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Band 12 - Geisterrache

Der Bagger setzte ungefähr dreißig Yards zurück und hielt schließlich an. Sein Fahrer Sully Hartfield starrte den verdorrten alten Baum grimmig an, der den Bauarbeiten im Weg stand – eine alte Eiche mit einem Stammdurchmesser von geschlagenen dreieinhalb Yards und einer Höhe von fast zwanzig Yards. Seine fünf Hauptäste reckten sich dem Himmel entgegen wie die überdimensionalen Finger einer Hand, die dem Bagger zugewandt waren, als wollten sie ihn abwehren. Oder ihn warnen, von seinem Vernichtungswerk abzulassen.
»Keine Chance!«, knurrte Sully Hartfield. »Dich mach ich platt, egal wie groß du bist.«
Schließlich war es nur ein vertrockneter alter Baum, auch wenn der bisher allen Versuchen, ihn mit Äxten und Kettensägen zu fällen, hartnäckig widerstanden hatte. Die Äxte waren ausnahmslos nach ein paar Schlägen gegen die überraschend harte Rinde zerbrochen, und auch zwei Kettensägen hatten dran glauben müssen und alle »Zähne« verloren, als bestünde die Rinde aus härtestem Stahl. Man munkelte schon, dass der Baum verflucht sei. Einige abergläubische Hasenfüße unter den Bauarbeitern, die hier bei Doylestown, etwa 35 Meilen südlich von Cleveland, eine neue Zufahrt zum Portage Lakes State Park bauen sollten, hatten es deswegen bereits vorgezogen, unter irgendeinem harmlosen Vorwand anderswo zu arbeiten, solange der Baum noch stand.
Nun, er würde nicht mehr lange stehen.
Sully Hartfield atmete tief durch und legte den Vorwärtsgang ein. Seine Kameraden, die das zu erwartende Schauspiel genießen wollten, standen Spalier und feuerten ihn an. Sully drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch, und der Bagger machte einen regelrechten Satz vorwärts, erstaunlich für ein so schweres Gerät. Seine Ketten pflügten den Boden, während er schneller wurde. Sully senkte mit einem Knopfdruck die große Schaufel, um mit ihr den Baum frontal zu rammen. Er war überzeugt, dass der Baum dieser geballten Kraft nicht standhalten konnte.
Das Johlen seiner Kameraden steigerte sich, als der Bagger sein Ziel erreichte. Das stählerne Schaufelblatt prallte mit einem dumpfen Krachen gegen den Stamm. Die Eiche erzitterte und gab einen Laut von sich, der an das Stöhnen eines verwundeten Menschen erinnerte. Jeder Zuschauer sah im Geist den Baum bereits kippen. Doch der hielt zum Entsetzen aller stand. Was man von dem Bagger nicht sagen konnte.
Die Wucht des Aufpralls verbog die Schaufelstange mit einem kreischenden Geräusch, das den Männern die Haare zu Berge stehen ließ. Der Bagger selbst wurde für einen Moment hinten regelrecht ein Stück in die Luft gehoben, ehe er zurück auf den Boden prallte und das Erdreich erzittern ließ. Sully Hartfield wurde mit derartiger Kraft nach vorn durch die Scheibe geschleudert, dass er gegen den Baum flog, von ihm zurückprallte und in die verbogene Schaufel fiel. Die zerborstene Scheibe hatte ihm erhebliche Schnittwunden zugefügt, aus denen sein Blut in die Schaufel floss. Wo er mit dem Baum kollidiert war, klebte Blut an der Rinde, das langsam am Stamm hinab floss und im Erdreich versickerte.
Die Bauarbeiter erholten sich nach einer Schrecksekunde von ihrer Schockstarre und eilten ihrem Kameraden zu Hilfe. Allerdings ergab schon der erste Versuch, seinen Puls zu messen, dass Sully Hartfield tot war. Die Kollision mit dem Baum hatte ihm nicht nur die Rippen, sondern auch andere Knochen gebrochen. Doch selbst das hätte nicht zwangsläufig zu seinem Tod geführt. Daran war das handlange, beinharte Aststück schuld, das sich in sein Herz gebohrt hatte.
Während einer der Arbeiter nach einem Krankenwagen telefonierte, ein anderer den Boss benachrichtigte, ein dritter den immer noch laufenden Motor des Baggers ausschaltete und alle anderen nicht fassen konnten, was vor ihren Augen passiert war, bemerkte niemand, dass der Baum Sullys Blut in sich aufsog wie ein Schwamm. Die Rinde begann, ihre Farbe subtil zu verändern, als würde der vertrocknete tote Baum wieder zum Leben erwachen ...

Siedlung Freetown, Sommersonnenwende 1802
Die 38 Männer, Frauen und wenigen Kinder, die von einer Horde finster blickender Vigilanten umzingelt waren, zeigten keine Furcht. Natürlich war ihnen klar, dass die Männer nichts Gutes im Sinn hatten. Andernfalls wären sie kaum bewaffnet und mit brennenden Fackeln gekommen, obwohl es heller Tag war und Mittsommer dazu.
»Jacob Fallon«, wandte sich der Sprecher der Siedlung an den Anführer der Bewaffneten. »Ihr kommt zu uns mit Feuer und Waffen. Was hat das zu bedeuten?«
»Das bedeutet, Abel Carter, dass du und deine Leute von hier verschwinden. Wir wollen euch nicht in der Nähe unserer gottesfürchtigen Siedlung.«
»35 Meilen Entfernung kann man wohl kaum als Nähe bezeichnen, Jacob Fallon«, erinnerte Carter ihn. »Unser Kontrakt mit General Cleaveland garantiert uns, dass wir hier in Frieden siedeln und leben können. Wir werden eurer Siedlung nicht nahe kommen, erwarten dasselbe aber auch von euch für unsere Siedlung.« Abel Carter machte eine einladende Handbewegung. »Doch wenn ihr gekommen seid, um unser Mittsommerfest mit uns zu feiern, so seid ihr uns willkommen.«
Er wusste natürlich ganz genau, dass das das Letzte war, was Fallon und seine Spießgesellen im Sinn hatten. Der spuckte Carter jetzt vor die Füße.
»Eher hacke ich mir eine Hand ab, als dass ich mich durch eine Teilnahme an euren heidnischen Riten beflecke. Habt ihr vergessen, was es bedeutet, Christen zu sein?«
Abel Carter seufzte. Er und die Seinen hatten gehofft, dass diese leidige Diskussion beendet wäre, sobald er und seine Anhänger sich in Freetown niedergelassen hätten. General Moses Cleaveland hatte ihnen eben das zugesichert. Ein Jahr lang war alles gut gegangen, indem Carters Leute ihr kleines Dorf gebaut hatten, das ohnehin nur aus neun Hütten und dem Versammlungshaus bestand. Sie waren ursprünglich mit der Siedlergruppe ins Land gekommen, die sich in der von General Moses Cleaveland gegründeten und nach ihm benannten Siedlung an der Mündung des Flusses niederlassen wollten, den die Indianer Cuyahoga nannten: »krummer Fluss«.
Während Cleaveland und seine Leute unter anderem Wert auf ein gottesfürchtiges Leben legten, hatten Abel Carter und die Seinen in der Neuen Welt, genauer gesagt bei den Irokesen, die eine Tagesreise entfernt lebten, eine Freiheit und auch ein Glaubenssystem gefunden, von dem sie nie geträumt hatten. Der größte Teil seiner Männer war wie auch er selbst mit einer Irokesin verheiratet. Natürlich wollte man sie deshalb in Cleaveland nicht haben und waren sie gezwungen, sich etwas Eigenes aufzubauen. Carter und seine Leute hatten damit kein Problem. Fallon und seine Spießgesellen schon.
Allerdings wussten die Siedler von Freetown, dass es Fallon gar nicht um irgendwelche Glaubensfragen oder Lebensweisen ging. Carter und seine Leuten verfügten über ein erkleckliches Vermögen, das sie aus der Alten Welt mitgebracht hatten. Cleaveland konnte dieses Vermögen gut gebrauchen. So gesehen war es ein Ärgernis, dass ausgerechnet die Reichsten unter den Neusiedlern sich abgespalten und ihre eigene Siedlung gegründet hatten.
Jacob Fallon war ein Glücksritter, der gehofft hatte, es hier in der Neuen Welt zu Wohlstand zu bringen. Er hatte nicht bedacht, dass der Erfolg eines Mannes hier nicht von seiner Herkunft, sondern ausschließlich von ihm selbst und seinen Leistungen abhing. Aus diesem Grund war Fallon hier fast so mittellos wie er es in der Alten Welt gewesen war und von Neid auf Abel Carter und seine Leute regelrecht zerfressen.
»Jacob Fallon, wenn du und deine Leute nicht mit uns feiern wollt, dann verlasst uns. In Frieden, aber ihr werdet gehen. Auf der Stelle.«
Fallon warf Carter einen verschlagenen Blick zu. »Gut, wir gehen«, stimmte er zu und richtete die Mündung seines Gewehres auf Carters indianische Frau. »Doch ihr geht zuerst. Packt eure Sachen und verschwindet. Aber euer Gold lasst ihr hier.«
Wütendes Murren antwortete ihm, und die Vigilanten hoben ihre Waffen. Abel trat schützend vor seine Frau. Zwar war Starwoman durchaus in der Lage, sich gegen einen und sogar mehrere Angreifer zu verteidigen, aber gegen eine auf sie abgefeuerte Kugel vermochte auch sie nichts zu tun.
»Ich wusste, dass du nichts taugst, Jacob Fallon. Aber«, Abel Carter richtete seinen Blick auf den Mann neben Fallon, »dass du da mitmachst, Saul Hartfield – du, mein eigener Vetter – das hätte ich nicht gedacht.«
Saul Hartfield errötete und rutschte unbehaglich im Sattel hin und her. »Gib uns einfach das Gold, Abel«, verlangte er scharf. »Ihr braucht es doch hier draußen nicht.«
Abel Carter maß seinen Vetter und die Vigilanten mit einem Ausdruck tiefster Verachtung. »Niemals!«, sagte er fest.
Es war sein letztes Wort. Jacob Fallon erschoss ihn ohne mit der Wimper zu zucken. Was er ohnehin von Anfang an vorgehabt hatte. Schließlich konnte er keine Überlebenden aus Freetown gebrauchen, die ihn am Ende in Cleaveland des Diebstahls bezichtigten. Seine Leute nahmen den Schuss als Signal und eröffneten ebenfalls das Feuer auf die anderen Siedler. Wer zu fliehen versuchte, kam nicht weit. Innerhalb weniger Minuten war das Massaker vorüber und alle 38 Siedler tot. Einschließlich der Kinder.
Fallon und seine Spießgesellen rannten von Gier getrieben in die Hütten der Toten und durchsuchten sie bis in den letzten Winkel, rissen alle Gegenständen aus den sorgfältig gezimmerten Regalen und den Truhen auf der Suche nach dem Gold der Siedler. Vergeblich. Sie fanden ein paar Münzen und etwas Schmuck, aber nicht den Reichtum, den sie erwartet hatten und von dem sie wussten, dass Carter und seine Leute ihn besaßen. Offenbar hatten die Freetowner damit gerechnet, dass Fallon oder jemand anderes kommen und nach dem Gold suchen würde und es so gut versteckt, dass es nicht mehr zu finden war. Auch Saul Hartfield konnte ihnen nicht helfen, der jetzt Fallons ganzen Zorn und den seiner Kameraden abbekam, weil er keine Ahnung hatte, wo sein Vetter das Gold versteckt haben könnte.
Fallon und seine Vigilanten brannten das Dorf nieder und vernichteten auch die Maisfelder, die rund um das Dorf liebevoll angelegt worden waren. Sie waren derart gefangen in ihrem Vernichtungsrausch, dass sie nicht bemerkten, was sich auf dem Dorfplatz unter der alten Eiche abspielte, wo die meisten Toten lagen.
Abel Carters Frau Starwoman war zwar schwer verletzt, aber nicht tot. In ihr war noch genug Kraft und vor allem Zorn, um zu tun, was nötig war, um die Mörder ihres Mannes und der restlichen Freetowner zu bestrafen. Und zwar auf eine Weise, die die sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen vorstellen konnten. Denn Starwoman war nicht nur Kriegerin, sondern auch Schamanin.
Sie sammelte die letzte Energie, die ihr Körper und ihr Geist noch zu mobilisieren vermochte, und wob die erforderliche Magie. Die Körper der Toten begannen, sich in leuchtende Nebelgestalten aufzulösen, die entfernt menschlichen Gestalten glichen. Sie stürzten sich auf die Vigilanten, die ihnen schreiend auszuweichen versuchten und mit ihren Fackeln nach ihnen schlugen. Wer eine Waffe hatte, feuerte sie auf die Nebelgestalten – die Geister – ab, nur um festzustellen, dass Kugeln nichts gegen sie auszurichten vermochten.
Die wenigen Fackelträger schafften es immerhin, sich der wütend angreifenden Wesenheiten teilweise zu erwehren, da sie offensichtlich das Feuer fürchteten. Die anderen hatten weniger Glück. Was immer diese Schemen taten, es tötete die Männer, die sie berührten. Jacob Fallon schlug mit einer Fackel, die ein anderer – inzwischen toter Mann – verloren hatten, wie wild um sich.
Ohne sich dessen bewusst zu sein, flehte er Gott um Hilfe an, als er sah, wie seine Kameraden um ihn herum schreiend zu Boden fielen, von den Schemen eingehüllt wurden und vor seinen Augen von unsichtbaren Händen bei lebendigem Leib enthäutet wurden, ehe sie wie Obst in der Sonne in wenigen Augenblicken verdorrten. Ihr Blut tränkte den Boden. Und mit jedem Toten schien die Macht der Schemen stärker zu werden.
Eines der Nebelwesen, das gerade Fallons Bruder getötet hatte, wandte sich jetzt ihm zu und flog ihn regelrecht an. Fallon brüllte vor Angst und stieß dem Wesen die Fackel entgegen. Doch der Nebel wich dem Feuer geschickt aus. Fallon erkannte darin das höhnisch grinsende Gesicht von Abel Carter und wusste, dass er sterben würde. Ihm wurde nicht bewusst, dass er wie ein Kind wimmerte. Er hörte auch nicht die Hufe eines herangaloppierenden Pferdes. Er schlug nach dem Nebelfetzen und verfehlte Abel Carters Geist, der sich jetzt wie eine Schlange vor ihm aufrichtete, um vernichtend zuzuschlagen.
Eine Gestalt in einem dunkelblauen Gewand sprang zwischen ihn und den wütenden Geist. Fallon erkannte undeutlich, dass der Mann ein silbernes Kreuz in der Hand hielt und es dem Geist entgegenstreckte, während er mit donnernder Stimme lateinische Worte schrie. Zumindest glaubte Fallon, dass es Latein war. Ein Lichtstrahl löste sich aus der Mitte des Kreuzes und traf den Schemen, der zurückgeschleudert wurde und einen kreischenden Laut von sich gab, der nicht nur Fallon, sondern auch allen anderen Überlebenden durch Mark und Bein fuhr.
Was immer der Neuankömmling da eigentlich tat, es trieb den Geist in die Flucht. Und nicht nur diesen. Der Blaugewandete richtete das Kreuz auf jeden einzelnen Schemen und brüllte unablässig seine Gebete. Vielleicht waren es sogar Zauber. Fallon wollte das lieber nicht so genau wissen, und es war auch völlig unwichtig. Er wollte nur am Leben bleiben, und der Mann mit dem Kreuz hatte seine Chancen dafür gerade erheblich verbessert.
Der letzte Schemen zog sich in die alte Eiche zurück, deren Rinde unnatürlich rot von dem Blut wurde, das sie durch ihre Wurzeln aufgenommen und in sich eingesogen hatte. Der Baum wurde förmlich geschüttelt von widerstreitenden Kräften, die sich gegenseitig aufzuheben versuchten. Er glühte regelrecht in einem bösartig wirkenden Licht, und seine knorrigen Äste wanden sich wie Weidenzweige. Sogar der Stamm bog und drehte sich wie ein lebendiges Wesen.
Der Blaugewandete brüllte weiterhin Beschwörungen. Schlagartig verlor der Baum alle Blätter. Er bog sich noch ein paar Mal schwerfällig hin und her, ehe er in einer verdrehten Form erstarrte, die an ein verhutzeltes Riesenweib erinnerte. Das Kreischen verstummte, und eine unnatürliche Ruhe legte sich über die schwelenden Überreste des Dorfes.
Jacob Fallon blinzelte ein paar Mal, um die Tränen zu vertreiben, die ihm aus den Augen liefen – natürlich nur vom Rauch der brennenden Hütten und Felder. Er erkannte jetzt in dem Blaugewandeten Bruder Peter, den Mönch vom Orden der Pugnatores Lucis, der »Streiter des Lichts«, der sich vor ein paar Wochen bei Pastor Dillinger einquartiert hatte. Hätte Dillinger nicht so große Stücke auf den Mönch gehalten, die Cleavelander hätten ihn längst wieder auf den Weg geschickt.
Bruder Peter entsprach so gar nicht den herkömmlichen Vorstellungen von einem Mönch. Er trug Waffen und verstand auch noch ausgezeichnet mit ihnen umzugehen. Außerdem betrieb er jeden Morgen hinter dem Haus des Pastors eine Form von Körperertüchtigung, die den Bewegungen von Boxkämpfern nicht unähnlich war. Doch sein Glaube an Gott war vorbildlich, und so duldete man ihn in Cleaveland. Dennoch zählte man die Tage bis zu seiner Abreise, da die Jungen und jungen Männer der Siedlung bereits begonnen hatten, ihm nachzueifern und sich von ihm in seiner seltsamen Körperertüchtigung unterweisen zu lassen.
Jetzt warf der Mönch einen fassungslosen Blick in die Runde des Zerstörungswerks der Vigilanten, ehe er sich vor Jacob Fallon aufbaute. »Was, bei Gott, habt ihr getan?« Seine Stimme klang in Fallons Ohren wie der personifizierte Zorn Gottes.
Ein leises Stöhnen enthob den Vigilanten einer Antwort. Starwoman hatte sich bis zum Fuß der alten Eiche geschleppt und berührte sie mit der Hand. Wieder murmelte sie Worte in ihrer eigenen Sprache, und zumindest Bruder Peter erkannte, dass sie einen Zauber sprach. Er eilte zu ihr, zog ihre Hand vom Baum weg und bettete die schwer verletzte Frau in seine Arme. Er verstand genug von Heilkunde, um zu erkennen, dass er ihr nicht mehr helfen konnte. Er hoffte jedoch, dass er ihren Zauber hatte unterbrechen können, bevor er seine Wirkung tat. Vergebens.
»Zu spät«, flüsterte Starwoman und lächelte zufrieden. »Sie werden ... ihrem Schicksal nicht ... entkommen. Eines Tages ... werden die ... Geister sich befreien ... und ... die Letzten vernichten, die ... aus dem Blut ... dieser ... Mörder ... stammen, wenn ihr Blut ... den Baum berührt ...«
Ihr Körper erschlaffte in Bruder Peters Armen und löste sich ebenfalls in Nebel auf, der wie unwiderstehlich angezogen auf die Eiche zu schwebte und von ihr aufgesogen wurde, ehe er in ihr verschwand. Der Baum glühte auf und war für einen Moment in ein tiefrotes Licht getaucht, das puren Hass ausstrahlte, ehe es erlosch.
Jacob Fallon blickte sich am ganzen Körper zitternd um und sah über die Hälfte seiner Männer tot und entsetzlich zugerichtet überall verstreut liegen. Ihre enthäuteten Körper waren mumifiziert, doch noch in diesem Stadium stand ihnen das Grauen in die welken Gesichter geschrieben. Fallon taumelte zurück und blickte sich gehetzt um. Trotz der Angst, die sich in ihm ausbreitete, war er von dem Wunsch beherrscht zu vernichten, was er nicht begreifen konnte. Er nahm eine immer noch brennende Fackel auf und machte Miene, die jetzt verdorrte Eiche damit anzuzünden.
Bruder Peter verstellte ihm den Weg und riss sie ihm aus der Hand. »Bist du wahnsinnig, Jacob Fallon? Hast du nicht begriffen, was geschehen ist?«
Das hatte Fallon offensichtlich nicht.
»Die Seelen – die Geister – der Ermordeten befinden sich in diesem Baum gebannt. Vorläufig. Ich werde noch einiges tun müssen, damit sie auch darin bleiben und nicht wieder ausbrechen. Wenn du den Baum vernichtest, befreist du sie.« Bruder Peter umfasste das zerstörte Dorf und die Leichen mit einer wütenden Handbewegung. »War es das wert? Ich habe geahnt, dass ihr die Siedler von Freetown verjagen wollt, als ihr heute Morgen losgeritten seid und den südlichen Pfad genommen habt. Aber ich konnte mir nicht im Entferntesten vorstellen, dass ihr sie gleich ermorden würdet.« Er blickte Fallon voller Abscheu an.
Jacob Fallon trat unsicher ein paar Schritte zurück. Er war jetzt vollkommen ernüchtert und ungewohnt kleinlaut. »Wirst ... wirst du den anderen in der Siedlung etwas sagen über das ... das hier?«
Bruder Peter musterte ihn voller Verachtung. »Nicht ich, Jacob Fallon. Du wirst das tun. Du wirst öffentlich deine Sünde bekennen und es den Bürgern von Cleaveland überlassen, ein Urteil über dich zu sprechen.« Der Mönch warf ihm einen kalten Blick zu. »Verschwinde, Jacob Fallon. Du hast genug angerichtet. Lass mich meine Arbeit tun, damit der Zorn der Toten nicht auch noch Cleaveland vernichtet und jede Seele, die darin lebt. Und bete zu Gott, dass niemals ein Tropfen Blut von dir, deinen Männern oder einem eurer Nachkommen diesen Baum berührt. Sonst werden eure unschuldigen Kindeskinder die Rache der Geister an eurer Stelle erleiden müssen. Glaube mir, diese Rache wird furchtbar sein. Und jetzt geh mir endlich aus den Augen, bevor ich meine Gelübde vergesse und dich eigenhändig töte für das, was du getan hast.«
Jacob Fallon zuckte vor der ungezügelten Wut des Mönchs zurück. Er hastete zu seinem Pferd, saß auf und galoppierte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her. Der kümmerliche Rest seiner Männer folgte ihm.
Bruder Peter wandte sich der Eiche zu, in die er mit größter Mühe die wütenden Geister hatte bannen können. Er fühlte sich bereits erschöpft, doch er durfte darauf keine Rücksicht nehmen. Er war ein Defensor, ein Verteidiger des Lichts gegen das Böse. Mit der Macht, die Gott ihm und seinen Brüdern gegeben hatte und die genau genommen eine Form von Magie darstellte, verstärkte er den Bann über dem Baum, damit der niemals gebrochen werden konnte. Zumindest würde der Baum danach nicht vernichtet werden können. Nicht durch Blitzschlag, Erdbeben oder die Axt eines Menschen.
Bruder Peter war sich natürlich darüber im Klaren, dass er den Fluch, mit dem die Irokesin die Eiche belegt hatte, nicht würde aufheben können. Sobald eines Tages – was Gott verhüten möge! – das Blut eines der Mörder der Freetowners oder eines ihrer Nachkommen den Baum berührte, würde sich darin das Tor zur Welt der Geister öffnen, durch das der Mönch die wütenden Seelen ins Jenseits geschickt hatte und sie in die Welt entlassen. Und sie würden ihre Rache an den Kindern und Kindeskindern der Schuldigen bis ins letzte Glied vollenden.
»Bitte, Gott, lass das nicht zu!«, betete er immer wieder. »Lass nicht zu, dass dereinst Unschuldige für den Frevel ihrer Vorfahren leiden müssen.«
Bruder Peter begrub die Toten weit genug von der alten Eiche entfernt, damit die Erde, zu der sie einst würden, niemals die Wurzeln des Baums berühren konnten. Zwar waren die Leichen so stark verdorrt, dass kein einziger Tropfen Blut mehr in ihnen war, doch der Mönch wollte kein Risiko eingehen. Er empfand eine tiefe Traurigkeit. Wieder einmal hatte Intoleranz verbunden mit Gier Menschenleben gekostet – mit entsetzlichen Folgen für beide Seiten.
Als Bruder Peter sich am nächsten Tag auf den Rückweg nach Cleaveland machte, stieß er auf einer Lichtung auf die Leichen von Jacob Fallon und seinen Leuten. Sie waren derart mit unzähligen Irokesenpfeilen gespickt, dass sie beinahe wie riesige deformierte Stachelschweine wirkten. Offensichtlich hatten die Familien der indianischen Ehefrauen der Freetowner den Tod ihrer Angehörigen blutig gerächt. Kein einziger war ihnen entkommen.
Bruder Peter begrub auch diese Toten und setzte danach seinen Weg nach Cleaveland fort. Nachdem Jacob Fallon und seine Spießgesellen tot waren, machte es keinen Sinn mehr, ihre Missetat öffentlich zu machen. Abel Carters Siedlung war vollständig zerstört worden bis auf die Eiche, die ihren Mittelpunkt gebildet hatte.
Falls sich die Leute aus Cleaveland überhaupt die Mühe machten nachzusehen, ob es den Leuten in Freetown gut ging, wenn Bruder Peter ihnen von dem Massaker an den Vigilanten berichtete, so würden sie glauben, dass die Siedlung von denselben Irokesen zerstört worden war, die auch Jacob Fallons Leute umgebracht hatten. Vielleicht war es am besten so.
Als Bruder Peter am Abend des folgenden Tages in Cleaveland ankam, führte er zwar am nächsten Morgen die Siedler zu dem Grab von Fallons Gruppe, erwähnte aber die Geschehnisse in Freetown mit keinem Wort. Die Cleavelander schickten auch niemanden, um dort nach dem Rechten zu sehen, und so erfuhren sie nichts von dem Fluch und der Drohung, die über den Nachkommen der toten Vigilanten schwebte. Da die meisten von ihnen noch keine Familien gegründet hatten, waren nur acht Witwen und ihre Kinder betroffen. Es war allerdings nicht sehr wahrscheinlich, dass ausgerechnet einer von ihnen sein Blut an der alten Eiche vergießen würde. Das Kreuz mit den Namen aller Mitglieder von Fallons Gruppe wurde dort aufgestellt, wo Bruder Peter die von den Indianern Getöteten begraben hatten, und niemand erfuhr von dem zweiten Grab bei Freetown.
Dennoch vergaß der Mönch nicht, die wahren Ereignisse, die sich am Mittsommertag 1802 fünfunddreißig Meilen von Cleaveland entfernt ereignet hatten, nach seiner Rückkehr in sein Kloster in die Chronik seines Ordens einzutragen. So gingen sie in die Annalen von St. Zeno in New York ein und wurden dort aufbewahrt, damit jeder Novize sie studieren konnte und erfuhr, was seine Mitbrüder vor ihm geleistet hatten.

Cleveland, 24. Juni 2010, 3.00 Uhr
Das Baugelände, auf dem zwölf Stunden zuvor Sully Hartfield seinen tödlichen Unfall gehabt hatte, lag verlassen im Mondlicht. Der Unglücksbagger stand immer noch so da, wie Sully ihn gegen den Baum gefahren hatte. Das Gelände war weitläufig von der Polizei abgesperrt worden. Man hatte, sehr zum Verdruss der Baufirma, die Arbeiten eingestellt, bis der Fall vollständig geklärt sein würde und es sowohl von Seiten der Polizei wie auch der Versicherungen keine offenen Fragen mehr gab. Erfahrungsgemäß würde das Tage dauern, wenn nicht gar Wochen.
Da das Gros der Ermittlungen aus der Befragung von Zeugen bestand, nachdem das Gelände um die Unfallstelle herum genauestens fotografiert worden war, hielt sich für die nächste Zeit niemand mehr dort auf. So bemerkte auch keiner die Veränderung, die mit dem Baum vor sich ging. Die vertrocknete Borke wurde dort, wo Sullys Blut an ihr klebte, wieder lebendig wie eine Haut. Dieser Effekt breitete sich langsam über den gesamten Baum aus. Als er bis in die tiefste Wurzel und die äußerste Astspitze vorgedrungen war, begann er zu glühen und gleich darauf zu vibrieren.
Seine Fibern wurden in Schwingungen versetzt, die von dem Baum ausstrahlten wie von einer Radioantenne und sich wie Schallwellen über das ganze Land ausbreiteten. Weder Tiere noch Menschen nahmen sie wahr. Bis auf einige Wenige. Und diese folgten unverzüglich dem Ruf, dem sie nicht widerstehen konnten.

