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Band 10 - Die Runenschale

Schwere Schritte hallten durch den Gang, der nur spärlich von gedimmten Lampen erleuchtet wurde. Das kleine Mädchen fuhr aus dem Schlaf hoch und lauschte. Als sie die Schritte erkannte, begann sie zu zittern, drückte sich angstvoll in die Ecke ihres Bettes, zog die Decke bis zum Kinn hinauf und hoffte, dass die Schritte nicht wieder vor ihrer Tür anhalten und stattdessen vorübergehen mochten.
Vergeblich. Nur wenig später wurde die Zimmertür geöffnet, und ES stand grinsend davor. In dem schummerigen Licht, das durch die Tür hereinfiel, wirkten seine Augen gelb und gefährlich. Äußerlich sah es aus wie ein Mensch, aber das Kind wusste, dass es etwas ganz anderes war, etwas Schreckliches, Böses. Und es war gekommen, um die Kleine zu holen.
Keine Angst, Abby. Du wirst es wie immer überleben.
Das Mädchen warf einen scheuen Blick in die Ecke neben der Tür, durch die ES gerade gekommen war. Dort schwebte Simona schwach sichtbar wie ein Nebelgespinst. Simona war in diesem Haus gestorben, als sie gerade fünfzehn war, doch etwas hielt sie hier fest und ließ sie nicht in die andere, die schöne Welt hinübergehen. Als Abby Simonas Geist zum ersten Mal gesehen hatte, verspürte sie furchtbare Angst. Doch inzwischen fürchtete sie sich mehr von dem, was sie alle paar Nächte abholte, um ... Dagegen waren selbst die wenigen wirklich bösen Geister, die sich hier herumtrieben, nur eine unangenehme Ruhestörung. Abby begann lautlos zu weinen.
ES, das das Gesicht des Klinikleiters trug, riss ihr die Decke weg, nahm das Kind auf den Arm und trug es hinaus. Abby schrie nicht. Sie hatte schon lange begriffen, dass das völlig sinnlos war und ihr nur brutale Schläge einbrachte. Sie sprach überhaupt nicht mehr. Zumindest nicht freiwillig.
Halte durch, Abby!, rief ihr Simona hinterher. Ich warte hier auf dich.
Auch das vermochte das kleine Mädchen nicht zu trösten. Am liebsten wäre sie tot gewesen, um endlich ihre Ruhe zu haben. Das allerdings lag ganz und gar nicht im Interesse des Klinikleiters und anderer Personen, für die Abby, vielmehr ihre ungewöhnliche Gabe, unglaublich wertvoll war.

Schwester Elisha Dunn versah wie immer routiniert und dennoch aufmerksam ihren Nachtdienst im St. Mary’s Hospital für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Sie arbeitete erst seit wenigen Monaten hier und nahm ihre Aufgaben sehr ernst. Sie kümmerte sich, was für sie bedeutete, umfassend über ihre Schützlinge informiert zu sein und für sie über die Medikamentenausgabe und Assistenzdienste für die Therapeuten hinaus da zu sein. Dadurch war sie auf ein paar Dinge gestoßen, die ihr merkwürdig erschienen.
Als sie sich vor ein paar Nächten in der Stationsküche einen Kaffee holte und dabei zufällig aus dem Fenster sah, hatte sie den Klinikleiter Dr. Marcus Samson dabei beobachtet, wie er mit einem Kind auf dem Arm das Gebäude durch einen nicht videoüberwachten Hinterausgang verließ. Er hatte das Kind – ein kleines blondes Mädchen – in seinen Wagen gesetzt und war weggefahren. Elisha hatte die halbe Nacht immer wieder aus dem Fenster geschaut und auf seine Rückkehr gewartet. Samson war erst kurz vor Morgengrauen zurückgekommen, und die Kleine hatte vollkommen leblos in seinen Armen gehangen und war offensichtlich bewusstlos gewesen.
In Schwester Dunn hatten sämtliche Alarmsirenen zu schrillen begonnen, besonders als sie festgestellt hatte, dass es sich bei dem Kind um die sechsjährige Abby Bronnell handelte. Abby war seit zwei Jahren in der Klinik. Die Diagnose lautete auf schwere Psychose mit Wahnvorstellungen. Obwohl ein sechsjähriges Kind wohl kaum als gefährlich eingestuft werden konnte, war Abby in der geschlossenen Abteilung untergebracht, in der die gewalttätigen, kriminellen Jugendlichen verwahrt wurden.
Nach ihrer Beobachtung der Entführung des Kindes durch Dr. Samson war der Grund dafür Elisha Dunn völlig klar. Nur von dieser Abteilung aus konnte der Klinikleiter, der als Einziger zu jedem Raum im Haus einen Schlüssel besaß, das Kind ungesehen durch den Heizungskeller hinausschmuggeln. Elisha Dunn wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie besaß keinen Zugang zu dem Kind und konnte daher auch nicht nachsehen, wie es der Kleinen ging. Doch sie hatte allein in der letzten Woche bemerkt, dass Dr. Samson das Mädchen mindestens dreimal abholte. Jedes Mal war die Kleine bei der Rückkehr bewusstlos.
Die Krankenschwester war sich bewusst, dass es ihre Pflicht war, etwas dagegen zu unternehmen. Allerdings fürchtete sie die Konsequenzen. Immerhin brauchte sie ihren Job. Doch was war ein Job verglichen mit dem, was Dr. Samson vermutlich dem Kind antat? Peanuts! Deshalb verbrachte sie die relativ ruhigen Stunden ihrer heutigen Nachtwache damit zu überlegen, wie sie am besten vorgehen sollte, um herauszufinden, was Dr. Samson mit dem Kind anstellte, ohne dass es negative Folgen für sie hätte.
Sie hörte auf dem Parkplatz der Klinik einen Wagen vorfahren. Rasch löschte sie das Licht in ihrem Bereitschaftszimmer und trat ans Fenster. Dr. Samson schlich durch den unbewachten Hintereingang in die Klink und kam eine Viertelstunde später mit Abby auf dem Arm heraus. Gleich darauf fuhr er davon. In Elisha Dunn wurde der Verdacht zur Gewissheit, dass der Klinikleiter die Kleine nachts an Männer verkaufte, die sie missbrauchten, und das durfte sie nicht länger zulassen. Egal wie die Konsequenzen für sie persönlich aussehen mochten, sie musste das unterbinden.
Doch sie hatte keine Beweise, und ohne die würde eine Anzeige nicht nur nichts bringen und sie obendrein ihren Job kosten, sondern auch im Sand verlaufen. Nein, sie musste anders vorgehen, wenn sie Abby helfen wollte. Sie kehrte an ihren Tisch zurück, schaltete das Licht wieder ein und suchte im Branchenverzeichnis nach einem guten Privatermittler.

Skiring, Westfold, 633 n. Chr.

Der schwarzhaarige Mann beugte sich über den Hals der blonden Frau, die willenlos in seinen Armen hing und den Tod erwartete. Er strich ihr mit den Fingerspitzen über das Gesicht und labte sich an der Angst, die er in ihr fühlte. Sie bekam alles mit, was mit ihr geschah; nur ihr Körper war durch seine Magie zur Bewegungslosigkeit erstarrt.
Er öffnete den Mund wie zu einem Lächeln. Seine Schneidezähne wurden langsam länger, bis sie sich zu spitzen, raubtierhaften Reißzähnen geformt hatten. Mit einer raschen Bewegung schlug er sie der Frau in den Hals und sog ihr warmes Blut in sich ein. Ein Laut drang aus ihrem Mund, der sich zu einem lustvollen Stöhnen wandelte, als der Speichel des Wesens seine Wirkung tat. Ihre Angst verschwand, und sie wollte nur noch eins: mehr von der Lust erleben, die der Biss des Nachtgeschöpfes in ihr hervorrief. Dass dadurch ihr Leben beendet wurde, war bedeutungslos geworden. Die Frau würde in einem Zustand höchster Ekstase sterben und den Tod sogar willkommen heißen.
Die Tür ihrer Hütte wurde so heftig aufgestoßen, dass sie aus den Angeln flog und zu Boden krachte. Der Vampir fuhr fauchend herum, bereit, sich auf den Störenfried zu stürzen und mit ihm kurzen Prozess zu machen. Er erstarrte mitten in der Bewegung, als er erkannte, wer vor ihm stand. Die zwei Männer, die gefolgt von einer Frau in der Kleidung einer Völva 1 hereindrängten, waren zwar ebenfalls Vampire, gehörten aber zu den Wächtern, jenen Auserwählten, die unnachsichtig die Gesetzesbrecher unter ihresgleichen jagten und richteten.
Bevor der Mann in der Lage war, auch nur eine Hand zur Abwehr zu erheben, hatten sie ihn bereits gepackt und von seinem Opfer weggezerrt. Einer der Wächter nagelte ihn mit seinem Gewicht am Boden fest, während der andere sich um die blonde Frau kümmerte, die, vom Bann des Vampirs befreit, mit einem ängstlichen Wimmern in die nächstbeste Ecke zu kriechen versuchte. Der Wächtervampir hielt sie sanft fest und sah ihr in die Augen.
»Dir ist nichts geschehen«, sagte er eindringlich. »Du hattest nur einen schlechten Traum und wurdest von einer Ratte gebissen. Jetzt wirst du schlafen bis die Sonne aufgeht.«
Die Frau entspannte sich augenblicklich und versank in tiefen Schlaf. Der Wächter bettete sie fürsorglich auf ihr Lager, auf dem sie vor wenigen Minuten fast umgebracht worden wäre und deckte sie zu, ehe er sich seinem Begleiter und dem Verbrecher zuwandte.
»Du bist jetzt am Ende deines Weges und deines Lebens angekommen«, stellte er nüchtern fest. »Es war reichlich dumm von dir, ständig am selben Ort zu bleiben. So konnten wir dich leichter aufspüren, denn wir Wächter fühlen immer, wann und wo und von wem ein Mensch in einen Vampir verwandelt wurde. Und du hast sieben verwandelt.«
Der andere Wächter riss seinen Gefangenen auf die Beine. »Du bist schuldig, das Erste und Zweite Gesetz unserer Gemeinschaft gebrochen zu haben. Du hast dich von Menschenblut ernährt und Menschen in Vampire verwandelt. Auf beide Vergehen steht der Tod. Cronos und ich sind hier, um dich zu richten und das Urteil zu vollstrecken.«
»Halt!«, wandte die Völva ein, die bisher schweigend in der Tür gestanden hatte. »Er ist ein Svartalf 2 . Deshalb sind wir für seine Hinrichtung verantwortlich, Wächter Gwynal, denn auch nach unseren Gesetzen fordern seine Verbrechen den Tod. Doch wir müssen sicherstellen, dass er nicht von den Toten zurückkehrt und uns heimsucht. Immerhin verfügt er als Svartalf über magische Kräfte, und die hat er nicht durch seine Verwandlung eingebüßt.«
»Das habe ich allerdings nicht!«, bestätigte der Svartalf-Vampir und lachte hässlich. Seine Augen glühten rot.
Im nächsten Moment schrie Gwynal schmerzgepeinigt auf und ließ ihn unwillkürlich los, als seine Hände in Flammen aufgingen. Der Svartalf war mit einer Geschwindigkeit, zu der nur ein Vampir fähig war, an der Tür, stieß die Völva zur Seite und floh.
Er kam nicht weit. Cronos hatte ihn eingeholt und niedergeschlagen, noch ehe er den Rand des Dorfes erreicht hatte. Er fesselte den Svartalf mit seinem Gürtel und trug das Wesen in die Hütte zurück. Die Völva hatte gerade mit ihrer eigenen Magie Gwynals brennende Hände gelöscht, die jetzt augenblicklich zu heilen begannen.
Der alte Vampir blickte den Svartalf grimmig an. »Bruch des Sechsten Gesetzes kommt jetzt noch zu deinen Verbrechen hinzu: Versuchter Mord an einem Mitvampir.«
Der Svartalf-Vampir grinste böse. »Ihr werdet mich nicht hinrichten«, war er überzeugt, »denn nur ich kann euch sagen, wie ihr den Vampiren, die ich verwandelt habe, ihre Menschlichkeit zurückgeben könnt.«
»Das ist unmöglich«, widersprach Cronos. »Wenn es ein Mittel gäbe, die Verwandlung rückgängig zu machen, so wüssten wir davon.«
»Ihr seid doch nur Vampire und habt nicht die leiseste Ahnung von Magie.«
»Aber ich habe sie«, sagte die Völva. »Und ich werde die Wahrheit schon aus dir heraus bringen.«
Sie trat einen Schritt auf den Svartalf zu. Der versuchte zurückzuweichen, doch Cronos hielt ihn eisern fest. Der Svartalf fletschte die Zähne. »Die Schale dort«, sagte er und nickte zu einem etwa kindskopfgroßen Gefäß aus schwarzem Onyx hinüber, das neben dem Lager stand, auf dem die Frau, die er hatte töten wollen, friedlich schlief. »Wenn ein verwandelter Vampir Menschenblut daraus trinkt und den Wandlungszauber spricht, wird er wieder ein Mensch.«
»Lüge!«, war Gwynal überzeugt. »Wir hatten auch schon mächtige Zauberer in unseren Reihen, und keiner von ihnen hat jemals einen Vampir zurückverwandeln können. Nicht einmal der Wunderheiler Christus war dazu in der Lage. Du versuchst doch nur deine Haut zu retten.« Er wandte sich an die Völva. »Wie verfahrt ihr mit einem Verbrecher wie ihm, Helrun?«
»Wir verbrennen ihn, damit er nicht entkommen und uns als Draugr 3 heimsuchen kann. Ist eure Methode ebenso wirksam?«
Die beiden alten Vampire blickten einander an und kommunizierten auf eine Weise, die menschliche Ohren nicht zu hören vermochten.
»Wenn wir ihn dem Licht der Sonne aussetzen, wird er verbrennen«, erklärte Gwynal. »Das müsste ebenso wirksam sein wie der Tod durch eines deiner Zauberfeuer.«
Offensichtlich entsprach das der Wahrheit, denn der Svartalf setzte erneut Magie ein, um zu entkommen. Diesmal waren sowohl die beiden Vampire wie auch Helrun darauf vorbereitet, und die Völva bannte ihn mit einem Zauber an seinem Platz. Der Svartalf war jedoch noch nicht besiegt. Er sprach seinerseits einen Zauber, bevor Helrun ihn daran hindern konnte. Im nächsten Moment löste sich sein Körper auf, schoss als ein dunkler Blitz auf die Onyxschale zu und verschwand darin. Das Letzte, was man noch von ihm hörte, war sein hässliches Lachen.
»Bei Odin!«, entfuhr es Helrun. »Das hätte nicht passieren dürfen«, fügte sie zerknirscht hinzu.
»Ich denke, etwas Besseres konnte uns nicht passieren«, fand Gwynal. »Nach allem, was ich über solche Dinge weiß, wird der Geist – oder was immer der Svartalf jetzt in der Schale ist – daran gehindert, ins Leben zurückzukehren oder sogar vernichtet, wenn das Gefäß, in dem er steckt, zerstört wird.«
»Es sei denn, Svartalfen wären in dem Punkt wie die Dschinn, die durch die Vernichtung des Gefäßes, in das sie gebannt sind, für immer befreit werden«, warnte Cronos.
»Svartalfen sind hinterlistig«, erinnerte Helrun. »Er hätte sich nicht in die Schale geflüchtet, wenn er durch ihre Zerstörung ebenfalls vernichtet würde.« Sie nahm die Schale an sich und betrachtete sie von allen Seiten.
»Es ist eine Orakelschale«, stellte sie nach einer Weile fest. »Alle Svartalfen sind in der Lage, Weissagungen zu geben und sogar die jenseitigen Wesen durch sich sprechen zu lassen. Mit seinen Weissagungen hat er seine Opfer zu sich gelockt, denn sie trafen immer zu. So etwas spricht sich natürlich herum. Kein Wunder, denn diese Schale ist aus einem einzigen Stück heiligen Steins geschnitten.« Sie gab einen undefinierbaren Laut von sich. »Wie konnte er sie nur so missbrauchen!« Sie schüttelte den Kopf. »Außerdem hat er eine Macht in sie gebunden, die ihm zusätzliche Kraft gibt. Eine Macht des Bösen.«
Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf die Schale und hätte sie beinahe angeekelt fallengelassen. Sie streckte sie von sich, als wäre sie stinkender Unrat. »Surtr 4 hat diese Schale erschaffen, und ein Teil seiner Macht ist in ihr gebannt«, stellte sie entsetzt fest.
»Die Frage ist, ob wir sie gefahrlos zerstören können«, erinnerte Cronos sie. Er war bereits fast zweitausend Jahre alt und hatte schon nahezu alles gesehen, weshalb ihn der Missbrauch einer heiligen Schale weder wunderte noch im selben Maß entsetzte wie Helrun.
»Ich ... bin mir nicht sicher.«
Die Völva stellte die Schale auf den Boden, kniete neben ihr nieder, nahm einen Beutel von ihrem Gürtel und sang ein paar monotone Worte, während sie den Beutel schüttelte. Darin erklang dumpf das Klappern von Buchenholzstäben. Nachdem sie das letzte Wort gesungen hatte, schnürte sie den Beutel auf. Sie richtete ihren Blick nach oben, griff mit einer Hand hinein und warf die fingerlangen Holzstäbe, die sie gegriffen hatte, auf den Boden, wo sie in einer willkürlichen Formation liegen blieben.
In die Oberfläche jedes Stabes war eine Rune eingeritzt. Die Völva beugte sich darüber und betrachtete die Formation und jeden einzelnen Runenstab eingehend.
»Hagalaz«, murmelte sie nach einer Weile, »Thurisaz und Nauthiz neben Isa. Fehu auf dem Kopf stehend, Berkana auch und Kano ebenfalls.« Sie stöhnte leise. »Die Zerstörung der Schale wird dem Svartalf nicht nur das Tor zurück in diese Welt öffnen, er wird mit dem Feuer Surtrs zurückkehren und alles vernichten. Not und Leid werden über uns kommen. Wir werden alles verlieren, die Ernten werden verderben und ...«
Sie schüttelte den Kopf, tat die Runenstäbe in den Beutel zurück und wiederholte die Prozedur. Das zweite Ergebnis war ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen nicht besser als das erste. »Wir dürfen die Schale nicht zerstören, sonst entfesseln wir dadurch eine Macht, der nicht nur wir Völven nicht gewachsen sind, sondern wohl auch nicht die größte Zauberkraft, über die irgendein Mensch verfügt«, sagte sie schließlich zu den beiden Vampiren und verzog grimmig das Gesicht. »Doch ich werde verhindern, dass der Plan des Svartalfen aufgeht und er je wieder frei kommt. Gebt mir einen Tag Zeit, und er wird auf ewig in seiner Schale gefangen bleiben und die Macht Surtrs niemals nutzen können.«
Gwynal nickte zustimmend. »Natürlich, Helrun. Da die Sonne bald aufgeht, werden wir sowieso den Tag über hier bleiben müssen. Gibt es irgendwo einen Ort, an dem wir vor der Sonne sicher sind?«
»Folgt mir«, forderte die Völva die beiden Vampire auf. »Die Arbeit, die ich tun muss, muss ich ohnehin in der heiligen Höhle verrichten. Sie ist tief genug, dass die Sonne niemals in ihren hinteren Bereich eindringen kann.«
Helrun führte sie, nachdem sie aus ihrer Hütte ein paar Decken sowie das Werkzeug geholt hatte, das sie brauchte, aus dem Dorf heraus in den Wald zu einer Höhle. Während die beiden Vampire sich in deren hintersten Winkel schlafen legten, machte sie sich ans Werk. Im Schein eines heiligen Feuers aus besonderen Hölzern begann sie, Runen in die Onyxschale zu meißeln, während sie unablässig Bannsprüche rezitierte. Sie beschriftete die Schale erst außen, dann innen mit drei mal neun Bannsprüchen und Bannrunen und hörte nicht auf, ehe sie mit der letzten Rune in Bodenmitte den Zauber endgültig besiegelte.
Völlig erschöpft und heiser legte sie ihr Werkzeug mit zitternden Händen zur Seite, als die Sonne am nächsten Tag unterging und Gwynal und Cronos aus ihrem Schlaf erwachten. Die beiden Vampire kümmerten sich um die Völva, gaben ihr zu trinken und stützten sie, damit sie nicht vor Müdigkeit umfiel.
»Die Schale«, flüsterte Helrun mit krächzender Stimme, die ihr kaum noch gehorchte, »wird nun niemals zerbrechen. Der Zauber verhindert das, und der Svartalf wird nie mehr leben. Die Runen bannen ihn.«
»Sprich nicht«, mahnte Cronos sanft. »Du musst dich schonen. Wir danken dir jedenfalls von ganzem Herzen für deine Hilfe.«
»Drachenfeuer«, murmelte die Völva. »Gäbe es noch Drachen in der Welt, so könnte ihr Feuer die Schale vernichten, ohne dass der Draugr des Svartalfs oder Surtrs Macht entkommen könnte.«
Gwynal sammelte Helruns Werkzeuge ein und nahm auch die Schale, während Cronos die Frau auf die Arme hob und zum Dorf zurücktrug. Außer den sieben Vampiren, die von dem Svartalf verwandelt worden waren, zeigte sich niemand im Freien. Die Dorfbewohner hatten spürbar Angst vor den Nachtgeschöpfen, die einmal Menschen in ihrer Mitte gewesen waren.
Die beiden alten Vampire wussten nur zu gut, was als Nächstes folgen würde, weil es an anderen Orten bereits allzu oft geschehen war. Irgendwann würden die Dorfbewohner ihren Mut wiederfinden, sich zusammenrotten – und zwar am Tag, wenn die Vampire schliefen – und die jungen Vampire töten. Zwar waren sich die der Gefahr, in der sie schwebten, noch nicht bewusst, doch für Cronos und Gwynal war klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Selbst für die erfahrenen Wächter, die immerhin eine gewisse Ehrfurcht genossen (wobei mehr Furcht als Ehre im Spiel war), war es ratsam, schnellstmöglich wieder zu verschwinden.
Sie brachten Helrun in ihre Hütte und halfen ihr, sich auf das Bett zu legen. »Kommst du zurecht?«, erkundigte sich Cronos. »Können wir dich allein lassen?«
Sie nickte. »Kümmert euch«, begann sie und musste husten.
»Das werden wir«, versprach Gwynal und stellte die Runenschale neben das Bett. »Du bist dir sicher, dass diese Schale unzerstörbar ist – außer durch Drachenfeuer – und der Draugr nicht in der Lage sein wird, sich jemals daraus zu befreien?«
Die Völva nickte, und die beiden Bluttrinker verabschiedeten sich von ihr. Wenig später hatten sie zusammen mit ihren sieben jungen Artgenossen das Dorf Skiring verlassen.
Helrun hielt es nicht für ratsam, die Onyxschale offen herumstehen zu lassen. Außerdem fühlte sie sich unwohl in deren unmittelbarer Nähe. Sie quälte sich aus dem Bett und verbarg sie in einer Kiste unter alten Kleidern. Dabei riss sie sich an einem Holzsplitter die Hand auf, und ein paar Tropfen Blut fielen in die Schale. Eine der Runen glühte kurz auf, als das Blut auf sie fiel. Im selben Moment überkam die Völva eine Vision.
Sie sah sich selbst, wie sie von den Bewohnern Skirings verurteilt und zur Hinrichtung geschleift wurde. Sei es, dass der Draugr des Svartalfs sie mit dieser Vision nur verhöhnen oder quälen wollte oder dass es sich tatsächlich um eine echte Prophezeiung handelte; Helrun beschloss, kein Risiko einzugehen. Sie legte sich schlafen, um ihre Kräfte zu regenerieren und verließ in der darauf folgenden Nacht lange vor Morgengrauen nur mit dem nötigsten Gepäck und der Runenschale in aller Heimlichkeit ihr Dorf, um nie mehr zurückzukehren.
Sie bemerkte nicht, dass die Bannrune, die unmittelbar vor der Weissagung aufgeleuchtet hatte, von der Schale verschwunden war, als hätte sie nie existiert.

