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Band 14 - Die Satansbibel

Braunschweig, Kloster St. Albertus Magnus, 1488
»Es ist vollbracht!«
Meister Matthias legte die Schreibfeder zur Seite und betrachtete sein Werk. Das dreizehnte Kapitel des Liber artis magicae diabolicae lag vor ihm, das »Buch der teuflischen Zauberkunst«. Meister Matthias, führendes Mitglied im Geheimbund der Diener des Schwarzen Feuers, hatte drei Jahre daran gearbeitet, da er es natürlich nur im Verborgenen hatte schreiben können. Hätte ein Außenstehender ihn dabei überrascht oder das Manuskript gefunden, Matthias wäre als Teufelsanbeter hingerichtet worden. Besonders da er und sein Schüler Ranulf sich als Mönche im Dominikanerkloster St. Albertus Magnus verbargen.
Wie alle Mitglieder der Diener des Schwarzen Feuers gingen sie Berufen nach, hinter denen man niemals einen Teufelsanbeter vermutet hätte. Diese Tarnung war überlebensnotwendig, denn die Diener des Schwarzen Feuers hatten sich Luzifer angelobt und sich ihm in absolutem Gehorsam mit Körper und Seele hingegeben. Ein Blick auf den Titel des Buches vor Meister Matthias hätte genügt, denn der war wie der Rest in einer alten Schrift geschrieben, die anständige Christenmenschen und solche, die sich dafür hielten, als Teufels- oder Hexenschrift verdammten. Genau genommen war es nicht nur wegen der Gefahr der Entdeckung gefährlich, seinen Inhalt überhaupt aufzuschreiben. Das Buch enthielt die mächtigsten Zaubersprüche, die der Geheimbund über die Jahre hinweg gesammelt hatte. Darunter waren einige, die anzuwenden selbst die Gefolgsleute Luzifers nicht ohne weiteres wagten.
Genau genommen war es kein Buch im herkömmlichen Sinn. Es war nicht gebunden und würde auch niemals gebunden werden. Jedes der dreizehn Kapitel, die wiederum aus je dreizehn Blättern bestanden, enthielt neben herkömmlichen Zaubern und Rezepturen für Zaubertränke und berauschendes Räucherwerk einen Teil eines besonders machtvollen Zaubers. Dieser Zauber war nur dem führenden Oberhaupt der dreizehn Congregati1 des Bundes bekannt: Meister Matthias.
Aus gutem Grund, denn er verschaffte demjenigen, der ihn anwandte, einen beispiellosen Reichtum und eine ebenso beispiellose weltliche Macht. Wenn derjenige gewillt wäre, als Preis dafür nicht nur seine Seele und seinen Körper dem Teufel zu verkaufen, sondern auch ...
Meister Matthias besaß jedoch auch die Gabe der Hellsichtigkeit, mit der Luzifer ihn gesegnet hatte. Sie war der Grund, weshalb kein Diener des Schwarzen Feuers und keine der Congregati jemals entdeckt worden waren. Wann immer jemand Verdacht schöpfte oder ein Mitglied offenbart zu werden drohte, hatte Meister Matthias es rechtzeitig vorausgesehen und die Betreffenden warnen können.
Doch damit war es heute Nacht vorbei. Seine Gabe hatte ihm offenbart, dass der Teufel heute den Preis dafür einfordern würde: Matthias’ Leben. Da der Mönch seinem wahren Herrn und Meister treu, zuverlässig und in bester Weise gedient hatte, erhoffte er sich eine Belohnung dahingehend, dass er in der Unterwelt weiterexistieren durfte. Als Geist oder in irgendeiner anderen Form.
Das gesammelte Wissen der Dienerschaft des Schwarzen Feuers durfte aber auf keinen Fall verloren gehen und nicht mit Meister Matthias’ Tod in Vergessenheit geraten. Aus diesem Grund hatte er das Liber artis magicae diabolicae geschrieben. Sobald er das Werk mit dem abschließenden Zauber belegt hatte, würde jede der dreizehn Congregati ein Kapitel erhalten. Nur wenn danach alle dreizehn Kapitel zusammengefügt wurden und dadurch der Eine Zauber offenbart wurde, konnte dieser benutzt werden.
Meister Matthias kannte seine Mitbrüder in Lucifero nur allzu gut und wusste, dass es Zeter und Mordio gäbe, sollte er den Einen Zauber nur in die Hände eines einzigen Mannes legen, nämlich seines Nachfolgers. Zwar hatte er dem eben das versprochen und würde sein Wort bis zu einem gewissen Grad halten. Sein Nachfolger erhielt den Zauber – aber eben nur einen Teil davon. Schließlich war der Zauber dazu gedacht, der gesamten Gemeinschaft zu dienen, nicht nur einem einzelnen Mitglied oder einer einzigen Congregatio. Zu Letzterem würde sein Nachfolger ihn jedoch benutzen wollen, statt mit ihm die Gemeinschaft zu festigen und zu vergrößern.
Durch die Teilung des Zaubers wurde sichergestellt, dass sich alle Congregati, vielmehr deren Oberhäupter, zusammentun mussten, um ihn benutzen zu können und seine Macht zu entfalten. Natürlich würde der eine oder andere Diener des Schwarzen Feuers anschließend und in allen Jahren die kommen würden, versuchen, alle Teile der Schrift in seine Hände zu bringen, um den Zauber zusammenzufügen und allein benutzen zu können. Meister Matthias plante, auch dem einen Riegel vorzuschieben und sicherzustellen, dass nur die dreizehn Oberhäupter der Congregati gemeinsam nach Luzifers Willen diesen Zauber benutzen konnten. Fehlte nur ein einziger ...
Meister Matthias winkte seinem Schüler, der ihn während seiner Arbeit mit Essen und Wein versorgt hatte und jetzt ehrfürchtig auf das Manuskript starrte. »Geh, Ranulf, und lass mich allein bis morgen früh. Eine Stunde vor der Prim kommst du wieder hierher und nimmst die dreizehn Manuskripte an dich. Danach verlässt du das Kloster für immer. Achte darauf, dass dich niemand sieht. Kleide dich als Bauer, sobald du die Stadtgrenze passiert hast. Du gehst zuerst nach Lüneburg. Im Gasthaus Zum tanzenden Schwan quartierst du dich ein und sitzt jeden Abend in der Gaststube, bis ein Mann kommt, der dich begrüßt mit den Worten: ‚Im Namen unseres lichtbringenden Herren’. Ihm gibst du eins der Manuskripte. Danach begibst du dich nach Hannover zum Wilden Eber und verfährst genauso.«
Meister Matthias zählte die zwölf Städte und Gasthäuser auf, die Ranulf aufsuchen sollte und ließ sie ihn auswendig lernen. »Damit unsere Brüder dich erkennen, bindet du ein rotes Tuch um deinen linken Arm. Fragt dich jemand danach, so sagst du, es sei ein Geschenk deiner Liebsten. Zuletzt begibst du dich nach Paderborn zum Goldschmiedemeister Tasso. Ihm gibst du das letzte Manuskript. Er wird dich als Lehrling in seinen Dienst nehmen.«
»Und Ihr, Meister, was werdet Ihr tun?«
»Ich werde noch in dieser Nacht auf eine andere Reise gehen. Mehr musst du nicht wissen.« Meister Matthias packte den jungen Mann hart an der Schulter. »Du wirst mir bei Luzifer schwören, dass du genau tust, was ich dir aufgetragen habe, Ranulf.«
»Ich schwöre bei Luzifer und den Feuern der Hölle, dass ich alles genauso tun werde«, gelobte Ranulf, und Matthias ließ ihn wieder los.
»Pack jetzt deine Sachen und halte dich bereit.«
Ranulf verließ den Kellerraum. Meister Matthias folgte ihm kurz darauf und vergewisserte sich, dass dieser Teil des Klosters verlassen war und die Mönche in ihren Zellen schliefen. Danach kehrte er in den Kellerraum zurück und begann mit dem Ritual.
Er breitete seine Manuskripte so aus, dass die Seiten, auf denen die Teile des Einen Zaubers geschrieben standen, zuoberst lagen. Er schnitt seinen Arm auf und ließ das aus der Wunde quellende Blut in einen Kelch rinnen. Anschließend begann er mit den Beschwörungen. Das Blut im Kelch begann zu brodeln, als würde es kochen. Es hob sich wie eine rote Säule heraus und formte sich zu dreizehn Kugeln. Sie schwebten über dem Tisch, bis jedes sich über einem der Manuskripte befand. Als Meister Matthias die Energie des Zaubers losließ, regnete das Blut auf jene Worte, die die Teile des Einen Zaubers bildeten und verband sich mit ihnen. Sie flammten kurz auf, als die Magie sich in das Pergament fraß. Mochten auch die anderen Teile vielleicht mit der Zeit verblassen, diese Worte waren nun unauslöschlich.
Meister Matthias initiierte nun den Zauber, der das Manuskript unzerstörbar machte. Auch der war ein Geschenk Luzifers an seine Getreuen. Er beschwor die Mächte der Finsternis, die eben das ermöglichten und hatte auch dieses Werk bald vollbracht. Danach fühlte er sich erschöpft. Doch da sein Tod ohnehin den Schlusspunkt des Rituals bildete, beachtete er das nicht.
Er packte die Manuskripte zusammen, wickelte sie einzeln in Leinentücher und band um jedes eine Schnur. Danach legte er sie auf einen Stapel, den Ranulf in ein paar Stunden abholen würde. Also zum letzten Akt.
Meister Matthias sammelte seine Kräfte und sprach die Beschwörung. Ein feuriger Schmerz fuhr durch seinen Körper und schien seine Eingeweide in heiße Klumpen aus Höllenflammen zu verwandeln. Der Mönch brach schreiend in die Knie. Sein Körper begann zu glühen, als das Höllenfeuer sich von innen nach außen fraß. Er roch sein eigenes brennendes Fleisch, ehe seine Atemwege zerfressen wurden und seine Augen schmolzen. Meister Matthias starb auf eine entsetzliche Weise, die nur der Höllenfürst zu geben vermochte.
Gut, das war der Preis, den der Mönch zu zahlen hatte.
Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war das, was ihn nach dem Tod seines irdischen Körpers erwartete ...
Als der junge Ranulf eine Stunde vor der Prim den Kellerraum betrat, fand er neben den sorgfältig verpackten Manuskripten nur einen verkohlten schwarzen Fleck auf dem Fußboden. Von Meister Matthias fehlte jede Spur.
Als die Mönche sich zum Frühgebet versammelten, war auch Ranulf spurlos aus dem Kloster verschwunden.

Kellie Castle, Hauptresidenz von Clan Oliphant, Schottland, 1578
»Nein.«
Das eine Wort, leise gesprochen, doch in einem unnachgiebigen Ton, brachte Lord Angus in Wut. Er hieb mit der Faust auf den Tisch, dass es krachte und die darauf stehenden Teller und Becher unfreiwillige Luftsprünge machten. Ein Becher fiel sogar um. Blutroter Wein ergoss sich über den Tisch und tropfte zu Boden.
»Genug!«, brüllte der vierte Lord Oliphant und Oberhaupt des Clans. »Ich habe genug von Eurer Widerspenstigkeit, Schwester. Ihr wisst so gut wie ich, wie es um uns steht. Entweder Ihr heiratet endlich vorteilhaft – oder«, er senkte die Stimme zu einem Flüstern, »Ihr wendet Eure Zauberei an und verschafft uns das Geld, das wir brauchen.« Auffordernd blickte er seine Schwester an.
Lady Sybilla Oliphant schloss die Augen und atmete tief durch. »Nein, denn es ist falsch, Zauberkräfte zum eigenen Vorteil zu benutzen.«
Lord Angus schlug erneut auf den Tisch. »Das tut ihr Hexen doch alle«, zischte er. »Also ziert Euch nicht.« Er beugte sich vor und starrte ihr in die Augen. »Da ich bedauerlicherweise nicht die Zauberkräfte unserer Mutter geerbt habe, sondern ausschließlich Ihr, ist es Eure Pflicht, mir zu helfen.«
»Ich helfe Euch in jeder Weise, Angus, aber nicht, indem ich diese Kräfte zum eigenen Vorteil missbrauche. Das tun nur die Schadenszauberer, und so eine bin ich nicht. Unsere Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass Ihr die Magie missbrauchen wollt, um Euch zu bereichern. Ich darf Euch außerdem daran erinnern, Bruder, weshalb wir so dringend Geld brauchen: Ihr habt das Vermögen unserer Familie verspielt.«
Angus brüllte vor Wut, kam um den Tisch herum und erhob die Hand zum Schlag gegen seine Schwester. Lady Sybilla reckte trotzig das Kinn vor und hob ebenfalls die Hand. Ihre Lippen bewegten sich, und ihre Hand begann zu glühen.
»Wagt es nicht, mich zu schlagen, Angus. Ihr würdet es bereuen.«
Er senkte die Hand und blickte Lady Sybilla voller Verachtung und Wut an. »Ihr benutzt Eure Hexenkunst gegen mich, Euren Bruder. Aber Ihr weigert Euch, mir und damit dem gesamten Clan mit ihr zu helfen.«
Sybilla schüttelte nachsichtig den Kopf. »Ich verteidige mich nur gegen Eure Brutalität, Angus. Was Ihr von mir verlangt, ist ein Verbrechen.«
Angus schnaubte erbost. »Wie Ihr wollt. Dann also Heirat. Ihr könnt von Glück sagen, dass Euch überhaupt noch ein Mann will. Ihr seid fünfunddreißig und immer noch Jungfer. Andere Frauen in Eurem Alter sind bereits Großmütter. Lord Elphinstone will Euch, also bekommt er Euch. Und ich will nichts mehr darüber hören, dass er bereits siebzig ist. Wenn er beim Bankett um Eure Hand anhält, werdet Ihr mit Freuden annehmen. Das ist ohnehin nur noch eine Formalität, denn ich habe ihm bereits zugesagt. Ich bin das Clanoberhaupt, und mein Wort gilt. Und jetzt geht mir aus den Augen.«
Lady Sybilla drehte sich wortlos um und verließ gemessen den Raum. Sie ließ sich ihre Wut nicht anmerken. Über diese Heirat war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ein Diener eilte mit einer hastigen Verbeugung an ihr vorbei zu ihrem Bruder.
»My Lord, eine Nachricht von Lord Elphinstone.« Er reichte Angus einen Brief.
Sybilla blieb stehen und wandte sich gespannt um. Angus brach das Siegel, faltete das Pergament auseinander und las. Wenige Herzschläge später brüllte er erneut und fegte mit einer Armbewegung das Geschirr vom Tisch. Er knüllte den Brief zusammen und warf ihn ins Feuer des Kamins, trat nach dem Hund, der ihm im Weg lag und der jaulend flüchtete, und stieß den Diener zu Boden.
»Er ist tot!«, schrie er Lady Sybilla an. »Dougal Elphinstone ist tot! – Hinaus!«, brüllte er den am Boden liegenden Diener an und versetzte ihm ebenso einen Tritt wie dem Hund. Der Mann flüchtete aus dem Raum. Angus donnerte beide Fäuste auf den Tisch. »Der Brief ist von seinem Erben Robert, der jetzt Titel und Vermögen besitzt.« Er funkelte Sybilla wütend an. »Er teilt mir mit, dass, da alle legitimen Söhne seines Vaters bereits verheiratet sind, eine Ehe mit Euch für kein Mitglied seines Hauses mehr infrage kommen kann.« Angus brüllte seine Wut erneut hinaus, ehe er Sybilla hart am Arm packte. »Entweder Ihr verschafft uns das Geld mit Zauberei, oder ich ...«
Die Tür des Raums wurde aufgestoßen und ein anderer Diener trat ein. »Lord Gwynal Symon d’Yffiniac!«, verkündete er die Ankunft eines Gastes.
Angus ließ Sybilla auf der Stelle los, die sich den schmerzenden Arm rieb und im Geist dem Gast dankte, dessen Auftauchen sie vor einem von Angus’ Tobsuchtsanfällen bewahrt hatte. Sie sah dem Mann entgegen, der eintrat und sich leicht verbeugte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, was keineswegs nur daran lag, dass Gwynal d’Yffiniac ein sehr attraktiver Mann war. Er mochte um die dreißig sein und trug sein dunkles Haar schulterlang. Dunkle Augen blickten Sybilla wachsam an. Seine Haut war jedoch bleich wie der Mond. An der rechten Hand trug er einen auffallenden Goldring mit einem daumennagelgroßen Rubin. Was Sybilla jedoch regelrecht entsetzte, war die Aura, die ihn umgab.
Der Mann war kein Mensch.
Zwar war Sybilla noch nie einem Wesen wie ihm begegnet, aber ihre irische Mutter, die eine mächtige Druidin gewesen war, hatte ihrer Tochter beigebracht, woran man die Nachtwanderer erkennen konnte. Sie waren von etwas umgeben, das die Seele als einen kühlen Hauch wahrnahm. Diesen Hauch spürte Sybilla deutlich.
»Willkommen, Lord Gwynal«, riss Angus’ Stimme sie aus ihrer Erstarrung. An seiner fahrigen Willkommensgeste erkannte sie, dass ihr Bruder vollkommen vergessen hatte, dass er einen Gast erwartete. Er deutete auf den Tisch, der mit Weinflecken besudelt war. »Ein Missgeschick meiner tollpatschigen Dienerschaft. Ich lasse sofort neu eindecken. Rory!«, brüllte er nach dem Diener, den er gerade mit einem Fußtritt hinausgejagt hatte und wies ihn an, den Tisch neu zu decken, als der Mann erschien. »Kommt, My Lord, setzt Euch ans Feuer und wärmt Euch mit einem guten Tropfen Wein. Ich lasse Euch ein Gemach richten. Ruht Euch ein paar Tage bei uns von Eurer Reise aus. – Dies ist meine Schwester, Lady Sybilla.«
Sybilla knickste höflich, und Lord Gwynal verbeugte sich formvollendet, ehe er ihre Hand ergriff und einen Kuss darauf hauchte. Sie erschauerte. Obwohl er ein Nachtwanderer war, spürte sie nichts Bedrohliches von ihm ausgehen. Und das freundliche Lächeln, das er ihr schenkte, wärmte ihr Herz.
»Mondschönes Gesicht, flammenumkränzt, mit Augen so blau wie die See, an deren Ufer sie träumt den Traum von des liebenden Mannes zärtlichem Kuss. O schöne Mondkönigin.« Er lächelte. »Erlaubt Ihr mir, dass ich ein Lied über Eure Schönheit komponiere, Lady Sybilla? Ich bin ein Barde aus Leidenschaft.«
Sybilla errötete tief. »Wenn Ihr mich einer Komposition für wert haltet, My Lord Gwynal, wäre es mir eine zu große Ehre.«
»Und mir eine noch größere Freude. Ich werde das Lied Dream of the Moonqueen nennen.«
»Sybilla, bringt uns den Wein«, unterbrach Angus grob und zerstörte damit den Zauber, von dem Sybilla sich für einen Moment umgeben gefühlt hatte.
Sie beeilte sich, seinem Wunsch nachzukommen und schenkte Lord Gwynal und ihrem Bruder einen Becher Wein ein.
»Es wäre mir eine Freude, wenn Ihr Euch zu uns setztet, My Lady«, bat Gwynal, als Sybilla sich anschickte, die beiden Männer allein zu lassen. Er holte ihr einen Stuhl und rückte ihn ihr so zurecht, dass sie von der behaglichen Wärme des Feuers im Kamin eingehüllt wurde.
Sie blickte ihn neugierig an. Geschöpfe wie er ernährten sich ausschließlich von Blut und konnten normale Nahrung gar nicht verdauen. Wie könnte er Wein trinken, geschweige denn etwas essen?
Doch Gwynal überraschte sie. Er trank den Wein mit sichtbarem Genuss und aß eine Stunde später auch eine große Portion Braten, Gemüse und Brot, während er eine angeregte Unterhaltung mit Angus führte und Sybilla zwischendurch immer wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten bedachte. Sie fragte sich jedoch zunehmend, was er von Angus wollte, denn ihr Gefühl sagte ihr, dass er nicht zu einem reinen Höflichkeitsbesuch gekommen war.
»Ihr seid Bretone, Lord Gwynal?«, vergewisserte sich Angus. »Eure Beherrschung des Englischen ist ausgezeichnet.«
»Was an meinen vielen Reisen liegt, Lord Angus. Ich bin nur ein unbedeutender jüngerer Sohn der Symons d’Yffiniac. Zu Hause gibt es keine Aufgabe für mich, also reise ich durch die Länder der bekannten Welt und lerne Sprachen. Unter anderem.« Er lächelte Lady Sybilla zu, ehe er sich wieder an Angus wandte. »Ich kaufe auch gelehrte Schriften.« Gwynal trank einen Schluck Wein. »Ihr sollt kürzlich eine besondere Handschrift erworben haben, die, wie es heißt, in einem deutschen Kloster geschrieben wurde vor fast hundert Jahren.«
Angus kniff für einen Moment die Augen zusammen, was zumindest Sybilla bestätigte, dass Lord Gwynals Information der Wahrheit entsprach.
»Angus, Ihr habt mir von dieser Neuerwerbung nichts erzählt.« Sie bemühte sich, ihre Stimme nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen. Es gelang ihr nicht.
Ihr Bruder machte eine wegwerfende Handbewegung. »Man hat Euch falsch informiert, Lord Gwynal. Ich besitze eine solche Schrift nicht. Falls Ihr nur deshalb den Weg zu uns gefunden habt ...«
»Keineswegs. Ihr sollt hervorragende Pferde besitzen, Lord Angus. Ich trage mich mit dem Gedanken, vielleicht ein paar zu kaufen.«
Angus’ Augen glitzerten gierig. »Ich zeige Euch morgen die Ställe, Lord Gwynal. Ihr werdet feststellen, dass es keine besseren Pferde in Schottland gibt.«
Sybilla blickte auf ihren Teller und hoffte, dass Gwynal d’Yffiniac nicht bemerkte, wie sie vor Scham über diese falsche Anpreisung errötete. Zwar waren die Pferde des Oliphant-Clans gut, aber es gab bessere.
»Ich freue mich schon darauf, Lord Angus. Erlaubt Ihr, dass ich mich zurückziehe? Die Reise war ermüdend.«
Angus winkte einem Diener. »Bryce wird Euch Euer Gemach zeigen. Ich wünsche Euch eine angenehme Nacht, Lord Gwynal.«
Gwynal verbeugte sich höflich und zog sich zurück, nachdem er sich von Lady Sybilla verabschiedet hatte. Sie fragte sich, was der Mann vorhatte. Schließlich lebte seine Art in der Nacht und mied den Tag. Gwynal würde sich kaum um diese Zeit schlafen legen.
Lady Sybilla fuhr der Schreck in die Glieder, als sie den Grund begriff. Die Nachtwanderer ernährten sich von Blut. Das Mahl, so opulent es auch gewesen war, konnte ihn kaum gesättigt haben. Sie wunderte sich, dass er überhaupt in der Lage gewesen war, es zu essen. Er musste immer noch hungrig sein und würde die Zeit, in der die Burgbewohner ihn in seinem Gemach wähnten, dazu nutzen, sich seine eigentliche Nahrung zu beschaffen. Sie musste ihn daran hindern, sich an einem der Diener zu vergreifen.
Zwar glaubte sie nicht, dass er so unvorsichtig wäre, sein Opfer umzubringen, aber es würden Spuren seiner Nahrungsaufnahme zurückbleiben. Und die Dienerschaft tuschelte ohnehin schon über ihre Herrschaften. Dass Sybillas Mutter eine Irin gewesen war, hatte nicht nur im Clan für einen gewissen Unmut gesorgt, der erst aufgehört hatte, als Lady Gráinne ihrem Gatten angeblich weggelaufen und einen Tag später tot im Wald gefunden worden war.
Seitdem munkelte man hinter vorgehaltener Hand von Hexerei, die sie dort getrieben haben sollte. Lady Sybillas kupferrote Haare schienen den Verdacht zu bestätigen, besonders da weder Gráinne noch irgendein Oliphant rote Haare hatten, auch Angus nicht. Und ihr Bruder ging ohnehin zu sorglos mit Bemerkungen über Zauberkünste um, die der Dienerschaft nicht immer verborgen blieben. Bis jetzt waren die Leute loyal, doch Lady Sybilla war sich bewusst, dass es nur eines entsprechenden Anlasses bedurfte, um deren Furcht vor Hexerei in Gewalt umschlagen zu lassen.
Sie wollte sich ebenfalls zurückziehen, um Vorkehrungen zu treffen, den Nachtwanderer an seinem Plan zu hindern, doch Angus packte ihr Handgelenk und hielt sie zurück.
»Er hat viel Geld zum Reisen in fremde Länder«, sagte er bedeutungsvoll. Sie hörte seiner Stimme an, dass er schon lange nicht mehr nüchtern war. »Und Ihr scheint ihm zu gefallen. Findet heraus, ob er reich ist. Wenn ja, seid nett zu ihm. Vielleicht ist er eine gute Partie für Euch.«
Sybilla befreite sich aus seinem Griff. »Ihr seid betrunken, Angus.« Sie eilte aus dem Raum und ging zu Lord Gwynals Gemach. Sie legte ein Ohr gegen die schwere Eichentür und lauschte. Drinnen war alles still. Sie beschwor ihre magischen Sinne und stellte fest, dass sich der Nachtwanderer nicht in seinem Zimmer befand. Offensichtlich war er bereits auf der Suche nach einem Opfer.
Sybilla wandte einen Zauber an, der ihr seinen Aufenthaltsort offenbarte. Er hielt sich in Angus Schreibzimmer auf. Sie ging hin, so schnell sie das tun konnte, ohne bei der immer noch geschäftigen Dienerschaft Aufsehen zu erregen, und stieß die Tür auf. Das Zimmer war vollkommen dunkel und schien leer zu sein. Wahrscheinlich hatte er es bereits verlassen, als sie auf dem Weg hierher gewesen war.
»Sucht Ihr mich, My Lady?«
Sybilla fuhr mit einem leisen Aufschrei erschreckt herum. Er stand direkt hinter ihr und blickte sie aus seinen dunklen Augen an, die im schwachen Schein des Mondlichts, das durch das Fenster hereinfiel, schwarz wie die Nacht wirkten. Uralte Augen. Sie fasste sich, obwohl sie Angst verspürte.
»Ja, My Lord, ich habe Euch gesucht.«
Er trat noch einen Schritt näher, sodass er nur noch eine Handbreit von ihr entfernt war und nahm ihre Hand, die er an die Lippen führte und einen Kuss darauf hauchte. Seine Hand war kühl, fühlte sich aber davon abgesehen nicht anders an als eine Menschenhand.
»Und was kann ich für Euch tun, Lady Sybilla?«
Sybilla nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ich weiß, was Ihr seid, My Lord, und – wovon Ihr Euch ernährt. Versteht mich bitte nicht falsch. Ihr seid unser Gast, und unsere Pflicht ist es, Euch zu bewirten. Da unsere Nahrung Euch kaum gesättigt haben dürfte, müsst Ihr immer noch hungrig sein.«
»Das bin ich in der Tat.«
Er streichelte mit dem Daumen ihren Handrücken. Lady Sybilla empfand diese Berührung als angenehm und erschreckend zugleich. Sie weckte in ihr Gefühle, die sie noch nie zuvor erfahren hatte.
»Ich bin gekommen, Euch zu bitten, Euch nicht an der Dienerschaft zu ... zu bedienen, My Lord. Sie reden schon genug über uns.«
»Sie verdächtigen Euch der Hexerei«, erriet er.
Sybilla nickte. »Und deshalb, My Lord, nehmt mich. Nehmt mein Blut. Ich werde zu niemandem davon sprechen. Und ich vertraue darauf, dass Ihr als unser Gast Euch genug Zurückhaltung auferlegt, mich am Leben zu lassen.«
»Oh, Lady Sybilla.« Seine Worte waren nur ein Hauch. Er legte seine Hand gegen ihre Wange und streichelte sie zärtlich. »Ihr bietet Euch mir an?«
Sie nickte und schloss die Augen in der Erwartung dessen, was immer kommen mochte.
Gwynal lachte leise. »Ihr habt völlig falsche Vorstellungen von mir und meiner Art. Seht mich an, My Lady.«
Sie öffnete die Augen. Er hielt seine Hand hoch, an der er den Rubinring trug.
»Dieser Ring ist ein Zeichen meines Amtes. Ich bin ein Wächter, und meine Aufgabe ist es, darüber zu wachen, dass andere Vampire unsere Gesetze einhalten. Ein Wächter ist so etwas wie ein Sheriff, My Lady. Und ich versichere Euch, dass unser oberstes Gesetz uns verbietet, uns von Menschen oder ihrem Vieh zu ernähren. Es sei denn, wir kauften dessen Blut bei einer Schlachtung. Ich schwöre Euch, dass weder Ihr noch Eure Dienerschaft, Eure Pferde oder sonstiges Vieh den Biss meiner spitzen Zähne zu befürchten habt. Schließlich gibt es genug Wild in den Wäldern um Kellie Castle.«
Sybilla glaubte ihm. Ihr wurden vor Erleichterung die Knie weich. Gwynal spürte es und legte den Arm um ihre Taille, um sie zu stützen. Sybilla fand diese Berührung durchaus angenehm.
»Was sucht Ihr dann in diesem Zimmer, My Lord?«
»Die Klosterschrift, die zu besitzen Euer Bruder leugnet. Ich denke, wir wissen beide, dass er sie hat.«
»Bis Ihr sie erwähntet und ich seine Reaktion darauf sah, wusste ich nichts davon. Aber Ihr habt recht. So wie Angus reagierte, besitzt er sie tatsächlich.« Sybilla sah ihn befremdet an. »Wolltet Ihr sie stehlen?«
»Nein, darauf gebe ich Euch mein Wort. Ich werde eine ihrem Wert angemessene Summe zurücklassen.«
»Warum ist Euch diese Schrift so wichtig, My Lord Gwynal?«
»Sie gehört zu einem aus dreizehn Kapiteln bestehenden Buch, das den Titel Liber artis magicae diabolicae trägt.« Er blickte Sybilla aufmerksam an, die bei der Nennung des Titels blass wurde, woraus er schloss, dass sie des Lateins mächtig war. »Normalerweise kümmern wir Wächter uns nicht um solche Dinge. Wir haben nur Verbrechen zu ahnden, die von Vampiren begangen werden, wenn wir sie schon nicht verhindern können. Aber diese Schrift ist so gefährlich, wie ihr Titel besagt. Und sie wurde von einem Vampir gestohlen, weshalb dies nun meine Angelegenheit ist.«
»Ihr wollt sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückbringen.«
»Das würde ich tun, wenn der noch lebte. Bedauerlicherweise hat der Dieb ihn getötet. Er wurde bereits für dieses Verbrechen bestraft. Nein, My Lady, ich will diese Schrift vernichten, bevor sie noch mehr Unheil anrichtet, als sie es in der Vergangenheit bereits getan hat. Wo würde Euer Bruder sie aufbewahren? Da er sie aus gutem Grund geheim halten will, wird er sie kaum offen herumliegen lassen. Bestimmt gibt es in diesem Zimmer ein Geheimfach?«
Lady Sybilla nickte. Sie stellte fest, dass Gwynal sie immer noch hielt und machte sich verlegen von ihm los. Dabei wollte ein Teil von ihr nichts anderes, als weiterhin von ihm gehalten zu werden. Sie hatte noch nie das Bett eines Mannes geteilt, weil keiner sie hatte heiraten wollen. Die Tochter einer Hexe hätte schon eine fürstliche Mitgift mitbringen müssen, damit ihr Bräutigam über diesen Makel hinweggesehen hätte.
Doch ein großer Teil des Vermögens der Oliphants war als Lösegeld für ihren Vater verwendet worden, der 1542 in der Schlacht gegen die Engländer bei Solway Moss gefangen genommen worden war. Da Sybilla nur achteinhalb Monate nach seiner Freilassung geboren worden war, gab es böse Gerüchte, ob sie überhaupt seine Tochter war, was sie auch nicht gerade zu einer begehrten Partie machte. So waren die Jahre ins Land gegangen, ohne dass sie jemals einem Mann angehört hätte. Und nun, mit fünfunddreißig, waren ohne eine lohnende Mitgift ihre Aussichten auf eine Heirat noch geringer. Jedenfalls waren wohl die ehelichen Pflichten nicht das Schlechteste, wenn allein die Berührung eines Mannes wie Lord Gwynal in ihr solche wohligen Empfindungen auslöste.
»Ah, ja«, riss sie sich von ihren unkeuschen, wenn auch angenehmen Betrachtungen los. »Mein Bruder hat hier ein besonderes Versteck.«
Sie warf Gwynal einen kurzen Blick zu. Sie kannte sein Geheimnis, und er vertraute auf ihre Diskretion. Sie beschloss, ihm ihres zu offenbaren. Ihr Gefühl sagte ihr, dass er ein aufrechter Mann war und sie nicht hintergehen würde. Sie streckte die Hand aus in die Richtung, wo sie den Kerzenleuchter auf dem Tisch als schwarzen Schatten erkennen konnte und sprach einen Zauber aus. Die Kerzendochte flammten auf und erleuchteten das Zimmer.
Gwynal lächelte und zeigte nicht die geringste Furcht oder auch nur Unbehagen. »Das dachte ich mir. Kein Mann wie Euer Bruder hätte Interesse an einer Schrift wie dem Liber artis magicae diabolicae, wenn er nichts mit ihr anzufangen wüsste. Umso mehr wundert es mich, dass er Euch nichts von dem Erwerb gesagt hat.«
Lady Sybilla seufzte. »Er selbst besitzt zwar keine magischen Kräfte, aber Zauberkunst funktioniert ja auch mit einfachen magischen Sprüchen, wenn es die richtigen sind. Angus versucht ständig, mich zu überreden, dass ich meine dazu benutze, um das Geld zu ersetzen, das er verspielt.« Sie klang ungewollt bitter. »Doch das ist Unrecht, weshalb ich es niemals tun werde. Ich vermute, er erhofft sich, mit der Schrift zu erlangen, was ich ihm verweigere.«
Sie trat an einen Schrank und öffnete dessen Tür. Darin standen einige Bücher und lagen Stapel von Papier und Schreibfedern. Sybilla nahm ein paar Bücher heraus und entfernte auch das Leinentuch, auf dem sie gestanden hatten. Sie drückte gegen einen Punkt an der Innenwand. Ein leises Klicken ertönte, und ein Teil des Schrankbodens klappte auf. Sybilla öffnete das Geheimfach. Darin lagen ein paar Schriftstücke, doch keines war das gesuchte Manuskript. Sybilla überflog die Dokumente, während Gwynal hinter sie trat und ihr über die Schulter sah.
»Oh Gott im Himmel!«, entfuhr es ihr. »Das sind Schuldverschreibungen. Angus hat unser gesamtes Vermögen verspielt. Und unser Land dazu. Den Oliphants gehört nur noch dieses Schloss und ein Stück des unmittelbar angrenzenden Landes.«
Sie ließ die Papiere sinken und musste sich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen. Jetzt erst begriff sie in vollem Umfang, warum Angus sie so sehr bedrängt hatte. Er hatte keine andere Wahl, sonst war der Clan der Oliphants bankrott. Sie wandte sich an Gwynal.
»My Lord Gwynal, dieses unheilige Buch – sind darin Zauber verzeichnet, mit denen man zu Geld kommen kann?«
Der Vampir nickte. »In diesem Teil auf jeden Fall. Das ist der Grund, warum jeder es besitzen will und unzählige Leute bereit sind, dafür zu töten.«
»Folgt mir bitte.«
Lady Sybilla führte ihn durch die Gänge des Schlosses zu Angus’ Gemächern. Sie hatte vermutet, dass er inzwischen längst sein Zimmer aufgesucht hatte und dort seinen Rausch ausschlief. Doch als sie das Schlafgemach ihres Bruders betrat, fand sie es leer. Das kam ihren Plänen durchaus entgegen. Sie ging zielstrebig zu einer Kleidertruhe, die ebenfalls ein Geheimfach enthielt und öffnete es. Es war leer.
Gwynal sah sie aufmerksam an. »Wo könnte er die Schrift sonst noch versteckt haben?«, fragte er, als Sybilla sich unschlüssig umschaute.
Sie schüttelte den Kopf. »Es gibt kein Versteck, dem er genug vertrauen würde außer diesen beiden. Da sie hier nicht sind, muss er sie bei sich haben.« Sie seufzte schwer. »Es wird nicht leicht, sie ihm abzunehmen.«
Gwynal lächelte beruhigend. »My Lady, vertraut mir. Da ich bin, was ich bin, ist das für mich ein Leichtes.«
Sybilla glaubte ihm. Zwar wusste sie nicht allzu viel über die Wesen seiner Art, aber ihr Gefühl drängte sie förmlich dazu, ihm zu vertrauen. Er hob den Kopf und schnüffelte hörbar in die Luft.
»Riecht Ihr das auch? – Ah, nein«, beantwortete er sich seine Frage selbst. »Euer Geruchssinn ist nicht so ausgeprägt. Aber ich rieche Schwefel. Und ich höre«, er legte den Kopf schräg, »Beschwörungen. Aus dem Keller.«
Sybilla tat einen entsetzten Ausruf und rannte in den Keller. Gwynal folgte ihr. Es gab nur einen Raum, in dem Angus Beschwörungen durchführen würde und zu dem nur er und Sybilla einen Schlüssel besaßen. Sie hatten den Raum noch nicht erreicht, als sie einen entsetzlichen Schrei daraus hörten. Der Vampir überholte Sybilla und riss die Tür auf. Ein fauliger Gestank schlug ihm entgegen, in den sich ein intensiver Geruch von Blut mischte. Er sah jedoch auf den ersten Blick, dass er nichts mehr für Lord Angus tun konnte.
Sybilla stieß einen entsetzten Schrei aus, als sie die Tür erreichte und sah, was sich dahinter abspielte. Angus lag in einem magischen Kreis zwischen umgestoßenen Kerzen, die Hand um die unheilige Schrift gekrallt. Neben ihm lag der Kadaver einer Ziege, deren abgetrennter Kopf sich zu seinen Füßen befand. Ein Wesen, das wie ein mit grünlicher Haut überzogenes Skelett wirkte – allerdings eins mit dem Gebiss eines Wolfs und entsetzlich langen Klauen – hatte Lord Angus Oliphant vom Hals bis zum Geschlecht aufgerissen und war dabei, seine Eingeweide zu zerfetzen. Der ganze Boden war mit Blut besudelt.
Gwynal stürzte sich auf das Monster, riss es von Angus’ Leiche weg und schleuderte es gegen die Wand. Was einem Menschen sämtliche Knochen gebrochen hätte, entlockte dem Ding nur ein wütendes Fauchen. Es griff den Vampir an. Gwynal hatte keine Probleme, den Angriffen auszuweichen, da sich das Monster nicht annähernd so schnell bewegen konnte wie er. Doch seine Gegenangriffe fügten dem Wesen nicht den geringsten Schaden zu, machte es dafür umso wütender.
»Bringt Euch in Sicherheit, My Lady!«
Doch Lady Sybilla hatte sich erstaunlich schnell von ihrem Schock erholt. »Geht beiseite, My Lord!«
Gwynal schleuderte die Bestie erneut gegen die Wand und brachte anschließend genug Abstand zwischen sich und das Ding. Lady Sybilla streckte dem Ding beide Hände entgegen. »Teine!«2
Eine Feuersäule flammte um das Monster herum auf. Es kreischte fürchterlich, schlug um sich, zappelte und wand sich in dem vergeblichen Versuch, die magische Flamme zu löschen, die es verzehrte. Lady Sybilla rief einen Bannspruch, und das Ding verschwand. Abrupt kehrte Stille ein. Sybilla blickte auf die verstümmelte Leiche ihres Bruders. Tränen quollen aus ihren Augen. Gwynal nahm sie in die Arme und barg ihren Kopf an seiner Schulter.
»Es tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin, My Lady. Aber ich muss sagen, Ihr seid eine sehr mutige Frau.«
Sybilla genoss es einen Moment, von ihm gehalten und getröstet zu werden. Jedoch gab es Wichtigeres als ihre Trauer und ihr Entsetzen. Sie löste sich von ihm und sah sich um, wobei sie es vermied, die Leiche ihres Bruders allzu genau anzusehen. In der Mitte des magischen Kreises entdeckte sie, wonach sie suchte: die Handschrift des Liber artis magicae diabolicae. Sie hob sie auf und hielt Gwynal die blutbesudelten Blätter hin. »Zerstört sie, My Lord.«
Der Vampir schüttelte den Kopf. »Die Ehre gebührt Euch, Lady Sybilla.«
Die Hexe blickte ihn dankbar an. Sie legte die dreizehn Blätter auf den Boden und deutete mit dem Finger darauf. »Teine!«
Ein Feuerball traf die Dokumente. Doch was das grünhäutige Monster augenblicklich in Flammen hatte aufgehen lassen, zeigte bei dem Pergament nicht die geringste Wirkung. Das Feuer verpuffte, aber die Blätter blieben völlig unversehrt.
»Wie ist das möglich?« Sie versuchte erneut, die Schrift zu zerstören. Wieder gelang es ihr nicht.
Gwynal nahm sie und versuchte sie zu zerreißen. Doch sie widerstand selbst der übermenschlichen Kraft eines Vampirs. Er seufzte tief.
»Die Gerüchte sind also wahr. Ein Zauber macht diese Schriften unzerstörbar.«
Er fing Sybilla auf, als sie zu Boden sackte, und stützte sie. Die Hexe legte eine Hand gegen die Stirn und blickte verzweifelt auf die Leiche ihres Bruders. Instinktiv lehnte sie sich gegen Gwynal. »Wie soll ich nur erklären, was hier passiert ist?« Sie blickte den Vampir unsicher an. »Glaubt Ihr, man wird mich – oder Euch – für Angus’ Tod verantwortlich machen?«
Der Vampir nickte. »Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Ich habe allerdings keine Probleme damit, die Schuld auf mich zu nehmen. Ich kann Euren Bruder in seine Gemächer bringen und danach verschwinden. Ihr könnt eine Weile verstreichen lassen, ehe ihr das Schloss in Aufruhr versetzt und mich des Mordes an Lord Angus anklagt. Man wird mich jagen, aber niemals erwischen«, fügte er lächelnd hinzu.
Sybilla schüttelte energisch den Kopf. »Auf keinen Fall werde ich einen Unschuldigen anklagen, My Lord Gwynal. Ich danke Euch sehr für das Angebot, aber ich muss es ablehnen.«
Der Vampir legte seine kühle Hand gegen ihre Wange. »Was wollt Ihr sonst tun, Lady Sybilla? Euch ist doch klar, dass niemand diesen Raum sehen sollte, am allerwenigsten Lord Angus darin – auch nicht tot.«
Sybilla seufzte tief und lehnte sich noch stärker an Gwynal an. Trotz der prekären Situation tat es gut, von ihm gehalten zu werden. Aber auch seine tröstliche, Schutz vermittelnde Nähe konnte das Problem nicht lösen. Angus war sichtbar eines gewaltsamen Todes gestorben. Zwar hätte sie seine tödlichen Wunden mit einem Zauber verdecken können. Der hielt jedoch nicht ewig. Da sie sich den größten Teil ihres Wissens nach dem Tod ihrer Mutter selbst beigebracht hatte, wusste sie nicht, wie sie ihn dauerhaft hätte manifestieren können. Die Wunden würden früher oder später wieder sichtbar werden. Danach würde jeder wissen, dass Zauberei im Spiel war und mit dem Finger auf sie zeigen.
Dazu kam der fast vollständige finanzielle Ruin, den Angus verursacht hatte. Vetter Conal, der Titel und Besitz erbte, würde Sybilla auf der Stelle aus dem Schloss werfen. Eine Heirat lag nicht mehr im Bereich ihrer Möglichkeiten. Zumindest nicht hier. Sie schluchzte leise, als sie begriff, was Angus’ unzeitgemäßer und unnatürlicher Tod für sie bedeutete.
Gwynal drückte sie an sich und berührte ihren Scheitel sanft mit den Lippen. Auch er verstand offenbar, in welchem Dilemma sie sich befand. »Kommt mit mir, My Lady. Ich bringe Euch in Sicherheit und werde für Euch sorgen, bis Ihr gelernt habt, das selbst zu tun.«
Sie blickte ihn verzweifelt an. »Wie könnte das gehen?«
»Es geht, das versichere ich Euch. Wichtig ist nur, dass Ihr Euch entscheidet, ob Ihr Euch mir anvertrauen wollt. Alles andere können wir regeln, wenn Ihr in Sicherheit seid.«
Sybilla konnte nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten. Von einem Augenblick zum anderen war sie heimatlos geworden, ausgestoßen und verbannt. Die Alternative war allerdings ungleich schrecklicher und endete mit ihrer Hinrichtung. Sie nahm sich zusammen.
»Ich vertraue mich Euch an, Lord Gwynal.«
»Ihr seid sehr tapfer. Lady Sybilla.« Er strich ihr über die Wange. »Wichtig ist jetzt, dass wir schnell handeln. Ich bringe Euren Bruder in seine Gemächer. Ihr verschließt diesen Raum. Anschließend packt Ihr die Dinge ein, die Euch wichtig sind. Aber nur diese und keine Kleidung. Ich besitze genug Geld und werde Euch kaufen, was Ihr braucht. Und dieses Kleid, das Ihr tragt – zieht ein anderes an. Beeilt Euch bitte. Ich bin in kurzer Zeit bei Euch.«
Sybilla stellte keine Fragen. Gwynal nahm die Blätter des Liber artis magicae diabolicae und steckte sie unter sein Hemd. Anschließend nahm er Angus‘ toten Körper auf die Arme und war so schnell verschwunden, dass Sybilla nur noch einen Luftzug spürte. Sie verriegelte die Tür des Kellerraums und schloss sie ab. Danach ging sie in ihr Zimmer und war froh, auf dem Weg dorthin niemandem zu begegnen. Sie sollte nur die Dinge mitnehmen, die ihr wichtig waren. Da gab es nicht viel. Ein wenig Schmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte und das Zauberbuch, in dem Lady Gráinne ihre Rezepturen, Heilmittel und magischen Bannsprüche aufgeschrieben hatte und das verborgen in dem doppelten Boden einer Truhe lag.
Sie wechselte das Kleid und fragte sich, warum Gwynal das verlangt hatte. Gerade als sie damit fertig war, klappte leise die Tür. Im nächsten Moment stand der Vampir bereits neben ihr. In der Hand hielt er einen toten Hasen.
»Seid Ihr bereit?«
Sybilla nickte.
Gwynal nahm ihr abgelegtes Kleid und zerriss es an einigen Stellen. Anschließend riss er den Kadaver des Hasen auf und besudelte mit dessen Blut Sybillas Kleid, das er auf das Bett warf. Mit dem Hasenblut legte er eine Spur, die zum Balkon führte und ließ eine gehörige Portion Blut auf den Boden unter dem Balkon tropfen. Danach schleuderte er den ausgebluteten Kadaver mit solcher Wucht von sich, dass er bis in den nahen Wald hinein flog. Er winkte Sybilla zu sich.
»Ich habe dort unten eine Schleifspur gelegt, die aussieht, als hätte jemand einen Menschen hier vom Balkon geworfen und von dort unten in den Wald geschleift. Wenn Eure Diener das zerrissene und blutige Kleid finden und diese Spur sehen, werden sie überzeugt sein, dass ich nicht nur Euren Bruder, sondern auch Euch getötet habe.«
»Aber ...«
Gwynals Finger auf ihrem Mund unterbrach sie. »Das ist völlig in Ordnung, My Lady. Auf diese Weise wird niemand auf den Gedanken kommen, Ihr hättet mit dem Tod Eures Bruders etwas zu tun. Selbst wenn man Eure Leiche nicht findet, wird man Euch für tot halten. Ihr könnt also ein völlig neues Leben beginnen. Wir gehen zunächst für einige Zeit nach Irland. Habt Ihr alles, was Ihr braucht?«
Sybilla nickte und warf einen Blick zurück in ihr Gemach. Seltsam. Es wirkte bereits fremd auf sie. Als wäre es nie wirklich ihr Zuhause gewesen. Zwar empfand sie durchaus Angst vor der Zukunft, aber sie hatte das sichere Gefühl, dass sie die meistern würde. Selbst wenn Lord Gwynal nicht zu seinem Wort stehen sollte, ihr zu helfen.
»Und das alles nur wegen dieser unseligen Schrift.« Ihre Stimme klang verärgert. »Es gibt einfach zu viele Menschen, die sich durch Magie bereichern wollen und damit anderen schaden.«
»Magie an sich ist nichts Böses, wie Ihr ja selbst wisst, My Lady. Allerdings wäre es von Vorteil, wenn diejenigen, die sie beherrschen, ein paar Regeln aufstellten, die solche, hm, Unfälle wie Euer Bruder ihn hatte, verhindern.«
Sie nickte und sah ihm in die dunklen Augen. »Das ist doch das, was Ihr Wächter für Eure Art tut, nicht wahr?«
»Ja. Wir haben Gesetze gemacht und bekämpfen jene, die sich nicht daran halten.«
Sybilla warf einen letzten Blick in ihr Zimmer und erkannte in diesem Moment klar ihren Weg für die Zukunft. »My Lord Gwynal, würdet Ihr mir helfen, Wächter zu finden, die dasselbe für zauberkundige Menschen tun? Die zusammen mit mir dafür sorgen, dass solche unheiligen Schriften und andere Zaubergeräte keinen Schaden anrichten? Ich glaube, das ist die Aufgabe, der ich mein Leben widmen möchte, nachdem ich es dank Euch behalten und selbst gestalten kann.«
»Das ist ein wundervolles Ziel, My Lady. Doch nun sollten wir verschwinden. Legt Eure Arme um mich und haltet Euch fest. Und vor allem: erschreckt nicht und sprecht kein Wort.«
Sybilla tat wie geheißen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er einen flachen Kasten auf dem Rücken trug.
»Was ist das?«
»Meine Harfe. Königin Boudicca hat sie für mich anfertigen lassen, als ich ihr Barde war. Das war vor über fünfzehnhundert Jahren. Sie ist mein kostbarster Besitz. – Und nun, My Lady, werdet Ihr fliegen.«
Bevor Sybilla begriff, was er meinte, war er mit ihr in die Luft gesprungen und flog über den Wipfeln der Bäume mit ihr davon.

