oder vierten Tag – abhängig davon, wie gehaltvoll die letzte Mahlzeit war – körperlich weh zu tun. Nach ungefähr einer Woche setzt ein Prozess ein, der den Körper schleichend zerstört. Zunächst schwächt er mich nur, aber nach zwei Wochen plus/minus ein paar Tagen entwickelt sich ein Giftstoff, der irgendwas irreparabel in meinem Gehirn schädigt und mich buchstäblich wahnsinnig werden lässt. Je nachdem wie sehr dieser Wahnsinn mich dann zum Toben bringt, bin ich nach weiteren zehn, höchstens fünfzehn Tagen tot. Und das ist ein wirklich sehr qualvoller Prozess.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Sukkubi und Inkubi sind nun mal so geschaffen worden. Das ist in unseren Genen verankert. Und deshalb«, sie legte von unten die Arme um Gwyns Hals und sah zu dem alten Vampir auf, »lautet meine Vereinbarung mit Nick, dass ich mich selbstverständlich von anderen Männern ernähren muss, während er als Wolf die Wälder unsicher macht. Bis jetzt funktioniert unser Arrangement hervorragend.«
Das warf für Graham ein völlig neues Licht auf die Sache. Er hatte nicht gewusst, dass einem Sukkubus gar keine andere Wahl blieb, als jeden Tag Männer zu verführen, wenn er am Leben bleiben wollte. Bisher war er überzeugt gewesen, dass sie das nur taten, um die betreffenden Männer – vor allem Ehemänner – damit charakterlich zu verderben beziehungsweise sie dadurch, dass sie der Versuchung nachgegeben hatten – hatten nachgeben müssen – ihr Seelenheil gefährdeten, was ganz in des Teufels Sinn war.
Wenn er das richtig verstanden hatte, so war die Tatsache, dass Sam in Nicks Abwesenheit mit anderen Männern schlief, keine Untreue im herkömmlichen Sinn, sondern für sie überlebensnotwendig. Offenbar wusste Nick das und akzeptierte es auch, so wie sie es akzeptierte, dass er sich zwischenzeitlich immer wieder als Wolf in die Wälder zurückziehen musste. Wenn Graham sich zurückerinnerte, musste er zugeben, dass Sam seines Wissens niemals einen anderen Mann verführt hatte, solange Nick da war, sondern tatsächlich immer nur in den Zeiten, in denen er sich tagelang nicht blicken ließ. Wofür er jetzt auch zum ersten Mal den Grund erfuhr.
Wie es aussah, hatte er der Dämonin auch in diesem Punkt unrecht getan. Mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch erkannte er, dass er mit seiner Weigerung, sich vollständig auf sie einzulassen, möglicherweise genau eins der Dinge getan hatte, die ihm noch einen oder gar mehrere zusätzliche Monate Strafdienst unter Sams Fuchtel einbringen konnten. Er war seit acht Monaten bei ihr – und er kannte sie überhaupt nicht. Er beschloss, das zu ändern.
»Wie geht es eigentlich Cronos? Ich habe lange nichts von ihm gehört.«
»Er residiert immer noch in New Orleans und ist schwer beschäftigt«, antwortete Gwyn mit einem amüsierten Unterton.
»Soll heißen: Er ist bis über beide Ohren verliebt«, ergänzte Stevie. »In eine Menschenfrau. Und es scheint was Ernstes zu sein.«
»Es ist etwas Ernstes«, versicherte Sean seufzend. »Und es wird enden wie alle Beziehungen zu Menschen und anderen Sterblichen: mit Leid auf beiden Seiten. So sehr ich es meinem Sohn auch wünsche, dass das nicht passiert, aber ich habe in meinem ganzen langen Leben noch nie von einem Fall gehört, der glücklich ausging beziehungsweise erst mit dem natürlichen Tod des sterblichen Partners endete.«
Sam nickte mit einem düsteren Gesichtsausdruck. Schließlich kannte sie aus eigener Erfahrung die Probleme, die eine Beziehung zu einem Menschen mit sich brachten.
»Weiß seine Auserwählte, dass er ein Vampir ist?«
»Noch nicht. Aber früher oder später findet sie es heraus. Oder Cronos sagt es ihr selbst, wenn er tatsächlich mit ihr zusammenbleiben will.«
Eine Weile schwiegen alle, ehe Sam Gwyn anstupste. »Kann ich dich dazu überreden, für uns zu spielen, Meister der Nacht?«
»Wenn du mir meine Harfe holst, gerne.«
Sam streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment eine keltische Harfe in der Hand, die sie Gwyn reichte, während sie sich aus seiner Umarmung wand und sich neben Stevie in einen Sessel setzte.