Cleveland, Gegenwart

Abby hockte im Wagen des Klinikleiters und rührte sich während der gesamten Fahrt nicht. Sie fror, sie hatte Hunger, und sie hatte Angst. Sie würde überleben, was ihr bevorstand, hatte Simona gesagt. Doch sie wünschte sich nicht zum ersten Mal tot zu sein, denn was sie erwartete, war schlimmer als der Schwarze Mann, vor dem sie früher immer Angst gehabt hatte.
Der Wagen hielt schließlich vor einem abgelegenen Haus außerhalb der Stadt. Es glich mehr einer verfallenen Scheune und hatte definitiv schon bessere Tage gesehen. Doch für das, was sich gleich hier abspielen sollte, war es perfekt.
Marcus Samson parkte seinen Wagen hinter dem Haus, damit er von der Straße aus nicht gesehen werden konnte. Dort standen bereits weitere Autos, und er wusste, nicht nur weil er als Letzter kam, dass die anderen bereits mit zunehmender Ungeduld auf ihn warteten. Er konnte ihre Ungeduld fühlen, ihren Ärger wegen der Verzögerung, und er sog ihn in sich auf und fühlte, wie dadurch neue Energie in ihn einströmte. Vermischt mit der Angst des Kindes neben ihm stellte das einen angenehmen Zwischensnack dar. Die Hauptmahlzeit würde später folgen. Er zog das Kind aus dem Wagen und trug es ins Haus hinein.
Abby kniff fest die Augen zu, um SIE nicht sehen zu müssen, die bösen ... Dinger, die bei jedem Besuch darin auf sie warteten. Einige waren zwar Menschen, aber sie waren dennoch schlecht.
»Endlich!«, hörte sie eine tiefe Männerstimme vorwurfsvoll sagen. »Wir warten schon ziemlich lange.«
»Na und?«, konterte Samson ungerührt. »Für das, was Sie bekommen, können Sie ruhig mal eine Weile warten. Ist alles bereit?«, wandte er sich an eine Person, die im Hintergrund stand.
Abby fürchtete sich vor dem finster aussehenden Mann am meisten, der jetzt nach vorn trat und eine junge Frau am Arm hinter sich her zog, die taumelte und offensichtlich nicht wusste, wo sie sich befand oder was mit ihr geschah. Sie benahm sich wie die Patienten in der Klinik, die von den Medikamenten, die man ihnen gab, willenlos wurden. Sie würde sich nicht einmal dagegen wehren, wenn man sie tötete.
Denn genau das sollte ihr Schicksal sein.
Der ungeduldige Mann öffnete einen mit Zahlenschlössern gesicherten Metallkoffer und entnahm seinem gepolsterten Inneren eine Schale aus schwarzem Stein, die außen und innen mit Zeichen graviert war. Ein Kenner hätte sie unschwer als altnordische Runen erkannt. Die Schale war wie eine Müslischüssel geformt und nicht größer als Abbys Kopf. Dem Mädchen graute es vor dieser Schale, denn aus ihr kam das Böse.
Samson setzte das Kind in einen alten Holzstuhl. Am Anfang hatte er es daran festbinden müssen, denn es hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt und wegzulaufen versucht. Doch schon nach wenigen Sitzungen hatte es begriffen, dass jeder Fluchtversuch sinnlos war. Seitdem ließ es alles mit sich geschehen und tat, was Samson verlangte, und er hatte eine Sorge weniger.
Ingmar Haraldsson, der ungeduldige Mann, dem die Orakelschale gehörte, machte jedes Mal Schwierigkeiten der einen oder anderen Art. Entweder stritt er sich mit Samson um den Profit oder er versuchte, die Kontrolle der gesamten Sitzung an sich zu reißen. Samson war schon oft versucht gewesen, ihn zu töten, die Orakelschale an sich zu nehmen und die Sitzungen in eigener Regie durchzuführen.
Leider gab es da ein Problem. Haraldsson war ein Nachfahre jener Zauberin, die vor fast zweitausend Jahren diese Schale erschaffen hatte mit einer besonderen Magie, die offenbar nur ihre direkten Nachfahren wie Ingmar Haraldsson beherrschten. Samson vermochte nicht einmal ansatzweise, sie zu meistern, da seine Art ohnehin nicht über nennenswerte magische Fähigkeiten verfügte. Die Schale nützte ihm ohne Haraldsson oder einem anderen Mitglied aus dessen Familie, das dieselbe Gabe besaß, überhaupt nichts.
Auch Decker, der Mann, der die Opfer besorgte, wurde langsam aufsässig und verlangte immer mehr Geld für seine Dienste. Deshalb hatte Samson beschlossen, sich von ihm zu trennen. Die Beschaffung der Opfer konnte er notfalls auch noch übernehmen. Das wäre zwar etwas umständlich, stellte aber kein allzu großes Problem dar.
Haraldsson setzte jetzt die Schale auf den Tisch vor dem Kind, und die vier Männer und eine Frau, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten, traten erwartungsvoll näher. Samson spürte ihre Gier und sog sie in sich ein. Sie schmeckte köstlich! Zwar nicht so herrlich wie Angst, doch er war nicht wählerisch. Schließlich hatte er immer noch die Angst des Kindes, an der er sich laben konnte, was er jedes Mal ausgiebig tat.
Er trat den fünf entgegen, von denen keineswegs jeder ein Mensch war, wie er wusste, und hielt die Hand auf. »Sie kennen die Regeln. Erst die Bezahlung, dann die Ware.«
Sie reichten ihm mit Geld gefüllte Briefumschläge, die der Arzt einsteckte, ehe er Decker zunickte. Während der Mann die orientierungslose Frau zum Tisch zerrte, trat Samson hinter ihn. Decker zwang die Frau vor dem Tisch auf die Knie, drückte ihren Oberkörper darüber, sodass sich ihr Kopf über der schwarzen Schale befand. Er zog ein Butterflymesser aus der Hosentasche und ließ es mit einer lässigen Geste aufschnappen.
Bevor er damit der Frau jedoch die Kehle durchschneiden konnte, packte Samson seine Hand mit dem Messer, stieß mit einem Fußtritt die Frau beiseite und zwang Decker mit einer Kraft, über die kein normaler Mensch verfügte, sich selbst die Kehle aufzuschlitzen. Alles ging so schnell, dass der Mann nicht mehr dazu kam, sich zu wehren. Samson hielt Deckers Kopf über die Schale, und dessen Blut floss hinein und füllte sie schnell, während der Mann in Samsons Griff erschlaffte. Die Frau, die das Opfer hatte werden sollen, lag jetzt bewusstlos am Boden. Um sie würde sich Samson später kümmern.
Wo Deckers Blut die Runen auf der Innenseite der Schale berührten, glühten die Zeichen auf. Samson glaubte wie jedes Mal, eine leise Stimme daraus flüstern zu hören; doch falls das der Realität entsprach, so gebrauchte sie Worte, die ihm unbekannt waren.
»Was soll das, verdammt?«, knurrte einer der Männer und versuchte zu verbergen, dass Samsons Tat ihn nicht nur verstört hatte, sondern ihm auch Angst machte.
Natürlich konnte er das nicht vor einem Psi-Vampir geheim halten, der von den Emotionen anderer lebte. Die anderen waren ebenfalls unruhig, wenn sie auch nicht alle die Angst des Mannes teilten.
»Kleine Planänderung, mit der Sie nicht das Geringste zu tun haben«, erklärte Samson in einem Tonfall, der ausdrückte, dass es für sie alle besser wäre, keinen weiteren Kommentar abzugeben.
Dazu blieb ihnen ohnehin keine Zeit mehr, denn die Schale erwachte zum Leben. Samson ließ Deckers Leiche fallen und trat hastig zur Seite. Was immer die Schale beherbergte – oder wen – er wollte nicht in dessen Weg stehen, wenn es in das Kind fuhr.
Ingmar Haraldsson kniete sich neben den Tisch und umfasste die Schale mit beiden Händen, als ihr Inneres kurz aufglühte. Dampf stieg zusammen mit einem unangenehmen Geruch aus ihr auf. Im nächsten Moment war das Blut darin verschwunden.
Haraldsson begann in einer alten nordischen Sprache eine Art Litanei zu rezitieren, die wahrscheinlich außer ihm kaum noch jemand verstand. Eine Rune auf der Innenseite begann zu leuchten. Haraldsson drehte die Schale so, dass das Kind, das stocksteif in dem Lehnenstuhl saß und mit aufgerissenen Augen und am ganzen Leib zitternd die Schale anstarrte, diese Rune direkt ansehen musste.
Die Rune löste sich als flammendes Licht, schoss auf das Kind zu und drang in dessen Körper ein. Ein Ruck ging durch das Mädchen. Die eben noch blauen Augen wurden blutrot. Eine tiefe Stimme drang aus dem Mund des Kindes, die eindeutig einem Mann gehörte und in derselben, den Anwesenden unverständlichen Sprache redete wie Haraldsson vorhin.
Samson nickte seinen zahlenden Kunden zu. »Stellen Sie Ihre Fragen. Aber der Reihe nach und jeder nur eine einzige. Wir haben nicht viel Zeit.«
»Die Lottozahlen der nächsten Woche«, verlangte einer der Männer.
Haraldsson übersetzte das, denn das Wesen, das den Körper des Kindes okkupiert hatte, verstand kein Englisch. Immerhin schien es zu wissen, was mit Lotto gemeint war, denn es gab nach ein paar Sekunden, in denen das Kind die Augen verdrehte, bis nur doch das Weiße zu sehen war, eine Reihe von Zahlen bekannt, die Haraldsson in Englisch wiederholte.
Die Frau trat vor. »Wie kann ich erreichen, dass ich den Beratervertrag mit Star Fashion bekomme?«
Wieder sprach die Männerstimme aus dem Kind, und Haraldsson dolmetschte: »Indem Sie sowohl Ihre Konkurrentin wie auch den Personalchef von Star Fashion töten.«
»Aber ...«
»Sie hatten Ihre Frage«, unterbrach Samson sie. »Der Nächste.«
Er warf einen besorgten Blick auf das Kind. Es ermüdete schnell. Auf dessen Stirn bildeten sich bereits Schweißperlen, das sichere Zeichen dafür, dass es nicht mehr lange durchhalten würde. Er konnte nur hoffen, dass sich die letzten drei Fragesteller kurz fassten. Wenn einer leer ausging und seine Frage nicht beantwortet wurde, musste Samson ihm sein Geld zurückgeben. Abgesehen davon, dass ihm das nicht passte, würde das zu einer weiteren Auseinandersetzung mit Haraldsson führen.
Doch auch der spürte die negative Wirkung des Zaubers, den er aufrecht erhalten musste. Sein Atem ging immer schneller und er fühlte sich von Minute zu Minute schwächer. Kein Wunder, denn die Runenschale entzog ihm die Energie, so wie Samson seine Emotionen in sich aufsog.
Der zweite Mann bekam seinen Hinweis, wie er Präsident einer Stiftung werden konnte, ohne den gegenwärtigen Inhaber dieses Postens umbringen zu müssen. Der dritte dagegen suchte nach einer Möglichkeit, seine Frau umzubringen, ohne jemals dafür belangt zu werden. Diese Antwort kam bereits schleppend aus dem Mund des Kindes, denn es war schlagartig kreidebleich geworden und hatte stoßweise zu atmen begonnen. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis es bewusstlos würde.
Auch Haraldsson hatte jetzt Schwierigkeiten, seine Konzentration aufrecht zu erhalten. Er sank immer mehr in sich zusammen und schien kaum noch die Augen offen halten zu können.
»Schnell!«, drängte Samson den letzen Mann.
»Wie kann ich Shunichi Tanaka töten?«
Das Kind hechelte jetzt unkontrolliert und brachte kaum noch ein Wort heraus. Die einzelnen Silben kamen abgehackt und in immer größeren Abständen, und das letzte Wort blieb völlig unverständlich, selbst für Haraldsson. Übergangslos sackte das Kind bewusstlos zusammen.
Haraldsson ließ die Runenschale los. Schwer atmend hockte er neben dem Tisch und presste die Hände gegen den Körper, um die Schmerzen zu lindern, denn die Schale war unglaublich heiß geworden. Das passierte jedes Mal, und jedes Mal wurde sie heißer als das Mal davor.
»Was hat das Orakel gesagt?« Der letzte Fragesteller ging um den Tisch herum und versetzte Haraldsson einen Stoß. »Reden Sie!«
Haraldsson brauchte einen Moment, ehe er in der Lage war zu sprechen. »Lassen Sie die Finger von diesem Tanaka«, brachte er schließlich mühsam heraus.
»Ist das der Rat des Orakels? Verdammt, dafür habe ich keine fünftausend Dollar bezahlt!«
»Die Antwort, die Sie bekommen, hängt von Ihrer Frage ab, nicht von Ihren Wünschen«, erinnerte ihn Samson, während er sich vergewisserte, dass das Kind noch lebte und ihm eine Injektion verabreichte, die den Kreislauf stabilisieren sollte. »Seien Sie froh, dass Sie überhaupt eine bekommen haben.«
»Das Orakel«, unterbrach Haraldsson ihn, bevor der Fragesteller etwas sagen konnte, »war erheblich spezifischer. Es sagte, dass Sie sterben werden, wenn Sie den Tod dieses Mannes planen. Ganz gleich auf welche Weise, Sie werden am Ende sterben, nicht er, denn er wird von etwas Mächtigem, Übernatürlichem beschützt.«
Der Mann starrte Haraldsson eine Weile mit zusammengekniffenen Augen an. »Blödsinn!«, meinte er schließlich, aber man hörte ihm an, dass er sich darin absolut nicht sicher war. Schulterzuckend drehte er sich um und verließ eilends das Haus.
Die anderen schlossen sich ihm an. Haraldsson kam langsam auf die vor Erschöpfung zitternden Beine. Er atmete schwer, war aber offensichtlich nicht erschöpft genug, um nicht noch an das denken zu können, was ihn am meisten interessierte: Geld.
»Geben Sie mir meinen Anteil, Samson«, verlangte er. »Und diesmal will ich ein größeres Stück vom Kuchen. Schließlich wären Sie ohne mich aufgeschmissen.«
Samson gestattete sich ein ironisches Lächeln. »Falls es Ihnen entgangen sein sollte, Haraldsson: Wir müssen nur noch durch zwei teilen. Damit bekommen Sie mehr als genug.«
Der hellblonde Mann warf einen finsteren Blick auf die Leiche von Decker und den Körper der bewusstlosen jungen Frau. »Warum haben Sie ihn umgebracht?«
Samsons Lächeln wurde breiter und wandelte sich zu einem wahrhaft diabolischen Grinsen. »Er wurde zu gierig«, sagte er in einem Tonfall, der eine deutliche Warnung enthielt. »Ich werde die Opfer ab sofort selbst besorgen. Da das mit erheblichen Risiken und Umständen verbunden ist, werde ich in Zukunft einen größeren Anteil bekommen. Zwei Drittel für mich, eins für Sie. Ich denke nicht, dass Sie Einwände haben.«
Mit dieser Regelung bekam Haraldsson natürlich keinen einzigen Cent mehr als bisher. Samson sog dessen aufkeimende Wut in sich auf, in die sich jetzt Angst mischte. Der Nachfahre von nordischen Siedlern hätte den Arzt am liebsten in seine Schranken gewiesen; man sah es ihm deutlich an. Nachdem er jedoch gesehen hatte, wie dieser kaltblütig Decker die Kehle aufgeschlitzt hatte, war er sich bewusst, dass Samson mit ihm dasselbe tun würde, sollte er sich nicht einverstanden erklären.
Was der allerdings mit ihm anstellte, wenn etwas bei den Sitzungen schiefging, zum Beispiel weil die Schale nicht mehr funktionierte, daran wagte Ingmar Haraldsson nicht einmal zu denken. Dass diese Gefahr durchaus bestand, bewies die Veränderung, die jedes Mal nach ihrem Gebrauch eintrat. Als Haraldsson die Schale von seiner sterbenden Mutter bekommen und sie ihn in deren Geheimnis eingeweiht hatte, hatte sie ihn schließlich genau davor gewarnt.
»Für jede Weissagung, die sie dir gibt, verschwindet eine Rune von ihrer Oberfläche. Deshalb darfst du sie nur im äußersten Notfall benutzen, denn sobald die letzte Rune verbraucht ist, ist die Schale wertlos.«
Haraldsson hatte ihre Warnung beherzigt und die Schale nie benutzt bis zu dem Tag, an dem er alles verloren hatte: seinen gesamten Besitz, seinen Einfluss, seinen guten Namen und seine Frau. Die trug jedoch an der ganzen Misere die alleinige Schuld, denn sie hatte Haraldsson nach Strich und Faden hintergangen, belogen, betrogen, ausgetrickst und am Ende auch noch alle seine Konten restlos leergeräumt, bevor sie mit ihrem Lover verschwunden war. Haraldsson musste die Orakelschale benutzen, um schnellstmöglich wenigstens einen Teil des Verlustes auszugleichen und nicht als Obdachloser auf der Straße zu landen.
Da gab es allerdings ein Problem. Er, ein ausgebildeter Fjölkunnigur , vermochte zwar die Magie der Runenschale zu erwecken, aber das Orakel brauchte ein Medium, durch das es sprechen konnte. Diese Fähigkeit fehlte ihm. Möglicherweise lag es daran, dass er ein Mann war und alle bisherigen Hüter der Runenschale Frauen gewesen waren, Völven, die nicht nur über die alte Zauberkraft ihrer nordischen Ahnen verfügten, sondern auch mediale Fähigkeiten besaßen.
Haraldsson brauchte also ein Medium und war auf der Suche nach einem solchen in einschlägigen Kreisen auf Dr. Marcus Samson gestoßen. Der Psychiater versprach, ihm zu geben, was er brauchte, verlangte dafür aber im Gegenzug natürlich eine Beteiligung an dem Geldsegen, der dadurch zu fließen begann. Haraldsson hatte in seiner Verzweiflung einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, wie ihm immer mehr bewusst wurde, denn Samson ließ nicht zu, dass er aufhörte, nachdem Haraldsson mit Hilfe des Orakels zumindest sein Geld buchstäblich zurückgewonnen und auch Samson seinen Schnitt gemacht hatte.
Der Psychiater wollte mehr und die Kraft der Runenschale nicht nur für persönliche Weissagungen benutzen. Er brachte Interessenten, die viel Geld dafür bezahlten, eine Prophezeiung des Orakels zu erhalten. Haraldsson hatte ein einziges Mal versucht, Samson Einhalt zu gebieten, und allein die Erinnerung an diesen Moment ließ ihn schaudern. Samson hatte ihn nur angesehen, doch Haraldsson war von einem so intensiven Gefühl namenloser Angst gepackt worden, dass er überzeugt gewesen war zu sterben und ihm jetzt noch übel wurde, wenn er daran dachte. Samson ließ keinen Zweifel daran, dass er dafür verantwortlich war.
»Sie halten mit der Schale eine Goldgrube in den Händen, Haraldsson. Sie werden sie zu unser beider Vorteil nutzen, oder ich sorge dafür, dass die Angst, die Sie gerade gefühlt haben, nur ein schwacher Abklatsch der Angst sein wird, die Sie für den Rest ihres Lebens haben werden, sollten Sie darauf bestehen, nicht mehr mitzuspielen.«
Haraldsson war kein besonders mutiger Mann und fügte sich. Außerdem beruhigte er sein Gewissen damit, dass er sich lediglich dem Zwang beugte, den Samson auf ihn ausübte. Dass die Polizei ihn als Mittäter verhaften würde, falls jemals die Leiche eines der Opfer gefunden würde, war ihm nur allzu bewusst. Doch die Leichen verschwanden spurlos und tauchten nicht wieder auf, und Haraldsson wollte ums Verrecken nicht wissen, wie Samson das anstellte.
»Einverstanden«, gab er jetzt nach und packte die Runenschale wieder in den gepolsterten Koffer. Wenn Samson nur die verschwindenden Runen nicht bemerkte!
Der Arzt reichte ihm seinen Anteil und scheuchte Haraldsson mit einer arroganten Handbewegung aus dem Raum, und der Fjölkunnigur war erleichtert, der Gegenwart dieses unheimlichen Menschen entfliehen zu können.
Samson wartete, bis der Mann davongefahren war, ehe er ein paar Worte der Macht sprach und sie hereinrief, die Deckers Leiche und die der jungen Frau beseitigen würde, der Samson ohne viel Federlesen das Genick brach. Für heute war sie ihm nicht mehr von Nutzen, und er hatte nicht vor, sich mit ihr zu belasten, bis das nächste Opfer gebraucht wurde.
Drei Wesen kamen auf ihren Eselsbeinen durch die Tür geschlichen. Ihre hageren Menschenkörper waren nackt, ihre grauweißen Haare lang und verfilzt. Sie sonderten einen widerlichen Gestank nach Verwesung ab. Unverzüglich gingen sie zu den beiden Toten und begannen mit schmatzenden Geräuschen sie zu fressen.
Samson kümmerte sich nicht weiter um die Ghouls. Er wusste, dass sie von den Leichen keinen Hautfetzen übrig lassen und sogar noch den letzten Rest von Blut vom Fußboden lecken würden. Er hob das bewusstlose Kind aus dem Lehnstuhl und verließ zufrieden das Haus. Die Sitzung war wieder hervorragend verlaufen, und er hoffte, dass die Kleine noch ein paar weitere durchhalten würde.
Samson hatte schon längst bemerkt, dass deren Bewusstlosigkeit jedes Mal länger andauerte. Vorgestern Nacht war sie erst nach über zwölf Stunden wieder erwacht. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das Kind aus einer dieser komatösen Zustände nicht mehr erwachte. Dieser Zeitpunkt lag seiner Schätzung nach bereits in naher Zukunft. Die anderen vor ihr hatten lediglich fünf bis acht Sitzungen durchgehalten. Die Letzte, ein rebellischer Teenager namens Simona, hatte elf Sitzungen geschafft, bevor die Runenschale das Leben aus ihr herausgesaugt hatte. Dieses kleine Kind hier war überraschend zäh und hatte heute die zwölfte Sitzung lebend überstanden.
Samson hatte großes Interesse daran, dass er es noch eine Weile benutzen konnte. Der nächste Kandidat, ein zwölfjähriger Junge, besaß nicht annähernd das Potenzial der Kleinen und würde nur unbefriedigende Ergebnisse liefern. Da diese Ergebnisse aber Samsons materielle Haupteinnahmequelle und die Emotionen der Fragesteller sowie der Opfer seine Nahrung bildeten, tat er sein Möglichstes, das Kind nach jeder Sitzung so gut es ging aufzupäppeln. Er fuhr zurück zur Klinik, brachte es in dessen Zimmer und gab ihm eine kreislaufstabilisierende Spritze zusammen mit einem Aufbaupräparat.
Als er kurz darauf das Gebäude wieder verließ und in seinen Wagen stieg, bemerkte er eine Bewegung am Fenster des Zimmers der Nachtschwester. Er blickte hoch und sah, wie eine Frau in Schwesterntracht hastig zurücktrat. Obwohl sie das Licht im Zimmer gelöscht hatte, erkannte Samson sie dennoch; schließlich konnte er im Dunkeln fast besser sehen als bei Tag. Es war die Neue, Schwester Dunn. Ihr hastiger Rückzug in dem Bestreben, nicht bemerkt zu werden, ließ ihn vermuten, dass sie möglicherweise etwas gesehen hatte, das sie besser nicht hätte sehen sollen. Er würde ihr gleich morgen deswegen auf den Zahn fühlen. Und sich notfalls in angemessener Weise um sie kümmern, bevor sie für ihn zu einer Gefahr werden konnte.

»Interessant«, fand der Mann mit dem Pferdeschwanz, der zusammen mit fünf Begleitern die Orakelsitzung von einem Horchposten in einem Nebenraum beobachtet hatte. »Aber was für eine elende Verschwendung, diese hübsche Frau einfach so zu töten und den Ghouls zum Fraß vorzuwerfen. Diese verdammten Psi-Vampire haben einfach keinen Stil. Ihr Blut war bestimmt köstlich, als es noch durch ihren Körper floss.« Er leckte sich genießerisch die Lippen.
»Das ist doch die Schale, nicht wahr, Rick?«, fragte eine seiner beiden Begleiterinnen, eine brünette Frau um die dreißig mit einem unglaublich traurigen Gesichtsausdruck.
»Ja, das ist sie«, antwortete Rick.
»Nun, dann lass uns die Schale holen und danach von hier verschwinden«, forderte seine zweite Begleiterin.
»Manchmal bist du selten dämlich, Hester«, beschied ihr Rick. »Um die Schale nutzen zu können, brauchen wir zwei Dinge: diesen Zauberer, dem sie gehört und ein Medium. Oder bist du in der Lage, das Orakel zu wecken und auch noch sein Sprachrohr zu sein?«
»Das ist doch unwichtig«, wandte die Brünette ein. »Wir brauchen die Schale doch nur, um meine Verwandlung rückgängig zu machen.«
»Natürlich, Lisa«, stimmte Rick liebenswürdig zu. »Aber wir wissen nun mal nicht, wie das genau funktioniert. Deshalb brauchen wir ihren Zauberer und das Medium, um eben das herauszufinden.«
Das sah die Vampirin ein. Sie konnte es jedoch kaum erwarten, denn falls die Legenden stimmten, die sie recherchiert hatte, so war diese Runenschale ihre einzige Chance, wieder ein Mensch zu werden. Für diese Chance hätte sie sogar dem Teufel ihre Seele verkauft, denn sie ertrug ihr Dasein als Vampirin nicht. Obwohl sie bereits vor sieben Jahren – gegen ihren Willen – verwandelt worden war, konnte sie es immer noch nicht akzeptieren. Sich umzubringen, dazu fehlte ihr jedoch der Mut.
»Holen wir also die Schale«, sagte sie und machte Miene, Haraldsson zu folgen.
Rick hielt sie zurück. »Heute Nacht nicht mehr, Lisa. Die Sonne geht bald auf. Wir holen sie morgen nach Einbruch der Dunkelheit. Aber jetzt sollten wir endlich hier verschwinden. Der Ghoulgestank verpestet mir zu sehr die Luft.«
Die Vampire verließen unbemerkt das Haus und überließen die Ghouls ihrer grausigen Mahlzeit.

