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Band 11 - Im Bann des Voodoo-Priesters

Das Mehl rieselte in stetigem Fluss aus der braunen Hand des Mannes, während er einen heiligen Chant1 rezitierte. Das veve nahm langsam Gestalt an und zeigte schließlich das Symbol von Baron Samedi, dem mächtigsten der Götter des Voodoo.
Aaron Kumara, Houngan2 des Kults, verwendete besondere Sorgfalt auf dieses veve, denn niemand trat leichtfertig in Kontakt mit dem machtvollen Totengott. Auch Aaron hätte es unter normalen Umständen nicht getan, allein schon weil er Shango diente, dem Kriegergott. Jedoch brauchte ein Mitglied seiner Gemeinde den Rat eines verstorbenen Familienangehörigen, und der Houngan hatte versprochen, ihm für diesen Zweck das heilige Shemhamphoras-Siegel anzufertigen, mit dessen Hilfe er den Kontakt zur Seele des Verstorbenen herstellen konnte.
Kumaras Vorfahren stammten aus Dahomey und hatten ihre alte Religion in die Neue Welt gebracht, nachdem man sie als Sklaven verschleppt hatte. Zwar hatte sich im Exil die Blutlinie mit denen von Sklaven aus anderen afrikanischen Stämmen und hin und wieder auch mal mit dem von weißen Vergewaltigern vermischt, aber die Magie war über die Generationen in ihnen lebendig geblieben, wenn sie auch nicht in jedem Mitglied gleich stark war. Aarons jüngerer Bruder Amos zum Beispiel verfügte nur über vergleichsweise geringe magische Kräfte. Doch dessen Tochter Erica besaß sie in vollem Maße, weshalb Aaron kürzlich ihre Ausbildung zur Mambo, zur Hohepriesterin, abgeschlossen hatte. Sie würde die Tradition fortführen, da Aaron selbst keine Kinder hatte und seine Frau schon vor Jahren gestorben war.
Die Geschichte, wie es die Kumaras von Louisiana immer weiter nach Norden verschlagen hatte, bis sie schließlich vor 60 Jahren in Cleveland, Ohio, ankamen und blieben, war ebenso leidvoll, wie die unzähliger anderer Schwarzer, die man heute politisch korrekt Afroamerikaner nannte. Dennoch konnten sie sich nicht beklagen und hatte das Schicksal es endlich auch mit ihnen gut gemeint. War ihr Vater noch ein ungelernter, schwer schuftender Fabrikarbeiter gewesen, so hatte er dennoch dafür gesorgt, dass seine beiden Söhne eine vernünftige Ausbildung bekamen und studieren konnten.
Aaron wurde Historiker und unterrichtete als Dozent an der Universität, und Amos war ein Topjournalist mit einer Festanstellung beim Plain Dealer, der größten Tageszeitung von Cleveland. Aarons für ihn selbst wichtigste Tätigkeit blieb jedoch die des Priesters für die kleine Gemeinde von Gläubigen, die dem Voodoo angehörten. Da es im Norden der USA nicht allzu viele Anhänger und dementsprechend auch nur wenige Houngans und Mambos gab, besaß diese Verpflichtung für ihn absoluten Vorrang.
Aaron beendete das veve und weihte es, ehe er die vorbereiteten Früchte und den Schnaps in das Bild stellte, die als Opfergaben für Baron Samedi dienten. Anschließend kniete er sich davor und begann nach einem Gebet an Baron Samedi, das heilige Shemhamphoras-Siegel mit einer speziellen Tinte aus Drachenblut3 auf ein Stück Pergament zu malen, während er dazu die vorgeschriebene Beschwörung sang. Das Pergament würde er am Ende in einen Ouanga-Beutel einnähen, den der Empfänger um den Hals tragen musste. Wenn die Seele, mit der er Kontakt aufzunehmen wünschte, dazu bereit war, würde sie sich mithilfe dieses Zaubers bemerkbar und verständlich machen können.
Aaron war so sehr in sein Tun vertieft, dass er zunächst nicht merkte, dass sich das gestreute Mehl des veve auf dem Fußboden subtil bewegte, als führe ein sanfter Windstoß darüber, der zwar nicht stark genug war, es zu verwischen, es aber dennoch beeinflusste. Als es gleich darauf zu glühen begann, spürte er das Eintreten einer Wesenheit durch das Tor, das ein solches veve darstellte. Für einen Moment empfand er tiefe Ehrfurcht, dass Baron Samedi ihn offenbar persönlich besuchte.
Doch als sich die Gestalt zu manifestieren begann, erkannte er, dass das, was durch das Tor trat, nicht der Totengott war, sondern etwas, das völlig ungerufen kam und hier nichts zu suchen hatte: ein baka, ein böser Geist. Und ein mächtiger dazu, da es ihm gelungen war, das veve von Baron Samedi zu benutzen. Dass er nichts Gutes im Sinn hatte, erkannte Aaron, als die schemenhaften Konturen des Gesichts erkennbar wurden: verzerrt vor Bösartigkeit, gierig, hungrig, gnadenlos.
Aaron begriff, dass er sich in Gefahr befand. Augenblicklich warf er einen Schutzzauber über sich und versuchte, das veve in einem magischen Kraftfeld von der Umwelt abzuschotten. Doch der baka war schneller. Es sprang den Houngan regelrecht an und fuhr in dessen Körper, noch ehe der Schutzzauber vollständig manifestiert war.
Aaron Kumara wehrte sich. Seine Seele rief Shango, den Kriegergott, während er dem Eindringling seine ganze Macht entgegenzusetzen versuchte. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass der baka seine Kraft in sich aufsog und mit seinem Körper zu verschmelzen begann. Das Band, das ihn seit Jahrzehnten mit Shango verbunden hatte, zerriss unter der brutalen Gewalt, mit der der baka Aarons Seele traktierte, die durch den baka regelrecht vergiftet und von diesem »Gift« jetzt aufgelöst wurde wie eine Perle in Essig.
Aaron Kumara begriff, dass er sterben würde, und verstand nicht, wie das möglich war. Mit Shangos Macht hätte er das Ende vielleicht noch verhindern können, doch das Band zu seinem Gott existierte nicht mehr. Das Letzte, was er spürte, war ein brennender Schlag, der seine Seele vollends aus seinem Körper vertrieb und fortschleuderte. Noch ehe ihr verbliebener Rest das Reich der Toten erreicht hatte, hatte das Gift des baka sie vollständig vernichtet und Aaron Kumara für alle Zeiten ausgelöscht.

Im Tempelraum des Houngan schlug dessen Körper die Augen auf, die für einen Moment gelblich glühten, ehe sie wieder ihre normale braune Farbe zeigten. Ein triumphierendes, beinahe euphorisches Lachen brach aus ihm heraus, als er die Glieder streckte und das Gefühl auskostete, endlich wieder einen Körper zu besitzen. Noch dazu einen solchen Körper, der nicht nur gut trainiert war und vor Kraft strotzte, sondern in dem das magische Blut der Ahnen floss.
Mit einem Anflug von Neid musste er zugeben, dass dieser Körper sogar besser war als der erste, in dem er geboren worden war. In jedem Fall war er tausendmal besser als der fette Leib der Quarknase, den er letztes Mal besessen hatte. Das Wichtigste war jedoch, dass er lebte und die Seele des Vorbesitzers vernichtet war, nachdem er alle Informationen daraus extrahiert hatte, die er brauchte, um die Person verkörpern zu können, deren Leib er nun übernommen hatte.
Die Seele eines so mächtigen Houngans nur ins Totenreich zu verbannen, von wo aus sie ihm erhebliche Schwierigkeiten hätte bereiten können, vielleicht sogar in der Lage gewesen wäre, zurückzukehren und ihren Körper wieder in Besitz zu nehmen, war einfach zu gefährlich gewesen. Außerdem hätte, sobald die Seele im Totenreich angekommen wäre, Guede Nimbo erfahren, dass es der Seele von Jacques LeGrand, Bokor4 des Bizago5 , gelungen war, von dem Ort zu entkommen, an den er sie gebannt hatte.
Das wäre LeGrands Plänen sehr abträglich gewesen. Schließlich musste er sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren können, ohne mindestens ein wachsames Auge auf eine rachsüchtige Seele oder Guede Nimbos Zorn haben zu müssen – die Aufgabe, Sam Tyler endlich zu vernichten.
Doch diesmal würde er vorsichtig sein und seine Strategie sorgfältig planen. Er hatte zumindest in diesem Punkt seine Lektion gelernt, dass man Rache am besten eiskalt genießen sollte. Mit der Macht, die ihm der Körper von Aaron Kumara gab in Verbindung mit der, die LeGrand ohnehin schon beherrschte, war das Schicksal dieser verfluchten Dämonin besiegelt. Er musste es diesmal nur richtig anfangen ...

Jessie Johnson saß auf dem Boden eines kahlen Raums im Internat der Lotos School of the Arts in Denver, Colorado, einem ihrer Lehrer gegenüber und schluckte nervös. Ihre Nervosität entsprang nicht dem Test, den sie gleich zu bestehen hatte, sondern lag in der Natur des Lehrers. Mr. James A. Hunter war ein leibhaftiger Dämon, wie seine unmenschlichen goldfarbenen Augen verrieten, denen er nur in der Öffentlichkeit durch einen Zauber eine gewöhnliche braune Farbe gab.
Obwohl er ein Wächter war wie viele Teilzeitlehrkräfte des Internats, das zur Lotos Foundation gehörte, fühlte sich Jessie in seiner Gegenwart immer etwas unwohl. Nicht dass Mr. Hunter jemals etwas anderes als absolut korrekt gegenüber den Schülerinnen und Schülern gewesen wäre, aber er wirkte allein schon durch seine Größe von 2,05 Metern und die stählernen Muskeln seines Körpers, die jeden Augenblick seine Kleidung zu sprengen drohten, ehrfurchtgebietend und einschüchternd.
Doch natürlich musste sich niemand vor einem Lehrer der Lotos Foundation fürchten, denn hinter dem Institut für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft verbarg sich die Zentrale des Geheimbunds der Wächter, dessen Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Menschen vor den Mächten des Bösen in all ihren Erscheinungsformen zu beschützen. Das wussten auch alle Schülerinnen und Schüler. Sie waren allerdings bei ihrer Aufnahme in das Internat mit einem Zauber belegt worden, der verhinderte, dass sie das jemals gegenüber Außenstehenden preisgeben konnten.
Denn eine der Methoden, die Menschen vor dem Bösen zu schützen und die Existenz realer magischer Fähigkeiten geheim zu halten, war die Ausbildung magisch begabter Kinder und Jugendlicher, die sie im Gebrauch ihrer Magie unterrichteten. Damit verhinderten die Wächter erstens, dass die Kinder mit ihren Kräften – absichtlich oder versehentlich – Schaden anrichteten. Zweitens entgingen sie dadurch dem Schicksal so mancher Leidesgenossen, die man in die Psychiatrie gesperrt hatte, weil ihre Umwelt nicht in der Lage war, ihre Fähigkeiten richtig einzuordnen.
Vor ein paar Tagen erst hatte das Internat eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus Cleveland aufgenommen, die aufgrund ihrer Fähigkeiten, die man als Psychosen beziehungsweise Besessenheit missgedeutet hatte, jahrelang in einer psychiatrischen Anstalt eingesperrt gewesen waren. Unter der intensiven Betreuung des Teams von Dr. Bryce Connlin, dem Leiter der psychologischen – und parapsychologischen – Abteilung des Instituts, würden sie, nachdem sie sich von dem Martyrium erholt hatten, endlich lernen können, ihre Fähigkeiten als nützliche Gaben anzusehen und anzuwenden und nicht als eine Krankheit oder einen Fluch.
Jessie gehörte zu denen, deren Magie sich erst mit Beginn der Pubertät entwickelt hatte. Allerdings hatte sie die in erster Linie dazu benutzt, einen Dämon auf ihre verhasste Stiefmutter und ihre beiden kleinen Halbschwestern zu hetzen, der am Ende beinahe Jessie selbst getötet hätte. Dass sie noch lebte und hier im Lotos Internat eine Heimat gefunden hatte, verdankte sie Sam Tyler. Jessies Vater hielt die Umtriebe ihres Dämons – Poltergeistaktivitäten und das Töten von Haustieren – für Schikanen des missgünstigen Nachbarn und engagierte Sam Tyler, um das Haus mit den neuesten Sicherheitssystemen auszurüsten.
Da Miss Tyler selbst über magische Kräfte verfügte, hatte sie sofort erkannt, dass Jessie dafür verantwortlich war, und ihren Dämon vernichtet. Danach hatte sie Jessie quasi gezwungen, das Stipendium dieser Schule anzunehmen, das ihr ein paar Tage später ins Haus geflattert war.6 Ihr Vater hatte natürlich unverzüglich Erkundigungen über die Schule eingeholt. Nachdem er festgestellt hatte, dass sie einen wirklich hervorragenden Ruf genoss, hatte er ihr den Besuch und Jessies damit verbundenen Umzug nach Denver, Colorado, nicht nur gestattet, sondern zeigte sich ausgesprochen stolz darauf, dass seine Tochter von dieser renommierten Schule aufgenommen worden war.
Inzwischen gefiel es Jessie hier allerdings richtig gut. Was nicht nur daran lag, dass sie ihre magischen Fähigkeiten nicht verbergen musste. Sie hatte eine Reihe von Freunden gefunden und wusste auch schon, was sie eines Tages mit ihrem Abschluss des Lotos Internats beruflich anfangen würde. Sie wollte Psychologie studieren und nach ihrem Abschluss das Team von Dr. Connlin verstärken. Doch bis dahin würde es noch ein paar Jahre dauern, denn Jessie war erst sechzehn.
Vor allem musste sie erst einmal diese Stunde mit Mr. Hunter überstehen.
Der Dämon hatte sich ihr gegenüber mit gekreuzten Beinen auf den Fußboden gesetzt. »Okay, Jessie, lass uns beginnen«, forderte er sie mit seiner tiefen Stimme auf. »Dieser Raum hier ist absolut feuerfest und würde nicht mal durch einen Vulkanausbruch angesengt werden. Diesbezüglich hast du also nichts zu befürchten, falls dir die Kontrolle entgleiten sollte. Ich bin durch einen magischen Schild geschützt, und du wirst jetzt deinen aufbauen. Falls er nicht ausreichen sollte, werde ich ihn verstärken. Doch ich bin mir sicher, dass das nicht nötig sein wird.«
Jessie atmete tief durch und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit ganz auf die bevorstehende Aufgabe. Sie sammelte ihre Kraft und verband sie mit jenem Teil der unsichtbaren Sphären, aus dem sie die für einen Schutzschild erforderliche Energie beziehen konnte. Sie nahm sie auf und formte sie zu einer Blase, die ihren gesamten Körper in einem Durchmesser von etwa zwei Metern umschloss, und machte sie undurchlässig gegen Hitze und vor allem Feuer. Als sie sich sicher war, dass der Schild stabil genug war, blickte sie Mr. Hunter fragend an.
Der Dämon lächelte zufrieden. »Und nun zur eigentlichen Aufgabe. Suche die Feuerelementare, die dir am nächsten sind, und ruf sie zu dir.«
Jessie schluckte. Ihre primäre Fähigkeit war das Hellsehen. Mit Hilfe von Tarotkarten – sie trug immer ein Deck bei sich, seit sie, vielmehr ihre Lehrkräfte das herausgefunden hatten – konnte sie unglaubliche Dinge erkennen, die geschehen würden. Allerdings machten die ihr manchmal Angst, weil sie einfach erschreckend waren. Auch aus diesem Grund war sie froh, hier bei den Wächtern zu leben, die sie unterstützten und ihr halfen, die Belastung zu bewältigen, die sie fühlte, wenn sie wieder mal etwas Schreckliches wie den Tod eines Menschen oder die Vernichtung der Welt durch einen grausamen Dämon voraussah.7
Ihre zweite Fähigkeit bereitete ihr jedoch noch größeres Unbehagen, denn die bestand in einer Macht über die Feuerelementare, die die metaphysische Essenz des Feuers darstellten und in ihm sowie von ihm lebten. Im Gegensatz zu Feuerzauberern, die die Feuermagie in sich trugen, konnte Jessie nicht selbst ein Feuer entfachen. Aber sie konnte die Feuerelementare beherrschen und sie dazu zwingen, das für sie zu tun. Natürlich gehörte es zu den Grundregeln, die man hier als Erstes lernte, dass diejenigen, die auf der Seite des Lichts standen, die Wesen, deren Fähigkeiten oder Dienste sie benötigten, niemals dazu zwangen, sondern sie einluden und sie um die entsprechende Gefälligkeit baten. Wesen wie die Elementargeister oder auch Dienergeister waren umso eifriger bei der Sache, je respektvoller man sie behandelte.
Doch bei diesem Test ging es darum zu prüfen, ob Jessie die Feuerelementare unter ihren Willen zwingen konnte. Im Falle eines Brandes könnte sie durch diese Kontrolle sogar erreichen, dass die Elementare verschwanden und auf diese Weise das Feuer löschen.
Jessie streckte ihre magischen »Fühler« aus, mit denen sie die Feuerelementare aufspüren konnte und entdeckte ein paar in einem Grillfeuer am Strand des Cooper Lakes, der direkt vor der Haustür lag, sowie in der Glut diverser Zigaretten, die dort geraucht wurden, denn wo immer ein Feuer entstand – und sei es nur die Flamme eines Feuerzeugs oder eben die Glut einer Zigarette – tauchte sofort ein Feuerelementar auf. Jessie okkupierte sämtliche Feuerwesen und zwang sie zu sich in den kleinen Raum. Die Leute, die das Grillfeuer in Gang gebracht hatten, würden sich sehr wundern – und ärgern –, warum es zeitgleich mit ihren Zigaretten verloschen war.
Ein heißer Feuerwirbel entstand unmittelbar zwischen Jessie und Mr. Hunter, und das Mädchen fuhr unwillkürlich zurück, während der Dämon nicht einmal mit der Wimper zuckte. Ihr Schutzschild flackerte kurz, doch es gelang ihr, ihn schnell wieder zu stabilisieren, bevor er zusammenbrach. Jessie zwang die Elementare zu Kapriolen wie bei einem Feuerwerk, ehe sie sie auf ein Nicken ihres Lehrers wieder entließ. Der deutete mit dem Finger auf einen Stapel trockenes Holz, das in einer Ecke des Raums aufgeschichtet worden war, und der Stapel flammte lichterloh auf.
»Und jetzt, Jessie, lösche das Feuer.«
Jessie konnte mit ihrer magischen Sicht förmlich sehen, wie die Elementargeister in den Flammen tanzten und fand es beinahe schade, sie wieder zu verscheuchen, denn dieser Tanz sah so unglaublich schön aus. Doch hier ging es nicht um Schönheit, sondern die Beherrschung ihrer Fähigkeiten. Mit einem leisen Seufzen zwang sie die Feuerelementare unter ihren Willen und verbannte sie aus dem Raum. Das Feuer erlosch vollständig.
Jessie stieß erleichtert die Luft aus und blickte ihren Lehrer fragend an. Der Dämon lächelte zufrieden.
»Du hast den Test mit Bravour bestanden, Jessie. Herzlichen Glückwunsch. Wie fühlst du dich?«
»Ein bisschen zitterig«, gestand das junge Mädchen und zog die Energie aus ihrem Schutzschild in sich hinein, um den Kraftverlust damit etwas auszugleichen.
»Geh in die Kantine und iss etwas Gehaltvolles«, befahl der Dämon. »Du brauchst jetzt Nahrung, auch wenn du keinen Hunger verspürst. Eine kräftige Brühe, etwas Fleisch und Müsli mit Honig. Und«, er hob abwehrend eine Hand, als Jessie protestieren wollte, »du wirst alles aufessen bis zum letzten Krümel. Deiner Figur wird das nicht im Mindesten schaden.« Er beugte sich leicht vor und fixierte sie mit einem Blick aus seinen nichtmenschlichen Augen. »Oder muss ich mich wie ein Wachhund danebenstellen, damit du meine Anweisung befolgst?«
»Nein, Sir«, versicherte Jessie hastig. Allein die Vorstellung, den hünenhaften Dämon als Tischpartner zu haben, der ihr die Bissen in den Mund zählte, hatte etwas Erschreckendes. »Ich werde alles aufessen«, versprach sie.
Mr. Hunter grinste und winkte sie hinaus. »Schönen Tag noch, Jessie.«
»Danke, Sir. Gleichfalls.«
Das Mädchen floh beinahe aus dem Raum und hörte hinter sich noch das amüsierte Lachen des Dämons. Wenigstens hatte sie den Test bestanden, denn es gab Gerüchte, dass Mr. Hunter sehr unangenehm wurde und sogar drastische Sanktionen austeilte, wenn sich die Schüler nicht genug Mühe gaben oder nur deshalb versagten, weil sie nicht gut genug trainiert und gelernt hatten.
Jessie kehrte ins Erdgeschoss zurück und hatte das erleichternde Gefühl, damit wieder das Reich der Lebenden zu betreten. Sie atmete unwillkürlich auf. Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammenzucken.
»Hi Jessie!«
Kyle Winter war unvermittelt neben ihr aufgetaucht.
»Mann, Kyle, erschreck mich doch nicht so!«, beschwerte sich Jessie.
Der siebzehnjährige Afroamerikaner grinste sie fröhlich an. »Wie ich sehe, hat der Oger dich nicht gefressen, demnach musst du deine Sache gut gemacht haben.«
Jessie schnitt eine Grimasse. »Nein, der Oger hat mich nicht gefressen, sondern mich nur zum Fressen geschickt: Brühe, Fleisch und Müsli.« Sie verzog das Gesicht.
»Oger« war Mr. Hunters Spitzname, den die Schüler durchaus freundlich meinten; auch wenn ein »Menschenfresser« grundsätzlich keine allzu freundliche Bezeichnung war. Die ihm weniger Wohlgesinnten nannten ihn »Shrek«, und es gab eine immer noch offene Wette, was der Dämon wohl mit dem Ersten tun würde, den er dabei erwischte, wie der ihn mit einem dieser Spitznamen belegte.
»Du weißt doch, dass wir nach magischer Arbeit immer was essen müssen, Jessie«, erinnerte Kyle sie. »Ich hatte gerade eine Privatstunde bei Lady Oliphant in Knotenmagie und wurde auch in die Kantine geschickt. Was dagegen, wenn ich dich begleite?«
»Eh, nein.« Jessie brachte ihre Zustimmung nur scheinbar zögernd hervor, denn in Wahrheit wollte sie nichts lieber, als mit Kyle zusammen sein. Aber ein Mädchen, das etwas auf sich hielt, gab sich zumindest den Anschein, als müsste sie sich ein solches Angebot erst reiflich überlegen. Sonst könnte der betreffende Junge ja auf den Gedanken kommen, dass sie leicht zu haben wäre. Und das wollte Jessie auf keinen Fall, auch wenn sie Kyle unbedingt haben wollte.
Im Internat gab es die Sitte, dass alle neu aufgenommenen Schülerinnen und Schüler einen Mentor oder eine Mentorin bekamen, der oder die schon länger hier lebte. Jessie hatte Kyle Winter bekommen, und sie war darüber ausgesprochen froh. Kyle besaß nicht nur ein freundliches Wesen, das es einem leicht machte, mit ihm umzugehen, er hatte zudem etwas an sich, das Jessie in einer Weise zu ihm hin zog, dass sie sich wünschte, Kyle würde in ihr mehr sehen als nur ein Mädchen, das er während ihres ersten Jahres im Internat betreut hatte.
Sie hatte sich schon oft vorgestellt, dass sie und Kyle ein Paar wären. Genau genommen wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass er der erste Mann wurde, mit dem sie ins Bett ging. Zum Glück waren in diesem Punkt die Sitten im Lotos Internat erheblich lockerer als in jedem anderen des Landes. Sobald die Schülerinnen und Schüler das gesetzlich vorgeschriebene Mindestalter von sechzehn Jahren für gesetzlich straffreien Sex erreicht hatten, erhielten sie nicht nur eine zweite Sonderschulung in Aufklärung und Intimhygiene – die erste wurde ihnen altersgerecht bei ihrer Aufnahme ins Internat erteilt –, sondern konnten sich auch beliebig viele Kondome kostenlos von der Medikamentenausgabe der Krankenstation holen.
Man sah Sex hier ganz unverkrampft als einen elementaren Bestandteil der gesunden Entwicklung junger Menschen. Niemand dachte schlecht von jemandem, der jede Woche zweimal eine Packung Kondome holte oder jemandem, der das noch nie getan hatte. Die Jugendlichen fanden in den Ärzten und Krankenschwestern und –pflegern auch jederzeit kompetente Ansprechpartner, falls sie Rat brauchten, sei es, dass bei der Verhütung etwas schief gegangen war oder dass ein Liebeskummer getröstet werden musste.
Jessie hatte schon seit einigen Wochen eine Packung Kondome in ihrem Nachttisch parat. Jetzt fehlte nur noch Kyles Besuch in ihrem Bett. Dass er auf dem ganzen Weg zur Kantine dichter neben ihr ging, als es nötig war, hielt sie für ein gutes Zeichen. Dass er nicht zurückzuckte, wenn ihre Hände sich gar nicht so zufällig dabei berührten, war ein noch besseres.
»Hop Sing« erwartete sie bereits, als sie die Kantine betraten. Eigentlich hieß der Chefkoch Hobart Hobson, doch die Kinder nannten ihn nach dem chinesischen Koch Hop Sing aus der uralten Fernsehserie »Bonanza« – natürlich nur hinter seinem Rücken. »Hop Sing« war bekannt für seine Rachsucht und strafte die Schüler, die ihn verärgerten – indem sie sich zum Beispiel vorm Küchendienst zu drücken versuchten oder ihn mit einem Spitznamen belegten – damit, dass er ihnen eine Woche lang ungewürztes Gemüse vorsetzte oder all die Dinge, die sie absolut nicht mochten.
Heute war er jedoch ausgesprochen guter Laune. »Einmal Müsli als Vorspeise für die Dame.« Er stellte eine bis zum Rand gefüllte Müslischüssel vor Jessie hin, kaum dass sie an einem Tisch Platz genommen hatte, und deutete eine leichte Verbeugung an. »Und einmal Vollkornpfannkuchen mit Honig und Ahornsirup für den Herrn. Wohl bekomm’s!«
Jessie murmelte einen Dank und schielte neidvoll auf Kyles Pfannkuchen. »Hop Sing« beugte sich zu ihr herunter und flüsterte im Verschwörerton: »Und wenn Sie alles brav aufessen, Jessie, habe ich zum Nachtisch noch Apfeltörtchen mit Vanillecreme.«
»Danke, Mr. Hobson.«
Jessie begann gehorsam ihr Müsli zu löffeln und stellte fest, dass es wahrscheinlich mindestens so gut schmeckte wie Kyles Pfannkuchen. Es war mit Sahne verfeinert und mit Zimt gewürzt und schmeckte nach Löwenzahnhonig. Jessie verputzte die gesamte Portion und aß auch das Putensteak, das mit ein wenig Kartoffeln und Gemüse darauf folgte, und trank eine Schüssel Hühnerbrühe. Wieder einmal wunderte es sie, dass magische Arbeit so hungrig machte, dass sie danach noch problemlos zwei Apfeltörtchen essen konnte, ohne sich hinterher zum Platzen vollgefressen zu fühlen.
Als sie den Teller zurückschob und aufstehen wollte, schien sich schlagartig dessen Muster zu verändern. Aus der roten Blume in der Mitte wurde eine hässliche Fratze, die ihr zähnestarrendes Maul aufriss und einen Schwall von Feuer auf das Mädchen spuckte. Jessie fuhr mit einem gellenden Schrei zurück, als sie die Hitze der Flammen auf ihrer Haut zu spüren glaubte. Sie rutschte vom Stuhl und stürzte zu Boden.
Kyle und Mr. Hobson waren augenblicklich bei ihr.
»Was ist denn los, Jessie?«, fragte Kyle besorgt.
Hobson half ihr vorsichtig wieder auf die Beine und musterte sie aufmerksam. »Hatten Sie eine Vision, Jessie?«, vermutete er akkurat.
Sie nickte und brachte kein Wort heraus. Sie zitterte am ganzen Körper und empfand eine Angst, die ihr die Luft zum Atmen nahm und sie für einen Moment in Panik versetzte, ehe der Atemreflex wieder einsetzte.
Hobson klopfte ihr auf den Rücken und fühlte ihren Puls. »Tief durchatmen«, befahl er ruhig und fügte hinzu: »Kyle, bringen Sie Jessie zu Dr. Connlin. Sofort.«
»Aber ...«, begann Jessie zu protestieren.
Hobson unterbrach sie scharf. »Das war keine Bitte, Miss Johnson, sondern eine Anordnung. Ab mit Ihnen! Ich werde Sie dem Doktor ankündigen.«
Wenn Hobson derart förmlich wurde, tat man besser daran, ihm nicht zu widersprechen. Kyle nahm Jessies Hand und legte ihr den Arm um die Schultern.
»Mr. Hobson hat recht, Jessie. Du weißt doch, dass es uns hinterher immer besser geht, wenn wir mit Dr. Connlin gesprochen haben.«
Jessie nickte widerstrebend. Wie jeder Neuzugang hatte sie in den ersten Wochen ihres Aufenthalts im Internat mehrere intensive Gespräche mit Dr. Bryce Connlin gehabt. Auch jetzt noch hatte sie alle zwei Wochen eine Routinesitzung bei ihm. Der Psychiater brachte es jedes Mal fertig, ihr ihre tiefsten Geheimnisse zu entlocken, gerade auch die Dinge, über die Jessie am liebsten nicht reden wollte. So wie damals die Tatsache, dass sie aus purer Eifersucht einen Dämon auf ihre Familie gehetzt hatte. Dass er alles zu ergründen vermochte, machte ihr Angst. Doch in einem Fall wie diesem gab es kaum jemand Besseres, der ihr helfen konnte, sich nicht von dem ins Bockshorn jagen zu lassen, was sie gesehen hatte.
Obwohl es nur ein kurzer Flash gewesen war, fühlte sie sich von der Vision immer noch bedroht, glaubte die Hitze des Feuers zu fühlen, die ihr das Gesicht verbrannte. Unwillkürlich betastete sie mit der Hand ihre Wangen und fühlte zu ihrer Erleichterung nur glatte, kühle Haut. Sie zitterte immer noch und war nicht in der Lage zu genießen, dass Kyle sie im Arm hielt und ihr so nahe war, wie sie es sich schon lange wünschte.
Dr. Connlin erwartete sie bereits in der Tür seines Sprechzimmers und ergriff Jessies andere Hand. »Danke, Kyle. Mr. Hobson hat mir schon berichtet, was vorgefallen ist. Sie können zu Ihrem Unterricht zurückkehren, ich kümmere mich um Jessie.«
Er wartete Kyles Antwort nicht ab, sondern zog Jessie ins Zimmer und schloss die Tür praktisch vor Kyles Nase. »Setz dich, Jessie. Ich habe auch Mrs. Moshani hergebeten, damit sie dir bei der Deutung dessen hilft, was du gesehen hast. – Ah, da ist sie schon«, stellte er fest, als es an der Tür klopfte.
Gleich darauf trat eine schwarzhaarige Frau in der Tracht der Roma ein. Shiona Moshani war der letzte Neuzugang im Lehrkörper des Internats und den Wächtern erst vor gut einem Jahr beigetreten. Nachdem sie ein Vierteljahr als Gastdozentin am Lotos Internat unterrichtet hatte, war sie mit ihrer Familie von Richmond nach Denver umgezogen. Ihr Mann Robert Jacobs, ein Psychiater, verstärkte Dr. Connlins Team, und ihre fünfjährigen Zwillinge Kris und Kalia besuchten den hausinternen Kindergarten und freuten sich schon darauf, in ein paar Monaten endlich in die Schule gehen zu dürfen.
»Dr. Connlin hat mir schon erzählt, was passiert ist«, sagte die Romni mitfühlend. Sie ergriff Jessies Hände und nötigte das Mädchen, sich in einen Sessel zu setzen. Sie selbst nahm ihr gegenüber Platz. »Lass mich die Vision einmal sehen.«
Jessie kannte die Prozedur bereits. Shiona Moshani unterrichtete die entsprechend Begabten in Hellsehen und Orakeltechniken. Wenn jemand nicht in der Lage war, eine erlebte Vision zu artikulieren – was besonders bei Anfängern oft vorkam – so benutzte die Romni eine Methode, mit der sie die Vision durch die Augen der Betreffenden zu sehen in der Lage war. Jessie hatte die Prozedur schon mehrfach erlebt und wusste, dass sie sich nicht davor fürchten musste.
Shiona Moshani sah Jessie in die Augen, und was immer sie noch dabei tat, konnte das Mädchen nicht wahrnehmen, doch sie fühlte, dass sie sich augenblicklich wieder zu beruhigen begann. Nach einer Weile ließ die Romni Jessies Hände los, unterbrach den Blickkontakt und tätschelte ihr beruhigend den Arm.
»Ich glaube, dass diese Vision eine Nachwirkung des Tests ist, den du vorhin bei Mr. Hunter abgelegt hast«, vermutete sie.
»Aber es hat sich so bedrohlich angefühlt«, wandte Jessie ein.
Shiona nickte. »Das ist das Einzige, was außerhalb der Normalität liegt bei dieser Vision. Ich werde nachforschen, ob es sich dabei tatsächlich um etwas Bedrohliches handelt oder ganz harmlos ist.« Sie nickte Jessie zu. »Und Dr. Connlin wird dir jetzt helfen, den Schrecken zu verdauen.«
Sie strich Jessie freundlich über den Kopf und verabschiedete sich mit einem ermutigenden Lächeln. Sie fühlte sich allerdings nicht annähernd so unbeschwert, wie sie sich Jessie gegenüber gegeben hatte. Das Mädchen besaß eine wirklich starke hellseherische Fähigkeit und sprach besonders gut auf Tarotkarten als Medium an. Shiona kannte das Design der Teller, die in der Kantine verwendet wurden, und hatte selbst schon durch deren Blumenmuster die eine oder andere Vision empfangen.
Bis jetzt war es allerdings keinem von den Schülerinnen und Schülern ebenso ergangen. Sie müsste sich schwer täuschen, wenn Jessie für die nächste Zeit die Teller nicht mit Argwohn oder sogar Angst betrachten würde und beschloss, Mr. Hobson zu raten, das Blumengeschirr schnellstmöglich durch einfarbiges zu ersetzen, damit so etwas nicht wieder vorkam. Die Sicherheit und das seelische, vor allem aber parapsychische Wohlbefinden der Zöglinge hatte im Lotos Internat schließlich absoluten Vorrang vor allem anderen.
Allerdings bereitete ihr Jessies Vision tatsächlich Sorgen, denn der Unterton von etwas Bedrohlichem war überaus stark gewesen. Shiona zog sich in ihr Büro zurück, setzte sich an den kleinen Tisch in der »Gesprächsnische« und zog ihre eigenen Tarotkarten aus der Tasche ihres weiten Rockes. Sie mischte die Karten, während sie sich auf Jessies Vision konzentrierte, und deckte schließlich die obersten fünf Karten auf.
Die Vision sprang sie förmlich an, und Shiona keuchte erschreckt auf. Was Jessie gesehen hatte, war nur ein Abklatsch dessen gewesen, was diese Vision tatsächlich beinhaltete. Was sich dahinter wirklich verbarg, war noch sehr viel bedrohlicher, als das Mädchen ahnte. Etwas oder jemand, den Shiona nur als dunklen Schatten erkennen konnte, benutzte Jessies Gabe, die Feuerelementare zu beherrschen, um Tod und Zerstörung zu verbreiten. Doch das Schlimmste war, dass Jessie am Ende ebenfalls auf der Strecke bleiben würde, wenn es den Wächtern nicht gelang zu verhindern, dass diese Vision Wirklichkeit wurde. Dabei war der Tod des Mädchens nur eine Möglichkeit von dreien, aber bei Weitem nicht die Schlimmste.
Shiona steckte ihre Karten wieder ein und suchte unverzüglich Lady Sybilla Oliphant auf, um sie über die Gefahr zu informieren und mit ihr zusammen geeignete Maßnahmen für Jessies Schutz in die Wege zu leiten.

Jacques LeGrand war mehr als zufrieden, nachdem er sich mit den Möglichkeiten seines neuen Körpers vertraut gemacht hatte. Womit er nicht nur magische Fähigkeiten meinte. Zwar hatte er sich einfach nur den erstbesten Körper geschnappt, der ein magisches Tor öffnete, durch das LeGrands Seele wieder in die Welt der Lebenden eintreten konnte; doch der Zufall – vielmehr einer der Dunklen Götter, der offenbar Gefallen an LeGrand gefunden haben musste – hatte es so gefügt, dass dieser Körper in Cleveland lebte, dem Ort, wo auch Sam Tyler wohnte. Besser konnte es gar nicht kommen.
Seit fünf Tagen bereitete er nun die Vernichtung der Dämonin vor. Diesmal würde er gründlich vorgehen und nichts unberücksichtigt oder gar dem Zufall überlassen. Natürlich beschränkte sich sein Plan nicht darauf, die Dämonin zu vernichten. Das wäre ein viel zu gnädiges Ende für sie gewesen. Ihm schwebte eine viel umfangreichere Rache vor.
Sam Tyler hatte ihm alles genommen. Zuerst seine mächtigsten magischen zouti8 , danach sein Leben, womit sie ihm auch seine Stellung als Oberhaupt des Bizago von New Orleans gestohlen hatte. Denn in dem neuen Körper, den er sich danach mit Guede Nimbos Hilfe beschafft hatte – dem eines zwar magisch mächtigen, körperlich aber verweichlichten, fetten Weißen – akzeptierte ihn niemand mehr im Bizago. Dass mit dem Verlust seines Lebens natürlich auch der Verlust aller seiner weltlichen Mittel einherging – ein nicht unbeträchtliches Vermögen, das der Staat kassiert hatte, da LeGrand keine Erben besaß und kein Testament hinterließ – war ein weiteres Ärgernis, für das er sich rächen würde.
Auch Sam Tyler sollte alles verlieren, wirklich alles: ihren Besitz, ihre Macht, ihre Reputation, ihre Freunde, ihre Familie und erst ganz am Schluss ihr Leben. Außerdem sollte sie zur Gejagten und jeder Freund zu ihrem Feind werden oder sterben oder beides; je nachdem. Doch dafür bedurfte es einiger Vorbereitungen, denn der Körper von Aaron Kumara besaß zwar mächtiges magisches Blut, aber für das, was LeGrand plante, brauchte er noch andere Hilfsmittel.
Er wirkte einen Zauber, der ihm Mittel und Wege zeigen sollte, die ihm dafür nützlich sein konnten, denn er hatte natürlich nicht vor, bei der Durchführung seiner Rachepläne selbst in Erscheinung zu treten, um die Dämonin nicht vorzuwarnen. Erst ganz zum Schluss, unmittelbar bevor er sie tötete, würde er sich ihr zu erkennen geben, damit sie wusste, wer ihr Leben zerstört hatte und warum.
In der mit Blut gefüllten Orakelschale, die er benutzte, sah LeGrand ein blondes Mädchen, das eine unglaubliche Macht über das Feuer besaß. Eine Macht, die für seine Zwecke genau richtig wäre. Zwar konnte auch er Dinge in Flammen aufgehen lassen, aber das kostete ihn Kraft und Zauber und wirkte längst nicht so allumfassend wie die Macht dieses Mädchens. Leider befand sie sich, wie er feststellen musste, an einem geschützten Ort, an den er nicht selbst gelangen konnte, denn der war von einem Schutzschild umgeben, der nichts Böses und niemanden, der entsprechende Absichten hegte, passieren ließ. Deshalb war es ihm unmöglich, selbst dorthin zu gehen und das Mädchen in seine Gewalt zu bringen.
Doch LeGrand kannte mehr als einen Trick, um dennoch an sein Ziel zu gelangen. Schließlich würde das Mädchen sich nicht ständig in dem geschützten Bereich aufhalten, sondern den auch mal irgendwann verlassen – mit entsprechendem »Nachhelfen« von LeGrand sogar recht bald. Dann würde er zuschlagen und sich ihrer bemächtigen. Außerdem zeigte ihm der Zauber, dass die Leute, mit denen die kleine Weiße lebte, zu Sam Tylers Verbündeten gehörten. Wenn er es richtig anfing, konnte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. LeGrand grinste zufrieden.
Seine Zufriedenheit wurde jedoch schlagartig gestört, als das Telefon klingelte. Missmutig verließ er den magischen Arbeitsraum und nahm den Hörer ab. Aaron Kumara war ein gefragter Mann in der kleinen Voodoo-Gemeinschaft von Cleveland, und LeGrand hielt es für dringend geraten, schnellstmöglich abzutauchen, um seine Ruhe zu haben, ehe jemandem auffiel, dass Kumara sich anders verhielt als sonst, denn LeGrand hatte nun mal nicht einen Funken des Mitgefühls oder der Hilfsbereitschaft des früheren Besitzers seines Körpers. Er hatte auch nicht vor, diese zu spielen.
»Ja?«, meldete er sich unwirsch.
»Hallo Aaron. Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«
Kumaras Ohren identifizierten die Stimme als die von Aarons Bruder Amos – des Menschen, der ihn am besten kannte. Damit war dieses Gespräch zu gefährlich, um es allzu lange zu führen. Am besten wimmelte er den Bruder schnellstmöglich ab.
»Du bist die Laus«, knurrte er verächtlich. »Du störst mich bei wichtiger Arbeit, Amos.«
Für einen Moment war es am anderen Ende still, ehe Amos mit leichter Schärfe antwortete: »Nun, wenn du so beschäftigt bist, hättest du das Gespräch ja nicht anzunehmen brauchen. Ich wollte dich an unser Treffen heute Abend erinnern zum Schachspielen. Aber wenn du zu beschäftigt bist, können wir das verschieben.«
»Gib dir keine Mühe, Kleiner. Ich habe nicht vor, mit dir Schach zu spielen. Weder heute noch später. Und ruf mich nicht mehr an, denn ich habe zu tun, verstanden?«
»Aber Aaron, was ist denn...«
»Ich wünsche in Ruhe gelassen zu werden. Ganz besonders von dir.«
»Aaron!«
Amos Kumara erhielt keine Antwort mehr, denn sein Bruder hatte die Verbindung unterbrochen. Das sah Aaron überhaupt nicht ähnlich. Weder dieses abweisende Benehmen, noch die Gleichgültigkeit und erst recht nicht die Kälte, mit der er gesprochen hatte. Nein, »Kälte« war das falsche Wort. Aaron hatte richtig bösartig geklungen. Gehässig und gemein. Amos war beinahe versucht zu sagen, dass der Mann, mit dem er gerade gesprochen hatte, gar nicht sein Bruder gewesen sein konnte. Aaron war ein feinsinniger, mitfühlender Mann, nicht dieser ... dieser Rüpel, der ihn so schnöde abgewürgt hatte.
Natürlich wusste Amos, dass ein Houngan, der gerade ein Ritual beendet hatte, bei dem er »geritten« worden, also von einem Gott besessen gewesen war, manchmal noch Stunden, in seltenen Fällen Tage danach Eigenschaften der betreffenden Gottheit zeigte, bis die Nachwirkungen des Rituals wieder abgeklungen waren. Aaron war Shango angelobt, der schon mal recht heftig werden konnte. Zugegeben, das könnte die ungewöhnliche Reaktion seines Bruders erklären. Dennoch hatte Amos ein ungutes Gefühl bei der Sache.
Er beschloss trotzdem, ein paar Tage abzuwarten. Sobald Aaron wieder er selbst wäre, würde er bestimmt anrufen, die Sache erklären und sich entschuldigen. Trotzdem blieb es merkwürdig. Da Amos jedoch noch eine Menge Arbeit zu erledigen hatte, dachte er vorerst nicht weiter darüber nach.

LeGrand belegte das Telefon mit einem Zauber, nachdem er die Verbindung unterbrochen hatte, der ihn künftig vor solchen Anrufen bewahrte. Wer immer Aaron Kumara zu erreichen versuchte, würde entweder ein Freizeichen bekommen, das niemand beantwortete, oder ein Besetztzeichen. »Aaron Kumara« würde jedenfalls für die nächste recht lange Zeit unauffindbar abtauchen ...

»Guten Morgen, meine Schöne.«
Die in Russisch gesprochenen Worte wurden von einem zärtlichen Kuss in ihre Halsbeuge begleitet, der sie ungemein erregte. Sam drehte sich herum und umarmte den schwarzhaarigen Mann mit den grünen Augen und dem gepflegten Vollbart, der neben ihr lag, drückte ihren Körper an seinen und spürte zufrieden seine harte Erektion. Sie presste ihre Lippen auf seinen Mund zu einem wilden Kuss, atmete seine Erregung und sein Verlangen nach ihr ein und legte ein Bein über seine Hüfte. Mit dem Fuß drückte sie seinen Unterkörper noch näher an sich heran.
Nick Roscoe brauchte keine weitere Aufforderung. Er rollte Sam auf den Rücken, ohne sie auch nur einen Moment loszulassen und schob sein Glied genüsslich langsam Zentimeter für Zentimeter in ihre Scheide hinein, deren Feuchtigkeit einen betörenden Duft ausströmte, den er mit dem feinen Geruchssinn eines Werwolfs intensiv wahrnehmen konnte. Er machte Nick beinahe trunken, in jedem Fall aber noch hungriger nach den Freuden, die nur der Körper eines Sukkubus ihm spenden konnte, als er ohnehin schon war.
Sam umschlang seine Hüften mit den Beinen, um ihn tiefer in sich hinein zu ziehen und biss ihm verspielt in die Schulter. Nick erschauerte und stieß mit einem erregten Laut in sie, während er sie gleichzeitig heftig küsste. Er konnte ein unglaublich zärtlicher Mann sein, doch in dieser Stunde zwischen Nacht und Tag war er nur die entfesselte Wildheit seiner Art und genoss es, in Sam eine Partnerin zu haben, mit der er sie ausleben konnte, ohne befürchten zu müssen, dass er sie entweder verletzte oder sein wildes Wesen sie abstieß.
Stattdessen erwiderte sie jede Bewegung, jede Stimulation mit derselben Intensität, kam ihm entgegen und ritt ihn schließlich zu einem wahrhaft mächtigen Höhepunkt, der sie beide gleichermaßen schüttelte und sie ihre Ekstase hinausschreien ließ, ehe sie langsam abklang und sie schließlich zufrieden und erschöpft, aber trotzdem gestärkt still liegen ließ. Nach einer Weile kuschelten sie sich Bauch an Rücken in inniger Umarmung zusammen und genossen den süßen Nachhall des Erlebten.
»Du bist so wunderbar, meine Schöne«, flüsterte Nick ihr schließlich ins Ohr. »So unbeschreiblich wundervoll …«

Sam drehte sich wohlig seufzend herum und umarmte Nick. Sie fuhr hellwach hoch, als ihre Hand ins Leere griff und wurde sich schlagartig bewusst, dass sie das Erlebnis nur geträumt hatte. Geträumt. Sukkubi und Inkubi träumten so gut wie nie. Sams einzige Träume bisher waren Albträume, in denen scharfe Obsidianklingen an den Enden von riesigen Schmetterlingsflügeln ihr die Haut vom Körper fetzten und sie töteten.
Doch eben hatte sie geträumt, und es hatte sich verdammt real angefühlt. Köstlich real. Seltsamerweise fühlte sie sich auch gesättigt wie nach einem realen Akt und konnte Nick fast noch in sich spüren. Wirklich merkwürdig. Davon abgesehen fragte sie sich, wieso der Werwolf einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen konnte, dass sie von ihm träumte. Sie waren nur drei Tage zusammen gewesen und hatten nur einmal miteinander geschlafen. Von einem echten Zusammensein konnte man ohnehin nicht reden, da er sich die meiste Zeit über im Gästezimmer verkrochen hatte. Trotzdem fühlte sie eine Verbundenheit mit ihm, die sie noch nie für jemand anderen empfunden hatte. Nicht einmal für Scott.
Sam konnte sich diese seltsamen Empfindungen nicht erklären. Außerdem war Nick fort, und die Art, in der er sich von ihr verabschiedet hatte, besaß etwas Endgültiges. Deshalb hatte sie auch den Luftelementar abgezogen, der bis dahin über ihn gewacht hatte. Trotzdem wusste sie, dass er sich in jenem Motel in Hamilton in Kanada befand, in dem sie ihn im Traum geliebt hatte und sich auf dem Weg in die einsamen Wälder weiter nördlich befand. Okay, der Sex mit ihm war selbst für einen erfahren Sukkubus wie Sam außergewöhnlich gut und wirklich schön gewesen. Das erklärte aber nicht diese seltsamen Nebeneffekte. Verdammt, sie vermisste ihn; dabei hatte sie nicht einmal Scott in dieser Weise vermisst, wenn sie beruflich mehrere Tage oder Wochen getrennt gewesen waren.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es halb sieben Uhr morgens war. Sie schwang sich aus dem Bett und vertrieb Nick mit einem Gefühl von Bedauern aus ihren Gedanken. Er war fort und kam nicht wieder. Basta!
Sie ging unter die Dusche, ehe sie sich in ihre bevorzugte Kluft kleidete – Jeans, Seidenbluse und Lederjacke. Im Moment hatte sie keine langwierigen oder komplizierten Fälle als Detektivin zu bearbeiten; nur zwei Fälle von potenziell untreuen Ehemännern und einen ausgebüchsten Teenager, den sie gestern übernommen hatte und heute abschließen würde, indem sie die Entflohene den Eltern zurückbrachte.
Auch die beiden anderen Fälle würde sie heute noch zu Ende bringen. Einer der Ehemänner würde sich, wie sie wusste, in seiner Mittagspause mit einem Callgirl treffen, wie Sam mit Hilfe ihrer Magie herausgefunden und schon eine Minikamera an exponierter Stelle im Appartement der Dame installiert hatte. Der andere Ehemann war sauber und bereitete lediglich eine Geburtstagsüberraschung für seine Frau vor, indem er heimlich Tanzstunden nahm, um sie an ihrem Ehrentag in einen exklusiven Tanzschuppen zu entführen.
Sams Handy klingelte, als sie gerade das Haus verlassen wollte. »Hallo Edward«, begrüßte sie den Maler aus New Orleans, bevor er sich melden konnte. »Was gibt es?«
»Sam, du musst sofort kommen!« Edward Paris’ Stimme klang gequält, entsetzt und total verängstigt. »Ich habe ... Oh mein Gott! Nein!«
Sam sprang durch die Dimensionen direkt in Edwards Atelier, in dem er auch wohnte, und sah gerade noch, wie er den Abzug des Revolvers betätigte, den er sich in den Mund gesteckt hatte. Die Kugel fuhr durch seinen Gaumen quer nach oben durch sein Gehirn und sprengte auf ihrem Weg nach draußen die hintere Schädeldecke auf. Blut und Hirn verteilten sich auf der Leinwand, vor der er stand.
Sam fing seinen Körper auf, bevor er zu Boden stürzte, und setzte augenblicklich ihre Heilmagie ein. Doch sie konnte nichts mehr für ihn tun. Sobald der Tod vollständig eingetreten war, blieb die Heilmagie wirkungslos. So wie es damals bei Scott gewesen war, nachdem Káshnarokk ihn unter seinem Fuß zerquetscht hatte. Für einen Moment empfand sie wieder denselben Schmerz wie damals und brüllte ihn unkontrolliert hinaus, ehe es ihr gelang, sich wieder zu beherrschen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Edward Paris’ Selbstmord war nicht freiwillig geschehen, denn die Luft in seinem Atelier stank für Sams magische Sinne förmlich nach einem Vernichtungszauber. Leider war es ihr unmöglich, den Verursacher festzustellen, da es sich um einen Zauber handelte, der aus der Ferne gewirkt worden war. Außerdem war der Schuldige so schlau gewesen, jede magische Spur, die zu ihm hätte führen können, zu kappen; und die Signatur des Zaubers war Sam völlig unbekannt.
Sam fragte sich allerdings, weshalb jemand Edward umbringen wollte. Er war zwar ein Nachfahre der als »Hexenkönigin von New Orleans« berühmt gewordenen Marie Laveau, einer mächtigen Voodoozauberin. Doch er hatte nichts von der Magie seiner Ahnin geerbt. Er bekam lediglich ab und zu Visionen, die er malte und die ihm in letzter Zeit zunehmend Sorgen bereiteten. Die Zeit der Großen Entscheidung rückte näher, und viele seiner Werke hatten damit zu tun.
Doch bis jetzt hatte es niemanden gegeben, der ihn deswegen hätte umbringen wollen. Sam ließ seinen Körper sanft zu Boden gleiten und sah sich das Bild an, vor dem Edward gestorben war und das wohl das Letzte gewesen sein musste, an dem er gearbeitet hatte. Es zeigte das hassverzerrte Gesicht eines Schwarzen, der eine Hand auf den Kopf eines zu seinen Füßen knienden blonden Mädchens gelegt hatte. Sie wandte dem Betrachter den Rücken zu, doch ihre Haltung drückte panische Angst und Schmerz aus. Von ihren Händen lösten sich kleine Gestalten, in denen Sam unschwer Feuerelementare erkannte. Die stürzten sich in riesigen Schwärmen auf verschiedene Häuser, die Sam nur als verschwommene Konturen oder gar nicht mehr erkennen konnte, da Edwards Blut darüber klebte.
Zwar hätte sie es magisch entfernen können, doch sie war sich nicht sicher, ob sie es hinterher genauso wieder auf das Bild bekam. Und sie kannte die Arbeit der Tatortermittler zu gut, um das Risiko einzugehen, dass sie aufgrund veränderter Spuren daran zweifelten, dass Edward sich ohne fremdes Zutun umgebracht hatte – zumindest ohne vor Ort ausgeführtes fremdes Zutun. Denn dass der Maler sich nicht freiwillig umgebracht hatte, stand außer Zweifel.
Und Sam würde nicht ruhen, bis sie herausgefunden hatte, wer für seinen Tod verantwortlich war. Sie sah sich im Atelier um. Seit sie Edward zuletzt besucht hatte, waren seine Stapel von Gemälden beträchtlich gewachsen. Er sortierte seine gemalten Visionen nach drei Kategorien. Auf einen Stapel kamen die, die Ereignisse aus der Vergangenheit zeigten, die irgendwann mal stattgefunden hatten. Der zweite Stapel beherbergte die Bilder der Visionen, die vielleicht einmal eintreten könnten, wenn sich die Umstände entsprechend entwickelten, aber bis dahin noch nicht unabwendbar festgelegt waren. Und der dritte Stapel bestand aus jenen, die in jedem Fall eintreffen würden, ganz gleich, was passierte oder nicht.
Edward hatte die Entfesselung Káshnarokks vorausgesehen und dass der Bokor Jacques LeGrand hinter den Ereignissen steckte, die sie vor über einem Jahr mit Kevin Bennett bekannt gemacht hatte. Und er hatte auch einige Bilder von Sam gemalt. Eines, das sie im Stapel der Visionen der Vergangenheit fand, zeigte sie und Edward in ihr erstes Liebesspiel vertieft auf der Couch in seinem Atelier. Und nun war er tot.
Die Wut wallte erneut in ihr auf, und sie durchsuchte die Bilder nach Hinweisen auf seinen Mörder. Doch in diesem Punkt war es Edward ergangen wie nahezu allen Hellsichtigen, die zwar Dinge sehen konnten, die andere betrafen, aber niemals ihr eigenes Schicksal. Sonst wäre er vielleicht noch am Leben.
Leider fand sie unter den Bildern keins, das ihr einen entsprechenden Hinweis gegeben hätte, warum er hatte sterben müssen. Allerdings ergaben einige Bilder erst im Nachhinein einen Sinn. Kurzentschlossen transportierte sie die Bilder der Visionen, die vielleicht und die garantiert eintreffen würden, mit einem umgekehrten Bringzauber in ihr Haus in Cleveland, um sie sich später in Ruhe anzusehen.
Danach initiierte sie ihre Gabe der Retrospektion, um herauszufinden, was zu Edwards Tod geführt hatte. Die Ereignisse der vergangenen Tage zogen wie sichtbare Nebelschleier vor ihrer magischen Sicht vorbei. Sie sah Edward seine Bilder malen mit der Hingabe, die er bei allem an den Tag legte, was er tat. Sie sah ein paar Kunden, die sein Atelier besuchten, um Bilder zu kaufen, den Inhaber seiner Stammgalerie, der mit ihm die nächste Ausstellung besprach, aber absolut nichts Ungewöhnliches.
Sam dehnte die Rückschau auf eine weitere Woche aus mit demselben Ergebnis. Sie ging einen Monat zurück und fand immer noch nichts. Schließlich ließ sie im Zeitraffer die gesamten Ereignisse seit ihrem letzten Besuch vor ein paar Monaten ablaufen, doch nirgends gab es auch nur den geringsten Hinweis auf irgendetwas Bedrohliches oder jemanden, der dafür verantwortlich sein könnte.
Und die magische Signatur des Vernichtungszaubers ließ sich nicht identifizieren und auch nicht zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Verdammt! Immerhin zeigte das deutlich, dass der Mörder ein nicht zu unterschätzender Gegner war. Doch Sam verfügte noch über andere Möglichkeiten als Retrospektion, um ihn ausfindig zu machen. Nur nicht hier und jetzt. Jetzt musste sie erst mal dafür sorgen, dass man sich um Edward kümmerte. Er hatte keine Verwandten gehabt und auch keine Frau oder Freundin, und erst recht keine Putzfrau, sodass man ihn erst finden würde, wenn irgendwann jemandem auffiel, dass man ihn lange nicht mehr gesehen hatte. Sam würde also die Polizei mit einem anonymen Anruf informieren, dass in seinem Atelier ein Schuss gefallen war.
Vorher musste sie aber den Tatort so verlassen, dass niemand sie mit Edward in Verbindung brachte. Oder feststellte, dass Bilder fehlten. Sie verteilte mit einem Zauber die fertigen Bilder so, dass sie die Stellen füllten, von denen Sam die entfernt hatte, die sich jetzt in ihrem Haus befanden. Außerdem löschte sie magisch Edwards Anruf bei ihr von seinem Handy und wirkte einen Zauber, der dasselbe auch bei seinem Provider tat. Denn natürlich würde die Polizei seine Verbindungsdaten überprüfen.
Sie strich dem Toten sanft mit den Fingerspitzen über die Wange. Da sie offiziell gar nicht hier gewesen war und demnach auch nichts von seinem Tod wusste, würde sie nicht einmal zu seiner Beerdigung kommen können. Zumindest nicht sichtbar. Nun, das war nicht zu ändern. Sie tarnte sich mit einem Unsichtbarkeitszauber und sprang durch die Dimensionen zu einem öffentlichen Telefon in der Nähe des Ateliers, von wo aus sie mit einer männlichen Stimme die Polizei benachrichtigte. Danach beauftragte sie einen Luftelementar, in Edwards Atelier die Arbeit der Polizei zu beobachten und ihr zu melden, was dort getan und gesprochen wurde, ehe sie nach Cleveland zurückkehrte.
Sie würde Edwards Mörder finden, ganz gleich, wie lange das dauern mochte, und nicht eher ruhen, bis sie ihn zur Strecke gebracht hatte. So oder so.

Jacques LeGrand legte die aus schwarzem Stoff und Stroh gefertigte Puppe zur Seite, auf deren Gesicht ein aus einem Prospekt geschnittenes Foto von Edward Paris klebte und der er gerade mit ihrer eigenen Hand einen Nagel durch den Mund ins Gehirn getrieben hatte. Mit einem zufriedenen Grinsen beobachtete er, wie sich das Stück bemalter Leinwand, das er in die Schale mit den Zutaten für den Vernichtungszauber gelegt hatte, in einer Stichflamme auflöste, als Edward Paris starb. Zwar war er dem Maler nie persönlich begegnet, als er noch in seinem ursprünglichen Körper in New Orleans gelebt hatte, aber der Bizago wusste natürlich von ihm und seinen visionären Gemälden.
LeGrand hatte außerdem während der Zeit, die er einsam und verbannt in Guede Nimbos Reich verbracht hatte, herausgefunden, dass Sam Tyler ihm nur durch Paris’ Gemälde so schnell auf die Schliche gekommen war, um seine Pläne durchkreuzen und ihn beim ersten Mal töten zu können. Dieses Risiko würde LeGrand kein zweites Mal eingehen. Um keine verräterische magische Spur zu hinterlassen, hatte er jemanden angeheuert, der in seinem Auftrag ein beliebiges Bild von Paris gekauft und ihm nach Cleveland gebracht hatte.
Da jedes Bild, das der Maler je geschaffen hatte, metaphysisch mit ihm verbunden war, brauchte LeGrand den Vernichtungszauber nur über ein Stück der bemalten Leinwand zu wirken. Und natürlich hatte er seine magischen Spuren gut genug verwischt, dass die Dämonin ihn diesmal nicht dadurch aufspüren konnte. Dass sie sich wahrscheinlich schwarz ärgern würde, wenn sie feststellte, dass ihr magischer Informant tot war, gab dem Ganzen eine zusätzliche Würze. Damit die Behörden keine Frage stellten, hatte er Paris gezwungen, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Da der Maler ohnehin in der Szene als merkwürdig und labil galt, würde der Fall offiziell schnell zu den Akten gelegt werden.
Le Grand wandte sich dem nächsten Schritt zu: das Mädchen unter Kontrolle zu bringen, das so herrlich mit Feuer umzugehen verstand. Das würde jedoch seine Zeit brauchen. Der Bokor gedachte, diese Zeit dazu zu nutzen, der Dämonin das Leben noch auf andere Weise schwer zu machen. Als Nächstes sollte sie erleben, wie es sich anfühlte, gejagt zu werden.
Seine häufige Konsultation des Blutorakels hatte ihm jemanden gezeigt, der nur allzu begierig darauf war, ein Geschöpf wie Sam Tyler zu vernichten. Man musste ihm dazu nur die entsprechende Motivation liefern. Das war nicht weiter schwierig, wenn eben die aus einer Quelle kam, der er vertraute. Die zu finden – einen Mann namens Simon Kelley – war mithilfe der Macht, über die LeGrands neuer Körper verfügte, ein Kinderspiel. Sie zu manipulieren ebenfalls. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Jagd begann.
Natürlich würde der Jäger keinen Erfolg haben; dazu war die Dämonin zu mächtig. Sie würde ihn töten, und LeGrand hatte auf diese Weise gleich noch einen gefährlichen Kämpfer des Lichts beseitigt, dessen Blut dann an ihren Händen klebte. Dessen Gefährten würden danach alles daransetzten, die Mörderin zur Strecke zu bringen. Doch bis es soweit kam, würde LeGrand längst mit ihr fertig sein. Er stieß ein triumphierendes Lachen aus und machte sich ans Werk.
Ein unbeteiligter Zuhörer hätte keine großartigen psychologischen Kenntnisse gebraucht, um dieses Lachen eindeutig als das eines Wahnsinnigen zu klassifizieren.