Lady Sybilla konnte immer noch nicht fassen, was mit ihr geschehen war, als sie sich Stunden später in einem Gasthaus in Crieff wiederfand, etwa fünfzig Meilen von Kellie Castle entfernt. Die Sonne würde in einer Stunde aufgehen. Sie fühlte sich zu erschöpft, um etwas zu essen, und zu verwirrt, um das Unglaubliche zu begreifen, dass sie mit einem Vampir mehrere Stunden durch die Luft geflogen war. Dennoch harrte sie mit bangem Herzen der Prüfung, die ihr noch bevorstand. Denn Gwynal hatte nur ein einziges Zimmer für sie beide gemietet und Sybilla dem Wirt gegenüber als seine Ehefrau ausgegeben. Danach war er verschwunden und ging Sybilla im Zimmer unruhig auf und ab.
Sie zuckte zusammen, als die Tür geöffnet wurde und er eintrat. Er reichte ihr ein Dokument und grinste zufrieden, als er sie aufforderte, es zu lesen. Es war eine Heiratsurkunde, ausgestellt auf Lord Gwynal Clàrsair und Lady Sybilla Clàrsair.
»Woher habt Ihr die, My Lord?«
Er zwinkerte ihr zu. »Sie ist echt. Menschen dazu zu bringen zu tun, was ich will, ist neben dem Fliegen eine den Vampiren angeborene Magie. Der Priester ist der festen Überzeugung, dass er uns tatsächlich gestern bei Tageslicht miteinander verheiratet hat. Jedenfalls hat nun alles seine Ordnung für Euch.« Gwynal setzte sich zu ihr an den Tisch, nahm ihre Hand und blickte Sybilla freundlich an.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß Eure Hilfe wahrhaftig sehr zu schätzen, My Lord.«
»Aber?«
»Es ist nicht recht, was wir tun. Wir sind nicht verheiratet, und es schickt sich nicht, dass wir ein Bett teilen.« Obwohl ein Teil von ihr sich nichts sehnlicher wünschte als das. Und sei es nur für ein einziges Mal.
Gwynal lachte wohlwollend und legte seine Hand an ihre Wange. Sybilla erschauerte.
»Es weiß aber niemand, dass wir nur vorgeben verheiratet zu sein. Deshalb wird auch niemand etwas Unschickliches daran finden, dass wir im selben Bett schlafen. Davon abgesehen schlaft Ihr, wenn ich wach bin und schlafe ich, wenn Ihr wach seid. Da wir nicht verheiratet sind, müsst Ihr auch keine eheliche Pflicht erfüllen. Aber«, er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie zärtlich, »wenn Ihr einmal die Freuden der Liebe erleben wollt, so bin ich jederzeit gern bereit, sie Euch zu schenken. Und sagt jetzt nicht, das wäre unschicklich«, kam er ihrem Protest zuvor. »Setzt Euch bitte, Sybilla.«
Er rückte ihr den Stuhl zurecht und nahm anschließend ihr gegenüber Platz. »My Lady, ich bin fast dreitausend Jahre alt. Ich habe Zivilisationen kommen und gehen sehen und mit ihnen ihre Kultur. Wenn ich eins gelernt habe in dieser Zeit, so ist es, dass das einzig Beständige in der Welt der ewige Wandel ist. Nichts bleibt auf die Dauer wie es ist.«
Sybilla hörte ihm aufmerksam zu. »Worauf wollt Ihr hinaus, Gwynal?«
»Ich wurde in eine Kultur hineingeboren, in der die Frauen nicht nur ebenso wie die Männer Krieger waren, sondern auch Herrscherinnen in ihrem eigenen Recht. Ihnen gehörte das Vermögen, und die Blutlinie trug den Namen der Mutter, niemals des Vaters. Und sie allein bestimmte, welchen Mann sie heiratete oder ob sie überhaupt heiratete. Ein Mann, der eine Frau zwang, ihm zu Willen zu sein, wurde hingerichtet. Eine Pflicht der Frau, sich ihm hinzugeben, existierte nicht. Und niemand hielt eine Frau für unmoralisch, wenn sie sich einen Liebhaber nahm. Oder mehrere. Oder unverheiratet ein Kind zur Welt brachte.«
Sybilla sah ihn ungläubig an. »Ich gebe zu, dass ich mir eine solche zügellose – Freiheit kaum vorstellen kann.«
»Und doch hat sie in diesem Land existiert und gibt es sie noch in vielen anderen Ländern auf dieser Welt. Als damals die Römer in unser Land einfielen und es unterwarfen, zwangen sie uns auch ihre Sitten auf. Einige waren gut, andere waren schlecht. Zu den schlechten gehörte, dass sie den Frauen ihre Rechte genommen haben.« Gwynal legte seine Hand über Lady Sybillas. »Ich prophezeie Euch, Sybilla, dass der Tag kommen wird, an dem die Frauen sich ihre Rechte zurückholen und wieder Kriegerinnen sein werden wie sie es schon einmal waren, Herrscherinnen, unverheiratete Mütter und den Männern ebenbürtig.«
»Warum sagt Ihr mir das, My Lord?«
»Damit Ihr etwas begreift, Sybilla. Wir müssen uns zwar der Kultur anpassen, in der wir leben – aber nur nach außen hin. In unserem eigenen Haus können und sollten wir tun, was wir für richtig halten. Natürlich nur, sofern wir damit niemandem Schaden zufügen. Würden wir jemandem schaden, wenn wir zusammen im selben Bett schlafen? Nein. Würdet Ihr Eure Würde oder gar Eure Ehre verlieren, wenn wir miteinander die Freuden der Liebe teilen?« Er schüttelte den Kopf. »Ganz sicher nicht. Denn diese Freude wurde uns von den Göttern geschenkt. Wäre sie verwerflich oder unmoralisch, könnten wir sie gar nicht empfinden.«
Er sah ihr in die Augen. »Was ich damit sagen will, Sybilla, ist dies: Soweit es mich betrifft, seid Ihr vollkommen frei. Ich werde nach außen hin Euren Gatten spielen und Euch helfen, einen Geheimbund von Wächtern aufzubauen, der dasselbe Ziel verfolgt wie die Wächter meiner Art. Aber Ihr seid mir keine Rechenschaft schuldig, und ich werde Euch ganz gewiss niemals zu irgendetwas zwingen. Und selbstverständlich könnt Ihr jederzeit gehen. Das Einzige, was ich diesbezüglich verlange – erwarte, ist, dass Ihr Euch von mir verabschiedet und nicht einfach ohne Abschied verschwindet. Schließlich muss ich Euch in dem Fall doch noch ein angemessenes Reisegeld mit auf den Weg geben.«
Lady Sybilla lächelte. »Ihr seid ein guter Mann, Gwynal, und ich danke Euch von Herzen.« Sie ergriff seine kühlen Hände und drückte sie fest.
Eine Weile schwiegen sie beide und fühlten sich zufrieden mit dem getroffenen Arrangement. Schließlich seufzte Lady Sybilla und blickte auf ihre Tasche, in der sie die Manuskriptseiten versteckt hatte.
»Diese Schriften dürfen nie wieder in die Hände von Menschen wie meinem Bruder gelangen.« Sie sah Gwynal an. »Wisst Ihr eine Möglichkeit, wie wir das verhindern können?«
Der Vampir nickte. »Ich kenne in der Gegend von Ard Mhacha3 einen Zauberschmied. Der wird uns einen Behälter anfertigen, in dem die Schriften sicher sind. Und wir werden auch die restlichen Kapitel dieser unheiligen Schrift finden und dem Zugriff der Menschen entziehen.« Er strich Sybilla sanft über die Wange. »Was Euch und Eure Zauberkunst betrifft, so kenne ich eine Druidin, die Euch helfen kann, Eure magischen Kräfte bis zur Vollendung zu entfalten.«
Lady Sybilla weinte fast vor Erleichterung. »Ich bin so glücklich, dass Ihr meine Magie – und mich – nicht fürchtet, Gwynal.«
Er lächelte. »Wie sollte ich? Ich habe Merlin gekannt und bin einer Menge anderer Zauberleute begegnet, die wahrhaft große Macht besaßen. Nein, Sybilla, ich fürchte Euch nicht.« Er stand auf. »Gehen wir also ans Werk und scharen wir die Leute um uns, die mit uns im Verborgenen über das Wohl der Menschheit wachen werden.«
Wenig später lag Sybilla an der Seite des Vampirs im Bett und fühlte sich in seinen Armen geborgen, die er schützend um sie gelegt hatte. Ihr letzter Gedanke, bevor sie einschlief, war die Hoffnung, dass ihr Leben sich jetzt vielleicht doch zum Guten wenden könnte.

