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Band 13 - Rattenbrut

Saul Fisher öffnete die Tür seines Hauses, schaltete das Licht ein und ließ der attraktiven Frau, die er gerade in einer Bar kennengelernt hatte, den Vortritt. Die Schöne warf einen Blick in die Runde.
»Wow!«, entfuhr es ihr beim Anblick des Marmorfußbodens und der breiten, halb gewendelten Treppe, die ins Obergeschoss führte. »Das ist ja ein Palast!«
Saul grinste zufrieden. »Warte ab, bis du das Schlafzimmer siehst«, prophezeite er und deutete zur Treppe. »Erste Tür rechts. Geh schon mal vor. Ich besorge uns nur noch was zu trinken.«
Die blonde Schönheit ging mit einem erwartungsvollen Lächeln nach oben. Saul sah ihr nach und fühlte, wie beim Anblick ihrer geschmeidigen Bewegungen sein Penis hart wurde. Das versprach eine wahrhaft denkwürdige Nacht zu werden.
Er beeilte sich, in den Keller zu kommen, wo er seine Weinvorräte lagerte. Ein spritziger Champagner bester Qualität, den er aus ihrem Bauchnabel zu schlürfen gedachte, würde für die richtige Stimmung sorgen. Er knurrte ungehalten, als er feststellte, dass das Licht im Keller nicht funktionierte. Doch darum würde er sich später kümmern. Für solche Fälle hatte er eine Taschenlampe direkt neben der Treppe auf einem kleinen Tisch deponiert und griff danach. Wenigstens die funktionierte.
Saul leuchtete in den Gang, der zum Weinkeller führte, und stieß einen halb erschreckten, halb wütenden Ruf aus. Im Lichtkegel der Taschenlampe hockte die wohl fetteste und größte Ratte, die er je gesehen hatte. Mitten auf dem Gang, als wäre sie hier zu Hause. Saul fragte sich, wie die wohl hereingekommen sein mochte. Als er das Haus vor Jahren gekauft hatte und renovieren ließ, hatte er großen Wert darauf gelegt, dass alles vorbildlich abgedichtet und isoliert wurde, um Ungeziefer und erst recht Ratten kein Schlupfloch zu bieten, durch das sie ins Haus gelangen konnten. Woher also war dieses Riesenbiest gekommen?
Er sah sich nach einem Besen oder etwas anderem um, mit dem er das Vieh erschlagen konnte, und zuckte zusammen, als er von oben den gellenden Schrei seiner neuesten Eroberung hörte. Mit einem Fluch verschob er die Rattenhinrichtung auf später und rannte hinauf ins Schlafzimmer. Als er dessen Tür aufriss, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Die Frau stand auf dem Bett und hatte den Rücken gegen die Wand gepresst. Im Halbkreis vor dem Bett hatte sich eine Phalanx von mindestens dreißig schwarzen Ratten versammelt, die sich mit langsamen Schritten auf sie zu bewegten.
Die Frau schrie erneut. »Tu doch was, Saul! Wo kommen diese verdammten Biester her?«
Das fragte sich Saul Fisher allerdings auch. Eine Ratte im Haus ließ sich vielleicht noch erklären. Aber dreißig? Noch dazu von einer Art, die größer war als jede Haus-, Kanal-, Wald- oder Bisamratte, von der Saul je gehört hatte. Und dass Ratten rote Augen besaßen, sofern sie keine Albinos waren, hatte er auch noch nie gehört. Doch die Augen dieser Ratten glühten regelrecht, wie er feststellte, als sich jetzt ein Teil von ihnen geschlossen ihm selbst zuwandte.
Sauls Verstand weigerte sich zu glauben, was er sah, doch in den Augen dieser ... Wesen stand eine Intelligenz, über die nicht einmal die klügste Ratte verfügen konnte. Neben etwas anderem, das ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte: Mordlust. Saul begriff, dass er und die Frau in Lebensgefahr schwebten, und sprang zum Nachttisch, in dessen Schublade er einen Revolver deponiert hatte. Natürlich reichten sechs Kugeln nicht aus, um über dreißig Ratten zu töten. Doch mit etwas Glück fielen die anderen über ihre toten Kameraden her und gaben ihm und der Frau dadurch die Gelegenheit zur Flucht.
Er riss die Schublade auf und griff hinein. Ein scharfer Schmerz durchfuhr seine Hand, und er schrie auf. Eine Ratte hatte ihn regelrecht angesprungen und sich in seine Hand verbissen. Es brannte höllisch. Saul schüttelte instinktiv die Hand, um das Biest loszuwerden. Doch die Ratte hing mit ihrem ganzen Gewicht an ihm und ließ nicht locker. Ehe er versuchen konnte, das Vieh an der Wand zu erschlagen, verbiss sich eine zweite Ratte in seinen Arm. Eine dritte biss ihn ins Bein, eine vierte in die Ferse und durchtrennte die Achillessehne.
Saul brüllte auf und stürzte. Schon waren weitere Ratten heran, bissen zu und begannen, große Stücke Fleisch aus seinem Körper zu reißen. Er nahm nicht mehr wahr, dass seine Begleiterin inzwischen versucht hatte, aus dem Zimmer zu kommen und ebenfalls von den Ratten zu Fall gebracht worden war. Ihre schrillen Schreie mischten sich mit seinen eigenen, als immer mehr Ratten aus dem Nichts zu kommen schienen und sich auf die beiden Menschen stürzten.
Bevor der Schmerz der unzähligen Bisse ihm endlich das Bewusstsein raubte, glaubte er noch zu sehen, wie sich die größte Ratte in einen Mann mit glühend roten Augen verwandelte, der bösartig lächelnd auf ihn herab sah.
»Dein Haus gehört jetzt uns, Mensch«, glaubte er ihn sagen zu hören.
Dann umarmte ihn gnädig der Tod.

Zwei Wochen zuvor

Tai’Samala betrachtete ihre Tochter Danaya stumm. Die junge Dämonin, die zwar bereits den Körper und den Verstand einer erwachsenen Frau besaß, trotzdem aber erst zwei Jahre alt war, lächelte sie gewinnend an in einer Weise, die unwiderstehlich auf jeden Mann wirkte. Und auf die Liebe einer Mutter. Sam fühlte, wie sie sich unwillkürlich wünschte alles zu tun, um Danaya möglichst oft und am liebsten immer so lächeln zu lassen – mit anderen Worten: glücklich zu sein.
Sie saß mit ihr zusammen an einem sonnenbeschienenen See in der Unterwelt, an dem sie sich oft trafen; nicht nur weil dieser Ort ein neutrales Gebiet war, das von keinem Dämon als Territorium beansprucht wurde, sondern auch, weil die Umgebung manchen Gegenden auf der Erde ähnelte. Die meisten Bewohner der Unterwelt bevorzugten Umgebungen, die ihren Bedürfnissen entsprachen und vor allem in Dunkelheit getaucht waren; wenigstens für die meiste Zeit des unterweltlichen Tages. Menschenähnliche Dämonen wie Sukkubi, zu denen Sam und Danaya gehörten, fühlten sich hier jedoch wohl.
Dennoch konnte Sam nicht glauben, dass das der Grund war, weshalb ihre – und Luzifers – Tochter sich weigerte, Sam wenigstens vorübergehend in der Welt der Menschen zu besuchen, wenn schon nicht mit ihrer Mutter zusammen in ihr zu leben. Nein, sie wusste, dass etwas ganz anderes dahinter steckte, und das machte sie nicht nur unglaublich traurig, sondern verursachte ihr auch bis zu einem gewissen Grad Schuldgefühle. Wieder einmal verfluchte sie die Tatsache, dass sie mit menschlichen Gefühlen geschlagen war. Wäre ihr Danaya weitgehend gleichgültig, wie es eigentlich bei ihrer Art üblich war, so wäre die Sache für sie leichter zu ertragen gewesen.
Danayas Gesicht nahm jetzt einen bekümmerten Ausdruck an. »Kannst du mich denn nicht verstehen, Mutter?« Sie umfasste die Umgebung mit einer ausholenden Handbewegung. »Ich habe hier alles, was ich nicht nur brauche, sondern was ich mir nur wünschen kann. Ich bin die Prinzessin der Unterwelt. Was wäre ich in der Menschenwelt? Ein Nichts.«
»Du wärst auch dort meine Tochter, die ich liebe, Danaya. Und in meinem Haus kannst du dir magisch dein eigenes Reich erschaffen so wie hier.«
Danaya schnaufte verächtlich. »Ja, mit einem Haufen Homunkuli oder Daimunkuli als Bewohnern. Doch die sind nicht echt, nur magische Konstrukte. Und sobald ich aus dem Haus ginge, müsste ich mich als minderjähriges Mädchen tarnen. Da die Menschen dich für eine einunddreißigjährige Frau halten, kann ich nach ihren Maßstäben als deine Tochter unmöglich älter als sechzehn, höchstens siebzehn sein. Ich habe die Menschenwelt in der Orakelschale oft und lange beobachtet.« Sie verzog das Gesicht. »Sechzehnjährige müssen zur Schule gehen – jeden Tag – und sind Beschränkungen unterworfen, die einfach grausam sind.«
Sam schmunzelte. Nach ihrer Erfahrung mit ausgebüxten Teenagern, die gerade in diesem Alter von zuhause wegliefen, weil sie eben diese Beschränkungen nicht mehr zu ertragen meinten, würden die Danaya uneingeschränkt zustimmen.
Die junge Dämonin schüttelte jetzt nachdrücklich den Kopf. »Ich kann dort nicht leben, Mutter. Allein der Gedanke ist schrecklich.«
Sam musste ihrer Tochter insofern widerwillig recht geben, dass Danaya am Anfang tatsächlich erhebliche Schwierigkeiten unter den Menschen hätte. Sie durfte in ihrer Gegenwart keine Magie anwenden, durfte sie nicht herumkommandieren, wie sie das mit ihren dämonischen Untertanen tat, musste zur Schule gehen, lernen, Klausuren schreiben und ihren Frust auf keinen Fall ausdrücken, indem sie das, was sie frustrierte, mit magischen Feuerbällen in Flammen aufgehen oder einfach verschwinden ließ. Ja, Danaya hätte riesige Probleme in der Anfangszeit, bis sie sich daran gewöhnt hätte.
Und das war Sams Schuld. Sie hätte längst mit allem Nachdruck darauf bestehen müssen, dass Danaya zu ihr zog. Allerdings gab sie sich diesbezüglich keinen Illusionen hin. Abgesehen davon, dass sie ihre Tochter nicht zwingen konnte, hätte Luzifer das niemals erlaubt, weil das nicht in seine Pläne passte. Sam hätte Danaya zu einem viel früheren Zeitpunkt vielleicht beeinflussen können, wenn sie sich mehr um sie gekümmert hätte. Doch sie hatte es lange Zeit nicht über sich bringen können, ihre Tochter überhaupt zu sehen. Wann immer sie mit ihr zusammen war, wurde sie daran erinnert, dass Luzifer ihr Vater war und dass er für Scott Parkers Tod verantwortlich war.
Sams Verlobter war von dem Dämon Káshnarokk getötet worden, den Luzifer unsterblich und unverwundbar gemacht hatte, damit er vor zehntausend Jahren Atlantis vernichten konnte. Ohne diese Unzerstörbarkeit hätten Sam und ihre Verbündeten Káshnarokk vernichten können, und Scott wäre noch am Leben. Dazu kam, dass Luzifers menschliche »Diener des Schwarzen Feuers«, eine weltweit operierende Satanistengruppe, Káshnarokk aus seinem magischen Gefängnis befreit hatten, in dem er für alle Zeiten hätte eingesperrt bleiben sollen.
Wie man es auch drehte und wendete, Luzifer war in letzter Konsequenz ursächlich für die Katastrophe verantwortlich, die unzählige Menschen das Leben gekostet und ganze Landstriche zerstört hatte, in denen der Dämon wütete. Abgesehen davon, dass Sam monatelang am Boden zerstört gewesen war und Scotts Verlust sie beinahe in den Selbstmord getrieben hatte, war sie danach lange Zeit nicht in der Lage gewesen, Danaya zu sehen, weil sie Luzifers Tochter war. In dieser Zeit war die junge Dämonin natürlich noch weiter in das Leben als Prinzessin der Unterwelt hineingewachsen.
Vielleicht hätte Sam damals in ihr so viel Liebe zu ihrer Mutter wecken können, dass sie sich deshalb entschieden hätte, bei ihr in der Menschenwelt zu leben. Doch dieser Zeitpunkt war vorüber – wahrscheinlich unwiederbringlich. Natürlich hatte Danaya ihre Mutter gern. Ihr oberstes Bestreben galt jedoch dem Ziel, Sam zu bewegen, ihrerseits in die Unterwelt umzusiedeln. Oder sich doch zumindest den Mächten der Finsternis anzuschließen.
Sie umarmte Sam jetzt und schmiegte sich an sie. »Warum bleibst du nicht bei mir, Mutter?«, fragte sie mit einschmeichelnder Stimme. »Du bist doch auch hier geboren und hast sechzig Jahre hier gelebt. Was kann die Welt der Menschen dir schon geben? Was können die Menschen dir geben? Du musst deine magischen Kräfte vor ihnen verbergen und diesbezüglich wie ein Krüppel leben. Und was passiert, wenn sie herausfinden, was du wirklich bist, hat dieser Mönch ja bewiesen. Er hätte dich beinahe umgebracht.«
Ja, Graham Winger, Mönch der Pugnatores Lucis, der »Streiter des Lichts«, eines Ordens von Defensoren, die das Böse bekämpften, hatte Sam zu töten versucht, weil er sie für einen Seelenfresser hielt. Zu seinem und auch Sams profundem Missbehagen hatten die Höchsten Mächte ihn dazu verdonnert, Sam ein Jahr lang zu dienen, um dadurch zu erkennen, dass sie auf der Seite des Lichts stand.
In diesem Punkt war Sam sich allerdings selbst nicht sicher. Sie war eine Dämonin und setzte zwar ihre Kräfte ein, um die Menschen vor den Mächten der Finsternis zu beschützen. Deshalb empfand sie sich aber noch lange nicht als eine Verteidigerin des Lichts wie ihr Blutsgefährte, der Dämon Axaryn, der schon vor Jahrhunderten ein Wächter geworden war.
Und Danayas Frage war durchaus berechtigt: Was konnten die Menschen ihr geben, das sie veranlasste, weiterhin bei ihnen zu leben statt in der Unterwelt. Sah man davon ab, dass die Unterwelt Luzifers Reich war und Sam sich allein schon wegen der berechtigten Wut, die sie immer noch auf ihn verspürte, nicht hier niederlassen wollte.
»Freundschaft, Danaya«, beantwortete sie die Frage ihrer Tochter. »Viele von ihnen haben mir ihre Freundschaft geschenkt. Einige sogar, obwohl sie wissen, was ich bin. Freundschaft ist etwas Kostbares und sehr Wertvolles. Ebenso wie Liebe. Doch unter Dämonen gibt es so etwas nicht.«
»Und diese Freundschaften sind dir wichtiger als ich?«, schmollte Danaya.
»Nein, mein Kind. Aber das Leben in der Menschenwelt hat mich so sehr verändert, dass ich mich hier nie wieder wohlfühlen kann. Ich werde dich weiterhin besuchen, so oft ich kann, und weiterhin hoffen, dass du dich eines Tages entscheidest, bei mir zu leben. Aber ich werde nie wieder mein Domizil hier aufschlagen. Nicht einmal aus Liebe zu dir.« Sie gab Danaya einen innigen Kuss auf die Stirn und verschwand.
Kaum war Sam fort, als die junge Dämonin einen Schrei maßloser Wut ausstieß und ihre Umgebung mit einem magischen Feuer vollständig vernichtete. Es hatte wieder nicht geklappt. Erneut hatte sie darin versagt, ihre Mutter zum Bleiben in der Unterwelt zu verlocken. Danaya machte sich keine Illusionen. Falls ihr dieses Wunder jemals gelingen sollte, so musste die Welt der Menschen für Sam derart unattraktiv werden, dass die Unterwelt ihre einzige Zuflucht blieb.
Die einzige Möglichkeit, die Danaya dazu sah, wäre, Sams menschliche Freunde der Reihe nach zu töten und es so zu drehen, dass Sam zumindest für einen Teil der Todesfälle verantwortlich zu sein schien, und sei es nur indirekt. Dieser Plan barg allerdings ein enormes Risiko. Sam würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um nicht nur ihre Unschuld zu beweisen, sondern auch nicht eher ruhen, bis sie den wahren Schuldigen gefunden hatte. Und sie war mächtig genug, dass sie früher oder später die Wahrheit herausfand. Danaya verstand zwar nichts von menschlicher Liebe, doch sie wusste genug darüber, um zu wissen, dass sie damit die Liebe ihrer Mutter für sie ein für alle Mal töten würde. Danach wäre Sam für die Finsternis endgültig verloren.
Doch die Zeit drängte. Die Große Entscheidung rückte näher, und bis dahin musste Tai’Samala unbedingt auf der Seite der Finsternis stehen. Sonst würden die Dunklen Mächte den Kampf um die Vorherrschaft in der Welt der Menschen diesmal verlieren. Und das passte absolut nicht in Luzifers Pläne. Gegenwärtig war die vielversprechendste Option, Samala dazu zu bringen, endlich ihre Stellung als Königin der Unterwelt anzunehmen. Sie musste die damit verbundene Macht benutzen, immer wieder und am Ende so oft, dass sie in der Unterwelt bereits regierte, noch ehe es ihr bewusst wurde.
Und Danaya hatte auch schon eine Idee, wie sie das bewerkstelligen konnte ...