Abt Dennis Baxter stand auf der Galerie über dem Trainingsraum, hatte die Unterarme auf die Brüstung gestützt und sah dem Kampftraining zu, das einige Mönche und Nonnen der Pugnatores Lucis, der »Streiter des Lichts« gerade absolvierten. Sie waren gut, allesamt bestmöglich ausgebildet und motiviert. Abt Dennis verspürte jedes Mal ein intensives Gefühl von Stolz, wenn er »seinen« Kriegern beim Training zusah oder wieder einer mit einer Erfolgsmeldung von einem Einsatz zurückkehrte.
Die Pugnatores Lucis waren ein Orden, der sich aus einem Zusammenschluss von Defensoren – Verteidigern – entwickelt hatte. Schon vor langer Zeit hatte Gott einige Menschen auserwählt, deren Aufgabe es sein sollte, die Menschen vor den Geschöpfen des Bösen zu schützen, die damals immer häufiger die Welt heimsuchten. Zu diesem Zweck hatte Er diesen Auserwählten die unschätzbare Fähigkeit geschenkt, echte magische Aktivitäten in einem Umkreis von etwa drei Meilen wahrnehmen und lokalisieren und die nicht menschlichen Kreaturen in ihrer menschlichen Gestalt erkennen zu können. Außerdem besaßen sie eine gewisse Immunität gegen deren Magie.
Die meisten Defensoren lebten ganz normal in Familien und gingen ihrer Berufung neben ihrem Broterwerb nach, wenn es erforderlich wurde. Einige hatten allerdings beschlossen, ihre Berufung zum alleinigen Beruf zu machen, was im Jahr 1668 zur Gründung des Ordens in Friaul geführt hatte. Von dort aus hatten sich Tochterklöster nach und nach in der ganzen Welt verbreitet. St. Zeno, das Kloster, dem Abt Dennis vorstand, lag am Rande von New York und stellte den Hauptsitz der Pugnatores Lucis in den USA dar. Es gab noch zwei weitere, kleinere Klöster in Kalifornien und Oklahoma.
In diesen Klöstern lebten sowohl Mönche wie auch Nonnen, wenn sie in der Regel auch in getrennten Wohngebäuden untergebracht waren. Der Orden schrieb das Zölibat keineswegs vor. Wer jeden Tag – oder doch regelmäßig – sein Leben aufs Spiel setzte, um das Böse zu bekämpfen, sollte sich gerade auch bei dem Akt des Lebens und der Liebe schlechthin entspannen können, wenn er oder sie das wollte. Wer jedoch freiwillig einen Zölibatseid ablegte, war natürlich daran gebunden wie jeder andere Mönch oder Nonne auch.
Allerdings verfolgten die Defensoren nicht wahllos jedes Geschöpf, das der Unterwelt entstammte. Sie differenzierten sehr genau und schritten nur ein, wenn eines davon den Menschen Schaden zufügte. Diejenigen, die einfach nur vorzogen, in der Menschenwelt zu leben – aus welchen Gründen auch immer –, aber niemandem etwas zuleide taten, hatten von ihnen nichts zu befürchten.
Abt Dennis’ Blick fiel auf Bruder Graham, der gerade Bruder Thomas eine schmerzhafte Lektion im Stockkampf erteilte. Bruder Graham war, was seine Fähigkeiten betraf, der beste Kämpfer des Klosters. Deshalb unterrichtete er seine Brüder und Schwestern während der Zeiten, zu denen er nicht selbst in der heiligen Mission unterwegs war.
In letzter Zeit war Abt Dennis jedoch gezwungen, Bruder Grahams Einsätze außerhalb des Klosters streng zu redigieren. Genauer gesagt konnte er sich nicht mehr darauf verlassen, dass der Mönch wirklich nur die Geschöpfe des Bösen vernichtete. Wenn man nicht auf ihn aufpasste, brachte er wahllos jedes Geschöpf um, das nicht dieser Welt entstammte, ganz gleich wie harmlos es sein mochte. Aus diesem Grund teilte Abt Dennis ihm nur noch Fälle zu, bei denen zweifelsfrei gesichert war, dass es sich wirklich um Wesen handelte, die den Menschen schadeten und den Tod nach den gottgegebenen Regeln des Ordens verdient hatten.
Natürlich verstand der Abt vollkommen, warum Bruder Graham sein Urteilsvermögen und erst recht sein inneres Gleichgewicht verloren hatte. Er und vier seiner Mitschwestern und –brüder waren ausgeschickt worden, um eine Brutstätte von Spinnendämonen auszuräuchern, die sich auf einer Farm in Pennsylvania eingenistet hatten. Bruder Graham war der Einzige, der lebend – wenn auch schwer verletzt – von diesem Einsatz zurückgekehrt war. Zwar war es ihnen gelungen, die Spinnendämonen zu vernichten, doch dort hatte noch etwas anderes gelauert, etwas Tödliches, mit dem niemand gerechnet hatte.
Was genau damals geschehen war, entzog sich bis heute Abt Dennis’ Kenntnis. Bruder Graham war immer noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Doch es verging keine Woche, in der er nicht in mindestens drei Nächten schreiend aus Albträumen erwachte. Unmittelbar nach diesem Vorfall, als Grahams äußere Wunden verheilt waren, hatte er begonnen, gnadenlos jedes nichtmenschliche Geschöpf zu jagen und zu vernichten. Abt Dennis hatte ihm schließlich Einhalt geboten unter dem Vorwand, dass er erst vollständig gesund werden müsse, bevor er wieder das Böse jagen konnte und ihn auf diese Weise ein paar Monate im Kloster behalten.
Graham besaß zwar das Mitgefühl des Abts; dennoch konnte und durfte der nicht dulden, dass der Mönch Unrecht tat, indem er harmlose und unschuldige Wesen tötete. Aus diesem Grund ließ er ihn nur auf die wirklich sicheren Fälle los und auch das nur in Begleitung, wenn es sich einrichten ließ. Doch natürlich würde sich an Grahams Einstellung nichts ändern, wenn es ihm nicht endlich gelang, sein Trauma zu überwinden.
Bruder Graham hatte Bruder Thomas zum fünften Mal in Serie »getötet« und half ihm jetzt wieder auf die Beine. Er bemerkte, dass Abt Dennis ihm zusah, und nickte dem älteren Mann respektvoll zu. Selbst diese Geste ähnelte nur noch entfernt der Art, wie Bruder Graham früher gegrüßt hatte. Seit jenem unseligen Tag war er einfach nicht mehr er selbst. Auch die fähigen Psychotherapeuten in den Reihen des Ordens hatten bis heute nicht vermocht, seine seelischen Wunden auch nur annähernd zu heilen.
Bruder Graham verließ die Trainingshalle, und Abt Dennis gab seinen Zuschauerposten auf. Er hatte schließlich noch ein paar Dinge zu erledigen, da das Kloster sich nicht von selbst führte. Als er an den Umkleideräumen vorbeikam, sah er durch die offene Tür, wie Bruder Graham sein Handy in der Hand hielt und die inzwischen eingegangenen SMS-Botschaften checkte. Der Mönch erstarrte für einen Moment, was den Abt veranlasste, alarmiert einzutreten.
»Ist etwas nicht in Ordnung, Bruder Graham?«
»Ich habe soeben von einem meiner Informanten eine SMS erhalten, dass ein Dämon in Cleveland sein Unwesen treibt. Ein Seelenfresser, der schon mehrere Menschen auf dem Gewissen hat.«
»Wie sicher ist diese Information?« Falls es sich tatsächlich um einen Seelenfresser handelte, so musste dieses gefährliche Geschöpf schnellstens aus dem Verkehr gezogen werden.
»Absolut sicher«, war Bruder Graham überzeugt. »Simon Kelley ist hellsichtig, was diese Dinge betrifft. Und als Pharmavertreter kommt er viel im Land herum. Er hat mir schon oft wertvolle Tipps gegeben.« Er steckte das Handy in seine Sporttasche und blickte Abt Dennis erwartungsvoll an. Seine grauen Augen funkelten beinahe vor Jagdfieber.
Der Abt kannte natürlich die Namen aller Informanten, mit denen die Defensoren des Klosters jemals zu tun gehabt hatten, selbst wenn es nur ein einziges Mal gewesen war. Simon Kelley war in der Tat eine zuverlässige Quelle und seine Tipps bisher ausnahmslos zutreffend gewesen.
»Erlaubst du, dass ich mich darum kümmere, Vater Abt?«, drängte Bruder Graham.
»Tu das.« Abt Dennis überlegte, ob er dem Mönch einen Begleiter mitgeben sollte. Andererseits war ein bestätigter Seelenfresser keine so große Sache, dass Bruder Graham Unterstützung dafür gebraucht hätte, ihn zu erledigen und barg außerdem nicht die Gefahr, dass er den Falschen erwischte. »Du kannst aufbrechen, sobald du deine Vorbereitungen getroffen hast. Aber«, hielt er den Mönch zurück, als der sich eilig an ihm vorbeidrängen wollte, »du erledigst nur diesen Seelenfresser. Solltest du dort auf andere Geschöpfe stoßen – ganz gleich was sie sind – so wirst du mit ihrer Vernichtung warten, bis ein Bruder oder eine Schwester vor Ort angekommen ist und dich unterstützen kann.«
Bruder Graham runzelte finster die Stirn. »Vater Abt, deine Fürsorge wird langsam lästig. Ich bin wieder voll einsatzfähig und brauche keine Hilfe.«
Abt Dennis sah ihn ernst an. »Nein, das bist du nicht. Solange du nicht einmal in der Lage bist, auch nur mit einer einzigen Silbe über das zu sprechen, was letztes Jahr geschehen ist, so lange bist du noch weit davon entfernt, wieder voll einsatzfähig zu sein. Ein Seelenfresser ist genug. Sollten sich in Cleveland noch andere Wesen herumtreiben, so wirst du sie melden und danach nur beobachten, bis Verstärkung kommt. Hast du das verstanden, Bruder Graham?«
»Natürlich.« Die Stimme des Mönchs klang missmutig und enttäuscht.
Abt Dennis war sich allerdings sicher, dass der sich seinem Befehl nicht widersetzen würde. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Gottes Segen mit dir, Bruder Graham. Und gute Jagd.«
Bruder Graham schnappte seine Sporttasche und rannte förmlich hinaus, um in seinem Zimmer zu packen. Abt Dennis sah ihm nach und beschloss, sich zusammen mit dem Psychologenteam ernsthaft Gedanken zu machen, wie man Bruder Graham dazu bringen konnte, sich endlich seinem Trauma zu stellen, sobald er von seiner Reise zurück war.

Jessie hatte ihren Schrecken über die seltsame Vision vor drei Tagen überwunden und dachte kaum noch daran, da sie sich nicht wiederholt hatte. Immerhin hatte die Episode etwas Gutes gehabt, denn Kyle fühlte sich bemüßigt, sich noch intensiver um sie zu kümmern als bisher und wich ihr kaum noch von der Seite, wenn sie nicht gerade Unterricht hatten. Auch jetzt begleitete er sie zur Poststelle, um nachzusehen, ob einer von ihnen Post bekommen hatte.
In Jessies Fach lag ein FedEx-Päckchen, das sie unverzüglich öffnete. Darin befand sich eine handgroße und etwa drei Zentimeter hohe, in braunes Packpapier eingeschlagene Box. Auf dem Papier stand lediglich Jessies Name und sonst nichts.
»Hast du Geburtstag?«, fragte Kyle neugierig.
Jessie schüttelte den Kopf. »Erst nächstes Jahr im März.«
Sie warf einen Blick auf die FedEx-Verpackung, doch auch darauf war kein Absender verzeichnet, nur der Ort und die FedEx-Zweigstelle, wo das Päckchen aufgegeben worden war: Cleveland, Ohio.
»Ich glaube, das kommt von Miss Tyler. Sie hat mir dieses Jahr schon was zum Geburtstag geschickt. Vielleicht ist das ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.« Sie wollte das Packpapier aufreißen, bekam aber im selben Moment das dringende Gefühl, dass sie das erst tun sollte, wenn sie allein war. »Ich sehe es mir später an. Schließlich ist ja noch nicht Weihnachten.« Sie lächelte Kyle an. »Ich muss noch was für die Hausaufgabe in Mathe recherchieren. Kommst du mit in die Bibliothek?«
»Sorry, Jessie. Dr. Jacobs erwartet mich in zwanzig Minuten zu meiner vierzehntäglichen routinemäßigen ‚Plauderstunde’. Wir sehen uns später.«
Er gab ihr einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und machte sich mit einem verheißungsvollen Augenzwinkern zum Abschied auf den Weg. Jessie schlug die Richtung zur Bibliothek ein, doch als hätten ihre Füße einen eigenen Willen, bog sie vorher ab und ging stattdessen ins Wohnhaus, wo die Schülerinnen und Schüler ihre Zimmer hatten. Auch in diesem Punkt unterschied sich das Lotos Internat von manchem anderen, denn jeder hatte ein eigenes, recht geräumiges Zimmer, das er mit eigenen Möbeln oder geliehenen aus dem reichhaltigen Fundus des Internats individuell einrichten konnte.
Doch Jessie hatte keinen Sinn für die gemütliche Atmosphäre ihres Zimmers. Sie wollte nur schnellstens das Päckchen öffnen und erfahren, was Sam Tyler ihr geschickt hatte. Sie wickelte es aus und stieß einen erschreckten Schrei aus, als sie sich dabei an einer scharfen Kante der Box schnitt, die zum Vorschein kam. Sie bestand aus geschnitztem schwarzen Holz mit Intarsien aus einem helleren Holz, das wie eine getrocknete Dornenranke aussah, die ein seltsames Muster bildeten. Und an eben diesen Dornen hatte sich Jessie verletzt.
Mit unwillig gerunzelter Stirn und an ihrem blutenden Daumen saugend öffnete sie das Kästchen. Eine graue Staubwolke stieg daraus auf und ihr ins Gesicht, dass sie niesen musste, was den Staub noch weiter aufwirbelte und sie ihn unwillkürlich einatmete. Sie erstarrte übergangslos und fühlte, wie jede Empfindung sich aus ihrem Körper löste und einer Taubheit Platz machte, die kein Gefühl mehr zuließ. Auch ihr Geist wurde leer, als wären alle Gedanken herausgesaugt worden. Stattdessen drängte sich ein anderer Gedanke hinein, von dem sie nicht einmal merkte, dass er nicht zu ihr gehörte.
Sie ließ die Box fallen und verließ ihr Zimmer. Zielstrebig ging sie durch die Flure und Gänge zu einem der Nebenausgänge des Internats und verließ unbemerkt das Gelände. An der Bushaltestelle, die sich an der Straße befand, die in die Innenstadt führte, wartete ein Taxi auf sie, dessen dunkelhäutiger Fahrer zufrieden grinste, als Jessie einstieg und sich anschnallte, ohne es zu merken.
Das Taxi setzte sich in Bewegung, und Jessies Spur verlor sich von da an im Nichts.

Sam fühlte sich ausgesprochen frustriert, und zwar in mehr als einer Hinsicht. Ihre Versuche, Edwards Mörder ausfindig zu machen, waren allesamt gescheitert. Sämtliche Zauber, die ihn ihr hätten offenbaren müssen, hatten versagt. Sie, die normalerweise jedes Wesen und jeden Gegenstand mit Magie dazu zwingen konnte, seine bestgehüteten Geheimnisse zu offenbaren, war nicht in der Lage, dieses eine für sie so wichtige Geheimnis aufzudecken.
Das war allenfalls insofern entschuldbar, als dass man nichts zwingen konnte, von dem man gar nicht wusste, wo man nach ihm suchen sollte, denn es gab nach wie vor keinen einzigen Hinweis, wer den Mord begangen haben könnte oder wie er bewerkstelligt worden war. Wieder einmal vermisste Sam schmerzlich ihre verlorenen Kitsune-Kräfte, und wieder beunruhigte es sie, dass sie mit all ihrer Macht nicht herausfinden konnte, wohin die verschwunden waren. Sie hatte diesbezüglich sogar schon ihren Vater um Hilfe gebeten, doch nicht einmal Benyun war es gelungen, eine Antwort zu finden, obwohl er seine Kitsune-Kräfte noch besaß.
Darum konnte sie sich allerdings jetzt nicht kümmern. Seit heute Morgen sah sie sich Edwards Bilder an, ob der Grund für seinen gewaltsamen Tod in einer seiner Visionen zu finden wäre und damit vielleicht auch ein Anhaltspunkt, wer dafür verantwortlich war. Doch sie konnte nirgends eine Verbindung entdecken.
Der Luftelementar, den sie in Edwards Atelier damit beauftragt hatte, ihr über die Aktivitäten der Polizei zu berichten, hatte gemeldet, dass die Leute vom NOPD9 nicht den geringsten Zweifel daran hegten, dass der Maler aufgrund eines depressiven Schubs Selbstmord verübt hatte. Da sie in seinem Medikamentenschrank auch ein pflanzliches Antidepressivum gefunden hatten, passte das hervorragend in ihr Bild, und der Fall wurde als Selbstmord ohne Fremdeinwirkung abgeschlossen. Darauf, dass jemand – Sam – zum Zeitpunkt der Tat oder unmittelbar danach im Atelier gewesen war, gab es nicht den geringsten Hinweis.
Sam rieb sich müde die Augen und stellte fest, dass sie schon seit einer Weile Hunger hatte. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Es war bereits dunkel geworden und höchste Zeit, dass sie sich stärkte. Statt Axaryn aufzusuchen oder sich wieder einmal einen Menschen als Nahrungsquelle zu nehmen, rief sie Vincent Cronos an.
Der viertausendjährige Vampir war seit Kurzem der Wächter für die neu in Cleveland entstandene kleine Vampirkolonie. Obwohl sie sich erst knapp drei Wochen kannten, hatte sich zwischen ihnen eine spontane Freundschaft entwickelt, die sie beide auch unabhängig von den bei fast jedem Treffen stattfindenden »Fütterungen« genossen. Und Sam brauchte unbedingt einen Rat von jemandem, der ihr etwas über menschliche Gefühle erklären konnte. Sie hatte letzte Nacht schon wieder sehr intensiv von Nick geträumt, was sie langsam zu beunruhigen begann.
Cronos war zu Hause und freute sich auf ihren Besuch, wie er versicherte. Er zuckte nicht einmal zusammen, als Sam unmittelbar neben ihm auftauchte, kaum dass er den Hörer wieder aufgelegt hatte.
»Hallo, Dämonin meiner Träume«, begrüßte er sie, zog sie in seine Arme, drückte seine Nase in ihre Halsbeuge und sog hörbar die Luft ein. Augenblicklich bekam er eine Erektion und presste ihren Körper noch enger an sich. »Hm«, murmelte er. »Lecker!«
Sam musste lachen. »Gleichfalls. Möchtest du dich zuerst noch ein bisschen stärken?« Sie hielt ihm eine grüne Flasche hin, die mit Blut gefüllt war.
Cronos schnupperte daran. »Hirschblut!«, schwärmte er. »Meine Lieblingssorte. Sam, du verwöhnst mich über alle Maßen. Allerdings brauche ich keine ‚Stärkung’ für dich. Ich denke, ich bin stark genug für deine Bedürfnisse.«
Was er unverzüglich unter Beweis stellte, indem er sie hochhob und sie in sein Schlafzimmer trug, wo er sich mit ihr auf das Bett fallen ließ und ihr und sich mit einer Geschwindigkeit, zu der nur Vampire fähig waren, die Kleidung auszog. Anschließend begann er genüsslich, Sam am ganzen Körper zu streicheln in einer Weise, die sie nicht zum ersten Mal vermuten ließ, dass er mit seinem Freund Gwyn Harper über Sams diesbezügliche Vorlieben gesprochen haben musste, denn er stimulierte sie nahezu auf dieselbe Art wie Gwyn.
Sam fand es immer wieder aufregend mit einem Vampir zu schlafen, denn sie besaßen eine für sie überaus nahrhafte Energie. Ein einziger Akt mit einem Vampir sättigte sie manchmal für zwei volle Tage. Außerdem schmeckte sie ihr mindestens so gut wie das Hirschblut Cronos mundete. Vielleicht lag es an der Leidenschaft, mit der die Vampire nicht nur den Sex auslebten. Da sie sich vom Blut ernährten, waren sie von Natur aus Jäger, und dieses Erbe steckte immer noch in ihnen, auch wenn sie sich längst der Zivilisation angepasst hatten. Sam genoss deshalb Cronos’ unterschwellige Killernatur, die in den Momenten der Ekstase immer wieder an die Oberfläche drängte.
Jedenfalls bewies er ihr jetzt, dass er tatsächlich keine vorherige Stärkung gebraucht hatte. Er spielte mit ihr über zwei Stunden lang, brachte sie und sich immer wieder bis an den Rand eines Höhepunkts, nur um im entscheidenden Moment innezuhalten und die Erregung ein bisschen abklingen zu lassen, ehe er sie erneut stimulierte, bis sie es beide nicht mehr aushielten und der erlösenden Flut freien Lauf ließen. Sam sog die freiwerdende Energie in sich auf und fühlte sich beinahe wie im Rausch von der Intensität, die ihrer beider Höhepunkte erreichte.
Gesättigt und beinahe »vollgefressen« ließ sie sich wenig später neben Cronos in die Kissen fallen. Ein Bringzauber beförderte die Flasche mit dem Blut in ihre Hand, die sie ihm reichte. Er schraubte sie auf und nahm einen langen Schluck, ehe er sie zur Seite stellte und sich Sam wieder zuwandte.
»Ich könnte jetzt glatt noch mal über dich herfallen«, stellte er fest und gab ihr einen tiefen Kuss, der nach dem eben getrunkenen Blut schmeckte.
»Tu dir keine Zwang an«, forderte Sam ihn auf, nachdem er ihren Mund wieder freigegeben hatte. »Ich bin ein Sukkubus, das heißt unersättlich in Sachen Sex.«
»Was mir ausgesprochen gefällt, Dämonin meiner Träume.« Er schob einen Arm unter sie und streichelte mit einem Finger ihr Gesicht.
Sam schloss die Augen und genoss eine Weile seine Zärtlichkeiten. »Sag mal, Cronos, ihr Vampire könnt doch fühlen wie Menschen, oder?«
»Aber ja. Wir unterscheiden uns nur genetisch von den Menschen – zu 0,94 Prozent, um genau zu sein – aber hinsichtlich unserer Psyche und Gefühlswelt gibt es keinen Unterschied. Mit der einzigen Ausnahme, dass die meisten Beziehungen unter uns intensiver sind als bei Menschen. – Was willst du wissen?«
Sam zögerte. Sie vertraute Cronos wie nur wenigen Wesen, obwohl sie ihn erst ein paar Wochen kannte. Das lag wahrscheinlich daran, dass er ein Wächter war und ihr seinerseits vorbehaltlos vertraute. Jedenfalls war er gegenwärtig der einzig Greifbare, den sie sich nach dem zu fragen getraute, was sie zunehmend beschäftigte.
»Ich habe kürzlich einen – Mann kennengelernt. Wir waren – netto – nur knapp drei Tage zusammen, und er ist wieder gegangen. Trotzdem muss ich ständig an ihn denken. Na ja, nicht ständig«, schränkte sie ein, »aber ich habe manchmal das Gefühl, dass er bei mir wäre, obwohl er gar nicht da ist. Zweimal schon habe ich mir nachts sogar eingebildet, er würde neben mir liegen.« Sie blickte den alten Vampir besorgt an. »Ist das eine normale Reaktion für Menschen? Oder ist das ein Zeichen dafür, dass ich schleichend den Verstand verliere? Denn Sukkubi und Inkubi sind normalerweise nicht zu menschlichen Gefühlen fähig«, fügte sie erklärend hinzu. »Ich bin da eine Ausnahme, und ich habe keine Ahnung, wie ich mit diesem – Chaos umgehen soll.«
Cronos unterdrückte ein Lächeln. »Ich kann dich beruhigen. Das sind bei Menschen ganz normale Anzeichen für Verliebtheit.«
»Ausgeschlossen!«, widersprach Sam nachdrücklich. »Ich habe erst vor einem Dreivierteljahr meinen Verlobten verloren, den ich wirklich geliebt habe. Ich bin nicht bereit, jemals wieder jemanden zu lieben.«
Jetzt musste Cronos doch grinsen. »Sam, gerade in der Liebe geht es – leider – absolut nicht danach, was wir wollen. Ob wir dazu bereit sind oder nicht, sie erwischt uns in der Regel aus heiterem Himmel, und zwar immer wieder.« Er blickte sie nachdenklich an. »Wie lange hast du diese menschlichen Gefühle schon?«
»Ungefähr zwei Jahre.«
»War dein Verlobter deine erste Liebe?« Sam nickte, und das tat Cronos ebenfalls. »Das ist jetzt zwar nur eine Theorie, aber ich glaube, dass du in diesem Punkt wie ein menschlicher Teenager die erste Liebe für die einzig wahre und größtmögliche gehalten hast, da dir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Und jetzt erlebst du, dass doch noch eine Steigerung möglich ist.«
Sam überdachte das und schüttelte schließlich den Kopf. »Wie kann das sein? Wir haben kaum miteinander geredet, und die meiste Zeit über hat er meine Gesellschaft gemieden.«
Cronos blickte sie mit schräggelegtem Kopf nachdenklich an. »Beschreibe mir bitte genau, wie sich das anfühlt, wenn du das Gefühl hast, dass dieser Mann bei dir ist.«
»Real. Das ist das einzige passende Wort, das mir dazu einfällt. Als wäre er wirklich da. Ich glaube ihn zu fühlen, zu hören, zu riechen, als wenn er direkt neben mir stünde, säße, läge. Ich bilde mir sogar ein, seine Wärme wahrzunehmen. Völlig verrückt.« Und das bereitete ihr zunehmend Sorgen, was sie dem Vampir aber unter keinen Umständen verraten würde.
Cronos sah sie immer noch nachdenklich an. »Wenn das so ist, bleibt nur noch eine andere Möglichkeit übrig. Machen wir die Probe aufs Exempel. Versuche mal zu ergründen, wie es ihm geht. Jetzt in diesem Moment.«
Sam erkannte zwar keinen Sinn in dieser unmöglichen Bitte – wie sollte sie schließlich ergründen können, wie Nick sich fühlte, wo er doch wer weiß wo war –, aber sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihn. Innerhalb von Sekunden hatte sie den Eindruck, als wäre sie bei ihm. Sie spürte ihn als Wolf irgendwo in einem Wald – beim Red Cedar Lake in Kanada – und fühlte die Herbstsonne, roch den Duft des Waldes und sogar des Wildes, das er gerade verfolgte.
»Körperlich geht es ihm gut«, beantwortete sie schließlich Cronos’ Frage. »Aber innerlich fühlt er sich leer, traurig und so verloren, dass es mir beinahe wehtut.« Sie blickte den Vampir misstrauisch an. »Ist das jetzt was Schlimmes?«
Cronos blickte sie mitfühlend an. »Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich, Sam. Die gute: Es ist keine Liebe. Die schlechte: Es ist viel schlimmer, denn mit größter Wahrscheinlichkeit habt ihr beide einen Seelenbund
»Was?« Sam schüttelte den Kopf. Das klang absolut ungeheuerlich. »Und du bist Experte für Seelenbünde, ja?«
»Das bin ich in der Tat, denn Gwynal und ich teilen ebenfalls einen, den wir sogar mit einem Blutsband zusätzlich gefestigt haben. Ein Seelenbund hat nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun – auch nicht unbedingt mit Sex, denn Gwynal und ich sind beide stockhetero, wie du ja am besten weißt –, aber er verbindet zwei Wesen untrennbar miteinander. Was auch nicht bedeutet, dass man zusammen leben muss. Wir sind zwar schon seit gut zweitausend Jahren verbunden, haben in dieser Zeit aber immer wieder für Jahre allein gelebt, ohne Kontakt zueinander zu haben. In einem Fall waren es sogar 33 Jahre. Das hat aber nichts an unserer Verbundenheit zueinander geändert. Seelenverbundene wissen immer genau, wie es dem anderen geht, selbst wenn er sich am anderen Ende der Welt befinden sollte. Und natürlich werden wir auch spüren, wenn der andere stirbt.«
»Oh Scheiße!«, brummte Sam und schüttelte den Kopf. »Ich habe ja noch nicht genug Probleme.« Der Art, in der Nick sich von ihr verabschiedet hatte, haftete etwas Endgültiges an, und er plante nicht, jemals zurückzukehren. Dessen war sie sich sicher. »Wie geht man mit so einem unerwünschten Seelenbund um?«
»Man akzeptiert ihn und macht das Beste daraus. Etwas anderes bleibt dir nicht übrig. Sicher hilft es dir ein bisschen, dass du den Mann nicht liebst. In dem Fall wäre die Existenz des Bandes nämlich eine Qual für dich, wenn die Liebe unerfüllt bleibt.«
»Hm.« Sam zuckte mit den Schultern und gab sich gelassener als sie war. »Da habe ich ja noch Glück gehabt«, meinte sie ironisch.
Sie fühlte sich allerdings absolut nicht glücklich, denn sie sehnte sich danach, Nick wiederzusehen. Nicht weil sie mit ihm eine wirklich wundervolle Nacht verbracht hatte und dieses Erlebnis gern wiederholt hätte, sondern weil sie sich als ein Teil von ihm empfand und ihm deshalb nahe sein wollte.
Doch ganz gleich, wie verloren er sich fühlte, so wusste sie doch, dass sie sich ihm auf keinen Fall aufdrängen durfte. Natürlich hätte sie ihn jederzeit aufspüren und zu ihm gelangen können; aber er musste erst mit sich selbst ins Reine kommen. Danach war es seine Entscheidung, ob er sie wiederzusehen wünschte. Davon abgesehen war er, was eine mögliche Beziehung betraf, ohnehin dermaßen das Gegenteil von Scott, dass Sam sich nicht vorstellen konnte, dass aus ihnen jemals ein Paar werden könnte.
Falls Nick denn zurückkäme und sie irgendwann mal wieder geneigt sein sollte, sich mit irgendwem derart zu verbinden. Deshalb war es müßig, sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Am besten akzeptierte sie, dass sie den Werwolf nie wiedersehen würde, und ignorierte die Gefühle, die ihr dieser Seelenbund vorgaukelte.
»Es gibt die Theorie, dass jedes Wesen irgendwo auf der Welt einen Seelengefährten hat«, erklärte Cronos. »Nur geschieht es äußerst selten, dass die beiden einander begegnen und der Bund dadurch quasi aktiviert wird. Außerdem bleiben auch Seelengefährten nicht immer ein Leben lang zusammen. Ein Kennzeichen eines solchen Bundes ist, dass die beiden Partner in gravierenden Bereichen grundverschieden sind. Ich glaube, das ist auch der tiefere Sinn des Ganzen. Sie sind nicht gleich, sondern sie ergänzen einander und bilden auf diese Weise eine Einheit. Was nicht heißt, dass es leicht wäre, miteinander auszukommen.« Cronos nahm sie in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Ich bin immer für dich da, Sam, falls du mal diesbezüglich jemanden zum Reden brauchst. Bis man mit einem Seelenbund umgehen kann, dauert es eine Weile. Sobald man sich allerdings daran gewöhnt hat, geht es ganz gut.«
»Danke, Cronos.« Sie kuschelte sich in die Arme des Vampirs und genoss das Gefühl, nicht nur verstanden zu werden, sondern in ihm auch einen absolut loyalen Freund zu haben, auf den sie sich verlassen konnte.
Sie blieb noch eine halbe Stunde bei ihm, ehe sie sich schließlich verabschiedete und nach Hause zurückkehrte. Dort vertiefte sie sich wieder in die Betrachtung von Edwards Bildern und belegte sie erneut mit allen möglichen Zaubern, doch das Ergebnis blieb natürlich dasselbe. Sie erhielt keinerlei Hinweis auf seinen Mörder.
Gegen drei Uhr morgens legte sie sich schließlich schlafen mit dem Entschluss, morgen ihren Vater aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten. Natürlich würde das wieder eine unangenehme Diskussion dahingehend geben, dass Sam die Sache auf sich beruhen lassen sollte, da der Tote ja »nur« ein Mensch gewesen war. Doch darauf ließ sie es ankommen.
Sie bemerkte nicht, dass schon seit einigen Stunden ein schwarzer Dodge auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihres Hauses parkte, dessen Insasse 198 Cresthaven Drive keine Sekunde aus seinen grauen Augen ließ ...

Bruder Graham hatte nach seiner Ankunft in Cleveland seinen Wohnwagen auf einem Stellplatz im Stadtteil Euclid geparkt, der nicht weit von der Adresse entfernt war, bei der der Seelenfresser unter dem Namen Sam Tyler sein Domizil haben sollte. Die Defensoren der Pugnatores Lucis reisten immer in Wohnwagen, damit sie unabhängig von Hotels und dadurch umso mobiler blieben. Bruder Graham war mit einem Fleetwood Pioneer Spirit unterwegs, der für seine bescheidenen Ansprüche eine Menge Komfort bot und ihm die größtmögliche Unabhängigkeit erlaubte. Vor allem konnte er ihn nahezu überall abstellen und mit seinem Dodge Nitro die Umgebung erkunden. Der Dodge war außerdem bequem genug, um stundenlange Observationen zu ermöglichen, ohne einen Bandscheibenvorfall zu riskieren.
Als der Mönch bei dem fraglichen Haus angekommen war, brannte darin kein Licht, obwohl es noch früh am Abend war, woraus der Mönch schloss, dass der Seelenfresser, falls er tatsächlich hier wohnte, auf der Jagd sein musste. Doch so sehr er sich auch auf seine Wahrnehmung magischer Aktivitäten konzentrierte, er spürte keine innerhalb der ihm möglichen Reichweite.
Dafür war er sich sicher, dass er an der richtigen Adresse war, denn das gesamte Haus war umgeben von einem magischen Schutzschild, mit dem der Seelenfresser wohl unerwünschte Besucher fernhielt. Wahrscheinlich würde er irgendwann in der Nacht zurückkehren. Mit etwas Glück konnte Bruder Graham ihn vor seiner Haustür erledigen, bevor er sich hinter dem Schutzschild in Sicherheit brachte.
Doch alles blieb still, bis mitten in der Nacht im Haus Licht anging. Entweder war der Dämon die ganze Zeit über darin gewesen, oder er besaß wie viele seiner Art die Fähigkeit zu teleportieren. In dem Fall würde es etwas komplizierter werden, ihn zur Strecke zu bringen. Es sei denn, Bruder Graham erwischte ihn in einem Moment, da er unaufmerksam war und nicht mit einem Angriff rechnete. Zunächst musste er aber seinen Gegner zu Gesicht bekommen. Da die Vorhänge an allen Fenstern des Hauses geschlossen waren, musste er damit wohl bis zum nächsten Morgen warten.
Irgendwann würde der Seelenfresser sein Haus schließlich verlassen. Da er wie alle seiner Art, die unter Menschen lebten, Wert darauf legte, von den Menschen nicht als das erkannt zu werden, was er war, hatte sich sicherlich auch dieser ein äußerlich normales Leben eingerichtet mit einem Beruf, der ihm die Jagd nach den Opfern erleichterte. Bruder Graham würde ihn ein paar Tage beobachten und zuschlagen, sobald die Gelegenheit günstig war. Hoffentlich bevor der Seelenfresser sein nächstes Opfer tötete.
Er lehnte sich im Fahrersitz zurück und bereitete sich auf eine lange Nacht vor.

Bruder Graham erwachte, als es auf den Straßen von Cleveland lebendig zu werden begann. Es war noch dunkel, denn die ersten Anwohner des Cresthaven Drives verließen bereits um sechs Uhr ihre Häuser. Der Mönch fror, obwohl er sich eben dagegen mit einer dicken Daunenjacke und zwei warmen Wolldecken zu schützen versucht hatte. Er griff zur Thermoskanne, um einen Schluck Kaffee zu trinken und stellte fest, dass der am gestrigen Nachmittag eingefüllte Kaffee inzwischen ebenfalls kalt geworden war.
Er sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem ordentlichen Frühstück und fühlte außerdem, dass er bald einen Gang zur Toilette unternehmen musste. In dem Fall hätte er allerdings die Observation vorübergehend abbrechen müssen. Er beschloss, noch eine Weile zu bleiben und seinen Wachposten erst aufzugeben, wenn es unumgänglich war. Nur eine halbe Meile entfernt gab es einen Diner, der auch schon frühmorgens geöffnet hatte. Die Dusche musste dann eben warten.
Doch seine Geduld wurde belohnt, denn kurz nach acht Uhr öffnete sich die Haustür, und der Seelenfresser kam heraus. Er hatte sich die Gestalt einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau gegeben, deren perfekter Körper in den engen Jeans und der nicht minder eng anliegenden Lederjacke so gut zur Geltung gebracht wurde, dass jeder Mann allein schon deshalb verrückt nach ihr sein musste. Doch Bruder Graham erkannte sie aufgrund der besonderen Fähigkeiten, die ihm als Defensor von Gott verliehen worden waren, augenblicklich als das, was sie war: ein Buhldämon, und offenbar einer, der obendrein auch Seelen fraß.
Hasserfüllt beobachtete der Mönch, wie der Dämon eine der beiden neben dem Haus befindlichen Garagen öffnete und gleich darauf in einem dunkelblauen Jeep Cherokee die Auffahrt hinunterfuhr und den Wagen in Richtung Innenstadt lenkte. Ganz so wie ein Mensch, der zur Arbeit fuhr. Er wartete einen Moment, bis der Wagen weit genug entfernt war und noch zwei weitere Fahrzeuge an ihm vorbei in dieselbe Richtung fuhren, ehe er seinen Dodge startete und dem Dämon folgte.
Nur eine gute halbe Stunde später fuhr der Buhlteufel auf den Parkplatz eines mehrstöckigen Geschäftshauses auf dem Grundstück 2311 Chester Avenue und betrat wenig später das Gebäude. Bruder Graham stellte seinen Wagen auf einem der für Besucher vorgesehenen Plätze ab und folgte, nachdem er unauffällig einen Blick auf das Reservierungsschild geworfen hatte, vor dem der Jeep stand: Detektei Tyler, Personal. Daneben waren drei Parkflächen für »Besucher Detektei Tyler« reserviert. Andere Schilder zeigten, dass sich die Detektei das Haus mit einem Anwalt, einer Arbeitsagentur, einem Immobilienmakler und einem Schreibbüro teilte.
Bruder Graham fühlte Zorn in sich aufsteigen. Eine Detektei war eine hervorragende Tarnung für den Dämon, um seine Opfer anzulocken. Wer einen Detektiv aufsuchte, brachte dem allein schon aufgrund seines Berufs ein immenses Vertrauen entgegen und käme im Traum nicht auf den Gedanken, dass es sich dabei um einen Schurken, geschweige denn einen seelenfressenden Dämon handeln könnte. Was für eine perfide Falle!
Der Mönch tat, als wollte er einen anderen Residenten des Hauses aufsuchen und ging langsam an Sam Tylers Büro vorbei, das die linke Hälfte des Erdgeschosses einnahm. Die zweiflügelige Eingangstür bestand in der oberen Hälfte aus Glas, auf dem in goldfarbenen Lettern »Sam Tyler – Privatermittlungen, Sicherheitsberatung, Personenschutz« zu lesen war. Durch die Scheibe sah Bruder Graham im Empfangsbereich eine brünette Sekretärin mit einer überaus sympathischen Ausstrahlung, die dem Buhldämon eine Unterschriftenmappe und eine Zeitung reichte. Bruder Graham erkannte dieses Wesen ebenfalls sofort als Nichtmenschen, genauer gesagt einen Dienergeist.
Er ging an dem Büro vorbei und suchte die Besuchertoilette auf, wo er sich erleichterte und am Waschbecken frisch machte. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass er weit weniger vertrauenswürdig aussah als der Dämon. Er wirkte übermüdet, hatte dunkle Ringe unter den Augen und einen Dreitagebart. Hätte er nicht die wadenlange dunkelblaue Kutte seines Ordens mit dem sieben Zentimeter langen massiven Silberkreuz getragen, so hätte wohl jeder bei seinem Anblick die Polizei gerufen.
Er trödelte im Waschraum, bis genug Zeit vergangen war, dass sein Verlassen des Gebäudes glaubhaft wirkte und nicht, als wäre er »Sam Tyler« gefolgt, falls der Dämon oder sein Helfergeschöpf ihn beim Eintreten bemerkt haben sollten. Doch der Dämon war nicht mehr zu sehen, und der Dienergeist beachtete den Mönch nicht, als er am Büro der Detektei vorbei nach draußen ging. Der Jeep stand allerdings immer noch auf dem Parkplatz, weshalb Bruder Graham vermutete, dass der Dämon wohl einen normalen menschlichen Tagesablauf imitierte, um seine Fassade aufrecht zu erhalten. Deshalb ging er kaum ein Risiko ein, wenn er für eine Stunde zu seinem Wohnwagen zurückkehrte, sich duschte, rasierte und frühstückte, ehe er die Observation wieder aufnahm.
Falls der Dämon inzwischen die Detektei verlassen haben sollte, so kannte er ja dessen Adresse und konnte ihn dort jederzeit abpassen. Nach allem, was er über Seelenfresser und Buhlteufel wusste, taten sie ihr abscheuliches Werk keinesfalls in der Öffentlichkeit und nur in Ausnahmefällen am hellen Tag. Demnach waren die Menschen hier zumindest für die nächsten paar Stunden sicher.
Zumindest hoffte Bruder Graham das.

Sam hatte eine kurze, aber ruhige Nacht verbracht, in der sie zur Abwechslung einmal nicht intensiv von Nick geträumt hatte. Letzte Nacht hatte sie sich geweigert über das nachzudenken, was Cronos über ihren Seelenbund mit dem Werwolf gesagt hatte. Sie hätte das nur allzu gern als Hirngespinst abgetan. Doch abgesehen davon, dass sie nicht nur in diesem Punkt der Expertise des alten Vampirs vertraute, gab es einfach keine andere Erklärung für das Phänomen. Da ihr jedoch nichts anderes übrig blieb, als den Status quo zu akzeptieren, wollte sie auch jetzt nicht weiter darüber nachdenken. Sie hatte andere Dinge im Kopf.
Sam machte als Erstes einen kurzen Abstecher ins Büro, um ein paar Schriftstücke zu unterschreiben, die ihr Dienergeist Molly Spring angefertigt hatte. Schließlich erforderte das Führen einer Detektei auch ganz profane Verwaltungsarbeit wie das Schreiben von Rechnungen, das Tätigen von Überweisungen und das Akquirieren von neuen Klienten durch geschaltete Zeitungsannoncen und ähnliche Dinge. Im Anschluss an diese Routine wollte sie ihren Vater Benyun aufsuchen, der in Cleveland einen Kunst- und Antiquitätenladen betrieb und ihn um Rat fragen.
Außerdem war heute der 23. Oktober, und Scotts Vater Jonathan Parker hatte Geburtstag. Da Sam Scotts Geist versprochen hatte, sich um seine Eltern zu »kümmern«, gehörten seit seinem Tod solche Besuche an traditionellen Festtagen und anderen Feiertagen zu ihrem höchst ungeliebten Pflichtprogramm. Da dies die erste Geburtstagsfeier eines seiner engsten Angehörigen war, den Sam besuchte, würde sie nun auch noch den Rest der Familie kennenlernen müssen. Am liebsten hätte sie sich davor gedrückt, doch sie hatte Scott nun einmal ihr Wort gegeben und würde es halten.
Als sie den Papierkram erledigt hatte, erhielt sie einen Anruf von Lady Sybilla, die sie dringend sprechen wollte, und sprang durch die Dimensionen zu ihr nach Denver. Eine halbe Stunde später kehrte sie hoch zufrieden wieder zurück. Nachdem Gwyn, der große Stücke auf Sam hielt, bei der Hexe ein gutes Wort eingelegt hatte, wollte die sich am kommenden Mittwoch endlich mit ihr aussprechen und hatte ihr versichert, dass die Wächter Sam nun in vollem Umfang vertrauten.
Sam empfand das als überaus wohltuend und merkte erst jetzt im Nachhinein, wie sehr das unterschwellige und teilweise auch offene Misstrauen einiger Wächter sie gestört hatte. Verletzt, um genau zu sein, weil sie mit diesen verfluchten menschlichen Gefühlen geschlagen war. Sie hoffte deshalb, dass das kommende Gespräch alle Unklarheiten beseitigen und ihre Beziehung zu Sybilla und ihren Wächtern im positiven Sinn festigen würde.
Sie studierte eine Weile die jüngste Ausgabe des Plain Dealers und fand darin ausgesprochen gute Neuigkeiten, die ihre Stimmung ein wenig hoben. Die Leute, die im St. Mary’s Hospital Kinder mit hellseherischen Fähigkeiten für perverse Rituale missbraucht hatten, waren entweder aus dem Verkehr gezogen worden oder tot; woran Sam, Gwyn und seine Kollegin Stevie Price einen maßgeblichen, wenn auch heimlichen Anteil gehabt hatten. Die betreffenden Kinder befanden sich im Lotos Institut in der Obhut der Wächter und ihrer überaus fähigen Therapeuten. Den schlimmsten Fall – ein sechsjähriges Mädchen namens Abby – hatte Sam bei ihrem Freund, dem Police Lieutenant Ronan Kerry und seiner Frau Sarah untergebracht, die die Kleine umgehend adoptiert hatten.10
Jetzt blieb nur noch der Tod von Edward Paris aufzuklären, und das bereitete ihr ernsthafte Sorgen.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Türglocke einen Besucher ankündigte. Sam konnte sich einer bösen Vorahnung nicht erwehren, als sie hörte, dass er sich bei ihrer Sekretärin als Amos Kumara vorstellte und höflich nach einem Termin fragte. Amos Kumara war in Cleveland kein Unbekannter, sondern der Starreporter des Plain Dealers, Clevelands größter Tageszeitung. Dass der Mann, dem sämtliche Informationsquellen offen standen, ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte, war äußerst ungewöhnlich. Sie signalisierte Molly Spring, dass sie Kumara empfangen würde, und der Dienergeist führte den Journalisten herein.
Kumara war ein hoch gewachsener Afroamerikaner Mitte fünfzig, der eine goldumrandete Brille trug. Schon bei seinem Anblick erkannte Sam den Grund für ihre negative Vorahnung. Den Mann umgab eine Aura der Macht. Es gab keinen Zweifel daran, dass Amos Kumara über magische Kräfte verfügte, auch wenn sie nicht an Sams Fähigkeiten heranreichten.
Sie reichte ihm die Hand, die er einen Moment zu lange festhielt und sie dabei mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen ansah.
»Mr. Kumara, es ist mir eine Ehre und auch eine große Überraschung, dass Sie meine Dienste in Anspruch nehmen wollen. Bitte nehmen Sie Platz.«
Der Journalist setzte sich. »Miss Tyler, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum. Ich weiß, dass Sie über besondere Fähigkeiten verfügen. Genauer gesagt über magische Macht, von der ich hoffe, dass sie meine bescheidenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet übersteigt. Deshalb kam ich zu Ihnen.«
Sam ließ sich nicht anmerken, dass diese Eröffnung sie mehr als überraschte. »Wie kommen Sie denn auf die Idee?«, fragte sie in einem Tonfall, als hätte Kumara etwas völlig Absurdes behauptet.
Der Schwarze gestattete sich ein flüchtiges Lächeln. »Wie ich gerade sagte, verfüge ich auch über geringe magische Kräfte. Für das, was ich von Ihnen will – und wofür ich hoffe, dass Sie sich von mir engagieren lassen – sind aber erheblich stärkere Fähigkeiten erforderlich. Deshalb habe ich ein Ritual durchgeführt, das mir eine Person zeigen sollte, die über solche Kräfte verfügt, und es führte mich zu Ihnen.«
Er beugte sich vor und sah Sam in die Augen. »Miss Tyler, niemand, der verantwortungsvoll mit seiner Magie umgeht, würde damit jemals an die Öffentlichkeit gehen. Von Ihnen habe ich auch noch nie dergleichen gehört. Ihre nahezu hundertprozentige Erfolgsquote spricht allerdings eine deutliche Sprache.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich über Ihr Geheimnis schweigen werde bis ans Ende meiner Tage. Nur bitte helfen Sie mir.«
Sam war sich zwar nicht sicher, wie weit sie Kumaras Zusicherung trauen konnte, aber für den Fall der Fälle gab es ja immer noch einen Vergessenszauber sowie ein paar andere Möglichkeiten, ihn nachhaltig zum Schweigen zu bringen. »Ich nehme Sie beim Wort, Mr. Kumara. Worum geht es?«
»Um meinen Bruder Aaron. Er ist ein mächtiger Houngan, und wir stehen in regelmäßigem Kontakt. Den hat er allerdings vor zwei Wochen auf eine unglaublich rüde Weise abgebrochen, die nicht zu ihm passt, und ist verschwunden. Ich kann ihn nicht mehr finden. Davon abgesehen hatte ich bei unserem letzten Gespräch den Eindruck, dass Aaron nicht mehr er selbst ist. Als wäre er ein vollkommen Fremder.«
Kumara machte eine kurze Pause. »Natürlich war er schon oft etwas verändert, unmittelbar, nachdem er von seinem Gott geritten wurde. Doch das hat sich nach einer Weile immer wieder gegeben. Diesmal war es anders. Nachdem er sich nach unserem letzten, hm, Gespräch nicht mehr gemeldet hat, wollte ich ihn besuchen. Er wohnt in Mayfield Heights, 1952 Brainard Road. Er war nicht da, und das ist definitiv kein Fall von vorübergehender Abwesenheit, für die es eine normale Erklärung gibt«, fügte Kumara nachdrücklich hinzu, bevor Sam vielleicht eine entsprechende Bemerkung machen konnte.
»Davon gehe ich aus, Mr. Kumara, denn sicherlich haben Sie das mit Ihren magischen Fähigkeiten verifiziert.«
Der Afroamerikaner nickte. »Nicht nur das. Ich besitze einen Schlüssel zu Aarons Haus und er zu meinem. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, dort nachzusehen.« Er machte ein besorgtes Gesicht. »In seinem Houmfo, also dem Tempelraum, zu dem er sein Gartenhaus umfunktioniert hat, wurden gewisse Dinge verändert. Ich weiß nicht, wie weit Sie sich mit Voodoo auskennen, Miss Tyler ...«
»Ein wenig. Genug, um die Grundbegriffe zu kennen und zu verstehen, was Sie mir sagen.«
Kumara atmete erleichtert auf. »Nun, also mein Bruder ist Shango angelobt, weshalb die Ausstattung des Houmfo auf diesen Gott ausgerichtet ist mit entsprechenden Accessoires. Miss Tyler, diese Dinge wurden ausgelöscht, anders kann ich es nicht nennen. Sie wurden regelrecht bis zur Unkenntlichkeit zerstört, und das würde mein Bruder niemals tun. Natürlich kommt es vor, dass ein anderer Gott einen Houngan für sich auswählt oder der Houngan sich für einen anderen Gott entscheidet. Doch in dem Fall würden die dem alten Gott geweihten zouti auf einem Seitenaltar deponiert und immer noch in Ehren gehalten. Niemals würde ein Houngan oder irgendjemand, der einem loa einmal gedient hat, dessen zouti zerstören.«
Amos Kumara war jetzt aufgeregt und mehr als besorgt.
»Ich verstehe, Mr. Kumara. Sie vermuten, dass Ihr Bruder – besessen sein könnte im negativen Sinn, also nicht von einem loa
Kumara nickte. »Was ich in dem Houmfo gesehen und gefühlt habe, Miss Tyler, ist definitiv caco – absolut böse.« Er wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Glauben Sie mir, kein Houngan, der den guten loa dient, würde sich jemals von ihnen lossagen, um sich mit den baka zu verbünden. Erst recht nicht mein Bruder. Ich fürchte ...«
Er sprach seine Befürchtung nicht aus, sondern blickte Sam beinahe flehentlich an. »Normalerweise würde ich meine Tochter Erica in dieser Angelegenheit um Hilfe bitten, denn sie ist eine Mambo. Aber sie hält sich bei Verwandten in Afrika auf in einer wichtigen Angelegenheit. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es besser für sie ist, wenn sie nicht in diese Angelegenheit involviert wird. Deshalb kam ich zu Ihnen.« Er blickte Sam fragend an.
»Ich übernehme Ihren Auftrag, Mr. Kumara. Ich kann allerdings nicht garantieren, das ich Ihren Bruder finde.«
»Da bin ich zuversichtlich, Miss Tyler. Immerhin ist Ihre magische Macht größer als meine, andernfalls mich mein Suchritual nicht zu Ihnen geführt hätte.« Er holte ein Foto aus der Innentasche seines Jacketts. »Das ist ein Bild von Aaron.«
Die Fotografie zeigte einen Mann, der ihm sehr ähnlich sah und lediglich ein bisschen älter wirkte. Aaron Kumara lächelte in die Kamera und machte einen überaus freundlichen, sogar gütigen Eindruck. Sam kam dessen Gesicht allerdings bekannt vor, ohne dass sie jedoch hätte sagen können, wo sie es schon einmal gesehen hatte.
»Natürlich habe ich auch bei Aarons Arbeitsstelle angerufen. Er ist Dozent für Geschichte an der Universität. Auch dort hat man seit Tagen nichts mehr von ihm gehört. Er ist einfach ohne Entschuldigung nicht mehr gekommen. Man vermutete schon, dass er einen Unfall gehabt haben könnte. Und sein Haus ist auch verlassen in einer Art, dass ich mir sicher bin, dass er nicht zurückkehren wird. Die neutralen zouti, die nicht Shango geweiht waren, sind alle verschwunden. Sein Wagen steht allerdings noch in der Garage.«
Sam nickte. Das sah sehr nach dem Manöver eines Mannes aus, der untertauchen und nicht gefunden werden wollte. »Und natürlich wollen Sie keine Polizei einschalten.«
Kumara nickte ebenfalls. »Sie wissen warum.«
»Weil die Polizei Ihren Bruder nicht finden würde, da der offensichtlich abgetaucht ist – warum auch immer – und mit profanen Mitteln wohl nicht mehr aufgespürt werden kann.« Sam blickte dem Journalisten in die Augen. »Ich tue mein Möglichstes, Mr. Kumara. Mein Honorar beträgt 500 Dollar plus Spesen, und ich arbeite so schnell ich kann. Es wäre allerdings von Vorteil, wenn ich mich vor Ort im Haus Ihres Bruders umsehen könnte.«
»Tun Sie das.« Kumara holte sein Schlüsselbund aus der Hosentasche, löste einen aus drei roten Schlüsseln bestehenden Satz und reichte ihn Sam. »Mit diesen Schlüsseln kommen Sie in das ganze Haus hinein, auch in den Houmfo. Aber«, fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu, »wenn ich richtig vermute, brauchen Sie dafür wohl keine Schlüssel.«
»In der Tat nicht, aber ich ziehe es trotzdem vor, mit Ihrer Erlaubnis und profanen Mitteln das Haus aufzusuchen.«
Sie nahm die Schlüssel und ließ sich von ihrem Dienergeist Molly Spring ein Vertragsformular bringen, das sie ausfüllte, unterzeichnete und Amos Kumara zum Unterschreiben reichte. Der Journalist las sich den Vertrag aufmerksam durch, ehe er unterschrieb und Sam noch seine Visitenkarte reichte.
»Wenn Sie noch etwas brauchen oder Fragen haben, rufen Sie mich jederzeit an, Miss Tyler. Gern auch mitten in der Nacht.«
Womit er natürlich seine Hoffnung ausdrückte, dass sie ihn in der Nacht nur kontaktierte, wenn sie seinen Bruder gefunden hatte – lebend, wenn möglich.
»Gehen Sie bitte trotzdem zur Polizei und melden Sie Ihren Bruder als vermisst. Nur der Form halber, damit es keine dummen Fragen oder gar Verdächtigungen gibt, falls es jemand anderes tut. Die Universität zum Beispiel.«
»Das werde ich tun.« Kumara reichte ihr die Hand und drückte sie fest. »Danke, Miss Tyler. Und ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg.«
Sam schüttelte seine Hand. »Danke. Gute Wünsche kann man immer brauchen.«
Der Journalist verabschiedete sich, und Sam betrachtete das Foto seines Bruders, währen Molly Spring eine neue Akte anlegte. Aaron Kumara kam ihr erneut unglaublich bekannt vor, doch sie konnte sich einfach nicht erinnern, wo sie ihn schon gesehen hatte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihm mal persönlich begegnet war. Deshalb vertagte sie die Lösung dieses Rätsels auf später. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es schon nach zwölf war. Sie musste los, wenn sie nicht allzu spät zu Jonathan Parkers Geburtstagsfeier kommen wollte, der seine Familie und Sam schon zum Mittagessen eingeladen hatte.
Sie wollte gerade das Büro verlassen, als ihr Handy klingelte. »Was gibt es, Sybilla?«, fragte sie, bevor die Hexe sich meldete, und wunderte sich über deren Anruf, nachdem sie erst vor gut einer Stunde bei ihr gewesen war.
»Sam, mir wurde gerade berichtet, dass Jessie Johnson verschwunden ist. Offenbar schon seit gestern Nachmittag.« Die Stimme der Wächterin klang sehr besorgt. »Wir können sie nicht finden, weder profan noch mit magischen Mitteln. Nicht einmal Vesgyn oder Axaryn sind dazu in der Lage. Dafür haben wir in Jessies Zimmer etwas Beunruhigendes gefunden: eine Box mit den Resten eines Pulvers darin, das keiner von uns kennt. Dr. Willowby versucht es gerade zu analysieren.«
»Wie kann ich euch helfen, Sybilla?«
»Diese Box wurde mit FedEx aus Cleveland verschickt und dort vor zwei Tagen aufgegeben. Kannst du herausfinden, wer sie abgeschickt hat? Wir haben schon versucht, mit magischen Mitteln den Absender des Päckchens ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg. Wer immer dahinter steckt, verfügt über nicht gerade geringe Macht.«
»Das scheint mir auch so.« Sam konnte nicht verhindern, dass sie ein ungutes Gefühl überkam.
»Außerdem hat Shiona Moshani vor ein paar Tagen bereits in einer Vision eine Gefahr für Jessie gesehen, aber wir glaubten, dass sie hier sicher wäre.« Die Hexe seufzte tief. »Wir konnten ja nicht ahnen, dass so etwas passiert und ihre Freunde Jessies Verschwinden auch noch decken, weil sie dachten, dass sie sich außerhalb des Internats mit einem Jungen trifft und die Nacht bei ihm verbrachte.«
»Ich tue, was ich kann, Sybilla«, versprach Sam. »Ich melde mich, sobald ich etwas herausgefunden habe.«
»Danke, Sam. Ich gebe dir noch die Registriernummer des Päckchens.«
Sam notierte sie sich und unterbrach die Verbindung. Sie stellte fest, dass sich das ungute Gefühl vertieft hatte. Am liebsten hätte sie sofort mit ihren Nachforschungen begonnen, wusste aber, dass das nicht so einfach werden und vor allem nicht schnell gehen würde. Wenn weder Vesgyn noch Axaryn Jessies Aufenthaltsort ausfindig machen konnten, die beide über größere magische Kräfte verfügten als Sam, so konnte sie auch nicht viel ausrichten, außer bei FedEx nachzuforschen. Da deren Zentrale, von wo aus das Päckchen geschickt worden war, auf dem Weg zum Haus der Parkers lag, konnte sie dort einen kleinen Zwischenstopp einlegen.
Zunächst versuchte sie aber, den Absender per Internet über die Paketnummer zu identifizieren, obwohl Lady Sybilla das sicherlich auch schon versucht hatte. Sie wunderte sich nicht, dass der angegebene Name »Jim Smith« lautete, deren es in den Staaten unzählige gab und allein in Cleveland an die zweihundert.
»Warum nicht gleich ‚John Doe’?«, knurrte sie ironisch und machte sich auf den Weg zu den Parkers.
Scotts Eltern betrachteten Sam wie selbstverständlich als einen Teil ihrer Familie, dem sie nun all die Liebe geben wollten, die sie ihrem toten Sohn nicht mehr angedeihen lassen konnten. Sam hätte am liebsten wie gewohnt eine Ausrede gefunden, um sich vor dieser Veranstaltung zu drücken. Doch sie musste wohl oder übel zu ihrem Wort stehen und die Parkers besuchen.
Wenigstens war das Besorgen eines Geschenks für Jonathan eine Leichtigkeit. Da sie mit dem unfehlbaren Instinkt eines Sukkubus auch die unbewussten Wünsche und Bedürfnisse eines Menschen erspüren konnte, wusste sie, dass Jonathan – bekennender Fan von Edgar Allan Poe – sich schon lange eine Erstausgabe des Buches der »Complete Stories and Poems« wünschte. Sam hatte ein Exemplar aufgetrieben und war sich sicher, dass Jonathan sich darüber freuen würde.
Zur Feier des Tages hatte sie sich in einen dunkelblauen Hosenanzug und eine ockerfarbene Seidenbluse gekleidet, die sie zusammen mit anderen Kleidungsstücken im Büro aufbewahrte; obwohl sie sich natürlich auf magische Weise jede Kleidung besorgen konnte, wie sie wollte. Auf Schmuck verzichtete sie, bis auf den goldenen Schlangenring mit den Smaragdaugen, den Scott ihr zur Verlobung geschenkt hatte und den sie niemals ablegte. Nachdem sie vor ein paar Tagen alle seine Sachen weggegeben hatte, war der neben einem Foto von ihm das Einzige, was sie noch behalten hatte.