Cleveland, September 2010
Sam Tyler nahm den Telefonhörer in die Hand, kaum dass das erste Klingeln verklungen war. »Hallo Della«, begrüßte sie die Anruferin, ohne einen Blick auf das Display zu werfen. »Wie geht es dir und Jonathan?«
Natürlich wusste Sam auch, weshalb ihre Beinahe-Schwiegermutter sie anrief. Ihr Mann Jonathan hatte am 23. Oktober Geburtstag, und die Eheleute Parker hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, Sam jedes Mal vier Wochen vorher daran zu erinnern, damit sie sich den Tag der Feier freihielt. Die Parkers waren die Eltern von Sams früherem Verlobtem Scott, der vor anderthalb Jahren von einem Dämon umgebracht worden war – vier Wochen vor ihrer geplanten Hochzeit. Doch Della und Jonathan hatten Sam trotzdem emotional adoptiert und betrachteten sie mehr als Tochter denn als Schwiegertochter. Genau genommen projizierten sie ihre Liebe für Scott auf Sam, weshalb ihnen deren Wohlergehen sehr am Herzen lag und sie sie oft zu Familientreffen oder auch einfach mal zwischendurch einluden, um dieses Band zu festigen.
»Uns geht es soweit ganz gut, Sam«, antwortete Della ihr. »Ich wollte dich an Jonathans Geburtstag erinnern. Der fällt in diesem Jahr auf einen Samstag, weshalb wir ihn auch an dem Tag feiern. Kannst du ihn dir freihalten?«
»Natürlich, Della.« Sam hatte den Tag bereits in ihrem Terminkalender als für die Parkers besetzt eingetragen. »Ich kann nur nicht versprechen, dass nicht irgendein Notfall mein Kommen verhindert. Aber ich werde mir die größte Mühe geben, das zu vermeiden.«
»Das genügt uns schon, Sam. Falls tatsächlich etwas dazwischenkommen sollte, feiern wir mit dir nach.« Della machte eine kurze Pause. »Verzeih mir bitte meine unangemessene Neugier, aber gibt es wieder jemandem in deinem Leben? Einen – Freund?«
Sam warf Nick Roscoe einen Seitenblick zu. Der Werwolf saß an dem zweiten Schreibtisch in ihrem Büro und tippte gerade den Abschluss seines letzten Falls in den Computer. Jetzt sah er auf und zwinkerte ihr lächelnd zu. Seit er vor drei Monaten zu ihr zurückgekommen war, hatte er sich nahtlos in ihr Leben eingefügt. Er wohnte bei ihr, arbeitete an eigenen Fällen in der Detektei und plante, auf Dauer zu bleiben.
Nachdem sich bei ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr spontan ein Seelenbund zwischen ihnen gebildet hatte, fühlte er sich nicht nur deshalb dazu verpflichtet, mit Sam zu leben, weil der ihm buchstäblich heilig war. Er liebte Sam, auch wenn er das bisher mit keinem Wort geäußert hatte. Jedoch war er in den letzten drei Wochen zunehmend unruhig und rastlos, beinahe schon unzufrieden. Sam spürte mit ihren Sukkubus-Sinnen deutlich, dass das nicht nur daran lag, dass er während der vergangenen Jahrzehnte ruhelos durchs Land gewandert war; zunächst mit seiner Frau und seinen Söhnen auf der Flucht vor seinem Bruder und seinem Rudel, von dem er sich losgesagt hatte, weil er deren finstere Taten nicht länger mitmachen wollte. Später, nachdem sein Bruder Nicks Familie getötet hatte, auf einem Rachefeldzug, der erst vor einem Jahr in Cleveland mit der restlosen Vernichtung des Schwarzen Rudels endete.
Danach war er wieder gegangen, um mit sich ins Reine zu kommen. Sam hatte trotz ihres Seelenbundes nicht damit gerechnet, dass er zurückkehren würde und sich damit abgefunden, ohne ihn leben zu müssen. Doch Nick war zurückgekommen und geblieben. Und Sam fühlte sich seitdem so glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben.
»Ja, Della, da gibt es jemanden.«
»Ach wie schön! Ist es etwas Ernstes?«
»Sehr ernst«, bestätigte Sam.
»Dann wollen wir ihn unbedingt kennenlernen! Habt ihr morgen Zeit, zum Mittagessen zu kommen?«
Sam warf Nick einen fragenden Blick zu, dessen scharfes Wolfsgehör jedes von Dellas Worten verstand, obwohl er zwei Meter von Sam entfernt saß. Der Werwolf nickte.
»Ja, wir kommen gern. Und danke für die Einladung.«
»Prima. Bis morgen um ein Uhr, Sam. Wir freuen uns schon auf euch!«
Della beendete das Gespräch, und Sam legte grinsend den Hörer auf. »Das musste ja so kommen.« Sie blickte Nick fragend an. »Ich hoffe, das ist okay für dich. Die Parkers haben mich vom ersten Moment an in ihre Herzen geschlossen und in ihre Familie aufgenommen, ob ich wollte oder nicht. Für sie bin ich eine zweite Tochter, weshalb ihnen mein Wohlergehen am Herzen liegt.«
»Und ihres dir an deinem«, ergänzte Nick. »Das ist etwas Gutes, Sam. Und ja, es ist vollkommen okay, dass ich mich ihnen vorstelle und ihnen demonstriere, dass ich nicht der böse Wolf bin, der dich fressen will.« Er grinste.
Sam grinste ebenfalls. »Nein, du bist der nette Wolf, der mich jeden Tag höchst virtuos vernascht. Und ich kann das heutige Vernaschen kaum noch erwarten.«
Bevor Nick dazu kam, darauf zu antworten, wurden sie von einem Räuspern unterbrochen. Graham Winger, Defensor und Mönch des Ordens der Pugnatores Lucis, stand an der Tür. Seit er vor drei Monaten von den Höchsten Mächten durch einen ihrer Engel dazu verdonnert worden war, Sam zu dienen, fungierte er als ihr Assistent, ein Arrangement, das beide nicht sonderlich gefiel. Immerhin hatte er versucht, Sam zu töten, was ihm beinahe auch gelungen wäre. Doch sowohl Sam wie auch die Götter sahen darin die einzige Möglichkeit, dem durch einen Spinnendämon schwerst traumatisierten Mönch beizubringen, dass Sam – und auch Nick – nicht zu den Geschöpfen gehörten, die er seinem Gelübde gemäß zu vernichten hatte. Bisher zeigte die Maßnahme nur bedingten Erfolg und Graham verabscheute Sam immer noch. Mit Nick kam er erstaunlicherweise besser zurecht und respektierte ihn zumindest.
»Was gibt es, Graham?«
»Ich habe da was gefunden, das ihr euch ansehen solltet.«
Sam und Nick folgten dem Mönch in das Vorzimmer, wo Graham gegenüber dem Platz der Sekretärin Molly Spring seinen Schreibtisch hatte. Graham drehte den Bildschirm seines Computers zu ihnen herum und deutete auf das Diagramm, das er darauf geladen hatte.
Sam hatte ihn zu ihrem Assistenten ernannt und zahlte ihm ein entsprechendes Gehalt, womit der Mönch nicht gerechnet hatte. Außerdem ließ sie ihn, wenn sie nicht zusammen mit ihm für einen Fall unterwegs war, Büroarbeit erledigen. Da es diesbezüglich kaum etwas für ihn zu tun gab, weil Molly für diese Dinge zuständig war, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, im Internet nach ungewöhnlichen Vorkommnissen zu recherchieren, die zu seinem Arbeitsbereich als Defensor gehörten. Auch wenn er gegenwärtig von allen seinen diesbezüglichen Pflichten und sämtlichen Ordensgelübden entbunden war, hielt er sie dennoch ein, soweit er konnte.
Sam wusste längst, dass seine auf diese Weise ausgegrabenen »Arbeitsangebote« an sie sein Versuch waren, sie und auch Nick auf den in seinen Augen »richtigen Pfad« zu bringen. Noch immer war er weitgehend blind für die Tatsache, dass sie sich schon lange auf eben diesem befanden. Und es hatte nicht den Anschein, als würde sich das in absehbarer Zeit ändern.
Diesmal hatte Graham eine Reihe von Friedhofsschändungen in und um Cleveland entdeckt, die alle während der letzten drei Wochen stattgefunden hatten. Frische Gräber waren zerstört worden und die Leichen aus den Särgen spurlos verschwunden. Es gab bereits sechs solcher Vorfälle.
»Scheint so, als treibt da eine Gruppe von Satanisten oder Leichenfetischisten ihr Unwesen«, vermutete der Mönch. »Ich weiß zwar, dass das nicht in euer Metier fällt, aber vielleicht könnten wir dennoch was dagegen tun.«
»Mit Sicherheit«, war Nick überzeugt. »Ich brauche nur vor Ort die Witterung der Täter aufzunehmen, dann kann ich sie aufspüren. Danach genügt ein anonymer Anruf bei der Polizei, und der Spuk hat ein Ende. Bosche moi, manche Leute haben nicht den geringsten Respekt vor den Toten.« Er knurrte wütend.
Sam starrte immer noch auf die Punkte, die die Friedhöfe markierten, die geschändet worden waren. »Ruf mal die Reihenfolge der Taten auf, Graham.«
Der Mönch gehorchte.
Sam zog die Augenbrauen hoch, als sie das Ergebnis sah. »Wie es aussieht, ist das doch unsere Angelegenheit. Zumindest meine.« Sie nahm ein Blatt Papier, legte es auf den Bildschirm und verband die sechs Punkte in ihrer zeitlichen Reihenfolge mit einander. »Für euch sieht das sicherlich wie nichts anderes aus als Striche kreuz und quer, aber das ist eine unvollständige Glyphe. Das vollständige Zeichen«, sie vollendete es, »ergibt das Sigill eines Ghoul-Clans. Ganz offensichtlich plant der, Cleveland zu seinem dauerhaften Revier zu machen.«
Sie studiertre das Sigill noch einmal und zoomte die Karte heran, über die Graham das Diagramm gelegt hatte. Sie deutete auf einen Friedhof.
»Hier schlagen sie als nächstes zu, wenn sie ihr Sigill planmäßig vervollständigen. Sobald es komplett ist, haben sie damit für alle anderen Clans dieses Gebiet als ihres markiert. Die Suppe werde ich ihnen versalzen. Diesen Friedhof werden sie garantiert nicht schänden.« Das klang ausgesprochen grimmig. Sie überprüfte Grahams Daten. »Alle Vorfälle ereigneten sich im Abstand von drei Tagen, vielmehr Nächten. Der letzte fand vorgestern statt. Das heißt, heute Nacht schlagen sie wieder zu. Aber danach nie wieder«, schwor Sam wütend. »Und alle anderen Clans werden sich ebenfalls von Cleveland fernhalten, wenn ich mit dem hier fertig bin.«
Graham fragte sich, warum die Dämonin so wütend darüber war, dass ein Ghoul-Clan Cleveland zu seinem Domizil machen wollte. Natürlich freute ihn das, aber es war ungewöhnlich.
»Nimm’s nicht persönlich, Sam«, riet Nick.
»Das tue ich aber. Denn ich wette mit euch, dass die sich nur deshalb hier ein Territorium sichern wollen, um sich bei der unfreiwilligen Königin der Unterwelt – mir – einzuschmeicheln.« Sie hieb mit der Faust auf den Tisch, dass es krachte. »Bereite dich auf eine Nachtschicht vor, Graham. Wahrscheinlich schlagen sie kurz nach Mitternacht zu. Wir werden zur Stelle sein.«
Sie ging in ihr Büro zurück und knallte beinahe die Tür zu. Graham warf einen Blick auf die Friedhofsadresse: Lake View Cemetary, Euclid Avenue.
»Ist an diesem Friedhof irgendwas Besonderes?«, fragte er Nick, der Sam mitfühlend nachsah.
»Dort wurde Sams Verlobter beigesetzt.«
Nick ging zu ihr und schloss die Tür. Dennoch konnte Graham durch das Glas sehen, dass er sie in die Arme nahm und etwas zu ihr sagte, das sie wieder beruhigte, ehe er ihr einen sanften Kuss gab.
Sams Verlobter. Graham konnte kaum glauben, dass die Dämonin tatsächlich mal mit einem Menschen verlobt gewesen sein und ernsthaft daran gedacht haben könnte, ihn zu heiraten. Aber würde sie so ... emotional reagieren, wenn der Mann ihr gleichgültig gewesen wäre? Wieder einmal war er versucht, Sam zu unterstellen, dass sie das nur als Show für ihn inszenierte. Tief in seinem Innern wusste er jedoch, dass dem nicht so war. Der Tote hatte ihr etwas bedeutet. Seltsam.

Graham zog seine webpelzgefütterte Jacke enger um sich. Ihn fröstelte. Zwar war der September tagsüber noch sonnig und warm, die Nächte dagegen waren schon empfindlich kalt. Er hockte mit Sam in einem Gebüsch nahe einem frischen Grab, in dem erst heute Morgen jemand beerdigt worden war. Sam hielt dieses Grab aufgrund seiner Lage für das wahrscheinlichste Ziel der Ghouls. Es gab noch ein zweites, etwa hundert Yards entfernt, in dessen Nähe Nick sich versteckt hielt. In ein paar Minuten war es Mitternacht. Falls Sam recht behielt, konnten die Ghouls jeden Moment auftauchen.
Die Dämonin betrachtete schon eine ganze Weile nachdenklich das Meer aus Kränzen und Blumen auf dem Grab.
»Warum legen Menschen Blumen auf Gräber?«, fragte sie schließlich flüsternd. »Der Tote sieht sie nicht, und sie verwelken in kurzer Zeit. Was also ist der Sinn?«
»Wir demonstrieren damit unsere Verbundenheit mit dem Verstorbenen. Dass er uns was bedeutet hat und wir ihn nicht vergessen. Gerade die Vergänglichkeit der Blumen erinnert uns dabei an unsere eigene Vergänglichkeit.« Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Die du ja wohl nicht kennst.«
»Von Natur aus schon. Sukkubi und Inkubi werden normalerweise zwischen sechshundert und achthundert Jahre alt. Diese Zeit können wir aber mit einem permanenten Regenerationszauber endlos verlängern. Was allerdings die Wenigsten tun, weshalb es nicht mehr allzu viele von uns gibt.«
»Du hast diesen Zauber sicherlich schon längst angewendet.« Ungewollt klang seine Stimme höhnisch.
»Bis jetzt nicht. Ich bin erst hundertzwanzig. Da ist das noch lange nicht erforderlich. Aber ich denke, dass ich es eines Tages tun werde. Wegen Nick. Falls wir tatsächlich dauerhaft zusammenbleiben – wie es bis jetzt aussieht – will ich ihm nicht zumuten, noch mal eine Frau zu verlieren, die er liebt.« Sie sah Graham in die Augen. »Angst vor dem Tod ist etwas Menschliches, das uns Dämonen fremd ist.«
Graham kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten, denn Sam spannte sich an.
»Sie sind hier.«
Jetzt bemerkte auch Graham mit seinen geschärften Defensor-Sinnen, dass sich dämonische Wesen in der Nähe aufhielten. Sie tauchten völlig lautlos auf. Ein paar Schritte von dem Grab entfernt erschienen Gestalten, die jedem Menschen, der nichts von der Existenz solcher Wesen wusste, das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen. Oder er hätte an seinem Verstand gezweifelt. Ein menschenähnlicher, magerer Körper, auf dem ein hässlicher Schädel mit langen verfilzten, grünlichen Haaren saß, lief in Eselsbeinen aus, die zielsicher zum Grab staksten. Glühende schwarze Augen dominierten das Gesicht, und ein kräftiges, raubtierartiges Gebiss zeigte sich unter dünnen Lippen, zwischen denen bei jedem Atemzug ein fauliger Gestank entwich.
Graham zog seine mit Silberkugeln geladene Glock-19.
»Die brauchst du nicht«, wisperte Sam.
Sie stand auf und trat den Ghouls furchtlos entgegen. Dass die zu elft und ihr damit überlegen waren, störte sie nicht im geringsten. Die Dämonen blieben irritiert stehen. Einige duckten sich wie zu einem Angriff. Hinter ihnen ertönte ein wütendes Knurren, wo Nick in seiner Wolfsgestalt aufgetaucht war. Bevor es zu einem Kampf kommen konnte, machte Sam eine gebieterische Geste.
»Ihr habt hier nichts zu suchen. Verschwindet und kehrt niemals in diese Stadt zurück.«
Die Ghouls bewegten sich unruhig und blickten Sam lauernd an.
»Wir wollen die Ersten hier sein«, sagte ihr Anführer schließlich.
Sam ließ sich auf keine Diskussion mit ihnen ein. »Ihr seid gar nichts mehr.«
Sie sprach ein Wort der Macht, und die Ghouls vergingen in Flammenbällen, die nichts als fürchterlich stinkende Haufen zurückließen. Mit einer scheuchenden Handbewegung ließ sie die verschwinden. Sekunden später lag der Friedhof so ruhig und verlassen da wie vorher.
»Ich habe ihre Überreste buchstäblich in die Hölle befördert zu ihresgleichen«, erklärte sie Graham. »Mit einem magischen Gruß von mir des Inhalts, dass jedem Ghoul dasselbe blüht, der sich hier in Cleveland blicken lässt. Für mindestens die nächsten hundert Jahre wird das keiner mehr wagen.« Sie seufzte zufrieden. »Ich wünschte nur, alle derartigen Probleme ließen sich so leicht lösen.«
Sie legte einen Arm um Nick, der jetzt splitternackt in seiner menschlichen Gestalt zu ihr trat. Sam holte seine Kleidung, die er bei seinem Versteck abgelegt hatte, mit einem Bringzauber zu sich und reichte sie ihm.
»Wenn du willst, kann ich dich mit einem dauerhaften Zauber belegen, der bewirkt, dass deine Kleidung sich mit dir verwandelt, wenn du Wolf wirst. Dann musst du sie nicht jedes Mal vorher aus- und hinterher wieder anziehen.«
»Kein schlechter Gedanke«, fand der Werwolf nach einer Weile des Nachdenkens. »Wäre mir recht.«
Sam wirkte den Zauber und legte wieder den Arm um Nick. Er legte seinen um ihre Schultern und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe. Sie gingen zum Hauptzugang des Friedhofs, vor dem sie Sams Jeep Cherokee geparkt hatten. Die Dämonin blieb plötzlich stehen und blickte Graham an.
»Das mit den Blumen. Verbundenheit, sagtest du?«
Der Mönch nickte.
Sam löste sich von Nick und ging zu einem Grab, das ein paar Yards abseits des Hauptweges lag. In ihrer Hand hielt sie unvermittelt einen riesigen Strauß Rosen, die so intensiv dufteten, dass Graham sie sogar aus der Entfernung noch riechen konnte. Sie legte sie auf die Grabplatte. Neugierig reckte er den Hals und hätte zu gern den Namen auf dem Grab gelesen. In der Dunkelheit konnte er jedoch nichts erkennen, und er wollte keinesfalls mit der Taschenlampe hinleuchten und damit unziemlich neugierig erscheinen.
Er zuckte zurück, als unvermittelt eine silbrig leuchtende Gestalt über dem Grab erschien, die eindeutig das Abbild eines blonden Mannes darstellte. Graham kannte dessen Gesicht von einem Foto, das er im Wohnzimmer von Sams Haus gesehen hatte. Das musste Sams verstorbener Verlobter sein.
»Hallo Sam.« Nicht nur der Mönch, auch Nick sah und hörte den Geist, wie sein scharfes Einatmen bewies.
»Scott!« Sie streckte ihm eine Hand entgegen, und er berührte sie mit seinen geisterhaften Fingern.
Für eine Weile standen beide schweigend, ehe der Geist Sam mit einem wohlwollenden Lächeln bedachte und einen Blick auf Nick warf.
»Wie ich sehe, hast du dich wieder gefangen und meinen Tod überwunden. Das ist schön.« Er winkte Nick heran, der zögernd neben Sam trat. Eine Weile blickte Scott ihm in die Augen. »Sie braucht dich, Nikolai Rassimov. Lass sie nicht im Stich.«
»Niemals«, versicherte der Werwolf nachdrücklich und legte wieder einen Arm um Sam.
Scott wandte sich ihr zu. »Die Zeit der Großen Entscheidung ist nahe. Du wirst bald eine schwerwiegende Wahl treffen müssen, Sam. Wenn es so weit ist, bedenke, dass es nicht nur zwei Möglichkeiten gibt, sondern noch eine dritte. Vertraue auf deine menschlichen Gefühle, dann wirst du das Richtige wählen. Denn von deiner Wahl hängt auch ab, ob ihr beide eine gemeinsame Zukunft habt. Was ich euch von Herzen wünsche. Zwischen euch hat sich nicht ohne Grund ein Seelenbund entwickelt. Gemeinsam könnt ihr Großes vollbringen.«
»Typisch Anwalt«, beschwerte sich Sam. »Statt um den heißen Brei herumzureden, solltest du lieber konkret sagen, was Sache ist.«
»Das darf ich leider nicht. Sonst würde ich es tun, glaub mir. Dafür sage ich ganz konkret: Ihr habt meinen Segen für eure Verbindung, denn ihr beide habt einander im positivsten Sinn verdient.«
Er lächelte ihnen zu und verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Sam seufzte tief und lehnte sich an Nick, der sie fest an sich drückte und ihr einen zärtlichen Kuss gab. Schließlich kehrten sie zu Graham zurück und machten sich auf den Heimweg.
Der Mönch schwieg während der gesamten Fahrt. Er hatte wieder einmal bezüglich Sams eine Menge zu überdenken.
Auch Sam war nachdenklich. Sie fühlte sich unerwartet erleichtert, dass Scott ihre Verbindung mit Nick guthieß und erkannte, dass sie unbewusst bisher ein leises Gefühl von Verrat Scott gegenüber gehabt hatte, weil sie mit Nick glücklich war. Glücklicher als mit Scott, wie sie zugeben musste, weil sie beide trotz aller Gegensätze sehr viel besser zueinander passten.
Sehr viel mehr zu denken gaben ihr aber Scotts kryptische Worte, dass sie für die Große Entscheidung eine Wahl treffen musste. Was für eine? Und warum hing offensichtlich ausgerechnet von ihr etwas Wichtiges ab, das dieses Ereignis beeinflusste?
Vertraue auf deine menschlichen Gefühle, dann wirst du das Richtige wählen.
Toller Rat. Doch um auf ihre menschlichen Gefühle vertrauen zu können, hätte sie sie überhaupt erst mal verstehen müssen. Und davon war sie immer noch weit entfernt.

Denver, Colorado
Victor Freeman betrat den Keller des Lotos Instituts. Unter den Arm hatte er einen dicken Folianten aus der Bibliothek geklemmt, den er dort gerade abgeholt hatte. Der Keller war um diese Zeit menschen- und anderswesenleer. Schließlich hatte normalerweise mitten in der Nacht niemand hier etwas zu suchen. Zwar befanden sich hier die privaten Arbeitsräume einiger magisch begabter Institutsbewohner sowie die Experimentier- und Unterrichtsräume für die magischen Fähigkeiten der Schüler des dem Institut angeschlossenen Internats. Die lagen jedoch fast alle in ihren Betten und schliefen. Die noch wach waren, hatten keinen Grund, nachts in den Keller zu gehen.
Den hatte Freeman eigentlich auch nicht. Doch morgen flog er in den Urlaub. Deshalb wollte er noch einmal den riesigen Tresor des Instituts überprüfen, der hier unten dreifach gesichert all die Dinge unter Verschluss hielt, die besser nicht in der Welt sein sollten. Erst recht nicht in den Händen von Menschen. Eine Trommel, in die die rachsüchtige Seele einer Hexe gebannt war, gehörte ebenso wie ein Tarotdeck, durch das Dämonen beschworen werden konnten, zu den noch relativ harmlosen Dingen. Der Armageddon-Dolch, dessen Magie alles im Umkreis von tausend Meilen vernichtete, wenn sie freigesetzt wurde, war dagegen weniger harmlos. Und von seinem Kaliber gab noch ein paar andere Gegenstände hier.
Deshalb galten strengste Sicherheitsvorkehrungen. Ein von Axaryn dem Bronzenen – Erzdämon und Wächter – zusammen mit Lady Sybilla Oliphant, der Chefin der Truppe, gewirkter Zauber verhinderte, dass jemand, der kein Wächter war, dem Tresor auch nur nahe kam. Das Schloss war ein hochmodernes elektronisches und magisches Sicherheitssystem, das nur Wächtern Zugang gewährte, die sich mit Fingerabdruck, Augenscan und einem individuellen Zahlencode ausweisen konnten. Außerdem erfasste das magische Schloss ihre unverwechselbare Aura, die niemand kopieren konnte.
Dasselbe System gab es noch einmal an jedem der im Tresor angebrachten Einzeltresore, bei denen jeder Wächter sich mit dem Abdruck eines anderen Fingers und eines anderen Zahlencodes legitimieren musste. Außerdem besaßen nur fünf Personen Zugang zu den wirklich gefährlichen Artefakten: Lady Sybilla, Axaryn, Vesgyn, Erzpriester von Atlantis, Lady Sybillas Stellvertreterin Melissa MacDermid und Sulie Whitesnake, eine Uktena4 und mächtige Zauberin. Selbst diese fünf konnten einen der mit zusätzlichen Schutzzaubern versehenen Tresore der höchsten Gefahrenklasse nur zu zweit öffnen. Und natürlich war auch das Innere des Tresorraums mit den stärksten Schutzzaubern versehen, die diese fünf zustande gebracht hatten.
Selbstverständlich gab es überall Überwachungskameras. Die zeichneten zwar alles auf, was sich im Gang vor dem Tresor und in ihm tat; aber diese Aufzeichnungen wurden nicht ständig überprüft, sondern nur wenn ein Alarm ausgelöst wurde. Die Wächter verließen sich darauf, dass eine nicht autorisierte Person, die sich Zutritt zu verschaffen versuchte, entweder von den Schutzzaubern oder den profanen Schlössern aufgehalten wurde.
Nein, ein Unbefugter konnte unmöglich in den Tresor eindringen. Trotzdem hatte jeder der im Lotos Institut wohnenden und arbeitenden Wächter reihum die Pflicht, den Tresor regelmäßig zu kontrollieren. In dieser Woche war das Victor Freemans Dienst. Da sein Flugzeug in wenigen Stunden von Denver abflog und er in einer Stunde das Institut verließ, gab ihm das einen hervorragenden Grund für einen letzten Kontrollgang; falls ihm jemand begegnet wäre, der ihn hätte fragen können, was er mitten in der Nacht hier zu suchen hatte.
Denn Victor Freemans Absicht galt keineswegs dem Schutz der Artefakte oder der Sicherheit des Instituts.
Der unsichtbare Schutzschild an der Ecke des Ganges, der zum Tresorraum führte und der jeden Unbefugten schmerzhaft zurückgestoßen hätte, ließ den Wächter problemlos passieren. Freeman öffnete die Außentür und trat in die Schleuse. Die Innentür konnte erst geöffnet werden, wenn die Außentür geschlossen war. Er tippte auch hier seinen Code ein und identifizierte sich mit Fingerabdruck und Augenscan. Die Innentür glitt zur Seite und gab den Weg ins Tresorinnere frei.
Die elektronischen Schlösser der Tresorboxen zeigten durch ein Lämpchen an, ob der betreffende Tresor belegt war. Eine auf einem Klemmbrett befestigte Liste gab Auskunft, welche Gegenstände sich in welcher Box befanden. Freeman nahm die Liste und überprüfte für die nächsten zwanzig Minuten, ob die Boxen, die belegt sein sollten, auch tatsächlich belegt waren. Bei denen mit der hohen Gefahrenstufe kontrollierte er nur, ob die Lämpchen leuchteten. Bei den anderen machte er Stichproben.
Sein Betreten des Tresors war automatisch in der Sicherheitszentrale gemeldet worden. Die dortige Nachtwache hatte augenblicklich überprüft, wer den Tresor betreten hatte. Falls es demjenigen komisch vorgekommen wäre, dass Freeman seine Kontrolle um diese ungewöhnliche Zeit durchführte und er gekommen wäre, um nachzufragen, dann wäre er in zehn, spätestens fünfzehn Minuten hier gewesen. Als nach zwanzig Minuten immer noch niemand kam, konnte er davon ausgehen, dass die Luft auch rein bleiben würde.
Freeman öffnete eine weitere Box, die laut Liste ein zwölfteiliges Manuskript enthielt. Er stellte sich so davor, dass er der Kamera den Rücken zukehrte und legte, als er den Inhalt kontrollierte, wie bei den anderen auch, den Folianten auf der Schublade der Box ab. Während er seine Arme so an den Körper gedrückt hielt, dass einem etwaigen Beobachter nicht auffiel, was er in Wirklichkeit tat, zog er einen Schober aus dem Folianten, legte das Manuskript hinein und steckte den Schober in den Folianten zurück. In der Box ließ er nur die Schutzhülle. Die reichte aus, um die Box nach wie vor als belegt anzuzeigen.
Der Plan war perfekt. Die einzige Schwierigkeit bestand jetzt darin, das Manuskript aus dem Institut zu bringen, ohne dabei erwischt zu werden. Freeman hatte den nachgebauten Folianten, der äußerlich tatsächlich einem der dortigen Bücher aufs Haar glich, schon vor Tagen in der Bibliothek versteckt, sodass er das »Buch« heute ganz offen holen konnte. Niemand hatte nachgefragt, warum er den Tresor in der Nacht kontrollierte, und niemand begegnete ihm, als er zehn Minuten später den Tresorraum verließ und in sein Appartement zurückkehrte. Er verstaute den Schober in seiner bereits gepackten Reisetasche, rief ein Taxi und ging gleich darauf zum Ausgang.
»Victor!«
Freeman zuckte zusammen und ließ beinahe seine Tasche fallen. Er drehte sich um und lächelte gezwungen. »Dr. Jacobs, Sie haben mich erschreckt. Ich bin in Gedanken schon in der Karibik, und Sie holen mich emotional wieder ins Institut zurück. Ich hoffe nicht, ich muss tatsächlich hierbleiben?« Das würde alles zunichte machen.
Robert Jacobs lächelte beruhigend. »Nein, nein. Ich wollte Sie nur persönlich verabschieden und mich vergewissern, dass es Ihnen wirklich den Umständen entsprechend gut genug für diese Reise geht. Immerhin hatten Sie die ursprünglich mit Livia unternehmen wollen.«
Ja, Livia hätte dabei sein sollen. Aber sie war tot. Umgebracht von dem Seelenfresser, den zu vernichten sie und zwei weitere Wächter ausgeschickt worden waren. Freeman schloss für einen Moment die Augen und kämpften den Schmerz nieder, der ihn bei der Erinnerung überfiel.
Er war nur um Livias Willen ein Wächter geworden, weil für sie, die geborene Hexe, diese Berufung stets oberste Priorität im Leben hatte. Und nun hatte eben die sie das Leben gekostet. Zwar war das acht Monate her, aber Freemans ohnehin nur moderate Begeisterung für seinen Job als Wächter war mit ihr gestorben und bis jetzt nicht mehr auferstanden.
Als er Livia Salazar kennengelernt hatte, war ihm die Existenz von echter Magie und Anderswesen wie Vampiren und Werwölfen völlig fremd gewesen. Er hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass sie real waren. Noch länger hatte er gebraucht zu akzeptieren, dass die Frau, die er liebte, eine Hexe war und tagtäglich ihr Leben riskierte, um als Wächterin – magische Polizistin – die Welt der Menschen zu einem sichereren Ort zu machen.
Doch die Liebe siegte am Ende. Freeman hatte, um Livia nahe zu sein, seinen lukrativen Job als Physiker einer staatlichen Forschungsanstalt aufgegeben, um einen etwas weniger lukrativen Job am Lotos Institut anzunehmen. Ihr Idealismus hatte ihn schließlich angesteckt, und er war ebenfalls Wächter geworden. Da er über keinerlei magische Fähigkeiten verfügte, sondern nur ein ganz normaler Mensch war, wurde er im Gegensatz zu Livia nur selten im Außendienst eingesetzt.
Freeman konnte die Stunden und Tage nicht mehr zählen, die er in Angst um ihr Leben verbracht hatte, immer damit rechnend, dass eines Tages Lady Sybilla zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau als Soldatin für das Licht im Kampf gegen ein Geschöpf der Finsternis gefallen war. Das hatte seine Beziehung zu Livia zunehmend belastet. Zwar hatten sie manche diesbezügliche Krise gemeistert, aber es war dennoch abzusehen gewesen, wann Freeman diese Belastung nicht mehr aushalten würde.
Livias Tod hatte das Ende auf grausame Weise vorweg genommen.
Natürlich kümmerten sich die Wächter um ihn. Mit Dr. Jacobs und Dr. Bryce Connlin verfügte das Lotos Institut über zwei hervorragende Psychiater, von denen jeder ein Team von fähigen Psychologen leitete, die sich auf die speziellen Bedürfnisse und Probleme von Wächtern sowie die der magisch begabten Schüler des Lotos Internats spezialisiert hatten. Dr. Jacobs hatte Freeman kompetent geholfen, Livias Verlust zu verkraften. Seinen Groll auf die Wächter hatte er jedoch nicht besänftigen können.
»Ich komme klar, Dr. Jacobs«, beantwortete er die Frage des Arztes. »Dieser Urlaub ist genau das, was ich brauche, um die Sache für mich emotional endgültig abzuschließen.« Er sah den Arzt fragend an. »Sind Sie etwa mitten in der Nacht aufgestanden, nur um mich zu verabschieden?«
»Allerdings. Das täte ich für jeden meiner Schützlinge.« Robert Jacobs reichte ihm eine Visitenkarte. »Hier haben Sie zur Erinnerung meine Telefonnummern. Rufen Sie mich an, bevor Ihre Seele zu sehr vor Schmerzen schreit, Victor. Versprechen Sie mir das.«
Freeman nahm die Karte und steckte sie ein. »Versprochen.« Er reichte dem Arzt die Hand und drückte sie fest. »Man sieht sich, Dr. Jacobs. Ich schreibe Ihnen und Ihrer Frau eine Postkarte.«
»Das wäre nett. Gute Reise, Victor. Und gute Rückkehr.«
Freeman nickte nur, nahm seine Tasche und verließ das Institut, vor dem das Taxi wartete, das ihn zum Flughafen brachte.
Er würde nie zurückkehren.