Drei Tage später
Sam Tyler erwachte mit einem überaus angenehmen Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Sie drehte sich auf die andere Seite und tastete nach Nick, um ihn an sich zu ziehen. Ihre Hand fasste ins Leere. Wie so oft während der letzten Monate, seit der Werwolf sie verlassen hatte. Sie seufzte genervt. Warum, bei Kallas Blut, musste sie ausgerechnet einen Seelenbund mit einem Werwolf entwickeln, dem sie nur ein einziges Mal für relativ kurze Zeit begegnet war? Warum bestand zwischen ihnen überhaupt ein Seelenbund? Sie und Nick waren völlig gegensätzlich.
Doch gerade das, so hatte ihr Freund, der Vampir Cronos, ihr erklärt, war eins der charakteristischen Merkmale einer solchen Verbindung. Ein Seelenbund entstand niemals zwischen zwei Wesen, die einander ähnlich waren, sondern immer nur zwischen solchen, deren Gegensätze sich perfekt ergänzten. Das mochte tatsächlich so sein; Tatsache war und blieb jedoch, dass Nick fort war und nicht plante, jemals zu ihr zurückzukehren. Zumindest hatte er das nicht geplant, als er sie vor einem Dreivierteljahr verlassen hatte, als noch keiner von ihnen ahnte, dass sich zwischen ihnen ein Seelenbund gebildet hatte.
Allerdings gab es ihr zu denken, dass sie in letzter Zeit immer häufiger das Gefühl bekam, er wäre nicht nur in ihren Träumen bei ihr, sondern käme ihr räumlich wieder näher. Sam schloss die Augen und konzentrierte sich auf Nick. Sekunden später spürte sie wieder seine Nähe, als säße sie direkt neben ihm und sähe, was er sah. Er befand sich an einer Tankstelle auf dem Highway 40 unmittelbar hinter Trois-Rivières in Kanada und ging gerade in das Gebäude, um seine Tankfüllung zu bezahlen. Als er gleich darauf zurückkam und in seinen Wagen stieg, warf er einen Blick zur Seite und schien Sam direkt anzusehen.
Sie spürte in ihm eine tiefe Sehnsucht, gleichzeitig aber auch eine gewisse Unsicherheit. Mehr denn je wünschte sie sich, bei ihm zu sein. Nicht nur für eine kurze Zeit oder um den wunderbaren Sex, den sie nur ein einziges Mal mit ihm geteilt hatte, noch einmal zu erleben, sondern für lange Zeit. Am besten für immer, wie sie zu ihrer eigenen Überraschung erkannte.
Natürlich hätte sie jederzeit durch die Dimensionen direkt zu ihm springen und mit ihm reden können, um ihn zu fragen, ob er nicht zurückkommen wollte. Sie tat es nicht. Nick war gegangen, weil er mit sich ins Reine kommen und einen düsteren Teil seiner Vergangenheit für sich abschließen musste. Sie durfte sich ihm nicht aufdrängen. Wenn er das Bedürfnis verspürte sie wiederzusehen, so würde er kommen. Wenn nicht, dann würde Sam lernen müssen damit zu leben, dass ihr Seelenpartner es vorzog, ihr fern zu bleiben.
Sie stand auf und verließ wenig später das Haus, um ins Büro ihrer Detektei im Gebäude 2311 Chester Avenue zu fahren. Es war zwar noch früh am Morgen – 6.30 Uhr, um genau zu sein –, aber sie hatte einen Fall von Industriespionage abzuschließen und wusste durch einen Zauber, dass der Spion den nächsten Schwung seiner gestohlenen Daten um 7.12 Uhr vom Arbeitsplatz eines Kollegen aus zu kopieren gedachte, um sie später seinem Auftraggeber zu verkaufen. Sam plante, ihm einen fetten Strich durch die Rechnung zu machen.
Sie atmete erleichtert auf, als sie beim Verlassen des Hauses ausnahmsweise einmal keinen schwarzen Dodge Nitro mit New Yorker Kennzeichen vor ihrem Haus parken sah. Das Fahrzeug gehörte Bruder Graham, einem Mönch und Defensor der Pugnatores Lucis, der »Streiter des Lichts«. Aus Sam nicht nachvollziehbaren Gründen hatte er sich in den Kopf gesetzt, sie wäre eine Bedrohung für die Menschen und müsse daher gemäß dem Auftrag seines Ordens vernichtet werden.
Beinahe wäre es ihm schon einmal gelungen sie zu töten, worauf Sams Vater Benyun ihn beinahe getötet hätte. Obwohl Sam sein Leben gerettet hatte, belauerte er sie immer noch und wartete nur darauf, dass sie vor seinen Augen etwas tat, das er erneut als eine Rechtfertigung benutzen konnte sie umzubringen. Zum Glück war er nur ein Mensch und musste zwischendurch auch mal schlafen. Sam begrüßte mittlerweile jede Minute, in der er nicht in ihrer Nähe war.
Als sie ihr Büro erreichte und ihren Jeep Cherokee auf dem Parkplatz abstellte, sah sie, wie der schwarze Dodge auf der gegenüberliegenden Straßenseite einparkte. Der Mönch schaltete den Motor aus und warf ihr einen kalten Blick zu. Sam lächelte liebenswürdig, winkte ihm zu und betrat das Gebäude. Offensichtlich hatte er seinen Posten vor ihrem Haus in dem Moment beziehen wollen, als sie losgefahren war und war ihr wie immer gefolgt. Wirklich, der Kerl ging ihr gewaltig auf die Nerven. Sie beschloss, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, wie sie ihn ein für alle Mal loswerden konnte. Obwohl ihre Mittel dafür begrenzt waren, da ihre einschlägige Magie bei ihm nicht wirkte.
Als sie in diese Überlegung versunken ihr Büro betrat, wurde sie bereits erwartet. Eine junge Frau saß trotz der frühen Stunde völlig aufgelöst mit allen Anzeichen von Verzweiflung im Warteraum. Da Sams »Sekretärin Molly Spring«, ein Dienergeist, rund um die Uhr im Büro blieb, hatte der die Frau schon mit frischem Kaffee versorgt, den sie jetzt hastig zur Seite stellte. Sie rannte Sam entgegen, kaum dass sie eintrat, packte ihre Hand und brach in Tränen aus.
»Sie müssen Corey finden! Bitte! Mein Mann hat mich nicht verlassen, wie die Polizei behauptet! Ihm muss etwas Schreckliches zugestoßen sein. Ich fühle es! Oh bitte helfen Sie mir!«
»Ich werde mein Möglichstes tun, Mrs. ...?«
»Fallon. Olivia Fallon, und ...«
Sam hob die Hand. »Mrs. Fallon, ich muss Sie um einen Moment Geduld bitten. Ich habe noch etwas sehr Wichtiges zu erledigen, aber danach gehört meine Zeit Ihnen. Und ich verspreche Ihnen: Ich werde Ihren Mann finden. Molly, noch eine Tasse Kaffee für Mrs. Fallon.«
Sie drückte die aufgeregte Frau wieder in den Sessel in der Wartezone, lächelte ihr zu und verschwand in ihrem Büro. Sorgfältig schloss sie die Tür hinter sich, schaltete ihren Computer ein und stellte einen Videolink zu den Überwachungskameras her, die sie in der Firma ihres Auftraggebers unbemerkt von den Angestellten installiert hatte. Es war 7.11 Uhr, und nur Sekunden später betrat der Datendieb das Büro seines Konkurrenten.
Mit einem boshaften Lächeln zeichnete Sam alles auf, was er tat. Der Zauber hatte ihr auch verraten, dass der Mann sich in der Mittagspause mit dem Käufer der Daten treffen und sie ihm übergeben würde. Natürlich würde auch Sam zur Stelle sein und die Übergabe fotografieren – und anschließend die gestohlenen Daten wieder an sich bringen, bevor der Käufer daraus einen Nutzen ziehen konnte. In jedem Fall hatte der Bruder des Konzernchefs heute seinen letzten Datendiebstahl begangen.
Sam speicherte die Aufnahme ab und bat Olivia Fallon herein. »Und nun, Mrs. Fallon, erzählen Sie mir ganz genau, was passiert ist. Ihr Mann ist verschwunden. Wann und wie?«
Die Ruhe, die Sam ausstrahlte – und mit etwas Magie verstärkte – erzielte die gewünschte Wirkung. Die junge Frau wurde ruhiger.
»Vor drei Tagen. Das heißt vor drei Nächten. Corey ist mitten in der Nacht aufgestanden und nach unten gegangen. Das tut er öfter. Eigentlich wacht er mindestens jede zweite Nacht auf, kann dann nicht wieder einschlafen und trinkt in der Küche ein Glas Milch. Danach geht es dann wieder. Aber in der Nacht ist er nicht zurückgekommen.«
Olivia Fallon musste sich beherrschen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen. Sam machte sich wie jede gute – menschliche – Detektivin Notizen.
»Das war also am frühen Morgen des 24. Juni, richtig?«
»Ja, ungefähr drei Uhr. Das ist die übliche Zeit, zu der Corey sich seine Milch holt. Ich bin nur kurz aufgewacht, als er aufgestanden ist und gleich wieder eingeschlafen. Danach bin ich erst wieder wach geworden, als der Wecker um sechs geklingelt hat. Coreys Bett war leer, die Haustür stand offen, und er war nicht mehr da.«
Olivia Fallon begann wieder zu weinen. Sam reichte ihr ein Papiertaschentuch aus einer Spenderbox, die sie wie jede gute – menschliche – Detektivin auf dem Schreibtisch stehen hatte. Mit leiser Selbstironie stellte sie fest, dass sie ihre Tarnung als Mensch gerade auch im Hinblick auf solche Kleinigkeiten immer mehr perfektionierte. Ob das auch mit den unerwünschten menschlichen Gefühlen zu tun hatte, mit denen sie seit inzwischen fast drei Jahren geschlagen war?
»Sie haben natürlich die Polizei benachrichtigt«, half Sam der jungen Frau auf die Sprünge.
»Natürlich. Die offene Haustür ließ mich das Schlimmste befürchten. Corey lässt nie die Haustür offen. Erst recht verschwindet er nicht so einfach. Er hat ja auch nichts mitgenommen. Er hat sich noch nicht mal was anderes angezogen. Das Auto ist auch noch da. Aber weil es keine Einbruchspuren und keine Kampfspuren gibt, glaubt die Polizei, er hätte mich verlassen. Das würde er nie tun! Wir lieben uns! Und wir sind erst vor einem halben Jahr Eltern geworden. Süße Zwillinge.«
»Herzlichen Glückwunsch.«
Olivia Fallon ging nicht darauf ein. »Genau darin sieht aber die Polizei einen Grund für Coreys Verschwinden. Sie glauben, ihm ist alles zuviel geworden mit plötzlich zwei Kindern, nachdem wir nur mit einem gerechnet hatten und er hätte deshalb die Flucht ergriffen. Dass er alles zurückgelassen hat, interpretieren sie so, dass er nicht wollte, dass man ihn anhand des Autos oder wenn er seine Kreditkarte benutzt finden kann. Natürlich haben sie eine Vermisstenanzeige aufgenommen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die überhaupt nach ihm suchen.« Sie blickte Sam flehentlich an.
Die Dämonin lächelte beruhigend. »Wie ich schon sagte, ich finde Ihren Mann, Mrs. Fallon. Das kann ich Ihnen versprechen. Allerdings kann ich nicht versprechen, dass ich ihn unversehrt finde. Falls ihm wirklich etwas zugestoßen ist, wie Sie vermuten, könnte es vielleicht schon zu spät für ihn sein.«
»Sagen Sie so was nicht!«, verlangte die junge Frau und begann wieder zu weinen. »Bitte sagen Sie so was nicht.«
Sam reichte ihr ein neues Taschentuch. Menschen besaßen einen seltsamen Hang dazu, die Dinge zu ignorieren oder sogar zu leugnen, die ihnen nicht gefielen. Manchmal trieb das die abenteuerlichsten Blüten.
»Haben Sie ein Foto Ihres Mannes?«
Olivia Fallon zog eins aus der Brusttasche ihrer Bluse, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet. Als Sam es in die Hand nahm, überkam sie das Gefühl, dass das Verschwinden des Mannes tatsächlich keine natürliche Ursache hatte. Da sie ihre Einträge in die Telefon- und Branchenbücher mit einem Zauber versehen hatte, der bewirkte, dass gerade solche Klienten ihre Detektei aussuchten, die eher magische Hilfe benötigten als profane, wunderte es Sam nicht, dass Olivia Fallon sich an sie gewandt hatte.
»Wenn Sie gestatten, werde ich Sie nach Hause begleiten, Mrs. Fallon, und mich mal bei Ihnen umsehen, ob ich irgendwelche Spuren finde, die mir eine Erklärung für das Verschwinden Ihres Mannes geben. Das hat die Polizei wohl noch nicht getan?«
Die junge Frau schüttelte den Kopf und blickte Sam dankbar an. Im nächsten Moment wurde sie verlegen. »Miss Tyler, ich muss gestehen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mir Ihre Dienste wirklich leisten kann. Ich habe wegen der Kinder aufgehört zu arbeiten, und unser Budget ist deshalb nicht mehr allzu üppig. Deshalb bin ich auch mit dem Bus gekommen.«
»Darüber werden wir uns schon einig«, versicherte Sam und erhob sich. »Kommen Sie, ich fahre Sie nach Hause.«
Als sie gleich darauf mit Olivia Fallon im Wagen den Parkplatz verließ, heftete sich der Dodge des Mönchs wie immer an ihre Fersen, vielmehr an ihre Stoßstange. Sam konnte im Rückspiegel das Gesicht des Defensors erkennen: grimmig, kalt und zu allem entschlossen. Wahrscheinlich war er überzeugt, dass sie mit Olivia Fallon wer weiß was vorhatte. Sam seufzte.
Nachdem er seine Verfolgung nicht aufgegeben hatte, obwohl sie sein Leben gerettet und sogar ein Priester des Lichts – Vesgyn von Atlantis – für sie interveniert hatte, hatte sie erwogen, ihre Zelte in Cleveland abzubrechen und bei Nacht und Nebel zu verschwinden. Idealerweise auf einen anderen Kontinent, wo Bruder Graham sie nicht suchen würde. Ihr Vater, der bis dahin ebenfalls in Cleveland lebte, hatte sich danach unter dem Namen Ben Turner in Los Angeles niedergelassen. Auch ihre Geschwister Conaru und Lilama hatten den Ort gewechselt und waren zusammen nach Atlanta gezogen.
Sam hätte an ihrem damals gefassten Plan festhalten und aus Cleveland verschwinden sollen, besonders da sie bereits über zehn Jahre hier lebte und es allein schon deshalb langsam Zeit wurde zu gehen. Aber sie hatte sich bewusst dagegen entschieden. Sie hatte hier zu viele Kontakte geknüpft, Freunde gefunden, die sie nicht einfach so verlassen wollte. Vielmehr wollte sie denen nicht den Schmerz ihres vermeintlichen Todes zumuten.
Wann immer es in der Vergangenheit für sie an der Zeit gewesen war weiterzuziehen, hatte sie den Tod der Person vorgetäuscht, die sie darstellte. Meistens durch einen Unfall. Gleichzeitig hatte sie einen Zauber initiiert, der bewirkte, dass alle Menschen, die sie kannten und nicht wussten, dass sie eine Dämonin war, sie niemals wiedererkennen konnten, falls sie ihr zufällig an ihrem neuen Wohnort begegneten. In dem Fall sahen die Betreffenden in Sam eine völlig fremde Person.
Hier in Cleveland war es anders. Ronan Kerry und Kevin Bennett vom Police Department kannten natürlich Sams wahre Natur. Della und Jonathan Parker dagegen nicht. Die Eltern ihres Verlobten Scott, der von einem Dämon getötet worden war, liebten Sam wie eine Tochter. Sie brachte es nicht über sich, denen »Sam Tyler« auch durch einen Unfall zu nehmen, nachdem die Menschen bereits glaubten, dass Scott durch einen umgekommen war. Einfach nur umzuziehen löste das Problem langfristig nicht, denn in den kommenden Jahren würde es den Parkers auffallen, dass Sam nicht alterte. Zwar hätte sie auch das durch einen Zauber vortäuschen können, aber das barg ein gewisses Risiko. Deshalb hatte sie sich entschlossen, noch eine Weile zu bleiben und hoffte, eine praktikable Lösung des Problems zu finden. Allzu lange würde sie aber so oder so nicht mehr bleiben können. Noch ein Jahr, allerhöchstens zwei.
Was die Nachstellungen dieses Mönchs betraf, so wurde der Gedanke zu verschwinden allerdings von Tag zu Tag verlockender. Der parkte seinen Wagen auf der Straße ein Stück hinter Sams Jeep, als sie vor dem Haus der Fallons hielt. Sam ignorierte ihn und begleitete Olivia Fallon hinein.
»Ich habe die Kinder zu meinen Schwiegereltern gebracht«, erklärte die junge Frau und blickte Sam fragend an.
Die Dämonin nahm die Ausstrahlung des Hauses in sich auf und spürte – nichts. Wenn irgendwo Magie angewendet wurde, hinterließ das immer auch eine Signatur, die Sam fühlen und sogar identifizieren konnte, wenn sie den Verursacher kannte. Hier gab es nicht den Hauch von etwas Magischem.
»Ich würde gern das Schlafzimmer sehen, Mrs. Fallon. Vielleicht finde ich dort einen Hinweis, was Ihren Mann veranlasst hat, das Haus zu verlassen.«
»Den hätte ich doch längst gefunden«, widersprach Olivia, deutete aber auf eine Treppe, die ins Obergeschoss führte.
»Nicht unbedingt, Ma’am. Oft fallen einem Fremden Dinge sofort ins Auge, die man selbst übersieht, weil einem alles so vertraut ist.«
Das überzeugte Olivia, und sie führte Sam ins Schlafzimmer. Während Sam sich scheinbar gründlich darin umsah, initiierte sie unbemerkt von ihrer Auftaggeberin den Zauber der Retrospektion, der ihr nur für ihre Augen sichtbar offenbarte, was sich in der Nacht des 24. Juni zugetragen hatte. Corey Fallon hatte tief und fest geschlafen, als er übergangslos von etwas geweckt worden war, das Sam weder hören noch sehen konnte. Zwar offenbarte der Retrospektionszauber ihr auch gesprochene Worte, aber keine Gefühle oder andere abstrakte Empfindungen. Er ließ sie nur sehen und hören, was geschehen war.
Corey Fallons Augen, mit denen er ins Dunkel starrte, nachdem er aufgewacht war, wirkten so leer, als wäre er nicht Herr seines Willens oder bekäme überhaupt mit, was mit ihm geschah. Auch die Art, wie er sich schließlich aufsetzte und aufstand, wirkte so hölzern, als wäre er ferngesteuert. Oder besessen. Die Frage war nur von wem oder was. Corey war die Treppen hinunter gegangen, ohne sich etwas anzuziehen und hatte das Haus in Schlafanzughose und T-Shirt verlassen. Sam würde ihn mit einem Suchzauber wahrscheinlich schnell finden.
Sie sah sich noch im übrigen Haus und auch in der Garage gründlich um, weil Olivia das von einer Detektivin erwartete und verabschiedete sich danach.
»Was werden Sie tun, um Corey zu finden, Miss Tyler?«
»Das Übliche. Da er zu Fuß wohl kaum allzu weit gegangen sein wird, werde ich die Fahrer der Busse interviewen, die in der Nacht Dienst hatten und auch bei den Taxizentralen nachfragen. Irgendjemand wird Ihren Mann gesehen haben, und die Spur verfolge ich weiter.« Sam ergriff Olivias Hand und drückte sie fest. »Haben Sie Vertrauen, Mrs. Fallon.«
Sam stieg wieder in ihren Wagen und registrierte, dass Bruder Graham ihr nicht folgte. Im Rückspiegel sah sie, dass er ausstieg und zum Haus der Fallons ging. Wahrscheinlich wollte er mit Olivia sprechen und sich persönlich davon überzeugen, dass es ihr gut ging und Sam ihr nicht die Seele gestohlen oder sonst was mit ihr angestellt hatte. Sollte er! Egal wie lange er hinter ihr her schnüffelte, irgendwann würde er begreifen, dass sie keine Bedrohung für die Menschen darstellte. Ihr Gefühl sagte ihr allerdings, dass das noch sehr lange dauern konnte. In jedem Fall länger als ihre Geduld mit ihm reichte, die sich rapide ihrem Ende näherte.
Wenn sie Pech hatte, war er so verbohrt, dass er niemals aufgeben würde. Möglicherweise steigerte er sich sogar in seine Fantasie von Sam als »Tochter des Teufels« derart hinein, dass eines Tages ein nichtiger Anlass genügen würde, der vielleicht nicht einmal was mit ihr zu tun hatte, um ihn sie erneut angreifen zu lassen. Sie beschloss, sich bei Gelegenheit ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie sie ihn loswerden konnte.
Sam kehrte in ihr Büro zurück und initiierte einen Suchzauber, der Corey Fallon aufspüren sollte. Der Zauber versagte. Aus Erfahrung gewitzt, versuchte sie es mit einem umgekehrten Suchzauber, der ihr offenbaren sollte, wo der Mann nicht war, bis ein Ort übrig blieb. Doch auch das förderte seinen Aufenthaltsort nicht zutage. Sam kombinierte den Zauber mit einem anderen, der nahezu jeden magischen Schild durchbrochen hätte, unter dem Corey Fallon vielleicht stecken mochte. Als auch das kein Ergebnis brachte, war Sam sich nahezu sicher, dass er bereits tot war. Sie musste also nur noch seine Leiche finden. Und in Erfahrung finden, was ihm zugestoßen war.
Das vertagte sie jedoch auf später, denn die Mittagszeit nahte, zu der der Wirtschaftsspion seinem Auftraggeber die gestohlenen Daten übergeben wollte. Sam machte sich auf den Weg, um das zu verhindern. Als sie auf den Parkplatz trat, stand der schwarze Dodge von Bruder Graham wieder auf seinem Beobachtungsposten. Als sie gleich darauf losfuhr, folgte er ihr wie gewöhnlich.

Graham Winger startete seinen Wagen und folgte der Dämonin, die er seit fast neun Monaten überwachte. Er bedauerte, dass er ihr nur zu folgen vermochte, wenn sie sich wie ein Mensch zu Fuß oder mit dem Auto bewegte. Er wusste von der Fähigkeit der Dämonen zu teleportieren. Da jeder Defensor in dem Moment, da er den Eid ablegte, unter anderem auch mit einem Gespür für Magie gesegnet wurde, wusste Bruder Graham auch, wann die Dämonin in ihrem Büro oder in ihrem Haus weilte oder per Teleportation verschwand.
Ihr unheiliges Werk, das er nicht mitbekommen sollte, verrichtete sie natürlich zu den Zeiten, in denen sie sich auf diese Weise davonstahl. Oder während der Zeit, in der er schlafen musste. Ein Mann allein konnte nun mal keine Überwachung rund um die Uhr leisten. Doch er war sich sicher, dass er sie eines Tages bei einer ruchlosen Tat ertappen würde – ertappen musste, die es rechtfertigte, dieses Geschöpf der Finsternis zu töten. Höllenkreatur, die sie war, konnte sie auf keinen Fall diese Maske eines rechtschaffenen Menschen, die sich gab, unendlich aufrecht erhalten. Irgendwann würde ihre dämonische Natur übermächtig werden und unkontrolliert ausbrechen. Und dann ...
Jetzt fuhr sie zu einem Restaurant in der Innenstadt, wo sie offenbar einen Tisch reserviert hatte und bestellte ihr Mittagessen als wäre sie ein Mensch. Bruder Graham gelang es, ebenfalls einen Tisch zu bekommen und musste sich seltsame Blicke gefallen lassen, da er wie immer seine dunkelblaue, wadenlange Ordenskutte und das sieben Zentimeter lange Silberkreuz trug. Für die meisten Leute passten ein Mönch und Restaurantbesuche einfach nicht zusammen; jedenfalls nicht, wenn es sich um ein Restaurant der gehobenen Klasse handelte wie dieses.
»Sam Tyler«, oder wie immer sie wirklich heißen mochte, bemerkte ihn natürlich sofort, was auch seine Absicht war. Sie grinste ihn frech an und winkte ihm höhnisch zu, ehe sie ihn wieder ignorierte und in einer Tageszeitung zu lesen begann, während sie auf ihr Essen wartete. Dass sie nicht nur zum Essen hier war – der blanke Hohn, da sie von normaler menschlicher Nahrung gar nicht leben konnte –, erkannte der Mönch, als ein weiterer Gast das Restaurant betrat, den sie mit ihrem Handy fotografierte, während sie tat, als tippte sie eine SMS ein und zeigte die Rückseite des Handys dabei nur rein zufällig in Richtung des Neuankömmlings.
Bruder Graham beobachtete ihr Opfer – nichts anderes würde der Mann seiner Überzeugung nach werden – ebenfalls unauffällig. Der Mann nahm an einem Tisch Platz, an dem bereits ein anderer Mann saß. Die beiden wechselten ein paar geflüsterte Worte, worauf der Wartende dem Neuankömmling einen dicken Briefumschlag über den Tisch schob und dieser ihm im Gegenzug eine CD gab, die in einer zusammengefalteten Zeitung steckte. Wenn Bruder Graham die beiden nicht genau beobachtet hätte, wäre ihm die verborgene CD entgangen.
Sam Tyler tippte weiterhin scheinbar nur auf ihr Handy konzentriert eine neue SMS ein. Obwohl die beiden Männer, die sie observierte, sich vorsichtig umsahen, ob jemand sie beobachtete, kamen sie gar nicht auf den Gedanken, dass die schwarzhaarige Frau, die ein paar Tische weiter scheinbar geistesabwesend am Simsen war, sie ganz offen fotografierte. Gleich darauf erhob sich der Neuankömmling und verließ das Restaurant wieder. Sam tippte noch eine Weile weiter, ehe sie ihr Handy zuklappte, es einsteckte und sich wieder der Zeitungslektüre widmete.
Als der andere Mann, der jetzt im Besitz der CD war, den Waschraum aufsuchte, folgte Sam ihm gleich darauf. Bruder Graham ahnte Übles, besonders als er nur wenige Sekunden, nachdem auch Sam Tyler im Vorraum zu den Toiletten verschwunden war, die Anwendung von Magie spürte. Er hastete hinterher und stieß, als er den Vorraum betrat, beinahe mit der Dämonin zusammen. Sie grinste ihn zufrieden an und winkte lässig mit der CD, die jetzt in ihrem Besitz war, ehe sie die in die Innentasche ihrer Lederjacke steckte und in den Hauptraum zurückkehrte.
Der Mönch rannte beinahe in die Herrentoilette und fürchtete, dort entweder eine Leiche oder einen seelenlosen Menschen vorzufinden. Doch der Mann, dem sie die CD offenbar aus der Tasche gezaubert hatte, verließ in diesem Moment munter und unversehrt eine Kabine und wusch sich die Hände. Bruder Graham tat es ihm erleichtert gleich und sprach lautlos einen Segen über den Mann, der von der unheiligen Magie der Dämonin berührt worden war.
Als er anschließend ebenfalls in den Hauptraum zurückkehrte, saß Sam Tyler an ihrem Tisch und genoss ihre Mahlzeit wie ein ganz normaler Gast. Das tat auch der Mönch und folgte der Dämonin eine halbe Stunde später hinaus. Er war sich sicher, dass sie das ganze Intermezzo nur inszeniert hatte, um ihn zu verhöhnen. Doch er würde sie eines Tages schon noch in flagranti erwischen und kurzen Prozess mit ihr machen. Er musste nur noch ein wenig Geduld haben. Und dann ...