Diese Harfe war für Gwyn etwas ganz Besonderes, weil Königin Boudicca sie ihm geschenkt hatte. Sie begleitete ihn seit inzwischen fast zweitausend Jahren. Seit er Sam kannte, musste er auch nicht mehr fürchten, dass sie beschädigt oder zerstört wurde. Sam hatte sie mit einem Zauber belegt, der sie unzerstörbar machte, wofür Gwyn ihr unendlich dankbar war.
»Graham, haben Sie einen Lieblingssong?«, erkundigte er sich.
Der Mönch räusperte sich verlegen. »Ich mag Dream of the Moonqueen. Und Warrior’s Oath finde ich ganz besonders – inspirierend.«
»Okay, dann werde ich zuerst den Krieger seinen Eid ablegen und danach die Mondkönigin träumen lassen.«
Er stellte den Fuß der kleinen Harfe auf seine Oberschenkel, legte überaus liebevoll einen Arm um das Instrument, schloss die Augen und schlug mit traumwandlerischer Sicherheit die Saiten an. Warrior’s Oath wurde von einem Text begleitet, in dem ein Krieger den Göttern versprach, seine Kampfkunst immer nur zum Guten einzusetzen, die Schwachen zu schützen und stets ein Feind des Bösen zu sein. Graham hatte sich mit diesem Lied identifiziert, seit er es zum ersten Mal gehört hatte. Sein Inhalt sprach ihm nicht nur aus der Seele, sondern der darin abgelegte Eid hatte stellenweise den gleichen Wortlaut wie der, den er selbst abgelegt hatte, als er den Pugnatores Lucis beigetreten war. Da er wusste, dass Gwyn alle seine Lieder und Melodien selbst komponierte, fragte er sich, was das über den Vampir aussagte.
Dream of the Moonqueen schloss sich dem Lied nach einer kurzen Pause an. Dieses Lied live zu hören, vermittelte eine ganz andere Atmosphäre als die Einspielung auf CD. Graham war schon immer zutiefst berührt gewesen von der Süße und der Sehnsucht, die darin zum Ausdruck kamen. Jetzt rührten sie ihn zu seiner profunden Verlegenheit zu Tränen, die er nicht in der Lage war zurückzuhalten. Er empfand es deshalb beinahe als schmerzhaft und erleichternd zugleich, als der letzte Harfenton verklang.
Verstohlen wischte er sich die Tränen vom Gesicht und bemerkte zu seiner Erleichterung, dass auch die anderen Tränen in den Augen hatten. Bis auf Sam. Natürlich. Wie sollte auch eine Dämonin solche Musik verstehen können und die Gefühle, die sie in fühlenden Wesen auslöste.
»Was beneide ich euch darum, dass ihr weinen könnt«, sagte sie leise, und ihre Stimme klang unglaublich traurig. »Ich wünschte, ich könnte das auch. Aber leider besitzen Wesen meiner Art nun mal keine Tränendrüsen.«
Noch eine neue Information, mit der Graham nicht gerechnet hatte. Offenbar war Sam nicht annähernd so gefühllos, wie er bisher geglaubt hatte. Verdammt, was kam noch alles?
»Und was tun Dämonen, wenn sie sich mal emotional erleichtern wollen?«, fragte Stevie.
»Wir brüllen; ziemlich laut und ziemlich lange. An der Tonlage des Gebrülls erkennen andere Dämonen, ob sie mitbrüllen dürfen oder dem Brüllenden besser meilenweit aus dem Weg gehen sollten.«
Die Vampire lachten.
»Auch eine Möglichkeit«, fand Gwyn und blickte sie auffordernd an. »Du darfst gern brüllen. Du bist hier unter Freunden und kannst deine Gefühle ausdrücken, wie und wann immer du möchtest.«
»Mit Rücksicht auf eure empfindlichen Ohren verzichte ich lieber.«
Eine Dämonin, die Rücksicht nahm. Graham blickte Sam nachdenklich an. Obwohl er versucht war, sich einzureden, dass sie den Besuch hier mit all seinen Offenbarungen nur deswegen eingefädelt hatte, um ihn endlich auf ihre Seite zu bringen, sagte ihm sein Gefühl, dass er Sam so erlebte, wie sie wirklich war. Hatte er sie die ganze Zeit über tatsächlich völlig falsch beurteilt?