Wenig später betrat Sam die FedEx-Zentrale und setzte sich an einen Kundentisch, wo sie tat, als müsste sie einen Paketschein ausfüllen. Tatsächlich benutzte sie aber ihre Gabe der Retrospektion, um sich anzusehen, welche Leute vor zwei Tagen hier gewesen waren, in der Hoffnung, darunter »Jim Smith« identifizieren zu können. Stattdessen sah sie, wie Aaron Kumara das Office betrat und ein boxförmiges, in Packpapier eingeschlagenes Päckchen in eine FedEx-Versandtasche packte und an Jessie Johnson adressierte.
Verdammt, was hatte das zu bedeuten?
Sam verließ das Office, setzte sich in den Wagen und rief Lady Sybilla an. »Welche Verbindung hat Jessie zu einem Geschichtsprofessor der hiesigen Uni namens Aaron Kumara?«
»Meines Wissens keine; allerdings bin ich nicht mit allen Kontakten unserer Schützlinge vertraut. Um die Verwaltung des Internats kümmert sich Melissa MacDermid als dessen Direktorin. Dazu gehören auch die Kontakte zu den Universitäten, bei denen die Kinder sich bewerben. Ich werde Melissa fragen. Hat dieser Kumara ihr das Päckchen geschickt?«
»Ja, und er nannte sich Jim Smith.«
»Wie originell«, fand Lady Sybilla voller Ironie.
»Die Sache macht mir Sorgen, Sybilla. Aaron Kumara ist ein Vermisster, dessen Bruder mich gerade beauftragt hat, ihn zu finden. Außerdem ist er ein Houngan des Voodoo, und es besteht der begründete Verdacht, dass er von einem baka besessen ist.«
Sybilla seufzte besorgt. »Das würde zu Shionas Vision passen. Sam, was geht da vor?«
»Das finde ich heraus. Kannst du mir ein Foto von dieser ominösen Box auf mein Handy schicken? Ich bin gerade unterwegs.«
»So schnell es geht«, versprach die Hexe und unterbrach die Verbindung.
Sam setzte ihren Weg fort und war so in Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, dass ein schwarzer Dodge ihr in gewissem Abstand folgte.

Als sie eine halbe Stunde später beim Haus der Parkers ankam, waren die übrigen Gäste bereits vollzählig anwesend. Della und Jonathan Parker öffneten ihr die Tür, begleitet von Scotts Schwester Jenny Crawford und deren achtjährigem Sohn Harlan. Der Junge rannte auf sie zu, gefolgt von einem jungen Rottweiler von respektabler Größe. Harlan hatte bei seiner ersten Begegnung mit Sam gespürt, dass sie anders war, und war ihr deshalb zunächst mit einer gewissen Furcht begegnet, die er jedoch sehr schnell ablegte, nachdem sie ihn mit ein paar »Zauberkunststücken« begeistert hatte. Da sie ihm auch seinen Hund geschenkt hatte, war sie seitdem seine liebste »Tante«.
»Tante Sam! Tante Sam! Sieh mal, was ich Spike beigebracht habe!«
Er wartete ihre Reaktion gar nicht erst ab, sondern gab dem Hund den Befehl zu sitzen, umzufallen, sich im Kreis zu drehen und Männchen zu machen. Das Tier gehorchte ihm aufs Wort. Was nicht verwunderlich war, denn es war kein natürlich entstandenes Wesen, sondern eins, das Sam mithilfe ihrer damals noch vorhandenen Kitsune-Kräfte erschaffen und auf den Jungen fixiert hatte.
»Toll«, lobte sie pflichtschuldigst.
»Harlan, lass Sam doch erst mal ins Haus«, rügte Della Parker und umarmte sie innig. »Schön, dass du da bist, Sam. Wir hatten fast schon befürchtet, dass du doch nicht kommst.«
»Entschuldigt bitte die Verspätung. Ich hatte noch ein Gespräch mit einem neuen Klienten, das etwas länger gedauert hat. Unmittelbar danach bekam ich noch einen zweiten Auftrag.« Sie lächelte. »Ich sollte demnächst vielleicht einen Assistenten einstellen.« Sie trat zu Jonathan und reichte ihm das eingewickelte Buch. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Jonathan.«
Auch Scotts Vater umarmte sie innig. »Danke, Sam.« Er riss das Geschenkpapier auf und stieß einen überraschten Ruf aus. »Oh Sam! Das ist wundervoll! Eine Erstausgabe von 1939! Mein Gott, das Buch muss ja ein Vermögen gekostet haben.«
»Kommt darauf an, wie du ‚Vermögen’ definierst. Ich kann dich aber dahingehend beruhigen, dass mich der Kauf keineswegs arm gemacht hat.«
Jenny umarmte sie ebenfalls zur Begrüßung. »Schön dich zu sehen, Sam. Wie geht es dir denn?«
»Ich komme zurecht«, antwortete Sam ausweichend.
Jonathan legte einen Arm um ihre Schultern und schob sie ins Wohnzimmer, wo der Rest der Familie versammelt war: Jonathans jüngerer Bruder Quinlan, dessen Frau Sierra, ihr Sohn Jack und dessen Frau Haley, Quinlans und Sierras Tochter Kim und deren Mann Evan Summers, sowie deren Kinder Johnny Parker und Maura und Phoebe Summers.
Sam bemerkte, dass bis auf Jonathan alle Männer sie intensiv musterten, was nur natürlich war, da Sams Körperchemie nun mal diese – beabsichtigte – Wirkung besaß. Selbst wenn sie keine zusätzliche Lockmagie einsetzte, so sonderte ihr Körper doch ständig Pheromone ab, die jeden Mann anzogen. Zum Glück nahmen Frauen die nicht wahr, andernfalls hätte wohl mehr als eine Sam als eine Bedrohung oder zumindest Konkurrenz eingestuft und wäre ihr feindselig begegnet.
Jonathan hatte inzwischen das Buch durchgeblättert, umarmte sie erneut und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Danke, Sam! Mit diesem Buch machst du mir eine große Freude.«
»Tante Sam!« Harlan zupfte sie am Ärmel, bevor sie Jonathan antworten konnte. »Zeigst du uns nachher ein paar Zaubertricks?«
»Harlan!«, rügte Jenny. »Sam ist nicht zu eurer Unterhaltung hier.«
»Stimmt«, bestätigte Sam. »Aber ich denke, dass ich dazu später noch ein bisschen Zeit finde.«
Nicht nur Harlan brach bei diesem Versprechen in Jubel aus und konnte es kaum erwarten, die drei anderen Kinder jubelten ebenfalls. Doch zunächst wurde die ganze Prozedur dessen in Gang gesetzt, was Sam immer veranlasst hatte, solche Feiern zu meiden. Während Jonathan mit dem Auspacken seiner Geschenke beschäftigt war und Della mit Hilfe von Jenny den Tisch fürs Kaffeetrinken deckte, wurde Sam »herumgereicht«. Jeder gab seinem Bedauern über Scotts viel zu frühen Tod Ausdruck. Außerdem waren sich die Männer darüber einig, dass Scott einen exzellenten Geschmack in Sachen Frauen gehabt haben musste, da er sich eine solche Schönheit wie Sam geangelt hatte.
An diesem Punkt kam es Sam sehr gelegen, dass ihr Handy klingelte. Sie entschuldigte sich und ging auf einen Wink von Jonathan in dessen Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Der Anruf kam von Lady Sybilla, die ihr Fotos von allen Seiten der Box schickte.
»Die Intarsien stellen ein Voodoo-veve dar«, stellte Sam fest. »Ich kann es zwar nicht identifizieren, aber ich kenne jemanden, der es kann. Ich frage ihn so bald wie möglich und gebe euch Bescheid.«
»Sam, wie groß ist die Gefahr für Jessie?« Lady Sybilla klang zutiefst besorgt.
»Ziemlich groß, fürchte ich. Allerdings glaube ich nicht, dass ihr Leben unmittelbar in Gefahr ist. Wie es aussieht, hat Kumara – oder was immer gerade in ihm steckt – Jessie entführt. Nach allem, was ich über Voodoo weiß, würde er sich nicht ein Mädchen aus Denver holen, wenn er Menschenblut für ein Opferritual bräuchte. Deshalb vermute ich, dass er sich eine ihrer Fähigkeiten zunutze machen will, und zwar eine, über die er nicht verfügt. Wenn er allerdings das Ziel erreicht hat, wozu er sie braucht, dann, fürchte ich, wird er sie töten.«
Lady Sybilla schwieg einen Moment. »Shiona hat noch zwei andere Möglichkeiten gesehen. Die eine Variante ist, dass Jessie sich mit ihrem Entführer am Ende aus eigenem freien Willen verbündet. Du weißt ja selbst, dass sie eine gewisse Neigung zur dunklen Seite hat. Die andere ist, dass das, was dieser Mann mit ihr tut, ihr den Verstand raubt und sie als ein seelisches und geistiges Wrack zurücklässt. Sam, so weit darf es auf keinen Fall kommen.«
Der Meinung war Sam auch. »Hat Shiona auch die Möglichkeit gesehen, dass wir Jessie retten können?«
Sybilla schwieg erneut einen Moment, ehe sie zugab: »Nein, das hat sie nicht. Aber du weißt natürlich, wie das mit solchen Visionen ist. Wenn man etwas nicht voraussieht, so bedeutet das noch lange nicht, dass das nicht eintritt.«
»Ich weiß. Ich sehe zu, dass ich Jessie so schnell wie möglich finden kann.« Sie unterbrach die Verbindung und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um Jonathan und Della schonend beizubringen, dass sie sie wieder verlassen musste, weil es einen Notfall gab. Doch ein Gefühl sagte ihr, dass sie noch eine Weile bleiben sollte.
Deshalb nahm sie Harlans erneutes Betteln um das versprochene Zeigen von Zaubertricks als willkommenen Vorwand. Sie benutzte einen Beistelltisch als Bühne und führte mithilfe eines Kartenspiels, ein paar Münzen und anderer alltäglicher Gegenstände Tricks vor, die jeder Varietémagier beherrschte. Der einzige Unterschied war, dass Sam echte Magie benutzte. Nicht nur die Kinder waren davon begeistert, sondern auch die Erwachsenen.
»Tante Sam, du leuchtest ja ganz lila«, platzte Harlan unvermittelt heraus, als sie ihre Darbietung beendet hatte. »Und deine Hände haben eben richtig geglüht.«
Sam konnte gerade noch verhindern, dass ihr Gesichtsausdruck ihre Überraschung verriet. Sie hatte nicht gewusst, dass der Junge in der Lage war, die Aura sehen zu können. In der Regel verloren Menschenkinder diese Fähigkeit und die, auch andere magische Dinge wie Geister wahrzunehmen, wenn sie fünf, höchstens sechs Jahre alt waren, meistens noch früher. Harlan war acht und vermochte es offenbar immer noch. Das deutete darauf hin, dass er diese Fähigkeit wohl nicht mehr verlieren würde. Deswegen hatte sie also noch hierbleiben sollen.
Bevor Sam jedoch darauf reagieren konnte, begannen die drei anderen Kinder, den Jungen auszulachen. »Harlan sieht Gespenster! Harlan sieht Gespenster!«
Und sein Vater Bill Crawford schüttelte missbilligend den Kopf. »Harlan, wir waren uns doch einig, dass du solche Dinge nicht mehr sagen sollst. Menschen leuchten nicht. Wenn du weiterhin darauf bestehst, so was zu sehen, müssen wir mit dir zum Arzt gehen.«
»Aber Tante Sam leuchtet!«, beharrte Harlan und war den Tränen nahe. »Ganz wunderschön lila
»Harlan ...«
Der Junge rannte heulend hinaus in den Garten, und der Rottweiler folgte ihm wie immer auf dem Fuß.
Jenny und Bill seufzten unisono. »Sowas erzählt er in letzter Zeit öfter«, erklärte Jenny in leidgeprüftem Tonfall. »Wir dachten, das ist eine Phase, die sich irgendwann auswächst, aber bis jetzt sieht es so aus, als würde es immer schlimmer werden.«
»Ach, macht euch keine Sorgen«, war Quinlans Frau Sierra überzeugt. »Das ist garantiert nur eine moderne Variante der ‚unsichtbaren Freunde’, die wir alle als Kinder hatten. Gebt ihm ein bisschen Zeit. Harlan ist in dieser Beziehung wohl noch ein Spätzünder.«
Das beruhigte die besorgten Eltern, Sam jedoch keineswegs. Wenn der Junge niemanden fand, der ihm erklärte, was es mit dem auf sich hatte, was er sah, würde er vielleicht wie die kleine Abby in einer Kinderpsychiatrie enden mit möglicherweise entsetzlichen seelischen Folgen für ihn. Da aber niemand in seinem unmittelbaren Umfeld mangels entsprechenden Wissens dafür qualifiziert war, blieb diese Aufgabe jetzt an Sam hängen.
Sie räumte die »Zauberutensilien« weg und ging anschließend zu Harlan. Der Junge saß auf dem Fußboden der Veranda, drückte seinen Hund an sich und starrte mürrisch zu Boden.
»Hallo Harlan.«
Sam setzte sich neben ihn und ließ ihren Blick über den Garten schweifen. In einer Ecke spielten Harlans Cousin und Cousinen mit Haley Parker irgendein Kinderspiel, das mit wahnsinnig viel Kreischen und Brüllen verbunden war. Die Männer bereiteten den Grill für das Barbecue vor, das am Abend stattfinden sollte, und die Frauen saßen im Haus und redeten über irgendwelche nichtssagenden Themen wie die aktuellen Preise für Kosmetika und dass Wintermäntel in diesem Jahr so wahnsinnig teuer geworden waren, um sich die Zeit zu vertreiben, bis das Essen fertig war.
Das gab Sam die Gelegenheit, ungestört mit dem Jungen reden zu können. »Man nennt es Aura«, erklärte sie ihm. »Das funkelnde Licht, das du vorhin an mir gesehen hast. Es sehen zu können ist eine sehr kostbare Gabe.«
Harlans Kopf ruckte hoch. »Du siehst das auch?« Seine Stimme klang ungläubig und gleichzeitig grenzenlos erleichtert.
Sam nickte. »Aber ich erzähle es niemandem, denn was passiert, wenn wir das den Leuten sagen, die keine Aura sehen können, hast du ja selbst erlebt.«
»Warum können die das nicht?«
»Weil es eine besondere Begabung ist, so wie ... «, suchte Sam nach einem passenden Vergleich, »... ein supertolles Musikgenie zu sein. Das kann auch nicht jeder, sondern nur jemand, der eine angeborene Fähigkeit dafür hat. Und da Menschen dazu neigen, alles, was sie nicht sehen oder wissenschaftlich beweisen zu können, als Hirngespinste abzutun, glauben sie nicht, dass es so etwas wie eine Aura oder echte Magie überhaupt gibt und lachen darüber, wenn jemand das Gegenteil behauptet. Oder«, sie stupste ihn mit einem Finger an, »halten ihn für krank. Aus dem Grund behalten wir das, was wir sehen oder tun können, für uns. Aber deine Gabe ist in jedem Fall nichts Schlimmes, sondern etwas wirklich Gutes. Du kannst nämlich an der Aura erkennen, ob Menschen gut oder böse sind.«
»Ehrlich?«, staunte der Junge.
Sam nickte. »Gute Menschen« – dass es auch andere Wesen gab, wollte sie ihm lieber noch nicht offenbaren – »haben Auren in schönen Farben. Bei bösen Menschen ist sie dunkel – braun oder grau – und bei den ganz Bösen ist sie schwarz. Manche haben auch dunkle Flecken in ihrer Aura. Je größer der Anteil dieser Flecken ist, desto mehr böse Dinge haben sie getan.«
Harlan überdachte das. »Tante Sam«, fragte er nach einer Weile vorsichtig, »deine Zauberkunststücke – ist das richtige Magie?«
Sam nickte und legte einen Finger über die Lippen. »Aber das muss unser Geheimnis bleiben. Vergiss niemals, Harlan, dass Menschen vor allem Unbekannten Angst haben. Gerade vor Dingen, die sie nicht verstehen und die sie erst recht nicht sehen können.«
Sie belegte den Jungen vorsichtshalber mit einem Zauber, der bewirkte, dass er zu niemandem über seine Gabe oder das Thema Magie sprechen konnte, der es nicht verstand und genau wusste, wovon Harlan redete. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wenn du willst, kann ich dir eine Art unsichtbaren Schutzschild geben, der bewirkt, dass du die Aura nur sehen kannst, wenn du sie sehen willst. Das macht das Leben für dich erheblich leichter.«
»Oh bitte ja!«
Sam legte den entsprechenden Zauber über ihn, und Harlan atmete erleichtert auf.
»Es funktioniert! Danke, Tante Sam!«
Sie holte eine Visitenkarte mit einem Bringzauber in ihre Hand und reichte sie ihm.
»Wenn du mal darüber reden willst oder Probleme mit deiner Gabe bekommst, kannst du mich jederzeit anrufen. Wirklich jederzeit. Ich gehe auch nachts ans Telefon.«
Harlan nahm die Karte und verstaute sie sorgfältig in seiner Hosentasche, als wäre sie ein Heiligtum. Er blickte Sam unsicher von der Seite an. »Tante Sam, bist du ...«, er senkte seine Stimme zu einem Flüstern, »bist du – ein Mensch?«
Die Frage traf Sam unvorbereitet. Allerdings hätte sie mit einer solchen Frage rechnen müssen, da der Junge sie ja schon bei ihrer ersten Begegnung als etwas anderes wahrgenommen hatte. Da der Zauber, mit dem sie ihn belegt hatte, bewirkte, dass er ihr Geheimnis nicht ausplaudern konnte, entschloss sie sich zur Wahrheit. »Nein. Aber verrate es niemandem.«
Harlan schüttelte heftig den Kopf. »Was bist du dann? Ein Engel?«
Sam musste unwillkürlich lachen. Engel war so ziemlich das Letzte, was auf sie zutraf. Andererseits konnte man Dämonen im weitesten Sinne durchaus als »dunkle Engel« bezeichnen. »So etwas ganz entfernt Ähnliches«, antwortete sie deshalb, worauf Harlan sie zu ihrer Verblüffung heftig und durch und durch vertrauensvoll umarmte.
»Ich könnte beinahe eifersüchtig werden.« Jennys Stimme ließ Harlan schuldbewusst zurückfahren. »Du kannst so wunderbar mit Kindern umgehen, Sam.«
Das konnte Sam ihrer eigenen Meinung nach ganz und gar nicht. Außerdem fand sie Kinder lästig. »Ach was. Harlan hat sich nur dafür bedankt, dass ich ihm einen Zaubertrick gezeigt habe.«
Della kam jetzt ebenfalls heran. In ihren Augen schimmerten unübersehbar Tränen. »Du wärst eine so gute Mutter, Sam«, fand sie. »Wenn du und Scott ...« Sie brach ab und schluchzte.
Jenny legte tröstend einen Arm um sie. Sam stand auf und tat es ihr nach, da sie fühlte, dass die ältere Frau sich genau das jetzt wünschte.
»Ja, Della, das wäre nach der Hochzeit unser nächster Schritt gewesen«, log sie, da sie nicht vorhatte, jemals Kinder zu bekommen. Ihre Tochter Danaya zählte nicht, weil sie sie nicht freiwillig zur Welt gebracht hatte.
»Es tut mir so leid, Sam.« Della weinte jetzt richtig.
Sam hielt sie umarmt, streichelte beruhigend ihren Rücken und wünschte sich weit weg von hier. »Ist schon gut, Della. Es sollte nun mal nicht sein. Aber ich verspreche dir: sollte ich jemals ein Kind bekommen, so dürfen du und Jonathan gern die zweiten Großeltern spielen.«
Della umarmte Sam und beruhigte sich langsam wieder. Ohne ein weiteres Wort eilte sie ins Haus, um sich in der Abgeschiedenheit ihres Schlafzimmers endgültig wieder zu fangen.
Jenny blickte ihr nach und wandte sich anschließend an Sam. »Ich bewundere dich, wie du das schaffst. Deine Selbstbeherrschung, meine ich. Ich wäre an deiner Stelle immer noch in Tränen aufgelöst und total verzweifelt.«
»Das bin ich, Jenny.« Noch eine Lüge. Zwar vermisste sie Scott nach wie vor manchmal, war über seinen Tod inzwischen aber definitiv hinweg. »Wenn ich allein bin. Ich bin so erzogen worden, dass ich meine Gefühle nicht in aller Öffentlichkeit zeige.«
Jenny machte ein verlegenes Gesicht. »Ich bin ziemlich taktlos, nicht wahr?«, fand sie, und Sam hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie meinte. »Tut mir leid, Sam. Ich vermisse nur meinen Bruder ebenso sehr wie du.« Sie klopfte Sam auf die Schulter und ließ sie allein.
»Aber Onkel Scott ist doch jetzt ein Engel«, erinnerte Harlan sie, den niemand mehr beachtet hatte.
»Das ist er«, versicherte Sam. »Und weil ich das weiß, bin ich nicht mehr ganz so traurig wie am Anfang, dass er nicht mehr bei mir ist.« Sie machte eine auffordernde Geste. »Da wir beide das mit der Zauberei nun geklärt haben – willst du nicht wieder mit den anderen spielen?«
Harlan grinste und spurtete zu den anderen Kindern, gefolgt von seinem Hund. Sam blickte ihm nach. Noch ein Kind, um das sie sich kümmern musste, wenn es erforderlich sein sollte. Und eines Tages würde es erforderlich sein. Ebenso wie sie sich in gewissem Maß um Abby kümmern musste. Das Mädchen rief sie jeden Tag an und vergewisserte sich, dass Sam noch existierte und sich nicht in Luft aufgelöst hatte. Die Kleine gedieh bei den Kerrys prächtig und erholte sich dank der Seelenheilkräfte ihrer Adoptivschwester Siobhan langsam von ihrem Martyrium. Doch Sam bildete dennoch den Mittelpunkt ihrer momentan nicht sehr gefestigten Gefühlswelt. Es entzog sich allerdings komplett Sams Verständnis, warum Menschenkinder so intensiv und vor allem positiv auf sie reagierten.
Sie gesellte sich wieder zu den anderen Gästen und versuchte, den Rest der Party so gut wie möglich zu überstehen: Mittagessen, Kaffeetrinken, endlosen Smalltalk über Nichtigkeiten und die unzähligen Fragen der Verwandten, die Sam heute erst kennengelernt hatten, nach ihrer Arbeit, in deren Vordergrund der Tenor stand, wieso eine so schöne Frau ausgerechnet diesen knallharten »Männerjob« zum Beruf gewählt hatte.
Unmittelbar nach dem Barbecue am frühen Abend verabschiedete sie sich mit der Begründung, dass sie noch eine Nachtobservation durchzuführen hätte. Della und Jonathan begleiteten sie zur Tür. Della strich ihr zum Abschied mit einer mütterlichen Geste über die Wange.
»Sam, wir haben eine Bitte. Wenn du eines Tages einen neuen Mann an deiner Seite hast, so würden wir ihn gern kennenlernen. Nicht um ihn mit Scott zu vergleichen, sondern weil wir möchten, dass du glücklich bist. Wir betrachten dich als unsere Tochter, das weißt du ja, und wir wollen uns davon überzeugen, dass es dir mit ihm gut geht.«
»Natürlich wollen wir ihm auch mit Hölle und Verdammnis drohen für den Fall, dass er nicht gut zu unserer Sam sein sollte«, ergänzte Jonathan schmunzelnd.
Sam lächelte, schüttelte aber den Kopf. »Ich habe nicht vor, jemals wieder einen neuen Partner zu wählen. Allein schon weil ich jeden Mann mit Scott vergleiche. Bis jetzt hat keiner dem Vergleich standgehalten. Also bleibe ich wohl besser allein.«
»Papperlapapp!«, widersprach Jonathan nachdrücklich. »Du bist eine wunderschöne Frau, Sam, und noch viel zu jung, um ewig allein zu bleiben. Ich wette, dass die Verehrer jetzt schon Schlange stehen und nur darauf warten, dass du deine Trauer um Scott endlich überwunden hast. Also, wenn es soweit ist, würden wir uns freuen, wenn du uns den neuen Mann in deinem Leben vorstellst. Du gehörst zur Familie, und das soll er dann auch.« Er hauchte ihr einen väterlichen Kuss auf die Stirn.
»Danke, Jonathan. Danke Della.«
Sam umarmte ihn kurz, ebenso Della und machte, dass sie weg kam. Solche menschlichen Zuneigungsdemonstrationen gehörten immer noch zu den Dingen, die sie irritierten. Sie musste jedoch zugeben, dass die sich nicht mehr so fremd anfühlten wie noch vor einem halben Jahr.
Bevor sie nach Hause fuhr, wollte sie noch bei ihrem Vater vorbeisehen und stellte auf dem Weg dorthin fest, dass ein schwarzer Dodge ihr offenbar folgte, auch wenn der Fahrer sich Mühe gab, es nicht wie eine Verfolgung aussehen zu lassen. Sam erinnerte sich allerdings, dass sie den Wagen bei ihrem Aufbruch vom Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite gesehen zu haben glaubte. Zumindest hatte dort ein schwarzer Dodge geparkt. Sie konnte allerdings nicht mit Sicherheit sagen, ob es derselbe gewesen war. Und hatte nicht auch heute Morgen in der Nähe ihres Hauses ein solcher Wagen gestanden?
Sie dehnte ihre magischen Sinne aus, um den Fahrer zu »scannen« und traf auf die Aura eines Defensors. Das beruhigte sie. Wahrscheinlich hatte er sie als Anderswesen erkannt, wenn auch nicht unbedingt als Dämonin, und folgte ihr jetzt um zu prüfen, ob sie zu den Geschöpfen gehörte, die er vernichten musste. Sobald er feststellte, dass Sam harmlos war, würde er wieder verschwinden.
Sie parkte ihren Wagen auf dem Parkplatz vor Benyuns Antiquitätenladen und ging hinein. Ihr Vater befand sich im Hinterzimmer, das er auch als Büro benutzte, und war in ein heißes Liebesspiel mit einer Kundin vertieft. Sam beschloss, im Ausstellungsraum zu warten, bis er fertig war. Sie nutzte die Zeit, um Amos Kumara anzurufen.
»Haben Sie schon eine Spur, Miss Tyler?«, fragte der Journalist sie sofort.
»In gewisser Weise, Mr. Kumara. Ihr Bruder hat vor zwei Tagen ein Päckchen aufgegeben mit einem Inhalt, von dem ich hoffe, dass Sie mir etwas dazu sagen können. Ich sende Ihnen die Bilder.« Sie übermittelte ihm die Fotos, die Lady Sybilla ihr geschickt hatte.
Kumara stieß bereits beim ersten Bild, das den Deckel der Box zeigte, einen erschrockenen Ruf aus. »Oh mein Gott! An wen hat er dieses Ding geschickt? Befand sich ein Pulver darin?«
»Ja, und der Adressat ist ein medial begabtes junges Mädchen, das seit dem Empfang der Box verschwunden ist. Was hat es damit auf sich, Mr. Kumara?«
»Diese Boxen sind Hex-Boxen, mit denen entweder jemand verflucht oder durch ein darin enthaltenes Pulver – sobald es eingeatmet wird – zu einer willenlosen Kreatur unter dem Willen des Bokor wird, der sie erschaffen hat. Das veve auf dem Deckel ist ein Symbol der Petro, das sind Götter des Bösen.« Kumaras Stimm brach beinahe vor Sorge. »Miss Tyler, wenn das wirklich mein Bruder war, dann ist ihm etwas Entsetzliches zugestoßen. Dann hat ein baka von ihm Besitz ergriffen oder sogar ein Petro und benutzt ihn für etwas wirklich Böses.«
Sam fühlte, wie sich ein profundes Unbehagen in ihr ausbreitete. Das klang verdächtig nach Jacques LeGrand, dem Bokor, den sie bereits zweimal getötet hatte. Falls es ihm gelungen sein sollte, Aaron Kumaras Körper zu übernehmen, dann hatte sie ein wirklich ernstes Problem. Allerdings konnte sie das ohne nähere Prüfung des Ganzen nicht mit Sicherheit sagen.
»Mr. Kumara, gibt es ein Gegenmittel gegen dieses Pulver?«
»Mir ist keins bekannt. Aber die Wirkung lässt je nach der Dosis nach spätestens vierundzwanzig Stunden nach. Wenn das Opfer dann noch lebt und nicht versehentlich eine Überdosis eingeatmet hat. – Mein Gott, was ist mit Aaron nur passiert?«
»Das finde ich heraus, Mr. Kumara«, versprach sie ihm grimmig. »Ich melde mich wieder.«
Sie unterbrach die Verbindung und starrte eine Weile ins Leere. Konnte es wirklich ein Zufall sein, dass Aaron Kumara von einem baka besessen war, der nicht Jacques LeGrand war und sich trotzdem ausgerechnet Jessie Johnson als Opfer für was auch immer ausgesucht hatte? Theoretisch ja, wie sie zugeben musste. Allerdings glaubte sie nicht an solche Zufälle bis zum Beweis des Gegenteils. So oder so, sie musste Jessie und Aaron Kumara schnellstmöglich finden.
Als sie einen Blick zum Schaufenster warf, sah sie, dass ein Mann in der blauen Kutte der Pugnatores Lucis davor stand und sich den Anschein gab, als würde er die Auslagen betrachten. Der Defensor, der sie verfolgte, war also ein Ordensbruder. Auch das war kein Grund zur Beunruhigung.
Benyun und seine Gespielin kamen jetzt aus dem Hinterzimmer, und die Frau verabschiedete sich mit einem hingebungsvollen Kuss von ihm, ehe sie mit einem wehmütigen Gesichtsausdruck das Geschäft verließ.
»Hallo Ben. War die Mahlzeit lecker?«
»In der Tat.« Er begrüßte Sam mit einer absolut nicht väterlichen Umarmung. »Was führt dich zu mir, Samala? Soll ich dich füttern, damit du deine Kitsune-Kräfte zurückbekommst?«
Sams Familie besaß die Gabe, die magischen Fähigkeiten der Wesen zu kopieren, mit denen sie schliefen und sie danach als festen Bestandteil ihrer eigenen Magie zu behalten. Die einzige Ausnahme bildeten hochrangige Dämonen wie Axaryn, die einen natürlichen Schutz dagegen besaßen. Benyun hatte Sam schon mehrmals angeboten, ihr auf diese Weise ihre verlorenen Kräfte zurückzugeben, ebenso ihr Bruder Conaru. Doch Sam hatte von diesem Angebot aus verschiedenen Gründen bisher keinen Gebrauch machen wollen.
»Nein, danke, Ben. Ich brauche deinen Rat.«
Benyun sah an ihr vorbei zum Schaufenster, wo der Mönch immer noch die Auslagen betrachtete. »Was tut der denn da?«
»Er ist ein Defensor, der mir schon den ganzen Tag folgt. Er will sich wohl meiner Harmlosigkeit vergewissern.«
»Soll er nur. Defensoren sind für uns ungefährlich«, war Benyun überzeugt. »Inkubi und Sukkubi stehen nicht auf ihrer Abschussliste. Sobald er herausgefunden hat, was wir sind, wird er wieder verschwinden. Komm mit nach hinten und erzähl mir, was ich für dich tun kann.«
Einen Arm um ihre Schultern gelegt führte er sie ins Hinterzimmer. Sam setzte sich in einen Sessel.
»Ich untersuche den Fall eines magisch ermordeten Malers. Man hat ihn irgendwie zum Selbstmord gezwungen, aber ich kann einfach nicht herausfinden, auf welche Weise der Mörder das angestellt hat.«
Benyun grinste zufrieden. »Du willst also die Kitsune-Kräfte doch zurück. Wieso sagst du dann ‚nein danke’?«
»Weil ich sie nicht zurück will, Ben. Das Thema hatten wir doch schon mal. Ich dachte, du hättest begriffen, warum ich auf sie verzichte. Als ich sie noch besaß, habe ich mich zu sehr auf sie verlassen, was mich überheblich und schwach gemacht hat und beinahe umgebracht hätte. Ich will nie wieder in so eine Situation geraten. Ich bin mir sehr sicher, dass es eine andere Möglichkeit gibt – einen Zauber, ein Ritual oder was auch immer –, das es mir ermöglicht, den Mörder zu finden.«
Benyun sah sie mit einem leidgeprüften Gesichtsausdruck an. Er hatte noch nie verstanden, was Samala dazu drängte, sich derart für Menschen einzusetzen, statt sie einfach nur als Nahrungsquelle zu genießen wie jeder anständige Sukkubus. Er schob das auf die menschlichen Gefühle, die sie seit zwei Jahren besaß. Dass sie diese Anwandlungen auch schon vorher gehabt hatte, ignorierte er geflissentlich.
»Was hast du schon versucht?«, wollte er wissen, und Sam gab ihm eine detaillierte Beschreibung ihrer Bemühungen.
»Hm«, meinte Benyun, als sie geendet hatte. »Konntest du erkennen, welcher Art der Vernichtungszauber war, der den Mann umgebracht hat?«
»Die Signatur war mir völlig unbekannt, und sie ließ sich auch nicht zurückverfolgen. Aber ich glaube, dass es Voodoo gewesen sein könnte.«
Voodoo. Es fiel Sam wie Schuppen von den Augen: Edwards Tod – Aaron Kumaras »Besessenheit« – Jessies Verschwinden durch Voodoozauber ... Das konnte nur LeGrands Werk sein! Denn es war ganz sicher kein Zufall, dass gleich zwei Menschen innerhalb weniger Tage von Voodoo betroffen waren, die Sam kannte. Sie stöhnte.
»Jacques LeGrand«, teilte sie ihrem Vater ihren Verdacht mit. »Ich fürchte, er ist zurück. Und diesmal hat er sich verdammt große Macht angeeignet.«
»Bist du dir sicher?«
»Fast. Der letzte Beweis steht zwar noch aus, aber so viele Zufälle auf einmal kann es kaum geben, die alle auf ihn hindeuten. Verdammt, was muss ich noch tun, um den Scheißkerl endgültig zu vernichten?«
»Mit den Kräften eines Kitsune ...«
»Hör auf damit, Vater!«, verlangte Sam scharf. »Beim letzten Mal hat mir auch die Kitsune-Magie nicht gegen ihn helfen können. Er hatte sogar einen Weg gefunden, sie und alle meine anderen Kräfte zu neutralisieren, wie du weißt. Sag mir also lieber, wie ich das ohne diese Macht hinbekomme. Vor allem, wie ich den Kerl finden kann und das Mädchen, das er entführt hat. Meine Suchzauber haben alle versagt.«
»Versuch es mit umgekehrten Suchzaubern«, schlug Benyun vor. »Ich bin mir sicher, dass du das Suchgebiet eingrenzen kannst und nicht die gesamten Staaten nach ihm durchforsten musst. Lokalisiere einfach alle Orte, an denen er nicht ist, bis einer übrig bleibt. Das dauert zwar ein bisschen länger, aber es sollte funktionieren.«
»Danke, Ben.«
Der Inkubus nickte und blickte sie besorgt an. »Sei vorsichtig, Samala. Und wenn du Hilfe brauchst, melde dich sofort.«
»Versprochen.« Sam erhob sich. »Aber der Kerl ist mein Problem. Und du hast dir ja schon immer verbeten, von mir zugunsten von irgendwelchen Menschen belästigt zu werden«, fügte sie ironisch hinzu.
»Woran du dich nie gehalten hast. Aber wenn es um dein Leben geht, dann ist es mir scheißegal, worum es nebenbei sonst noch geht.«
»Gut zu wissen, Ben. Ich halte dich auf dem Laufenden.«
»Bitte, nur wenn es unbedingt sein muss«, wehrte Benyun ab und begleitete sie zur Tür, wo er sich mit einer innigen Umarmung von ihr verabschiedete, die seine Sorge um sie ausdrückte. Zwar war er im Gegensatz zu Sam nicht fähig, Liebe zu empfinden; doch das Band des Blutes, das ihn mit seinen Kindern verband, ließ durchaus Besorgnis und vor allem auch einen gewissen Beschützerinstinkt zu, der sich jedes Mal meldete, wenn sie sich in Gefahr befanden.
Sam stieg in ihren Wagen und fuhr nach Hause. Der schwarze Dodge des Mönchs folgte ihr.

Bruder Graham war sich nicht sicher, ob der Dämon bemerkt hatte, dass er verfolgt wurde. Falls dem so war, so beachtete er seinen Verfolger nicht und zeigte auch keinerlei Furcht. Das war insofern günstig, als dass der Mönch sich ihm wahrscheinlich relativ weit nähern und vernichten konnte, wenn es so weit war, ehe der Verdacht schöpfte. Wahrscheinlich fühlte sich dieses Höllengeschöpf einem Menschen haushoch überlegen. Nun, diesen Fehler hatten schon andere Dämonen begangen und danach nicht mehr lange genug gelebt, um ihn zu bereuen.
Als der Buhldämon ein Antiquitätengeschäft betrat, befürchtete Bruder Graham, dass er dort sein nächstes Opfer suchen würde, und wagte sich näher heran, um im Notfall eingreifen zu können. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass hier ebenfalls ein Buhlteufel residierte, ein männliches Exemplar, das sich gerade an einem Opfer genährt hatte. Die Frau, die gleich darauf mit allen Anzeichen von Glückseligkeit das Geschäft verließ, machte allerdings nicht den Eindruck, als besäße sie keine Seele mehr.
Bruder Graham hatte in seinem sechsunddreißigjährigen Leben genug Opfer von Seelenfressern gesehen, um die Symptome an ihrer Beute erkennen zu können. Diese Frau war offensichtlich gerade noch einmal davongekommen. Wahrscheinlich spielte der Dämon erst noch eine Weile mit ihr wie die Katze mit der Maus, bis er endlich ihre Seele fraß. Das verschaffte dem Mönch noch ein bisschen Zeit, denn er machte sich keine Illusionen darüber, dass er es allein unmöglich mit zwei Dämonen aufnehmen konnte. Gemäß den Anweisungen von Abt Dennis hätte er das Kloster unverzüglich davon unterrichten müssen, dass hier nicht nur ein Seelenfresser am Werk war, sondern mindestens zwei.
Doch bis Verstärkung hier eintraf, wären wahrscheinlich mindestens zwei Menschen tot, wenn nicht noch mehr. Das konnte und durfte er nicht zulassen. Bruder Graham beschloss, die Sache allein zu regeln, wie er es auch getan hatte, bevor ...
Der Gedanke genügte, um einen schwarzen Schatten ihn aus dem Nichts heraus anspringen zu lassen, der ihn zu verschlingen drohte. Er raubte ihm den Atem und ließ ihn beinahe das Gleichgewicht verlieren. Unverzüglich exerzierte er die Atemübungen und das kurze Gebet, was ihm beides immer half, sein inneres Gleichgewicht zurückzugewinnen, und der Schatten verschwand widerstrebend. Abt Dennis hatte durchaus recht damit, dass Graham noch immer unter dem Trauma litt, das er damals erhalten hatte, als seine Gefährten bei der Vernichtung des Spinnendämons umgekommen waren, weil ...
Er schüttelte die Gedanken gewaltsam ab und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Ein erneuter Blick durch das Schaufenster ins Innere des Geschäfts, vor dem er stand, zeigte ihm, dass die beiden Dämonen sich in einen anderen Raum zurückgezogen hatten, der von draußen nicht einzusehen war. Wahrscheinlich um der Fleischeslust zu frönen. Solange sie das miteinander taten, fielen sie wenigstens nicht über Menschen her.
Bruder Graham setzte sich wieder in seinen Wagen und wartete. Er würde erst den weiblichen Seelenfresser erledigen, danach dessen Partner. Und bei seiner Rückkehr Abt Dennis von dem zweiten Dämon nichts berichten, falls der nicht explizit nachfragte. Doch wie sollte er, da er ja nichts von dessen Existenz wusste. Bruder Graham würde mit diesen beiden fertig werden. Dazu brauchte er nun wirklich keine Hilfe.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als der weibliche Seelenfresser das Antiquitätengeschäft nach überraschend kurzer Zeit wieder verließ und davonfuhr. Der Mönch heftete sich an seine Fersen und stellte schon nach kurzer Zeit fest, dass der Dämon die Verfolgung offenbar bemerkt hatte, denn er versuchte, den schwarzen Dodge abzuhängen, gab die Versuche aber nach relativ kurzer Zeit wieder auf. Statt zu seinem Haus zu fahren, schlug er jedoch eine andere Richtung ein und hielt schließlich auf dem Parkplatz einer stillgelegten Fabrik im Industrieviertel.
Als der Dämon dann auch noch ausstieg und mit dem Rücken gegen den Wagen gelehnt die Ankunft seines Verfolgers erwartete, war sich Bruder Graham bewusst, dass ihm ein Kampf bevorstand. Nun, der Dämon glaubte sich offensichtlich nicht in Gefahr, andernfalls wäre er nicht so selbstsicher.
Bruder Graham zog die mit Silberkugeln geladene Glock-19 aus dem Halfter, das er unter der Kutte trug, ehe er ausstieg. Fast alle Dämonen reagierten allergisch auf Silber. Falls das Silber sie nicht tötete – was leider nicht bei allen wirkte – so hatte er die Geschosse für alle Fälle noch mit Silbernitrat präpariert. Das tötete sie in jedem Fall. Das Magazin der Glock fasste fünfzehn Schuss; das sollte genügen, um diesen Buhldämon auszulöschen. Falls nicht, so verfügte der Mönch noch über andere Waffen.
Bruder Graham lenkte seinen Wagen nur ein paar Meter hinter den des Dämons und stieg langsam aus. Dabei hielt er die Hand mit der Waffe so, dass sie von der offenen Tür verdeckt wurde.
»Wir sollten uns vielleicht mal unterhalten«, schlug der Dämon vor. »Ich bin Sam Tyler, ein Sukkubus und somit keins der Wesen, die du vernichten musst, Defensor. Warum also verfolgst du mich?«
Die Antwort des Mönchs bestand darin, dass er die Glock hochriss und auf den Dämon schoss. Doch der hatte wohl so etwas geahnt, denn er verschwand von einer Sekunde zur anderen. Bruder Graham fuhr augenblicklich herum und schoss erneut, ohne sich zu vergewissern, ob der Dämon auch wirklich hinter ihm gelandet war – ein Trick, den fast alle Dämonen benutzten. Wieder war er nicht schnell genug. Zwar war der Dämon, genau, wie er vermutet hatte, hinter ihm aufgetaucht, doch es gelang ihm, die Waffe des Mönchs zur Seite zu schlagen. Der Schuss ging erneut ins Leere, und der Dämon packte sein Handgelenk und hielt es mit unmenschlicher Kraft fest.
»Hey, lass das! Ich habe weder dir noch irgendeinem anderen Menschen was getan, also ...«
Bruder Graham riss mit der freien Hand den Dämonendolch aus der Tasche seiner Kutte und stieß zu. Zwar traf er den Dämon leider nicht lebensgefährlich, aber der schrie auf und ließ ihn augenblicklich los. Der Mönch ließ ihm keine Zeit, sich von der Überraschung zu erholen, dass sein Gegner nicht so schwach und wehrlos war, wie der Dämon glaubte, und schoss erneut. Zwar wich der Dämon aus, aber die Kugel streifte seine Schulter, und das Höllengeschöpf fluchte lästerlich. Bevor er jedoch einen weiteren Schuss abgeben konnte, wurde ihm die Waffe von einer unsichtbaren Kraft aus der Hand gerissen. Doch das hielt den Mönch nicht auf. Er griff mit dem Dämonendolch an.
Sam war jetzt ernsthaft wütend. Sie hatte zwar keine Ahnung, warum der Defensor so fest entschlossen war, sie zu töten, aber sie hatte nicht vor, stillzuhalten und ihn gewähren zu lassen. Die Wunde, die der Dolch hinterlassen hatte, schmerzte höllisch, was bewies, dass das Ding keine normale Waffe war, sondern ein Dämonendolch, eines jener Messer, die vor langer Zeit einmal aus einem magisch erschaffenen Material geschmiedet worden waren, das jeden Dämon zu töten vermochte; wahrscheinlich sogar Luzifer, wenn man ihm das Ding ins Herz rammte. Immerhin war Sam in der Lage, mithilfe ihrer Heilmagie die Wirkung zu neutralisieren und die Wunde zu heilen, ebenso die des Streifschusses.
Der Mönch war wirklich mit allen dämonenjagenden Wassern gewaschen und bestens auf einen Kampf vorbereitet. Außerdem war er ein sehr geübter Kämpfer. Aber das war Sam auch. Seit es LeGrand beim letzten Mal gelungen war, ihre gesamten magischen Kräfte zu blockieren, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig mit Axaryn Nahkampf zu trainieren, den sie ohne jegliche Magie ausfochten, damit sie niemals wieder hilflos wäre, sollte so etwas noch einmal passieren. Doch ihre magischen Möglichkeiten waren noch lange nicht ausgeschöpft.
Sie schoss einen Psi-Pfeil auf den Mönch ab, der ihn bewusstlos zu Boden schicken sollte – und stellte überrascht fest, dass der bei ihm nicht die geringste Wirkung zeigte. Stattdessen griff er sie unbeeindruckt erneut mit dem Dolch an. Sam versuchte, ihn mit einem anderen Zauber zu blockieren, doch auch der funktionierte nicht. Der Mönch reagierte nicht einmal auf ihre Lockmagie, der noch kein Mensch hatte widerstehen können.
Er stieß mit dem Dolch zu. Sam warf sich zur Seite und brachte sich mit einem Sprung durch die Dimensionen in Sicherheit. Der Mönch kannte diese Fortbewegungsmethode der meisten Dämonen und hatte offensichtlich auch Erfahrung damit, dass sie in einem solchen Kampf unmittelbar in seinem Rücken auftauchten, um ihn von hinten anzugreifen. Denn kaum war Sam vor ihm verschwunden, fuhr er herum und stieß mit dem Dolch dorthin, wo sie stehen würde, wenn sie dieses Manöver ausgeführt hätte.
Stattdessen befand sich Sam auf der anderen Seite seines Wagens auf den Knien und schleuderte ganz profan einen der hier überall herumliegenden zerbrochenen Ziegelsteine mit derartiger Wucht unter dem Wagenboden hindurch gegen seine Beine, dass der Mönch das Gleichgewicht verlor und stürzte. Im nächsten Moment war sie über ihm, packte das Gelenk seiner Messerhand und betäubte ihn mit einem harten Schlag gegen die Schläfe. Der Körper des Mönchs erschlaffte.
Sam stieß erleichtert die Luft aus und betrachtete mit finster gerunzelter Stirn den bewusstlosen Defensor. Warum, bei Kallas Blut, hatte er sie umbringen wollen? Und wieso wirkte ihre Magie bei ihm nicht? Das, fiel ihr gleich darauf wieder ein, lag an dem, was einen Defensor zu dem machte, was er war. Von dem Moment an, da er dieses Amt übernahm, erhielt er von den höchsten Mächten einen gewissen Schutz gegen Magie, der zwar nicht jede Magie neutralisierte, aber doch einen großen Teil. Sam hatte in dieser Situation leider keine Zeit gehabt herauszufinden, welche Zauber ihn noch beeinflussen konnten. Sie versuchte jetzt, ihn mit einem Vergessenszauber zu belegen, der jede Erinnerung an sie und auch Benyun aus seinem Gedächtnis löschen sollte. Doch sie merkte sofort, dass dieser Zauber sich bei ihm nicht manifestierte. Verdammt!
Da sie ihn nicht töten wollte, wenn es vermeidbar wäre, blieb ihr nur noch als Alternative, ihm aus dem Weg zu gehen. Was allerdings nicht allzu gut funktionieren würde, da er wusste, wo sie wohnte und arbeitete. Doch darauf konnte sie im Moment keine Rücksicht nehmen. Sie musste Jacques LeGrand finden, der wahrscheinlich Jessie in seiner Gewalt hatte und das Mädchen aus seinen Fängen befreien.
Sie ließ den bewusstlosen Mönch liegen, stieg in ihr Auto und fuhr nach Hause, wo sie Benyuns Rat befolgte und den Körper von Aaron Kumara mit einem umgekehrten Suchzauber aufzuspüren versuchte. Zu ihrem wachsenden Unbehagen brachte aber auch das kein Ergebnis. Zumindest befand sich Kumara nicht in unmittelbarer Umgebung von Cleveland und auch nicht in den umliegenden Städten bis hinauf nach Detroit, Buffalo und südwärts nach Pittsburgh.
Als Sam die Suche unterbrach, stellte sie fest, dass es draußen schon dunkel war. Sie verspürte Hunger und überlegte, ob sie sich erneut bei Cronos einladen oder wieder einmal Nyros, dem Satyr, einen Besuch abstatten sollte. Auf Axaryn hatte sie momentan keinen Appetit, denn sie brauchte hin und wieder Abwechslung. Für Sukkubi und Inkubi besaß die Sexenergie, von der sie sich ernährten, einen ebenso unterschiedlichen Geschmack wie die verschiedenen Nahrungsmittel für Menschen. Und auch für sie schmeckte selbst die leckerste Energie nach einer Weile fad, wenn sie sich nur von einer einzigen Quelle ernährten.
Sam beschloss, wieder einmal das Joyful Bliss aufzusuchen, jenes Etablissement, das neben einem hervorragenden Kabarettprogramm eine Kontaktbörse für One Night Stands betrieb und die Räume für den Vollzug derselben auch gleich im ersten Stock zur Verfügung stellte. Sam war Clubmitglied, seit sie nach Cleveland gezogen war.
Gerade als sie aufbrechen wollte, empfand sie eine Art mentalen Sog, der sie drängte, ihre Tochter Danaya aufzusuchen. Dass ihre Tochter nach ihr rief – denn sie befand sich nicht in Gefahr, wie Sam spürte – brachte ihr wieder zu Bewusstsein, wie sträflich sie sie seit Scotts Tod vernachlässigt hatte. Einerseits liebte sie Danaya, weil sie ihre Tochter war. Andererseits empfand sie ihr gegenüber Abneigung, weil sie auch Luzifers Tochter und ihrem Vater im Wesen für Sams Geschmack viel zu ähnlich war. Sam fragte sich, ob Menschenfrauen ihren unerwünschten Kindern gegenüber ähnlich empfanden und wie sie damit umgingen.
Da die Befriedigung ihres Hungers noch ein bisschen warten konnte, machte Sam einen Abstecher in die Unterwelt zu dem Ort, an dem sie sich normalerweise mit Danaya traf. Sie war kaum dort angekommen, als die junge Dämonin ihr schon in die Arme fiel.
»Mutter! Ich habe dich so sehr vermisst!«
Sam legte die Arme um sie und drückte sie an sich. »Hallo Danaya. Verzeih mir, dass ich dich vernachlässigt habe. Ich konnte es nach allem, was beim letzten Mal hier geschehen ist, einfach nicht über mich bringen, die Unterwelt zu betreten. Und ich würde auch jetzt gern mit dir anderswohin gehen. Ich fühle mich hier nicht wohl.«
Danaya schmiegte sich an sie. »Aber es ist mein Zuhause, und ich möchte dich gern öfter bei mir haben. Hier. Ist das zuviel verlangt?«
Sam hielt Danaya auf Armeslänge von sich weg. »Warum kommst du nicht eine Weile zu mir? Du hattest doch ohnehin vor, mal eine Zeitlang bei mir zu leben.«
»Das werde ich«, versprach die junge Dämonin. »Wenn ich so weit bin.«
Sam blickte ihre Tochter misstrauisch an und ließ sie los. »Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass du es mit Gewalt darauf anlegst zu erreichen, dass ich, um dich zu sehen, immer hierher kommen muss. Steckt dein Vater dahinter? Will er mir dadurch sein Reich schmackhaft machen, um mich an die Unterwelt zu binden?«
Danaya lachte. »Oh Mutter! Mein Vater braucht mich nicht, um dir sein Reich ‚schmackhaft’ zu machen, wenn er das will. Das solltest du besser wissen als ich. Ich beobachte die Menschenwelt jeden Tag in der Orakelschale, und sie erscheint mir mit jedem Mal verwirrender.«
»Das kann ich nur bestätigen«, musste Sam zugeben. »Menschen sind reichlich chaotisch. Dennoch kann man gut mit ihnen leben, wenn man sich auf sie einlässt, und lernen, in ihrer Welt zurechtzukommen.«
»Ich fürchte aber, mich in diesem Chaos zu verlieren«, gestand Danaya. »Es macht mir Angst.«
Sam umarmte ihre Tochter erneut, die mit dieser Aussage offenbarte, dass sie trotz ihres erwachsenen Äußeren in manchen Dingen eben doch noch ein Kind von noch nicht einmal zwei Jahren war. »Du musst keine Angst davor haben, Danaya. Ich werde bei dir sein und dir helfen, dich in dem Chaos zurechtzufinden.«
»Da wir gerade bei Chaos sind.« Die samtige Stimme eines Mannes ließ Sam zusammenfahren. »Ich könnte deinen Rat gebrauchen, Samala.«
Sam löste sich von ihrer Tochter und blickte den göttlich schönen Mann finster an. »Verpiss dich, Luzifer«, beschied sie ihm kalt. »Was immer du willst, meine Antwort ist nein. Glaub ja nicht, ich hätte vergessen oder würde jemals vergessen, dass du ursächlich die Verantwortung für Scotts Tod trägst. Du bist das allerletzte Wesen in den drei Welten, das irgendetwas von mir bekommen würde. Jedenfalls nicht freiwillig.«
Luzifer seufzte theatralisch. »Oh Samala, das trifft mich tief.«
Sam schnaufte verächtlich. »Lügner!«
Luzifer trat dicht an sie heran und strich ihr mit dem Finger sanft über die Wange. Sam unterdrückte gewaltsam das augenblicklich aufflammende Begehren und schlug seine Hand zur Seite.
»Mutter, bitte!«
»Halt dich da raus, Danaya. Das geht nur deinen Vater und mich etwas an.«
»Und mich auch«, korrigierte die junge Dämonin traurig. »Weil ich unter eurem Zerwürfnis leiden muss.« Sie legte die Arme um Sam und schmiegte sich wieder an sie. »Dank dir kann ich lieben, Mutter. So wie du. Und ich liebe euch beide. Ist es zuviel verlangt, dass ihr um meinetwillen Frieden haltet?«
»An mir soll es wirklich nicht liegen«, versicherte der Herr der Unterwelt und blickte Sam ernst an. »Samala, würdest du mir wenigstens glauben, wenn ich dir versichere, wie leid mir dein Verlust tut?«
Sam lachte sarkastisch. »Keine einzige Sekunde. Das Einzige, was dir allenfalls leid tut, ist, dass du deine Macht über mich und meine Familie vollständig verloren hast und dass du wegen Scotts Tod niemals mehr in der Lage sein wirst, mich in irgendeiner Form zu beeinflussen, weil ich dich verabscheue. – Entschuldige, Danaya«, fügte sie an ihre Tochter gewandt hinzu, »aber das hat nichts mit dir zu tun.«
Die junge Dämonin blickte Sam leidvoll an. »Ist dir denn nicht bewusst, welche Überwindung es meinen Vater kostet, das zuzugeben? Und wie schwer es ihm fällt, dich um Rat zu bitten?«
Sam spürte, dass Danaya tatsächlich Leid empfand, und verfluchte wieder einmal die menschlichen Gefühle, mit denen sie gestraft war. Ohne die wäre es ihr scheißegal, ob Danaya litt oder nicht, wenn Sam Luzifer nicht seinen Willen ließ. Doch dem war nun mal nicht so. Allerdings war sie sich durchaus bewusst, dass der Herr der Unterwelt mit größter Wahrscheinlichkeit Danaya dazu angestiftet hatte, Sam in sein Reich zu locken, da er genau wusste, dass sie einem Ruf ihrer Tochter folgen würde. Leider bestand die einzige Möglichkeit, diese Form der Macht über sie zu unterbinden, darin, dass Sam sich vollständig von ihrer Tochter lossagte. Und das brachte sie trotz der Ressentiments, die sie ihr gegenüber empfand, einfach nicht fertigt. Verdammte menschliche Gefühle!
»Also gut«, knurrte Sam ungehalten. »Ich höre dir zu, Luzifer, aber meine Antwort bleibt nein.«
»Dir zu erklären, worum es geht, würde zu lange dauern«, meinte Luzifer. »Ich werde es dir zeigen.«
Im nächsten Moment standen sie alle drei in Luzifers Thronsaal. Der Herr der Unterwelt bestieg augenblicklich seinen opulenten Thron an der Stirnwand des Saals, ein pompöses Gebilde aus den goldüberzogenen Schädeln seiner Feinde, die auf diese Weise zur Schau zu stellen, ihm ein Vergnügen war. Dass sich unter den Schädeln auch sechs von Dämonen befanden, die zu ihren Lebzeiten zu den Zehn Mächtigen Fürsten gehört hatten, diente den gegenwärtigen Zehn Mächtigen als deutliche Warnung, was ihnen blühte, falls sie Luzifer über ein gewisses Maß hinaus zu verärgern wagten.
Neben Luzifers Thron standen noch zwei weitere, und Danaya nahm ohne zu zögern auf dem zu seiner Linken Platz. Luzifer machte eine einladende Handbewegung zum rechten Thron.
»Dein Platz, Samala.«
»Nein, danke!«, wehrte Sam ab.
Der Thron an seiner rechten Seite war Luzifers Königin vorbehalten, ein unter allen Dämoninnen sehr begehrter Platz, der seit Jahrtausenden nicht mehr besetzt worden war. Sam hatte nicht vor, ihm auch nur für eine Sekunde das Gefühl zu geben, als wäre sie an dem Platz an seiner Seite interessiert. Oder als könnte sie dazu überredet werden, ihn einzunehmen.
»Bitte, Mutter.« Danaya schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. »Ich möchte nur ein einziges Mal das Gefühl haben, meine Familie zusammenzuhaben. Es schadet doch nichts, wenn du dich für einen Moment auf den Thron setzt. Du bist meine Mutter, und niemand anderes hat allein schon deshalb das Recht dort zu sitzen. Bitte. Nur ein einziges Mal.«
Sam zögerte immer noch. Sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, an Luzifers Seite zu sitzen und sei es auch nur für eine Sekunde. Doch sie mochte ihrer Tochter die Bitte auch nicht abschlagen, was an ihrem schlechten Gewissen lag, weil sie Danaya aus Wut auf Luzifer so lange vernachlässigt hatte. Auch diese Form von Gewissen verdankte sie den unerwünschten menschlichen Gefühlen und fühlte sich versucht, die Prophetin aufzusuchen und sie zu fragen, ob es ein Mittel gab, die wieder loszuwerden. Widerwillig bestieg sie das Thronpodest und setzte sich.
»Also, wozu brauchst du angeblich meinen Rat, Luzifer?«
Bevor der Herr der Unterwelt antworten konnte, wurde die Tür des Saals geöffnet, und ein Dienergeist führte zwei Dämonen herein, die einen solchen Hass aufeinander ausstrahlten, dass Sam ihn körperlich spüren konnte. Lediglich das Gebot des – überaus begrenzten – Burgfriedens in diesem Saal hielt sie davon ab, einander an die Kehlen zu gehen.
Sie maßen Sam mit verwunderten Blicken, ehe sie in menschenähnlicher Gestalt mit je einem Knie zu Boden sanken, sich vor Luzifer verbeugten und dasselbe mit dem respektvollen Gruß »Meine Königin!« auch vor Sam taten.
Sam warf Luzifer einen mörderischen Blick zu, als sie begriff, dass er sie reingelegt hatte und sie wegen ihrer Gefühle für Danaya so dumm gewesen war, darauf hereinzufallen. Bevor sie jedoch verschwinden konnte, hatte er sie am Handgelenk gepackt und hielt sie eisern fest.
»Diese beiden«, Luzifer umfasste mit der anderen Hand die beiden Dämonen, »haben ein Problem, das langsam lästig wird, und das Gleichgewicht der Mächte in meinem Reich empfindlich zu stören droht«, erklärte er. Der drohende Blick, den er den Dämonen zuwarf, verhieß nichts Gutes. »Ich bin mir uneins, ob ich das Problem nicht einfach aus der Welt schaffe, indem sie beide töte. Das allerdings würde wiederum andere Unannehmlichkeiten nach sich ziehen, nachdem es beide fertiggebracht haben, einen Großteil meiner Gefolgsleute gegeneinander aufzubringen, sodass sie kurz davor sind, einen Krieg größeren Ausmaßes vom Zaun zu brechen.«
»Töte sie beide«, riet Sam ihm bissig. »Mit den Nebenwirkungen wird der Herr der Unterwelt doch gewiss fertig werden. Dafür brauchst du kaum meinen Rat.« Leise zischend, dass die Dämonen es nicht hören konnten, fügte sie hinzu: »Und lass endlich meine Hand los.«
Luzifer tat ihr mit einem überlegenen Lächeln den Gefallen. »Gromorok«, er deutete auf den rechten Dämon, der seiner Ausstrahlung nach eindeutig zu den mächtigen Felsdämonen des unterweltlichen Yorka-Reiches gehörte, »giert nach Land und kann sich gar nicht genug davon einverleiben. Buchstäblich, da er sich davon ernährt. Da er nun mal Gromorok ist, nimmt er sich das Land, das er begehrt, ohne zu fragen, wem es gehört.«
»Mit anderen Worten: Er verhält sich wie jeder gute Dämon«, stellte Sam trocken fest. »Na und?« Sie beugte sich zu Luzifer hinüber und flüsterte ihm eisig zu: »Ich werde jetzt gehen, und ich rate dir, mich nicht daran zu hindern.«
»Ich werde dich nicht hindern«, versicherte er ebenso leise. »Dennoch solltest du bleiben und meine Königin spielen, bis diese Angelegenheit geklärt ist.«
»Ich wüsste nicht, warum ich dir diesen Gefallen tun sollte.« Sam hatte Mühe, ihre Wut auf ihn zu beherrschen.
»Weil du nicht mir einen Gefallen tust, sondern ich damit dir einen erweise.« Luzifers Stimme klang ausgesprochen ernst. »Vergiss nicht, Samala, dass ich dir nicht schaden kann, selbst wenn ich es wollte. Darum bitte ich dich zu bleiben.«
Sam durfte ihm nicht trauen und war sich dessen nur allzu bewusst. Andererseits war er aufgrund des Schwurs, den sie ihm anlässlich Danayas Geburt abgetrotzt hatte, tatsächlich nicht in der Lage, ihr zu schaden oder ihr durch jemand anderen Schaden zufügen zu lassen. Dennoch hatte er natürlich Hintergedanken bei der ganzen Angelegenheit. Sam verfluchte sich erneut dafür, dass sie sich von Danayas Betteln hierzu hatte breitschlagen lassen. Doch etwas in der Art, wie Luzifer sie gebeten hatte zu bleiben – bei Kallas Blut, er hatte sie gebeten! – ließ sie auf dem Thron der Königin verharren.
»Also wo ist das Problem?«, fragte sie laut.
»Das Problem ist, dass Tashlaat Gromoroks Brut getötet hat, als der sich mit ihr an seinem Gebiet vergriff und damit die Lebensgrundlage für Tashlaats Brut zerstörte.«
Sam ahnte, wie die Geschichte weiterging. »Weshalb sich die beiden jetzt eine Fehde liefern und offenbar nicht Dämonen genug sind, sie auf die herkömmliche Weise auszutragen.«
»Das ist das Problem. Nachdem die Fehde bereits auf andere Fraktionen meines Reiches übergegriffen hat, sind sie nicht bereit, sie ausschließlich untereinander auszutragen, was die Fehde als solches natürlich beenden würde. Ich wäre zwar durchaus versucht, diesen kleinen Krieg in meinem Reich zuzulassen. Allerdings ist der Zeitpunkt ungünstig. Und da die beiden nicht auf Dauer davon abzuhalten sind, ihren Konflikt bis zum bittere Ende auszutragen«, Luzifer wandte sich an Sam, »was also würdest du tun, um die Sache zu beenden?«
Sam grunzte nur, beugte sich ein wenig vor und fixierte die beiden Dämonen mit einem kalten Blick. »Gromorok, hast du vor, die Entscheidung, die hier gefällt wird, anzuerkennen?«
Der Dämon verbeugte sich tief. »Wie immer meine Königin entscheidet, ich werde das Urteil annehmen.«
Sam war sich nun hundertprozentig sicher, dass Luzifer das Ganze inszeniert hatte, um sein perfides Spiel mit ihr zu treiben. Wahrscheinlich hatte er den Dämonen befohlen, sie wie die Königin zu behandeln, um sie dadurch zu irgendetwas zu verführen, was er von ihr wollte. Denn dass die beiden exakt in dem Moment eingetreten waren, als sie sich auf den vermaledeiten Thron gesetzt hatte, war definitiv geplant gewesen. Da er keine Macht mehr über Sam hatte, musste sie schon freiwillig bereit sein mitzuspielen, wenn er etwas bei ihr erreichen wollte. Und der Konflikt, um den es hier ging, war genau genommen lächerlich. Was immer das hier sollte, Sam würde Luzifer einen Strich durch seine Rechnung machen.
Sie beugte sich zu ihm hinüber. »Du willst wirklich, dass ich für diese zwei die Königin spiele, ja?«
»Nur damit du nicht das Gesicht vor ihnen verlierst«, versicherte Luzifer.
Sam schnaufte verächtlich. »Lügner!«, beschied sie ihm zum zweiten Mal. »Also gut. Beschwerden über die Folgen richte dann aber gefälligst an dich selbst.«
Sie beugte sich erneut vor und fixierte diesmal Tashlaat, einen Lavadämon, wie sein Feuermal auf der Stirn bewies, das er auch in der menschlichen Gestalt beibehielt, die er angenommen hatte. »Tashlaat, was bist du? Ein Dämon oder ein schwacher Mensch?«
Der Dämon starrte sie einen Moment verblüfft und überaus wütend über diese Andeutung an, ehe er begriff, was sie meinte. Im nächsten Moment hielt er ein Flammenschwert in der Hand und stieß es seinem Widersacher in den Leib. Gromorok verging mit einem grellen Schrei in dem Feuer.
»Na also«, fand Sam. »Ende des Dramas.«
Sie machte eine scheuchende Handbewegung zu Tashlaat hin, und der Dämon verschwand mit einer tiefen Verbeugung. Gromoroks Gefolgsleute hatten natürlich sofort durch die magischen »Schallwellen«, die dieses Ereignis ausgesandt hatte, mitbekommen, dass ihr Anführer tot war und, wenn sie klug waren, die Flucht ergriffen sowie ganz schnell jede noch existierende magische Verbindung zu ihm gekappt.
Nach den Regeln der Dämonen für solche Gegebenheiten hatte sich Tashlaat durch den Mord an Gromorok als der Stärkere oder Cleverere erwiesen und war die Fehde dadurch zu seinen Gunsten entschieden worden. Mit Sicherheit hatten dessen Gefolgsleute und Verbündete augenblicklich begonnen, alle feindlichen Truppen anzugreifen und zu vernichten, sofern die sich nicht unterwarfen oder rechtzeitig abtauchten.
Sam sprang von dem Thron der Königin und baute sich mit an die Hüften gestemmten Fäusten vor Luzifer auf. Sie warf Danaya einen bezeichnenden Blick zu. »Dein Vater hat dich dazu benutzt, mich in eine kompromittierende Situation zu bringen, Danaya. Und ich will jetzt wissen«, wandte sie sich wieder an Luzifer, »was diese Farce sollte. Vor allem dieses Gerede davon, dass du mir damit angeblich einen Gefallen getan hättest.«
Luzifer lächelte gewinnend. »Dass diese angebliche Kompromittierung dir nicht schadet, dürfte ja wohl offensichtlich sein, da ich andernfalls längst unter den Folgen meines gebrochenen Schwurs leiden würde«, erinnerte er Sam.
Obwohl das nicht von der Hand zu weisen war, hatte Sam doch in diesem Moment das entsetzliche Gefühl, dass es Luzifer tatsächlich gelungen war, den Schwur zu umgehen, mit dem er sich verpflichtet hatte, ihr niemals zu schaden. Falls dem aber nicht so sein sollte, so bedeutete auch das nichts Gutes.
»Also, was bezweckst du damit, Luzifer?«
»Dich, die Mutter meiner Tochter, zu schützen.«
»Wovor?«, knurrte Sam herausfordernd.
»Das wirst du schon sehr bald feststellen. Und wenn es so weit ist«, Luzifer trat dicht an sie heran und legte seine Hand an ihre Wange, »so hoffe ich, dass du dich daran erinnern wirst, dass du als meine Königin hier in meinem Reich absolut sicher bist.«
Sam schlug seine Hand beiseite. »Vergiss es!« Sie verschwand übergangslos.
Luzifer lachte und winkte Danaya gebieterisch zu sich. »Das war ausgezeichnete Arbeit«, lobte er. »Wie du das liebebedürftige Kind gespielt hast – hervorragend! Jetzt haben wir deine Mutter genau da, wo ich sie haben wollte. Und sobald ihre Wächter-Freunde mitbekommen, dass sie meine Königin ist, werden sie wohl kaum noch Wert darauf legen, sie in ihre Reihen einzugliedern. Wirklich gute Arbeit, Danaya.«
Die junge Dämonin lächelte zufrieden. Samala auf den Thron der Königin zu bekommen, war Luzifers Plan gewesen. Danaya hatte jedoch noch einen eigenen Plan. Den in die Tat umzusetzen, würde allerdings noch ein wenig Zeit benötigen. Erst mussten die Ereignisse eintreten, die Danaya und auch Luzifer in der Orakelschale über die nahe Zukunft gesehen hatten und die Samala zur Verzweiflung treiben würden. Wenn sie am Ende war mit ihren Kräften, würde sie umso dankbarer für das sein, was Danaya ihr zurückgab. Danach wäre es vergleichsweise leicht, sie dazu zu bringen, den Platz der Königin der Unterwelt zu akzeptieren.
Luzifer gab seiner Tochter jetzt einen absolut nicht väterlichen Kuss, den sie hingebungsvoll erwiderte. Sie war schließlich ein Sukkubus wie ihre Mutter und ihr Vater letztendlich auch nur ein Mann ...