Cleveland, 30. Juni 2010

Graham Winger saß schweigend an »seinem« Schreibtisch im Büro der Dämonin Sam Tyler und drehte unschlüssig den Briefumschlag mit seinem Gehalt in den Händen, den sie ihm vor ein paar Minuten gegeben hatte. Er konnte immer noch nicht fassen, dass diese Dämonin ihm ein derart fürstliches Gehalt von dreitausend Dollar zahlte. Besonders da sie ihm, wie es bei seinem Orden üblich war, nur einen Teil davon in bar gegeben hatte. Der weitaus größte Rest war ein Scheck ausgestellt auf das Kloster St. Zeno, zu dem Graham gehörte.
Eine Dämonin zahlte einem christlichen Kloster 2300 Dollar. Und ein Engel des Herrn hatte ihm, Graham, im Namen Gottes befohlen, eben dieser Dämonin ein Jahr lang zu dienen – nicht für sie zu arbeiten, sondern ihr wie ein Sklave zu dienen. Weil er begreifen sollte, dass sie nicht zu den Geschöpfen gehörte, die zu vernichten er geschworen hatte. Er konnte es immer noch nicht glauben. Natürlich sagte ihm sein Verstand, dass Gott wohl kaum seine Hand schützend über eine Dämonin halten würde, wenn sie den Tod verdiente. Doch das Trauma, das der Mönch erlitten hatte, als vor fast zwei Jahren ein Spinnendämon seine Mitbrüder und -schwestern und beinahe auch ihn selbst getötet hatte, ließ nicht zu, dass er »Sam Tyler« unvoreingenommen sah.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als ein etwa neunjähriger blonder Junge die Detektei betrat und auf seinen Schreibtisch zusteuerte. Graham empfand ein profundes Entsetzen darüber, dass ein Kind die Dämonin aufsuchte. Er stand auf und wollte den Jungen schnellstmöglich hinausscheuchen, bevor der Dämon Gelegenheit bekam, ihn auch nur zu sehen.
»Ich möchte zu Tante Sam«, sagte der Junge unbefangen.
Tante?
Bevor Graham antworten konnte, kam Sam schon aus ihrem Büro. »Harlan, was tust du denn hier?« Sie warf einen Blick auf die Uhr und daraufhin einen sehr strengen auf den Jungen. »Solltest du nicht in der Schule sein? Und wissen deine Eltern, dass du hier bist?«
Harlan Crawford schüttelte den Kopf. »Tante Sam, ich …« Er zögerte und blickte unsicher von Graham zu Molly. »Du hast gesagt, ich kann jederzeit kommen, wenn …«
Sam legte einen Arm um Harlans Schultern, und Graham hätte das Kind am liebsten von ihr weggerissen. Sie deutete auf den Dienergeist. »Das ist Molly Spring. Sie ist ein Dienergeist. Du musst keine Angst vor ihr haben.«
Molly lächelte Harlan liebenswürdig zu. »Hallo Harlan.«
»Und das ist mein Assistent Graham Winger. Er ist ein Defensor, das heißt, er bekämpft das Böse. Er weiß Bescheid. Du kannst also vollkommen offen sein. Was gibt es denn so Dringendes, dass du deswegen die Schule schwänzt?«
Sie führte Harlan in ihr Büro und forderte Graham mit einer gebieterischen Kopfbewegung auf, ihr zu folgen. Der Junge setzte sich in den größten Sessel vor dem Schreibtisch, und Graham nahm in dem neben ihm Platz. Sam streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment einen dampfenden Becher Kakao darin, den sie Harlan reichte.
»Wow!« Der Junge nahm den Becher ehrfürchtig entgegen. »Kannst du mir beibringen, wie das geht, Tante Sam?«
»Ich fürchte nein. Das ist eine Fähigkeit, die in der Regel nur Wesen besitzen, die keine Menschen sind. Also was gibt es, Harlan?«
Wusste das Kind tatsächlich, dass es einen Dämon vor sich hatte? Wieso empfand der Junge keine Frucht? Natürlich! Sam hatte ihn mit einem Zauber belegt, der das Kind blendete. Graham musste sich beherrschen, dem Jungen nicht den mit unheiliger Magie erschaffenen Kakao aus der Hand zu reißen.
Harlan nahm einen Schluck davon und lächelte selig. Offenbar schmeckte ihm das Getränk hervorragend. Übergangslos wurde er ernst und bedrückt. »Tante Sam, der neue Lehrer ist ein … er ist böse!«, platzte er schließlich heraus. »Du hast mir doch gesagt, wenn die Aura eines Menschen schwarz ist, dann ist er besonders böse, und der neue Lehrer ist ganz schwarz. Wirklich ganz, ganz schwarz
Harlan war jetzt richtig verstört. Er stellte den Becher hastig auf den Tisch und warf sich Sam in die Arme. Graham griff reflexartig nach ihm, um zu verhindern, dass er den Dämon berührte, doch Sam hatte sich schon auf ein Knie niedergelassen und drückte ihn an sich, während sie beruhigend seinen Rücken streichelte. Sie hatte geahnt, dass irgendwann so etwas passieren würde, nachdem sie auf der Geburtstagsfeier ihres Beinahe-Schwiegervaters Jonathan Parker vor einem Dreivierteljahr mitbekommen hatte, dass Harlan die Aura von Menschen sehen konnte und auch in der Lage war, Anderswesen zu erkennen.
»Du musst keine Angst haben, Harlan. Ich habe dir doch den magischen Schutzschild gegeben. Der Lehrer wird dir nichts tun können. Hast du sonst noch was an ihm gesehen?«, fragte sie den Jungen.
Harlan lehnte sich ein Stück zurück, dass er Sam in die Augen sehen konnte. »Er … ich glaube, Mr. Shanks ist gar kein Mensch, Tante Sam. Als er vorhin in die Klasse kam, hat er mich so komisch angeguckt. Als … als ...«, Harlan begann zu zittern, »als wenn er …«
Sam drückte ihn fest an sich. »Schon gut, Harlan. Ich kümmere mich um ihn, und ich verspreche dir, dass er weder dir noch irgendjemand anderem was antun wird.«
Harlan glaubte Sam aufs Wort. Erleichtert ließ er sie los, nahm den Kakaobecher und setzte sich wieder. »Ich habe gesagt, ich muss mal auf die Toilette. Und dann habe ich den Bus genommen und bin zu dir gekommen.«
»Das ist okay, Harlan. Zumindest für mich. Für die Schule und vor allem für deine Eltern müssen wir uns eine glaubhafte Ausrede einfallen lassen.« Das Telefon klingelte. »Zu spät«, stellte Sam fest, noch ehe sie einen Blick auf das Display geworfen hatte und die Nummer des Anrufers erkennen konnte. »Das ist deine Mutter.« Sie nahm den Hörer auf und schaltete den Ton auf den Lautsprecher. »Hi Jenny. Keine Panik!«, wehrte sie ab, bevor Jenny Crawford etwas sagen konnte. »Harlan ist hier bei mir.«
»Hi Mom«, sagte der Junge kleinlaut.
»Gott sei Dank!« Jenny weinte beinahe vor Erleichterung. »Du ahnst nicht, was ich für eine Angst hatte, als die Schule anrief und sagte, dass Harlan verschwunden ist. Und, mein Sohn, wenn du mir dafür keine vernünftige Erklärung liefern kannst, dann …«
»Sei nachsichtig mit ihm, Jenny«, unterbrach Sam sie. »Harlan hatte Streit mit seinem neuen Lehrer, der ihn wohl sehr geängstigt hat. Deshalb ist er weggelaufen. Er ist ein Kind, Jenny. Da mein Büro näher an der Schule liegt als euer Haus, ist er zu mir geflüchtet. Natürlich auch«, fügte sie grinsend hinzu, »weil er Angst hatte, dass du ihn fürchterlich ausschimpfen würdest, weil er weggelaufen ist. Er hat mich beauftragt, bei dir um Gutwetter für ihn zu bitten, bevor er nach Hause kommt. Was ich hiermit tue. Also, beste aller Mütter und – noch – einzige Frau in Harlans Herz, würdest du ihm seine unüberlegte Handlung in vollem Umfang verzeihen? Er plädiert auf Unzurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat wegen eines psychischen Ausnahmezustands und macht mildernde Umstände geltend.«
Jenny lachte. »Oh Sam! Du redest schon wie Bill! Aber ja, ich verzeihe Harlan. Dieses Mal!«, fügte sie nachdrücklich hinzu.
Sam grinste und reckte zu Harlan gewandt den Daumen hoch. »Ich dachte mir, dass eine Anwaltsgattin diesen Jargon am besten versteht. Ich werde Harlan wieder zur Schule fahren, Jenny, wenn es dir recht ist, und die Sache mit dem Lehrer klären. Dann musst du nicht von deiner Arbeit weg.«
»Danke Sam!« Jenny war erleichtert. »Ich rufe in der Schule an und sage Bescheid, bevor sie die Cops einschalten und die Sache noch größere Kreise zieht.«
»Keine Ursache. Ich regele das. Man sieht sich, Jenny.« Sam legte den Hörer auf und blickte Harlan an, der sichtbar erleichtert wirkte. »Du hast es gehört, Harlan. Trink deinen Kakao aus, und dann fahre ich dich zur Schule.«
Harlan gehorchte und lachte, als Sam anschließend den leeren Becher begleitet von einem Fingerschnippen verschwinden ließ. Er stand auf und ergriff vertrauensvoll ihre Hand. Graham runzelte bei dieser Geste finster die Stirn. Sam ignorierte ihn.
»Tante Sam, kannst du das wirklich mit Mr. Shanks regeln?«
Sam strich ihm über den Kopf. »Mein Wort drauf, Harlan. Wenn er wirklich so böse ist, wie du sagst, sorge ich dafür, dass er nie wieder in eure Schule kommt. Also, gehen wir.«
»Ich komme mit!« Grahams Tonfall drückte aus, dass er sich von diesem Entschluss auf keinen Fall abbringen lassen würde.
Sam grinste ihn an. »Darum wollte ich dich gerade bitten. Wir nehmen meinen Wagen.«
Als ob sie ihn tatsächlich bitten würde, statt ihn herumzukommandieren wie einen Sklaven. Der er genau genommen war, da er alles zu tun hatte, was sie ihm auf welche Weise auch immer befahl. Er setzte sich gleich darauf neben Harlan auf die Rückbank von Sams Jeep Cherokee unter dem Vorwand, ihm beim Anschnallen zu helfen und nutzte die Fahrt, um den Jungen subtil auszufragen. Zumindest so lange, bis die Dämonin dem Kind über den Mund fahren würde, was sie, da war er sich sicher, tun würde, sobald der Junge etwas sagte, das Graham enthüllt hätte, auf welche Weise sie ihn und wohl auch seine Eltern manipulierte.
Doch sie machte nicht die geringsten Anstalten dazu, und Harlan gab dem Mönch bereitwillig Auskunft darüber, dass »Tante« Sam fast seinen Onkel Scott geheiratet hätte, wenn der nicht bei einem Autounfall gestorben wäre. Unbefangen erzählte der Junge, wie gern seine Eltern und vor allem seine Großeltern Sam hatten – womit er ausdrücken wollte, wie gern er Sam hatte – und dass sie ihm geholfen hatte, seine Gabe zu kontrollieren. Natürlich vergaß er auch nicht den Hund zu erwähnen, den sie ihm geschenkt hatte.
Graham war versucht zu glauben, dass Sam Harlan mit Magie manipulierte, um ihn zu diesen positiven Aussagen zu zwingen. Doch sie wandte keinerlei Magie an, denn das hätte er gespürt. Wahrscheinlich hatte sie den entsprechenden Zauber schon lange vorher manifestiert, sodass sie ihn jetzt nicht noch einmal anwenden musste. Allerdings hätte Graham auch das gespürt. Seltsam. Er konnte kaum glauben, dass Menschen die Buhldämonin tatsächlich derart gernhaben konnten, wie er das nicht nur Harlans Schilderung, sondern auch dem Tonfall von Harlans Mutter entnommen hatte.
Bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, auf welche Weise und zu welchem Zweck Sam die Familie des Jungen manipulierte, hatten sie die Schule erreicht. Jenny hatte wie versprochen angerufen, und die Leiterin der Schule erwartete sie bereits. Sie schien kein Problem damit zu haben, dass Harlans »Tante« anstelle der Mutter kam, um die Angelegenheit zu regeln. Harlans neuer Lehrer Mr. Shanks war ebenfalls anwesend.
Ein einziger Blick genügte Sam, um ihn als das zu erkennen, was er war. Auch ohne einen Blick auf seine tatsächlich pechschwarze Aura zu werfen, stimmte sie Harlans Einschätzung uneingeschränkt zu, dass dieses Wesen abgrundtief böse war. Es handelte sich um einen Rattendämon, doch um keinen einfachen Vertreter seiner Art. Rattendämonen ernährten sich nicht nur wie ihre tierischen Verwandten von nahezu allem, was irgendwie essbar war, was Abfall aller Art einschloss. Es gab auch einige Hochrangige unter ihnen, die mit dem Körper eines Wesens auch dessen Seele fraßen. »Mr. Shanks« gehörte eindeutig zu Letzteren. Seiner kraftvollen Ausstrahlung nach zu urteilen, genügte ihm wahrscheinlich sogar ein einziger Biss in das Fleisch eines Menschen, um dessen Seele aus seinem Körper zu extrahieren.
Sam fragte sich, was ein Rattendämon in der besten Gegend von Cleveland zu suchen hatte. Normalerweise trieb sich seinesgleichen, wenn sie denn schon in der Menschenwelt agierten, ausschließlich dort herum, wo es Abfall aller Art in Mengen gab. Das schloss besonders menschlichen »Abfall« mit ein. Gegenden, in denen die Armut grassierte und die Kriminalität blühte, bildeten ihre bevorzugten Jagdgründe. Sam hatte noch nie gehört, dass ein Rattendämon sich als Lehrer an einer renommierten Schule niederließ.
Was sie aber am meisten irritierte, war die Tatsache, dass die Ratte sie zu erkennen schien, obwohl Sam ihre magische Ausstrahlung vollkommen verdeckt hatte. Mehr noch: Der Rattendämon deutete eine Verbeugung in einer Art an, als wollte er Sam damit huldigen. Doch diese Geste war so subtil und flüchtig, dass sie sich nicht sicher war, sie wirklich gesehen zu haben.
»Mr. Shanks« gab sich jetzt Harlan gegenüber ganz zerknirscht. »Mein lieber Junge, ich weiß nicht, was ich getan habe, dass dich dazu veranlasste, einfach wegzulaufen.« Er lächelte gewinnend. »Sag es mir, und ich verspreche, dass ich es nie wieder tun werde.«
Seine freundlichen Worte täuschten auch Graham nicht darüber hinweg, dass Harlans Einschätzung dieses Mannes vollkommen korrekt gewesen war. Er war nicht nur böse, er war auch kein Mensch. Der Defensor nahm an ihm die Ausstrahlung eines Seelenfressers wahr, wenn auch von einer anderen Art, als er sie bisher kannte. Und die Direktorin ahnte nicht im Geringsten, wen sie da als Lehrer eingestellt hatte.
»Ich ...«, Harlan schluckte und wusste nicht, was er sagen sollte. Hilfesuchend blickte er Sam an.
»Sie sehen einem früheren Nachbarn der Familie unglaublich ähnlich, Mr. Shanks, der Harlan mal wegen einer kaputten Fensterscheibe fürchterlich verprügelt hat«, log Sam. »Der war zufällig auch Lehrer. Als Harlan Sie sah, hat er deshalb Angst vor Ihnen bekommen und ist weggelaufen. Da er sich natürlich schämt, dass er in seinem Alter noch Angst hat, ist er zu mir geflüchtet statt zu seinen Eltern.«
»Mr. Shanks« gab sich verständnisvoll. »Wenn es weiter nichts ist, bin ich beruhigt. Wir werden bestimmt noch gute Freunde werden, Harlan, nicht wahr?« Er lächelte den Jungen an.
Sowohl Sam als auch Graham spürten den Hunger dieses Wesens, der Harlans junge Seele am liebsten auf der Stelle verschlungen hätte. Allerdings kam er an die nicht heran, da Sams Magie den Jungen schützte.
»Da das nun geklärt ist«, stellte die Direktorin erleichtert fest, »kannst du in deine Klasse zurückgehen, Harlan. Und wenn wieder so etwas ist, läufst du bitte nicht weg, sondern kommst zu mir. Versprochen?«
Harlan nickte. Sam verabschiedete sich von ihm mit einem Kuss auf die Wange, nur um so die Möglichkeit zu haben, ihm noch etwas zuzuflüstern. »Keine Angst, Harlan. Morgen ist er nicht mehr da. Ehrenwort.«
Harlan atmete erleichtert auf, vergaß seine Prämisse, dass er mit fast zehn Jahren schon viel zu erwachsen für so etwas war, und umarmte Sam. »Danke, Tante Sam«, flüsterte er zurück und fügte laut hinzu: »Bye, Tante Sam! Bye, Mr. Winger!«, ehe er in seine Klasse zurückkehrte.
Die Direktorin bedankte sich noch einmal bei Sam und Graham, und die beiden verabschiedeten sich. Der Rattendämon ließ Sam nicht aus den Augen, vermied es aber, ihr die Hand zu reichen. Ob aus Angst oder Respekt vor ihr vermochte sie nicht zu sagen. Sie verließ mit Graham die Schule.
»Da hast du deinen Seelenfresser, Graham«, bemerkte Sam ironisch, als sie wieder in ihrem Wagen saßen. »Wirst du mit dem Kerlchen fertig?«
Graham schnaufte verächtlich. »Natürlich!« Er machte Anstalten wieder auszusteigen, doch Sam hielt ihn zurück.
»Wir warten, bis er die Schule verlässt, folgen ihm zu seinem Lager und erledigen ihn dort.«
Der Mönch starrte sie angewidert an. »Und in der Zwischenzeit lässt du zu, dass er noch wer weiß wie vielen Kindern die Seelen stiehlt? Ich hätte mir denken können, dass du ...«
»Oh, halt die Klappe!« Sam schnippte mit den Fingern, und dem Mönch versagte die Stimme. »Ich bin deine haltlosen Anschuldigungen leid, Graham. Ein Luftelementar überwacht ihn und meldet mir ununterbrochen, was er gerade tut. Sobald er auch nur dazu ansetzt, sich eine Seele zu nehmen, werde ich das auf der Stelle verhindern. Doch ich muss dir ja nicht erklären, dass es höchst unklug wäre, ‚Mr. Shanks’ in der Schule zu erledigen vor den Augen von etlichen Zeugen, darunter unzählige Kinder, die dadurch fürs Leben traumatisiert würden. Natürlich könnte ich das Problem handhaben, aber dazu müsste ich in die Erinnerungen zu vieler Menschen eingreifen, was ich aus selbst dir verständlichen Gründen vermeiden will.«
Graham hasste die Dämonin und hasste noch mehr, wenn sie ihm mit ihrer Magie die Stimme raubte. Allerdings teilte eine boshafte Stimme in seinem Hinterkopf ihm ungeschminkt mit, dass er das durchaus verdient hatte. Schließlich ließ er keine Gelegenheit aus, Sam zu stecken, wie sehr er sie verabscheute, dass sie in seinen Augen nichts anderes war als dämonischer Abschaum und dass er nichts lieber getan hätte, als sie endlich zu vernichten.
Er war felsenfest davon überzeugt, dass sie die guten Dinge, die sie in seiner Gegenwart tat, nur deshalb vortäuschte, um ihn von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Doch er konnte nicht leugnen – so sehr er das auch versuchte –, dass nicht nur der Engel Sariel im Namen Gottes für sie gesprochen hatte. Auch Abt Dennis, der sie vor zwei Tagen kennengelernt hatte, sah ein Licht in ihr. Und dieser Priester des Lichts – Vesgyn –, der Graham durch ihre Erinnerungen geführt hatte, um ihm ihr Wesen zu offenbaren, hatte sogar behauptet, dass die Wächter schon seit Jahren versuchten, Sam zu rekrutieren.
Nüchtern betrachtet musste also etwas Gutes in ihr sein. Doch jedes Mal, wenn er Sam anblickte, sah er die wunderschöne Frau, die er und seine Klostergeschwister vor dem Spinnendämon zu retten versucht hatten und die sich am Ende als eben dieser Dämon entpuppte. Was sie alle viel zu spät erkannten. Das Biest hatte die anderen getötet und um ein Haar auch Graham, der es zwar vernichten konnte, aber schwer verletzt mit einem grausam entstellten Körper überlebt hatte. Sam sah ihr zwar nicht besonders ähnlich, aber sie war ebenfalls eine Dämonin.
Auch wenn Graham es nicht zugeben wollte, so hatte er das damals erlittene Trauma noch lange nicht überwunden. Seitdem empfand er jede Kreatur, die der Unterwelt entstammte, als Bedrohung und verspürte den brennenden Wunsch, sie zu vernichten, um die Menschen vor ihr zu beschützen. Selbst wenn sie tatsächlich harmlos war. Wovon er bei »Sam Tyler« noch keineswegs überzeugt war.
»Unser ‚Mr. Shanks’ ist auf dem Weg zu seinem Parkplatz«, teilte Sam ihm eine gute Stunde später mit. »Hast du erkannt, was er ist, Graham?«
»Kein gewöhnlicher Seelenfresser.« Erleichtert stellte der Mönch fest, dass seine Stimme wieder funktionierte. »So viel ist klar. Ich nehme etwas an ihm wahr, das ich nicht einordnen kann.«
Sam nickte. »Er ist ein hochrangiger Rattendämon, der sich außer von dem Üblichen auch noch von Seelen ernährt. Und er hat sich eine Gegend als Jagdrevier ausgesucht, die für seine Art völlig untypisch ist.«
Der Rattendämon verließ die Schule, stieg in seinen Wagen und fuhr los. Sam folgte ihm in gebührendem Abstand, sodass er ihren Jeep nicht im Rückspiegel sehen konnte oder überhaupt merkte, dass er verfolgt wurde. Der Luftelementar, der ihn immer noch überwachte, meldete ihr, wohin er fuhr.
Sie rief über die Freisprechanlage Ronan Kerry vom Cleveland Police Departement an. »Hallo Ron. Kannst du mal ein Autokennzeichen für mich überprüfen? BM 75XT.«
Kaum eine Minute später erhielt sie Ronans Antwort. »Dunkelroter Chevy, zugelassen auf einen Saul Fisher, 8108 Euclid Avenue.« Einen Moment blieb der Police Lieutenant stumm, ehe er fragte: »Sam, wem oder was bist du auf der Spur? Fisher ist ein Immobilienmakler, und sein Partner hat ihn gestern als vermisst gemeldet, die Meldung aber eine Stunde später wieder zurückgezogen. Angeblich hat er eine Nachricht von Fisher erhalten, dass der mit seiner neuen Freundin eine Spontanreise nach Kanada gemacht hätte und in ein paar Wochen zurückkäme.«
»Und das fand er nicht merkwürdig?«
»Angeblich nicht, weil Fisher öfter solche Eskapaden reitet. An was für einem Fall bist dran, Sam?«
»An einem seelenfressenden Rattendämon, der in Mr. Fishers Chevy sitzt und den Lehrer an einer renommierten Schule spielt.«
»Mallaichte!1« , fluchte Ronan. »Brauchst du Hilfe?«
»Graham und ich schaffen das schon, Ron.«
Sam wollte die Verbindung unterbrechen, doch sie spürte, dass Ronan noch etwas auf dem Herzen hatte.
»Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt, Sam. Aber seit ungefähr einer Woche häufen sich Meldungen über Rattenplagen. So was kommt zwar gerade im Sommer immer wieder mal vor, aber ausschließlich in bestimmten heruntergekommenen Gegenden. Diese Meldungen kommen aber aus nahezu allen Stadtteilen, sogar aus den besten Vierteln. Das gibt mir zu denken.«
Das gab Sam ebenfalls zu denken. »Ich werde sehen, was ich rausfinden kann und halte dich auf dem Laufenden, Ron. Bis dann.«
Sie schaltete das Handy aus und verlangsamte den Wagen, als der Luftelementar ihr meldete, dass »Mr. Shanks« in die Garage des Hauses 8108 Euclid Avenue fuhr.
»Sieh da«, kommentierte Sam diese Information. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Zufall ist.«
Sie parkte den Wagen in einiger Entfernung von Fishers Haus. »Ich werde ihn ablenken, und du machst ihm den Garaus«, teilte sie Graham mit. »Ich gehe durch die Vordertür rein, du nimmst ein Fenster. Ich werde die alle magisch entriegeln.« Sie grinste den Mönch schadenfroh an. »Leider muss ich dich jetzt wieder mit einem Unsichtbarkeitszauber belegen. Schließlich wollen wir ja nicht, dass irgendwer uns sieht und hinterher der Polizei gegenüber noch behauptet, wir hätten in dem Haus da jemanden umgebracht. Je nachdem, was wir dort finden beziehungsweise tun müssen.«
Graham presste nur die Lippen zusammen und verkniff sich einen Protest, der ohnehin nichts genützt hätte. Da seine ihm von Sariel erteilte Auflage lautete, dass er Sam aufs Wort zu gehorchen hatte, musste er so oder so in den sauren Apfel beißen, ob er wollte oder nicht. Doch dieser »Apfel« stieß ihm besonders sauer auf. Jedes Mal, wenn die Dämonin ihn mit ihrer Magie berührte, empfand er einen derart intensiven Ekel, dass ihm körperlich übel wurde.
Sekunden später waren er und Sam unsichtbar. Die Dämonin ging zur Vordertür von Fishers Haus und wartete, bis der Luftelementar, den sie jetzt zu Graham geschickt hatte, ihr meldete, dass der Mönch hinter dem Haus angekommen war und sich anschickte, in eins der dortigen Fenster einzusteigen.
Sam sprang durch die Dimensionen direkt in den Hausflur hinein und löste ihren eigenen Unsichtbarkeitszauber auf. »Hallo, Mr. Shanks!«, rief sie. Ihre magischen Sinne lokalisierten den Rattendämon im Wohnzimmer. Und ihr Geruchssinn sagte ihr, dass sich Leichen im Haus befanden.
»Mr. Shanks« trat in den Flur und schien nicht im Mindesten verunsichert oder wütend zu sein, Sam zu sehen. Stattdessen verbeugte er sich.
»Dein Besuch ist uns eine Ehre«, versicherte er. »Du wirst feststellen, dass wir alles zu deiner Zufriedenheit vorbereiten. Natürlich sind wir noch lange nicht fertig, da wir subtil arbeiten müssen. Doch wenn du willst, können wir die Vorbereitungen innerhalb von zwei Tagen zum Abschluss bringen.«
Sam runzelte irritiert die Stirn. »Wovon redest du Mistkerl eigentlich? Ich bin gekommen, um dir das Handwerk zu legen. Du vergreifst dich an den Seelen von Kindern, und das werde ich nicht zulassen.«
Der Rattendämon verbeugte sich erneut, diesmal noch ein Stück tiefer. »Ich wusste nicht, dass du das nicht wünschst. Da du uns gerufen hast, sind wir davon ausgegangen, dass wir ...«
Was immer er noch hatte sagen wollen, blieb sein Geheimnis, denn hinter ihm war jetzt Graham aus dem Wohnzimmer gekommen. Ohne zu zögern erschoss er den Dämon mit einer Silberkugel aus seiner Glock-19. »Mr. Shanks« verging mit einem kurzen Aufschrei und wurde zu der Leiche eines fellbedeckten Mannes mit einem Rattenkopf, dessen rote Augen Sam leblos anstarrten. Der Mönch richtete seine Waffe auf Sam und starrte sie hasserfüllt an.
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Was soll das denn werden?«
»Das wird dein Tod, Dämon, wenn du nicht eine verdammt gute Erklärung dafür hast, was die Ratte damit meinte, dass du sie ‚gerufen’ hättest«, drohte er.
Sam brauchte nicht erst ihre Fähigkeit, Gefühle lesen zu können zu bemühen, um zu wissen, dass es Graham vollkommen ernst war.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, Graham. Meine Art pflegt keinen Umgang mit Rattendämonen. Und ich hatte bis heute nie was mit einem von ihnen zu tun.«
»Du lügst!«, war der Mönch überzeugt.
»Warum sollte ich? Glaubst du ernsthaft, ich würde einen von denen vernichten, wenn ich mit denen unter einer Decke steckte, wie du offensichtlich denkst? In dem Fall hätte ich dich auf eine falsche Fährte gesetzt und meinen Kumpan gewarnt, damit er sich in Sicherheit bringt.«
Graham glaubte ihr kein Wort. »Damit willst du mir doch nur Sand in die Augen streuen. Also zum letzten Mal: Was hast du mit diesem Biest zu schaffen?«
Sam musterte ihn verächtlich von oben bis unten. »Du bist paranoid, Graham. Am besten gehst du zu einem Psychiater und lässt dich behandeln. Ich kenne da einen, der wirklich gut ist und ausgezeichnete Erfolge vorweisen kann. Selbst bei uneinsichtigen Sturschädeln wie dir.«
Sie wollte noch etwas hinzufügen, als hinter dem Mönch eine riesige Ratte auftauchte, der augenblicklich noch weitere folgten. Auch hinter sich spürte sie jetzt die Annäherung weiterer Rattendämonen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass »Mr. Shanks« im Plural gesprochen hatte: wir. Außerdem hätte sie sich denken können – denken müssen, dass er nicht allein war, denn Ratten lebten immer in riesigen Clans. Aber Graham hatte sie abgelenkt, was ihr den Mönch keineswegs sympathischer machte.
Angesichts dieser neuen Bedrohung vertagte Graham jedoch Sams Ermordung auf später. Er verständigte sich mit einem kurzen Blick und einer Kopfbewegung mit der Dämonin. Beide machten einen Schritt zur jeweils voneinander entgegengesetzten Seite, um sich nicht in die Schusslinien zu geraten. Graham feuerte auf die Rattendämonen hinter Sam, während sie die hinter ihm mit einer Salve aus Feuerkugeln vernichtete. Sam hatte ihre Ziele schneller vernichtet als Graham seine, obwohl jeder seiner Schüsse mit unfehlbarer Sicherheit traf.
Er war trotzdem nicht schnell genug. Eine Ratte war heran, bevor er sie ebenfalls abschießen konnte, sprang ihn knurrend an und verbiss sich in seinen Arm. Dadurch ging sein nächster Schuss fehl. Graham fluchte und versuchte, den Dämon abzuschütteln, doch der krallte sich nur noch fester in sein Fleisch. Eine Ratte sprang ihm an die Kehle. Graham wich zurück, obwohl er erkannte, dass er nicht schnell genug ausweichen konnte. Bevor das Biest jedoch seine Zähne in seinen Hals schlagen konnte, ging es in Flammen auf und stürzte zu Boden. Auch die Ratte, die immer noch an seinem Arm hing, wurde Opfer eines Feuerballs. Sekunden später hatte Sams magisches Feuer auch den Rest von ihnen vernichtet.
Graham sog zwischen zusammengebissenen Zähnen scharf die Luft ein und presste die Hand auf die recht große Wunde in seinem Arm. Der Rattendämon hatte eine tiefe Furche hineingebissen, und die Verletzung schmerzte höllisch.
Sam trat zu ihm und streckte die Hand danach aus, um sie magisch zu heilen. Graham schlug ihre Hand zur Seite, während er gleichzeitig seinen verletzten Arm aus ihrer Reichweite riss.
»Rühr mich nicht an, du Höllenbrut!«
Sam quittierte das mit einem verächtlichen Grinsen und zuckte mit den Schultern. »Ganz wie es beliebt.«
Sie sah sich um. Im Flur stapelten sich die stinkenden Überreste der Rattendämonen, etwa vierzig an der Zahl. Sam ließ sie magisch verschwinden und tilgte auch ihre Rückstände auf dem Boden. Sie dehnte ihre magischen Sinne aus, um herauszufinden, ob sich noch mehr Rattendämonen im Haus aufhielten. Es gab keine mehr. Sam begann, das Haus zu durchsuchen, und Graham schloss sich ihr notgedrungen an.
Sie hatte gehofft, irgendeinen Hinweis darauf zu finden, was die Rattendämonen hier gewollt hatten oder etwas, das ihr die Hintergründe offenbart hätte, weshalb sie sich überhaupt hier aufhielten. Stattdessen fand sie im Schlafzimmer lediglich zwei restlos abgenagte Skelette und eine Menge Blutspuren, die ihr verrieten, dass die beiden Leichen keines angenehmen Todes gestorben waren.
Sie griff zum Handy. »Ron, ich befinde mich in Fishers Haus und habe hier zwei Leichen, die bis auf die Knochen buchstäblich abgenagt sind. Ich müsste mich schwer täuschen, wenn das nicht Fisher und seine Freundin sind. Hier befand sich eine ganze Kolonie von Rattendämonen. Fast vierzig auf einen Haufen. Sie sind vernichtet, und ich habe ihre Überreste beseitigt. Gib meinen Anruf deinen Vorgesetzten gegenüber am besten als anonymen Tipp aus. Graham und ich verschwinden wieder.«
»Okay, Sam. Und danke. Du hast nicht zufällig eine Ahnung, was die Biester dort gewollt haben?«
»Noch nicht, Ron, aber ich versuche es rauszufinden. Einer von denen hat eine merkwürdige Andeutung gemacht, bevor Graham ihn vernichtet hat. Ich glaube, dass mehr dahinter steckt als nur ein paar Ratten, die sich mal ein besseres Leben machen wollten. Ich melde mich, wenn ich was erfahre.«
Sie unterbrach die Verbindung und bedeutete Graham mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen.
Wenig später saßen sie wieder im Wagen und fuhren ins Büro zurück.
»Im Handschuhfach ist Verbandszeug und Desinfektionsmittel«, sagte Sam beiläufig, als der Mönch mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Verletzung betastete.
»Das du wozu brauchst?«, höhnte er. »Um deine Tarnung als Mensch aufrecht zu erhalten?«
»Exakt«, bestätigte Sam ungerührt. »Schließlich ist das Mitführen eines Verbandskastens im Wagen polizeiliche Vorschrift.«
Graham öffnete das Handschuhfach, holte den Verbandskasten heraus und sprühte eine gute Portion Desinfektionsmittel in die offene Wunde. Es brannte teuflisch, und er stöhnte zwischen zusammengebissenen Zähnen. Anschließend legte er gekonnt einhändig einen Verband an. Schließlich war dies nicht die erste Verletzung, die er bei sich selbst verarztete. Er hatte sogar schon einmal einen Schnitt in seinem Oberschenkel selbst genäht. Ohne Betäubung.
»Du schuldest mir noch eine Antwort, Dämon«, verlangte er, nachdem er den Verbandskasten wieder an seinen Platz gelegt hatte. »Was hast du mit diesen Biestern zu schaffen? Und lüg mich nicht noch mal an!«
Sam war schwer versucht, ihn für diese Unverschämtheit nicht nur mit dem Entzug seiner Stimme zu bestrafen, sondern noch ganz andere – und vor allem richtig schmerzhafte – Dinge mit ihm zu tun. Sie verzichtete darauf. Das nützte schließlich nichts und würde ihm nur bestätigen, dass Sam etwas zu verbergen hatte und sein Verdacht zutraf.
»Nichts, Graham, und das ist die Wahrheit. Ich habe bis heute wirklich und wahrhaftig noch nie mit einem von ihnen zu tun gehabt.«
Sie blickte ihn von der Seite an. Wenn sie ihm ihren Verdacht erklärte, musste sie ihm auch etwas offenbaren, das ihn in seiner negativen Meinung über sie mehr als bestätigen würde. Mehr noch: Wenn er erfuhr, dass Sam die Königin der Unterwelt war, würde er wohl keine Sekunde zögern, sie zu töten. Zumindest würde er das versuchen.
»Ich habe allerdings den Verdacht«, fügte sie hinzu, »dass deren Auftauchen mit einem Problem zu tun haben könnte, mit dem ich mich seit einiger Zeit herumschlagen muss. Das finde ich heraus. Sollte sich mein Verdacht bestätigen, werde ich entsprechende Maßnahmen ergreifen, mein Wort drauf. Genügt dir das?«
»Nein«, gab der Mönch unumwunden zu. »Aber deine wahren Motive und Pläne wirst du mir natürlich nicht offenbaren.«
Sam seufzte tief und richtete ihren Blick kurz gen Himmel. »Ich hatte euch doch gebeten, dem Kerl Vernunft einzutrichtern!«, beschwerte sie sich. »Wenigstens ein winziges bisschen! War das etwa zuviel verlangt?«
Das war es offenbar, denn weder erhielt Sam eine Antwort, noch erweckte Grahams finsterer Blick den Eindruck, als würde er in absehbarer Zeit vernünftig werden. Sie schüttelte den Kopf.
»Du wirst dich damit begnügen müssen.«
Sie fuhren schweigend in Sams Detektei in der Chester Avenue zurück.
»Mr. Kumara hat angerufen«, teilte Molly Spring Sam mit. »Er will in einer halben Stunde vorbeikommen. Ich habe den Termin zugesagt, da du keinen anderen hast. Außerdem machte er es dringend.«
»Kein Problem«, versicherte Sam. Sie blickte Graham an und machte eine Bewegung mit dem Kopf zu ihrem Büro hin. »Mitkommen«, befahl sie, ging voran und nahm an ihrem Schreibtisch Platz. »Setzen.«
Graham gehorchte mit zusammengepressten Lippen und blickte sie missmutig an. Sam musterte ihn ihrerseits eine Weile stumm.
»Ich verstehe es nicht«, sagte sie nach einer Weile. »Also erklär es mir. Warum willst du lieber tagelang Schmerzen erleiden, statt deine Wunde von mir heilen zu lassen? Das ist vollkommen unsinnig.«
Graham schnaufte verächtlich. »Ja klar, du tust natürlich immer nur sinnvolle Dinge.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Touché«, gestand sie ungerührt. »Aber das ist keine Antwort auf meine Frage.«
Der Mönch zögerte. Er hatte nicht die Absicht, Sam seine Gründe für sein Verhalten zu offenbaren. Doch da er ihr gehorchen musste, führte leider kein Weg an einer Antwort vorbei. Oh Gott, mein Vater, warum strafst du mich so sehr?
»Lassen wir mal die Frage nach dem Sinn oder Unsinn meiner Entscheidung außen vor. Es ist mein Körper und meine Entscheidung, ob und von wem ich ihn heilen lassen will. Indem du mich einfach heilst, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen, nimmst du mir diese Entscheidungsfreiheit – nimmst mir einen Teil meines freien Willens und vergewaltigst ihn regelrecht. Das ist falsch! Aber«, fügte er sarkastisch hinzu, »das interessiert einen Dämon ja herzlich wenig.«
Sam blickte ihn ausdruckslos an. »Soweit habe ich deine Erklärung verstanden«, sagte sie ebenso ausdruckslos. »Ich hätte also nicht ohne deine Erlaubnis versuchen sollen, dich zu heilen. Aber warum hast du mir die verweigert? Aus purem Stolz?«
»Ganz und gar nicht«, zischte er aufgebracht über diese Vermutung. »Aber den Grund wird ein Geschöpf wie du wohl kaum verstehen.«
Sam verdrehte genervt die Augen. »Rede endlich!«, verlangte sie ungehalten.
Wieder musste er ihr gehorchen, ob er wollte oder nicht. Er fragte sich allerdings, warum sie das überhaupt wissen wollte. »Stelle dir vor, die Situation wäre umgekehrt gewesen. Du wärst verletzt und ich hätte dich heilen wollen mit der Kraft, die aus meinem Glauben entspringt. Mit einem christlichen Ritual, das Weihwasser, Salböl und Gebete enthält. Hättest du das annehmen können, du, ein Geschöpf der Hölle?«
Sam nickte ohne zu zögern. »Durchaus. Du scheinst eine völlig falsche Vorstellung von Wesen meiner Art zu haben. Wir wurden zwar in der Unterwelt erschaffen beziehungsweise dort geboren, aber deswegen sind wir nicht zwangsläufig Feinde der Götter oder betrachten sie als unsere Feinde. Sie sind den meisten von uns einfach nur herzlich gleichgültig. Wenn du mir anbieten würdest, mich mit der Kraft der Götter zu heilen, dann würde ich das garantiert nicht ablehnen. Heilung ist Heilung, ganz gleich mit welchen Mitteln sie durchgeführt wird. Deshalb verstehe ich nicht, warum du lieber Schmerzen erträgst, statt mich dir helfen zu lassen.«
»Weil du ein Dämon bist!«, stieß er bitter hervor. »Egal wie positiv das Ergebnis für mich wäre, allein der Gedanke, von deiner dämonischen Magie berührt zu werden, ist für mich derart abstoßend, dass mir davon übel wird. Es ist für mich schon schlimm genug, deine Unsichtbarkeitszauber und das Teleportieren ertragen zu müssen. Bestimmt gibt es auch für dich etwas, wovor du dich zutiefst ekelst. Stelle dir vor, jemand würde dich mit eben diesem Zeug überschütten, dann weißt du ungefähr, wie ich mich jedes Mal fühle, wenn du mich mit deiner Magie heilst.«
Was sie in der Vergangenheit bereits getan hatte. Ihr Vater hatte ihn beinahe getötet, weil er Sam fast umgebracht hätte, und Grahams Hände dabei bis fast zu den Ellenbogen vollkommen zerstört. Sam hatte sie mit ihren magischen Heilkräften neu erschaffen und auch die hässlichen Narben an seinem Körper verschwinden lassen. Nicht nur die, die er beim Kampf mit dem Spinnendämon davongetragen hatte. Seitdem hatte er das Gefühl, dass sein Körper nicht mehr zu ihm gehörte, sondern vollständig Dämonenwerk war. Ein entsetzliches Gefühl, mit dem er immer noch nicht gelernt hatte zu leben.
Sam grinste flüchtig. »Okay, jetzt habe ich es verstanden.«
»Ich frage mich, wieso du mich überhaupt heilen willst. Du hasst mich doch mindestens so sehr wie ich Geschöpfe wie dich.«
Sam schüttelte seufzend den Kopf. »Schon wieder eine aus deinen irrationalen Vorurteilen geborene Fehleinschätzung«, stellte sie fest. »Erstens hasse ich dich nicht. Ich verachte dich allenfalls wegen deiner Borniertheit in den Momenten, in denen ich mal genug Muße habe, irgendwelche Gefühle in dich zu investieren. Was bis jetzt noch nicht vorgekommen ist. Zweitens wollte ich dich heilen, da du diese Verletzung nur bekommen hast, weil du mit mir zusammen warst.« Sie sah ihm ernst in die Augen. »Sariel hat dich mir anvertraut, und ich fühle mich deswegen bis zu einem gewissen Grad für dich verantwortlich, besonders da du laut seinem Befehl zu tun hast, was ich sage. Hätte ich dich nicht mitgenommen, wärst du nicht verletzt worden. Deshalb war es für mich selbstverständlich, dich wieder zu heilen. Außerdem habe ich deinem Abt Dennis versprochen, dass ich auf dich achtgebe.« Sie zuckte mit den Schultern. »Da du aber lieber leidest, werde ich dich eben nicht heilen. Solltest du deine Meinung ändern – mein Angebot bleibt in jedem Fall bestehen.«
»War’s das?«, fragte Graham beinahe aggressiv.
»Das war’s.«
Der Mönch stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ Sams Büro. Als er sich nach links wandte, um in die Kaffeeküche zu gehen, bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass sie ihm nachblickte. Oh Gott, wie sehr er dieses Höllengeschöpf verabscheute! Er konnte es kaum ertragen, in ihrer Nähe zu sein. Der Allmächtige musste wirklich extrem verärgert über ihn sein, um ihm ausgerechnet das anzutun. Noch mehr irritierte ihn aber Sams Verhalten ihm gegenüber. Er war es gewohnt, dass Dämonen ihn, den Defensor der Pugnatores Lucis, hassten und fürchteten; so sollte es auch sein. Er war es nicht gewohnt, dass sie ihn verachteten.
Allerdings glaubte er Sam kein einziges Wort ihrer scheinheiligen Begründungen. Sie würde alles tun, um ihn von ihrer »Harmlosigkeit« zu überzeugen, und Lügen lag ihr im Blut. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Sariel etwas anderes behauptet hatte. Dass ein Dämon in Gottes Augen gut sein sollte, war ein Ding der Unmöglichkeit. »Sam Tyler« war und blieb ein Dämon.
Umso weniger verstand Graham, was das Ganze sollte. Allerdings vertraute er Gott bedingungslos und ging davon aus, dass sich ihm die Antwort auf diese scheinbare Ungereimtheit zur rechten Zeit offenbaren würde. Bis dahin würde er Sam Tyler – oder wie immer sie wirklich hieß – beobachten und seine eigenen Erfahrungen mit ihr machen.
Er setzte sich einen Kaffee auf und inspizierte, während die Kaffeemaschine ihre Arbeit tat, den Medikamentenschrank, der über der Essecke im hinteren Bereich der Küche hing. Er war gut gefüllt und gut sortiert und enthielt sogar Tetanusspritzen, deren Verfalldatum noch lange nicht erreicht war. Überhaupt schien ihm der ganze Bürokomplex auch als Wohnung zu dienen, denn in einem Nebenraum stand ein schmales Bett und gab es Kleiderschrank, Bücherregal und eine Sitzecke mit Fernseher.
Graham gab sich eine Tetanusinjektion, nahm ein Schmerzmittel und setzte sich wieder an den Schreibtisch, den Sam ihm zugewiesen hatte, um dort irgendwelche alten Akten auf Vollständigkeit zu prüfen und Rechnungen zu schreiben wie ihr Dienergeist. Er ignorierte das unangenehme Pochen und Brennen in seiner Wunde, das sich stetig weiter ausbreitete. Sobald das Schmerzmittel wirkte, würde das nachlassen.
Er blickte auf, als ein hochgewachsener Schwarzer mit Goldbrille die Detektei betrat und ihm und Molly grüßend zunickte.
»Miss Tyler erwartet Sie, Mr. Kumara«, teilte Molly dem Mann mit und deutete auf Sams Büro, dessen Tür einladend offen stand.
»Treten Sie ein, Mr. Kumara«, sagte Sam von drinnen. »Graham! Zwei Tassen Tee. Drei, wenn du auch eine willst.«
Sklave!, dachte er bitter. Sie missbraucht mich als ihren Sklaven, Laufburschen und wer weiß was demnächst noch alles, und ich muss diesem Dämon auch noch gehorchen! Gott, warum nur?
»Ich habe leider immer noch keine Spur von dem Verbleib Ihres Bruders«, teilte Sam gerade Amos Kumara mit, als Graham den Tee und für sich eine Tasse Kaffee brachte.
Er stellte eine Tasse vor den Schwarzen hin und eine – widerwillig – vor Sam, ehe er sich auf ihren Wink setzte.
»Mr. Kumara ist Reporter beim Plain Dealer«, erklärte sie ihm. »Ich sollte seinen vermissten Bruder finden.«
»Und das ist dir nicht gelungen?«, entfuhr es Graham höhnisch.
»Mein Assistent, Graham Winger«, stellte Sam den Mönch vor. »Defensor der Pugnatores Lucis. Sie können also offen vor ihm sprechen, Mr. Kumara.« Sie wandte sich an Graham. »Natürlich habe ich den Bruder gefunden. Allerdings nur seinen Körper, in dem sich ein anderer eingenistet und dessen Seele zerstört hatte. Bedauerlicherweise. Und«, wandte sie sich wieder an Amos Kumara, »ich konnte bis jetzt immer noch nicht herausfinden, wohin der Dieb verschwunden ist. Ich kann nur mit Sicherheit sagen, dass er sich gegenwärtig nicht in dieser Welt aufhält. Allerdings konnte ich bis jetzt noch nicht alle infrage kommenden Dimensionen absuchen. Dazu gibt es leider zu viele.«
Da Jacques LeGrand den Körper gestohlen beziehungsweise in Besitz genommen hatte2 und der Bokor immer raffinierter darin wurde, sich zu tarnen und zu verbergen, konnte sie nicht absehen, wann sie endlich die Gelegenheit haben würde, ihn zur Strecke zu bringen. Allerdings würde er mit Sicherheit früher oder später wieder auftauchen, um seine Rache an Sam zu vollenden. Doch sie zog es vor, lieber ihn zu finden, bevor er sie fand, damit sie so die Bedingungen diktieren konnte, unter denen ihre nächste Begegnung ablief. Denn Sam war sich völlig sicher, dass er sonst Vorkehrungen treffen würde, um sie zu erledigen, die sie wie schon einmal kalt erwischen könnten. Deshalb gab sie die Suche nach ihm nicht auf.
Amos Kumara machte eine beschwichtigende Geste. »Auch ein Wesen wie Sie kann keine Wunder vollbringen, Miss Tyler. Jede magische Macht hat Grenzen, wie mir nur allzu bewusst ist.«
»Sie wissen, dass sie ein Dämon ist?«, fragte Graham fassungslos und deutete auf Sam.
Amos Kumara lächelte leicht. »Ich wusste bis jetzt nur, dass Miss Tyler kein Mensch ist. Woher ihre magischen Kräfte stammen, wegen der ich sie übrigens engagiert hatte, war mir noch nicht bekannt.« Er musterte Sam interessiert. »Sie sind also eine Dämonin.«
»Ein Sukkubus«, präzisierte Sam.
»Ah«, machte Kumara mit einem wissenden Nicken und fügte, als ihm wohl richtig bewusst wurde, was das bedeutete hinzu: »Oh!« Er betrachtete Sam erneut intensiv.
Sie grinste und hob abwehrend die Hände. »Klienten sind für mich tabu, Mr. Kumara. Und solange die Angelegenheit mit Ihrem Bruder nicht endgültig geregelt ist, bleiben Sie mein Klient. Danach jedoch ...« Sie zwinkerte ihm verheißungsvoll zu und ließ den Satz unvollendet.
Kumara schmunzelte. »Auf den Tag freue ich mich heute schon.«
»Sie ist ein Dämon!«, erinnerte ihn Graham nachdrücklich.
»Ja, aber ihre Art bringt den Menschen Freude, nicht Leid. Was haben Sie denn für ein Problem mit Ihrer – Arbeitgeberin?«
Graham schwieg verbissen, und so antwortete Sam für ihn.
»Graham wurde zu mir geschickt, um zu lernen, dass nicht jeder Dämon zu den Geschöpfen gehört, die er im Rahmen seiner Aufgabe als Defensor vernichten muss.« Sie seufzte leidgeprüft. »Da er erst ein paar Tage bei mir ist und sich bisher völlig erkenntnisresistent zeigt – um nicht zu sagen extrem begriffsstutzig in dieser Angelegenheit – ist sein Problem, dass er nichts lieber täte, als mich umzubringen, das aber nicht tun darf.« Sie schenkte Graham ein bezauberndes Lächeln, der sie nur hasserfüllt anstarrte.
Amos Kumara war voller Mitgefühl – für beide. »Das ist eine schwierige Situation für Sie beide. Aber, Mr. Winger, ich versichere Ihnen, dass Miss Tyler wirklich nicht den Tod verdient. Das werden Sie im Laufe der Zeit schon feststellen.«
Graham presste nur die Lippen zusammen. Schon wieder begegnete er einem Menschen, der die Dämonin nicht fürchtete und sie sogar für gut hielt. Es war ihm unbegreiflich, wie das ohne Manipulation von ihrer Seite aus möglich sein sollte. Doch seine Defensor-Sinne sagten ihm zweifelsfrei, dass Amos Kumara tatsächlich nicht unter einem Bann stand, der ihn so denken und fühlen ließ.
»Was kann ich für Sie tun, Mr. Kumara?«, erkundigte sich Sam.
»Sie haben von der Rattenplage gehört, die Cleveland gerade heimsucht?«
Sie nickte und deutete auf die Zeitung, die sie vor seiner Ankunft gelesen hatte. »Ich habe gerade Ihren Artikel darüber gelesen.«
»Inzwischen habe ich den Eindruck gewonnen, dass es sich dabei nicht um eine gewöhnliche Rattenplage handelt. Es mehren sich Zeichen, die meine Tochter Erica – sie ist eine Mambo, wie Sie wissen – als Vorboten einer Katastrophe interpretiert, die keine natürlichen Ursachen hat.« Er blickte Sam fragend an.
Sie nickte. »Ihre Tochter hat vollkommen recht, Mr. Kumara. Die Ursache dafür sind Rattendämonen. Graham und ich haben vor einer Stunde ein Nest der Biester ausgehoben. Und ich bin mir sehr sicher, dass das nicht das Einzige in der Stadt ist.« Sie zögerte kurz. »Eine der Ratten hat eine Andeutung gemacht, die mich zu dem Schluss kommen lässt, dass sie etwas Großes planen. Ich werde herausfinden, was es ist.« Sie blickte den Afroamerikaner aufmerksam an. »Aber Sie sind doch nicht nur zu mir gekommen, um mich vor Rattendämonen zu warnen. Das hätten Sie auch per Telefon erledigen können.«
Amos Kumara nickte ernst. »Erica hatte einen Autounfall, der durch Ratten verursacht wurde, die die Bremsleitungen angenagt hatten. Ihr ist nicht viel passiert, doch das lag nur daran, dass sie sich mit Schutzzaubern gesichert hatte. Aber sie hat etwas gesehen – eine Vision, die sie zu dem Schluss kommen ließ, dass die Ratten gezielt Menschen ausschalten, die ...« Kumara zögerte und wirkte jetzt zutiefst besorgt. »Erica glaubt, dass sie alle medial begabten Menschen auf die eine oder andere Weise unschädlich machen wollen, damit die sie nicht aufhalten beziehungsweise die Menschen warnen können. Ich würde sagen, dass das zu Ihrer Vermutung passt, dass die Rattendämonen etwas Großes planen.«
Sam starrte Kumara sekundenlang an, ehe sie zum Telefonhörer griff und Ronans Nummer wählte. »Ron, sind die Schutzzauber um euer Haus noch intakt?«, fragte sie, als der Police Lieutenant sich meldete.
Graham registrierte erstaunt, dass Sam richtig besorgt klang. Obwohl er wieder reflexartig zu glauben versucht war, dass sie damit nur eine Show für ihn abzog, sagte ihm sein Instinkt – dessen Stimme er trotz aller Bemühungen nicht vollständig zum Schweigen bringen konnte –, dass ihre Besorgnis echt war.
»Ja, es ist alles in Ordnung«, antwortete Ronan. »Was ist los, Sam? Muss ich mir Sorgen machen?«
»Ja, um Abby. Ich habe gerade von jemandem erfahren, der diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben ist, dass die Rattendämonen medial begabte Menschen umzubringen versuchen, weil die wohl Wind von ihrem Masterplan bekommen könnten, welcher immer das ist. Und Abby ist ein Medium. Ron, bitte, passt verdammt gut auf sie auf! Ich komme nachher bei euch vorbei und verstärke die Schutzzauber. Nur für alle Fälle. Gibt es sonst noch was Neues?«
»Oh ja«, bestätigte Ronan grimmig. »Einer meiner Kollegen wurde von einer nach seinen Aussagen riesigen rotäugigen Ratte gebissen und ist jetzt mit einer unbekannten Krankheit infiziert. Er liegt in Quarantäne im Fairview Hospital, aber in den aktuellen Nachrichten heißt es, dass es bereits mehrere Fälle gibt und es stündlich mehr werden. Und die Ratten vermehren sich unglaublich schnell. Sam, was ist da los?«
»Ich weiß es noch nicht. Aber ich finde es heraus. Bis später, Ron.«
»Schlechte Nachrichten?«, fragte Amos Kumara, als Sam mit einem sehr besorgten Gesicht den Hörer auflegte.
Sie nickte. »Die Ratten übertragen eine unbekannte Krankheit. Es hat schon mehrere Fälle gegeben.« Sie blickte Graham an und warf einen Blick auf den Verband an seinem Arm.
Der Mönch ahnte, was sie dachte und legte schützend seine Hand über den Verband. »Nein!«, entschied er nachdrücklich, obwohl der Schmerz in der Wunde trotz Schmerzmittel kein bisschen nachgelassen hatte.
Sam zuckte mit den Schultern. »Wie es aussieht, werden wir in den nächsten Tagen hauptsächlich Ratten jagen.« Sie nickte dem Reporter zu. »Vielen Dank für die Informationen, Mr. Kumara. Falls Ihre Tochter noch etwas erfährt oder Sie selbst ...«
»Dann gebe ich Ihnen sofort Bescheid.« Der Schwarze erhob sich und reichte Sam die Hand. »Viel Erfolg, Miss Tyler. Mr. Winger.« Er nickte Graham zu und verließ die Detektei.
Sam blickte nachdenklich ins Leere, nachdem er gegangen war, und trank ihren Tee.
»Was hast du jetzt vor?«, fragte Graham, nachdem Sam eine für seinen Geschmack recht lange Zeit geschwiegen hatte.
»Was ich zu Mr. Kumara schon sagte: Rattendämonen jagen. Ich gedenke, ihre Nester hier in Cleveland aufzuspüren und erst mal einen Teil zu vernichten. Und die echten Ratten bei der Gelegenheit gleich wieder auf eine normale Zahl zurückzustutzen. Wenn die Brut nicht völlig von Sinnen ist, versteht sie meine Botschaft und verlässt die Stadt. Falls nicht, werde ich auch noch den Rest von ihnen ausräuchern.« Sie verzog grimmig das Gesicht. »Und einen von ihnen werde ich mir vorknöpfen und ausquetschen, was das Ganze soll. Ich stimme Kumara darin zu, dass das Pack was Großes plant.« Sie stand auf und machte eine Kopfbewegung zum Ausgang hin. »An die Arbeit.«
Wenig später saßen sie in Sams Wagen und fuhren stadtauswärts. Graham spürte, wie die Dämonin ihre Magie einsetzte. Was genau sie tat, vermochte er nicht zu sagen, doch sie änderte gleich darauf abrupt die Richtung und fuhr ins Industriegebiet.
»Ich lasse mir von den Luftelementaren sagen, wo sich die Kolonien der Rattendämonen befinden«, erklärte sie Graham. »Die nächstgelegene ist in einer verlassenen Lagerhalle bei den Gleisen zwischen Broadway Avenue und Transport Road. Das ist günstig, denn dort erregen wir wohl kaum Aufmerksamkeit.«
Graham antwortete ihr nicht. Stattdessen überprüfte er seine Glock-19, ob sie einsatzbereit war und er genug Ersatzmagazine dabei hatte. Zwar war er überzeugt, dass Sams Magie einen Einsatz von seiner Seite aus relativ unwahrscheinlich machte, doch er war nicht so leichtsinnig, blind darauf zu vertrauen. Er würde überhaupt nie wieder die gebotene Vorsicht außer Acht lassen, geschweige denn leichtsinnig handeln. Das hatte er ohnehin nie getan. Trotzdem waren er und seine Ordensgeschwister auf den Spinnendämon hereingefallen. Er schüttelte sich unwillkürlich und verdrängte gewaltsam die Erinnerung.
Sein Arm schmerzte immer noch höllisch, wo ihn die Ratte gebissen hatte. Die Wunde pochte unangenehm und brannte, als hätte jemand Salz darauf gestreut. Obwohl es Sommer und recht warm draußen war, fror Graham. Sobald er sich nachher in seinen Wohnwagen zurückziehen konnte, würde er die Wunde noch einmal desinfizieren und sich ein stärkeres Schmerzmittel spritzen aus dem Vorrat, den er in seinem umfangreichen Medizinkoffer mit sich führte. Jetzt konzentrierte er sich auf seine Aufgabe.