»Das werden wir schon überstehen«, versicherte ihr Sean. »Tu dir also keinen Zwang an.«
»Okay. Aber auf eure Verantwortung.«
Sie warf den Kopf zurück und stieß einen Schrei aus, der jedem durch Mark und Bein ging. Er bestand nicht nur aus einem einzigen Ton, sondern eine Folge von mehreren langgezogenen Tönen, die fast einer Melodie ähnelten. In jedem Fall lag darin so viel Rührung und auch Traurigkeit, dass Graham gegen seinen Willen erneut die Tränen kamen.
»Danke, jetzt geht es mir besser«, sagte Sam, als sie endlich fertig war.
Gwyn starrte sie fasziniert an. »Sam, du hast mir gerade ein neues Lied geschenkt. Ich weiß nicht, ob du das auch hörst, aber deine Stimme hat so viele unterschiedliche Schwingungen. Hör mal: So klingt das.«
Er schlug seine Harfe an und brachte verschiedene Saiten zum Schwingen, die ähnlich einer Äolsharfe Töne einer zarten Melodie erzeugten, die ineinander übergingen und beinahe ätherisch klangen.
»Demon’s Cry. Wenn du erlaubst, mache ich daraus ein Lied.«
Sie zuckte mit den Schultern und nickte.
»Wenn ich es einspiele, würdest du dazu den Schrei singen? Ich glaube, mein Genie von Tontechniker kann die Schwingungen isolieren, dass sie für menschliche Ohren ebenso hörbar werden.«
»Du schmeichelst mir, Gwyn. Aber wenn es dir Freude macht, bin ich einverstanden.«
Der alte Vampir nickte und blickte sie liebevoll an. »Ich hoffe, dein Werwolf weiß, was für ein wunderbares Wesen er an seiner Seite hat.«
Sam lachte und hob abwehrend die Hände. »Das weiß er in der Tat. Aber wenn du jetzt nicht aufhörst mit deinen Schmeicheleien, verschwinde ich.«
»Oh ja bitte!« Gwyn grinste breit. »Ich nehme an, du weißt noch, in welches Zimmer du verschwinden musst, um in meinem Bett zu landen.«
»Ich kann es kaum erwarten, oh Meister der Nacht!«
Sie verschwand, und Gwyn folgte ihr grinsend mit einem: »Ihr entschuldigt uns für die nächsten Stunden.«
»Hedonist!«, rief Stevie ihm nach.
»Ich kann nichts dafür!«, rief Gwyn scheinheilig zurück. »Sie ist ein Sukkubus!«
Eine Tür klappte zu, und die Vampire lachten.
»Stevie, wir haben noch ein paar Besorgungen zu machen«, erinnerte Vivian, und die beiden Vampirinnen verließen den Raum.
Graham blieb mit Sean allein zurück, der lächelnd den Kopf schüttelte und Vivian mit einem Ausdruck unendlicher Liebe nachsah.
»Tja, dann zeige ich Ihnen mal Ihr Zimmer, Graham. Kommen Sie. Und fühlen Sie sich wie zu Hause. Da Sam Ihr Kommen angekündigt hat, haben wir menschliche Nahrung besorgt, damit Sie uns nicht verhungern. Die Küche ist gleich dort drüben.« Er deutete auf eine Tür, die neben der zur Diele in einen weiteren Raum führte. »Die Gästezimmer sind im ersten Stock. Achten Sie bitte nur darauf, die Jalousien zu schließen, bevor Sie morgen bei Tageslicht das Zimmer verlassen. Sollten Sie die Tür öffnen, wenn die Sonne hereinscheint und gerade in dem Moment einer von uns an Ihrer Tür vorbeigeht, hätte das unangenehme Folgen. Zwar würden wir es überleben, aber die Verbrennung wäre dennoch schmerzhaft. Und glauben Sie mir: Egal wie alt man wird, an Schmerzen gewöhnt man sich niemals wirklich.«
»Ich weiß.«
Graham wusste zwar nicht, wie es Vampiren damit ging, aber je öfter er verletzt worden war, desto intensiver hatte er den Schmerz jeder neuen Verletzung empfunden. Als wenn sein Körper empfindlicher geworden wäre statt schmerzresistenter. Er nahm seine Reisetasche, die immer noch neben seinem Sessel stand und folgte Sean.