Die Schwärze des Schattens vertiefte sich, ein Zeichen, dass er lachte; während die Lichtgestalt ihm gegenüber sich ein wenig verdunkelte, was ihre Betrübnis ausdrückte.
»Ich sagte doch, dass ihr euch eurer kleinen Dämonin besser nicht allzu sicher sein sollt«, erinnerte der Schatten sie. »Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit – relativ kurzer Zeit – bis sie sich für die Finsternis entscheidet, und zwar lange bevor das Ritual stattfindet.«
Er berührte mit einem schattenhaften Finger einen der Zeitstränge, die als ein nahezu undurchsichtiges Geflecht über ihren Köpfen schwebte. Das betreffende Stück des Strangs erschien als gezoomtes Bild in der magischen Spiegelfläche, die wie ein beinloser Tisch zwischen ihnen hing. Darin war Sam zu sehen, wie sie an Luzifers Seite auf dem Thron der Königin saß, ihre Tochter neben sich und mitleidlos all jene zum Tod verurteilte, die sie bekämpften und die gefangen und geschunden zu ihren Füßen lagen: Vesgyn, Axaryn, Lady Sybilla, Kevin Bennett, Brian Wolfheart und noch ein paar andere. Dieser Zeitstrang war in dem Moment dicker geworden und hatte seine Position verändert, als Sam sich auf den Thron gesetzt hatte.
»Das wäre möglich«, gab die Lichtgestalt zu. »Doch das ist noch nicht endgültig entschieden.«
Sie berührte eine andere, im Moment recht dünne Zeitlinie und projizierte diese in den Spiegel. Sam stand dort vor dem Rat der Wächter um Lady Sybilla und legte den Eid ab, der sie in deren Reihen aufnahm.
Wieder verdunkelte sich der Schatten amüsiert. »Das ist so oder so nicht sehr wahrscheinlich, wie wir beide wissen.«
»Gegenwärtig nicht«, bestätigte die Lichtgestalt. Sie deutete auf das Geflecht der Zeitlinien, von denen einige, die alle miteinander verbunden waren und demselben Zweig entsprangen, daraufhin violett zu leuchten begannen. »Der Ausgang ist völlig ungewiss, denn wie du siehst, hat keine einzige Zeitlinie irgendeines Wesens in den drei Welten eine derart wirklich unüberschaubare Zahl von möglichen Entwicklungen wie Tai’Samalas. Selbst wenn diese Zeitlinie sich etablieren sollte«, die Lichtgestalt folgte mit dem Finger derselben Linie, die ihr schattenhaftes Pendant aufgerufen hatte, »so ist trotzdem immer noch das möglich.«
Auf dem Bild, das sich nun im Spiegel zeigte, sagte sich Sam wieder von Luzifer los und stellte sich dem Tribunal der drei Welten, um die Seelen ihrer ehemaligen Freunde, die sie selbst hingerichtet hatte, wieder auszulösen und ihnen ihr Leben zurückzugeben.
»Wie der Vampir Gwynal ihr schon sagte, besitzt Samala ein angeborenes Licht, das niemals vollständig ausgelöscht werden kann«, erinnerte die Lichtgestalt den Schatten. »Wir werden sehen, was daraus wird.«
Der Schatten verfinsterte sich derart, dass er vollständig mit dem pechschwarzen Hintergrund verschmolz, vor dem er schwebte und für einen Moment nicht mehr zu sehen war. Als er sprach, war seiner Stimme die Heiterkeit deutlich anzumerken.
»Wahrlich, mein Licht-Geschwister, wann hatten wir zuletzt so viel Spannung in unserer Existenz? Ich fürchte, nach dem Ritual der Entscheidung wird unser Dasein wieder allzu beschaulich werden.«
Auch die Lichtgestalt strahlte jetzt so hell, dass sie mit ihrem lichten Hintergrund verschmolz. »Solange Tai’Samala lebt, wird sich unsere Beschaulichkeit wohl immer in Grenzen halten. Wenn ich entsprechende Gefühle hätte, so würde ich wohl mit Bedauern dem Tag ihres Todes entgegensehen.«
Doch solche Gefühle besaß keiner der beiden. Schließlich waren sie nur Beobachter und vollkommen neutral in allem, was sie taten und tun mussten ...

Als Jessie aus dem Dämmerzustand der Trance erwachte, in der sie sich befand, seit sie die seltsame Box geöffnet hatte, lag sie in einem schmucklosen Raum, der einer Zelle ähnelte, obwohl keine Gitter vor dem Fenster oder der Tür existierten. Stattdessen stand ein Afroamerikaner vor der Pritsche, auf der sie lag, und starrte sie an. Sie fuhr hoch und presste sich instinktiv mit dem Rücken gegen die Wand, vor der die Pritsche stand.
Der Mann grinste niederträchtig, und Jessie wusste, dass sie sich in Gefahr befand. Sie blickte sich gehetzt um. Die Tür ihres Gefängnisses stand einen Spalt offen, was ihr zeigte, dass sie nicht verschlossen war. Das Mädchen dachte nicht lange nach. Sie stieß mit den Füßen nach dem Schwarzen und wartete nicht ab, ob sie ihn traf, sondern sprang auf, rannte zur Tür, riss sie auf und stolperte in den Raum dahinter. Vor ihr die nächste Tür. Sie lief darauf zu.
In dem Moment, da sie die Hand nach der Klinke ausstreckte, fuhr ein scharfer Schmerz durch ihr rechtes Knie. Sie knickte ein und stürzte. Der Schmerz dehnte sich auf ihr gesamtes Bein aus, und sie hatte Mühe, wieder hochzukommen. Doch die Angst vor ihrem Entführer und das, was er mit ihr vorhatte, ließ sie die Zähne zusammenbeißen und sich auf die Beine kämpfen.
Sie wollte erneut die Tür öffnen, als ein noch heftigerer Schmerz ihr linkes Bein befiel. Jessie stürzte erneut und schrie auf, als sich der Schmerz dadurch verdoppelte. Sie hörte den Schwarzen langsam näher kommen und versuchte, kriechend zur Tür zu gelangen, da sie ihre Beine nun nicht mehr bewegen konnte.
Ein Stich, der ihr die Eingeweide zu durchstoßen schien, fuhr ihr in den Bauch und wühlte darin herum, als würde jemand einen Knüppel gewaltsam zwischen ihre Organe pressen. Sie konnte nicht einmal mehr schreien, weil ihr die Qual den Atem nahm. Sie krümmte sich wimmernd zusammen und sah buchstäblich Sterne vor ihren Augen tanzen.
Die Schritte stoppten unmittelbar neben ihr. Jessie versuchte zurückzuweichen, doch jede noch so kleine Bewegung sandte wahnsinnige Stiche wie von glühenden Messerklingen durch ihren ganzen Körper. Etwas wurde ihr vor das Gesicht gehalten, das sie zunächst nicht erkennen konnte. Erst als der Schmerz plötzlich nachließ und der Schleier vor ihren Augen verschwand, sah sie, dass es eine in einen Stofffetzen gewickelte Strohpuppe war. Sie erkannte in dem Fetzen ein Stück ihres Pullovers. Außerdem klebte auf dem Kopf des Dings eine Strähne ihres eigenen blonden Haares.
Ihr Entführer hielt ihr die andere Hand hin, in der er eine lange Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt hatte. Langsam schob er jetzt die Nadel auf die Puppe zu, während Jessie wie hypnotisiert zusah – und stach sie der Puppe in die Schulter.
Jessie brüllte auf, als im selben Moment ein Schmerz in ihre Schulter fuhr, als würde ihr das Gelenk ausgekugelt und gleichzeitig der Knochen zerfetzt.
»Warum tun Sie das?«, jammerte sie, als sie begriff, dass der Mann einen Voodoozauber anwandte.
»Damit du genau begreifst, was dir blüht, solltest du noch einmal zu fliehen versuchen«, erklärte er mit einer beinahe gleichgültigen Stimme und stieß die Nadel noch einmal in die Puppe, diesmal in den Unterleib. »Und das ist, damit du begreifst, was auf dich zukommt, solltest du nicht tun, was ich dir sage. Hast du das verstanden?«
»Ja«, winselte Jessie und wand sich in unerträglicher Pein. »Ja, ja, ja, ja!«
Sie weinte verzweifelt, und der Schmerz ließ urplötzlich nach. Trotzdem traute sie sich nicht, den Mann anzusehen. Er riss sie unsanft hoch und stieß sie zurück in das Zimmer, aus dem sie gerade geflohen war, wo er sie auf die Pritsche schleuderte.
»Ich lasse dir ein bisschen Zeit zum Nachdenken, damit du dich mit deiner Situation vertraut machen kannst«, sagte er kalt. »Wenn ich wiederkomme, wirst du mir aufs Wort gehorchen, sonst erlebst du Schmerzen, gegen die das, was du gerade gefühlt hast, dir wie Zärtlichkeiten vorkommen.«
Jessie rollte sich auf der Pritsche zusammen und wagte es nun doch, den Mann anzusehen. »Was wollen Sie von mir? Was habe ich Ihnen denn getan?«
»Nichts. Doch du wirst deine wunderbare Gabe für mich einsetzen und mit ihrer Hilfe ein paar Dinge für mich erledigen.«
»Und dann lassen Sie mich gehen?«, brachte Jessie hoffnungsvoll heraus.
Doch der Mann lachte verächtlich. »Nicht solange du mir noch nützlich bist.«
In diesem Moment begriff Jessie, dass er sie töten würde. Sie weinte nur noch heftiger und versuchte vergeblich, sich wieder zu beruhigen. Ihr Entführer warf ihr noch einen verächtlichen Blick zu und ließ sie allein. Die Tür ließ er offen stehen. Die Gelegenheit zur Flucht wäre günstig gewesen, doch dieser Gedanke wurde von der Erinnerung an die entsetzlichen Schmerzen nachhaltig erstickt, die sie gerade erlitten hatte. Und alle anderen Gedanken wurden ausgelöscht durch ihre Angst.

Jacques LeGrand legte die Puppe neben sich auf den Tisch und begann mit seiner Arbeit an dem Fluch, mit dem er Sam Tyler als Nächstes zu belegen gedachte, um ihr das Leben zur Hölle zu machen. Er fühlte sich soweit ganz zufrieden, denn alles verlief bisher nach Plan.
Unmittelbar nach dem Abschicken des Päckchens an die kleine Feuerzauberin war er selbst nach Denver geflogen, um sie persönlich dort abzufangen, sobald der Bann der Hex-Box in Verbindung mit dem Zombiepulver wirkte. Als Taxifahrer getarnt hatte er sie nur einzukassieren brauchen und sie anschließend zurück nach Cleveland gebracht, wo er sich in einem der leerstehenden Häuschen einer verlassenen Gartenkolonie einquartiert hatte. Hier würde ihn niemand suchen, und diverse Zauber verhinderten, dass Menschen auf ihn und seine Gefangene aufmerksam wurden.
Da der Bruder des Mannes, dessen Körper er gestohlen hatte, irgendwann in dessen Haus nach seinem Verbleib sehen würde, war ihm klar, dass er dort nicht bleiben konnte. Darüber, wo er schließlich sein Domizil aufschlagen würde, sobald er seine Rache an Sam Tyler vollendet hatte, machte er sich noch keine Gedanken. Genau genommen war ihm das egal. Im Moment zählte nur, dass er seine Rache bekam und die Dämonin möglichst lange und intensiv litt, bevor er sie tötete.
LeGrand lächelte böse, als er eine gute Stunde später sein Werk betrachtete. Oberflächlich gesehen war es ein ganz normaler Brief. Doch sein Inhalt war alles andere als das. An das innenliegende Blatt – auf dem nur ein einziges Wort stand – hatte er einen derart machtvollen Fluch gebunden, dass nicht einmal Sam Tyler ihn würde brechen können. Diesen Fluch hatte er außerdem mit einem Zauber ummantelt, dass sie ihn nicht spüren konnte, bis er seine Wirkung entfaltete. Selbst wenn sie den Brief vernichtete, so würde das den Fluch nicht zerstören. Sobald sie schon den Briefumschlag berührte, würde er seine Wirkung entfalten.
LeGrand lächelte voll boshafter Zufriedenheit. Allein der Gedanke an die Wirkung seines Werkes erheiterte ihn und verschaffte ihm die Befriedigung der Vorfreude. Noch mehr freute er sich allerdings darauf zu beobachten, wie die Dämonin litt.
Er ging in das Zimmer, in dem er sein lebendiges Werkzeug untergebracht hatte. Das Mädchen wimmerte bei seinem Anblick und versuchte, sich ganz klein zu machen.
»Nicht wehtun, bitte!«, schluchzte sie und begann am ganzen Körper zu zittern.
LeGrand schürzte verächtlich die Lippen. Verweichlichte, kleine Quarknase! Die loa hatten ihre Gaben an sie verschwendet. Immerhin hatte es sein Gutes, dass sie ihn, LeGrand, fürchtete. So war es leicht, sie unter Kontrolle zu halten.
»Solange du gehorchst, tue ich dir nichts. Steh auf und komm mit.«
Jessie rappelte sich ängstlich von der Pritsche auf und setzte vorsichtig die Füße auf den Boden. Der Schmerz in den Beinen, den sie erwartet hatte, blieb aus. Ihr Entführer bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung voran zu gehen und folgte ihr. Er nötigte sie, in einen alten Ford zu steigen und setzte sich selbst hinter das Steuer. Ehe er losfuhr, holte er die Puppe aus der Innentasche seiner Jacke und hielt sie Jessie hin, die sich entsetzt gegen die Tür drückte.
»Vergiss nicht, was ich mit dir tun werde, solltest du zu fliehen versuchen.«
Jessie schüttelte nur heftig den Kopf.
LeGrand steckte die Puppe zufrieden wieder ein und fuhr los.
Trotz ihrer Angst blickte sich Jessie aufmerksam um und versuchte anhand der Straßenschilder herauszufinden, wo sie sich befand. Die Umgebung kam ihr völlig unbekannt vor. Erst als sie sich der Innenstadt näherten, erkannte sie die Läden, in denen sie früher so oft eingekauft hatte. Sie war in Cleveland, ihrer Heimatstadt. Das gab ihr insofern Hoffnung, als dass sie sich hier auskannte. Ihre Familie wohnte hier, und falls es ihr gelingen sollte zu fliehen ...
Schon der Gedanke ließ sie wieder die unerträglichen Schmerzen spüren, die ihr Peiniger ihr verursacht hatte. Außerdem wäre sie bei ihrer Familie nicht sicher, falls es ihr gelinden sollte, ihrem Entführer zu entkommen und sich zu ihnen durchzuschlagen. Wenn der Schwarze sie wieder mit der Puppe quälte, würden ihre Eltern – falls sie das lange genug überlebte – sie ins Krankenhaus bringen, wo die Ärzte mit der Diagnose überfordert wären, da sie keine organische Ursache für Jessies Schmerzen entdecken konnten. Und die Wahrheit konnte sie ihnen schlecht sagen, dass ein schwarzer Voodoo-Mann sie mit einer Zauberpuppe auf Raten umbrachte.
Nein, ihre Familie wäre die falsche Anlaufstelle. Sie musste zu Miss Tyler. Die würde ihr helfen können. Da gab es nur ein Problem: Jessie hatte keine Ahnung, wo Sam Tyler wohnte. Und ihr Entführer würde ihr wohl kaum ein Telefonbuch geben, in dem sie die Adresse nachschlagen konnte.
LeGrand stoppte den Wagen gegenüber von Sam Tylers Haus, nahm den präparierten Brief und hielt ihn dem Mädchen hin. »Das wirfst du in den Briefkasten dieses Hauses dort«, wies er sie an und nickte zu Nr. 198 hinüber. »Und komm nicht auf dumme Gedanken.«
Jessie nahm den Brief, stieg aus und ging zu dem Haus hinüber.
LeGrand ließ sie nicht aus den Augen. Er hatte den Brief nicht der Post anvertrauen wollen, die ja hin und wieder mal eine Sendung verschlampte, aber er konnte ihn auch nicht persönlich in den Briefkasten werfen. Wie er sich noch sehr gut von seinem letzten Besuch hier erinnerte, war das gesamte Haus mit einem Schutzzauber umgeben, der verhinderte, dass er es betreten konnte. Der Briefkasten lag innerhalb dieser Schutzzone, also musste das Mädchen das erledigen.
Als Jessie den Briefkasten erreicht hatte, erstarrte sie überrascht und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Auf der silberfarbenen Box stand nicht nur die Adresse – 198 Cresthaven Drive –, sondern auch der Name der Hausbewohnerin: Sam Tyler. Jessies Gedanken überschlugen sich. Sie konnte nicht an der Tür klingeln – vorausgesetzt Miss Tyler wäre zu Hause – da ihr Entführer sie beobachtete und bei der geringsten Auffälligkeit in ihrem Verhalten die Puppe einsetzen würde, um sie zu quälen. Sie konnte ihr auch keine Nachricht hinterlassen, da sie weder etwas zu Schreiben dabei hatte noch der schwarze Mann ihr die Zeit dazu geben würde.
Ihr Blick fiel auf den Schulring, den sie wie alle Schützlinge des Lotos Internats trug. Miss Tyler würde den Ring bestimmt erkennen, sich fragen, wie er in ihren Briefkasten kam und in der Schule anrufen. Dort hatte man inzwischen ihr Verschwinden mit Sicherheit bemerkt und konnte ihr sagen, dass der Ring Jessie gehören musste. Hoffte sie jedenfalls. Danach würde Miss Tyler augenblicklich alles tun, um sie zu retten. Und dann konnte der schwarze Mann sich warm anziehen!
Sie öffnete den Briefkasten, wobei sie sich so drehte, dass ihr Körper für den Mann im Auto verdeckte, was sie tat, legte den Brief hinein und den Ring dazu, ehe sie widerstrebend zu ihrem Entführer zurückkehrte, der ihr mit einem wahrhaft boshaften Lächeln entgegensah.
LeGrand fühlte Triumph in sich aufsteigen, als er mit seiner Gefangenen davonfuhr. Sobald die Dämonin den Brief in den Händen hielt, würde sie eine wirklich böse Überraschung erleben.

Sam schob eine Wolke aus Wut und schlechter Laune vor sich her. Sie hätte sich ohrfeigen können, dass sie nicht vorsichtiger gewesen war und Luzifer dadurch die Gelegenheit gegeben hatte, sie auszutricksen. Keine Sekunde glaubte sie an seine Beteuerung, dass er sie damit schützen wollte, dass er sie zu seiner Königin gemacht hatte. Er verfolgte damit etwas ganz anderes, auch wenn Sam momentan nicht wusste, was das sein konnte.
In jedem Fall würde das Ereignis in der ganzen Unterwelt schnellstens die Runde machen. Somit war es auch nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wächter davon Wind bekamen, verfügten sie doch über ein paar Informanten in Luzifers Reich, die ihnen alle wichtigen Ereignisse mitteilten. Sam konnte sich unschwer ihre Reaktion darauf vorstellen. Natürlich würden sie ihr nun erneut misstrauen. Sie konnte nur hoffen, dass Lady Sybilla immer noch geneigt war, sie am Mittwoch zu empfangen und mit ihr zu reden, damit sie das erklären konnte und die Hexe keine falschen Schlüsse zog.
Im Moment jedoch hatte sie immer noch Hunger und setzte ihren ursprünglichen Plan in die Tat um, das Joyful Bliss zum Zweck der Fütterung aufzusuchen. Sie hatte sich seit Scotts Tod kaum noch von Menschen ernährt, und es war an der Zeit, die alte Gewohnheit wieder aufzunehmen.
Als sie ihr Haus verließ, war der schwarze Dodge des Defensors nirgends zu sehen, woraus sie schloss, dass er immer noch bewusstlos auf dem verlassenen Industriegelände lag oder sich in sein Quartier zurückgezogen hatte, um seine Wunden zu lecken. Sie verstand immer noch nicht, warum er sie angegriffen hatte und wollte im Moment auch nicht darüber nachdenken. Sie hatte Hunger.
Im Joyful Bliss hatte sich nichts verändert, als Sam dort ankam. Tyson und Aldo bewachten immer noch die Tür und winkten Sam nonchalant hinein.
»Lange nicht gesehen, Sam«, stellte Tyson fest, ein durchtrainiertes Muskelpaket mit einer verblüffenden Ähnlichkeit mit einem Wikinger.
»Wir haben dich richtig vermisst«, fügte Aldo hinzu, der mit seiner dunkelbraunen Haut das farbliche Gegenteil seines Partners war.
»Ich habe es mal mit einer festen Beziehung versucht«, lieferte Sam ihnen eine plausible Erklärung. »Hat nicht funktioniert. Also speise ich wieder à la carte
»Viel Vergnügen«, wünschte Aldo mit einem durchaus mitfühlenden Lächeln. »Heute Abend sind eine Menge interessanter Typen hier. Da wirst du bestimmt was Passendes finden.«
»Garantiert«, war Sam überzeugt und betrat das Foyer.
Sie hielt sich nicht damit auf, das Kabarettprogramm zu studieren, sondern ging an dem Eingang zum Zuschauerraum vorbei in den hinteren Bereich, in dem die Bar untergebracht war. Aldo hatte nicht übertrieben, denn dort saßen oder standen tatsächlich etliche Männer, die nicht nur gut aussahen, sondern auf ihre Weise mindestens ebenso hungrig waren wie Sam. Alle, die noch keine Partnerin gefunden oder im Auge hatten, blickten sie an. Eine rote Lampe leuchtete über dem Aufgang zu den zehn Zimmern im ersten Stock, in das sich die Paare zurückziehen konnten und zeigte an, dass alle Zimmer belegt waren. Sam zählte vier Pärchen, die an den Tischen neben der Treppe darauf warteten, dass das nächste Zimmer frei wurde.
Sie hatte nicht vor, so lange zu warten; dazu war sie zu hungrig. Sie würde mit dem Mann, den sie sich aussuchte, entweder in ein Hotel in der Nähe gehen oder ihn nach Hause begleiten. Sie konzentrierte sich auf die Gefühle der Männer und wählte den aus, der ihr die meiste Energie zu liefern versprach – einen Rothaarigen, der allein in einer Ecke saß, einen Whiskey trank und, wie Sam deutlich spürte, sich dafür schämte, dass er es nötig hatte, in einem Etablissement wie diesem eine Gelegenheit zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse suchen zu müssen.
Sie setzte sich an seinen Tisch. »Wie ich sehe, ist hier noch frei.«
Er wurde beinahe so rot wie seine Haare. »Eh, ja. Hallo.«
»Hallo«, wiederholte Sam und lächelte ihm zu. Sie brauchte gar nicht ihre Lockmagie einzusetzen, um ihm Appetit auf sich zu machen. Den hatte er bereits. Allerdings wusste er nicht, wie er nun reagieren sollte.
»Ich ... ich bin zum ersten Mal hier«, stotterte er. »Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?«
»Ich bin nicht durstig«, wehrte Sam ab, beugte sich vor und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich bin hungrig. Nach dir.«
Er errötete erneut und war sichtbar verlegen. »Wow!« Unsicher schob er sein Glas hin und her und räusperte sich. »Eh, wie geht es jetzt weiter?«
»Da hier alle Zimmer besetzt sind, können wir entweder zu dir gehen oder in das Hotel hier um die Ecke. Dort ist man gewohnt, dass Paare von hier nur für eine Stunde oder zwei ein Zimmer buchen, wenn hier alles belegt ist.«
»Sie ... eh, du bist wohl öfter hier?«
»Stammgast.« Sie lächelte beruhigend. »Das heißt, dass ich dir hinterher keine Probleme mache und die ganze Sache als den unverbindlichen Spaß sehe, der es sein wird. Gehen wir?«
»Ins Hotel«, entschied er und grinste leicht. »Ich wohne am anderen Ende der Stadt und bin mir nicht sicher, ob ich es noch bis dahin aushalte.«
Sam lachte, hakte sich bei ihm unter, nachdem er aufgestanden war, und führte ihn zu dem kleinen Hotel um die Ecke, wo man sie ebenfalls kannte. Ein Zimmer war schnell bezahlt, und Sam mit dem Rothaarigen wenig später darin allein.
»Ich heiße Tim Crane«, stellte er sich jetzt vor.
»Und ich bin Samantha.«
Er legte seine Hand an ihre Wange. »Mein Gott, bist du schön!«, entfuhr es ihm. »Bist du Wirklichkeit, oder träume ich nur?«
Sam nahm ihn in die Arme und küsste ihn in einer Art, die ihm buchstäblich für einen Moment den Atem raubte. »Wie fühlt sich das an – nach Traum oder Wirklichkeit?«
»Wie ein Wirklichkeit gewordener Traum«, flüsterte er und sah sie an, als wäre das die reine Wahrheit und könnte er wirklich nicht fassen, was er gerade erlebte.
Was, wie Sam spürte, tatsächlich so war. Sie fühlte seine Schüchternheit und seine Verletztheit, der ein kürzlich erfolgtes schmerzliches Erlebnis zugrunde lag, das ihn wohl letztendlich veranlasst hatte, das Joyful Bliss aufzusuchen. In jedem Fall war er ihr ausgesprochen sympathisch.
»Willkommen in der Wirklichkeit, Tim, und ich verspreche dir, dass sie ganz wundervoll sein wird.«
Sam streifte sein Jackett von den Schultern und band geübt seine Krawatte auf, die sie ihm mit einer lasziven Bewegung vom Hals zog. Er legte die Arme um sie und küsste sie intensiv, aber dennoch zärtlich, während sie sein Hemd aufknöpfte und ihm ebenfalls auszog. Nach einer Weile ließ sie ihn los und entledigte sich ihrer Kleidung. Tim Crane setzte sich auf das Bett und zog Schuhe und Strümpfe von den Füßen.
»Ich tue so was normalerweise nicht«, entschuldigte er sich. »Ich hoffe, du denkst jetzt nicht schlecht von mir.«
Sam kam nackt zu ihm, und er starrte sie atemlos an. Sie kniete sich neben ihm auf das Bett und legte ihm einen Finger über die Lippen. »Ich müsste viel eher befürchten, dass du schlecht von mir denkst, denn ich besuche das Joyful Bliss regelmäßig, um einen netten Mann für eine Stunde oder länger ganz für mich allein zu haben.«
»Oh, kein Problem«, versicherte er, und seine Stimme klang bereits heiser vor Aufregung. »Für mich ist das in Ordnung. Schließlich leben wir im Zeitalter der Gleichberechtigung.«
Er nestelte an seinem Gürtel, und Sam half ihm auch hier und befreite gleich darauf seinen harten Schwanz aus der engen Hose. Sekunden später war er ebenfalls nackt und ließ sich mit Sam der Länge nach auf das Bett sinken. Trotz seiner Erregung ließ er sich Zeit, sie am ganzen Körper zu streicheln und zu küssen, was sie mit einem Gefühl von Wehmut an Scott erinnerte. Für einen Moment erlaubte sie sich die Vorstellung, er wäre Scott, doch der Moment verging schnell wieder, denn in der Art, wie er sie berührte und küsste, war er doch vollkommen anders.
Sam erfasste mit dem sicheren Gespür eines Sukkubus, was ihm am meisten Freude bereitete und was er sich insgeheim wünschte. Erstaunlicherweise war es nicht viel. Er wollte nur das Gefühl haben, von einer Frau so sehr begehrt zu werden, dass sie ihn abschleppte und nicht umgekehrt, dass sie die Initiative ergriff und ihn verführte. Und natürlich sollte auch der Sex mit ihr toll sein, aber er wollte hauptsächlich, dass sie seine Liebeskünste als toll empfand. Offenbar war er vor kurzem – Sam vermutete heute – von einer Frau auf recht unschöne Weise abserviert worden und brauchte jetzt Bestätigung, die sie ihm gern gab.
Immerhin gelang es ihm, sie überaus angenehm zu stimulieren, und sie zeigte ihm mit jeder erwiderten Zärtlichkeit, dass sie ihn wollte und es kaum abwarten konnte, ihn in sich zu spüren. Dennoch benahm er sich auch darin vorbildlich, dass er sich trotz seiner eigenen Erregung die Zeit nahm, sich ein Kondom überzustreifen, ehe er sein Glied langsam in ihre warme Tiefe schob.
Sam schlang die Beine um seine Hüften und zog ihn tiefer in sich hinein, während ihre Hände seine empfindlichen Zonen streichelten und sie ihm spielerisch mit der Hand durch das Haar fuhr.
»Oh Gott, ist das schön mit dir!«, fand Tim und hielt in seinen sanften Stößen für einen Moment inne.
Sam nutzte die Gelegenheit, ihn auf den Rücken zu drehen, sodass sie auf ihm zu liegen kam. Sie leckte seinen straffen Bauch bis zur Kehle, während er ihre Taille umklammerte und jetzt kräftiger und schneller in sie stieß. Als sie mit der Zunge seine Brustwarzen kitzelte, kam sein Höhepunkt so heftig und intensiv, dass er einen Schrei ausstieß, sich aufbäumte und Sams Oberkörper an sich presste, als wollte er sie nie wieder loslassen und vollkommen mit ihr verschmelzen. Sie saugte mit geübten Muskelkontraktionen ihrer Scheide den letzten Samentropfen aus ihm heraus und ließ die Wellen seines Orgasmus so lange in seinem Körper kreisen, bis er kurz davor war, sie als schmerzhaft zu empfinden. Erst danach löste sie sich langsam von ihm und legte sich neben ihn, während er mit einem wahrhaft seligen Lächeln auf dem Rücken liegen blieb und sichtbar im siebenten Himmel schwebte.
Sam streichelte mit den Fingerspitzen seine Brust. »Hey, das war unglaublich schön«, versicherte sie ihm, was nicht gelogen war. Zwar war seine Energie nicht so reichhaltig wie die von Cronos, Axaryn oder Nyros – oder von Nick –, aber sie war recht lecker.
Tim Crane nahm ihre Hand und küsste die Handfläche. »Das war es auch für mich«, versicherte er. »Es gibt nur keine passenden Worte, mit denen ich das adäquat ausdrücken könnte.« Er sah sie an und strich ihr mit einer Fingerspitze über die Augenbrauen, die Nase und schließlich die Lippen. »Ich wage kaum die Frage zu stellen und erst recht kaum zu hoffen, dass wir uns mal wiedersehen könnten.« Unsicher blickte er sie an.
Sam beugte sich über ihn und gab ihm einen verführerischen Kuss. »Ich bin zwar definitiv nicht an einer Beziehung interessiert«, erklärte sie ihm ernst, »aber ich würde mich wirklich freuen, wenn wir mal wieder einen so schönen intimen Abend verbringen könnten.«
Er umarmte sie und streichelte ihren Rücken. »Meinst du das wirklich ernst?«
»Absolut, Tim.«
»Gibst du mir deine Telefonnummer?«
»Klar. Aber dazu müsste ich jetzt aufstehen.«
Er hielt sie fest. »Später.« Er begann, sie erneut überall zu küssen und fühlte sich wunderbar glücklich.
Sam hatte nichts gegen eine zweite Runde Sex einzuwenden und stellte fest, dass Tims Glücksgefühl sogar ein bisschen auf sie abfärbte, was absolut nicht unangenehm war. Sie schenkte ihm eine Stunde später zum zweiten Mal an diesem Abend einen wunderbaren Höhepunkt und musste zugeben, dass sie sich auf ein Wiedersehen mit ihm freute, wenn sie mal wieder Appetit auf einen Menschen hatte.
Sie verabschiedete sich bald darauf mit einem verheißungsvollen Kuss von ihm und überreichte ihm ihre Visitenkarte, ehe sie das Hotelzimmer verließ und nach Hause fuhr. Da sie bei Tim keine Lockmagie eingesetzt hatte und er sie deshalb in ihrer realen Gestalt gesehen hatte statt der seiner absoluten Traumfrau, würde das keine Komplikationen geben.
Sie verscheuchte die Gedanken an ihn und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe, Jessie und Jacques LeGrand zu finden und mit dem umgekehrten Suchzauber die nächsten Abschnitte auf der Landkarte zu durchforsten.

Tim Crane war trotz der leisen Wehmut, die er empfand, nachdem Sam gegangen war, in Hochstimmung, denn was er auf ihrer Visitenkarte las, gab seinem seit dem Vormittag angeknacksten Selbstbewusstsein neuen Auftrieb. Seine wunderbare Gespielin war eine gestandene Detektivin und Personenschützerin, also eine selbstbewusste Frau, die sich garantiert nicht mit einem Loser abgeben würde, den Mary Anne in ihm sah, wie sie ihm heute Morgen auf reichlich niederträchtige Weise an den Kopf geworfen und mit ihm Schluss gemacht hatte.
Obwohl Samantha gesagt hatte, dass sie nicht an einer Beziehung interessiert war, keimte in Tim dennoch die Hoffnung, dass sie sich das nach ein paar weiteren Treffen vielleicht noch überlegen würde. Falls nicht, so konnte er immer noch diesen wahrhaft berauschenden Sex mit ihr haben, den er gerade hatte genießen dürfen.
Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er nicht merkte, dass die Zimmertür leise geöffnet wurde. Als er schließlich ein Geräusch hörte und sich umdrehte, glaubte er zunächst, Samantha wäre zurückgekommen. Doch die Person, die da vor ihm stand, war nicht die schöne Frau, die er erwartet hatte zu sehen. Genau genommen sah er nur das Blitzen der Messerklinge, die ohne Vorwarnung auf ihn zufuhr und seinen Bauch aufschlitzte, ehe sie sich die anderen Bereiche seines Körpers vornahm.
Tim Crane kam nicht mehr dazu zu schreien. Mit durchschnittener Kehle fiel er zu Boden und bekam gnädigerweise nicht mehr mit, wie sein Körper grausam verstümmelt wurde.

Lady Sybilla schwante Übles, als Axaryn mit einem ausgesprochen besorgten Gesichtsausdruck zu der Versammlung in ihrem Büro erschien, die er mit allen Anzeichen äußerster Dringlichkeit einberufen hatte und an der außer ihr und Vesgyn, dem Erzpriester von Atlantis, noch Dr. Bryce Connlin teilnahm.
»Die Unterwelt hat eine neue Königin«, platzte der Dämon heraus, bevor jemand ihn fragen konnte, worum es ging. »Ich habe es gerade von meinem Informanten aus Satas unmittelbarem Umfeld erfahren.«
»Das bedeutet nichts Gutes«, stellte Vesgyn beunruhigt fest. »Es gab meines Wissens seit Jahrtausenden keine Königin mehr.«
»Seit über fünftausend Jahren, um genau zu sein«, stimmte Axaryn grimmig zu.
»Wer ist es?«, fragte Lady Sybilla voll böser Vorahnung. »Und was bedeutet das für uns?«
Der Bronzedämon schüttelte den Kopf. »Das wird sich zeigen.«
»Und?«, hakte Vesgyn ungeduldig nach. »Wer ist die neue Königin?«
»Samala.«
»Oh Göttin!«, entfuhr es Vesgyn entsetzt.
»Oh nein!«, rief Lady Sybilla gleichzeitig, und Bryce Connlin schüttelte ungläubig den Kopf.
»Oh doch!«, bestätigte der Bronzedämon grimmig. »Ich weiß zwar noch nicht, wie Sata es geschafft hat, Samala dazu zu bringen, aber er hat es geschafft und ist damit seinem Ziel erheblich näher gekommen.« Er knurrte wie ein wütendes Tier. »Wir hätten Samala von Anfang an reinen Wein einschenken sollen«, stellte er fest und blickte Vesgyn anklagend an. »Aber du hast ja darauf bestanden, dass wir sie im Ungewissen lassen und erst mal abwarten. Und du«, wandte er sich bissig an Lady Sybilla, »hast auf ihn gehört, statt auf mich.«
»Weil ich das für das Beste hielt, solange wir noch nicht mit Sicherheit wussten, dass sie wirklich eine so wichtige Rolle spielen wird«, verteidigte sich Vesgyn. »Nach diesem Coup von Sata dürfte nun jeder Zweifel daran ausgeräumt sein. Verdammt, das hätte nicht passieren dürfen.«
»Das wäre es auch nicht, wenn du nicht ...«
»Schluss!«, fuhr Lady Sybilla genervt dazwischen und blickte die beiden Männer strafend an. »Es ist doch immer wieder dasselbe mit euch. Kaum kommt das Gespräch auf Sam, geht ihr euch gegenseitig an die Kehle. Am besten ihr lasst die Hosen runter und messt nach, wer von euch den größeren Schwanz hat, damit diese Rivalität endlich mal ein Ende hat.«
»Ich«, antwortete der Dämon absolut sachlich.
Bryce Connlin lachte kurz auf und erntete von allen dreien missmutige Blicke.
»Axaryn, wie sicher ist diese Information?«, wandte sich Lady Sybilla an den Dämon.
»Über jeden Zweifel erhaben, soweit es die Tatsache betrifft, dass Samala auf dem Thron der Königin saß und quasi Gericht gehalten hat. Sata hatte ihr diese Position ja schon damals angeboten, als wir beraten haben, wie wir Káshnarokk vernichten können.11 Ich frage mich, wie er sie dazu gebracht hat, sie jetzt anzunehmen.«
»Ist das nicht völlig unwichtig?« Vesgyns Stimme klang niedergeschlagen.
»Nein, das ist es nicht«, knurrte Axaryn. »Wir alle wissen, dass Sata nicht zu trauen ist und wie hinterhältig er sein kann. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass er eine seiner Intrigen gesponnen hat, um Samala in diese Situation zu bringen. Ich finde das heraus. Ich wollte euch nur über den neuesten Stand informieren. Aber behaltet die Information für euch, bis wir alle Einzelheiten darüber wissen. Ich will nicht, dass Samala unnötige Schwierigkeiten bekommt.«
Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern verschwand.
Lady Sybilla seufzte tief und blickte Vesgyn und Bryce Connlin besorgt an. »Ich muss zugeben, dass Axaryn in der Sache als solcher recht hat«, sagte die Hexe schließlich zerknirscht. »Es war ein Fehler, Sam nicht zu informieren. Aber«, sie verzog schmerzlich das Gesicht, »hinterher ist man ja immer klüger. Verdammt, ich hätte sie heute Morgen nicht gehen lassen sollen, sondern sofort mit ihr sprechen müssen, statt das auf nächsten Mittwoch zu vertagen.«
»Wie du schon sagtest, Sybilla«, bestätigte Bryce, »hinterher wissen wir es meistens besser. Ich stimme Axaryn allerdings auch darin zu, dass wir erst einmal mit Sam klären sollten, wie sie zu der zweifelhaften Ehre gekommen ist, Luzifers Königin zu werden, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen.« Er warf Vesgyn einen auffordernden Blick zu. »Und ich stimme Sybilla darin zu, dass es wenig hilfreich ist, dass du und Axaryn euch immer um Sam streitet.«
»Wir streiten uns nicht um sie«, wehrte der Erzpriester empört ab.
Bryce schmunzelte. »Vesgyn, du magst über zwölftausend Jahre älter sein als ich, aber ich erkenne Eifersucht, wenn ich sie sehe. Und Sybilla hat auch damit vollkommen recht, dass diese Rivalität zwischen dir und Axaryn endlich einmal enden sollte. Da ihr ja offensichtlich die Größe eurer Schwänze schon verglichen habt und das Ergebnis das Problem nicht lösen konnte« – Vesgyn errötete wie ein ertappter Schuljunge, und Lady Sybilla verbarg ein Lachen hinter vornehm vorgehaltener Hand – »so schlage ich vor, dass ihr ganz einfach Sam die Entscheidung überlasst, ob und mit wem von euch sie zusammen sein will oder nicht. Aus meiner Sicht gesehen hat sie sich da bereits ganz klar für Axaryn entschieden.«
Der Psychiater legte Vesgyn eine Hand auf die Schulter. »Als der souveräne Mann und Priester, der du bist, solltest du das akzeptieren und dich entsprechend verhalten. Wenn es dir hilft, betrachte Sam als deine Schwester oder Tochter. Was auch immer. Und wenn das nicht geht und du unbedingt mit ihr schlafen willst – nun, sie ist ein Sukkubus. Biete dich ihr an, und bring es hinter dich.«
»Das ist es nicht, was ich von ihr will«, widersprach Vesgyn vehement, doch sein Dementi klang selbst in seinen eigenen Ohren unglaubwürdig. Er seufzte tief. »Ich werde die Sache regeln«, versprach er. »Doch im Moment haben wir wohl ein viel dringenderes Problem zu lösen.«

Sam kehrte zu ihrem Haus zurück und stellte fest, dass der Mönch seinen Wachposten davor noch nicht wieder eingenommen hatte. Das beruhigte sie. Sie fuhr ihren Wagen in die Garage und ging durch die Verbindungstür ins Haus. Augenblicklich spürte sie, dass sie nicht allein war. Axaryn saß in einem Sessel im Wohnzimmer und sah ihr grimmig entgegen.
»Samala.« Schon sein Tonfall klang unheilschwanger.
Sam ahnte, dass er nicht gekommen war, um sich zu erkundigen, wie weit ihre Nachforschungen hinsichtlich Jessies Aufenthaltsorts gediehen waren. Sie stöhnte genervt. »Axaryn, können wir bitte, was immer du willst, ein anderes Mal klären? Ich habe gegenwärtig genug Probleme.«
»In der Tat«, bestätigte der Dämon. »Die Unterwelt brodelt über von der Nachricht, dass es eine neue Königin an Satas Seite gibt: die Mutter seiner Tochter. Dich, Samala.«
Sam verdrehte die Augen. »Das ist ein Missverständnis! Ich regele das, sobald ich Zeit dazu habe. Aber nicht jetzt.«
Axaryn ignorierte ihren Einwand. »Jetzt ist ein hervorragender Zeitpunkt, wie ich finde. Ich hätte gern gewusst, was dich dazu bewogen hat, Königin der Unterwelt zu werden. Dazu gezwungen hat Sata dich ja wohl nicht.«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich ...« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Zuzugeben, dass sie auf Luzifers Tücke hereingefallen war, fiel ihr mehr als nur schwer.

Axaryn
Künstlerin: Mara Laue © Mara Laue

»Ich höre«, verlangte Axaryn unbarmherzig.
»Ich habe meine Tochter besucht, weil sie nach mir gerufen hat. Dann tauchte Luzifer auf – und es ist passiert.«
»Du hast dich von ihm dazu verführen lassen, seine Königin zu werden«, beschuldigte der Dämon sie. »Was hat er dir versprochen? Außer der Macht, die dieses Amt mit sich bringt?«
»Gar nichts«, fuhr Sam auf. »Verdammt, was denkst du von mir? Ich habe Danaya seit Scotts Tod vernachlässigt, und, ja, ich fühle mich schlecht deswegen. Ich wollte ihr das Gefühl geben, dass sie mir keineswegs gleichgültig ist.«
»Ach! Und nur deshalb hast du gleich den Thron bestiegen? Lüg mich nicht an, Samala!«
»Ich lüge nicht!«, fauchte Sam aufgebracht. »Ja, okay! Ich habe mich von Luzifer austricksen lassen, weil er meine Tochter eben dazu benutzt hat. Aber verdammt, Axaryn, sie ist auch meine Tochter! Sie ist ein Teil von mir, und sie hat eine Seele. Soll ich sie aufgeben und sie Luzifer überlassen, damit er aus ihr ein weibliches Ebenbild seiner selbst macht?«
»Das hat er doch schon längst getan«, stellte der Bronzedämon mitleidlos fest. »Sieh der Tatsache ins Auge, Samala: Sie ist Satas Tochter durch und durch, und du kannst ihr nicht trauen.«
»Ich weigere mich, das zu glauben!« Sam verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Axaryn finster an.
»Dann lass es bleiben, aber damit spielst du ihr und Sata direkt in die Hände. Verdammt, Samala, er benutzt deine Gefühle für deine Tochter gegen dich. Siehst du das nicht?«
Sam blickte ihn unglaublich gequält an und schwieg eine Weile. Danach erzählte sie ihm schonungslos alles, was sich zugetragen hatte. »Das Einzige, was ich wollte, war, meiner Tochter zu zeigen, dass ich sie liebe und meine Abneigung gegen ihren Vater nicht an ihr auslasse. Gut, ich hätte damit rechnen müssen, dass Luzifer eine Gemeinheit plant, als er so zufällig auftauchte. Aber ich habe mich darauf verlassen, dass er nicht in der Lage ist, mir zu schaden. Und ich verstehe seine kryptische Andeutung nicht, dass er mich schützen will, indem er mich zu seiner Königin machte.« Sie blickte den Dämon fragend an.
»Lüge«, war Axaryn überzeugt. »Ich bin mir sicher, dass er dir damit nur Sand in die Augen streuen und erreichen wollte, dass du den Platz als seine Königin freiwillig akzeptierst.«
»Das werde ich niemals tun«, versicherte Sam vehement. »Ich hoffe, du glaubst mir das. Und ich werde die Sache regeln, sobald ich kann. Mein Wort darauf.«
Der Bronzedämon blickte sie einen Moment ausdruckslos an. »Ich glaube dir«, sagte er schließlich. »Aber sei vorsichtig, Samala. Gerade auch gegenüber deiner Tochter.«
Natürlich hatte er recht; das war Sam durchaus bewusst. Doch solange sie diese durch und durch menschliche Liebe für Danaya fühlte, konnte sie ihre Tochter nicht im Stich lassen. »Axaryn, du bist mein Freund«, sagte sie schließlich leise. »Zumindest hoffe ich, dass du das immer noch bist.«
»Natürlich«, knurrte er, »sonst wäre ich nicht hier, um mit dir zu reden.«
»Und du bist sehr mächtig.« Sie sah ihm eindringlich in die goldfarbenen Augen. »Liegt es in deiner Macht, mir diese menschlichen Gefühle wieder zu nehmen? Sie zu heilen? Zu exorzieren? Oder was auch immer. Wenn ja, dann tu es bitte. Auf der Stelle.«
Der Bronzedämon sah sie bedauernd an. »Es tut mir leid, Samala, aber das kann ich nicht. Das heißt, ich könnte es schon, aber nicht auf die Weise, die du dir erhoffst. Diese Gefühle sind bereits ein Teil von dir geworden, den du in deine Persönlichkeit integriert hast. Wenn ich sie dir nehme, würde ich damit deinen gesamten Charakter verändern. Du wärst nicht mehr das Wesen, das du bist, und ich kenne mich mit menschlichen Gefühlen nicht gut genug aus, dass ich voraussagen könnte, welche Folgen das hätte. Es besteht sogar zu einem gar nicht mal geringen Prozentsatz die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch deine dämonische Seite allein übrig bliebe und du von deinem Wesen her ein ganz normaler Sukkubus wärst ohne jedes Mitgefühl oder das Bedürfnis, Menschen und andere Wesen vor Schaden zu bewahren.«
»Mein Vater würde das begrüßen und darüber jubeln«, stellte Sam resigniert fest. »Du hast recht, Axaryn, das ist das, was ich will. Ich will wieder der Sukkubus werden, der ich war, bevor ich mit diesen Gefühlen geschlagen wurde.«
»Das kann auch all meine Macht nicht mehr bewirken.« Axaryn legte eine Hand an ihre Wange. »Samala, ich fürchte, die einzige Möglichkeit, die dir bleibt, ist, diese Gefühle zu akzeptieren und zu lernen, mit ihnen umzugehen.«
Sam legte ihre Hand über seine. »Das ist so unsagbar schwer.« Sie seufzte tief. »Jedenfalls solange ich diese Gefühle – diese Liebe – für meine Tochter empfinde, solange werde ich nicht in der Lage sein, sie aufzugeben und sie Luzifer zu überlassen.«
Axaryn nahm sie in die Arme und hielt sie schützend fest. »Dir ist natürlich klar, dass er dadurch immer eine gewisse Macht über dich haben wird. Dein Status als seine Königin gibt ihm noch zusätzlich welche.«
»Ich bin nur dann seine Königin, wenn ich diesen Status bewusst annehme und aktiv ausübe. Solange ich mich der Unterwelt fernhalte und keinem Dämon als Königin Befehle erteile, kann Luzifer so oft er will behaupten, dass ich seine Königin wäre. Solange mein Handeln – vielmehr Nichthandeln dem widerspricht, wird man daran zweifeln.«
Der Bronzedämon nickte. »Dir ist natürlich klar, dass er alles versuchen wird, dich dazu zu drängen oder zu verführen, den Status freiwillig zu akzeptieren.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Das wird ihm nicht gelingen. Und«, sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen, »ich hoffe, du vertraust mir in diesem Punkt.«
Axaryn sah sie einen Moment ausdruckslos an, ehe er nickte. »Das tue ich.«
»Ich werde die Sache so schnell wie möglich klären«, versprach Sam. »Doch im Moment habe ich andere Sorgen.«
»Wenn du meine Hilfe brauchst ...«, bot Axaryn sofort an.
»Melde ich mich bei dir«, versprach Sam. Sie sah ihn fragend an. »Was wirst du Lady Sybilla sagen?«
»Die Wahrheit natürlich. Und ich vertraue darauf, dass du die Sache mit Sata tatsächlich regelst.«
»So bald ich kann«, versprach Sam, und Axaryn verschwand.
Sam atmete einmal tief durch und überlegte, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte. Bevor sie ihre magische Suche nach Aaron Kumaras Aufenthaltsort fortsetzte, sollte sie sich erst einmal in seinem Haus umsehen. Sie umgab sich mit einem Unsichtbarkeitszauber und sprang durch die Dimensionen zu Kumaras Haus.
Von außen sah es völlig unauffällig aus, doch Sam nahm die Ausstrahlung von negativer Magie aus dem Gartenhaus wahr, in dem der Houngan seinen Houmfo eingerichtet hatte, wie sein Bruder sagte. Sie sprang hinein und schaltete das Licht ein. Genau wie Amos Kumara ihr berichtet hatte, waren die zouti von Shango und anderen loa zerstört worden. Auf dem Fußboden befand sich immer noch ein veve, das Sam zwar nicht identifizieren konnte, das aber etwas Böses ausstrahlte. Die Vermutung ihres Auftraggebers, dass die Petro, die bösen Götter, involviert sein könnten, schien sich dadurch zu bestätigen.
Doch Sam hielt sich nicht mit Vermutungen auf. Sie initiierte ihre Gabe der Retrospektion und fokussierte sie auf die Woche, in der Aaron Kumara sich seinem Bruder gegenüber seltsam verhalten hatte. Recht schnell fand sie den Tag, an dem das Unglück passiert war. Sie beobachtete, wie sich der baka zunächst unbemerkt von Aaron durch das veve Baron Samedis zu manifestieren begann und schließlich den Körper des Houngans übernahm. Für einen Moment, unmittelbar bevor er in Aarons Körper eindrang, war sein vom Bösen verzerrtes Gesicht deutlich erkennbar – das Gesicht von Jacques LeGrand.
Schlagartig erkannte Sam einige Zusammenhänge, vor allem auch den Grund, warum Edward Paris hatte sterben müssen und wer sein Mörder war. Sie verfolgte die Retrospektion im Zeitraffer über ein paar Tage weiter und erhielt die Bestätigung. Ein Mann lieferte LeGrand ein Gemälde. Sam musste nicht erst beobachten, was unter der Verpackung zum Vorschein kam, als der retrospektive LeGrand es auswickelte, um zu wissen, dass es eins von Edwards Bildern war. Sie hatte den Lieferanten bereits in der Rückschau gesehen, die sie im Atelier des Malers vorgenommen hatte, und zwar als eine jener völlig unverdächtigen Personen, die ein Bild gekauft hatten.
Sie musste auch nicht mehr sehen, wie LeGrand das schöne Bild – ein Porträt von Marie Laveau – zerschnitt, um mit einem Teil der Leinwand den Vernichtungszauber vorzubereiten, der Edward getötet hatte, indem er ihn durch eine Voodoopuppe zwang, sich selbst zu erschießen. Der Grund war aus LeGrands Sicht denkbar einfach. Der Bokor wusste um Edwards Visionen und davon, dass dessen prophetische Bilder Sam in der Vergangenheit wichtige Hinweise auf LeGrands Pläne und Ziele offenbart hatten.
Für das, was LeGrand diesmal plante, konnte er es sich offensichtlich nicht leisten, dass Edward Sam durch seine Visionen vorwarnte, und hatte ihn deswegen ermordet. Die Dämonin ballte die Fäuste und musste sich beherrschen, um den Houmfo nicht vollständig zu zerlegen vor Wut. Diesmal würde sie den Bokor endgültig töten, und wenn sie dazu ihre Stellung als Königin der Unterwelt benutzen musste. LeGrand würde ihr nicht noch einmal entkommen, um sein schändliches Werk zu tun, das – daran hegte Sam nicht den geringsten Zweifel – ausschließlich darin bestand, sich an ihr zu rächen.
Sam brachte mit Mühe ihre Wut wieder unter Kontrolle und stellte mit Erschrecken fest, wie schnell ihr der Gedanke gekommen war, die Macht der Unterweltkönigin zu benutzen, um ihr Ziel zu erreichen. Sie durfte das auf keinen Fall tun, denn damit spielte sie Luzifer direkt in die Hände. Schließlich gab es auch andere Möglichkeiten.
Nachdem sie nun wusste, was sie wissen musste, kehrte sie nach Hause zurück, um ihre Suche nach LeGrands und Jessies Aufenthaltsort fortzusetzen. Doch zunächst leerte sie ihren Briefkasten, wozu sie bisher noch nicht gekommen war. Als Erstes fiel ihr dabei ein Silberring in die Hand, der einem Siegelring ähnelte und um das Wappen einer gravierten Lotosblüte herum den Schriftzug trug: Lotos School of the Arts. Sam war sich sicher, dass der Ring Jessie gehörte.
Rasch sah sie die Briefe durch, ob sich darunter eine Nachricht des Mädchens befand. Doch außer der üblichen Privat- und Werbepost gab es nur einen Umschlag ohne Absender, der offenbar von einem Boten eingeworfen worden war, denn außer Sams Namen stand nichts darauf. Die Handschrift war ihr allerdings unbekannt.
Sie riss den Umschlag auf. Darin befand sich ein weißes Blatt, auf dem mit roter Schrift – Blut – nur ein einziges Wort geschrieben stand: RACHE. Sam fluchte und ließ das Blatt mitsamt dem Umschlag in Flammen aufgehen. Es versetzte sie in maßlose Wut, dass LeGrand sich jetzt auch noch erdreistete, sie zu verhöhnen. Oh, er würde zutiefst bereuen, sich jemals mit ihr angelegt zu haben.
Im Geiste malte Sam sich aus, auf welche Weise sie den Bokor fertigmachen und vom Leben zum Tode befördern würde: genüsslich langsam, köstlich qualvoll und höllisch brutal. Sie ging in ihren magischen Arbeitsraum im Keller, in dem sie die Zauber durchzuführen pflegte, die ein größeres Ritual erforderten und initiierte einen neuen Suchzauber. Da sie wusste, dass Jessie in Cleveland war und LeGrand ebenfalls, konnte sie die Suche auf die Stadt und ihre unmittelbare Umgebung beschränken.
Sie nahm einen Stadtplan, der Cleveland mit allen Vorstädten bis hin zum Cuyahoga Valley National Park und initiierte den Zauber, mit dem sie sich auf der Karte alle Orte anzeigen ließ, an dem sich der Körper von Aaron Kumara und Jessie nicht befanden. Zu ihrer Überraschung und ihrem Missvergnügen füllte sich ein Ort auf der Karte nach dem anderen, eine Straße nach der nächsten und Haus um Haus mit dunklen Punkten des »nicht hier«, bis schließlich die gesamte Karte eine einzige, lückenlos schwarze Fläche war.
Sam fluchte erneut und schleuderte den Stadtplan zusammengeknüllt in eine Ecke. Das war doch nicht möglich! Suchzauber funktionierten nicht, umgekehrte Suchzauber funktionierten auch nicht – das ließ nur den einen Schluss zu, dass LeGrand sich in einer anderen Dimension aufhalten musste. Die Macht, die Dimensionen zu wechseln, hatte er in seinem ursprünglichen Leben allerdings nicht besessen und auch nicht in seinem zweiten Leben im Körper des Hexenmeisters Sergej Borzov. Auch Aaron Kumara beherrschte nicht die erforderliche Magie. Demnach musste LeGrand einen dämonischen Helfer haben, in welchem Fall er allerdings noch gefährlicher war, als Sam bisher angenommen hatte. Sie sollte ihn also besser nicht unterschätzen und die Suche nach ihm in der Unterwelt lieber nicht allein durchführen.
Sie beschloss, Axaryns Hilfsangebot anzunehmen, da sie sich ohnehin mit den Wächtern hinsichtlich Jessies Ring beraten wollte. Kurz entschlossen sprang sie durch die Dimensionen nach Denver und landete unmittelbar vor dem unsichtbaren magischen Schutzschild, der das gesamte Institutsgelände umgab. Da es nur Wächtern möglich war, durch den Schild hindurch zu teleportieren und innerhalb seiner Grenzen zu landen, musste Sam bis jetzt jedes Mal davor landen und ihn ganz profan durchschreiten. Natürlich war der Schild gleichzeitig ein gut funktionierendes Alarmsystem, das allen anwesenden Wächtern unverzüglich meldete, sobald jemand ihn durchschritt, der nicht im Institut wohnte.
Doch als Sam jetzt durch den Schild gehen wollte, prallte sie gegen eine unsichtbare Mauer und wurde von der Energie des Schildes ein paar Meter weit zurückgeschleudert. Völlig verblüfft blieb sie einen Moment am Boden liegen, ehe sie aufstand, sich vorsichtig dem Schild näherte und ihn probeweise mit einem Finger berührte. Der Finger stieß auf undurchdringlichen Widerstand, und so etwas wie eine elektrische Entladung auf magischer Ebene versetzte ihr einen Schlag.
»Was, bei Kallas Blut ...«
Im nächsten Moment tauchte Axaryn vor ihr auf, und aus dem Gebäude kamen Lady Sybilla und einige andere Wächter gerannt.
»Axaryn, was ...«
Weiter kam Sam nicht. Der Bronzedämon holte mit der Faust aus und schlug zu ...