Drei Wochen zuvor

»Wieso ausgerechnet Cleveland? Was, bei allen Göttern, ist dort, dass es unsere dunklen Brüder und Schwestern dorthin zieht?«
Der das sagte, hockte auf der Kante eines samtbezogenen Sessels, hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und tippte sich unablässig mit den zusammengelegten Zeigefingern seiner gefalteten Hände ans Kinn. Sein dunkles Haar fiel ihm glatt bis auf die Schultern, und seine ebenso dunklen Augen blickten nacheinander die beiden Männer und zwei Frauen an, die ihm gegenüber saßen.
Einem unbefangenen Beobachter wären zwei Dinge aufgefallen an dieser scheinbar ganz normalen Zusammenkunft von Freunden, die sich einen gemütlichen Abend machten. Ihre Hautfarbe wirkte unnatürlich bleich, selbst bei den beiden Männern, deren Gesichtszüge und dunklerer Teint eine orientalische Herkunft verrieten. Außerdem trugen sie alle identische goldene Ringe mit einem fingernagelgroßen Rubin an der rechten Hand. Ihresgleichen hätte sie daran jedoch auf den ersten Blick als das erkannt, was sie waren: Wächter. Allerdings gehörten sie nicht zu den Wächtern des Lotus Instituts, das von Lady Sybilla Oliphant geleitet wurde, obwohl sie einander kannten und hin und wieder zusammenarbeiteten.
Diese fünf waren Wächter der Vampirgemeinschaft und somit deren unbestechliche Polizei.
»Nicht nur die schwarzen Schafe unter uns, Gwynal«, sagte der jüngere der beiden orientalisch aussehenden Männer. »Wenn unsere Informationen stimmen, ist auch Lisa Hamilton dort.« Er warf der unglaublich jung wirkenden Frau in ihrer Mitte, der man die italienische Herkunft ansah, einen bezeichnenden Blick zu.
»Ich hoffe, du willst Lisa nicht beschuldigen, sich auf die dunkle Seite geschlagen zu haben, Cronos«, antwortete sie. Ihre Stimme klang herausfordernd, beinahe trotzig. »Lisa ist harmlos. Ein bisschen verdreht, aber harmlos.«
»Daran hege ich begründete Zweifel«, widersprach Cronos. »Eine Vampirin, die sich nach fast sieben Jahren immer noch nicht mit ihrer Existenz abgefunden hat und an jedem einzelnen Tag, den die Götter werden lassen, ihrem verlorenen Menschsein nachtrauert, halte ich nicht unbedingt für harmlos. Du warst nicht nur ihre Mentorin, Stevie, sondern hast auch etliche andere gegen ihren Willen Verwandelte betreut. Du solltest wissen, dass das kein normales Verhalten ist. Besonders da Lisa sich standhaft weigert, die Hilfe eines unserer Psychologen in Anspruch zu nehmen.«
»Was willst du damit sagen, Cronos?«, fauchte Stevie ihn an. Ihre Augen funkelten wütend, und sie schien dem alten Vampir am liebsten an die Kehle springen zu wollen. Sie und Cronos waren eine Zeitlang ein Paar gewesen. Sie ertrug gerade von ihm Kritik nur schlecht; nicht nur weil ihre Trennung vor fast zwanzig Jahren zumindest für Stevie sehr unerfreulich verlaufen und sie immer noch nicht vollständig darüber hinweg war.
»Ich will damit sagen«, antwortete Cronos ruhig, »dass die Möglichkeit besteht, dass sie in ihrer Verzweiflung eine Dummheit begeht. Vielleicht ist sie zu dem ungesunden Schluss gekommen, dass, da sie nie wieder ein Mensch werden kann, ihre weitere Existenz ihr völlig egal ist und sie sich deshalb auch nicht mehr an unsere Gesetze zu halten hat. Ich habe nicht damit gesagt, dass du deinen Job als ihre Mentorin schlecht erledigt hast.«
»Lisas einziges Interesse«, betonte Stevie, kein bisschen besänftigt, »ist es, nach dem mysteriösen Heilmittel zu suchen, das die Verwandlung rückgängig machen kann.« Die Vampirin zuckte mit den Schultern. »Zumindest ist es das in den Momenten, in denen sie nicht ihre Zeit damit vergeudet, sich selbst leid zu tun«, fügte sie widerstrebend hinzu. »Aber sie wird deswegen nicht unsere Gesetze brechen.«
»Da bin ich mir nicht so sicher«, wandte der andere Orientale ein, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Cronos besaß, da er dessen biologischer Vater war. »Wenn Lisa sich von einem Gesetzesbruch ernsthaft Heilung erhofft, wird sie garantiert nicht zögern, jedes unserer Gesetze zu brechen, das ihr dabei im Weg steht. Und notfalls auch über Leichen zu gehen. Ganz nüchtern betrachtet, Stevie«, wehrte er den Protest der jüngeren Vampirin ab, zu dem sie bereits den Mund geöffnet hatte, »ginge sie damit nicht einmal ein Risiko ein. Falls sie Erfolg hätte und durch den Bruch unserer Gesetze wieder ein Mensch würde, hätte sie von uns Wächtern nichts zu befürchten, denn als Mensch fällt sie nicht mehr unter unsere Jurisdiktion. Deshalb teile ich Cronos’ Verdacht, dass sie sich sehr wohl mit den schwarzen Schafen verbündet haben könnte. Was aber natürlich zu beweisen wäre und wir sie ohne einen solchen Beweis selbstverständlich nicht verurteilen werden.«
Stevie machte ein missmutiges Gesicht, musste aber zugeben, dass die beiden alten Vampire vollkommen recht hatten. Auch wenn sie Lisa Hamilton als ihre Freundin betrachtete, so war Stevie doch in erster Linie Wächterin und ihrem Amt verpflichtet. Selbst wenn das eines Tages bedeutete, sich gegen eine Freundin stellen oder sie in letzter Konsequenz sogar hinrichten zu müssen, falls die ein entsprechendes Verbrechen beginge.
»Lisa hat Baltimore bisher noch nie verlassen, Sean«, erinnerte sie Cronos’ Vater. »Dass sie jetzt nach Cleveland gereist ist, kann nur bedeuten, dass sie dort das Heilmittel vermutet. Nichts anderes auf der Welt könnte sie aus ihrem Loch treiben, das sie Wohnung nennt.«
»Wenn wir hinzuzählen, dass die anderen Vampire, die sich jüngst dort versammelt haben, zu denen gehören, die es mit unseren Gesetzen alles andere als genau nehmen«, ergänzte Vivian, Seans gegenwärtige Ehefrau – die siebte in seinem über fünftausendjährigen Leben –, »so können wir wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass das, was immer sie dorthin lockt, höchstwahrscheinlich nichts Gutes ist und mit Menschenblut zu tun hat. Immerhin besagen die Legenden über das Heilmittel, dass es ein Blutzauber ist.«
»Sehr richtig, es ist ein Zauber«, stimmte Sean ihr zu. »Zumindest falls dieser Punkt der Legende wahrer Kern sein sollte. Aber nicht einmal Lady Sybilla kennt einen solchen, und sie ist die mächtigste lebende Hexe der Welt. Aber«, er machte eine wegwerfende Handbewegung, »das ist im Moment unerheblich. Wir müssen vor Ort ermitteln, um die Sache zu klären. Allerdings brauchen wir einen guten Vorwand dafür, dass fünf Wächter gleichzeitig in Cleveland auftauchen, das bis jetzt keinen Vampir beherbergte, geschweige denn eine Kolonie, die unsere Anwesenheit erfordert.«
Der Klang von Harfensaiten ließ alle zu Gwynal hinblickten. Der alte Vampir hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und hielt eine keltische Harfe regelrecht liebevoll im Arm, der er eine kurze, aber ergreifende Melodie entlockte. Er lächelte verschmitzt, und seine Augen funkelten belustigt.
»Den Grund werde ich euch liefern, meine Freunde. Wozu bin ich gegenwärtig ein Promi? Ich werde meinen Agenten anspitzen, mir schnellstmöglich eine Reihe von Konzerten in Cleveland zu organisieren. Wie jeder in unserer Gemeinschaft weiß, locken die Konzerte von Gwyn the Harper nicht nur Menschen, sondern auch alle möglichen Vampire von nah und fern an, einschließlich unzähliger Wächter. Wenn wir getrennt anreisen, werden unsere potenziellen Schurken in Cleveland keinen Verdacht schöpfen. Und ich kann nebenbei mal wieder in der Begeisterung meiner Fans baden.«
Cronos lachte, und Vivian warf Gwynal ein Kissen an den Kopf.
»Angeber! Ich frage mich, was du tun wirst, wenn es für dich Zeit ist, mal wieder die Identität zu wechseln und weiterzuziehen.«
Gwynal warf das Kissen zurück. »Dann lebe ich eine Weile ganz unauffällig als Geschichtsprofessor oder Schriftsteller von historischen Romanen und gebe Konzerte nur noch für meine Freunde, bis ich nach Ablauf eines Menschenlebens meiner Passion als Harfenspieler unter einem anderen Namen wieder öffentlich nachgehen kann. Wenn alle Menschen, die Gwyn the Harper gekannt haben, längst tot sind.«
Er wechselte das Thema. »Ich werde mal das Branchenverzeichnis von Cleveland nach einem Privatermittler mit gutem Ruf durchforsten und engagieren. Der kann ein paar Nachforschungen für uns im Tageslicht anstellen, die für einen Menschen ungefährlich sind, uns aber wichtige Informationen liefern, bevor wir in Aktion treten und den gesetzesbrecherischen Haufen dort aufmischen.« Er schlug ein paar Saiten seines Instruments an. »Cleveland«, sinnierte er und kostete das Wort regelrecht auf der Zunge. »Da war ich noch nicht. Das wird bestimmt interessant.«

Bereits der Anblick des Gebäudes, in dem Sam Tylers Detektei untergebracht war, wirkte auf Elisha Dunn vertrauenerweckend, als sie am Nachmittag des nächsten Tages ihren Wagen auf dem Parkplatz davor abstellte. 2311 Chester Avenue war ein mehrstöckiges Haus, in dem mehrere Geschäftsleute ihre Räume hatten, unter anderem ein Anwalt, eine Zeitarbeitsagentur, ein Schreibbüro und ein Immobilienmakler.
Sam Tylers Büro nahm die linke Hälfte des Erdgeschosses ein. Die zweiflügelige Eingangstür bestand in der oberen Hälfte aus Glas, auf dem in goldfarbenen Lettern »Sam Tyler – Privatermittlungen, Sicherheitsberatung, Personenschutz« zu lesen war. Durch die Scheibe konnte man den Empfangsbereich sehen, in dem eine brünette Sekretärin mit einer überaus sympathischen Ausstrahlung an ihrem PC saß und Schreibarbeiten erledigte.
Ein gutaussehender schwarzhaariger Mann mit den blausten Augen, die Elisha je gesehen hatte, verließ gerade die Detektei und nickte ihr freundlich zu, als er an ihr vorbeiging. Elisha trat ein, und die Sekretärin schenkte ihr augenblicklich ein strahlendes Lächeln und ihre volle Aufmerksamkeit.
»Willkommen, Ma’am. Mein Name ist Molly Spring. Was kann ich für Sie tun?«
»Elisha Dunn. Ich brauche dringend einen Termin mit Mr. Tyler. Ich weiß, ich hätte anrufen können, aber das …« Sie unterbrach sich. »Es besteht nicht zufällig die Möglichkeit, dass ich Mr. Tyler sofort sprechen kann?«
Wie die meisten Menschen, die sich Sams Detektei aus dem Branchenverzeichnis heraussuchten, hielt sie »Sam Tyler« für einen Mann.
Sam hatte gerade Vesgyn, den Erzpriester von Atlantis, aus ihrem Büro geworfen, nachdem er sich für ihre Begriffe reichlich arrogant und unverschämt verhalten hatte. Einerseits wollte er sie auf die Seite der Wächter ziehen, andererseits versuchte er, unerlaubt in ihre Gedanken einzudringen und sie auch noch zu missionieren, obwohl er das Gegenteil behauptet hatte.
Darüber war sie verdammt sauer und rächte sich dafür, indem sie ihn mit einem Psi-Pfeil blendete, als er hinaus ging. Am liebsten hätte sie ihm einen Feuerball in den Rücken gepfeffert, doch das konnte sie vor den Augen der neuen Klientin natürlich nicht tun. Ein Psi-Pfeil tat es auch, und Sam genoss Sekunden später Vesgyns Schmerz, den sie deutlich fühlen konnte. Sie bedeutete Molly Spring mit einem magischen Impuls, die neue Klientin hereinzuführen.
»Sie haben Glück, Miss Dunn«, sagte der Dienergeist zu der Krankenschwester, »Miss Tyler hat Zeit für Sie.«
Sam erhob sich und reichte der Frau die Hand, nachdem Molly Spring sie herein begleitet und ihr den Stuhl vor Sams Schreibtisch zurechtgerückt hatte.
»Ich bin Sam Tyler. Was kann ich für Sie tun, Miss Dunn?« Sie bot der Frau mit einer Handbewegung Platz an und orderte einen Tee bei Molly. Mit dem sicheren Instinkt eines Sukkubus, der auch die tiefsten und geheimsten Bedürfnisse jedes Wesens auf Anhieb erspürte, wusste sie, dass die Frau einen guten Tee einem Kaffee vorzog.
»Mein Name ist Elisha Dunn, und ich bin Kinderkrankenschwester im St. Mary’s Hospital für psychisch kranke Kinder und Jugendliche.« Sie zögerte und Sam ermutigte sie mit einem gewinnenden Lächeln fortzufahren. »Miss Tyler, in der Klinik geht irgendetwas Entsetzliches vor, und ich habe mittlerweile wahnsinnige Angst um die kleine Abby.« Sie blickte Sam unsicher an. »Ich habe allerdings nur einen Verdacht und keine Beweise. Deshalb komme ich zu Ihnen.«
»Am besten berichten Sie mir alles von Anfang an, Miss Dunn. Ich habe keinen dringenden Termin und somit Zeit für Sie.«
»Wir haben die unterschiedlichsten Patienten«, erklärte Elisha Dunn daraufhin. »Manche haben nur die üblichen, eher harmlosen Probleme in der Schule und mit den Eltern und brauchen einfach nur mal eine Auszeit. Andere sind mehr oder weniger schwer gestört und wieder andere sind wirklich schlimm. Natürlich haben wir auch Patienten mit Drogenproblemen. Aber darum geht es nicht.«
Molly brachte den Tee, und Elisha Dunn nahm ihn dankend entgegen. Sie starrte gedankenverloren in die Tasse und überlegte offensichtlich, wie sie fortfahren sollte. Sam ließ ihr Zeit und bemerkte erstaunt, dass ein Geist in der Ecke des Büros schräg hinter der Krankenschwester erschien und erwartungsvoll in der Luft schwebte. Elisha Dunn nahm ihn nicht wahr, und auch Sam tat so, als sähe ihn nicht.
Es handelte sich um ein junges Mädchen, das im Leben wohl etwa fünfzehn Jahre alt gewesen sein mochte. Sam nahm an ihr die Ausstrahlung eines unnatürlichen Todes wahr und beschloss, sich später darum zu kümmern, denn die Krankenschwester brach gerade ihr Schweigen.
»Eigentlich hatte ich am Anfang nur den Verdacht, dass Dr. Samson die kleine Abby nachts abholt, um sie an irgendwelche Männer zu verkaufen. Sie verstehen?«
Sam nickte. Falls sie herausfand, dass Elisha Dunns Verdacht zutraf, so würde sie diesem Dr. Samson eine Lektion erteilen, die er nicht überleben sollte, beschloss sie grimmig.
»Das ist aber noch nicht alles. Ich habe die ganze Nacht über in den Krankenakten recherchiert. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen. Vielleicht sind das alles Zufälle und auch ganz unbedeutend, aber ich finde sie merkwürdig.«
»Ich werde schon herausfinden, ob Ihre Merkwürdigkeiten Zufälle sind oder nicht«, versicherte Sam. »Falls Sie mir diesen Auftrag erteilen.«
Die Krankenschwester sah sie verlegen an. »Wenn ich Ihr Honorar in Raten zahlen darf, ja. Ich komme gerade so über die Runden, müssen Sie wissen.«
»Kein Problem. Ich passe mein Honorar und die Ratenzahlungen den Geldbeuteln meiner Klienten an. Was kommt Ihnen also in der Klinik merkwürdig vor?«
»Im St. Mary’s häufen sich die Fälle, bei denen die jungen Patienten von Erlebnissen mit Geistern, Dämonen und anderen übernatürlichen Wesen berichteten. Von den 97 stationierten Fällen trifft das auf sage und schreibe elf Kinder zu. Eine solche Häufung erscheint mir unnatürlich, besonders da keiner der Ärzte und Therapeuten sich besonders auf diesen Bereich der psychischen Störung spezialisiert hat. In den Krankenakten steht lediglich, dass es sich dabei um drogeninduzierte Halluzinationen handelte, denn diese selbstzerstörerische Neigung haben angeblich alle diese Patienten.«
Sam wusste augenblicklich, warum Elisha Dunn ausgerechnet sie ausgewählt hatte. Sam hatte die Einträge ihrer Detektei in die Telefonbücher mit einem Zauber versehen, der bewirkte, dass jeder, der Probleme mit übersinnlichen Phänomenen oder magischen Wesen wie Dämonen hatte, niemand anderen auswählen konnte als sie. Deshalb war sie sich sicher, dass in der Klinik tatsächlich etwas vorging, das sie sich einmal ansehen sollte.
»Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Teenager Drogen oder zu viel Alkohol oder beides zusammen konsumieren«, fuhr die Krankenschwester fort, »und dadurch solche Halluzinationen bekommen und buchstäblich Gespenster sehen. Dass das aber auch auf die fünf kleinen Kinder mit demselben Krankheitsbild zutreffen sollte, von denen das jüngste gerade vier und das älteste sieben Jahre alt ist, erscheint mir absolut unglaubwürdig.«
»Mir auch, Miss Dunn«, versicherte Sam.
»Das ist noch nicht alles.« Elisha fühlte sich unglaublich erleichtert, dass Sam Tyler sie ernst nahm, weshalb sie sich jetzt zu absoluter Offenheit entschloss. »Alle diese Kinder und Jugendlichen – ein Teil des Pflegepersonals nennt sie abfällig ‚Monsterfreaks’ – sind in einer Sonderabteilung im Keller untergebracht, die eigentlich für besonders gefährliche Patienten vorgesehen ist. Aber keines dieser Kinder ist in dieser Hinsicht auffällig. Und da ist noch etwas. Natürlich kommen Todesfälle in jeder Klinik vor. In der Psychiatrie sind es meistens Selbstmorde. Aber alle Todesfälle in St. Mary’s während der letzten sieben Jahre betrafen ausschließlich Kinder aus dieser besonderen Gruppe. Dr. Samson, er ist der Leiter der Klinik, diagnostizierte jedes Mal Selbstmorde, Unfälle, Herzinfarkte oder Schlaganfälle – bei Kindern und Jugendlichen!«
»Das ist in der Tat verdächtig«, stimmte Sam ihr zu. »Hat es nie eine offizielle Untersuchung dieser Fälle gegeben? Was haben denn die Eltern dieser Kinder dazu gesagt?«
»Auch das ist eins der Dinge, die mir, ehrlich gesagt, Angst machen, seit ich davon erfahren habe. Die Eltern einiger dieser, hm, Geisterseher hatten tödliche Unfälle, und zwar jeweils nur wenige Tage, nachdem sie ihre Kinder in die Obhut der Klinik gegeben haben. Andere ereilte dieses Schicksal nach dem Tod ihrer Kinder, bevor die Eltern Nachforschungen anstellen oder Untersuchungen in die Wege leiten konnten. Auffallend ist außerdem, dass alle Eltern der Geisterseher Verfügungen unterschrieben haben, die der Klinik, vertreten durch Dr. Samson, im Falle des Todes der Eltern das Sorgerecht überträgt.«
Für Sam begann sich langsam ein Muster zu formen, das auf zwei mögliche Szenarien hindeutete, die sich in St. Mary’s abspielten. Doch es war noch zu früh, sich diesbezüglich festzulegen, bevor sie nicht alle Fakten kannte.
»Was ist mit diesem Kind, um das Sie sich sorgen – Abby?«
Der Geist schwebte interessiert ein Stück näher und spitzte die »Ohren« in einer Weise, die Sam zeigte, dass das Mädchen noch nicht allzu lange tot war und sich noch nicht an ihr Dasein als Geist und die Fähigkeiten gewöhnt hatte, die diese Form der Existenz mit sich brachte.
Nun red schon!, drängte das tote Mädchen. Sonst wird Abby genauso sterben wie ich.
Sam beschloss, den Geist zu befragen, sobald Elisha Dunn wieder gegangen war, denn der wusste offensichtlich erheblich mehr als die Krankenschwester.
»Abby gehört laut Akte zu den Geistersehern. Ihre Eltern waren strenggläubige Christen und ließen sie in die Klink einweisen, als sie vier war. Jetzt ist sie sechs. Das Kind leidet angeblich unter paranoider Schizophrenie. Anfangs soll sie jedes Mal angefangen haben zu schreien beim Anblick von Dr. Samson und ein paar anderen Schwestern und Pflegern, die sie wohl als besonders bedrohlich empfand. Das soll schlagartig von einem Tag auf den anderen aufgehört haben. Seitdem hat sie kein einziges Wort mehr gesprochen. Und ihre Eltern starben, kurz nachdem sie das Kind in die Klinik gebracht hatten, bei einem Autounfall.«
Elisha Dunn machte eine Pause und trank von ihrem Tee. »Ich bin noch nicht lange in der Klinik und habe erst kürzlich zum ersten Mal die Nachtschicht übernommen«, fuhr sie anschließend fort. »Deshalb weiß ich nicht, wie lange das schon so geht. Aber ich habe zufällig vom Fenster des Schwesternzimmers aus gesehen, wie Dr. Samson die Kleine mitten in der Nacht abgeholt hat und mit ihr weggefahren ist. Stunden später ist er zurückgekommen. Da war Abby bewusstlos.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn ich brauche den Job. Aber inzwischen holt er das Mädchen dreimal die Woche und bringt sie jedes Mal bewusstlos zurück. Was immer er mit ihr tut, es wird sie irgendwann umbringen. Ich kann nichts beweisen, und ich traue mich nicht, Dr. Samson drauf anzusprechen.« Sie blickte verlegen zu Boden. »Ich habe mich ja nicht einmal getraut, von zu Hause aus bei Ihnen anzurufen, um einen Termin zu machen. Ich habe mich auf dem Weg hierher sogar mehrfach umgesehen, ob ich vielleicht verfolgt werde.«
»Gibt es dafür einen Grund?«
Elisha Dunn wiegte den Kopf hin und her. »Möglicherweise hat mich Dr. Samson einmal bemerkt, als ich ihn vom Fenster aus beobachtet habe. Da bin ich mir allerdings nicht sicher. Immerhin hat er mich heute schon sehr seltsam angesehen und mich gefragt, ob es irgendetwas gibt, das ich ihm mitteilen wollte. Ich habe getan, als wüsste ich nicht, wovon er redet, bin mir aber nicht sicher, ob er sich damit zufrieden gegeben hat. Das ist mir auch egal. Ich weiß nur, dass das, was er mit der kleinen Abby tut, nichts Gutes und höchstwahrscheinlich sogar ein Verbrechen ist.« Sie blickte Sam eindringlich an. »Werden Sie mir und vor allem Abby helfen, Miss Tyler?«
Sam nickte. »Ich werde schon rausfinden, was da los ist. Falls sich Ihr Verdacht bestätigt, werde ich die Angelegenheit der Polizei melden. Sie sollten wie gewohnt Ihrer Arbeit nachgehen und zusehen, dass Sie nicht weiter in den Fokus dieses Dr. Samson geraten.« Sie blickte die Krankenschwester eindringlich an. »Miss Dunn, tun Sie so, als hätten Sie keinen Verdacht geschöpft, und überlassen Sie alles Weitere mir. Ich informiere Sie, sobald ich was herausfinde, und ich werde das auf eine Weise tun, die niemandes Aufmerksamkeit auf Sie lenkt.«
»Danke, Miss Tyler. Da Dr. Samson Abby letzte Nacht wieder geholt hat, wird er sie wohl in dieser Nacht in Ruhe lassen. Aber morgen ...«
»Ich kümmere mich darum«, versicherte Sam ihr noch einmal und verstärkte das mit einer kleinen Suggestion, die Elisha Dunn sich augenblicklich entspannen und gleich darauf verabschieden ließ.
Im selben Moment verschwand auch der Geist, was Sam der Möglichkeit beraubte, Näheres von dem zu erfahren. Da sie vermutete, dass er sich in der Klinik aufhielt oder in unmittelbarer Nähe, war sie sich sicher, dass sie ihn finden würde, wenn sie dort ihre Nachforschungen aufnahm.
»Ein weiterer Klient hat sich angemeldet«, teilte Molly Spring ihr mit. »Ein Mr. Gwyn Harper. Er bittet darum, erst um acht Uhr heute Abend kommen zu dürfen. Da er unter der Hautkrankheit Xeroderma pigmentosum leidet, verträgt er das Tageslicht nicht. Ich habe den Termin zugesagt. Es ist doch recht?«
Sam nickte. Der Musiker »Gwyn the Harper« war ihr nicht nur ein Begriff, sie kannte und mochte seine Musik und besaß jede CD, die er bis jetzt herausgebracht hatte. Dass ausgerechnet dieser Mann ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte, war ein Glücksfall für ihre Tarnidentität als Security-Spezialistin. Da sie die Vorankündigung von Harpers Konzerten in Cleveland gelesen hatte, lag der Verdacht nahe, dass er sie für den Security-Bereich seiner Konzerte engagieren wollte. Das würde höchst profitabel werden.
Doch zunächst konzentrierte sie sich auf den Fall, den Elisha Dunn ihr übertragen hatte und überprüfte diesen Dr. Samson via Internet. Das brachte nicht viel ans Tageslicht, denn der Mann schien oberflächlich betrachtet ein ganz normaler Psychiater zu sein. Allerdings gab es Sam zu denken, dass der nachprüfbare Teil seiner im Internet verfügbaren Biografie nur zehn Jahre in die Vergangenheit reichte. So etwas war in der Regel ein Zeichen dafür, dass es sich dabei um eine falsche Identität handelte.
Sam konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass hinter der Angelegenheit noch sehr viel mehr steckte, als sie bisher vermutet hatte. Sie beschloss, sich St. Mary’s Hospital einmal aus der Nähe anzusehen.