Der Vampir führte ihn auf die Galerie, die das Wohnzimmer und auch das angrenzende Kaminzimmer überblickte und öffnete eine Tür an deren Ende. Dahinter befand sich ein komfortables Wohn-Schlafzimmer mit angrenzendem Bad, das offensichtlich dafür eingerichtet war, für längere Zeit jemanden aufzunehmen.
»Danke.«
Sean klopfte ihm auf die Schulter. »Wenn Sie etwas brauchen, ich bin in Rufweite. Scheuen Sie sich nicht zu fragen. Und guten Hunger.«
»Danke.«
Sean ließ ihn allein. Graham nahm erst mal eine heiße Dusche. Als er sich anschließend abtrocknete und seinen Körper in dem großen Spiegel sah, der im Bad hing, erschauerte er vor dessen Makellosigkeit. Die Haut war glatt und völlig narbenfrei. Dabei hatte ihm nicht nur der Spinnendämon Narben verpasst, den er damals vernichtet hatte. Die waren aber die schlimmsten gewesen. Sie hatten seinen Körper dermaßen entstellt, dass er danach seinen eigenen Anblick in einem Spiegel nicht mehr ertragen und sich nie wieder getraut hatte, zusammen mit anderen Mönchen die Gemeinschaftsdusche in der Sporthalle des Klosters zu benutzen. Seit Sam ihn geheilt hatte, waren nicht nur die verschwunden.
Die Löcher in der Schulter, wo ihn die Krallen einer Harpyie verletzt hatten, fehlten ebenso wie die Narben, die die Klauen eines Werwolfs auf seinem Oberschenkel hinterlassen hatten und der Schnitt an der Seite, wo ihn das Opfermesser eines Voodoopriesters getroffen hatte. Aber auch die kleine Narbe, die von dem Ritual stammte, mit dem er als Junge mit seinem Nachbarn Sandy Cooper Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, war nicht mehr da.
Wieder einmal empfand er seinen eigenen Körper als fremd. Sam mochte es gut gemeint haben, als sie ihn heilte, aber sie hatte ihm mit dieser wahrhaft allumfassenden Heilung einen sichtbaren Teil seiner Vergangenheit genommen. Und das war, verdammt noch mal, einfach falsch. Er hoffte, dass er ihr das hatte klar machen können, als er ihr neulich erklärte, warum er nicht wünschte, dass sie ihn gegen seinen Willen heilte. Aber er war sich dessen nicht sicher. Sie war eine Dämonin, und ...
Und offenbar nicht annähernd so schlimm, wie er sie bisher gesehen hatte. Die Vampire in diesem Haus waren allesamt Wächter und somit unbestechlich in ihrem Urteil über andere. Außerdem hatten sie Sams Blut getrunken. Graham wusste vom Hörensagen, dass ein Vampir mit dem Blut, das er trank, auch die Erinnerungen und vor allem den Charakter des Spenders mitbekam. Dass alle vier Vampirwächter sich von dem, was sie dadurch vorhin über Sam erfahren hatten, nicht abgestoßen fühlten, ja es sogar als Ehre betrachteten, ihre Freunde zu sein, gab ihm sehr zu denken.
Auch Abt Dennis, den sie vor ein paar Monaten in St. Zeno besucht hatten, sah in Sam ein Licht, das Graham bis jetzt nicht hatte entdecken können.
»Gott, mein Herr und Vater, offenbare mir bitte, was ich an ihr nicht sehe und warum Du sie beschützt. Amen.«
Er zog sich an und ging in die Küche hinunter, um sich etwas zu essen zu machen. Als er an einer Tür vorbei ging, hinter der wohl Gwyns Schlafzimmer lag, hörte er Sam und den Vampir lachen und die eindeutigen Geräusche von Sex. Sams Abendessen.
Was war so Besonderes an ihr, dass Gott persönlich über sie wachte?
Vielleicht würde er das herausfinden, wenn er sich endlich auf sie einließ und versuchte, sie so kennenzulernen, wie sie wirklich war. Denn dass hinter der äußeren Fassade tiefe Abgründe lagen, die nicht unbedingt schlecht waren, davon hatte er vorhin einen flüchtigen Eindruck bekommen. Er sollte ihn vertiefen.


Fussnoten:
1 Die Aussprache der gälischen Namen findet ihr im Glossar am Ende des Romans
2 gälisch »Söhne«, Plural von »mac«
3 siehe Sukkubus 4
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