Die Lagerhalle, in der Sam die Rattendämonen ausfindig gemacht hatte, wirkte so verlassen, wie sie seit Jahren war. Doch Grahams Defensor-Sinne offenbarten ihm, dass sich die Dämonen darin befanden. Er zog seine Waffe und entsicherte sie.
»Bleib hinter mir, Graham«, befahl Sam leise. »Dort drinnen befindet sich eine reichlich große Kolonie. An die hundert Rattendämonen. Die einzeln zu erledigen ist nicht ratsam.«
»Was hast du vor?«
Sam grinste flüchtig. »Ich werde die ‚magische Keule’ nehmen.«
Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment wurde die Tür des Lagerhauses geöffnet, und die Rattendämonen, die wohl Sams und Grahams Anwesenheit gespürt hatten, drängten ins Freie. Ob sie vorgehabt hatten, die beiden anzugreifen, ließ sich nicht erkennen, denn Graham begann unverzüglich auf sie zu schießen. Sam erkannte gerade noch, dass einige Ratten bei ihrem Anblick begonnen hatten, sich respektvoll zu verneigen. Doch nachdem die ersten von ihnen Grahams Kugeln zum Opfer fielen, griffen sie ebenfalls an.
Sam blieb nichts anderes übrig, als die »magische Keule« zu benutzen, um zu verhindern, dass sie von den Rattendämonen überrollt wurden, die jetzt nur eins im Sinn hatten: Sams und Grahams Tod. Sie initiierte einen gewaltigen Feuerball, den sie wie ein flammendes Tuch über die Dämonen warf und sie innerhalb weniger Sekunden zu Asche verwandelte.
Bis auf einen, den sie in einem magischen Schild vor den Flammen schützte und ihn gleichzeitig an seinen Platz bannte. Graham warf ihr einen undefinierbaren Blick zu.
»‚Magische Keule’ in der Tat«, stellte er fest, behielt seine Glock aber immer noch in der Hand. Dass Sam eine wahrhaft große Macht besaß, hatte er schon erkannt, als er vor ein paar Tagen mitbekommen hatte, dass sie sogar in der Lage war, die Zeit zu verändern. Dass es sie bildlich gesprochen nur ein Fingerschnippen kostete – sie hatte nicht einmal eine noch so unbedeutende Geste gemacht – um hundert Individuen zu zerstören, verursachte ihm profundes Unbehagen. Es führte ihm vor Augen, was sie jederzeit auch mit ihm tun könnte, wenn sie es wollte.
Sam wandte sich der gefangenen Ratte zu, die verzweifelt und erfolglos versuchte, aus dem magischen Bann zu entkommen, jetzt aber Sam gegenüber alle Anzeichen von Unterwürfigkeit zeigte.
»Warum tust du uns das an?«, wimmerte die Ratte, der sehr wohl bewusst war, dass sie nur noch kürzeste Zeit zu leben hatte. »Das ist gegen die Abmachung!«
»Welche Abmachung?«, fragte Sam verständnislos. Sie belegte die Ratte mit einem Wahrheitszauber, damit sie ihr keine Lügen auftischen konnte.
»Die du mit unserer Königin Laka getroffen hast.«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich bin eurer Königin nie begegnet und habe ganz sicher keine Abmachung mit ihr getroffen.« Sie fühlte, dass Graham, der hinter ihr stand, seine Waffe auf sie richtete. Mit einem Bringzauber riss sie sie ihm aus der Hand und warf sie zur Seite. »Hör verdammt noch mal auf mit dem Scheiß!«, verlangte sie ungehalten und wandte sich wieder der Ratte zu, während Graham augenblicklich seine Glock zurückholte. »Wie lautet diese angebliche Abmachung?«, fragte sie den Rattendämon.
»Unsere Königin Laka hat uns hergeschickt mit dem Auftrag, die Menschen in dieser Stadt zu infizieren und in deinem Namen zu unterwerfen«, antwortete die Ratte.
Das wurde ja immer schöner. Sams Vermutung, dass Luzifer das Ganze eingefädelt hatte, um sie zu zwingen, endlich ihre Position als seine Königin anzunehmen, wurde langsam zur Gewissheit. Sie hatte allerdings das Gefühl, dass noch mehr dahinter steckte. »Und welchem Zweck soll das Ganze dienen?«
»Das weiß ich nicht. Darüber hat Königin Laka nur Prinz Ragu und Prinzessin Ranga informiert.«
»Wo finde ich die beiden?«
»Prinz Ragu hast du heute Morgen zusammen mit seinen Getreuen umgebracht.« Demnach war er »Mr. Shanks« gewesen. »Prinzessin Ranga hat ihr Nest 11339 Kinsman Road.«
»Wie viele von euch halten sich in Cleveland auf?«
»Wir waren zweitausend.«
Sam quittierte das mit einem boshaften Grinsen. »Tja, eure Zahl schrumpft beängstigend. Und jetzt gibt es noch einen weniger.« Sie vernichtete den Rattendämon mit einem Feuerball.
»Kinsman Road«, wiederholte sie nachdenklich. »Auf dem Weg dorthin kommen wir noch an drei weiteren Rattennestern vorbei. Die räuchern wir kurz und bündig aus, ehe wir uns um diese Rattenprinzessin kümmern. Abmarsch!«
Graham rührte sich nicht von der Stelle. »Ich wusste, dass du damit etwas zu tun hast, als dieser Seelenfresser behauptete, dass du ihn und seine Brut gerufen hast. Also was zum Teufel hast du vor?« Zwar richtete er diesmal nicht wieder die Waffe auf sie, da sie darauf vorbereitet war und sie ihm wieder aus der Hand gezaubert hätte. Doch er würde keinen Schritt tun, ehe sie ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte. Oder sie ihn mit Gewalt dazu zwang.
Sam seufzte tief. Ihm die Wahrheit zu sagen, war keine gute Idee. Wenn sie es jedoch nicht tat, würde er ihr noch mehr misstrauen. Und das konnte unter Umständen irgendwann gefährlich werden – für sie beide.
»Okay, ich sage dir die Wahrheit, Graham.«
»Ha!«
»Wenn du mir dein Wort gibst, dass du dann nicht wieder versuchst, mich umzubringen.«
»Das kann ich dir nicht versprechen.«
Sam schloss genervt die Augen und schüttelte den Kopf. »Du bist ein wirklich schwieriger Fall«, stellte sie fest. »Aber ich schätze deine Ehrlichkeit.« Sie machte eine Kopfbewegung zu ihrem Jeep hin. »Ab in den Wagen. Ich erkläre es dir unterwegs. Wir haben schließlich noch ein paar Rattennester auszuräuchern. Und steck verdammt noch mal endlich die Waffe ein, sonst lasse ich sie verschwinden. Permanent
Graham gehorchte widerstrebend.
»Ist euch Pugnatores Lucis die ‚Große Entscheidung’ ein Begriff?«, erkundigte sich Sam, als sie wieder im Wagen saßen und in Richtung Kinsman Road fuhren. »Der rituelle Kampf zwischen Licht und Finsternis, der alle ungefähr tausend Jahre stattfindet?«
Der Mönch blickte sie überrascht an. »Es gibt Gerüchte, dass ein solcher ritueller Kampf um die Vorherrschaft angeblich wirklich ausgetragen wird. Willst du damit sagen, dass das tatsächlich passiert? Dass das keine Legende ist?«
Sam nickte. »Dieser Kampf ist sehr real, und in einem Jahr oder zwei Jahren steht wieder eine solche Entscheidung bevor.«
»Was hat das mit deiner Verbindung zu diesen Rattendämonen zu tun? Du versuchst abzulenken.«
»Keineswegs. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund scheine ich für den Ausgang dieser Entscheidung eine wichtige Rolle zu spielen. Deshalb wollen die Wächter mich unbedingt ihren Reihen einverleiben, und aus demselben Grund will auch Luzifer mich für sich gewinnen.«
»Und was hat er dir dafür versprochen?«, höhnte Graham voller Verachtung. »Dass du die Königin der Ratten wirst?«
»Schlimmer«, antwortete Sam ernst. »Als Erstes hat er mich gezwungen, seine Tochter zur Welt zu bringen.«
Der Mönch starrte sie entsetzt und fassungslos an. Wenn das wahr wäre ... Doch so sehr er auch versucht war sich einzureden, dass Sam ihn belog, sein Instinkt sagte ihm, dass sie das zumindest in diesem Fall nicht tat. Sie war bestrebt, ihn von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Ihm zu offenbaren, dass sie die Mutter von Luzifers Tochter war, bewirkte das Gegenteil.
»Sie steht leider völlig auf seiner Seite. Unnötig zu erwähnen, dass er meine Gefühle für sie zu benutzen versucht, damit ich mich für sie und somit für ihn entscheide, wenn es soweit ist.« Sam seufzte tief. »Da das aber aus Gründen, die zu erklären zu weit führen würde, nicht ganz so geklappt hat, wie er sich das erhofft hat, griff er zu anderen Methoden, um mich auf seine Seite zu zwingen.« Sie warf Graham einen missmutigen Blick zu. »Es wird dich wahrscheinlich freuen zu hören, dass er es geschafft hat mich auszutricksen.«
Graham hätte tatsächlich eine diebische Schadenfreude bei dieser Eröffnung empfunden, wenn es nicht der Teufel gewesen wäre, der Sam ausgetrickst hatte. War es für den Mönch schon ein gewaltiger Schock zu erfahren, dass dieses Höllengeschöpf die Mutter der Tochter des Teufels war, so wagte er nicht sich vorzustellen, auf welche Weise der Sam ausgetrickst haben konnte. Es konnte nur etwas Entsetzliches sein.
»Er benutzte meine Liebe zu meiner Tochter gegen mich«, fuhr Sam mit bitterem Grimm fort, »und ehe ich mich versah, war ich die Königin der Unterwelt.«
»Was?« Graham fuhr regelrecht zurück, sodass sein Kopf schmerzhaft mit dem Seitenfenster des Jeeps kollidierte. Seine Hand fuhr zum Schulterhalfter, in dem er die Glock trug.
»Wenn du jetzt die Waffe ziehst, Graham, lege ich dich wie einen Schuljungen übers Knie!«, drohte Sam grimmig und meinte das vollkommen ernst.
Graham ließ die Waffe stecken. Es wäre ihm wahrscheinlich sowieso nicht gelungen, sie zu ziehen, bevor Sam sie ihm mit ihrer Magie entwunden oder ihn auf andere Weise daran gehindert hätte, sie zu benutzen. Eine Weile schwiegen sie beide.
»Ich bin mir sehr sicher«, fuhr Sam schließlich fort, »dass diese Rattenplage etwas damit zu tun hat. Sicher ist dir nicht entgangen, dass vor einigen Monaten Dämonen hordenweise meine Nähe suchten.«
»Allerdings nicht!«
»Sie wollten sich in meine Gunst schleichen und hofften, von mir als Günstlinge für meinen Hofstaat erwählt zu werden. Wie dir sicherlich auch aufgefallen ist, haben sie ihre Bemühungen aufgegeben.«
»Warum?«
»Ihnen zu sagen, ich wäre nicht Luzifers Königin, hätten sie mir nie geglaubt, da er nicht müde wird, das Gegenteil zu behaupten. Also habe ich die Prämisse ausgegeben, dass diejenigen, die sich mir derart anbiedern, garantiert keine Chance haben, von mir beachtet zu werden. Seitdem halten sich alle zurück. Doch natürlich beobachten sie mich. Und die ganze Unterwelt lauert darauf, dass ich endlich meine Gefolgsleute unter den Dämonen erwähle. Das brächte jedem Erwählten einen gewaltigen Schub an Prestige und Macht. Und glaube mir, jeder Dämon würde für so eine Gelegenheit nahezu alles tun – außer sich selbst umzubringen.«
Graham zählte zwei und zwei zusammen und kam zu einem Ergebnis, das Sam tatsächlich entlastete – falls ihre Geschichte der Wahrheit entsprach.
»Da ich die Rattendämonen nicht nach Cleveland gerufen habe, bin ich mir sehr sicher, dass Luzifer ihrer Königin gesagt hat, dass ich wünsche, dass sie hier die Leute drangsalieren. Natürlich hat er das nicht persönlich getan, sondern einen Boten geschickt, der angeblich in meinem Namen spricht. Das werde ich erfahren, wenn ich mir diese Prinzessin Ranga vorknöpfe. Ich bin mir sehr sicher, dass ich den Ratten deshalb nur zu befehlen bräuchte, die Stadt zu verlassen, und sie würden auf der Stelle gehorchen.«
»Warum tust du es dann nicht, wenn das so einfach ist?«
»Weil ich damit die Macht der Unterweltkönigin exerzieren würde. Dadurch würde ich die und den damit verbundenen Posten akzeptieren und würde de facto zur Königin der Unterwelt, nicht nur wie bisher nominell. Das würde sich dort in Windeseile herumsprechen. Danach könnte ich dementieren, solange ich wollte, aber kein Dämon würde es mit glauben. Doch wenn ich diesen Posten akzeptiere – freiwillig oder unfreiwillig –, so wären die Wächter gezwungen, mich zu bekämpfen. Denn ich kann nicht für die Seite des Lichts arbeiten und gleichzeitig die amtierende Königin der Unterwelt sein.« Sie blickte Graham ernst an. »Und darum, Graham, darf ich auf keinen Fall etwas tun, das auch nur den Anschein erweckt, als wäre ich Luzifers Königin. Würde ich den Ratten befehlen zu verschwinden, würde ich genau das tun. Verstehst du?«
Der Mönch verstand. Und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, der ihn zittern ließ.
»Dabei wäre es so einfach diese Macht zu benutzen, um auf den ersten Blick Gutes damit zu tun. Doch diese Macht ist wie Saurons Meisterring. Du kennst doch den ‚Herrn der Ringe’?«
Graham nickte.
»Gandalf weigerte sich, den Ring in seine Obhut zu nehmen, weil er dessen Macht fürchtete. Er sagte, er würde sie zu benutzen versuchen, um Gutes damit zu bewirken. Doch es ist die Natur des Rings, dass aus allem, was mit ihm bewirkt wird, am Ende Verderben herauskommt. Dasselbe ist mit der Macht, die ich als Königin der Unterwelt besitze. Mit jedem Mal, bei dem ich von ihr Gebrauch machte, würde ich Luzifer direkt in die Hände spielen. Und das werde ich freiwillig garantiert niemals tun.« Sie warf ihm einen spöttischen Seitenblick zu. »Aber natürlich wirst du mir wie gewohnt kein Wort glauben.«
Seltsamerweise glaubte Graham ihr. Was sie ihm offenbart hatte, war zu hanebüchen, um eine Lüge zu sein. Doch es war entsetzlicher, als er sich in seinen schlimmsten Albträumen vorgestellt hatte. Das dämonische Geschöpf, das neben ihm saß und wie ein Mensch aussah, war die Königin der Unterwelt. Und dennoch wurde sie von einem Engel im Namen Gottes beschützt. Wenn Sams Behauptung stimmte, dass die Mächte des Lichts sie am Tag der »Großen Entscheidung« auf ihrer Seite haben wollten, so ergab das allerdings einen verdammt guten Sinn.
Graham fühlte einen Adrenalinstoß durch seinen Körper rasen. Hatte Gott ihn vielleicht zu ihr geschickt, damit er dafür sorgte, dass sie nichts Böses tat? Solange er ständig in ihrer Nähe blieb, war sie gezwungen, Gutes zu tun, um ihn von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Ja, das musste es sein. Diese Erkenntnis ließ ihn sein Los als ihr »Diener« etwas leichter ertragen. Dennoch war ihm immer noch unglaublich übel in ihrer Nähe und dieses Gefühl nahm ständig zu.
»Also, Graham, jetzt kennst du die ganze leidige Geschichte.« Sie sah ihm in die grauen Augen. »Glaubst du immer noch, dass ich die Ratten auf die Menschen losgelassen habe?«
»Nein.« Falls ihre Geschichte wahr war.
Sam atmete auf. »Wenigstens etwas.«
Sie fuhren wieder ins Stadtgebiet hinein, und Graham fühlte, dass Sam erneut einen Zauber initiierte. Obwohl er vor Neugier beinahe platzte, fragte er sie trotzdem nicht, was sie gerade getan hatte.
»Der Zauber bewirkt, dass alle normalen Ratten sterben, die nur durch die Magie der Rattendämonen entstanden sind«, erklärte sie ihm unaufgefordert. »Dann sind wir das Problem der Rattenüberbevölkerung schon mal los.« Sie warf ihm einen forschenden Blick zu, als er nicht antwortete. »Du siehst nicht gut aus, Graham. Du solltest mich dich heilen lassen.«
»Nein!«, wehrte er schroff ab. »Das wird schon wieder.« Zumindest hoffte er das. War der Gedanke, von einer Dämonin geheilt zu werden, schon schlimm genug für ihn gewesen, so war der, von der Königin der Unterwelt geheilt zu werden, noch schlimmer. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, welcher Keim der Finsternis zusammen mit so einer Heilung auf ihn übergehen würde – durch die frühere Heilung schon auf ihn übergegangen war. Ihm wurde derart übel, dass er mit Gewalt einen Brechreiz unterdrücken musste.
»Ich könnte dir befehlen, dich von mir heilen zu lassen«, erinnerte Sam ihn.
»Ja«, höhnte er. »Damit würdest du mir beweisen, dass du keinerlei Rücksicht auf die Wünsche und den freien Willen anderer Leute nimmst.«
Sam seufzte und schüttelte den Kopf. »Mir ist ja schon so mancher Sturkopf unter den Menschen begegnet, Graham, doch du schlägst sie alle um Längen. Aber bitte sehr, leide ruhig weiter, wenn es dir Spaß macht. Ich weide mich derweilen an deiner Qual.«
Obwohl er wusste, dass sie das ironisch gemeint hatte, nahm er die Bemerkung doch für einen weiteren Beweis ihrer Schlechtigkeit. Umso mehr war er entschlossen, sie aufzuhalten und auf den rechten Weg zu bringen. Im Moment hatte er allerdings zunehmend das Gefühl, dass sein Innerstes nach außen gekehrt wurde. Die Übelkeit kam in Wellen, ebenso das Gefühl von eisiger Kälte, das sich mit Hitzewallungen abwechselte.
Ob er wollte oder nicht, er musste zugeben, dass das definitiv nicht davon verursacht wurde, dass er in Sams Nähe war. Es war die Infektion durch den Rattenbiss. Er bemühte noch einmal den Inhalt des Verbandskastens und fand eine Packung Antibiotika. Er schluckte zwei Tabletten und hoffte, dass die den Trick taten.
Sam, der das natürlich nicht verborgen blieb, vernichtete die nächsten drei Rattenkolonien allein und völlig unspektakulär durch ihre Magie. Als sie jedoch an der angegebenen Adresse in der Kinsman Road ankamen, fanden sie das dortige Nest leer.
»Verdammt!«, fluchte die Dämonin. »Sieht so aus, als hätte jemand die Brut gewarnt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Nun, ich finde sie schon noch.« Sie warf Graham einen besorgten Blick zu. »Hältst du noch durch?«
»Natürlich!«, fauchte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er würde sie keine Sekunde aus den Augen lassen, in der er vermeiden konnte, das zu tun.
»Gut, dann räuchern wir noch ein paar Kolonien aus.«
Was sie in den nächsten Stunden wieder allein tat. Sie fuhr mit Graham durch die halbe Stadt und vernichtete vom Auto aus die Rattenkolonien, die sie aufspürte, ohne dass sie mehr tat als nur buchstäblich im Vorbeifahren irgendeinen Zauber zu manifestieren. Als die Dämmerung begann, brach sie die Aktion ab und fuhr zu Ronan Kerrys Haus.
Der Police Lieutenant war gerade von der Arbeit gekommen. Seine Frau Sarah stand in der Küche und bereitete das Abendessen zu, während Ronan mit seinen beiden Töchtern spielte.
»Sam!«
Abby flog förmlich in Sams Arme, als die Dämonin mit Graham im Schlepptau eintrat. Sam hob das blonde Mädchen hoch und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Graham erkannte in dem Kind das Mädchen, das Sam vor etwa einem Jahr aus den Klauen eines Psi-Vampirs gerettet hatte, wie Vesgyn ihm in einer Vision gezeigt hatte.
»Hallo Abby. Ich war gerade in der Gegend und wollte mal sehen, wie es dir geht.«
»Mir geht es gut, Sam.«
Siobhan, Ronans fast vierjährige Tochter, kam ebenfalls angerannt. »Hallo Tante Sam!«
»Hallo Siobhan.«
Bevor Siobhan sich ihrer Adoptivschwester anschließen und einen Platz auf Sams zweitem Arm erobern konnte, entdeckte sie Graham. Sie starrte ihn für einen Moment erstaunt an. Dann lief sie auf ihn zu, fasste seine Hand, sah zu ihm auf und strahlte ihn an. Graham verspürte den starken Drang, sich von ihr loszureißen.
»Keine Angst, sie beißt nicht«, beruhigte ihn Ronan ironisch, dem dieser Impuls nicht entgangen war.
Graham fühlte, wie ein Licht in ihn eindrang, das von dem Kind ausging. Das Licht wand sich wie ein Wurm in den immer noch zutiefst verletzten Teil seiner Seele, der von der Begegnung mit dem Spinnendämon traumatisiert war und von seinem Beinahetod durch Sams Vater. Er hatte das Gefühl, als würde diese Berührung mit dem Licht seine Seele verbrennen und keuchte auf vor Schmerz. Zwar war er wie jeder Defensor gegen die meisten Arten von Magie immun, besonders wenn es sich um Schadensmagie handelte; das galt jedoch nicht für besonders starke magische Fähigkeiten oder positive Dinge wie Heilmagie.
Was das kleine Mädchen – nicht einmal vollständig ein Mensch – mit ihm tat, war zwar positiv, doch es schien seine Seele zu brechen, schien den verletzten Teil zu zersplittern und wieder zusammenzufügen. Es tat dermaßen weh, dass er mit zusammengebissenen Zähnen stöhnte und sich jetzt doch von dem Kind losriss, das prompt zu weinen begann. Ronan nahm seine Tochter auf den Arm, wiegte sie mit beruhigendem »Sch, sch, sch!« hin und her und streichelte sie unablässig. Er und Sam tauschten verständnisinnige Blicke aus. Sogar Sarah war nicht allzu besorgt, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Ronan die Sache im Griff hatte. Sie wusste natürlich von den Seelenheilkräften ihrer Tochter und kannte diese Reaktion auf das Leid, das Siobhan bei anderen heilte.
»Ich will euch nicht lange stören«, erklärte Sam. »Ich verstärke nur schnell die Schutzzauber um euer Haus. Danach seid ihr mich wieder los.«
»Ronan hat mir schon erzählt, was los ist«, sagte Sarah und warf Sam einen ungnädigen Blick zu. »Sam, wenn diese Bedrohung wieder mal was mit dir zu tun hat, bist du mir nicht mehr allzu willkommen«, stellte sie unumwunden klar. Sie nahm es Sam persönlich übel, dass vor einem Dreivierteljahr Ronan unter Jacques LeGrands Fluch geraten war und sich für kurze Zeit wie ein Psychopath verhalten hatte, nur weil LeGrand es auf Sam abgesehen hatte.
»Sarah, a ghràidh3 «, sagte Ronan sanft, bevor Sam antworten konnte. Er legte den Arm um seine Frau und gab ihr einen innigen Kuss. »Sam kann nichts für das, was andere Wesen tun. Sie trug damals keine Schuld daran und trägt auch jetzt garantiert keine. Schließlich ist nicht sie dafür verantwortlich, dass die Ratten Cleveland heimsuchen, nicht wahr?«
»Bin ich nicht«, versicherte Sam. »Aber ich werde dem ein Ende bereiten, mein Wort darauf.« Sie gab Abby noch einen Kuss und ließ sie von ihrem Arm herunter.
Abby klammerte sich an ihre Hand. »Kann ich mit dir kommen, Sam?«
Sam schüttelte den Kopf. »Ein anderes Mal, Abby, versprochen. Ich habe noch zu tun.«
Abby wäre von Anfang an, nachdem Sam sie gerettet hatte, am liebsten bei der Dämonin geblieben. Sam war das einzige Wesen, dem Abby vollkommen vertraute. Ronan und Sarah waren für sie nur die zweite Wahl.
»Bevor ich es vergesse, Ron. Darf Graham ab und zu auf eurem Schießstand trainieren? Er ist ein ausgezeichneter Schütze und möchte in Übung bleiben.«
Zwar hatte Graham sich schon Gedanken darüber gemacht, wo er seine Schießkünste trainieren konnte, während er seinen Strafdienst bei der Dämonin ableistete, doch er hatte das ihr gegenüber mit keiner Silbe erwähnt. Auf den Gedanken, ihre Kontakte zur örtlichen Polizei dafür zu nutzen, wäre er allerdings ohnehin nie gekommen.
»Kein Problem«, versicherte Ronan und nickte Graham zu. »Ich stelle dir eine entsprechende Genehmigung aus. Du kannst jederzeit auf dem 61. vorbeikommen, sie abholen und danach bei uns trainieren, so oft du willst.«
»Danke«, murmelte der Mönch und fragte sich, woher Sam wusste, dass er genau nach so einer Möglichkeit bereits gesucht hatte. Doch er dachte nicht weiter darüber nach. Was das Kind vorhin mit ihm getan hatte, wirkte immer noch in ihm und schien ihn innerlich zu zerreißen. Er wollte nur noch in seinen Wohnwagen und sich ausruhen, um wieder sein Gleichgewicht zu gewinnen.
Zum Glück dauerte es nur wenige Augenblicke, bis Sam die Schutzzauber um das Haus der Kerrys verstärkt hatte und sich verabschiedete.
»Passt auf euch auf«, ermahnte sie Ronan und Sarah noch inständig, ehe sie das Haus verließ. Graham folgte ihr.
»Was ... was ist diese ... dieses Kind für ein Wesen?«, stieß er hervor, als er am ganzen Körper zitternd und mit einem Gefühl, als hätte er gerade einen 42-Kilometer-Marathon absolviert, in Sams Wagen stieg. Schwer atmend lehnte er sich im Sitz zurück. Es kostete ihn unglaubliche Anstrengung, sich anzuschnallen.
»Siobhan ist eine Dryade und besitzt Seelenheilkräfte. Wenn jemand in ihrer Nähe leidet, hat sie das Bedürfnis, dessen Leid zu lindern. Sie ist allerdings noch viel zu jung, um ihre Kräfte wirklich beherrschen zu können. Deshalb verursachen ihre Heilungsversuche solche Schmerzen.« Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. »An mir hat sie die auch schon mal ausgetobt. Deshalb weiß ich, wie du dich gerade fühlst. Aber das lässt nach, glaub mir.«
Sam startete den Wagen und warf noch einen letzten Blick zum Haus der Kerrys. Magisch gesehen war es jetzt eine Festung, in die nichts Böses eindringen konnte. Seine Bewohner waren darin absolut sicher. Das Problem war nur, dass sie nicht ewig in dieser Festung bleiben konnten, sondern sie jeden Tag verlassen mussten, um zur Arbeit zu gehen. Sam hatte Ronan, Sarah und den Kindern zwar magische Schutzschilde gegeben, doch sie wusste aus Erfahrung, dass die nur direkte magische Angriffe neutralisierten. Es gab noch unzählige Dinge, die ihnen dennoch zustoßen konnten und die ganz profan von den Rattendämonen verursacht werden konnten. Mit einem besorgten Seufzen fuhr sie nach Hause.
Als hätte sie nur darauf gewartet, dass Sam endlich verschwand, schlich Minuten später eine rotäugige Ratte zum Haus der Kerrys. Im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit und der überall gepflanzten Büsche kroch sie unter den Wagen, den Sarah an der Straße abgestellt hatte und mit dem sie Abby morgen wieder zu ihrem Therapeuten fahren würde. Mit einem boshaften Glitzern in den Augen begann die Ratte, dessen Bremsleitungen anzunagen ...