Bruder Graham kühlte seinen schmerzenden Schädel mit einem Beutel Eis, während er in seinem Wohnwagen am Tisch saß und sich wunderte, dass er noch lebte. Der Dämon hatte ihn zu seiner profunden Schande besiegt und hätte ihn sehr leicht töten können. Dass er es nicht getan hatte, konnte nur seinen Grund darin haben, dass Gottes Macht ihn in irgendeiner Form daran gehindert und in die Flucht geschlagen hatte, wofür der Mönch Gott unendlich dankbar war und schon das dutzendste Dankgebet gesprochen hatte, dem er gleich noch ein weiteres anfügte.
Jedenfalls hatte ihm der fehlgeschlagene Versuch gezeigt, dass er den Dämon nicht auf diese Weise jagen sollte. Er musste zu anderen Mitteln greifen. Wenn er den seelenfressenden Buhlteufel nicht offen angreifen konnte, so musste er eben im Verborgenen arbeiten. Der nächste Schritt wäre jetzt, die Behausung des Dämons für ihn unbrauchbar zu machen, indem er sie so präparierte, dass er daraus vertrieben wurde. Schließlich standen ihm als Defensor die entsprechenden Mittel zur Verfügung – nicht nur Weihwasser und geweihte Oblaten.
Der Mönch suchte seine entsprechenden Utensilien zusammen und fuhr zu Sam Tylers Haus. Inzwischen war es später Abend, was seinen Plänen entgegen kam. Wenn die Nachbarn nicht zufällig aus dem Fenster blickten und ihn sahen, würde das Ganze völlig unbemerkt vonstattengehen.
Als er bei dem Haus ankam, waren die Fenster alle dunkel, und Bruder Graham spürte auch nicht die Anwesenheit des Dämons darin. Demnach war er nicht da, obwohl der Jeep Cherokee vor der rechten der beiden Garagen stand. Dennoch ging der Mönch vorsichtig einmal ums Haus herum, um sicherzugehen. Alles war ruhig. Die Rückfront des Hauses bestand aus einer überdachten Terrasse, die die gesamte Breite des Gebäudes einnahm und von der aus Treppenstufen zu dem unbebauten Gelände führten, das zwischen dem Haus und dem nur dreißig Meter entfernten Erie Lake lag.
Die Terrasse war wie geschaffen für einen unbemerkten Einbruch ins Haus, da sie wegen der bis zu ihrem Dach reichenden dichten Hecken zu beiden Seiten von den Nachbarn nicht eingesehen werden konnte. Bruder Graham nahm sein Dietrich-Set aus seiner Umhängetasche und stieg die Terrassenstufen hoch.
Eine unsichtbare Kraft traf ihn mit solcher Wucht vor die Brust, dass er zurückgeschleudert wurde und mehrere Meter entfernt rücklings auf dem Boden landete. Für ein paar Sekunden bekam er keine Luft mehr, bis seine Lungen nach einer gefühlten Ewigkeit ihre Funktion wieder aufnahmen. Der Mönch stand langsam wieder auf und stellte fest, dass ihm fast der gesamte Körper schmerzte. Er konnte von Glück sagen, dass der Boden aus weichem Gras bestand, andernfalls er sich zumindest einige Rippen gebrochen hätte.
Andererseits war er reichlich unvorsichtig gewesen. Er kannte schließlich die Hinterhältigkeit der Dämonen und hätte damit rechnen müssen, dass auch dieser sein Lager magisch abgesichert hatte, wenn er nicht zu Hause war. Nun gut. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Er nahm eine Flasche mit Weihwasser aus seiner Tasche, trat vorsichtig an den unsichtbaren Schild heran und spritzte das heilige Wasser dagegen.
Normalerweise löste sich so ein magischer Schild sofort darauf stinkend und zischend auf. Nicht so dieser. Wo das Wasser ihn berührte, entstanden leuchtende Reflexe wie Sonne, die auf einem See glitzert, doch er wurde davon in keiner Weise beeinträchtigt. Auch nicht davon, dass der Mönch sein geweihtes Silberkreuz dagegen drückte. Das hatte lediglich den Effekt, dass sich vom Kreuz ausgehend leuchtende Strahlen über den ganzen Schild verteilten und ihn für eine Sekunde in einem beinahe überirdischen Schein schimmern ließen, ehe er wieder unsichtbar wurde.
Bruder Graham begriff das nicht, denn so etwas war ihm noch nie passiert. Allerdings war er weit davon entfernt, sich entmutigen zu lassen. Konnte er nicht in das Haus eindringen, so gab es noch andere Mittel. Er kehrte zur Vorderfront zurück und näherte sich vorsichtig dem Jeep. Der schien zu seinem Glück außerhalb des Schutzschildes zu stehen, denn der Mönch konnte problemlos an ihn herankommen. Rasch leerte er eine zweite Flasche Weihwasser über dem Wagen aus und lächelte voller Vorfreude darauf, dass der Dämon sein Gefährt nicht mehr würde benutzen können.
Gleich morgen würde Bruder Graham sich einen unauffälligen Wagen mieten, mit dem er dem Seelenfresser folgen würde, um ihn bei der nächstbesten Gelegenheit zu töten. Er hoffte, dass diese Gelegenheit bald käme, bevor der Dämon noch einem Menschen die Seele raubte.
Und dann war da ja noch der zweite Seelenfresser ...

Sam rettete sich mit einem Sprung durch die Dimensionen, und Axaryns Schlag ging ins Leere. Doch der Dämon spürte, wohin Sam gesprungen war und folgte ihr, nur um sie erneut anzugreifen, kaum dass er ebenfalls dort gelandet war. Sam kam nicht dazu, etwas zu sagen oder ihm auszuweichen und musste erneut »springen«. Axaryn folgte ihr auch dorthin und zum nächsten Fluchtpunkt, ebenso zum nächsten. Sam konnte ihn einfach nicht abschütteln.
Als sie jedoch ein weiteres Mal springen konnte, prallte sie gegen einen magischen Schild, den Axaryn über sie geworfen hatte, um eine weitere Flucht zu verhindern. Ein anderer Zauber bannte Sam am Platz, und der Dämon holte erneut aus, um sie zu vernichten.
»Axaryn! Nein! Ich bin es doch – Samala
Sie setzte ihre Lockmagie ein, und der Bronzedämon hielt inne. Er starrte sie an und machte einen Schritt auf sie zu. Seine Faust öffnete sich und schloss sich gleich darauf wieder. Er wollte auf sie zugehen, wehrte sich aber sichtbar dagegen, was ein schmerzhafter Prozess zu sein schien. Stöhnend presste er die Hände gegen den kahlen Schädel, krümmte sich zusammen und wand sich, während er ein Gebrüll ausstieß, das Sam in den Ohren schmerzte.
Der Bann, mit dem er sie hielt, verschwand übergangslos, und Sam brachte sich ein paar Schritte von ihm entfernt in trügerische Sicherheit. Schließlich brach sein unmenschliches Brüllen ab. Axaryn ließ die Hände sinken und blickte Sam an.
»Samala ...«
Sam registrierte erleichtert, dass sein Blick wieder normal und der furchtbare Hass daraus verschwunden war. Er machte einen Schritt auf sie zu, und Sam hob abwehrend die Hände und wich vor ihm zurück. Axaryn starrte sie einen Moment an und verschwand übergangslos mit einem dämonischen Wutschrei. Sam stieß erleichtert die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte, und sprang zurück in ihr Haus, wo sie sich sicher fühlte.
Was war hier los? Wieso reagierte Axaryn so aggressiv und hätte sie beinahe umgebracht? Weshalb konnte sie den Schutzschild des Lotos Instituts nicht mehr passieren? Es konnte nichts damit zu tun haben, dass sie auf dem Thron der Königin der Unterwelt gesessen hatte. Oder etwa doch? Das würde zwar die Sache mit dem Schild erklären, aber nicht Axaryns Verhalten, nachdem er vor wenigen Stunden noch gewohnt freundlich zu ihr gewesen war. Nein, das musste eine andere Ursache haben. Aber welche?
Sie spürte, dass in ihrer Abwesenheit jemand versucht hatte, den Schutzschild ihres Hauses zu durchdringen und identifizierte die Restenergie von dessen Aura als die des Mönchs Bruder Graham. Sie seufzte genervt. Der hatte ihr gerade noch gefehlt. Allerdings hätte sie damit rechnen müssen, dass er nicht so leicht aufgab. Dafür war er zu sehr davon besessen, sie unbedingt zu töten, auch wenn wohl nur er allein wusste warum.
Sie prüfte den Schild und fand ihn intakt, verstärkte ihn aber zur Sicherheit noch einmal. Danach setzte sie sich in einen Sessel und versuchte, Licht in das Dunkel dessen zu bringen, was sich über ihr zusammengebraut hatte. Sie kam zu keinem vernünftigen Ergebnis. Als sie merkte, dass sich ihre Gedanken zu verwirren begannen, vertagte sie die Lösung des Ganzen auf den nächsten Tag – es war immerhin schon nach Mitternacht – und ging schlafen.

Das Klingeln ihres Handys riss Sam aus einem unruhigen Schlaf, der alles andere als erholsam gewesen war.
»Was gibt es, Ron?«, fragte sie, noch bevor Ronan Kerry sich meldete.
»Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, Sam.« Wenigstens klang er freundlich wie immer und schien in Sam keine Feindin zu sehen. »Wir haben einen Mord, und der Tote hatte deine Visitenkarte in der Hand. Er ist entsetzlich zugerichtet und beinahe schon zerstückelt worden. Kannst du gleich mal zu einer Aussage vorbeikommen?«
Sam saß schlagartig senkrecht, und ihre Müdigkeit war verflogen. »Wer ist der Mann?«
»Er heißt Timothy Crane und wurde in einem Zimmer im Hilton Garden Inn, 1100 Carnegie Avenue gefunden.«
»Zimmer 210«, ergänzte Sam und stieß einen Fluch in Unadru aus. »Ich bin in spätestens einer Stunde bei dir.«
Sie unterbrach die Verbindung und fluchte erneut. Was, bei Kallas Blut, war nur los, dass in ihrer Nähe oder sogar wegen ihr Menschen starben und ein bisher verlässlicher Freund wie Axaryn sich gegen sie stellte? Denn sie konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass auch Tim Crane ihretwegen umgebracht worden war. Sie schüttelte den Kopf. Sie würde der Sache mit Bens Hilfe auf den Grund gehen, sobald sie konnte. Jetzt erst einmal musste sie Ronan helfen, Tim Cranes Mörder zu finden.
Sie stand auf, duschte kurz und fuhr eine halbe Stunde später zum Police Departement. Wenigstens parkte der schwarze Dodge des Defensors nicht mehr vor ihrem Haus. Sam wagte allerdings nicht zu hoffen, dass sie den Mönch und seine Nachstellungen endlich los wäre. Doch auch darum würde sie sich später kümmern.

Bruder Graham traute seinen Augen nicht, als er sah, wie der Buhlteufel den mit Weihwasser gesegnete Jeep völlig problemlos aufschloss, ohne sich die dämonischen Finger daran zu verbrennen und einstieg, ohne auch nur die geringsten Anzeichen eines Erstickungsanfalls, der unweigerlich hätte folgen müssen. Dem Dämon schien das Weihwasser nicht das Geringste auszumachen.
Offenbar war dieser Seelenfresser von einem ganz anderen Kaliber als alle, mit denen er es bisher zu tun gehabt hatte und verfügte über eine weitaus größere Macht, als er bisher geglaubt hatte. Für einen Moment erwog der Mönch, Abt Dennis zu benachrichtigen und um Unterstützung zu bitten, wie es ohnehin seine Pflicht gewesen wäre. Doch er wollte nicht noch einmal Mitbrüder und –schwestern in eine solche Gefahr bringen, so wie damals, als ...
Der schwarze Schatten drohte wieder über ihm zusammenzuschlagen, und er wehrte sich mit aller Macht gegen die Erinnerung. Stattdessen folgte er dem Dämon in dem braunen Ford, den er heute Morgen gemietet hatte, bis zum Polizeirevier, in dem der Seelefresser verschwand. Da Bruder Graham ihm nicht ohne einen plausiblen Grund hineinfolgen konnte, musste er warten, bis der Dämon wieder herauskäme. So blieb er auf dem Polizeiparkplatz im Wagen sitzen, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, den jeweiligen Standort des Dämons anhand seiner deutlich spürbaren Ausstrahlung nicht aus den inneren »Augen« zu verlieren.

Als Sam Ronans Büro betrat, befand der sich gerade in einer Besprechung mit seinem Partner, dem Werwolf Kevin Bennett. Beide Männer sahen ihr freundlich entgegen. Noch bevor Sam einen Gruß aussprechen konnte, veränderte sich bei beiden der Gesichtsausdruck zu einer Maske des Hasses. Kevin packte sie im nächsten Moment äußerst brutal und warf sie bäuchlings gegen die Wand. Sekunden später war Ronan neben ihr, packte ihre Handgelenke und bog ihr die Arme auf den Rücken.
»Samantha Tyler, Sie sind verhaftet wegen des Mordes an Timothy Crane. Sie haben das Recht zu schweigen. Sollten Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie sagen, gegen Sie verwendet werden. Sie haben ...«
»Hey, Jungs!«, unterbrach ihn Sam überrascht, während Ronan ihr die Hände auf den Rücken fesselte. »Ich bin es! Was soll der Scheiß?«
Kevin brachte seinen Mund dicht an ihr Ohr. »Du bist eine Mörderin, Sam«, zischte er hasserfüllt. »Wir werden dafür sorgen, dass du bekommst, was du verdienst.«
Er riss sie grob zurück und stieß sie erneut gegen die Wand, während Ronan die Aufzählung ihrer Rechte beendete.
»Haben Sie Ihre Rechte verstanden, Miss Tyler?«
»Ja, und ohne meinen Anwalt sage ich kein Wort.«
»Wie Sie wollen.«
Auch Ronan versetzte ihr einen heftigen Stoß, dass sie noch einmal gegen die Wand prallte und sich mehr als nur blaue Flecke dabei geholt hätte, wäre sie keine Dämonin. Verdammt, was war hier los? Die beiden Männer benahmen sich, als wäre Sam ihre schlimmste Feindin und nicht – zumindest für Ronan – eine gute und langjährige Freundin.
»Ich will meinen Anwalt anrufen«, verlangte sie.
»Natürlich«, höhnte Ronan. »Wie alle Schuldigen.« Er hob den Hörer ab und hielt ihn ihr hin. »Die Nummer?«
Sam nannte ihm die Nummer von Weston, Kruger & Goldstein, die Kanzlei, für die sie ab und zu Aufträge übernahm. Ronan wählte die Nummer und hielt ihr anschließend den Hörer ans Ohr. Gleich darauf meldete sich Jason Goldstein. Sam schilderte ihm kurz die Situation, und der Anwalt versprach, sofort zu kommen.
»Der wird dir auch nicht helfen können, Sam«, höhnte Ronan, während er sie in eine Wartezelle sperrte. »Wir werden dafür sorgen, dass die Beweise gegen dich lückenlos sind.«
Sam versuchte gar nicht erst, mit ihm zu argumentieren. Ronan und auch Kevin standen offensichtlich unter einem Bann, der sie so handeln ließ und sie keiner Vernunft mehr zugänglich machte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als auf Jason Goldstein zu warten und darauf zu hoffen, dass der sie wenigstens auf Kaution frei bekam. Sie hatte LeGrand zu jagen und Jessie zu finden, bevor der noch Schlimmeres anrichtete.
Eigentlich hätte sie sofort einen Dienergeist rufen und sich von ihm in ihrer Gestalt vertreten lassen können. Sie hätte ihre Jagd fortsetzen können und, falls alle Stricke rissen, »Sam Tyler« von der Bildfläche verschwinden lassen und irgendwo anders eine neue Existenz aufbauen können. Doch es widerstrebte ihr, eine ihrer Personae mit einem derart schwarzen Fleck auf der Weste wie einer Mordanklage zu verlassen, besonders falls Ronan seine Drohung wahrmachte und die Beweise gegen sie wasserdicht zurechtbog. Also wartete sie auf den Anwalt.
Immerhin gab ihr diese unfreiwillige Pause die Gelegenheit darüber nachzudenken, wie diese unerfreulichen Ereignisse alle zusammenhingen. Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass keineswegs alle dieselbe Ursache hatten.

Jessie kauerte auf ihrer Pritsche und war vor lauter Angst kaum in der Lage klar zu denken. Ihr Entführer behandelte sie zwar nicht schlecht, solange sie sich fügte, aber sie war sich nur allzu bewusst, dass selbst ihre größte Fügsamkeit nichts daran ändern würde, dass er sie umbrachte, sobald er sie nicht mehr brauchte. Jessie hatte selbst während des vergangenen Jahres hin und wieder mit den Möglichkeiten geliebäugelt, die ihr die dunkle Seite der Magie bot, wenn sie die auch nie mehr angewandt hatte. Solche Praktiken ließen die magischen Schilde des Lotos Instituts nicht zu. Das hinderte sie aber nicht, von eben denen fasziniert zu sein.
Nun, da sie am empfangenden Ende der Schadenszauberei saß, begriff sie nicht nur, was sie damals ihrer Familie angetan hatte, sondern auch, dass diese Seite der Magie definitiv nicht die war, mit der sie je wieder was zu tun haben wollte, weder aktiv und erst recht nicht passiv. Leider würde sie wohl keine Gelegenheit bekommen, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, da der schwarze Mann sie töten würde. Für einen Moment erwog sie, trotz allem einen Fluchtversuch zu wagen; doch die Erinnerung an die wahnsinnigen Schmerzen, die ihr Entführer ihr verursacht hatte, hielten sie davon ab. Solche Qualen würde Jessie nicht noch einmal aushalten können.
Deshalb setzte sie ihre ganze Hoffnung auf Sam Tyler. Bestimmt hatte sie Jessies Ring gefunden. Gewiss hatte sie sich sofort mit dem Internat in Verbindung gesetzt. Und natürlich war sie bereits auf dem Weg, um sie, Jessie, zu retten.
Sie zuckte zusammen, als ihr Entführer den Raum betrat, und drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Der Mann blickte mitleidlos auf sie herab. Er trug eine schwarze Robe und hielt in der einen Hand die Jessie-Puppe, in der anderen eine lange Nadel. Das Mädchen begann unwillkürlich zu wimmern und zu weinen, worauf der Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte, nur verächtlich die Lippen schürzte und sie ansah, als wäre sie in seinen Augen ein Wurm.
»Vorwärts!«, befahl er und bedeutete Jessie, in den Raum hinüber zu gehen, in dem er sich fast ausschließlich aufhielt.
Sie gehorchte notgedrungen. Bisher hatte sie diesen Raum nicht betreten dürfen, doch sie erkannte ihn augenblicklich als magischen Arbeitsraum, der denen im Internat ähnelte. Mit dem gravierenden Unterschied, dass alles hier das Böse ausdünstete. Jessie zuckte unwillkürlich zurück, doch der Mann stieß sie vorwärts in den magischen Kreis hinein, den er am Boden aufgemalt hatte – mit Blut. Jessie schüttelte sich vor Ekel. Aber natürlich nahm ihr Entführer keine Rücksicht auf ihre Gefühle.
Er zwang sie, sich auf den Boden zu knien und stellte ein Brett vor sie hin, auf dem Fotos aufgeklebt waren, die verschiedene Häuser zeigten. In einem erkannte Jessie Sam Tylers Haus, die anderen hatte sie noch nie gesehen. Eins war jedoch ein Antiquitätengeschäft. Jessie konnte sich nicht vorstellen, was sie mit diesen Fotos tun sollte, musste sich allerdings nicht lange wundern.
Ihr Entführer trat ebenfalls in den Blutkreis und erweckte dessen Magie, ehe er auf die Fotos deutete.
»Du beherrschst das Feuer. Mit dieser Gabe wirst du diese Häuser vernichten.«
»Nein!«, wagte Jessie zu widersprechen. »Das kann ich doch nicht tun! Das ist ... böse!«
Natürlich war das genau das, worauf es dem Mann ankam. Er grinste verächtlich. »Was du nicht sagst.« Er hob die Jessie-Puppe und stieß die Nadel in ihren Bauch.
Das Mädchen krümmte sich schreiend zusammen. »Ich mach’s ja, ich mach’s! Bitte nicht mehr weh tun! Bitte aufhören!«
Der Schmerz ließ nach und ihr Entführer gab ihr ein paar Sekunden die Gelegenheit, sich davon etwas zu erholen. Schließlich legte er ihr eine Hand auf den Kopf und presste die Finger gegen ihren Schädel. Jessie fühlte, wie sein Geist sich in ihr Bewusstsein drängte, und spürte eine solche grausame Finsternis, dass ihr davon übel wurde. Verzweifelt versuchte sie, davor zurückzuweichen, doch das war unmöglich. Sie konnte sich nur noch völlig in sich selbst zurückziehen, alles um sich herum und in sich ausblenden und Jacques LeGrand die Herrschaft über ihren Körper und ihre Fähigkeiten überlassen, wenn schon nicht über ihre Seele.
Der Bokor lachte zufrieden. Er spürte das Zentrum der Magie in dem Mädchen auf, mit dem sie das Feuer beherrschte, und empfand einen Moment lang Wut auf die Götter, die dieses verweichlichte weiße Kind mit so viel Macht gesegnet hatten. Doch das war jetzt nebensächlich. Er konzentrierte sich auf die Häuser, die auf den Fotos abgebildet waren und denen gehörten, die mit Sam Tyler in dieser Welt durch geteiltes Blut verbunden waren. Er rief die Feuerelementare zu sich und zwang sie in die Gebäude hinein.
Zwar waren sie alle mit magischen Schilden geschützt, aber die bildeten für die Feuerelementare kein Hindernis; schließlich liefen auch in magische geschützte Häuser Stromkabel ungehindert hinein. Und ein in diesen Kabeln außerhalb des Schildes verursachter Brand würde sich selbstverständlich bis hinter den Schild und somit in das betreffende Haus hinein fortpflanzen ...
LeGrand lachte erneut, als erst Sam Tylers Haus in Flammen aufging, danach ihr Büro, anschließend das Geschäft und Haus ihres Vaters, das ihrer Schwester und schließlich das ihres Bruders ...

Sam saß seit drei Stunden in der Wartezelle, die sie sich mit sechs anderen ebenfalls wartenden Gefangenen teilen musste, und fragte sich, wo Jason Goldstein blieb. Er hatte ihr zugesichert, sofort zu kommen und hätte sich im Revier gemeldet, wenn ihm etwas dazwischen gekommen wäre. Andererseits traute sie Ronan und auch Kevin in ihrem derzeitigen feindseligen Verhalten ihr gegenüber durchaus zu, dass sie eine solche Nachricht an Sam einfach unterschlagen hatten, um sie im eigenen Saft schmoren zu lassen.
Sam hatte nicht vor, ihnen den Gefallen zu tun und mitzuspielen, indem sie sich ständig nach dem Verbleib des Anwalts erkundigte. Sie übte sich in Geduld und war froh, dass sie wenigstens ihren Mitgefangenen gleichgültig zu sein schien und die sie nicht auch noch angriffen. Sie grübelte immer noch darüber nach, wieso Ronan, Kevin und auch Axaryn so aggressiv auf sie reagiert hatten und kam zu keinem Ergebnis, da sie hier schlecht Magie anwenden konnte. Sie würde das deshalb zu Hause gründlich überprüfen.
»Samantha Tyler!«
Sam trat an das Trenngitter. »Hier!«
Ein Officer kam auf sie zu mit einem Zettel in der Hand. »Eine Nachricht von der Kanzlei Ihres Anwalts. Ihr Anwalt, Mr. Goldstein, hatte einen Autounfall. Wie es aussieht, hat er aus bisher unbekannter Ursache die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und ist in einen Tanklaster gerast. Beide Wagen sind in Flammen aufgegangen und vollständig verbrannt. Keiner der Insassen hat überlebt.«
Sam starrte den Mann entgeistert an. Jason Goldstein – tot? Nach allem, was während der letzten zwei Tage passiert war, glaubte sie keinen Moment an einen Unfall. Offenbar hatte LeGrand auch hier seine Finger im Spiel. Verdammt, was kam als Nächstes?
»Die Kanzlei schickt schnellstmöglich einen anderen Anwalt«, teilte ihr der Officer mit. »Kann aber ein paar Stunden dauern, bis er hier ist.«
»Officer, würden Sie bitte in der Kanzlei anrufen und den Leuten sagen, dass ich aus ihrer Kanzlei nur Mr. Goldstein als Vertreter wollte und niemand anderen. Da er nicht mehr zur Verfügung steht, will ich einen Pflichtverteidiger. Jeden anderen von Weston, Kruger & Goldstein lehne ich ab.« Sam schenkte dem Mann ein gewinnendes Lächeln. »Wären Sie so freundlich?«
»Na klar, tue ich gern«, versicherte er und kehrte an seinen Platz zurück, um das Telefonat zu führen.
Sam setzte sich wieder und schob eine Wolke aus Wut vor sich her. Jason Goldstein war tot, und der Ersatz, den man ihr mit Sicherheit zu schicken gedachte, war Scotts Schwager Bill Crawford, der ebenfalls für die Kanzlei arbeitete. Sam konnte es nicht riskieren, dass auch er auf LeGrands Abschussliste geriet. Zwar hatte sie ihn und seine Familie ebenfalls schon vor einiger Zeit mit Schutzzaubern belegt, aber sie war sich nicht sicher, ob die in diesem Fall ausreichten.
Sie schottete ihre Sitzecke mit einem Spiegelzauber ab, der bewirkte, dass jeder, der in ihre Richtung blickte, sie so sah, wie sie gerade auf der Bank hockte. Was sich hinter dem »Spiegel« abspielte, blieb für alle anderen unsichtbar. Ein weiterer Zauber verhinderte, dass einer ihrer Mitgefangenen auf die Idee käme, sich neben sie oder auch nur in ihre Nähe zu setzen. Anschließend sandte sie eine magische Einladung an einen Dienergeist in die Dimension, in der sie sich aufhielten, wenn sie nicht gerade anderweitig beschäftigt waren.
Ehe eine Stunde vergangen war, stand ein Dienergeist unvermittelt vor ihr. »Du hast gerufen. Ich will dir dienen«, sagte er in Unadru. »Welchen Dienst wünschst du?«
Sam stand auf. »Du sollst in meiner Gestalt meinen Platz einnehmen, bis ich deine Dienste nicht mehr brauche. Das kann nur Stunden oder auch Tage dauern.«
Der Dienergeist nahm auf der Stelle ihre Gestalt an und signalisierte ihr damit, dass er den Kontrakt akzeptierte. Er setzte sich auf die Bank, von der Sam gerade aufgestanden war. »Was muss ich beachten?«, fragte er mit ihrer Stimme.
»Sollte ein Anwalt namens Bill Crawford auftauchen und mich vertreten wollen, lehnst du ihn ab und lässt dich auf keine Diskussion ein. Jeder andere Anwalt, den man mir zuteilt, ist okay. Wenn sie dich zu einem Verhör holen, sagst du nichts ohne Anwalt. Und auch mit Anwalt nichts«, instruierte sie den Dienergeist weiter. »Ansonsten sieh zu, dass du in meiner Gestalt am Leben bleibst.«
»Ich werde tun, was du verlangst.«
Der Dienergeist verneigte sich leicht, und Sam verschwand aus dem Gefängnis und löste gleichzeitig den Spiegelzauber auf. Hätte sie ihre Kitsune-Kräfte noch besessen, so hätte sie mit ihrer Hilfe einen Homunkulus erschaffen können, der ihr aufs Haar glich und hätte keinen Dienergeist dafür bemühen müssen. Verdammt, die Kräfte fehlten ihr! Auch wenn sie die eigentlich gar nicht zurückhaben wollte. Doch so oft sie auch versuchte herauszufinden, wohin oder wie sie verschwunden waren, so erhielt sie nie ein Ergebnis. Alle ihr bekannten Zauber, die normalerweise sehr viel kompliziertere Dinge aufzudecken in der Lage waren, griffen in diesem Fall ins Leere. Doch im Moment war das Problem zweitrangig.
Sie sprang durch die Dimensionen in ihr Haus zurück – und landete mitten in einer Feuersbrunst ...

Tai’Conaru küsste die Halsbeuge der Frau, die sich lustvoll unter ihm wand und gerade von einem für sie ungewohnt heftigen Orgasmus geschüttelt wurde. Der Inkubus sog die dadurch frei werdende Energie in sich auf und genoss sie, während er die Frau weiter stimulierte, um die größtmögliche Menge der begehrten Nahrung zu bekommen.
»Oh Connor!«, stöhnte die Schöne und weinte beinahe vor Glück. »Connor, Connor!«
Conaru lachte leise und zog sich langsam aus ihr zurück, nachdem ihr Höhepunkt abgeebbt war. Sie streckte die Arme nach ihm aus und wollte ihn wieder an sich ziehen, doch er wich ihr aus.
»Ich muss gehen, Süße. Sagtest du nicht, dein Mann käme bald zurück.«
»Ach der«, seufzte sie. »Der kann mir doch gestohlen bleiben. Ich will dich, Connor.«
»Bei unserer nächsten Trainingsstunde, Annie«, versprach Conaru.
Er arbeitete als Personal Trainer für Chicagos High Society und genoss nicht nur bei den Frauen einen exzellenten Ruf, wenn natürlich auch die Männer ihn tatsächlich wegen der Trainingserfolge schätzten, die sie ihm zu verdanken hatten. Allerdings gab es auch mehr als einen Mann, der den gutaussehenden Inkubus unwiderstehlich fand, und Conaru war diesbezüglich nicht wählerisch.
Er hatte sich gerade wieder angezogen, als er spürte, dass beinahe gleichzeitig seine gesamte Familie in Gefahr geraten war, Samala, Lilama und Benyun. Doch Samala brauchte ihn am dringendsten. Er schnappte seine Sporttasche, hastete zur Tür von Annies Wohnung hinaus und sprang bereits durch die Dimensionen nach Cleveland, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
Er landete in Sams Haus mitten in einer Feuersbrunst, die seine Schwester gerade vergeblich einzudämmen versuchte, während vor dem Haus die von den Nachbarn gerufene Feuerwehr dasselbe mit profanen Mitteln versuchte.
Sam hatte sich mit einem Schutzschild umgeben, durch den die Flammen nicht an sie herankommen konnten, und dehnte dessen Wände gegen das Feuer hin aus, um auf diese Weise die Flammen zurückzudrängen.
»Gut, dass du da bist, Conaru!«, rief sie ihrem Bruder zu, als er unvermittelt neben ihr auftauchte. »Kannst du es löschen?«
Conaru beherrschte Feuerzauber jeder Art, wenn er auch im Gegensatz zu Jessie Johnson keine direkte Macht über die Feuerelementare besaß. Sam hatte noch nie erlebt, dass seine Fähigkeit beim Entzünden oder Ersticken eines Feuers versagt hätte. Doch ihr Bruder starrte sie jetzt nur gleichgültig an.
»Warum sollte ich dir helfen? Sieh zu, wie du allein klar kommst.«
Im nächsten Moment war er wieder verschwunden, und Sam fluchte. Dass sich auch Conaru gegen sie stellte, hatte sie nicht erwartet. Er war doch durch das Band des Blutes mit ihr verbunden, das ihn ja auch veranlasst hatte, ihr zu Hilfe zu eilen. Dass er einfach so wieder verschwand und sie ihrem Schicksal überließ ...
Natürlich kam sie auch allein zurecht, doch Conarus Fähigkeit hätte das Feuer sehr viel schneller und effektiver und vor allem schonender für die Einrichtung gelöscht. Sam dachte nicht weiter darüber nach und griff zum äußersten Mittel. Sie beförderte mit einem Bringzauber eine gewaltige Masse Wasser aus dem Erie See in ihr Haus, in der sich zehnmal so viele Wasserelementare tummelten wie es Feuerelementare in ihrem Haus gab und vertraute darauf, dass deren Übermacht die Feuerelementare vertreiben und somit das Feuer löschen würde. Um die Schadensbehebung würde sie sich später kümmern.
Sie ummantelte sich mit einem Unsichtbarkeitszauber und sprang durch die Dimensionen zu ihrem Büro, bevor die Wassermassen über sie hereinbrachen. Wie sie befürchtet hatte, war auch dort ein Feuer ausgebrochen, das die Feuerwehr zu löschen versuchte; doch für jeden durch das Löschmittel vernichteten Feuerelementar tauchten gleich zwei neue auf. Magische Feuer ließen sich nun mal nicht mit profanen Mitteln löschen. Und »Molly Spring«, die wie die im Gebäude arbeitenden Menschen auf der Straße hinter der Absperrung stand und ebenso wie sie äußerlich besorgt die Löscharbeiten verfolgte, verfügte nicht über die erforderliche Magie.
Sam konnte das Feuer hier nicht mit derselben Methode löschen wie in ihrem Haus, denn die Feuerwehrleute würden im Gegensatz zu denen im Cresthaven Drive sehen, dass buchstäblich wie von Zauberhand plötzlich Wasser in den Räumen erschien, was sich rational nicht erklären ließ. Das Wasser in ihrem Haus würde zwar auch Rätsel aufgeben, aber mangels Augenzeugen des »Wunders« nicht allzu sehr. Hier musste sie jedoch anders vorgehen.
Sie beschwor alle Wasserelementare in der Nähe und bat sie, die Feuerelementare zu vertreiben. Da zwischen den Feuer- und Wasserelementaren ohnehin eine natürliche Feindschaft bestand, kamen die Wassergeister ihrer Bitte nur zu gern nach. Die Sprinkleranlage, deren Düsen längst zu nutzlosen Metallklumpen verschmolzen waren, explodierte förmlich, als die Wasserelementare mit Macht nach draußen drängten. Andere schleusten sich zusätzlich in die Wasserschläuche und denen mit den anderen Löschmitteln ein, sodass den Feuerwehrleuten die Schläuche fast aus der Hand gerissen wurden, als die Wasserelementare regelrecht aus ihnen hervorschossen.
Danach war der »Kampf« relativ schnell vorüber und der letzte Feuerelementar vernichtet. Der Schaden schien nicht allzu schlimm zu sein und hatte sich zum Glück nur auf Sams Büro beschränkt und nicht auf den Rest des Gebäudes übergegriffen. Natürlich würde die Angelegenheit noch ganz weltliche Komplikationen nach sich ziehen, denn die Brandinspektoren würden sehr genau nach den Ursachen forschen, weshalb am selben Tag und zur selben Zeit sowohl das Haus wie auch das Büro derselben Person in Flammen aufgegangen war. Wenigstens würde auf Sam selbst wohl kein Verdacht einer entsprechenden Täterschaft fallen, da sie ja eigentlich noch im Gefängnis saß und somit das beste Alibi der Welt hatte.
Andererseits war sie sich da keineswegs sicher, denn nach allem, was seit gestern passiert war – besonders hinsichtlich der wachsenden Zahl von Leuten, die sich aus heiterem Himmel gegen sie stellte – sollte sie darauf lieber nicht wetten. Doch auch das war momentan unwichtig. Die Feuer waren entstanden, weil jemand Feuerelementare gezielt gezwungen hatte, sie zu entfachen. Nicht nur in Sams Domizilen, sondern auch, wie sie gefühlt hatte, in denen ihres Vaters und ihrer Geschwister. Doch das Gefühl, dass sie sich in Gefahr befanden, war bereits wieder verschwunden, woraus Sam schloss, dass es ihnen gelungen war, die Brände selbst auf die eine oder andere Weise zu löschen. Immerhin besaß der Rest ihrer Familie die Kitsune-Kräfte noch, die ihnen ganz andere Mittel in die Hand gaben als die Wasserelementare um Unterstützung zu bitten oder mit dem halben Erie Lake das Haus zu fluten.
Falls Sam noch Zweifel gehegt haben sollte, ob LeGrand Jessie in seiner Gewalt hatte, so hatten die Feuer diese beseitigt. Denn Jessie besaß die Gabe, die Feuerelementare zu beherrschen. Sam musste LeGrand endlich finden und unschädlich machen, bevor er noch mehr anrichten konnte. Wenn sie bloß wüsste, wo er steckte! Gewiss plante er schon die nächste Gemeinheit, nachdem er jetzt Sams Haus und Büro verwüstet hatte.
Mit einem Mal erinnerte sie sich, warum ihr Aaron Kumara auf dem Foto, das sein Bruder ihr gegeben hatte, so bekannt vorgekommen war. Sie hatte sein Gesicht schon einmal gesehen – als hassverzerrte Fratze auf dem Gemälde, vor dem Edward zum Selbstmord gezwungen worden war. Jenes Gemälde, auf dem er sich eines blonden Mädchens – Jessies – bediente, um mehrere Häuser in Flammen aufgehen zu lassen. Nur hatte sie seine Züge durch die Verzerrung nicht erkannt. Verdammt!
Wenn sie rechtzeitig begriffen hätte, dass das Mädchen auf dem Bild Jessie war, hätte sie Lady Sybilla warnen können und LeGrand hätte Jessie vielleicht nie in seine Gewalt bringen können. Doch es war natürlich müßig, sich jetzt noch darüber Gedanken zu machen. Die Dinge waren nicht mehr zu ändern. Sie musste jetzt dafür sorgen, dass das Unheil, das LeGrand heraufbeschworen hatte, endlich endete. Vor allem brauchte sie einen Ort, an dem sie vorübergehend ihr Domizil aufschlagen konnte.
In ihr Haus konnte sie nicht zurück, ebenso wenig in ihr Büro, solange die Brandinspektoren ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen hatten. Außerdem saß sie ja immer noch im Gefängnis und durfte »draußen« deshalb nirgends in Erscheinung treten; zumindest nicht in ihrer wahren Gestalt. Zu ihrer Familie konnte sie auch nicht; nicht nur weil die dieselben Probleme hinsichtlich der ausgebrannten Wohnungen hatte. Nachdem Conaru sie beinahe feindselig behandelt hatte, musste sie davon ausgehen, dass Benyun und Lilama dasselbe täten, sobald sie Sam erblickten. In ein Hotel sollte sie besser auch nicht, selbst wenn sie ihr Äußeres magisch verändert hätte.
Kurz entschlossen sprang sie durch die Dimensionen in Cronos’ Wohnung.

Bruder Graham, der immer noch in seinem Mietwagen vor dem Police Departement hockte und sich auf die Präsenz des Dämons konzentrierte, registrierte mit den entsprechenden Sinnen eines Defensors, dass sie im Gebäude Magie anwandte und gleich darauf verschwunden war. Er stieß frustriert die Luft aus. Offenbar hatte sie mithilfe ihrer dämonischen Magie einen Ortswechsel vorgenommen. Zwar stand ihr Jeep noch auf dem Parkplatz, aber der Mönch hatte das sichere Gefühl, dass es eine Weile dauern würde, bis sie den abholte. Wenn er ihr auf den Fersen bleiben wollte, sollte er nicht darauf warten.
Er fuhr zu ihrem Haus und kam nur bis zur Absperrung, die die Feuerwehr immer noch aufrecht erhielt.
»Tut mir leid, Sir, eh, Pater«, sagte einer der Männer, als er die Kutte und das Silberkreuz des Mönchs sah. »Sie können hier nicht durch. Hier hat es gebrannt.«
»Wo denn?«
»Nummer 198. Das Feuer ist zwar gelöscht, aber wir müssen noch abwarten, ob nicht noch irgendwo ein Schwelbrand ist, der wieder aufflammt. Kehren Sie bitte um.«
Bruder Graham wendete gehorsam seinen Wagen und fuhr wieder in die Innenstadt, denn seine Denfensor-Sinne sagten ihm, dass der Dämon ohnehin nicht im Haus war. Dass aber ausgerechnet dessen magisch geschütztes Haus ausgebrannt war, gab ihm zu denken.
Er fuhr in die Chester Avenue zu Sam Tylers Büro und stellte fest, dass auch das ausgebrannt war und es von ihr selbst keine Spur gab. Der Mönch vermutete, dass sie sich bei ihrem Gefährten aufhielt, der das Antiquitätengeschäft betrieb und versuchte dort sein Glück. Doch auch in dem Geschäft und der darüber liegenden Wohnung hatte es gebrannt, und keiner der beiden Seelenfresser hielt sich dort auf. Bruder Graham kam zu dem Schluss, dass er nicht der einzige Feind dieser Höllenkreaturen war. Falls er deren zweiten Widersacher ausfindig machte, konnte er sich möglicherweise mit ihm zusammentun nach dem alten Motto: Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Zumindest vorübergehend.
Da er sich darauf natürlich nicht verlassen konnte, würde er weiter nach dem Seelenfresser suchen. Falls diese Kreatur noch ein anderes Versteck besaß oder sich eins gesucht hatte, so befand sich das höchstwahrscheinlich in einem Randgebiet der Stadt. Möglicherweise auf dem verlassenen Industriegelände, auf das sie ihn gelockt hatte und beinahe getötet hätte. Er beschloss, sein Glück dort zu versuchen und, falls er dort nicht fündig wurde, systematisch das gesamte Stadtgebiet nach dem Dämon abzusuchen, spiralförmig von den Randgebieten zum Zentrum hin.
Er würde die Höllenbrut finden; es war nur noch eine Frage der Zeit.

Cronos lag in seinem Bett und schlief, als Sam in seiner Wohnung ankam. Es war ja auch heller Tag und somit des Vampirs Nacht. Sam hatte auch nicht vor, ihn zu wecken. Sie setzte sich in sein Wohnzimmer, dessen Jalousien lichtdicht geschlossen waren, ohne das Licht einzuschalten und dachte nach.
Wieso stellten sich so viele Leute und sogar ihre eigene Familie gegen sie? Wo war das Muster? Natürlich war ihr klar, dass LeGrand dahinter steckte. Ohne jeden Zweifel. Aber wie? Sie schüttelte den Kopf. Alles hatte begonnen, als sie seinen Brief mit der Rachedrohung erhalten hatte.
Als sie den Brief erhalten hatte ...
Sam stieß einen Fluch aus und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Natürlich! LeGrand hatte den Brief mit einem Fluch belegt. Dass er trotzdem den magischen Schild hatte passieren können, den nichts Böses durchdringen konnte und dass sie den Fluch nicht gespürt hatte, lag daran, dass er ihn mit einem entsprechenden Tarnzauber versehen haben musste, andernfalls ihm das Husarenstück niemals gelungen wäre. Verdammt, sie hätte mit so etwas rechnen müssen; nicht nur von LeGrand, sondern generell. Das Problem war nur, dass Tarnzauber ihre Bezeichnung nicht zu unrecht trugen, sondern deshalb, weil es Sams Wissen nach unmöglich war, einen solchen Zauber magisch aufzuspüren oder zu enttarnen.
Jedenfalls wusste sie jetzt, warum alle Leute sich schlagartig gegen sie wandten. Nein, nicht alle. Der Officer im Polizeidepartement, der ihr die Nachricht von Jason Goldsteins Tod überbracht hatte, hatte nicht feindlich reagiert. Auch die Mitgefangenen in der Zelle waren nicht aggressiv geworden. Nur die Wesen, die Sam ihre Freunde nannte, hatten sich schlagartig in ihre Feinde verwandelt, kaum dass sie sie gesehen hatten. Und Conaru, der sich durch das Band des Blutes, das sie miteinander vereinte, niemals aktiv gegen sie stellen oder sie sogar angreifen konnte, hatte sie gleichgültig im Stich gelassen. Wenn sie nicht alles täuschte, so müsste sie relativ sicher sein, wenn sie sich von ihren Freunden fernhielt.
Und Cronos war auch ihr Freund.
Sam musste augenblicklich hier verschwinden, bevor ...
Der Vampir war über ihr, noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Er packte sie im Genick und schleuderte sie zu Boden, ehe er sie mit einem Knie dort festnagelte und versuchte, ihr mit seinen Reißzähnen die Halsschlagader zu zerfetzen. Zum Glück stand die schiere Körperkraft eines Sukkubus der eines Vampirs in nichts nach. Sam wälzte sich herum und warf Cronos von ihrem Rücken, ehe dessen Zähne ihr Ziel erreicht hatten. Der Vampir stürzte sich sofort wieder auf sie. Sam zog die Beine an, stieß Cronos die Füße mit aller Kraft in den Bauch, sodass der Vampir krachend gegen die mehrere Meter entfernte Wand flog.
Bevor er einen neuen Angriff starten konnte, war Sam verschwunden, und Cronos brüllte seinen Hass auf sie hinaus.

Gwyn Harper saß mit seiner geliebten keltischen Harfe im Schoß im Wohnzimmer seiner Freunde Sean und Vivian O’Shea in Atlanta und genoss zwei Dinge: nur für seine Freunde die Harfe zu spielen – obwohl er das Bad in der Menge seiner Fans durchaus liebte – und dass es ausnahmsweise einmal nicht »dienstliche« Angelegenheiten waren, die die drei Wächter der Vampirgemeinde heute zusammengeführt hatten. Gwyn hatte in Atlanta eine Reihe von Konzerten gegeben und »erholte« sich noch ein paar Tage bei Sean und Vivian. Er freute sich schon auf die nächste Schachpartie mit Vivian und die nächste Mahlzeit, die Sean aus einer Kombination von Blut mit angedünstetem Fleisch und Gemüse zaubern wollte.
Unvermittelt durchfuhr ihn eine Welle von Hass, die ihn beinahe schmerzte. Seine Finger verfehlten die Saiten, und die wunderschöne Melodie, die er spielte, brach mit einem hässlichen Misston ab.
»Was ist los, Gwyn?«, fragte Vivian alarmiert.
Der Harfenist blickte Sean an. »Cronos. Er empfindet einen so wahnsinnigen Hass auf jemanden und eine Wut, die ...«
Er stellte die Harfe zur Seite, griff zu seinem Handy und wählte Cronos’ Nummer. Durch seinen Seelenbund mit Seans Sohn empfand er dessen Emotionen unwillkürlich ebenfalls, ganz gleich, wo auf der Welt der sich gerade aufhielt; zumindest wenn sie derart stark waren wie diese. Gwyn musste das Handy recht lange klingeln lassen, ehe Cronos endlich das Gespräch annahm.
»Was?«, zischte er mit einer feindseligen Stimme, die so gar nicht zu ihm passte.
»Cronos, was ist passiert?«
»Ich brauche ein paar Wächter hier, die mir helfen, diese Ausgeburt der Hölle zur Strecke zu bringen.«
Da Vampire über ein ausgezeichnetes Gehör verfügten, das den sprichwörtlichen Luchsohren in nichts nachstand, hörten auch Sean und Vivian jedes Wort.
»Wen denn? Ist deine Kolonie in Gefahr?« Die erst vor wenigen Wochen in Cleveland entstandene Vampirkolonie zählte zwar erst neun Mitglieder, doch nach den Vorfällen dort12 hatte der Rat der Wächter entschieden, einen Wächter vor Ort zu stationieren, und Cronos hatte sich freiwillig gemeldet.
»Nein, aber ich muss Sam vernichten.«
»Wie bitte? Sam? Was hat sie denn getan?«
Gwyn traute seinen Ohren nicht. Er hatte Sams Blut getrunken und dadurch ihr gesamtes Wesen bis in die verborgensten Tiefen kennengelernt. Sam besaß nicht nur eine dämonisch dunkle Seite, sondern auch ein angeborenes Licht, von dem sich der alte Vampir nicht vorstellen konnte, dass es zulassen könnte, dass Sam etwas tat, das es rechtfertigte, sie zu töten. Erst recht nicht von der Hand eines Vampirwächters.
»Sie ist eine Ausgeburt der Hölle, eine Abscheulichkeit, die kein Recht hat zu leben.«
»Cronos, was ...«
»Cronos, reiß dich zusammen und berichte uns, was passiert ist«, unterbrach Sean.
»Sie ist eine Gefahr für uns alle und eine Gefahr für die Menschen. Wir müssen sie unschädlich machen.«
»Aber warum denn, bei allen Göttern?«, beharrte Gwyn, doch Cronos wiederholte nur immer wieder, dass Sam den Tod verdient hatte.
Die drei Vampire sahen einander besorgt an. Dass in Cleveland irgendwas nicht stimmte, war offensichtlich. Dass das in einer Katastrophe enden würde, falls es ihnen nicht gelang, eben die zu verhindern, auch.
»Cronos, komm sofort nach Atlanta«, befahl Sean schließlich. »Wir besprechen die geeigneten Maßnahmen hier vor Ort und entscheiden, wie wir vorgehen müssen.«
»Aber die Dämonin muss vernichtet werden!«, beharrte Cronos. »Ich komme, wenn ich das erledigt habe.«
»Du kommst auf der Stelle zurück, Neferton!« Seans Stimme war schneidend. Dass er Cronos mit seinem Geburtsnamen anredete, war ein Zeichen, dass er keinen Widerspruch duldete. »Das ist ein Befehl des Vorsitzenden des Wächterrats, nicht deines Vaters. Du bist deines Postens als Wächter für Cleveland enthoben. Solltest du dem zuwider handeln, werden wir an dir das Gesetz vollstrecken wie an jedem anderen, der es bricht.«
»Cronos, mein Bruder«, mischte sich Gwyn ein, bevor Cronos oder Sean noch etwas sagen konnten, das sie später sehr bereuen würden, »wir machen uns Sorgen um dich. Die Dämonin ist für einen Vampir allein zu gefährlich, und wir wollen dich nicht verlieren. Außerdem fällt Sam nicht unter unsere Jurisdiktion. Ich werde Lady Sybilla benachrichtigen, dass sie sich um sie kümmert. Komm bitte, so schnell es geht, zu uns. Wir warten auf dich.«
Am anderen Ende der Leitung war es eine Weile still. »Gut, ich komme noch heute«, gab Cronos schließlich widerstrebend nach und unterbrach die Verbindung.
Gwyn, Sean und Vivian sahen einander besorgt an.
»Danke, Gwynal«, sagte Sean schließlich und schüttelte reumütig den Kopf. »Ich weiß nicht, was irgendwann einmal schief gelaufen ist zwischen uns, aber mein Sohn löst in mir jedes Mal Anwandlungen von Unvernunft und Ungeduld aus, die gar nicht zu mir passen.« Er seufzte tief. »Selbst zu unseren besten Zeiten scheinen wir uns ständig misszuverstehen und ohne Streit nicht auskommen zu können.«
»Ja, zwischen euch beiden der Puffer zu sein ist manchmal überaus anstrengend«, klagte Gwyn. »Dabei seid ihr beide älter als ich.«
»Womit bewiesen wäre, dass Alter und Weisheit nicht immer Hand in Hand gehen«, stellte Vivian fest, die gerade 390 Jahre alt und somit mit Abstand die Jüngste unter ihnen war. »Irgendwie tröstet mich das.«
»Was zum Teufel ist da los?«, überlegte Sean und überging ihre Bemerkung, streichelte aber liebevoll ihre Schulter. »So kenne ich meinen Sohn nicht. Er hat seine Fehler, aber dieses Verhalten passt nicht zu ihm. Wenn ich es nicht besser wüsste, so wäre ich beinahe versucht zu behaupten, dass das eben gar nicht mein Sohn war.«
Gwyn griff zum Telefon und wählte Sams Nummer. »Sam, was ist los bei dir?«, fragte er, kaum dass sie sich mit einem genervten »Hallo Gwyn!« gemeldet hatte. »Was hast du getan, dass Cronos dich umbringen will?«
»Nichts, Gwyn, ich schwöre es!«, versicherte Sam und zögerte kurz, ehe sie sich entschloss, dem alten Vampir reinen Wein einzuschenken. »Ein alter Feind von mir ist aufgetaucht, der mich diesmal endgültig erledigen will. Er hat es geschafft, mich mit einem Fluch zu belegen, der bewirkt, dass sich jeder Freund, den ich habe, gegen mich stellt. Der wird nicht eher ruhen, bis einer von uns beiden tot ist.«
»Sage mir, wie wir dir helfen können, Sam«, bot der Vampir sofort an. »Wir verfügen zwar nicht über magische Fähigkeiten, aber wir können dich bestimmt auf andere Weise unterstützen.«
Sam seufzte tief. »Gwyn, ich weiß dein Angebot zu schätzen, und ich würde nichts lieber tun als es anzunehmen. Aber damit brächte ich euch in Gefahr. Jeder, der mir helfen will, endet momentan als Leiche. Drei sind schon tot. Und jeder Freund will mich entweder umbringen wie Cronos oder mich anderweitig fertig machen. Ich möchte nicht auch noch gegen euch kämpfen müssen oder für euren Tod verantwortlich sein. Also haltet euch fern von mir und tretet nicht mehr mit mir in Kontakt. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob der Fluch nicht auch durch so etwas Harmloses wie ein Telefongespräch eure ‚Witterung’ bekommt und auch euch noch negativ beeinflusst. Ich schaffe das schon irgendwie.«
»Bist du dir sicher, Sam?« Gwyns Stimme klang überaus besorgt.
»Ja. Notfalls muss ich vor der geplanten Zeit aus Cleveland verschwinden und ‚Sam Tyler’ sterben lassen. Ich komme schon klar. Aber ich danke dir sehr für das Angebot. Es tut gut zu wissen, dass ihr noch auf meiner Seite seid, Meister der Nacht.«
Sie unterbrach die Verbindung. Gwyn starrte nachdenklich das Handy an, ehe er eine neue Nummer wählte und Lady Sybilla anrief.
»Es geht um Sam Tyler, Mylady«, begann er, als die Hexe sich meldete. Weiter kam er nicht, denn Lady Sybilla erklärte ihm nicht minder hasserfüllt als Cronos, dass man sich bereits um das Problem kümmere und Sam Tyler in kürzester Zeit Geschichte sein würde. So oder so.
Gwyn erhob sich, kaum dass das Gespräch beendet war. »Ich muss zu ihr und ihr helfen. Ich kann Sam nicht im Stich lassen.«
»Mal ganz abgesehen davon, dass sie keine von uns ist, Gwynal«, wandte Sean bedächtig ein, »warum willst du nicht nur dein Leben riskieren, sondern auch noch ihres? Vielleicht auch noch das von anderen. Du hast gehört, was sie gesagt hat. Sobald du mit ihr in persönlichen Kontakt trittst, wirst du zu ihrem Feind.«
»Sie ist etwas ganz Besonderes, Sen. Und damit meine ich nicht, dass sie das für mich persönlich wäre. Sie ist ...« Er konnte nicht weitersprechen, denn etwas hinderte ihn daran, gegen das er sich nicht wehren konnte. »Ich kann es dir nicht sagen, so gern ich das auch möchte. Ich kann nur sagen, dass sie ...« Er schüttelte den Kopf. »Dass ich alles tun werde, um sie zu beschützen.«
»Nein, Gwynal, das wirst du nicht tun. Und das ist ein Befehl deines Ratsvorsitzenden.«
Gwynal starrte Sean finster an. »Mit welcher Begründung?«, verlangte er zu wissen.
»Mit der Begründung, die Sam selbst dir genannt hat: dass jeder Helfer als Leiche endet und jeder Freund zu ihrem Feind wird. Selbst wenn ich geneigt wäre, in ihrem Fall von der Prämisse eine Ausnahme zu machen, dass wir Vampire uns nur um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Sam steckt in einem schlimmen Konflikt mit jemandem, der ihr Feind ist, nicht unserer. Wir haben genug eigene, und wir können es nicht riskieren, dass durch die dadurch möglichen Folgen Menschen von unserer realen Existenz erfahren. Der Schutz der Gemeinschaft hat oberste Priorität. Gerade für uns Wächter, wie du weißt.«
Er legte Gwyn eine Hand auf die Schulter. »Sam ist kein schwacher Mensch, sondern eine Dämonin. Sie selbst ist sich sicher, dass sie die Sache allein regeln kann. Wenn du ihr zu Hilfe eilst als der ‚Weiße Ritter’, der du manchmal bist« – Sean gestattete sich ein wohlwollendes Lächeln, ehe er ernst fortfuhr – »handelst du damit gegen ihren ausdrücklichen Willen, den wir aber zu respektieren haben. Falls sie tatsächlich unsere Hilfe braucht, wird sie sich melden. Dann ist es immer noch früh genug, sie zu ‚retten’.«
Gwyn stieß einen tiefen Seufzer aus, ließ sich wieder in seinen Sessel fallen und blickte Sean missmutig an. »Senefhotep, mein Freund, deine verdammte Abgeklärtheit geht mir manchmal entsetzlich auf die Nerven. Aber wo du recht hast, hast du nun mal recht. Ich hoffe nur, dass Sam wirklich klug genug ist zu wissen, wann es an der Zeit ist, um Hilfe zu bitten. Wen auch immer.«
In seinem Herzen wusste er allerdings, dass dem so war. Trotzdem konnte es nicht schaden, sie auf die einzige Weise zu unterstützen, die ihm im Moment übrig blieb.
Er zog sich zurück, baute in dem Gästezimmer, das Sean und Vivian ihm zur Verfügung gestellt hatten, seinen mobilen Reisealtar auf und führte ein Segensritual durch, in dem er die alten Götter, die er schon sein Leben lang verehrte, inständig bat, Tai’Samala zu beschützen.