Hey, Abby! Ich weiß was!
Abby fuhr erschrocken aus einem unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf hoch, als Simona unvermittelt auf ihrem Bett auftauchte. Lass mich in Ruhe, Simona. Mir tut alles weh und mir ist so kalt.
Abby brauchte mit Simona nicht zu sprechen, denn das tote Mädchen wie auch andere Geister verstanden sie problemlos, wenn sie die Worte nur dachte. Simona schwebte ein Stück über dem Bett und hockte sich dort im Schneidersitz hin.
Ruhe!, höhnte der Teenager. Ich wünschte, ich hätte welche. Ich wünschte, ich könnte endlich diese Welt verlassen.
Nein!, rief Abby erschreckt und fühlte, wie ihr die Tränen kamen. Dann bin ich doch ganz allein!
Hey, Kleines, keine Angst!, beruhigte der Geist sie. Ich verlasse dich nicht, solange du in diesem Dreckloch steckst. Aber deswegen bin ich doch zu dir gekommen. Schwester Dunn hat Hilfe für dich besorgt.
Abby zog sich die Decke über den Kopf, wohl wissend, dass sie damit Simonas Stimme nicht ausblenden konnte. Mir kann doch niemand helfen.
Ich denke doch, beharrte das ältere Mädchen. Ich glaube zumindest, dass diese Person es kann. Vielleicht kann sie auch mir helfen, fügte sie nachdenklich hinzu. Sie ist eine Dämonin.
Abby fuhr erneut hoch und starrte Simonas Geist wütend an. Dämonen sind böse, Simona. Und ich finde es gemein von dir, dass du mich so ärgerst! Sie begann jetzt tatsächlich zu weinen.
Simona legte ihre geisterhaften Arme um die Kleine, um sie zu trösten, auch wenn sie sie nicht berühren konnte. Hey, ich ärgere dich doch nicht. Ehrlich nicht. Schwester Dunn weiß gar nicht, dass die Frau eine Dämonin ist, aber ich versichere dir, sie ist bestimmt nicht böse. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Sie ist nicht ‚böser’ als du und ich es manchmal sind. Als ich es war, als ich noch lebte, meine ich. Du weißt schon: den Eltern nicht gehorchen, die Schule schwänzen, kiffen und so.
Das wusste Abby natürlich nicht. Sie hatte noch nie eine Schule von innen gesehen, kannte »Kiffen« nur aus Simonas Berichten und erinnerte sich nicht mehr an ihre Eltern, die sie vor langer Zeit hierher gebracht hatten und danach nie wiedergekommen waren. Von Simona hatte sie inzwischen erfahren, dass sie längst tot waren, weil Dr. Samson sie umgebracht hatte.
Jedenfalls, fuhr Simona fort, solltest du der Frau unbedingt vertrauen, wenn du ihr begegnest. Falls Schwester Dunns Plan aufgeht, bist du bald hier raus.
Und dann?
Simonas Geist zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung. Aber alles, was danach kommt, ist garantiert sehr viel besser als das hier. Kopf hoch, Abby! Dank Schwester Dunn gibt es wenigstens für dich Hoffnung.
Sie lächelte dem Kind zu und begann ein Lied zu singen, das die Kleine gern mochte. Die melancholische Melodie tat auch diesmal ihre Wirkung. Abby rollte sich unter ihrer Decke zusammen und war gleich darauf wieder eingeschlafen. Simona verschwand unmittelbar danach. Vielleicht konnte sie der Dämonin ja irgendwie unter die Arme greifen.

Sam sah den Geist des Teeangers, der Elisha Dunn begleitet hatte, als sie die Lobby des St. Mary’s Hospital betrat. Er schwebte vor einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der gerade aufgenommen wurde und sich verzweifelt bemühte, den Geist zu ignorieren.
Hey, ich weiß, dass du mich sehen kannst!, sagte der Geist. Lass dir von den Typen hier nicht einreden, dass das nur Einbildung wäre.
In diesem Moment bemerkte das tote Mädchen Sam, die jetzt ganz offen zu ihr hinüber sah.
Du kannst mich sehen, nicht wahr?, vergewisserte sich das Mädchen aufgeregt.
Sam neigte unauffällig den Kopf.
Du musst Abby helfen, drängte der Geist.
»Kann ich was für Sie tun, Ma’am?« Die Empfangsschwester hatte sie entdeckt und musterte sie freundlich.
Da der Geist offensichtlich eifrig bestrebt war, mit ihr zu reden, brauchte sie keine andere Informationsquelle mehr. Deshalb nahm sie zu einer Ausrede Zuflucht, um der Schwester gegenüber ihre Anwesenheit zu erklären.
»Ich wollte mich erkundigen, ob Sie auch ambulante Therapien anbieten. Meine Tochter hat ein paar Probleme, die in die Hand eines Therapeuten gehören.«
»Ich bedauere, aber wir behandeln nur stationär. Ich geben Ihnen aber gern eine List von guten Therapeuten.«
Sam bedankte sich, nahm gleich darauf die Liste entgegen und verließ das Hospital. Der Geist folgte ihr. Sie setzte sich in ihren Wagen und lud ihn ein, sie zu begleiten, was das tote Mädchen sich nicht zweimal sagen ließ.
Ich bin Simona, und er wird Abby ebenso umbringen wie mich, wenn du ihn nicht aufhalten kannst.
»Erzähl mir der Reihe nach, was passiert ist.«
Simona brauchte keine zweite Aufforderung. Sie sprudelte nur so heraus, und was sie zu sagen hatte, bestätigte Sams Annahme, dass sie diesem Dr. Samson schnellstmöglich das Handwerk legen musste, der nach Simonas Verdacht nicht einmal ein Mensch war. Zwar traf Schwester Dunns Vermutung, dass Samson Abby als Sexobjekt an Männer verkaufte, nicht zu; was er jedoch mit ihr tat, war mindestens ebenso schlimm. Samson benutzte sie als Medium für ein Orakel, das nicht von dieser Welt war.
Irgendein Wesen beherrscht diese Orakel-Suppenschüssel, erklärte Simona. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist böse und es will nur eins: seine Freiheit. Ich habe keine Ahnung, wie es das bewerkstelligen will, aber es ist überzeugt, dass mit jedem Orakelspruch, das es gibt, seine Freiheit näher rückt.
»Wodurch genau bist du gestorben, Simona?«
Dieses Wesen verbrennt uns. Es besteht aus Feuer und es ernährt sich von Blut. Der Geist erschauerte sichtbar.
Das klang nach keinem Wesen, dem Sam schon einmal begegnet war. Es hätte ein Feuerdämon sein können, doch die ernährten sich nicht von Blut.
Wir halten das nicht lange durch, fuhr Simona fort. Ich bin nach der elften Sitzung gestorben, und ich habe es bis dahin am längsten ausgehalten. Die anderen schafften es nicht so lange. Aber Abby hatte gestern schon die zwölfte Sitzung. Sie wird höchstens noch eine oder zwei weitere überstehen. Du musst ihr so schnell es geht helfen, drängte das Mädchen.
»Das werde ich«, versprach Sam mit Nachdruck. Sie griff zum Handy und wählte Ronan Kerrys Nummer.
Der irischstämmige Lieutenant der Major Case Abteilung des Cleveland Police Departments meldete sich augenblicklich auf Gälisch, was Sam signalisierte, dass er nicht allein war und nicht frei sprechen konnte. Sam hatte keine Probleme, ihm in derselben Sprache zu antworten.
»Für deine Vorgesetzten ist das hier ein anonymer Hinweis, Ron. Im St. Mary’s Hospital häufen sich die Todesfälle von Kindern und Teenagern auf sehr mysteriöse Weise. Drahtzieher ist ein Dr. Marcus Samson. Nach den Informationen meiner Quelle ist er kein Mensch. Ich hatte allerdings noch keine Gelegenheit, ihn näher unter die Lupe zu nehmen. Jedenfalls schwebt aufgrund seiner Machenschaften, die definitiv den Tatbestand des vorsätzlichen Mordes erfüllen, ein sechsjähriges Mädchen namens Abby Bronnell in akuter Lebensgefahr. Kannst du da was machen? Sonst kümmere ich mich darum.«
Ronan Kerry versprach, schnellstmöglich Maßnahmen zu ergreifen. Sam beendete das Gespräch und wandte sich wieder an Simona.
»Zeig mir den Ort, an den Samson euch verschleppt.«
Sie fuhr nach den Anweisungen des Geistes zu dem alten Haus am Stadtrand und parkte ihren Wagen außer Sichtweite, für den Fall, dass jemand sich darin aufhalten sollte. Das erwies sich jedoch als unnötig, denn ihre magischen Sinne sagten ihr, dass das Haus verlassen war.
Ich gehe da nicht rein!, wehrte Simona vehement ab. Ihr geisterhafter Körper verblasste für einen Moment vor Angst.
»Musst du auch nicht. Ich bin gleich zurück.«
Sam sprang durch die Dimensionen direkt in das Haus hinein. Sie erkannte das Zimmer, in dem sie landete, augenblicklich anhand von Simonas Beschreibung. Der Hauch des Todes lag für ihre magischen Sinne deutlich spürbar immer noch in der Luft, obwohl es keine sichtbaren Anzeichen dafür gab, dass hier jemand zu Tode gekommen war. Mit einem Zauber initiierte sie ihre Gabe der Retrospektion, die ihr die Geschehnisse der letzten Nacht zeigten.
Als sie sah, auf welche Weise Marcus Samson das kleine Mädchen Abby missbrauchte, stand ihr Entschluss, ihn dafür mit dem Leben bezahlen zu lassen, unumstößlich fest. Leider konnte ihr die Retrospektion nicht offenbaren, was für ein Wesen Samson tatsächlich war. Der Zauber zeigte ihr zwar das Geschehen und ließ sie auch die Worte hören, die gesprochen worden waren, aber er konnte sie nicht die Ausstrahlung der Beteiligten fühlen lassen, die ihr Samsons Natur verraten hätte. Dass er Macht über Ghouls hatte, bewies ihr jedenfalls, dass er ganz sicher kein Mensch war.
Auch um den Mann, dem die Runenschale gehörte, würde sie sich kümmern müssen. Doch das musste warten, denn ihr Termin mit Gwyn Harper rückte langsam näher.
Sam kehrte zu ihrem Wagen zurück und stellte fest, dass Simona verschwunden war. Sie machte sich darüber keine weiteren Gedanken. Der Geist würde schon wieder auftauchen, da er dem kleinen Mädchen helfen wollte. Wahrscheinlich überbrachte Simona der Kleinen gerade die freudige Botschaft, dass die Tage ihres Martyriums gezählt waren.
Sam widerstand der Versuchung, Ronan anzurufen und ihn zu fragen, ob er schon Maßnahmen in die Wege geleitet hatte, die Todesfälle in St. Mary’s zu klären. Sie wusste, dass er sich melden würde, sobald es etwas zu berichten gab. Sie fuhr ins Büro zurück und hoffte, dass ihre Verhandlung mit Gwyn Harper nicht allzu lange dauern würde, damit sie sich wieder um diesen Fall kümmern konnte.

Gwyn Harper betrat in Begleitung einer jungen Frau, die keinen Tag älter als achtzehn wirkte, Sams Büro. Auch ohne dass beide Sonnenbrillen getragen hätten, hätte Sam sie augenblicklich als Vampire erkannt. Natürlich! Die Krankheit Xeroderma pigmentosum, die durch einen Gendefekt eine extreme Lichtempfindlichkeit hervorrief, durch die jeder Kontakt mit dem geringsten Tageslicht die rasante Entstehung von schwarzem Hautkrebs hervorrief, war eine herrlich plausible Begründung für jeden Vampir, weshalb er in der Dunkelheit lebte, ohne dass irgendein Mensch Verdacht geschöpft hätte.
Sam dimmte das Licht in ihrem Büro, ehe sie Harper und seiner Begleiterin die Hand reichte, die jetzt dankbar die Sonnenbrillen abnahmen.
»Mr. Harper, es ist mir eine Ehre und Freude, Sie persönlich kennenzulernen. Ich liebe Ihre Musik.«
»Vielen Dank, Miss Tyler«, antwortete er und setzte sich in den Sessel, den Sam ihm anbot. »Meine Kollegin Stevie Price«, stellte er die Vampirin vor und musterte Sam intensiv.
Sie ließ die Inspektion schweigend über sich ergehen. Natürlich fühlte, vielmehr roch der Vampir, dass sie kein Mensch war. Außerdem strömte der Körper von Sukkubi und Inkubi ständig Pheromone aus, die das andere Geschlecht auch ohne Lockmagie anzogen. Zum Glück konnten weibliche Wesen diese speziellen Düfte nicht wahrnehmen, andernfalls sie in Sam die Konkurrenz um die Gunst der Männer gesehen hätten, die sie tatsächlich war und wohl mehr als eine Frau versucht hätte, ihr die Augen auszukratzen oder Schlimmeres zu tun.
Ein Vampir, dessen Geruchssinn dem eines Spürhundes in nichts nachstand, nahm ihr Odeur natürlich sehr viel intensiver wahr als jeder Mensch, was Sam unschwer an der verdächtig dicken Beule über Gwyn Harpers Schritt erkannte. Von dieser Wirkung auf ihn ließ er sich jedoch nicht das Geringste anmerken.
Umgekehrt hatten sowohl er wie auch Stevie Price eine unerwartete Wirkung auf Sam. Sie wusste, dass auch die Vampire wie jede andere nichtmenschliche Spezies ihre Wächter hatten, die eine ganz besondere Ausstrahlung besaßen, anhand derer Sam ihre beiden Besucher als solche identifizierte. Diese Ausstrahlung drängte sie förmlich dazu, beiden bedingungslos zu vertrauen. Dabei hatten nicht einmal Lady Sybillas Wächter diese Wirkung auf sie; jedenfalls nicht alle.
»Mr. Harper, was kann ich für Sie tun?«, brach sie schließlich das Schweigen.
Der alte Vampir machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich glaube, wir können die Förmlichkeiten und die Heimlichtuerei vergessen.« Er blickte Sam fragend an. »Sukkubus?«
Sie neigte lächelnd und mit einer angedeuteten Verbeugung den Kopf. »Lassen wir also die Vortäuschung der falschen Tatsache, dass wir Menschen wären«, stimmte sie ihm zu. »Wozu brauchen Vampire, noch dazu Wächter, meine Dienste?«
»Für alle Nachforschungen, die wir nicht im Tageslicht erledigen können«, erklärte Stevie Price in leicht schnippischem Ton.
»Als da wären?«
»Wir haben Probleme mit ein paar von unseren Brüdern und Schwestern«, konkretisierte Gwyn. »Sie haben sich hier in Cleveland versammelt, und wir befürchten, dass sie Verbrechen planen oder bereits begangen haben. Da wir Vampire einander in einem gewissen Umkreis spüren können, würden sie sofort misstrauisch, wenn sie einen von uns oder gar mehrere in ihrer Nähe wahrnähmen. Deshalb wollen wir dich engagieren, uns die Beweise für oder gegen ihre Verbrechen zu verschaffen, bevor wir entsprechende Maßnahmen ergreifen.«
Er griff in die Innentasche seines Seidenblousons und zog einige Fotos heraus, die er Sam reichte. »Außerdem will ich dich zusätzlich als mein Bodyguard und Chefin für die Security engagieren. Einverstanden?«
»Natürlich, aber das kostet dich einiges.«
»Geld spielt für mich keine Rolle.« Aus dem Mund nahezu jedes anderen hätte diese Bemerkung unglaublich arrogant geklungen, doch bei Gwyn war sie lediglich die Feststellung einer Tatsache. »Bereche mir, soviel du nur willst. Solange du deine Arbeit gut machst, werde ich zahlen. Immerhin haben unsere Nachforschungen über dich ergeben, dass du die Beste in deinem Job in ganz Cleveland bist. Qualität hat ihren Preis, um den ich nicht feilschen werde.«
»Prima. Ich werde augenblicklich meinen Job bei dir antreten, indem ich dich in dein Hotel begleite und dafür sorge, dass kein Attentäter oder verrückter Fan in deinem Zimmer auf dich wartet.«
»Das ist mir sehr recht«, stimmte der Vampir zu und schenkte ihr ein Lächeln, das keinen Zweifel daran ließ, dass er plante, Sam in eben diesem Zimmer in sein Bett zu locken. »Crowne Plaza Hotel, 777 Saint Claire Avenue, Zimmer 1212.«
»Männer!«, knurrte Stevie, der Gwyns offenkundige Lust ebenso wenig entgangen war wie Sam. Sie schenkte der Dämonin einen verständnisinnigen Blick, und beide Frauen mussten lachen. »Ich sehe mich mal ein bisschen in der Stadt um«, entschied Stevie und stand auf. »Ich seid mit der ‚Besprechung der Sicherheitsmaßnahmen’ bestimmt noch eine Weile beschäftigt, nicht wahr?«
»Worauf du wetten kannst«, bestätigte Gwyn, und Stevie verschwand derart schnell, dass nicht einmal Sams Augen ihren Bewegungen zu folgen vermochten.
Sie erhob sich und deutete zum Ausgang. »Gehen wir also.«

Elisha Dunn hatte gerade mit der Schichtübergabe kurz vor zehn Uhr abends begonnen, als die Polizei zusammen mit Leuten aus dem Gesundheitsamt die Klinik regelrecht stürmte. Innerhalb kürzester Zeit waren die Krankenakten beschlagnahmt worden und ein paar Pfleger sowie zwei Schwestern verhaftet, die wahlweise zu fliehen versuchten oder die Leute vom Amt angriffen. Anschließend begann die Evakuierung der Klinik. Die Patienten wurden von einem regelrechten Konvoi von Krankenwagen abgeholt und auf andere Kliniken verteilt und St. Mary’s Hospital vorerst geschlossen.
Marcus Samson war gerade bei dem Kind und hatte ihm eine weitere Aufbauspritze gegeben, als er fühlte, dass sich in den Stockwerken über ihm die Angst und Unsicherheit ausbreiteten. Reflexartig sog er sie als Nahrung in sich ein und beschloss, sich um die Ursache zu kümmern, sobald er hier fertig war.
Bevor er diesen Vorsatz jedoch in die Tat umsetzen konnte, kamen zwei Pfleger angerannt. Beide gehörten zu seinen Gefolgsleuten – Psi-Vampire wie er –, die er in der Klinik untergebracht hatte, damit sie ihm hier dienten.
»Polizei!«, stieß einer hervor. »Sie durchsuchen alles und evakuieren die Klinik! Einen von uns haben sie schon verhaftet.«
Schwester Dunn! Nur ihr konnte Samson das zu verdanken haben! Die hatte offensichtlich nicht nur geschnüffelt, sondern auch noch die Behörden informiert. Er fletschte die Zähne und beschloss, ihr den Rest ihres jetzt nur noch sehr kurzen Lebens zur Hölle zu machen. Diesen Vorsatz musste er allerdings erst einmal verschieben, denn wenn er nicht verhaftet werden oder zumindest unangenehme Fragen beantworten wollte, so musste er schleunigst von hier verschwinden. Jedoch nicht ohne sein kostbares Medium.
Er schnappte das Kind, das mit fest zugekniffenen Augen apathisch alles mit sich geschehen ließ und floh mit seinen Gefolgsleuten durch seinen geheimen Ausgang aus der Klinik. Als die Leute vom Amt und die Polizei wenig später im Kellergeschoss ankamen, war Samson schon über alle Berge.
Immerhin hatte Ronan Kerry, der die Aktion leitete, jetzt durch die Entführung des Kindes eine konkrete Handhabe gegen Samson. Er gab die Fahndung nach ihm heraus und informierte das FBI, da Entführungsfälle in deren Zuständigkeit fielen. Anschließend rief er Sam an und teilte ihr mit, dass Samson mit einem Kind entkommen war.