Sam kehrte überaus beschwingt in ihr Büro zurück und erstellte eine Kopie der Überwachungsaufzeichnung des Datendiebstahls, während Molly Spring wie jede gute Sekretärin auf ihre Anweisung einen Botendienst rief. Als der Bote eine halbe Stunde später eintraf, gab sie ihm die beiden in einem Umschlag verstauten CDs und ließ sie direkt zu ihrem Auftraggeber bringen. Molly schrieb unaufgefordert die Rechnung für den Fall.
Da Sam gestern noch einen Auftrag für den Nachweis der Bestechung eines Richters für die Kanzlei Weston, Kruger & Goldstein erhalten hatte und sie ebenfalls durch einen Zauber wusste, dass das nächste Bestechungsgeld in einer Stunde überreicht werden würde, verschob sie das Auffinden von Corey Fallons Leiche noch ein weiteres Mal und erledigte zunächst den Bestechungsfall. Wieder folgte ihr Bruder Graham.
Als sie die Fotos dieser Überwachung sofort danach bei ihrem Beinahe-Schwager Bill Crawford in der Kanzlei ablieferte, war es bereits Nachmittag, und sie hatte Hunger. Sie beschloss, ihren Blutsgefährten Axaryn aufzusuchen und ihn buchstäblich zu »vernaschen«. Seit sie ihren Blutbund geschlossen hatten, war ihr Sex noch gehaltvoller geworden als er es bereits vorher gewesen war. Mit kribbelnder Vorfreue im Bauch sprang Sam durch die Dimensionen zum Lotos Institut in Denver, wo er wohnte.
Schon als sie das Foyer des Instituts betrat, spürte sie, dass Axaryn nicht da war. Wahrscheinlich war er zu einer dringenden Aufgabe irgendwo anders hin beordert worden. Im Gegensatz zu einer Menschenfrau störte Sam sich nicht daran, dass er ihr davon nichts gesagt hatte. Ihre Blutsgefährtenschaft bedeutete schließlich nicht, dass sie einander Rechenschaft darüber schuldeten, was sie taten oder wohin sie wann gingen.
Bevor Sam entscheiden konnte, wen sie sich als Ersatzmahlzeit aussuchte – sie spielte mit dem Gedanken, den Vampir Cronos in New Orleans heimzusuchen – fühlte sie eine andere vertraute Präsenz, die sich ihr näherte. Eigentlich hatte sie keine Lust, Vesgyn zu begegnen. Seit ihrem letzten Disput vor einem Dreivierteljahr vermied sie es, mit ihm zusammenzutreffen und ignorierte seine zahllosen Ouvertüren, die Dinge zwischen ihnen zu klären. Andererseits ...
Sie drehte sich um. »Hallo Vesgyn.«
Der letzte Überlebende und Erzpriester von Atlantis ergriff ihre Hände, als könnte er sie dadurch daran hindern, einfach wieder zu verschwinden. »Hallo Samala. Ich freue mich, dich zu sehen. Würdest du bitte endlich mit mir reden?«
Sam zog die Augenbrauen hoch, befreite ihre Hände aus seinem Griff und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich wüsste nicht, was ich mit dir zu reden hätte.«
»Dann hör mir wenigstens zu. Bitte.«
»Ach weißt du, Vesgyn, deine Entschuldigungen und Rechtfertigungen interessieren mich nicht.«
»Bitte, Samala. Ich habe einen großen Fehler begangen, wie ich jetzt weiß. Du bist völlig zu recht wütend auf mich. Aber ist das, was ich aus ehrlicher Überzeugung getan habe, dass es das Richtige wäre, ein so großes Verbrechen, dass ich in deinen Augen keine zweite Chance verdiene? Oder deine Verzeihung?«
»Ich bin eine Dämonin«, erinnerte sie ihn ungerührt. »Verzeihen liegt nicht in meiner Natur. Rachsucht dagegen schon.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber gut, ich werde mir anhören, was du zu sagen hast.«
»Danke, Samala.«
Vesgyn machte eine einladende Geste zu dem Bereich des weitläufigen Gebäudekomplexes, in dem die Appartements der Wächter lagen, die hier ihren festen Wohnsitz hatten so wie er und auch Axaryn. Sam folgte ihm und saß ihm fünf Minuten später in seinem Wohnzimmer gegenüber, dessen farbenfrohe Einrichtung an die orientalischen Gemächer zur Blütezeit der Sultane erinnerte. Sie hatte Vesgyn noch nie hier besucht.
»Samala, ich entschuldige mich in aller Form dafür, dass wir dir wichtige Informationen vorenthalten haben«, begann er, nachdem er Sam einen Tee serviert hatte. »Ich versichere dir, dass es sich dabei nicht um bewusste Täuschungsmanöver handelte.«
»Sondern? So wie sich mir die Sache darstellt, hast du das aus ganz eigennützigen Motiven heraus getan. Oder meinetwegen auch zum eigennützigen Vorteil der Wächter oder der Sache des Lichts, aber eigennützig. Nenne mir einen einzigen Grund, warum ich das verzeihen sollte.«
»Auch Lady Sybilla hat so gehandelt, aber ihr hast du schon lange verziehen«, hielt Vesgyn ihr vor.
»Aus einem ganz einfachen Grund. Sie ist zwar Jahrhunderte älter als ich, aber sie ist trotzdem immer noch ein Mensch und hat nicht mal annähernd deine Kenntnisse, deine Macht oder deine Lebenserfahrung. Deshalb vertraut sie deinen Ratschlägen wie sie nicht einmal Axaryn vertraut, weil er ein Dämon ist, obwohl er älter ist als du.
Und das ist auch so eine Sache«, betonte Sam. »Ihr nehmt zwar durchaus mal einen von uns in eure Reihen auf, aber er muss hundertmal mehr beweisen, dass er auf der Seite des Lichts steht, als jeder andere. Und wenn es hart auf hart kommt – so wie in meinem Fall – ist seine Einschätzung der Situation in euren Augen zweitklassig. Jedenfalls war es dein Rat, der Sybilla diese Entscheidung treffen ließ, und gerade du, Erzpriester einer Göttin, hättest die Ehrlichkeit der Täuschung vorziehen müssen.«
Sam hob abwehrend die Hand, als Vesgyn zu einer Erklärung ansetzte. »Genau genommen wolltet ihr – wolltest du mich dadurch manipulieren«, beschuldigte sie ihn. »Hast du das damals mit Tarynya auch gemacht, um sie auf den deiner Meinung nach ‚richtigen Weg’ zu bringen?«
Vesgyn errötete. »Ich fürchte, das habe ich getan«, gestand er kleinlaut. »Und bis heute quält mich die Unsicherheit, ob sie sich nur deswegen für das Licht entschieden hat oder aus einem inneren Bedürfnis heraus.«
»Trotzdem wolltest du denselben Fehler bei mir ein zweites Mal begehen«, hielt sie ihm vor. »Nun, ich kann dich beruhigen. Durch das Wissen des Blutes weiß ich, dass Tarynya sich aus einem inneren Bedürfnis heraus – und vor allem aus Liebe zu dir – für das Licht entschieden hat.«
Vesgyn empfand eine ungeheure Erleichterung und eine tiefe Traurigkeit zugleich.
»Hat sie«, er räusperte sich verlegen, »hat sie Axaryn auch – geliebt?«, wollte er wissen, denn auch diese Frage quälte ihn seit Jahrtausenden. »Und bitte sag mir die Wahrheit, Samala. Auch wenn sie für mich schmerzhaft sein sollte.«
»Hat sie nicht. Ihr Blutbund mit Axaryn bestand ausschließlich zu dem Zweck zu verhindern, dass er sich gegen sie stellte. Er war damals noch ein mächtiger Fürst unter den Dämonen, wie du weißt, und sie brauchte während ihrer Zeit in der Unterwelt einen mächtigen Verbündeten, auf den sie sich verlassen konnte. Diese Form von Verlässlichkeit war nur durch einen Blutbund möglich. Mit Gefühlen hatte das für sie nichts zu tun.«
Auch darüber empfand Vesgyn eine große Erleichterung. Diese Informationen würden ihm helfen, seinen inneren Frieden zu finden, den er mit Tarynyas Tod verloren hatte. Dazu musste er aber dieses Kapitel seines Lebens endgültig abschließen. Wofür ihm immer noch die Antwort auf eine Frage fehlte: War Sam, wie er schon lange vermutete, Tarynyas Wiedergeburt ohne es zu wissen, oder sah sie ihr wirklich nur zufällig zum Verwechseln ähnlich? Doch zunächst mussten sie ihr Verhältnis zueinander klären, bevor diese Frage beantwortet werden konnte.
»Samala, mein wahres Motiv für meine Entscheidung, zu der ich auch Lady Sybilla gedrängt habe, war, dass ich«, Vesgyn zögerte, denn es auszusprechen fiel ihm schwer, »dass ich Angst hatte, dass du dich für die Finsternis entscheiden wirst, wenn du die wahren Umstände kennst. Du bist eine Dämonin, und du liebst die Macht wie alle Dämonen. Bis zu einem gewissen Grad«, schränkte er ein, als Sam finster die Stirn runzelte. »Ich fürchtete, dass du, wenn du weißt, wie wichtig du für die Große Entscheidung bist, aus diesem Wissen deinen Vorteil ziehen würdest. Und den diesbezüglich größten Vorteil – Macht – kann Sata dir geben. Zumindest oberflächlich betrachtet. Ich muss dir ja nicht erklären, welche Art von Preis so ein ‚Vorteil’ in der Regel nach sich zieht.«
Er blickt ihr offen in die Augen. »Ich habe einen schweren Fehler begangen, und ich gebe zu, dass Axaryn von Anfang an recht hatte, als er darauf drängte, dir alles zu offenbaren.« Er senkte den Blick. »Du hattest auch recht mit dem, was du mir vor einem Jahr vorgeworfen hast, dass ich derart von meiner eigenen Rechtschaffenheit überzeugt bin, dass es schon an Arroganz grenzt.« Er sah sie wieder an. »Aber ich habe meine diesbezügliche Lektion gelernt, Samala, und ich werde nie wieder so handeln. Und zu dir«, fügte er nachdrücklich hinzu, »werde ich so offen sein, wie du es verdienst als ... als meine ... Freundin, die du, wie ich hoffe, immer noch bist. Oder überhaupt sein willst.« Erwartungsvoll sah er sie an.
»Bisher hast du dich nicht gerade wie ein Freund verhalten, Vesgyn. Abgesehen von dem kleinen – fruchtlosen – Gefallen, den du mir mit dem Mönch erwiesen hast.«
Sie genoss Vesgyns schlechtes Gewissen und die Qual, die er dadurch verspürte. Andererseits hatte er es trotz allem nicht verdient, dass sie ihn weiterhin leiden ließ. Auch nicht in einem anderen Zusammenhang, denn sie besaß durchaus die Macht, ihm die eine quälende Frage zu beantworten, deren Klärung er brauchte, um nach bald elftausend Jahren endlich wieder in sich ganz zu werden und zu heilen.
Sie wechselte von dem Sessel, in den sie sich gesetzt hatte, zu ihm auf die mit bunten Kissen übersäte Couch und legte ihre Hand gegen seine Wange. »Okay, Vesgyn, Entschuldigung akzeptiert. Ich trage dir nichts mehr nach. Und ja, wir sind Freunde.«
Sekundenlang forschte er in ihrem Gesicht, ob sie das auch ernst meinte. Dann nahm er sie in die Arme und drückte sie innig an sich. »Danke, Samala. Das bedeutet mir unendlich viel.« Im nächsten Moment küsste er sie.
Sam erwiderte seinen Kuss in einer Weise, die er noch von keiner Frau erfahren hatte. Sie sog seine forschende Zunge förmlich in ihren Mund, dass es ihm für einen Moment den Atem nahm, ehe sie sich sanft zurückzog und seine Lippen mit ihrer Zunge streichelte, so sanft, dass es kitzelte. Das Wissen des Blutes, jene in den Genen jedes Mitglieds ihrer Familie enthaltenen Erinnerungen aller ihrer Vorfahren und Verwandten der direkten Abstammungslinie, hatte ihr schon vor Jahren offenbart, auf welche Weise Tarynya mit Vesgyn geschlafen hatte. Was der Priester brauchte, um dieses Kapitel seines Lebens endlich emotional abschließen zu können, war die Bestätigung, dass Sam nur äußerlich Tarynya ähnelte, ansonsten aber vollkommen anders war.
Und genau die gab sie ihm. Die Art, wie sie seinen Körper streichelte und ihm dabei spielerisch die Kleidung auszog – nicht ohne ihm den einen und anderen Kratzer und Biss auf der Haut beizubringen –, war so neu für ihn wie der Duft, den ihr Körper ausströmte. Sogar die Intensität der Lust, die er empfand, überstieg alle seine bisherigen Erfahrungen. Tarynya war nur zur Hälfte ein Sukkubus gewesen. Deshalb hatte sie Sex nur als ergänzende Nahrung benötigt und auch nicht jeden Tag haben müssen. Dadurch hatte ihr Partner niemals die alles verschlingende Ekstase erlebt, die nur ein echter Sukkubus seinen Gespielen schenkte.
Vesgyn empfand bereits das Vorspiel als berauschend. Die Mischung aus Zärtlichkeit und Wildheit, mit der Sam ihn spielerisch reizte, erregte ihn derart intensiv, dass er kaum Zeit hatte, seine Kleidung auszuziehen, bevor er seinen harten Schaft in Sams Scheide stieß und nur Sekunden später einen so heftigen Orgasmus erlebte, dass er es beinahe als schmerzhaft empfand.
Damit war das Erlebnis noch lange nicht vorbei, denn Sam ließ seine Lust augenblicklich neu aufflammen, sodass seine Erektion keine Sekunde nachließ. Eine Weile bewegte sie sich sanft mit ihm, doch bevor er das Gefühl bekommen konnte, dass sie in diesem Punkt doch Tarynya ähnelte, wurde sie fordernder und stimulierte ihn mit Kratzern und Bissen, deren leichte Schmerzen er als köstlich empfand und zum ersten Mal in seinem langen Leben eine Seite an sich austobte, von deren Existenz er bis zu diesem Moment nichts geahnt hatte. Für eine Weile legte er sogar jede Zärtlichkeit ab und stieß hart und rücksichtslos in Sams Körper, bis sich die Spannung in einem neuen Höhepunkt löste, den er mit einem Aufschrei begleitete, ehe er völlig leergepumpt über ihr zusammensank.
Eine Zeitlang verharrte er noch in ihr, bis er sich sicher war, dass auch sie ihre Befriedigung gefunden hatte. Danach zog er sich aus ihr zurück, legte sich neben sie und bettete sie in seine Arme. Er hatte seine Antwort erhalten. Sam war ein wunderbares Geschöpf, aber sie war definitiv nicht Tarynya und auch nicht deren Wiedergeburt. In letzterem Fall hätte sie, wie Vesgyn wusste, spätestens in dieser sehr intimen Situation unwillkürlich Elemente von Tarynyas Wesen preisgegeben. Doch da war nichts dergleichen, nur Tai’Samala, durch und durch. Tarynya war fort, ebenso ihre Seele. Für immer.
»Danke, Samala«, flüsterte er nach einer Weile. und gab sich keine Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die ihm jetzt über die Wangen liefen. »Du ahnst nicht, was das für mich bedeutet hat.«
Sam strich ihm die Tränen sanft mit dem Daumen aus dem Gesicht. »Ich ahne es nicht nur, ich weiß es. Schließlich bin ich ein Sukkubus und ‚lese’ die Gefühle und vor allem die Bedürfnisse meiner Sexpartner. Ich will ja nicht gemein zu dir sein«, fügte sie nüchtern hinzu, »indem ich dich darauf hinweise, dass du das schon längst hättest haben können, wenn du von Anfang an offen und ehrlich zu mir gewesen wärst. Wärst du schon vor Jahren zu mir gekommen und hättest mit mir geredet, wären dir eben diese Jahre voller Ungewissheit und wohl auch Seelenqual erspart geblieben.«
»Tut mir leid, Samala. So was wird nie wieder vorkommen.«
»Das hoffe ich. – Wo steckt eigentlich Axaryn?«
»In geheimer Mission in der Unterwelt. Es gibt vielleicht eine Spur zu dem Champion, der die Seite der Finsternis bei der Großen Entscheidung vertreten wird.«
Sam antwortete nicht darauf. Wenn sie die Macht benutzte, über die sie als nominelle Königin der Unterwelt verfügte, hätte sie wahrscheinlich innerhalb weniger Stunden, höchstens Tage die Identität des Champions herausfinden können, falls der bereits erwählt worden war. Doch durch genau solche scheinbar harmlosen Kleinigkeiten würde sie bereits weiter in diese Rolle hineingezogen und schleichend auf die Seite der Finsternis wechseln. Dabei wäre es so einfach! Und so gefährlich.
Es reichte ihr schon, dass seit ihrer unfreiwilligen »Inthronisierung« die Schar der Dämonen, die sie aufsuchten oder sich in ihrer Nähe aufhielten, um ihr ihre Dienste anzubieten, eine Zeitlang nicht abgerissen war, bis Sam die Parole ausgegeben hatte, dass diejenigen, die sich ihr derart anboten, nicht die geringste Chance hatten, jemals von ihr beachtet zu werden. Seitdem hatte sie – und hatten in dem Zug auch die Menschen – wieder ihre Ruhe. Aber natürlich war dieses unnatürliche Aufkommen von Dämonen in Sams Umgebung Bruder Graham nicht verborgen geblieben, der das als weiteren Beweis dafür nahm, dass Sam vernichtet werden musste.
Sam seufzte und vertraute darauf, dass Axaryn auch ohne ihre Hilfe erfahren würde, was es zu erfahren gab.
Sie gab Vesgyn einen Kuss auf die Wange. »Danke für die Fütterung, Vesgyn. Deine Energie war sehr lecker.«
Sie stand auf, zog sich an, winkte ihm lächelnd zu und verschwand.
Auch der Priester erhob sich nach einer Weile. Er fühlte eine Ruhe in sich, die zu erlangen er die Hoffnung beinahe schon aufgegeben hatte. Er war Samala zutiefst dankbar, dass sie ihm dazu verholfen hatte. Sein Unbehagen, das er empfunden hatte, weil sie Axaryns Blutsgefährtin geworden war – um nicht zu sagen seine Eifersucht auf den Dämon, der ihm seinem Empfinden nach Tarynya zum zweiten Mal weggenommen hatte – existierte nicht mehr. Denn Samala war nicht Tarynya.
Nicht einmal im Entferntesten.

Sam sprang zurück in ihr Büro. Schließlich stand ihr Wagen noch auf dem Parkplatz vor der Tür, und sie musste mit ihm wie jeder Mensch nach Hause fahren, wenn sie nicht auffallen wollte. Sie musste sich nicht erst suchend umsehen, um Bruder Graham in seinem Dodge zu entdecken, der genau dort parkte, wo er ihren Wagen ständig im Blick hatte. Jetzt starrte er sie wie gewohnt grimmig an und drohte ihr stumm, dass er sie verfolgen würde, bis er sein Ziel erreicht hätte, sie bei einer Tat in flagranti zu ertappen, mit der sie Menschen schadete. Irgendwann wäre es soweit und Sam danach tot, wenn es nach ihm ging.
Sie war versucht, die Luft aus den Reifen seines Wagens zu zaubern, damit er sie nicht verfolgen konnte. Doch das führte zu nichts. Wenn sie Bruder Graham Streiche spielte, ganz gleich wie harmlos die sein mochten, so würde sie dadurch seine Meinung über sie nur bestätigen. Gegen einen Vergessenszauber war er immun, also schied auch diese Möglichkeit aus. Das einzig wirksame Mittel ihn loszuwerden wäre, ihn tatsächlich umzubringen. Doch das hatte er erstens nicht verdient – jedenfalls noch nicht! –, und zweitens hatte sie sein Leben nicht gerettet, um es ihm jetzt wieder zu nehmen. Dennoch ging sein Stalking ihr langsam gewaltig auf die Nerven.
Sie erwog, den Spieß umzudrehen und ein paar Tage lang minutiös zu dokumentieren, wann (= immer) und in welcher Form (= permanente Verfolgung) der Mönch sie belauerte und ihn wegen Stalkings anzuzeigen. Eine Unterlassungsverfügung zu erwirken, wäre denkbar einfach, da er vor Gericht kaum behaupten konnte, er verfolge Sam, um die Menschheit vor der bösen Dämonin zu schützen, die sie seiner Meinung nach war. In dem Fall käme er in eine psychiatrische Klinik, und sie wäre ihn los. Doch natürlich war er nicht so dumm und würde sich wohl an die Verfügung halten, sich allerdings dadurch auch wieder in seiner Meinung über Sam bestätigt sehen. Denn – so seine verquere Logik – wenn sie wirklich harmlos wäre, hätte sie ja keinen Grund, ihn loswerden zu wollen.
Es war frustrierend! Sie richtete ihren Blick theatralisch gen Himmel. »Götter, gebt ihm endlich Vernunft!«, murmelte sie genervt. »Bitte! Und wenn ihr meine Hilfe dafür braucht – ich gebe sie euch! Hauptsache ihr schafft mir den Kerl vom Hals!«
Doch natürlich hatten die Götter anderes zu tun, als einer kleinen Dämonin einen Gefallen zu erweisen. Sam seufzte erneut, stieg ins Auto und fuhr nach Hause.

Der Engel Sariel betrachtete Sams Gesicht, das er auf dem magischen Spiegel, in dem er sie beobachtete, herangezoomt und eingefroren hatte. Er hörte nicht zum ersten Mal ihren »Hilferuf«, denn er beobachtete sie schon sehr lange. Genau genommen schon seit ihrer Geburt. Jetzt streckte er die Hand aus und berührte beinahe zärtlich das lebensgroße Abbild ihres Gesichts. Sie war so schön und etwas so Besonderes, dass er immer wieder über das Wunder staunte, das sie darstellte, obwohl er als ein Engel, der rangmäßig gleich hinter den Erzengeln kam und die himmlischen Heerscharen befehligte, noch an sehr viel größere Wunder gewohnt war.
Er ließ die Hand sinken, als er die Präsenz seines Herrn spürte und sank vor Jahwe auf ein Knie, als der ihn erreicht hatte.
»Erhebe dich, mein Freund.« Sariel gehorchte, und der Gott warf einen Blick auf das Bild von Sam, das der Engel betrachtet hatte. »Du beobachtest sie oft«, stellte Jahwe fest. »Gut, denn sie ist etwas ganz Besonderes, wie wir beide wissen.«
»Ja, mein Herr. Graham Winger ist allerdings immer noch fest entschlossen, sie zu töten, sobald sie ihm einen Anlass dazu liefert. Oder er glaubt, dass sie ihm einen Anlass dazu geliefert hätte. Früher oder später wird die Sache auf die eine oder andere Weise eskalieren. Samalas diesbezügliche Leidensfähigkeit neigt sich rapide ihrem Ende zu. Erst recht ihre Geduld.«
Sariel ließ den magischen Spiegel Sams entnervtes Flehen an die Götter wiederholen. Jahwe lächelte amüsiert. Er war keineswegs der einzige Gott in der Oberen Welt des Lichts und erst recht nicht der alte Mann mit dem langen weißen Bart, als den die meisten Christen sich ihren Gott vorstellten. Dieses Bild war in einer Zeit entstanden, in der die Menschen nicht glauben konnten, dass Weisheit und Macht in einem Wesen stecken könnten, das wie ein dynamischer und überaus gut aussehender Zwanzigjähriger wirkte.
»Wir können natürlich nicht zulassen, dass Graham Samala tötet oder sie auch nur bekämpft«, stimmte Jahwe Sariels unausgesprochenen Gedanken zu.
»Ich haben ihm bereits Zeichen über Zeichen geschickt, um ihn die Wahrheit erkennen zu lassen, mein Herr. Doch er ist immer noch gebrochen durch den Tod seiner Brüder und Schwestern, die starben, als sie den Spinnendämon vernichteten und deshalb nicht in der Lage, in Samala etwas anderes zu sehen als eine Tochter der Finsternis, die sie nicht ist.«
»Die sie nicht nur ist«, korrigierte der Gott nüchtern. »Die Finsternis ist viel stärker in ihr, als sie es hätte sein sollen. Wie dem auch sei, Sariel, ich gebe dir den Auftrag, Graham Winger eine Lektion zu erteilen, die ihn nachhaltig lehren wird, was er wissen muss, um wieder der Streiter des Lichts zu werden, der er früher war.«
»Ja, mein Herr. Denkst du an etwas Bestimmtes?«
Jahwe lächelte mit einem Hauch von Schelmenhaftigkeit. »Er soll Samala dienen. Ein Jahr und einen Tag. Oder auch länger, falls diese Zeit nicht ausreicht. Bei seiner Sturheit oder vielmehr Verbohrtheit könnte es dauern, bis er wieder vernünftig geworden ist.«
»Das wird ihm nicht gefallen«, war Sariel überzeugt.
Jahwe lachte leise. »Samala auch nicht. Doch sie werden beide davon profitieren können, sobald sie ihre gegenseitigen Ressentiments abgebaut haben. Regele das, Sariel«, fügte er ernst hinzu. »Bis zur Großen Entscheidung bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Und wir können es uns nicht leisten, dass Samala durch die Aktionen eines übereifrigen Pugnator Lucis, der ein Vertreter des Lichts sein sollte, zur Finsternis gedrängt wird.« Er seufzte und betonte noch einmal: »Diese Seite ist ohnehin viel zu stark in ihr.«
Sariel verbeugte sich, als Jahwe ging und begab sich unverzüglich in die Mittelwelt, um den Auftrag seines Herrn auszuführen.