»Und das ist wirklich in Ordnung für dich?«, vergewisserte sich Sam, als sie ihren Wagen vor dem Haus von Della und Jonathan Parker abstellte.
»Absolut«, versicherte Nick. »Familie ist wichtig. Auch wenn es keine blutsverwandte Familie ist. Sie wollen mich kennenlernen, weil du ihnen wichtig bist. Also lasse ich gern ihre Musterung über mich ergehen.« Er lächelte spitzbübisch.
Sam grinste. »Sie wollen dich aber nicht nur mustern, sie wollen dir auch mit Hölle und Verdammnis drohen, für den Fall, dass du nicht gut zu ‚ihrer’ Sam sein solltest.«
Nick beugte sich zu ihr hinüber und gab ihr einen innigen Kuss. »Damit habe ich erst recht kein Problem, da ich vorhabe, immer gut zu meiner Sam zu sein.«
Sie lächelte liebevoll. »Dann wird dir sicherlich auch die Inquisition nichts ausmachen, der sie dich unterziehen werden.«
»Damit komme ich schon klar. Mach dir keine Sorgen.«
Sie stiegen aus und gingen zum Haus. Die Parkers waren nette Leute. Wenn Nick Gnade vor ihren Augen fand – woran Sam keine Sekunde zweifelte – würden sie ihn ebenso mit offenen Herzen in ihre Familie aufnehmen, wie sie das mit ihr getan hatten.
Nick hatte sich dem gewichtigen Anlass gemäß in Schale geworfen und trug – ungewöhnlich für ihn – einen dunkelblauen Anzug mit Krawatte, was ihm ungemein gut stand, wie Sam fand. Außerdem trug er ihn mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, als wäre das seine alltägliche Bekleidung. Was sie vielleicht auch irgendwann einmal gewesen war. Ihre Seelengefährtenschaft bedeutete nicht, dass sie gegenseitig ihre Gedanken lesen konnten. Es gab immer noch eine Menge Dinge, die sie voneinander nicht wussten, besonders auch, was ihre jeweilige Vergangenheit betraf. Die drei Monate, die sie inzwischen zusammenlebten, reichten bei weitem nicht aus, um jedes Detail ihrer Vergangenheit miteinander schon besprochen zu haben. Es gab deshalb naturgemäß noch viele Dinge, die sie aneinander erst entdecken mussten. Ganz abgesehen davon, dass es auch Bereiche gab, die den jeweils anderen trotz aller Zusammengehörigkeit nichts angingen.
Die Haustür wurde bereits geöffnet, noch ehe Sam und Nick sie erreicht hatten. Della Parker breitete lächelnd die Arme aus, um Sam darin einzuschließen. »Wie schön, dass ihr da seid!« Sie drückte Sam liebevoll an sich.
Sam erwiderte sie Umarmung. »Hallo Della. Hallo Jonathan.« Sie begrüßte Dellas Mann mit einem Handschlag. »Ich darf euch meinen Partner Nick Roscoe vorstellen. – Nick, das sind Della und Jonathan, meine Beinahe-Schwiegereltern.«
Nick verbeugte sich formvollendet, reichte Della die Hand und deutete einen Handkuss an. »Ich bin sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen, Ma’am. Sam hat mir schon viel von Ihnen erzählt.« Er reichte ihr den üppigen Blumenstrauß, den er mitgebracht hatte.
Della war gerührt, denn der Strauß war nicht nur wunderschön, er bestand auch aus weißen Calla, ihren Lieblingsblumen. »Vielen Dank, Nick! Das ist sehr aufmerksam von Ihnen.«
Nick gab auch Jonathan die Hand. »Sehr erfreut, Sir.« Er reichte ihm eine unterarmlange schmale Kiste. »Ich bedanke mich für die Einladung.«
Jonathan öffnete die Kiste und fand darin einen wahrhaft exquisiten – und teuren – Whiskey. »Das war doch nicht nötig, junger Mann! Aber vielen Dank! Kommt rein, Kinder. Das Essen wartet schon.«
Junger Mann. Nick und Sam schmunzelten über diese Bezeichnung. Schließlich konnte Jonathan nicht ahnen, dass Nick ein Werwolf und fast dreimal so alt war wie er und Della zusammen. Oder dass Sam eine Dämonin und ziemlich genau so alt war wie die beiden Menschen zusammen.
Das Essen verlief mit dem üblichen Plaudern über alle möglichen Dinge, und Nick punktete bei den Parkers mit exzellenten Manieren und der Aufmerksamkeit, mit der er nicht nur Sam, sondern auch Della bedachte. Als man sich später bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Whiskey ins Wohnzimmer setzte, folgte die »Inquisition«.
»Was machen Sie denn beruflich, Nick?«, wollte Jonathan wissen.
»Gegenwärtig arbeite ich mit Sam in ihrer Detektei zusammen, Sir.«
»Aber das ist doch sicher nicht der Beruf, den Sie mal erlernt haben?«
»Nein, Sir. Ursprünglich war ich Musiker. Familientradition.« Da Nick sein Leben als Mitglied einer Werwolf-Roma-Familie im Russland des 17. Jahrhunderts begonnen hatte, war das kein Wunder. »Später wurde ich Goldschmied. In den letzten Jahren habe ich allerdings ausschließlich als Wanderarbeiter auf dem Bau oder Erntehelfer quer durchs ganze Land gejobbt.«
»Das überrascht mich.« Jonathans Stimme klang misstrauisch, was Nick zu einem amüsierten Schmunzeln veranlasste. »Ich hätte gedacht, dass ein Goldschmied diesen wunderbaren Beruf nicht für ein rastloses und unterbezahltes Leben als Wanderarbeiter aufgibt.«
»Jonathan«, rügte Della und schenkte Nick ein entschuldigendes Lächeln. »Ich bin mir sicher, dass Nick einen gewichtigen Grund dafür hatte, der uns aber überhaupt nichts angeht.«
»Schon gut, Ma’am. Ich habe meine gesamte Familie verloren. Sie wurden von einem Lynchmob ermordet, der fälschlicherweise glaubte, wir hätten etwas mit dem Verschwinden eines kleinen Mädchens zu tun.«
Dabei hatte Nicks Vater das Kind nur gefunden – tot. Zerfleischt von einem sibirischen Tiger. Doch die Bewohner der umliegenden Dörfer, in deren Nähe die Werwölfe ein paar Wochen gelagert hatten, verdächtigten natürlich sofort »die Zigeuner«. Als sie dann auch noch herausfanden, dass es sich bei denen um keine gewöhnlichen Roma, sondern Werwölfe handelte, hatten sie sich zusammengerottet, ihre Sensen und Mistgabeln mit Silber überzogen und die Werwölfe verfolgt, die schon längst weitergezogen waren. Sie hatten das Waldstück umzingelt und an allen Ecken angezündet, in dem das Rudel lagerte. Da es Hochsommer gewesen war, brannten das trockene Gras und die Bäume wie Zunder. Wer durchzubrechen versuchte, wurde mit den silberbezogenen Sensen und Mistgabeln getötet. Nur dreizehn von ihnen waren entkommen und hatten anschließend an den Mördern grausame Rache genommen. Danach hatte ihr Hass auf die Menschen die Überlebenden zu dem Schwarzen Rudel werden lassen, dessen Rest Nick persönlich vor einem Jahr endgültig vernichtet hatte.
»Oh, Nick, das tut uns so leid!« Della war voller Mitgefühl.
Nick zuckte mit den Schultern. »Das ist lange her, Mrs. Parker. Jedenfalls ist seitdem die Musik in mir tot, und ich wurde Goldschmied, heiratete, hatte zwei wunderbare Kinder und ein gutes Leben. Bis vor ein paar Jahren meine Frau und meine Jungs einem betrunkenen Autofahrer zum Opfer fielen.«
Die offizielle Version. In Wahrheit hatte Nicks Bruder Ivan Yelena und die Kinder getötet. Nick hatte ihn und das Rudel jahrelang verfolgt, bis er sie endlich alle hatte vernichten können. Mit Sams Hilfe und der eines Rudels von Lichtwölfen aus dem Hunkpapa-Reservat.
»Wie furchtbar!«, fand Della.
Jonathan nickte. »Glauben Sie mir, Nick, wir wissen nur allzu gut, wie es ist, einen Sohn durch einen Autounfall zu verlieren.« Denn auch die offizielle Version für Scotts Tod lautete, dass er unverschuldet einen tödlichen Unfall gehabt hatte.
»Seitdem hat es mich nirgendwo mehr lange gehalten.« Nick blickte Sam an, die neben ihm auf der Couch saß und ergriff ihre Hand. »Bis ich vor einem Jahr Sam begegnet bin.« Er lächelte entschuldigend. »Natürlich bin ich damals wieder weitergezogen, weil ich glaubte, nie wieder glücklich sein zu können. Und, ehrlich gesagt, auch aus Angst, eine neue Bindung einzugehen. Aber Sam ist eine so wunderbare Frau«, er drückte ihre Hand fest, »dass ich einfach zurückkommen musste. Jetzt bin ich hier. Und ich werde bleiben.«
»Weshalb wir uns entschlossen haben, eine feste Beziehung einzugehen«, ergänzte Sam und erwiderte den Druck seiner Hand.
Della und Jonathan blickten sie liebevoll an. »Das ist wunderbar, Sam«, fand Della, und Jonathan nickte.
»Da Sie sich mit Bauarbeiten auskennen, Nick, hätte ich gern mal Ihre fachkundliche Meinung zu einem Garagenanbau gehört, den ich plane. Kommen Sie mal mit.«
»Achtung: Hölle und Verdammnis«, wisperte Sam so leise, dass nur Nick es hören konnte. Der Werwolf grinste flüchtig und folgte Jonathan nach draußen.
Kaum hatten sie den Raum verlassen, wandte sich Della an Sam und tätschelte ihr mütterlich das Knie. »Du hast dir da einen wirklich guten Mann ausgesucht, Sam«, fand sie. »So höflich, zuvorkommend und mit tadellosen Manieren. Und man spürt, wie viel du ihm bedeutest. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr miteinander glücklich werdet. Und«, fügte sie eindringlich hinzu und hob mahnend den Zeigefinger, »komm mir nicht auf den Gedanken, ihn mit Scott zu vergleichen! Das hat Nick nicht verdient.«
»Ich weiß, Della. Außerdem sind die beiden derart grundverschieden, dass jeder Vergleich hinkt.« Gern hätte Sam den Parkers gesagt, dass Scotts Seele sehr lebendig war und es ihm als Geist ausgezeichnet ging. Doch wie hätte sie erklären sollen, dass sie mit Geistern kommunizieren konnte. Außerdem hätte es die beiden Menschen sicherlich belastet zu wissen, dass Scott ihnen immer noch nahe war, sie ihn aber nicht sehen konnten.
Della lächelte. »Wollt ihr heiraten? Kinder haben?«
»Das wird sich zeigen.«
Heiraten käme vielleicht tatsächlich eines Tages in Betracht, falls Nick das wünschte, aber Kinder – nein. Sam fand Kinder lästig und unbequem. Die einzigen, für die sie abgesehen von ihrer Tochter Danaya jemals so etwas wie Zuneigung entwickelt hatte, waren die Töchter ihres besten Freundes Ronan Kerry und Scotts Neffe Harlan Crawford. Eigene Kinder kamen für Sam nicht infrage. Es reichte schon, dass Luzifer sie gezwungen hatte, seine Tochter zur Welt zu bringen. Und nach den letzten Eskapaden, die Danaya sich geleistet und die Ronans Frau Sarah das Leben gekostet hatten, war sie nicht sonderlich gut auf sie zu sprechen.
Sie wandte sich um und blickte aus dem Fenster, wo sie Nick und Jonathan neben der Garage stehen sehen konnte. Die beiden unterhielten sich, aber Sam war sich sicher, dass es dabei nicht um den Ausbau der Garage ging. Zumindest nicht primär.
»Also, junger Mann«, sagte Jonathan, »ich bitte um Entschuldigung, falls meine Fragen Ihnen zu indiskret waren. Aber wir lieben Sam wie eine Tochter und wollen wie wohl alle Eltern, dass es ihr gut geht. Da Sie selbst Kinder hatten, verstehen Sie das sicherlich.«
»Absolut, Sir. Und Sie können unbesorgt sein. Ich werde Sam immer gut behandeln. Sie ist ein Teil von mir. Ich könnte ihr niemals Leid zufügen.«
»Das freut mich zu hören, Nick. Dann brauche ich Ihnen ja nicht mehr mit Hölle und Verdammnis zu drohen, für den Fall, dass Sie Sam unglücklich machen sollten.«
Nick verkniff sich ein Lachen. »Nein, Sir, das ist nicht nötig, denn das werde ich ganz gewiss nicht tun.«
Jonathan blickte Nick aufmerksam an und entschied, dass ihm der Mann gefiel. »Vergiss den ‚Sir’. Ich bin Jonathan. Ich weiß nicht, ob Sam schon erwähnt hat, dass ich in vier Wochen Geburtstag habe. Du bis herzlich eingeladen. Und ich lasse keine Ausrede für Nichterscheinen gelten.«
»Vielen Dank, Jonathan. Wie ist das jetzt mit der Garage?«
Jonathan klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. »Das war nur ein Vorwand, um mal unter vier Augen mit dir sprechen zu können.«
»Hab ich mir doch gedacht«, antwortete Nick grinsend und kehrte gleich darauf mit Jonathan ins Haus zurück.
Lange bevor Nick und Sam die Parkers zwei Stunden später wieder verließen, bestand Della darauf, dass Nick sie nicht mehr »Ma’am« nannte und war er auch zu ihrem Geburtstag am 15.12. eingeladen sowie zu Thanksgiving, Weihnachten und allen anderen Familienfesten.
»Du hast die Herzen der beiden im Sturm erobert, Nick«, teilte Sam ihm mit, als sie wieder zu Hause waren. Sie fühlte, dass er unruhig und angespannt war wie nahezu ständig während der letzten Zeit. Sie legte die Arme um ihn. »Was bedrückt dich?«
Er zog sie an sich und gab ihr einen heftigen Kuss. »Sam ich ... ich muss raus hier. In den Wald. Ich muss wieder ein Wolf sein.«
»Aber natürlich, Nick. Das hatten wir doch von Anfang an so vereinbart, dass du jederzeit gehen und im Wald bleiben kannst, so oft und so lange du das brauchst. Ich habe mich sowieso schon gewundert, dass du es fast drei Monate hier in der Stadt ausgehalten hast, ohne auch nur ein einziges Mal in den Wald zu gehen.«
»Und das war viel zu lange. Ich hätte längst meiner Natur folgen müssen. Aber ich wollte bei dir bleiben und dich nicht schon wieder allein lassen, kaum dass ich zurückgekommen bin.«
Sam legte sanft die Hand gegen seine Wange. »Das weiß ich zwar sehr zu schätzen, aber du hast dich selbst dadurch unglücklich gemacht. Ich spüre schon lange, dass dir etwas fehlt, Nick. Geh nur in den Wald und tob dich aus, solange du das brauchst.«
Er presste sie an sich und sah ihr in die Augen. »Das wird aber ein paar Wochen dauern, weil ich zu lange damit gewartet habe.«
»Keine Sorge. Damit komme ich schon klar. Wir sind Seelengefährten. Ich werde immer wissen, ob es dir gut geht und alles in Ordnung mit dir ist.« Sie gab ihm einen innigen Kuss. »Nick, ich will, dass du dich bei mir und mit mir wohl fühlst. Dass du glücklich bist. Deine Zeiten als Wolf in den Wäldern gehören dazu, weil du sie brauchst wie die Luft zum Atmen. Also geh und komm zurück, wann immer du willst.«
»Danke für dein Verständnis, Sam. Ich muss vorher nur noch mit Kevin Bennett klären, ob ich in seinem Revier willkommen bin. Falls nicht, muss ich eine etwas weitere Fahrt unternehmen, um mir ein eigenes Jagdrevier zu suchen.«
Sam nahm ihr Handy vom Gürtel und wählte Kevins einprogrammierte Nummer.
»Hallo Kevin«, sagte sie, als der Police Detective sich meldete. »Kannst du nach Dienstschluss mal bei mir vorbeikommen? Nick möchte dich gern sprechen. Und bei der Gelegenheit bist du zum Abendessen eingeladen.«
Kevin nahm die Einladung an, wenn auch etwas zögernd.
Nick gab Sam einen Kuss, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. »Danke, Sam. Du bist wunderbar.«
»Zeig’s mir«, forderte sie ihn auf und band seine Krawatte auf.
Er hob sie auf die Arme und trug sie in sein Schlafzimmer, wo er sie rücklings aufs Bett legte und sich mit Windeseile seiner Kleidung entledigte. Sam ließ ihre mit einem Zauber verschwinden und öffnete einladend ihre Schenkel. Der verführerische Duft, der von ihrem Geschlecht aufstieg, machte Nick beinahe trunken vor Begierde. Er legte sich auf sie und genoss die Berührung ihrer warmen, seidigen Haut, während er sie küsste.
Sam vergrub ihre Finger in seinem Haar und strich mit dem Fuß sein Bein hinauf bis zum Gesäß. Nick stöhnte erregt und musste sich beherrschen, nicht ungestüm in sie einzudringen. Obwohl er wusste, dass er ihr damit keine Schmerzen verursachte und sie erheblich heftigeren Sex kannte und mochte, war es ihm heute ein Bedürfnis, zärtlich zu ihr zu sein. Sanft stieß er in sie, während er sie unablässig küsste. Er fühlte, wie ihr Schoß sich um sein Glied zusammenzog, es rhythmisch massierte und seine Lust steigerte.
Seine Stöße wurden schneller und härter, als Sam ihn zusätzlich stimulierte, indem sie ihn in die Schulter biss und über seine Kehle leckte. Sie kam ihm entgegen und passte sich seinem Rhythmus an. Doch er hatte nicht vor, ihr herrliches Spiel schon so bald zu beenden. Er bewegte sich wieder langsamer und zog sich aus ihr zurück, kurz bevor sie beide zum Höhepunkt kamen. Sam stieß einen enttäuschten Laut aus. Er lachte leise und drehte sie jetzt auf den Bauch. Sie reckte ihm ihr Hinterteil entgegen. Er packte ihre Taille und zog sie zu sich heran. Während er unablässig ihren Rücken streichelte und auch ihre Brustwarzen stimulierte, rieb er seine Eichel über Sams feuchte Spalte.
Sie stöhnte vor Lust und wand sich unter ihm. Doch jedes Mal, wenn sie versuchte, seinen Penis in sich aufzunehmen, entzog er sich ihr und steigerte ihre Vorfreude, bis sie es beide nicht mehr aushielten. Als er endlich erneut in sie eindrang, bedurfte es nur noch weniger Stöße, bis sie beide zu einem berauschenden Höhepunkt kamen und er sich zuckend in sie verströmte. Dennoch stimulierte er Sam mit den Händen noch weiter, bis sie vollkommen gesättigt war und sich schließlich zufrieden in seine Arme kuschelte.
Nick hielt sie umfangen und streichelte zärtlich ihr Gesicht. Sie war so wundervoll, und er fühlte sich unbeschreiblich glücklich mit ihr. Er wollte sich nie wieder von ihr trennen. Nicht nur wegen des herrlichen Sexes, den sie miteinander teilten, sondern weil er sie liebte. Was er sich kaum einzugestehen wagte. Trotzdem musste er sie zwischendurch immer wieder verlassen. Wäre sie eine Wölfin gewesen ... Aber sie war nun mal ein Sukkubus. Damit musste er leben.

Kevin Bennett kam wie versprochen nach Feierabend vorbei und begrüßte Sam mit einer kurzen Umarmung.
»Hallo Kevin. Danke, dass du gekommen bist.«
Er reichte ihr eine Flasche Wein. Normalerweise hätte er ihr Blumen als Dank für die Einladung mitgebracht, aber die Dämonin wusste diese Geste, über die fast jede Menschenfrau sich gefreut hätte, einfach nicht zu schätzen. Blumen waren für sie nur Pflanzen ohne jeden Nutzwert, sofern sie nicht zufällig auch Heil- oder Giftpflanzen waren, die sie entsprechend nutzen konnte.
Sam drückte ihm einen Kuss auf die Wange, und der Werwolf bekam durch den betörenden Duft, der ihm dabei in die Nase stieg, augenblicklich eine Erektion. Was nicht nur an den Pheromonen lag, die ihr Körper ständig ausdünstete und die allein dem Zweck dienten, Männer anzulocken, um Sam zu ernähren. Kevin hatte in der Vergangenheit schon ein paar Mal das Vergnügen gehabt, mit ihr zu schlafen und mochte sie zudem auch als Persönlichkeit ausgesprochen gern. Sam hakte sich jetzt bei ihm unter und zog ihn in die gemütliche Küche, wo Nick am Herd stand und Steaks oberflächlich anbriet.
»Hallo Cousin«, begrüßte er den Detective.
»Seit wann sind wir Cousins?« Kevin blickte den Älteren fragend an.
»Da meine Cousine Sonja dich verwandelt hat, bist du tatsächlich mein Cousin«, bestätigte Nick und schüttelte kurz seine Hand. »Die Verwandtschaftsverhältnisse des Erschaffers gehen immer auch auf dessen Abkömmling über. Wir sind also tatsächlich verwandt. Das würde sogar eine DNA-Analyse beweisen. Du und dein Rudel, ihr seid meine blutsverwandte Familie, auch wenn ich euch noch kaum kenne.«
Die Bemerkung bestätigte beinahe schon, was Kevin befürchtet hatte: dass Nick ihm die Führung des Rudels abnehmen wollte. Immerhin war Nick der rechtmäßige Rudelführer, und es wäre sein Recht, die Führung zu beanspruchen.
»Das war mir bis jetzt nicht bewusst«, gestand er.
Nick grinste flüchtig. »Keine Sorge. Ich habe nicht vor, das Rudel zu übernehmen. Aber setz dich erst mal und iss was.« Er lud ein riesiges Steak auf einen Teller, schaufelte Kartoffeln und Bohnen dazu und reichte ihn Kevin.
Die Zusicherung erleichterte den Detective. Umso neugieriger war er, was Nick von ihm wollte.
»Ich habe das Kochen für euch beide Nick überlassen«, erklärte Sam, während sie ihre eigene Mahlzeit mit einem Zauber vor sich auf den Tisch brachte. »Da ihr Werwölfe ein ganz anderes Geschmacksempfinden habt als ich, bekommt er das besser hin.«
»Sehr rücksichtsvoll«, fand Kevin und ließ sich gleich darauf das Steak schmecken. »Wozu musst du eigentlich normale Mahlzeiten essen? Ich denke, die kannst du gar nicht verdauen.«
»Stimmt, aber das Zeug schmeckt mir nun mal.« Sam schob sich einen Bissen geräucherten Lachs in den Mund und kaute mit einem derart verzückten Gesichtsausdruck darauf herum, dass beide Männer lachen mussten.
Kevin entspannte sich etwas. Als die Mahlzeit eine halbe Stunde später beendet war und Nick ihn ins Wohnzimmer führte, war auch noch der letzte Rest seiner Besorgnis verflogen. Was immer Nick von ihm wollte, würde nichts Negatives sein.
Sam verschwand in ihrem Arbeitszimmer, ließ aber die Tür offen und spitzte die Ohren. Schließlich war sie neugierig, was die beiden Werwölfe miteinander zu besprechen hatten.
Nick setzte sich in den Sessel gegenüber der Terrassentür, der sein Lieblingsplatz geworden war, weil er von hier aus auf den Eriesee blicken konnte, der ein Stück hinter dem Haus begann.
Kevin nahm ihm gegenüber Platz. Er räusperte sich. »Du wolltest was mit mir besprechen.«
»Ich werde eine Weile hier in Cleveland bleiben«, kam Nick unverzüglich zur Sache. »Vielleicht sogar recht lange. Wie du sicherlich inzwischen weißt, müssen wir Werwölfe hin und wieder unserer Wolfsnatur nachgeben. Womit ich nicht nur die für euch Jungwölfe gezwungenen Zeiten zu Vollmond meine.«
Kevin nickte. Obwohl er anfangs enorme Schwierigkeiten gehabt hatte, sich daran zu gewöhnen, dass er unfreiwillig zum Werwolf geworden war, hatte er doch inzwischen festgestellt, dass dieses Dasein seiner innersten Natur und seinen tief in ihm verborgenen Bedürfnissen sehr entgegenkam. Er war schon früher als Mensch gern auf die Jagd gegangen; als Wolf bereitete sie ihm doppeltes Vergnügen. Inzwischen war er sogar soweit, dass er die drei Nächte des Vollmonds kaum erwarten konnte, in denen er Wolf sein durfte und diesen Teil seiner Natur hemmungslos ausleben konnte. Auch wenn die Verwandlung immer noch schmerzhaft war und ein paar Minuten dauerte.
»Das einzige Jagdrevier hier in der Nähe«, fuhr Nick fort, »ist das Cuyahoga Valley, wo ihr lebt. Mit anderen Worten, es ist euer Revier, in dem ich nichts zu suchen habe. Jedenfalls nicht ohne die Erlaubnis des Rudelführers, also deiner.« Er blickte Kevin in die Augen. »Ich will und werde dir deine Stellung als Rudelführer auf keinen Fall streitig machen. Ich will mich nur in eurem Territorium aufhalten und jagen dürfen. Falls du es erlaubst, hin und wieder auch mit euch zusammen.«
»Jederzeit gern«, versicherte Kevin und fühlte sich in doppelter Hinsicht erleichtert. »Glaub mir, Nick, ich bin sogar dankbar, wenn du ab und zu etwas Zeit mit uns verbringst, nicht nur während der Jagd. Wir kommen zwar inzwischen ganz gut allein zurecht; außerdem schaut einer von Brian Wolfhearts Rudel hin und wieder mal vorbei und kümmert sich um uns. Aber ich habe immer noch so viele Fragen, die mir nur ein erfahrener Werwolf wie du beantworten kann.« Er räusperte sich verlegen. »Zum Beispiel wie ich damit umgehen soll, dass mir die junge Sheila ständig Avancen macht, sobald wir Wölfe sind.«
Nick erinnerte sich an die junge Studentin, die von seinem Cousin Alexej verwandelt worden war. Sie hatte sich schon damals als Alphawölfin zu etablieren begonnen und diese Stellung jetzt offenbar gefestigt.
»Du bist der Rudelführer, sie ist die Alphawölfin. Damit bist du der einzige Mann und Wolf im Rudel, der für sie als Partner infrage kommt. Außerhalb des Rudels kann sie sich so viele Männer und du so viele Frauen nehmen, wie ihr wollt. Aber innerhalb des Rudels könnt und dürft ihr nur miteinander und mit niemandem sonst Sex haben. Das ist ein Instinkt, der bei Werwölfen sehr viel ausgeprägter ist als bei unseren rein tierischen Brüdern und Schwestern.«
»Wir sind doch keine Tiere, die ihrem Instinkt folgen«, protestierte Kevin.
»Doch, in einigen Dingen sind wir das sehr wohl.«
»Aber sie ist noch nicht mal halb so alt wie ich.«
Nick grinste flüchtig. »Glaub mir, Kevin, in zwanzig Jahren macht das keinen Unterschied mehr. Ihr seid Werwölfe. Ihr werdet Jahrhunderte leben. Schon nach den ersten hundert Jahren ist es völlig egal, ob deine Sexpartnerin achtzig Jahre jünger oder achthundert Jahre älter ist als du. Also wenn du sie willst, dann nimm sie. In jedem Fall musst du hart durchgreifen, falls ein anderes Rudelmitglied hinter ihr her ist. Sonst wird der Mann dich immer wieder herausfordern.«
»Patrick«, seufzte Kevin. »Mein Betawolf. Er unternimmt regelmäßig Versuche, an die Spitze zu kommen. Und er hat eine Neigung zur dunklen Seite, die mir Sorgen macht.«
Nick grinste boshaft. »Dein Einverständnis vorausgesetzt werde ich ihn nachhaltig in seine Schranken weisen. Ich werde dir deine Stellung als Rudelführer niemals streitig machen, aber ich werde mich auch keinem anderen Wolf unterordnen als dir.«
»Keine Einwände«, versicherte der Detective und blickte Nick nachdenklich an. »Du bist eigentlich der rechtmäßige Rudelführer, Nick. Warum willst du die Position nicht?«
Nick zögerte mit der Antwort und warf Sam einen langen Blick zu, die er durch die offene Tür in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzen sah, wo sie den Plain Dealer las. »Ich war zu lange allein«, antwortete er schließlich. »Zu lange zu ruhelos. Als Rudelführer müsste ich aber fast ständig mit dem Rudel leben, weil ich dann die Verantwortung für euch trage. Das kann ich nicht mehr. Die Gemeinschaft würde darunter leiden, und das werde ich niemals zulassen. Nein, Kevin, du bist und bleibst der Rudelführer, und ich begnüge mich zufrieden mit dem zweiten Platz.«
Kevin wusste, dass es dazu noch eine Menge mehr zu sagen gäbe und dass dies nur die offizielle Begründung war. Aber er fragte natürlich nicht. »Also komm vorbei, wann immer du willst. Da wir uns noch nicht nach Belieben verwandeln können und vom Vollmond abhängig sind, beginnen wir nicht vor Mondaufgang mit der Jagd. Wenn du eine Stunde früher da bist, können wir alles andere vorher noch regeln.«
»Ich würde gern schon heute in euer Territorium ziehen und ein bisschen jagen, wenn du gestattest.«
»Wie ich schon sagte: wann immer du willst. Ich betrachte dich als festes Mitglied meines Rudels. Damit hast du das Recht, jederzeit in unserem Territorium zu jagen. Ich informiere die anderen, damit sie sich mit dem Gedanken vertraut machen können, dass du wieder da bist.« Er grinste. »Und ich freue mich schon darauf zu sehen, wie du Patrick eine Lektion erteilst.«
Nick grinste ebenfalls. »Zehn Sekunden«, prophezeite er. »Länger brauche ich dazu nicht.«
Kevin war sich bewusst, dass Nick, um ihn als Rudelführer zu entthronen, kaum länger gebraucht hätte. Nick war nun mal über dreihundert Jahre alt und besaß entsprechend viel Erfahrung, während Kevin sich immer noch nicht vollständig an seine Wolfsgestalt gewöhnt hatte. Zwar hatte er sich nicht darum gerissen, der Anführer des jungen Rudels zu werden. Nachdem er es aber war, zwang ihn der Kodex der Werwölfe, diesen Posten gegen jeden Herausforderer zu verteidigen. Deshalb war er froh, nicht gegen Nick kämpfen zu müssen. Und im selben Zug auch Sheila an ihn zu verlieren. Er mochte die junge Frau. Und ja, verdammt, es könnte durchaus mehr daraus werden, wenn er es zuließ.
Er stand auf und reichte Nick die Hand. »Man sieht sich, Nick.«
Nick drückte seine Hand, und Kevin verließ das Haus, nachdem er sich von Sam mit einem kurzen Gruß und Winken verabschiedete hatte.
Nick ging zu Sam, die ihm lächelnd entgegenblickte. Es gab keinen Zweifel, dass sie wirklich glücklich war, ihn bei sich zu haben.
Seelenverbunden. Untrennbar. Bis in alle Ewigkeit.
Er zog sie von ihrem Stuhl hoch und nahm sie in die Arme. Er legte seine Wange an ihre und atmete ihren Duft ein, der ihn wie immer erregte. Diesmal gab er dem jedoch nicht nach, sondern hielt sie nur und genoss die innige Verbundenheit, die er mit ihr spürte. Die er schon während der Monate gefühlt hatte, in denen er versucht hatte, Sam zu vergessen, da er sich nie wieder an eine Frau oder irgendjemand anderen binden wollte. Er hatte in seinem Leben zu viele Verluste erlitten und war sich nicht sicher, wie viele weitere er noch ertragen konnte, ohne den Verstand zu verlieren.
Dennoch war er zurückgekommen und bereit, sich vollkommen auf sie einzulassen. Mit ihr zu leben. Leicht würde das nicht werden. Aber, verdammt, er würde darum kämpfen, dass es gut ging. Vielleicht würde er dann auch endlich zur Ruhe kommen können. Er streichelte Sams Rücken, die sich in seine Arme schmiegte und es spürbar genoss, von ihm gehalten zu werden. Schließlich küsste er sie sanft und fühlte sich dabei großartig.
Trotzdem musste er sie schon wieder allein lassen. Der Wolf in ihm trieb ihn mit einer Macht in die Wälder, die er nicht kontrollieren und auch nicht mehr länger unterdrücken konnte. Er legte die Hand an Sams Wange und sah ihr tief in die Augen.
»Ich komme zurück«, versprach er. »Sobald ich kann.« Denn in seiner Abwesenheit musste sie sich von anderen Männern ernähren. Täglich. Eine Notwendigkeit, die Nick zwar notgedrungen akzeptierte, aber dennoch gern vermeiden wollte, solange und so oft es nur ging.
Sam imitierte seine Geste. »Wenn du soweit bist, Nick«, insistierte sie. »So gern ich dich auch bei mir habe, so will ich doch nicht, dass du dich deswegen unglücklich oder auch nur unwohl fühlst. Du musst deiner Natur folgen. Und bitte: Lass es nächstes Mal nicht wieder so weit kommen, dass du dich derart schlecht fühlst wie jetzt.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Komm erst zurück, wenn der Wolf in dir ohne seelische Bauchschmerzen wieder für ein paar Wochen oder so in der Stadt leben kann. Versprich mir das.« Sie sah ihn eindringlich an.
Er drückte sie innig an sich. »Versprochen, majá krassíwaja, meine Schöne.« Er küsste sie mit einer Wildheit, als wäre es das letzte Mal, ehe er sich umwandte und das Haus verließ. Er konnte es kaum erwarten, endlich wieder ein Wolf zu sein und durch den Wald zu streifen. Minuten später fuhr er vom Grundstück.
Sam stand in der Auffahrt und blickte ihm nach. Vor einem Jahr hatte sie schon einmal hier gestanden und ihm ebenso nachgeblickt, überzeugt, dass sie Nick nie wiedersehen würde. Doch er war zurückgekommen. Er würde auch diesmal wieder zu ihr zurückkehren. Das allerdings würde, wie sie deutlich fühlte, mehrere Wochen, wahrscheinlich sogar einen Monat oder noch länger dauern.
Als sie sich umdrehte, um wieder ins Haus zu gehen, bemerkte sie, dass Graham sie durch das Fenster seines Wohnwagens beobachtete. Sein Gesicht trug einen Ausdruck höhnischer Verachtung. Sie ignorierte ihn und kehrte ins Haus zurück, das ohne Nick leer und unvollständig wirkte. Beinahe so leer wie damals nach Scotts Tod. Aber eben nur beinahe.
Denn Nick würde zurückkommen.