Sam blickte sich sorgfältig in Gwyns Hotelzimmer um. Es war zwar groß, aber leicht zu sichern, selbst mit profanen Methoden. »Wenn es dir nichts ausmacht, kann ich einen Schutzzauber um das Zimmer legen, der verhindert, dass irgendein Wesen, das auch nur die geringste böse – oder aufdringliche – Absicht hegt, hier eindringen kann. Ganz gleich ob Mensch oder sonstige Kreatur.«
Gwyn trat hinter sie, legte die Arme um sie und küsste ihre Halsbeuge. »Hm, hm«, murmelte er zustimmend und fuhr mit der Zunge ihren Hals hinauf bis zu ihrem Ohr.
Sam sog scharf die Luft ein und fühlte eine Welle der Erregung durch ihren Körper fließen. Dennoch befreite sie sich aus seiner Umarmung. »Sorry, Gwyn, aber eins meiner Prinzipien ist, dass ich niemals mit einem Klienten schlafe. Obwohl ich bei dir schwer versucht bin, dieses Prinzip zu brechen.«
Er drehte sie zu sich herum und zog sie unnachgiebig in seine Arme. »Du bist gefeuert«, sagte er sachlich und erstickte jeden weiteren Protest mit einem fordernden Kuss.
Sam hätte ihn durchaus abwehren können, wenn sie gewollt hätte, denn ein Sukkubus besaß mindestens dieselbe Körperkraft wie ein Vampir. Doch Gwyns Kuss war derart aufregend, dass sie kurzerhand beschloss, seine soeben ausgesprochene Kündigung ihres Kontrakts anzunehmen. Zumindest für eine Stunde oder so, denn sein Kuss erweckte nicht nur den Hunger in ihr, sondern auch ganz profane Leidenschaft. Sie beorderte einen Luftelementar zur Überwachung des Zimmers vor die Tür und konzentrierte sich ganz auf den Vampir.
Nachdem Gwyn nicht den geringsten Widerstand von ihr spürte – woraufhin er sofort von ihr abgelassen hätte – hob er sie hoch und lag im nächsten Moment mit ihr auf dem Bett. »Ich gebe zu«, murmelte er, »ich wäre sehr frustriert gewesen, wenn du an deinem Prinzip festgehalten hättest. Mich erst mit diesem betörenden Duft heiß machen, den du ausströmst und mich dann im Regen stehen lassen, wäre Folter gewesen.«
»Ich bin eine Dämonin und somit Spezialistin im Foltern, oh Meister der Nacht«, neckte sie ihn.
Er knöpfte genießerisch langsam ihre Bluse auf, unter der sie nichts weiter trug und fuhr mit der Zungenspitze über ihre nackte Haut. »Ich ebenfalls.« Was er augenblicklich unter Beweis stellte.
Obwohl er bereits stark erregt war, ließ er sich Zeit und verführte Sam nach allen Regeln der Kunst, statt sich von ihr verführen zu lassen. Das gefiel ihr ausgesprochen gut, denn meistens ging die Initiative zum Sex naturgemäß von ihr aus. Deshalb genoss sie es jedes Mal besonders intensiv, wenn es anders herum kam und verzichtete darauf, ihre Lockmagie einzusetzen, um Gwyns Leidenschaft anzustacheln. Was auch gar nicht nötig war, denn Gwyn war ein überaus erfahrener Mann und kannte Tricks, um ihre Erregung zu steigern, die den ihr angeborenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet in nichts nachstanden.
Sie entkleideten sich gegenseitig und genossen wenig später das herrliche Gefühl, Haut an Haut zu liegen. Gwyns Körper fühlte sich kühl an, Sams dagegen heiß. Der Vampir küsste sie überall und machte das Vorspiel zu einem wahren Fest der Sinne. Seine Hände streichelten Sams Haut zunächst langsam, mit zunehmender Begierde immer schneller, und sie erwiderte jede seiner Zärtlichkeiten mit ebensolcher Intensität, die sie schon bald alles um sich herum vergessen ließ.
Gwyn fuhr seine vampirischen Reißzähne aus und drückte sie Sam in die Haut, sodass sie zwar den Biss angenehm spürte, er aber ihre Haut nicht verletzte, obwohl alles in ihm sich danach sehnte, auch ihr Blut zu trinken. Doch er war ein Wächter und hielt sich selbst in der größten Leidenschaft zurück, denn eine solche Tat war absolut verboten.
Sam öffnete ihre Schenkel, umschlang mit den Beinen seine Hüften, zog ihn zu sich herab und in sich hinein, und Gwyn stieß in sie, was sie mit einem erregten Laut quittierte, der beinahe wie das Schnurren einer Katze klang. Er umfing ihren Oberkörper, drückte sie fest an sich und erhob sich im nächsten Moment mit ihr in die Luft. Ineinander verschlungen schwebten sie senkrecht empor, kreisten langsam unter der Decke drehten sich um ihre eigene Achse, küssten einander wild und erlebten auf diese Weise einen intensiven Höhepunkt, der sie erfüllte und gleichzeitig durstig nach mehr zurück ließ.
Erst als die Ekstase abgeklungen war, ließ Gwyn sie langsam wieder auf das Bett gleiten, wo sie Arm in Arm zufrieden liegen blieben und den Nachhall des Erlebnisses genossen.
Schließlich brach Sam das Schweigen. »Ihr Vampire habt eine so leckere und vor allem gehaltvolle Energie, dass ich mit dem Gedanken spiele, mich nur noch von euch zu ernähren. Außerdem gibst du dem Begriff ‚Höhepunkt’ eine ganz neue Dimension. Können wir die Luftnummer noch mal wiederholen?«
Gwyn lachte und streichelte ihre nackte Schulter. »Mit dem größten Vergnügen! Und was die ‚Vampir-Diät’ betrifft, so bist du mir jederzeit willkommen«, versicherte er. »Ich habe momentan keine Gefährtin, die dir dann vor Eifersucht die Augen auskratzen würde.«
»Was ist mit Stevie?«
»Sie ist als Wächterin meine Kollegin, aber außer rein platonischer Freundschaft ist zwischen uns nichts.« Er gab Sam einen zärtlichen Kuss. »Es war wunderschön mit dir, und ich danke dir für dieses herrliche Erlebnis.«
»Gleichfalls. Du bist mir auch jederzeit willkommen, Gwyn. Aber nur, wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht gerade für dich arbeite.«
Der Vampir grinste. »Bevor ich es vergesse: Du bist wieder eingestellt. Und als meine Angestellte kannst du dich gleich nützlich machen und mir einen Liter Tierblut besorgen. Jetzt habe ich nämlich Hunger.«
Sam beugte sich über ihn, legte den Kopf schief und bot ihm einladend ihre Halsschlagader dar. »Bediene dich. Du hast mich gefüttert, da ist es ja wohl das Mindeste, wenn ich jetzt dich füttere.«
Gwyn küsste ihren Hals und sog den Duft des Blutes ein, das er unter ihrer Haut riechen konnte. Es verströmte ein betörendes Aroma, das ihm buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. »Danke für das Angebot, aber das verbietet unser Gesetz. Wir dürfen uns nicht von Menschen ernähren und ... Aua!«
Sam hatte ihm einen so kräftigen Faustschlag in die Seite verpasst, dass selbst der weitgehend schmerzunempfindliche Vampir es höchst unangenehm gespürt hatte.
»Das war die Strafe für die Beleidigung, mich einen Menschen zu schimpfen«, knurrte sie ungnädig. »Ich bin eine Dämonin, verdammt, und ...«
Was immer sie noch hatte sagen wollen, ging in dem Kuss unter, mit dem Gwyn sie zum Schweigen brachte.
»Ich bitte untertänigst um Verzeihung, Sam«, sagte er anschließend. »Das hatte ich in dem Moment tatsächlich vergessen. Schließlich siehst du aus wie die wunderschönste Menschenfrau, die mir je begegnet ist.«
»Schmeichler!«, wehrte sie das Kompliment ab. »Aber im Ernst, Gwyn. Falls euer Gesetz nicht auch verbietet, euch von Dämonenblut zu ernähren, das euch freiwillig angeboten wird, bleibt mein Angebot bestehen. Ich kann das Blut, das du trinkst, innerhalb von Sekunden wieder ersetzen, und die Bisswunden verheilen ebenso schnell.«
»Das ist in der Tat ein verlockendes Angebot. Allerdings hat es eine Nebenwirkung, wenn ich dein Blut trinke. Für uns Vampire offenbaren sich im Blut der Charakter und die gesamten Erinnerungen jedes Wesens, von dem wir es nehmen. Bei Tieren sind das nur flüchtige Eindrücke von ihren Grundbedürfnissen: Fressen, Schlafen, Fortpflanzung und Eindrücke von Wohlbefinden oder Unbehagen sowie ihrer natürlichen Instinkte. Sie vergehen ein paar Minuten nach dem Trinken wieder. Bei Menschen oder Vampiren bleiben diese Eindrücke als Erinnerungen in uns bestehen, und ich bin mir sicher, dass das auch auf Dämonen zutrifft. Wenn ich dein Blut trinke, Sam, so ist das etwas sehr viel Intimeres für mich als der himmlische Sex, den wir gerade hatten.«
Sam verzog ironisch das Gesicht. »Ich verstehe. Die Erinnerungen und vor allem der Charakter eines Sukkubus, der aus der Unterwelt stammt, sind natürlich keine erstrebenswerten Eindrücke, die du für den Rest deines nahezu ewigen Lebens mit dir herumschleppen willst. Ich besorge dir also Tierblut, oh Meister der Nacht.« Sie wollte sich aus dem Bett rollen, doch Gwyn packte ihr Handgelenk und hielt sie zurück.
»Du hast mich missverstanden, Sam«, sagte er sanft. »Ich habe befürchtet, dass es dir unangenehm sein könnte, wenn ich alles – wirklich alles – auf diese Weise über dich erfahre. In der Regel hat jeder Geheimnisse, die er mit niemandem teilen will. Erst recht nicht mit einem Vampirwächter, den du gerade mal zwei Stunden kennst.«
Sam blickte ihn nachdenklich an. »Ich weiß nicht, woran es liegt, Gwyn; vielleicht an deinem Amt oder dem, was dich zu einem Wächter macht. Jedenfalls vertraue ich dir aus mir selbst nicht nachvollziehbaren Gründen. Ich gebe zu, das hat etwas Erschreckendes, denn ich bin normalerweise nicht der vertrauensvolle Typ. Doch mein Instinkt sagt mir, dass mir dieses Vertrauen nicht schaden wird. Dass du mir nicht schaden wirst. Und vielleicht«, fügte sie zögernd hinzu, »könnte dieser Nebeneffekt der Fütterung mir sogar helfen.«
»Inwiefern?«
Sam zögerte. Eigentlich wollte sie über dieses Problem mit niemandem reden, doch Gwyn strahlte eine derart intensive Vertrauenswürdigkeit aus, dass sie sich dem nicht entziehen konnte. »Vor ungefähr einem halben Jahr habe ich meinen Verlobten verloren und im Anschluss daran meiner finstersten Seite erlaubt, sich so richtig auszutoben. Wenn ein – guter Freund mich nicht daran gehindert hätte, so hätte ich mindestens einen Menschen umgebracht und meine Arbeit für die Menschen aufgegeben. Jedenfalls war dieser Zustand geistiger Umnachtung der Grund, weshalb Lady Sybilla und ihre Wächter mir ihr Vertrauen nahezu komplett entzogen haben. Du kennst Lady Sybilla?«
Gwyn nickte. »Du meinst, wenn ich durch dein Blut erkenne, wie du wirklich bist, dass ich bei Lady Sybilla ein gutes Wort für dich einlegen kann.«
Sam zuckte mit den Schultern. »Das gar nicht mal unbedingt.« Sie blickte dem alten Vampir in die Augen. »Ich habe mich selbst verloren und weiß im Moment nicht, wer oder was ich eigentlich bin. Ich tue meine Arbeit für die Menschen – und Vampire – weil ein Eid mich dazu zwingt, den ich mehr oder weniger gegen meinen Willen geleistet habe. Ich weiß nicht, ob ich sie fortsetzen würde, wenn ich die freie Wahl hätte. Deshalb hoffe ich, dass mein Blut dir vielleicht auch das verrät und diese Erkenntnis mir helfen kann, meine Mitte zurückzugewinnen.« Sie atmete tief durch. »Also wenn du es willst, so habe ich keine Probleme damit, dass du mich nach dem Trinken meines Blutes wahrscheinlich besser kennst als ich mich selbst. Ich vertraue darauf, dass du mit dem, was du in mir ‚liest’, nicht hausieren gehst.«
»Ganz bestimmt nicht, Sam«, versicherte Gwyn ernst. »Wir Wächter sind für unsere Art in gewisser Weise auch so etwas wie Seelsorger mit entsprechender Schweigepflicht, und diese Funktion lasse ich gern auch dir zukommen.« Er legte eine Hand sanft an ihre Wange. »Wenn du es mir also gestattest und wirklich willst, so ist es mir eine Ehre, dein Blut trinken zu dürfen.«
Sam lächelte und bot ihm erneut ihren Hals dar. Gwyn küsste ihn, strich mit der Zunge verführerisch über den Bereich ihrer Schlagader, fuhr seine Reißzähne aus und senkte sie schließlich behutsam in ihr weiches Fleisch.
Im selben Moment überkam Sam ein Gefühl absoluter Wonne, und sie stöhnte lustvoll. Die Lust steigerte sich köstlich langsam zur Ekstase, je mehr Gwyn von ihrem Blut trank und entlud sich wenige Augenblicke später in einem neuen Orgasmus von unglaublicher Intensität.
»Mehr!«, bettelte sie schamlos, und Gwyn gab ihr mehr, bis sie beide in jeder Beziehung vollkommen gesättigt waren.
Als er ihren Hals wieder frei gab, schlossen sich die Bisswunden augenblicklich. Sam seufzte wehmütig.
Gwyn sah sie verwundert und regelrecht ehrfürchtig an. Der vordringlichste Eindruck, der mit dem ersten Tropfen ihres Blutes auf ihn eingeströmt war, zeigte ihm eine ausgeprägte Dunkelheit, in der alles existierte, was diese Art von Finsternis mit sich brachte und die gierig das Licht zu verschlingen trachtete, das ebenfalls vorhanden war. Ihr auf dem Fuß war allerdings ein derart machtvolles Licht gefolgt, das er niemals in einer Dämonin vermutet hätte.
Kein Wunder, dass Sam es besaß, denn sie war keineswegs die Dämonin, die sie behauptet hatte zu sein. Sie war ein vollkommen anderes, ein einmaliges Wesen, das es wahrscheinlich nie zuvor in den drei Welten gegeben hatte und wohl auch nie wieder geben würde. Die Ehrfurcht vor dem Wunder, das sie darstellte, ließ ihn sie nur sprachlos ansehen.
Sein Schweigen und sein Gesichtsausdruck erweckten Sams schlimmste Befürchtungen. »Also, wenn ich keine Dämonin wäre und so etwas wie Angst kennen würde« – natürlich wussten sie beide, dass Gwyn jetzt genau wusste, dass und vor allem welche Dinge es gab, vor denen Sam sehr wohl Angst hatte – »so würde mir deine Reaktion jetzt welche verursachen. Du ziehst ein Gesicht, als wäre ich todsterbenskrank.«
Der alte Vampir wog seine nächsten Worte sorgfältig ab, denn das, was er gerade erkannt hatte, war Sam selbst gar nicht bewusst. Er öffnete schon den Mund, um ihr die Wahrheit schonend beizubringen, doch etwas hinderte ihn daran, sodass er kein Wort herausbrachte. Wie es aussah, war es nicht im Sinn der Höchsten Mächte, dass sie davon erfuhr. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Da er als ein Wächter nicht lügen konnte, aber sein fortgesetztes Schweigen sie misstrauisch gemacht hätte, nahm er zu dem Teil der Wahrheit Zuflucht, den er ungehindert aussprechen konnte.
»Entschuldige, Sam. Ich war nur so verblüfft, weil ich noch nie in meinem Leben ein so gehaltvolles und, nun ja, leckeres Blut gekostet habe wie deins. Deinen Geschmack werde ich nicht vergessen, so lange ich lebe.«
Sam lachte leise. »Schmeichler!«, beschuldigte sie ihn zum zweiten Mal. Sie wurde wieder ernst. »Hat dich mein finsteres Wesen nicht abgestoßen?«
»Absolut nicht«, antwortete Gwyn ebenso ernst. »Du hast zwar eine wahrhaft dunkle Seite, Sam, aber auch eine genauso starke lichte Seite. Die Finsternis in dir wird dieses Licht niemals zerstören können. Sie kann es vielleicht verdunkeln und eine Weile unterdrücken, aber niemals völlig auslöschen.« Er drückte sie beruhigend und beinahe liebevoll an sich. »Das Böse kennt weder Mitgefühl noch Güte. Es trachtet danach zu zerstören, um sich an dem dadurch verursachten Leid zu berauschen. Es quält zum Vergnügen und kennt nur die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Verluste. Von dieser Art des Bösen ist gegenwärtig nur wenig in dir, obwohl du die Veranlagung dazu in ausgeprägtem Maß in dir trägst.«
Sam quittierte das mit einem Schulterzucken und verbarg, wie erleichtert sie sich fühlte. Gwyn küsste sie zärtlich.
»Du bist ein einmaliges Wesen, Sam. Ich würde dir jederzeit mein Leben und meine Seele anvertrauen und wüsste beides in den besten Händen.«
Sam spürte einen leichten Stich in der Herzgegend und ein so intensives Gefühl von innerer Wärme, dass es sie beinahe schmerzte. Dass ein alter Wächter wie Gwyn ihr derart bedingungslos vertraute, hatte sie nicht erwartet. Doch es beruhigte sie bis zu einem gewissen Grad.
Ihr Handy klingelte, und sie beförderte es mit einem Bringzauber in ihre Hand. »Was gibt es, Ron?«
»St. Mary’s Hospital wurde geschlossen«, teilte der Freund ihr mit. »Wie es aussieht, liegt dort tatsächlich einiges im Argen. Darum kümmert sich der Staatsanwalt. Ich habe drei von den Anderen dingfest gemacht, aber mindestens zwei weitere sind mir entkommen, auch dieser Dr. Samson. Und er hat ein kleines Kind entführt. Laut Krankenakte heißt es Abby Bronnell.«
Sam fluchte lästerlich und zauberte sich unverzüglich ihre Kleidung wieder auf den Leib. »Ich kümmere mich darum, Ron«, versprach sie, unterbrach die Verbindung und stand auf. »Sorry, Gwyn, ein Notfall. Ich werde dich mit einem Zauber schützen, wenn es dir recht ist, dass dieser Van Buren und auch kein anderer dir was anhaben kann. Um die offizielle Sicherheitsshow kümmere ich mich später.«
»Natürlich, kein Problem«, versicherte der alte Vampir, der Ronan Kerrys Worte ebenfalls gehört hatte. Er stand auf und zog sich an, während Sam den Schutzzauber für sein Zimmer initiierte. Im selben Moment stieß er einen entsetzten Schrei aus. »Stevie!« Er blickte Sam beinahe panisch an. »Sie stirbt!«
Sam zögerte keine Sekunde. Sie packte Gwyns Hand und verband mit Hilfe eines Zaubers ihren Geist mit seinem, entnahm diesem den Ort, an dem er Stevie spürte, sprang zusammen mit ihm durch die Dimensionen dorthin – und landete mitten in einem Feuer ...

Ingmar Haraldsson betrachtete die Runenschale zum unzähligsten Mal von allen Seiten und versuchte zu ergründen, wieso eine Rune nach der anderen verschwand, wenn er sie für ein Orakel benutzte. Weil er ein Fjölkunnigur war, konnte er natürlich Runen lesen und die in die Schale gravierten unschwer als Bannzauber identifizieren. Er wusste natürlich auch, dass die Sprüche selbst erst wirksam wurden durch bestimmte Bannrunen, die hinter jedem von ihnen graviert waren, um ihn zu besiegeln. Es gab ihm zu denken, dass ausgerechnet diese Bannrunen eine nach der anderen nach jeder Orakelsitzung verschwanden.
Er fragte sich ohnehin nicht zum ersten Mal, was die Bannzauber eigentlich bannen sollten. Die Zauber selbst gaben darüber keine Auskunft. Soweit er wusste und es seit Generationen überliefert war, handelte es sich bei dem Artefakt nur um eine einfache, wenn auch äußerst wirkungsvolle Orakelschale.
Allerdings war viel von dem Zauberwissen seiner nordischen Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Die Christenpriester hatte das alte magische Wissen systematisch zerstört, und was davon übrig geblieben war, hatten die Wissenden, um es zu tarnen, derart verfälscht, dass spätere Generationen nicht mehr wussten, was davon noch echt war. Haraldsson vermutete – was das Naheliegendste war –, dass seine Ahnin, die diese Schale geschaffen hatte, darin das Wesen gebannt hatte, das die Orakel gab. Anders war es nicht zu erklären, dass das Kind, welches als Medium fungierte, mit der Stimme eines Mannes die Weissagungen gab.
Wahrscheinlich lautete der ursprüngliche Pakt mit dieser Wesenheit, dass es so viele Orakel zu geben hatte, wie Bannrunen existierten und mit jeder Weissagung eine Rune gelöscht wurde. Siebenundzwanzig Sprüche standen auf der Schale. Siebenundzwanzig Bannrunen waren es gewesen. Jetzt waren nur noch drei übrig. Danach war die Schale mit größter Wahrscheinlichkeit wertlos. Und Dr. Samson würde danach wer weiß was mit Haraldsson anstellen.
Haraldsson verspürte einen Luftzug in seinem Nacken und drehte sich irritiert um. Mit einem erschreckten Ausruf fuhr er zurück. Hinter ihm standen zwei Männer und eine Frau, die er nie zuvor gesehen hatte. Da er alle Türen seines Hauses verriegelt hatte, konnten sie nur durch das offene Fenster hereingekommen sein.
»Wer sind Sie? Was wollen hier? Verlassen Sie augenblicklich mein Haus!«
Der Anführer der Gruppe, ein Mittzwanziger mit zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren, grinste ihn unbeeindruckt an. »Gern! Aber Sie werden uns begleiten.«
Der Mann machte keine Bewegung, die Haraldsson sehen konnte, dennoch stand er in der nächsten Sekunde neben ihm und riss ihm die Runenschale aus der Hand, die er an seine Begleiterin weiterreichte. Er packte Haraldsson mit nahezu übermenschlicher Kraft und hob ihn ohne Anstrengung vom Boden hoch, sodass der blonde Mann mit den Füßen hilflos in der Luft zappelte. Er starrte Haraldsson mit zwingender Macht in die Augen.
»Sie werden mitkommen und uns keinerlei Schwierigkeiten machen«, befahl er.
Haraldsson fühlte, wie sein Wille sich unter der Macht dieses Blickes beugte und jeder Widerstand ausgelöscht wurde. Er nickte ergeben. »Ich werde mitkommen und keine Schwierigkeiten machen«, bestätigte er und folgte den drei Eindringlingen willenlos.

Marcus Samson wusste, dass er nicht in seine Wohnung zurückkehren konnte, denn in kürzester Zeit würde die Polizei dort auftauchen. Er musste sich absetzen, was ihm nicht allzu schwerfiel, denn er besaß keinerlei Bindung an einen Ort oder gar andere Wesen, erst recht nicht Menschen. Er hatte allerdings nicht vor, auf die ergiebige Quelle nicht nur seiner Nahrung, sondern auch seines materiellen Wohlstandes zu verzichten: die Orakelschale. Das Medium hatte er zum Glück mitnehmen können.
Die Kleine hockte apathisch und völlig verängstigt in seinem Wagen. Samson sog ihre Angst in sich ein und verbot seinen beiden Gefolgsleuten, die auf der Rückbank saßen, das ebenfalls zu tun. Das Kind war noch geschwächt von der gestrigen Sitzung, deshalb konnte er es emotional nicht zu sehr beanspruchen, sonst würde es bei der nächsten Sitzung versagen.
Jetzt musste er nur noch Haraldsson zwingen, ihn und die Schale zu begleiten. Mit seinen Fähigkeiten würde ihm das nicht schwerfallen. Der Mann hatte bereits Angst vor ihm und würde, um den Albträumen zu entgehen, die Samson für ihn bereithielt, freiwillig alles tun, um seinen Herrn und Meister – Samson – zufrieden zu stellen. Kein Problem.
Als er bei Haraldssons Haus ankam, sah er, wie drei menschlich aussehende Wesen mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft geflogen kamen und ohne zu zögern in das Haus eindrangen. Anhand dieser ungewöhnlichen Fortbewegungsart erkannte er sie augenblicklich als Vampire und fragte sich, was sie von Haraldsson wollten. Als sie den Mann wenig später aus seinem Haus führten und die Runenschale mitnahmen, kannte er die Antwort. Er stieß einen Fluch aus.
Er hasste Vampire. Psi-Vampire gehörten entgegen ihrer Bezeichnung nicht zur Rasse der Bluttrinker. Sie waren Dämonen ohne allzu große magische Macht, die manchmal auch als »Sympathen« bezeichnet wurden, da sie sich nicht nur von Emotionen ernährten, sondern diese auch erzeugen und manipulieren konnten. Samsons Hass auf Vampire hatte einen ganz persönlichen Grund. Er hatte vor Jahrhunderten mal mit einer Vampirin zusammengearbeitet. Was als durchaus fruchtbares Arrangement begonnen hatte – die Vampirin bekam das Blut des Opfers, Samson die Emotionen, die sie dabei erzeugte bis hin zu dessen Todesleid – endete in einem Desaster, als sie ihn zu töten versuchte, nachdem sie feststellte, dass er sich auch von ihren Emotionen ernährte und sie manipulierte. Samson hatte ihre Attacke nur um Haaresbreite überlebt. Seitdem ließ er keine Gelegenheit aus, Vampiren zu schaden, wann immer er ihnen begegnete.
Dass ein paar von ihnen ihm jetzt auch noch Haraldsson und seine Orakelschale stehlen wollten, brachte ihn in Wut. Er fletschte die Zähne und war fest entschlossen, die Vampire mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür büßen zu lassen. Allerdings waren ihm in diesem Moment die Chancen zu ungleich verteilt. Er und seine beiden Kumpane hatten außer ihrer Fähigkeit, Emotionen zu beeinflussen, keine Waffe gegen die Vampire. Drei gegen drei war daher kein ausgewogenes Verhältnis, mit dem er das Risiko eingehen konnte, die Vampire zu konfrontieren.
Doch er war in Cleveland nicht der einzige Psi-Vampir, der hier seine Zelte aufgeschlagen hatte. Samson sandte den stummen Ruf aus, der alle, die ihn empfingen, zu ihm rief. Danach folgte er den Vampiren und Haraldsson.

Stevie Price hatte eigentlich nur ein bisschen Nachtluft schnuppern wollen, als sie Gwyn und Sam Tyler verließ. Die Nacht roch in jeder Stadt anders, schmeckte anders auf der Zunge, war anders auf der Haut, und Stevie genoss es, diese Sinneseindrücke zu kosten wie einen guten Schluck Blut, der mit einem exquisiten Topfen Wein verfeinert war. Außerdem liebte sie es, eine neue Stadt aus der Luft zu erkunden. Zwar gab es eine Menge Märchen, die über Vampire und ihre Fähigkeiten in Umlauf waren, aber das Gerücht, dass sie fliegen konnten, stimmte durchaus. Die Levitation war ihnen angeboren, beziehungsweise sie entwickelten sie, sobald ihre Verwandlung vom Mensch zum Vampir vollständig abgeschlossen war.
Während Stevie über den Dächern von Cleveland schwebte und die Nacht genoss, spürte sie die Präsenz anderer Vampire. Natürlich waren einige bereits zu Gwyns Konzerten gekommen, von denen das Erste übermorgen Abend in The Winchester Music Hall in der Madison Avenue stattfand. Doch bis auf ein paar wenige, die als Paare gekommen waren, blieben die anderen für sich.
Die Vampire, die sie spürte, waren zu fünft. Das weckte Stevies Misstrauen, besonders da sie sich, soweit sie es von ihrer Position aus feststellen konnte, nicht im Stadtzentrum befanden, wo das Nachtleben brodelte, sondern in einer abgelegenen Gegend, in der sich wahrscheinlich um diese Zeit kaum Menschen aufhielten. Möglicherweise handelte es sich bei der Gruppe um die Vampire, deretwegen sie und Gwyn gekommen waren. In jedem Fall sollte sie nachsehen, was da vor sich ging.
Für einen Moment erwog sie, Gwyn zu informieren. Doch der war garantiert sehr intensiv mit Sam Tyler beschäftigt. Cronos würde erst mit dem Flugzeug um Mitternacht eintreffen, und Sean und Vivian kamen morgen Abend mit dem Zug. Außerdem vertraute sie auf ihre Autorität und ihre Fähigkeiten als Wächterin. Sie dämpfte ihre Ausstrahlung, anhand der man sie als Wächterin hätte erkennen oder überhaupt wahrnehmen können, und folgte der Ausstrahlung der Vampire.
Wie sie vermutete, befanden sie sich in einem verfallenen Industriegebäude auf einem halb verwilderten Grundstück. Stevies Geruchssinn verriet ihr, dass sie einen Menschen bei sich hatten, der nach Angst stank. Das konnte nur eins bedeuten: Die Vampire wollten sich von ihm ernähren. Stevie zögerte nicht. Sie flog durch ein glasloses Fenster und stellte die Verbrecher.