Bruder Graham erwachte aus einem zur Abwechslung einmal erholsamen Schlaf, der nicht von Albträumen unterbrochen worden war und fühlte sich dadurch beinahe gut. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es acht Uhr morgens war. Demnach hatte er fast acht Stunden geschlafen. Der Mönch stand auf, setzte Kaffee in der kleinen Küche seines Wohnwagens Fleetwood Pioneer Spirit auf und ging anschließend unter die Dusche.
Besonders gründlich wusch er sich seine Hände, die er, sobald er Muße hatte darüber nachzudenken, immer noch nicht als »seine« Hände empfand. Sie waren Dämonenwerk, und er ekelte sich vor ihnen, obwohl er sie exzessiv mit Weihwasser geschrubbt hatte, bis er sich sicher war, alles Dämonische daraus getilgt zu haben. Er hatte »Sam Tyler« getötet – beinahe jedenfalls –, und ihr Vater hatte ihn dafür höchst qualvoll getötet. Fast. Sam hatte ihn in buchstäblich letzter Sekunde gerettet und seine von ihrem Vater zerstörten Hände in diesem Prozess regeneriert.1
Er verdankte ihr zwar sein Leben, doch sie war und blieb ein Dämon. Bruder Graham war fest davon überzeugt, dass sie früher oder später etwas tun würde, das es rechtfertigte sie zu töten wie jede andere Ausgeburt der Hölle. Er beobachtete sie unablässig – soweit er allein dazu in der Lage war – seit einem Dreivierteljahr. Leider wurde er auch ab und zu von seinem Orden zur Vernichtung anderer Höllenkreaturen eingesetzt. Natürlich nutzte sie diese Zeiten, um ihre finsteren Werke zu tun und lachte sich insgeheim ins Fäustchen darüber, dass er sie nicht hatte aufhalten können. Doch eines Tages, das wusste er, würde sie einen Fehler begehen, weil sie sich allzu selbstsicher fühlte und er sie in flagranti erwischen, wie sie einem Menschen schadete. Und dann ...!
Bruder Graham hatte sich gerade angezogen und Kaffee eingeschenkt, als übergangslos ein Mann in seinem Wohnwagen auftauchte. Der Mönch ließ reflexartig die Tasse fallen und griff zu dem Dämonendolch, den er am Gürtel seiner dunkelblauen Kutte trug. Der Fremde streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment die unversehrte und noch immer volle Tasse darin, die er vorsichtig auf dem Tisch absetzte, ehe er sich Graham zuwandte, der ihn fassungslos anstarrte.
Er spürte das reine Licht in diesem Wesen und wusste augenblicklich, dass er einen leibhaftigen Engel vor sich hatte. Deshalb nahm er die Hand vom Dolch. Der Engel ließ ihm keine Zeit, sich von seiner Überraschung zu erholen.
»In früheren Zeiten haben wir immer gesagt ‚Fürchte dich nicht!', wenn wir uns einem Menschen gezeigt haben«, sagte er mit einer Stimme, die vor Kraft vibrierte. »Aber in diesem Zeitalter, in dem ihr inzwischen lebt, fürchtet ihr uns ja ohnehin nicht mehr. Also drücke ich mich mal anders aus. Du wirst mir in Gottes Namen zuhören, die Klappe halten und tun, was ich dir im Auftrag des Herrn befehle zu tun. Verstanden?"
Bruder Graham starrte den Engel perplex an. Wann immer er sich einen Engel in seiner Fantasie vorgestellt hatte, so war es ein vom reinen Licht Gottes durchdrungenes Geschöpf gewesen, das sich entsprechend kleidete. Mit anderen Worten, ein geflügeltes Wesen, das ein weißes Gewand trug – und keinen Mann in Jeans und rotem Sweatshirt. Erst recht keinen Mann, der in dem Ton zu ihm sprach, wie dieser es gerade getan hatte. Lediglich das Licht, das er ausstrahlte, bewies, dass er tatsächlich ein Engel war, ebenso wie sein silberweißes Haar und seine silberblauen Augen.
Der setzte sich jetzt lässig halb auf die Kante des Tisches. »Graham Winger, es missfällt den Höchsten Mächten schon lange, wie du deine Aufgabe als Defensor interpretierst und wahrnimmst. Ganz besonders dein Übereifer, der dich wahllos alle Geschöpfe der Unterwelt verfolgen lässt. Die Aufgabe der Defensoren ist es natürlich, die Menschen vor den Geschöpfen des Bösen zu schützen; aber noch niemals waren ausnahmslos alle Geschöpfe böse, die zufällig der Unterwelt entstammen. Wie du sehr wohl weißt.«
Der Engel blickte den Mönch überaus streng an. »Leider hast du sämtliche Hinweise ignoriert, die wir dir in der Vergangenheit bereits gegeben haben, um dich zum Umdenken und Umkehren zu bewegen. Bisher haben deine Brüder und Schwestern dich davor bewahrt, ein unschuldiges Wesen zu ermorden, indem sie dir nur die Fälle übertragen haben, bei denen das betreffende Wesen die Vernichtung tatsächlich verdient hatte. Doch jetzt willst du auch noch Sam Tyler töten, obwohl sie dein Leben gerettet hat und einfach nicht wahrhaben, dass sie grundsätzlich nicht besser und nicht schlechter ist als jeder normale Mensch. Sie gehört definitiv nicht zu dem Bösen, das du vernichten sollst.«
Bruder Graham fand endlich seine Sprache wieder. »Sie ist ein Dämon«, fuhr er auf. »Eine Ausgeburt der Hölle, ein Gräuel, eine Abscheulichkeit, ein ...«
»Wie kannst du es wagen, Mensch, das Urteil Gottes über sie infrage zu stellen!«
Die Stimme des Engels donnerte in einer Lautstärke, dass sie Bruder Graham durch Mark und Bein ging, so gewaltig, dass der Mönch zu Boden stürzte und wie ein verängstigtes Kind den Kopf in den Armen verbarg. Der Engel zog ihn mit einer erstaunlichen Kraft auf die Beine und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu sehen. Er beugte sich vor und durchbohrte Bruder Graham mit einem so machtvollen Blick, dass es den Mönch in der Seele schmerzte.
»Es reicht, Graham Winger. Du hast den Bogen überspannt und wirst jetzt die Konsequenzen tragen. Da es dir offenbar an Einsichtsfähigkeit mangelt und an Demut noch viel mehr, wirst du beides eben auf die harte Tour lernen müssen. So höre denn, was Gott dir aufträgt zu tun. Du wirst der Dämonin Sam Tyler dienen, und zwar ein Jahr und einen Tag lang. Das bedeutet, du wirst in ihrer Nähe leben – bei ihr, falls sie das zulässt – und alles, wirklich alles tun, was sie dir zu tun aufträgt. Mit anderen Worten: Du wirst ihr bedingungslos gehorchen. Und natürlich bist du für die Zeit deines Dienstes bei ihr nicht Bruder Graham der Defensor, sondern Graham Winger der Privatmann. Hast du das verstanden?«
Bruder Grahams Gesichtsausdruck war mit jedem Satz des Engels fassungsloser geworden, und er glaubte, sich verhört zu haben. Das konnte unmöglich wahr sein. Er hatte einen Albtraum, eine Halluzination, denn Gott konnte unmöglich von ihm verlangen, einem Dämon zu dienen – von ihm, einem Mönch der Pugnatores Lucis, einem Defensor, einem rechtschaffenen Mann, der ...
»Einem nicht einmal annähernd so rechtschaffenen Mann, wie du dir einbildest zu sein«, beschied ihm der Engel, der seinen Gedanken gefolgt war. »Und nein, das hier ist kein Albtraum, sondern die Realität. Mitkommen!«
Bevor der Mönch sich versah, stand er zusammen mit dem Engel in Sam Tylers Büro und sah sich ihrem Dienergeist gegenüber, der als Mensch getarnt in Gestalt einer Frau hinter einem Schreibtisch saß. Der Dienergeist sog erschreckt die Luft ein und war im nächsten Moment verschwunden.
»Molly?«, ertönte Sam Tylers Stimme aus dem angrenzenden Raum, der das fluchtartige Verschwinden ihres Dienergeistes ebenso wenig verborgen geblieben war wie das Auftauchen der Macht, die der Engel ausstrahlte. »Kallas Blut, was ...«
Sie trat ins Vorzimmer und blieb abrupt stehen, als sie den Mönch und den Engel sah. Hatte Graham erwartet, dass sie ebenso erschrecken würde wie der Dienergeist, so sah er sich getäuscht. Sam stach einen Finger in seine Richtung.
»Raus!«, verlangte sie scharf und machte eine scheuchende Handbewegung zu dem Engel hin. »Und du auch! Der da ist hier nicht willkommen.«
»Fürchte dich nicht, Sam«, beschwichtigte sie der Engel, doch die Dämonin stemmte nur die Fäuste an die Hüften.
»Fürchten? Wovor? Mit dem da«, sie deutete mit dem Kinn auf Graham, »werde ich spielend fertig. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch dich notfalls austricksen kann.«
Der Engel lächelte, während Graham sie nur angewidert anstarrte und sich gleichzeitig fragte, warum sie nicht die geringste Angst vor einem Engel hatte, der sie mit einer einzigen Handbewegung vernichten konnte.
»Ich nehme an, du könntest mich tatsächlich austricksen«, gab der Engel zu. »Aber wir sind hier im Auftrag der Höchsten Mächte. Ich bin Sariel, einer ihrer Boten. Man nennt mich auch Uriel, und ich bin der Kommandant der Heerscharen des Lichts. Der Name Sariel gefällt mir jedoch besser.«
»Und wie lautet deine Botschaft?«, fragte Sam ungerührt.
»Die Höchsten Mächte haben dein Ersuchen um Hilfe hinsichtlich Bruder Grahams gehört, Sam, und haben entschieden, sie dir zu erfüllen. Ich bin die Antwort auf deine Gebete.«
»Welche Gebete? Ich bete nicht«, beschied ihm Sam.
»Deine Bitten«, korrigierte Sariel liebenswürdig. »Du wünschst, dass Graham aufhört dich zu verfolgen und Vernunft annimmt. Beides ist ganz in unserem Sinn. Deshalb wurde beschlossen, dass er dir ein Jahr lang dient, um ...«
»Du kannst doch nicht ernsthaft von mir verlangen, dieser Höllenbrut zu dienen«, fuhr der Mönch auf, der seine Ehrfurcht vor dem Engel bei dieser Ungeheuerlichkeit vollständig vergaß, von der er bis jetzt gehofft hatte, dass sie nicht ganz ernst gemeint war. »Ich werde nicht ...«
Sariel schnippte mit den Fingern, und Grahams Stimmbänder versagten. »Ich hatte dir befohlen, die Klappe zu halten.« Er schüttelte missbilligend den Kopf. »Muss man dir wirklich alles auf die harte Tour beibringen, Graham Winger?«
»Offensichtlich«, stimmte Sam ihm boshaft grinsend zu.
»Wie gesagt, Sam, er soll dir ein Jahr lang dienen, und ...«
»Nein!«
Sariel seufzte tief. »Kann ich bitte mal einen Satz zu Ende sprechen, ohne von einem von euch unterbrochen zu werden?«
Sam lächelte ihn an und neigte zustimmend den Kopf.
»Graham soll dir dienen, Sam«, wiederholte der Engel. »So lautet die Entscheidung der Höchsten Mächte.«
Sam schnaufte ungehalten. »Da habe ich ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden, und ich sage nein. Es reicht, dass der Kerl mich seit Monaten stalkt. Ihn als Diener um mich haben zu müssen, ist des Guten entschieden zuviel. Und ihr habt keine Macht über mich, dass ich dem zustimmen müsste.«
»Wir könnten dich dazu zwingen, Sam«, erinnerte Sariel sie. »Diese Macht haben wir sehr wohl.«
Sam schnaufte ungehalten. »Das ist keine Macht, sondern Gewalt. Deren Anwendung würde euch auf eine Stufe mit Luzifer stellen.«
Sariel seufzte erneut. »Sam, du bist ein wahrhaft schwieriger Fall«, stellte er fest.
»Ja, das sagt Luzifer auch immer über mich, demnach muss wohl was dran sein. Aber ich habe seine Macht und seine Gewalt über mich für alle Zeiten gebrochen, und ich werde eure gar nicht erst zulassen. Also pack deinen Mönch und verschwinde.«
Graham konnte es nicht fassen. Alles, was er von Dämonen wusste, war, dass sie die Mächte des Lichts fürchteten und hassten; dass sie entweder flohen oder sie in ganz seltenen Fällen angriffen, wenn sie sich mächtig genug fühlten. Dass ein Dämon einem Engel unbeeindruckt von dessen Macht die Stirn bot, war ungeheuerlich und passte zu rein gar nichts, was er gelernt hatte und aus Erfahrung kannte. Dass diese Dämonin auch noch freimütig einen offensichtlich engen Kontakt mit dem Teufel zugab, bestärkte ihn nur noch darin, dass sie vernichtet werden musste. Umso weniger begriff er, warum ihm das nicht nur verboten war, sondern er ausgerechnet ihr jetzt auch noch dienen musste. In diesem Moment hoffte er inbrünstig, dass es ihr gelingen möge, sich gegen Sariel durchzusetzen, damit ihm das erspart bliebe.
»Touché«, gestand der Engel und grinste. »Sieh es doch einmal so, Sam. Graham ist einfach nicht bereit, Vernunft anzunehmen. Solange er aber davon überzeugt ist, dass alle Geschöpfe der Unterwelt böse sind und vernichtet werden müssen, wird er immer eine Gefahr nicht nur für dich und deine Familie, sondern auch für alle anderen harmlosen Dämonen und sonstige ungefährlichen Wesen sein. Indem er dir dient, hast du die einmalige Chance, ihn die Wahrheit zu lehren, die er nicht sehen will.« Sariel blickte sie freundlich an.
»Ich gebe zu, dass deine Argumentation nicht von der Hand zu weisen ist.«
»Natürlich nicht«, stimmte der Engel ihr zu. »Außerdem hast du selbst doch die Götter gebeten, Graham Vernunft zu lehren und ihnen angeboten, ihnen dabei in jeder Form behilflich zu sein. Du wirst doch als ehrenhafter Sukkubus zu deinem Wort stehen, oder?«
»Ha! Seit wann gelten wir Sukkubi denn als ehrenhaft?«
»Nicht ‚ihr Sukkubi’, sondern du, Sam«, korrigierte Sariel.
Sam ignorierte den Einwand und warf Graham einen missmutigen Blick zu. »Ich hätte meine diesbezüglichen Worte wohl etwas vorsichtiger formulieren sollen. Wie lautet doch dieses eine Sprichwort der Menschen: Überlege dir gut, worum du bittest, denn du könntest es bekommen.« Sie schüttelte den Kopf. »Also, wenn er mir dient, so muss er tun, was ich sage?«, vergewisserte sie sich.
»Seine Auflage lautet, dir aufs Wort zu gehorchen. Solange du ihm nicht solche Dinge befiehlst wie sich umzubringen oder dergleichen. Ansonsten wird er dein Haus putzen« – Graham schluckte sichtbar – »oder deine Wäsche bügeln« – der Mönch bekam große Augen – »oder dir die Füße waschen.« Graham wurde bleich vor Entsetzen. »Doch wir sind uns sicher, dass du diese Macht über ihn nicht unangemessen ausnutzen wirst, Sam. Also?«
»Hm«, brummte Sam und grinste unvermittelt. »Das mit dem Füße waschen ist in der Tat eine verlockende Aussicht.«
Sie lachte herzlich, wurde aber sofort wieder ernst. Was der Engel ihr vorschlug, passte ihr gar nicht. Andererseits war das vielleicht genau das Mittel, nach dem Sam seit einem Dreivierteljahr vergeblich gesucht hatte, das Bruder Graham endlich zur Einsicht bringen würde. Vor allem dazu, in einem Jahr und einem Tag wieder zu verschwinden und sie endlich in Ruhe zu lassen. Sie traute ihm durchaus zu, dass er ohne diese oder eine ähnlich drastische Maßnahme womöglich noch mehr als nur ein Jahr lang vor ihrer Tür parken und sie verfolgen würde. Das gab schließlich den Ausschlag.
»Also gut, Sariel, du hast mich überzeugt. Ich nehme ihn. Ein Jahr und einen Tag und keine einzige Sekunde länger.«
Der Engel verbeugte sich vor Sam. »Ich danke dir. Darf er in deinem Haus wohnen?«
»Nur über meine Leiche!« Sams Stimme ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie das wörtlich meinte.
Sariel seufzte. »Aber er muss, um seine Lektion wirklich zu begreifen, in deiner unmittelbaren Nähe sein. Bei dir zu wohnen wäre ...«
»Nein!«
Der Engel zuckte mit den Schultern. »Ein Vorschlag zur Güte: Graham parkt seinen Wohnwagen vor deinem Haus und lebt darin. Und er wird ohne deine Erlaubnis keinen einzigen Fuß in dein Haus setzen.«
»Das könnte er sowieso nicht«, stellte Sam ungerührt fest. »Nichts Böses und niemand mit bösen Absichten kann mein Haus betreten.«
Graham hätte ihr am liebsten ins Gesicht geschleudert, dass sie das Böse war und nicht er; doch der Bann, den Sariel auf ihn gelegt hatte, verhinderte immer noch, dass er auch nur einen einzigen Laut von sich gab.
»Also gut. Er kann vor meinem Haus parken.« Sam blickte Sariel auffordernd an. »Sonst noch was?«
Der Engel lächelte. »Nein. Danke, Sam.« Er wandte sich an Graham. »Dich zu ermahnen, ist immer noch zwecklos«, war er überzeugt. »Deshalb gebe ich dir Gottes letzte Botschaft für dich mit auf den Weg. Solltest du Sam nicht zu ihrer Zufriedenheit dienen, so wird sich mit jedem deiner diesbezüglichen Verfehlungen deine Dienstzeit bei ihr um einen Monat verlängern. Verstanden?«
Graham konnte nur nicken.
»Hey!«, protestierte Sam. »Ich denke, er soll bestraft werden, nicht ich!«
Sariel schmunzelte. »Ich glaube nicht, dass du darauf ernsthaft eine Antwort erwartest, Sam.«
Sam knurrte nur. »Oh bitte«, flehte sie anschließend den Mönch an und rang theatralisch die Hände, »leiste dir keine einzige Verfehlung! Ich will dich auf keinen Fall länger als ein Jahr auf dem Hals haben!«
»Das ist ganz in meinem Sinn!«, fauchte Graham und stellte erleichtert fest, dass seine Stimme ihm wieder gehorchte.
»Tsk, tsk, tsk«, tadelte Sariel und schüttelte missbilligend den Kopf. »Mäßige dich, Graham, sonst bekommst du den ersten Zusatzmonat sofort aufgebrummt.«
Der Mönch schwieg und presste nur die Lippen zusammen.
»Noch eins, Graham: Du bist für die Dauer deines Dienstes bei Sam kein Mitglied der Pugnatores Lucis mehr. Das bedeutet, dass du für diese Zeit auch von allen deinen Gelübden entbunden bist. Schließlich vereinbaren sich ein paar davon nicht mit deinem neuen Status.«
Sariel wartete seine Erwiderung nicht ab, sondern nickte ihm und Sam kurz zu und war verschwunden, bevor einer von beiden noch etwas sagen konnte. Sam verschränkte die Arme vor der Brust und blickte den Mönch finster an. Graham starrte nicht minder finster zurück. Alles in ihm sträubte sich dagegen, ab sofort ständig in der unmittelbaren Nähe dieses Dämons sein zu müssen; ihm auch noch zu dienen war ihm unerträglich. Gott prüfte ihn wirklich schwer mit dieser Verdammnis. Dennoch war Grahams Vertrauen in Ihn ungebrochen und er fest entschlossen, die Prüfung zu meistern.
Sam Tyler sprach ein Wort in der unheiligen Sprache der Dämonen, und wenige Augenblicke später erschien sichtbar widerstrebend ihr Dienergeist. Das Wesen fletschte die Zähne und fauchte Graham an.
»Ich werde nicht sein, wo der ist«, zischte es abweisend. »Du kannst mich nicht zwingen.«
Sam fixierte den Dienergeist mit einem kalten Blick. »Wir haben einen Pakt«, sagte sie eisig. »Willst du den brechen?«
Der Dienergeist senkte den Kopf. »Nein. Aber ich bitte dich, mich von ihm zu entbinden.«
Sam schüttelte den Kopf. »Du wirst den Pakt erfüllen, wie wir ihn vereinbart haben, so wie ich ihn dir gegenüber erfüllen werde. Der da«, sie nickte zu Graham hinüber, »wird dir nichts tun. Und du wirst ihm auch nichts tun. Offiziell ist er« – sie warf Graham einen abschätzenden Blick zu – »mein Assistent. Ich wünsche nicht, dass es irgendwelche Schwierigkeiten mit euch oder zwischen euch gibt. Verstanden?« Sie blickte beide abwechselnd scharf an.
»Ja, Herrin«, bestätigte der Dienergeist und setzte sich wieder in Gestalt von »Molly Spring« an seinen Schreibtisch, als wäre nichts gewesen.
Graham hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen, statt dem Dämon zu antworten, musste aber gemäß der Weisung, die er von Sariel und somit von Gott erhalten hatte, nachgeben. »Verstanden«, brummte er.
Sam deutete mit missmutig gerunzelter Stirn auf einen zweiten Schreibtisch, der herrenlos im Zimmer stand. »Dein Platz.«
»Und was soll ich da tun?« Die ganze Situation war ihm so unerträglich, dass er beinahe körperliche Schmerzen verspürte.
Sam grinste wölfisch. »Was immer ich dir zu tun auftrage. Und da wird mir schon was einfallen.«
Aber mit Sicherheit nichts Gutes, da war sich Graham sicher. Mein Gott, mein Vater, was habe ich getan, dass du mich so sehr strafst? Aber Gott antwortete ihm nicht.
»Als Erstes wirst du mal deine Kutte ablegen. Die passt nicht in mein Büro. Wir wollen ja nicht meine Klienten verschrecken. Also zieh das Ding aus.«
Graham gehorchte widerstrebend. Da er darunter Jeans und ein sauberes Hemd trug, sah er immer noch präsentabel aus. Er faltete die Kutte sorgfältig zusammen und legte sie über die Lehne des Stuhls an »seinem« Schreibtisch, bevor er Sam entschlossen anblickte und das Silberkreuz umklammerte, das er trug.
»Mein Kreuz werde ich auf keinen Fall ablegen, egal was du mir befiehlst, Dämon.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Ich kann mich nicht erinnern, das von dir verlangt zu haben.« Sie nahm einen Stapel Akten von Mollys Schreibtisch und legte sie auf Grahams. »Auf Vollständigkeit prüfen und danach die Vollständigen in die Aktenschränke einsortieren«, befahl sie. »Bei denen, wo noch Zahlungen offen sind, schreibst du eine freundliche Zahlungserinnerung, sofern der im Vertrag vereinbarte Zahlungstermin überschritten ist und legst die Akten auf Wiedervorlage. – Molly, mach ihm einen Ausdruck der heute auf dem Konto eingegangenen Zahlungen. Und falls er Hilfe braucht, so hilfst du ihm. Klar?«
»Jawohl«, bestätigte der Dienergeist mit ausdrucksloser Stimme.
Sam kehrte in ihr Büro zurück, und Graham erhielt gleich darauf den Ausdruck, auf dem auch der aktuelle Kontostand vermerkt war. Der Mönch musste zweimal hinsehen, ehe er es glauben konnte. Das Geschäftskonto der Detektei wies ein Guthaben von fast einer Viertelmillion Dollar auf. Bestimmt zog sie ihren Klienten den letzten Cent aus der Tasche.
Er schlug die erste Akte auf und überflog Sams Notizen zu dem Fall und die vertraglich vereinbarten Leistungen. Der vorgedruckte Passus von 500 Dollar pro Tag plus Spesen war durchgestrichen und handschriftlich ersetzt durch »100 $ zahlbar in 10 Raten, kein Zahlungsziel.« Er warf der Dämonin durch die offene Tür ihres Büros einen misstrauischen Blick zu. Hatte sie die Eintragung gerade mit ihrer Magie verändert, um ihn zu täuschen? Nein, er hätte die Anwendung von Magie gespürt. Er blätterte in der nächsten Akte, doch der dazu gehörige Klient hatte den vollen Preis entrichten müssen und auch bereits insgesamt 2371 Dollar und 73 Cent überwiesen. Eine Spesenabrechnung war auf den Cent genau aufgelistet und als Kopie beigefügt.
Für die nächste Klientin hatte Sam ihre ausgerissene Tochter gesucht und sie innerhalb von nur wenigen Stunden gefunden. Statt des Tagesatzes hatte sie der Frau nur die Hälfte berechnet und ebenfalls Ratenzahlung gewährt. Je mehr Akten Graham durchsah, desto klarer wurde das Bild, dass Sam von denen, die es sich leisten konnten, die volle Gebühr kassierte und bei den weniger Betuchten großzügige Nachlässe gewährte. Er konnte es kaum glauben.
Ebenso wenig konnte er glauben, dass er sich tatsächlich in dieser grotesken Situation befand und einer Dämonin dienen musste. Ihr aufs Wort zu gehorchen hatte wie ein Hund. Oh Gott, was würde sein Orden dazu sagen? Er musste Abt Dennis benachrichtigen und ihn über diese Ungeheuerlichkeit in Kenntnis setzen. Schließlich hatte Sariel unmissverständlich klar gemacht, dass er, Graham, vorübergehend kein Mitglied des Ordens mehr war.
Noch schlimmer war, dass er dem Abt erklären musste, warum er mit dieser Strafe belegt worden war – und somit gestehen musste, dass er ihn und seine Mitschwestern und –brüder seit Monaten belogen hatte. Ganz gleich für wie gerechtfertigt er das gehalten hatte, es war und blieb peinlich, die Täuschung zugeben zu müssen.
Er zuckte zusammen, als sein Handy klingelte. Der Anruf kam von Abt Dennis, als hätte der über Meilen Entfernung seine Gedanken erraten.
»Bruder Graham, geht es dir gut?«
Graham fühlte sich beinahe erleichtert, die vertraute Stimme seines Mentors zu hören. »Ja, Vater Abt, Es geht mir soweit ganz gut. Aber ich muss dir etwas Wichtiges sagen.«
»Nicht nötig, Bruder Graham. Wir hatten gerade Besuch von einem Gesandten Gottes, der uns über deinen neuen Status bei einer Miss Sam Tyler in Kenntnis gesetzt hat. Er nannte uns auch den Grund dafür.« Die Stimme des Abts klang unvermittelt eisig. »Bruder Graham, du hast uns – mich – die ganze Zeit über belogen. Du warst die letzten Monate nicht hinter einem Seelenfresser her, sondern hast einen harmlosen Sukkubus verfolgt, der keinem Menschen etwas getan hat und außerdem, wie es scheint, auch noch unter dem Schutz des Herrn steht. Bruder Graham, wie konntest du nur!«
Der Mönch konnte nicht verhindern, dass er in sich zusammensank und errötete. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er glaubte sich immer noch im Recht, aber die Enttäuschung in Abt Dennis’ Stimme traf und beschämte ihn tief. »Es tut mir leid«, war alles, was er herausbrachte, wohl wissend, dass es für sein Verhalten keine Entschuldigung gab.
»Du hast deine Strafe für deine Verfehlung ja nun bekommen«, stellte Abt Dennis fest. Es klang ausgesprochen traurig und kummervoll. »Wir lassen dich dennoch nicht fallen, Bruder Graham. Sobald du deinen Strafdienst bei Miss Tyler abgeleistet hast, erwarten wir dich wieder hier im Kloster. Bis dahin wirst du tun, was Gott dir aufgetragen hat. Ich hoffe, dass du uns diesbezüglich keine Schande machst.«
»Nein, Vater Abt. Bestimmt nicht.«
»Nutze diese Chance zur Heilung deiner Seele, mein Sohn«, riet ihm der Abt eindringlich. »Alles Gute, Graham. Und wenn du unsere Hilfe brauchst, so sind wir alle selbstverständlich für dich da. Gott mit dir, mein Junge.«
»Danke, Vater Abt.« Doch Abt Dennis hatte das Gespräch bereits beendet.
Graham kam nicht dazu, weiter über die Worte des Abts nachzudenken, besonders seines Hinweises bezüglich der Heilung seiner Seele, denn die Türglocke kündigte einen Besucher an. Zwei, um genau zu sein, denn ein Ehepaar mittleren Alters betrat das Büro, sah sich ein wenig unsicher um und kam dann auf Graham zu.
»Mr. Tyler?«
»Ich bin Sam Tyler«, enthob ihn Sam einer Antwort, die aus ihrem Büro kam und den beiden die Hand reichte. »Das ist mein Assistent Graham Winger, meine Sekretärin Molly Spring«, stellte sie die beiden vor.
»Carl Michaels, meine Frau Bonnie. Wir haben zwar keinen Termin, Miss Tyler, aber ...«
»Ich kann Sie trotzdem empfangen«, unterbrach Sam ihn liebenswürdig. »Die Recherchen, mit denen ich gerade beschäftigt bin, laufen mir nicht weg.« Sam war mit überhaupt keinen Recherchen beschäftigt, sondern damit darüber nachzudenken, wie sie die Situation handhaben sollte, dass sie Bruder Graham jetzt für mindestens zwölf weitere Monate auf dem Hals hatte. »Bitte, kommen Sie in mein Büro. Möchten Sie Kaffee, Tee, Mineralwasser, Obstsaft?«
»Für uns Kaffee bitte«, nahm Bonnie Michaels das Angebot an.
»Graham, dreimal Kaffee«, bestellte Sam und geleitete das Ehepaar in ihr Büro.
Der Dienergeist grinste den Mönch schadenfroh an und deutete mit dem Daumen auf eine offene Tür neben seinem Schreibtisch, die offensichtlich in eine kleine Küche führte. »Ich würde mich beeilen«, sagte er mit seidiger Boshaftigkeit leise. »Die Herrin kann sehr unangenehm werden, wenn man sie warten lässt.«
Graham ignorierte das Geschöpf. Er fand Geschirr in den Schränken und frisch gebrühten Kaffee in der Maschine neben dem Herd. Wenig später ging er mit einem mit drei Tassen Kaffee, Zucker und Milch beladenen Tablett in Sams Büro und setzte es auf ihrem Schreibtisch ab.
Die Dämonin blickte ihn auffordernd an und machte schließlich eine Geste, die ihn anwies, den Klienten und ihr den Kaffee zu servieren, was er widerstrebend tat.
»Graham hat heute seinen ersten Tag bei mir«, erklärte sie den beiden entschuldigend. »Er muss erst noch lernen, wie die Dinge in meiner Detektei laufen. – Setz dich, Graham, und hör zu«, befahl sie ihm, als er das Büro mit dem leeren Tablett wieder verlassen wollte.
Missmutig nahm er in dem Sessel neben ihrem Tisch Platz, auf den sie deutete. Sam wandte sich wieder den Michaels’ zu.
»Sie wollten mir gerade erzählen, warum Sie nicht glauben, dass Ihr Sohn ausgerissen ist.«
»Das ist absolut nicht Alans Art«, versicherte Bonnie Michaels vehement. »Er ist ein guter Junge, gut in der Schule, beliebt, hat Freunde. Es gibt für ihn überhaupt keinen Grund wegzulaufen. Aber da er schon achtzehn ist, sieht die Polizei keine Veranlassung, etwas zu unternehmen.«
»Die haben uns mit der Plattitüde abgespeist, dass er mit Freunden eine Spritztour macht oder mit Alkohol über die Stränge geschlagen hat und zurückkommen wird, sobald er nüchtern ist«, fügte Carl wütend hinzu. »Aber das würde Alan nie tun! Niemals!«
Sam kannte Menschen inzwischen gut genug um zu wissen, dass die engsten Angehörigen oft diejenigen waren, die gewisse Dinge als Letzte bemerkten und von den Abgründen in ihren Familienmitgliedern nichts ahnten.
»Sie haben sogar behauptet, er wäre unglücklich, weil wir ihn adoptiert haben«, ergänzte Bonnie. »Aber das ist nicht wahr!« Sie blickte Sam flehentlich an. »Bitte, Miss Tyler, Sie glauben uns doch?«
»Natürlich«, versicherte Sam. »Was immer der Grund für Ihren Sohn gewesen ist zu verschwinden, ich werde mein Möglichstes tun, um ihn zu finden. Wann genau ist er verschwunden?«
»Am 24. Juni. Mitten in der Nacht. Er ist einfach aufgestanden, hat das Haus verlassen und kam nicht wieder.«
Sam kniff nachdenklich die Augen zusammen. Auch Corey Fallon war in der Nacht zum 24. Juni verschwunden.
»Wir haben ein Foto mitgebracht.«
Carl reichte es Sam. Sie nahm es und hatte dasselbe Gefühl wie bei Corey Fallons Bild, dass das Verschwinden des Jungen keine natürliche Ursache hatte.
»Wenn wir irgendwas tun können, Miss Tyler«, begann Carl, doch Sam unterbrach ihn.
»Sie können die Sache vollkommen mir überlassen. Ich werde Alan finden. Es kann ein paar Tage dauern, aber ich finde ihn.«
Sie sprach mit solcher Sicherheit, dass die Michaels’ sie dankbar und erleichtert ansahen. Graham presste die Lippen zusammen, um nicht mit dem herauszuplatzen, was ihm auf der Zunge lag, nämlich dass sie gar keine solche Zusage machen konnte und in den Leuten womöglich falsche Hoffnungen weckte. Stumm sah er zu, wie die Dämonin die Formalitäten des Vertragsabschlusses erledigte und das Ehepaar anschließend hinaus begleitete.
Als sie zurückkehrte, konnte er nicht mehr an sich halten. »Es macht dir offensichtlich Spaß, die Menschen mit falschen Hoffnungen zu quälen. Diesen armen Leuten zu versprechen, dass du ihren Sohn findest.« Er bedachte sie mit einem Blick tiefsten Abscheus. »Ich wusste von Anfang an, dass du nur Schaden anrichtest und ich bedauere, dass es mir versagt ist, dich dafür zur Rechenschaft zu ziehen.«
»Kleine Warnung, Graham«, sagte Sam vollkommen ruhig, beinahe unbeteiligt. »Wenn du mit solchen Anschuldigungen nicht aufhörst, nehme ich dir deine Stimme wie es Sariel vorhin getan hat. Das ist eine meiner leichtesten Übungen. Nur ich gebe sie dir in dem Fall garantiert nicht vor Ablauf des besagten Jahres zurück«, drohte sie. »Also halte deine Viperzunge im Zaum. Davon abgesehen habe ich in den Leuten keine falschen Hoffnungen geweckt. Ich habe bisher alle Vermissten gefunden, die ich gesucht habe. In zwei Fällen waren sie zwar bereits tot, aber ich habe sie gefunden. Und ich finde auch diesen Jungen, tot oder lebendig. Ich hoffe lebendig.«
Sam nahm den Telefonhörer und drückte eine Kurzwahltaste. »Hallo Ron«, sagte sie Sekunden später. »Kannst du reden?«
»Ja, außer mir und Kevin ist niemand im Raum«, bestätigte Ronan Kerry, seines Zeichens Lieutenant vom Major Case Squad beim Cleveland Police Departement. »Was kann ich für dich tun, Sam?«
»Hallo Sam«, grüßte auch Kevin Bennett sie, dessen scharfe Werwolfohren Sams Stimme aus dem Telefon mühelos hörten.
»Hi Kevin. – Hört mal, Jungs, könnt ihr für mich nachprüfen, wie viele Menschen am 24. Juni verschwunden sind? Nicht unbedingt nur hier in der Gegend. Ich habe zwei Vermisstenfälle hier in Cleveland – Corey Fallon, 30 und Alan Michaels, 18 –, die beide am selben Tag verschwunden sind und das Gefühl, dass die zusammenhängen könnten. Kennzeichen: Die beiden verschwanden wohl aus eigenem Willen mitten in der Nacht aus dem Haus, denn es deutet nichts auf eine Entführung hin, und tauchten bis jetzt nicht wieder auf.«
»Kein Problem, Sam«, versicherte Ronan. »Ich maile dir die Liste in ein paar Minuten.«
»Danke, Ron.« Sie unterbrach die Verbindung.
»Wozu die Mühe?«, höhnte Graham. »Ich weiß, was du bist, also kannst du in meiner Gegenwart Magie anwenden, soviel du willst. Du musst nicht so tun, als wärst du ein Mensch.«
Sam gestattete sich ein verächtliches Lächeln. »Ach weißt du, Mönchlein, du bist nicht mal annähernd so wichtig, dass ich auch nur die geringste meiner Handlungen auf dich abstimmen würde. Mal abgesehen davon, dass ich dir keine Rechenschaft über was auch immer schuldig bin, sollst du ja was lernen«, fügte sie ironisch hinzu. »Deshalb bekommst du ausnahmsweise eine Antwort. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, so wenig Magie wie möglich anzuwenden, solange ich mich außerhalb meines Hauses unter Menschen oder in ihrer Nähe aufhalte, wenn ich das, was ich brauche, auch auf herkömmliche Weise erreichen kann. Zum Beispiel mit einem Anruf bei einem Freund.«
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. »Nach meinen Informationen könnt ihr Defensoren die Anwendung von Magie in eurer Nähe spüren. Da du mich ja seit Monaten ständig belauerst und dich sicher erinnern wirst, wie oft du da bei mir Magie gespürt hast, weißt du, dass das die Wahrheit ist.«
Das stimmte zwar, doch Graham war überzeugt, dass sie eben deshalb mit der Anwendung von Magie immer gewartet hatte, bis er seinen Beobachtungsposten aufgab. Bevor er jedoch antworten konnte, signalisierte ein leiser Glockenton aus Sams Computer das Eingehen einer E-Mail.
»Da ist die versprochene Liste ja schon«, stellte sie fest und überflog sie. Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. Das Telefon klingelte, und sie nahm ab. »Ja, Ron, ich sehe es auch«, sagte sie, ohne abzuwarten, dass der Lieutenant sich meldete. »143 Vermisste, die alle in derselben Nacht unter denselben Umständen verschwunden sind und bis auf wenige Ausnahmen in einem Umkreis von nur achtzig Meilen leben, halte ich nicht für einen Zufall, sondern für eine Epidemie.«
»Und das sind nur die, deren Verschwinden gemeldet wurde. Ich bin mir sicher, dass es noch mehr Verschwundene gibt, deren Angehörige nur noch nicht bei der Polizei waren oder die niemand vermisst. Nicht zu vergessen die Fälle, in denen die Leute Stunden später zurückgekommen sind, sich aber nicht erinnern können, wo sie waren, während man sie vermisste. Sam, ich habe ein ganz mieses Gefühl dabei«, ergänzte Ronan. »Ein verdammt mieses Gefühl. Was ist da los?«
»Ich habe keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden. Danke, Ron. Ich halte dich auf dem Laufenden.«
Sam legte den Telefonhörer zur Seite und holte ihre bewährte Landkarte aus der Schreibtischschublade. Sie breitete sie auf dem Nebentisch aus, der im rechten Winkel zu ihrem stand und initiierte den Suchzauber für Alan Michaels. Auch bei dem jungen Mann erhielt sie kein Ergebnis. Graham, der das sehr wohl merkte, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, das regelrecht zufrieden wurde, als auch der ungekehrte Suchzauber ergebnislos blieb und das gleiche mit dem Zauber passierte, der einen Schutzschild neutralisierte.
Als Sam mit gerunzelter Stirn nachdenklich auf den Plan starrte, konnte er sich eine höhnische Bemerkung nicht mehr verkneifen. »Du siehst, Dämon, dass auch deine Macht Grenzen hat und deine unheilige Magie nicht einmal annähernd an die Macht Gottes heranreicht.«
Er war sich sicher, dass sie ihn dafür mit dem Entzug seiner Stimme oder Schlimmerem bestrafen würde. Doch das hatte einfach gesagt werden müssen. Stattdessen sah sie ihn sehr ernst mit einem Ausdruck an, den er nicht deuten konnte.
»Dessen bin ich mir bewusst, Graham. Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mir dessen bewusst bin.« Sie zögerte einen Moment. »Weißt du, was ich gerade getan habe?«
»Du hast versucht, den vermissten Jungen mit Magie zu finden.«
»Und der Zauber hat seinen Aufenthaltsort nicht preisgegeben. Ebenso wenig wie den von Corey Fallon, einem anderen Fall, den ich gestern übernommen habe. Ich versichere dir, Graham, dass ein solcher Suchzauber auf die eine oder andere Weise immer funktioniert – wenn der Betreffende noch lebt. Da ich in keinem Fall ein Ergebnis erzielt habe, sind sie beide höchstwahrscheinlich tot.«
Sie zögerte erneut. Es widerstrebte ihr, diesen übereifrigen Defensor mit Informationen darüber zu füttern, wie sie normalerweise arbeitete. Da sie sich keineswegs sicher war, dass er durch seine erzwungene Zusammenarbeit mit ihr tatsächlich begreifen würde, dass Sam keine Gefahr für Menschen darstellte, konnte er dieses Wissen nur allzu leicht gegen sie verwenden. Andererseits musste sie ihm gegenüber offen sein, da sie nur so überhaupt eine Chance hatte, dass er die Wahrheit erkannte und vor allem glaubte. Scheiße, verdammt!
»Ich habe die Einträge meiner Detektei in die Branchenverzeichnisse mit einem Zauber versehen«, offenbarte sie ihm. »Der bewirkt, dass alle Leute, die einen Privatermittler engagieren wollen aufgrund von Ereignissen, die magischen Ursprungs sind – auch wenn die Betroffenen das nicht wissen –, automatisch unter allen Detekteien meine auswählen. Der Rest meiner Kundschaft wird entweder durch die Kombination mit Personenschutz und Security angesprochen oder durch Mundpropaganda zufriedner Kunden.
Jedenfalls sind sowohl Olivia Fallon wie auch die Michaels’ zu mir gekommen, weil das Verschwinden ihrer Angehörigen mit Magie zu tun hat. Dass beide Männer in derselben Nacht auf dieselbe Weise verschwunden und jetzt wahrscheinlich tot sind, deutet stark darauf hin, dass die Fälle zusammenhängen. Und dass zur selben Zeit noch 141 weitere Leute verschwunden sind, ist definitiv kein Zufall.«
Falls sie darauf wartete, dass Graham sich dazu äußerte, so tat er ihr nicht den Gefallen.
»Ich werde als Erstes die Körper der beiden finden. Vielleicht offenbart mir der Ort, an dem sie sich befinden, auch den Zusammenhang zu den anderen Fällen.«
Mit einem Bringzauber ließ sie einen goldgefassten Spiegel in ihrer Hand erscheinen, dessen Oberfläche aus einem polierten schwarzen Stein bestand, der nicht aus der Welt der Menschen stammte. Ein weiterer Bringzauber beförderte Alan Michaels’ Kamm zu ihr. Sie entnahm ihm ein paar Haare, legte die auf den Spiegel und blies ihren Atem darauf. Anschließend flüsterte sie einen Zauber in Unadru, der Sprache der Dämonen.
Der schwarze Stein waberte und erhellte sich. Bruder Graham beugte sich beinahe gegen seinen Willen neugierig vor, um zu sehen, was passierte. Wenig später erschien ein Bild darauf, das Alan Michaels zeigte. Doch der junge Mann war keineswegs tot, wie Sam vermutet hatte. Er befand ich in der Wohnung einer Familie, die offenbar gerade eine Trauerfeier abhielt. Alan hielt ein Tranchiermesser in der Hand, an dessen Klinge Blut klebte. Auf dem Boden zu seinen Füßen lagen ein Mann mit durchschnittener Kehle und eine Frau, deren Brustbereich über dem Herzen blutdurchtränkt war. Sie lebte ebenfalls nicht mehr.
Und Alan Michaels stürzte sich gerade auf eine weitere Frau, bevor die Anwesenden ihre Schockstarre überwunden hatten und ihn daran hindern konnten.
»Kallas Blut!«
Sam packte Grahams Arm, ehe der zurückzucken konnte und sprang mit ihm durch die Dimensionen direkt vor die Tür der Familie.