Sam starrte ihr Handy nachdenklich an, nachdem sie die Verbindung zu Gwyn unterbrochen hatte. Wie sie dem alten Vampir gesagt hatte, bestand tatsächlich die Gefahr, dass selbst ein kurzer Anruf theoretisch genügte, um den Fluch zu initiieren. Das durfte sie nicht länger riskieren. Sie belegte ihr Handy und auch ihr Festnetztelefon sowie das im Büro und ihre Faxgeräte mit einem Zauber, der bewirkte, dass jeder Anruf, der von einem ihrer Freunde kam, abgeblockt wurde, bevor er auch nur zur Hälfte durchkam. Zumindest bis diese unselige Angelegenheit gelöst war, würden sie alle nur »Kein Anschluss unter dieser Nummer!« zu hören bekommen.
Sam belegte auch ihr Haus und das Büro mit einem Zauber, um zu verhindern, dass irgendjemand von ihnen sie aufsuchte. Mochten beide auch ausgebrannt sein, so bestand dennoch die Gefahr, dass es genügte, wenn jemand in die Nähe kam. Sobald sie sich einem der beiden Orte bis auf hundert Meter genähert hätten, würden sie den unwiderstehlichen Drang – um nicht zu sagen Zwang – verspüren, entweder auf der Stelle umzukehren oder daran vorbei zu gehen und zu vergessen, dass sie zu Sam gewollt hatten.
Zusätzlich kappte sie magisch noch jedes Band, das sie in Freundschaft oder auch nur durch einfaches Miteinanderbekanntsein mit irgendwem verband. Sogar die Bindung zu ihrer Familie, soweit es möglich war. Natürlich einte sie das Band des Blutes, das zwar ebenfalls magisch zerstört werden konnte, doch dazu waren andere Voraussetzungen notwendig, die hier nicht gegeben waren. Trotzdem würde ihre Familie vorübergehend »vergessen«, dass sie noch eine Tochter und Schwester namens Samala hatten und sich erst wieder daran erinnern, falls Sam sich in Lebensgefahr befand. Sollte es ihr gelingen, den Fluch zu brechen, würden sich diese Zauber von selbst wieder auflösen.
Diese Maßnahmen verschafften ihr zwar etwas Luft, lösten aber leider nicht das Problem. Sie musste den Fluch irgendwie loswerden, doch das war nicht so leicht. Zwar gab es etliche Zauber und Rituale, um einen Fluch zu neutralisieren, doch die wirkten nur bei herkömmlichen Flüchen. Bei einem sogenannten »niedergelegten« Fluch, der auf magische Weise nicht nur an seinen Initiator, sondern auch an die astrale Ebene des Universums gebunden wurde, blieb der Fluch buchstäblich in Ewigkeit bestehen. In seltenen Fällen ließ der Verursacher sich noch ein Hintertürchen offen, indem er eine Möglichkeit einbaute, die ihm selbst es ermöglichte, den Fluch wieder aufzuheben, doch war er in so einem Fall der Einzige, der das zu tun vermochte.
LeGrand wollte Sam vernichtet sehen und hatte in seinem Fluch ganz sicher kein solches Hintertürchen eingebaut. Erst recht hätte er keinen gewöhnlichen Fluch gewirkt, den jede Anfängerhexe hätte brechen können. Nur hochrangige Dämonen wie Luzifer und die Zehn Mächtigen Fürsten, vielleicht auch Axaryn waren unter gewissen Umständen in der Lage, einen solchen Fluch zu neutralisieren. Doch sie konnte Axaryn nicht trauen, solange der Fluch wirksam war. Einen der Zehn Mächtigen konnte sie nicht um Hilfe bitten, da sie ihm sonst einen Gefallen geschuldet hätte, was sie auf gar keinen Fall riskieren würde.
Und Luzifer war der Letzte, den sie um Hilfe bitten würde. Danaya besaß als seine Tochter zwar auch die erforderliche Macht, aber sie war durch das Band des Blutes an Sam gebunden und würde wahrscheinlich allein deshalb ebenfalls von dem Fluch betroffen sein. Es musste eine andere Möglichkeit geben.
Sam grübelte darüber nach, während sie auf ihrem tief im Cuyahoga Valley National Park verborgenen Kraftplatz saß und sich hier einigermaßen sicher fühlte. Natürlich konnte sie hier nicht bleiben. Nach Hause konnte sie immer noch nicht, und so blieb genau genommen nur ein einziger Ort übrig. Den aufzusuchen widerstrebte ihr allerdings. Doch letztendlich wäre sie dort im Moment am sichersten.
Sam sprang durch die Dimensionen in die Unterwelt an den Ort, an dem sie vor 66 Jahren mit ihrer Familie gelebt hatte, bevor sie sich entschieden hatten, sich permanent in der Welt der Menschen niederzulassen. Das Haus, in dem sie dort gewohnt hatten, war unverändert, und niemand hatte sich inzwischen darin niedergelassen. Was sicherlich daran lag, dass entsprechende Zauber diesen Bereich eben dagegen – und gegen andere unangenehme Dinge – schützten. Sam hatte allerdings nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen. Vielleicht war sie dafür zu lange nicht mehr hier gewesen; der Ort fühlte sich jedenfalls fremd an. Aber er war ein sicheres Refugium, und das brauchte sie jetzt dringend.
Sie verdrängte die Anwandlungen von Nostalgie, als sie sich in ihrem Zimmer auf das Bett legte, das noch so war, wie sie es verlassen hatte. Mit unter dem Kopf verschränkten Armen starrte sie an die Decke und dachte nach. Es musste eine Möglichkeit geben, LeGrands Fluch zu brechen. Sie wusste, dass es etwas gab, das das bewerkstelligen konnte. Sie konnte sich nur nicht erinnern, was es war. Mit einem Erinnerungszauber half sie ihrem Gedächtnis schließlich auf die Sprünge und fluchte gleich darauf.
Ja, es gab ein Mittel, mit dem man selbst die stärksten niedergelegten Flüche brechen konnte: den Schweiß von Kogorynwürmern. Diese Wesen von der zehnfachen Größe einer Anakonda existierten in einer Region der Unterwelt, die selbst für Dämonen zu unwirtlich war, um dort zu leben. Sie bestand nur aus Sand und Geröll eines Minerals, das es nur in der Unterwelt gab. Die Temperatur war ehr niedrig und Sand und Steine ständig in Bewegung, wodurch sie einander abschliffen und sehr viel Staub erzeugten, den die Würmer aufwirbelten und einatmeten, da er ihre Nahrung darstellte.
Normalerweise gerieten sie in ihrem kalten Domizil niemals ins Schwitzen, doch schon eine relativ kleine Erhöhung der Umgebungstemperatur genügte, um ihre Haut eine Flüssigkeit absondern zu lassen, die nicht nur bestialisch stank, sondern auch jede Magie neutralisierte einschließlich selbst der stärksten Flüche. Diese Flüssigkeit war sehr begehrt bei den Dämonen, um Konkurrenten vorübergehend oder permanent ihrer magischen Kräfte zu berauben oder eben niedergelegte Flüche zu brechen. Leider war es nicht nur schwierig, an die Würmer überhaupt heranzukommen, da jede Magie in ihrer Nähe unwirksam war, sie waren auch überaus aggressiv und besaßen neben einem Giftstachel in jedem ihrer acht Hinterleibteile eine Reaktionsschnelligkeit, der die meisten Dämonen nicht gewachsen waren.
Sam machte sich keine Illusionen über ihre Chancen, einen Abstecher ins Reich der Kogorynwürmer zu überleben. Eins der Biester hätte sie getötet, lange bevor es ihr gelungen wäre, einen von ihnen zum Schwitzen zu bringen und seinen Schweiß einzusammeln. Sie brauchte Hilfe. Doch wen konnte sie darum bitten? Sie besaß in der Unterwelt keine Freunde, allein schon deshalb nicht, weil Dämonen ohnehin keine Freundschaften pflegten, sondern allenfalls Allianzen, die so flüchtig und instabil waren wie ein Duft. Und kein Dienergeist würde sich auf eine solche Mission einlassen, die mit unfehlbarer Sicherheit das Ende seiner Existenz bedeutete.
Natürlich gab es Dämonen, die es schaffen konnten, ihr den Schweiß zu besorgen. Doch wenn sie einen von denen darum bat, musste sie ihm dafür eine Gegenleistung erbringen. Dieser Preis wäre mit Sicherheit etwas, das Sam weder geben wollte noch konnte, ohne dadurch erhebliche Nachteile zu erfahren. Es sei denn ...
Es sei denn, sie spielte die Königin der Unterwelt und befahl einem ihrer »Untertanen«, den Kogorynschweiß zu beschaffen.
Sam stöhnte entnervt, als sie begriff, was Luzifer gemeint hatte, als er sagte, sie sollte daran denken, dass sie als seine Königin in seinem Reich absolut sicher wäre. Solange LeGrands Fluch wirksam war, gab es tatsächlich keinen anderen Ort, wo sie relativ sicher war – vollkommen sicher, wenn sie das Amt der Königin akzeptierte. Schließlich würde kein Dämon es wagen, sich an der Königin zu vergreifen, die Luzifer sich erwählt hatte und die bereits die Mutter seiner Tochter war.
Falls er nicht tatsächlich einen Weg gefunden hatte, seinen Schwur zu umgehen, so hatte er doch – wahrscheinlich durch einen intensiven Blick in seine Orakelschale – gewusst, dass LeGrand zurückkehren und sich rächen würde und auch auf welche Weise und die Situation schamlos für sich ausgenutzt. So ungern Sam das zugab, so entsprach es dennoch der Wahrheit, dass er sie geschützt hatte, indem er sie zu seiner Königin machte. Und er hatte ihr damit die Möglichkeit in die Hand gegeben, den Fluch zu brechen. Allerdings um den Preis, dass Sam zumindest ein einziges Mal als Königin der Unterwelt agieren musste, um das zu erreichen. Verdammt!
Doch ihr blieb keine andere Wahl, wie sie feststellte, nachdem sie zwei Stunden lang sämtliche Optionen geprüft und alle möglichen Szenarien durchgespielt hatte. Falls sie je wieder in die Menschenwelt zurückkehren wollte, musste sie den Fluch brechen. Natürlich konnte sie Cleveland verlassen, den Kontakt zu all ihren Freunden radikal abbrechen und sich anderswo niederlassen. Allerdings war sie sich relativ sicher, dass der Fluch sich nicht nur auf die Leute konzentrierte, die sie als ihre Freunde betrachtete, sondern auch Leute, in deren Augen Sam eine Freundin war. Das bedeutete, sie durfte nie wieder zulassen, dass irgendein Mensch oder Anderswesen ihr emotional nahe käme. Mit anderen Worten: Sie musste völlig isoliert bleiben. Doch gerade der intensive Kontakt mit Menschen, der über die Befriedigung ihres Sukkubus-Hungers hinaus ging, machte den Aufenthalt in der Mittelwelt so interessant.
Die einzige andere Alternative wäre, wieder in der Unterwelt zu leben, wo es keine Freundschaften gab, sondern nur Leidenschaft, Lust und Zweckgemeinschaften der unterschiedlichsten Formen. Jedoch hatte bereits ihr kurzer Aufenthalt ihr gezeigt, dass sie sich hier nie wieder würde heimisch fühlen können. Außerdem wäre das genau das, was Luzifer wollte: dass sie freiwillig hier blieb und sich ihm natürlich irgendwann anschließen würde.
So oder so, sie spielte Luzifer damit in die Hände. Letzteres käme dem sprichwörtlichen Austreiben des Teufels mit Beelzebub gleich, doch war dieser »Beelzebub« nicht annähernd so schlimm wie der »Teufel«. Sam traf ihre Entscheidung. Und sie wusste auch schon, wen sie für ihre Zwecke einspannen konnte.
Sie sprang an einen neutralen Ort, der weit genug von ihrem Domizil entfernt lag, und stieß einen magischen Ruf aus, der Tashlaat galt, dem Dämon, der durch ihre Intervention als »Königin« seinen Widersacher Gromorok ausgeschaltet und dem Yorka-Reich damit eine empfindliche Schlappe zugefügt hatte. Falls der geneigt wäre, ihm zu folgen, würde sie nicht lange auf ihn warten müssen. Dass er bereits drei Sekunden später vor ihr stand, überraschte sie allerdings. Der Lavadämon nahm Menschengestalt an, sank augenblicklich auf ein Knie und verbeugte sich ehrerbietig.
»Meine Königin«, knurrte er, ehe er sich wieder aufrichtete und sie abwartend ansah.
»Ich habe einen Auftrag für dich, Tashlaat.«
»Was soll ich tun?«
»Ich brauche den Schweiß eines Kogorynwurms. Beschaffe ihn mir.«
»Wie meine Königin befiehlt«, bestätigte der Dämon seine Dienstbereitschaft mit einer Verbeugung und verschwand.
Es gab Sam ein intensives Gefühl von Befriedigung, dass ein Dämon wie Tashlaat, der zu der Sorte gehörte, die auf Sukkubi, Inkubi und ähnliche »niedere« Dämonenarten verächtlich herabzusehen pflegte, ihr aufs Wort und ohne zu zögern gehorchte. Dass er ohne den geringsten Protest eine Aufgabe erfüllte, die auch für einen Lavadämon nicht gerade leicht war. Das Gefühl der Macht, das sich in ihr ausbreitete, war unglaublich süß und verführerisch und tat nach den Schlappen der letzten zwei Tage wahnsinnig gut.
Sam holte mit einem Bringzauber eine bequeme Sitzgelegenheit zu sich, die einer Chaiselounge ähnelte, und machte es sich darauf bequem. Es würde eine Weile dauern, bis Tashlaat zurückkehrte. Da er sie für seine Königin hielt, war es besser, wenn sie zumindest nach außen hin dem Bild entsprach. Sie holte sich auch einen hervorragend schmeckenden Wein und genoss ihn schluckweise aus einem schwarzen Kelch aus Obsidian, während sie ihre nächsten Schritte plante und ein paar Dienergeister zu sich rief, die ihr eine ganz profane Massage mit duftenden Substanzen angedeihen ließen.
Sobald sie LeGrands Fluch los wäre, würde sie den Bokor mit allen Mitteln ausfindig machen und vernichten. Sie konnte nur hoffen, dass er Jessie nicht in der Zwischenzeit getötet hatte. Für einen Moment war sie versucht, Tashlaat auch zu befehlen, LeGrand zu töten. Doch der Dämon hätte erstens keine Rücksicht auf Jessie genommen, falls sie noch am Leben war, und zweitens wäre das ein weiterer Schritt zu dem Ziel gewesen, das Luzifer erreichen wollte. Nein, sie würde LeGrand allein erledigen.
Tashlaat kehrte bereits nach knapp zwei Stunden zurück und trug eine Steinschale in den Händen, in denen sich mindestens zwei Liter einer grünbraunen stinkenden Flüssigkeit befanden. Er ging vor Sams Chaiselounge auf ein Knie und hielt ihr die Schale entgegen.
»Der Kogorynschweiß, meine Königin. Kann ich meiner Königin noch einen weiteren Dienst erweisen?«
Beinahe hätte Sam sich gewohnheitsmäßig bedankt, erinnerte sich aber gerade noch rechtzeitig daran, dass das nicht nur unter Dämonen nicht üblich war, sondern auch ihr Spiel als Königin auf der Stelle ad absurdum geführt hätte.
»Nein.« Sie entließ die Dienergeister mit einer Handbewegung und machte eine scheuchende Handbewegung. »Das war es.« Sie nahm ihm die Schale ab und ignorierte den Übelkeit erregenden Gestank ihres Inhalts.
Der Dämon erhob sich und verbeugte sich sehr tief. »Meine Königin, ich bin dein treuer Vasall – wenn du es wünschst.«
Sam blickte ihn nur kühl an. Natürlich waren alle möglichen Dämonen bestrebt, sich bei der neuen Königin lieb Kind zu machen, sobald sie dazu nur die geringste Chance bekamen, um mit ihrer Hilfe in der Hierarchie aufzusteigen. Ein Vasall der Königin hatte ungefähr denselben Stellenwert wie einer der Zehn Mächtigen Fürsten. Sam war sich durchaus bewusst, dass Tashlaat, sollte sie dem zustimmen, auf der Stelle damit hausieren gehen würde. Innerhalb kürzester Zeit wäre jeder davon überzeugt, dass sie tatsächlich die Königin der Unterwelt war, und nichts, was sie danach noch tat oder sagte, würde das dementieren können.
»Und warum sollte ich wohl ausgerechnet dich zu meinem Vasallen ernennen, Tashlaat? Nur weil du mir ein bisschen Kogorynschweiß gebracht hast?« Sie schnaufte verächtlich. »Da müsste ein Dämon schon eine gewaltige Menge mehr tun, bevor ich auch nur in Erwägung zöge, ihm einen solchen Posten zu geben.«
Tashlaat sank erneut mit einem Knie zu Boden. »Ich bin bereit, dir in allem zu dienen, meine Königin. Was immer du befiehlst, ich werde ohne zu zögern gehorchen.«
»Wenn das alles ist, was du dir unter der ‚gewaltigen Menge’ vorstellst, die mich davon überzeugen könnte, dass du es verdientst, mein Vasall zu sein, bist du armseliger als ich dachte. Was du mir anbietest, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ich dich vielleicht mal wieder mit einer Aufgabe betraue. Verschwinde.«
Mit einer letzten Verbeugung verschwand der Dämon, und Sam wurde sich mit einem Gefühl von Unbehagen bewusst, wie leicht es ihr fiel, wieder nach den dämonischen Gepflogenheiten zu handeln und zu denken. Als hätte sie ihre menschenähnliche »Haut« abgestreift ... – Wahrlich, es wurde Zeit, dass sie hier schnellstmöglich wieder verschwand!
Sie kehrte mit der Schale in ihr Unterwelthaus zurück und holte mit einem Bringzauber vier Badewannen mit beinahe kochend heißem Wasser zu sich sowie mehrere Büschel Trollwurzeln. Diese Wurzeln wirkten wie eine aggressive Seife und tilgten nahezu jeden Schmutz, ganz gleich wie fest er saß oder wie klebrig er war.
Danach zog sie sich aus und begann, den Kogorynschweiß mit den Händen auf ihrem ganzen Körper zu verteilen und ihn in jede Pore zu reiben, auch zwischen den Haaren und zum Schluss auch auf den geschlossenen Augenlidern, bis es wirklich keinen einzigen Quadratmillimeter mehr gab, der unbedeckt blieb. Das Zeug stank bestialisch und brannte wie Feuer, selbst für einen weitgehend schmerzunempfindlichen Sukkubus. Doch das Ergebnis war den Preis wert.
Sie spürte, wie alle ihre magischen Fähigkeiten Stück für Stück »einschliefen« und wartete den Zeitpunkt ab, an dem sie nicht einmal mehr das geringste Anzeichen für ihre Existenz fand. Das war der Moment, in dem das Zeug seine Wirkung getan hatte, denn dadurch war auch ihre gesamte metaphysische Existenz, an die der Fluch gebunden war, vorübergehend ausgelöscht. Nachdem dieses Band gekappt war, würde der Fluch für immer im Nichts vergehen. Sie legte sich in die erste Wanne und begann, mit den Trollwurzeln den Kogorynschweiß in dem heißen Wasser abzuwaschen und hörte erst auf, als sie das Gefühl hatte, ihre Haut ebenfalls mit abgewaschen zu haben. Das Wasser war grünlich und stank fast ebenso sehr wie der Kogorynschweiß selbst.
Anschließend wechselte sie in die zweite Wanne und wiederholte die Prozedur. Auch in dieser Wanne blieben noch grünliche Schlieren im Wasser, ebenso in der dritten. Doch das Wasser der letzten Wanne blieb klar, ein sicheres Zeichen, dass kein Tropfen von dem Zeug mehr an Sams Körper klebte. Da ihre magischen Fähigkeiten immer noch »schliefen«, trocknete sie sich ganz profan ab und setzte sich weit genug vom Haus und den Resten des Kogorynschweißes in den Wannen entfernt auf einen Stein und wartete ab, bis ihre Kräfte wieder zurückkehrten, was nicht allzu lange dauerte und ihr zeigte, dass sie wirklich den gesamten Kogorynschweiß losgeworden war. Danach rief sie ein paar Dienergeister zu sich und beauftragte sie, die Wannen fortzuschaffen und ihren Inhalt in den nächstbesten Lavastrom zu gießen, wo er verbrennen würde.
Mit einem Gefühl unglaublicher Erleichterung kehrte Sam wieder in die Menschenwelt zurück und sprang in den Keller ihres Hauses in ihren magischen Werkraum – sicherheitshalber unter einem Unsichtbarkeitszauber, falls noch Leute von der Feuerwehr darin sein sollten.
Sie war kaum dort angekommen, als sie durch den Luftelementar, den sie der kleinen Abby als Beobachter an die Seite gestellt hatte, das Kind in höchster Not schreien hörte.
»Saaam!«
Sam zögerte keine Sekunde und sprang durch die Dimensionen zu dem Kind, tödliche Levinblitze abfeuerbereit in den Händen.

Luzifer wandte seinen Blick von der Orakelschale ab, in der er Sam beobachtet hatte, und lächelte zufrieden. Sein Plan gedieh prächtig. Samala hatte sich in die Unterwelt geflüchtet, wie er vorausgesehen hatte. Dass sie sich nicht an ihn oder seine Tochter wandte, war zu erwarten und wäre sogar kontraproduktiv gewesen. Stattdessen hatte sie die Macht benutzt, die ihr Status als Königin der Unterwelt ihr gab und einem ihrer Untertanen einen Befehl erteilt. Sehr gut! Das war ein ausgezeichneter Anfang.
Zwar konnte er, Luzifer, nicht gegen den Eid verstoßen, den sie ihm abgetrotzt hatte – noch nicht! –, aber er wusste, dass Ereignisse eintreten würden, die Samala immer wieder dazu brachten, als seine Königin zu handeln. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie wahrhaftig seine Königin sein würde. Und danach ...
Er konnte es kaum erwarten!

Als Ronan Kerry am Abend nach Hause kam, fühlte er sich ausgesprochen zufrieden. Sam Tyler würde wegen Mordes an Tim Crane lebenslang hinter Gitter wandern. Er und Kevin Bennett hatten die Beweise gegen sie so getürkt, dass die Jury gar nicht anders konnte als sie zu verurteilen. Natürlich würde sie als die Dämonin, die sie war, nicht im Gefängnis bleiben – falls sie es überhaupt zur Verhandlung kommen ließ und sich nicht schon vorher absetzte – aber sie wäre dadurch in jedem Fall aus Cleveland vertrieben, wo sie ohnehin nichts zu suchen hatte, sie, eine Kreatur der Unterwelt unter rechtschaffenen Menschen. Ja, Ronan war zufrieden.
»Hallo Ronan«, begrüßte seine Frau Sarah ihn und kam mit Siobhan auf dem Arm und Abby an der Hand auf ihn zu, um ihn zu umarmen.
Abby blieb abrupt stehen und erstarrte. Ihr Adoptivvater war umgeben von einem so schwarzen Schatten, dass alle noch kaum verarbeiteten Erinnerungen an die Dinge, die sie hatte erleben müssen, als man sie als Medium für ein böses Orakel missbrauchte, wieder sehr lebendig wurden. Sie hatte sich hier sicher geglaubt, doch ihr neuer Daddy hatte jetzt das Böse direkt zu ihr gebracht.
Abby begann entsetzt zu kreischen, riss sich von Sarahs Hand los und rannte wie von Furien gehetzt davon in ihr Zimmer. Siobhan begann zu weinen und ebenfalls zu schreien, als hätte sie furchtbare Schmerzen. Sarah versuchte verzweifelt, sie wieder zu beruhigen, während Sally Warden – ein Wächterdämon in der Gestalt eines hübschen Kindermädchens – Abby folgte, um sie zu beschützen.
Ronan starrte seine kleine Tochter mit leerem Blick an, als nähme er sie gar nicht wahr. Doch das Kind, das trotz seiner gerade mal zwei Lebensjahre über eine starke Seelenheilmagie verfügte, wandte eben diese instinktiv jetzt auf Ronan an. Sekunden verstrichen, in denen er unfähig war sich zu rühren, ehe er übergangslos die Hände an die Schläfen presste und vor Schmerz stöhnend in sich zusammensank.
»Ronan!«, rief Sarah erschrocken. »Was ist denn los?«
Der Police Lieutenant richtete sich wieder auf und stellte sich dieselbe Frage. Er sah Siobhan weinen – wenigstens hatte sie im Gegensatz zu Abby aufgehört zu schreien –, Sarahs besorgtes Gesicht und spürte Abbys Angst selbst auf die Entfernung von gut zehn Metern aus ihrem Zimmer. Er rannte hinauf zu ihr, um sie zu beruhigen. Dabei fühlte er sich, als wäre er aus einem Albtraum erwacht, an den er sich kaum erinnern konnte, doch das war jetzt nebensächlich. Er musste Abby helfen.
Das Mädchen hockte in einer Ecke des Zimmers zwischen der Wand und dem Kleiderschrank, hatte die Knie angezogen, die Arme darum gelegt und wäre am liebsten unsichtbar gewesen. Sally Warden saß neben ihr und streichelte beruhigend ihren Rücken.
»Hey, Abby«, sagte Ronan sanft, als er eintrat. »Hab keine Angst, Kleines. Es ist alles in Ordnung.« Er ging langsam auf sie zu.
Die Angst schlug über dem Kind zusammen, und Abby begann erneut zu schreien. Der Wächterdämon, der natürlich erkannte, dass von Ronan Kerry keine Gefahr für seinen Schützling ausging, sah keine Veranlassung, ihn am Näherkommen zu hindern. Abby bemerkte zwar, dass der schwarze Schatten über ihm fort war, doch sie hatte entsetzliche Angst, dass er jeden Moment wieder zurückkommen könnte und ihr dann etwas antun würde. In ihrer Not rief sie nach dem einzigen Wesen, dem sie vollkommen vertraute und das versprochen hatte, sofort zu kommen, sollte Abby jemals in Gefahr sein.
»Sam!«, brüllte sie verzweifelt. »Saaam!«
Sam tauchte unvermittelt zwischen Ronan und Abby auf. Ihre Hände glühten von noch nicht abgefeuerten Levinblitzen. »Bleib ihr verdammt noch mal fern, oder ich bring dich um, Ron!«
Ronan hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass es Sam todernst war. Er hob abwehrend beide Hände und wich zurück. »Wow, Sam! Wow! Nicht! Es ist alles in Ordnung!«
»Ronan, was zum Teufel ist denn hier los?« Sarah kam ins Zimmer und war komplett verwirrt und enerviert von der Szene, die sich ihr bot, Abbys nicht enden wollendem Schreien und Siobhans beständigem Weinen.
»Es ist alles in Ordnung, Sam!«, wiederholte Ronan und machte beschwichtigende Gesten. »Ich bin es! Ich ...« Schlagartig kam ihm zu Bewusstsein, was tatsächlich in den vergangen Stunden passiert war. »Íosa Críost! Was habe ich getan?«
Sam begriff, dass der Bann offenbar gebrochen war, unter dem er gestanden hatte, und wandte sich unverzüglich Abby zu. »Ist gut, Abby, ich bin hier, und es ist alles in Ordnung«, versicherte sie dem Kind, war sich allerdings keineswegs sicher, dass sie zu der Kleinen durchdringen konnte. »Du bist in Sicherheit.«
Abby hörte auf zu schreien, kam aus ihrer Ecke hervorgeschossen und klammerte sich an Sam fest, während sie ängstliche Blicke auf Ronan warf. Sam nahm sie auf den Arm und streichelte ihr beruhigend den Rücken.
»Du musst keine Angst mehr haben, Abby. Dein Daddy ist wieder er selbst.«
»Erklärt mir endlich mal einer, was hier los ist? Und woher bist du so plötzlich gekommen, Sam?« Sarahs Stimme nach zu urteilen stand sie kurz vor einem hysterischen Zusammenbruch. »Und was ist mit dir, Ronan?«
Der Police Lieutenant strich sich mit einer verwirrten Geste über die Stirn, ehe er Sam anblickte. »Ich habe keine Ahnung. Was ist mit mir passiert, Sam?«
»Jemand hat mich mit einem Fluch belegt, der jeden Freund in meinen Feind verwandelt hat«, erklärte Sam, während sie Abby unablässig streichelte, die ihre Arme um Sams Hals geschlungen hatte und sich an ihr festklammerte, als wollte sie sie niemals wieder loslassen. »Ich konnte ihn zum Glück brechen.« Zu einem Preis, der hoffentlich nicht noch schlimmere Folgen für sie haben würde. Sie blickte Ronan an. »Was genau hast du denn getan, dass du deswegen gerade Christus anrufen musstest?«
Ronan schluckte und fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. »Kevin und ich haben die Beweise gefälscht und ein mit Tim Cranes Blut getränktes Taschentuch in deinen Wagen gelegt. Oh Sam, es tut mir so leid!« Ronan war zutiefst zerknirscht und verzweifelt.
»Ronan!«, rief Sarah entsetzt.
»Du kannst ja nichts dafür«, entschuldigte ihn Sam. »Ist das Taschentuch schon untersucht worden?«
Er schüttelte den Kopf. »Als wir Feierabend gemacht haben, war der richterliche Beschluss zum Durchsuchen deines Wagens noch nicht eingetroffen. Es müsste immer noch im Handschuhfach liegen.«
Sam stieß erleichtert die Luft aus, streckte die Hand aus und beförderte das Taschentuch mit einem Bringzauber zu sich. Sarah sog erschreckt die Luft ein. Sie wusste zwar, dass Sam zu den »Anderen« gehörte, wie Ronan alle Wesen der magischen Gemeinschaft nannte, die nicht zu den Menschen gehörten, doch Sam hatte bis heute in ihrer Gegenwart noch nie ihre magischen Fähigkeiten benutzt. Im Moment hatte sie auch keine Zeit und Lust, Sarah diesbezügliche Erklärungen abzugeben. Sie ließ das Tuch mit einem kleinen Levinblitz in Flammen aufgehen.
»Ich vertraue darauf, dass du die Sache wieder in Ordnung bringst, Ron. Ich kümmere mich um den Mann, der für den ganzen Scheiß verantwortlich ist.« Sie setzte Abby auf dem Bett ab, die sie immer noch nicht loslassen wollte. »Es ist alles wieder in Ordnung, Abby«, versicherte sie dem Kind. »Du musst wirklich keine Angst mehr haben. Außerdem ist doch Sally da und passt auf dich auf.« Sie deutete auf den Wächterdämon. »Niemand kann dir etwas tun, wenn Sally bei dir ist.«
Das Mädchen hatte sich zwar wieder etwas beruhigt, war aber nicht gewillt, Sam gehen zu lassen. »Kann ich nicht bei dir bleiben, Sam?«
Sam gab dem Kind einen Kuss auf die Stirn. »Das geht nicht. Ich muss den bösen Mann jagen, der deinen Daddy verzaubert hatte, damit der so was nie wieder tut. Aber danach komme ich wieder. Versprochen.«
Da Abby aus Erfahrung wusste, dass Sam ihre Versprechen hielt, beruhigte sie das, und sie duldete, dass Ronan sie jetzt auf den Arm nahm. »Oh meine Kleine, es tut mir so leid, dass ich dich erschreckt habe. Aber jetzt ist alles wieder gut.«
»Tatsächlich?« Für Sarah stand das offenbar noch lange nicht fest.
»Ich erkläre es dir später«, wehrte Ronan ab.
Sam hatte nicht vor, sich auch noch an der Erklärung zu beteiligen oder in den Streit verwickelt zu werden, den sie sich zwischen Ronan und Sarah anbahnen fühlte und verschwand. Sie kehrte zunächst in ihr Haus zurück, um ihre magische Suche nach LeGrands Aufenthaltsort fortzusetzen. Der Keller hatte durch das Feuer fast nichts abbekommen, da es ihr rechtzeitig gelungen war, es zu löschen, und ihr magischer Arbeitsraum war noch vollkommen intakt. Allerdings verspürte sie gerade jetzt den Hunger und verschob ihre Suche um ein paar Stunden. Nyros, der Satyr, würde sich freuen, wenn sie einander mal wieder ein paar lustvolle Stunden schenkten.

Sam kehrte erst im Morgengrauen wieder zurück und fühlte sich herrlich gestärkt. Nyros besaß nicht nur die sprichwörtliche Lüsternheit aller Satyrn, sondern auch eine unglaubliche Ausdauer in Sachen Sex. Wäre Sam ein Mensch, sie wäre nach den mehrfachen Kopulationen mit ihm komplett ausgelaugt und erschöpft gewesen und hätte erst einmal acht Stunden Schlaf benötigt – mindestens. Stattdessen fühlte sie sich erfrischt und gestärkt, beinahe vor Energie strotzend. Genau das, was sie brauchte.
Sie setzte sich in ihren magischen Arbeitsraum und begann mit einer neuen Suche nach Jacques LeGrand, fest entschlossen, nicht eher damit aufzuhören, bis sie ihn gefunden hatte. Da die magischen Schilde in und um das Haus immer noch intakt waren, brauchte sie nicht zu fürchten, dass die Brandinspektoren ihren Arbeitsraum fanden. Der war außen mit einem Illusionszauber versehen, der jedem Betrachter nur eine ganz normale türlose Kellerwand zeigte, die sich genau dort befand, wo auch im Erdgeschoss die Außenmauer war. Selbst wenn jemand die Illusionswand betastet hätte, so hätte er nichts anderes spüren können als eine normale Wand.
Sam machte sich an die Arbeit und war schon nach einer halben Stunde so frustriert wie bei allen vorherigen Suchen. Obwohl sie ihre bereits früher versuchten Zauber variierte, blieb das Ergebnis dasselbe und zeigte keine Spur von LeGrand oder Jessie. Wieso konnte sie LeGrand nicht finden? Dass sie Jessie nicht ausfindig machen konnte, weil die Magie des Bokors sie abschirmte, war normal. Aber dass sie ihn nicht lokalisieren konnte ...
Natürlich nicht! Sie hatte ja auch die ganze Zeit nach Aaron Kumaras Körper gesucht, weil LeGrand den übernommen hatte. Doch dieser Körper war nur noch eine Hülle, die jetzt dem Bokor gehörte und offensichtlich so vollständig von ihm in Besitz genommen worden war, dass von Aaron Kumara nichts mehr darin existierte. Das aber bedeutete zweifelsfrei, dass LeGrand dessen Seele vernichtet hatte. Verdammt!
Jedenfalls musste sie nach Jacques LeGrand suchen, wenn sie ihn und Jessie finden wollte. Sie initiierte erneut den umgekehrten Suchzauber und brauchte diesmal nicht lange auf das Ergebnis zu warten. Der Zauber lokalisierte ihn in einer Gartenkolonie am Stadtrand, von der Sam zufällig wusste, dass sie schon lange verlassen war. Sie umgab sich mit den stärksten Schutzzaubern, die zu wirken sie imstande war sowie einem Unsichtbarkeitszauber und sprang durch die Dimensionen in die Nähe des Gartenhäuschens.
LeGrand befand sich im Haus, denn Sam sah durch die vor die Fenster gezogenen dunklen Gardinen den schwachen Lichtschimmer einer Lampe. Außerdem quoll Rauch aus dem Schornstein. Sie schlich lautlos näher, umrundete das gesamte Häuschen und spähte durch jedes Fenster, wo die Vorhänge eine wie auch immer winzige Lücke ließen. Offensichtlich fühlte sich der Bokor hier absolut sicher, denn er hatte keine magische »Alarmanlage« installiert, nur den üblichen Schutzschild und vertraute wohl auch darauf, dass Sam ihn wegen seiner Tarnzauber nicht finden würde. Da er jedoch nicht über die Fähigkeiten eines Dämons verfügte, würde dieser Schild Sam nicht aufhalten, wenn sie ihn mit einem Sprung durch die Dimensionen umging.
LeGrand befand sich in einem Raum, den er als magischen Werkraum eingerichtet hatte und war mit der Vorbereitung für seine nächste Gemeinheit beschäftigt. Sam erkannte, dass er eine Reihe von unscheinbaren Steinen magisch präparierte, die, sobald sie in gewissen nicht zu großen Abständen zu einem Kreis gelegt wurden, ein Kraftfeld initiierten. Jeder, der sich dann zufällig innerhalb dieses Feldes befand, wenn der Kreis geschlossen wurde, war darin gefangen und wäre LeGrand auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Zumindest bis zu einem gewissen Grad.
Sam konnte unschwer den Zweck des Ganzen erraten. Schon bei ihrer letzten Begegnung hatte der Bokor sie offen herausgefordert und sie damit in eine Falle gelockt. Offenbar plante er jetzt dasselbe, nur auf eine andere Weise. Wahrscheinlich ging er davon aus, dass Sam, sobald sie wusste, dass LeGrand hinter den Katastrophen steckte, die sie in den letzten Tagen heimgesucht hatten, so in Wut geraten würde, dass sie jede gebotene Vorsicht außer Acht ließe und, nur von dem Wunsch beseelt, ihren Widersacher zu vernichten, blindlings in die Falle tappte. Nun, darin täuschte er sich.
Sam schlich weiter um das Häuschen herum und hielt nach Jessie Ausschau. Das Mädchen saß in einem anderen Raum auf einer Pritsche und starrte mit leeren Augen vor sich hin. Jede Lebendigkeit war in ihr erloschen. Auch ihr Geist schien sich in irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins verkrochen zu haben. Ein schmaler Speichelfaden rann unbeachtet aus ihrem Mundwinkel, und Jessie erweckte den Eindruck einer lebenden Leiche.
Sam fluchte innerlich. Offenbar war genau das eingetreten, was Shiona vorausgesehen hatte und es war LeGrand gelungen, Jessies Geist und Seele zu brechen. Sam konnte nur hoffen, dass es noch nicht zu spät war, diesen Prozess wieder umzukehren. Im Moment war dieses Problem allerdings zweitrangig.
Sie sprang durch die Dimensionen in das Zimmer hinein, packte Jessie und sprang mit ihr zum Lotos Institut. Sie landete direkt vor dem unsichtbaren Schutzschild. Ohne zu zögern stieß sie Jessie hindurch, warf eine Feuerkugel dagegen und sprang zurück zu LeGrand. Sie vertraute darauf, dass die Wächter den »Angriff« auf den Schild gespürt hatten und unverzüglich kamen, um den vermeintlichen Eindringling abzuwehren, stattdessen aber Jessie fanden und sich um sie kümmerten. Sam hatte sich um LeGrand zu kümmern.

Jacques LeGrand legte einen weiteren Stein zur Seite, den er mit dem Zauber präpariert hatte, der Sam Tyler in einem magischen Kraftfeld einsperren sollte. Sobald sie sich darin befand, würde es ihr allerdings nicht nur alle ihre Kräfte nehmen, sondern sich auch um sie herum zusammenziehen und sie in sich quasi zerquetschen. Und er, Jacques LeGrand, würde ihrem langsamen und qualvollen Todeskampf zusehen und ihn genießen. In einem Punkt war er dem Hexenmeister dankbar, dessen Körper er zuletzt besessen hatte. Durch ihn hatte er sich eine Form von Magie angeeignet, die er vorher nicht gekannt hatte und die ihm jetzt zugute kam.
Sam Tyler war angeschlagen, doch er würde sie zur Sicherheit noch weiter schwächen. Er hatte das weiße Mädchen nur deshalb noch nicht getötet, weil er, sobald seine Falle für Sam Tyler fertig war, ihre Fähigkeit ein letztes Mal dazu benutzen würde, die Familie und Freunde der Dämonin in Flammen aufgehen zu lassen. Wenn er sie unmittelbar danach herausforderte, würde sie vor Wut und Hass jede gebotene Vorsicht außer Acht lassen und blindlings in die Falle laufen. LeGrand lächelte voller Vorfreude.
Er zuckte überrascht zusammen, als er im Nebenraum Magie fühlte, wo er das Mädchen gelassen hatte, dessen Verstand sich inzwischen komplett aus der Welt zurückgezogen hatte. Alarmiert rannte er in das angrenzende Zimmer und stellte fest, dass das Mädchen verschwunden war. Dafür stand nur einen Augenblick später Sam Tyler vor ihm, und ihr grimmiger Gesichtsausdruck ließ nicht den geringsten Zweifel an ihren Absichten.
»Fahr endlich zur Hölle, LeGrand!«, beschied sie ihm, bevor sie einen Levinblitz auf ihn abschoss.
LeGrand gelang es gerade noch rechtzeitig, seinen magischen Schutzschild zu aktivieren und sich zur Seite zu werfen. Der magische Blitz prallte gegen die Wand des Gartenhäuschens, die augenblicklich zu Staub zerfiel. Eine weitere Salve folgte, die zwar von dem Schild abprallte und auch die nächste Wand zum Einsturz brachte, den Schild aber derart erschütterte und beinahe zerstörte, dass LeGrand das Blut aus der Nase lief vor Anstrengung, ihn aufrecht zu erhalten. Was er, wie er zu seinem Entsetzen erkannte, nicht mehr allzu lange würde tun können. Das Dach des Häuschens, das jetzt nur noch von zwei nicht mehr vollständigen Wänden im rechten Winkel getragen wurde, knirschte verdächtig und neigte sich in Zeitlupe dem Boden entgegen. In wenigen Sekunden würde es einstürzen.
LeGrand hatte nicht vor zu warten, bis er darunter begraben wurde. Er warf sich mit einem Satz unter dem kippenden Dach hindurch ins Freie, das unmittelbar hinter ihm zusammenstürzte mitsamt dem Rest der Mauern. Instinktiv verstärkte er noch einmal seinen Schild, denn ein einstürzendes Dach würde die Dämonin kaum aufhalten. Da stand sie schon vor ihm und deckte ihn erneut mit magischen Blitzen ein.
LeGrand hechtete zur Seite und brachte sich für ein paar Sekunden hinter einem anderen Häuschen in Sicherheit. Diese paar Sekunden genügten ihm. Er sammelte seine Magie in sich und manifestierte die Dämonenschlange, die er Sam Tyler entgegenwarf und die sich mit weit geöffnetem Maul, von dessen Zähnen ein tödliches magisches Gift tropfte, zischend auf die Dämonin stürzte.

Nicht nur Luzifer beobachtete Sam regelmäßig in magischen Spiegeln und Orakelschalen, soweit es möglich war, sondern auch Danaya. Dass ihre Mutter sich wie erwartet in die Unterwelt geflüchtet hatte, war ein Schritt in die richtige Richtung, sie enger an Luzifers Reich zu binden. Dass sie die Macht der Königin benutzt hatte, tat ein Übriges. Jetzt musste diese Bindung gefestigt werden, damit Samala öfter auf eins von beiden zurückgriff. Vor allem aber war es an der Zeit, dass sie nachhaltig von der Macht verführt wurde, nachdem sie nun festgestellt hatte, wie schwach sie ohne sie war.
Danaya nahm einen unscheinbaren graugrünen Stein aus dem Bett des kleinen Springbrunnens, den sie in ihrem Schlafzimmer erschaffen hatte. Nicht einmal ihr Vater Luzifer war in der Lage, die Kräfte zu spüren, die darin schlummerten: die Kitsune-Magie, die sie ihrer Mutter gestohlen hatte, als diese vor einem halben Jahr gegen LeGrand gekämpft hatte. Zwar war es purer Zufall, dass sie jetzt wieder gegen den Bokor antrat, doch sie hatte inzwischen längst gemerkt, wie überaus nützlich diese verlorenen Kräfte gewesen waren.
Sie ihr in dieser Situation zurückzugeben, in genau dem Moment, in dem sie die mehr als gut gebrauchen konnte, um LeGrand zu vernichten, würde Samala nicht nur davon überzeugen, wie unsinnig es war, eine Macht aufzugeben oder nicht zu benutzen, die man besaß – zum Beispiel die einer Königin der Unterwelt –, es würde auch das Band ihrer Liebe zu Danaya stärken. Die junge Dämonin lächelte zufrieden und beobachtete in ihrem magischen Spiegel den Kampf, um im richtigen Augenblick eingreifen zu können.
Doch noch jemand beobachtete das Geschehen mit denselben Absichten, wenn auch nicht annähernd denselben Zielen. Jemand, der einen Verbündeten brauchte, um Luzifers Königin zu vernichten ...

Bruder Graham hatte spät am Abend die Suche nach der Dämonin eingestellt. Nicht weil er aufgab, sondern weil er zu müde war, um noch weiter gefahrlos Auto fahren zu können. Er war zu seinem Wohnwagen zurückgekehrt, hatte etwas gegessen und sich danach unverzüglich schlafen gelegt. Zum Glück war er in dieser Nacht ausnahmsweise einmal nicht von den entsetzlichen Albträumen geplagt worden – vielleicht weil er wirklich zu müde war – und hatte sechs Stunden durchgeschlafen. Die Ruhe tat ihm gut, denn er erwachte frisch und fühlte sich dem Tag gewachsen.
Nach einem kargen Frühstück und einem intensiven Gebet für Erfolg fuhr er wieder los und konzentrierte seine Suche auf ein Gebiet, in dem es viele verlassene Häuser, Fabrikgebäude und Gartenkolonien gab – ideale Orte um unterzutauchen, gerade auch für einen Dämon, der wie »Sam Tyler« unter Menschen lebte. Während er durch die herbstliche Dunkelheit in den langsam heraufdämmernden Morgen hinein fuhr, dehnte er seine Sinne bis an die äußerste Grenze aus und spürte intensiv nach dem Seelenfresser. Doch diese Gegend von Cleveland war wie ausgestorben, was magische Aktivitäten betraf.
Bruder Graham wollte gerade in den nächsten »Quadranten« seiner Suche wechseln, als er Magie spürte. Zwar stammte die nicht von dem Dämon, hinter dem er her war, dennoch war es seine Pflicht als Defensor, der Sache nachzugehen. Er lenkte seinen Wagen in die entsprechende Richtung und hätte beinahe das Steuer verrissen, als er fühlte, wie der Seelenfresser genau an dem Ort auftauchte, von wo er die Magie fühlte. Bruder Graham gab Gas und fluchte, als die Präsenz wenige Minuten später verschwand. Zu seiner Erleichterung war sie jedoch gleich darauf zurück, und die magischen Schwingungen verstärkten sich.
Der Mönch parkte seinen Wagen außer Sichtweite, nahm seine Glock und ein paar andere probate Waffen und ging auf den Ort zu, von dem nicht nur die Magie kam, sondern auch Kampfgeräusche zu hören waren und das Einstürzen eines Hauses. Obwohl er es eilig hatte und von Jagdfieber gepackt war, bewegte er sich doch vorsichtig näher und nutzte jede Deckung aus, um nicht bemerkt zu werden. Diese Vorsicht erwies sich jedoch als unnötig, denn die beiden Kontrahenten, die sich dort ein magisches Duell lieferten, waren zu sehr miteinander beschäftigt, um ihn zu bemerken.
Bruder Graham blieb an der Ecke eines Hauses stehen, die von einem Eibenbusch verdeckt wurde, der auch den Mönch vor Sicht schützte. Durch dessen Zweige hindurch konnte er jedoch das Geschehen beobachten und – falls die beiden Gegner nicht ihren Standort in zu große Entfernung verlegten, sie problemlos töten. Was zumindest für einen von ihnen vielleicht gar nicht mehr nötig sein würde, denn eine riesige Schlange aus Ektoplasma stürzte sich gerade auf »Sam Tyler«.

Sam rettete sich mit einem Sprung durch die Dimensionen vor der angreifenden Schlange und tauchte seitwärts des Biestes auf. Ein Levinblitz vernichtete es, und sie wandte sich LeGrand zu, der nicht mehr dazu kam, eine weitere Schlange oder ein anderes Wesen zu manifestieren. Dazu hatte ihn der Verlust seiner Kreatur zu sehr geschwächt, und er ahnte, dass er durch Sam Tyler wieder einmal sein Leben verlieren würde – diesmal endgültig, da er keine weitere Lebenszeit mehr zur Verfügung hatte.
Sam dachte an all die Menschen, die LeGrand getötet hatte und an Jessie, die sich von der Begegnung mit ihm vielleicht nie wieder erholen würde. Unabhängig von dem sprichwörtlichen Huhn, das sie persönlich mit ihm zu rupfen hatte – vielmehr eine ganze Hühnerfarm – durfte sie ihn allein schon deshalb nicht wieder entkommen lassen, weil er in dem Fall weiterhin morden würde. Sein finsteres Leben musste vor allem im Interesse der Menschen heute enden. Sie hob die Hände, um die mächtigsten Levinpfeile auf ihn zu werfen, die sie produzieren konnte. Ihre Hände begannen vor Energie zu leuchten. Doch es war nicht die gewohnte Levinenergie – nicht nur – sondern eine machtvolle Lichtenergie, die Sam völlig unbekannt war. Und ihre Levinblitze gewannen dadurch eine nie gekannte Kraft.
LeGrand stieß einen Schrei maßloser Wut und grenzenlosen Hasses aus, während er auf ein Wunder hoffte und seine letzten Kräfte mobilisierte, um seinen magischen Schild aufrecht zu erhalten, solange es ging, ehe die Levinblitze der Dämonin ihn vernichten würden.
Sam fletschte mit grimmiger Befriedigung die Zähne, als sie eine ganze Salve auf den Bokor abfeuerte. Sein Schild flackerte kurz auf und brach zusammen.
Im selben Moment verschwand LeGrand, und die Levinpfeile zerpulverten das nächste Haus, das in ihrer Flugbahn stand, buchstäblich zu Staub sowie noch drei weitere, die sich dahinter befanden. Doch LeGrand war unversehrt verschwunden. Wieder einmal war der Bokor ihr entkommen und Sam unfähig zu orten, wie oder wohin er verschwunden war. Sie stieß einen Schrei maßloser Wut aus.
»Mutter, fang!«
Sam reagierte instinktiv und fing den Stein auf, den Danaya ihr zuwarf, die im selben Augenblick auftauchte, als LeGrand verschwand. Ein Gefühl wie ein elektrischer Schlag durchfuhr sie, als magische Macht sie überflutete, die ihr unglaublich vertraut vorkam und die Kitsune-Kräfte sich wieder mit ihr verbanden. Ihre Kitsune-Kräfte, die sie unwiederbringlich verloren geglaubt hatte.
»Was ...« Sie blickte Danaya fragend an.
Die junge Dämonin lächelte, obwohl sie eine ebensolche Wut empfand wie Sam, wenn auch aus anderen Gründen. Sie war zu spät gekommen. Nur um eine einzige Sekunde zwar, aber zu spät, sodass die Kitsune-Kräfte ihrer Mutter nun nichts mehr nützten, da ihr Kampf gegen den Bokor vorbei und er entkommen war. Und das nur, weil auch Danaya von der seltsamen Lichtmacht irritiert gewesen war. Dennoch würde ihre Mutter froh sein, ihre Kräfte wieder zu haben, und das war unter dem Strich auch ein Vorteil.
»Ich habe einen Zauber entwickelt, mit dem ich deine verlorenen Kräfte zurückgewinnen konnte«, erklärte sie Sam und machte ein bekümmertes Gesicht. »Leider bekam ich sie zu spät, sodass du deinen Widersacher nicht mehr mit ihrer Hilfe unschädlich machen konntest.«
»Wer hat sie mir gestohlen?«, verlangte Sam zu wissen. Einerseits war sie froh, dass sie diese gewaltigen Kräfte zurückbekommen hatte; sie gaben ihr ein trügerisches Gefühl beruhigender Sicherheit. Andererseits war sie sich gerade deswegen keineswegs sicher, ob sie die wirklich hatte zurückhaben wollen.
»Das weiß ich nicht«, log Danaya. »Mir war nur wichtig, sie zurückzuholen. Aber ich finde schon noch heraus, wer sie dir gestohlen hat. Derjenige«, fügte sie frostig hinzu, »wird meiner Strafe nicht entgehen dafür, dass er meine Mutter bestohlen und sie dadurch gefährdet hat.« Sie seufzte frustriert. »Ich wünschte, es wäre mir schon eher gelungen sie zu finden, dann wäre dein Gegner nicht entkommen.«
Das bedauerte Sam allerdings auch. »Das ist nicht so schlimm, Danaya«, versicherte sie ihrer Tochter dennoch. »Dieser Kerl wird irgendwann zurückkommen, um zu vollenden, was er heute wieder einmal nicht geschafft hat. Ich bin sehr froh, dass mir dann diese Kräfte zur Verfügung stehen. Danke, Danaya. Vielen Dank!«
»Gern geschehen, Mutter.«
Sam umarmte ihre Tochter innig und spürte in diesem Moment sehr deutlich, welche Liebe sie für Danaya trotz allem empfand. Sobald sie die losen Enden dieser unseligen Angelegenheit erledigt hatte, würde sie ein intensives Gespräch mit ihr führen und darauf bestehen, dass sie endlich zu ihr zog oder doch wenigstens erheblich mehr Zeit mit Sam verbrachte.
Doch bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte die junge Dämonin sich schon wieder von ihr gelöst und verschwand lächelnd.
Nur eine Sekunde später traf eine silberne Pistolenkugel aus Bruder Grahams Glock Sam in den Rücken ...

Bruder Graham hatte den ungleichen Kampf zwischen dem Buhldämon und seinem Widersacher aus seinem Versteck heraus beobachtet und beschlossen abzuwarten, wer von beiden den Sieg davontrug, um hinterher den Überlebenden umso leichter erledigen zu können, wenn der nichts von der zusätzlichen Gefahr ahnte, die auf ihn lauerte. Dass diese andere Dämonin aufgetaucht war, die »Sam Tyler« so unglaublich ähnlich sah, stellte zwar eine Überraschung dar, denn der Mönch hatte nicht damit gerechnet, hier noch mehr Buhldämonen zu finden. Andererseits gab ihm das aber die Gelegenheit, gleich zwei von ihnen auf einen Schlag auszulöschen, wenn er es richtig anfing.
Er hörte sie in der unheiligen Sprache der Dämonen reden und nutzte aus, dass sie abgelenkt waren und ihrer Umgebung keine Beachtung schenkten. Er hob die Glock, zielte sorgfältig und schoss in dem Moment, als die zweite Dämonin wieder verschwand. Die zweite Kugel, die er sofort nach der ersten abfeuerte, ging ins Leere. Dafür hatte die erste ihr Ziel getroffen. »Sam Tyler« brach zusammen und rührte sich nicht mehr.
Bruder Graham erlaubte sich noch kein Gefühl des Triumphs. Die Glock immer noch im Anschlag und auf die Dämonin gerichtet näherte er sich ihr vorsichtig. Dämonen besaßen die sprichwörtlichen neun Leben, und der Mönch würde erst von dem Tod dieses Seelenfressers überzeugt sein, wenn er ihr eine Silberkugel in den Kopf geschossen hatte.
Sie tauchten so unvermittelt auf, dass er nicht mehr dazu kam zu reagieren: der Gefährte des Buhldämons und noch zwei weitere, und gleich darauf kehrte auch die eben verschwundene Dämonin wieder zurück. Bruder Graham riss die Glock hoch, doch bevor er sie abfeuern konnte, hatte »Sam Tylers« Gefährte sein magisches Feuer auf ihn geworfen und ihm buchstäblich damit die Hände weggesprengt. Ein weiterer Feuerball traf ihn in den Bauch, und der Mönch erlebte eine höllische Agonie solchen Ausmaßes, wie er sie sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht hatte ausmalen können.

Benyun, Lilama und Conaru spürten augenblicklich, dass Sam lebensgefährlich verletzt war und taten, was das Band des Blutes ihnen diktierte. Sie sprangen zu dem Ort des Geschehens, um sie zu retten. Benyun erfasste mit einem einzigen Blick, was passiert und vor allem wer dafür verantwortlich war. Seine Augen flammten rot vor Wut. Der Defensor reagierte zwar schnell, aber nicht schnell genug. Benyun zerschmetterte seine Hände mit zwei wohlgezielten Levinblitzen und schoss ihm einen weiteren in den Bauch.
Der Mönch brüllte auf vor Schmerz, Schock und Entsetzen, stürzte zu Boden und wand sich in wahrhaft teuflischer Qual, während die Energie des Levinblitzes sich beabsichtigt langsam durch seine Eingeweide fraß und sie Stück für Stück zerstörte. Bruder Graham wusste, dass er sterben würde. Die Defensoren waren zwar gegen die gängige Magie immun wie einfache Zauber oder die Lockmagie eines Buhldämons, sogar gegen einige stärkere Vernichtungszauber; nicht aber gegen so mächtige Magie wie Levinblitze. Normalerweise hätte ein solcher Blitz ihn auf der Stelle zu Asche zerpulvert, doch dieser Dämon ließ ihn absichtlich leiden.
Mein Gott, steh mir bei!, betete Bruder Graham stumm, während er seine irrsinnigen Schmerzen nicht mehr hinausbrüllen konnte, weil ihm die Stimme versagt hatte. Er konnte nicht einmal mehr die von unheiligem Feuer schwelenden Stümpfe seiner Hände zu einer Gebetsgeste zusammenlegen. Gott, hilf mir! Lass diese Qual schnell enden! Bitte!
Gott musste ihn wohl erhört haben, denn Bruder Graham verlor endlich das Bewusstsein, während das Levinfeuer sein zerstörerisches Werk in seinem Körper fortsetzte und in wenigen Minuten vollendet haben würde.
Benyun kümmerte sich nicht mehr um den Mönch, da er wusste, dass der den Levinblitz nicht überleben würde. Er kniete neben Sam und zwang seine Heilungsmagie in ihren Körper, riss die Silberkugel magisch aus der Wunde und neutralisierte den allergischen Schock, den sie im Organismus seiner Tochter bereits verursacht hatte. Dabei fluchte der Inkubus ununterbrochen und schwor, sämtliche Defensoren der Welt zu vernichten, falls Sam sterben sollte.
Lilama und Conaru unterstützten ihn, indem sie ihm ihre eigene Energie zuleiteten. Auch Danaya war wieder da und verstärkte Benyuns Heilmagie mit ihren eigenen Kräften. Im selben Moment, da dem gepeinigten Mönch endlich die Stimme versagte, fuhr Sam mit einem scharf eingesogenen Atem aus dem Koma hoch und stieß ihn stöhnend wieder aus. Benyun riss sie erleichtert an sich, und auch Danaya umarmte sie. Conaru zog gleich darauf seinen Vater von Sam weg, um seinen Platz einzunehmen, und Lilama löste ihn Sekunden später ab.
»Das war verdammt knapp«, fand Benyun schließlich, nahm Sam erneut in die Arme und warf dem reglos am Boden liegenden Mönch einen hasserfüllten Blick zu. »Schade, dass er seine Qual nicht mehr spüren kann.« Er strich Sam über die Wange. »Wenn ich morgen mit grauen Haaren aufwache, weiß ich warum.«
Sam lächelte schwach. »Seit wann bekommen wir denn graue Haare? Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass sie dir sehr gut stehen.«
»Schon wieder zu Scherzen aufgelegt«, knurrte der Inkubus. »Ich halte das für ein gutes Zeichen.«
Sam blickte an ihm vorbei auf Bruder Grahams geschundenen Leib und genoss den Anblick seiner zerstörten Hände und die quälend langsame Vernichtung, die das Levinfeuer immer noch in ihm anrichtete. Sie stand vom Boden auf, ging zu ihm hinüber und blickte mitleidlos auf den sterben Körper des Mönchs herab. Sie begriff immer noch nicht, warum er versucht hatte sie zu töten, aber sie nahm ihm das verdammt übel. Im Gegensatz zu allen anderen, die sich gegen sie gestellt hatten, war er nicht von LeGrands Fluch beeinflusst worden. Er wollte sie um jeden Preis vernichten – für nichts und wieder nichts.
Sam spürte, wie das Leben aus ihm floh. In wenigen Sekunden wäre er tot, und sie hätte nie wieder etwas von ihm zu befürchten. Gut so! Sie würde die letzten neun Sekunden seines Todes genießen. Benyun klopfte ihr wohlwollend auf die Schulter und verschwand. Das taten auch Danaya, Lilama und Conaru. Sam blieb mit dem Sterbenden allein zurück.
Im Grunde genommen war es schade um ihn. Ein so guter Krieger des Lichts sollte leben, um sein Werk tun zu können. Doch wenn er am Leben blieb, wären Sam und ihre Familie niemals sicher vor seinen Nachstellungen. Eines Tages würde er sie genau wie vorhin in einem Augenblick erwischen, in dem sie unaufmerksam war und tun, was er glaubte tun zu müssen. Die Tai’u – und etliche andere harmlose Dämonen und Nachtgeschöpfe – waren besser dran, wenn er tot war.
Drei Sekunden.
Zwei.
Eine.
Sam stieß einen Fluch aus, ließ ihre Heilungskräfte in seinen Körper fließen und neutralisierte die Zerstörung, die Benyuns Levinblitz darin angerichtet hatte. Sie löschte das Levinfeuer, flickte die verwüsteten Organe, Nerven und Blutbahnen wieder zusammen und zwang das überanstrengte Herz weiterzuschlagen, das sich heftig dagegen wehrte, wieder zu der Arbeit gezwungen zu werden, die es gerade für immer hatte einstellen wollen. Sie formte die zerstörten Knochen, Sehnen und Muskeln seiner nicht mehr vorhandenen Hände neu und empfand ein beinahe rauschartiges Gefühl dabei, die mächtigen Kitsune-Kräfte wieder zu benutzen und zu beherrschen.
Dank Danayas Hilfe hatte sie diese machtvolle Magie nun zurückerhalten, die sie eigentlich nicht hatte zurückhaben wollen, auch wenn sie sie in manchen Situationen vermisst hatte. Sie würde sich in einer ruhigen Stunde gründlich überlegen müssen, wie sie diese neue Situation nun handhaben musste. Doch nicht jetzt.
Mit einem letzten Schub reinigender und stärkender Energie erneuerte sie Bruder Grahams Lebenskraft und betrachtete anschließend ihr Werk. Seine Wunden waren vollständig und narbenlos geheilt. Sogar die Narben, die er von früheren Kämpfen mit wem oder was auch immer davongetragen hatte, waren verschwunden, was Sam zwar nicht beabsichtigt hatte. Doch der Mönch wusste das später gewiss zu schätzen, denn das Narbengewebe unter den oberflächlichen Spuren hatte ihn mit Sicherheit oft beeinträchtigt. Das Wichtigste waren allerdings seine restaurierten Hände, die sich äußerlich in nichts von den Originalen unterschieden.
Allerdings hatte Sam jetzt ein gewaltiges Problem und blickte mit finster gerunzelter Stirn auf den noch immer bewusstlosen Mönch. Denn natürlich konnte sie Bruder Graham nicht gehen lassen, da er sein ruchloses Werk fortsetzen würde, sobald er wieder bei Bewusstsein und entsprechender Kraft war. Sie hatte sein Leben gerettet und trug jetzt die Verantwortung für ihn.
»Ich werde es bereuen«, stellte sie fest. »Verdammt, ich weiß, dass ich das bereuen werde.«
Sie seufzte, hob den Körper des Mönchs mühelos auf die Arme und sprang mit ihm durch die Dimensionen in ihr Haus.