Rick war mit sich und dem bisherigen Ergebnis des Abends höchst zufrieden. Mit Ingmar Haraldsson und der Orakelschale hatte er die eine Hälfte dessen, was er zur Durchführung seiner Pläne benötigte. Jetzt musste er nur noch das Medium in seine Gewalt bringen.
Lisa Hamilton, die es vorgezogen hatte, in ihrem Versteck zu bleiben, statt mitzuhelfen, die Schale zu bekommen, die ihr doch so viel bedeutete, riss sie Hester beinahe aus der Hand und betrachtete sie ehrfürchtig, strich mit den Fingern darüber, als berührte sie die Haut eines Geliebten und machte ein Gesicht, als hielte sie den kostbarsten Schatz der Welt in den Händen.
»Sie ist es«, flüsterte sie und war den Tränen nahe. »Sie ist es wirklich!« Lächelnd blickte sie in die Runde. »Jetzt brauchen wir nur noch Menschenblut.«
Sie warf einen Blick auf Haraldsson, der zwar immer noch unter Ricks hypnotischem Bann stand, aber trotzdem mitbekam, was um ihn herum vorging und jetzt entsetzliche Angst empfand. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er wäre am liebsten geflohen, aber er vermochte nicht sich zu rühren.
»Nicht so hastig, Lisa.« Rick nahm ihr die Schale wieder ab. »Bevor wir etwas falsch machen und du enttäuscht wirst, werden wir das Orakel befragen, ob und vor allem wie diese Schale die Verwandlung bewerkstelligen kann. Dazu brauchen wir aber das Medium.«
»Ja, natürlich. Wie wollen wir das Kind in unsere Gewalt bringen?«
Rick verbarg, wie sehr er die junge Vampirin verachtete. Nicht nur weil sie das Geschenk der Unsterblichkeit und die Macht, die sie dadurch bekommen hatte, überhaupt nicht zu würdigen wusste und nun schon sieben Jahre ihrem verlorenen Menschein und den damit verbundenen Nachteilen wie Krankheit, Alterung und Tod nachtrauerte. Sie war außerdem derart naiv und gutgläubig, dass es eine Schande war. Rick duldete sie nur in seiner Gruppe – und hatte sie auf die Jagd nach der Orakelschale mitgenommen – weil sie gute Beziehungen zu den Wächtern hatte.
Die Gefahr erwischt zu werden, stieg mit jedem Mal, das er und seine Leute sich verbotenerweise von Menschen ernährten, auch wenn sie diese nicht immer töteten. Da Gwyn the Harper ausgerechnet in Cleveland Konzerte gab, der nicht nur ein Wächter, sondern auch ein Mitglied im Rat der Wächter war, steigerte das die Gefahr. Durch ihn wurden andere Vampire hierher gelockt, unter denen sich garantiert noch weitere Wächter befanden. Rick hoffte, dass Lisa bei ihren Wächterfreunden ein gutes Wort für ihn einlegen würde, falls es zum Schlimmsten käme.
Er selbst glaubte nicht daran, dass es überhaupt ein »Heilmittel« gab. Vampir zu sein, war schließlich keine Krankheit. Erst recht glaubte er nicht, dass diese Schale der heilige Gral dafür sein könnte. Allerdings war ihm bewusst, dass Lisa verschwinden würde, sobald sie erfuhr, dass die Runenschale keine Erlösung für sie enthielt. Deshalb gedachte er, den Moment dieser Erkenntnis so weit wie möglich hinauszuzögern.
Er selbst wollte das Orakel der Schale nur dazu benutzen, um zu erfahren, wie er und seine Gruppe vermeiden konnten, bei ihrem ruchlosen Tun jemals von den Wächtern erwischt zu werden. Und natürlich auch, um bei dieser Gelegenheit an ganz profane Reichtümer zu kommen, die ihnen ein sorgenfreies Leben ermöglichten.
Bevor er Lisa antworten konnte, stieß Hester einen Warnruf aus. Doch ehe jemand darauf reagieren konnte, flog eine Vampirin durch eins der Fenster herein und baute sich furchtlos vor ihnen auf. Zwar war sie kaum einssechzig groß, doch die Ausstrahlung, die sie jetzt nicht mehr verdeckte, wies sie ebenso wie der Goldring mit dem Rubin an ihrem rechten Mittelfinger als eine Wächterin aus.
Verdammt, wie hatte sie sie trotz aller Vorsicht nur finden können?
Sie deutete auf den Menschen, ohne ihn anzusehen. »Was soll das hier werden?«
Lisa, die sich verschreckt hinter Ricks breitem Rücken versteckt hatte, trat jetzt vor. »Wir wollten ihm nichts tun, Stevie, ehrlich nicht«, versicherte sie und deutete auf die Runenschale. »Die Schale kann mir meine Menschlichkeit zurückgeben!«
Stevie war für einen Moment irritiert, Lisa hier zu sehen. Sie hatte Cronos nicht glauben wollen, dass sie sich tatsächlich Ricks Bande angeschlossen hatte, der schon seit Längerem auf der Schwarzen Liste der Wächter stand. Bisher hatte man ihm und seinen Kumpanen allerdings noch kein Verbrechen nachweisen können.
»Lisa, das Heilmittel ist ein Mythos. Wenn es eins gäbe, so wüssten wir Wächter längst davon.« Sie warf Rick einen strafenden Blick zu. »Was hat er dir vorgelogen? Und vor allem: Was verlangt er von dir?«
»Nichts, Stevie, wirklich. Er hat mir nur geholfen, die Schale zu finden.«
»Und dabei einen Menschen entführt«, erinnerte Stevie sie und nickte zu Haraldsson hin. »Verdammt, Lisa, du kennst unsere Gesetze! Was hast du dir nur dabei gedacht? Dir ist doch klar, dass wir dich genauso dem Urteil des Rings der Gerechtigkeit unterwerfen und notfalls verurteilen müssen wie deine Kumpane.«
Lisa starrte sie verzweifelt an. Rick hatte allerdings nicht vor zu warten, bis die Wächterin ihr Vorhaben hinsichtlich der Verurteilung in die Tat umsetzte. Da Lisas Einfluss auf sie offensichtlich nicht annähernd so groß war, wie er gehofft hatte, gab es nur noch eine Möglichkeit. Er gab Hester einen unauffälligen Wink, die einen Schritt auf Stevie zu machte. Stevie ahnte die Gefahr und wandte sich ihr reflexartig zu. Im nächsten Moment war Rick bei ihr und schlug sie bewusstlos, bevor sie begriff, dass sie auf ein Ablenkungsmanöver hereingefallen war.
Lisa stieß einen erschreckten Ruf aus. »Was hast du getan, Rick!«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich beseitige diese Gefahr«, erklärte er emotionslos und zog sein Feuerzeug aus der Tasche, um die Wächterin zu verbrennen.
Lisa fiel ihm in den Arm. »Bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht eine Wächterin umbringen!«
»Wenn ich es nicht tue, werden sie und ihre Kollegen uns hinrichten«, stellte er nüchtern fest. »Auch dich.«
»Aber ...«
Rick packte sie brutal an der Kehle. »Halt die Klappe!«, zischte er und ließ jetzt die Maske der Freundlichkeit, die er ihr gegenüber bisher gezeigt hatte, fallen.
»Rick!« Hesters Stimme klang beinahe ängstlich – normalerweise ein Unding für Vampire.
»Was?«
Er fuhr aufgebracht herum und sah sich mit einem neuen Problem konfrontiert. Einem Problem, das größer war als eine Wächterin, die er töten musste, wenn er noch ein bisschen weiterleben wollte. Ihnen gegenüber stand eine Horde von Psi-Vampiren, unter denen er denjenigen erkannte, der das Medium besaß. Dieses Medium hielt er wie einen Sack unter den Arm geklemmt und grinste die Vampire siegessicher an.
»Die Schale und ihr Zauberer gehören mir«, sagte er kalt und streckte gebieterisch die Hand aus.
Rick verfluchte seine Unachtsamkeit. Er hätte damit rechnen müssen, dass ihnen von dieser Seite Gefahr drohen könnte, denn Psi-Vampire traten meistens in Gruppen auf. Wo einer war, besonders wenn es sich um einen »König« handelte wie den, der sich Samson nannte, kamen immer mehrere zusammen. Diese Gruppe zählte zwölf. Eine derartige Übermacht stellte durchaus eine Gefahr für Vampire dar. Da sie allerdings keine für Vampire wahrnehmbare Ausstrahlung besaßen, hatte er nicht dadurch gewarnt werden können. Doch er hätte verdammt noch mal dem Gestank nach Ghouls Beachtung schenken müssen, der ihren König umgab. Davon hatte sein Bestreben, die Wächterin schnellstmöglich zu töten, ihn allerdings abgelenkt. Verdammt!
»Wir sollten uns zusammentun«, schlug Rick vor, um Zeit zu gewinnen. »Wir können alle von dem Orakel profitieren.«
Samson setzte das Kind an der nackten Stahlsäule ab, neben der er stand. Es würde sich wie immer nicht von der Stelle rühren.
»Zusammentun«, wiederholte er spöttisch an Rick gewandt. »Warum sollten wir uns mit Vampiren zusammentun, die uns bestohlen haben?«
Abby, die still am Boden hockte, wo Samson sie abgesetzt hatte, zog die Knie an und umfing sie mit den Armen. Sie kannte diesen Tonfall von Dr. Samson. Er bedeutete nichts Gutes. Wahrscheinlich würde gleich etwas sehr, sehr Schlimmes passieren.
Hilf mir doch, Simona!, flehte Abby.
Augenblicklich tauchte der Geist des toten Mädchens neben ihr auf.
Ganz ruhig, Kleines. Ich bleibe bei dir, bis ich weiß, wohin Samson dich bringt, wenn er hier fertig ist. Danach hole ich Sam – die Dämonin. Sie wird dich bestimmt befreien. Ganz sicher.
Abby spürte jedoch, dass der Geist des Mädchens selbst nicht so recht daran glaubte. Bis dahin bin ich vielleicht schon tot.
Das werde ich verhindern!, versicherte Simona vehement. Und wenn ich dafür in kürzester Zeit lernen muss zu spuken. Halte durch, Abby!
Abby legte den Kopf auf ihre Knie, schloss die Augen und wünschte in diesem Moment nur noch, dass alles ein Ende hätte. Egal wie. Ihr Ende war allerdings noch nicht gekommen und das Entsetzen, dem sie ausgeliefert war, noch lange nicht vorüber.
Und für Rick und seine Kumpane begann es gerade erst.
Der Vampir merkte an Samsons Tonfall, dass der nicht zu Verhandlungen bereit war und erst recht nicht zum Teilen, was die Runenschale betraf. Rick hatte nicht vor abzuwarten, was der Sympath als Nächstes zu tun gedachte. Ohne Vorwarnung griff er ihn an, und seine Freunde folgten seinem Beispiel. Nur Lisa versuchte zu entkommen.
Gleich darauf brüllten die Vampire auf, als eine Welle schockartiger Panik sie erfasste und in ihnen die entsetzlichen Angstgefühle ihrer schlimmsten Albträume wachrief, als die Psi-Vampire ihre Fähigkeit der Emotionsmanipulation gegen sie einsetzten. Rick und die anderen waren kaum noch in der Lage klar zu denken und derart gelähmt, dass sie sich zu Boden fallen ließen, wie Embryos zusammenrollten, die Köpfe in den Armen bargen und nur noch wimmernde Häufchen aus schierer Panik waren, unfähig, an Gegenwehr auch nur zu denken.
Samson und seine Gefolgsleute sogen ihre Angst und Verzweiflung in sich ein und verstärkten sie, während sie die Vampire einkreisten und begannen, mit ihren Fingern, deren Nägel sich jetzt zu scharfen Krallen formten, die Körper der Vampire quälend langsam in Stücke zu reißen.
Waren sie auch relativ schmerzunempfindlich, so war diese Folter doch zuviel. Sie brüllten auf und wehrten sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften. Haraldsson, von dem Ricks Bann inzwischen abgefallen war und der von Samsons Bande nicht beachtet wurde, versuchte zu fliehen. Samson holte ihn ein, ehe er fünf Schritte getan hatte, packte ihn im Genick und schleifte ihn zu dem Stahlpfeiler, an dem Abby mit fest zusammengekniffenen Augen hockte, sich die Ohren zuhielt und sich nicht zu rühren wagte.
»Sie bleiben!«, befahl er und wandte sich wieder seinen Opfern zu.
Abby wiegte sich vor und zurück in dem vergeblichen Versuch, das Entsetzliche auszublenden, das sich hier abspielte. Denn Samson entschied jetzt, dass die bewusstlose Wächterin zu töten ihm noch mehr Energie liefern würde, wenn er es auf die richtige Weise tat.
Er murmelte ein paar Worte, und im nächsten Moment stand der Körper der Vampirin in hellen Flammen. Der Schmerz weckte sie augenblicklich aus der Bewusstlosigkeit. Sie sprang auf und schlug um sich, in dem vergeblichen Versuch, das Feuer zu löschen, das ihr bereits die Haut vom Gesicht fraß und ihre Kunststoffkleidung mit ihrem Körper verschmolz.
In Stevies Schmerzgebrüll mischte sich der helle Entsetzensschrei von Abby, deren junge Seele das Grauen nicht mehr zu ertragen vermochte. Sie brach bewusstlos zusammen, und ihr Herz hörte auf zu schlagen. Im nächsten Moment tauchten zwei Gestalten direkt im Feuer auf, dessen Mittelpunkt die Vampirin bildete, und das Chaos brach endgültig los.

Sam fluchte, als sie unmittelbar gegen Stevies brennenden Körper prallte. Gwyn brüllte auf und machte einen Satz zur Seite, der ihn augenblicklich aus dem Feuer herausbrachte, bevor es auf ihn übergreifen konnte. Mit einem Blick erfasste er die Situation und war sich sehr wohl bewusst, dass er allein gegen zwölf Psi-Vampire nicht allzu viel ausrichten konnte. Allerdings kannte er Sams Fähigkeiten, dadurch dass er ihr Blut getrunken hatte und wusste deshalb, dass sie, richtig eingesetzt, ausreichen würden, die Sympathen zumindest in die Flucht zu schlagen.
Er griff die Psi-Vampire unverzüglich an und machte sich dabei die Geschwindigkeit zunutze, zu der er als Vampir fähig war. Er riss zwei von ihren Opfern weg und schleuderte sie mit aller Kraft gegen die nächste Wand. Sympathen waren körperlich zwar weitaus kräftiger als Menschen, jedoch nicht annähernd so widerstandfähig wie Vampire. Außerdem verfügten sie nicht über ausreichende Selbstheilungskräfte, um schwere Verletzungen überstehen zu können.
Die zwei, die Gwyn gegen die Wand geschleudert hatte, brachen sich dadurch sämtliche Knochen, deren spitze Splitter sich in ihre Organe bohrten und sie zerstörten. Die Psi-Vampire lösten sich in stinkenden Schleim auf, der sich Augenblicke später entzündete und nicht minder stinkend verbrannte.
Gwyn griff sich den nächsten Sympathen, der sich augenblicklich zur Wehr setzte; allerdings nicht körperlich. Der alte Vampir wurde von einer Welle von Schmerz überschwemmt, die ihn aufschreien und in die Knie brechen ließ. Im nächsten Moment waren drei Gegner über ihm und begannen ihn zu zerreißen, wie ihre fünf anderen Opfer.
Sam hatte inzwischen mit einem Zauber das Feuer gelöscht, das Stevie verbrannte, die bereits einer verkohlten Leiche ähnelte und musste die Vampirin danach vorläufig sich selbst überlassen, denn Gwyn brauchte ihre Hilfe. Die Dämonin dachte nicht lange über ihre Handlungen nach. Sie ließ der Wut, die sie beim Anblick von Stevies entstelltem Körper, dem bewusstlosen Kind, das sie am Boden liegen sah und den blutenden, teilweise enthäuteten Vampiren empfand, freien Lauf.
Mit einem Gefühl grimmiger Befriedigung schoss sie einen Levin-Blitz nach dem nächsten auf die Psi-Vampire ab, die keine Zeit mehr fanden, auch diese Gegnerin mit ihrer Emotionsmagie zu schwächen. Jeder von ihnen verging in einer Stichflamme. Ihren König Marcus Samson hob sie sich jedoch für eine Sonderbehandlung auf. Sie blendete ihn mit einem Psi-Pfeil, sodass auch er seine Magie nicht gegen sie einsetzen konnte, nagelte ihn mit einem Zauber an seinem Platz fest, um ihn an der Flucht zu hindern und riss ihm magisch die Haut in Streifen vom Körper, ehe sie ihn mit einem Feuerzauber quälend langsam auf dieselbe Weise verbrannte, wie er das mit Stevie zu tun versucht hatte. Sie genoss seine Schmerzensschreie und seinen entsetzlichen Todeskampf voller Genugtuung mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht und kam erst wieder zu sich, als Simonas Schreie endlich in ihr Bewusstsein drangen, die schon seit ihrem Auftauchen versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Sam! Hilfe! Abby stirbt! – Sam!!!
Sam war im nächsten Moment bei ihr. Das Herz des Kindes schlug nicht mehr. Für einen entsetzlichen Moment hatte Sam das Gefühl, zu spät gekommen zu sein und bereute, soviel Zeit – und Genuss – mit der Vernichtung der Psi-Vampire vertrödelt zu haben, ehe ihre magischen Sinne ihr sagten, dass noch ein Funken Leben in dem kleinen Körper steckte. Sie setzte augenblicklich ihre Heilkräfte ein und zwang das Leben zurück in das Kind, zwang das Herz, das nicht mehr schlagen wollte, seine Arbeit wieder aufzunehmen und das Gehirn, das nichts mehr wahrnehmen wollte, wieder zu funktionieren.
Nach einer für Sam quälend langen Weile schlug das Kind die Augen auf und sah sie an. Sam lächelte beruhigend. »Hallo Abby. Ich bin Sam. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Es ist alles in Ordnung. Die bösen – Wesen sind fort und kommen niemals wieder.«
Das kannst du ihr glauben, Abby, versicherte Simona der Kleinen. Sie und der Vampir dort haben sie alle so richtig toll fertig gemacht. Vernichtet. Zerstört, fügte sie hinzu, als sie merkte, dass Abby nicht begriff, was sie meinte. Hey, Kleines, jetzt wird für dich wirklich alles wieder gut.
Sam nickte bekräftigend. »Ehrenwort«, versprach sie, wenn sie im Moment auch noch keine genaue Vorstellung davon hatte, was für dieses so zerbrechlich wirkende, seelengeschundene Kind »gut« wäre. Allerdings keimte in ihr eine vage Idee. »Ich muss mich schnell um Stevie kümmern. Ich bin gleich zurück, Abby. Und Simona bleibt ja bei dir.«
Ich weiche nicht von deiner Seite, versprach der Geist und hockte seinen geisterhaften Körper neben das Mädchen.
Sam wandte sich der Vampirin zu, die noch am Leben war, aber Höllenqualen litt. Zwar heilten selbst die schwersten Verletzungen eines Vampirs, solange sie ihn nicht umbrachten; deshalb würde sich auch Stevies verbrannter Körper wieder von selbst regenerieren. Doch mit Sams Magie ging es natürlich erheblich schneller. Sie hockte sich neben sie und nahm ihr als Erstes die entsetzlichen Schmerzen. Danach ließ sie ihre Magie in das zerstörte Gewebe fließen und es wieder zu seiner vorherigen gesunden Makellosigkeit aufbauen. Außerdem zauberte sie der Vampirin neue Kleidung auf den nun nackten Leib.
Stevie tat einen zitternden Atemzug, sank in Sams Arme und begann zu weinen. Der Schock, beinahe gestorben zu sein auf die schlimmste Weise, die für einen Vampir möglich war, steckte ihr immer noch in den Knochen und würde nicht so schnell zu überwinden sein. Nach fünfeinhalb Jahrhunderten nachdrücklich daran erinnert zu werden, dass auch eine Vampirwächterin nicht unsterblich war, erschütterte sie zutiefst.
Ihr blieb allerdings keine Zeit, sich diesen Empfindungen hinzugeben oder ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Gwyn, Lisa, Rick und Hester waren inzwischen von ihren Verletzungen genesen. Die beiden anderen Vampire waren tot. Doch natürlich waren sich Rick und Hester bewusst, dass sie nicht mehr lange leben würden, wenn sie nicht auf der Stelle verschwanden. Sie ergriffen die Flucht.
»Stevie! Ich brauch dich als Wächterin! Jetzt!«, rief Gwyn ihr gebieterisch zu. »Wir müssen die beiden verfolgen.«
Stevie schien dazu nicht in der Lage zu sein.
»Darf ich dir behilflich sein, oh Meister der Nacht?«, bot Sam an.
»Das ist Vampirangelegenheit, Sam. Das dürfen nur Wächter erledigen. Stevie! Reiß dich zusammen und komm!«
Die Vampirin raffte sich auf und folgte Gwyn. Nur Lisa blieb noch zurück. Sie ergriff die Runenschale, drückte sie an sich und wirkte vollkommen verloren.
Ingmar Haraldsson, der die ganze Zeit über wie erstarrt am Boden gehockt hatte, hielt seine Chance für gekommen. Er kroch auf den Ausgang zu.
»Hiergeblieben!« Sams autoritäre Stimme stoppte ihn mitten in der Bewegung.
Haraldsson fühlte, wie ihm Tränen der Angst über die Wange zu laufen begannen, als er seine Hoffnung auf Entkommen und damit Überleben schwinden sah. Er hatte zwar keine Ahnung, was diese Frau eigentlich war, aber dass er keinen Menschen vor sich hatte, war ihm nur allzu bewusst.
»Oh bitte lassen Sie mich gehen«, flehte er. »Ich werden keinem Menschen ein Wort von dem sagen, was ich gesehen habe. Das würde mir sowieso niemand glauben. Bitte! Ich bin doch keine Gefahr für Sie.«
Sam trat zu ihm und riss ihn unsanft auf die Beine. »Beruhigen Sie sich. Niemand tut Ihnen etwas zuleide. Allenfalls die Polizei«, fügte sie frostig hinzu.«
»P-p-polizei?«, stotterte Haraldsson entsetzt. »Ich habe doch gar nichts getan!«
Sam packte ihn an den Aufschlägen seiner Jacke und stieß ihn heftig gegen den Pfeiler hinter ihm. »Sie waren an der Misshandlung und dem Missbrauch dieses Kindes als Medium für Ihre Orakelschale maßgeblich beteiligt, Sie Mistkerl!«, erinnerte sie ihn. »Dafür werden Sie sich verantworten, und wenn ich höchstpersönlich dafür sorgen muss!« Sie ließ ihn los und musste sich beherrschen, um ihn nicht auf der Stelle vor Abbys Augen fertig zu machen.
»Aber Samson hat mich gezwungen!«
Sam bedachte ihn mit einem derart mörderischen Blick, dass Haraldsson schwieg und sich an dem Pfeiler in seinem Rücken zu Boden sinken ließ. Nachdem er mit ansehen musste, was diese Frau – dieses Wesen – mit Samson gemacht hatte, zog er es vor, sie besser nicht noch weiter zu verärgern.
Sam wandte sich von ihm ab, bevor sie noch etwas mit ihm anstellte, das sie besser blieben ließ und setzte sich auf den Boden zu Abby, die sie vertrauensvoll anblickte. Sie fragte sich, was sie mit dem Kind machen sollte. Dass sie es auf keinen Fall der staatlichen Fürsorge überlassen konnte, stand außer Zweifel. Die würde dieses medial begabte Mädchen umgehend in die nächste psychiatrische Kinderklinik einweisen; spätestens wenn jemand ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bemerkte. Sam wagte nicht sich auszumalen, welchen Schaden die Seele der Kleinen in dem Fall noch nehmen würde, die ohnehin schon geschädigt genug war.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Gwyn und Stevie zurückkehrten. Stevie war immer noch sichtbar erschüttert, was sich unter anderem darin ausdrückte, dass ihre Hände zitterten und ihr das Entsetzen immer noch ins Gesicht geschrieben stand. Gwyn wandte sich an Lisa, die immer noch an derselben Stelle stand wie vorhin und blickte sie streng an.
»Lisa Hamilton«, sagte er in einem Ton, der dem eines Richters ähnelte, der ein Urteil sprach, »du hast dich mit Verbrechern eingelassen, die unsere Gesetze mehrfach gebrochen haben. Sie wurden bereits dafür zur Rechenschaft gezogen und entsprechend bestraft. Nun wird sich zeigen, ob und auf welche Weise wir dich bestrafen müssen. Der Ring der Gerechtigkeit wird das Urteil über dich sprechen.«
Gwyn ballte seine Hand mit dem Ring zur Faust und richtete dessen Rubin auf Lisa. »Wie lautet das Urteil?«
Sam fühlte, wie diese Worte eine in dem Ring wohnende Magie aktivierten, die sie nicht kannte. Diese »Ringe der Gerechtigkeit« waren spürbar von einer höheren Macht erschaffen und gesegnet worden. Aus Gwyns Ring löste sich ein Lichtstrahl, der ein gelbes Symbol auf Lisas Stirn malte, das Sam noch nie gesehen hatte, ehe er wieder erlosch.
»Du hast verdammtes Glück, Lisa, dass du nicht direkt an Ricks Verbrechen beteiligt warst«, stellte Gwyn überaus ernst fest. »Andernfalls hätten wir dich ebenso hinrichten müssen wie ihn und seine Kumpane. Völlig unschuldig bist du dennoch nicht. Aber der Ring hat entschieden, dass du nicht bestraft werden musst.« Er streckte die Hand aus. »Gib mir diese Schale. Sie gehört dir nicht.«
Tränen traten in Lisas Augen, und sie umklammerte die Schale noch fester. Sie schien ihren Freispruch keineswegs als Glück zu sehen. »Ich wünschte, ihr würdet mich hinrichten«, sagte sie bitter. »Die Schale ist meine einzige Hoffnung, meine Menschlichkeit zurückzubekommen. Ihr könnt doch nicht so grausam sein, mir die Heilung zu verweigern! Oh bitte!«, flehte sie und fiel vor Gwyn auf die Knie. »Bitte!«
Der alte Vampir zog sie wieder auf die Beine und nahm ihr die Schale trotz ihres Widerstandes aus der Hand. »Bei allen Göttern!«, entfuhr es ihm, als er sie näher betrachtete und zu erkennen glaubte. Er besah sie von allen Seiten und wandte sich schließlich an Haraldsson, der immer noch am Boden hockte und dessen Geruch er an der Schale wahrnahm.
»Woher stammt diese Schale?«
»Das ist ein Erbstück meiner Familie seit Generationen. Sie gehört uns angeblich seit über tausend Jahren.«
»Ungefähr 1400 Jahre«, bestätigte Gwyn und wandte sich wieder an Lisa. »Lisa, ich glaube nicht, dass du durch diese Schale wieder ein Mensch werden könntest.«
»Aber die Legende besagt, wenn ein Vampir Menschenblut aus dieser Schale trinkt, so wird er wieder ein Mensch.« Sie blickte Gwyn flehentlich an. »Bitte, Gwyn! Lass es mich versuchen! Bitte!«
Der alte Vampir nahm sie in die Arme und streichelte sie mitfühlend. »Lisa, es tut mir wahnsinnig leid, aber das dürfen wir nicht tun«, beharrte er. »Du kennst das Gesetz: kein Menschenblut. Niemals. So gern ich dir auch helfen möchte, aber ich bin ein Wächter und darf allein schon deshalb diesen Frevel nicht zulassen. Außerdem wäre zusätzlich noch ein Wandlungszauber erforderlich, falls es tatsächlich funktionieren sollte.« Zumindest hatte der Svartalf das damals behauptet, wie er sich erinnerte. Er war sich allerdings nicht sicher, ob das der Wahrheit entsprach oder der Dunkelelf sie damit nur hatte hereinlegen wollen.
Lisa weinte herzzerreißend. »Ich hasse diese Existenz! Ich hasse es, ein Vampir zu sein! Und ich hasse euch! Ich will wieder ein Mensch werden!«
»Dieses Gesetz«, wandte Sam nachdenklich ein, »besagt was genau?«
»Dass wir Vampire uns niemals von Menschenblut ernähren dürfen und Menschen niemals angreifen dürfen zu dem Zweck, ihr Blut zu trinken. Natürlich auch sonst nicht. Es ist die primäre Aufgabe von uns Wächtern, dafür zu sorgen, dass sich alle Vampire weltweit an dieses Gesetz halten und selbstverständlich auch an die anderen, die wir haben; denn diejenigen, die es nicht tun, bringen die gesamte Gemeinschaft in Gefahr.«
»Ich verstehe. Wenn das so ist, so dürfte doch nichts dagegen sprechen, wenn ich euch ein bisschen Menschenblut besorge.«
Gwyn zog fragend die Augenbrauen hoch. »Und wie willst du das tun, ohne einen Menschen zu verletzen?«
Sam lächelte. »Mit einem Bringzauber, der mir eine Blutkonserve aus der nächstgelegenen Blutbank verschafft. Das ist Blut von Menschen, die es freiwillig gespendet haben, um Leuten zu helfen, die es dringend brauchen. Und ich glaube«, sie nickte zu der immer noch weinenden Lisa hin, »das hier ist ein solcher Notfall. Außerdem dient das Blut ja nicht dazu, Lisa zu ernähren, sondern ihre Verwandlung rückgängig zu machen. Immer vorausgesetzt, dass die Magie der Schale wirklich diese Macht besitzt. Und mit dem erforderlichen Wandlungszauber kann ich auch dienen.«
Und hätte sie ihre Kitsune-Kräfte noch, so wäre sie wahrscheinlich problemlos in der Lage gewesen, Lisa wieder in einen Menschen zu verwandeln. Verdammt, die Kräfte fehlten ihr! Und sie hatte immer noch nicht herausfinden können, wohin sie eigentlich verschwunden waren.
Sam fühlte, dass Gwyn und Stevie sich stumm auf wohl telepathische Weise austauschten, eine Fähigkeit, die ein Vampir erhielt, sobald er zum Wächter wurde. Schließlich nickte Gwyn.
»Nach unseren Richtlinien wäre dein Vorschlag zwar hart am Rande der Legalität unserer Gesetze, würde sie aber nicht brechen. Wenn du das wirklich für uns tun würdest, Sam, wären wir dir zutiefst dankbar.«
Sam streckte nur die Hand aus und hielt im nächsten Moment eine frische Blutkonserve in der Hand, die noch lauwarm war und reichte sie Stevie. »Von der am häufigsten vorkommenden Blutgruppe, damit bei den seltenen kein Engpass entsteht.«
»Sehr rücksichtsvoll«, fand Gwyn, wunderte sich darüber allerdings nicht. Nachdem er wusste, dass in Sams Adern nicht nur Dämonenblut floss, hatte er nichts anderes erwartet.
Er hielt ihr die Schale hin. Sam goss das Blut hinein, und Gwyn reichte sie an Lisa weiter. »Möge es wirken«, wünschte er ihr.
Die Vampirin trank einen Schluck, während Sam den Wandlungszauber initiierte und wartete, ob sich eine Wirkung einstellte. Als sie nichts fühlte, trank sie mehr davon und leerte schließlich sichtbar verzweifelt die Schale ganz. Nichts geschah. Sie blickte verzweifelt in die Runde.
»Vielleicht muss es mehr Blut sein. Vielleicht war es zu wenig. Vielleicht muss ich das mehrmals tun. Oder der Zauber war falsch!« Anklagend blickte sie Sam an.
»Lisa«, sagte die Dämonin sanft, »ich kenne mich mit Magie aus, auch mit Wandlungszaubern aller Art. Falls die Legende wahr gewesen wäre, so hätte bereits ein einziger Blutstropfen in Verbindung mit jeder x-beliebigen Art von Wandlungszauber ausgereicht, um die Verwandlung zu initiieren. Es tut mir leid, aber die Schale besitzt offensichtlich nicht die Macht, deine Verwandlung rückgängig zu machen.«
Lisa ließ die Schale fallen, brach zusammen und weinte herzzerrreißend. Sam hob die Schale auf und sondierte sie mit ihren magischen Sinnen, um zu prüfen, welche Macht tatsächlich in ihr steckte, während Gwyn und Stevie erfolglos versuchten, Lisa zu trösten.
»Irgendetwas ist in dieser Schale gebannt«, stellte Sam fest. »Und es ist nur noch drei Bannrunen davon entfernt, wieder frei zu kommen.«
»Bei allen Göttern!«, entfuhr es Gwyn, als er begriff, was das bedeutete. »Wie ist das möglich? Helrun war sich sicher, dass der Svartalf nie wieder frei kommen würde.«
»Der – was?«, fragte Stevie verständnislos.
»Dunkelelf«, antwortete Sam an Gwyns Stelle. »Ein dämonischer Vertreter des Elfenvolks.« Sie erspürte die Struktur des Zaubers ebenso wie alle anderen Kräfte, die in der Schale existierten. »Ein verdammt schlauer und mächtiger Svartalf dazu. Während die Bannrunen angebracht wurden, ist es ihm offenbar gelungen, einen Gegenzauber zu wirken, der sie zwar nicht neutralisierte, aber bewirkt, dass mit jedem Orakel, das er durch diese Schale gibt, eine Bannrune aufgehoben wird.« Sie zählte die Bannsprüche. »Siebenundzwanzig«, stellte sie fest und schüttelte den Kopf. »Es ist ein verdammtes Glück, dass über all die Jahrhunderte hinweg niemand diese Schale regelmäßig für Orakel benutzt hat und der da«, sie deutete mit dem Kinn auf Haraldsson, »und sein Kumpan der Psi-Vampir sie nicht schon alle aufgebraucht haben. Vernichten wir sie, bevor auch noch der letzte Bann bricht.«
»Das ist unmöglich«, war Gwyn überzeugt. »Außerdem darf sie nicht vernichtet werden. Ich war dabei, als Helrun – die Völva von Skiring – sie versiegelte. Sie sagte, dass die Zerstörung der Schale die Macht von Surtr entfesseln würde, der kein Mensch gewachsen wäre.« Er blickte Sam an. »Hast du der magischen Macht eines Feuerriesen etwas entgegenzusetzen?«
Sam zögerte mit der Antwort. Besäße sie ihre Kitsune-Kräfte noch, so wäre das kein Thema gewesen. Aber als einfacher Sukkubus war sie sich keineswegs sicher; obwohl einer ihrer Vorfahren ein Feuerdämon gewesen war.
»Ich habe keine Ahnung«, gab sie zu. »Aber mit nur noch drei intakten Bannrunen können wir die Schale nicht einfach irgendwo hinstellen und darauf hoffen, dass niemand ihr Geheimnis entdeckt und der Svartalf mitsamt der Macht von Surtr nicht durch einen dummen Zufall freikommt. Sie muss doch irgendwie zu vernichten sein.«
»Drachenfeuer«, erklärte Gwyn. »Sagte damals jedenfalls Helrun.
Sam blickte ihn forschend an. »Wie alt bist du doch gleich?«
Der alte Vampir grinste. »3370 Jahre, wenn ich mich nicht irgendwann mal verzählt habe. Ich bin zwar bei weitem nicht der Älteste von uns, aber alt genug, dass man mich trotzdem den ‚Alten’ nennt.«
»Bei dem Alter wundert es mich, dass sie dich nicht ‚Fossil’ nennen«, fand Sam.
Stevie lächelte schwach. »Das tun wir durchaus – wenn er nicht in der Nähe ist und es hören könnte.«
Sam lachte, und Gwyn verzog grimmig das Gesicht, was sie nur noch mehr zum Lachen reizte.
»Ich sage es nur ungern«, wandte Gwyn ein, »aber wir haben ein Problem. Woher sollen wir einen Drachen bekommen? Falls es sie je gegeben hat, sind sie längst ausgestorben.«
»Nur in dieser Welt«, widersprach Sam. »In einer der beiden anderen Welten gibt es noch mindestens einen Drachen.« Nämlich die Prophetin in der Unterwelt. »Ich bin mir sicher, dass sie zu einem entsprechenden Preis gern bereit sein wird, dieses Problem für uns zu lösen.«
»Sie?«, wiederholte Stevie ungläubig. »Und du weißt zufällig, wie du an sie herankommst?«
Sam nickte. »Wenn ihr einverstanden seid, werde ich dafür sorgen, dass sie vernichtet wird.«
Gwyn nickte ohne zu zögern. »Tu es. Und danke im Voraus.«
Stevie warf ihm einen überraschten Blick zu, sagte aber nichts dazu.
Sam verschwand mit der Schale und einem verhallenden: »Ich bin gleich zurück.«
»Ich will ja nichts sagen, Gwyn«, begann Stevie, »aber vertraust du dieser Dämonin nicht ein bisschen zu sehr?«
»Absolut nicht, Stevie. Sam ist etwas ganz Besonderes und so vertrauenswürdig wie jede Wächterin in unseren Reihen.«
»Gwyn, die Vernichtung der Sympathen hat ihr Spaß gemacht. Hast du nicht bemerkt, mit welchem Vergnügen sie deren König hat leiden lassen?«
»Ich weiß.« Er blickte der jüngeren Vampirin in die Augen. »Ich selbst habe in dem Moment ebenfalls enorme Befriedigung empfunden. Genau wie du. Und erzähle mir jetzt nicht, das wäre etwas anderes. Wir sind seit Anbeginn unserer Geschichte Jäger. Killer, genau genommen. Das ist unsere Natur. Erst die Etablierung unserer Gesetze und unserer Wächter hat diese Seite unseres Wesens gezähmt. Dennoch existiert sie nach wie vor in uns, und jeder von uns lebt sie auf seine Weise aus, zum Beispiel durch eine Jagd auf Tiere. Oder in einer Notwehrsituation. Sam ist nicht schlechter als wir. Und wer will ihr verwehren, es als befriedigend zu empfinden, solche Verbrecher hinzurichten?«
Stevie seufzte leise. Der alte Vampir hatte natürlich recht, und ihr Problem mit Sam – das genau genommen gar keins war – lag einfach darin begründet, dass sie sich generell schwer tat, jemandem zu vertrauen. In diesem Punkt hatte sie die Umstände, die zu ihrer unfreiwilligen Verwandlung in eine Vampirin geführt hatten, immer noch nicht vollständig überwunden. Allerdings musste sie zugeben, dass ihre Instinkte sie ebenfalls dazu drängten, der Dämonin zu vertrauen, nicht nur weil sie ihr vorhin das Leben gerettet hatte.
Gwyn hatte auch damit recht, dass Sam etwas Besonderes war. Zwar konnte Stevie nicht sagen in welcher Form – sah man davon ab, dass eine Dämonin Menschen half –, aber sie fühlte etwas in ihr, das tief verborgen, jedoch keineswegs schlecht war. Sie schüttelte die unfruchtbaren Gedanken ab und blickte auf Haraldsson.
»Was machen wir mit ihm?«
»Das werden wir mit Sam besprechen, sobald sie zurück ist.«