Janice Hartfield versuchte, den Überblick zu behalten in dem Chaos aus Trauer, Schmerz und emotionaler Orientierungslosigkeit. Vor wenigen Stunden hatte die Familie Sully Hartfield beerdigt, den Bruder von Janices Mann Thad. Sully war bei einem Arbeitsunfall tödlich verunglückt. Da er nicht verheiratet gewesen war, fand die Trauerfeier in Thads Wohnung statt. Sully war ein lustiger Kerl gewesen, und jeder hatte ihn gemocht. Nicht nur Thad war daher tief getroffen von seinem Tod. Deshalb kümmerte sich Janice um alles, obwohl auch sie ihren Schwager vermisste und das Unglück immer noch nicht fassen konnte.
Als es laut und fordernd an der Tür klopfte, ging sie öffnen. Sie hatte die Tür kaum einen Spalt breit aufgemacht, als sie gewaltsam aufgestoßen wurde. Janice taumelte zurück. Der junge Mann, der davor stand und sie jetzt rüde zur Seite stieß, war ihr völlig unbekannt. Bevor sie mehr tun konnte als einen empörten Laut von sich geben, hatte er Thad entdeckt. Auf dem Tisch lag noch das Tranchiermesser, mit dem der Braten zum Mittagessen geschnitten worden war. Der Junge warf kaum einen Blick darauf, schnappte das Messer, war mit wenigen Schritten bei Thad und schnitt ihm die Kehle durch, bevor ihn jemand aufhalten konnte.
Ehe einer der Anwesenden sich von dem Schock erholen konnte, hatte der Junge das Messer Thads Schwester Tina Hamilton ins Herz gerammt und wandte sich jetzt der jüngsten Hartfield-Schwester Queenie zu. Nicht nur Queenie begann hysterisch zu schreien, als der junge Mann sich mit erhobenem Messer und einem wahrhaft hasserfüllten Blick auf sie stürzte.
Im nächsten Moment stürmte eine schwarzhaarige Frau gefolgt von einem großen dunkelblonden Mann durch die immer noch offene Wohnungstür herein. Sie fing den Stoß des Jungen ab, mit dem er Queenie töten wollte, verdrehte seinen Arm nach hinten und zwang ihn zu Boden. Das Messer fiel aus seiner Hand, und er brüllte.
Es war ein Laut, der den Menschen die Haare zu Berge stehen ließ und den keiner von ihnen je wieder vergessen würde. Darin lagen so viel Wut, Hass und Vernichtungswillen, dass es wahrhaft unmenschlich war. Der Junge wand sich im Griff der Frau und versuchte zum Glück vergeblich, sich daraus zu befreien. Sein mordlüsterner Blick war immer noch auf Queenie Hartfield gerichtet. Doch wer immer die fremde Frau war, sie machte kurzen Prozess mit ihm und hieb ihm die Handkante gegen den Hals. Der Junge sackte bewusstlos zusammen, und sie fesselte ihm mit Handschellen die Hände auf den Rücken.
Janice stürzte zu Thad, warf sich über ihn und schüttelte ihn weinend in dem verzweifelten Versuch, ihm das Leben zurückzugeben, das der Junge ihm genommen hatte. Tina Hamiltons Mann tat dasselbe mit seiner Frau, und eine Weile herrschte das schiere Chaos.
Graham zog Janice schließlich sanft von der Leiche ihres Mannes weg und half ihr, sich auf eine Couch zu setzen. Er sprach ihr Trost zu, obwohl natürlich keine Worte ihr in dieser Situation Trost spenden konnten.
Sam griff derweilen zum Handy und wählte Ronans Nummer über eine einprogrammierte Kurzwahl. »Ron, ich habe einen 10-28 mit 2 DB und 10-8. Adresse: 208 West St. Claire Avenue, Appartement E, Hartfield. Und«, fügte sie auf Gälisch hinzu, »es hat mit unseren Vermissten zu tun.«
Ronan stieß einen halblauten Fluch aus. »Wir sind gleich da.«
Da Sam offensichtlich gute Kontakte zur Polizei hatte, wunderte es Graham nicht, dass sie die gängigen Polizeicodes kannte. »10-28« für Mord, »2 DB«2 für zwei Tote und »10-8« für »Täter in Gewahrsam«. Dass sie überhaupt freundschaftlichen Umgang mit der Polizei pflegte, wunderte ihn dagegen schon. Schließlich war sie vor einem Dreivierteljahr wegen Mordverdachts verhaftet worden.3
Janice Hartfield war völlig aufgelöst und starrte Sam und Graham fassungslos an. »Was ist denn nur hier los? Wer ist dieser Mann?« Sie deutete auf den bewusstlosen Alan. »Und wer sind Sie?«
Sam stellte sich und Graham kurz vor. »Die Eltern dieses jungen Mannes haben ihren Sohn als vermisst gemeldet und uns beauftragt, ihn zu finden, da die Polizei davon ausgegangen ist, dass er sich nur mit Freunden herumtreibt. Wir sind seiner Spur bis zu Ihrer Wohnung gefolgt und leider zu spät gekommen, um seine Tat zu verhindern.«
»Aber warum hat er das getan?« Janice weinte noch heftiger. »Ich kenne ihn doch überhaupt nicht! Und wir haben gerade meinen Schwager Sully beerdigt. Er hatte einen Arbeitsunfall auf der Straßenbaustelle bei Doylestown. Und jetzt hat er Thad und Tina ...« Sie heulte regelrecht auf, und Graham legte beruhigend den Arm um sie, um ihr Halt zu geben.
»Ich weiß es nicht, Mrs. Hartfield. Das rauszufinden ist ja auch Sache der Polizei, die jeden Moment eintreffen müsste.«
Graham ergriff die Hand der Frau und streichelte sie. »Es tut mir so leid, Mrs. Hartfield. Darf ich mit Ihnen ein Gebet für die Toten sprechen?«
Janice Hartfield nickte weinend. Während Graham das Gebet sprach, dem sich spontan auch einige der anderen Anwesenden anschlossen, wirkte Sam unbemerkt von ihnen einen Zauber, der ihr die Verbindung zwischen Thad Hartfield, Tina Hamilton und Alan Michaels offenbaren sollte, denn es musste eine geben. Wenn ein Mensch durch Magie oder Besessenheit zum Mörder wurde, so tötete er entweder wahllos jedes Opfer, das das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder ausschließlich solche Leute, mit denen er beziehungsweise derjenige, von dem er besessen war, noch eine Rechnung offen hatte. Da Alan Michaels gezielt die Hartfields aufgesucht hatte, musste es Letzteres sein.
Der Zauber lieferte Sam auch den Grund. Thad Hartfield war Alans leiblicher Vater und Tina Hamilton dessen Schwester. Die Frau, deren Ermordung Sam gerade noch hatte verhindern können, war beider jüngere Schwester. Alle drei waren mit Alan blutsverwandt, wie auch noch ein paar andere Leute hier im Raum. Sam ahnte, dass sie möglicherweise verhindert hatte, dass Alan die auch noch tötete und ein regelrechtes Massaker anrichtete. Aber warum hatte er sie angegriffen? Falls er erfahren hatte, dass Hartfield sein Vater war und einen entsprechenden Hass auf ihn entwickelt hätte, so rechtfertigte das noch lange nicht die Angriffe auf seine Tanten. Und wo war der junge Mann in der Zeit gewesen, die seit seinem Verschwinden vergangen war?
Ronans und Kevins Eintreffen unterbrach ihre Gedanken, und sie stellte ihnen Graham kurz vor. Beide zeigten sich sichtlich überrascht, dass sie einen Assistenten hatte, fragten aber nicht weiter nach.
»Erzähl mir die offizielle Version«, bat Ronan sie auf Gälisch. »Die Wahrheit kannst du mir später unter vier Augen berichten.«
Sam wiederholte, was sie Janice Hartfield schon gesagt hatte, während Graham die beiden Polizisten misstrauisch beobachtete. Er fühlte, dass Ronan Kerry nur ein halber Mensch war, seine andere Hälfte allerdings nicht zu den Geschöpfen der Finsternis gehörte. Doch der andere Cop, der sich als Kevin Bennett vorgestellt hatte, war eindeutig ein Werwolf. Vollmond lag erst zwei Tage zurück, weshalb seine Wolfsnatur für die Denfensor-Sinne des Mönchs erkennbar wurde. Ein Werwolf, der für die Polizei arbeitete, passte ebenfalls nicht zu Grahams gegenwärtigem Weltbild.
Er konnte sich darüber jedoch keine weiteren Gedanken machen, denn Sam bedeutete ihm gebieterisch, ihr nach draußen zu folgen, nachdem Ronan ihre vorläufigen Aussagen notiert und Kevin den immer noch bewusstlosen Alan Michaels in den Polizeiwagen verfrachtet hatte.
»Ich will den Hinterbliebenen lieber weiterhin Trost spenden«, grollte Graham, als Sam ihn die Straße hinunter um die nächste Ecke führte. »Aber das Leid von Menschen interessiert ein Geschöpf wie dich ja nicht.«
»Stimmt«, gab Sam unumwunden zu. »Mich interessiert gegenwärtig mehr, andere Menschen am Leben zu erhalten, respektive die Familie Fallon. Dir ist natürlich nicht entgangen, dass ich vorhin einen Zauber angewandt habe.« Sie erläuterte ihm knapp, was sie dadurch herausgefunden hatte. »Ich habe den unguten Verdacht, dass auch Corey Fallon auf seine Verwandten losgehen könnte. Das schließt seine beiden kürzlich geborenen Babys mit ein. Mir ist das Leben von Kindern jedenfalls wichtiger als erwachsene Hinterbliebene in ihrem Leid zu trösten.«
Graham schwieg. Wieder einmal hatte er sich von seinem Hass auf die Dämonin zu einer unbedachten Bemerkung hinreißen lassen und sich dadurch eine Blöße gegeben. Verdammt!
Sam blieb an einer Stelle stehen, wo sie sich sicher war, dass niemand sehen konnte, was sie tat. Mit einem Bringzauber beförderte sie Corey Fallons Kamm aus dem Badezimmer seines Hauses in eine Hand und ihren magischen Spiegel in die andere. Sie zupfte ein paar Haare aus dem Kamm, legte sie auf die schwarze Oberfläche des Spiegels und sprach den Zauber, der die Suche initiierte. Kurz darauf erhellte sich der Stein und zeigte ihr Corey Fallon.
Er befand sich just in diesem Moment im Haus seiner Eltern und griff gerade seinen Vater an, der sich schützend vor die Wiege gestellt hatte, in der Coreys Zwillingssöhne lagen. Sam packte Grahams Arm und sprang durch die Dimensionen vor die Haustür der Fallons. Sie trat die Tür mit dem Fuß ein und erwischte Corey, bevor er seinen Vater gänzlich erwürgt hatte, was er gerade versuchte, während seine Mutter und seine Frau Olivia ihn verzweifelt eben daran zu hindern versuchten.
Sam schlug auch ihn bewusstlos und fesselte ihm die Hände auf den Rücken.
Olivia und ihre Schwiegereltern waren völlig aufgelöst. Die junge Frau weinte, während sie ihre Zwillinge zu beruhigen versuchte, die begonnen hatten zu schreien. Sie erklärte ihren entnervten Schwiegereltern kurz, wer Sam war, die ihrerseits Graham vorstellte.
»Was ist denn mit Corey los, Miss Tyler?«, wollte Olivia anschließend wissen. »Wieso hat er das getan? Und wo war er die ganze Zeit?«
»Das kann ich Ihnen noch nicht beantworten, Mrs. Fallon. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Ihr Mann nicht der Einzige ist, der erst verschwunden ist und bei seiner Rückkehr versuchte, seine Angehörigen umzubringen. Möglicherweise war er einer giftigen Substanz ausgesetzt, die das verursacht hat. Ich werde in jedem Fall weiter nachforschen. Jetzt muss ich allerdings die Polizei benachrichtigen.«
»Wir erstatten keine Anzeige gegen unseren Sohn«, sagte Coreys Vater sofort.
»Das müssen Sie auch nicht, Mr. Fallon, aber die Polizei muss trotzdem informiert werden. Falls sich mein Verdacht mit dem Gift bewahrheiten sollte, sind noch mehr Menschen in Gefahr. Wenn Ihr Sohn wirklich unter dem Einfluss eines Giftes gehandelt hat, wird ihm juristisch nicht viel passieren.«
Und je nachdem welche Hintergründe diese ganze Angelegenheit hatte, würde Sam notfalls mit einem entsprechenden Zauber für die dafür notwendigen Beweise sorgen. Sie rief Ronan an, der zusammen mit Kevin eine Stunde später bei den Fallons auftauchte. Sein Gesicht war sehr ernst.
»Sam, was immer hier los ist«, sagte er auf Gälisch, »es hat inzwischen ein schreckliches Ausmaß angenommen. Ich habe den aktuellen Stand der Vermisstensachen besagter 143 Leute überprüft. 105 von ihnen sind tot. Ermordet. Man fand ihre Leichen teilweise in der Umgebung jener Straßenbaustelle bei Doylestown, auf der ein gewisser Sully Hartfield vor vier Tagen tödlich verunglückt ist. Und die restlichen 38 haben bereits teilweise ebenfalls ihre Angehörigen sowie ein paar ihnen völlig Fremde ermordet, ehe sie anschließend Selbstmord begingen. Einige sind allerdings immer noch verschwunden. Sam, wir haben einen Berg von 151 Leichen.«
»Kallas Blut!«
Ronan winkte ab. »Alles Weitere später. Du und dein Assistent solltet uns ins Präsidium begleiten. Ich hätte dich gern beim Verhör von Alan Michaels und Corey Fallon dabei.«