Graham versorgte als Erstes seine Verletzung, kaum dass er eine knappe Stunde später in seinem Wohnwagen allein war. Er desinfizierte sie nicht nur erneut, er wusch sie auch mit Weihwasser aus, was derart grausam brannte, dass er einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken konnte. Danach war ihm jedoch derart übel, dass er keinen Bissen seines Abendessens hinunter bekam, sondern sich gleich ins Bett legte und darauf vertraute, dass die Medikamente, das Weihwasser und seine Gebete ihre Wirkung taten. Er hatte die furchtbaren Verletzungen überlebt, die ihm der Spinnendämon zugefügt hatte; er würde diesen Rattenbiss auch überstehen.
Doch das wurde nicht so einfach, wie er gehofft hatte. Erst kam der Frost, der ihm das Mark in den Knochen einzufrieren schien und ihn derart unkontrolliert zittern ließ, dass seine Zähne so hart aufeinander schlugen, dass seine Kiefer schmerzten. Danach kam die Hitze, die ihn regelrecht verbrannte. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, und er konnte kaum noch atmen. Ihm wurde nicht einmal bewusst, dass er nicht nur die Bettdecke, sondern auch seine Kleidung vollständig von sich warf und sich stöhnend auf dem Bett hin und her wälzte, während der Krankheitskeim, den der Rattendämon in ihn gepflanzt hatte, sein zerstörerisches Werk tat.
Das Schlimmste waren die Albträume, in denen er wahlweise von dem Spinnendämon attackiert wurde, ein verführerischer Sukkubus, der eine verdächtige Ähnlichkeit mit Sam besaß, seine gierigen Finger nach ihm ausstreckte und rotäugige Ratten über ihn herfielen, um ihn bei lebendigem Leib aufzufressen.
Als er im Morgengrauen halbwegs wieder zu sich kam, begriff er, dass er sterben würde. Er versuchte, zu seinem Handy zu gelangen, das auf dem Tisch lag, doch er war inzwischen sogar zu schwach, um die Hand zu heben, geschweige denn seinen Körper aus dem Bett zu bewegen. Er hätte seinen Stolz und vor allem seinen Ekel hinunterschlucken und sich von Sam heilen lassen sollen. Jetzt war es zu spät.
Gott, mein Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist und meine Seele, betete er stumm. Was immer ich im Leben verbrochen habe, bitte verzeih mir.
Die Tür seines Wohnwagens wurde aufgerissen, und kühle Morgenluft strömte herein, die Graham allerdings nicht wirklich abkühlen konnte. Mit ihr kam Sam, die sich mit einem Fluch neben sein Bett kniete. Sie erfasste mit einem Blick, was los war.
»Verdammt, Graham, lass mich dich endlich heilen, sonst ist es aus mit dir.«
»Krankenhaus«, flüsterte er mühsam. Zu mehr war er nicht fähig.
Sam verdrehte genervt die Augen. »Ich kann dich natürlich ins Krankenhaus bringen, wenn du darauf bestehst. Aber die können dir nicht helfen. Graham, ich schwöre dir, dass menschliche Medizin dich nicht retten kann. Also würdest du mir bitte erlauben, dich zu heilen?«
Graham fand den Gedanken immer noch entsetzlich und würde das erst gestatten, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft waren. »Der ... Mann des ... Lichts ...« Er fühlte sich so elend wie seit jenem Tag nicht mehr, als der Spinnendämon ihn beinahe getötet hatte. Und ja, ihm war durchaus bewusst, dass er sterben würde, wenn er nicht schnellstens Hilfe bekam.
Sam schüttelte den Kopf, griff zum Handy und wählte Vesgyns Nummer. Sie bekam nur Verbindung zu seiner Mailbox. Sie rief Lady Sybilla an und schaltete den Lautsprecher des Handys ein, damit Graham mithören konnte.
»Sybilla, ich kann Vesgyn nicht erreichen, und ich brauche ihn dringend.«
»Tut mir leid, Sam«, sagte die Chefin der Wächter, »Vesgyn befindet sich in einer anderen Dimension. Wir können ihn ebenfalls nicht erreichen, bis er zurück ist. Aber das wird noch Tage oder sogar Wochen dauern. Kann jemand anderes dir helfen?«
»Nur jemand, der über magische Heilkräfte verfügt und weder Dämon, noch Hexe noch irgendwas anderes ist als ein absolut reines Geschöpf des Lichts«, erklärte Sam sarkastisch.
»Da ist Vesgyn der Einzige, den ich kenne«, bedauerte Lady Sybilla.
»Danke, Sybilla.« Sam unterbrach die Verbindung und blickte Graham an. »Du hast es gehört, Graham. Dir bleiben jetzt zwei Möglichkeiten«, fügte sie mit einem boshaften Unterton hinzu. »Entweder du erlaubst mir endlich, dich zu heilen, oder ich warte, bis du das Bewusstsein verlierst, und heile dich dann ohne deine Erlaubnis. So oder so bin ich deine einzige Option am Leben zu bleiben, und ich lasse dich auf keinen Fall sterben. Ich habe deinem Abt mein Wort gegeben, dass ich auf dich aufpasse, und ich werde nicht wegen deiner bodenlos dämlichen Sturheit ihm gegenüber wortbrüchig werden. Es sei denn, du bestehst darauf zu sterben.«
Der Mönch schloss die Augen. Hätte er noch Kraft genug dafür gehabt, er hätte die Ausweglosigkeit seiner Situation verflucht. Er fühlte sich versucht, tatsächlich zu warten, bis er bewusstlos wurde, damit er die Prozedur der magischen Heilung nicht mitbekam, nicht spüren musste, wie die Magie der Dämonin in ihn eindrang und in seinem Körper ihr Werk tat. Doch er fühlte sich zu elend, als die Schmerzen, die das Gift in ihm verursachte, noch länger zu ertragen und verfluchte sich für seine Schwäche. Besonders weil sie ihn zwang, Sam jetzt um eine Heilung zu bitten. Selbst ein zustimmendes Kopfnicken war in seinen Augen eine Bitte an sie.
Doch sterben wollte er auf keinen Fall. Er hatte die Attacke des Spinnendämons überlebt und sogar den Beinahe-Mord, den Sams Vater an ihm begangen hatte. Jetzt an einem Rattenbiss zu sterben und sein Werk als Defensor der Pugnatores Lucis nicht fortsetzen zu können, war keine Option.
»Okay«, flüsterte er matt. »Tu es.«
Sam ließ ihre Heilmagie in Grahams Körper fließen. Der Mönch fühlte sich schlagartig besser. Die Übelkeit verschwand, das höllische Fieber sank innerhalb von Sekunden, und er spürte, wie die Kraft langsam in seinen Körper zurückkehrte. Es fühlte sich an wie wenn ein Schwall reinigenden Wassers durch ihn hindurchfloss und jeden »Schmutz« aus seinen Zellen spülte, der sich darin ausgebreitet hatte. Die Wunde in seinem Arm schloss sich und hinterließ nicht einmal eine Narbe. Die ganze Prozedur dauerte nicht einmal eine Minute. Und zu seiner Erleichterung hatte Sam ihn während der Heilung nicht auch noch berührt.
Als er die Augen aufschlug, stand sie immer noch mit geschlossenen Augen neben seinem Bett, als lauschte sie auf etwas. Er konnte immer noch das reinigende »Wasser« in seinem Körper fühlen, das ihn jetzt zusätzlich stärkte wie ein Aufbaupräparat. Als er langsam das Gefühl bekam, im nächsten Moment vor Kraft zu platzen, hörte es auf.
Sam öffnete die Augen und nickte ihm zu. »Alles wieder in Ordnung«, versicherte sie ihm. »Es war aber verdammt knapp. Du hättest nur noch ein paar Stunden durchgehalten. Willst du dich heute ausruhen oder wieder an die Arbeit gehen?«
Graham richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Er fühlte sich großartig und hätte Bäume ausreißen können. »Ich ...« Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er vollkommen nackt war. Hastig riss er die Bettdecke heran, um seine Blöße zu bedecken.
Sam grinste breit. »Keine Sorge, ich habe schon mal einen nackten Mann gesehen.«
Graham konnte nicht verhindern, dass er bis zu den Haarwurzeln errötete. »Ich brauche keine Ruhe«, sagte er, um seine Verlegenheit zu überspielen. Er sollte sich bei der Dämonin bedanken, doch das fiel ihm schwer. »Ich ...«, begann er und wusste nicht, was er sagen sollte. »Also ...«
»Gern geschehen«, kam sie ihm zuvor. »Wir brechen in einer Stunde auf. Und wenn du noch was von dem chinesischen Kräftigungstee hast, solltest du den zum Frühstück trinken.« Sie nickte ihm zu und verließ seinen Wohnwagen. Draußen richtete sie den Blick zum Himmel. »Vernunft!«, bat sie nachdrücklich. »Bitte schlagt den Kerl endlich mit Vernunft, bevor er mir noch den letzten Nerv raubt.«
Als der Mönch eine Stunde später nach einem ausgiebigen Frühstück frisch geduscht und rasiert zu ihr in den Wagen stieg, fühlte er sich immer noch großartig. Seltsamerweise empfand er sogar etwas mehr innere Ruhe, die zwar noch lange nicht an seine frühere unerschütterliche Gelassenheit heranreichte, die aber größer war als seit Langem. In jedem Fall fühlte er sich fit für die nächste Runde Rattenjagd.

Der dunkelhaarige Mann mit den auffallend gelbgrünen Augen parkte seinen Wagen vor dem Haus 198 Cresthaven Drive und warf einen langen Blick auf das Gebäude. Es hatte sich nicht verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Lediglich die Sträucher, die die Auffahrt zur dazu gehörigen Doppelgarage säumten, waren ein bisschen gewachsen. Im Moment waren sie allerdings noch sommerlich grün statt gelb und rot im Herbstlaub, wie er sie in Erinnerung hatte.
Und noch etwas war anders: In der Auffahrt parkte ein Wohnwagen, von dem er den Geruch eines Mannes wahrnahm. Der Wohnwagen machte nicht den Eindruck, als stünde er nur für ein paar Tage dort, sondern war so geparkt, als wollte sein Bewohner für längere Zeit bleiben. Doch die Duftspur des Mannes aus dem Wohnwagen beschränkte sich auf das Gefährt und führte nicht ins Haus hinein.
Seit der Grünäugige sich entschieden hatte, hierher zu kommen, hatte er sich gefragt, ob er hier tatsächlich willkommen sein würde, obwohl er ausdrücklich dazu eingeladen worden war. Aber das war bald zehn Monate her, und die Dinge konnten sich in so einem Zeitraum längst geändert haben. Der Wohnwagen sprach dafür, dass er möglicherweise zu spät gekommen war. Er würde die Antwort darauf allerdings nur finden, wenn er die Probe aufs Exempel machte.
Doch das wäre zumindest im Moment zwecklos, denn Sam Tyler war nicht zu Hause, wie er feststellte. Nachdenklich strich er sich über den gepflegten Vollbart. Er konnte jetzt hier in seinem Wagen sitzen bleiben und auf sie warten. Er konnte sich irgendwo ein Zimmer suchen und sie anrufen, wenn sie zurück war, um sich bei ihr anzumelden. Oder eben dadurch zu erfahren, ob sie ihn überhaupt wiederzusehen wünschte. Oder er konnte ihrer Spur folgen und die Sache schnellstmöglich hinter sich bringen, wenn er sie gefunden hatte. Ihre Reaktion auf ihn würde ihm sagen, was er wissen musste.
Er startete den Motor, fuhr los und folgte Sam.

»Sie haben sich verdrückt«, stellte Sam fest, als sie das Haus an der Kinsman Road noch einmal überprüfte und es immer noch leer vorfand. »Leider haben sie nicht völlig das Feld geräumt, wie ich gehofft hatte.« Sie deutete auf die sonnenverbrannte Rasenfläche des Vorgartens. Dort hatte jemand einen Haufen großer Kiesel zu einem Symbol zusammengelegt. »Das ist das Symbol der Dämonen für ein Treffen auf neutralem Boden«, erklärte sie Graham. »Die an ihm haftende magische Signatur weist den Weg zum Treffpunkt.«
»Und dort will diese Rattenprinzessin was tun?«
Sam zuckte mit den Schultern und lenkte den Wagen in Richtung des Cuyahoga Valley National Parks außerhalb von Cleveland. »Zunächst mal verhandeln, danach uns umbringen, wenn die Verhandlungen nicht zu ihrer Zufriedenheit laufen. Was mit größter Wahrscheinlichkeit der Fall sein wird. Die Rattenbrut weiß noch nicht, dass ich ihnen nur eine Möglichkeit lassen werde. Entweder sie verschwinden friedlich dorthin, woher sie gekommen sind und lassen sich hier niemals wieder blicken, oder ich vernichte sie alle. Und Prinzessin Ranga als Erste.«

»Abby, beeil dich«, ermahnte Sarah Kerry ihre Adoptivtochter liebevoll. »Sonst kommen wir zu spät zu deinem Termin mit Dr. Connlin.«
»Komme gleich!«, rief Abby aus ihrem Zimmer zurück, wo sie sich gewissenhaft auf die Therapiestunde vorbereitete und ihr Lieblings-T-Shirt anzog.
Dr. Bryce Connlin arbeitete normalerweise am Lotos Institut in Denver für die Wächter. Doch er hatte nicht nur Abbys Therapie übernommen, sondern auch die der meisten ihrer Leidensgenossen, die ebenfalls aus der Klinik befreit worden waren, in der ein Psi-Vampir sie gefangen gehalten und gequält hatte. Die magisch Begabten unter ihnen – die eben deswegen die bevorzugten Opfer gewesen waren – hatten im Lotos Institut eine neue Heimat gefunden, da sie wie Abby ausnahmslos Waisen waren. Abby war durch Sams Vermittlung bei den Kerrys gelandet, und Siobhans Seelenheilkräfte taten den größten Teil der Arbeit, das blonde Mädchen wieder zu stabilisieren und ihre seelischen Wunden zu heilen. Deshalb kam Dr. Connlin nur einmal im Monat für einen einwöchigen Intensiv-Therapieblock nach Cleveland.
Sarahs Handy klingelte. Der Anruf kam von ihrem Vorgesetzten. »Sarah, wir haben einen Notfall. Können Sie sofort kommen?«
Sarah arbeitete halbtags als Krankenschwester in der Kinderabteilung der Cleveland Clinic in der Euclid Avenue. Heute sollte ihr Dienst eigentlich erst um zwei Uhr nachmittags beginnen. Doch ein Notfall ging natürlich vor. Sarah war nicht zum ersten Mal dankbar dafür, dass Sam für Abby und somit natürlich auch für Siobhan ein Kindermädchen besorgt hatte. Sally Warden wohnte im Haus der Kerrys und kümmerte sich vorbildlich um die Kinder. Kein Wunder, da sie kein Mensch war, sondern ein Wächterdämon und als solcher alles tun würde, um die Kinder bestmöglich zu versorgen und zu schützen.
»Ich bin in einer halben Stunde da«, versprach Sarah. »Sally, bringst du Abby zu Dr. Connlin? Ich muss dringend in die Klinik.« Da Ronan bereits vor Stunden zur Arbeit gefahren war, musste Sally wieder mal einspringen.
»Mach ich, Mrs. Kerry«, versprach der als junge Frau getarnte Dämon.
Sarah verabschiedete sich mit einem liebevollen Kuss von Abby und Siobhan und verließ eilends das Haus.
Um vom Stadtteil South Broadway, in dem sie wohnten, schneller zur Euclid Avenue zu kommen, nahm sie die Route 77 über den Willow Freeway. Um zehn Uhr morgens gab es dort relativ wenig Verkehr, und sie kam gut voran. Obwohl sie sich wie immer strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt, war sie nicht in der Lage, die Katastrophe zu verhindern. Eine riesige Ratte sprang unvermittelt aus der Vegetation am Straßenrand auf die Fahrbahn. Sarah bremste instinktiv scharf ab.
Doch die Bremsen versagten.
Der Wagen geriet ins Schleudern, prallte gegen die mittlere Leitplanke und wurde zurückgeschleudert. Er flog regelrecht durch die Luft und landete mit dem Dach auf der äußeren Leitplanke, die ihn diagonal derart einquetschte, dass der alte Trans Am im Querschnitt wie ein über die Planke gestülptes U aussah.
Sarah Kerry war bereits tot, noch ehe ihr Wagen in Flammen aufging. Und die Ratte verschwand mit einem zufriedenen Funkeln in den roten Augen im Gebüsch am Straßenrand.

Sam stellte ihren Jeep auf einem leeren Parkplatz im Cuyahoga Park ab. Normalerweise war der gerade im Hochsommer auch mitten in der Woche gut besucht. Doch die Magie der Rattendämonen bewirkte, dass die Menschen diesen Platz heute mieden. Am Rand des Platzes stand eine schöne Frau, die von zwölf riesigen Ratten flankiert wurde. Sam und Graham stiegen aus und gingen langsam auf sie zu.
»Wir sollten sie sofort vernichten«, fand Graham.
Sam schüttelte den Kopf. »Erst will ich mehr über die Hintergründe dieser Aktion erfahren.«
Sam blieb fünf Meter vor den Ratten stehen. »Prinzessin Ranga, nehme ich an.«
Die Frau deutete eine Verbeugung an. »Ich grüße dich, Königin.«
Bei dieser Anrede war Sam beinahe froh, dass sie Graham schon über ihren gegenwärtigen Status in der Unterwelt informiert hatte. Andernfalls hätte er jetzt wohl auf eine Weise reagiert, die nicht nur ihn, sondern auch Sam in Gefahr gebracht hätte. In der befanden sie sich sowieso schon, denn um sie herum tauchten immer mehr Ratten auf.
Sam kam unverzüglich zur Sache. »Was soll das hier werden, Ranga? Ich meine euren Angriff auf diese Stadt.«
»Wir erfüllen damit nur deinen ausdrücklichen Wunsch, Königin.« In der Stimme der Rattendämonin klang unterdrückte Wut.
»Wer hat euch denn das erzählt?«
»Deine Tochter hat es in deinem Namen mit unserer Königin Laka so vereinbart.«
Sam schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte Luzifer als Urheber dieser Aktion in Verdacht gehabt. Dass ausgerechnet Danaya dafür verantwortlich sein sollte, konnte sie kaum glauben. Andererseits war Luzifer an den bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworenen Eid gebunden, Sam keinen Schaden zuzufügen, nicht einmal indirekt oder durch Dritte. Das Risiko, das ihr durch den Angriff der Ratten aber einer in irgendeiner Form versehentlich entstand, war viel zu groß, als dass er das hätte riskieren können. Somit war die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass tatsächlich Danaya dahinter steckte – ohne Wissen ihres Vaters. Das würde Sam noch herausfinden.
»Das muss ein Missverständnis sein«, versuchte sie Ranga zu überzeugen. »Ich habe meine Tochter niemals ermächtigt, irgendwelche Vereinbarungen in meinem Namen zu treffen. Erst recht keine, die den Menschen schaden. Ich lebe unter ihnen und beschütze sie. Und ich werde nicht dulden, dass ihr ihnen noch weiter Schaden zufügt.« Sie vermied es bewusst, den Ratten zu befehlen, die Stadt zu verlassen. Ranga war schließlich nicht so dumm, nicht zu verstehen, was Sam meinte.
»Oh, ich verstehe«, höhnte die Rattendämonin wütend. »Du willst uns auf diese Weise um unseren vereinbarten Lohn bringen. Du denkst, wenn du uns erst dazu benutzt, die Arbeit für dich zu erledigen und hinterher behauptest, uns niemals dafür angeheuert zu haben, dass du uns dann auch nicht die versprochene Belohnung geben musst. Aber so läuft das nicht.«
Grahams scharfes Einatem, der ihnen den Rücken deckte, bestätigte Sam, dass die Sache jetzt brenzlig wurde.
»Wir sind umzingelt«, stellte er leise fest. »Und in der Minderheit – der absoluten Minderheit. So ungefähr zwei zu mehreren Hundert. Und jede Sekunde, die wir hier sinnlos herumstehen, werden es mehr.«
»Ich weiß. Keine Panik, Graham«, beruhigte sie ihn, denn sie fühlte tatsächlich Panik in ihm aufsteigen. »Ich bin ja bei dir«, fügte sie sarkastisch hinzu in einem Tonfall, als spräche sie mit einem verängstigten Kind. Sie erreichte damit wie geplant, dass die Wut darüber seine Panik im Keim erstickte. Sie wandte sich wieder an Ranga. »Was soll ich euch denn als Belohnung versprochen haben?«
»Das weißt du verdammt genau. Aber meine Mutter hätte sich denken müssen, dass du nicht zu deinem Wort stehen wirst. Wir sind in den Augen von euch Hochrangigen doch nur Ratten – Abschaum von den Niedersten der Niederen. Doch wir werden dich lehren, dass auch wir unseren Stolz haben. Wenn du uns nicht die Belohnung gibst, wirst du erfahren, dass selbst eine wie du unsere Macht zu fürchten hat.«
»Jetzt, Graham!«, befahl Sam und setzte voraus, dass der Mönch wusste, was er zu tun hatte.
Im selben Moment, als Ranga ihren Ratten den Angriff auf Sam und Graham befahl, vernichtete Sam die Dämonin mit einer Feuerkugel. Graham begann gleichzeitig auf die Ratten zu schießen, die ihm am nächsten waren und die sich jetzt zusammen mit den anderen auf ihn stürzten, während sie alle auf ihn und Sam einstürmten ...