Die Prophetin hatte Sam offensichtlich erwartet, denn sie empfing sie mit den Worten: »Da bist du ja, Tai’Samala.« Sie streckte ihre Drachenklaue nach der Runenschale aus. »Es ist Zeit, dass dieses Werkzeug mitsamt seinem schwarzelfischen Meister endlich vernichtet wird.«
»Zu welchem Preis?«, erkundigte sich Sam misstrauisch. Zwar war die Prophetin vollkommen neutral, ergriff niemals jemandes Partei und gab jedem, der sie um eine Weissagung bat, die gewünschte Information. Doch das hatte seinen Preis. Als Sam das letzte und bisher einzige Mal ihre Dienste in Anspruch genommen hatte, verlangte die Prophetin fünf Jahre ihrer Lebenskraft dafür. Die Zerstörung dieser Schale mochte erheblich mehr kosten.
»Dieser Dienst hat keinen Preis, Samala«, antwortete die Drachin. »Es gibt Dinge, die niemals hätten erschaffen werden dürfen und die zu vernichten sich jeder verpflichtet fühlen sollte.«
Sam war sich sicher, dass es noch einen anderen Grund für die Prophetin gab, keinen Preis zu verlangen, doch sie hatte nicht vor, dem geschenkten Gaul allzu lange ins Maul zu schauen. Sie reichte ihr die Schale. Die Drachin stellte sie vor sich auf den Boden und spie einen derart heißen Feuerstrahl darauf, dass Sam sich mit einem hastigen Sprung zur Seite vor der Hitze in Sicherheit brachte. Die Schale schmolz und verglühte zu Asche innerhalb einer einzigen Sekunde. Zurück blieb nur ein Brandfleck auf dem Boden und der verhallende maßlose Wutschrei des Svartalfs, in dem derart viel Hass steckte, dass Sam wünschte: »Ich hoffe, der findet niemals einen Weg zurück ins Leben.«
»Niemals«, bestätigte die Prophetin und blickte Sam einige Zeit interessiert an.
»Hast du mir irgendwas zu sagen?«, fragte diese misstrauisch.
»Willst du denn irgendetwas von mir wissen?«
Da gab es in der Tat ein paar Dinge, die Sam zu gern erfahren hätte; zum Beispiel wohin ihre Kitsune-Kräfte verschwunden waren. Vor allem, ob der Bokor Jacques LeGrand sie besaß und ob er es noch einmal fertigbringen würde, von den Toten zurückzukehren und sie heimzusuchen.
»Nein danke«, entschied sie dennoch. Zwar würde sie voraussichtlich an die siebenhundert Jahre leben, aber ein Jahr ihres Lebens war und blieb ein ganzes Jahr ihres Lebens, das sie am Ende vielleicht dringend brauchen würde. Ein einziges Jahr mochte in der einen oder anderen möglichen Situation durchaus einen Unterschied machen. Jedenfalls war Sam nicht bereit, ohne einen wirklich zwingenden Grund ein weiteres Lebensjahr aufzugeben.
Die Drachin lachte leise, wobei kleine Rauchwolken aus ihren Nüstern quollen. »Ja, Tai’Samala, ich hätte dir eine Menge zu sagen. Doch ich gebe Prophezeiungen nicht ungefragt.« Sie wandte sich um und stapfte in ihre Höhle zurück. Bevor sie völlig darin verschwand, drehte sie sich noch einmal um. »Deine Zukunft ist überaus interessant, Tai’Samala. Darin ist so viel Potenzial, sind so viele Chancen. Abhängig von den Entscheidungen, die du treffen wirst, ist sie aber derart verzweigt von beinahe unzähligen Möglichkeiten, dass nicht einmal ich vorhersagen kann, wohin dein Weg führen wird – ob ins Licht oder in die Finsternis. Alles ist offen. Nur eins ist gewiss: Wir beide sehen uns wieder.«
Die Dunkelheit ihrer Höhle verschluckte sie, und Sam kehrte in die Menschenwelt zurück. Sie hatte keine Lust, über diese kryptische Äußerung der Prophetin nachzudenken.
Als sie in dem verfallenen Industriegebäude ankam, war Lisa nicht mehr da.
»Sie wollte allein sein«, erklärte Gwyn auf Sams fragenden Blick und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wird sie sich sogar umbringen. Das wäre zwar bedauerlich, aber ihre Entscheidung.« Er nickte zu Haraldsson hinüber. »Wie verfahren wir mit ihm? Natürlich hat er Strafe verdient. Wir machen uns allerdings gewisse Sorgen darüber, was er der Polizei erzählen würde.«
»Nichts, absolut nichts!«, versicherte Haraldsson, der immer noch um sein Leben fürchtete.
Sam dachte einen Moment nach und begann schließlich wölfisch zu grinsen. »Da weiß ich etwas. Die Strafe wird seinen Verbrechen angemessen sein, aber er wird niemals in der Lage sein, über das zu sprechen, was er hier gesehen hat.« Sie wandte sich an die beiden Vampire. »Achtet ihr noch einen Moment auf Abby. Ich bin gleich wieder da.«
Sie packte Haraldsson am Arm und sprang mit ihm durch die Dimensionen in sein Haus, wo sie ihn unsanft in einen Sessel stieß und einen Zauber um ihn wirkte, der verhinderte, dass er jemals auch nur ein einziges Wort über die Runenschale, Psi-Vampire oder irgendein Ereignis preisgeben konnte, das damit zusammenhing. Als nächstes manifestierte sie einen weiteren Zauber, mit dem sie Abbys Leid – ihre Angst, ihre Schmerzen, ihre Todesfurcht, die Sam mitbekommen hatte, als sie das Kind heilte – auf Haraldsson übertrug. Der Mann würde jede einzelne Empfindung des Kindes am eigenen Leib erleben einschließlich aller Albträume, und zwar dreimal so lange wie Abby sie hatte aushalten müssen. Erst wenn Abby von ihrer Tortur genesen sein würde – falls ihr das überhaupt jemals gelang –, würde Haraldsson davon erlöst sein.
Ob ihn das arbeitsunfähig machte oder am Ende seine Seele zerbrach, war ihr gleichgültig. Ebenso ob er sich irgendwann umbrachte, wenn er es nicht mehr aushielt. Der Mann hatte aus purem Egoismus zugelassen, dass ein sechsjähriges Kind missbraucht wurde und beinahe dadurch umgebracht worden wäre. Sam empfand nicht das geringste Mitleid mit ihm. Mit einem letzten Zauber ließ sie ihn vergessen, dass er ihr, Sam Tyler, jemals begegnet war und verschwand.
Ingmar Haraldsson blieb als ein wimmerndes Bündel Angst und komplett gebrochener Mann zurück.