»Dein Assistent weiß über uns Bescheid?«, fragte Ronan, als er Sam und Graham zwei Stunden später zum Verhörraum führte und warf dem Mönch einen fragenden Blick zu.
»Graham ist ein Defensor.«
Das beruhigte Ronan, und er fragte nicht weiter.
Alan Michaels saß bereits im Verhörraum unter Kevin Bennetts strenger Aufsicht. Seine Eltern standen aufgelöst davor und hatten bereits einen Anwalt engagiert.
»Hallo Sam«, begrüßte Bill Crawford seine Beinahe-Schwägerin und winkte ihr nonchalant zu. Sam winkte kurz zurück.
»Miss Tyler, was ist denn nur mit Alan los?«, fragte Carl Michaels verzweifelt, als wüsste Sam die Antwort. »Mr. Crawford hat mit ihm zu sprechen versucht, aber er redet nur wirres Zeug.«
»Das finden wir schon noch heraus«, antwortete Ronan an Sams Stelle und betrat gefolgt von Sam, Bill und Graham den Verhörraum.
Ronan setzte sich dem jungen Mann gegenüber. »Also, Mr. Michaels, nachdem Sie vor unzähligen Zeugen zwei Menschen ermordet und einen Mordversuch begangen haben, ist Leugnen zwecklos. Wir hätten jetzt nur gern den Grund für Ihre Taten gewusst.«
»Worauf Sie nicht antworten müssen, Mr. Michaels«, erinnerte ihn Bill Crawford. »Sie haben nach wie vor das Recht zu schweigen.«
Von dem machte Alan Michaels keinen Gebrauch. »Ihr Vorfahr, mein Vetter Saul«, sagte er in einem altertümlichen Englisch, hat zusammen mit fünfzig Spießgesellen meine Familie und Freunde ermordet und unsere gesamte Siedlung zerstört. Wir haben geschworen Rache zu nehmen an seinen Kindern und Kindeskindern und den Nachfahren all derer, die damals dabei waren. Und endlich ist der Tag der Rache gekommen. Ihr werdet uns nicht aufhalten können.«
Sam verstand augenblicklich, was Alans Vater mit dem »wirren Zeug« gemeint hatte, das sein Sohn redete.
»Er ist besessen«, war auch Graham überzeugt.
Sam teilte diese Ansicht nicht nur, sie war sich dessen absolut sicher. Ebenso sicher war sie sich, dass wer immer Alans Körper in Besitz genommen hatte und jetzt vor ihr saß, die Seele des Jungen vernichtet hatte. Unwiederbringlich. Andernfalls hätte sie ihn gleich mit ihrem ersten Suchzauber gefunden. Das allerdings den Eltern zu erklären, wäre aussichtslos. Sie würden es nicht nur nicht verstehen, sie würden Sam für genauso verrückt halten wie gegenwärtig ihren Sohn.
»Wer sind Sie?«, fragte sie Alan stattdessen.
»Mein Name ist Abel Carter.«
»Ich bestehe auf einem psychiatrischen Gutachten über den Geisteszustand meines Mandanten«, warf Bill Crawford ein. »Offensichtlich ist er nicht zurechnungsfähig.«
»Was erst das Gutachten bestätigen wird oder nicht«, erinnerte ihn Ronan. »Aber ich stimme Ihrer Einschätzung zu.«
»Zwei Fragen noch«, warf Sam ein. »In welchem Jahr wurde Ihre Siedlung zerstört und wie hieß sie?«
»Wir nannten sie Freetown und gründeten sie im Jahr 1801 fünfunddreißig Meilen südlich von Cleaveland. Am Mittsommertag des folgenden Jahres wurde sie von Jacob Fallons Vigilanten zerstört, der uns alle ermordet hat.«
Sam nickte Ronan und Kevin zu. »Ich kümmere mich darum«, versprach sie und forderte Graham mit einer gebieterischen Kopfbewegung auf, ihr nach draußen zu folgen.
Carl und Bonnie Michaels kamen ihnen entgegen, kaum dass sie den Verhörraum verlassen hatten.
»Miss Tyler«, sagte Carl entschieden, »finden Sie heraus, was mit Alan passiert ist. Ganz gleich was es kostet. Finden Sie Beweise dafür, dass er kein Mörder und ...« Ihm versagte die Stimme.
Sam legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. »Ich tue mein Möglichstes, Mr. Michaels. Versprechen kann ich allerdings nichts.«
»Ihr Möglichstes genügt uns schon«, versicherte Carl. »Danke.«
Sam ging gefolgt von Graham zum Ausgang des Präsidiums. In einem unbeobachteten Moment, in dem niemand in ihrer Nähe war, packte sie den Arm des Mönchs und sprang mit ihm durch die Dimensionen zurück in ihr Büro.
Graham sprang mit einem Fluch von ihr weg, kaum dass sie ihn wieder losgelassen hatte. »Hör auf, mich anzufassen und mit deiner unheiligen Magie zu berühren, Höllenbrut!«, verlangte er und schüttelte sich vor Ekel. Diese Fortbewegungsart war ihm absolut unheimlich. Jedes Mal spürte er für einen Sekundenbruchteil einen eisigen Hauch, der direkt aus der Hölle zu kommen schien.
Sam grinste unbeeindruckt. »Du wirst das dulden, Graham, und zwar ohne jeglichen Kommentar oder gar Protest. Das war ein Befehl. Ich habe keine Lust, vorher jedes Mal mit dir zu diskutieren oder mir hinterher deine Beleidigungen anzuhören. Es gibt nun mal Situationen, in denen eine Fortbewegung auf menschliche Art aus Gründen ausscheidet, die sogar für dich offensichtlich sein dürften.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber tröste dich. Wir werden jetzt die nächste Etappe ganz profan mit dem Auto zurücklegen.« Sie warf ihm ihre Wagenschlüssel zu. »Du fährst. Zum Haus der Michaels.«
Graham blieb nichts anderes übrig als zu gehorchen.
»Ich werde Alans Spur mit einem Retrospektionszauber folgen«, erklärt Sam ihm, als sie eine knappe Stunde später vor dem Haus hielten. »Ich werde dir Anweisungen geben, wohin du fahren musst.«
Sie initiierte den Zauber und sah gleich darauf, wie Alan vor vier Tagen mitten in der Nacht das Haus verließ. Er ging die Straße hinunter wie eine Marionette und war eindeutig ferngesteuert.
»Fahr langsam geradeaus«, wies Sam Graham an und beobachtete während der Fahrt, wenn auch im magischen Zeitraffer, wie Alan weiter lief und mit jedem Schritt sicherer wurde. Er ging nach Süden Richtung Stadtgrenze. Eine Stunde nach seinem Aufbruch hielt er einen Truck an und ließ sich von ihm mitnehmen.
»Stadtauswärts geradeaus«, wies Sam Graham an. »Normale Geschwindigkeit.«
Der Truck, der Alan mitgenommen hatte, ließ den jungen Mann an einer Straßenkreuzung heraus, die Richtung Doylestown führte, von wo aus er zu Fuß weiterging.
»Links abbiegen«, befahl Sam nach einer Weile.
Graham gehorchte. Zehn Minuten später erreichten sie das Baugelände, auf dem Sully Hartfield seinen Unfall gehabt hatte. Das Gelände war immer noch abgesperrt. Die Polizei von Doylestown war vor Ort, um noch letzte Untersuchungen vorzunehmen sowie mehrere Leute in Zivil. Um die Absperrung herum hatten sich Schaulustige versammelt. Graham parkte Sams Jeep nach ihren Anweisungen ein Stück abseits und folgte ihr anschließend bis zur Absperrung.
Sam, die immer noch Alans Schemen in der Retrospektion folgte, beobachtete, wie nicht nur er, sondern auch etliche andere Männer und Frauen sich um den Baum versammelten, den Sully Hartfield vergeblich versucht hatte zu fällen. Der Baum glühte in jener Nacht in einem blutroten Licht. Jedes Mal, wenn ein weiterer Mensch ankam, löste sich ein Schemen aus dem Baum und drang in den Ankömmling ein. Das geschah achtunddreißig Mal.
Als der letzte Schemen einen Wirt gefunden hatte – nach Alan Michaels waren noch Corey Fallon und sieben weitere Männer und Frauen und sogar zwei etwa zehnjährige Kinder gekommen – erlosch das rote Glühen des Baums. Die Besessenen erwachten auch ihrem tranceähnlichen Zustand und benahmen sich wie alte Freunde, die einander eine Ewigkeit nicht gesehen hatten. Ihre Seelen erkannten einander offenbar auch in den fremden Körpern, in denen sie nun steckten. Es gab einige – menschenherzerweichende – Wiedersehensszenen, denen ein kurzer Kriegsrat folgte.
Der Inhalt lautete knapp, dass die Zeit der Rache an den Nachfahren ihrer Mörder endlich gekommen war und man sich unverzüglich ans Werk machen sollte. Ein paar von ihnen – unter ihnen Corey Fallon und Alan Michaels – sollten zunächst diejenigen aufsuchen, die mangels entsprechender Zahl von Geistern nicht hatten übernommen werden können und sie und ihre Angehörigen der direkten Blutlinie töten, ehe sie sich um ihre eigenen Blutsverwandten kümmerten. Wer seine Aufgabe erfüllt hatte, würde Selbstmord begehen und damit auch den Wirtskörper als letzten lebenden Nachkommen auslöschen.
Das erklärte für Sam, warum sich Corey nur auf seinen Vater und seine Söhne gestürzt hatte und nicht auf seine Mutter und seine Frau. Beide waren keine blutsverwandten Nachkommen jenes Jacob Fallon, der wohl ursächlich für den ganzen Schlamassel verantwortlich war. Auch Janice Hartfield war verschont geblieben, weil sie nur eine angeheiratete und keine geborene Hartfield war. Langsam ergab das ganze Puzzle ein erkennbares Bild, auch wenn immer noch ein paar Teile fehlten. Vor allem gab es immer noch ein paar Vermisste, die auf dem Weg waren, ihre Mission zu erfüllen und Menschen zu töten, die keine Ahnung hatten, was auf sie zukam und warum.
Nach ein paar Irritationen der Geister wegen der völlig veränderten Welt, in die sie zurückgekehrt waren, trennten sie sich und gingen in verschiedene Richtungen davon.
»Scheiße«, murmelte Sam. Es würde trotz der ihr zur Verfügung stehenden Macht zeitraubend sein, der Reihe nach der retrospektiven Spur aller 38 Besessenen zu folgen. Vielleicht war das aber gar nicht nötig.
»Hat deine unheilige Macht mal wieder eine Grenze erreicht, Dämon?«, höhnte Graham.
»Nein, die Sache hat sich nur ein bisschen verkompliziert.« Sam grinste den Mönch an. »Bereite dich auf einen langen Tag vor, Graham.« Sie bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, wieder ins Auto zu steigen. »Zurück ins Büro. Dies ist übrigens die Baustelle, auf der Sully Hartfield seinen tödlichen Unfall hatte. Er hat versucht, den Baum mit seinem Bagger umzunieten, aber der hielt stand. Ich bin mir sehr sicher, dass da ein Zusammenhang besteht und müsste mich schwer täuschen, wenn das nicht die Geister geweckt hat.«
Während Graham ihren Wagen wieder nach Cleveland lenkte, nahm Sam ihren magischen Spiegel zur Hand und folgte mit seiner Hilfe zunächst der Spur von Alan Michaels. Der junge Mann war nach Vermilion getrampt, knapp 40 Meilen westlich von Cleveland. Dort hatte er eine Frau namens Milly Sorensen und ihren Vater ermordet, was ihn zwei Tage Zeit gekostet hatte. Danach war er nach Cleveland zurückgekehrt und hatte seinen leiblichen Vater und seine Tante umgebracht. Offenbar besaßen die erweckten Geister die Fähigkeit, die Nachkommen ihrer Mörder aufzuspüren wie Bluthunde. Diese Fähigkeit besaß Sam mit magischen Mitteln allerdings auch.
Nachdem sie die Besessenen in der Retrospektion gesehen und auf diese Weise ihre »Witterung« aufgenommen hatte, konnte sie sie mit Hilfe des Spiegels aufspüren und ebenso beobachten wie Alan Michaels, was sie im Zeitraffer tat. Sie sah, dass noch andere Menschen aus Cleveland und den umliegenden Städten zur selben Zeit wie Alan und Corey Fallon »schlafgewandelt« waren. Doch nachdem die 38 Seelen ihre Wirtskörper gefunden hatten, war offenbar der magische Sog erloschen, dem sie hatten folgen müssen. Sie waren – immer noch in Trance – umgekehrt, um wieder zurückzugehen, woher sie gekommen waren. Einer von ihnen war Corey Fallons Vater. Offensichtlich hatte er wie die anderen keine Ahnung, was mit ihm passiert war und konnte sich nicht an das Geschehen erinnern.
Er hatte allerdings Glück gehabt, dass er lebend wieder heimkehren konnte. Die zwölf Leute, die dem Geisterbaum am nächsten gekommen waren, ehe der letzte Geist seinen Wirt gefunden hatte, wurden die ersten Opfer der Besessenen. Mit ihren bloßen Händen, mit Steinen, die greifbar am Boden lagen oder mit einem dicken Ast töteten sie die in ihrer Trance Wehr- und Ahnungslosen. Danach setzten sie ihren Weg zu den nächsten Opfern fort. Wer seine Rache vollendet hatte, brachte sich danach um.
Die beiden Zehnjährigen, die Sam in der Retrospektion gesehen hatte, saßen beide inzwischen in der geschlossenen Kinderpsychiatrie, weil sie ihre kleinen Geschwister umgebracht hatten und dasselbe auch bei ihrem Vater beziehungsweise der Mutter versucht hatten. Was ihnen mangels körperlichen Vermögens nicht gelungen war. Corey Fallon und Alan Michaels saßen im Gefängnis in Sicherheit, soweit es ihre Familien betraf. Sie hatten sich nur deshalb noch nicht umgebracht, weil ihre Rache noch nicht vollendet war und ein Teil ihrer Angehörigen noch lebte. Aber sieben Besessene waren noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt oder tot aufgefunden worden und wurden immer noch vermisst.
Sam konnte sich unschwer denken, wohin sie gegangen waren. Mochten die Mörder der rachsüchtigen Geister vor zweihundert Jahren alle in der Gegend der Siedlung Freetown gelebt haben, so hatten sie beziehungsweise ihre Nachkommen das Gebiet später teilweise verlassen. Einige Nachfahren der gegenwärtigen Generationen lebten in weiter entfernten Städten. Und genau zu denen waren die sieben Vermissten unterwegs. Sobald sie die erreichten, würde es noch mehr Tote geben. Sam hatte nicht vor, es soweit kommen zu lassen.
Sie und Graham erreichten das Bürogebäude in der Chester Avenue, und Sam beorderte Graham in ihr Büro.
»Folgendes«, teilte sie ihm mit. »Ich würde es vorziehen, diese Aktion allein durchzuführen, da du mir dabei buchstäblich nur hinderlich bist. Da aber das Ziel deines Strafdienstes bei mir ist, dass du mich und meine Arbeitsweise kennenlernst, musst du wohl oder übel dabei sein.«
Graham schwieg und fragte sich, was sie wohl vorhatte.
»Da Eile geboten ist, muss ich schnell handeln. Das heißt«, sie grinste boshaft, »ich werde dich mit meiner ‚unheiligen Magie’ belegen und unter einem Unsichtbarkeitszauber vor den Augen der Menschen verbergen. Mich selbst natürlich auch. Aber falls du das nicht willst, Graham, kannst du natürlich hierbleiben. Ich bin in spätestens zehn Minuten zurück.«
Und in diesen zehn Minuten würde sie, wenn Graham nicht bei ihr war, garantiert irgendwas Dämonisches tun, das Menschen alles andere als gut tat. Auch wenn ihn allein der Gedanke anekelte, dass sie ihn bei der Aktion nicht nur berührte, sondern auch mit einem Zauber belegte, er musste dabei sein.
»Ich komme mit.«
Sam grinste. »Und damit du auch die Klappe hältst ...« Sie machte eine Geste des Halsabschneidens, und Graham versagte die Stimme. »Nur zur Sicherheit. Schließlich kann man deinem losen Mundwerk nicht trauen.«
Graham hätte lautstark und wortgewaltig protestiert, wenn er es noch gekonnt hätte. In diesem Moment hasste er die Dämonin mit tödlicher Leidenschaft und hätte nichts lieber getan, als sie auf der Stelle zu vernichten, Protegé eines Engels und des Herrn oder nicht. Bevor er sich entscheiden konnte, was er nun am besten tun sollte – oder noch konnte –, hatte sie ihn bereits am Arm gepackt. Ein kurzer Kälteschock, und sie standen in Alan Michaels Gefängniszelle.
Der junge Mann hockte auf der Pritsche und starrte mit einem mörderischen Blick auf die Wand gegenüber. Graham spürte, wie Sam eine Kraft in sich sammelte und gegen Alan richtete. Nur eine Sekunde später sackte er zusammen und rührte sich nicht mehr. Bevor der Mönch darauf reagieren konnte, befanden sie sich in Corey Fallons Zelle, mit dem Sam genauso verfuhr.
Dasselbe tat sie mit zwei Kindern, die sich offenbar in einer Kinderklinik befanden. Zu diesem Zeitpunkt war Graham bereits derart aufgebracht, dass er versucht war, sich von der Dämonin loszureißen, nur um von diesem Höllengeschöpf wegzukommen. Er hatte gewusst, dass sie bösartig war. Dass sie ihn allerdings Zeuge ihrer Abscheulichkeiten werden ließ, irritierte ihn. Außerdem besaß er noch genug Verstand, sich zu beherrschen. Wenn er sich von ihr losriss, würde sie ihn mit Sicherheit zurücklassen, was ihn möglicherweise in eine noch schlimmere Situation bringen würde.
So musste er hilflos zusehen, wie Sam sieben weitere Menschen auf ihrem Weg wohin auch immer abfing und ausknockte. Allerdings sorgte sie jedes Mal dafür, dass die dadurch nicht gefährdet wurden oder andere Leute gefährdeten. Dem Mann, der im Auto unterwegs war, ließ sie den Motor verrecken und den Wagen an den Straßenrand rollen, ehe sie dem Fahrer das Bewusstsein raubte. Die Frau, die gerade über einen Baum ins oberste Stockwerk eines Hauses einbrechen wollte – zweifellos um die Bewohner zu töten –, ließ sie zwar abstürzen, aber sanft zu Boden gleiten, sodass sie zwar betäubt, aber unverletzt unten ankam.
Nachdem sie ihr letztes Opfer ins Reich der Träume geschickt hatte, kehrte sie mit Graham ins Büro zurück, wo sie ihn endlich losließ und den Unsichtbarkeitszauber von ihm nahm. Glücklicherweise gab sie ihm auch seine Stimme zurück.
»Was hast du getan?«, brüllte Graham sie augenblicklich an, ballte die Fäuste und musste sich beherrschen, um sich nicht auf sie zu stürzen.
Die Dämonin rechnete offenbar genau damit, denn sie lächelte ihn voller boshafter Erwartung süffisant an und hatte garantiert eine sehr unangenehme magische Überraschung für ihn parat, falls er sie angreifen sollte. Graham musste seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich wieder zu beruhigen. Halbwegs zumindest.
»Was hast du ihnen angetan, Dämon?«, beharrte er dennoch auf einer Antwort.
»Was glaubst du denn, was ich getan habe?«
»Irgendetwas, das sie quält oder sie sogar das Leben kosten wird«, antwortete der Mönch prompt. »In jedem Fall etwas, das ihrer Seele schadet.« Dass er befürchtete, dass diese dämonische Fortbewegungsmethode und Sams Magie seiner Seele Schaden zufügen könnte, wagte er nicht auszusprechen.
Sam gab einen traurigen Laut von sich. »Ihre Seelen sind bereits tot, Graham, aber nicht durch irgendetwas, das ich getan hätte. Und genau das ist das Problem. Setz dich.«
Der Mönch gehorchte widerwillig. Sam nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz.
»Du erinnerst dich sicherlich an den für dich triumphalen Moment, als es mir mit meiner Magie nicht gelungen ist, die Vermissten zu finden. Ich habe meinen Suchmodus auf Alan und Corey ausgerichtet. Dass ich sie nicht finden konnte, ließ nur drei Möglichkeiten zu. Entweder sie waren bereits tot; in welchem Fall ich aber ihre toten Körper gefunden hätte. Oder sie waren von einem mächtigen Schutzzauber umgeben, der eine magische Ortung verhinderte.
Da meine magische Macht aber recht groß ist, war es relativ unwahrscheinlich, dass ich so einen Zauber nicht hätte brechen können. Also blieb noch die dritte Möglichkeit, die ich vor einem Dreivierteljahr auf überaus schmerzhafte Weise kennengelernt habe. Dass nämlich der Körper noch existiert, aber die Seele – die Essenz des Menschen – vernichtet wurde und eine andere Seele den Körper übernommen hat.«
So wie Jacques LeGrand es mit Aaron Kumara getan hatte.4 Sam fragte sich immer noch, wo der Bokor steckte und wie es ihm gelungen war, ihr wieder einmal zu entkommen. Sie schüttelte diese fruchtlosen Gedanken ab. Wie sie Amos Kumara, dem Bruder des Opfers, damals schon gesagt hatte, musste sie nur abwarten. Eines Tages würde LeGrand wieder auftauchen, um Sam endgültig zu vernichten. Sie konnte nur hoffen, dass sie dann auf ihn vorbereitet wäre.
»Jedenfalls, Graham, könnte ich natürlich die fremden Seelen aus den Körpern vertreiben, die sie sich angeeignet haben. Das könntest du auch mit einem gewöhnlichen Exorzismus. Aber was dadurch zurückbliebe, wären leeren Hüllen, Körper, die zwar noch über ihre Grundfunktionen verfügen, in denen aber keine Seele mehr existiert, weil Abel Carter und seine Kumpane diese Seelen vernichtet haben – ermordet. Außerdem bekämen die exorzierten Seelen, sofern wir sie nicht vollständig vernichteten, erneut die Gelegenheit, sich neue Körper zu suchen, um ihr Werk zu vollenden.«
Sie sah ihm in die Augen. »Was ich mit den Besessenen getan habe ist, sie in einen magischen Schlaf zu versetzen, der ihren Körpern nicht schadet. Darauf gebe ich dir mein Wort. Sie könnten Jahre in diesem Zustand verbringen, ohne zu dehydrieren, zu verhungern oder dass ihre Muskeln atrophieren. Lediglich die Zellalterung wird davon nicht beeinflusst. Das gibt mir – uns«, korrigierte sie sich nicht sehr begeistert, »ein bisschen Zeit herauszufinden, was wir tun können und tun müssen, um diesen Spuk zu beenden.« Sie blickte auf die Tischplatte vor sich und schüttelte bedauernd den Kopf. »Über 150 Tote in nur vier Tagen. Kallas Blut! Diese Geister haben wahrhaft gründlich Rache genommen.«
Die Rache der Geister.
Sam saß schlagartig kerzengerade, als sie die Bedeutung dieses Ereignisses begriff. Der Großen Entscheidung, die in absehbarer Zeit bevorstand, gingen fünf Zeichen voraus: die Geburt eines mächtigen Dämons – Danaya5 –, das Kommen des Zerstörers – Káshnarokk6 –, die Rache der Geister, das Verschwinden der Kinder und eine Sonnenfinsternis. Sam konnte sich nicht vorstellen, dass eine weniger umfangreiche Rache irgendwelcher Geister das dritte Zeichen hätte sein können. Eine Vergeltung, bei der es ein regelrechtes Massenmorden gab, dagegen schon.
Das machte ihr nachdrücklich bewusst, dass die Große Entscheidung immer näher rückte. Und sie, Tai’Samala, spielte für den Champion des Lichts eine entscheidende Rolle, falls die diesbezüglichen Informationen der Wächter stimmten, woran Sam nicht zweifelte. Doch wer war dieser Auserwählte? Sie schüttelte den Kopf und damit diese Gedanken ab. Sie hatte momentan andere Sorgen.
»Jedenfalls, Graham, muss es eine Möglichkeit geben, diese Geister wieder dorthin zu schicken, wo sie hergekommen sind. Oder sie auf andere Weise unschädlich zu machen.« Sie sah dem Mönch in die misstrauisch blickenden grauen Augen. »Und zwar ohne ihren Wirtskörpern zu schaden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte nur, das wird selbst für mich schwierig werden. Aber das Wichtigste zuerst. Und das ist herauszufinden, wie wir die Geister wieder bannen können. Dazu muss ich aber Näheres über die Hintergründe des Ganzen wissen.« Sam schaltete den Computer ein. »Mal sehen, was das Internet über Freetown, 35 Meilen südlich von Cleveland weiß.«
Graham starrte sie an und musste zugeben, dass er verwirrt war. Nicht zum ersten Mal, seit er sich mit »Sam Tyler« beschäftigte. Und heute stand seine gesamte Welt Kopf, seit Sariel ihn bei ihr abgesetzt hatte. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass ein Engel und damit Gott diese Dämonin beschützte. Sein Verstand sagte ihm zwar, dass das nicht der Fall wäre, wenn sie wirklich böse wäre. Doch sein Gefühl weigerte sich hartnäckig, das zu begreifen.
Fast jede Nacht stand ihm in seinen Albträumen das Geschöpf vor Augen, das seine Brüder und Schwestern getötet hatte und beinahe auch ihn. Bevor es seine wahre Natur offenbarte, hatte es wie eine wunderschöne Frau ausgesehen. Graham fühlte noch deren verführerische Berührung, ehe sie sich verwandelte und ihre Klauen in seinen Körper trieb. Die Narben hatten ihn so grausam entstellt, dass er seitdem nie wieder gewagt hatte, zusammen mit anderen Mönchen die Dusche aufzusuchen.
Doch diese Narben waren verschwunden, seit »Sam Tyler« ihn geheilt und ins Leben zurückgeholt hatte. Hätte ein anderes Wesen ihn geheilt, ein Wesen des Lichts, er hätte das für ein göttliches Zeichen gehalten. Dass sie vorhin diese Menschen einfach betäubt hatte, sprach für ihre finstere Seele – sofern sie überhaupt eine besaß –, egal was sie als Entschuldigung dafür vorbrachte.
Andererseits hätte sie das wohl nicht vor seinen Augen getan, wenn sie ihnen tatsächlich damit geschadet hätte. Das widersprach sogar der verquersten dämonischen Logik. Graham kam zu dem Schluss, dass er unbedingt Zeit zum Nachdenken brauchte. Die hatte er momentan allerdings nicht. Immerhin konnte er vielleicht zur Lösung dieses Falls beitragen.
Er räusperte sich unbehaglich. Das Allerletzte, was er wollte, war, der Dämonin in irgendeiner Form zu helfen. Doch Gott hatte ihm durch Seinen Engel aufgetragen, ihr zu dienen, und er musste dem gehorchen. Außerdem ging es hier um Menschenleben.
»Willst du mir was sagen, Graham?« Sam wandte den Blick nicht vom Bildschirm.
Der Mönch räusperte sich erneut. »Ich«, begann er und musste ein paar Mal schlucken, ehe er weitersprechen konnte. »Ich habe einige Zeit in der Bibliothek unseres Klosters verbracht und in den alten Chroniken gelesen.«
Er hatte erwartet, dass Sam mit Spott auf diese Eröffnung reagieren würde. Doch sie blickte ihn nur aufmerksam an und wartete, dass er weitersprach.
»Als Alan Michaels vorhin Freetown und den Namen Abel Carter erwähnte, kam mir beides bekannt vor. Ich wusste nur nicht woher. Ich glaube mich jetzt zu erinnern, beides in einer der Chroniken gelesen zu haben. Ich bin mir aber nicht sicher.«
»Das lässt sich rausfinden«, meinte Sam und griff zum Telefon. »Die Telefonnummer deines Klosters lautet wie?«
Graham blickte sie misstrauisch an. »Was hast du vor?«
Sam grinste ihn an. »Ich will euren Abt zur Hölle schicken, was sonst?« Sie schüttelte missbilligend den Kopf. »Ich will seine Genehmigung einholen, dass wir vorbeikommen und die Chroniken einsehen dürfen.«
»Das wird er dir niemals gestatten!«, war Graham überzeugt.
»Das wird er mir dann schon selbst sagen. Seine Nummer?«
Graham zögerte.
»Wird’s bald?«
Es blieb dem Mönch nichts anderes übrig, als ihr die Nummer zu nennen. Sam schaltete das Gespräch auf den Lautsprecher.
»Kloster St. Zeno, New York. Sie sprechen mit Abt Dennis«, erklang gleich darauf die Stimme des Klosterleiters.
»Guten Tag, Abt Dennis. Mein Name ist Sam Tyler aus Cleveland. Ihr Bruder Graham gab mir Ihre Nummer. Wir arbeiten gerade an einem Fall, bei dem uns Ihre Chroniken vielleicht weiterhelfen können, wie Graham vermutet. Ich erbitte deshalb Ihre Erlaubnis, dass wir vorbeikommen und die Chroniken einsehen dürfen.«
Falls Abt Dennis sich darüber wunderte, von einer Dämonin angerufen zu werden, so ließ er es sich nicht anmerken. »Wenn es Ihnen hilft, Menschen dadurch zu helfen, dürfen Sie selbstverständlich gern unsere Chroniken einsehen. Wann dürfen wir Sie und Bruder Graham erwarten?«
»Wir werden in exakt einer Minute vor den Pforten Ihres Klosters sein, Abt Dennis. Und im Voraus vielen Dank. Bis gleich.«
Sie beendete das Gespräch, stand auf und hielt Graham die Hand hin. »Auf geht’s.«
Graham schloss die Augen und streckte ihr widerwillig die Hand entgegen. Sam ergriff sie, und einen winzigen Kälteschock später standen sie vor dem Haupttor von St. Zeno. Der Pförtner, der am offenen Fenster saß und gerade telefonierte, bekam große Augen, als sie unvermittelt aus dem Nichts vor seiner Nase auftauchten.
»Eh, sie sind gerade angekommen, Vater Abt«, sagte er ins Telefon und drückte gleich darauf auf den Knopf, der die Außentür öffnete.
Sam trat ohne zu zögern ein, und Graham folgte ihr notgedrungen. Einerseits vermittelte ihm die Rückkehr ins Kloster ein Gefühl des nach Hause Kommens. Da aber seine Mitbrüder und –schwestern genau wussten, dass er zum Strafdienst bei einer Dämonin verdonnert worden war, empfand er es als überaus peinlich, ihnen unter die Augen treten zu müssen und hoffte, dass der Besuch schnell vorüber ging.
Bruder Martin kam aus dem Pförtnerhaus und staunte Sam an wie eine Kuh mit zwei Köpfen. Kein Wunder, denn nichts Böses war in der Lage, das Kloster zu betreten. Nichts Böses. Doch Sam, eine Dämonin, schien nicht einmal Unbehagen zu empfinden.
»Abt Dennis erwartet euch«, sagte Bruder Martin und ließ Sam nicht aus den Augen. »Schön dich wiederzusehen, Bruder Graham«, fügte er hinzu, obwohl er Graham gar nicht anblickte, sondern nur Sam anstarrte. »Du kennst ja den Weg.«
Sam lächelte liebenswürdig. »Geh voran, Graham, ich folge dir.«
Graham führte sie zum Büro des Abts. Sein Kommen, vielmehr das der Dämonin, hatte sich in Windeseile herumgesprochen, sodass die im Kloster anwesenden Brüder und Schwestern eilends gelaufen kamen, als sie Sams Anwesenheit spürten. Man sah ihnen an, dass sie bereit waren, ihr Kloster gegen den vermeintlichen Angriff von Dämonen zu verteidigen. Sie blieben zögernd stehen, als sie Graham sahen. Sam lächelte ihnen allen freundlich zu und schien sich nicht einmal dann bedroht oder auch nur unsicher zu fühlen, als sich die meisten ihnen anschlossen.
Abt Dennis kam ihnen an der Tür des Verwaltungstrakts entgegen, in dem auch die Bibliothek untergebracht war. Er musterte Sam aufmerksam, die ihm unbefangen die Hand reichte. Sein Gesicht wandelte sich zu einem Ausdruck von Staunen, als er ihre Hand ergriff, und er hielt sie ungewöhnlich lange fest.
»Willkommen in St. Zeno, Miss Tyler«, sagte er schließlich. »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«
Sam quittierte das mit einem amüsierten Lächeln. »Ganz meinerseits, Abt Dennis. Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung.«
Der Abt winkte ab und ließ Sams Hand endlich los. »Wir stehen doch auf derselben Seite. Da ist gegenseitige Hilfe selbstverständlich.«
Sam warf Graham einen süffisanten Blick zu. »Es freut mich, dass Sie das so sehen. Ich gebe zu, ich hatte befürchtet, nachdem ich Graham kennengelernt habe, dass alle Pugnatores Lucis von seinem Kaliber sein könnten.«
Graham errötete, und Abt Dennis seufzte mit einem bekümmerten Blick auf ihn. »Sehen Sie es ihm bitte nach, Miss Tyler. Er war nicht immer so.«
»Das habe ich mir schon gedacht; andernfalls Sie ihn wohl gar nicht erst in Ihre Reihen aufgenommen hätten.«
»Hier entlang bitte.«
Abt Dennis führte sie in eine Halle, deren hohe Wände von oben bis unten mit Regalen bedeckt waren. Dazu standen noch mehrere Regalreihen parallel zueinander im Raum. In dessen Mitte gab es drei große Arbeitstische, die momentan aber nicht besetzt waren. Sam bemerkte, dass sich hinter ihnen die Bibliothekstür erneut öffnete und etliche Mönche und Nonnen herein kamen, die sich auffällig unauffällig zwischen den Regalen herumdrückten und vorgaben, die Bücher zu betrachten.
»Welche Chronik braucht ihr denn?«, wollte Abt Dennis wissen.
»Die aus den Jahren 1801 und 1802«, antwortete Graham.
Der Abt seufzte und deutete auf ein Regalbrett, das sich beinahe unter der Decke befand. »Die stehen dort oben. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, sind es elf Bücher.« Er sah sich nach der Leiter um, die an einem anderen Regal lehnte.
»Abt Dennis, darf ich hier Magie anwenden?«, erkundigte sich Sam höflich.
»Nein!«, fauchte Graham aufgebracht.
Abt Dennis warf ihm einen verwunderten Blick zu. »Aber ja, solange es positive Magie ist. Negative würde hier ohnehin nicht funktionieren. Bruder Graham, was ist nur mit dir los?«
Graham presste nur die Lippen zusammen und sah missmutig zu, wie Sam mit einem Bringzauber sämtliche Chroniken aus den betreffenden Jahren auf den großen Lesetisch in der Raummitte beförderte. Ein weiterer Zauber befahl dem Buch, in dem sich die gesuchte Information befand, sich an der entsprechenden Stelle zu öffnen. Sekunden später lag es aufgeschlagen vor ihnen. Sowohl Sam wie auch Abt Dennis beugten sich neugierig darüber. Graham hielt sich zurück und bemühte sich, Sam nicht unnötig nahe zu kommen.
Abt Dennis warf ihm erneut einen erstaunten Blick zu. »Miss Tyler, kann ich Sie einen Moment allein lassen? Ich muss mit Bruder Graham dringend unter vier Augen reden.«
»Bitte gern. Ich komme schon zurecht. Außerdem«, sie umfasste die Bibliothek mit einer Handbewegung, »bin ich ja nicht allein.«
»Oh!«
Abt Dennis bemerkte erst jetzt die Schar von Neugierigen und schüttelte lächelnd den Kopf, ehe er Graham bedeutete, ihm in einen Nebenraum der Bibliothek zu folgen, wo sie ungestört waren. Dort befahl der Abt dem Mönch mit einer Handbewegung sich zu setzen und legte dem jüngeren Mann die Hand auf die Schulter.
»Bruder Graham, was ist los mit dir?«, fragte er sanft.
Graham wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Nach seinem eigenen Empfinden war gar nichts »los« mit ihm, sondern alles in Ordnung. Bis auf die unerträgliche Tatsache, dass er einer Dämonin dienen musste. Aber natürlich wusste er, worauf Abt Dennis hinaus wollte. Er zuckte nur hilflos mit den Schultern und fühlte sich in diesem Moment orientierungsloser denn je.
Der Abt tätschelte ihm mitfühlend die Schulter. »Ich sehe, wir haben dich zu früh wieder in den Einsatz geschickt, Bruder Graham. Somit ist es unsere Schuld, dass du jetzt in dieser für dich schwierigen Situation bist. Wir hätten darauf bestehen müssen, dass du in Klausur und Therapie bleibst, bis deine Seele vollständig geheilt ist. Dadurch, dass wir das nicht getan haben, hättest du beinahe ein Wesen getötet, das den Tod weiß Gott nicht verdient hat.« Er blickte Graham eindringlich an. »Kannst du denn nicht das Licht in Miss Tyler fühlen?«
Graham schüttelte den Kopf. Da war kein Licht. Sie war nur ein Dämon. Trotzdem war es nicht von der Hand zu weisen, dass sie das Kloster hatte betreten können und sich problemlos darin aufhielt.
Abt Dennis seufzte. »Nun, Bruder Graham, ich hoffe, dass dir der Dienst bei ihr Heilung bringt. Wenn nicht, so wirst du nach deiner Rückkehr zu uns erneut in Therapie gehen und im Kloster bleiben, bis deine Seele wieder heil und ganz ist. Wir werden denselben Fehler nicht noch einmal mit dir machen.«
Graham blickte den älteren Mann gequält an. »Vater Abt, es tut mir leid, dass ich dich belogen habe. Bitte verzeih mir.«
»Aber ja, mein Junge. Und wir alle werden für dich beten. Für Miss Tyler natürlich auch.« Er sah Graham eindringlich an. »Versuche wenigstens sie so zu sehen, wie sie wirklich ist. Da ist ein Licht in ihr. Andernfalls würde Gott wohl kaum seine schützende Hand über sie halten. Das sollte dir zu denken geben. Sie mag eine Dämonin sein, aber sie ist deswegen nicht böse.«
Abt Dennis fühlte deutlich, dass seine Worte den jüngeren Mann leider überhaupt nicht erreichten. Er schüttelte seufzend den Kopf. »Sehen wir mal, was wir für euren Fall tun können.«
Sie kehrten in die Bibliothek zurück, wo Sam immer noch in der Chronik las.
»Interessant«, sagte sie, als die beiden Männer heran waren. »Nach den Aufzeichnungen eines gewissen Bruder Peter hatte eine Gruppe von Siedlern die damals frisch gegründete Siedlung Cleaveland verlassen wegen wohl nicht nur religiöser Differenzen, obwohl die natürlich vorgeschoben wurden. Ihr Anführer war ein gewisser Abel Carter. Sie siedelten, wenn ich die Angaben hier richtig interpretiere, genau dort, wo dieser alte Baum steht«, fügte sie an Graham gewandt hinzu.
»Sie nannten ihre Siedlung Freetown. Wir sind also auf der richtigen Spur. Nach Bruder Peters Einschätzung gefiel zumindest einem Teil der Cleavelander unter Führung eines Mannes namens Jacob Fallon der Lebenswandel der Freetowner nicht. Am Mittsommertag 1802 beschlossen er und fünfzig seiner Kumpane, den ‚Schandfleck’ aus ihrer Nachbarschaft zu tilgen. Sie haben Freetown überfallen und ein wahres Massaker dort angerichtet und«, sie warf Graham einen bezeichnenden Blick zu, »alle achtunddreißig Bewohner ermordet.«
Abt Dennis seufzte. »Ja, solche Aktionen waren damals das übliche, eh, Verfahren gegenüber Leuten, die sich nicht den herrschenden Regeln anpassen wollten. Bedauerlicherweise.«
Sam nickte, während sie weiterlas. »Hier sind die Leute aber an die Falschen geraten. Abel Carter war mit einer irokesischen Schamanin verheiratet, die eine Art Fluch wirkte, der die Geister der Ermordeten in dieser Welt hielt. Sie haben über die Hälfte ihrer Mörder umgebracht, bevor es eurem Bruder Peter gelungen ist, sie in diesen Baum zu bannen. Er schreibt hier, dass die Schamanin den Fluch so gestaltet hat, dass die Geister befreit werden, wenn der Baum mit dem Blut eines Menschen aus der direkten Linie der Mörder in Kontakt kommt.«
»Was wohl geschehen ist, als dieser Sully Hartfield seinen Unfall hatte«, vermutete Graham. »Dieser Abel Carter sagte doch, dass sein Vetter Saul Hartfield an dem Massaker beteiligt war.«
Sam nickte und schob ihm das Buch hin. »Ich nehme an, die Magie, die Bruder Peter verwendete, um die Geister zu bannen, benutzen die Pugnatores Lucis heute noch.«
»Das ist keine Magie, sondern eine heilige Handlung!«, schnappte Graham.
»Und jede heilige Handlung, und sei es ein einfaches Gebet, ist eine Form von Magie im weitesten Sinn«, erinnerte ihn Abt Dennis. Er beugte sich ebenfalls über das Buch und las die Eintragung. »Bruder Peter beherrschte aber, wie ich mich erinnere, tatsächlich etwas Magie. Er war, glaube ich, der Sohn einer Hexe.« Er blickte Graham an. »Dennoch ist das, was er hier beschreibt, von jedem Defensor durchführbar. Du müsstest es problemlos schaffen, dasselbe zu tun wie er und die Geister erneut bannen können.«
Der Meinung war Graham auch, nachdem er sich durchgelesen und eingeprägt hatte, was Bruder Peter damals getan hatte.
»Das Problem ist nur«, wandte Sam ein, »dass wir uns vorher Gedanken darüber machen müssen, was mit den Wirtskörpern geschieht, sobald die Geister sie wieder verlassen haben. Außerdem müssen wir einen plausiblen Grund für das Verhalten der Besessenen konstruieren, sonst wird die Polizei unangenehme Fragen stellen.«
»Ja natürlich, Unannehmlichkeiten kannst du ja nicht gebrauchen«, höhnte Graham und erntete von Abt Dennis ein rügendes Kopfschütteln.
»Es geht nicht um mich, Graham«, erklärte ihm Sam ruhig. »Wie du selbst weißt, ist es besser, wenn so wenig Menschen wie möglich von der Existenz von echter Magie, Geistern, Dämonen und so weiter erfahren. Meine Aufgabe in einem Fall wie diesem ist unter anderem dafür zu sorgen, dass niemand misstrauisch wird und in einer Richtung nachzuforschen beginnt, die noch mehr Schaden anrichten könnte.«
Das war nicht von der Hand zu weisen, und Graham fand es besser, erst mal den Mund zu halten. Dass Sam damit die Aufgabe umschrieb, die auch die Wächter wahrnahmen, kam ihm nicht in den Sinn.
Sam wandte sich an Abt Dennis. »Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung, Abt Dennis. Die Chronik lesen zu dürfen, hat uns sehr geholfen.«
Sie schüttelte dem Mönch die Hand, ehe sie die Bücher mit einem Zauber wieder zurück an ihren Platz beförderte. Danach blickte sie Graham auffordernd an. »Gehen wir.«
»Wir helfen Ihnen auch in Zukunft gern«, versicherte Abt Dennis und blickte Sam ernst an. »Miss Tyler, passen Sie bitte auf Bruder Graham auf. Er ist uns wichtig.«
Sam nickte. »Das werde ich, Abt Dennis. So gut ich kann. Mein Wort darauf.«
Sie streckte die Hand nach dem zutiefst verlegenen Graham aus, der ihre gezwungenermaßen ergriff und sprang mit ihm zurück in ihr Büro. Inzwischen war es sieben Uhr abends.
»Ich habe Hunger«, stellte sie fest.
Den hatte Graham schon lange. Schließlich hatte er heute noch nicht einmal frühstücken können.
»Machen wir Schluss für heute. Die noch lebenden Besessenen sind momentan keine Gefahr, sodass wir die Lösung des Ganzen problemlos auf morgen vertagen können.« Sam hatte in ihrem magischen Spiegel gesehen, dass die Geister derer, die sich selbst oder vielmehr ihre Wirtskörper umgebracht hatten, nachdem sie deren Angehörige ermordet hatten, diese Welt bereits für immer verlassen hatten.
Sam warf Graham einen missmutigen Blick zu. Es war wirklich ein ereignisreicher Tag gewesen, und zwar in mehr als einer Hinsicht. Sie fragte sich, ob sie den Mönch nicht überforderte, wenn sie ihm jetzt noch eine weitere Lektion erteilte. Andererseits stimmte sie Sariel darin zu, dass er mit ihr so eng wie möglich in Kontakt bleiben musste, wenn er begreifen sollte, was er zu begreifen hatte, um sie endlich in Ruhe zu lassen. Sie musste ihm also jeden Bereich ihres Lebens zugänglich machen. Außer den wirklich intimen Dingen.
»Mitkommen«, befahl sie knapp, und Graham musste ihr wohl oder übel gehorchen.
Sie verließen das Büro, in dem Molly Spring weiterhin die Stellung hielt, und stiegen in Sams Wagen. Der Mönch tat ihr nicht den Gefallen zu fragen, wohin sie fuhren, falls sie darauf wartete. Er würde es früh genug erfahren. Trotzdem hatte er nicht im Entferntesten mit dem Ziel gerechnet, das sie nach einer halben Stunde erreichten. Sam stellte ihren Wagen auf dem Parkplatz eines Kabaretts ab, dessen geschmackvolles Leuchtschild über dem Eingang »Joyful Bliss« versprach – freudige Glückseligkeit.
Der Mönch wunderte sich über den seltsamen Namen für ein Kabarett und noch mehr darüber, dass es zwei hünenhafte Türsteher hatte, von denen Sam wie eine alte Bekannte begrüßt wurde, die sie offensichtlich auch war. Sie deutete mit dem Daumen auf Graham.
»Der gehört zu mir.«
Woraufhin die beiden auch den Mönch mit einem anzüglichen Blick auf sein Silberkreuz einließen.
»Viel Vergnügen«, wünschte der Dunkelhäutige der beiden augenzwinkernd.
Auch die Kassiererin, bei der Sam eine Abendkarte kaufte, die sie Graham in die Hand drückte, begrüßte sie mit einem »Hi, Sam!« und wünschte ihnen viel Spaß.
Graham fragte sich, was sie hier wollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihm einen Abend im Kabarett spendieren wollte. Zu seiner Überraschung ging Sam am Eingang zum Zuschauerraum vorbei in einen Bereich, dessen Türschild ihn als »Lounge« auswies. Hinter der Tür befand sich eine Bar. Auf den ersten Blick sah der Mönch, dass die hier versammelten Männer und Frauen nur eins im Sinn hatten: die »freudige Glückseligkeit« der fleischlichen Lust. Die Luft knisterte beinahe vor Erotik.
Für Graham bestand kein Zweifel daran, weshalb Sam ihn hierher gebracht hatte. Natürlich. Sie war ein Sukkubus und konnte ihren Hunger ausschließlich mit Sex stillen. Und er, Graham, sollte wohl ihr »Abendessen« sein. Dass sie ihn dafür an diesen verruchten Ort brachte, war natürlich eine Extraportion an Demütigung. Vehement lehnte er den Drink ab, den sie ihm wenig später an der Bar hinschob und musste sich beherrschen, ihn ihr nicht ins Gesicht zu schütten. Sam zuckte nur mit den Schultern und behielt das Getränk für sich.
»Ich werde meinen Zölibatseid nicht brechen«, zischte er ihr voll unterdrückter Wut zu. »Egal was du mir befiehlst.«
»Mal ganz abgesehen davon, dass Sariel bestimmt hat, dass du während deiner Zeit bei mir von allen deinen Gelübden entbunden bist, was auch den Zölibatseid einschließt«, erinnerte ihn Sam, »habe ich dich nicht deswegen hergebracht. Ich will dir nur etwas zeigen. Sieh dich um und richte dein Augenmerk dabei auf die Männer hier.«
Graham sah sich um, während Sam ihren Drink schlürfte und ihm Zeit ließ. Die anwesenden Männer gehörten ausnahmslos zu der gehobenen Gesellschaftsklasse, die Frauen ebenso. Eins war jedenfalls offensichtlich: Sie alle waren darauf aus, eine Partnerin oder einen Partner für unverbindlichen Sex zu finden und taxierten die Anwesenden der Reihe nach, ob er oder sie ihnen gefiel. Mit einem längerem Blickkontakt und einem Lächeln wurde das gegenseitige Interesse bekundet, und die Betreffenden nahmen näheren Kontakt auf. Darüber hinaus konnte Graham nichts Besonderes erkennen.
»Okay, ich habe mich umgesehen. Was sollte mir hier auffallen?«
»Würdest du sagen, dass irgendeiner der Männer nicht mit der nächstbesten Frau, die ihm gefällt, Sex haben will?«
»Nein«, musste Graham gezwungenermaßen zu geben.
»Und sie sind alle freiwillig hier, nicht wahr?«
»Ja.« Worauf wollte die Dämonin hinaus?
»Dann wirst du mir sicherlich auch darin zustimmen, dass ich keinen von ihnen dazu zwinge, mit mir zu schlafen, wenn ich mir eben dafür gleich einen aussuche. Zum Beispiel den da.«
Sam nickte unauffällig zum Eingang hin, wo ein blonder Mann eingetreten war, der dermaßen unter »Strom« stand, dass man ihm seine Erregung bereits deutlich ansah; nicht nur wegen der extrem engen Hose, die er trug.
»Ich warte auf deine Antwort, Graham. Siehst du hier irgendeinen Mann, den ich gegen seinen Willen verführen würde?«
»Nein«, musste der Mönch widerstrebend zugeben.
Sam nickte zufrieden. »Das wollte ich dir zeigen. Wenn ich nicht gerade zur Fütterung auf meine Freunde oder gute Bekannte zurückgreife, die übrigens alle wissen, was ich bin und mich gern füttern, wie sie mir immer wieder versichern, dann komme ich ausschließlich hierher, um zu essen, wenn ich in der Stadt bin. Was du ja weißt, da du mir auf Schritt und Tritt gefolgt bist. Dass ich hier Stammgast bin, dürfte dir auch nicht entgangen sein. Ich habe jedenfalls noch nie einen Mann gegen seinen Willen verführt.«
Sie stand auf. »Das war es hier für dich. Du kannst entweder noch das Kabarett genießen oder deinen Wohnwagen holen. Oder beides. Du weißt ja, wo ich wohne«, fügte sie ironisch hinzu. »Die linke Garage ist leer. Du kannst deinen Wohnwagen direkt davor parken. Die Auffahrt ist breit genug dafür.«
Sie nickte ihm zu und blickte den blonden Mann an. Der hatte sein Augenmerk auf sie gerichtet, kaum dass sie aufgestanden war. Graham konnte beinahe sehen, wie ihm bei ihrem Anblick das Wasser im Mund zusammenlief. Obwohl er grundsätzlich nicht prüde und durchaus tolerant war, empfand er diese schamlos zur Schau gestellte Geilheit des Mannes als abstoßend. Und ja, er musste wohl oder übel zugeben, dass Sam sich nur nahm, was der Kerl ihr freiwillig anbot.
Graham stand auf und verließ das Etablissement, als Sam den Blonden ins Obergeschoss abschleppte, der ihr eifrig wie ein Hund folgte und bereits an ihr herumfingerte. Da der Mönch nicht vorhatte, sich das Kabarett anzusehen, rief er sich ein Taxi und ließ sich zum Wohnwagenpark fahren, um sich weisungsgemäß für die kommenden 365 Tage vor Sams Haus zu postieren. Vorher hielt er noch bei einem Diner und aß sich erst mal satt.
Die ganze Situation kam ihm immer noch völlig grotesk vor. Vor allem konnte er kaum glauben, dass es der Dämonin auch noch gelungen war, Abt Dennis einzuwickeln. Gerade das gab ihm zu denken. Dennis Baxter war ein sehr erfahrener Defensor, den kein Dämon zu täuschen vermochte. Zumindest nicht auf dem heiligen Grund und Boden des Klosters. Wenn er ein Licht in Sam Tyler sah, so war da eins. Auch wenn Graham das vollkommen unmöglich zu sein schien und er nicht den kleinsten Schimmer davon in ihr sah. Er musste allerdings zugeben, dass er zu müde war, um sich heute noch allzu viele Gedanken darüber machen zu können.
Als er vor Sam Tylers Haus ankam, war sie ebenfalls gerade zurück und hatte ihren Wagen in die Garage gefahren. Sie machte ein überaus zufriedenes Gesicht wie eine Katze, die eine Schüssel Sahne ausgeschleckt hatte, und grinste ihn an.
»Komm dem Schutzschild ums Haus nicht zu nahe, Graham«, warnte sie ihn, als er ausstieg. »Das dürfte unangenehm für dich werden.«
Er würdigte sie keiner Antwort, sondern ging um den Wagen herum, um aus dem hinten angebrachten Werkzeugkasten die Bremsklötze zu holen. Er kollidierte unvermittelt mit etwas Solidem, das ihm eine Art elektrischen Schlag verpasste und ihn über zwei Meter weit rückwärts zu Boden schleuderte.
Sam lachte. »Ich hatte dich gewarnt.« Sie wurde abrupt ernst. »Dieser Schutzschild ist so konzipiert, dass nichts Böses und kein Wesen mit bösen Absichten ihn durchschreiten kann. An dem Tag, an dem du nicht mehr tief in deinem Herzen wünschst, mich zu töten, wird er dich problemlos passieren lassen. Bis dahin bleibst du vor der Tür.« Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern ging ins Haus.
Der Mönch rappelte sich auf und fuhr den Wohnwagen ein Stück nach vorn, sodass er ihn problemlos umrunden konnte, ohne dem Schild in die Quere zu kommen. Wenig später hatte er den Pioneer vom Dodge abgekoppelt, die Bremsklötze in Position gebracht und konnte sich endlich zurückziehen. Sein Geist fühlte sich seltsam leer an, und er wollte nur noch seine Ruhe.
Nach einer ausgiebigen Dusche verbrachte er den Abend in tiefem Gebet, ehe er sich kurz vor Mitternacht schlafen legte, ohne eine Antwort auf seine drängende Frage erhalten zu haben: Was habe ich denn so Schlimmes getan, dass ich einer Dämonin dienen muss?