Der vollbärtige grünäugige Mann erreichte mit seinem Pickup den Parkplatz im Cuyahoga Valley National Park, zu dem Sams Duftspur ihn führte. Die Gegend war ihm vertraut, auch dieser Parkplatz, denn er war schon einmal hier gewesen. Diesmal hatten sich hier allerdings statt parkender Autos Hunderte von Ratten versammelt, die zwei Leute in ihrer Mitte umzingelt hatten: Sam und den Mann aus dem Wohnwagen. Das konnte nicht gut gehen. Obwohl ein starker Impuls, den er sich nicht erklären konnte, ihn daran zu hindern versuchte, den Parkplatz zu betreten, ignorierte er den. Sam war in Gefahr, und kein noch so starker »Impuls« – Magie? – würde ihn davon abhalten, ihr zur Seite zu stehen.
Er sprang aus dem Wagen, riss sich die Kleidung vom Leib und stürzte sich in den Kampf, der gerade begann, als der Mann an Sams Seite auf die Ratten zu schießen begann und Sam irgendeinen Zauber wirkte, der wie eine Welle über die Biester schwappte und sie der Reihe nach zu Staub zerfallen ließ.
Allerdings war sie nicht schnell genug, denn einige Ratten begruben ihren Begleiter unter sich. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihm den Garaus gemacht haben würden. Und anschließend Sam.
Auch Sam erkannte die Gefahr und verfluchte wieder mal die Sturheit des Mönchs, der freiwillig nie zugelassen hätte, dass sie ihn mit einem magischen Schild eben davor bewahrte. Doch die Ratten hatten sich jetzt regelrecht in ihn verbissen, und Graham schrie vor Schmerz. Sie zerrten ihn zu Boden, und zwei näherten sich von beiden Seiten seinem Hals, fest entschlossen, ihm die Schlagadern zu zerfetzen und die Kehle herauszureißen.
Sam vernichtete sie mit gezielten Levinblitzen und riss Graham wieder auf die Beine, während sie ihre Magie weiterhin gegen die Rattendämonen schleuderte, die allerdings auch über Schutzzauber verfügten, mit denen sie jetzt Sams vernichtendes magisches »Rattengift« abwehrten, nachdem sie dessen Natur erkannt hatten. Doch selbst die magisch stärksten Rattendämonen hatten keine Chance gegen einen Sukkubus, der zusätzlich über die Magie eines Kitsune verfügte. Während sie Graham jetzt ungefragt mit einem Schutz umgab, der wieder auf die Ratten schoss, bis sein Magazin leer war, ließ sie die Dämonen zu Asche werden.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Sam einen schwarzen Schatten, der den Ratten nachsetzte, die Verstand genug besaßen zu fliehen und ihnen knurrend den Garaus machte. Ihr Herz tat einen regelrechten Freudensprung, als sie dessen Ausstrahlung erkannte. Doch zunächst musste sie die Ratten erledigen. Keine Minute später hatte sie den letzten Rattendämon vernichtet. Bis auf einen, der sich unbemerkt in einem Gebüsch in Sicherheit gebracht hatte, dem Sam jetzt nur wenige Schritte entfernt den Rücken zudrehte. Sie wandte sich Graham zu, der schwer atmend seine leergeschossene Glock nachlud.
»Bist du okay?«
Der Dämon sprang Sam ohne Vorwarnung an, wild entschlossen, die Mörderin ihrer Artgenossen zu vernichten.
Ein riesiger schwarzer Wolf prallte knurrend gegen die Ratte. Seine Kiefer schnappten nach ihrem Hals und bissen mit einem einzigen Ruck den Kopf vom Körper, den er mit seinen Zähnen packte und von hasserfülltem Knurren begleitet wild hin und her schüttelte, sodass man jeden Knochen darin brechen hörte – ein Akt maßloser Wut. Schließlich ließ er von der toten Ratte ab, knurrte sie aber immer noch mit gefletschten Zähnen an, ehe er sich zu Sam umwandte und langsam auf sie zu kam. Sie unternahm nicht die geringsten Anstalten, ihm auszuweichen.
Graham hob augenblicklich seine Waffe. Sam packte seinen Arm und riss ihn nach oben, noch ehe er abgedrückt hatte.
»Untersteh dich!«, fauchte sie ihn an, ehe sie sich wieder dem Wolf zuwandte und ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. »Hallo Nick! Ich freue mich so sehr, dich zu sehen!«
Sie ging auf ihn zu, und der Wolf verwandelte sich wieder in einen Mann. Nackt wie er war richtete er sich auf und schloss Sam in die Arme. Im nächsten Moment drückte er ihr einen hemmungslosen, hungrigen Kuss auf die Lippen, der nach Blut schmeckte. Sam erwiderte ihn hingebungsvoll und fühlte sich in diesem Moment unbeschreiblich glücklich. Zusätzlich hatte sie den intensiven Eindruck, dass sie genau dort war, wohin sie gehörte; dass sie erst jetzt vollständig und der Mann in ihren Armen ein Teil ihrer selbst war, den sie nie mehr missen wollte. Ihr Seelengefährte war endlich zurückgekommen, und sie hoffte, dass er sie nie wieder verlassen würde.
Nach einer gefühlten und überaus angenehmen Ewigkeit gab Nick ihren Mund wieder frei, hielt sie aber immer noch umfangen und blickte sie forschend an mit einem Ausdruck tiefer Sehnsucht in den Augen.
Sam lächelte beinahe selig. »Schön, dass du da bist«, sagte sie leise, und ihre strahlenden Augen bestätigten ihre Worte. »Darf ich hoffen, dass du diesmal bleibst?«
Er nickte. »Wenn du willst – liebend gern.«
»Ich will!«, versicherte sie nachdrücklich.
Er legte eine Hand an ihre Wange und warf über ihre Schulter hinweg einen Blick auf Graham, der die Szene mit einem Ausdruck von Abscheu beobachtete. Sam war zwar von dessen Geruch umgeben, weil sie einige Zeit in seiner Nähe verbracht hatte, aber es lag nicht der Hauch eines intimen Geruchs in diesem Odeur. Wer immer der Mann war, er war definitiv nicht Sams Lebens- oder Sexpartner. Noch nicht. Und wenn es nach Nick ging, so würde er das auch nie werden. Zumindest nicht in der nächsten – hoffentlich recht langen – Zeit. Denn dem Werwolf wurde erst jetzt, da er Sam erneut gegenüberstand und sie in den Armen hielt, bewusst, wie sehr er sie tatsächlich vermisst, wie sehr er sich nach ihr gesehnt hatte.
Er küsste sie erneut, diesmal erheblich sanfter, aber nicht weniger intensiv, ehe er sich von ihr löste. »Ich ziehe mich mal wieder an«, sagte er und ging zu dem Platz hinüber, wo er seine Kleidung abgeworfen hatte.
Sam wandte sich Graham zu, der aus etlichen größeren und kleineren Wunden blutete. Mit ausdruckslosem Gesicht streckte sie ihm die Hand entgegen. »Darf ich? Oder willst du lieber wieder leiden, bis du halb tot bist?«
Der Mönch atmete tief durch. »Du darfst«, entschied er widerstrebend. Schließlich hatte sich die letzte derartige Prozedur nicht mal annähernd so widerlich angefühlt, wie er befürchtet hatte. Genau genommen war sie sogar recht angenehm gewesen; sah man von seinem rein psychischen Unbehagen ab, das er dabei empfunden hatte, weil diese Heilkraft dämonischen Ursprungs war. Keine Minute später waren seine Verletzungen und mit ihnen der Schmerz verschwunden und fühlte er sich wieder wohl.
Der fremde Mann – Werwolf – trat zu ihnen und musterte Graham misstrauisch, während er sich mit einem Taschentuch das Blut der getöteten Ratten aus dem Gesicht und vom Hals wischte.
»Nick, das ist Graham Winger, mein Assistent in der Detektei. Graham, das ist Nick Roscoe, ein – guter Freund.«
Nick reichte Graham die Hand und drückte sie fest. »Angenehm«, sagte er höflich.
»Gleichfalls«, quetschte der Mönch heraus, obwohl es ihm keineswegs angenehm war, jetzt auch noch mit einem weiteren Werwolf in Kontakt zu kommen, nachdem er schon Kevin Bennett kennengelernt hatte.
Sam reichte Graham ihren Wagenschlüssel. »Du fährst ins Büro. Ich komme nach.« Sie wandte sich Nick zu, während Graham wortlos in ihren Jeep stieg und zurück in die Stadt fuhr. »Danke für deine Hilfe.«
»War doch selbstverständlich. Ich bin froh, dass ich rechtzeitig gekommen bin, bevor ...« Er zuckte mit den Schultern.
Sie ergriff seine Hände und drückte sie fest. »Möchtest du bei mir wohnen, solange du bleibst?« Am liebsten hätte sie das als selbstverständlich vorausgesetzt und entsprechend reagiert. Doch sie fühlte seine Bedürfnisse und wusste, dass sie ihm gerade in diesem Punkt die Wahl lassen musste und nichts tun durfte, von dem er sich bedrängt fühlen könnte.
»Wenn es dir nichts ausmacht, Sam.«
»Absolut nicht! Im Gegenteil freue ich mich darüber. Darf ich dich als Erstes bei mir einquartieren?«
Er nickte und ging, immer noch ihre Hand haltend, zu seinem Pickup. Sie stiegen ein und fuhren zum Cresthaven Drive.

»Willkommen zurück, Nick«, sagte Sam, als er eine gute Stunde später mit seiner alten Reisetasche in der Hand das Haus betrat. »Ich hoffe, du bleibst diesmal länger als beim letzten Mal. Von mir aus kannst du bleiben, solange du willst.«
Sie legte die Arme um ihn und fühlte, dass er dieselbe Verbundenheit mit ihr spürte wie sie mit ihm. Er ließ seine Tasche fallen, zog sie an sich und drückte seine Nase gegen ihren Hals. Hörbar sog er ihren Duft ein. »Hm, du riechst so gut«, murmelte er und streichelte mit der Nase ihr Gesicht.
»Wonach?«, fragte sie amüsiert.
»Sex«, lautete die lapidare Antwort. Mit seinem feinen Geruchssinn nahm er die Pheromone sehr viel deutlicher wahr als ein Mensch, die Sam als Sukkubus naturgemäß ständig ausdünstete und die für jeden Mann eine beinahe unwiderstehliche Verlockung darstellten.
Sam lachte. Er hob sie unvermittelt auf die Arme und trug sie in ihr Schlafzimmer, wo er sie sanft auf dem Bett absetzte. Sein Geruchssinn sagte ihm, dass darin kein anderer Mann geschlafen hatte, seit er zuletzt hier gewesen war. Das wunderte ihn, doch er machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Er blickte Sam an, als wäre sie eine unglaubliche Kostbarkeit und legte seine Hand gegen ihre Wange.
»Ich will dich, Sam«, sagte er leise. »Tschjort wasmí4 , ich habe noch nie eine Frau so sehr gewollt wie dich. Aber«, fügte er eindringlich hinzu, »ich schlafe nur mit dir, wenn du mich auch willst. Und zwar um meiner selbst Willen, nicht weil du gerade hungrig bist.« Denn ganz gleich wie sehr er Sam wollte, wie stark sein Verlangen nach ihr und wie groß seine Lust war – er wollte sich sicher sein, dass sie ihn auch als gleichberechtigten Partner begehrte und nicht nur als Nahrungsquelle zum Stillen ihres Hungers. Wogegen er zwar grundsätzlich nichts einzuwenden hatte, doch in diesem Moment war es ihm wichtig, dass sie nicht deshalb mit ihm schlief.
Sie ließ sich rücklings auf das Bett fallen und zog ihn mit sich. »Du weißt doch, wie sehr ich dich will, Nick.« Sie fuhr ihm mit den Fingern durch das schwarze Haar. »Als wir zum ersten Mal miteinander geschlafen haben, war ich schließlich auch nicht hungrig«, erinnerte sie ihn. »Und nein, Hunger habe ich auch jetzt nicht. Nur einen Wahnsinnsappetit auf dich – weil es so unglaublich schön mit dir ist.« Sie ließ ihre Hände unter sein abgetragenes Polohemd gleiten und schob es hoch, strich mit den Fingerspitzen über seine harten Bauchmuskeln bis zur Brust und zog ihm das Hemd über den Kopf. »Du ahnst nicht, wie oft und wie sehr ich mir das hier gewünscht habe während der letzten neun Monate«, flüsterte sie und warf sein Hemd zur Seite.
»Mindestens so sehr wie ich«, war er überzeugt.
Er kniete sich über sie und knöpfte langsam ihre Seidenbluse auf, unter der sie wie immer nackt war. Sam öffnete den Verschluss seiner Hose und streifte sie ihm ab. Dass er keine Unterhose trug, wunderte sie nicht, denn die wenigsten Werwölfe hielten sich mit Unterwäsche oder Strümpfen auf. Die Hose flog ebenso zur Seite wie Sams Bluse, der gleich darauf ihre eigene Hose folgte. Nur Sekunden später hielten sie einander nackt in den Armen und tauschten wilde Küsse aus, die keinen Zweifel daran ließen, wie sehr sie einander vermisst hatten.
Nick liebkoste Sam am ganzen Körper und bedeckte jeden Zentimeter ihrer Haut mit Küssen. Er leckte ihre Mundwinkel – die wölfische Art, Zuneigung zu demonstrieren – und ihre Halsbeuge, was sie ungemein erregte. Er fuhr mit der Zunge von ihrer Kehle die Furche zwischen ihren Brüsten entlang bis zum Bauchnabel, den er spielerisch kitzelte, und kostete ihren unverwechselbaren Geschmack. Dabei stellte er fest, dass der sich ebenso verändert hatte wie ihr Duft. Er war vermischt mit dem eines männlichen Wesens – eines anderen Dämons. Das irritierte ihn zwar, aber er dachte nicht weiter darüber nach. Dazu genoss er das Liebesspiel mit ihr viel zu sehr.
Sie ließ ihre Hände über seinen sehnigen Körper gleiten, der kein Gramm Fett aufwies. Auch sie fuhr mit der Zunge über seine Haut, leckte kitzelnd hier und da und biss ihn spielerisch an Stellen, von denen sie wusste, dass es ihn besonders stimulierte. Sie spürte nicht nur seine animalische Lust, sondern auch seine Freude, die sie ihm bereitete und die nicht nur er in vollen Zügen genoss.
Trotzdem hielt Nick zwischendurch in seinen Liebkosungen immer wieder inne und betrachtete Sam, als wäre sie ein Wunder und könnte er nicht fassen, dass er wirklich bei ihr und dies kein Traum war, wie er in den vergangenen Monaten so viele geträumt hatte. Danach fuhr er jedes Mal umso intensiver fort, sie zu streicheln und zu küssen, bis sie die Spannung kaum noch aushielt. Sie wand sich in seinen Armen herum und bot ihm einladend ihr Hinterteil dar. Nick brauchte keine weitere Aufforderung.
Mit einer geschmeidigen Bewegung tauchte er in sie ein, während er seine Brust an ihren Rücken schmiegte, als wollte er seinen ganzen Körper mit ihrem verschmelzen und die Arme um ihren Bauch schlang. Sam richtete ihren Oberkörper auf, wandte den Kopf nach hinten und bot Nick ihre geöffneten Lippen, während sie gleichzeitig ihre Hände in seinem Haar vergrub. Er presste seinen Mund auf ihren und umspielte ihre Zunge mit seiner, während er sein hartes Glied in sie presste, das Sam jetzt durch Muskelkontraktionen massierte. Nick stöhnte erregt und stimulierte sie gleichzeitig mit kurzen Stößen und einem endlosen Kuss von unglaublicher Intensität.
Gleichzeitig streichelte er unablässig ihren Bauch, ihren Hals, ihre Brüste und ihren Schoß, bis sich ihre Spannung in einem so heftigen Orgasmus entlud, dass sie einen erstickten Schrei ausstieß. Ihr Höhepunkt überflutete auch Nick in spürbaren Wellen, in deren Ausklang er seinem eigenen freien Lauf ließ und seinen Samen in sie strömen ließ, begleitet von einem so intensiven Glücksgefühl, wie er es schon sehr lange nicht mehr empfunden hatte. Beide kosteten ihre Ekstase bis zur letzten Sekunde aus, ohne ihre innige Umarmung auch nur eine Sekunde zu lockern oder den immer noch andauernden Kuss zu unterbrechen.
Als das Ende endlich gekommen war, sanken sie wieder auf das Bett zurück, ohne einander loszulassen. Nick blickte Sam erneut staunend an, als wollte er sich jede Einzelheit ihres Gesichts einprägen und berührte schließlich zärtlich ihre Nase mit seiner.
Sam legte ihren Kopf auf seine Schulter und ein Bein über seine und drückte sich an ihn. Seine Nähe zu spüren, seine Wärme, den Duft seiner Haut zu riechen und von ihm gehalten zu werden, machte sie auf eine Weise glücklich, die völlig neu für sie war. Sie seufzte zufrieden. Lange Zeit sprach keiner von ihnen ein Wort.
»Ich finde es wunderbar, dass du hier bist«, brach Sam schließlich leise das Schweigen und streichelte mit den Fingerspitzen seine Brust.
»Ich hatte eigentlich nicht vor, jemals zurückzukommen«, gestand er. »Doch du bist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen.«
»Was wahrscheinlich auch daran liegt, dass du vermutlich mit mir den besten Sex deines Lebens hattest«, erriet Sam und zuckte mit den Schultern. »Das ist nun mal die primäre Nebenwirkung von Sex mit einem Sukkubus. Allerdings«, fügte sie ernst hinzu, »muss ich gestehen, dass ich meinerseits mit dir auch den besten Sex meines Lebens hatte. Und das will etwas heißen.«
Nick lächelte und streichelte unablässig ihre Schulter. »Danke für das Kompliment. Aber das war nicht der Grund für meine Rückkehr. Wann immer ich an dich denken musste, war das Erste, was mir in den Sinn kam, wie du dich ohne zu zögern zwischen mich und das Rudel geworfen hast, als sie mich töten wollten, und dabei dein Leben riskiertest, obwohl du mich gar nicht kanntest, aber sehr wohl wusstest, dass ich ein Werwolf bin. Danach hast du mich geheilt und mir geholfen, meine Rache zu vollenden. Du hast keine Gegenleistung erwartet, sondern mich einfach nur unterstützt. Und am Ende hast du mich meinen Zwist mit meinem Bruder allein ausfechten lassen, ohne dich einzumischen. Das bedeutet mir sehr viel.
Und außerdem hast du mir tatsächlich den besten Sex meines Lebens geschenkt und mich anschließend klaglos gehen lassen, obwohl du dir gewünscht hast, dass ich noch eine Weile bleibe, wie ich sehr wohl gefühlt habe.« Er sah ihr in die Augen. »Ich musste unbedingt mehr über dieses Wesen erfahren, das sich so verhält.« Er zuckte mit den Schultern. »Du warst wie ein Magnet, der mich zu dir zurückgezogen hat, und nun bin ich hier.«
Dass er unzählige Male von ihr geträumt hatte in einer Weise, die ihm so real vorgekommen war wie das Erlebnis, das sie gerade geteilt hatten, erwähnte er nicht. Erst recht nicht seine zunehmende Sehnsucht nach ihr.
»Ich hoffe, das verursacht dir kein Unbehagen, Nick. Immerhin bist du ein Mann, der seine Freiheit liebt und sie so dringend braucht wie die Luft zum Atmen.«
Er lächelte. »Das ist auch so eine Eigenheit von dir, die mich anzieht. Du erkennst meine Bedürfnisse, ohne dass ich sie dir mitteilen muss. Und du respektierst meine Art zu leben, obwohl du keine Wölfin bist.« Er strich ihr sanft mit dem Finger über die Nase. »Ich möchte dich gern besser kennenlernen, Sam, wenn es dir recht ist. Vielleicht ...« Er brach ab und ließ den Satz unvollendet.
»Ich habe nichts dagegen, Nick. Wie ich schon sagte, kannst du bleiben, solange du willst. Du bist hier immer willkommen.«
»Was ist mit dem Mann im Wohnwagen? Deinem – Assistenten?«
Sam seufzte gequält und verzog das Gesicht, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen. »Der ist ein überaus schmerzhafter Furunkel in meinem Hintern, und ich zähle die 362 Tage, bis ich ihn endlich wieder los bin. Er wurde mir quasi aufgezwungen, und ich muss irgendwie mit ihm auskommen. Was gegenwärtig nicht allzu gut funktioniert.« Sie zögerte, entschloss sich aber, Nick reinen Wein einzuschenken. »Graham ist ein Defensor, eine Art Dämonenjäger. Er glaubt nicht, dass es Dämonen wie mich gibt, die nicht per se böse sind. Er versuchte mich umzubringen, worauf mein Vater ihn beinahe tötete. Ich hätte ihn sterben lassen sollen. Stattdessen war ich so bodenlos dämlich, ihn zu heilen. Aber nicht einmal das hat ihn davon überzeugt, dass ich nicht seine oder der Menschen Feindin bin. Immerhin passte seine diesbezügliche Borniertheit auch den Göttern nicht, und sie haben ihn höchstpersönlich dazu verdonnert, mir ein Jahr und einen Tag zu dienen, um ein paar grundlegende Zusammenhänge zu begreifen. Bis jetzt ohne Erfolg.«
Sam unterbrach sich, weil Nick schallend zu lachen begonnen hatte. Er lachte so heftig, dass ihm die Tränen kamen. »Ein Dämonenjäger – und er muss einer Dämonin dienen! Das ist köstlich!«
Er lachte noch heftiger, und Sam stimmte darin ein. Nicks Lachen war ansteckend, und es löste in ihr einen großen Teil der Verkrampfung, den ihr permanenter Clinch mit Graham verursacht hatte, ohne dass es ihr bewusst geworden war. Nick tat ihr außerordentlich gut, nicht nur weil der Sex mit ihm wunderbar war und sie in vollem Umfang sättigte. Sie fühlte sich ihm auch unglaublich tief verbunden und hoffte, dass er tatsächlich blieb.
Zumindest für eine Weile, auch wenn sie sich gerade bei dem Wunsch ertappte, diese »Weile« möge möglichst lange dauern. Nachdem er nun zurückgekommen war und sie die Auswirkung des Seelenbundes, den sie mit ihm teilte, aus unmittelbarer Nähe erlebte, wollte sie ihn weiterhin bei sich haben.
Sie kuschelte sich an ihn, nachdem sie sich beide wieder etwas beruhigt hatten. »Jedenfalls hat seine Anwesenheit vor meinem Haus nichts mit uns zu tun, Nick. Der Kerl ist der allerletzte Mann in den drei Welten, mit dem ich jemals schlafen würde.« Sie sah ihm in die Augen. »Hattest du befürchtet, er wäre mein neuer Partner?«
»Der Gedanke ist mir gekommen«, gestand er. »Eigentlich war ich mir dessen fast sicher, als ich den Wohnwagen sah. Dennoch wollte ich nicht wieder verschwinden, ohne vorher zumindest versucht zu haben ...« Er unterbrach sich. Schließlich hatte er kein Recht auf Sam, und sie mochte das, was er hatte sagen wollen, dahingehend interpretieren, dass er sich etwas anmaßte, das ihm nicht zustand.
»Ohne um mich zu kämpfen?«, vermutete sie.
»So was in der Art«, gestand er.
»Ich bin sehr froh, dass du zurückgekommen bist«, sagte sie ernst und fügte nach einer Weile zögernd hinzu: »Obwohl wir uns bisher nur einmal begegnet waren und damals kaum miteinander gesprochen haben, habe ich dich zwischendurch immer wieder vermisst. Jedenfalls bist du mir auch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, du wärst hier und fürchtete schon, den Verstand zu verlieren.«
Er drückte sie sanft an sich. Auch er hatte während der vergangenen Monate immer wieder das Gefühl gehabt, Sam wäre bei ihm, würde in seinem Wagen auf ihn warten, wenn er an einer Tankstelle sein Benzin bezahlt hatte und wieder einstieg. Oder läge im Bett neben ihm. Er hatte sogar ihren Duft zu riechen geglaubt. Doch wenn er sich umdrehte, um sie in die Arme zu nehmen, war dort nur Leere. Genau diese Momente waren es gewesen, die ihn den Entschluss hatten fassen lassen, zu ihr zurückzukehren, um zu ergründen, warum es ihn zu ihr zurückzog. Mit ihr im Arm und der aufrichtigen Freude, mit der sie ihn willkommen geheißen hatte, glaubte er die Antwort zu kennen. Doch die machte ihm Angst.
»Nick, weißt du, was ein Seelenbund ist?«
»Eine unglaubliche und überaus seltene Kostbarkeit. Etwas, das ...« Er unterbrach sich und sah sie überrascht an, als er zu begreifen begann. Alles, was er sich in Bezug auf Sam bisher nicht hatte erklären können – seine Träume von und seine Sehnsucht nach ihr, sein Wunsch, zu ihr zurückzukehren und, ja, verdammt, mit ihr zu leben bis ans Ende der Zeit – ergab plötzlich einen Sinn.
Er gab ihr einen innigen Kuss. »Das ist es also«, stellte er fest, als er sie wieder freigab. Seine Stimme klang ehrfürchtig. »Bósche moi!5 Sam, das ist etwas Heiliges!« Er schüttelte reumütig den Kopf. »Wenn ich gewusst hätte, dass es das ist, was mich immer an dich denken ließ und mich zu dir zog, so wäre ich schon viel früher zurückgekehrt. Einen Seelenbund darf man nicht ignorieren oder gar leugnen.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir sagen lassen, dass er nicht zwangsläufig bedingt, dass man zusammenleben muss«, beruhigte sie ihn. »Und als du damals gegangen bist, warst du noch lange nicht so weit, eine neue Verbindung einzugehen.« Sie legte ihm einen Finger über die Lippen, als er etwas sagen wollte. »Nick, man kann auch einen Seelenbund akzeptieren und anerkennen, ohne miteinander zu leben. Ich will nicht, dass du dich zu irgendetwas gedrängt fühlst. Ich freue mich, dass du hier bist, aber ich werde dich jederzeit wieder gehen lassen, wenn du das willst oder brauchst.«
Er sah ihr in die Augen und forschte in ihrem Gesicht, um zu erkunden, was sie fühlte. Ihre letzten Worte konnten alles Mögliche bedeuten. Dass sie ihn bei sich behalten wollte, aber auch das Gegenteil.
»Wie hast du das gemeint, als du sagtest, dass ich bleiben könnte, solange ich will?«, fragte er schließlich.
»Dass du so lange bleiben kannst, wie du willst, Nick. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn wir eine Weile zusammenbleiben, vielleicht auch für längere Zeit. Du bist ein sehr angenehmer Gefährte, und ich bin verdammt gern mit dir zusammen.« Sie zögerte, ehe sie vehement hinzufügte: »Kallas Blut! Ich wünsche mir so sehr, dass du bleibst und nie wieder gehst! Wenn du das auch willst.«
Seine grünen Augen blickten sie mit einer unerwarteten Mischung aus Verletzlichkeit und Sehnsucht an. »Das ist«, er zögerte, »ein verlockendes Angebot, Sam. Aber ich bin ein Werwolf. Bist du dir darüber im Klaren, was das bedeutet?«
Sie nickte. »Dass du deiner wölfischen Natur regelmäßig nachgeben und sie ausleben musst. Dass du wahrscheinlich des Öfteren für einige Zeit in irgendwelchen Wäldern verschwinden und tagelang oder sogar wochenlang ein Wolf sein wirst. Dass du trotz aller Menschlichkeit die Instinkte, Sinne und teilweise Verhaltensweisen eines Wolfs hast. Was auch bedeutet, dass du für ein ausschließliches Leben in der Stadt nicht geschaffen bist.« Sie sah ihn fragend an. »Habe ich noch was vergessen?«
Er schüttelte den Kopf. »Wirst du das akzeptieren können, Sam? Den Wolf in mir?«
»Natürlich. Ich bin schließlich kein Mensch, sondern ein Sukkubus. Und, Nick, bist du dir darüber im Klaren, was das bedeutet?«
»In erster Linie, dass du jeden Tag Sex brauchst, um leben zu können.« Er schmunzelte leicht. »Ich finde das sogar ausgesprochen angenehm, denn dadurch wirst du dich niemals von meinem diesbezüglichen Bedürfnis belästigt fühlen.«
»Diese Form von Nahrung brauche ich aber auch zu den Zeiten, in denen du deine wölfische Natur in irgendeinem Wald auslebst und nicht bei mir sein kannst«, erinnerte sie ihn. »Das bedeutet, dass ich sie mir dann von anderen Männern holen muss. Wirst du das akzeptieren können? Und vor allem: Wirst du damit zurechtkommen? Deine feine Wolfsnase wird die anderen schließlich auch noch Tage später an mir riechen können, egal wie oft ich dusche.«
»Aber natürlich, majá krassíwaja, meine Schöne«, versicherte er ihr und drückte sie an sich. »Ich wäre ein totaler Egoist, wenn ich von dir erwarte, dass du meine Natur akzeptierst und mich gleichzeitig weigere, deine zu akzeptieren.« Er strich ihr über das Haar und sah ihr in die Augen. »Wenn du also glaubst, dass du dich auf mich einlassen kannst, würde ich wirklich sehr gern dein Angebot annehmen und bleiben. Ich denke, es wird sich sehr schnell herausstellen, ob wir wirklich eine Beziehung miteinander führen können oder nicht.«
Sam umarmte ihn fest. »Ja, das wird sich zeigen. Ich bin da allerdings sehr zuversichtlich«, fügte sie lächelnd hinzu.
Er küsste sie innig. »Du bist wunderbar, Sam.«
»Da ist noch etwas, das du wissen musst, Nick. Ich habe einen Blutbund mit einem anderen Dämon. Sein Name ist Axaryn.«
Das erklärte ihren veränderten Geruch. Fragend blickte er sie an.
»Er ist ein fester Teil meines Lebens. Diese Form von Eid beinhaltet zwar weder einen Zwang zum Zusammenleben und erst recht keinen zur gegenseitigen sexuellen Treue, aber natürlich ist er mein Freund, Vertrauter und bevorzugter Sexpartner, wenn kein anderer greifbar ist. Das heißt, ich werde in der Regel zu ihm gehen, wenn ich Hunger habe und du in den Wäldern bist. Irgendwann wirst du ihn zwangsläufig auch mal kennenlernen. Jedenfalls verspreche ich dir, dass es für mich nur noch dich gibt, solange du bei mir bist. Mit dir zu schlafen ist so schön und gehaltvoll, dass ich niemand anderen will.« Sie blickte ihn fragend an. »Kannst du damit leben?«
Er nickte. »Natürlich, majá krassíwaja. Wie ich schon sagte, akzeptiere ich selbstverständlich deine Natur und deine diesbezüglichen Bedürfnisse. Ehrlich gesagt ist es mir sehr viel lieber, wenn du außer mir nur noch einen weiteren Sexpartner hast, der dein Freund ist und sozusagen die älteren Rechte hat, statt unzähliger Unbekannter. Ich werde schon mit deinem Dämon auskommen.«
Da war sich Sam allerdings nicht so sicher. Natürlich würde Nick versuchen, mit Axaryn auszukommen und ihn nicht als Konkurrenz zu empfinden. Doch er war ein stolzer Mann und ein Wolf mit gewissen instinktbedingten Prinzipien hinsichtlich einer Partnerschaft. Höchstwahrscheinlich würde er, sobald er in der einen oder anderen Weise mit Axaryn konfrontiert wurde, Anwandlungen von Eifersucht oder zumindest Rivalität haben. Doch das würde sich zeigen und Sam in jedem Fall damit fertig werden. Hauptsache Nick war bei ihr und blieb.
»Kann ich wieder in dein Gästezimmer ziehen?«, fragte er jetzt.
»Wenn du nur ein paar Wochen bleiben willst, ja. Falls du länger bleibst, würde ich mich freuen, wenn du richtig hier einziehst und das zweite Schlafzimmer hier oben nimmst.«
Nick atmete tief durch und traf seine Entscheidung. »Dann nehme ich das Schlafzimmer hier oben. Und gleich morgen mache ich mich auf die Suche nach einem Job. Ich bin im Laufe meiner, eh, ‚Wanderjahre’ ein ganz guter Erntehelfer und Bauarbeiter geworden, und gebaut wird immer irgendwo.«
Sam nickte. »Das größte Projekt in Cleveland ist gegenwärtig der Erie Lake Tower. Da brauchen sie immer Leute.« Sie sah ihm in die Augen. »Ich könnte allerdings auch einen Partner in meiner Detektei gut gebrauchen. Dann könnte ich noch ein paar Aufträge mehr annehmen. Auch wenn die meisten so unspektakulär sind wie die Überwachung potenziell untreuer Ehepartner und die Suche nach ausgebüxten Teenagern. Aber ich will dich zu nichts überreden, Nick, und dich erst recht nicht ‚einverleiben’.«
Er erwiderte ihren Blick und stellte fest, dass er sich hier bereits zu Hause fühlte. Weil Sam hier war. Und ja, verdammt, er wollte bei ihr bleiben, wollte mit ihr leben bis ans Ende seiner Tage. Mit anderen Worten Jahrhunderte – oder noch länger, falls einer von ihnen nicht vorher umkam. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie gar keine Probezeit brauchten, um auszutesten, ob sie miteinander leben konnten. Sie waren Seelengefährten. Sie gehörten zusammen. Und ganz davon abgesehen hatte er in den vergangenen Jahren seit dem Tod seiner Frau Yelena mehr als genug allein gelebt und einsame Nächte gehabt. Es war an der Zeit, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Mit Sam, diesem wunderbaren leidenschaftlichen Sukkubus, von dem er auch in ganz profaner Weise einfach nicht genug bekommen konnte.
»Was ist?«, fragte sie amüsiert, da sie genau fühlte, was in ihm vorging.
Er beugte sich über sie und zog sie fest an sich. »Ich habe gerade festgestellt, dass mein Appetit auf dich noch lange nicht gestillt ist.«
Sie lächelte. »Zeig’s mir«, forderte sie ihn auf. Danach sprachen sie eine lange Zeit kein einziges Wort mehr ...