Victor Freemans geschärfte Wächtersinne, die trotz seines geplanten Verrats immer noch funktionierten, sagten ihm, dass die drei Männer und die Frau, mit denen er sich in einer Hotelsuite in Atlanta traf, zwar Menschen waren. Ihre Ausstrahlung verriet ihm jedoch, dass sie zu denen gehörten, die die Wächter unnachsichtig bekämpften. Kein Wunder, denn sie gehörten dem Geheimbund der Diener des Schwarzen Feuers an, wie er an den Kettenanhängern aus schwarzem Opal erkannte, die eine stilisierte Flamme darstellten. Das erklärte ihm, warum sie das Liber artis magicae diabolicae in ihren Besitz bringen wollten. Wenn er die Geschichte um das Manuskript richtig im Kopf hatte, dann war es vor ein paar Jahrhunderten von einem ihrer Großmeister geschrieben worden.
Freeman reichte der Frau den Aktenkoffer, den er mitgebracht hatte. »Wie vereinbart ein Kapitel zur Probe, damit Sie sich von der Echtheit überzeugen können.«
Die Frau reichte den Koffer an einen ihrer Begleiter weiter, der das Manuskript herausnahm und eingehend prüfte.
»Nur aus Neugier, Mr. Freeman. Was bringt einen Wächter dazu, seine Leute zu verraten?«
»Mal abgesehen davon, dass Sie das nichts angeht, muss ich Ihnen wohl kaum erklären, dass Altruismus wenig lukrativ ist. Ich habe die Schnauze voll, immer nur zu geben und nur Almosen dafür zu bekommen.«
»Wenn das so ist«, die Frau lächelte gewinnend, »könnten Sie bei uns einen sehr lukrativen Job bekommen. Ihre intimen Kenntnisse über das Hauptquartier der Wächter, ihre Organisation und Arbeitsweise würden wir Ihnen fürstlich honorieren.«
Freeman schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Kein Interesse. Zahlen Sie mir, was Sie mir für die Schrift versprochen haben. Das genügt mir.«
Ihn beschlich ein mulmiges Gefühl. Hatte man ihn nur mit der Schrift hergelockt, um ihm in Wahrheit sein Wissen über die Organisation der Wächter abzupressen? Leuten wie diesen Satanisten konnte und durfte man nicht trauen. Zwar hatte er eine Sicherung eingebaut, dass sie an den Rest des Manuskripts nicht herankamen, wenn sie ihn töteten. Das war jedoch keine Garantie dafür, dass sie nicht noch einen Trick im Ärmel hatten. Sie beherrschten Magie, er nicht. Sah man von ein paar Zaubersprüchen ab, die auch ohne angeborene magische Fähigkeiten funktionierten.
Freeman hoffte allerdings, dass die Diener des Schwarzen Feuers wenigstens dieses eine Mal fair spielten und er ungeschoren aus der Sache rauskam. Dass die Wächter ihn nicht würden aufspüren können, dafür hatte er gesorgt und sich bei einer Hexe einen Zauber gekauft, der das verhinderte.
»Das Manuskript ist echt«, stellte der Prüfer fest und legte es in den Koffer zurück.
Die Frau schob Freeman einen anderen Koffer hin. »Darin ist die Anzahlung für diesen Teil des Manuskripts.«
Freeman prüfte das Geld und fand den vereinbarten Betrag. »Überweisen Sie den Rest des Geldes auf mein Konto.« Er reichte ihr einen Zettel mit seinen Kontodaten. »Sobald das Geld auf dem Konto ist, sage ich Ihnen, wo Sie den Rest des Manuskripts finden.«
Die Frau gab einem anderen ihrer Begleiter den Zettel, der einen Laptop öffnete und die Überweisung online tätigte. Freeman überprüfte mit seinem eigenen Laptop, dass das Geld tatsächlich angewiesen worden war.
»Gut. Ich führe Sie hin. Einen von Ihnen«, betonte er sicherheitshalber. Mit einem Gegner würde er fertig, falls es zu einem Kampf käme.
Die Frau winkte dem dritten Mann. »Alex wird Sie begleiten. Es war eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen.« Sie lachte. »Eine besondere Freude deshalb, weil man nicht alle Tage erlebt, dass ein Wächter seine eigenen Leute verrät. Sollten Sie jemals Ihre Meinung ändern, bei uns ist immer ein Platz für skrupellose Menschen wie Sie.«
Freeman verbiss sich eine scharfe Erwiderung, konnte aber nicht verhindern, dass er errötete. Schließlich hatte die Frau recht. Er war ein Verräter, der gerade sämtliche seiner Eide gebrochen hatte. Er fuhr mit Alex zum Busbahnhof, wo er ihm einen Schließfachschlüssel überreichte.
»Das Schließfach, zu dem der Schlüssel gehört, lässt sich erst in zwei Stunden öffnen. Sie finden darin das Manuskript.«
Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern ließ den Mann stehen und eilte zum Taxistand, um zum Hauptbahnhof zu fahren. Zwei Stunden würden ihm als Vorsprung genügen, um zu verschwinden. Solange die Diener des Schwarzen Feuers nicht sicher sein konnten, dass das Manuskript wirklich in dem Schließfach war, mussten sie Freeman am Leben lassen. Er hatte seine Sachen bereits am Bahnhof deponiert. In zwei Stunden wäre er längst auf dem Weg nach Columbus, um von dort auf Nimmerwiedersehen zu seinem eigentlichen Ziel zu verschwinden. Danach war er in Sicherheit.
Alex rief seine Chefin an, während er Freeman unauffällig durch die Menge zum Taxistand folgte und noch hörte, wie der den Fahrer anwies zum Hauptbahnhof zu fahren.
»Busbahnhof, Schließfach 133.«
Am anderen Ende blieb es eine Weile still. »Wir haben es«, sagte die Frau schließlich, nachdem sie es mit einem Bringzauber zu sich geholt hatte. »Es handelt sich um die echten Manuskripte. Erledige den Kerl und bring unser Geld zurück.«
Alex ließ sich ebenfalls zum Hauptbahnhof fahren und brauchte nicht lange, um Victor Freeman dort zu sehen. Ein Illusionszauber verpasste Alex Gesicht und Kleidung, die Freeman nicht kannte. Er wartete, bis Freeman seine Reisetasche geholt und sich in der Wartezone auf eine Bank gesetzt hatte. Alex setzte sich neben ihn, passte einen günstigen Moment ab, in dem niemand ihnen Aufmerksamkeit schenkte und stieß Freeman ein Messer ins Herz. Er starb ohne jeden Laut und sackte in einer Haltung zusammen, als würde er schlafen. Alex wartete noch einen Moment, ehe er den Geldkoffer nahm und ohne jede Hast unter einem neuen Illusionszauber die Wartehalle verließ.
Nur noch wenige Tage, und die Diener des Schwarzen Feuers würden ein Ziel erreichen, auf das sie seit über fünfhundert Jahren warteten.

Sam starrte missmutig vor sich hin. Ihre Laune befand sich an einem Tiefpunkt. Nick war seit fünf Tagen fort, und sie vermisste ihn mehr als sie zugeben wollte. Zudem hatte sie gerade eine Konfrontation mit ihrer Tochter Danaya gehabt. Die junge Dämonin hatte ihr doch tatsächlich weiszumachen versucht, dass sie sich entschieden hätte, bei ihrer Mutter in der Menschenwelt zu leben und ihrem Vater Luzifer den Rücken zu kehren. Das hätte Sam nicht einmal dann geglaubt, wenn Danaya nicht gerade erst vor drei Monaten mit einer Intrige versucht hätte, Sam dazu zu bringen, ihre ungewollte Stellung als Königin der Unterwelt anzunehmen.
Dass diese Intrige Sarah Kerry, der Frau ihres besten Freundes Ronan Kerry, das Leben gekostet hatte, machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Sam hatte einsehen müssen, dass ihre Tochter überwiegend Luzifers Tochter war und sie nichts für sie tun konnte, solange die Große Entscheidung noch ausstand. Schweren Herzens hatte sie sich entschlossen, den Kontakt zu Danaya weitgehend abzubrechen, bis dieses Ereignis von globaler Bedeutung vorüber war. Danach würde Luzifer Danaya fallen lassen – wenn Sam sich nicht bis dahin entschied, das Amt der Unterweltkönigin anzunehmen.
Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. »Sam Tyler, Privatermittlungen.«
»Jack Morrison. Ich bin Antiquitätenhändler. Mir ist ein wertvolles Manuskript gestohlen worden. Ich zahle Ihnen zwanzigtausend Dollar, wenn Sie es mir wiederbeschaffen.«
Sam schaltete das Telefon auf den Lautsprecher, damit Graham mithören konnte. »Um was für ein Manuskript handelt es sich, Mr. Morrison?«
»Eine alte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Das Liber artis magicae diabolicae. Sie werden kaum davon gehört haben. Es ist eine ...«
»Eine Handschrift, die von einem Dominikanermönch in einem Kloster in Deutschland angefertigt wurde«, unterbrach Sam ihn. »Angeblich gibt es dreizehn Teile dieses Buches, von denen aber zwölf verschollen sind.« Zwar waren sie nicht verschollen, sondern unter sicherem Verschluss der Wächter des Lotos Instituts in Denver. Doch das musste Jack Morrison ja nicht erfahren. »Nach meinen Informationen wird das letzte verbliebene Stück – Ihr Manuskript – auf dem Antiquitätenmarkt auf 1,5 Millionen Dollar geschätzt. Ich vermute, Sie haben es ausreichend versichert.«
»Selbstverständlich.« Morrisons Stimme klang beeindruckt. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass einfache Privatermittler über so detaillierte Kenntnisse auf diesem Gebiet verfügten. »Aber ich will nicht das Geld von der Versicherung, ich will das Manuskript zurück.«
»Wir werden unser Möglichstes tun, Mr. Morrison. Können wir gleich bei Ihnen vorbeikommen und uns den Tatort ansehen?«
»Falls Sie glauben, dass Ihnen das weiterhilft. Der Polizei hat das bis jetzt keine Erkenntnisse gebracht, wie der Dieb überhaupt ins Haus kam. Ich habe allerdings einen Verdacht. Aber darüber reden wir, wenn Sie vor Ort sind. Genügt Ihnen eine Stunde? 5058 Burrell Drive, Sheffield Lake.«
»Wir werden da sein.«
Sam legte auf und starrte nachdenklich auf das Telefon.
»Liber artis magicae diabolicae klingt nicht gerade nach einem Buch, das man als Lektüre bevorzugen sollte«, meinte Graham. »Du scheinst es zu kennen.«
Das Misstrauen in seiner Stimme war nicht zu überhören. Zwar hatte er bis jetzt nicht feststellen können, dass Sam tatsächlich das teuflische Geschöpf war, für das er sie anfangs gehalten hatte. Und immer noch hielt. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass er ihr über den Weg traute. Immerhin war sie die Königin der Unterwelt, auch wenn sie behauptete, das Amt nicht angenommen zu haben und nicht auszuüben.
»Falls du mit ‚kennen’ meinst, dass ich es schon mal in den Händen hatte oder gar gelesen habe – nein. Aber ich weiß, dass es existiert. Es ist eine sogenannte Satansbibel, ein Grimoire mit teuflischen Zaubersprüchen und dergleichen. Da Morrison aber ausgerechnet uns engagiert, bin ich mir relativ sicher, dass dieser Diebstahl keinen profanen Hintergrund hat.«
Sam hatte ihre Einträge ins Branchenverzeichnis mit einem Zauber versehen, der bewirkte, dass Klienten, deren Probleme okkulter Natur waren, keine andere Detektei auswählen konnten als ihre. Natürlich entschied sich auch normale Klientel für sie, da es nur wenige Privatermittler gab, die sowohl Ermittlungen durchführten, wie auch als Bodyguards und Security-Spezialisten arbeiteten. Wenn es aber um etwas wie das Liber artis magicae diabolicae ging, war die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen normalen Fall handelte, relativ gering.
»Ich frage mich nur, warum man ausgerechnet jetzt das dreizehnte Manuskript gestohlen hat.«
»Um es mit den restlichen zwölf zusammenzutun?«
»Sollte man meinen. Aber die liegen wohl verwahrt im Tresor des Lotos Instituts. Zu dem haben nur Wächter Zutritt. Es ist unmöglich, die Dinger zu stehlen. Und abgesehen von seiner okkulten Bedeutung ist Morrisons Manuskript nichts anderes als eine zugegeben wertvolle Antiquität.« Sie stand auf. »Statten wir Mr. Morrison einen Besuch ab.«

Lady Sybilla starrte die beiden Frauen, die sich als Detectives Sykes und Cooper des Atlanta Police Departements ausgewiesen hatten, betroffen an.
»Victor Freeman ist tot?«, wiederholte sie. »Hat er Selbstmord begangen?«
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Sykes und ließ sich keine von Lady Sybillas Regungen entgehen. Auf dem Führerschein des Toten war das Lotos Institut in Denver als Wohnsitz angegeben, weshalb die beiden Detectives jetzt hier waren und hofften, etwas mehr über den Toten zu erfahren und vielleicht ein Motiv zu entdecken, weshalb jemand ihn umgebracht hatte.
»Mr. Freeman hat vor einiger Zeit seine Frau verloren und tat sich schwer, den Verlust zu verkraften. Wir waren alle froh, dass er in Urlaub geflogen ist.« Sie runzelte die Stirn. »Aber Atlanta? Nach unseren Informationen wollte er in die Karibik.«
»Da hat er Sie entweder falsch informiert oder es sich später anders überlegt. Man fand bei ihm ein Flugticket nach Australien – ohne Rückflug.«
Lady Sybilla schüttelte den Kopf. »Das ist mir unbegreiflich. Er hat an unserem Institut, genauer gesagt an der uns angeschlossenen Schule Physik unterrichtet, und er hat seinen Job nicht gekündigt.« Sie blickte die Polizistinnen ernst an. »Australien ohne Rückflug – demnach hat Victor wohl keinen Selbstmord begangen.«
»Nein, Ma’am, er wurde ermordet. Hatte er Feinde?«
Lady Sybilla schüttelte den Kopf. Abgesehen davon, dass alle Wächter einen Haufen Feinde hatten, weil sie eben Wächter waren, gehörte Victor Freeman zu denen, die sich fast ausschließlich im Institut aufhielten und selten im Außendienst aktiv waren. Deshalb konnte er keine besonderen Feinde haben.
»Er lebte nach dem Tod seiner Frau, die bei einem Unfall starb« – die übliche offizielle Version für den Tod von Wächtern, die in Ausübung ihres Amtes gestorben waren – »sehr zurückgezogen und hatte keine Kontakte außerhalb des Instituts, von denen wir etwas mitbekommen hätten. Dürfen Sie mir etwas über die genauen Umstände seines Todes sagen?«
»Bedauerlicherweise nein. Aber wir hätten uns gern in seiner Wohnung umgesehen.«
Lady Sybilla führte die beiden Frauen zu Freemans Wohnung und ließ sie sich in Ruhe darin umsehen. Sie zog sich wieder in ihr Büro zurück und nahm einen magischen Spiegel zur Hand, mit dessen Hilfe sie sich zeigen ließ, was Freeman vor seiner Abreise getan hatte. Als sie das ganze Ausmaß seiner Tat sah – seines Verrats – stieß sie einen entsetzten Schrei aus. Victor Freeman hatte mit dem Diebstahl der zwölf Kapitel des Liber artis magicae diabolicae einen ihr persönlich sehr wichtigen Teil ihres Lebenswerkes zerstört. Sie wagte sich nicht auszumalen, welche Konsequenzen das haben würde.
Sie wartete nicht, bis die beiden Polizistinnen das Haus wieder verlassen hatte, sondern gab für alle Wächter im Innen- und Außendienst Alarm.