Graham erwachte von einem lauten Poltern, als jemand gegen seine Wohnwagentür hämmerte.
»Wir werden in einer Stunde auf den 41. Revier erwartet«, hörte er Sams Stimme. »Abmarsch in 40 Minuten.«
Graham richtete sich auf und warf einen Blick zur Uhr. Es war bereits acht Uhr. Verdammt, er schlief doch sonst nicht so lange. Allerdings musste er zugeben, dass es ein ausgesprochen erholsamer Schlaf gewesen war. Seit dem Tod seiner Klostergeschwister schlief er extrem schlecht, manche Nacht gar nicht, sodass er jede einzelne begrüßte, in der er nicht von Albträumen geplagt wurde.
Er stand auf. Vierzig Minuten reichten aus für einen Kaffee und ein schnelles, aber gehaltvolles Frühstück. Aus der gestrigen Erfahrung des unfreiwilligen Fastens gewitzt, packte Graham eine Umhängetasche mit einer Flasche Mineralwasser, etwas Obst und ein paar Scheiben Brot. Als er gleich darauf seinen Wohnwagen verließ, fuhr Sam gerade ihren Wagen aus der Garage.
Graham setzte sich neben sie und verzichtete auf einen Morgengruß. Auch Sam grüßte nicht und war auch nicht zum Smalltalk aufgelegt. Vorausgesetzt sie hätte den überhaupt mit Graham absolvieren wollen. So legten sie den Weg zum 41. Revier schweigend zurück.
Ronan und Kevin erwarteten sie bereits in Ronans Büro.
»Guten Morgen, Sam. Morgen Graham«, begrüßte der irischstämmige Lieutenant die beiden und blickte Sam wissend an. »Corey Fallon und Alan Michaels hatten gestern am späten Nachmittag einen Zusammenbruch und liegen beide in einer Art Koma. Ich nehme an, damit erzähle ich dir nichts Neues, Sam.«
»Nein. Ich hielt es für besser, kein Risiko einzugehen. Wir haben gestern den Grund für diese ganzen Morde herausgefunden.« Sie setzte sich auf den Stuhl vor Ronans Schreibtisch und berichtete den beiden Männern, was sie aus der Chronik von St. Zeno erfahren hatten. »Allerdings stehen wir jetzt vor einem Problem, von dem ich nicht weiß, wie ich es lösen soll.«
»Hört, hört«, konnte sich Kevin nicht verkneifen gutmütig zu spotten. »Das ist ja mal was ganz Neues.«
Sam warf ihm einen finsteren Blick zu. »Oh, das Problem als solches ließe sich ganz einfach lösen. Die Lösung ist nur keine gute – für die Opfer.« Sie winkte ab. »Du hast uns herbestellt, Ron. Was kann ich für dich tun?«
»Das FBI beschäftigt sich jetzt mit den ganzen Morden, und wegen der unerklärlichen ‚Komafälle’, von denen es, wie ich hörte, nicht nur diese zwei gegeben haben soll« – Sam machte ein betont unschuldiges Gesicht – »tut das auch die Gesundheitsbehörde. Es wäre sicher nicht das Schlechteste, wenn die eine plausible Erklärung fänden. Idealerweise eine, die sie nicht dazu veranlasst, den Notstand auszurufen.«
Sam seufzte. »Genau das ist das Problem, Ron. Ich denke, wir können die Seelen der Freetowner, die noch in ihren Wirtskörpern stecken, daraus vertreiben, indem wir den Bann um den Baum, aus dem sie entkommen sind, erneuern. Wenn das aber klappt, bleiben alle jetzt noch Besessenen als seelenlose Hüllen zurück, die auf ihre körperlichen Grundfunktionen reduziert sind.« Über Sams Gesicht huschte ein Anflug von Traurigkeit. Sie zuckte mit den Schultern. »Nicht einmal meine Macht kann tote Seelen wiederherstellen.«
Ronan beugte sich vor und legte Sam tröstend eine Hand auf den Arm. Kevin trat zu ihr und klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter.
»Wenn ich in meinem Beruf eines nachhaltig gelernt habe – und lernen musste – so ist es die Tatsache, dass wir nun mal nicht alle retten können, die Rettung verdient hätten, Sam«, sagte der Werwolf.
»Danke, Jungs. – Jedenfalls könnte ich natürlich grundsätzlich magisch eine Ursache für den ganzen Schlamassel kreieren«, wandte sie sich wieder dem Problem zu. »Da jedoch die meisten Opfer sich nicht kannten und keine Gemeinsamkeit haben, bei der sie sich ihren ‚Wahnsinn’ zugezogen haben könnten, sind mir ehrlich gesagt, die Ideen ausgegangen.«
Die beiden Männer und auch Sam schwiegen nachdenklich. Graham hatte sich mit dem Rücken gegen die Wand neben die Tür gelehnt, hielt sich aus der Diskussion heraus und größtmöglichen Abstand zu der Dämonin. Mal ganz davon abgesehen, dass er selbst auch nicht wusste, wie man diese Angelegenheit hätte lösen können. Außerdem kannte er immer noch nicht das Ausmaß der magischen Macht, über die Sam verfügte und hatte sowieso keine Ahnung, was sie diesbezüglich hätte tun können und was nicht.
»Genetischer Defekt«, schlug Kevin nach minutenlangem Schweigen vor. »Da die Vorfahren aller 38 Täter hier aus der Gegend stammten, könnten sie sich da nicht einen genetischen Defekt eingefangen haben, der erst Generationen später vielleicht mutiert ist und erst Wahnsinn, dann ... eh, ‚Zombifizierung’ verursacht.«
Ronan schnaufte und schüttelte den Kopf. »Zombifizierung! Mann, Kevin, du hast manchmal einen echt schrägen Humor.«
»Der Begriff ist durchaus zutreffend«, ergriff Sam Kevins Partei. »Und ja, das ist eine gute Idee. Theoretisch müssten meine magischen Heilkräfte das bewerkstelligen können. Ich habe so was zwar noch nie versucht, aber es könnte funktionieren. Falls es aber nicht klappt ...«, sie zögerte und machte ein besorgtes Gesicht.
»Wie lautet die Alternative?«, fragte Ronan.
Sam schüttelte den Kopf. »Die ist verdammt riskant.«
»Spuck’s aus, Sam, bevor wir vor Neugier sterben«, verlangte Kevin.
Sie sah die drei Männer der Reihe nach ernst an. »Ich könnte die Vergangenheit ändern und den Unfall verhindern, der den Baum mit dem Blut eines Nachkommens der damaligen Mörder in Berührung brachte. Die Frage ist erstens, wie weit das wirklich was bringen würde, da die Baufirma den Baum unbedingt aus dem Weg haben will. Ich müsste in dem Fall zweitens auch den verunglückten Baggerfahrer irgendwie so lange aus dem Verkehr ziehen, bis das Problem mit dem Baum beseitigt ist. Aber das kann Wochen dauern. Und gerade so eine scheinbare Kleinigkeit kann ungeahnte Folgen für die Zeitlinie nach sich ziehen, die wir heute als Gegenwart kennen.« Sie verzog das Gesicht. »Glaubt mir, ich spreche aus leidvoller Erfahrung. Und es gibt keine Möglichkeit im Voraus festzustellen, wie sich eine solche Veränderung auswirken würde.«
Sam seufzte tief. »Mit anderen Worten, ich habe die Wahl zwischen über 150 Toten und dem Leid ihrer Angehörigen gegenüber der Möglichkeit, alles ungeschehen zu machen, aber mit unabsehbaren Folgen, die unter Umständen vielleicht sogar noch schlimmeres Übel nach sich ziehen könnte, aber auch ebenso gut die Sache wieder in Ordnung bringen könnte.« Sie blickte in die Runde. »Ich bin kein Mensch, und ich habe keine Ahnung, welche Entscheidung für die Menschen die Richtige sein könnte. Tote und Leid oder Risiko mit einer Fünfzig-fünfzig-Chance, zum Guten oder zum Schlechten und eventuell Schlimmeren.«
Graham war versucht zu glauben, dass sie diese »Gewissensbisse« nur seinetwegen inszenierte, um ihm Sand in die Augen zu streuen. Eine Dämonin, die sich um ihr völlig unbekannte Menschen sorgte, gab es nicht. Und doch schien Sam ehrlich besorgt zu sein. Täuschung! Lüge. Nichts als dämonische Falschheit.
Was jedoch nichts an der Tatsache änderte, dass sie – objektiv – recht hatte mit ihren Einwänden. Dass diese Dämonin auch noch in der Lage war, die Zeit zu verändern, erschütterte ihn. Wie groß mochte ihre Macht tatsächlich sein? Allerdings ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er, wenn sie die Dinge tatsächlich ungeschehen machen konnte, in dem Fall vielleicht auch nicht bei ihr ein Jahr lang Strafdienst schieben müsste. Augenblicklich schämte er sich seiner Selbstsucht.
»Da ist noch etwas«, fuhr Sam ernst fort. »In ein oder zwei Jahren steht ein Ereignis bevor, das die Geschicke in dieser Welt für die nächsten Jahrhunderte prägen wird.« Sie hob abwehrend die Hände, bevor einer der Männer sie um eine nähere Erklärung bitten konnte. »Worum genau es dabei geht erkläre ich euch ein anderes Mal Jedenfalls gehen diesem Ereignis fünf Omen voraus beziehungsweise findet es zeitgleich mit dem fünften Omen statt. Das dritte Zeichen ist die Rache der Geister. Ich bin mir sehr sicher, dass die Rache dieser Geister das besagte Zeichen war. Immerhin haben diese Massenmorde es weltweit in die Prime-Time-Nachrichten und jede halbwegs namhafte Zeitung gebracht, wie ich festgestellt habe. Wenn ich das ungeschehen mache – vorausgesetzt es klappt –, so weiß ich nicht, ob das Omen trotzdem als erbracht gilt. Es könnte passieren, dass dann andere Geister an einem anderen Ort Gelegenheit zur Rache bekommen und andere Menschen Ähnliches erleiden müssen. Vielleicht sogar in einem noch viel schlimmeren Ausmaß.« Sam zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob es so sein wird, aber die Möglichkeit besteht.«
»Scheiße!«, fluchte Kevin, und Ronan nickte.
Sam tat das ebenfalls. »Ich besitze zwar die Gabe der Retrospektion, die mir die Vergangenheit zeigt, aber nicht die der Präkognition, mit der ich die Zukunft sehen könnte.« Sie zuckte mit den Schultern, und es wirkte ausgesprochen hilflos. »Ich weiß wirklich nicht, was zu tun richtig wäre.«
Wieder schwiegen alle einige Zeit. Schließlich räusperte sich Graham, und aller Augen richteten sich auf ihn.
»Ich bin der Überzeugung, dass nichts ohne Gottes Willen geschieht«, sagte er nachdrücklich. »Auch wenn wir Menschen«, er räusperte sich erneut, »und Dämonen oder«, er blickte Kevin an, »Werwölfe das nicht immer verstehen. Falls diese Ereignisse tatsächlich ein Omen waren, so dürfen wir es meiner Meinung nach nicht ungeschehen machen. Ganz gleich, wie viel Leid dadurch verursacht wurde. Die Zeit zu verändern, wäre ein Hineinpfuschen in Gottes Plan, und das kann nicht recht sein.
Außerdem haben wir ohnehin nicht das Recht, derart nachhaltig in das Leben anderer Menschen einzugreifen. Oder, falls deine Vermutung zutrifft«, er nickte Sam zu, »dass das Omen durch andere Geister verursacht wird, wenn du dieses verhinderst, das damit verbundene Leid einfach anderen Menschen aufbürden. Auch wenn«, er räusperte sich, »ich so ein Leid am liebsten jedem ersparen würde. Doch das Leben beinhaltet nun mal Leid. Jedenfalls darf niemand seinen eigenen Willen selbstsüchtig oder auch aus hehren Motiven heraus«, fügte er einschränkend hinzu, als Kevin und auch Ronan finster die Stirn runzelten, »derart massiv in die Zeit und damit in das Leben von Menschen eingreifen.«
Sam blickte den Mönch nachdenklich an. »Ist das die menschliche Art zu denken?«
Graham nickte. »Die eines gottesfürchtigen Menschen in jedem Fall.«
»Dem stimme ich bei näherer Betrachtung zu«, gestand Ronan. »Auch wenn mir die Folgen in diesem Fall nicht schmecken.«
Sam atmete tief durch und traf ihre Entscheidung. »Okay. Also versuche ich die ‚Gentherapie’. Immerhin gibt die auch den Michaels und den Fallons die nutzlose Genugtuung, dass ihr Sohn beziehungsweise Ehemann für die begangenen Morde juristisch nicht verantwortlich ist. Wurde den beiden schon Blut abgezapft, Ron?«
Der Lieutenant nickte. »Es wurde aber noch nicht untersucht. Die Labore sind mal wieder überlastet. Cleveland hat nun mal eine verdammt hohe Kriminalitätsrate.«
Sam nickte. »Ich mache mich ans Werk. Man sieht sich, Jungs.«
Sie schnippte mit dem Finger in Grahams Richtung, und er folgte ihr notgedrungen. Es erschütterte ihn – im positiven Sinn diesmal –, dass es ihm offensichtlich gelungen war, die Dämonin an ihrem finsteren Werk zu hindern; wenn auch mit Unterstützung des Lieutenants, dessen Meinung ihr wohl wichtig war. Vielleicht hatte Gott ihn deshalb zu ihr geschickt, damit er sie auf den rechten Weg brachte. Oder es zumindest versuchte. Wenn er dadurch nur einem einzigen Menschen helfen konnte, so war das jeden Preis wert, den er, Graham, zu zahlen hätte.
»Also, Graham«, sagte sie, als sie wenig später in Sams Wagen saßen und zu ihrem Büro fuhren, »das geht jetzt wieder mit Unsichtbarkeitszauber und Springen durch die Dimensionen. Außerdem wird es eine verdammt langwierige Angelegenheit. Willst du trotzdem dabei sein?«
Es gab eine Menge Dinge, die Graham lieber gewollt hätte, als erneut mit ihrer dämonischen Magie belegt zu werden. Doch nur wenn er bei ihr war, konnte er sich halbwegs sicher sein, dass sie nichts tat, was einem Menschen schadete. Zumindest nicht in einer Form, die er bemerken konnte.
»Ich komme mit«, entschied er.
Zunächst fuhr Sam allerdings zum Büro, wo sie wieder einmal ihren Spiegel befragte. Was immer der ihr zeigte, war wohl etwas Positives, denn sie machte ein zufriedenes Gesicht, als sie die Sitzung beendete. Sie legte ihn zur Seite, streckte die Hand aus und hielt im nächsten Moment ein Röhrchen voller Blut darin.
Graham beobachtete mit widerwilliger Faszination, wie sie das Röhrchen magisch vervielfachte und mit den Duplikaten magische Experimente anstellte, die er nicht zu erkennen vermochte. Knapp zwei Stunden und 27 verbrauchte Röhrchen später seufzte sie erleichtert und lächelte zufrieden.
»So müsste es funktionieren«, sagte sie mehr zu sich selbst und blickte Graham an. »Gehen wir.«
Sie ließ das Röhrchen mit dem jetzt magisch veränderten Originalblut verschwinden und stand auf. Obwohl Graham es nicht sehen konnte, spürte er doch, dass Sam einen Zauber auf ihn und sich selbst legte.
»Wir sind jetzt unsichtbar. Kann ich mich darauf verlassen, dass du den Mund hältst, oder muss ich dir wieder die Stimme nehmen?«
Allein der Gedanke war grauenhaft. »Ich schweige.«
Sam streckte ihm die Hand entgegen, die er zögernd ergriff und sich innerlich gegen die unnatürliche Transportmethode wappnete, die er zutiefst verabscheute. Im nächsten Augenblick befanden sie sich in einem Krankenzimmer im Gefängnis, wo Alan Michaels und Corey Fallon an Geräte und Monitore angeschlossen im magischen Schlaf lagen. Sam trat zuerst an Alans Bett, hielt ihre Hände über seinen Körper und wirkte mit geschlossenen Augen ihre Magie.
Graham konnte zwar nicht nachvollziehen, was genau sie tat, doch er spürte die Energie und die Macht, die sie gebrauchte. Allerdings fühlte die sich tatsächlich nicht negativ an. An Alans Zustand veränderte sich äußerlich nichts, und auch die Monitore zeigten keine Veränderung. Eine Viertelstunde später trat Sam an Coreys Bett und verfuhr mit ihm auf dieselbe Weise.
Nacheinander begab sie sich mit Graham zu den restlichen Besessenen, die inzwischen alle in irgendwelchen Kliniken lagen und tat mit ihnen dasselbe. Anschließend wiederholte sie die Prozedur bei den Leichen der Selbstmörder, die ebenfalls besessen gewesen waren. Fünf Stunden später hatte sie den Letzten »verwandelt«, denn nichts anderes war eine Genmanipulation, egal wie marginal sie sich auswirkte.
»Okay, Graham«, wandte sie sich anschließend an den Mönch. »Jetzt sperren wir die restlichen rachsüchtigen Geister wieder in ihren Baum.«
Ehe Graham dazu kam zu antworten, befanden sie sich vor der alten Eiche bei Doylestown. Die Absperrbänder der Polizei waren immer noch an ihrem Platz, doch im Moment hielt sich hier niemand auf. In einiger Entfernung arbeitete die Straßenbaucrew an dem nächsten Bauabschnitt, der fünfzig Meter hinter dem Baum begann. Auch ohne den Unsichtbarkeitszauber hätte ihnen wohl niemand Beachtung geschenkt.
Bevor Graham etwas sagen oder tun konnte, spürte er, wie Sam ihre magische Macht in sich sammelte – eine wirklich starke Macht, die ihm einmal mehr vor Augen führte, wie gefährlich sie war. Sie ließ sie in den Baum fließen und versuchte, das von Bruder Peter vor zweihundert Jahren darum angebrachte »Siegel« erneut zu aktivieren.
Zu ihrer Überraschung trat das Gegenteil ein. Statt das Tor, durch das die Geister entkommen waren, zu schließen, floss denen, die noch »lebten«, dadurch ein zusätzlicher Energieschub zu. Sam fluchte und brach den Zauber augenblicklich ab. Graham empfand eine Mischung aus Genugtuung und Wut. Genugtuung, weil ihre dämonische Magie versagt hatte, Wut, weil sie sich überhaupt angemaßt hatte, sich hier einzumischen und die Situation wahrscheinlich dadurch noch verschlimmert hatte.
Sam sondierte mit ihren magischen Sinnen den Baum und die Struktur des Siegels. Ihr Versuch, es zu aktivieren, hatte seine Kraft deutlich geschwächt. Sam fluchte erneut. Das hätte nicht passieren dürfen. Sie nickte Graham zu.
»Meine Energie schmeckt ihm offenbar nicht. Versuch du es mal.«
Graham verkniff sich die Bemerkung, dass sie ihm gleich den Vortritt hätte lassen sollen ebenso wie die Beschuldigung, dass sie gewusst hatte, was passieren würde und ihm mit ihrer Aktion die Sache absichtlich erschwerte. Er fasste sein Kreuz und streckte es dem Baum entgegen. Inbrünstig rezitierte er dieselben Gebete, die Bruder Peter schon vor zweihundert Jahren an dieser Stelle gesprochen hatte – und spürte Widerstand. Einen ausgesprochen heftigen Widerstand, als wehrte sich das, was den Baum mit den Geistern verband, vehement dagegen, seine Macht erneut aufzugeben. Mehr noch: Graham spürte, wie es ihm seine eigene Kraft entzog.
Sei es, dass seine Macht als Defensor nicht mehr stark genug war, weil er gegenwärtig quasi seines Amtes enthoben war oder dass die Geister durch Sams Fehlversuch stärker geworden waren als er, auch der Mönch schaffte es nicht, sie wieder zu bannen. Er konnte nicht verhindern, dass er vor Scham errötete. Natürlich bedeutete sein Versagen eine immense Genugtuung für die Dämonin und würde sie ihn gleich deswegen verspotten.
Sam seufzte tief. »So geht es also nicht«, stellte sie missmutig fest. »Hast du eine Idee, woran das liegen könnte?«
»Daran, dass deine finstere Magie das Böse verstärkt hat!«, fauchte Graham aufgebracht. Vielleicht war das nicht der einzige Grund, aber in jedem Fall erschwerte ihre Intervention das Ganze.
Hatte er erwartet, dass sie wütend wurde und ihn wieder mal mit dem Entzug seiner Stimme bestrafte, so sah er sich getäuscht. Sam starrte nur nachdenklich auf den Baum.
»Du meinst also, wenn eine Macht des Lichts deine eigene Kraft verstärken würde, dass es dann ginge?«, fragte sie schließlich.
»Ja«, brummte er und fügte einschränkend hinzu: »Wahrscheinlich. Nachdem du aber daran herumgepfuscht hast, müsste es wohl schon eine reichlich große Macht sein.«
Sam griff zum Handy und tippte eine Nummer ein. »Hallo Vesgyn«, sagte sie, als sich ihr Gesprächspartner meldete. »Hast du ein bisschen Zeit? Ich habe ein Problem und könnte deine Hilfe gebrauchen. Sofort, wenn es geht.«
Sekunden später stand der Priester des Lichts neben ihnen, der Graham vor einem Dreivierteljahr durch Sams Erinnerungen geführt hatte. Der Mann sah den Mönch sichtlich überrascht an.
»Hallo Graham.« Er blickte von ihm zu Sam und wieder zurück, ehe er wohlwollend lächelte. »Habt ihr eure Differenzen endlich beigelegt.«
»Noch nicht«, antwortete Sam. »Aber wir arbeiten gerade dran.« Sie deutete auf die alte Eiche und erklärte ihm kurz, worum es ging. »Wie es aussieht, hat meine Magie das Gegenteil bewirkt und den Widerstand stärker gemacht«, schloss sie und sah den Priester von Atlantis an. »Ich hoffe, dass deine Lichtmacht in Verbindung mit Grahams Bannsprüchen den Trick tut.«
Vesgyn besah sich den Baum und ertastete mit seinen magischen Sinnen dessen Struktur und vor allem die Natur des Zaubers, der die Geister einst darin gebannt hatte. Nach einer Weile nickte er.
»Deine Magie konnte nicht funktionieren, Sam«, erklärte er. »Deren Natur korrespondiert zu stark mit den Emotionen derer, die diesen Hort der Geister ursprünglich geschaffen haben. Derjenige, der sie damals gebannt hat, muss über ein sehr starkes inneres Licht verfügt haben.« Er blickte Graham an. »Deshalb hat auch deine Kraft nicht ausgereicht, Graham. Du bist gegenwärtig so sehr von negativen Emotionen erfüllt, dass dein Licht dadurch verdunkelt wird. Gemeinsam müssten wir es aber schaffen. Du, Sam, hältst dich raus und tust gar nichts.«
Sam hob abwehrend die Hände. »Ich sehe nur zu wie ihr schuftet.«
Vesgyn nickte Graham zu. »Beginne.«
Graham hob sein Kreuz und wiederholte seine Gebete und »Bannsprüche«. Wieder fühlte er, wie sich die Kraft des Lichts in ihm sammelte und durch das Kreuz auf den Baum strahlte. Sekunden später spürte er eine reine Kraft aus machtvollem Licht, die in ihn eindrang und seine eigene verstärkte. Sie war so stark, dass sie ihn beinahe schmerzte. Sein Kreuz strahlte auf, und dessen Licht hüllte den Baum ein. Das rötliche Glühen um ihn herum, das nur ein Wesen erkennen konnte, das über magische Sicht verfügte, zerfaserte, wo es von dem Silberstrahl berührt wurde und löste sich auf.
Wenige Minuten später ertönte eine Art Winseln aus der Ferne. Je näher es kam, desto mehr wandelte es sich zu einem Kreischen, das Hass und Wut in einem unvorstellbaren Ausmaß ausdrückte. Graham schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Gebete.
»Vade retro, animus malus! In nomini patris et filii et spiritus sancti!«7
Er wiederholte das, bis die letzte noch freie Seele mit einem hasserfüllten mentalen Wutschrei in den Baum gefahren war, ehe er mit einem machtvollen »Amen!« das Gebet besiegelte.
Das Glühen um den Baum erlosch, und Graham taumelte ein wenig. Die Kraft, die Vesgyn durch ihn geleitet hatte, so wunderbar sie sich auch anfühlte, hatte seinen Körper erschöpft. Vesgyn fasste ihn an der Schulter, um ihn zu stützen, ehe er sich Sam zuwandte, die ihn dankbar anlächelte. Er trat vor sie hin und strich ihr sanft über die Wange.
»Kann ich noch etwas für dich tun, Sam?«
Die Dämonin imitierte seine Geste kurz, ehe sie nickte und auf den Baum deutete. »Der ganze Schlamassel ist entstanden, weil der Baum mit Blut in Berührung gekommen ist. Ich will meine Magie nicht nochmals bei ihm einsetzen, Vesgyn. Könntest du ihn mit einer magischen Schutzhaut bis in die Wurzeln versehen, die zwar Wasser durchlässt, Blut aber abstößt?«
Der Erzpriester nickte. »Das dürfte kein Problem sein. Ich werde ihm einen Schutz geben, der auch verhindert, dass er mit profanen Mitteln gefällt werden kann.«
Er schloss die Augen und wirkte den erforderlichen Zauber. »Erledigt«, meldete er schließlich. »Dieses Tor dürfte jetzt für alle Zeiten geschlossen bleiben, selbst wenn der Baum eines Tages tatsächlich fallen sollte.«
»Danke, Vesgyn.« Sam umarmte ihn.
Er legte seine Hand an ihre Wange, beugte sich vor und gab ihr einen sanften Kuss. »Gern geschehen.«
Sie war nicht Tarynya, aber sie hatte dennoch einen ganz eigenen Platz in seinem Herzen. Vielleicht würde er niemals wieder mit ihr schlafen, aber er konnte sie als Freundin oder eine kleine Schwester sehen. Seltsamerweise gab ihm das eine größere Befriedigung, als er gedacht hatte.
Vesgyn bemerkte, dass Graham ihn und Sam mit gerunzelter Stirn finster anblickte. »Was beschäftigt dich, Graham?«
»Wie ist es möglich, dass ein Wächter keinen Abscheu davor empfindet, auch nur in der Nähe dieser Höllenkreatur zu sein«, platzte der Mönch heraus. »Geschweige denn, dass ...« Er presste die Lippen zusammen, bevor ihm noch etwas völlig Unangebrachtes herausrutschte.
Vesgyn blickte den Mönch mit einer Mischung aus Nachsicht und beginnender Ungeduld an. »Hast du noch immer nicht begriffen, dass Sam anders ist als die Wesen, die ihr Defensoren bekämpft?«
»Sie ist ein Dämon!«, beharrte Graham stur und bedachte Sam mit einem Blick voller Abneigung.
»Trotzdem versuchen wir Wächter schon seit Jahren, sie für uns zu gewinnen, damit sie ebenfalls eine Wächterin wird.« Vesgyn sah ihm ernst in die Augen. »Glaubst du, das würden wir tun, wenn sie das Geschöpf der Finsternis wäre, das du mit aller Gewalt in ihr sehen willst? Oder glaubst du im Ernst, dass sie es fertig brächte, uns alle zu blenden – uns, die Wächter?«
Graham antwortete nicht darauf. Sein Verstand sagte ihm natürlich, dass der Lichtpriester recht haben musste. Dennoch ...
»Denk darüber nach, Graham, und versuche wenigstens, Sam unvoreingenommen zu sehen«, riet Vesgyn. »Beurteile sie nach ihren Taten, nicht nach deiner Fantasie über sie.« Er strich Sam noch einmal über die Wange. »Ich verabschiede mich.« Ohne ein weiteres Wort verschwand er.
Sam wandte sich Graham zu und grinste boshaft. »Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du läufst die 35 Meilen zurück nach Cleveland, oder du vertraust dich mir noch einmal für einen Sprung durch die Dimensionen dorthin an.« Sie streckte ihm einladend die Hand entgegen.
Es gab immer noch eine Menge Dinge, die der Mönch lieber getan hätte, als sie zu berühren und sei es nur für eine einzige Sekunde. Ganz zu schweigen davon, sich dieser unnatürlichen Transportmethode auszusetzen, die er heute schon im Übermaß hatte erdulden müssen. Er fühlte sich dadurch inzwischen regelrecht beschmutzt. Eine so weite Strecke zu laufen machte ihm nicht viel aus; außerdem war er sich sicher, dass er unterwegs einen Wagen anhalten konnte, der ihn mitnahm.
Dennoch würde es mindestens zwei Stunden dauern, bis er wieder in Cleveland wäre, und er scheute sich immer noch, die Dämonin so lange aus den Augen zu lassen. Dazu kam, dass er sich durch das Bannritual sehr erschöpft fühlte. Außerdem konnte man seine Weigerung durchaus als die Art von Insubordination verstehen, die ihm einen weiteren Monat Strafdienst bei ihr nach sich ziehen konnte.
Widerwillig fasste er Sams Hand und befand sich im nächsten Moment in ihrem Büro in Cleveland. Sofort ließ er sie wieder los und wischte seine Hand unbewusst an seiner Hose ab. Sam quittierte das mit einem amüsierten Grinsen, sagte aber nichts dazu.
»Der Fall wäre also abgeschlossen«, stellte sie stattdessen fest. »Danke für deine Hilfe, Graham.«
»Das war selbstverständlich, denn ich habe Menschen geholfen, nicht dir«, knurrte er und kehrte an »seinen« Schreibtisch zurück, um den Papierkram zu erledigen, zu dem Sam ihn verdonnert hatte.
Sie selbst führte in ihrem Büro ein Telefonat mit Ronan Kerry und gab Entwarnung, was die Gefährlichkeit von Alan Michaels und Corey Fallon betraf.
»Verbinde mich doch mal mit dem Labormenschen, der für die Untersuchung der Blutproben von Michaels und Fallon zuständig ist«, bat sie ihn zum Schluss.
Sekunden später hörte Graham durch die offene Tür, wie sie sich einem Dr. McCann vorstellte und ihm den Grund ihres Anrufs nannte. »Doktor, ich habe im Zuge meiner Arbeit herausgefunden, dass Mr. Fallon und Mr. Michaels sowie neun andere Leute, die an verschiedenen Orten im Umkreis von Cleveland plötzlich ins Koma gefallen sind, von denselben acht Gründerfamilien unserer schönen Stadt abstammen. Das gilt auch für die 27 Leute, die Selbstmord begangen haben, nachdem sie ihre Angehörigen oder völlig Fremde ermordeten. Ich glaube, dass da ein Zusammenhang besteht. Ein befreundeter Arzt vermutet, dass vielleicht eine Genmutation in Verbindung mit einem aggressiven Auslöser die Ursache dafür sein könnte.«
Sam lauschte auf McCanns Antworten. »Ich bin Privatermittlerin, keine Genetikerin, Dr. McCann. Ich kann daher nicht beurteilen, wie wahrscheinlich das ist oder nicht.«
Graham spürte, dass sie Magie anwandte, um wohl den Arzt durch das Telefon hindurch in ihrem Sinn zu beeinflussen.
»Ich dachte, dass Ihnen die Informationen vielleicht helfen können. Alle 38 Betroffenen haben nämlich unabhängig voneinander in der Woche vor ihrem, eh, pathogenen Verhalten im Fat Fish Blue in der Prospect Avenue die Alabama Shrimp-N-Grits gegessen.« Sie nickte zu etwas, das McCann am anderen Ende der Leitung sagte, ehe sie eine Weile später das Gespräch mit einem »War mir ein Vergnügen, Dr. McCann!« beendete und sich zufrieden in ihrem Sessel zurücklehnte.
Graham warf ihr einen missmutigen Blick zu. »Ich wusste, dass du die geborene Lügnerin bist«, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen.
»Aber ja«, stimmte Sam ihm unumwunden zu. »Wenn du erst mal eine Weile bei mir bist, wirst du begreifen, dass es in Fällen wie diesen essenziell – und oft ziemlich schwierig – ist, eine plausible Erklärung für solche mit dem normalen Verstand unerklärlichen Dinge zu finden. Das geht nun mal nicht ohne gefälschte Beweise und – Lügen.«
Sie winkte ihn gebieterisch in ihr Büro und befahl ihm mit einem knappen Fingerzeig sich zu setzen. »In diesem Fall sehen die gefakten Beweise so aus. Ich habe den Gendefekt bei allen Besessenen und den noch nicht obduzierten Leichen der ehemals besessenen Selbstmörder so modifiziert, dass sie auf ein Enzym, das nur in Shrimps vorkommt, allergisch reagieren, und zwar in der Weise, dass sie dadurch erst den Verstand verlieren – was ihren Amoklauf erklärt – und anschließend ins Koma fallen, aus dem sie nun leider als ‚Zombies’ erwachen werden, sobald ich nachher den Schlafzauber auflöse.
Natürlich waren sie nie im Fat Fish Blue – wo man übrigens hervorragend Lachs essen kann, und auch die Alabama Shrimps-N-Grits sind köstlich –, aber ich habe auch hier ein bisschen mit Magie nachgeholfen. Das Personal wird sich an jeden Einzelnen von ihnen erinnern, sollte man dort nach ihnen fragen. Ich werde meinen entsprechenden ‚Ermittlungsbericht’ Ron geben, der ihn an die zuständigen Ermittler in den anderen Städten weiterleiten wird. Am Ende steht eine völlig plausible Erklärung für das nach menschlichem Ermessen Unerklärliche.«
Sie sah Graham in die Augen. »Solche Lügen schaden niemandem, sondern geben in diesem Fall den Fallons und den Michaels’ sowie den anderen Angehörigen der ‚Amokläufer’ genau die Erklärung, die sie brauchen, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden. Eines Tages jedenfalls. Falls du aber einen besseren Vorschlag hast, wie ich solche Dinge handhaben kann, nur heraus damit.«
Den hatte Graham leider nicht. »Trotzdem ist es nicht richtig«, entfuhr es ihm. »Es ist einfach unrecht, Menschen derart zu manipulieren. Aber das macht einem Geschöpf wie dir ja auch noch Spaß.«
Sam ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. »Wenn du meinst. Du musst es ja wissen als rechtschaffener Mönch und Defensor.«
Der Seitenhieb traf. Schließlich hatte auch Sariel ihm ungeschminkt attestiert, dass er ein nicht mal annähernd so rechtschaffener Mann war wie er glaubte zu sein.
»Kleiner Rat für die Zukunft, Graham: Schalte vor Inbetriebnahme deiner Giftspritze namens ‚Zunge’ das Gehirn ein, damit zu dem Gift nicht auch noch Bullshit rauskommt.« Sie scheuchte ihn mit einer Handbewegung aus ihrem Büro. »Mach Schluss für heute. Du bist ziemlich erschöpft.«
»Keine Sorge«, knurrte der Mönch. »Ich halte schon noch durch bis zum regulären Feierabend.«
Sam zuckte mit den Schultern. Sie schrieb noch ganz profan ihre Abschlussberichte für Olivia Fallon und Carl und Bonnie Michaels, ehe sie das Büro verließ.
»Ich gehe jetzt im Joyful Bliss was ‚essen’«, hielt sie ihn zurück, als er zu ihr in den Wagen steigen wollte. »Du wirst mit dem Taxi nach Hause fahren und dich ausruhen. Keine Widerrede!«, würgte sie den Protest ab, zu dem er ansetzte.
Sie nahm aus ihrer Jackentasche einen Notizblock und schrieb etwas darauf, bevor sie den Zettel abriss und Graham reichte. Darauf standen die Adresse eines chinesischen Ladens und ein paar chinesische Zeichen.
»Vorher fährst du noch zu diesem Laden, lässt dir den Tee geben, den ich aufgeschrieben habe – auf meine Rechnung – und trinkst heute noch drei Tassen, morgen eine auf nüchternen Magen und fünf weitere Tassen über den Tag verteilt. Das war ein Befehl«, kam sie zum zweiten Mal seinem Protest zuvor und genoss es, ihn als Rache für sein Stalking nach Herzenslust herumkommandieren zu können wie einen Rekruten. Oder einen Hund ... »Das ist nur ein Kräutertee, aber er hilft Menschen, die sich verausgabt haben, ihre Kräfte zu regenerieren.«
Graham gehorchte widerwillig. Andererseits war die Aussicht, sich den Rest des Tages ausruhen zu können, verlockend. Und er hatte noch eine Menge zu überdenken.