Eine gute Stunde später hatte sich Nick frisch geduscht, saubere Kleidung angezogen und zog in das Doppelzimmer ein, das im Obergeschoss neben Sams Räumen lag. Da er schon einmal hier gewesen war, erkannte er auf den ersten Blick – vielmehr sagte ihm das seine feine Wolfsnase –, dass sie die Möbel komplett ausgetauscht hatte. Vorher hatte ein anderer Mann in diesen Räumen gewohnt – Sams Verlobter Scott Parker – und waren seine Sachen noch hier gewesen. Jetzt standen hier völlig neue Dinge, die noch von niemandem benutzt worden waren.
Seltsamerweise hatte Sam bei der Auswahl der Möbel Nicks Geschmack vollkommen getroffen. Als hätte sie die ganz bewusst für ihn gekauft. Eine Wand zierte eine Fototapete von einem dichten Birkenwald, die ihn an seine russische Urheimat erinnerte. Die Möbel waren aus duftendem Zedernholz im rustikalen Stil, und der Kleiderschrank wies eine bunte Bemalung auf, die eindeutig russischen Ursprungs war. Deutlicher hätte Sam kaum demonstrieren können, wen sie als Gefährten an ihrer Seite und in ihrem Leben haben wollte. Nicht erst seit jetzt.
Er blickte sie dankbar an. »Die Räume sind wunderschön, Sam. Ich werde mich hier sehr wohlfühlen.«
Sie hielt ihm lächelnd ein Schlüsselbund hin, an dessen Ring ein Anhänger baumelte, der einen Wolfskopf darstellte. »Haustürschlüssel, Garagenschlüssel, Kellerschlüssel und ein Satz Schlüssel fürs Büro in der Chester Avenue. Willkommen, Nick.«
Bevor er etwas darauf erwidern konnte, klingelte Sams Handy, das sie wie gewohnt am Gürtel trug. Sie nahm es ab und drückte die Empfangstaste. Der Anruf kam von Detective Kevin Bennett, Ronans Partner. Seine Stimme klang erschüttert.
»Sam, du solltest sofort zu Ronan nach Hause fahren. Sarah hatte einen Autounfall. Sie ist tot.«
»Kallas Blut!«
»Eigentlich wollte sie Abby zum Therapeuten fahren, aber ihr ist beruflich ein Notfall dazwischen gekommen. Und auf dem Weg dorthin ...«
»Kallas Blut!«, wiederholte Sam. Sofort fiel ihr Amos Kumaras Warnung ein, dass die Rattendämonen alle medial begabten Menschen in Cleveland töteten. Sie müsste sich sehr täuschen, wenn nicht die Ratten dafür verantwortlich waren und der Anschlag eigentlich Abby gegolten hatte. Und falls tatsächlich Danaya die ganze Sache ins Rollen gebracht hatte ... Nun, um ihre Tochter würde sie sich später kümmern.
»Ronan ist verständlicherweise außer sich, und ich fürchte, er tut was Unüberlegtes, so wie er sich gerade aufführt.« Kevins Stimme klang drängend.
»Ich komme sofort«, versprach Sam. Sie wandte sich an Nick, dessen feine Ohren jedes Wort mitbekommen hatten. »Du hast es gehört. Ich muss los.« Sie gab ihm einen kurzen, aber innigen Kuss und verschwand. Allerdings sprang sie nicht direkt zum Haus der Kerrys, sondern ins Büro, wo Graham inzwischen wieder an seinem Schreibtisch saß und missmutig Routinearbeit erledigte. »Mitkommen!«, befahl sie ihm und transportierte ihn durch die Dimensionen direkt in Ronans Haus.
Sie landeten mitten in einem Chaos. Kevin hatte mit seiner Einschätzung von Ronans Gemütszustand nicht übertrieben. Der Police Lieutenant war völlig in Tränen aufgelöst und brüllte seinen Schmerz hinaus wie ein verwundetes Tier. Damit nicht genug hingen Abby und Siobhan nicht minder weinend und brüllend in den Armen von Sally Warden, die vergeblich versuchte, sie zu beruhigen. Kevin hatte vorsorglich sämtliche von Ronans Waffen eingesteckt und versuchte ebenso vergeblich, seinen Freund und Vorgesetzten zu beruhigen.
»Saaam!«
Abby stürzte sich auf die Dämonin, kaum dass sie sie sah und klammerte sich an ihr fest. Sam hob sie auf den Arm, drückte sie an sich und wiegte sie hin und her.
»Ich bin da, Abby. Ganz ruhig, ich bin hier.«
»Sarah ist tot!«, heulte das Mädchen und weinte noch lauter.
Sam blickte Graham an und machte eine Kopfbewegung zu Ronan hin, der gerade auf den Boden gesackt war und sich wie ein Embryo zusammengerollt hatte. »Du bist doch auch Seelsorger«, erinnerte sie ihn. »Den braucht er jetzt.«
Graham verschwendete nur einen flüchtigen Gedanken an das Wunder, dass Sam ihn als Seelsorger mitgenommen hatte. Er ging zu Ronan und half ihm, sich auf die Couch zu setzen. Siobhan hatte sich jetzt ebenfalls an Sam geklammert, die sie auf ihren anderen Arm hob und beide Kinder hin und her wiegte, während sie ihnen versicherte, dass sie keine Angst haben müssten.
»Wir wissen noch nicht allzu viel«, teilte Kevin ihr leise mit, »aber nach ersten Erkenntnissen hat irgendein Tier die Bremsleitung von Sarahs Wagen angenagt. Zeugen haben ausgesagt, sie wollte auf dem Highway einem Tier ausweichen, und dabei haben die Bremsen versagt.«
»Ich wette, es war eine Ratte«, knurrte Sam grimmig und verspürte den Impuls, auf der Stelle in die Unterwelt zu gehen und dort Jagd auf jeden Rattendämon zu machen, den sie finden konnte, bis die ganze Brut vernichtet wäre.
Kevin nickte. »Ein Zeuge meinte, es wäre ein riesiges Biest gewesen, aber definitiv eine Ratte.«
»Ich bring sie um! Alle!«, versprach Sam wütend und riss sich mühsam zusammen, als die beiden Mädchen jetzt durch ihren Ausbruch noch heftiger weinten.
Kevin äußerte sich nicht dazu. Ihm entging keineswegs, dass Sam intensiv nach einem anderen Werwolf roch, dem er schon mal begegnet war: Nick Roscoe, dem rechtmäßigen Anführer des kleinen Werwolfrudels, das Kevin vor einem Dreivierteljahr übernommen hatte. Doch er vertagte seine Überlegung, ob Nick wegen des Rudels gekommen war, auf später.
»Ronan sollte die nächsten Tage auf keinen Fall allein bleiben.« Er räusperte sich unsicher. »Als ich ihm die Nachricht überbracht habe, hat er sofort zu seiner Waffe gegriffen. Ich weiß nicht, was er damit vorhatte, denn ich habe sie ihm auf der Stelle weggenommen. Aber er macht mir nicht den Eindruck, als wäre er zu irgendeiner vernunftgesteuerten Handlung fähig.«
»Sally!«
Sam winkte den Wächterdämon heran und übergab ihm Siobhan. Abby klammerte sich jedoch an ihr fest und zeigte alle Anzeichen beginnender Panik, weshalb Sam sie bei sich behielt. Sie setzte sich zu Ronan auf die Couch, dem Graham eine Hand auf den Rücken gelegt hatte und ihm versicherte, dass er nicht allein war und sie alle hier wären, um ihm zu helfen und ihn zu unterstützen.
Ronan blickte Sam aus rotgeweinten Augen verzweifelt an. »Sie ist tot, Sam. Sarah ist tot!« Er legte sie Arme um sie und Abby und weinte an Sams Schulter weiter.
Sam streichelte seinen Rücken. »Es tut mir so leid, Ron, so leid!«
»Was soll ich denn jetzt nur tun?«, schluchzte er.
»Als Erstes kommt ihr mit zu mir und wohnt eine Weile bei mir«, schlug Sam vor. »Ich kümmere mich um alles, was notwendig ist. Du musst da nicht allein durch, Ron.« Sie wandte sich an Kevin, als Ronan nicht gegen den Vorschlag protestierte. »Pack ein paar von seinen Sachen zusammen, Kevin. Sally, pack die Sachen der Kinder.«
Sally gehorchte, während Kevin in Ronans Schlafzimmer ging. Graham fand den Gedanken, dass diese unschuldigen Kinder in Sams Haus wohnen sollten, und sei es nur für kurze Zeit, alles andere als gut. Doch er wusste, dass Ronan Kerry sie als seine Freundin betrachtete und Abby ihr vollkommen vertraute. Außerdem war jetzt definitiv nicht der passende Zeitpunkt, um dagegen zu protestieren.
Eine halbe Stunde später hatte Kevin ein paar Reisetaschen in Ronans Wagen geladen. Sally stieg mit der immer noch weinenden Siobhan ein, und Kevin half Ronan hinein, der kein Wort mehr herausbrachte, sondern nur noch stumm weinte. Abby klammerte sich an Sam fest, als die sich ebenfalls in den Wagen setzten wollte.
»Nicht ins Auto!«, wimmerte sie. »Ich will nicht in ein Auto!« Sie begann zu hyperventilieren.
Sam drückte sie an sich. »Schon gut, Abby. Du musst nicht ins Auto. Wir beide nehmen den anderen Weg zu mir nach Hause. Okay?« Sie wandte sich an Graham. »Fahr Ronan zu mir. Abby und ich ‚springen’ voraus.«
»S-Sam?« Abby blickte sie ängstlich an und erweckte den Eindruck, dass sie gleich zusammenbrach. »K-können Dämonen auch sterben?«
Sam streichelte Abby beruhigend den Rücken. »Grundsätzlich schon, aber das, was Menschen tötet – Krankheiten oder ein Autounfall – kann uns nicht viel anhaben. Du musst keine Angst haben, Abby. Ich sterbe noch lange nicht.«
Das beruhigte das Kind nicht allzu sehr. Abby klammerte sich an Sam fest und weinte wieder herzzerreißend. Es kostete Sam große Mühe, sie halbwegs zu beruhigen.
»Ich muss wieder ins Präsidium«, erklärte Kevin. »Aber ich komme nachher vorbei, sobald ich Feierabend machen kann.«
Sam nickte nur. Kevin ging zu seinem Wagen, während Graham sich in Ronans setzte und losfuhr. Sam sprang mit Abby zurück in ihr Haus. Das Mädchen machte große Augen, als sie Nick sah, der in einem Sessel im Wohnzimmer saß und jetzt mit einem freundlichen Gesichtsausdruck auf sie zu kam.
»Abby, das ist Nick, mein Gefährte. Er ist ein Werwolf. Aber ein sehr netter.«
»Hallo Abby«, sagte Nick, ging vor ihr in die Hocke und strich ihr sanft über die tränennassen Wangen. »Was ist denn los, Dúschenka? Was macht dich kleinen Welpen so traurig?«
Selbst Sam spürte das tiefe Mitgefühl, das Nick dem Kind entgegenbrachte, und seinen brennenden Wunsch, die Kleine zu beschützen – der natürliche Instinkt des Wolfs Kindern gegenüber. Auch Abby spürte das offenbar, denn sie ließ sich jetzt widerstandslos von Nick in die Arme nehmen und schmiegte sich ebenso vertrauensvoll an ihn, wie sie das bei Sam getan hatte. Der Werwolf murmelte beruhigende Worte und nickte Sam zu, die mit einem dankbaren Lächeln im Gästezimmer verschwand und es mit ein bisschen Magie für Ronans Aufenthalt modifizierte.
Nicht lange danach hörte sie Ronans Wagen vorfahren und ließ ihn ins Haus. Sally nahm Siobhan, die immer noch weinte, während Graham das Gepäck auslud und ins Haus brachte. Als er es neben der Tür abstellte und ins Wohnzimmer trat, traute er seinen Augen nicht. Sams Werwolf saß auf der Couch, hielt die beiden Kinder im Arm, die sich zutraulich an ihn schmiegten, und hatte es tatsächlich fertiggebracht, sie halbwegs zu beruhigen.
Ronan ließ sich auf die Zweiercouch fallen. Sam setzte sich neben ihn und legte den Arm um seine Schultern. Er hob den Blick und sah ihr verzweifelt in die Augen. »Wie soll ich ohne Sarah leben, Sam?«, schluchzte er. »Sie ist mein Leben! Wie kann ich denn ohne sie weitermachen?«
Sam zog ihn an sich und barg seinen Kopf an ihrer Schulter. Sanft streichelte sie seinen Rücken. »Als ich Scott verloren habe«, sagte sie leise, »da habe ich einem guten Freund dieselbe Frage gestellt: Wie soll ich ohne ihn leben? Wie soll ich mit diesem Leid umgehen?« Sie strich ihm über das Haar. »Da du dieser Freund warst, weißt du natürlich, was du mir geantwortet hast. Dass das Leid mit der Zeit vergeht, auch wenn die Wochen und Monate bis dahin die Hölle sind und dass auch diese tiefe Wunde eines Tages heilen wird, obwohl natürlich Narben zurückbleiben. Das hat mir damals sehr geholfen, ebenso wie die Versicherung besagten Freundes, dass er immer für mich da sein wird und ich jederzeit zu ihm kommen kann, wenn ich nicht allein sein will.«
Sie nahm sein tränenüberströmtes Gesicht in beide Hände und sah ihm in die Augen. »Ronan Kerry, deine Wunde wird heilen und das Leid mit der Zeit vergehen, auch wenn die Wochen und Monate bis dahin die Hölle sein werden. Ich bin immer für dich da, mein Freund, Tag und Nacht. Und natürlich kannst du mit den Kindern hier wohnen bleiben, solange du willst.«
»Danke, Sam«, flüsterte Ronan, umarmte sie erneut und weinte sich an ihrer Schulter aus, bis er vollkommen erschöpft war.
Nick kümmerte sich derweilen um die beiden Mädchen in einer derart kompetenten Weise, wie Graham es dem Werwolf nie zugetraut hätte. Er hielt Siobhan auf seinem Schoß und mit einem Arm umfangen, während Abby sich schutzsuchend in seinen anderen Arm gekuschelt hatte. Er streichelte beide Kinder unablässig und murmelte beruhigende Worte, die zwischendurch immer wieder in einen seltsamen Singsang übergingen, der die Kinder tatsächlich beruhigte.
Sam versetzte Ronan schließlich mit einem Zauber in tiefen Schlaf, den er jetzt dringend benötigte. Sie hob ihn hoch und trug ihn ins Gästezimmer, das sie magisch um einen Raum erweitert hatte, in dem die Kinder schlafen konnten. Graham folgte ihr und beobachtete, wie sie Ronan beinahe liebevoll ins Bett legte. Nick brachte die Kinder und half ihnen, sich zu ihrem Vater zu legen. Fürsorglich deckte er sie zu, und Sam versetzte die Mädchen ebenfalls in Schlaf.
Anschließend verließen sie das Zimmer. Sam schloss leise die Tür und stieß einen unterdrückten Fluch aus.
»Was für eine Katastrophe!« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn wir nicht aufpassen, wird Ron daran zerbrechen. Und ich wage nicht mir auszumalen, was dann aus den Kindern wird. Besonders aus Abby. Sie hat sich gerade halbwegs stabilisiert – und jetzt das!«
Sie setzte sich auf die Zweiercouch. Nick nahm neben ihr Platz, legte den Arm um ihre Schultern und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe.
Graham blieb unschlüssig im Wohnzimmer stehen und wurde sich erst jetzt bewusst, dass er sich in Sams Haus befand. Der magische Schutzschild, der es umgab, hatte ihn nicht wie bisher zurückgestoßen, sondern passieren lassen. Für einen Moment verwirrte ihn das, bis ihm Sams Erklärung dazu wieder einfiel, dass der Schild jedes Wesen zurückstieß, das mit bösen Absichten ins Haus eindringen wollte. »An dem Tag, an dem du nicht mehr tief in deinem Herzen wünschst, mich zu töten, wird er dich problemlos passieren lassen«, hatte sie gesagt.
Als er vorhin das Haus betreten hatte, war er nur von der Sorge um den Police Lieutenant und seine Kinder erfüllt gewesen und hatte keinen einzigen Gedanken mehr an Sam verschwendet. Was mochte geschehen, wenn er jetzt wieder »böse« Gedanken gegen sie denken sollte? Allerdings musste er zugeben, dass er ihr im Moment tatsächlich nichts antun wollte. Nicht nur, weil Nick bei ihr und er sich sehr wohl bewusst war, dass er kaum gegen die Dämonin und den Werwolf gleichzeitig eine Chance hätte. Nein, ihr Engagement für Ronan Kerry und die Kinder gab ihm zu denken.
Dass das blonde Mädchen ihr vertaute, weil Sam die Kleine vor einem Psi-Vampir gerettet hatte, war nachvollziehbar. Und das andere Mädchen war zu jung, um Sams wahre Natur zu begreifen. Doch sie und auch Nick gingen derart liebevoll mit ihnen um, wie es Menschen nicht besser gekonnt hätten.
Sam bedeutete ihm mit einer Handbewegung, sich zu setzten, und Graham nahm in einem Sessel Platz.
»Ronan wird sich umbringen, wenn ich ihn nicht irgendwie stabilisieren kann«, stellte sie nüchtern fest. »Er und Sarah hatten zwar keinen Seelenbund, aber sie waren durch die tiefste Liebe verbunden, die ich jemals bei Menschen gespürt habe.«
»Ich weiß genau, wie er sich jetzt fühlt«, sagte Nick düster. »Verdammt genau! Wenigstens hat er seine Kinder noch. Ich habe damals meine gesamte Familie auf einen Schlag verloren.«
Sam ergriff seine Hand und drückte sie fest. Nick erwiderte den Druck und sah ihr in die Augen. »Wir wissen beide, wie er sich fühlt, nicht wahr? Kannst du irgendwas für ihn tun, um sein Leid zu mildern, Sam?« Der Werwolf schüttelte den Kopf. »Niemand sollte jemals so leiden müssen.«
Graham blieb bei diesen Worten beinahe der Mund offen stehen. Ein Werwolf, der zu solchem Mitgefühl fähig war? Unmöglich! Und doch sah er hier einen vor sich, der aufrichtig mit Ronan Kerry litt.
Sam seufzte, griff zum Handy und wählte eine einprogrammierte Nummer.
»Hallo John! Hier ist Sam«, sagte sie, als sich John Whispering Wind meldete. »Ein guter Freund hat gerade seine Frau durch einen Autounfall verloren und tendiert jetzt dazu, sich umzubringen und seine beiden Kinder im Stich zu lassen. Sie brauchen alle drei die Betreuung eines Seelenheilers. Kann ich dich für den Job engagieren? Vor allem: Kannst du das hier bei mir erledigen? Ich übernehme selbstverständlich alle Kosten.«
John Whispering Wind, Schamane des Pine Ridge Reservates und einer von Sams langjährigen Freunden, sagte sofort zu. »Ich treffe meine Vorbereitungen und rufe dich an, sobald ich fertig bin. Dann kannst du mich abholen. Es wird aber einen Tag dauern. Kannst du ihn noch so lange bei der Stange halten?«
»Und ob!«, versprach Sam grimmig. »Ich lasse ihn nicht einfach sterben. Und im Voraus danke, Kola6 . Ich warte auf deinen Anruf.« Sie unterbrach die Verbindung. »Ein Seelenheiler kommt morgen und kümmert sich um Ron und die Kinder«, teilte sie Nick und Graham mit. »Und ich werde jetzt die Verantwortliche für Sarahs Tod zur Rechenschaft ziehen«, entschied sie grimmig.
»Was hast du vor?«, fragte Graham, und auch Nick sah sie gespannt an.
»Ich werde mir Rattenkönigin Laka vorknöpfen. Und falls Rangas Behauptung sich bewahrheiten sollte, dass meine Tochter ursächlich ihre Finger im Spiel hat, wird sie das mehr als bereuen!«
Tochter? Es war Nick vollkommen neu, dass Sam eine Tochter hatte. Doch natürlich wusste er noch recht wenig von ihr, so wie sie von ihm.
»Ich komme mit!«, sagte Graham sofort.
»Nein, diesmal nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du mich in die Unterwelt begleiten willst, Graham – geradewegs in die Hölle hinein.«
Der Mönch wurde blass.
»Außerdem brauche ich dich hier. Ich weiß nicht, wie lange die Sache dauert. Wenn Ronan und die Kinder wieder aufwachen, brauchen sie seelischen Beistand. Und du hast das vorhin ganz gut gemacht.« Sie blickte Nick an, der sie besorgt ansah. »Keine Sorge, Nick. Glaub mir, ich bin gegenwärtig in der Unterwelt vollkommen sicher. Und ich komme zurück, so schnell ich kann.«
Sie gab ihm einen Kuss und verschwand.
Nick und auch Graham starrten einen Moment auf die Stelle, an der sie verschwunden war. Schließlich räusperte sich der Mönch.
»Ich werde mich dann mal wieder zurückziehen. Falls ich gebraucht werde, ich bin in meinem Wohnwagen.«
Der Werwolf nickte nur, und Graham verließ das Haus. Er hatte wieder einmal einiges zu überdenken.

Sam spürte, noch während sie sich zwischen den Dimensionen befand, dass ihr Sprung sie nicht dorthin brachte, wohin sie ihn gezielt hatte. Eine unwiderstehliche Kraft riss sie zu einem anderen Ort. Als sie »landete«, stand Axaryn mit untergeschlagenen Armen vor ihr und blickte sie ungnädig an. »Wohin meintest du zu gehen, Samala?«
»Dorthin, wo ich von deinen Nachstellungen verschont bleibe«, knurrte Sam ungehalten. »Verdammt, Axaryn, was soll das?«
»Ich habe mir erlaubt, dich mit einem Zauber zu belegen, der mir jedes Mal meldet, wenn du dich in die Unterwelt begeben willst, um dort die Königin zu spielen«, knurrte der Dämon. »Ich werde nicht zulassen, dass du Sata in die Hände spielst.«
Sam schlug derart schnell und hart zu, dass Axaryn ihren Angriff nicht nur nicht kommen sah, sondern dass er von der Wucht des Kinnhakens ein paar Meter weit zurückgeschleudert wurde. »Wage es nicht noch einmal, mich derart zu überwachen oder mir vorschreiben zu wollen, was ich tun darf und was nicht!«, brüllte sie ihn an. »Selbst wenn ich vorhätte, was du mir unterstellst, wäre das immer noch meine Entscheidung, die dich nichts angeht!«
Axaryn sprang unbeeindruckt auf die Füße. »Du bist meine Blutsgefährtin, und was du tust, geht mich sehr wohl etwas an.«
»Aber ich bin nicht dein Eigentum, und ich verbitte mir, dass du mich überwachst!«
Sie schlug erneut zu. Doch diesmal war der Dämon darauf vorbereitet und fing ihren Schlag mühelos ab. Statt sich mit ihr auf den Kampf einzulassen, den sie am liebsten mit ihm ausgefochten hätte, riss er sie zu sich heran und küsste sie so heftig, dass es ihr den Atem nahm.
»Samala«, sagte er eindringlich, nachdem er ihren Mund wieder freigegeben hatte, als Sam ihre Gegenwehr aufgab, »ich bin dein Blutsgefährte, und ich sorge mich um dich. Um dich, nicht um irgendetwas, das du in der Unterwelt vielleicht tust.«
»Ach nein?«, fauchte Sam immer noch wütend. »Das klang aber eben ganz anders! Nämlich dass du die Interessen der Wächter schützen willst und mein Wohlergehen dagegen zweitrangig ist.« Sie ließ sich im Schneidersitz auf den Boden fallen. »Und wenn du mir nicht eine verdammt gute Erklärung dafür liefern kannst, haben wir ein ernstes Problem miteinander.«
Axaryn setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern.
»Axaryn, es gibt nun mal Situationen, in denen ich in die Unterwelt gehen muss. Allein schon weil meine Tochter dort lebt, und ich sie Luzifer nicht kampflos überlassen werde. Ich kümmere mich sowieso schon viel zu wenig um sie, weil er fast jedes Mal ‚zufällig’ auftaucht, wenn ich sie besuche. Ich weiß, dass er meine Liebe zu ihr gegen mich verwenden will und wird in irgendeiner Weise. Aber ich kann Danaya nicht im Stich lassen. Ich kann’s einfach nicht.«
»Du wolltest aber nicht deine Tochter besuchen, Samala, denn in dem Fall hätte mein Zauber gar nicht gewirkt.«
»Nein. Ich muss mit der Königin der Ratten sprechen. Ihre Brut sucht Cleveland heim und ist bereits für den Tod und die teilweise tödliche Erkrankung unzähliger Menschen verantwortlich. Auch für den Tod der Frau meines besten Freundes. Ich muss ihr Einhalt gebieten. Oder soll ich zusehen, dass noch weitere Menschen sterben, obwohl ich es verhindern kann?«
»Das kannst du nur, indem du deine Macht als Satas Königin benutzt, Samala. Und genau das hattest du vor.«
»Ich hatte und habe vor, jedes Mittel zu benutzen, das weitere Todesfälle verhindert.«
Axaryn drückte Sam an sich. »Und das ist genau das, was Sata will. Wir haben ja schon mal darüber diskutiert, welche Auswirkung es hat, wenn du diese Macht benutzt, ganz gleich wie gut deine Absichten sein mögen.«
Sam seufzte tief. »Zunächst will ich nur mit der Rattenkönigin reden. Angeblich hat meine Tochter sie in meinem Namen dazu angestiftet, Cleveland heimzusuchen. Ich muss die Wahrheit wissen. Und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass sie ihr Werk fortsetzen.« Sam hob den Kopf und blickte Axaryn in die Augen. »Ich werde allerdings nicht dulden, dass du mich überwachst, Axaryn. Nimm den Zauber auf der Stelle wieder von mir, oder ich rede kein Wort mehr mit dir. Du demonstrierst dadurch einen eklatanten Mangel an Vertrauen zu mir – genau das, was du Lady Sybilla und Vesgyn immer vorgeworfen hast. Dass ausgerechnet du mir nicht vertraust – du, mein Blutsgefährte – ist nicht nur eine Beleidigung, es ist auch ...« Sie biss sich auf die Lippen, ehe sie ungeschminkt hinzufügte: »Verletzend.«
Sie spürte, wie der Dämon den Zauber augenblicklich auflöste. Er machte ein zerknirschtes Gesicht und drückte Sam erneut an sich. »Verzeih mir, Samala. Aber ...« Er zuckt mit den Schultern und gestand unverblümt: »Ich fürchte die Macht, die du als Satas Königin besitzt. Falls sie dich tatsächlich korrumpieren sollte, wird das auch mich beeinflussen, weil ich dein Blutsgefährte bin.« Er beugte sich vor, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. »Ich hätte dir trotzdem vertrauen sollen. Vertrauen müssen
Weil er nur allzu gut wusste, dass Samala genau das Gegenteil von dem tat, was er erreichen wollte, wenn sie sich von ihm manipuliert fühlte. Doch er kannte auch ihre angeborene Lust auf Macht und wusste, dass sie es genoss, sie zu besitzen. Sie wäre so leicht zu verführen, wenn jemand – Sata zum Beispiel – es richtig anfing. Und bis jetzt hatte Axaryn noch kein »Gegenmittel« entdeckt, das sie gegen die Versuchung immunisieren könnte.
»Ich werde dich begleiten«, entschied er. »Wenn du erlaubst. Nicht um dich zu kontrollieren, sondern um in meiner Eigenschaft als Wächter zu demonstrieren, dass du nicht als Königin der Unterwelt handelst, sondern als – unsere Agentin.«
Sam überdachte den Vorschlag. »Keine schlechte Idee«, fand sie. »Wenn es sich rumspricht, dass ich für die Wächter arbeite und offenbar auf deren Seite stehe, hat Luzifer schlechte Karten.«
»Aber leider das Spiel dadurch noch lange nicht verloren«, erinnerte Axaryn sie.
Sam stand auf. »Bringen wir es hinter uns.«
Sie fasste seine Hand und brachte sich und ihn in die Unterwelt.