5058 Burrell Drive, Sheffield Lake, entpuppte sich als ein weitläufiges Haus im Südstaatenstil, weshalb es weder Sam noch Graham wunderte, dass ihnen ein Hausmädchen die Tür öffnete und sie in den »Salon« führte, wo Jack Morrison auf sie wartete. Während der Fahrt hatte Graham in Sams Auftrag auf seinem Laptop über Morrison recherchiert. Der Mann war ein seriöser Antiquitätenhändler mit einem Faible für alte Handschriften, von denen er eine beachtliche private Sammlung besaß.
Verglichen mit dem Äußeren und der exklusiven Einrichtung des Hauses war Morrison leger gekleidet und trug einen Pullover über einer Cordhose. Er musterte Sam und Graham intensiv. Besonders lange blieb sein Blick an dem sieben Zentimeter langen Silberkreuz hängen, das der Mönch um den Hals trug.
»Ich habe mich über Sie erkundigt, Miss Tyler«, sagte er, nachdem er seine Musterung beendet hatte. »Sie genießen den allerbesten Ruf und gelten als Spezialistin für schwierige Fälle. Ich bin gespannt, wie Sie diesen Fall handhaben.« Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern forderte sie und Graham mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen. »Ich hatte das besagte Manuskript in einer alarmgesicherten Vitrine aufbewahrt. Der Raum ist kameraüberwacht, die Fenster sind ebenfalls gesichert, und der einzige Weg aus dem Raum führt durch mein Arbeitszimmer ins Wohnzimmer. Es ist eigentlich unmöglich, dass jemand mit dem Manuskript unbemerkt das Haus verlassen konnte. Es gibt keine Einbruchspuren, und die Aufzeichnungen der Kameras zeigen absolut nichts. Die Polizei verdächtigt mich, ich hätte das Manuskript selbst aus der Vitrine genommen und irgendwo versteckt, um die Versicherungssumme zu kassieren, und die Kameraaufnahmen gefälscht.« Das klang ausgesprochen wütend.
»Ja, das sagen die immer, wenn sie vor einem Rätsel stehen. Und selbstverständlich weigert sich die Versicherung, unter diesen Umständen zu zahlen.«
»So ist es«, bestätigte Morrison grimmig. »Doch wie ich Ihnen am Telefon schon sagte, ist mir die Versicherungssumme scheißegal. Ich will das Manuskript zurück.«
Er öffnete eine Tür und ließ Sam höflich den Vortritt, ehe er noch vor Graham das Zimmer dahinter betrat. »Meine Schatzkammer.«
Der Raum war mehr ein Saal, in dem sich an den Wänden und in der Mitte Vitrinen unterschiedlicher Größe reihten. In den meisten befanden sich Schriftstücke und Bücher, einige waren leer und sollten wohl irgendwann mit Neuerwerbungen bestückt werden. Morrison führte Sam und Graham zu der Vitrine, aus der die Handschrift gestohlen worden war.
Sam legte ihre Hand auf das Glas und erspürte mit ihren magischen Sinnen dessen Struktur. Reines Panzerglas mit einer extraverstärkenden Komponente. Außerdem war die Vitrine mit einem Zahlenschloss und einem normalen Schloss gesichert. Zusätzlich verfügte sie über eine Alarmanlage, die aktiviert wurde, sobald jemand den Deckel hob, ohne sie vorher durch das Durchziehen einer Kennkarte am entsprechenden Schloss deaktiviert zu haben. War das allein schon schwer genug zu umgehen, so wurde buchstäblich jeder Winkel des Raums von mindestens einer Überwachungskamera erfasst. Er erschien unmöglich, auf profanem Weg diese Tresorvitrine zu knacken.
»Wann ist das Manuskript gestohlen worden, Mr. Morrison?«
»Vor fünf Tagen. Und seitdem versucht man mir einen Versicherungsbetrug anzuhängen. Ich habe Sie auch deshalb engagiert, um diese haltlose Anschuldigung zu entkräften.«
»Wenn wir Ihr Manuskript wiederbeschaffen, dürfte sich das erledigt haben.«
Unbemerkt von Morrison aktivierte Sam ihre Gabe der Retrospektion und betrachtete die Ereignisse, die sich vor fünf Tagen in diesem Raum abgespielt hatten, während sie sich den Anschein gab, die Vitrine genau zu untersuchen. Morrison hatte an jenem Abend Gäste eingeladen und ihnen stolz seine »Schatzkammer« gezeigt. Eine brünette Frau hatte der Handschrift aus dem Liber artis magicae diabolicae besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar hatte sie den Raum zusammen mit den anderen Gästen wieder verlassen, ohne das Manuskript an sich gebracht zu haben. Aber Sam konnte die verräterischen Spuren eines Bringzaubers sehen, mit der sie es später geholt hatte. Selbstverständlich löste ein Bringzauber keine profane Alarmanlage aus, wenn der gestohlene Gegenstand nicht auf einem Drucksensor stand oder lag, der durch den Verlust des Gewichts auf ihm den Alarm auslöste.
Das Wer und Wie des Diebstahls war nun geklärt. Jetzt musste Sam das Problem bewältigen, eine logische Erklärung zu finden, die Morrison überzeugte. Danach konnte sie sich der Verfolgung der magischen Signatur der Diebin widmen, die zweifellos eine Hexe war. Da sie einen Anhänger an einer Kette trug, der eine schwarze Flamme darstellte, gehörte sie offensichtlich zu den Dienern des Schwarzen Feuers, von denen einer das Liber artis magicae diabolicae vor Jahrhunderten erschaffen hatte. Das erklärte auch, warum sie sich für ausgerechnet dieses Manuskript interessierten.
Sam ging vor der Vitrine in die Hocke und besah sich das Schloss und das elektronische Zahlenschloss. Zwar war alles wieder saubergewischt worden, nachdem die Polizei dort Fingerabdrücke genommen hatte, aber bei genauem Hinsehen erkannte sie mit ihren scharfen Dämonenaugen, dass vier Tasten ein wenig abgenutzter waren als andere.
»Ihre Zahlenkombination für dieses Schloss enthält die Ziffern 0, 1, 5 und 6, wobei die 1 doppelt vorkommt«, teilte sie Morrison mit.
»Woher wissen Sie das?« Morrisons Stimme klang verblüfft und misstrauisch zugleich.
Sam räumte den Platz vor der Vitrine und winkte Graham zu sich. »Sieh dir das Tastenfeld an und sage Mr. Morrison, woran wird das erkennen.«
Graham brachte seine Augen dicht vor das Schloss. Zwar konnte er die Abnutzungen nicht annähernd so deutlich sehen wie Sam, aber er sah sie zumindest auf der Einsertaste und zog daraus seine Schlüsse. »Diese vier Tasten weisen als einzige Abnutzungserscheinungen auf, am deutlichsten die 1. Also werden sie häufiger gebraucht als die anderen.«
»Okay«, gab Morrison zu, »das erklärt aber nicht, wie der Dieb an die Kombination herangekommen ist. Ich schwöre, dass ich die niemandem verraten und auch nirgends aufgeschrieben habe.«
»Ihr Geburtsdatum ist der 11.5.60 – eins, fünf, sechs und null. Haben wir im Internet recherchiert. Zwar sind Sie mit Sicherheit nicht so leichtsinnig, die Ziffern in eben dieser Reihenfolge zu benutzen, auch nicht rückwärts. Wenn ich raten sollte, so würde ich sagen, es ist entweder sechzig, fünf, elf – aber unwahrscheinlich, weil es sich zu leicht erraten lässt – oder eins, sechzig, fünf eins oder sechs, eins, fünf, null, eins oder eins, sechs, fünfzig, eins. Ich tippe auf Letzteres.«
Morrison blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. »Verdammt, Sie sind gut!« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht gedacht, dass man das so leicht erraten kann.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Diebe sind Profis, Mr. Morrison, und haben eine ganz bestimmte Art zu denken. Da ich mich unter anderem damit beschäftige, sie zu fangen, muss ich denken können wie sie.«
»Okay, aber was ist mit dem anderen Schloss und der Alarmanlage? Das Schloss ist keins, das man mit einem Dietrich aufbekäme. Auch nicht mit einem gängigen Lockpicker wie ihn Schlüsseldienste benutzen. Hat mir jedenfalls der Typ versichert, der mir dieses Sicherheitssystem verkaufte und einbaute.« Er blickte Sam alarmiert an. »Die Firma hat noch Nachschlüssel für alle Fälle und auch für meine Haustür. Könnte einer von den Mitarbeitern der Dieb sein?«
Sam besah sich das Schloss ebenfalls. »Möglich. Aber Sie sagten am Telefon, dass Sie einen Verdacht hätten.«
Morrison nickte. »Ich habe an dem Tag – also vor besagten fünf Tagen – eine Gesellschaft für ein paar Geschäftspartner und Freunde gegeben. Dabei habe ich ihnen auch meine Sammlung gezeigt. Nachdem alle gegangen waren, habe ich wie jeden Abend vor dem Schlafengehen noch einmal meine Runde gemacht, und da war das Manuskript weg. Da es nirgends im Haus Einbruchspuren gibt und auch auf den Überwachungskameras im Eingangsbereich nicht angezeigt wird, dass noch jemand anderes sich Zutritt zu meinem Haus verschafft hat, kann es eigentlich nur einer von denen gewesen sein. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wer von ihnen das gewesen sein könnte. Ich kenne die Leute alle schon seit Längerem. Einen solchen Diebstahl traue ich keinem zu. Außerdem, selbst wenn derjenige offensichtlich so wie Sie meine Kombination erraten hat, die Schlüssel zu den Vitrinen und die Codekarte trage ich immer bei mir. Wenn jemand mir die gestohlen hätte, hätte ich das gemerkt.«
»Ach ja?« Sam griff in die Tasche ihrer Lederjacke, zog ein Schlüsselbund heraus und schwenkte es vor Morrisons Augen, der sie erneut mit offenem Mund anstarrte, ehe er einen Fluch ausstieß. Aus der anderen Jackentasche zog sie seine Codekarte.
»Die habe ich Ihnen vorhin entwendet, ohne dass Sie was merkten.« In Wahrheit hatte sie die Schlüssel und die Karte gerade mit einem Bringzauber in ihre Tasche befördert. »Ich sagte doch, dass Diebe Profis sind. Ihnen die Schlüssel abzunehmen ist für die ihre leichteste Übung.«
Morrison stieß scharf die Luft aus. »Ich bin froh, dass Sie auf der Seite des Gesetzes stehen, Miss Tyler. Aber wie zum Teufel hat der Dieb die Alarmanlage ausgeschaltet und es fertig gebracht, nicht auf einer Überwachungskamera zu erscheinen? Die hat nur angezeigt, dass das Manuskript von einer Sekunde auf die andere verschwunden ist. Die Polizei behauptet natürlich, ich hätte die Aufzeichnung manipuliert.«
»Das ist gar nicht mal so falsch, auch wenn nicht Sie der Schuldige waren. Graham, hol mal unseren Laptop aus dem Wagen. Ich werden Ihnen gleich zeigen, wie so was geht, Mr. Morrison.«
»Miss Tyler, Sie werden mir langsam unheimlich. Sie haben Ihre Karriere nicht zufällig als Diebin begonnen?«
Sam lachte. »Nein, ich habe nur mehrere Praktika in diversen Polizeiabteilungen absolviert, um mich mit der Arbeitsweise von Verbrechern vertraut zu machen. Und jetzt zeige ich Ihnen, wie das mit der Kamera gemacht wurde«, fügte sie hinzu, als Graham mit dem Laptop zurückkehrte.
Sie schaltete das Gerät ein und hackte sich gekonnt – und ganz profan – in das Überwachungssystem des Raums ein. In wenigen Minuten hatte sie das Bild auf dem Schirm, das die Kameras an die Aufzeichnungsgeräte übertrugen.
»Und jetzt, Mr. Morrison, nehme ich diese Einstellungen für ein paar Sekunden auf, kopiere sie auf die von mir gewünschte Länge – eine Stunde oder zwei oder einen halben Tag – und speise sie auf demselben Weg wieder in das System ein, auf dem ich mich reingehackt habe. Während die Kameras nur meine Kopie aufzeichnen, begebe ich mich in aller Ruhe zur Vitrine, hole das Manuskript und verschwinde mit meiner Beute. Und auf den Aufzeichnungen sieht es, nachdem meine Einspeisung abgelaufen ist, so aus, als hätte sich die Beute von einer Sekunde auf die andere in Luft aufgelöst. Ich bin mir sicher, der Dieb hatte außerhalb des Gebäudes einen Komplizen, der das mit den Überwachungskameras gedreht hat, während er hier drinnen in aller Ruhe arbeitete.«
Morrison stieß einen Fluch an. »Und der Sicherheitstyp hat behauptet, das System wäre absolut sicher. Ich verklage den Kerl auf Schadenersatz, dass ihm Hören und Sehen vergeht!«
»Lassen Sie uns das Manuskript erst mal wiederbeschaffen, Mr. Morrison. Wenn Sie wünschen, rüste ich Ihnen Ihr System im Anschluss nach. Und ich garantiere Ihnen, dass Ihre Schätze danach wirklich sicher sind – sofern Sie sich eine nicht so leicht zu erratende Kombination für die Schlösser einfallen lassen.«
»Das werde ich. Und ja, es wäre mir sehr recht, wenn Sie das Sicherheitssystem nachrüsten. Egal was es kostet.«
»Was glauben Sie, Sir, warum es der Dieb ausgerechnet auf dieses Stück abgesehen hatte?«, erkundigte sich Graham, der sich ein paar der anderen Exponate angesehen hatte. »Ich kenne mich zwar nicht mit dem Wert dieser Gegenstände aus, aber einige andere hier scheinen mir erheblich wertvoller zu sein.«
»Das sind sie auch. Und als Sammler kann ich Ihnen nur sagen, dass abgesehen von dem materiellen Wert – der wohl nicht der Grund gewesen ist – es meines Erachtens nur noch ein Motiv gibt: Der Dieb ist entweder selbst Sammler, dem gerade dieses Stück noch fehlt, oder er arbeitet für einen Sammler, für den er die Handschrift beschaffen sollte. Ich habe bereits mehrfach Angebote dafür erhalten, die ich allesamt abgelehnt habe. Meine private Sammlung dient nicht als Wertanlage, und ich sammle auch nicht um des Sammelns willen, sondern weil ich die Kunst dieser Manuskript- und Buchmalereien bewundere. Sie im Original zu betrachten, ist ein unvergleichlich schöneres Erlebnis, als ein egal wie gut gemachtes Faksimile anzusehen oder eine verkleinerte Abbildung in einem Buch. Mal davon abgesehen, dass es beides von diesem Manuskript gar nicht gibt.«
Sam konnte sich noch einen dritten Grund für den Diebstahl denken. Wenn die Diener des Schwarzen Feuers versuchen sollten, alle dreizehn Teile des Buches zusammenzutragen, so wäre Morrisons Teil ein Objekt seiner Begierde. Immerhin gab es in diversen alten und weniger alten Büchern, die sich mit Okkultismus und Satanismus beschäftigten, Hinweise auf den Inhalt des Liber artis magicae diabolicae. Schon die Zauber, die darin aufgeschrieben waren, stellten für solche Leute einen größeren Schatz dar als Morrisons ganze Sammlung.
Dass die Diener des Schwarzen Feuers das Manuskript erst jetzt an sich gebracht hatten und nicht schon vor längerer Zeit, deutete darauf hin, dass sie erst kürzlich auf das Geheimnis dieser Schrift gestoßen waren. Da sie im Verborgenen agieren mussten, war auch bei ihnen so manches Wissen im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Sam beschloss, in dieser Richtung intensiver nachzuforschen. Vielleicht gelang es ihr ja, dem Kult mal wieder eine Schlappe beizubringen wie schon ihrer Zelle vor zwei Jahren in New Orleans.
»Sie sagten, dass verschiedene Leute Ihnen ein Angebot für die Schrift gemacht haben. Würden Sie mir bitte eine Liste zusammenstellen? Und auch eine Liste der Gäste, die an dem Abend anwesend waren. Vielleicht hat einer von denen Verbindungen zu einem von den Kaufinteressenten.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen. Wie ich schon sagte, kenne ich die Leute alle schon länger.«
Sam schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln, das in Morrison augenblicklich – und deutlich sichtbar – Lust weckte. Sie ignorierte es. »Die Möglichkeit besteht, dass der mutmaßliche Hintermann genau das ausgenutzt hat. Wie Sie wissen, hat jeder Mensch seinen Preis oder ist manchmal zu vertrauensselig, und niemand ist gegen Versuchungen ganz profaner Art gefeit. Ich vermute mal, dass nicht alle Ihre Gäste enge Freunde von Ihnen sind, für die Sie die Hand ins Feuer legen können.«
Das konnte der Antiquitätenhändler nicht leugnen. »Sie bekommen die Liste, Miss Tyler.«
»Außerdem bitte ich Sie, alle Gäste in den nächsten Tagen noch einmal einzuladen. Bestehen Sie darauf, dass alle kommen. Ich werde mir die Leute ansehen, mit ihnen sprechen und den Dieb entlarven.«
»Indem Sie mit den Leuten reden?« Morrisons Stimme klang höhnisch. »Der Dieb wird Ihnen kaum erzählen, dass er es war.«
Sam lächelte. »Wie Sie vielleicht wissen, kann man anhand der Mimik und Gestik, die ein Mensch unbewusst beim Sprechen macht, ablesen, was er wirklich denkt und fühlt.«
Morrison blickte sie ungläubig an. »Haben Sie zu viel ‚Lie to me’ im Fernsehen gesehen?«
Sam grinste flüchtig. »Nein, aber auch Polizisten werden mittlerweile im FACS – Facial Action Coding System – geschult, weil ihnen das zumindest Hinweise gibt, wann ein Verdächtiger oder Zeuge sie belügt. Auch wenn das keine exakte Wissenschaft ist, erweisen sich solche Kenntnisse in der Regel als sehr nützlich. Konfrontieren Sie einen Verdächtigen damit, dass er lügt, und er wird unsicher. Entlarven Sie jede seiner Lügen unverzüglich, und er gesteht nach einer gewissen Zeit. Nur die abgebrühten Berufsverbrecher lassen sich davon nicht beeindrucken.« Sie sah dem Mann in die Augen. »Also, Mr. Morrison, trommeln Sie Ihre Verdächtigen zusammen, und ich entlarve den Dieb. Falls es tatsächlich einer von ihnen ist.«
Man sah Morrison an, dass er skeptisch war. Aber er wollte sein Manuskript zurück, wofür ihm jedes Mittel recht war. »Okay. Ich sorge dafür, dass sie morgen Abend um neun Uhr alle hier erscheinen.« Er musterte sie und Graham noch einmal von oben bis unten. »Kommen Sie bitte in Abendgarderobe. So etwas besitzen Sie doch?«
»Selbstverständlich«, versicherte Sam in einem Ton, als wäre seine Frage eine Beleidigung.
Morrison ließ die Sache auf sich beruhen und führte sie und Graham zurück in sein Arbeitszimmer, wo er ihnen die Liste der Leute zusammenstellte, die sich für die verschwundene Handschrift interessiert hatten. Anschließend verabschiedeten sie sich von ihm und verließen das Haus. Der Mönch bedachte sie mit finsteren Seitenblicken.
»Spuck’s aus, Graham. Was habe ich in deinen Augen nun schon wieder Verwerfliches getan? Ich bin mir nämlich keiner Schuld bewusst.«
Er schnaubte verächtlich. »Das bist du dir ja nie. Du hast deine Erkenntnisse teilweise mit Magie gewonnen und willst dem Mann jetzt sein Sicherheitssystem nachrüsten, obwohl das völlig in Ordnung ist. Und der verklagt dann auch noch den Lieferanten – völlig ungerechtfertigt. Reichen dir die zwanzigtausend Dollar nicht, die Morrison dir zahlt?«
»Von denen du deinen Anteil als Gehalt bekommst, nur so am Rande bemerkt. Aber nein, sein Sicherheitssystem ist nicht völlig in Ordnung. Dass man sich so leicht ganz profan in die Aufzeichnungen der Überwachungskameras einhacken kann, ist eine Schlamperei, die sein Lieferant tatsächlich zu verantworten hat, falls er ihm das System als ‚völlig hackersicher’ verkauft hat. Aber das kann ich mit einem einfachen Zauber beheben. Wie du bemerkt hast, befinden sich in seiner Sammlung noch andere Handschriften und Bücher, die sich mit okkulten Dingen beschäftigen. Und sein Liber artis magicae diabolicae wurde ihm mit Magie gestohlen. Meine Nachrüstung wird genau das in Zukunft verhindern und auch verhindern, dass Menschen, die die Absicht haben, seine Sammlung zu stehlen oder vielleicht auch zu beschädigen, sein Haus überhaupt betreten können. Für das Ganze berechne ich ihm nur meinen Tagessatz von fünfhundert Dollar.«
Sie sah dem Mönch in die Augen. »Auch Magie ist Arbeit, Graham, geistige Arbeit, die mehr Kraft kostet als es zum Beispiel einen Werbefachmann kostet, sich einen neuen Slogan auszudenken. Dem würdest du ja wohl auch nicht seinen verdienten Lohn dafür verweigern. Und ein Werbefuzzi verdient an einem einzigen Slogan, den er sich an nur einem Tag, vielleicht innerhalb einer halben Stunde ausgedacht hat, erheblich mehr als nur fünfhundert Dollar.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie es aussieht, kann ich absolut nichts tun, ohne von dir verdächtigt zu werden, negative Hintergedanken zu haben. Selbst wenn ich jemandem was Gutes tue, unterstellst du mir Böses. Graham, du bist ein wahrhaft schwieriger Fall.«
Der Mönch quittierte das mit einem ironischen Schnaufen und setzte sich zu Sam in den Wagen. »Gib dir keine Mühe. Was immer du an Gutem tust, tust du doch nur, um mich von deiner angeblichen Harmlosigkeit zu überzeugen.«
Sam seufzte tief, als sie den Wagen startete. »Junge, du bist derart verbohrt, dass mich wundert, dass du deswegen nicht permanente Schmerzen leidest. Hast du tatsächlich immer noch nicht begriffen, dass ich nicht besser oder schlechter bin als jeder Durchschnittsmensch? Jeder menschliche Privatermittler und Security-Spezialist hätte sich in derselben Situation diese Möglichkeit zu einem Zuverdienst nicht entgehen lassen. Hätte ich es getan oder ihm kostenlos angeboten, wäre Morrison mit Sicherheit misstrauisch geworden, weil das für meine Branche völlig untypisch ist.« Sie sah ihm in die Augen. »Was muss ich noch tun, damit du mich wenigstens halbwegs realistisch einschätzt und nicht mehr ausschließlich auf dem Hintergrund deiner Vorurteile?«
Graham errötete. Zwar hatte er während der vergangenen drei Monate, die er gezwungen war, Sam zu dienen, mit eigenen Augen gesehen, dass sie tatsächlich nicht so schlecht und verderblich war, wie er anfangs geglaubt hatte. Doch nach seinem entsetzlichen Erlebnis, bei dem ihn ein Spinnendämon in Gestalt einer wunderschönen Frau beinahe umgebracht hatte, konnte er den Reflex einfach nicht mehr ablegen, in jedem Dämon ein bösartiges Geschöpf zu sehen, das zu nichts Gutem fähig war.
Dabei wusste er es inzwischen besser, denn er hatte Sams Blutsgefährten Axaryn kennengelernt, einen Dämon, der ein Wächter war, ein Kämpfer für das Licht. Er hatte erlebt, wie Sam sich bis zur Erschöpfung verausgabt hatte, um Menschen zu heilen, die von Rattendämonen mit einer tödlichen Krankheit infiziert worden waren. Nicht zuletzt hatte sie auch ihn geheilt, obwohl er versucht hatte, sie umzubringen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie noch keinen Grund gehabt, ihn von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen, sondern hätte ihn sterben lassen können. Und ja, wenn ein menschlicher Ermittler Morrison dasselbe Angebot gemacht hätte, Graham hätte nichts Verwerfliches dabei gefunden. Er hatte Sam schon wieder mal unrecht getan.
»Ich ...« Er räusperte sich verlegen.
»Schon gut. Entschuldigung akzeptiert.« Sie parkte den Wagen aus und fädelte sich in den Verkehr ein. »Wir machen gleich einen Abstecher nach New Orleans. Dort gibt es eine sehr renommierte okkulte Privatbibliothek. Ich werde den Eigentümer mal fragen, ob in letzter Zeit jemand, der auf Morrisons Interessentenliste steht, Bücher eingesehen hat, die Informationen über das Liber artis magicae diabolicae enthalten.«
»Das könntest du auch per Telefon erledigen.« Der Gedanke, wieder auf ihre magische Weise teleportiert zu werden, ließ seinen Magen sich schmerzhaft verkrampfen.
Sam zuckte mit den Schultern. »Aber per Telefon kann ich vor Ort keinen Retrospektionszauber anwenden. Das heißt, den Zauber anwenden kann ich schon. Ich kann nur das Ergebnis nicht durchs Telefon sehen. Also begeben wir uns vor Ort.«
»Mit Magie natürlich.«
»Aber klar doch. Andernfalls wären wir kaum morgen Abend rechtzeitig zu Mr. Morrisons Versammlung der üblichen Verdächtigen zurück. Doch vorher geh dir einen Anzug kaufen.« Sam grinste. »Ich verspreche auch, dass ich brav im Büro bleibe und nichts Böses anstelle in deiner Abwesenheit.«
Der Mönch zog ein finsteres Gesicht. »Ja, mach dich nur lustig über mich.«
»Mit dem allergrößten Vergnügen. Ich habe keineswegs schon vergessen, dass du mich und meine Familie umbringen wolltest. Und seit du bei mir bist, tust du fast nichts anderes, als mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu demonstrieren, dass du mich verachtest für das, was ich bin und mich mit Schimpfworten wie ‚Höllenbrut’ zu bedenken. Du kannst froh sein, dass ich dir mit Humor begegne und mich nur über dich lustig mache. Zur Erinnerung: Gemäß dem Auftrag Sariels hast du mir aufs Wort zu gehorchen und könnte ich von dir verlangen, mir die Füße zu waschen und ähnliche demütigende Dinge. Je öfter du mir deine Verachtung demonstrierst, desto mehr bin ich versucht, dir genau das zu befehlen. Außerdem zahle ich dein Gehalt, von dem dein Kloster den Löwenanteil bekommt. Also solltest du dir vielleicht mal überlegen, ob es klug ist, die Hand zu beißen, die dich gegenwärtig füttert. Und die dir schon zweimal dein Leben gerettet hat.«
Graham errötete. Er konnte nicht leugnen, dass Sam mit ihren Vorwürfen recht hatte und er sich tatsächlich vollkommen undankbar benahm. Aber er brachte es einfach nicht über sich, für die Dämonin etwas anderes als Verachtung und Abneigung zu empfinden. Allerdings sollte er sich tatsächlich etwas Zurückhaltung auferlegen und sich die Beschimpfungen verkneifen.
Sam schüttelte den Kopf. »Ich begleite dich besser. Sonst kaufst du dir noch so ein billiges, schlecht sitzendes Ding von der Stange. Mitkommen!«
Zu Grahams tödlicher Verlegenheit befand er sich eine gute Stunde später im Mittelpunkt des Stabes von Joseph Scafidi’s Custom Tailoring, dem exklusivsten Herrenschneider Clevelands in der 925 Euclid Avenue. Während Sam, die beim Betreten des Shops schlagartig statt ihrer Jeans und Lederjacke einen eleganten und sichtbar maßgeschneiderten Businessanzug trug, sich die Zeit vertrieb, die Zeitung zu lesen und Kaffee zu trinken, wuselten drei Angestellte um Graham herum, nahmen seine Maße und notierten die notwendigen Änderungen, die sie an dem Anzug vornehmen mussten, den er mit Sams Hilfe ausgesucht hatte.
Genau genommen hatte Sam ihn ausgesucht, denn Grahams Erfahrung beim Kauf von Kleidung beschränkte sich tatsächlich auf die Massenware der Discounter. Ein Mönch brauchte schließlich keine Garderobe der Art, wie er sie morgen Abend tragen sollte. Zwar musste er zugeben, dass der Smoking ihm ausgezeichnet stand, aber er fühlte sich darin deplatziert. Doch er musste wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. In jedem Fall war er froh, als er die ermüdende Prozedur endlich hinter sich gebracht hatte und den Laden wieder verlassen konnte, nachdem man ihm zugesichert hatte, den Smoking bis morgen Mittag fertig zu haben.
Nach der Tortur bei Scafidi fuhr Sam mit Graham zu ihrem Haus und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, mit ins Haus zu kommen. Der Mönch gehorchte zögernd und näherte sich wie immer dem unsichtbaren magischen Schutzschild mit äußerster Vorsicht. Das Konstrukt hatte ihm zweimal äußerst schmerzhaft den Zutritt verweigert. Allerdings war das zu einem Zeitpunkt gewesen, als er Sam unbedingt hatte umbringen wollen. Seit er von diesem Vorhaben Abstand genommen hatte, konnte er den Schild problemlos passieren. Allerdings fühlte er sich alles andere als wohl dabei und scheute sich immer noch, einen Fuß in Sams Haus zu setzen. Doch da er nun mal dazu verdonnert worden war, ihr aufs Wort zu gehorchen, blieb ihm nichts anderes übrig.
Sam ließ ihn allerdings gar nicht weiter ins Haus hinein als bis in die Diele, ehe sie ihn schon an der Hand fasste, ihn und sich mit einem Unsichtbarkeitszauber umgab und durch die Dimensionen nach New Orleans sprang.