Sam landete zunächst in ihrem Werkraum im Keller und spürte, dass sie im Moment allein war. Falls die Brandinspektoren irgendwann wiederkamen, musste sie bis dahin entsprechende Vorkehrungen getroffen haben, jedoch nicht nur für die Behörden, sondern auch für die Nachbarn. Sie ließ den Körper des Mönchs zu Boden gleiten und ging unter dem Mantel eines Unsichtbarkeitszaubers ins Erdgeschoss. Hier war das Feuer ausgebrochen und hatte die gesamte Einrichtung zerstört. Im Obergeschoss waren noch einige Dinge vom Feuer unversehrt geblieben, hatten aber durch das Wasser gelitten, mit dem Sam das Feuer gelöscht hatte.
Das alles war nicht besonders tragisch, denn mit ihren magischen Kräften konnte sie die zerstörten Dinge schnell wieder ersetzen. Sie musste dazu nicht einmal die Kitsune-Magie bemühen. Zunächst wirkte sie jedoch einen Illusionszauber, der das Haus außen und innen für jeden Fremden, der es sah oder betrat – Nachbarn, Brandinspektoren – weiterhin so verbrannt und ramponiert aussehen, riechen und fühlen ließ, wie es gegenwärtig war. Selbst wenn die Inspektoren kamen, um es weiterhin zu untersuchen, würden sie die »Restauration«, die Sam gleich darauf durchführte und mit der sie den ursprünglichen Zustand wieder herstellte, weder sehen noch spüren.
Nur zehn Minuten später war ihr Haus wieder das Heim, das sie und Scott sich vor über vier Jahren geschaffen hatten. Sie holte den Mönch aus dem Keller, legte ihn im Gästezimmer auf das Bett und versiegelte es mit einem magischen Kraftfeld, das ihn darin gefangen halten würde, bis sie ihn wieder frei ließ.
Ihr Handy klingelte, kaum dass sie damit fertig war.
»Hallo Sam«, meldete sich Ronan Kerry. »Ich habe die Sache wieder in Ordnung gebracht und gerade deinen ‚Platzhalter’ als unschuldig entlassen. Wir wissen jetzt auch, wer Tim Crane umgebracht hat: eine gewisse Mary Anne Wilmington. Sie hat sich vor einer Freundin mit der Tat gebrüstet, und die hat uns klugerweise benachrichtigt. Wir haben Mary Anne Wilmington heute Morgen verhaftet. Sie war Cranes Freundin und hatte vorgestern mit ihm Schluss gemacht. Allerdings hat sie das wohl nicht ganz ernst gemeint oder ihre Meinung wieder geändert. Jedenfalls wollte sie ihn zurück, aber da hatte er sich schon mit dir getröstet. Sie hat euch aus dem Joyful Bliss kommen und ins Hotel gehen sehen, worauf sie beschloss, dass, wenn sie ihn nicht haben konnte, keine Frau ihn haben sollte. Nachdem du weg warst, ist sie in das Zimmer eingedrungen und hat Crane erstochen. Sie hat die Tat gestanden. Du bist also raus aus der Sache.«
Es beruhigte Sam in gewisser Weise, dass wenigstens Tim Crane kein Opfer LeGrands gewesen war. Doch das machte ihn auch nicht wieder lebendig.
»Sam, es tut mir wahnsinnig leid, dass ich …«
»Das war nicht deine Schuld, Ron, sondern meine«, unterbrach sie ihn. »Ich muss mich dafür entschuldigen. Ich stand unter einem Fluch und habe es nicht mal gemerkt. Beinahe hätte es deswegen noch mehr Tote gegeben. – Wie geht es Abby und Siobhan? Und wie kommt Sarah mit allem klar?«
»Den Kindern geht es wieder gut«, beruhigte Ronan sie. »Sieht man davon ab, dass Abby mich ständig ängstlich ansieht, als könnte ich mich jeden Moment in ein Monster verwandeln. Das gibt sich schon mit der Zeit. Sarah steckt der Schrecken noch in den Knochen, und sie ist, ehrlich gesagt, momentan nicht allzu gut auf dich zu sprechen, weil sie dir an allem die Schuld gibt.«
»Zu recht«, bestätigte Sam zerknirscht.
»Das sehe ich anders. Schuld trägt allein der Kerl, der dir diesen Fluch angehängt hat. Also mach dir keine Gedanken.«
»Ich sehe zu, dass ich ihn schnellstmöglich ausfindig und unschädlich mache«, versprach Sam. »Damit so was nie wieder passiert. Und – danke, Ron, dass du immer noch mein Freund bist.«
Ronan lachte. »Keine Sorge, du wirst mich nicht los! Man sieht sich, Sam.«
»Bis dann.«
Sam schaltete ihr Handy aus und ging in ihren magischen Werkraum. Als Erstes instruierte sie durch einen Luftelementar den Dienergeist, der immer noch in ihrer Gestalt herumlief, sich ganz offiziell als Sam Tyler in einem Hotel einzumieten, zu relaxen und sich eine gute Zeit zu machen in der Art, wie Menschenfrauen das taten, wenn sie Urlaub hatten: Wellness, Sauna, Beauty-Kuren und dergleichen mehr.
Sie selbst nahm jetzt ihren magischen Spiegel zur Hand und suchte nach LeGrand. Doch obwohl sie alle ihr bekannten Suchzauber einsetzte, auch umgekehrte Suchzauber und nicht nur die Menschenwelt, sondern auch die Unterwelt durchsuchte, es gab von LeGrand keine Spur. Der Spiegel reagierte allerdings auf die Suche, was er nicht getan hätte, wenn der Bokor tot gewesen wäre. Er lebte also noch, aber er hatte es irgendwie fertiggebracht, sich ihrem Zugriff komplett zu entziehen.
Sam schleuderte den Spiegel mit einem Fluch gegen die Wand, und er zerbrach in unzählige Stücke. Sie knurrte gereizt und fügte ihn mit einem Zauber wieder zusammen. Verdammt, das bedeutete nichts Gutes. Dass selbst die zurückgewonnenen Kitsune-Kräfte nicht in der Lage waren, ihr zu zeigen, wohin LeGrand verschwunden war oder wo er sich aufhielt, beunruhigte sie gewaltig.
Gut, er hatte eine schwere Schlappe erlitten und würde mit Sicherheit eine Weile brauchen, um sich davon zu erholen. Doch er würde zurückkommen, um zu vollenden, was ihm wieder einmal nicht gelungen war. Solange LeGrand lebte, war sie und waren vor allem ihre Freunde und ihre Familie nicht sicher. Sie musste noch effektivere Schutzmaßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass er oder irgendjemand anderes sich jemals wieder an den Leuten vergreifen konnte, die ihr wichtig waren.
Sam initiierte einen Schutzzauber, der bewirkte, dass niemand mehr in der Lage sein würde, das Band aufzuspüren, das sie mit ihrer Familie und ihren Freunden verband. Sie sandte ihn durch die Dimensionen zu allen Betroffenen: ihre Familie, Ronan und seine Familie, Kevin Bennet, die Wächter, die Vampirwächter, John Whispering Wind, Nyros, Brian Wolfhearts Rudel und auch Scotts Familie. Vor allem aber zu Nick Roscoe, auch wenn sie ihn wohl nie wiedersehen würde.
Wer immer ihr noch einmal auf diese Weise zu schaden versuchte, würde Sam auf magischer Ebene nur als ein absolut alleinstehendes, völlig isoliertes Wesen wahrnehmen und keine Verbindung zu irgendjemand anderem finden können. Dass jemand ihr ganz profan folgte, um herauszufinden, mit wem sie sich traf, verhinderte ein Zauber, den sie schon lange ständig um sich herum installiert hatte und niemals ablegte. Schade nur, dass der nicht auch bei dem Defensor wirkte ...
Nachdem das erledigt war, fühlte sie sich etwas besser. Der Dienergeist meldete, dass er sich in einem Hotel einquartiert hatte. Sam sprang durch die Dimensionen in die Kabine einer Damentoilette eines Supermarktes, damit niemand sie aus ihrem Haus kommen sah, die sie danach ganz profan verließ, sich vor dem Markt ein Taxi rief und sich zur Brandinspektion fahren ließ, um die Formalitäten zu klären.
Der ermittelnde Inspektor, ein Mann um die fünfzig, fand es zwar vorhersehbar verdächtig, dass es zeitgleich in Sams Haus, ihrem Büro und auch noch dem Geschäft und Haus ihres Vaters gebrannt hatte, doch er hatte bereits ermittelt, dass Kabelbrände dafür verantwortlich waren, die ihren Ursprung nachweislich nicht innerhalb der jeweiligen Gebäude gehabt hatten, sondern in den unterirdischen Stromkabeln außerhalb und sich von dort zufällig in die betroffenen Häuser durchgefressen hatten. Außerdem gab es nicht die geringsten Hinweise auf Fremdeinwirkung.
»Klingt zwar unglaublich«, stellte er fest, »aber ich habe schon öfter erlebt, dass das Leben selbst die unglaublichsten Zufälle fabriziert. Die Untersuchungen sind jedenfalls von unserer Seite abgeschlossen. Sie können also mit der Renovierung beginnen.«
Was Sam umgehend tun würde, wenn auch mithilfe von Magie, die den Nachbarn und den Mitmietern im Bürogebäude vorgaukelte, dass eine Horde von Bauarbeitern und Elektrikern das Haus ausräumte und reparierte, eine weitere Horde die Wände verputze und tapezierte und ein Konvoi von Lieferanten neue Möbel brachte, während ihr »Platzhalter« es sich im Hotel gut gehen ließ.
Allerdings blieb da immer noch das Problem zu lösen, das sie sich mit Bruder Grahams Rettung eingehandelt hatte. Und ja, sie begann dessen Rettung bereits zu bereuen. Seufzend sprang sie in ihr Haus zurück und ging zu dem Gästezimmer, das gegenwärtig das Gefängnis des Mönchs darstellte.

Bruder Graham erwachte mit einem Ruck und erwartete, ein helles Licht zu sehen oder wahrsinnige Schmerzen zu empfinden. Beides traf nicht zu. Stattdessen lag er auf einem Bett in einem ihm fremden Zimmer. Durch das Fenster fiel mildes Sonnenlicht, und irgendwo zwitscherten Vögel. Er fuhr hoch, wobei er sich mit den Händen abstützte und heftig zusammenzuckte, als er feststellte, dass er wieder Hände besaß, obwohl das Dämonenfeuer sie vernichtet hatte. Da es ein solches Wunder nicht geben konnte, musste er also tot sein. Allerdings waren die Ärmel seiner Kutte und des Pullovers versengt, den er darunter trug. Auch im Bereich des Bauches wies seine Kleidung ein klaffendes Loch auf, das ihm zeigte, dass er zumindest nicht geträumt hatte. Die Haut darunter war jedoch glatt und unversehrt.
Auch dieser Ort entsprach in keiner Weise dem Jenseits, das er sich immer vorgestellt hatte. Der Raum besaß immerhin eine Tür, die offen stand und den Blick auf die ockerfarben gestrichene Wand eines Flurs freigab, der in jedem beliebigen Haus hätte sein können. Da er nicht wusste, was von ihm erwartet wurde, das er tun sollte, tat er das Naheliegendste. Er stand auf und ging zur Tür.
In dem Moment, als er die Schwelle überschreiten wollte, stieß er gegen eine unsichtbare Wand, die ihm regelrecht einen Stoß versetzte und ihn zurückschleuderte. Er stürzte zu Boden und rappelte sich wieder auf. Bevor er entscheiden konnte, was er nun tun sollte, tauchte eine Gestalt vor der Tür auf. Eine Frau. Bruder Graham erstarrte, als er in ihr den Buhldämon erkannte, den er getötet hatte. Das war doch unmöglich! Seine Gedanken verwirrten sich, und für einen Moment dachte er überhaupt nichts mehr.
»Also, Bruder Graham, willkommen zurück im Leben«, riss ihn die Stimme des Dämons in die Wirklichkeit zurück. »Da du nicht tot bist, wie du ja festgestellt haben dürftest, haben wir beide jetzt ein Problem, das ich gern auf friedliche Weise lösen würde.«
Nicht tot? Zurück im Leben? Wie konnte das sein? Und woher kannte dieser Dämon seinen Namen? Natürlich durch irgendeine Magie. Er warf einen Blick auf seine Hände, krümmte die Finger und streckte sie und stellte fest, dass sie ganz normal funktionierten. Aber sie waren zerstört worden. Oder hatte er eine Sinnestäuschung erlebt? Oder erlebte jetzt eine? Oder – er wagte es kaum zu denken – er befand sich hier ... direkt in der Hölle.
Oh Gott, mein Vater, bitte lass das nicht zu!
Trotz seines Vertrauens in Gott konnte er nicht verhindern, dass jetzt kalte Angst in ihm hochkroch.
»Es gibt offenbar einiges, das du über Dämonen nicht weißt«, teilte Sam ihm mit, die seine Gefühle spürte und seine Gedanken erriet. »Ein paar von uns beherrschen auch Heilmagie. Ich zum Beispiel. Und obwohl ich schwer versucht war, dich im Dreck verrecken zu lassen«, fügte sie eisig hinzu, »weil du mich töten wolltest, konnte ich dich nicht einfach sterben lassen. Deshalb habe ich dich geheilt. Vollständig
Bruder Graham erschauerte vor Ekel bei dem Gedanken, dass ihre unheilige Magie ihn berührt hatte. Dass seine Hände nicht seine Hände waren, sondern Dämonenwerk. Falls der Dämon die Wahrheit sagte, woran er bis zum Beweis des Gegenteils nicht glauben wollte. Dämonen logen doch, sobald sie den Mund öffneten.
»Jetzt hältst du mich jedenfalls hier gefangen«, stellte Bruder Graham verächtlich fest.
»Nur bis wir uns einig sind«, versicherte Sam. »Wenn ich sicher sein kann, dass du nicht wieder versuchst, mich umzubringen oder meine Familie, bist du sofort wieder frei.« Erwartungsvoll sah sie ihn an, machte sich allerdings keine Illusionen darüber, wie seine Antwort lauten würde. Es bedurfte schon weitaus mehr als nur ihrer Worte, um ihm Vernunft beizubringen.
»Du lügst«, war er überzeugt. »Wie alle deiner Art. Ich weiß nicht, was du von mir willst, aber du wirst mich nie gehen lassen.«
»Im Gegenteil! Ich bin heilfroh, wenn ich dich wieder los bin. Ich habe nämlich keine Lust, dich auf unbestimmte Zeit hier in meinem Haus haben und durchfüttern zu müssen, bis du entweder vernünftig wirst oder irgendwann an Altersschwäche stirbst.« Sie sah ihm in die Augen. »Ich bin weder dein Feind, Bruder Graham, noch der irgendeines anderen Menschen. Ich bin ein Sukkubus und dafür geschaffen, den Menschen zum Dank für den Sex mit ihnen die größte Freude zu schenken, die auf dem Gebiet nur möglich ist. Das ist nichts Böses. Es gibt also keinen Grund für dich, mich zu verfolgen.«
Er starrte sie nur schweigend an.
»Glaubst du, ich hätte dein Leben gerettet, nachdem du mich beinahe umgebracht hast, wenn ich dein Feind wäre?«
Er schnaufte verächtlich. »Gib dir keine Mühe! Ich falle nicht auf deine Falschheit herein. Du hast mich doch nur ‚gerettet’, um dich an mir rächen zu können, indem du mich zu Tode quälst, mich danach wieder ins Leben zurückholst, mich erneut tötest, wiederbelebst und so weiter.«
»Verlockender Gedanke«, meinte Sam ironisch.
Dem Mönch stand allerdings nicht der Sinn nach Ironie. Er richtete sich kerzengerade auf und funkelte Sam herausfordernd an. »Tu es!«, forderte er tapfer. »Wahrscheinlich wirst du mich irgendwann so weit gebrochen haben, dass ich um meinen Tod bettele, weil ich die Tortur nicht mehr ertrage. Aber du wirst niemals meinen Geist brechen können.«
Sam hätte auch das tun können – innerhalb von Sekunden, wenn sie es gewollt hätte, und der Mönch wusste das, wie sie ebenso deutlich spürte wie die Angst, die er in diesem Moment empfand. Sie musste seine Haltung – seinen Mut – gerade deshalb bewundern. Sie war sich allerdings darüber im Klaren, dass sie ihn niemals davon würde überzeugen können, dass sie nicht seine oder der Menschen Feindin war. Aber solange sie ihn nicht überzeugt hatte, konnte sie ihn auch nicht freilassen.
»Ich habe nicht vor, dir etwas anzutun«, versuchte sie ihm noch einmal begreiflich zu machen.
Er knurrte abfällig. »Dann lass mich gehen.«
»Gern«, stimmte sie zu. »Wenn du mir dein Wort gibst, dass du mich und meine Familie in Ruhe lässt.«
»Ihr seid Dämonen, die ich geschworen habe zu vernichten. Ich werde es erfüllen oder bei dem Versuch sterben«, beharrte er stur.
Sam seufzte tief, schüttelte den Kopf und verschwand.
Bruder Graham sank am ganzen Körper zitternd auf das Bett, vergrub das Gesicht in den Händen, die er sich am liebsten abgehackt hätte, weil sie Dämonenwerk waren, und schickte eine inbrünstiges Gebet zu Gott, dass Er ihm Kraft gegen möge für alles, was ihn von der Hand dieser Höllenbrut erwartete.

Sam landete unmittelbar vor dem magischen Schutzschild des Lotus Instituts und berührte ihn vorsichtig mit einem Finger, um zu prüfen, ob sie wieder zurückgeschleudert werden würde, wenn sie versuchte, ihn zu durchschreiten. Der Schild setzte ihr keinen Widerstand entgegen. Sam seufzte erleichtert und stieg die Treppe zum Eingang in das Gebäude hinauf.
Sie hatte kaum die Eingangshalle betreten, als sie schon von acht grimmig dreinblickenden Wächtern umzingelt war, die wirkten, als würden sie nichts lieber tun, als Sam auf der Stelle vernichten; unter ihnen Axaryn, Lady Sybilla und Vesgyn. Doch sie standen definitiv nicht mehr unter LeGrands Bannfluch, denn in ihren Gesichtern las Sam keinen Hass, sondern nur Wachsamkeit und Misstrauen. Sie hob hastig die Hände.
»Hey, keine Panik! Ich konnte euren Schutzschild mühelos durchschreiten. Ich bin also niemand, den ihr angreifen müsst.«
Lady Sybilla sah sie argwöhnisch an. »Was willst du, Sam?«
Sam deutete mit dem Kinn auf Vesgyn. »Mit ihm reden.« Sie bemerkte, dass Axaryn erst sie, dann Vesgyn verblüfft ansah, ehe er missmutig die Augen zusammenkniff.
»Was willst du, Samala?«, erkundigte sich der Erzpriester ruhig.
»Können wir das unter vier Augen besprechen, Vesgyn? Oder«, fügte sie sarkastisch hinzu, »hast du Angst, mit mir allein zu sein?«
»Hätte ich Grund dazu?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen zurück.
Sam schnaufte nur und antwortete nicht.
»Der kleine Konferenzraum ist frei«, bot Lady Sybilla an.
Vesgyn nickte und ging voran. Sam folgte ihm und tat, als bemerkte sie Axaryns fragenden Blick nicht, mit dem er sie stumm um eine Erklärung bat.
»Ich höre.« Vesgyn setzte sich halb auf einen der Tische und überließ es Sam, sich ebenfalls zu setzen oder nicht.
Sie nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz und legte ihre Füße auf den Tisch, sodass sie beinahe Vesgyns Oberschenkel berührte. »Du bist ein Priester des Lichts, Vesgyn. Bedeutet das, dass du allein dadurch eine gewisse Autorität besitzt, die zum Beispiel auch ein christlicher Mönch erkennen und vor allem anerkennen würde?«
Vesgyn nickte. »Solange ich meine Ausstrahlung nicht abschirme – was ich ja meistens tue – wird mich jeder, der mich sieht, zwar nicht unbedingt als Priester Ishaltaras erkennen; das können nur wenige Wesen, die über eine entsprechende Gabe verfügen. Aber dass ich ein Vertreter des Lichts bin, fühlt jeder, selbst wenn er nicht in Worte fassen kann, was er da eigentlich an mir wahrnimmt. Warum fragst du?«
»Weil ich einen Defensor von den Pugnatores Lucis in meinem Gästezimmer eingesperrt habe, der mich, koste es, was es wolle, umbringen will. Benyun hat ihn beinahe getötet, aber ich konnte ihn nicht einfach sterben lassen. Jetzt brauche ich jemanden, genauer gesagt einen Vertreter des Lichts«, sie deutete auf Vesgyn, »dessen Autorität er anerkennt, wenn der ihm sagt, dass ich zwar ein Sukkubus bin, deswegen aber noch lange nicht das personifizierte Böse und deshalb nicht zu den Wesen gehöre, die er gemäß seinem Schwur vernichten muss.« Sie blickte den Priester erwartungsvoll an. »Mit anderen Worten«, fügte sie hinzu, als er schwieg, »ich bitte dich um einen Gefallen.«
»Den ich dir gern erweise, Samala, wenn es weiter nichts ist. Allerdings will ich vorher wissen, was du getan hast, um ihn zu dem Schluss zu bringen, dass er dich vernichten muss. Die Defensoren differenzieren normalerweise sehr genau und töten niemanden, der es nicht verdient.«
Sam schnaufte ungehalten. »Davon scheint dieser Bruder Graham aber noch nie was gehört zu haben.« Sie schüttelte den Kopf. »Im Ernst, Vesgyn. Ich habe nichts getan. Er tauchte plötzlich auf, verfolgte mich und versuchte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, mich umzubringen. Ich glaube allerdings nicht, dass dafür auch der Bokor verantwortlich ist, der Axaryn und Sybilla veranlasste, sich gegen mich zu stellen, kaum dass sie mich vorgestern sahen. Im Gegensatz zu allen anderen, die mir gegenüber wieder normal geworden sind, nachdem ich den Bann brechen konnte, ist er immer noch fest entschlossen, mich auszulöschen. Würdest du also – bitte – versuchen, ihm das auszureden?«
Vesgyn nickte langsam. »Ich werde es versuchen.« Er musterte sie nachdenklich. »Was hast du mit ihm vor, falls ich ihn nicht überzeugen kann?«
»Oh«, meinte Sam leichthin, »ich werde ihn teeren, federn, ihm die Haut in Streifen abziehen – bei lebendigem Leib versteht sich –, ihn rädern, vierteilen, vergiften, erhängen, erschießen, ersäufen, erstechen, erschlagen, erwürgen, ersticken, in Stücke reißen, was noch von ihm übrig ist und ihm als krönenden Abschluss den Kopf abschlagen, nachdem ich ihm das Herz aus dem Leib gerissen habe. Nur der Vollständigkeit halber, bevor ich seine Überreste an die Ghouls13 verfüttere.«
Vesgyn fand das gar nicht lustig, sondern blickte sie nur besorgt an.
Sam schüttelte den Kopf. »Verdammt, Vesgyn, was denkst du denn von mir?«
»Dass du die Königin der Unterwelt bist und ich mir nicht sicher bin, wie weit ich dir wirklich trauen kann.«
»Wenigstens eine ehrliche Antwort«, knurrte Sam. »Das mit der Königin ist ein Missverständnis, das ich noch klären werde.« Auch wenn sie gegenwärtig nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte. »Ich habe noch eine Frage.« Sie beugte sich vor und sah Vesgyn in die strahlend blauen Augen. »Was siehst du in mir, Vesgyn? Jetzt, in diesem Moment. Licht? Finsternis? Beides? Und vor allem: Was bin ich für dich? Ich denke, das sollten wir endlich klären. Und da wir hier schon mal gemütlich zusammen plaudern, scheint mir dieser Zeitpunkt dafür ganz günstig zu sein.« Sie blickte ihn auffordernd an.
Vesgyn sah sie eine Weile nachdenklich an und erblickte in ihrem Gesicht ihre Ahnin Menéssia. Sekunden später sah er in ihr deren Tochter Tarynya, die Frau, die er von allen am meisten geliebt hatte. Er sah in Sam Finsternis und Licht, Kraft und Schwäche, vor allem aber immer wieder Tarynya. Und, ja, verdammt, er wollte sie. Lady Sybilla hatte völlig recht gehabt, als sie ihm vor ein paar Tagen vorgeworfen hatte, dass er Sam eben deswegen nicht objektiv beurteilen konnte. Die Erkenntnis, dass er ihr deshalb tatsächlich – genau genommen von Anfang an – eine Menge Unrecht getan hatte, ließ ihn seinen Blick verlegen abwenden.
»Ich sehe in dir Tarynya«, gestand er leise. »Und jedes Mal, wenn du dich nicht verhältst wie sie, glaube ich, in dir Menéssias dämonisches Wesen zu erkennen. Sata hat Tarynya getötet, und – Missverständnis oder nicht – du bist jetzt seine Königin. Deine beständige Weigerung, ebenfalls eine Wächterin zu werden, trägt auch nicht dazu bei, dass wir ... dass ich dir vertrauen kann.« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin einfach nicht in der Lage, dich unvoreingenommen sehen zu können.«
Wozu er auch niemals in der Lage sein würde, solange sein Herz immer noch zerrissen war, vielmehr gebrochen durch Tarynyas Verlust, von dem er sich bis heute nicht erholt hatte. Some broken hearts never mend hatte auch der Countrysänger Don Williams herausgefunden, und diese Möglichkeit traf wohl auf jeden zu, der menschliche Gefühle besaß.
»Damit werde ich wohl leben müssen«, meinte Sam schließlich. »Hilfst du mir jetzt mit dem Mönch?«
»Das habe ich bereits zugesagt.« Er sah sie erneut nachdenklich an. »Samala, ich würde ihn gern als einen Zeugen miterleben lassen, was du in der Vergangenheit bereits alles für die Menschen getan hast. Ich glaube, das würde ihn – wenn überhaupt – mehr überzeugen als alle Worte.«
Sam blickte ihn fragend an. »Willst du ihn durch ein Zeitportal in die Vergangenheit bringen?«
»Das wäre zu gefährlich, da wir dadurch nur zu leicht die Zeitlinie verändern könnten. Nein, ich will ihn durch deine diesbezüglichen Erinnerungen führen.« Er blickte sie bedeutsam an. »Das bedingt aber, dass ich deine Erinnerungen kennen muss.«
Sam verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. »Du willst in meinen Gedanken schnüffeln.«
»Aus deinen Erinnerungen aussuchen, was diesen Mönch überzeugen könnte«, korrigierte er. »Doch ja, ich werde sie dazu kennenlernen müssen. Erlaubst du mir, deine Gedanken zu lesen?«
Sam schnaufte ironisch. »Wenigstens fragst du diesmal um Erlaubnis.«
Vesgyn wiegte verlegen den Kopf. »Ich habe meine diesbezügliche Lektion gelernt. Und ich bitte dich hiermit in aller Form um Entschuldigung für meinen damaligen Versuch, das unerlaubt zu tun. Das war einfach falsch. Genau genommen gibt es gar keine Entschuldigung dafür, weil ich damit meine Prämissen als Wächter und Priester missachtet habe. Es tut mir leid, Samala.«
Vesgyn war ehrlich zerknirscht, und das versöhnte Sam mit ihm. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. »Entschuldigung angenommen, Vesgyn.« Dennoch zögerte sie einen Moment, ehe sie schließlich zustimmte. »Ich kann doch darauf vertrauen, dass du nichts, was du in meinen Gedanken siehst, gegen mich verwendest?«
»Darauf gebe ich dir mein Wort.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Okay, leg los.«
Sie fühlte, wie Vesgyns Geist sanft ihre Gedanken berührte und schließlich vorsichtig tiefer ging, um ihre Erinnerungen zu sondieren. Sam ließ ihn gewähren, obwohl sie sich nicht sehr wohl dabei fühlte. Ihre Gedanken und Erinnerungen waren schließlich privat. Andererseits mochte ihm das helfen, in Bezug auf sie etwas klarer zu sehen.
Als er sich schließlich wieder zurückzog, maß er sie mit einem Ausdruck in den Augen, den Sam nicht deuten konnte. Es schien eine gewisse Traurigkeit darin zu liegen, aber auch Mitgefühl und Respekt.
»Ich sage Lady Sybilla Bescheid, dass ich dich begleiten werde.«
Sam erhob sich und folgte ihm. Sie wunderte sich nicht, dass Sybilla und Axaryn immer noch im Foyer standen und offenbar auf sie gewartet hatten. Der Bronzedämon blickte sie fragend und auch ein wenig misstrauisch an. Sam lächelte ihm kurz zu.
»Ich werde Sam bei der Lösung eines Problems helfen und eine Weile fort sein«, teilte Vesgyn ihnen mit. »Macht euch keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung. Auch«, er warf Sam einen Seitenblick zu, »zwischen uns.«
»Wäre es vermessen zu fragen, was eigentlich los ist?«, wollte Lady Sybilla wissen.
»Ja«, antwortete Vesgyn schlicht und ergriff Sams Hand.
Die Dämonin sprang mit ihm durch die Dimensionen in ihr Haus vor das Zimmer, in das sie Bruder Graham eingesperrt hatte. Sie ließ dem Priester den Vortritt. Vesgyn trat an die offene Tür, blieb aber vor dem magischen Schild stehen, der es versiegelte, obwohl er ihn problemlos durchschreiten konnte, wie er fühlte.
Bruder Graham saß auf dem Bett, hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Kinn auf die gefalteten Hände. Er sprang auf, als er Vesgyn sah. Er spürte das reine Licht in diesem Mann und empfand grenzenlose Erleichterung. Gott hatte seine Gebete erhört und einen Mann des Lichts geschickt, um ihn zu befreien.
»Ist der Dämon tot? Haben Sie ihn vernichten können?«, fragte er eifrig.
»Nein, hat er nicht.« Sam trat in sein Blickfeld. »Aber er hat mit dir zu reden. In deinem Interesse hoffe ich, dass du ihm zuhörst.«
Sie nickte Vesgyn zu, der ohne zu zögern den magischen Schild durchschritt, der den Mönch in dem Zimmer gefangen hielt. Bruder Graham wich zurück.
»Was bedeutet das?«, fragte er misstrauisch. »Ich spüre doch das Licht in Ihnen. Wieso vernichten Sie den Dämon nicht?«
»Weil Sam es nicht nur nicht verdient zu sterben«, antwortete Vesgyn sanft, »sondern weil sie auf unserer Seite steht.«
»Niemals! Das ist eine Täuschung!« Er sah von Vesgyn zu Sam und wieder zurück und glaubte den Grund für das seltsame Verhalten dieses Mannes des Lichts zu kennen. »Oh nein! Der Dämon hat Ihren Geist geblendet.«
»Gewiss nicht.« Vesgyn streckte ihm die Hand entgegen. »Ich werde es dir beweisen. Folge mir.«
Bruder Graham verstand zwar nicht, was hier vor sich ging, aber er vertraute dennoch blind diesem Mann des Lichts, das kein Dämon zu imitieren vermochte. Er ergriff Vesgyns Hand. Augenblicklich veränderte sich die Umgebung um sie herum.
Er befand sich zusammen mit Vesgyn in einer dunklen Gasse. Vier bullige Typen, deren Lederjacken auf dem Rücken das Symbol der Hell’s Angels trugen, hatten ein junges Mädchen in eine Ecke zwischen zwei Müllcontainern gedrängt und waren drauf und dran, sie zu vergewaltigen. Unvermittelt tauchte Sam hinter ihnen auf.
»Das würde ich an eurer Stelle nicht tun, Jungs«, warnte sie.
Worauf die Männer sich ihr zuwandten und nach ein paar gehässigen Bemerkungen Miene machten, zunächst über Sam herzufallen. Das Ergebnis war für Bruder Graham vorhersehbar. Selbst der stärkste Mann hatte nicht einmal mit einer vierfachen Übermacht eine Chance gegen einen Dämon. Allerdings war er überzeugt, dass die Dämonin die Männer töten würde und wunderte sich, dass sie es nur dabei beließ, ihnen ein paar Knochen zu brechen und sie bewusstlos zu schlagen. Noch mehr wunderte er sich, mit welcher Behutsamkeit sie sich anschließend um das verängstigte Mädchen kümmerte und es wieder zu den besorgten Eltern zurückbrachte.
Erneut veränderte sich die Umgebung. Der Mönch sah Sam zusammen mit ihrem Vater – nicht ihrem Gefährten, wie er geglaubt hatte – am Bett eines kleinen Mädchens stehen, das im Sterben lag und ihn bei der magischen Heilung des Kindes unterstützen. Er sah, wie sie Henry Bellamy heilte und ihn vor einem Voodoo-Zauberer beschützte. Sie heilte mehrere Menschen, die zu Windigowak geworden waren und rettete eins ihrer Opfer.
Vesgyn führte den Mönch durch unzählige Stadien von Sams Leben, in denen sie Menschen half oder sie heilte. Bruder Graham erlebte mit, wie sie ihre magischen Kräfte einsetzte, um Unschuldige vor dem Gefängnis zu bewahren – Peter Ryker, Gordon Kingsley und andere – und die Schuldigen hinter Gittern zu bringen. Am Ende befreite sie sogar ein kleines Mädchen aus den Klauen eines Psi-Vampirs und brachte die Kleine bei Pflegeeltern unter, damit das Kind nicht wieder in eine Klinik musste.
Zuletzt wurde er Zeuge seines eigenen Beinahe-Todes. Graham sah sich selbst sterbend am Boden liegen und erlebte, wie Sam ihm mitleidlos dabei zusah. Nein, nicht mitleidlos. In buchstäblich letzter Sekunde stieß sie einen Fluch aus, setzte ihre Magie ein und heilte seinen Körper. Sie blickte mit finster gerunzelter Stirn anschließend auf hin hinab und schüttelte den Kopf. »Ich werde es bereuen«, stellte sie fest. »Verdammt, ich weiß, dass ich das bereuen werde.« Sie hob seinen Körper auf und brachte ihn hierher in dieses Zimmer, in dem Graham sich jetzt wiederfand.
Vesgyn ließ seine Hand los. »Das ist Sam Tyler, Bruder Graham. Das sind die guten Werke der Frau – aber beileibe nicht alle –, die du töten wolltest. Ohne ihre Arbeit und Intervention wären etliche gute Menschen längst tot oder würden lebenslängliche Strafen für Verbrechen verbüßen, die sie gar nicht begangen haben.«
»Sie ist ein Seelenfresser«, widersprach der Mönch. »Und ich begreife nicht, wie Sie sich zu ihrem Lakaien machen können, Sie, ein Mann des Lichts.«
Vesgyn schüttelte verblüfft den Kopf. »Wie kommst du denn auf diese absurde Idee?«
»Ein Informant meines Ordens hat sie aufgespürt und mir von ihren ruchlosen Taten berichtet. Ich versuche nur, die Menschen vor ihr und ihresgleichen zu beschützen.«
»Nun, Bruder Graham, in Sams Fall hat sich euer Informant geirrt.«
»Simon Kelley irrt sie nie.«
Der Erzpriester blickte den Mönch nachdenklich an. Schließlich zog er sein Handy aus der Tasche und reichte es ihm. »Ruf den Mann an und frag ihn, ob er sich da wirklich sicher ist. Vor allem frag ihn, woher er diese Information hat. Tu mir bitte den Gefallen«, fügte er hinzu, als Bruder Graham zögerte. »Es kann doch nicht schaden, nicht wahr?«
Widerstrebend gehorchte der Mönch und tippte Simon Kelleys Nummer ein.
»Hallo Graham«, meldete sich gleich darauf die Stimme des Pharmavertreters. »Wie geht es dir? Wir haben ja lange nichts mehr voneinander gehört.«
Bruder Graham starrte das Handy einen Moment an und war sich nicht sicher, ob es nicht mit einem Fluch belegt war. Doch der Mann des Lichts hatte es ihm gereicht. Es musste also in Ordnung sein.
»Simon, du hast mir doch erst vor ein paar Tagen eine SMS geschickt und mir gemeldet, dass du einen Seelenfresser in Cleveland entdeckt hast.«
»Cleveland? Ich war seit Monaten nicht mehr in Cleveland. Und wir haben zuletzt im August miteinander telefoniert, als ich in Washington war. Seitdem habe ich dir auch keine SMS geschickt. Was ist los mit dir?«
»Kennst du jemanden namens Sam Tyler?«
»In Cleveland? Ja, da gibt es eine sehr renommierte Detektei, die einer Sam Tyler gehört. Sie hat mal als Sicherheitsberaterin für eine Firma gearbeitet, mit der ich beruflich zu tun hatte. Sie ist eine verdammt schöne Frau.«
»Sie ist ein Dämon, Simon.«
»Ein Sukkubus, ich weiß«, antwortete Simon Kelley mit einem deutlichen Schmunzeln in der Stimme. »Leider hat sie mich nicht verführt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, wenn ich mal wieder in Cleveland bin. Wieso stellst du mir alle diese Fragen, Graham?«
»Du hast mir wirklich keine SMS geschickt?«, vergewisserte sich der Mönch, ohne auf die Frage einzugehen.
»Nein, nicht seit August. Mein Wort drauf, Graham.«
»Danke, Simon.« Er schaltete das Handy aus und reichte es Vesgyn zurück. Er glaubte Simon, der ihn seines Wissens noch nie belogen hatte. Allerdings mochte er nicht darüber nachdenken, was das bedeutete, dass die Information über »Sam Tyler« nicht von Simon gekommen war.
»Sie ist ein Dämon«, beharrte der Mönch dickköpfig. »Kein Dämon tut etwas, ohne dass er einen Vorteil davon hat. Wenn sie Menschen hilft, so nur zu selbstsüchtigen Zwecken, die am Ende zu deren Verderben führen.«
Vesgyn blickte ihn mitfühlend an. »Was ist dir passiert, Bruder Graham, dass du nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kannst?«
»Oh, das kann ich immer noch und das tue ich auch. Deshalb werde ich nicht aufhören, das Böse zu jagen und zu vernichten. Einschließlich dieses Buhldämons in Menschengestalt.«
»Sie hat dein Leben gerettet«, erinnerte Vesgyn ihn nachdrücklich. »Was immer ihre Gründe dafür gewesen sein mögen, du schuldest ihr dafür etwas, Graham Winger. Das ist eine Frage der Integrität und der Ehre. Deiner Ehre. Oder glaubst du, ein Streiter des Lichts sein zu können, wenn du das Geschenk des Lebens mit dem Tod vergiltst?«
Der Mönch zögerte, war aber keineswegs überzeugt.
»Welchen Grund sollte sie denn haben, dich zu retten, nachdem du sie zu töten versucht hast«, versuchte Vesgyn es erneut, »wenn nicht Mitgefühl und das Bewusstsein, dass ihr beide auf derselben Seite steht?«
»Wahrscheinlich will sie sich so meiner Dankbarkeit versichern und für sich einnehmen.«
»Und zu welchem Zweck, bitte?«
Das war in der Tat die Frage, und Graham wusste darauf keine Antwort.
»Wie also entscheidest du dich?«
»Nun gut«, gab der Mönch nach, denn er brauchte Zeit, um über alles gründlich nachzudenken. »Dafür, dass sie mein Leben gerettet hat« – er schüttelte sich vor Ekel, dass sie ihn dabei mit ihrer unheiligen Magie berührt hatte – »werde ich sie verschonen. Aber nur für dieses eine Mal! Ich werde in Zukunft ein Auge auf sie haben. Sobald sie etwas tut, das einem Menschen schadet, wird nicht einmal die Fürsprache eines Engels sie noch retten können.«
Vesgyn seufzte frustriert. Er war selten einem so verbohrten Wesen begegnet wie diesem Mönch. Zwar wusste er, dass ein durch einen Dämon erlittenes und immer noch unbewältigtes Trauma ihn so denken und handeln ließ; das hatte er als einen tiefschwarzen Schatten auf seiner Seele wahrgenommen. Das entschuldigte Grahams Verhalten jedoch nur bedingt. Allerdings würde Vesgyn mehr als dieses unbedeutende Zugeständnis nicht bei ihm erreichen.
»Ich hoffe, du hältst dein Wort«, sagte er nur und verließ Bruder Grahams Gefängnis.
Sam hatte sich inzwischen in ihr Arbeitszimmer zurückgezogen und war mit irgendeiner Recherche im Internet beschäftigt. Sie blickte auf, als der Erzpriester eintrat.
»Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen ist die Sache nicht allzu gut verlaufen«, stellte sie fest.
Vesgyn schüttelte leidgeprüft den Kopf. »Den Mann könnten allenfalls die Götter persönlich überzeugen. Und selbst die brauchten dafür wohl einen Vorschlaghammer.« Er sah ihr in die Augen. »Es tut mir leid, Samala. Damit meine ich nicht nur, dass es mir nicht gelungen ist, Bruder Graham zu überzeugen. Ich meine auch alles andere. Ich ...«
Sam hob abwehrend die Hand. »Ich bin nicht in der Stimmung, das jetzt zu diskutieren, Vesgyn. Lass uns zu einem anderen Zeitpunkt darüber reden. Jetzt muss ich erst mal das Problem mit diesem sturen Mönch lösen.«
»Was hast du mit ihm vor?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich danke dir für deine Hilfe. Geh jetzt bitte.«
Vesgyn war versucht, auf einer Antwort zu bestehen, um notfalls zu Bruder Grahams Gunsten intervenieren zu können. Er tat es nicht. Tief in seinem Inneren wusste er, dass sie dem Mönch nicht schaden würde. Nachdem er ihre Gedanken und Erinnerungen geteilt hatte, war ihm klar geworden, dass sie zwar nicht Tarynya war, aber auch nicht den dämonischen Charakter Menéssias besaß. Sie war Tai’Samala, und sie ging ihren eigenen Weg. Er nickte ihr zu und verschwand.
Sam seufzte tief und ging zu Bruder Grahams Gefängnis. Der Mönch kniete mit gefalteten Händen betend am Boden. Als er Sam bemerkte, stand er sofort auf, reckte das Kinn in ihre Richtung und gab sich ihr gegenüber so furchtlos, wie er in Wirklichkeit gar nicht war.
»Ich nehme an, dass du mich jetzt töten wirst, nachdem dein Lakai es nicht geschafft hat, mich von deiner angeblichen Harmlosigkeit zu überzeugen. Nur zu! Ich habe meinen Geist und meine Seele in Gottes Hand gegeben und bin bereit.«
»Wie schön für dich. Ich bezweifle allerdings, dass die Götter schon für dich bereit sind.«
Sam sprang durch die Dimensionen an seine Seite, packte seinen Arm und sprang mit ihm zu einem anderen Ort, wo sie ihn losließ. Ein heißer Wind fuhr ihnen ins Gesicht und brachte einen Schwall von Sand mit sich. Vor dem Mönch lagen ein prall gefüllter Rucksack und fünf nicht minder prall mit Wasser gefüllte Feldflaschen.
Sam machte eine die Umgebung umfassende Handbewegung. »Das hier ist Afrika. Algerien, um genau zu sein, und wir sind hier mitten in der Sahara.«
»Wo ich elendig zugrunde gehen soll«, vermutete er sarkastisch. »Ich wusste, dass du mich töten würdest, sobald dein Lakai gegangen war.«
Sam schüttelte seufzend den Kopf und richtete ihr Gesicht theatralisch zum Himmel. »Oh Götter, prügelt dem Kerl Vernunft ein!«, brüllte sie. »Meinetwegen mit einem Vorschlaghammer, aber bitte schlagt ihn endlich mit Vernunft! Und ein bisschen Verstand als Bonus wäre auch nicht schlecht!« Sie maß den Mönch mit einem missbilligenden Blick. »Wenn ich so wäre, wie du mich immer noch mit aller Gewalt sehen willst, dann hätte ich dich sterben lassen, als mein Vater dich umbringen wollte, beziehungsweise ich hätte dich schon beim ersten Mal getötet, als du mich angegriffen hast oder würde es jetzt tun, nachdem du immer noch nicht bereit bist, mich in Ruhe lassen.«
»Warum tust du es nicht?« Seine Stimme war voller Misstrauen.
Sam schüttelte genervt den Kopf. »Weil du ein Krieger des Lichts bist und wir deshalb auf derselben Seite stehen. Wenn ich mich vor deinen Nachstellungen retten wollte, so würde ich mir nicht die Mühe machen zu versuchen, dich eben davon zu überzeugen, sondern einfach verschwinden und mich anderswo niederlassen. Oder dich, wenn du mir zu oft in die Quere kämst, tatsächlich töten.«
Sie deutete auf das Gepäck zu seinen Füßen. »Wenn ich wollte, dass du hier zugrunde gehst, würde ich dich wohl kaum mit genug Wasser und Nahrung verpflegen, dass du bequem die nächste Siedlung erreichen kannst. Die liegt übrigens in der Richtung und heißt Arak.« Sam deutete nach rechts. »Fünfzig Meilen, um genau zu sein. Exakt Nordnordwest. Wenn du nicht trödelst, kannst du in drei Tagen dort sein. Auf halber Strecke befindet sich eine Oase, wo du deine Wasservorräte auffüllen kannst. Ein Kompass steckt im Rucksack. Ebenso wüstentaugliche Kleidung einschließlich Hut und genug Geld, dass du wieder in die Staaten zurückkommst. Arak verfügt über eine Anbindung an die Bahnstrecke direkt nach Algier. Und an deiner Stelle würde ich die Wanderung durch die Wüste mal zum Nachdenken benutzen.«
Bruder Graham blickte sie misstrauisch an. »Du lässt mich gehen?« Er konnte es kaum glauben.
Sam schüttelte den Kopf. »Was sollte ich wohl sonst tun? Ich habe dein Leben nicht gerettet, um es dir wieder zu nehmen. Aber ich warne dich«, fügte sie eisig hinzu. »Solltest du mich noch ein einziges Mal angreifen, werde ich dafür sorgen, dass du niemals wieder eine weitere Gelegenheit bekommst. Wie wir ja gesehen haben, bist du nicht immun gegen Levin-Pfeile. Außerdem rate ich dir dringend, meiner Familie nicht noch mal über den Weg zu laufen. Sowohl mein Vater wie auch meine Geschwister und meine Tochter würden dich ohne zu zögern töten.«
Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern verschwand und überließ Bruder Graham seinem Schicksal. Allerdings nicht ohne ihm einen Luftelementar zur Seite zu stellen, der über ihn wachen würde, bis er wieder sicher in den Staaten war. In spätestens zehn Tagen, wenn seine Reise ohne Zwischenfälle verlief.

Sam kehrte nicht sofort nach Hause zurück, sondern sprang durch die Dimensionen direkt in Luzifers Thronsaal. Der Herr der Unterwelt befand sich gerade in einer Konferenz mit den Zehn Mächtigen Fürsten. Diese Hochrangigsten unter den Erzdämonen erhoben sich augenblicklich von ihren Plätzen und verbeugten sich ehrerbietig vor Sam. Sie ignorierte sie.
»Auf ein dringendes Wort, Luzifer«, verlangte sie.
»Wir befinden uns gerade in einer wichtigen Besprechung«, wagte einer der Fürsten anzumerken.
Sam baute sich dicht vor ihm auf und starrte ihm in die Augen, obwohl er einen guten Kopf größer war als sie. »Hast du damit – oder etwa mit mir – ein Problem?«
Der Dämon senkte den Kopf und wich mit einer tiefen Verbeugung zurück. »Nein, meine Königin. Natürlich nicht.«
»Raus!«, befahl Sam. »Alle!«
Die Zehn Mächtigen gehorchten ohne zu zögern, als Luzifer ihnen keinen Gegenbefehl erteilte und verschwanden.
Der Herr der Unterwelt applaudierte ihr lachend. »Oh, Samala, du bist wahrhaftig meine Königin!«
»Nein, bin ich nicht«, widersprach Sam nachdrücklich. »Ich verlange, dass du deinen Untertanen begreiflich machst, dass ich wieder abdanke.«
Luzifer erhob sich geschmeidig von seinem Thron und war mit wenigen Schritten bei ihr. »Das sah mir aber eben gar nicht so aus. Wie du meine Vasallen rausgeworfen hast – wie meine Königin. Ganz abgesehen davon, dass sie sich sonst nur noch von mir oder unserer Tochter ähnlich behandeln lassen, ohne das sie – milde ausgedrückt – ungehalten reagieren. Nicht wahr, du hast eben – genau wie als du Tashlaat für deine Zwecke eingespannt hast – ganz bewusst deinen Status als meine Königin benutzt. Freiwillig. Weil es dir in den Kram passte. Ebenso freiwillig hast du dich neulich auf diesen Thron gesetzt. Niemand hat dich dazu gezwungen. Also hör auf mich deswegen anzupissen«, fügte er ungehalten hinzu. »Falls du dir Sorgen machst, was deine Wächter-Freunde von deinem neuen Status bei uns halten, so solltest du dir vielleicht mal Gedanken darüber machen, wo deine wahren Freunde sitzen.«
Er umfasste mit einer Handbewegung den Thronsaal, besonders die Sitze der Zehn Mächtigen. Übergangslos setzte er ein gewinnendes Lächeln auf, legte Sam die Hände auf die Schultern, ließ sie verführerisch sanft ihre Arme hinab gleiten und fasste schließlich ihre Hände.
»Samala, du bist und bleibst eine Dämonin, ganz gleich, wie sehr du versuchst, etwas anderes zu sein. Dein Platz ist hier, in der Unterwelt, der du entstammst.« Er führte sie zum Thronpodest, nahm auf seinem Thron Platz, ohne ihre Hände loszulassen und versuchte, sie auf den Thron der Königin zu bugsieren.
Sam machte sich energisch von ihm los und trat ein paar Schritte zurück. Sie würde sich nicht noch einmal von ihm austricksen lassen. Luzifer zuckte mit den Schultern.
»Ja, ich habe die Situation ausgenutzt. Aber dennoch will und werde ich nicht deine Königin sein. Du kannst diese Farce beenden, indem du eine andere Dämonin auf diesen Thron setzt.« Sie deutete auf den Königinnenthron. »Danaya zum Beispiel.«
»Das werde ich aber nicht tun.« Er stand wieder auf, trat hinter Sam, legte die Arme um sie und drückte ihren Körper zärtlich an sich, während er mit den Lippen verführerisch ihre Wange streichelte. »Keine Dämonin außer dir ist es wert, auf diesem Thron zu sitzen. Nicht einmal Danaya. Du bist etwas so Besonderes, Samala.«
Sam machte sich mit größter Mühe von ihm frei, denn Luzifers Lockmagie, die er jedes Mal bei ihr anwandte, überschwemmte sie mit nahezu unwiderstehlichem Verlangen nach ihm und drängte sie, sich ihm in die Arme zu werfen und auf der Stelle mit ihm zu schlafen.
»Niemals!«, beharrte sie nachdrücklich.
»‚Niemals’ ist selbst für Unsterbliche ein viel zu langer Zeitraum«, erinnerte er sie. »Aber natürlich ist es deine Entscheidung, ob du deinen Platz an meiner Seite einnehmen willst oder nicht. Ich bin mir sehr sicher, dass du die Vorzüge, die du ja schon erkannt und genutzt hast, auch in Zukunft nutzen wirst, weil du zu klug bist, auf diese Macht zu verzichten, wenn du sie brauchst.«
»Und das ist genau das, was du von Anfang an im Sinn hattest, als du meine Tochter dazu benutzt hast, mich auf diesen Thron zu bekommen.«
Luzifer machte nicht einmal den Versuch, das zu leugnen. »Wie du aber festgestellt hast, war das zu deinem Vorteil. Andernfalls würde ich längst unter den Folgen des Bruchs meines dir geschworenen Eides leiden. Ohne deinen Status als meine Königin, durch den du Tashlaat für deine Zwecke einspannen konntest, wärst du möglicherweise schon tot oder doch immer noch arg in der Bredouille. Worüber also beschwerst du dich?«
So ungern Sam das auch zugeben mochte, aber er hatte leider recht. Als sie in Not gewesen war, hatte sie nur allzu gern auf diese Möglichkeit zurückgegriffen, weil sie sich anbot und es so herrlich einfach und bequem gewesen war. Ja, sie würde in einer ähnlichen Situation diese Macht erneut benutzen. Und mit jedem Mal ein Stück weiter diesen Status akzeptieren, bis sie sich eines Tages so sehr darin verstrickt hätte, dass sie tatsächlich Luzifers Königin wäre und es auch weiterhin sein wollte. In welchem Fall sie ihm damit erneut Macht über sie in die Hand geben würde.
Er blickte sie eindringlich an. »Ich gebe ja zu, dass ich dich ausgetrickst habe.« Er grinste. »Was mir ein ausgesprochenes Vergnügen war.« Wieder ernst fügte er hinzu: »Nichtsdestotrotz habe ich das getan, um dich zu schützen und dir die Möglichkeit zu geben, deinen Feind zu besiegen.«
Was natürlich purer Eigennutz gewesen war. Sam wusste immer noch nicht, was genau Luzifer mit ihr vorhatte, warum er sie unbedingt auf seiner Seite haben wollte. Dass es etwas mit der in absehbarer Zeit bevorstehenden Großen Entscheidung zu tun hatte, war ihr natürlich klar. Lediglich die genauen Zusammenhänge entzogen sich immer noch komplett ihrem Verständnis. Selbst mit ihren Kitsune-Kräften war und blieb sie immer noch eine vergleichsweise unbedeutende Dämonin. Andererseits wollten auch die Wächter sie unbedingt auf ihrer Seite haben.
Sie musste schnellstmöglich das Gespräch mit Lady Sybilla hinter sich bringen, das sie eigentlich erst nächsten Mittwoch hatten führen wollen. Dennoch ...
»Samala«, versuchte Luzifer sie erneut zu überreden.
»Nein!«, unterbrach sie ihn. »Mach eine andere Dämonin zu deiner Königin, und lass mich, verdammt noch mal, in Ruhe!«
Sie verschwand und sprang auf den Crow’s Nest Peak in den Black Hills, den sie immer aufsuchte, wenn sie eine wichtige Entscheidung zu treffen hatte. Luzifer war schließlich nicht ihr einziges Problem, und die einsame Bergspitze besaß eine besondere Atmosphäre, die Sam beim Nachdenken half.
Jacques LeGrand war ihr unglücklicherweise entkommen und lebte diesmal noch, um sie weiterhin zu verfolgen. Nächstes Mal würde er noch raffinierter zuwerke gehen. Sam glaubte nicht, dass er noch einmal versuchte, sich an ihren Freunden zu vergreifen, da er sich unschwer denken konnte, dass sie die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften und Mitteln vor ähnlichen Angriffen geschützt hatte. Nein, nächstes Mal würde er sich etwas anderes einfallen lassen.
Sie konnte nicht verhindern, dass sie zu der Trauer um Edward Paris und Jason Goldstein auch ein gewisses Maß an Schuldgefühlen empfand. Allein ihre Freundschaft beziehungsweise Verbindung zu Sam hatten sie zu Zielscheiben gemacht und sie das Leben gekostet. Was die Dämonin in ihrem Entschluss bestärkte, ihre Zelte in Cleveland abzubrechen und »Sam Tyler« sterben zu lassen. Die Welt war voll von Orten, an denen sie leben konnte. Andererseits hatte sie sich an keinem bisher so wohl gefühlt wie in Cleveland ...
Es wäre jedoch ratsam, sich in ihrem neuen Umfeld von vornherein keine Freunde mehr anzuschaffen und nie mehr zuzulassen, dass ein Mensch ihr so nahe kam, dass er sie seinerseits als Freundin betrachtete. Als Sukkubus brauchte sie ohnehin keine Freunde. Auch nicht als ein Sukkubus, der zu menschlichen Gefühlen fähig war.
Allerdings würde sie ihre Freunde nicht nur sehr vermissen, wie sie in diesem Moment erkannte, sondern sich, falls sie nie wieder die Freundschaft anderer Wesen zuließ, in Zukunft auch verdammt einsam fühlen. Menschen brauchten Freundschaften, brauchten Familie und andere soziale Beziehungen, um sich wohlzufühlen. Durch die menschlichen Gefühle, die sie selbst besaß und die immer mehr zu einem Teil ihrer Persönlichkeit wurden, brauchte sie die nun ebenfalls.
Sam fluchte laut und wünschte wieder einmal den Geist, dem sie diese Bürde zu verdanken hatte, in den tiefsten Schlund der Hölle. Miyuki Tanaka hatte es gut gemeint, als sie ihr diese Fähigkeit schenkte, hatte es sogar als das wertvollste Geschenk der Welt angesehen. Für einen Menschen mochte es das durchaus sein. Für eine Dämonin wie Sam war es ein entsetzlicher Fluch.
Sie zuckte zusammen, als unvermittelt jemand neben ihr auftauchte und entspannte sich erst wieder, als sie Axaryn erkannte. Der Bronzedämon setzte sich neben sie. Eine lange Zeit saß er nur schweigend bei ihr, während Sam weiterhin ihren Gedanken nachhing.
»Was ist in den letzten Tagen passiert, Samala«, fragte er schließlich. »Wieso hat uns plötzlich etwas gezwungen, uns gegen dich zu stellen?«
Sam erklärte es ihm, und Axaryn fluchte heftig, beruhigte sich aber schnell wieder. »Was für eine Tücke«, meinte er nur. »Wir sollten uns überlegen, wie wir dergleichen in Zukunft vermeiden können.« Er sah sie von der Seite an. »Hast du das ‚Missverständnis’ mit Sata bereinigen können?«, fragte er schließlich.
Sam wunderte sich nicht, dass er von ihrem gerade beendeten Aufenthalt in der Unterwelt wusste. Dämonen spürten, wann einer von ihren zuletzt dort gewesen war, wenn sie einander in der Menschenwelt begegneten.
»Ich habe es versucht, aber Luzifer weigerte sich standhaft, eine andere Dämonin auf den Thron zu setzen oder gar zu dementieren, dass ich die Königin wäre.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, wie ihn dazu zwingen könnte.«
»Das kann niemand«, stimmte Axaryn ihr zu, und Sam gestand ihm auch, dass sie ihre Macht als Königin dazu benutzt hatte, Tashlaat für ihre Zwecke einzuspannen, was den Bronzedämon zu einem besorgten Stirnrunzeln veranlasste.
»Zumindest in diesem Punkt hat sie etwas Gutes bewirkt«, meinte Sam.
»Was pures Glück war – bis jetzt. Diese Macht ist ein äußerst zweischneidiges Schwert, Samala«, erinnerte Axaryn sie. »Du kannst niemals voraussagen, wie es endet, wenn du dich ihrer bedienst. Selbst wenn deine Absichten durch und durch gut sind, so ist das noch lange keine Garantie dafür, dass das Ergebnis auch gut sein wird und nicht den Keim des Bösen in sich trägt. Oder dass diese Macht ein Eigenleben entwickelt und auf eine Weise wirkt, die du niemals beabsichtigt hast. Denn«, er blickte sie ernst an, »du darfst nicht vergessen, dass du als ein Teil der dunklen Mächte geboren wurdest und ihre Dunkelheit in dir trägst. Ebenso wie ich. Nicht einmal ich würde es wagen, eine Macht zu benutzen wie die, die dein Status als Königin der Unterwelt dir gibt.«
Sam überdachte das. »Vielleicht sollte ich wirklich ‚vergessen’, dass ich sie besitze. Aber sie war in dem Moment das Einzige, mit dem ich mir zu helfen wusste.«
Der Bronzedämon nickte nachdrücklich. »Das ist genau der Grund, weshalb Sata sie dir gegeben hat«, war er überzeugt. »Er spekuliert darauf, dass du sie immer wieder gebrauchen wirst, vielleicht sogar um Gutes zu tun. Aber das Ergebnis wird am Ende zu seinen Gunsten ausfallen, weil du dadurch schleichend und so subtil, dass du es erst merkst, wenn es zu spät ist, in die Rolle der Königin hineinwächst, bis du seine Königin bist, und zwar nach deinen Taten, Samala, nicht mehr nur nominell. In welchem Fall er gewonnen hätte. Denn ich muss wohl nicht betonen, was das für dein Verhältnis zu uns – und zu mir – bedeuten würde. Du kannst nicht die amtierende Königin der Unterwelt sein und gleichzeitig auf unserer Seite stehen. Du würdest dich früher oder später entscheiden müssen. Und mit jedem Gebrauch der Macht der Königin triffst du sie bereits ein Stück zugunsten der Unterwelt.«
Axaryn hatte natürlich recht; das war Sam durchaus bewusst. Dennoch spürte sie die Verlockung, die diese Macht auf sie ausübte, in jeder Sekunde, seit sie sie zum ersten Mal benutzt hatte. Andererseits war sie davon überzeugt, dass sie dieser Verlockung würde widerstehen können und noch mehr, dass sie – selbst wenn sie diese Macht hin und wieder gebrauchte – nicht von ihr korrumpiert werden würde.
Allerdings erinnerte sie sich, nachdem sie jetzt ihre Kitsune-Kräfte zurückbekommen hatte, wieder allzu gut daran, dass sie die ursprünglich nur deshalb verloren hatte, weil sie ihr ein höchst ungesundes Allmachtsgefühl vermittelt hatten. Das hatte sie unglaublich überheblich werden lassen, sodass sie sich nicht hatte vorstellen können, dass ein »kleiner« Bokor ihr irgendetwas anhaben könnte. Diese Überheblichkeit hatte sie beinahe das Leben gekostet. Deshalb hatte sie sich entschlossen, diese Kräfte auch in Zukunft so wenig wie möglich zu benutzen, nachdem Danaya sie ihr erneut geschenkt hatte.
Sam musste ehrlicherweise zugeben, dass die Macht der Königin der Unterwelt sie auf dieselbe Weise überheblich machen und schwächen würde, wenn sie sich auf sie verließ und sie nutzte. Davon abgesehen brauchte sie die ohnehin nicht. Sie hatte inzwischen genug Zauber gelernt, um auf die Königinnenmacht wie auch die Kitsune-Kräfte verzichten zu können und dennoch gut zurechtzukommen. Und sie war fest entschlossen, der Versuchung zu widerstehen, die diese Kräfte für sie darstellten. Sie blickte den Bronzedämon an.
»Ich werde mich ganz bestimmt nicht gegen die Wächter entscheiden, Axaryn«, versicherte sie ihm. »Erst recht nicht für irgendetwas, das Luzifer nützt. Wie du weißt, hasse ich es, wenn man mich zu manipulieren versucht, und er hat es damit nicht erst jetzt gewaltig übertrieben.«
Axaryn spürte Sams Zorn und hielt den für ein gutes Zeichen. Im Gegensatz zu ihr war er sich sehr wohl bewusst, wozu sie fähig wäre, falls sie die Macht der Königin akzeptierte und sie zusammen mit ihren zurückgewonnenen Kitsune-Kräften nutzte, die er wieder in ihr spürte. Er war sich nicht sicher, ob selbst er dann noch in der Lage wäre, sie aufhalten zu können, sollte das erforderlich sein. Und das Letzte, was er wollte, war, Sam jemals zur Gegnerin zu haben und sie bekämpfen zu müssen. Dazu bedeutete sie ihm zu viel, wie er in diesem Moment zu seiner eigenen Überraschung erkannte. So viel, dass ...
Er zog sie an sich und küsste sie mit einer Intensität, die selbst für ihn ungewöhnlich war. Sam erwiderte seinen Kuss unwillkürlich auf dieselbe Weise und fühlte sich nicht nur wegen der dadurch erwachenden Leidenschaft wohler, als sie es seit Langem empfunden hatte. Sie wusste, wohin der Kuss führen würde und hatte nichts dagegen, denn sie bekam auch langsam Hunger.
Doch zu ihrer Verblüffung löste Axaryn sich wieder von ihr, ehe die Sache weitergehen konnte und blickte sie ernst an.
»Samala, ich biete dir an, meine Blutsgefährtin zu sein.«
Sam starrte ihn perplex an. Eine Blutsgefährtenschaft unter Dämonen war eine äußerst seltene und überaus ernste Sache. Sie band zwei Dämonen unauflöslich auf Lebzeiten und darüber hinaus aneinander. Die wichtigste »Begleiterscheinung« dieses Bundes bestand jedoch darin, dass die auf diese Weise Verbundenen einander niemals Schaden zufügen konnten, selbst wenn sie es mit aller Macht gewollt hätten.
»Wenn wir Blutsgefährten sind, werde ich dir niemals schaden können«, sprach Axaryn ihre Gedanken aus. »Dieser Bokor hätte es beinahe geschafft mich zu zwingen, mich gegen dich zu stellen, Samala«, fuhr er überaus ernst fort. »Dich zu vernichten. Und das mit nur einem einzigen banalen Fluch. Ich konnte mich dem Bann nur mit allergrößter Mühe entziehen und bin mir nicht sicher, dass er mich nicht erneut beeinflusst hätte, wenn wir uns wiedergesehen hätten, als er noch wirksam war. Das hat mir vor Augen geführt, was auch Sata und die Zehn Mächtigen Fürsten tun könnten, sollten sie jemals auf einen entsprechenden Gedanken kommen.« Er sah ihr in die Augen. »Ich will niemals dein Feind sein, Samala. Und ich will erst recht nicht, dass mich jemand dazu zwingen kann, uns gegeneinander zu stellen. Lass uns den Bluteid ablegen.«
Sam schüttelte den Kopf. »Axaryn, das Blutsband kann nie wieder gelöst werden. Außerdem beinhaltet es eine Bindung, die ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich wollte nur einen Mann als Gefährten: Scott. Ich denke zwar, dass ich seinen Tod inzwischen wirklich überwunden habe, aber dennoch habe ich nicht vor, jemals einen zweiten Versuch in dieser Richtung zu unternehmen. Ich habe auch keine Ambitionen, mit jemandem zusammenzuleben.« Zumindest nicht mit Axaryn. Und der einzige Mann, mit dem sie sich das vielleicht irgendwann einmal vorstellen könnte, war fort.
Der Bronzedämon wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Wie du weißt, war Tarynya damals meine Blutsgefährtin, aber auch sie hat am Ende nicht mit mir gelebt. Sie hatte sich für Vesgyn entschieden, sich offiziell mit ihm nach seinen Riten verbunden und lebte bei ihm. Aber das Blutsband zwischen uns blieb dennoch bestehen, und ich habe niemals bereut, es eingegangen zu sein. Es hat weder Tarynya noch mir geschadet, und ich bin überzeugt, es würde auch uns beiden nicht schaden, sondern nützen.«
Sam nickte. »Das wohl. Aber ich bin einfach nicht bereit, mich mit einem anderen Wesen derart eng zu verbinden. Nicht einmal mit dir. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder für so einen tiefgreifenden Schritt bereit sein werde.«
Axaryn blickte sie unverwandt an und legte schließlich eine Hand über ihre, in der Sams vollkommen verschwand. »Du fürchtest, dass du dich eines Tages noch einmal verlieben könntest und einen anderen Mann willst, aber dann an mich gebunden bist«, vermutete er.
Sam schnaufte ungehalten. »Ich hoffe, das passiert mir nie wieder! Meine diesbezüglichen Erfahrungen waren mehr als genug.« Denn sie war sich nicht sicher, ob sie noch einmal ein gebrochenes Herz ertragen konnte. Glücklicherweise empfand sie für Nick keine Liebe.
Der Dämon grinste flüchtig. »Ich bin zwar nicht zu menschlicher Liebe fähig, aber ich habe im Laufe der Jahrtausende oft genug dieses Phänomen beobachtet und bin daher in der Lage, es einigermaßen einschätzen zu können. Menschen verlieben sich mehrmals in ihrem Leben. Es gibt nur wenige, die nach dem Ende einer Liebe nie wieder den Mut aufbringen, sie ein zweites Mal zuzulassen. In der Regel ist jede neue Liebe so intensiv wie alle vorherigen, wenn auch anders, weil der Partner ein anderer ist. So sagte man mir jedenfalls. Du, Samala, wirst wahrscheinlich auch noch mindestens einmal in deinem Leben eine neue Liebe finden.«
»Entsetzlicher Gedanke«, fand Sam und schüttelte sich. »Falls dem jedoch tatsächlich so sein sollte, so wäre ich trotzdem an dich gebunden, wenn wir Blutsgefährten wären.« Sie sah ihm in die Augen. »Oder hoffst du, dass ich mich eines Tages in dich verlieben werde, wenn wir durch das Blutsband vereint sind?«
Axaryn zuckte mit den Schultern. »Ich hätte zwar absolut nichts dagegen, aber nein, diese Hoffnung hege ich nicht. – Samala, ich will nur verhindern, dass wir beide uns jemals als Feinde gegenüberstehen. Ganz gleich, was der Grund dafür sein könnte.«
»Oh, ich verstehe«, dämmerte es Sam. »Das ist wieder mal einer deiner Versuche, mich auf die Seite der Wächter zu ziehen. Wenn ich deine Blutsgefährtin bin, kann ich dir nicht mehr schaden, aber auch nicht den Wächtern, weil ihnen zu schaden bedeuten würde, dir zu schaden. Verdammt gerissener Plan! Hat Sybilla ihn ausgebrütet? Oder steckt Vesgyn dahinter?«
»Nein, verdammt!«, knurrte der Dämon, riss sie in seine Arme und küsste sie mit einer Wildheit, die keine Zweifel an seinen Motiven für seinen Vorschlag aufkommen ließ.
Gleich darauf war ihrer beider Kleidung verschwunden. Sam ließ sich rücklings auf den Boden fallen und zog Axaryn mit sich, während sie spielerisch in seine Lippe biss und ihre Schenkel einladend öffnete. Er schob sein hartes Glied in ihre feuchte Scheide und stieß in gleichmäßigem Rhythmus in sie, während er ihren Körper an sich presste, als wollte er ihn mit seinem verschmelzen. Sam legte ihre Hände auf seine Gesäßbacken und stachelte ihn mit festen Druck dazu an, sich schneller zu bewegen, während sie die Beine um seine Hüften schlang und sich ihm dadurch noch weiter öffnete und stimulierte ihn zusätzlich, indem sie ihm die Brust zerkratzte.
Er wälzte sich auf den Rücken, ohne aus ihr herauszugleiten, ließ sich von ihr reiten, bis sie beide kurz vorm Höhepunkt waren, und genoss den rauschähnlichen Zustand, in dem sie sich beide befanden. Schließlich hielt er kurz inne, zog sich aus ihr zurück, nur um sie auf den Bauch zu drehen und von hinten in sie einzudringen. Sam lachte leise und genoss jede Sekunde dieser wilden Ritts. Axaryn stieß noch ein paar Mal kräftig in sie, wobei sie ihm ebenso heftig entgegen kam, bis sich die Spannung in einem wahren Feuerwerk der Ekstase löste und sie eine Weile später zufrieden nebeneinander zu Boden sanken.
Der Bronzedämon legte die Arme um Sam und streichelte überaus sanft ihren Rücken. Sam ließ ihn gewähren und genoss schweigend seine Zärtlichkeit. Der wilde Sex mit ihm war immer wieder schön und vor allem gehaltvoll. Doch es gefiel ihr ebenso sehr, dass der Dämon auch so zärtlich sein konnte wie jeder Mensch, wenn er wollte. Schließlich richtete sie sich auf und zauberte sich ihre Kleidung wieder auf den Körper. Axaryn tat es ihr nach und blickte sie abwartend an.
»Axaryn, neulich hast du von mir gefordert, dir gegenüber absolut ehrlich zu sein. Das fordere ich jetzt auch von dir.« Sie sah ihm in die Augen. »Willst du mich nur zur Blutsgefährtin, um mich dadurch an die Wächter zu binden?«
Er erwiderte ihren Blick ernst. »Nein, Samala. Ich will aus ganz persönlichen Gründen mit dir verbunden sein. Außerdem will ich dich dadurch schützen. Vor Sata. Und, ja, in gewisser Weise auch vor dir selbst. Du bist zwar unglaublich stark. Charakterlich, nicht nur was deine magische Macht betrifft. Aber du bist nicht gegen Versuchungen gefeit, wie du ja weißt. Falls du eines Tages der Versuchung erliegen solltest, deinen Status als Königin der Unterwelt zu akzeptieren, so wärst du natürlich als meine Blutsgefährtin dennoch nicht in der Lage, mir zu schaden und damit auch nicht den Wächtern. Das stimmt wohl. Doch das ist nicht der Grund für mein Angebot, denn ein Blutsbund zwischen uns würde bewirken, dass es gar nicht erst so weit kommen könnte, weil ich dich davor bewahren würde. In deinem Interesse, Samala, nicht in meinem oder dem der Wächter. Ich hoffe, das weißt du.«
Das wusste Sam tatsächlich, denn sie spürte Axaryns diesbezügliche Gefühle sehr deutlich. Er wollte sie als Blutsgefährtin, weil sie ihm so viel bedeutete, wie eine Dämonin einem Dämon nur bedeuten konnte. Um ihrer selbst willen, nicht weil sie ein Ebenbild von Tarynya oder Menéssia war. Es gab bereits ein intensives Band zwischen ihnen, das während der letzten Zeit, in der sie sich regelmäßig gesehen hatten, noch fester geworden war. Der Bluteid würde es lediglich stärken und bekräftigen. Die nächsten Worte des Dämons bestätigten ihr das.
»Ich will dein Blutsgefährte sein, weil ich mich dir so stark verbunden fühle, wie es nur möglich ist. Weil ich fühle, dass ich mit dir zusammen etwas erreichen kann, das ...«, er zögerte kurz, »das meine – unsere Bestimmung ist, obwohl ich gegenwärtig nicht einmal genau weiß, was das sein könnte.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich werde deine Entscheidung natürlich respektieren, und ich werde nicht versuchen, dich zu überreden. Doch erkläre mir, welchen Nachteil unsere Blutsgefährtenschaft deiner Meinung nach hätte.«
Sam schwieg, denn es gab keinen; es sei denn, sie hätte das Blutsband als solches als Nachteil angesehen, was es definitiv nicht war. Der einzige Grund, der dagegen sprach, Axaryns Angebot anzunehmen, war ihre Angst, eine so intensive Bindung einzugehen. Doch sie war ein Sukkubus und ließ sich nicht von menschlichen Ängsten beherrschen.
»Ich sehe allerdings eine Menge Nachteile für dich, mein Freund«, erinnerte sie den Dämon. »Falls sich nämlich deine Prophezeiung hinsichtlich einer neuen Liebe tatsächlich eines Tages bewahrheiten sollte.«
Axaryn lachte schallend. »Oh, Samala! Du bist ein Sukkubus! Und egal wie oft und in wen du dich in der Zukunft vielleicht mal verlieben wirst, du wirst zwangsläufig zwischenzeitlich immer wieder zu mir kommen. Ich sehe auch für mich nur Vorteile in diesem Arrangement. Schließlich«, er wurde wieder ernst, »habe ich mir Besitzansprüche nach Dämonenart auf meine jeweilige Partnerin schon vor langer Zeit abgewöhnt. Ganz gleich, was am Ende dabei herauskommt, ich werde zufrieden sein.« Erwartungsvoll blickte er sie an.
Sam erwiderte seinen Blick. Sie hatte schon lange gelernt, in seinen unmenschlichen Augen zu lesen, deren goldfarbene Pupillen den gesamten Augapfel ausfüllten. Jetzt entdeckte sie darin nur Aufrichtigkeit und den Willen, ihr immer nur ein Freund und Gefährte zu sein. Er hatte recht. Seine Blutsgefährtin zu sein, hätte keinen einzigen Nachteil für sie. Jedoch ...
»Ich habe einen Seelenbund mit einem Werwolf, Axaryn. Keine Ahnung wieso, aber es ist so. Er ist fort und wird wohl nie zurückkehren, aber der Bund ist da, und ich habe mir sagen lassen, dass er niemals zerstört werden kann.«
Der Dämon tat diese Neuigkeit mit einem Schulterzucken ab. »Das hätte keinen Einfluss auf unseren Bluteid. Es ist wie das Band des Blutes, das dich mit deiner Familie verbindet. Das wird ja auch nicht von diesem Seelenbund beeinträchtigt. Mit uns wäre es dasselbe.«
Sam nickte nachdenklich. »Ich kenne durch das Wissen des Blutes die Rolle, die du immer wieder für meine Ahninnen gespielt hast, Axaryn. Warum wiederholen sich diese Dinge? Warum treffen wir immer wieder mit dir zusammen in einer Weise, die eine tiefere Bedeutung haben muss, andernfalls sie nicht so ... regelmäßig auftauchen würden?«
»Das hat mit der universellen Gesetzmäßigkeit zu tun. Sie trifft zwar nicht auf alle Dinge zu, aber auf die wirklich wichtigen. Wenn etwas Bestimmtes geschehen soll, das dann aber doch nicht eintritt – aus welchen Gründen auch immer – so werden sich die Voraussetzungen dafür immer wieder in gewissen Abständen wiederholen – bei Sterblichen in verschiedenen Leben, in die sie wiedergeboren werden –, solange bis die betreffende Sache endlich den Verlauf nimmt, den sie von Anfang an hätte haben sollen.« Er zuckte mit den Schultern. »Irgendetwas verbindet mich auf dieser Ebene mit den Sukkubi der Tai’u.«
Sam überdachte das. »Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?«
Axaryn schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nur relativ sicher, dass es mit euch Tai’u zu tun hat, denn ganz gleich, wo ich mich in dieser oder der Unterwelt aufgehalten habe, ich begegne immer wieder einer von euch, die mir näherkommt als alle anderen Dämoninnen. Selbst wenn ich am Anfang einer solchen Begegnung nicht wusste, dass es sich bei ihr um eine Tai handelte, entwickelte sich daraus jedes Mal ein besonderes Band.« Er blickte Sam an und streichelte ihre Hand. »So wie zwischen uns beiden. Ich vermute schon lange, dass es etwas mit einer der Großen Entscheidungen zu tun hat, von denen uns in nächster Zeit wieder eine bevorsteht. Ich habe allerdings keine Ahnung, in welcher Weise. Aber«, fügte er eindringlich hinzu, »auch das hat nichts damit zu tun, dass ich dein Blutsgefährte sein will.«
Sam seufzte tief. »Ich weiß.« Sie erwiderte seinen Blick. »So sei denn mein Blutsgefährte, Axaryn der Bronzene.«
Sie hielt ihm ihre linke Hand hin und ließ Blut aus der Mitte der Innenfläche quellen. Er tat dasselbe.
»Íku pu íku íen sakátak zun kóneshe núma14 «, sprachen sie gemeinsam die Eidesformel, bevor sie einander die hohlen Hände hinhielten und gleichzeitig das darin inzwischen angesammelte Blut tranken. »Íku pu íku íen sakátak zun kóneshe núma«, wiederholten sie den Eid danach ein zweites Mal und manifestierten ihn mit der Schlussformel, die ihn aktivierte: »Ikán sha!15«
Etwas geschah, das keine Worte zu erklären imstande gewesen wären. Sam und Axaryn wurden durch die Magie des Eides in einer Weise aneinander gebunden und miteinander vereint, die selbst über den Tod hinaus weiterbestehen würde. Und nichts und niemand, nicht einmal Götter oder Dämonen, würde es jemals zerstören oder auflösen können.
Axaryn zog Sam in seine Arme. »Du wirst es nicht bereuen, Samala«, versicherte er und verführte sie mit aufreizenden Berührungen und Küssen zum nächsten Sex.
Schließlich musste dieses Ereignis gebührend gefeiert werden.