Das Reich der Rattendämonen ähnelte einem riesigen Restaurant und Obstgarten. Überall standen Schüsseln mit Essen in unterschiedlichen Stadien der »Reife«, und über allem schwebte ein intensiver Geruch nach Rührei mit Speck, der erklärten Lieblingsspeise der Ratten. Kaum hatten die Rattendämonen Sam erblickt, als sie ihr mit tiefsten Verbeugungen Referenz erwiesen. Sam ignorierte das ebenso wie die geflüstert weitergegebene Botschaft »Die Königin ist gekommen!«
Sie war schwer versucht, ihre Drohung wahr zu machen und sämtliche Ratten zu vernichten. Doch letztendlich führte das zu nichts. Falls Ranga die Wahrheit gesagt hatte, so waren sie nicht einmal direkt für den ganzen Schlamassel verantwortlich.
Königin Laka erwartete Sam und Axaryn bereits, als sie deren Residenz betraten. Laka war die wohl schönste Ratte, die man sich vorstellen konnte. Obwohl ihr menschengroßer Körper mit seidigem schwarzen Fell bedeckt war und sie aufrecht auf ihren Hinterpfoten ging, war sie unverkennbar eine Ratte.
»Ich erweise dir Respekt, Königin«, sagte Laka. »Auch wenn es mir schwerfällt. Du hast meine Kinder ermordet. Doch wenn du deine Zusage einhältst, so war es das am Ende wert.«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon du redest, Laka. Erstens bin ich keine Königin. Zweitens habe ich mit euch nie etwas vereinbart. Drittens stehen du und deine Bande kurz davor, von mir vernichtet zu werden, wenn du mir nicht zu meiner Zufriedenheit erklären kannst, warum du deine Leute auf Cleveland losgelassen hast, wo sie Menschen töten. Und dabei auch solche bedrohen und sogar töten, die mir nahe stehen.«
»Weil du es so gewünscht hast!«, rief die Rattenkönigin zornig. »Deine Tochter, Prinzessin Danaya, hat uns deinen Wunsch persönlich mitgeteilt.«
Also steckte tatsächlich Danaya dahinter, falls Laka nicht log. Kallas Blut!
»Unsere Aufgabe war es, Cleveland für dich vorzubereiten, weil du dort die Basis deiner Macht errichten wolltest«, fuhr Laka fort. »So jedenfalls hat es uns die Prinzessin in deinem Namen befohlen. Wir sollten jedes Medium ausschalten, das deine Pläne voraussehen und vereiteln könnte. Und wir sollten die Menschen krank machen, damit du sie heilen kannst und sie dich danach als ihre neue Göttin akzeptieren und sich dir bedingungslos unterwerfen. So wie Luzifer die Unterwelt beherrscht, sollst du über die Menschenwelt herrschen. Und uns wurde versprochen, dass wir als Belohnung für unsere Dienste deine Ersten Erwählten sein werden.«
Sam verzog grimmig das Gesicht. Das ergab einen nur allzu guten Sinn. Da nahezu jeder Dämon bestrebt war, die Gunst von Luzifers Königin zu erringen, würde jeder eine solche Gelegenheit mit Freuden ergreifen und sich die größte Mühe geben, die Königin zufriedenzustellen.
Das galt besonders für diejenigen, deren Macht und Einfluss in der Hierarchie gering waren. Und die Rattendämonen wurden aufgrund ihrer Natur nicht nur wie ihre tierischen Geschwister von den Menschen von fast allen anderen Dämonen verachtet. Ein Versprechen von Danaya, dass die Königin der Unterwelt sie zu Ersten Erwählten machen würde – die engsten Gefolgsleute, die rangmäßig gleich hinter den Vasallen kamen – hätte nicht nur die Ratten dazu gebracht, wirklich alles zu tun, was man von ihnen verlangte. Genau darauf hatte Danaya spekuliert.
Sam schüttelte den Kopf. »Das habe ich niemals verlangt, Laka. Und ich habe auch niemals meiner Tochter einen entsprechenden Auftrag gegeben.« Sie blickte die Rattenkönigin finster an. »Ich glaube viel eher, dass du versuchst, ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben, um meiner Rache zu entgehen.«
»Ich lüge nicht!«, fuhr Laka wütend auf, beherrschte sich aber augenblicklich, als Axaryns Augen gefährlich zu glühen begannen und er seine Macht aktivierte, mit seinem Blick jedes Lebewesen versteinern zu können. »Ich glaube viel eher, dass du lügst, um meiner Rache für den Tod meiner Kinder zu entgehen.«
»Das lässt sich ja ganz einfach feststellen, Laka. Schwöre mir bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass du die Wahrheit sagst.«
Die Rattenkönigin zögerte nur kurz, ehe sie mit der Pfote zuerst ihre Stirn und anschließend die Brust über dem Herzen berührte. »Ich schwöre bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass das ich die Wahrheit gesagt habe.«
Da kein Dämon – nicht einmal Luzifer – bei einem solchen Schwur einen Meineid leisten würde, musste das zwangsläufig die Wahrheit sein.
»Und nun schwöre du mir ebenfalls bei Thorluk und Kalla, dass du deine Tochter niemals beauftragt hast, uns in deinem Namen nach Cleveland zu schicken«, verlangte Laka.
Auch Sam berührte zuerst ihre Stirn, danach ihr Herz. »Ich schwöre bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass ich weder meine Tochter noch irgendjemand anderem befohlen habe, euch in meinem Namen irgendeinen Auftrag zu erteilen. Erst recht keinen, der den Menschen schadet.« Sie zuckte mit den Schultern und fügte hinzu: »Ganz offensichtlich war es meine Tochter, die euch belogen hat.«
Laka blickte sie immer noch misstrauisch an. »Aber warum sollte sie das getan haben?«
»Weil sie auch Luzifers Tochter ist und er sie beherrscht«, gab Sam unumwunden zu. »Sie erfüllt letztendlich seinen Willen. Und er will unbedingt, dass ich seine Königin bin.«
»Warum?«
»Dir ist natürlich wie jedem anderen Dämon bewusst, dass bald wieder eine Große Entscheidung ansteht, die Luzifer unbedingt gewinnen will. Er ist der mir nicht nachvollziehbaren Überzeugung, dass ich ihm dazu verhelfen könnte, wenn ich seine Königin wäre. Aber das bin ich nicht.« Sie deutete mit dem Daumen auf Axaryn, der wachsam schräg hinter ihr stand. »Ich arbeite für die Wächter, und dieser Wächter ist mein Blutsgefährte, wie du sicherlich riechst. Wie könnte ich da die Königin der Unterwelt sein?«
Laka reckte die Nase vor und sog schnüffelnd die Luft ein. Durch den Austausch ihres Blutes beim Schließen des Blutbundes hatte sich Sams und Axaryns Körperchemie dahingehend verändert, dass ihr Geruch sich ähnelte. Daran erkannte jedes Wesen, das über eine entsprechend feine Nase verfügte, dass die beiden »von einem Blut« waren.
»Du sprichst die Wahrheit«, stellte die Rattenkönigin widerstrebend fest. »Doch ich verstehe immer noch nicht, warum die Prinzessin wollte, dass wir deine Stadt angeblich für dich erobern.«
»Sehr einfach. Du und alle anderen Dämonen habt mich bis jetzt für Luzifers Königin gehalten. Er und meine Tochter haben darauf spekuliert, dass ich, um die Menschen in Cleveland vor euch zu beschützen, als Königin zu dir gehe und dir in dieser Eigenschaft befehle, deine Leute aus Cleveland abzuziehen. Natürlich hätten das sämtliche Geister mitbekommen, die sich hier überall herumtreiben und daraufhin in der ganzen Unterwelt verkündet, dass die Gerüchte wahr sind und ich tatsächlich Luzifers Königin bin. Auf diese Weise wäre ich in die Rolle hineingedrängt worden, bis ich nicht mehr herausgekommen wäre. Aber wie dem auch sei, Laka, nimm zur Kenntnis, dass ich die Menschen beschütze. Sehe ich noch einen einzigen deiner Gefolgsleute jemals wieder in Cleveland oder an irgendeinem anderen Ort, an dem ich mich in der Menschenwelt aufhalte, werdet ihr es bitter bereuen.«
Laka gab sich von dieser Drohung unbeeindruckt. »Sie hat uns betrogen, deine Tochter!«, zischte sie aufgebracht. »Ihretwegen sind meine Kinder tot!«
»Komm nicht auf dumme Gedanken, Laka«, warnte Sam kalt. »Sie ist meine Tochter, vergiss das nicht. Ich kümmere mich um sie und werde wegen dieser Angelegenheit angemessen mit ihr verfahren und sie keineswegs ungestraft davonkommen lassen. Solltest du ihr etwas antun oder das auch nur versuchen«, fügte sie eisig hinzu, »dann brauchen die Ratten eine neue Königin, wenn ich mit dir fertig bin.«
Wütendes Zischen und Knurren der Rattendämonen antwortete auf die Drohung. Sam ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie starrte Laka unverwandt und ohne mit der Wimper zu zucken in die Augen, bis die Rattenkönigin den Blick senkte und den Hauch einer Verbeugung andeutete.
»Gut, so sei es. Ich werde meine Leute zurückrufen und sie anweisen, dein Territorium nie wieder zu betreten. Doch eines Tages wirst du dich für den Tod meiner Kinder vor mir verantworten müssen.«
»Wann immer du willst, Laka«, stimmte Sam ungerührt und mit einem herausfordernden Unterton zu. »Sofort, wenn du möchtest.«
Sie sammelte ihre gesamte magische Macht um sich und ließ sie ungehindert nach außen strahlen, sodass nicht nur Laka, sondern auch ihre gesamte Gefolgschaft deren wahres Ausmaß fühlen konnte. Die Kräfte, die Sam vor zwei Jahren von einem achtschwänzigen Kitsune übernommen hatten, waren gewaltig verglichen mit dem, wozu Rattendämonen fähig waren. Sam hätte sie tatsächlich alle auf einen Schlag innerhalb von Sekunden vernichten können. Die Ratten wichen angstvoll vor ihr zurück. Auch Laka.
Sam trat dicht an die Rattenkönigin heran. »Wenn du oder deine Brut mir noch einmal in irgendeiner Form in die Quere kommt oder ihr euch auch nur irgendjemandem nähert, den ich kenne, dann vernichte ich euch alle«, versprach sie, und es war ihr vollkommen ernst damit.
Sie nickte der Rattenkönigin zu und verschwand mit Axaryn zu ihrem Domizil in der Unterwelt. In dem Haus, in dem sie vor langer Zeit mit ihrer Familie gewohnt hatte, setzte sie sich auf eine Couch und starrte nachdenklich vor sich hin. Axaryn setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
»Wie konnte Danaya das nur tun? Sie weiß doch, dass ich den Menschen helfe und niemals dulden würde, was sie getan hat.«
»Sie ist Satas Tochter«, erinnerte Axaryn sie. »Du hast sie längst an ihn verloren, Samala. Das ist Fakt.«
»Und das ist meine Schuld. Wenn ich mich mehr um sie gekümmert hätte ...«
»So hättest du damit genau das getan, worauf Sata spekuliert hat. Was von Anfang an sein Ziel war, als er dich zwang, sie zur Welt zu bringen. Er hätte dich dann sogar noch sehr viel früher zu seiner Königin gemacht. Wer wäre schließlich besser für den Posten geeignet gewesen als die Mutter seiner Tochter. Und in dem Fall hättest du diese Position zweifellos akzeptiert.«
In dem Punkt war sich Sam zwar nicht sicher, aber sie konnte es auch nicht leugnen. Die Möglichkeit bestand durchaus. Schließlich gab ihr die Stellung als Luzifers Königin die Macht über alle Dämonen der Unterwelt. Und das war tatsächlich eine ungeheure Verlockung. Doch Axaryn hatte in einem Punkt recht: Sam hatte Danaya an Luzifer verloren – im Moment.
»Ich glaube, irrationale Hoffnung ist auch eins dieser menschlichen Gefühle, mit denen ich geschlagen bin. Deshalb werde ich Danaya nicht aufgeben«, entschied sie. »Aber ich werde ihr eine Lektion erteilen, die sie lehren wird, dergleichen niemals wieder zu tun.«
»Was hast du vor?«
Sam verzog grimmig das Gesicht. »Oh, ich werde zur Abwechslung mal ganz dämonisch sein und ihr eine Strafe verpassen, die sie hoffentlich in Zukunft davon abhält, dergleichen noch einmal zu tun. Kallas Blut! Meine eigene Tochter ist verantwortlich für den Tod der Frau meines besten Freundes. Damit kann und werde ich sie nicht durchkommen lassen.«
Axaryn unternahm nicht einmal den Versuch, sie davon abzubringen; abgesehen davon, dass er ihr in diesem Punkt vollkommen zustimmte. Und er wollte ums Verrecken nicht in Danayas Haut stecken, wenn Samala sie sich »ganz dämonisch« vorknöpfte.
Er zog sie an sich und küsste sie verlangend. Sam erwiderte seinen Kuss hingebungsvoll. Bevor jedoch mehr daraus werden konnte, was der Dämon durchaus plante, löste sie sich von ihm und schob ihn zurück.
»Axaryn, Nick ist zurückgekommen. Der Werwolf, mit dem ich einen Seelenbund habe. Er wird bleiben. Wir wollen herausfinden, ob wir dauerhaft miteinander leben können. Was ich, ehrlich gesagt, sehr hoffe. Ich ... ich fühle mich nur mit ihm in meiner Nähe als vollständiges Wesen. Wenn du verstehst.«
»Durchaus.« Axaryn legte seine Pranke gegen ihre Wange und sah sie ernst an. »Das ist die Natur eines Seelenbundes. Ich habe damit kein Problem, Samala. Ein Seelenbund wiegt ohnehin immer schwerer als ein Blutbund. Und wie ich die Werwölfe und ihre Bedürfnisse nach, nun, eben Wolfsein kenne«, fügte er grinsend hinzu, »wird von deiner Gunst immer noch genug für mich übrig bleiben. Wenn du verstehst.«
Sam lachte und umarmte den Dämon. »Durchaus, mein Großer. Allerdings habe ich mit Nick vereinbart, dass ich ausschließlich mit ihm schlafe, solange er da ist. Du wirst also für die nächste Zeit diesbezüglich auf mich verzichten müssen.«
»Ich werde es überleben«, war der Dämon immer noch grinsend überzeugt. Er gab Sam noch einen innigen Kuss und verschwand.
Sam seufzte erleichtert und sprang direkt in Danayas Wohnung, wo sich ihre Tochter, wie sie spürte, gerade aufhielt.
»Mutter!«, begrüßte Danaya sie erfreut, wurde aber augenblicklich ernst, als sie Sams grimmiges Gesicht sah.
Sam ließ ihr keine Zeit, noch irgendetwas zu sagen. Sie packte Danaya grob an der Kehle in einer Art, die Luzifer alle Ehre gemacht hätte, und schleuderte sie gegen die Wand.
»Ich weiß, was du getan hast, Danaya. Du hast Laka und ihre Brut auf die Menschen von Cleveland gehetzt. Sie haben Unzählige von ihnen getötet, krank gemacht, teilweise schwer verletzt und etliche sogar umgebracht. Das allein wäre schon schlimm genug. Was ich dir aber absolut nicht durchgehen lassen werde, ist, dass du das in meinem Namen getan und dich erdreistet hast zu behaupten, es wäre ein Befehl der Königin der Unterwelt.«
»Mutter, ich ...«
Sam ließ sie nicht zu Wort kommen. Brutal griff sie in den Geist ihrer Tochter ein und projizierte Ronans, Abbys und Siobhans Leid über den Verlust von Sarah hinein. Damit nicht genug packte sie noch den Schmerz jedes Menschen dazu, der durch die Rattendämonen verletzt oder krank geworden war.
Danaya schrie markerschütternd auf und wand sich am Boden vor Qual. Sie hatte in ihrem kurzen Leben noch nie solche körperlichen Schmerzen erlitten, geschweige denn solches seelische Leid ertragen müssen. Deshalb hatte sie jetzt das Gefühl, jeden Moment daran zu sterben.
Sekunden später tauchten Benyun, Lilama und Conaru auf. Durch das Band des Blutes, das sie auch mit Danaya verband, fühlten sie ihre Not und gehorchten dem Instinkt, ihr Familienmitglied zu schützen. Sam warf ihnen einen kalten Blick zu.
»Erzieherische Maßnahme«, teilte sie ihnen grimmig mit in einem Tonfall, der deutlich ausdrückte, dass sie sich besser nicht darin einmischten.
Ihre Geschwister verschwanden augenblicklich. Lediglich Benyun nickte ihr noch kurz zu, ehe er mit einem zufriedenen »Das wurde auch mal Zeit!« ebenfalls wieder verschwand.
»Aufhören!«, wimmerte Danaya. »Oh bitte, hör auf!«
Zwar tat es Sam in der Seele weh, ihrer Tochter diese Schmerzen zuzufügen, doch sie dachte nicht daran, Danaya jetzt schon zu erlösen. Ihre Tochter würde keineswegs daran sterben. Deshalb sollte und würde sie die ganze Qual bis zum Ende aushalten.
»Das ist das Leid, das du anderen angetan hast, Danaya«, sagte sie eisig und belegte ihre Tochter mit einem Zauber. »Jedes Mal, wenn du wieder einem Menschen schadest, sei es direkt oder indirekt, wirst du dessen dadurch verursachte Qual am eigenen Leib erfahren. Gerade so wie jetzt. Also empfehle ich dir dringend, dergleichen niemals wieder zu tun! Und ich empfehle dir ferner aufzuhören zu versuchen, mich zu manipulieren. Ich werde niemals auf der Seite der Finsternis stehen. Das schafft dein gottverdammter Vater nicht und du erst recht nicht!«
Sam wartete Danayas Antwort nicht ab, sondern verschwand und kehrte nach Hause zurück. Nick war gerade dabei, sich in der Küche etwas zu essen zu machen. Er nahm sie in die Arme, als er ihr trauriges Gesicht sah. »Die Sache ist erledigt«, sagte sie leise. »Aber ...« Sie sah ihm in die Augen. »Es ist so einiges passiert, während du weg warst. Und es gibt einige wichtige Dinge, die du erfahren musst.«
»Erzähl sie mir. Ich höre dir zu.« Er zog sie ins Wohnzimmer zur Couch und setzte sich neben sie.
Sam berichtete ihm alles, angefangen von den Umständen, warum sie Danaya hatte zur Welt bringen müssen, wie sie unfreiwillig die Königin der Unterwelt geworden war und warum sie mit Axaryn einen Blutbund geschlossen hatte. Sie offenbarte ihm auch die Zusammenhänge, die zu der »Rattenplage« in Cleveland und letztendlich zu Sarahs Tod geführt hatten.
»Teuflisch!«, fand Nick, als sie geendet hatte, und drückte sie tröstend an sich. »Das ist eine unendlich schwere Last, die du da zu tragen hast, Sam.«
Sie sah ihm in die Augen. »Ich fürchte, sie wird auch dich in der einen oder anderen Weise beeinträchtigen, wenn du bei mir bleibst.«
Nick schnaufte verächtlich. »Na und? Ich bin Schwierigkeiten gewöhnt.« Er sah sie ernst an. »Du bist meine Seelengefährtin, Sam. Selbst wenn du ‚nur’ eine Frau wärst, mit der ich eine Zeitlang zusammenleben wollte, so würde ich dich nicht im Stich lassen, sondern an deiner Seite stehen, solange du mich brauchst.«
»Danke, Nick.«
Er nahm sie in die Arme und hielt sie umfangen, gab ihr Halt und Trost, und Sam war froh, ihn bei sich zu haben. Sie brauchte emotionale Unterstützung in diesem Moment mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte. Nicht nur weil sie sich schuldig fühlte, weil Danaya für Sarahs Tod verantwortlich war und beinahe auch Abbys verursacht hätte, sondern weil es ihr erleichterte durchzustehen, was sie gerade beschlossen hatte.
So ungern sie das auch zugab, so hatte Axaryn doch recht damit, dass sie ihre Tochter längst an Luzifer verloren hatte. Auch alle Versuche ihrerseits, Danaya mit ihrer Liebe auf Sams Seite zu bringen, würden daran nichts ändern. Nicht einmal dann, wenn Sam ab sofort nur noch ihre Zeit mit ihr verbracht hätte. Was sie nicht konnte und auch nicht wollte. Sie würde Danaya nicht aufgeben, oh nein. Doch sie war sich sicher, dass sich diese Angelegenheit regeln würde, sobald die Große Entscheidung gefällt war. Denn danach hätte Luzifer so oder so keine Verwendung mehr für seine Tochter ...

Luzifer sah Danaya gleichgültig entgegen, als sie ihn aufsuchte, nachdem zumindest ihre körperlichen Schmerzen endlich halbwegs nachgelassen hatten. Sie erkannte, dass er längst wusste, was ihre Mutter mit ihr getan hatte. Sie empfand eine maßlose Wut darüber, dass er nichts unternommen hatte, um ihr zu helfen.
»Nimm diesen Zauber wieder von mir, Vater«, verlangte sie. »Ich weiß, dass du ihn ganz leicht brechen kannst.«
»Das könnte ich in der Tat. Aber warum sollte ich?« Luzifers Stimme triefte vor Verachtung. »Du hast wieder einmal versagt, Danaya. Dein einziger Daseinszweck ist es, deine Mutter auf unsere Seite zu bringen. Und was tust du? Bringst sie derart gegen dich auf, dass du sie damit erst recht in die Arme der Wächter treibst! Sie ist schon die Blutsgefährtin von einem von ihnen, falls dir das entgangen sein sollte. Sie arbeitet mit denen zusammen, statt mit uns! Uns läuft die Zeit davon. Und du versagst wieder und wieder und wieder!« Er verzog sein überirdisch schönes Gesicht zu einer boshaften Grimasse. »Deine Mutter hat dich noch viel zu milde bestraft, aber für den Anfang genügt das erst mal. Ich gebe dir noch eine allerletzte Chance, Danaya. Lass dir endlich was einfallen, das auch funktioniert! Denn solltest du noch einmal versagen, bist du nicht mehr von Nutzen für mich.«
Danaya fühlte, wie Angst in ihr hoch kroch – ein weiteres Gefühl, das sie bis jetzt nicht gekannt hatte. Luzifer trat dicht vor sie hin und bohrte seinen Blick in ihre Augen. Die junge Dämonin hatte das Gefühl, dass dieser Blick überaus schmerzhaft in ihrer Seele brannte.
»Dein Glück ist es, dass dein Tod deiner Mutter schaden würde, was ich leider geschworen habe, niemals mehr zu tun. Andernfalls, Danaya, würde ich dich töten, wenn du noch mal versagst. Doch glaube mir, ich lasse mir in dem Fall was einfallen, was Samala nicht schadet und dich trotzdem angemessen bestraft.«
Danaya glaubte ihm jedes Wort. Luzifer machte eine Handbewegung, als verscheuche er ein Insekt, und die Dämonin fand sich in ihrem Zimmer wieder.
Verdammt, die ganze Sache lief absolut nicht so, wie sie hätte laufen sollen. Sie war sich nur allzu bewusst, dass Luzifers Drohung, sie hätte nur noch eine einzige Chance, kein leeres Gerede war. Wenn auch nicht ihr Leben, so hing doch mit Sicherheit ihre Stellung als Prinzessin der Unterwelt davon ab, dass sie eine todsichere Möglichkeit fand, ihre Mutter auf die Seite der Finsternis zu bringen. Und dafür brauchte sie einen verdammt guten Plan.
Es sei denn, sie drehte den Spieß gänzlich um ...

Graham hielt es nicht mehr aus, als der Abend nahte und er immer noch nichts von Sam gehört hatte, obwohl er mit seinen Defensor-Sinnen spürte, dass sie zurückgekehrt war. Deshalb überwand er seine Bedenken – um nicht zu sagen seinen Widerwillen – und wagte es, an ihrer Tür zu klopfen, nachdem er sich Schritt für Schritt herangetastet und festgestellt hatte, dass er den magischen Schild um das Haus immer noch durchschreiten konnte.
Sam öffnete ihm und bat ihn mit einer Kopfbewegung herein.
»Wie geht es ihnen?«, fragte er und warf einen Blick auf die geschlossene Tür zum Gästezimmer.
»Sie schlafen noch bis morgen früh. Und das ist auch gut so. Noch besser ist, dass die Rattendämonen Cleveland ab sofort meiden werden wie die Pest. Ich habe die Sache entsprechend geregelt.«
»Dann ist es also vorbei?«, vergewisserte sich der Mönch und hätte eine Menge darum gegeben, dabei gewesen zu sein, als Sam die Sache »regelte«.
»Nein, es ist noch nicht vorbei«, widersprach sie und warf Graham einen spöttischen Blick zu. »Da sind immer noch Hunderte von Kranken in den Hospitälern, die teilweise im Sterben liegen, weil die Ärzte kein Heilmittel gegen die Rattenkrankheit haben. Mich wundert, Graham, dass du an die gar nicht mehr gedacht hast«, fügte sie sarkastisch hinzu.
»Was hast du vor?«, fragte Nick.
»Ich werde mich mal wieder unsichtbar machen, mich durch die Dimensionen in die Krankenhäuser schleichen und hoffen, dass ich sie alle noch retten kann.«
»Ich komme mit«, entschied Graham, der sich zutiefst schämte, weil er tatsächlich nicht mehr an die Erkrankten gedacht hatte. Vielmehr war ihm aufgrund seiner eigenen Abneigung dagegen, von Sams Magie berührt zu werden, gar nicht der Gedanke gekommen, dass sie die Kranken damit heilen konnte. Oder das überhaupt wollte.
Sam verdrehte genervt die Augen. »Du kannst mir dabei wohl kaum helfen.«
»Ich komme mit!«, wiederholte der Mönch mit Nachdruck und funkelte sie herausfordernd an.
Sam gab kopfschüttelnd nach und wandte sich an Nick. »Willst du auch mitkommen?«, bot sie ihm an.
Der Werwolf schüttelte den Kopf. »Ich wäre dir nur eine Last«, stellte er mit einem missbilligenden Blick auf Graham fest.
Sam trat dankbar lächelnd auf ihn zu und küsste ihn innig. »Tüj tschudésnüj!«, stellte sie leise auf Russisch fest. »Du bist wunderbar!«
Er legte seine Hand gegen ihre Wange. »Njet, majá krassíwaja, äta tüj. Nein, meine Schöne, das bist du«, korrigierte er. »Viel Erfolg.«
»Danke. Wir werden wahrscheinlich die ganze Nacht unterwegs sein. Also wundere dich nicht, wenn ich erst morgen früh wieder da bin. Und, Nick«, fügte sie eindringlich hinzu, »fühl dich wie zu Hause, denn das bist du ja jetzt.«
Er nickte lächelnd. Sam streckte gebieterisch die Hand nach Graham aus, und der Mönch ergriff sie widerstrebend. Im nächsten Moment wurden sie unsichtbar, und nur eine Sekunde später verschwand ihr und Grahams Geruch, was ihm sagte, dass sie fort waren. Nick starrte einen Moment auf die Stelle, an der er Sam zuletzt gesehen hatte.
Anschließend ging er zum Gästezimmer hinüber und öffnete leise die Tür. Ronan Kerry lag im Bett und schlief. Das Kopfkissen war nass von seinen Tränen, die er selbst im Schlaf noch weinte. Neben ihm lagen Abby und Siobhan dicht aneinander gekuschelt und schliefen ebenfalls. Abby hatte beschützend einen Arm um Siobhan gelegt. Nick ging lautlos zu ihnen hinüber, hockte sich neben das Bett und strich den Kindern sanft über das Haar. Es tat ihm in der Seele weh, dass diese beiden unschuldigen Welpen so viel Leid ertragen mussten. Und wie Ronan Kerry sich fühlte, wusste er nur allzu gut. Nicks eigener Bruder hatte seine Frau und seine beiden kleinen Söhne vor seinen Augen ermordet. Nick hatte sehr lange gebraucht, um diesen Verlust zu verkraften sowie alles, was darauf gefolgt war. Gerade auch die Dinge, die er getan hatte, um den Tod seiner Lieben zu rächen.
Er war überzeugt gewesen, nie wieder eine Beziehung eingehen zu können – zu wollen, weil das Risiko, früher oder später erneut dadurch zu leiden, einfach zu groß war. Trotzdem war er jetzt hier und bereit, sich vollkommen auf Sam einzulassen. Mit ihr zu leben und sie so nahe an sich heran zu lassen, wie er nie wieder jemandem hatte nahe sein wollen. Doch – Ironie des Schicksals – sie war ihm sehr viel näher als jede andere Frau zuvor. Sie war seine Seelengefährtin. Er konnte sie nicht aufgeben, und er konnte sie auch nicht mehr verlassen. Dazu hatte er sie in den vergangenen Monaten schon viel zu sehr vermisst.
Er seufzte leise und verließ das Gästezimmer so lautlos, wie er es betreten hatte. Er fand im Wohnzimmer ein Barfach und darin neben verschiedenen Sorten Whiskey auch eine Flasche Wodka. Nick schenkte sich ein Glas ein und setzte sich in einen Sessel. Sam und er hatten beide Altlasten aus der Vergangenheit, doch er fühlte, dass sie die gemeinsam überwinden konnten. Er gehörte hierher. Zu ihr. Das war ihm vollends bewusst geworden, als er das Haus betreten und das Gefühl gehabt hatte, nach Hause zu kommen. Jetzt musste er sich nur noch entscheiden, wie er seine berufliche Zukunft gestalten wollte.
Vielleicht war es auch mal an der Zeit, statt sein Geld auf dem Bau zu verdienen, etwas völlig anderes zu tun. Für Sam in ihrer Detektei zu arbeiten, war keine schlechte Option. Außerdem hatte er nicht das geringste Problem damit, dadurch ihr Angestellter zu sein. Er war 331 Jahre alt und zog sein Selbstbewusstsein definitiv nicht daraus, in einer dominanten Position zu sein. Ja, er würde mit Sam zusammenarbeiten.
Nick setzte sich nach draußen auf die Terrasse, genoss die Nachtluft und den Wodka und fühlte sich zum ersten Mal seit Langem wieder richtig wohl.