Die von Sam erwähnte Privatbibliothek befand sich in einem geräumigen Haus im alten Kolonialstil im French Quarter von New Orleans. Obwohl Hurricane Katrina auch in diesem Viertel gewütet hatte, schien das Haus nicht viel davon abbekommen zu haben.
Sam hatte sich und Graham zwanzig Minuten zuvor telefonisch angekündigt, weshalb ein brünetter Mann Ende fünfzig ihnen jetzt mit ausgestreckten Händen und einem strahlenden Lächeln entgegenkam. Sam schüttelte ihm die Hand.
»Miss Tyler! Ich freue mich so, Sie wiederzusehen. Ich habe keineswegs vergessen, was ich Ihnen alles zu verdanken habe.«
»Die Freude ist ganz meinerseits, Mr. Bellamy. Wie ich sehe, geht es Ihnen gut. – Das ist mein Assistent, Graham Winger.«
Henry Bellamy schüttelte auch Graham die Hand und bat sie beide ins Haus. »Weshalb auch immer Sie gekommen sind, Sie müssen unbedingt zuerst einen Tee mit mir trinken. Earl Grey mit Orangenblüten?«
»Ich bestehe darauf«, stimmte Sam lächelnd zu und folgte Bellamy in die geräumige Wohnküche.
Sam hatte dem Ingenieur vor zwei Jahren geholfen, die Attacken von Jacques LeGrand abzuwehren, der hinter dem Grimoire von Marie Laveau her gewesen war, das Bellamys verstorbener Onkel ihm zusammen mit seiner okkulten Bibliothek vererbt hatte. Bei dieser Gelegenheit war LeGrand ihr Todfeind geworden. Sam bereute längst, dass sie in einem Anfall menschlichen Mitgefühls den Bokor nicht sofort getötet, sondern ihm eine zweite Chance gegeben hatte. Obwohl LeGrands Körper längst tot war, lebte seine Seele in einem anderen Körper weiter und hatte nur ein Ziel im Sinn: Sams möglichst grausamen Tod. Leider war LeGrand von der Bildfläche verschwunden, und Sam hatte ihn bis jetzt nicht wieder aufspüren können.
Bellamy bot ihnen Platz an, während er Teewasser aufsetzte. »Ich kann nicht müde werden zu betonen, dass mit Ihnen das Glück in mein Leben getreten ist, Miss Tyler. Natürlich nicht im romantischen Sinn«, fügte er hastig hinzu, als Sam bei dieser Formulierung grinste. »Aber Ihr Vorschlag, die Büchersammlung meines Onkels zu einer der Öffentlichkeit zugänglichen Bibliothek zu machen und damit Geld zu verdienen, hat mir eine berufliche Perspektive eröffnet, auf die ich nie gekommen wäre. Ich verdiene mit den Eintrittsgeldern so viel, dass ich davon leben kann. Und – Wunder über Wunder – es ist noch kein einziges Buch gestohlen oder auch nur beschädigt worden.« Er warf Sam einen nachdenklichen Blick zu. »Ich bin beinahe versucht zu sagen, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht.«
Sam machte ein unschuldiges Gesicht, und Graham musste sich beherrschen, um nicht sarkastisch zu lachen.
Bellamy setzte sich zu ihnen an den Tisch und sah Sam ernst in die Augen. »Miss Tyler, ich habe inzwischen ein paar der Bücher aus der Bibliothek gelesen. Am Anfang dachte ich noch, dass das alles Humbug ist. Aber dann habe ich eine Mambo kennengelernt, eine Voodoo-Priesterin. Sie hat mir Dinge vorgeführt ...« Er unterbrach sich und atmete tief durch. »Kurzum: Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass Magie real ist und dass es Menschen gibt, die sie verdammt gut beherrschen.« Er sah Sam fragend an. »Miss Tyler, sind Sie ... eine Hexe oder so was?«
Sam schmunzelte. »Oder so was«, gab sie zu.
Graham schnaubte verächtlich. »Sie ist ...« Er unterbrach sich und biss sich auf die Lippen. Da Henry Bellamy offensichtlich große Stücke auf Sam hielt, würde er die Behauptung, dass sie eine Dämonin war, wohl kaum glauben.
Sam warf ihm einen amüsierten Blick zu. »Ein Sukkubus«, erklärte sie Bellamy.
»Sukkubus?« Bellamy blickte erst sie, dann Graham ungläubig an, der bestätigend nickte. »Aber Sukkubi sind – Dämonen!«
»Genau das sind wir. Aber wie Sie ja aus Ihrer Erfahrung mit mir wissen, sind wir nicht zwangsläufig böse.«
»Nein, das sind Sie weiß Gott nicht.« Er musterte Sam von oben bis unten. »Ist es wahr? Ernähren Sie sich wirklich von …« Er biss sich auf die Lippen.
»Sex, nicht Seelen«, half Sam ihm und warf Graham einen anzüglichen Blick zu. »Das kann Ihnen sogar Graham bestätigen.«
Der Mönch errötete und empfand eine heiße Wut wegen dieser Unterstellung. »Ich würde dich nicht mal anrühren, wenn …« Er unterbrach sich, als er begriff, was Sam tatsächlich gemeint hatte und errötete noch tiefer. »Eh, ja, das ich kann bestätigen, dass sie kein Seelenfresser ist.«
Henry Bellamy staunte Sam an wie das achte Weltwunder. »Ich kann es nicht fassen! Ich sitze einem leibhaftigen Sukkubus gegenüber, einem Geschöpf aus der Unterwelt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich dachte, alle Sukkubi und Inkubi hätten nur Sex im Sinn.«
Sam lachte. »Keineswegs. Aber einmal am Tag überkommt uns der Hunger. Und Appetit bekommen wir natürlich bei jedem netten Mann.« Sie zwinkerte Bellamy zu, der erneut errötete. »Klienten sind allerdings für mich tabu. Als Privatermittlerin wäre es unseriös und höchst unprofessionell, wenn ich mit meinen männlichen Klienten intim würde. Das ruiniert den guten Ruf in der Branche. Schließlich erfahren die meisten meiner Klienten nie, dass ich kein Mensch bin.«
Bellamy machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. »Ich danke Ihnen sehr für Ihr Vertrauen, Miss Tyler. – Sie haben mir ja noch gar nicht den Grund für Ihren Besuch genannt. Moment, ich hole den Tee.«
Ein paar Minuten später hatte Bellamy ihnen Tee serviert, süßte seinen großzügig mit Honig und blickte Sam erwartungsvoll an. Die Art, wie er das tat, ließ darauf schließen, dass er insgeheim überlegte, wie er Sam am besten in sein Bett bekommen konnte.
Sam reichte ihm die Listen, die Jack Morrison angefertigt hatte. »Mr. Bellamy, Sie führen doch Buch über die Leute, die Ihre Bibliothek heimsuchen. Würden Sie bitte einmal abgleichen, ob sich Namen von einer dieser Listen in Ihrer Besucherdatei befinden?«
»Gern. Aber ginge das nicht viel leichter mit Magie?«
Sam fand es erstaunlich, dass Bellamy in nur zwei Jahren die Existenz von Magie offensichtlich völlig problemlos akzeptiert hatte. Sein Vorschlag zielte allerdings nicht darauf ab, Sam oder sich Zeit zu ersparen. Er wollte gern Magie in Aktion sehen, weil sie ihn faszinierte.
»Ich wende meine magischen Kräfte so wenig wie möglich an. Man weiß nie, wer zufällig in der Nähe ist und das mitbekommt. In dem Fall muss ich zusätzlich noch einen Vergessenszauber anwenden, um das wieder auszubügeln.« Sam grinste. »Aber wenn Sie unbedingt Magie in Aktion sehen wollen, werde ich für Sie eine Ausnahme machen.«
Sie streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment ein dickes Gästebuch darin, das normalerweise in der Bibliothek am Empfangsschalter lag und in das sich jeder Besucher einzutragen hatte. Sam legte es auf den Tisch, die beiden Listen daneben und sprach einen Zauber. Die Wirkung war erstaunlich. Das Buch klappte an einer Stelle auf, und ein dort eingetragener Name leuchtete ebenso auf wie ein Name auf der Liste der Kaufinteressenten. Allerdings waren die beiden Namen nicht identisch.
»Sieh da«, kommentierte Sam. »Da hat jemand einen falschen Namen benutzt. – Aríkunee!«
Der Befehl bewirkte, dass der Name in Bellamys Buch erlosch. Ein feiner, für menschliche Augen kaum sichtbarer Nebel stieg von den immer noch leuchtenden Buchstaben aus Morrisons Liste auf und schwebte eine Weile in der Luft. Sam starrte konzentriert darauf und sah offensichtlich Dinge, die den beiden Menschen verborgen blieben.
»Interessant.« Sam brach den Zauber ab und beförderte das Gästebuch begleitet von einer lässigen Handbewegung wieder in die Bibliothek. Sie tippte auf die Liste. »Der Typ mit dem falschen Namen hat sich genau die Bücher rausgesucht, in denen Informationen stehen, die mit unserem aktuellen Fall zu tun haben.«
»Das hat Ihnen der Zauber verraten?« Bellamy staunte.
Sam nickte lächelnd. »Und noch einiges mehr, das aber der Schweigepflicht unterliegt. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Hilfe, Mr. Bellamy.«
»Sie wollen schon wieder gehen?« Bellamy klang richtig erschrocken und sah seine Hoffnung schwinden, heute noch die Erfahrung zu machen, ob der Sex mit einem Sukkubus wirklich so außergewöhnlich war, wie die Legenden behaupteten.
Sam hob ihre Teetasse. »Nicht ohne vorher den leckeren Tee getrunken und noch eine Weile mit Ihnen geplaudert zu haben, Mr. Bellamy.«
Bellamy lächelte erfreut, wurde aber gleich wieder ernst. »Haben Sie gehört, dass dieser Antiquitätenhändler tot ist, der mir damals so sehr zugesetzt hat? Jacques LeGrand. Er soll wahnsinnig gewesen sein, sich mit schwarzer Magie beschäftigt und sich in einem Anfall geistiger Umnachtung selbst die Kehle durchgeschnitten haben. Außerdem hat man in seinem Keller halb verweste Leichen gefunden. – Oh mein Gott!«
Sam hatte begonnen zufrieden zu grinsen, was Bellamy zu dem richtigen Schluss brachte, dass sie etwas mit LeGrands Tod zu tun hatte.
»Ich hoffe, das erschreckt Sie jetzt nicht, Mr. Bellamy. Das war kein Selbstmord in einem Anfall geistiger Umnachtung. Ich habe ihn hingerichtet, nachdem er mit einem gestohlenen magischen Artefakt unzählige Menschen ermordet hat. Er ist auch für den Tod des Malers Edward Paris verantwortlich, denn bedauerlicherweise ist nur sein Körper tot. Da er einen Pakt mit Guede Nimbo hat, dem Totengott, bekommt er immer wieder einen neuen Körper, in dem er mich heimsucht.« Sam ballte die Fäuste. »Hätte ich ihn gleich damals ins Jenseits befördert, als er Sie bedroht hat, wären mehrere Dutzend Menschen noch am Leben. Aber in einem Anfall menschlicher Großmut habe ich ihm eine zweite Chance gegeben.« Sie warf Graham einen missmutigen Blick zu.
»Oh mein Gott!«, wiederholte Bellamy.
Sam tätschelte beruhigend seinen Arm. »Keine Sorge. LeGrand ist hinter mir her, nicht hinter Ihnen. Ich habe ihn schon zweimal getötet, aber der Kerl lebt immer noch.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn er das nächste Mal wieder auftaucht, stirbt einer von uns beiden endgültig. Aber«, sie grinste flüchtig, »ich sehe zu, dass ich am Leben bleibe. Sie können jedenfalls unbesorgt sein, Mr. Bellamy. Ich habe damals den magischen Schutz um ihr Haus speziell so designed, dass Mr. LeGrand hier nicht rein kommt und auch keiner seiner Spießgesellen. Sie sind also völlig sicher.«
Schließlich würde dieser Schutz überhaupt nichts und niemanden herein lassen, der mit bösen Absichten kam. Das galt ganz besonders auch für LeGrand. Bellamy war erleichtert. Er blickte Sam nachdenklich an.
»Miss Tyler, es geht mich natürlich nichts an, aber warum setzt eine Dämonin sich so sehr für Menschen ein und beschützt sie?«
Sam grinste schief. »Weil ich total aus der Art geschlagen und deswegen das Gespött aller Dämonen bin. Obwohl gegenwärtig kaum noch einer wagt, sich über mich lustig zu machen.« Schließlich war es höchst unklug, sich über Luzifers erwählte Königin zu mokieren. Sam zuckte mit den Schultern. »Die Menschen haben mir ihre Freundschaft geschenkt, einige sogar ihre aufrichtige Liebe. Manche von ihnen taten das, obwohl sie wussten, was ich bin. Ich habe das dämonenuntypische Bedürfnis, ihnen diese Freundlichkeit zu vergelten. Und auf welche Weise könnte ich das besser tun, als sie vor Leuten wie Jacques LeGrand zu bewahren.«
Sam starrte in ihre Teetasse und drehte sie nachdenklich in den Händen. »Es gibt Dinge, Mr. Bellamy, vor denen könnt ihr Menschen euch nicht schützen, wie Sie ja aus eigener Erfahrung wissen. Aber ich kann es. Und da ich euch Menschen mag, tue ich es eben. Anders kann ich das nicht erklären.«
Bellamy legte ihr eine Hand auf den Arm. »Sie sind ein guter ...« Er unterbrach sich und lachte verlegen. »Beinahe hätte ich ‚Mensch’ gesagt. Aber das sind Sie ja nicht. Doch Sie gehören in jedem Fall zu den Guten.«
»Danke, Mr. Bellamy. Und nochmals danke für Ihre Hilfe.«
Bellamy schüttelte den Kopf. »Ich habe ja gar nichts getan außer Ihnen Tee zu kochen. Aber das war mir ein Vergnügen.«
Er blickte Sam sehnsüchtig an, die natürlich genau spürte, wonach ihm der Sinn stand. Da er kein Klient mehr war – warum nicht?
»Graham, ich bin mir sicher, du findest ein paar interessante Bücher in der Bibliothek, mit denen du dir für die nächste Stunde die Zeit vertreiben kannst.«
Der Mönch verstand den Rauswurf und verließ ohne ein Wort die Wohnküche. Wieder war er reflexartig versucht, Sam zu unterstellen, dass sie Bellamy verführte. Das entsprach jedoch nicht der Wahrheit. Der Bibliotheksbesitzer hätte sie am liebsten schon in dem Moment in sein Bett gezerrt, als sie ihm offenbart hatte, dass sie ein Sukkubus war. Er konnte es Sam, die den ganzen Tag noch nichts »gegessen« hatte, nicht verübeln, dass sie sein Angebot annahm. Davon abgesehen, dass er notgedrungen die Zeit totschlagen musste, die sie sich mit Bellamy vergnügte, gehörte ein Aufenthalt in einer Bibliothek zu den Dingen, die er immer sehr genoss. Soweit es ihn betraf, konnte Sam sich ruhig Zeit lassen.
Sam beugte sich über den Tisch zu Bellamy und nahm seine Hand. »Nicht erschrecken, Henry. Ich zeige dir noch ein paar weitere Zauberkunststücke.«
Im nächsten Moment stand sie mit ihm in seinem Schlafzimmer. Bellamy zuckte zwar zusammen, war aber mehr fasziniert als erschrocken.
»Oh!« Er blickte Sam unsicher an. »Aber sagtest du nicht, dass Klienten für dich tabu sind?«
Sie trat auf ihn zu und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. »Aber du bist kein Klient mehr. Und wirst es vielleicht nie wieder sein. Also weiche ich damit nicht von meinen Prinzipien ab.«
Er strich Sam sanft über die Wange. »Ehrlich gesagt, habe ich mir das schon vor zwei Jahren gewünscht.«
»Ich weiß.« Sie ließ ihre Kleidung verschwinden und stand vollkommen nackt vor ihm.
Bellamy blickte sie bewundernd an. Sam spürte deutlich, dass er sich schlagartig schüchtern und verlegen fühlte. Offenbar war er der Meinung, dass ein Mann Ende fünfzig nicht derart lüstern sein sollte, wie er sich jetzt fühlte. Außerdem war er nicht der Sportlichste und schämte sich seiner schlaffen Muskeln und seines kleinen Wohlstandsbäuchleins. Sam nahm ihm seine Unsicherheit, indem sie ihn verführerisch küsste und dabei rückwärts zum Bett zog.
»Ich will dich, Henry«, flüsterte sie ihm zu und zauberte ihm sein Hemd vom Leib.
»Oh!«
Seine Verblüffung wurde ausgeblendet, als Sam ihn umarmte und er ihre warme Haut berührte, was eine Welle von Lust in ihm aufbranden ließ. Sie öffnete seinen Gürtel, zog den Reißverschluss seiner Hose auf und streifte sie ihm über die Hüften. Sie fiel zu Boden, und Bellamy stieg ein wenig ungeschickt aus den Hosenbeinen.
Sam legte sich auf das Bett und lud ihn mit ausgebreiteten Armen ein, zu ihr zu kommen. Er entledigte sich rasch seiner Strümpfe und Unterhose und kroch unter die Decke, die er auch über Sam ausbreitete. Die zögerliche Art, wie er sie gleich darauf in die Arme nahm, erklärte ihr, warum er nicht verheiratet war. Er war Frauen gegenüber ausgesprochen schüchtern, sogar ein bisschen verklemmt und stand auf Kuschelsex unter der Decke. Sam war das recht. Gerade Männer wie er entwickelten eine starke sexuelle Energie, sobald sie den Punkt erreicht hatten, an dem sie ihre Hemmungen über Bord warfen.
Henry Bellamy streichelte und küsste Sam zunächst zurückhaltend. Als sie jedoch jede seiner Zärtlichkeiten intensiv erwiderte und ihm zu verstehen gab, dass sie sich weder an seiner Schüchternheit noch an seinem Bäuchlein störte, sondern Spaß mit ihm haben wollte, wurde er kühner und genoss jede Sekunde ihres Spiels.
Er küsste ihre Brustwarzen und saugte daran, bis sie hart waren wie kleine Kugeln, während Sam sein Gesäß sanft knetete, was seine Erektion noch härter machte. Er streichelte die Innenseiten ihrer Schenkel und schob sie langsam auseinander, liebkoste ihren Schoß und fuhr fort mit endlosen Zärtlichkeiten und Stimulationen, bei denen er zwischendurch immer wieder innehielt, um Sam anzusehen. Dabei machte er ein Gesicht, als könnte er es nicht fassen, dass die wunderschöne Frau in seinen Armen tatsächlich mit ihm in seinem Bett lag und Sex mit ihm hatte.
Schließlich zog Sam ihn über sich und beseitigte mit einer winzigen Dosis Lockmagie seine letzte Scheu. Henry drang dennoch vorsichtig in sie ein und bewegte sich trotz seiner Erregung behutsam in ihr. Selbst als er kurz vor seinem Höhepunkt kräftiger und tief in sie stieß, blieb er zärtlich. Aus dieser Sanftheit zog er einen Teil seiner Befriedigung, wie Sam spürte. Gerade die verursachte ihm schließlich einen lang anhaltenden Orgasmus, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Er drückte Sam innig an sich, als könnte er dadurch die Ekstase noch verlängern und zog sich erst aus ihr zurück, als sein Glied vollkommen erschlafft war.
Er blickte Sam an wie ein Wunder. »Die Legenden sind wahr. Das war das Schönste, was ich jemals erlebt habe.« Verlegen wischte er sich eine Träne aus dem Auge.
Sam strich ihm mit dem Finger über das Gesicht. »Du bist ein wunderbarer Mann, Henry. So sanft und zärtlich wie du sind die Wenigsten. Du solltest dir eine Frau suchen, die du glücklich machen kannst.«
Er lachte leise. Es klang jedoch traurig, beinahe bitter. »Das hätte ich schon längst getan, Sam. Das Problem ist nur, dass ich nicht der Junggeselle des Jahres bin und die Frauen kein Interesse an mir haben. Die, die ich gern näher kennenlernen würde, stehen nicht auf Besitzer von okkulten Bibliotheken im fortgeschrittenen Alter. Erst recht nicht auf solche, die ... nun, lieber erst eine emotionale Beziehung aufbauen, bevor sie mit einer Frau intim werden.« Er lächelte entschuldigend. »Einen Sukkubus ausgenommen. Außerdem wünschen sich die Meisten einen feurigen Liebhaber. Das bin ich nun mal nicht. Meine Zärtlichkeit, die du so schätzt, empfinden sie als langweilig.« Wieder klang seine Stimme bitter.
»Aber irgendwo gibt es garantiert eine Frau, die genauso empfindet. Die okkulte oder überhaupt Bücher liebt und noch sehr viel mehr an einem zärtlichen Mann interessiert ist, der in erster Linie ihren Intellekt und die emotionale Verbindung mit ihr schätzt und sie nicht schnellstmöglich in sein Bett bekommen will.«
Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Aber leider weiß ich nicht, wo ich nach ihr suchen soll. Und du kannst sie wohl kaum herzaubern.«
»Aber klar doch.« Sam klang ungeheuer selbstsicher. Sie richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah Bellamy in die Augen. »Wenn du das wirklich willst, Henry, geht das ganz einfach.«
Er blickte sie ungläubig an. Für einen Moment huschte freudige Hoffnung über sein Gesicht, ehe der traurige Ausdruck sich darauf wieder einnistete. »Das ist ein verlockendes Angebot, Sam, aber ich möchte keine Frau, die mich nur wegen eines Zaubers liebt. Erst recht will ich keine Frau ihres freien Willens berauben.«
»So funktioniert das auch nicht. Ich würde nicht sie, sondern dich mit einem Zauber belegen. Gib eine Kontaktannonce in einer beliebigen Zeitung auf. Der Zauber würde bewirken, dass ein Exemplar der Zeitung unweigerlich in die Hand solcher Frauen gerät, die zu dir passen und die nach genau einem Mann wie dir suchen. Ob sie auf deine Annonce antworten, bleibt nach wie vor deren freie Entscheidung. Ob ihr euch irgendwann trefft, ebenfalls. Und erst recht müsst ihr alles andere selbst erledigen. Der Zauber zieht lediglich die passenden Frauen an und stößt die unpassenden ab. Du könntest also darauf vertrauen, dass du von denjenigen, die sich melden, nicht enttäuscht wirst. Und dass du sie nicht enttäuschen wirst. Alles andere liegt bei dir.«
Er sah sie hoffnungsvoll an. »Das wäre wirklich möglich?«
Sam nickte. »Das wäre mein Dank für die wundervolle Stunde die ich gerade mit dir verbringen durfte.«
Sie spürte seine Sehnsucht und den Schmerz seiner Einsamkeit, den er so oft verdrängte. Henry Bellamy war ein wirklich netter Mensch, und er hatte ihrer Meinung nach ein bisschen persönliches Glück verdient. Seit Nick bei ihr war und sie dadurch ein bis dahin nie gekanntes Glück gefunden hatte, begriff sie erst in vollem Umfang, wie wichtig – oder vielleicht noch wichtiger – eine Partnerschaft, Beziehung oder Ehe für Menschen war, die aus solchen positiven Emotionen im Gegensatz zu Sam ihr seelisches Gleichgewicht schöpften. Da es in ihrer Macht lag, Henry ein solches Glück zu verschaffen – warum nicht, wenn er damit einverstanden war?
»Und dein Zauber würde wirklich niemanden zu etwas zwingen?«, vergewisserte er sich.
»Niemanden. Mein Wort drauf, Henry.«
»Dann ... ja, Sam, das wäre wirklich wunderbar.«
Sie gab ihm einen innigen Kuss, den er ebenso intensiv erwiderte. Anschließend stand sie auf und zog sich wieder an. Henry tat es ihr widerstrebend nach. Bevor sie sein Schlafzimmer verlassen konnte, nahm er sie noch einmal in die Arme.
»Werde ich dich wiedersehen, Sam?«
»Aber klar doch.« Sie strich ihm lächelnd über die Wange. »Denn ich bestehe darauf, zu deiner Hochzeit eingeladen zu werden. Der Zauber ist jetzt aktiv. Sobald du deine Annonce aufgibst, hat deine Einsamkeit ein Ende. Und du kannst darauf vertrauen, dass die Frau, der du am Ende einen Heiratsantrag machst, die Richtige für dich ist. Egal wer sie ist, woher sie kommt, wie alt oder jung sie ist oder ob sie überhaupt ein Mensch ist.« Sie zwinkerte ihm zu.
Er lächelte und gab ihr einen innigen Kuss. »Danke, Sam. Wenn es wirklich so kommt, genügt es nicht, dir nur zu danken. Wenn ich jemals was für dich tun kann ...«
»Melde ich mich bei dir. Und jetzt werde ich erst mal Graham erlösen. Wahrscheinlich hat er das Bedürfnis, dich zu segnen, damit du nicht allzu sehr von meinem höllischen Einfluss kontaminiert wirst.«
Bellamy lachte, sah Sams Vermutung aber ein paar Minuten später bestätigt, als er mit ihr die Bibliothek betrat, wo Graham in einem Buch las und ihn unverzüglich bat, ihn segnen zu dürfen. Er hatte nichts dagegen und verabschiedete die beiden gleich darauf aufs Herzlichste.
Zu Grahams Erstaunen rief Sam ein Taxi und ließ sich zum französischen Friedhof fahren, statt sofort wieder mit ihm nach Cleveland zu verschwinden. Da sie das Taxi danach wegschickte, musste er sie wohl oder übel begleiten. Sie ging zu einem Grabstein, auf dem der Name Edward Paris stand unter dem in den Stein eingelassenen Bild eines sympathisch aussehenden Mannes. Sam stand ein paar Minuten schweigend davor und starrte auf das Bild.
Graham nutzte die Gelegenheit, ein lautloses Gebet für den Toten zu sprechen. Er hatte zu seinen Lebzeiten Kontakt zu der Dämonin gehabt. Da er ein Mann war, handelte es sich dabei kaum um einen rein platonischen Kontakt. Deshalb konnte seine Seele jedes Gebet und jeden Segen gebrauchen, den jemand für sie sprach.
Unvermittelt hielt Sam eine tiefrote Rose in der Hand und legte sie mit einer beinahe zärtlichen Geste auf Edward Paris’ Grabstein. Anschließend sah sie sich um, ob jemand in der Nähe war, der sie beobachten konnte. Da sich niemand außer ihnen hier aufhielt, nahm sie Grahams Hand und sprang durch die Dimensionen zurück in ihr Haus in Cleveland.
Inzwischen war es Abend geworden, und Graham verspürte Hunger. Er wollte sich gern in seinen Wohnwagen zurückziehen und sich etwas zu essen machen. Vorher musste er Sam jedoch noch etwas sagen.
»Ich habe in einem der Bücher gelesen, die sich auch der Mann von Morrisons Liste angesehen hat.«
Sie standen in der Diele, aus der sie sich nach New Orleans teleportiert hatten, und Sam erwartete offensichtlich, dass Graham sofort ihr Haus verließ. »Und?«
»Darin stand, dass das Liber artis magicae diabolicae, wenn es jemals zusammengefügt wird, einen Zauber offenbart, der dem, der ihn ausspricht, endlosen Reichtum und große weltliche Macht verschafft. Ich vermute, dass der Mann dadurch auf die Idee gekommen ist, alle dreizehn Kapitel des Buches zusammenzutragen, um eben das zu erreichen. Falls er es nicht schon vorher wusste und andere Informationen in dem Buch gesucht hat. Du sagtest, die restlichen zwölf Kapitel wären wohl verwahrt. Bist du dir da wirklich sicher?«
Sam zögerte. »Ziemlich sicher. Aber bei dem, was auf dem Spiel steht, falls das Buch tatsächlich so einen Zauber enthält, kann man nicht vorsichtig genug sein.« Sie griff zum Handy und rief Lady Sybilla in Denver an. »Hallo Sybilla. Alles klar bei euch?«
»Nein, Sam. Wir haben gerade eine schwerwiegende Krise. Also wenn du nicht wegen etwas Wichtigem anrufst ...«
»Meinem neuesten Klienten wurde das letzte noch nicht in euren Händen befindliche Originalkapitel des Liber artis magicae diabolicae gestohlen. Ich wollte dir sagen, dass ich dir das Ding bringe, sobald ich es aufgespürt habe und mich bei der Gelegenheit vergewissern, dass die restlichen zwölf Kapitel immer noch in eurem Tresor liegen.«
»Oh Gott, nein!« Sybillas Verzweiflung war deutlich hörbar. »Das gibt eine Katastrophe. Sam, kannst du herkommen? Sofort?«
»Schon unterwegs.«
Sie fasste Grahams Arm und stand im nächsten Moment mit ihm vor dem Gelände des Lotos Institutes. Da das von einem Schutzschild umgeben war, der nur Wächtern erlaubte, ihn mit einem Sprung durch die Dimensionen zu überwinden, musste Sam ihn profan durchschreiten, ehe sie innerhalb seines Bereichs den Weg zu Lady Sybillas Büro mit einem Sprung zurücklegen konnte.
Die Hexe saß mit Axaryn, Vesgyn, Robert Jacobs und Bryce Connlin zusammen und hielt Kriegsrat. Sam stellte ihr, Robert und Bryce Graham kurz vor, ehe sie sich neben Axaryn setzte, der den Arm um ihre Schultern legte. Graham nahm auf Sybillas Geste hin in einem freien Sessel Platz. Sybilla erklärte ihnen, was sich ereignet hatte.
»Wir sind gerade dabei zu eruieren, wie diese Leute an Victor überhaupt herangekommen sind. Er wird kaum von selbst auf den Gedanken gekommen sein, ihnen das Manuskript anzubieten. Vor allem wer die Leute überhaupt sind.«
»Diener des Schwarzen Feuers. Zumindest die Hexe, die das Manuskript meines Klienten gestohlen hat, gehört zu denen. Sie trägt deren Abzeichen.«
»Das haben wir uns schon gedacht.«
»Die Frage, wie die Leute an Victor rangekommen sind, ist jetzt zweitrangig geworden«, meinte Axaryn. »Da sie offenbar alle Teile ihrer Satansbibel haben, und das schon seit Tagen, müssen wir verhindern, dass sie sie zusammenfügen. Falls das nicht schon geschehen ist.«
»Müssten wir in dem Fall nicht schon irgendwas mitbekommen haben?«, überlegte Robert.
Vesgyn schüttelte den Kopf. »Der Masterzauber gehört, ganz gleich wie er ausgeführt wird, nicht zu der Sorte von Zaubern, deren Auswirkungen unmittelbar spürbar wären. Sofern er nicht in unserer Nähe ausgeführt wird oder wurde, bekommen wir davon nichts mit. Du darfst nicht vergessen, dass die Diener des Schwarzen Feuers bis auf wenige Ausnahmen keine angeborenen magischen Kräfte besitzen. Was sie können, bewirken sie durch erlernte Zaubersprüche. Das macht sie aber nicht weniger gefährlich. Jedenfalls stimme ich Axaryn zu, dass wir unverzüglich herausfinden müssen, wo sich das Buch befindet.« Er hielt sich eine Handfläche vor die Augen und sprach einen Zauber darauf, der ihm offenbaren sollte, wo sich das Buch befand und runzelte irritiert die Stirn, als nichts zu sehen war.
Axaryn grinste schadenfroh. Seine Rivalität mit dem Erzpriester von Atlantis hatte sich zwar gelegt, seit Vesgyn endlich seinen inneren Frieden wiedergefunden hatte und in dem Zug auch nicht mehr Axaryn als Konkurrenten um Sams Gunst empfand. Aber kleine Sticheleien und Seitenhiebe waren auf beiden Seiten liebgewonnene Gewohnheiten.
»Sie haben das Buch geschützt. Das war zu erwarten.«
»Ein umgekehrter Suchzauber dürfte den Trick tun«, war Axaryn überzeugt. Er deutete auf die Landkarte der USA, die hinter Lady Sybillas Schreibtisch hing und initiierte den Zauber.
Rasch bedeckte sich die gesamte Karte mit schwarzen Punkten, die jene Orte anzeigten, an denen sich das Buch nicht befand. Und es färbte die gesamte Karte lückenlos schwarz. Demnach befand sich das Buch nicht in den USA. Axaryn wiederholte den Zauber für die Weltkarte, die daneben hing. Mit demselben Ergebnis.
»Kallas Blut! Das ist doch nicht möglich!«
Er ignorierte, dass Vesgyn jetzt ihn schadenfroh angrinste. Wenn ein Suchzauber oder umgekehrter Suchzauber kein Ergebnis brachte, bedeutete das in der Regel, dass das oder der Gesuchte nicht mehr existierte. Da das Liber artis magicae diabolicae aber unzerstörbar war, konnte das nicht sein. Es konnte sich auch nicht in einer anderen Dimension befinden, denn dazu hätten die Diener des Schwarzen Feuers Zugang zu einer solchen haben müssen. Wozu ihre magischen Fähigkeiten aber nicht einmal im Entferntesten ausreichten. Außerdem war es nicht in ihrem Sinn, das Buch in eine andere Dimension zu bringen.
Auch Sam grinste und initiierte einen anderen Zauber. Sekunden später leuchtete über Miami ein roter Punkt auf. Darüber leuchtete die konkrete Adresse auf. »Da ist das Buch. Vollständig. Wir brauchen es nur noch abzuholen.«
»Wie hast du das gemacht?«, verlangte Vesgyn zu wissen. Er konnte kaum fassen, dass ein junger Sukkubus Erfolg hatte, wo er und Axaryn mit ihrer wirklich großen magischen Macht versagt hatten.
»Ich habe den Zauber nicht nach dem Buch suchen lassen, sondern nach der größten Ansammlung von Dienern des Schwarzen Feuers. Wenn ich eins nicht finden kann, suche ich eben nach etwas anderem, das in direkter Verbindung mit ihm steht, wodurch ich jede Magie aushebele, die einen Suchzauber blockiert. Seit LeGrand mir damals meine magischen Kräfte komplett blockieren konnte, beschäftige ich mich den größten Teil meiner Freizeit damit, Mittel und Wege zu finden, wie man Blockaden und Zauber umgehen oder austricksen kann und notfalls auch ohne Magie zum Ziel kommt. Not macht bekanntlich erfinderisch. Wie es aussieht, trägt dieses spezielle Training Früchte.«
Das erklärte Graham die magischen Strömungen, die er oft wahrnahm, wenn Sam sich in ihrem Haus befand. Zwar konnte er nicht fühlen, was genau sie tat, aber dass sie etwas Magisches tat, spürte er. Reflexartig zweifelte er daran, dass Sams Begründung dafür der Wahrheit entsprach. Fairerweise musste er aber zugeben, dass Sams Idee das gewünschte Ergebnis gebracht hatte, ganz gleich wie sie darauf gekommen war.
»Nicht übel für so ein junges Dämönchen.« Axaryn tätschelte ihr mit seiner riesigen Hand den Kopf und riss sie mit einem Fluch zurück, als Sam sie kräftig mit einer magischen Nadel stach.
»Gehen wir also das Buch holen«, entschied Lady Sybilla. »Wir vier«, sie deutete auf Vesgyn, Axaryn und Sam, »sollten ausreichen. Sam, hast du eine Ahnung, mit wie vielen Gegnern wir es zu tun haben?«
Sam schüttelte den Kopf. »Und deshalb werden wir auch Graham mitnehmen. Wie ich ihn kenne, wird er das Schauspiel um nichts in der Welt versäumen sollen.« Sie schenkte dem Mönch ein sarkastisches Lächeln, der sich jede Erwiderung verkniff und nahm seine Hand.
Vesgyn ergriff Sybillas Hand und umgab die Hexe mit einem Schutzzauber, während Sam mit Graham dasselbe tat. Sekunden später sprangen sie und Axaryn durch die Dimensionen dorthin, wo sich die Diener des Schwarzen Feuers versammelten.

Meisterin Paloma Stillwell, die Frau, der Victor Freeman das Liber artis magicae diabolicae in die Hände gespielt hatte, betrat den Raum im Keller ihres Hauses, in dem sie den geheimen Tempel eingerichtet hatte, der der Verehrung Luzifers diente. Endlich war es soweit! Die dreizehn Kapitel des Buches waren vollständig, und die Zeremonie würde in wenigen Minuten beginnen, die den Dienern des Schwarzen Feuers endlich die Macht und den Reichtum verschaffen würde, den der Geheimbund schon vor Jahrhunderten hätte bekommen sollen.
Es war ihr nicht gelungen herauszufinden, warum das Manuskript überhaupt geteilt worden war. Dabei standen ihr als Meisterin und somit dem Oberhaupt der weltweit acht Congregati alle Quellen zur Verfügung. Aber viele waren im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen oder während der Hexenverfolgung vernichtet worden. Der waren auch vier Congregati zum Opfer gefallen. Zwar gab es zahlenmäßig inzwischen weitaus mehr Diener des Schwarzen Feuers als zu den Gründungszeiten des Kults. Die hatten sich jedoch so organisiert, dass es nur eine Congregatio pro Kontinent und Subkontinent gab, die aus mehreren über den jeweiligen Kontinent verteilten Zellen bestand.
Für das Ereignis der heutigen Nacht hatte Meisterin Paloma das Liber artis magicae diabolicae gründlich studiert, damit ihnen bei der Zeremonie kein Fehler unterlief. Dreizehn Oberhäupter der Congregati mussten sie durchführen. Da es nur noch acht Congregati gab, waren diese zusammengekommen und hatten vier ihrer Stellvertreter mitgebracht. Auch Palomas Stellvertreterin würde ein Kapitel und somit einen Teil des Einen Zaubers übernehmen. Während der vergangenen zwei Tage hatten sie sich gründlich auf das Ritual vorbereitet. Die Zeremonie konnte beginnen.
Die anderen warteten bereits im Kellerraum, als Meisterin Paloma eintrat. Der magische Kreis war gezogen und musste nur noch aktiviert werden. Wie jedes Ritual begann auch dieses mit der Anrufung Luzifers und der Darbringung des obligatorischen Blutopfers: dreizehn schwarze Krähen. Anschließend folgte das eigentliche Ritual. Die dreizehn Teilnehmer ritzten sich den Arm und ließen ihr Blut in einen Kelch aus schwarzem Obsidian rinnen. Meisterin Paloma stellte ihn in die Mitte des Pentagramms, das den Mittelpunkt des Kreises bildete.
Danach begannen alle der Reihe nach die Teile des Einen Zaubers vorzulesen. Schon bei den ersten Worten zeigte sich die erhoffte Wirkung. Das Blut im Kelch begann zu brodeln und in die Höhe zu steigen. Mit jedem Teil des Zaubers, der ausgesprochen wurde, stieg es höher und formte sich zu einer stabförmigen Säule, die mit jedem Wort dunkler wurde. Die Diener des Schwarzen Feuers beobachteten sie erwartungsvoll. Der letzte Teil des Zaubers wurde verlesen, und gemeinsam sprachen alle die Schlussformel, die seine Magie aktivierte. Die Blutsäule wurde für einen Moment pechschwarz. Dann explodierte sie förmlich. Doch was sie freigab, war etwas völlig anderes, als die Diener des Schwarzen Feuers erwartet hatten.
Ein Wesen, das wie ein mit grünlicher Haut überzogenes Skelett wirkte und das Gebiss eines Wolfs sowie entsetzlich lange Klauen besaß, funkelte die dreizehn Männer und Frauen mit seinen blutroten Augen bösartig an.
»Narren!«, drang es aus dem Wolfsmaul.
Das Biest stürzte sich knurrend auf den Mann, der ihm am nächsten stand, riss ihm mit seinen Klauen der Länge nach den Bauch auf, dass dessen Eingeweide herausquollen und trennte ihm mit einem gewaltigen Schlag den Kopf ab.
»Dreizehn!«, brüllte es die Satanisten an. »Ihr hättet für diesen Zauber dreizehn Oberhäupter der Congregati sein müssen. Aber fünf von euch sind nur Stellvertreter! Ihr Narren habt den Zauber verfälscht!« Er packte Meisterin Palomas Stellvertreterin und tötete sie ebenso wie den Mann.
Die Überlebenden wandten sich zur Flucht. Vergeblich. Was immer das Ding war, es verstand sich auf Zauber. Ein Wort der Macht verschloss die Kellertür, und das Biest stürzte sich auf den nächsten Mann.
Meisterin Paloma versuchte, es mit Zaubern zu vernichten. Doch die, die ihr in ihrer Todesangst einfielen, zeigten entweder keine Wirkung oder wurden von dem Monster mit Gegenzaubern neutralisiert.
»Wer bist du?«, rief sie verzweifelt in der Hoffnung, dass die Offenbarung seiner wahren Natur ihr den Clou gab, auf welche Weise sie sich wenigstens vor ihm schützen konnte, wenn es ihr schon nicht gelang, es zu vernichten.
»Ich war Meister Matthias, der das Liber artis magicae diabolicae geschrieben hat. Doch statt endlich durch den korrekt vollendeten Zauber erlöst zu werden aus dieser Existenz voll endloser Schmerzen und Höllenqualen, muss ich wegen eurer Dummheit in Ewigkeit weiterleiden!«
Er zog seine Krallen quer durch Meisterin Palomas Gesicht und verwandelte es in eine blutige Masse aus Fleisch und Knochen, ehe er seine Klaue in ihre Brust stieß und ihr das Herz herausriss. Mit einem bösartigen Knurren stürzte er sich auf sein nächstes Opfer.