Luzifer schleuderte die Orakelschale mit einem Fluch gegen die Wand seines Thronsaals, wo sie krachend zerbarst und brüllte seine Wut hinaus. Wieder einmal war ihm Axaryn der Bronzene in die Quere gekommen. Durch die Blutsgefährtenschaft, die er mit Samala gerade eingegangen war, hatte er sie noch ein Stück mehr an die Mächte des Lichts gebunden. Oh, er hätte den Bronzedämon schon vor langer Zeit töten sollen. Doch der war ihm immer wieder entkommen.
Luzifer hätte dieses Versäumnis am liebsten auf der Stelle nachgeholt, aber der Eid, den Samala ihm am Tag von Danayas Geburt abgetrotzt hatte, verbot ihm das. Axaryn zu töten, hätte bedeutet, ihr zu schaden, was er bei Thorluks Schädel und Kallas Blut niemals zu tun geschworen hatte. Solange er keine Möglichkeit fand, die unweigerliche Folge eines Bruchs dieses Eides zu neutralisieren, konnte er eben das nicht riskieren.
»Danaya!«
Die Dämonin erschien augenblicklich und verbarg die Furcht, die sie in diesem Moment empfand. Sie hatte ihren Vater ihr gegenüber noch niemals so wütend erlebt wie in diesem Augenblick.
»Deine Mutter ist eine Blutsgefährtenschaft mit dem Bronzenen eingegangen«, knurrte er sie an und packte sie grob an der Kehle. »Deine Aufgabe ist es, sie auf unsere Seite zu bringen, also tu endlich was!«
Er schleuderte sie gegen die Wand, dass es krachte und einem Menschen sämtliche Knochen im Leib gebrochen hätte. Doch Danaya war von einem anderen Kaliber und stand nahezu unversehrt wieder auf.
»Das werde ich tun, Vater«, sagte sie ruhig. »Ich habe die ersten Schritte bereits getan.«
»Dann tu die nächsten auch und handle endlich!«, schnauzte Luzifer sie an. »Uns bleibt nicht mehr allzu viel Zeit bis zur Großen Entscheidung.«
»Bis dahin wird meine Mutter ganz auf meiner Seite stehen«, war Danaya überzeugt. »Verlass dich darauf.«
»Wehe dir, wenn nicht!«, grollte Luzifer und scheuchte mit einer Handbewegung hinaus.

Sam stellte fest, dass es sich gut anfühlte, mit Axaryn verbunden zu sein. Das Band zwischen ihnen resonierte auf eine höchst angenehme Weise. Sogar der Sex, den sie gerade mit ihm erlebt hatte, war noch intensiver gewesen als alles, was sie davor mit ihm empfunden hatte. Dabei hatte sie geglaubt, dass diesbezüglich keine Steigerung mehr möglich wäre. Sie spürte Axaryns Zufriedenheit und eine seltsame Freude, die beinahe schon an Euphorie grenzte.
»Wieso macht dich unser Blutsband so unglaublich glücklich und zufrieden, Axaryn?«
Er lachte. »Weil ich durch dein Blut erkannt habe, wie stark das Licht wirklich in dir ist, Samala. Vor allem aber wo sein Ursprung liegt.«
Sam wusste mit dieser Andeutung nichts anzufangen. »Jedem Wesen ist doch ein gewisses Licht angeboren. Mit Ausnahme eines Kriegers der Finsternis
»Ja, aber bei dir ist es etwas ganz Besonderes. Du bist etwas ganz Besonderes, Samala, denn du bist ...« Seine Stimme versagte, als etwas ihn daran hinderte weiterzusprechen.
Sam blickte ihn besorgt an. »Ich bin beinahe geneigt zu glauben, dass mit meinem Blut etwas nicht in Ordnung ist. Jeder, der davon trinkt, reagiert danach merkwürdig und ergeht sich in kryptischen Andeutungen: Du, Gwyn und wahrscheinlich auch jeder andere, der es irgendwann mal probieren würde. Langsam bereitet mir das wirklich Sorgen.«
Axaryn zog sie an sich. »Das muss es ganz und gar nicht, Samala, und ich wünschte, ich könnte dir eine Antwort geben und dir diese Sorge nehmen. Doch das ist mir verboten. Aber glaube mir, du wirst die Zusammenhänge erfahren und deine Antwort bekommen, wenn es an der Zeit ist. Ich weiß jetzt jedenfalls, dass ...« Er unterbrach sich, stand auf und zog Sam mit sich hoch. »Wir gehen zu Lady Sybilla. Sie und Vesgyn sollen dir endlich alles sagen, was sie dir bisher verheimlicht haben.«
»Gute Idee!«, fand Sam.
Axaryn fasste ihre Hand und sprang mit ihr durch die Dimensionen direkt in sein Appartement im Lotos Institut. Da er den magischen Schild ungehindert passieren konnte, galt das auch für jeden, den er mit sich nahm. Er griff zum Haustelefon und wählte die Nummer von Lady Sybillas Büro.
»Sybilla, Sam ist hier, und wir müssen endlich mit ihr reden. Du, Vesgyn und ich. Und Bryce sollte auch dabei sein. In zehn Minuten in deinem Büro? – In deinem Zimmer. In Ordnung.«
Er legte den Hörer auf und blickte Sam grinsend an. »Wir haben zehn Minuten Zeit. Ich glaube, das reicht für ...« Er ließ ihre und seine Kleidung verschwinden und zog sie an sich.
Sam lachte. »Gab es unter deinen Vorfahren mal einen Satyr? Du bist jedenfalls genauso unersättlich lüstern wie einer von denen.«
»Oder wie der wunderschöne und sehr geile Sukkubus, den ich gerade in meinen Armen halte«, konterte der Dämon und genoss den heißen Quickie ebenso sehr wie sie.

Zehn Minuten später betraten sie Lady Sybillas Zimmer, in dem Vesgyn und Bryce Connlin bereits warteten. Lady Sybilla hatte Teetassen für alle aufgestellt und goss das duftende Getränk gerade ein. Sie lächelte Sam freundlich zu und reichte ihr eine Tasse. Sam und Axaryn setzten sich auf die Couch, die noch frei war, und der Bronzedämon legte demonstrativ den Arm um Sams Schultern.
»Samala und ich haben den Blutsbund geschlossen«, teilte er den Anwesenden unverblümt mit und genoss Vesgyns fassungsloses Gesicht. Axaryn empfand zwar im herkömmlichen Sinn keine Eifersucht, aber seine Rivalität mit dem Erzpriester, die nicht nur wegen Tarynya bestand, war über die Jahrtausende gewachsen und ließ sich nun nicht mehr einfach ablegen wie ein altes Hemd. »Damit ist sie über jeden Zweifel erhaben«, fügte er nachdrücklich hinzu.
Das war also auch ein Grund dafür gewesen, dass Axaryn Sam dazu gedrängt hatte, den Blutsbund mit ihm einzugehen. Ganz gleich, was Lady Sybilla und die übrigen Wächter immer noch für Vorbehalte gegen Sam hegen sollten, diese Tatsache räumte sie nachhaltig aus. Denn natürlich wusste jeder Wächter, was ein solcher Bluteid bewirkte. Zumindest in der Theorie.
»Ist ein Glückwunsch dem Ereignis angemessen?«, erkundigte sich die Hexe.
»So förmlich sind wir Dämonen nicht, Sybilla«, wehrte Sam ab. »Trotzdem danke.« Sie nickte der Wächterin zu. »Ich bin gekommen, damit wir endlich unser längst überfälliges Gespräch führen können. Ich habe nicht vor, damit noch bis Mittwoch zu warten. Aber bevor wir damit beginnen: Wie geht es Jessie?«
»Sie ist immer noch katatonisch, und wir haben keine Ahnung, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Wir haben ihre magischen Fähigkeiten vorübergehend blockiert, denn das Letzte, was sie jetzt brauchen kann, ist eine ungerufene Vision. Selbst wenn die positiv sein sollte, könnte sie Jessie erneut in Panik versetzen und alles noch verschlimmern.« Lady Sybilla nickte Bryce Connlin zu. »Bryce tut sein Möglichstes, aber solange sie sich so vollständig in sich selbst zurückgezogen hat, kann auch er nichts tun. Wir haben unter unseren Leuten leider keinen Seelenheiler.« Sie seufzte. »Irgendwann werden wir wohl ihren Eltern erklären müssen, was mit ihr los ist.«
Sam dachte kurz nach, ehe sie ihr Notizbuch aus der Jackentasche holte, John Whispering Winds Telefonnummer hineinschrieb, die Seite herausriss und der Hexe reichte. »Wendet euch an diesen Mann mit einem schönen Gruß von mir. Er ist Schamane der Lakota und kennt mindestens ein Ritual für eine Seelenheilung. Nach meinen Informationen liegt seine Erfolgsquote bei fast hundert Prozent.«
»Danke, Sam. Das werden wir schnellstmöglich tun.« Sie schüttelte den Kopf. »Diese ganze Sache hat uns eine Lücke in unserem Sicherheitssystem aufgezeigt«, stellte sie zerknirscht fest. »Wir haben unsere magischen Schilde nur so modifiziert, dass sie das Eindringen von Lebewesen mit bösen Absichten oder dunkler Natur verhindern, nicht aber das von entsprechenden negativ behafteten Gegenständen.«
»Diese Lücke haben wir allerdings bewusst lassen müssen, weil wir etliche magische Artefakte in unserem Tresorgewölbe bewahren, die nicht vernichtet werden können, aber auf keinen Fall in die falschen Hände geraten dürfen«, erinnerte Axaryn sie. »Die meisten von denen sind entsprechend negativ behaftet, und wir hätten sie nie herbringen können, wenn die Schutzschilde nicht zuließen, dass sie die passieren könnten. Wir haben das jetzt dahingehend geändert, dass in Zukunft nur noch Gegenstände hereinkommen, die wir persönlich mitbringen und keine, die uns geschickt werden.« Er zuckte mit den Schultern. »Das bietet uns zwar keinen hundertprozentigen Schutz, aber trotzdem ein bisschen mehr Sicherheit.«
»Und ich habe magisch jede aufspürbare Verbindung von euch zu mir gekappt«, ergänzte Sam, »damit niemals wieder jemand euch als meine ... Verbündeten erkennen kann.« Sie blickte die Hexe, Vesgyn und Bryce Connlin scharf an. »Ihr seid doch meine Verbündeten? In jedem Fall, Sybilla, möchte ich jetzt endlich wissen, was du mir am Mittwoch sagen wolltest.«
»Natürlich sind wir nicht nur deine Verbündeten, Sam, sondern deine Freunde«, bekräftigte die Hexe. »Und ich hoffe, du siehst uns immer noch so. Aber würdest du uns bitte erklären, was genau in den letzten Tagen eigentlich los war? Damit wir uns nicht Vermutungen und Halbwahrheiten zusammenreimen müssen.«
Sam gab ihr eine Zusammenfassung der wichtigsten Dinge und vergaß auch nicht zu betonen, dass nur ihr Status als Königin der Unterwelt es ihr ermöglicht hatte, Jacques LeGrands Fluch zu brechen. »Luzifer hat im Voraus gewusst, was passieren würde«, schloss sie, »und unter dem Vorwand, mich damit nur schützen zu wollen, mich in die Rolle der Königin getrickst. Zwar stimmt es, dass mir diese Stellung genau den Schutz gegeben hat, den ich brauchte, um den Fluch loszuwerden, aber wir sind uns natürlich darüber einig, dass er dabei selbstverständlich seine überaus eigennützigen Hintergedanken hatte. Er will mich unbedingt auf seiner Seite sehen, und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ihr genau wisst warum. Schließlich drängt ihr mich auch schon seit Jahren, mich euch anzuschließen.«
Sie blickte die Wächter der Reihe nach auffordernd an.
»Es hat mit der Großen Entscheidung zu tun«, erklärte Vesgyn schließlich. »Wir haben zwar keinen Einfluss auf die Wahl des Champions, der für das Licht kämpfen wird, aber wir können ihn in gewisser Weise unterstützen. Deshalb haben wir natürlich schon lange herauszufinden versucht, wer es sein könnte und natürlich auch, wer der Champion der Gegenseite sein wird.«
Er machte eine kurze Pause und trank einen Schluck Tee. »Deshalb unternehme ich regelmäßig Reisen in den drei Welten, um mehr Informationen darüber zu bekommen«, fuhr er fort. »Schon seit einigen Jahrzehnten fällt in diesem Zusammenhang in der Unterwelt des Öfteren dein Name, Samala.«
Sam schnaufte ironisch. »Ich glaube kaum, dass die Unterwelt mich zu ihrem Champion wählt. Ich bin nur ein Sukkubus und definitiv nicht einmal in meinen finstersten Phasen finster genug, um die Finsternis zu repräsentieren. Und magisch auch nicht mächtig genug.«
Zumindest war sie das nicht gewesen, bevor Danaya ihr die Kitsune-Kräfte zurückgegeben hatte. Hatte ihre Tochter das nur getan, um eben dafür den Weg zu bereiten? Hatte Luzifer sie dazu angestiftet? Vor allem: Hatte Axaryn recht damit, dass er sie vor Danaya gewarnt hatte?
Vesgyn schüttelte den Kopf. »Das glauben wir auch nicht, Samala. Wir sind vielmehr überzeugt davon, dass du für das Ritual der Entscheidung ein wichtiger Faktor sein wirst. In welcher Form das geschehen soll, ist noch völlig unklar. Es deutet jedoch alles darauf hin, dass es für die Große Entscheidung essenziell sein wird, auf wessen Seite du stehen wirst, wenn es soweit ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Wir vermuten, dass der Champion des Lichts wahrscheinlich emotional stark an dich gebunden sein wird, seine Kraft aus seiner ... hm, Beziehung zu dir zieht und dein Standpunkt am Tag X ihn entweder stärkt oder schwächt, also über seinen Sieg oder seine Niederlage entscheidet.« Er seufzte tief. »Leider weiß das offensichtlich auch Luzifer.«
Sams Miene hatte sich schlagartig verdüstert. »Seit wann wisst ihr das?«
»Seit ich von meiner letzten Reise zurückgekehrt bin«, gestand Vesgyn. »Also seit gut zwei Jahren.«
»Verdammt!«, explodierte Sam. »Wenn ihr mir das gleich gesagt hättet, wären ein paar Dinge anders gelaufen. Durch eure unangebrachte Geheimniskrämerei habt ihr Luzifer in die Hände gespielt. Ist euch das klar? Aber mir macht ihr Vorwürfe, weil er mich austricksen konnte!«
»Du hast recht, Sam, wir haben Fehler gemacht«, gestand Lady Sybilla zerknirscht. »Eine Menge, was dich betrifft. Ich entschuldige mich dafür, obwohl ich gestehen muss, dass eine Entschuldigung wohl einfach nicht ausreichend ist.« Sie warf einen Blick zu Vesgyn. »Tatsache ist, dass wir einfach nicht in der Lage zu sein scheinen, dich vorurteilsfrei sehen zu können.«
Sam schnaufte ungehalten. »Das könnte ich euch sogar noch nachsehen, Sybilla. Was ich aber völlig inakzeptabel finde, ist, dass ihr mich genauso benutzen wollt wie Luzifer. Ihr versucht mich offenbar nur auf eure Seite zu ziehen, damit ich nicht auf seiner stehen werde. Für ihn wie für euch bin ich offenbar nichts anderes als eine Schachfigur in dem Spiel, das mit dem Ritual der Entscheidung enden wird. Gleichzeitig verlangt ihr von mir, dass ich euch vertrauen soll.«
Sie beugte sich vor und sah jedem einen Moment lang in die Augen mit Ausnahme von Axaryn. »Aber euer Verhalten mir gegenüber und vor allem eure Schweigetaktik kommt einem Verrat verdammt nahe. Und warum rückt ihr jetzt mit der Wahrheit raus? Nicht weil ihr mir das schuldig seid, sondern weil euch die Felle wegschwimmen und ihr fürchtet, dass ich mich auf Luzifers Seite schlagen könnte.« Sie schüttelte den Kopf. »Kallas Blut! Ihr seid wahrhaftig nicht besser als er. Nur eure Motive sind andere.« Sie hob abwehrend die Hände, als sowohl Lady Sybilla wie auch Vesgyn protestieren wollten. »Lasst mich in Ruhe!«
Sie verschwand und ließ die Wächter zerknirscht und ratlos zurück.
Lady Sybilla rieb sich mit einer müden Geste die Stirn und blickte besorgt in die Runde. »Haben wir sie jetzt endgültig verloren?«
»Natürlich nicht«, grollte Axaryn. »Ihr habt sie nur vorübergehend verscheucht. Mal wieder. Aber sie ist meine Blutsgefährtin. Sie wird sich niemals gegen mich und somit auch nicht gegen euch stellen. Habt ihr außerdem vergessen, was dieser Vampir-Wächter Gwynal neulich über sie gesagt hat? Dass wir ihr bedingungslos vertrauen können und sollen. Ich schlage vor, dass ihr endlich mal damit anfangt.«
»Obwohl sie jetzt auch noch die Königin der Unterwelt ist?«, wandte Lady Sybilla zweifelnd ein.
Der Bronzedämon warf ihr einen Blick zu, als hätte sie etwas unglaublich Dummes gesagt. »Gerade deshalb, Sybilla. Ich kann bestätigen, dass Gwynal auch damit recht hat, dass Samala ein Hybrid ist. Das ist der wahre Grund, warum Sata sie korrumpieren will.«
»Und wenn ihm das gelingt ...«, wandte Sybilla besorgt ein.
»Damit es ihm nicht gelingt«, unterbrach Axaryn sie, »werden wir alle ab sofort zu Sam so offen und ehrlich sein, wie wir von ihr erwarten, dass sie uns gegenüber ist. Vorurteilsfrei.« Er warf Vesgyn einen bezeichnenden Blick zu. »Im Moment allerdings sollten wir ihren Wunsch respektieren und sie in Ruhe lassen. Sobald sie sich nicht mehr von euch verraten fühlt, wird sie sich melden. Bis dahin: Vertraut ihr.« Er verschwand ebenfalls.
»Ich muss ihm recht geben, Sybilla«, ergriff Vesgyn zu ihrer Überraschung Axaryns Partei. »Samala mag tatsächlich nominell die Königin der Unterwelt sein, aber es bedarf definitiv schon mehr als eines solchen Köders, damit sie sich auf Luzifers Seite schlägt.«
Die Hexe blickte ihn verblüfft an. »Woher kommt dieser Sinneswandel, Vesgyn?«
Der Priester seufzte tief. »Ich habe deinen Rat befolgt und meine Differenzen mit Samala geklärt. Sie hat mich in ihre Gedanken und Erinnerungen gelassen, und ich kann deshalb garantieren, dass sie erstens von Luzifer tatsächlich ausgetrickst und dadurch unfreiwillig zur Königin der Unterwelt wurde. Zweitens hat sie nicht vor, diese Stellung anzunehmen oder gar aktiv auszufüllen. Drittens kommen die menschlichen Gefühle, die sie besitzt, immer stärker zum Vorschein. Sobald sie gelernt hat, mit ihnen umzugehen, wird sie in sich gefestigter sein, als sie es gegenwärtig ist. Wir müssen ihr diese Zeit lassen. Und ihr vertrauen.«
Dem gab es nichts mehr hinzuzufügen.

Sam saß hinter ihrem Haus auf der Terrasse und dachte über die Ereignisse der letzten Tage nach. Die Luft war kalt und trug bereits einen Hauch von Schnee in sich, der spätestens übermorgen fallen würde. Eine schmale Mondsichel schmückte den Himmel, und die Sterne leuchteten friedlich, als gäbe es nichts Böses auf der Welt unter ihnen.
Einerseits war für Sam im Moment alles wieder in Ordnung. Oberflächlich, denn sie hatte immer noch Schuldgefühle und trauerte um Edward Paris und sogar ein bisschen um Jason Goldstein, den sie doch recht gern gemocht hatte. Außerdem war Jacques LeGrand noch am Leben, und solange der Bokor nicht endgültig vernichtet war, musste sie auf der Hut sein. Allerdings hatte sie noch nicht alle Optionen ausgeschöpft, um ihn zu finden.
Sie hatte vor ein paar Minuten mit Gwyn telefoniert, der sie beinahe jede Nacht anrief, seit sie ihm mitgeteilt hatte, dass die Gefahr für sie und ihre Freunde bis auf Weiteres beseitigt war. Es war dem alten Vampir offenbar ein Bedürfnis, in Kontakt mit ihr zu bleiben, und auch Stevie Price meldete sich häufig zu einer ungezwungenen Plauderei. Gwyn hatte ihr gerade berichtet, dass Cronos permanent nach New Orleans versetzt und ein neuer Wächter für die Cleveland-Kolonie ernannt worden war, der sich ihr vorstellen würde, sobald er in Cleveland eintraf.
Im Moment grübelte sie jedoch darüber nach, was diese seltsame Lichtkraft gewesen war und woher sie gekommen sein mochte, die ihre Levinblitze beim Kampf gegen LeGrand verstärkt hatte. Sie spürte nichts dergleichen in sich, war sich aber sicher, dass die Kraft dennoch nicht von außen gekommen war.
Ihre Gedanken wurden durch ein Klingeln an der Tür unterbrochen. Als sie öffnete, stand Cronos in Begleitung eines Inders davor.
»Friede, Sam«, begrüßte er sie und hob zum Zeichen, dass er es ernst meinte, beide Hände. »Ich will nur mit dir reden. Und mich verabschieden.«
Sam gab die Tür frei und lud die beiden Männer mit einer Handbewegung ins Haus ein. Sie führte sie ins Wohnzimmer und bot ihnen Platz an, während sie zwei Gläser holte und zwei Flaschen Blut herzauberte, eine mit Cronos’ bevorzugtem Hirschblut und eine mit Tigerblut, von dem sie instinktiv erkannte, dass es für den indischen Vampir eine Delikatesse darstellte.
»Ich höre«, sagte sie, nachdem sowohl Cronos wie auch sein Begleiter einen Schluck mit sichtbarem Genuss getrunken hatten.
Der alte Vampir stellte sein Glas ab. »Es tut mir so leid, Sam, dass ich dich töten wollte. Ich hoffe, du kannst mir das verzeihen. Noch mehr hoffe ich, dass wir trotzdem immer noch Freunde sind.«
Sam lächelte. »Aber natürlich, Cronos. Wie konntest du nur daran zweifeln? Ich müsste im Gegenteil fürchten, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, weil der ganze Schlamassel schließlich durch mich ausgelöst wurde. Wenn ich den dafür verantwortlichen Scheißkerl gleich beim ersten Mal getötet hätte, als ich ihm begegnet bin und seine Gefährlichkeit erkannte, so wäre es wahrscheinlich gar nicht erst so weit gekommen.« Oder doch, da sich LeGrand offensichtlich wer weiß wie viele Leben erkaufen konnte.
Cronos wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Wir machen alle solche Fehler, Sam. Und glaube mir, auch wenn du Tausende von Jahren gelebt hast, begehst du sie immer noch. – Ich wollte jedenfalls nicht einfach so verschwinden, ohne das zwischen uns geklärt zu haben.«
»Ja, Gwyn hat mir schon berichtet, dass man dich permanent versetzt hat.«
»Nach New Orleans. Auf Anweisung des Wächterrates, mit anderen Worten meines Vaters«, Cronos verzog das Gesicht, »bin ich zum Wächter der dortigen Kolonie bestellt worden. Das hier ist Shiva Ramajeetha, mein Nachfolger für Cleveland.«
Der Inder reichte Sam über den Tisch hinweg die Hand, und Sam drückte sie fest. »Ich bin frisch aus Indien importiert«, sagte er mit einem spitzbübischen Lächeln, das seine perfekten weißen Zähne zeigte. »Ich habe allerdings schon mal vor dreißig Jahren in den Staaten gelebt und kenne mich hier aus. Offiziell bin ich Anwalt und muss jetzt nur noch eine Stellung finden.«
Sam lächelte wehmütig. »Versuch es bei Weston, Kruger & Goldstein. Dort ist durch einen Todesfall gerade ein Posten frei geworden. Wenn du dich bei denen mit einem schönen Gruß von mir bewirbst, hast du gute Chancen auf den Job.«
Der Inder neigte leicht den Kopf. »Ich werde es versuchen.« Er stand auf. »Ich wollte mich dir nur vorstellen und lasse euch jetzt wieder allein. Ich muss noch auspacken.«
Sam reichte ihm die Flasche Tigerblut, und er war nach einem aufrichtigen Dank so schnell zur Tür hinaus, dass ein Mensch seine Bewegungen gar nicht wahrgenommen hätte. Sam wechselte vom Sessel neben Cronos auf die Couch und legte den Arm um seine Schultern.
»Ich werde dich vermissen, Cronos. Ich hoffe, ich darf dich ab und zu besuchen kommen.«
»Jederzeit gern«, versicherte der Vampir, legte die Arme um sie und zog sie an sich. »Aber heute Nacht bin ich noch hier.« Er küsste sie verlangend, während er begann, ihre Bluse aufzuknöpfen, um einen ganz intimen Abschied einzuleiten ...

Jacques LeGrand fand sich in einer »Tasche« der Unterwelt wieder und war froh, noch am Leben zu sein. Gleichzeitig empfand er eine Wut und einen Hass, die ihn beinahe erstickten, gepaart mit einer unterschwelligen Angst. Nicht genug damit, dass die Dämonin ihn beinahe getötet hätte – diesmal endgültig, da dies seine letzte Lebenszeit war, solange er nicht Guede Nimbo genügend Seelen schickte, um sich eine weitere zu erkaufen –, sie hatte sich auch einer Macht des Lichts bedient, die allein schon ausgereicht hätte, den Bokor mitsamt seiner Seele restlos zu vernichten. Und das machte ihm einfach nur Angst.
Dass er in buchstäblich letzter Sekunde gerettet worden war, grenzte an ein Wunder. Misstrauisch blickte er zu seinem Retter hin – seiner Retterin; auch wenn sie potthässlich aussah mit ihrem schuppenübersäten Gesicht, das in seiner Klobigkeit an eine Schildkröte erinnerte und dem Körper einer riesigen Schlange, so gab es doch keinen Zweifel daran, dass sie weiblich war. Schlangen wuchsen aus ihrem Kopf und eine Reihe von dornartigen Knochen auf dem oberen Teil ihres Rückens. Gelbe Schlangenaugen fixierten den Bokor in einer Weise, die ihm mindestens so viel Angst verursachte wie Sam Tylers unerwartete Lichtmacht.
LeGrand ließ sich davon jedoch nichts anmerken. Die Dämonin hatte ihn bestimmt nicht gerettet, um ihn eigenhändig umzubringen, da er ihr nie begegnet war und mit ihrer Art noch nie zu tun gehabt hatte.
»Warum bin ich hier?«, verlangte er zu wissen.
Die Dämonin stieß eine Reihe von zischenden Lauten aus, die wohl ein Lachen darstellen sollten. »Um deine Rache an der kleinen Dämonin zu vollenden, die dich beinahe getötet hätte.«
Das klang zu schön, um wahr zu sein, und LeGrand blieb misstrauisch.
»Dir ist doch klar, dass du ihr trotz all der Macht, die du dir angeeignet und von dem Vorbesitzer dieses Körpers gestohlen hast, nicht gewachsen bist.«
Der Bokor schwieg.
»Ich kann dir die Macht geben, sie zu vernichten.«
»Was natürlich seinen Preis hätte«, stellte LeGrand nüchtern fest. »Welchen?«
Die Dämonin brachte ihr hässliches Gesicht dicht vor seins, und einige Schlangen auf ihrem Kopf schnappten nach ihm. Sie warf sie mit einem Kopfschütteln zurück, bevor sie ihn beißen konnten. »Nur den, dass du sie tötest. Sonst nichts.«
Der Bokor blieb argwöhnisch. »Warum tötest du sie nicht selbst, wenn du sie offensichtlich tot sehen willst? Mächtig genug bist du ja wohl dafür.«
»Durchaus«, bestätigte die Dämonin, »denn ich bin Raksusha, die Königin der Basilisken, und die kleine Dämonin wäre mir in der Tat keine Sekunde gewachsen. Allerdings gibt es gewisse Umstände, weshalb ich sie nicht selbst erledigen will.«
Nämlich die, dass Tai’Samala Luzifers Königin war und somit unter seinem besonderen Schutz stand. Doch dieses Amt hätte Raksusha zugestanden und keiner anderen Dämonin, erst recht keinem niederen Sukkubus. Schließlich war Raksusha Luzifers Favoritin, seit er seine letzte Königin verstoßen hatte. Raksusha hätte die Mutter seiner Tochter sein müssen, und sie hätte er als Königin auserwählen müssen. Er war sogar schon ganz kurz davor gewesen, sie auf den Thron zu setzen. Aber dann war Tai’Samala geboren worden. Von dem Moment an, da sie ihm vorgestellt worden war, hatte der Herr der Unterwelt ein besonderes Augenmerk auf sie geworfen und Raksusha als Kandidatin für den Platz an seiner Seite zurückgestellt.
Die Basiliskenkönigin hatte das zähneknirschend und giftatmend hingenommen; schließlich lebten Sukkubi nicht ewig. Nach dem natürlichen Tod der kleinen Dämonin hätte der Herr der Unterwelt sich ihr, Raksusha, wieder zugewandt, und der Weg auf den Thron wäre frei gewesen. Da er Tai’Samala nun aber zu seiner Königin gemacht hatte, stand zu befürchten, dass er sie auch unsterblich machen würde. Damit wären Raksushas Aussichten, jemals Königin zu werden, für alle Zeiten zunichte.
Da sie selbst sich nicht an seiner Königin vergreifen konnte, ohne von Luzifer dafür vernichtet zu werden, hatte sie sich diesen Bokor ausgesucht, um eben das für sie zu erledigen. Da er so sehr nach Rache dürstete, würde er Raksushas Angebot annehmen und nicht ahnen, dass Luzifer ihn töten würde, sobald er den kleinen Sukkubus erledigt hatte. Doch auf die Basiliskenkönigin würde nicht der geringste Verdacht fallen, dass sie etwas damit zu tun haben könnte. Jacques LeGrand war das perfekte Bauernopfer für Raksushas Plan.
»Wie hast du dir das genau vorgestellt?«, wollte er wissen, und Raksusha wusste in diesem Moment, dass er ihr Angebot annehmen würde.
»Es gibt hier in der Unterwelt einen besonderen Ort, an dem du die Macht bekommen kannst, die du brauchst, um Sam Tyler zu töten. Ich werde dich hinbringen und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass du diese Macht bekommst. Allerdings wird das einige Zeit dauern, denn du bist ein Mensch. Um diese Macht übernehmen und nutzen zu können, musst du ebenfalls ein Dämon werden, und die Verwandlung benötigt eine gewisse Zeit. Danach brauchst du noch mehr Zeit, um mit deiner neuen Macht umzugehen zu lernen.«
Schließlich musste die Verwandlung so subtil vonstatten gehen, dass nicht einmal Luzifer merkte, dass ein neuer Dämon in seinem Reich entstand. Raksusha musterte LeGrand zweifelnd.
»Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob du den erforderlichen Mut und vor allem das nötige Durchhaltevermögen aufbringst«, warf sie ihm den letzten Köder hin.
LeGrand knurrte wütend. »Glaube mir: Ich werde nicht eher ruhen, bis ich alles erreicht habe, was ich erreichen muss, um diese verfluchte Dämonin endlich zu töten!«
Raksusha streckte ihm zufrieden eine krallenbewehrte Hand entgegen. »Haben wir also einen Pakt?«
Jacques LeGrand lächelte bösartig und schlug ein.

Sam saß Amos Kumara eine Woche später in ihrem »renovierten« Büro gegenüber und fühlte sich nicht besonders wohl in ihrer Haut. Zwar war Jacques LeGrands Fluch über sie gebrochen, doch sie war sich nicht sicher, ob Kumara ihr gegenüber nicht auch ohne ihn einen Groll hegte oder hegen würde, wenn sie ihm die bittere Wahrheit mitteilte.
»Mr. Kumara, ich mache es kurz. Ich habe zwar den Körper Ihres Bruders gefunden, aber ein Bokor hat sich seiner bemächtigt, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ihn zwar in die Flucht schlagen konnte, aber nicht in der Lage war, ihn aus dem Körper Ihres Bruders auszutreiben. Was ohnehin nichts brächte«, fügte sie bitter hinzu, »da ich Ihnen mit absoluter Gewissheit sagen kann, dass er die Seele Ihres Bruders vernichtet hat. Somit würde nur eine auf ihre Grundfunktionen reduzierte seelenlose Hülle übrigbleiben. Es tut mir sehr leid, Mr. Kumara, dass der Mistkerl diesmal ausgerechnet den Körper Ihres Bruders auserwählt hat.«
Kumara kratzte sich an der Stirn, was er immer tat, wenn er intensiv nachdachte. »Ich habe das Gefühl, dass Sie diesem Bokor nicht zum ersten Mal begegnet sind«, vermutete er.
»Nein«, knurrte Sam voll unterdrückter Wut. »Er ist gegenwärtig mein schlimmster Feind. Ich habe ihn bereits zweimal getötet, aber es gelingt ihm immer wieder, sich einen anderen Körper zu verschaffen. Leider ist sein jüngstes Opfer Ihr Bruder.« Sie blickte dem Afroamerikaner in die Augen. »Mr. Kumara, um ihn zu töten, muss ich auch den Körper Ihres Bruders töten.«
»Vorausgesetzt, Sie finden ihn wieder.«
»Oh, da bin ich sehr zuversichtlich«, war Sam voller Grimm überzeugt. »Der Kerl will mich um jeden Preis vernichten. Deshalb kann ich hundertprozentig darauf vertrauen, dass er mich früher oder später wieder heimsuchen wird, sobald er sich einen neuen Plan ausgedacht hat, um mich fertig zu machen. Die Frage ist lediglich wann. Irgendwie bringt er es mit den Fähigkeiten, die Ihr Bruder besitzt, fertig, dass ich ihn mit meinen magischen Kräften nicht aufspüren kann.«
Kumara nickte nachdenklich und starrte eine Weile ins Leere, ehe er den Blick hob und Sam ansah. »Miss Tyler, mein Bruder ist bereits tot. Wie Sie schon sagten, ist sein Körper nur noch eine Hülle, die von diesem Bokor missbraucht wird. Wenn Sie ihn finden – oder er zu Ihnen kommt –, so zögern Sie bitte nicht, ihn zu töten. Ich schwöre Ihnen, dass ich Ihnen deswegen niemals einen Vorwurf machen werde.«
Das beruhigte Sam zwar in keiner Weise, denn wenn es soweit war, mochte Kumara seine Einstellung dazu inzwischen geändert haben. »Mr. Kumara, es tut mir aufrichtig leid, dass ich Ihren Bruder nicht retten konnte.«
Der Journalist hob abwehrend die Hand. »Sie haben Ihr Möglichstes getan, Miss Tyler, aber nicht einmal Sie können Wunder vollbringen. Schicken Sie mir gelegentlich Ihre Rechnung.«
»Sie schulden mir nichts«, wehrte Sam ab. »Schließlich habe ich meinen Auftrag nicht erfüllen können.«
Kumara schüttelte den Kopf. »Ihr Auftrag lautete, meinen Bruder zu finden, und Sie haben ihn gefunden und auch herausgefunden, was mit ihm geschehen ist. Es war nie die Rede davon, dass Sie ihn lebend finden oder in irgendeiner Weise retten sollten. Ich betrachte Ihren Auftrag deshalb in vollem Umfang als erfüllt.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Großmut, Mr. Kumara.« Eine Rechnung würde er dennoch nie von ihr erhalten. »Um den Schein für die Behörden zu wahren, sollten Sie sich regelmäßig bei der Vermisstenstelle nach dem Fortgang der Ermittlungen erkundigen«, riet sie ihm. »Alles andere würde deren Misstrauen erregen. Lassen Sie die Abstände zwischen den Anfragen langsam immer größer werden und ihn ungefähr ein Jahr nach der gesetzlichen Frist für tot erklären; falls es nicht schon vorher eine Leiche gibt, weil der Bokor mich mal wieder angegriffen hat und ich ihn endlich töten konnte.«
»Das werde ich tun. Nochmals vielen Dank, Miss Tyler.« Der Afroamerikaner reichte ihr die Hand, die er wie bei ihrer ersten Begegnung ungewöhnlich lange festhielt und blickte sie durch seine goldgeränderte Brille nachdenklich an. »Sie müssen mir natürlich nicht antworten, aber ... Sie sind kein Mensch, nicht wahr?«
Sam zögerte kurz mit der Antwort, ehe sie gestand: »Nein, das bin ich nicht.«
Kumara nickte, als habe er nichts anderes erwartet und ließ ihre Hand wieder los. »Danke für Ihr Vertrauen, Miss Tyler. Ich werde es nicht enttäuschen.«
Für Sam hatte das wenig mit Vertrauen zu tun, da sie ihr Geständnis jederzeit mit einem Vergessenszauber aus seinem Gedächtnis löschen konnte, falls es notwendig sein sollte. Sie begleitete ihn zur Tür und verabschiedete sich von ihm. Es verwirrte sie immer noch, dass Menschen ihr so oft spontan vertrauten, besonders Kinder. Was sahen die bloß in ihr? Und das Rätsel, woher diese seltsame Lichtkraft auf einmal gekommen war, hatte sie auch noch nicht lösen können.
»Sag mal, Molly, ist an mir irgendetwas anders als sonst?«, fragte sie ihren Dienergeist, als sie ins Büro zurückkehrte.
Molly reckte ihre Nase in Sams Richtung und sog geräuschvoll die Luft ein wie ein Hund, der Witterung aufnahm. »Du meinst abgesehen davon, dass du einen Blutsbund eingegangen bist? Nein, ich kann nichts feststellen.«
Das beruhigte Sam einerseits. Möglicherweise war diese Lichtkraft entgegen ihrer ursprünglichen Vermutung doch von außen gekommen. Andererseits bereitete es ihr Unbehagen, dass sie davon nichts bemerkt hatte. Doch so sehr sie auch darüber nachgrübelte, sie fand keine Antwort.
Dafür sah sie, als sie zufällig aus dem Fenster blickte, auf der anderen Straßenseite einen schwarzen Dodge geparkt und darin niemand anderen als Bruder Graham, der ihr Büro beobachtete. Sam seufzte und hoffte, dass der Defensor seine Nachstellungen in ein paar Tagen oder Wochen aufgeben würde, wenn er merkte, dass Sam tatsächlich keine Gefahr für die Menschen darstellte.

In diesem Punkt irrte sie sich allerdings, denn Wochen später belauerte er sie immer noch. Er folgte ihr überall hin. Zwar blieb er auf Abstand, aber solange sie wie ein Mensch mit dem Auto fuhr oder zu Fuß ging, heftete er sich an ihre Fersen. Sie war inzwischen zunehmend versucht, ihm einen magischen Denkzettel zu verpassen, sofern das bei ihm überhaupt wirkte. Das allerdings hätte ihn nur in seiner Meinung bestärkt, dass Sam ein Höllengeschöpf war, das er vernichten musste. Also wappnete sie sich mit der wahrhaft unmenschlichen Geduld, über die sie verfügte – wenn sie die denn mal exerzierte – und ignorierte ihn. Irgendwann würde er mit Sicherheit aufgeben.
Doch die Wochen wurden zu Monaten, in denen der Mönch zwischendurch zwar ab und zu mal für Tage oder auch ein paar Wochen verschwand, in denen Sam jedes Mal die Hoffnung schöpfte, er habe endlich aufgegeben. Er tauchte jedoch immer wieder auf. Der Winter kam und ging, der Frühling wurde zum Sommer, und Ende Juni – nach inzwischen fast einem Dreivierteljahr – war er immer noch da.
Als Sam an einem sonnigen Morgen zum Büro fuhr und Bruder Grahams Wagen wieder auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte, beschloss sie, sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, wie sie den Kerl ein für alle Mal loswerden konnte. Obwohl ihre Mittel dafür begrenzt waren, da ihre einschlägige Magie bei ihm nicht wirkte.
Als sie in diese Gedanken versunken ihr Büro betrat, wurde sie bereits erwartet. Eine junge Frau saß völlig aufgelöst mit allen Anzeichen von Verzweiflung im Warteraum. Sie rannte Sam entgegen, kaum dass sie eintrat, packte ihre Hand und brach in Tränen aus.
»Sie müssen Corey finden! Bitte! Mein Mann hat mich nicht verlassen, wie alle behaupten! Ihm muss etwas Schreckliches zugestoßen sein. Ich fühle es! Oh bitte helfen Sie mir ...!«

Ende

Fussnoten:

1 Sprechgesang
2 Hohepriester des Voodoo
3 = das rote Harz des Drachenbaums
4 Schadenszauberer
5 moderner Voodookult, der sich ausschließlich mit Schadenszauberei befasst
6 siehe Sukkubus 5: »Das Amulett der Lady Arden«
7 siehe Sukkubus 7: »Die Unadru-Schriften«
8 magische Werkzeuge im Voodoo
9 = New Orleans Police Departement
10 siehe Sukkubus 10: »Die Runenschale«
11 siehe Sukkubus 7: »Die Unadru-Schriften«
12 siehe Sukkubus 10: »Die Runenschale«
13 leichenfressende Dämonen
14 Unadru: »Blut zu Blut als Gefährten bis (die) Zeit endet.«
15 Unadru: »Es sei!«

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Im nächsten Roman:
Bruder Graham hat noch lange nicht aufgegeben, Sam zu verfolgen und wartet nur darauf, dass sie ihm einen Grund liefert, sie zu töten. Doch ihr neuer Fall beansprucht ihre volle Aufmerksamkeit, denn Corey Fallon ist nicht der Einzige, der verschwunden ist. Als die Vermissten Tage später wieder auftauchen, versuchen sie ausnahmslos, alle Mitglieder ihrer eigenen Familien umzubringen. Bei ihren Nachforschungen nach den Ursachen dafür, muss sie feststellen, dass »Der Hexenbaum« erwacht ist, der ein Tor zur Geisterwelt in sich birgt. Doch Sams magische Macht stößt dort wieder einmal an ihre Grenzen, denn das Tor des Hexenbaums kann nur ein Defensor wie Bruder Graham schließen ...

»Der Hexenbaum« erscheint am 05. September exklusiv im »Geisterspiegel«.

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Veve
Ein veve ist ein magisches Symbol, das aus Maismehl, Kornmehl, Sand oder Kaffee auf den Boden gestreut wird und eine loa (= Voodoo-Gottheit) repräsentiert. Jede loa hat ihr eigenes veve, mit dem sie gerufen/eingeladen wird. Das veve wird vor der eigentlichen Zeremonie gesegnet, indem man Nahrungsmittel und Getränke darauf oder zwischen die gestreuten Linien stellt.

Quelle: Anna Riva »Voodoo Handbook of Cult Secrets«

Shemhamphoras-Siegel
Shemhamphoras (die Schreibweise variiert) stammt ursprünglich aus der Lehre der Kabbala und ist ein Attribut eines der Namen Gottes. Irgendwann hat es für die Arbeit mit magischen Siegeln im Laufe der Geschichte seinen Weg in einige Varianten des Voodoo gefunden. Darin werden drei verschiedene Shemhamphoras-Siegel benutzt. Das in diesem Roman vorgestellte »Heilige Shemhamphoras-Siegel« dient dazu, den Kontakt zu den Seelen der Toten herzustellen. Das »Shemhamphoras Nr. 1 Siegel« soll Erfolg in finanziellen und geschäftlichen Belangen bringen, und das »Shemhamphoras Nr. 2 Siegel« ist das höchste religiöse Siegel, das die größtmögliche magische Macht enthält und ausschließlich für positive Dinge verwendet wird.

Quelle: Anna Riva »Voodoo Handbook of Cult Secrets«

Drachenblut
Dieses rote Harz des Drachenbaums (dracaena draco) wird für Weihrauchmischungen und als Heilmittel gegen Skorbut und Blutvergiftung verwendet sowie magisch für Liebeszauber und als Schutz gegen negative Kräfte. Ferner ist es Bestandteil von Zusätzen für rituelle Bäder. In hoher Konzentration wirkt es (im Badewasser) abtreibend bei Schwangerschaften. Nur im Voodoo benutzt man es auch zusätzlich zur Herstellung einer magischen Tinte.

Quellen: Diverse

Ouanga-Beutel
Ein im Voodoo benutzter magischer Beutel, in der Regel aus rotem Stoff, der um den Hals getragen wird. Er dient je nach seinem Zweck dem Schutz, dem Anziehen von Glück oder Liebe oder der Abwehr von Bösem bzw. Geistern/Dämonen. Er wird mit den seinem Zweck entsprechenden magischen Gegenständen gefüllt wie z. B. Steine, Federn, Knochen, Haare, Glücksbringer oder Pergamente mit magischen Zeichen/Siegeln etc.

Quelle: Anna Riva: »Voodoo Handbook of Cult Secrets«

Voodoo-Götter16
Baron Samedi – mächtigster Gott, der über die Toten und Friedhöfe herrscht. Er ist so mächtig, dass selbst die übrigen Götter keinen Zauber ohne seine Zustimmung und seinen Segen zu wirken in der Lage sind. Er ist der Oberbefehlshaber der Guede, der Geister der Toten.
Shango – Kriegsgott, Donnergott und Wettergott, der entfernt dem germanischen Thor entspricht.
Guede-Nimbo – ein »Statthalter« von Baron Samedi, der über die Toten wacht und ebenso wie alle Guede über die Mächte der schwarzen Magie verfügt. Manchmal wird er mit Baron Samedi gleichgesetzt.

16 nur die in diesem Roman erwähnten

Quelle: Anna Riva »Voodoo Handbook of Cult Secrets«

Basilisk
Das Wort Basilisk stammt aus dem Griechischen und bedeutet »kleiner König«. Es handelt sich um ein Fabeltier aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, das meistens als ein Mischwesen aus dem Oberkörper und Krallen eines Hahns, dem Unterleib einer Schlange und den Flügeln eines Drachen dargestellt wird. Angeblich wurde der erste Basilisk aus einem Hahnenei ohne Mutter gezeugt. Der Basilisk gilt als Symbol des Todes und des Bösen. Bekannt und gefürchtet ist sein »Basiliskenblick«, der nicht nur mit dem »bösen Blick« schlechthin gleichgesetzt wird, sondern der ähnlich wie der Blick der Medusa jeden versteinert, den er anblickt. Sein Atem ist giftig und tötet alle, die ihn einatmen.

Quelle: Knaurs Lexikon der Mythologie

Fluch
Ein Fluch ist in der Regel ein Zauberspruch, oft begleitet von bestimmten Gesten oder einfachen bis komplizierten magischen Ritualen, die dazu dienen, dem Zielobjekt Schaden zuzufügen oder es zu vernichten/zu töten. Damit ein Fluch wirksam wird, muss der/die Verfluchte nicht einmal davon wissen oder daran glauben, obwohl das die Sache vereinfacht (im Sinn der »sich selbst erfüllenden Prophezeiung«). Man unterscheidet zwischen einfachen Flüchen und niedergelegten Flüchen. Einfache Flüche kann jeder brechen/neutralisieren, der entweder entsprechende Gegenzauber kennt (im Englischen »Hex-Breakers« genannt) oder dessen magische Kraft der des Verursachers überlegen ist, mit der er einen starken Schutzzauber wirken kann.
Der niedergelegte Fluch erfordert immer ein kompliziertes Ritual und wird so manifestiert, dass er – wenn überhaupt – nur unter bestimmten Umständen vom Verursacher selbst wieder aufgehoben werden kann. Hat der sich diese »Hintertür« nicht offen gelassen, endet er nur mit dem Tod des Opfers oder – je nach Festschreibung – mit dem Tod von dessen »letzten Nachkommen«.

Quellen: Diverse

Copyright © 2010 by Mara Laue

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