Zwei Tage später legte Sam Graham die Akten Fallon und Michaels auf den Tisch mit dem angehefteten Vermerk, die Rechnungen zu schreiben. Olivia Fallon berechnete sie nur zweihundert Dollar plus ein paar lächerliche Spesen, zahlbar in fünf Raten, den Michaels’ den vollen Preis.
Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck, den der Mönch als Traurigkeit identifiziert hätte, wäre sie ein Mensch gewesen. Nachdem sie den Schlafzauber von den ehemals Besessenen genommen hatte, waren die zwar wieder erwacht, aber wie sie vorausgesagt hatte nur noch seelenlose, auf ihre Grundfunktionen beschränkte Körper, die den Rest ihres Lebens in diesem Zustand dahinvegetieren würden.
Dr. McCann hatte ihre Anregung aufgegriffen und einen Gentest durchgeführt, der genau das Ergebnis erbracht hatte, das Sam Graham vorgestern erklärt hatte. Ronan Kerry hatte McCanns Bericht an die anderen betroffenen Dienststellen gefaxt, die daraufhin ihre eigenen Untersuchungen angestellt hatten und zu demselben Ergebnis gekommen waren. Für die überlebenden Angehörigen bedeutete das die Gewissheit, dass ihre Kinder, Ehepartner, Geschwister und sonstige Verwandten wenigstens keine vorsätzlichen Mörder waren. Verloren hatten sie sie dennoch, da die bis ans Ende ihrer Tage auf intensivste Pflege angewiesen blieben.
Graham konnte kaum glauben, dass Sam das in irgendeiner Weise zu schaffen machte. Er hatte auch nicht vor, sich darüber Gedanken zu machen. Sie reichte ihm jetzt einen von zwei Briefumschlägen.
»Was ist das?«, fragte er misstrauisch.
»Dein Gehalt. Es ist Ultimo. Du arbeitest für mich, also bekommst du auch das Gehalt, das du verdienst. Rückwirkend für die vergangenen drei Tage und der Rest als Vorauszahlung für die Hälfte des kommenden Monats, da du so ziemlich pleite bist, wie ich weiß. Und bevor du versucht bist, es mir an den Kopf zu werfen oder in den Rachen zu stopfen, solltest du bedenken, dass es erstens ganz reell verdientest Geld ist und von guten Menschen stammt, weshalb garantiert kein Fluch oder gar Blut an ihm klebt. Zweitens bist du momentan von der Gehaltsliste deines Ordens gestrichen, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, also solltest du es dir sehr genau überlegen, ob du es dir leisten kannst, das abzulehnen. Siebenhundert Dollar in bar, wie es bei deinem Orden üblich ist, der Rest als Scheck fürs Klosterkonto.«
»Woher weißt du das?«, fuhr er sie an und war tatsächlich versucht, ihr den Umschlag mitsamt seinem Inhalt in den Rachen zu stopfen. »Solche Informationen stehen nicht im Internet und sind auch nicht für die Öffentlichkeit verfügbar.«
Sam grinste. »Ich bin eine Dämonin, wie du ja nie müde wirst zu betonen. Ich brauche kein Internet, um an die Information zu kommen, die ich haben will.« Sie warf noch einen Ausweis und den zweiten Umschlag auf den Tisch sowie eine auf die Detektei ausgestellte Kreditkarte. »Dein Ausweis und deine Lizenz als Privatermittler und die Kreditkarte für die Spesen. Deine Spritkosten gehören ausnahmslos auch dazu. Ich erwarte für jeden Fall, an dem du mitarbeitest und für den Spesen anfallen, eine detaillierte Spesenabrechnung.«
Sie ließ ihm keine Zeit zu antworten, sondern ging wieder in ihr Büro. Graham nahm den Umschlag mit dem Gehaltsscheck auf, drehte ihn unschlüssig in den Händen und ignorierte, dass der Dienergeist ihn hämisch angrinste. Er war versucht zu glauben, dass auch dieses Gehalt ein Täuschungsmanöver war, mit dem Sam ihm Sand in die Augen zu streuen versuchte. Andererseits passte es nicht zu einem Dämon, einen Scheck auf ein christliches Kloster auszustellen, wie er feststellte, als er den Inhalt des Umschlags prüfte und entdeckte, dass Sam ihm ein wirklich großzügiges Gehalt zahlte.
Er wusste beim besten Willen nicht, was er davon halten sollte. Außerdem konnte er es immer noch nicht fassen, dass er dieser Dämonin dienen musste und noch weniger begreifen, welches Interesse Gott daran haben konnte, dass er sie nicht verfolgte. Gott hielt es jedoch nicht für nötig, ihm auf diese drängende Frage eine Antwort zu geben. So blieb Graham nichts anderes übrig, als sie selbst zu finden und die Prüfung zu bestehen, die Er ihm auferlegt hatte.
Doch gerade deswegen fühlte er sich so verloren wie selten zuvor in seinem Leben und hatte gegenwärtig keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als ein etwa neunjähriger blonder Junge die Detektei betrat und auf seinen Schreibtisch zusteuerte. Graham empfand ein profundes Entsetzen darüber, dass ein Kind die Dämonin aufsuchte. Er stand auf und wollte den Jungen schnellstmöglich hinausscheuchen, bevor der Dämon Gelegenheit bekam, ihn auch nur zu sehen.
»Ich möchte zu Tante Sam«, sagte der Junge unbefangen.
Tante?
Ehe Graham antworten konnte, kam Sam schon aus ihrem Büro. »Harlan, was tust du denn hier?« Sie warf einen Blick auf die Uhr und daraufhin einen sehr strengen auf ihren Beinahe-Neffen. »Solltest du nicht in der Schule sein? Und weiß deine Mutter, dass du hier bist?«
Harlan Crawford schüttelte den Kopf. »Tante Sam, ich …« Er zögerte. »Du hast gesagt, ich kann jederzeit kommen, wenn …«
»Natürlich, Harlan.« Sam legte ihm den Arm um die Schulter. »Worum geht es denn?«
»Tante Sam, der neue Lehrer ist ein … er ist böse!«, platzte der Junge heraus. »Du hast mir doch gesagt, wenn die Aura eines Menschen schwarz ist, dann ist er besonders böse, und der neue Lehrer ist ganz schwarz. Wirklich ganz, ganz schwarz!« Harlan war jetzt richtig verstört. »Tante Sam«, flüsterte er, »ich glaube, Mr. Shanks ist gar kein Mensch ...«
Ende

Fussnoten:
1 siehe Sukkubus 11: »Im Bann des Voodoo-Priesters«
2 = dead body/bodies - Leiche/n
3 siehe Sukkubus 11
4 siehe Sukkubus 11
5 siehe Sukkubus 5: »Das Amulett der Lady Arden«
6 siehe Sukkubus 7: »Die Unadru-Schriften«
7 Latein = Weiche zurück, böser Geist (animus = Geist eines Verstorbenen)! Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! (spiritus = Geist allgemein)
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Im nächsten Roman:
Harlans Vermutung über seinen neuen Lehrer erweist sich als zutreffend. Doch nicht einmal Sam hat mit dem gerechnet, womit sie es zu tun bekommt, denn Rattendämonen scheinen nicht nur Cleveland unvermittelt als ihre neue Heimat und die Menschen als ihr rechtmäßiges Futter zu betrachten. Obendrein setzt Sams Tochter Danaya den ersten ihrer Pläne in die Tat um, mit denen sie ihre Mutter auf die Seite der Finsternis ziehen und sie zwingen will, ihre Stellung als Königin der Unterwelt anzunehmen.
Ob es Sam gelingen wird, der »Rattenbrut« Herr zu werden und Danayas Tücke zu durchschauen, hängt davon ab, wem sie sich entscheidet zu vertrauen – ihrer Tochter oder der Rattenkönigin ...
»Rattenbrut« erscheint am 05. Dezember exklusiv im »Geisterspiegel«.

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Uriel/Sariel
Uriel (= hebräisch »Licht Gottes« oder »Mein Licht«) gilt als der vierte Erzengel neben Michael, Raphael und Gabriel, wird aber nicht von allen christlichen Richtungen als Erzengel anerkennt. Er ist der Engel, der die toten Seelen zum Jüngsten Gericht geleitet, weshalb er auch als Todesengel gilt. Außerdem ist er ein Seraphim = einer der Engel, die ständig Gott umgeben und der Kommandant der himmlischen Heerscharen, die das Böse bekämpfen.
Im Okkultismus wird Uriel auch Sariel, Suriel, Israfel, Jehoel, Nuriel, Uryan, Phanuel, Jeremiel, Puruel, Jacob-Israel oder Vretil genannt, obwohl einige Quellen der Meinung sind, dass es diese Engeln nicht mit ihm identisch sind. In der Bibel wird Uriel nur im Buch Esra erwähnt (4 Esra 4,1-34; 5,20; 10,28) sowie in einigen Apokryphen.
Quelle: Diverse
Magische Spiegel
Seit Menschen zum ersten Mal ihr Spiegelbild auf einer Wasseroberfläche gesehen haben, haftet spiegelnden Flächen etwas Magisches an. Ursprünglich galt das Spiegelbild als Abbild der Seele, woraus das Tabu resultierte, die (ruhige) Wasseroberfläche zu (zer)stören, wenn sich darin gerade ein Mensch spiegelt oder später einen Spiegel zu zerbrechen, weil das der Seele Schaden zufügen könnte. Daraus entstand auch der Mythos, dass Vampire, Werwölfe und Dämonen keine Spiegelbilder hätten, weil sie angeblich keine Seele (mehr) besitzen.
Magische Spiegel zeigen die spirituelle/okkulte Realität, die »neben« unserer Welt existiert. Sie bestehen meist aus poliertem Stein (oft Obsidian oder anderen dunklen Steinen) und sind mit magischen Symbolen verziert. Mithilfe von Zauber(sprüche)n können entsprechend versierte Zauberkundige angeblich auch die Vergangenheit und/oder die Zukunft sehen sowie jeden beliebigen Menschen und Teile seines Lebens.
Die ersten künstlich »hergestellten« Spiegel waren mit Wasser gefüllte Schalen, dessen Oberfläche die Spiegel bildeten. Als die ersten massiven Spiegel gelten polierte Bronzescheiben sowie andere Metallscheiben und sind seit dem 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung belegt. Silberspiegel waren noch bis ins 19. Jahrhundert in der gehobenen Gesellschaft gebräuchlich. Daneben wurden auch polierte (dunkle) Steinplatten benutzt. Der erste Nachweis eines Glasspiegels stammt aus dem 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und wird bei Plinius d. Ä. erwähnt.
Quellen:
- Barbara Walker: »Encyclopedia of Myths and Secrets«
- Meyers großes Taschenlexikon, Band 21
Cleveland
Die Stadt Cleveland wurde im Jahr 1796 von dem Landvermesser General Moses Cleaveland gegründet und entwickelte sich zur Hauptstadt des Cuyahoga County und zum County Seat. Im Jahr 1930 war sie mit 900.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt der USA. Durch den wirtschaftlichen Strukturwandel verlor sie an Bedeutung und an Bevölkerung wegen hoher Arbeitslosigkeit und steigender Kriminalität. Heute hat sie knapp 500.000 Einwohner.
Die im Roman geschilderten Geschehnisse um General Cleaveland sind allerdings ebenso wie die Siedlung Freetown frei erfunden.
Quelle: »Images of America: Cleveland 1930 – 2000« von Thea Gallo Becker
Copyright © 2010 by Mara Laue
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