Graham erlebte in den nächsten Stunden etwas, das er nie für möglich gehalten hatte. Sam sprang in jedes Hospital der Stadt und heilte der Reihe nach alle Menschen, die von den Ratten infiziert worden waren. Zwar machte sie die nicht auf einen Schlag wieder völlig gesund; das wäre aufgefallen. Doch sie stabilisierte sie, dass es aussah, als würden die Medikamente, die man ihnen verabreichte, endlich ihre Wirkung tun. In zwei bis drei Tagen würden alle wieder vollkommen gesund sein.
Doch dabei beließ sie es nicht. Sie tat dasselbe auch für alle anderen Kranken, bei denen eine Heilung nicht wie ein unerklärliches Wunder wirken musste. Darunter waren etliche krebskranke Kinder und vor allem solche Menschen, deren profane Heilung mehr Geld kosten würde, als ihre Krankenversicherung übernahm, wie Sam auf den an den Klinikbetten gehefteten Krankenblättern las.
Graham wäre versucht gewesen, ihr wieder unerlaubtes Hineinpfuschen in Gottes Plan vorzuwerfen, weil sie teilweise bereits aufgegebene Menschen stabilisierte. Bis er mit ihr ans Bett eines Kranken kam, vor dem der Engel Sariel stand.
»Nein, Sam, diesen nicht«, befahl er. »Ihm ist es bestimmt, heute zu sterben, denn er hat sein Erdendasein erfüllt.«
Die Dämonin überraschte Graham auch darin, dass sie keinen Versuch machte, mit dem Engel zu diskutieren, sondern sich mit einem stummen Nicken dem nächsten Kranken zuwandte. Da Gott offenbar wusste, was Sam hier tat und sie nicht generell daran hinderte, musste es wohl in seinem Sinn sein, dass sie die Kranken heilte. Gott ließ zu, dass eine Dämonin Menschen mit Magie heilte. Graham konnte es kaum fassen.
Ihm blieb auch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Sam begann, Anzeichen von Erschöpfung zu zeigen. Die Heilungen, die sie vornahm, dauerten von Mal zu Mal länger. Außerdem wirkte sie blass und müde. Kein Wunder, denn sie hatte bereits mehrere Hundert Kranke in 32 der über 40 Kliniken in Cleveland und Umgebung geheilt. Und sie schien fest entschlossen zu sein, erst dann aufzuhören, wenn sie auch den Letzten geheilt hatte.
Allerdings hatte auch Sams Kraft und Energie eine Grenze, und so brach sie schließlich übergangslos vor dem Bett eines Kranken bewusstlos zusammen. Zufällig geschah das vor dem Spiegel an der Tür des Kleiderschranks im Zimmer, wodurch Graham erkannte, dass er und Sam jetzt nicht mehr unsichtbar waren.
Er unterdrückte einen Fluch. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Da es höchst unklug wäre, wenn irgendjemand sie beide hier vorfand – schließlich hatten sie hier nichts zu suchen –, zog er sie ins unbesetzte Badezimmer des Krankenzimmers, nahm sein Handy und rief ein Taxi, nachdem er vom Krankenblatt des Patienten abgelesen hatte, in welcher Klinik sie sich überhaupt befanden. Anschließend setzte er Sam in den Rollstuhl, der im Zimmer neben dem Bett stand, dass es aussah, als würde sie schlafen. Er selbst setzte sich einen Hut auf, den er im Schrank des Kranken fand und Sam eine Baseballkappe auf den Kopf, damit keiner von ihnen auf den Bildern der überall in den Gängen angebrachten Überwachungskameras erkannt werden konnte.
Zu seiner Erleichterung erreichten sie unbehelligt den Ausgang, wo bereits das Taxi wartete.
»Geht es Ihrer Frau nicht gut?«, fragte er Fahrer misstrauisch, als Graham Sam auf die Rückbank setzte.
»Sie hat was bekommen, das sie müde macht. Chemotherapie. Deshalb ist das Einzige, was sie jetzt noch will, nach Hause und ins Bett zu kommen«, antwortete der Mönch und fühlte sich reichlich unwohl bei dieser Lüge. »198 Cresthaven Drive.«
Der Mann fuhr los, warf im Rückspiegel aber immer wieder einen Blick auf Sam und Graham. Um ihn nicht misstrauisch zu machen, musste Graham die Dämonin während der Fahrt im Arm halten wie ein guter Ehemann oder Freund. Ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter. In jedem Fall war das entschieden zu viel Nähe für ihn. Er hätte sie am liebsten gegen die Wagentür gelehnt und sich gegen die andere gedrückt mit genug Raum zwischen ihnen, dass er nicht mit ihr in Berührung kommen musste. Zwar war sie im Moment bewusstlos, doch sie konnte jeden Moment erwachen, und er hatte keine Ahnung, wie eine Dämonin reagierte, die aus der Bewusstlosigkeit erwachte.
Obwohl er es sich nicht eingestehen mochte, fürchtete er, dass sie ihn unvermittelt angreifen könnte. Oder noch schlimmer versuchen könnte, ihn zu verführen; denn wahrscheinlich war sie nach der immensen Anstrengung, die all die Heilungen sie gekostet hatten, extrem hungrig. Natürlich wirkte ihre Sukkubus-Magie bei ihm nicht, weil er ein Defensor war, aber sie konnte es immer noch auf ganz profane Weise versuchen. Zwar war Graham überzeugt, dass er dem widerstehen würde, doch allein der Gedanke, dass sie ihn zum Objekt ihrer Begierde machen könnte, war ihm peinlich und verursachte ihm ein Gefühl von Ekel.
Allerdings musste er zugeben, dass sie absolut nichts Dämonisches an sich hatte, wie sie in seinem Arm lag. Sie wirkte wie eine schlafende Menschenfrau. Und ja, sie war keinesfalls unattraktiv. Trotzdem war sie die letzte »Frau« auf der Welt, mit der er je geschlafen hätte, selbst wenn er sich nicht freiwillig zum Zölibat verpflichtet hätte.
Das Taxi hielt vor Sams Haus. Graham bezahlte den Fahrer und gab ihm noch ein großzügiges Trinkgeld, ehe er ausstieg und Sam zum Haus trug. Er hatte die Tür noch nicht erreicht, als Nick sie bereits öffnete und ihm Sam mit einem besorgten Ausruf abnahm.
»Was ist passiert?«, fragte er, während er sie ins Haus trug, auf die Couch bettete und ihre Lebensfunktionen prüfte.
»Sie hat eine verdammte Menge Leute geheilt und sich dabei wohl übernommen. Sie ist ganz plötzlich zusammengebrochen. Ich kann nicht sagen, ob ihr was fehlt, außer dass sie einfach nur ziemlich erschöpft ist.«
Nick versuchte mit sanften Schlägen gegen Sams Wange sie wieder zu Bewusstsein zu bringen, doch sie reagierte nicht darauf. Graham erkannte überrascht, dass der Werwolf sich ernsthaft sorgte. Graham hatte zwar begriffen, dass Nick und die Dämonin einander von mindestens einer früheren Begegnung kannten. Ihrer Begrüßung bei ihrem gestrigen Wiedersehen nach zu urteilen waren sie aber seiner Meinung nach nur daran interessiert, mehr oder weniger hemmungslosen Sex zu haben. Graham hatte geglaubt, dass Nick wieder verschwinden würde, sobald sie beide sich entsprechend ausgetobt hatten. Die Besorgnis, die der Werwolf jetzt zeigte, widersprach dem. Zumindest bewies sie, dass Sam ihm nicht gleichgültig war.
Nachdem alle seine Versuche, die Dämonin aus ihrer Bewusstlosigkeit zu wecken, scheiterten, durchsuchte er Sams Jackentaschen und zog schließlich ihr Handy heraus. Er scrollte sich durch das einprogrammierte Adressverzeichnis, wählte schließlich eine Nummer aus, die mit »Axe« gekennzeichnet war, und drückte die Wahltaste.
»Samala?«, ertönte gleich darauf eine tiefe Stimme.
»Hier ist Nick Roscoe. Ich ... ich suche Sams Blutsgefährten. Sie ist bewusstlos und braucht Hilfe.«
Nicht nur Graham zuckte erschreckt zusammen, als im nächsten Moment ein muskelbepackter Zwei-Meter-Hüne neben der Couch stand. Nick sprang verteidigungsbereit zurück und knurrte den Mann mit gefletschten Zähnen an, der sich davon nicht im Geringsten beeindruckt zeigte.
»Ich bin Axaryn, ihr Blutsgefährte. Was ist passiert?«
»Sie hat Menschen geheilt und ist dann zusammengebrochen«, erklärte Nick, als Graham keine Anstalten machte zu antworten.
Der Mönch starrte den Hünen schockiert an. Der Mann war zweifelsfrei ein Dämon, und ein ziemlich mächtiger dazu, wie er spürte. Gleichzeitig umgab ihn die Aura eines Wächters. Ein Ding der Unmöglichkeit! Als Vesgyn ihm gesagt hatte, dass die Wächter schon lange versuchten, Sam als Wächterin zu rekrutieren, hatte er das nicht glauben können. Ein Dämon konnte schließlich kein Wächter sein und das Licht vertreten. Doch dieser Dämon war ein Wächter, denn niemand konnte deren Aura imitieren oder magisch vortäuschen. Es erschütterte Grahams gesamtes gegenwärtiges Weltbild, dass es einen – nur einen einzigen? – Dämon gab, der gleichzeitig ein Wächter war.
Noch mehr erschütterte ihn, als er sah, wie der Dämon eine Hand über Sams Körper hielt und eine Heilkraft in sie fließen ließ, die der Mönch als ein goldfarbenes schwaches Licht sehen konnte. Noch ein Dämon, der Heilkräfte besaß? Unglaublich! Langsam konnte er sich der Erkenntnis nicht mehr verschließen, dass seine Einstellung tatsächlich falsch sein könnte, dass nur ein toter Dämon auch ein guter Dämon war.
Sam stöhnte leise und schlug die Augen auf. Sie sah Axaryn verwundert an und lächelte, als sie Nick sah. Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie und drückte sie fest. Ihre andere Hand reichte sie Axaryn.
»Ich wusste nicht, was ich tun sollte«, sagte Nick leise. »Deshalb habe ich Hilfe gerufen.« Er deutete auf Axaryn.
Der Dämon grinste sie an. »Du hättest es auch ohne meine Hilfe problemlos überstanden. Aber so ging es natürlich erheblich schneller.«
»Danke, mein Großer. – Axaryn, das ist Nick, mein Seelengefährte. Nick, das ist Axaryn, mein Blutsgefährte. Vertragt euch, Jungs, sonst fahre ich mit euch beiden Schlitten.«
Seelengefährte? Graham glaubte, sich verhört zu haben. Natürlich wusste er wie jeder Defensor und Pugnator Lucis, dass es in ganz seltenen Fällen einmal vorkam, dass die Seelen zweier Menschen sich in einer Weise verbanden, die weit über die normalen menschlichen Bindungen hinausging und sie beinahe so intensiv zusammenschweißte, als besäßen sie nur eine einzige Seele in zwei Körpern. Eine solche Verbindung wurde als heilig erachtet. Dass auch Dämonen und Werwölfe zu einem solchen Bund fähig sein sollten, konnte er einfach nicht glauben. Verdammt, was kam noch alles?
Axaryn reichte Nick die Hand, der sie fest drückte. »Ich denke, dass wir keine Probleme miteinander haben werden.«
»Gleichfalls«, stimmte Nick zu.
Sam schmunzelte. Als Sukkubus spürte sie deutlich die Gefühle ihrer beiden Gefährten. Zwar waren sie tatsächlich entschlossen, um Sams Willen miteinander auszukommen – und hofften, dass sie sich nicht allzu oft über den Weg laufen mussten –, doch bei beiden war augenblicklich eine unterschwellige Rivalität entstanden.
Sie richtete sich auf. »Wie bin ich eigentlich hierher gekommen?«
Nick deutete auf Graham. »Er hat dich hergebracht.«
Sam schenkte dem Mönch ein dankbares Lächeln. »Danke, Graham.«
Der Mönch zuckte mit den Schultern. »Ich konnte dich schließlich nicht mitten in einem Krankenzimmer liegen lassen. Als du zusammengebrochen bist, hat auch der Unsichtbarkeitszauber versagt.«
Sam runzelte besorgt die Stirn. »Wieviele Kranke sind noch in Gefahr?«
Axaryn legte ihr die Hand auf die Schulter. »Für dich gar keine mehr«, entschied er. »Ich kümmere mich um den Rest. Falls es noch einen Rest gibt. Und beim nächsten Mal machst du nicht wieder so einen Alleingang, sondern gibst mir Bescheid, damit ich dich unterstütze. Dann hättest du dich nicht bis zum Zusammenbruch verausgaben müssen.«
Sam schüttelte reumütig den Kopf. »Daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht.« Sie wechselte zu Unadru und fügte hinzu: »Da das Ganze nur meinetwegen passiert ist, wollte ich niemand anderen mit dem ‚Aufräumen’ belasten.«
Axaryn legte seine Pranke sanft gegen ihre Wange. »Samala, ich bin dein Blutsgefährte. Etwas für dich zu tun und dich zu unterstützen ist niemals eine Belastung. Und was die Schuldfrage betrifft, so bist du in keiner Weise dafür verantwortlich, sondern deine Tochter. Und Sata, falls er sie dazu angestiftet haben sollte. Also komm nicht auf den Gedanken, dir irgendwelche Vorwürfe zu machen. Verstanden?«
Sam wandte dankbar lächelnd den Kopf und drückte einen Kuss in Axaryns Handfläche. Der Dämon klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und verschwand. Sie seufzte tief und blickte Graham an. Draußen dämmerte inzwischen der Morgen und die Uhr zeigte fünf Uhr früh.
»Wir spannen morgen – eh, heute einen Tag aus. Ich habe keine dringenden Fälle, die erledigt werden müssten, und ein bisschen Ruhe tut uns beiden ganz gut. Gute Nacht, Graham.«
Der Mönch verstand der Rauswurf und verließ ihr Haus. Wieder hatte er es problemlos betreten können, weil er in dem Moment in seinem Herzen nicht den Wunsch verspürt hatte, Sam zu töten oder ihr etwas anderes anzutun. Wandelte sich etwa seine grundlegende Einstellung zu ihr? Dass er sie verletzlich und hilflos erlebt hatte, gab ihm ebenso zu denken wie die Tatsache, dass sie sich bis zur Erschöpfung verausgabt hatte, um die Menschen zu retten. Ohne Rücksicht auf sich selbst.
Er kannte Dämonen und ihre Eigenheiten; zumindest bis zu einem gewissen Grad. Selbst wenn Sam die Rettungsaktion nur gestartet hätte, um ihn, Graham, von ihrem Gutsein zu überzeugen, so hätte sie aufgehört, sobald sie gemerkt hätte, dass die magischen Heilungen an ihre Substanz gingen. Wenn sie denn tatsächlich so wäre, wie er sie bisher sah. Doch sie hatte immer weitergemacht, bis sie buchstäblich zusammengebrochen war. Das passte nicht zu dem Bild, das er von ihr immer noch hatte. Dämonen waren selbstsüchtig und definitiv nicht altruistisch. Und doch hatte Sam absolut selbstlos bis zur Erschöpfung gehandelt und war ihr dämonischer Blutsgefährte ein Wächter.
Er seufzte tief und vertagte weitere Überlegungen in diese Richtung auf später. Auch er war müde und erschöpft und wollte nur noch schlafen. Deshalb nahm er sich nicht mal mehr die Zeit zum Zähneputzen, sondern legte sich gleich ins Bett, wo er augenblicklich einschlief.

Sam blickte Nick lächelnd an, der immer noch ihre Hand hielt. »Ich habe einen Mordshunger«, gestand sie. »Aber ich will dich nicht damit belästigen.« Sie stand auf.
Nick hielt sie fest. »Das ist in Ordnung, Sam. Ich fühle mich davon in keiner Weise ‚belästigt’.« Er zog sie an sich. »Ich wollte nur beim ersten Mal nach meiner Rückkehr sicher sein, dass du mich grundsätzlich willst und um meiner selbst willen bei dir haben willst und nicht als bequem erreichbare Futterquelle. Das weiß ich jetzt. Deshalb habe ich keine Probleme damit, dich zu ‚füttern’ wenn du hungrig bist. Ganz davon abgesehen«, er küsste ihre Halsbeuge, »dass ich zufällig auch schon wieder hungrig bin – nach dir.«
Sam lachte leise und verschwand mit ihm in ihr Schlafzimmer. Und die Sonne ging bereits auf, als sie lange Zeit später endlich zum Schlafen kamen.

Sarah Kerry wurde vier Tage später beerdigt. John Whispering Wind hatte vorher zwei intensive Seelenheilungszeremonien mit Ronan und den beiden Kindern durchgeführt und sie soweit stabilisiert, dass Ronan nicht mehr an Selbstmord dachte und Abby nicht mehr in Panik geriet, wenn er oder Sam sich aus ihrer Nähe entfernten. Außerdem hatte Dr. Bryce Connlin seinen Aufenthalt in Cleveland über die geplante Woche hinaus verlängert und leistete intensive therapeutische Arbeit in Sams Haus, wo die halb verwaisten Kerrys immer noch wohnten.
Dort fand auch die Zusammenkunft der trauernden Hinterbliebenen statt, die aus Sarahs Verwandten bestanden, da Ronan keine lebenden Angehörigen mehr hatte außer den beiden Kindern. Von seiner Seite aus waren nur ein paar seiner Kollegen gekommen und natürlich Kevin Bennett. Sam, Nick und auch Kevin taten ihr Möglichstes, um Ronan und die Kinder von den Besuchern abzuschirmen. Über Abby und Siobhan wachte Sally Warden mit unerbittlicher Strenge und ließ keine von Sarahs weiblichen Verwandten an sie heran, die meinten, sich jetzt unbedingt um die beiden kümmern zu müssen.
Ronan hatte auf unbestimmte Zeit Urlaub vom Dienst genommen und hatte gegenwärtig keine Ahnung, wie es für ihn ohne Sarah weitergehen konnte.
In einem unbeobachteten Augenblick bat er Sam in sein Zimmer und reichte ihr dort einen Umschlag. »Das ist eine juristisch wasserdichte Vollmacht«, erklärte er ihr, »die dir das alleinige Sorgerecht für die Kinder überträgt, falls mir was zustoßen sollte.«
»Ron, ich ...«
»Sag nichts, Sam! Du hast es mir versprochen, dass du dich um die Mädchen kümmerst, falls ...« Er unterdrückte die Tränen, die jetzt in ihm aufstiegen. »Sarahs Tod hat mir bewusst gemacht, wie schnell so etwas passieren kann. Und er hat mich an etwas erinnert, das ich fast vergessen hatte.«
»Etwas, das dich in Gefahr bringt? Sag mir, was es ist, und ich beseitige sie«, versprach Sam.
Ronan schüttelte den Kopf. »Das kannst du nicht, Sam. Aber sollte das Schlimmste passieren, dann weiß ich wenigstens die Kinder bei dir – und Nick – in den besten Händen. Abby hängt so sehr an dir, dass sie sofort mit Freuden bei dir bliebe, wenn sie die Wahl hätte; ohne allzu großes Bedauern, Siobhan und mich dann verlassen zu müssen. Ich habe gesehen, wie ihr mit den Kindern umgeht. Ihr wärt wundervolle Eltern. Und du willst die Mädchen doch nicht wirklich in die Hände von Sarahs Verwandten fallen lassen – oder?«
Sam schüttelte vehement den Kopf. Nachdem sie erlebt hatte, wie ungeschickt, wenn auch wohlmeinend diese die Kinder belästigten und im Hinblick auf Abbys und Siobhans besondere Fähigkeiten, würde das in einer Katastrophe für die Mädchen enden. »Mein Wort drauf, Ron, wir kümmern uns um sie.«
»Danke, Sam. Können wir noch eine Weile bei dir bleiben? Ich ertrage es einfach noch nicht, nach Hause zu gehen, wo ...«
»Solange ihr wollt«, bekräftigte Sam, nahm ihn in die Arme und ließ ihn sich ausweinen. Ronan würde sehr lange brauchen, bis er sich wieder gefangen hatte und noch länger, um Sarahs Tod zu überwinden. Und Sam konnte bedauerlicherweise nicht viel tun, um sein Leid zu lindern.

Drei Monate später

Sam blickte zum Fenster ihres Büros hinaus auf den Ahornbaum davor. Sein Laub war bereits rot und schon teilweise verwelkt. Jetzt, Ende September, würde es nicht mehr lange dauern, bis es abfiel. Ronan war mit den Kindern vor vier Wochen wieder in sein Haus zurückgekehrt und versuchte, sein Leben ohne Sarah auf die Reihe zu bekommen. Abby rief wieder wie vor einem Jahr jeden Tag bei Sam an, um sich zu vergewissern, dass sie noch da und am Leben war.
Sam musste zugeben, dass sie die Kinder tatsächlich vermisste, die ihr ans Herz gewachsen waren. Ebenso vermisste sie Nick. Er war bis vor ein paar Tagen ununterbrochen bei ihr geblieben und war ein fester Teil ihres Lebens geworden. Er hatte sich wunderbar mit allem arrangiert, arbeitete engagiert in der Detektei und war auch auf diesem Gebiet ein Gewinn. Doch der Wolf in ihm war zu lange in der Stadt geblieben und es war an der Zeit, dass er ihm wieder Raum gab. Nachdem er Kevin Bennetts Erlaubnis eingeholt hatte, sich im Territorium von dessen Rudel aufhalten und jagen zu dürfen, war er in die Wälder des Cuyahoga Valley National Parks verschwunden. Sam wusste, dass es Wochen dauern würde, bis er zurückkehrte.
Sie sah auf, als sie eine Präsenz kommen fühlte, die sie hier nicht erwartet hatte. Sekunden später betrat Danaya ihr Büro wie ein Mensch durch die Tür. Nicht nur Graham, der an seinem Schreibtisch saß und wieder mal Routinearbeiten erledigte, starrte sie verblüfft an. Aufgrund ihrer frappierenden Ähnlichkeit mit Sam wusste er sofort, wer sie war.
»Hallo Mutter!« Danaya schenkte Sam ein gewinnendes Lächeln, die sich keinen Augenblick davon täuschen ließ.
»Hallo Dana.« Sam sprach sie mit ihrem menschlichen Namen an, denn Graham musste nicht unbedingt ihren wahren Namen erfahren, der ihm eine gewisse, wenn auch nur sehr geringe Macht über die junge Dämonin gegeben hätte. »Welchem Umstand verdanke ich deinen unerwarteten Besuch?« Sam hatte Danaya seit dem Tag von Sarahs Tod nicht mehr gesehen.
»Kein Besuch, Mutter. Ich habe mich entschieden, bei dir zu leben. Ich bin es leid, von meinem Vater dazu benutzt zu werden, dich zu manipulieren. Ich mache das nicht mehr mit. Und du kannst dir natürlich denken, wie er reagieren – was er mit mir tun wird, wenn er bemerkt, dass ich nicht mehr auf seiner Seite stehe.«
Graham schnaufte verächtlich, verkniff sich aber jeden Kommentar.
»Ich muss mich Grahams wenn auch etwas rüde geäußerten Ansicht anschließen, Dana. Das kommt derart überraschend und widerspricht deinem bisherigen Verhalten so radikal, dass ich dir das nicht glauben kann. Vielmehr glaube ich, dass das wieder eine deiner Intrigen ist, um mich auf die Seite deines Vaters zu ziehen.«
»Nein, Mutter! Das ist die Wahrheit!«, verteidigte sich Danaya. »Wirklich!«
Sam blickte ihre Tochter kalt an. »Die Menschen haben ein Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht. Zwar wollen wir das mit dem ‚einmal’ nicht so wörtlich nehmen, aber du, Dana, hast mir bisher mehr als einmal gezeigt, dass ich dir nicht trauen kann. Und darum schwöre mir bei Thorluks Schädel und Kallas Blut, dass dein Wunsch, bei mir zu leben, nicht dem Zweck dient, mich auf die Seite der Finsternis zu bringen.«
Danaya zögerte. Zwar wollte sie tatsächlich nur bei ihrer Mutter leben, um von Luzifer wegzukommen und in Sicherheit zu sein. Nachdem er ihr gedroht hatte, was ihr blühte, wenn sie Sam nicht endlich auf die Seite der Finsternis brachte, sah sie ihre besten Chancen nur noch darin, sich mit ihrer Mutter gegen ihn zu verbünden. Andererseits konnte sie nicht hundertprozentig ausschließen, dass Luzifer nicht gerade das geplant hatte und sie bewusst in die Arme ihrer Mutter zu treiben versuchte, um seinen Vorteil daraus zu ziehen.
Die junge Dämonin kannte die Wirkung eines Meineids oder Wortbruchs eines in Thorluks und Kallas Namen geschworenen Eides. Zwar nicht aus eigener Erfahrung, doch jeder Dämon wusste als eine Art angeborener Information, dass das grauenhafte Folgen hatte, verglichen mit welchen selbst Luzifers fürchterlichster Zorn und alle Qualen der Hölle wie grobe Zärtlichkeiten wirkten. Selbst wenn es nicht in Danayas Absicht lag, ihre Mutter zu hintergehen – falls am Ende doch so etwas dabei herauskäme, so wäre Danaya diejenige, die die entsetzlichen Folgen des dadurch gebrochenen Eides würde tragen müssen.
Ihre Mutter wertete ihr Schweigen als Bestätigung ihres Verdachts. »Das habe ich mir doch gedacht. Verschwinde, Dana. Ich liebe dich, und hätte dich gern bei mir – wenn du denn meinetwegen zu mir kämst und nicht im Auftrag deines Vaters, um mich zu manipulieren.«
»Aber ...«
»Kein Wort mehr!«, unterbrach Sam sie schroff. »Geh!«
Danaya wusste, dass es keinen Zweck hätte, noch weiter zu versuchen, Sam von ihrer Aufrichtigkeit zu überzeugen. Sie würde ihr kein Wort glauben. Woran Danaya selbst schuld war, wie sie ehrlicherweise zugeben musste. Sie hatte ihre Mutter mehr als einmal belogen und hintergangen und sie sogar in die Falle gelockt, die sie schließlich zur Königin der Unterwelt gemacht hatte. Es war kein Wunder, dass Samala ihrer Tochter nicht mehr vertraute. Ihr vielleicht nie wieder vertrauen würde. Danaya warf ihrer Mutter einen leidvollen Blick zu und verließ mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern die Detektei.
Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Wenn ihr Vater mitbekam, dass sie ihn hatte hintergehen und sich auf die Seite ihrer Mutter schlagen wollen ... Die Folgen davon wären sicher nicht annähernd so gravierend wie die eines gebrochenen Eides, aber in jedem Fall schlimm genug, dass Danaya sie um keinen Preis riskieren wollte. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit Luzifer gut zu stellen, diese Eskapade als einen weiteren Versuch zu deklarieren, Samala auf die Seite der Finsternis zu locken und zu hoffen, dass ihr noch irgendetwas einfiel, um ihr Dilemma zu lösen, ohne selbst dafür in irgendeiner Form leiden zu müssen.
Sie kehrte in die Unterwelt zurück – das einzige Zuhause, das ihr blieb.
Sowohl Sam wie auch Graham blickten Danaya nach, als sie ging. Schließlich winkte Sam den Mönch zu sich in ihr Büro. »Du kennst dich doch aus mit dem Retten von Seelen. Du hast nicht zufällig eine Ahnung, wie ich ihre Seele retten kann?«
Graham blickte sie verwundert an, ehe sein Gesichtsausdruck sich zu Misstrauen wandelte. Wollte Sam ihn mit dieser Frage mal wieder verhöhnen? Doch sie blieb unvermindert ernst.
»Immer vorausgesetzt, dass diese Höll ...« Er unterbrach sich und räusperte sich. »Dass sie überhaupt eine Seele hat.«
»Die hat sie, mein Wort darauf. Das ist eins der positiven Dinge, die sie von mir geerbt hat. Oder möglicherweise das einzig Positive. Aber sie hat definitiv eine Seele.«
»Nun«, antwortete Graham zögernd, »gemeinhin ist ein gottgefälliges Leben mit guten Taten der sicherste Weg, um vom Bösen erlöst zu werden.«
»So eins, wie du es führst?«, spottete Sam. »Indem du die Grundsätze deines eigenen Ordens missachtest, unschuldige Wesen verfolgst und vernichtest, deren einziges Verbrechen es ist, der Unterwelt zu entstammen und vor lauter Vorurteilen und eingebildeter Rechtschaffenheit ein Unrecht nach dem nächsten begehst? Ich frage mich, wo in Anbetracht dieser Tatsachen deine Seele eines Tages mal landen wird. In dem Reich des Lichts, in das du eingehen willst, wohl eher nicht.«
Graham hatte schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, schluckte sie aber hinunter, denn Sam hatte leider recht, so ungern er das auch zugeben mochte. Schließlich hatte Gott ihn wegen eben dieser Verfehlungen dazu verurteilt, ihr ein ganzes Jahr lang dienen zu müssen.
»Sorry, Graham, ich wollte dich nicht verspotten«, sagte Sam, bevor er sich eine Antwort überlegt hatte. »Dana ist nun mal meine Tochter, und ich mache mir Sorgen um sie.«
Dem Mönch blieb vor Überraschung der Mund offen stehen, weil sie sich bei ihm entschuldigt hatte. Das machte sie ihm zwar noch lange nicht sympathisch, aber es bewies eine Größe, die er ihr nicht zugetraut hatte.
»Entschuldigung angenommen. Und«, er räusperte sich verlegen, »du hast vollkommen recht mit dem, was du mir vorgeworfen hast. Gegenwärtig bin ich wohl der schlechteste Ratgeber, wenn es darum geht, ein gottgefälliges Leben zu führen.«
»Hast du trotzdem einen Rat für mich?«
Graham dachte eine Weile darüber nach. »Ich fürchte nein«, gestand er schließlich. »Da du ihr offensichtlich nicht trauen kannst und sie nach allem, was sie getan hat, wohl kaum ernsthaft gewillt ist, sich in, eh, guten Taten zu üben, wüsste ich nicht, was du tun könntest.«
So blieb Sam wohl tatsächlich nichts anderes übrig, als die »Rettung« ihrer Tochter auf einen Zeitpunkt nach der Großen Entscheidung zu vertagen, wenn Luzifer kein Interesse mehr an ihr hatte und sie fallen lassen würde.
Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Gedanken.
»Sam Tyler, Privatermittlungen«, meldete sie sich.
»Jack Morrison. Ich bin Antiquitätenhändler. Mir ist ein wertvolles Manuskript gestohlen worden. Ich zahle Ihnen zwanzigtausend Dollar, wenn Sie es mir wiederbeschaffen ...«

Ende

Fussnoten:

1 Gälisch: »Verdammt!«
2 siehe Sukkubus 11 »Im Bann des Voodoo-Priesters«
3 Gälisch = meine Liebste
4 russ. = verdammt noch mal!
5 russ. = Mein Gott!
6 Lakota = Freund

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Im nächsten Roman:
Jack Morrison hat keine Ahnung, dass das Manuskript, das ihm gestohlen wurde, Teil einer Sammlung von 13 geheimen Schriften ist. Diese Schriften sind Teile der »Satansbibel«, die, wenn sie zusammengefügt wird, einen Zauber offenbart, der dem, der ihn anwendet, nicht nur unglaublichen Reichtum verspricht, sondern auch weltliche Macht. Zum Glück befinden sich die restlichen zwölf Teile wohl verwahrt im dreifach gesicherten Tresor der Wächter in Denver.
Doch niemand hat damit gerechnet, dass ein Wächter zum Verräter werden könnte und »Die Satansbibel« direkt den Dienern des Schwarzen Feuers in die Hände spielt ...

»Die Satansbibel « erscheint am 05. März 2011exklusiv im »Geisterspiegel«.

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Ratten

In der Mythologie werden Ratten unterschiedlich gesehen und werden ihnen die verschiedensten Eigenschaften zugeschrieben, abhängig davon, in welcher Kultur der jeweilige Mythos angesiedelt ist. So gelten sie in Asien, besonders China und auch Sibirien, als Glückssymbol. Gibt es im Haus keine Ratten, wird das als böses Omen angesehen, das Unglück prophezeit. In Japan sind sie die Begleiter von Daikoku, des Gottes des Reichtums. Der indische Gott der Weisheit, der elefantenköpfige Ganesha, reitet sogar auf einer Ratte.
Dagegen gelten Ratten in Europa meistens als Personifikationen von Hexen und Dämonen. Hexen sollen sie oft als Familiarien halten, und auch Kobolden sagt man nach, dass sie sich in Rattengestalt zeigen. Angeblich hält man Ratten vom Haus fern, wenn man eine lebendige Ratte im Feuer verbrennt vor den Augen ihrer Artgenossen. Der Legende nach konnte übrigens die Flöte des berühmten Rattenfängers von Hameln nur deshalb funktionieren, weil sie aus einem Rückgratknochen des Rattenkönigs gefertigt worden war. Eine mit Rattenfell bespannte Trommel hätte angeblich den Trick auch getan.

Quellen: Handbuch des deutschen Aberglaubens, Herders Lexikon der Symbole

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