Sie landeten inmitten eines Chaos aus blutigen Leichen, deren zerfetzte Körperteile in einem Kellerraum teilweise abgetrennt herumlagen. Ein grünhäutiges Skelett mit riesigen Klauen und Wolfsgebiss labte sich an dem herausgerissenen Herzen seines letzten Opfers, das leblos zu seinen Füßen lag.
Lady Sybilla stieß einen wütenden Schrei aus, als sie das Biest erkannte, das ihren Bruder getötet hatte und das durch irgendeinen Höllenzauber immer noch lebte. »Teine!«
Wie bei ihrer ersten Begegnung mit ihm, ging das Monster in Flammen auf. Bevor sie es mit einem Bannzauber in die Hölle zurückschicken konnte, hatte Graham seine Glock gezogen und pumpte die geweihten Silberkugeln des Magazins in den Körper des Dings. Es kreischte auf, wand sich und zerplatzte in unzählige stinkende Teile, als auch Axaryn, Vesgyn und Sam es mit Feuerkugeln und Levinblitzen attackierten. Sekunden später war nichts mehr von ihm übrig.
»Oh Göttin!«, entfuhr es Vesgyn, als er sich umsah.
Sie brauchten nicht nachzusehen, ob noch jemand lebte. Dieses Massaker konnte keiner überstanden haben.
»Das erspart uns einige Unannehmlichkeiten«, stellte Axaryn ungerührt fest und schüttelte den Kopf. »Dass die Menschen es nie lernen, ihre Finger von der dunklen Seite der Magie zu lassen.«
»Das sagt ausgerechnet einer, der als Teil eben dieser dunklen Seite geboren wurde«, stellte Vesgyn süffisant fest.
Lady Sybilla sammelte die verstreuten Blätter des Liber artis magicae diabolicae ein und kümmerte sich nicht darum, dass sie teilweise blutverschmiert waren.
»Es ist vollständig«, stellte sie erleichtert fest. »Alle dreizehn Kapitel mit allen 169 Blättern. Kein einziges fehlt. Endlich haben wir es!«
»Und die Diener des Schwarzen Feuers haben eine kräftige Schlappe erlitten«, ergänzte Sam ungerührt. Sie betrachtete die Gesichter der Toten, besonders der Frauen, soweit sie noch zu erkennen waren und stellte fest, dass die Hexe, die Jack Morrison das Manuskript gestohlen hatte, nicht darunter war. Offenbar gehörte sie nicht zum führenden Kreis des Kults. Sam würde sie morgen Abend in Morrisons Haus dingfest machen.
»Verlassen wir diesen Ort«, schlug Lady Sybilla nach einem letzten Rundblick vor. »Unsere Aufgabe hier ist erfüllt.«
»Was tun wir mit den Leichen?«, fragte Graham.
»Nichts«, stellte Axaryn mitleidlos klar.
»Wir tätigen einen anonymen Anruf bei der Polizei, dass entsetzlicher Lärm aus dem Keller dieses Hauses zu hören ist«, ergänzte Sam. »Danach ist es dann deren undankbare Aufgabe, den Dreck hier wegzuräumen und zu versuchen aufzuklären, was passiert ist. Unnötig zu erwähnen, dass dies einer ihrer unaufgeklärten Fälle bleiben wird.« Sie sah Graham an. »Falls du einen besseren Vorschlag hast: nur heraus damit.«
Der Mönch schüttelte den Kopf. Ihm kam es nur darauf an, dass die Toten, auch wenn sie bekennende Satanisten gewesen waren, ordentlich bestattet und nicht schutzlos der Verwesung und den Ratten preisgegeben wurden, die dieses Festmahl früher oder später entdecken würden.
Sybilla hielt das Manuskript fest an sich gedrückt wie einen Schatz. Sie reichte Vesgyn die Hand. »Gehen wir.«
Vesgyn verschwand mit ihr. Axaryn folgte ihnen. Sam fasste Graham am Arm und sprang mit ihm vor den magischen Schutzschild des Lotos Instituts und nach dessen Durchschreiten in Lady Sybillas Büro.
Die Hexe legte das Manuskript auf den Tisch und seufzte erleichtert. »Wenigstens haben wir jetzt alle dreizehn Teile des Buches zusammen. Da es recht unwahrscheinlich ist, dass wir noch mal einen«, sie zögerte kurz, ehe sie das Kind beim Namen nannte, »Verräter in unseren Reihen haben, dürfte es niemals wieder zu einer Gefahr für die Menschen werden. Außerdem werden wir es künftig in der Hochsicherheitsabteilung lagern, zu der nur Wenige Zugang haben.« Sie strich über den obersten Teil des Manuskripts, das mit rostbraunen Flecken von eingetrocknetem Blut übersät war – das Blut ihres Bruders Angus. »Mir wäre trotzdem wohler, wenn wir es vernichten könnten.«
»Ihr habt, vermute ich, alle euch bekannten Zauber versucht, um den Schutz aufzuheben, der es unzerstörbar macht.«
»Selbstverständlich.«
Sam blickte das Manuskript nachdenklich an. »Ich kenne einen Trick, den ich gern versuchen würde. Wenn er funktioniert, kann das Ding endlich zerstört werden.«
Axaryn lachte. »Und du glaubst, ein junger Sukkubus wie du wüsste einen Zauber, den Jahrtausende alte und erfahrene Leute wie ich und Vesgyn nicht kennen?«
Sam schnitt ihm eine Grimasse. »Alter und Weisheit sind noch lange nicht dasselbe. Und ja, ich wette, dass ich ein paar Tricks kenne, die dir und erst recht Vesgyn völlig unbekannt sein dürften.«
»Ha!«
»Nur zu, Sam, versuch es«, stimmte Lady Sybilla zu.
Sam sammelte ihre Macht in sich und sprach den Zauber aus: »Yainu pátiree, Tagú!«5
Und aus den Buchseiten lösten sich dreizehn wabernde schwarze Schatten, die in die Höhe wuchsen, sich verdichteten und schließlich die Gestalten von über zwei Meter großen menschenähnlichen Wächterdämonen mit mächtigen Muskeln und wolfsartigen Köpfen annahmen.
»Eure Aufgabe ist erfüllt, Wächter«, teile Sam ihnen in Unadru mit. »Ihr könnt gehen. Épta arugiyóni!«, sprach sie die Worte, die einen Wächterdämon aus seinem Pakt erlösten.
Die Dämonen verneigten sich und verschwanden. Axaryn stieß überrascht die Luft aus. »Woher wusstest du das?«
Sam grinste. »Tja, mein Großer, wie schon gesagt, ich kenne eben ein paar Tricks, die selbst einem fünfzehntausendjährigen Erzdämon unbekannt sind.«
Axaryn machte eine obszöne Geste und starrte sie missmutig an.
Sam winkte ab. »Ich und meine Familie haben uns mal an einem solchen Schutzzauber die Zähne ausgebissen. Wir mussten extra in die Vergangenheit reisen, um herauszufinden, wie es Marie Laveau gelungen war, ihr Grimoire unzerstörbar zu machen. Sie hatte einen Wächterdämon verpflichtet, sich mit dem Buch zu verbinden und seinen Körper als Schutz zu benutzen. Wie du weißt, sind Wächterdämonen mit herkömmlichen Mitteln und Zaubern nicht zu zerstören. Da sie sich diesen Zauber aber wohl kaum selbst ausgedacht hat, weil er seinen Ursprung eindeutig in der Unterwelt hat, Marie Laveau aber keine Satanistin war, musste sie ihn irgendwo her haben. Deshalb bestand die Möglichkeit, dass der Erschaffer des Liber artis magicae diabolicae als ein Diener des Schwarzen Feuers ihn kannte.« Sie deutete auf das Buch und nickte Lady Sybilla zu. »Willst du oder soll ich?«
»Ich.« Lady Sybilla deutete auf das Manuskript. »Teine!«
Und der Zauber, der vor 432 Jahren versagt hatte, hüllte das Buch ein und verbrannte es innerhalb von Sekunden zu Asche. Sybilla atmete auf und wischte sich Tränen aus den Augen.
»Mein Bruder ist wegen dieses Buches gestorben«, erklärte sie, als Sam ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter legte. »Danke, Sam. Du ahnst nicht, wie viel es mir bedeutet, dass ich es endlich vernichten konnte.«
»Gern geschehen.« Die Dämonin streckte die Hand aus und hielt Sekunden später ein Manuskript darin, das dem Teil des Liber artis magicae diabolicae, das man Jack Morrison gestohlen hatte, zum Verwechseln ähnlich sah. Genau genommen war es bis auf die Zauber, mit denen das Original versehen war, identisch. Selbst eine wissenschaftliche Untersuchung mit modernsten Mitteln würde dessen Echtheit bestätigen. »Das bringe ich meinem Klienten, der überglücklich sein wird, seinen Schatz zurückzubekommen.«
»Samala.« Axaryns Stimme drückte bereits aus, dass er damit nicht einverstanden war. »Ich darf dich daran erinnern, dass die darin ganz profan geschriebenen Zauber echt sind und funktionieren. Und bei denen handelt es sich nicht um harmlose Fruchtbarkeitszauber oder andere guten Dinge. Sie können jederzeit missbraucht werden, sobald ein Mensch davon überzeugt ist, dass sie tatsächlich funktionieren und sie ausprobiert.«
Sam seufzte tief und schüttelte missbilligend den Kopf. »Axaryn, Axaryn. Du bist mein Blutsgefährte und solltest mich deshalb eigentlich besser kennen als jeder andere. Trotzdem unterschätzt du immer wieder meine Macht.« Sie sah ihn strafend an. »Ich habe die Zauber magisch deaktiviert.« Sie hielt ihm das Manuskript hin. »Probiere irgendeinen davon mit deinen magischen Kräften aus. Solltest du auch nur einen zum Funktionieren bringen, darfst du meinen Hintern ficken und andere dämonische Spielchen mit mir treiben.«
Axaryns Augen glühten begehrlich auf. Er schnappte das Manuskript und arbeitete sich der Reihe nach durch alle Zauber durch. Wie Sam gesagt hatte, funktionierte kein einziger. Missmutig reichte er ihr die Schrift zurück. Sie ging mit aufreizenden Schritten zu ihm und legte ihre Hand auf seinen Schritt, ehe sie sich an ihn presste.
»Ich will mal nicht so sein und dir trotzdem gestatten, meinen Hintern zu beglücken.«
Der Dämon legte die Arme um sie und drückte sie wollüstig an sich. Sam hielt ihn zurück, bevor er mit ihr verschwinden konnte und blickte Graham an. »Ich bin mir sicher, Bart Hobson hat in seiner Küche noch ein paar leckere Reste vom Abendessen für dich. Guten Appetit. Und lass dir Zeit.«
»Sehr viel Zeit«, ergänzte Axaryn grinsend und verschwand mit Sam.
»Ich habe auch Hunger«, stellte Vesgyn fest. »Ich darf dir doch beim Essen Gesellschaft leisten, Graham?«
Der Mönch nickte.
»Kommst du mit, Sybilla?«
Die Hexe schüttelte den Kopf. Sie wollte allein sein. Nachdem alle ihr Büro verlassen hatten, setzte sie sich an ihren Schreibtisch, griff zum Telefon und wählte Gwynals Nummer. Es war zwar erst später Nachmittag, aber er war mit Sicherheit schon wach. Gleich darauf nahm der Vampir den Anruf entgegen.
»My Lady Sybilla, ich freue mich, wieder einmal von Euch zu hören.«
»Und ich freue mich ebenfalls, Eure Stimme zu hören, My Lord Gwynal. Ich habe eine sehr gute Nachricht. Das Liber artis magicae diabolicae ist endlich vernichtet. Dank Sam.« Sybillas Stimme wurde ernst. »Sie ist inzwischen so mächtig geworden, dass ich manchmal ihre Macht fürchte.«
»Das müsst Ihr nicht, Sybilla. Ich sagte Euch doch, dass Ihr Sam vollkommen vertrauen könnt. Sie trägt eine schwere Last durch das, was sie ist. Aber sie wird dadurch nicht brechen. Solange«, Sybilla hörte ihn lächeln, »Ihr sie nicht ständig bedrängt, sich Euch anzuschließen. Ihr kennt sie. Das verleitet sie nur dazu, das Gegenteil zu tun. Doch wie geht es Euch? Braucht Ihr meine Unterstützung?«
Sybilla seufzte. »Wenn Ihr es einrichten könntet, der Tage vorbeizukommen? Ich würde mich freuen, wieder einmal etwas Zeit mit Euch verbringen und auch mich mit Euch beraten zu können.«
»Ich gebe nächste Woche zwei Konzerte in Colorado Springs. Danach komme ich gern zu Euch und bleibe ein paar Tage, wenn es Euch recht ist. Selbstverständlich gebe ich Euch ein privates Konzert mit Dream of the Moonqueen als Einleitung, Hauptteil und Schluss.«
Sybilla lachte leise. »Ich würde zwischendurch auch gern ein paar neuere Kompositionen von Euch hören, Gwynal. Ich freue mich jedenfalls auf Euren Besuch.«
»Erwartet mich übernächsten Montagabend ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. Bis dahin lebt wohl.«
Sybilla legte den Hörer auf. Sie fühlte sich erleichtert, dass die Angelegenheit, um deretwillen sie den Geheimbund der Wächter ins Leben gerufen hatte, endlich erledigt war. Eine Sorge weniger. Eine andere blieb.
Denn der Tag der Großen Entscheidung rückte unaufhaltsam näher.

Sam fuhr mit Graham pünktlich bei Jack Morrisons Haus vor, um das letzte Ende der Angelegenheit aufzulösen. Sie hatte am Vormittag noch ein paar Nachforschungen angestellt und nun auch hieb- und stichfeste Beweise gegen die Diebin, die vor jedem Gericht Bestand hatten.
Graham musste widerwillig zugeben, dass sie in ihrem schulterfreien, smaragdgrünen Abendkleid atemberaubend aussah. Dass sie sich bei ihm unterhakte, gefiel ihm entschieden weniger.
»Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du Abstand hieltest und mich nicht anfasst«, zischte er ihr zu.
»Lächeln, Graham. Das ist rein beruflich. Glaub mir, es macht mir keinen Spaß, dem Mann so nahe zu sein, der mich beinahe umgebracht hätte und der immer noch nur darauf wartet, dass ich ihm einen Grund liefere, das nachzuholen. Sei versichert, dass ich dich loslasse, sobald das unseren Schein nicht mehr stört. Bis dahin: lächeln!«
Jack Morrison empfing sie persönlich im Foyer seines Hauses. Bei Sams Anblick fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf. Er gab ihr einen Handkuss. »Miss Tyler, ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt. Sie sehen bezaubernd – nein, wunderschön aus.«
»Vielen Dank, Mr. Morrison, aber das gehört zum Geschäft. Wie wünschen Sie, dass die Sache abläuft?«
»Ich wünsche, dass Sie den Dieb auf der Stelle entlarven, damit ich ihn der Polizei übergeben kann. Ich möchte den Kerl auf keinen Fall auch nur eine Sekunde länger in meinem Haus haben als nötig.«
»Kein Problem. Führen Sie Ihre Gäste bitte zu Ihrer Schatzkammer, und überlassen Sie den Rest uns. Wir gehen schon mal vor. Die Tür ist abgeschlossen?«
»Selbstverständlich.«
Sam ging mit Graham zum Ausstellungsraum und ließ den Arm des Mönchs los, kaum dass Morrison ihnen den Rücken zugewandt hatte. »Graham, wenn alle Leute sich in Mr. Morrisons Arbeitszimmer befinden, stellst du dich vor die Tür und lässt niemanden raus. Die Diebin wird zu fliehen versuchen, sobald ich sie entlarvt habe. Du wirst sie daran hindern.« Sie schnitt ihm eine Grimasse. »Wie ich aus Erfahrung weiß, hast du ja kein Problem damit, gegen ein weibliches Wesen Gewalt anzuwenden.«
Graham errötete, verkniff sich aber eine Erwiderung.
Wenig später führte Morrison seine Gäste zu ihnen. Die Männer starrten Sam ebenso lüstern an, wie Morrison das getan hatte. Manch einem war anzusehen, dass er die Dämonin im Geist bis auf die Haut auszog und ins nächstbeste Bett zerrte – oder in eine Besenkammer. Morrison stellte sich neben sie, und Graham blockierte den Ausgang.
»Ladies und Gentlemen, ich mache es kurz. Miss Tyler und Mr. Winger sind Privatermittler, die ich damit beauftragt habe herauszufinden, wer von Ihnen mir bei Ihrem letzten Besuch eine wertvolle Handschrift gestohlen hat. Miss Tyler wird die Person entlarven.«
Bevor der Sturm der Entrüstung darüber losbrechen konnte, dass Morrison die honorigen Anwesenden verdächtigte, übernahm Sam die Regie.
»Ich werden Ihnen vorführen, wie der Dieb vorgegangen ist. Zunächst hat er beobachtet, welche Kombination Mr. Morrison in dieses Schloss eingibt, um die Tür zu öffnen, als er Ihnen seine Ausstellung gezeigt hat.« Sie deutete auf das elektronische Schloss an der Tür des Ausstellungsraums. »Nach dem Verlassen des Raums, hat er ihm die Codekarte und die Vitrinenschlüssel aus der Tasche gestohlen.«
Sam ging einmal um Morrison herum, ohne ihn dabei sichtbar zu berühren, und hielt anschließend die Gegenstände hoch. Ein überraschtes Raunen ging durch die Anwesenden. Lediglich die Diebin, die in ein rotes Cocktailkleid gekleidet in der Menge stand, verzog nur verächtlich die Lippen.
»Ein einfacher Taschenspielertrick«, erklärte Sam. Sie zog die Karte durch den Leseschlitz, gab die Kombination ein, und die Tür wurde entriegelt. Sie bedeutete den Gästen, ihr in den Ausstellungsraum zu folgen. »Mr. Morrisons Kombination für die Vitrinen war relativ leicht zu erraten. Ich schätze, dass der Dieb nicht mehr als höchstens drei Versuche gebraucht hat.« Sie öffnete die Vitrine, in der das Manuskript gelegen hatte, ohne dass der Alarm ausgelöst wurde und schloss sie wieder. »Der Dieb hatte noch einen Komplizen außerhalb des Gebäudes, der sich in die Aufzeichnungen der Überwachungskameras gehackt hat und den elektronischen Augen einen menschenleeren Raum vorgaukelte, bis der Dieb mit seiner Beute längst über alle Berge war. Da der Handschuhe trug, gab es keine Fingerabdrücke. Nach dem Diebstahl hat er Mr. Morrison Schlüssel und Codekarte auf dieselbe Weise zurückgegeben, wie er sie ihm entwendet hatte.« Sam umkreiste Morrison noch einmal. »Würden Sie bitte in Ihren Taschen nachsehen, Sir?«
Morrison zog die Gegenstände aus seiner Tasche.
»Gut, Sie haben uns jetzt demonstriert, auf welche Weise das Manuskript gestohlen wurde«, sagte ein älterer Mann. »Wenn es aber keine Spuren gibt, wie wollen Sie da herausfinden, wer der Dieb war?«
»Das habe ich schon.« Sam deutete auf die Frau im roten Kleid. »Sie war es.«
Die Frau blickte Sam für einen Moment erschrocken an, ehe sie verächtlich lachte. »Das ist ja lächerlich.«
Ihr Begleiter legte schützend einen Arm um ihre Taille. »Dem kann ich nur zustimmen. Haben Sie Beweise?«
Sam nickte ungerührt. »Zunächst einmal hat sich die Dame gerade selbst verraten. Sie alle haben mir fasziniert zugesehen und zugehört. Sie nicht, da sie bereits wusste, auf welche Weise das Manuskript gestohlen wurde. Darüber hinaus haben wir eine Verbindung von ihr zu einem Mann nachgewiesen, der Mr. Morrison ein Kaufangebot gemacht hatte.«
»Das ist weder verboten noch ein Beweis für meine angebliche Schuld«, zischte die Frau.
Sam lächelte liebenswürdig. »Das nicht. Aber in unserer schönen Stadt gibt es an jeder Straßenecke Überwachungskameras. Mit meinen guten Beziehungen zur Polizei konnte ich auf denen Ihre Spur verfolgen, von dem Moment an, wo Sie am Tag des Diebstahls dieses Haus verlassen haben bis zu dem, an dem Sie schnurstracks zur nächsten FedEx-Zentrale fuhren und dort eine hoch versicherte Briefsendung aufgaben. Natürlich haben wir den Empfänger ausfindig gemacht, und raten Sie, was die Polizei bei ihm gefunden hat.«
Letzteres war zwar ein Bluff, aber die Frau fiel darauf herein. Sie starrte Sam für einen Moment erschrocken an, ehe sie ihr Heil in der Flucht suchte. Sie glaubte, Graham, der ihr den Weg versperrte, mit ihren Hexentricks leicht überwinden zu können. Sie deutete mit dem Finger auf ihn und murmelte einen Zauberspruch, der jeden normalen Menschen ausgeknockt hätte. Doch Graham war ein Defensor und gegen solche einfachen Zauber immun. Ehe die Frau sich von ihrer Überraschung erholt hatte, dass ihr Zauber versagte, hatte er sie mit einem Polizeigriff in die Knie gezwungen und legte ihr Handschellen an. Sam wirkte einen Zauber, der die ohnehin nur geringen magischen Kräfte der Hexe blockierte. Anschließend setzte sie sie auf einen Stuhl in Morrisons Arbeitszimmer.
»Sie habe mir nicht gesagt, dass die Polizei die Handschrift gefunden hat«, beschwerte sich der Antiquitätenhändler.
»Das habe ich mir als Überraschung aufgehoben. Graham!«
Der Mönch ging zum Wagen und kehrte gleich darauf mit einem Dokumentenkoffer zurück, den er Morrison reichte. Er öffnete ihn und nahm mit einem ehrfürchtigen Ausruf das Manuskript heraus. Er untersuchte es auf der Stelle. Als er sich von seiner Echtheit überzeugt hatte, blickte er Sam mit einem Ausdruck tiefster Dankbarkeit an, die inzwischen die Polizei angerufen hatte.
»Ladies und Gentlemen, sollten Sie mal einen fähigen Privatermittler benötigen, so kann ich Ihnen Miss Tyler nur wärmstens empfehlen. Sie hat geschafft, woran sogar die Polizei mit ihren professionellen Ermittlungsmethoden gescheitert ist.«
»Das ist mein Job, Mr. Morrison.« Dennoch ließ es sich Sam nicht nehmen, ihre Visitenkarten unter den Anwesenden zu verteilen. »Wenn Sie erlauben, installiere ich gleich das Update Ihrer Überwachungskameras. Danach kann sich niemand wieder darin einhacken.«
»Tun Sie das«, stimmte Morrison zu und legte das Manuskript liebevoll in seine Vitrine zurück.
Als wenig später die Polizei eintraf und die Diebin verhaftete, verließen Sam und Graham das Haus.
»Also, Graham, wie lautet dein vernichtendes Urteil über meine Aktionen in dieser Angelegenheit?«
»Kein Kommentar.« Der Mönch hatte nicht vor, sich wieder einmal ihrem Spott auszusetzen.
»Die Frage war ernst gemeint. Gibt es irgendwas, das ich deiner Meinung nach nicht hätte tun dürfen oder besser machen können?« Sie stieß ihn am Arm an, als er schwieg. »Du bist ein Mensch, Graham. Du kannst mir Dinge über euch Menschen erklären, die ich übersehe. Also, habe ich irgendwas getan, das ein Mensch niemals so hätte tun können oder dürfen?«
Er atmete tief durch. »Nein. Abgesehen von deinen Zaubertricks, die aber auch ein guter Taschendieb zustande gebracht haben könnte, hast du dich ...«, er räusperte sich, »hast du nichts getan, was Aufmerksamkeit erregt hätte.«
»Und ich habe auch nichts getan, was irgendjemandem schaden könnte?«
»Nein.« Im Gegenteil hatte sie eine der gefährlichsten magischen Schriften vernichtet und die Zauber der Kopie entschärft, die sie Morrison gegeben hatte. »Du hast dich vollkommen korrekt verhalten. Was mache ich mit dem Anzug?«, wechselte er das Thema. »Ich werde ihn nie wieder brauchen.«
»Das kannst du nicht wissen. Dein Dienst bei mir ist noch lange nicht um, und Morrison ist nicht der erste und bestimmt nicht der letzte meiner Klienten aus der Oberschicht. Kann sein, dass er noch mal ganz nützlich ist. Spätestens«, sie zwinkerte ihm lächelnd zu, »wenn Henry Bellamy uns in absehbarer Zeit zu seiner Hochzeit einlädt.«

Sechs Monate später
Sam kehrte mit Graham von einem langwierigen Auftrag zurück, der sie bis nach Florida geführt hatte und freute sich auf einen Tag Ruhe. Als Dämonin brauchte sie die zwar nicht annähernd so oft oder intensiv wie ein Mensch und konnte, wenn es sein musste, an die zwei Wochen ohne Schlaf auskommen. Doch einmal nichts tun zu müssen und sich einen Tag lang nur so wunderbaren Dingen wie einem heißen Bad und Massagen durch ein paar Dienergeister widmen zu können, war eine verlockende Aussicht.
Sie schloss die Tür ihres Hauses auf und wusste sofort, dass Nick zurück war. Die letzten zwei Wochen hatte er wieder einmal im Wald verbracht, um seine Wolfsnatur auszuleben. Jetzt saß er im Wohnzimmer in seinem Lieblingssessel und las den Plain Dealer. Sam ließ ihm kaum genug Zeit, die Zeitung zur Seite zu legen, als sie auch schon rittlings auf seinem Schoß saß und ihn wild küsste. Nick legte die Arme um sie und erwiderte ihren Kuss hungrig. So notwendig die regelmäßige vorübergehende Trennung auch war, die anschließende Wiedervereinigung war umso herrlicher.
Das Klingeln des Telefons ließ sie in Russisch und Unadru fluchend zusammenfahren.
»Lass es klingeln«, schlug Nick vor, hielt sie umfangen und saugte durch den Stoff ihrer Bluse aufreizend an ihrer Brustwarze.
Sam starrte einen Moment ins Leere, ehe sie seinen Kopf sanft zurückschob. »Das ist ein Notfall.« Sie beförderte das Telefon mit einem Bringzauber in ihre Hand. »Kevin, was ist passiert?«.
»Ronan wurde verhaftet, Sam. Er soll mehrere Morde begangen haben. Und er weigert sich standhaft, auch nur ein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen. Er will nicht mal mit mir reden. Könnt ihr seine Kinder aufnehmen, bevor sie der Fürsorge in die Klauen fallen? Außerdem engagiere ich euch in ihrem Namen herauszufinden, was da wirklich mit ihrem oder durch ihren Vater passiert ist. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Wenn ihr nichts findet, das seine Unschuld beweist, droht ihm die Todesstrafe ...«
Ende

Fussnoten:
1 (lat.) Zusammenschlüsse, Versammlungen
2 gälisch »Feuer«
3 die irische Stadt Armagh
4 Schlangendämon aus der Mythologie der Cherokee, Choktaw und Cree
5 Zeige dich, Wächter!
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Im nächsten Roman:
Lieutenant Ronan Kerry unter Mordverdacht! Sam ist von der Unschuld ihres Freundes überzeugt, doch sie spürt, dass er den wahren Mörder kennt. Aber er schweigt. Als sie herausfindet, dass alle Ermordeten weitläufig mit Ronan verwandt sind, muss er ihr den alten Druidenfluch offenbaren, der seit Jahrhunderten auf dem Geschlecht der Kerrys liegt und der erst endet, wenn der letzte männliche Kerry tot ist: Ronan. Für Sam beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um ein Mittel zu finden, den Fluch zu brechen, bevor Ronan ihm zum Opfer fällt. Doch der alte Zauber der Druiden erweist sich als resistent gegen Sams magische Macht. Gibt es noch Rettung für Ronan Kerry, oder wird Sam tatsächlich ihren besten Freund verlieren?
»Druidenfluch« erscheint in doppelter Jubiläumslänge am 05. Juni 2011 exklusiv im »Geisterspiegel«.
Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Satansbibeln und Hexenbibeln
sind die zwei Seiten derselben Münze, wobei der Wortteil »-bibel« natürlich nichts mit der christlichen Bibel zu tun hat, sondern nur in seiner wörtlichen Übersetzung (aus dem Griechischen) gebraucht wird, die nichts anderes als »Buch« bedeutet. Bei beiden handelt es sich um Grimoire, also Bücher bzw. handschriftliche Notizen, in denen einzelne Magier und Hexen ihre Zaubersprüche, Ritualabläufe, Rezepte für Zaubertränke etc. niedergeschrieben haben. Der einzige Unterschied liegt in der moralischen Ausrichtung der jeweiligen Autoren. Die Satansbibeln wurden/werden von Satanisten geschrieben und enthalten daher allerlei Schadenszauber, die Hexenbibeln von Anhänger/-innen des Hexentums (Wicca, Naturreligion, neuen Heiden etc.) und enthalten Heilrezepte, Schutzzauber etc. Bei manchen dieser (Notiz-)Bücher sind die inhaltlichen Grenzen zwischen Schadenszaubern und positiver Magie jedoch fließend.
Quellen: diverse
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