»Danke fürs Aufpassen, oh Meister der Nacht.« Sam verneigte sich leicht vor Gwyn und Stevie und hockte sich vor Abby hin, an deren Seite Simona immer noch ausharrte. »So, Abby, du hast es bald hinter dir. Ich bringe dich an einen Ort, wo du dich ausruhen kannst.«
Die Kleine blickte sie ängstlich an.
Sie fürchtet, dass du sie wieder in so ein Scheißkrankenhaus bringst, teilte Simona Sam mit.
Sam konnte zwar Simona »hören«, weil sie ein körperloser Geist war, aber sie war nicht in der Lage, Abbys Gedanken zu lesen. Sukkubi verfügten nicht über telepathische Fähigkeiten.
»Das ganz gewiss nicht«, versprach Sam. »Ich bringe dich zu netten Menschen, die sich um dich kümmern werden, Abby«, versprach sie. »Sie werden dich nicht einsperren, dich nicht mit Medikamenten vollstopfen oder irgendwas Böses tun. Ehrenwort.«
»Dann können wir wohl beruhigt davon ausgehen, dass du gut für das Kind sorgst, Sam?«, vergewisserte sich Gwyn, und die Dämonin nickte. »In dem Fall können wir uns zurückziehen. Unsere Aufgabe hier ist erledigt.« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Wir können Cronos vom Flughafen abholen, Stevie. Seine Maschine landet in einer halben Stunde.«
Stevie schüttelte den Kopf. »Ich wäre jetzt auch gern eine Weile allein«, sagte sie schlicht, sprang in die Luft und flog davon. Sie würde eine geraume Weile brauchen, um sich von dem heutigen Erlebnis zu erholen.
Gwyn blickte Sam an, trat auf sie zu und gab ihr einen innigen Kuss. »Danke für alles, Sam. Du warst uns eine große Hilfe.«
»Gern geschehen. Wir sehen uns, Gwyn. Schließlich bin ich immer noch deine Security-Chefin.«
Der alte Vampir lachte leise, winkte Abby zu und flog ebenfalls davon. Sam streckte einladend die Arme nach dem Kind aus, und Abby kam ohne zu zögern zu ihr. Sam hob sie auf den Arm, griff zu ihrem Handy und rief Ronan Kerry an.
»Ron, ich habe das entführte Mädchen gefunden«, teilte sie ihm mit. »Ich brauche eure Hilfe. Deine uns Sarahs. Vor allem aber Siobhans. Kann ich mit der Kleinen zu euch kommen? Ich meine sofort
Ronan bestätigte das, und Sam wandte sich an Abby. »Wir machen jetzt eine Reise der ganz besonderen Art, Abby. In einem Augenzwinkern werden wir gleich an einem ganz anderen Ort sein. Aber das muss dich nicht erschrecken. Meinst du, du kommst damit klar?«
Vertrau ihr, Abby, riet Simona, und das Kind nickte.
Sam sprang durch die Dimensionen direkt vor Ronans Haus und klingelte an der Tür. »Da sind wir, Abby. Alles klar?«
Das Kind nickte wieder und blickte sich staunend um. Sam fühlte, dass die Kleine zwar überrascht und auch verhalten neugierig war, aber momentan keine Angst empfand. Abby vertraute ihr tatsächlich vollkommen. Für Sam war das ein seltsames Gefühl, das sie nicht einordnen konnte.
Ronan und Sarah öffneten gemeinsam die Tür.
»Mein Gott! Das arme Kind!«, rief Sarah aus, als sie Abby sah, die bleich und erschöpft und mit schmutziger und teilweise zerrissener Kleidung in Sams Armen hing. Instinktiv streckte sie die Arme nach Abby aus, doch die Kleine klammerte sich an Sam fest.
»Abby, das sind meine besten Freunde, Sarah und Ron«, stellte Sam die beiden vor. »Sie sind die liebsten Menschen, die ich kenne. Ich glaube, Sarah hat sogar ein Glas Milch für dich. Du hast doch bestimmt Hunger.«
Abby nickte vorsichtig, blickte Sam aber besorgt an.
»Keine Angst, ich gehe nicht weg«, versprach Sam.
»Magst du mit mir kommen, Abby?«, fragte Sarah freundlich. »Ich habe auch Kekse.« Sie streckte dem Kind einladend die Arme entgegen, und Abby wechselte vorsichtig von Sam zu ihr.
Sarah trug Abby ins Wohnzimmer, wo ihre zweijährige Tochter Siobhan auf der Couch saß und mit einem Stofftiger spielte. Sam und Ronan folgten ihnen langsamer.
»Da du gesagt hast, dass du Siobhans Hilfe brauchst, habe ich sie aus dem Bett geholt«, erklärte Ronan. »Dafür dass du ihren Lebensbaum geschützt hast, hilft sie dir bestimmt gern, auch wenn sie noch nicht begreift, wie alles zusammenhängt.«
»Für mich hat sie schon genug getan«, brummte Sam. »Abby braucht dringend eine Seelenheilung – und Eltern«, fiel sie mit der Tür ins Haus.
Sarah blickte sie überrascht an, während sie Abby neben ihre Tochter auf die Couch setzte und danach in die Küche ging, um Milch und Kekse zu holen. Siobhan, die über die Kräfte einer Dryade verfügte sowie über intensive Seelenheilkräfte, spürte sofort, dass das ältere Mädchen seelische Qualen litt; wie sie auch vor zwei Wochen bei Sam gefühlt und augenblicklich zu heilen begonnen hatte. Dasselbe tat sie jetzt für Abby. Abby starrte das grünäugige Kind überrascht an, entspannte sich aber sichtbar.
Sarah kehrte mit einem Tablett zurück und begann, Abby mit Milch, Obst und Keksen zu füttern. Das Kind langte ausgehungert zu. Ronan betrachtete Abby mitfühlend, während Sam zusammenfasste, wie Abby in die Klinik gekommen und was ihr seitdem alles zugestoßen war, einschließlich der Tatsache, dass sie mehrfach hatte mit ansehen müssen, wie Menschen brutal ermordet wurden, um ihr Blut für ein perverses Ritual zu gewinnen.
»Oh das arme Kind!« Sarah war voller Mitgefühl und strich Abby über das strähnige Haar. »Was wird denn nun aus ihr?«
»Deshalb bin ich zu euch gekommen«, kam Sam zum Kernpunkt ihres Anliegens. »Sie ist Waise, und wenn wir sie der Fürsorge überlassen, stecken die sie wieder in ein Krankenhaus oder in ein Heim. Ich hatte gehofft, dass ihr sie bei euch aufnehmt, denn ich kann mich ja schlecht um sie kümmern.«
»Wieso nicht?«, fragte Ronan erstaunt.
Sam legte ihm einen Arm um die Schultern und schenkte ihm ein hinreißendes, wenn auch ironisches Lächeln. »Ron, du weißt, was ich bin. Sag mal ehrlich: Kannst du dir mich als Adoptivmutter für ein traumatisiertes Menschenkind vorstellen oder überhaupt als Mutter für ein Kind?«
»Letzteres durchaus«, war Ronan überzeugt und erntete dafür einen bitterbösen Blick von Sam. »Für ein traumatisiertes Menschenkind – nein. Das würde ich nicht mal mir zutrauen, wenn ich Siobhan nicht hätte. Ihr ein Vater zu sein, meine nicht, nicht die Mutter.«
Sam ging nicht auf den Scherz ein. »Also, was machen wir jetzt mit Abby? Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass sie wieder in irgendeine Klinik oder ein Heim kommt. Und es ist mir scheißegal, was ich dafür tun muss, um es zu verhindern.«
Ronan sah ihr in die Augen und entdeckte dort unbeugsame Entschlossenheit. Er warf einen Blick zu den beiden Kindern und Sarah hinüber, die eine Haltung eingenommen hatte wie eine Glucke, die ihre Küken beschützt. Vielmehr wie eine Kampfhenne, die bereit war, jedem die Augen auszukratzen, der den Kleinen auch nur zu nahe kommen sollte.
»Sarah, was meinst du? Wollen wir Abby adoptieren? Wir hatten doch der Tage ohnehin schon überlegt, ob wir nicht noch ein Kind bekommen wollen.«
Siobhans Heilmagie tat nun in vollem Umfang ihre Wirkung, und Abby begann übergangslos stumm zu weinen. Sarah legte sofort die Arme um sie und streichelte sie beruhigend. »Du armes kleines Ding! Ist ja gut, ist ja alles gut!« Sie wiegte Abby hin und her und sah Ronan zweifelnd an. »Abby ist, nach allem, was Sam gerade erzählt hat, schwer traumatisiert. Ich weiß nicht, ob uns das nicht überfordert.«
Ronan setzte sich neben sie und nahm seine Frau liebevoll in die Arme. »Siobhans Heilmagie wird den größten Teil davon neutralisieren«, war er überzeugt. »Sarah, Abby besitzt mediale Fähigkeiten, vielleicht auch magische Kräfte. Eine normale Familie könnte damit niemals umgehen. Früher oder später würde die Kleine wieder in einer psychiatrischen Klinik landen, wo man sie mit Medikamenten vollpumpt, um ihre ‚Wahnvorstellungen’ zu ‚heilen’. Das würde sie nicht lange überleben. Außerdem«, er sah ihr in die Augen, »braucht Abby uns. Wir haben Platz genug. Und mit einem Kindermädchen schaffen wir das schon.«
»Ich weiß von einem wirklich guten Kindermädchen, das zufällig gerade eine neue Arbeitsstelle sucht«, versicherte Sam und dachte dabei an einen Wächterdämon, den sie in Gestalt eines Kindermädchens zu Abbys und auch Siobhans Schutz verpflichten würde. »Und ich zahle auch ihr Gehalt.«
»Das wäre nicht recht, Sam«, protestierte Sarah reflexartig.
»Aber ja doch«, widersprach die Dämonin. »Keine Widerrede, Sarah. Ich verdiene genug Geld, um zehn Kindermädchen bezahlen zu können.«
Sarah streichelte Abby, die immer noch stumm weinte und gänzlich verloren wirkte. Die eigenen Eltern hatten die Kleine in eine Klinik abgeschoben, weil sie Angst vor ihren magischen Kräften hatten und sie dort der nicht existierenden Gnade eines Perversen überlassen. Allein der Gedanke, dass dieses Kind, dessen Seele ohnehin schon sehr fragil war, erneut fremden Menschen überlassen würde, die es nicht verstehen konnten, war ihr unerträglich.
Sie gab Abby und auch Siobhan einen Kuss auf den Scheitel. Entschlossen blickte sie anschließend Ronan an. »Ja«, sagte sie schlicht und schaute Abby an, die jetzt aus tränenblinden Augen ängstlich zu ihr auf sah. »Möchtest du bei uns bleiben, Abby? Bei Siobhan, Ronan und mir? Für immer? Möchtest du unsere Tochter sein?«
Abby blickte Sam an, die ermutigend lächelte. »Keine Sorge, Abby. Ich werde dich besuchen kommen, so oft ich kann und darf. Aber bessere Eltern könnte sich kein Kind wünschen. Willst du bei ihnen bleiben?«
»Jaaa.« Das Wort war nur ein Hauch und das erste, das Sam sie sprechen hörte.
»Prima«, fand Ronan und nickte Sam zu. »Können wir darauf zählen, dass du uns bei der Adoption unterstützt?«
Sam grinste. »Aber klar. Ich leihe euch meinen Anwalt aus und gebe ihm ein paar Hinweise, wie er das Gericht am besten dazu bringen kann, die Adoption zügig durchzuziehen.«
Ronan wusste, dass Sam mit diesen »Hinweisen« eine Magie meinte, die bewirkte, dass dem Anwalt alles gelingen würde, was er diesbezüglich anpackte und war erleichtert. Das Letzte, was er und vor allem Abby gebrauchen konnte, war eine langwierige Überprüfung durch das Jugendamt, ob er und Sarah tatsächlich geeignete Eltern für die Kleine waren.
»Eins noch, Sam«, bat er ernst. »Sollte Sarah und mir mal etwas zustoßen – was Gott verhüten möge! – so versprich mir, dass du dich dann um die Kinder kümmerst. Ich weiß, dass du das kannst«, wehrte er den Protest ab, zu dem sie gerade ansetzte. »Aber ich kenne wirklich niemanden, bei dem sie dann in besseren Händen wären als in deinen.«
»Ron, ich ...«
»Nein, Sam«, unterbrach er sie entschieden. »Du fühlst wie ein Mensch. Du kannst das. Bitte.«
Sam schüttelte energisch den Kopf. »Euch passiert schon nichts«, war sie überzeugt. »Aber ...«, sie zögerte und blickte die beiden Kinder nachdenklich an. »Okay, sollte der Fall eintreten, werde ich mich um die beiden kümmern so gut ich kann.«
Was in dem Fall bedeutete, dass sie sie bei Lady Sybilla und ihren Wächtern im Lotus Institut unterbringen würde. Dass sie selbst für Kinder sorgte, war für sie absolut undenkbar. Ihr reichte es schon, Danayas Mutter zu sein, die bereits eine Stunde nach ihrer Geburt erwachsen gewesen war. Sich jahrelang um Kinder kümmern zu müssen, war eine Aufgabe, der sie sich absolut nicht gewachsen fühlte.
Dieser Gedanke brachte ihr allerdings zu Bewusstsein, dass sie Danaya in letzter Zeit sträflich vernachlässigt hatte, weil sie seit Scotts Tod vermied, auch nur einen Fuß in die Unterwelt zu setzen, wo er umgekommen war. Durch Luzifers ursächliche Schuld, dessen Tochter Danaya war. Doch dafür konnte sie schließlich nichts, und es war ungerecht, sie dafür quasi in Sippenhaft zu nehmen. Sie würde ihre Tochter besuchen, sobald sie die Angelegenheiten hier geregelt hatte.
Sie wandte sich an Abby. »Ich habe noch ein paar wichtige Dinge zu tun«, erklärte sie dem Kind. »Kann ich dich hier bei Ron, Sarah und Siobhan lassen? Glaubst du, dass du mit ihnen klarkommst?«
Das Mädchen blickte Ronan und Sarah an und entdeckte in deren Gesichtern etwas, das sie nicht begriff.
Das ist Zuneigung, du Dummerchen, teilte ihr Simona mit, die unvermittelt aufgetaucht war. Liebe. Sie lieben dich, und sie werden dich beschützen. Ich habe dir doch gesagt, dass diese Dämonin dir aus dem Dreckloch in der Klinik heraushilft. Jetzt hat sie dir sogar Eltern verschafft, die dich lieben werden wie die Kleine da neben dir. Und die liebt dich sowieso schon, fügte der Geist traurig hinzu.
Sowohl Sam wie auch Ronan und Siobhan hatten Simona bemerkt und blickten verstohlen zu ihr hin. Nur Sarah nahm sie nicht wahr.
Abby zupfte Sam am Ärmel. »Hilfst du Simona?«, bat sie flüsternd.
Sam nickte. »Aber ja. Kein Problem.«
Echt? Simona war sichtlich hin und her gerissen zwischen Hoffnung und der Angst vor einer Enttäuschung.
»Ja, wirklich«, bekräftigte Sam an Abby gewandt, doch ihre Worte galten natürlich dem Geist.
»Wer ist Simona?«, wollte Sarah wissen.
»Meine Freundin«, erklärte Abby in einem Ton, als wäre das selbstverständlich. »Kannst du sie nicht sehen?« Mit jedem Wort, das sie sprach, wurde ihre Stimme sicherer und kräftiger.
»Erwachsene können die unsichtbaren Freunde von Kindern nicht sehen«, erklärte Ronan ihr und zwinkerte ihr zu, während Sarah diese Erklärung vollkommen akzeptierte.
Abby wusste, dass er Simona sehen konnte, begriff aber instinktiv, dass es Dinge gab, die sie in Sarahs Gegenwart besser für sich behalten sollte. Sie nickte, und die scheue Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.
»Ich gehe dann mal meinen Anwalt wecken, damit er unverzüglich eine einstweilige Verfügung erwirkt, die euch das vorläufige Sorgerecht überträgt«, verabschiedete sich Sam und gab Abby einen Kuss auf die Stirn. »Du musst dich nicht fürchten, Abby. Ich werde immer zur Stelle sein, wenn du mal Hilfe brauchst.«
Abby umarmte Sam fest und hatte jetzt überhaupt keine Angst mehr. Schließlich: was konnte ihr schon passieren, wenn eine Dämonin wie Sam ihre Freundin war?
Sam verließ das Haus und Simonas Geist folgte ihr. Du kannst mir wirklich helfen?, vergewisserte sie sich. Das war nicht nur so ’n typischer Erwachsenenscheiß, damit ich Ruhe gebe?
Sam schmunzelte. »Nein, ganz und gar nicht«, versicherte sie. »Wir treffen uns in ein paar Stunden bei mir zu Hause.«
Sie verschwand, um alles Notwendige in die Wege zu leiten, damit Abby nicht noch mehr belastet wurde und endlich zur Ruhe kommen konnte.
Doch es wurde nicht nur für sie eine lange Nacht, in der sie als Erstes Jason Goldstein jr. aus dem Bett klingelte, den Anwalt, für den sie ab und zu arbeitete. Der wiederum klingelte eine ihm gut bekannt Familienrichterin aus dem Bett, die eine einstweilige Verfügung über das Sorgerecht ausstellte, nachdem sie sich unverzüglich Ronan und Sarah angesehen und aus Abbys eigenem Mund gehört hatte, dass sie bei den Kerrys bleiben wollte. Mit etwas Nachhilfe durch Sams Magie legte sie die Adoptionsverhandlung für die nächste Woche fest, sodass Abby bereits in wenigen Tagen ein festes Mitglieder der Familie Kerry sein würde.
Nachdem das erledigt war und Abby endlich total erschöpft und unter der Aufsicht eines angeblich ebenfalls aus dem Bett geklingelten Kindermädchens namens Sally Warden im Haus der Kerrys schlief, kümmerte sich Sam wie versprochen um Simona. Dem Geist des Mädchens zu helfen, seine Bindungen an die Welt zu lösen, war schnell erledigt, und Simona verschwand mit einem hörbaren Jubelruf in dem Licht, das auf sie wartete.
Anschließend setzte Sam sich in ihrem Haus in ihren Lieblingssessel und ließ die Ereignisse der letzten 24 Stunden Revue passieren. Vieles war geschehen, das ihr zu denken gab. Gwyns seltsames Verhalten, nachdem er ihr Blut getrunken hatte zum Beispiel. Zwar hatte sie seine Begründung dafür akzeptiert, doch sie wusste genau, dass er noch etwas vor ihr verbarg. Auch die seltsame Äußerung der Prophetin beschäftigte sie. Doch dieses Rätsel würde sie nur lösen können, wenn sie die Drachin danach fragte, was sie nicht wollte, denn so wichtig war das im Moment nicht. Die Dinge, die geschehen sollten, würden geschehen, ob sie im Voraus davon wusste oder nicht.
Am Verwirrendsten war jedoch das Erlebnis mit Abby. Das bedingungslose Vertrauen des Kindes in sie hatte sie seltsam berührt und sie hatte ein merkwürdiges Gefühl dabei empfunden. Schon wieder irgend so eine menschliche Regung, die sie nicht verstand. Aber sie fühlte sich gut an. So gut, dass sie für einen Moment ernsthaft erwogen hatte, die Kleine zu sich zu nehmen und selbst für sie zu sorgen. Doch wie sie bereits zu Ronan gesagt hatte, war sie wohl die denkbar schlechteste Mutter für ein Menschenkind.
Sie warf einen Blick auf das Foto von Scott, das er ihr einmal geschenkt hatte, als sie noch nicht zusammen wohnten und das sie nach seinem Tod so aufgestellt hatte, dass sie es von ihrem Lieblingssessel aus sehen konnte. Sie stellte fest, dass der Schmerz, den sie bei seinem Anblick immer verspürte, längst nicht mehr so stark war wie noch vor ein paar Wochen.
Sam hatte das Gefühl, dass ihr Leben sich nicht nur langsam wieder zu normalisieren begann, sondern dass sie durch das überstandene Leid innerlich stärker geworden war. Sie stand auf, ging langsam durch ihr Haus, betrat jedes einzelne Zimmer und ließ die Erinnerungen, die sie darin mit Scott verbanden, vor ihrem geistigen Augen vorbeiziehen. Sie fühlte immer noch Wehmut und eine gewisse Traurigkeit über seinen Tod, aber beides hinderte sie nicht mehr daran, das Leben wieder zu genießen. Was noch wichtiger war, sie empfand keinen Widerwillen mehr dagegen, ihre gewohnte Arbeit für die Menschen zu tun.
Als sie Scotts Schlafzimmer betrat, das immer noch so aussah, wie er es am Tag seines Todes verlassen hatte, entschied sie, dass es an der Zeit war, dieses Kapitel ihres Lebens endgültig abzuschließen. Scott war unauslöschlich in ihren Erinnerungen präsent, und sie brauchte keine äußeren Erinnerungen an ihn. Das Foto von ihm, das ab jetzt in ihrem Arbeitszimmer stehen sollte, war Äußerlichkeit genug.
Kurz entschlossen zauberte Sam ein paar Umzugskartons ins Zimmer und begann, Scotts Sachen einzupacken, nahm mit jedem Stück endgültig Abschied von ihm. Die Kleiderkammer der Heilsarmee würde sich in den nächsten Tagen über eine reichhaltige Spende freuen können.
Für einen Moment glaubte sie, Scotts Anwesenheit zu spüren und ihn erleichtert »Na endlich!« sagen zu hören und wusste, dass sie das Richtige tat.

Lotus Institut, Denver, Colorado; drei Wochen später

»Ich glaube dir kein Wort, Vesgyn«, grollte Axaryn der Bronzene und musste sich beherrschen, um den Priester nicht zu packen und zu schütteln und noch ganz andere – sehr viel schmerzhaftere – Dinge mit ihm zu tun.
»Warum sollte ich lügen?«, konterte Vesgyn mit einer gewissen Schärfe. »Samala hat mich angegriffen. Und wir sollten uns endlich ernsthaft überlegen, wie wir mit dem Problem umgehen sollen, das sie darstellt.«
Die beiden Männer saßen zusammen mit Dr. Bryce Connlin in Lady Sybillas Büro. Vesgyn hatte seit seinem Besuch bei Sam mit sich gerungen, ob er den Wächtern des Lotus Instituts mitteilen sollte, was sich dabei abgespielt hatte. Nach reiflicher Überlegung hielt er es schließlich für seine Pflicht, zumindest Sybilla davon in Kenntnis zu setzen. Die hatte natürlich Axaryn zu dem Gespräch gebeten, da er Sam von ihnen allen am besten kannte. Und Connlin als Hauspsychologe war ohnehin bei fast allen Besprechungen anwesend.
»Du hast ein Problem mit Samala, und zwar ein persönliches«, beschuldigte Axaryn Vesgyn. »Ich schlage vor, dass du das auch mit ihr persönlich klärst, statt hier Stimmung gegen sie zu machen.«
»Ich mache nicht Stimmung gegen sie, ich sage nur, was sie getan hat«, konterte Vesgyn scharf.
»Und damit kommst du erst nach drei Wochen an?«
Das Telefon auf Sybillas Schreibtisch klingelte, und die Hexe und Chefin der Wächter nahm das als willkommene Gelegenheit, den Streit zu unterbrechen. Wann immer die Sprache auf Sam kam, gerieten Axaryn und Vesgyn unweigerlich aneinander. Der Bronzedämon war häufig Sams bevorzugter Sexpartner, und nicht nur deswegen herrschte zwischen den beiden Männern eine tiefe Rivalität, die ihren Ursprung in ihrer gemeinsamen Vergangenheit hatte, von der Sams Ahninnen ein Teil waren.
»Ich grüße Euch, Lady Sybilla«, sagte der Anrufer in altertümlichem Englisch, das er meistens benutzte, wenn er mit ihr sprach. Sie erkannte seine Stimme sofort.
»Gwynal! Was verschafft mir die Ehre Eures Anrufs?«
»Ich habe Euch etwas über Sam Tyler mitzuteilen.«
Lady Sybilla seufzte tief und schaltete den Lautsprecher des Telefons ein, damit die anderen das Gespräch mithören konnten. »Sprecht bitte, Gwynal. Wir sind gerade hier versammelt und plagen uns mit eben diesem Problem. Vielleicht hilft das, was Ihr uns mitzuteilen habt, es zu lösen.«
»Mit Sicherheit«, war der alte Vampir überzeugt. »Vertraut ihr, Mylady, und zwar vollkommen.«
»Ha!«, triumphierte Axaryn.
»Euer Urteil in allen Ehren, alter Freund«, antwortete Lady Sybilla, »aber was bringt Euch zu dieser, hm, Überzeugung? Wie ich soeben erfahren habe, hat sie Vesgyn neulich angegriffen.«
»In dem Fall solltet Ihr Vesgyn mal fragen, womit er sie dazu provoziert hat«, schlug der Vampir vor.
»Ha!«, triumphierte Axaryn erneut. »Ich hab’s doch gewusst! Raus mit der Sprache, Priester! Was hast du getan? Und versuch gar nicht erst, es zu leugnen.«
Vesgyn konnte nicht verhindern, dass er errötete. »Ich habe nichts getan«, beharrte er. »Außer ... nun, ich war am Anfang nicht allzu höflich und wollte ohne ihre Erlaubnis ihre Gedanken lesen. Aber das rechtfertig nicht ihren Angriff!«
Axaryn knurrte aufgebracht. »Also doch! Und dann wagst du es, Samala zu verleumden, indem du behauptest, die hätte dich grundlos angegriffen! Was bezweckst du damit?«
»Schluss!«, verlangte Lady Sybilla scharf. »Gwynal, Ihr wolltet uns erklären, wie Ihr zu dieser Meinung gekommen seid.«
»Ich habe ihr Blut gekostet, und Ihr wisst, Mylady, was das für einen Vampir bedeutet.«
»Natürlich. Und Ihr habt dabei was herausgefunden, Mylord Gwynal?«
»Sam ist keine Dämonin.«
»Was?«, fuhr Vesgyn auf.
»Unmöglich!«, bestritt Axaryn vehement. »Das ist ganz und gar unmöglich! Sie ist die Nachfahrin einer ganzen Reihe von reinblütigen Dämonen, und daran gibt es nicht den geringsten Zweifel!«
»Ich muss mich korrigieren«, antwortete Gwyn ruhig. »Sie ist nicht vollständig Dämonin, sondern ein Hybrid. Ein Mischling, und ich hätte niemals geglaubt, dass eine solche Kombination überhaupt möglich ist. Zu welcher, hm, Spezies die andere Hälfte von ihr gehört, kann und darf ich allerdings nicht preisgeben. Fragt bitte nicht weiter danach. Ich kann euch nur so viel sagen, dass Sam wahrscheinlich selbst nicht weiß, dass sie keine reinblütige Dämonin ist, und es ist definitiv nicht die Zeit, es ihr zu sagen. Und auch nicht unsere Aufgabe. Wenn es so weit ist, wird, wie ich mir sicher bin, eine dafür zuständige Person sich ihr offenbaren.«
»Wer sollte das sein?«, grollte Axaryn und schien nicht überzeugt.
»Ihr – Vater.«
»Benyun? Der wird sich hüten, wie ich ihn kenne.«
»Nicht dieser Vater«, widersprach der Vampir kryptisch. »Doch genug davon. Behaltet das Geheimnis für euch, so wie ich es auch tun werde. Nur so viel: Sam trägt ein angeborenes Licht in sich, das selbst die größte Finsternis niemals zerstören kann. Und, was für euch noch wichtiger ist: Sie hat zwar eine sehr dunkle Seite, aber es ist definitiv nichts wirklich Böses nach unserer Definition in ihr.«
Eine Weile herrschte Schweigen, ehe Lady Sybilla zögernd sagte: »Das fällt mir schwer zu glauben. Ihr habt sie nicht vor einem halben Jahr erlebt. Sie stand an Luzifers Seite und verkörperte vollkommen die Finsternis. Und nach dem Tod ihres Gefährten hätte sie mindestens einen Menschen getötet, wenn wir sie nicht daran gehindert hätten. Ich vertraue zwar Eurem Urteil, alter Freund, aber ich bin mir dennoch nicht sicher, ob Ihr Euch in diesem Punkt nicht irrt.«
Gwynal antwortete nicht direkt darauf. »Axaryn, wie viele Menschen und andere Wesen hast du getötet, nachdem du dich von der Unterwelt losgesagt hast?«
»Eine Menge«, gab der Dämon unumwunden zu. »Das war allerdings, bevor ich ein Wächter wurde. Und auch als Wächter habe ich einige getötet.«
»Und du, Vesgyn, Erzpriester von Atlantis? Wie viele waren es bei dir?«
Vesgyn errötete und blickte verlegen zur Seite. »Einige«, gestand er. »Aber nur in Notwehr.«
»Ja, weil ich dich unter anderem daran gehindert habe zu versuchen, Sata und ein paar andere Dämonen umzubringen, nachdem er Tarynya getötet hatte«, erinnerte ihn Axaryn grinsend. »Zumindest diese versuchten Morde waren keine Notwehr. Und erzähle uns jetzt nicht, das wäre doch was gaaanz anderes gewesen, weil es sich bei den potenziellen Leichen um Erzdämonen handelte. Auch die haben ein Recht zu leben.«
Vesgyn schwieg.
»Und Ihr, Lady Sybilla?«, setzte Gwynal seine Befragung fort.
»Nun ...«, begann die Hexe zögernd.
»Was ich damit sagen will«, unterbrach der alte Vampir sie, um sie nicht allzu sehr in Verlegenheit zu bringen, »ist, dass selbst wir Wächterinnen und Wächter auf die eine oder andere Weise Schuld auf uns geladen und sogar getötet haben. Trotzdem sind wir Wächter, und trotzdem haben die Höchsten Mächte unseren entsprechenden Eid akzeptiert. Sam ist nicht besser, aber auch kein bisschen schlechter als wir. Also vertraut ihr. Bedingungslos.«
Der Vampir wartete eine weitere Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung. Die Anwesenden blickten einander eine Weile stumm an.
»Was hat das zu bedeuten?«, überlegte Lady Sybilla schließlich laut.
»Das, was dieser Vampir gesagt hat«, entschied Axaryn schulterzuckend. »Vertrauen wir Samala. Und vielleicht glaubt ihr mir ja jetzt endlich, dass sie tatsächlich nicht Gefahr läuft, sich auf die Seite der Finsternis zu schlagen. Ganz gleich, wie dunkel es immer noch in ihr aussehen mag.«
Ohne ein weiteres Wort verließ er Sybillas Büro, und Bryce Connlin folgte ihm. Lady Sybilla wandte sich an Vesgyn. »Im Gegensatz zu Axaryn glaube ich zwar nicht, dass du Sam absichtlich verleumden wolltest, aber ich hätte gern gewusst, was zwischen euch tatsächlich vorgefallen ist.«
»Was ich schon sagte. Das Einzige, was man mir vorwerfen kann, ist tatsächlich, dass ich unerlaubt versucht habe, Samalas Gedanken zu lesen. Doch angegriffen hat sie mich erst sehr viel später, als ich sie wieder verlassen habe, vielmehr sie mich rausgeworfen hat. Sie hat mich mit einem Psi-Pfeil geblendet, und das war in dem Moment pure Rachsucht. Davon bin ich überzeugt, und davon gehe ich auch nicht ab bis zum Beweis des Gegenteils.«
»Nun, einen Denkzettel hattest du in Anbetracht der Umstände tatsächlich verdient«, rügte die Hexe. »Vesgyn, du bist nicht nur ein Wächter, sondern auch ein Priester des Lichts. Trotzdem hast du etwas getan, das sich sowohl nach unseren wie auch nach den Regeln deines Ordens absolut nicht gehört. Vielleicht hat Sam hinsichtlich der Heftigkeit ihres Denkzettels ein bisschen überreagiert, aber verdient hattest du ihn. Wieso hast du versucht, das als willkürlichen Angriff darzustellen?«
Vesgyn blickte verlegen zu Boden. »Weil ich ihn so empfunden habe, Sybilla. Samala hätte nicht ...« Er unterbrach sich, trat ans Fenster, stützte die Hände auf das Sims und blickte hinaus. Wie sollte er der Hexe erklären, was für Gefühle Samala in ihm auslöste und wie unsicher ihn das machte. Er wandte sich um, als er Sybillas Hand auf seiner Schulter fühlte.
»Du meinst, Tarynya hätte das niemals getan«, vermutete sie. »Vesgyn, Samala ist nicht Tarynya, auch wenn sie ihr, wie du sagst, sehr ähnlich sieht. Du solltest versuchen, sie als eigene Persönlichkeit und Person zu sehen und sie nicht mit Tarynya vergleichen. Das kann nur schiefgehen. Was dabei herauskommt, hast du ja gerade gesehen. Weil Tarynya dir niemals etwas angetan hätte, fühltest du dich zutiefst verletzt dadurch, dass Sam dir einen Klaps auf die Finger gegeben hat, obwohl du genau den durch dein Verhalten provoziert hast.«
»Sie hätte mich sehr leicht töten können«, erinnerte Vesgyn die Hexe.
Lady Sybilla lächelte. »Unabhängig von dem, was Gwynal über sie gesagt hat, weiß ich über Sam eins mit absoluter Gewissheit: Wenn sie dich hätte töten wollen, Vesgyn, so wärst du jetzt tot. Du solltest die Sache mit ihr klären«, riet sie dem Priester. »Aber erst, nachdem du deine Gefühle für Tarynya und für Sam nicht mehr miteinander verwechselst.« Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Ich werde mich jedenfalls bei Sam für das Misstrauen entschuldigen, das wir ihr entgegengebracht haben.«
Sie trat an ihren Schreibtisch, griff zum Telefon und wählte Sams Nummer, während Vesgyn nachdenklich ihr Büro verließ. »Hallo Sam«, sagte sie freundlich, als sich die Dämonin mit einem »Was gibt es, Sybilla?« meldete.
»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen. Von Angesicht zu Angesicht. Kannst du gleich mal kommen?«
»Ich bin sofort da.«

Keine zwei Minuten später saß Sam der Hexe in deren Büro gegenüber. »Ich höre«, sagte sie schlicht.
»Ich wollte mich bei dir für das Misstrauen entschuldigen, das wir Wächter dir in letzter Zeit so vehement entgegengebracht haben.«
Sam blieb beinahe der Mund offen stehen vor Verblüffung, ehe sie erkannte, woher dieser Wind wehte. »Lass mich raten, Sybilla. Ein gewisser Vampirwächter namens Gwyn Harper hat sich bei euch gemeldet und ein gutes Wort für mich eingelegt, stimmt ’s?«
»Das kann ich nicht leugnen. Er ist der Überzeugung, dass du bedingungslos vertrauenswürdig bist. Ich kenne Gwynal schon seit Jahrhunderten. Er hat mir damals geholfen, die Wächter zu gründen. In solchen Dingen hat er sich noch nie geirrt. Also, Sam, wir vertrauen dir. Und du bist hier jederzeit willkommen – uns, nicht nur Axaryn.«
Sam tat einen tiefen Atemzug. »So sehr ich das einerseits auch zu schätzen weiß, Sybilla, so hätte ich es doch begrüßt, wenn ihr von selbst zu diesem Schluss gekommen wärt und es dazu nicht erst der Fürsprache eines Vampirs bedurft hätte.«
»Nun«, antwortete die Hexe vorsichtig, »du musst zugeben, dass du uns seit dem Tod deines Verlobten wenig Anlass gegeben hast, an deine guten Absichten zu glauben. Zeitweilig sah es verdammt danach aus, dass überhaupt nichts Gutes mehr in dir ist.«
»Touché«, gab Sam zu. »Ich habe mir allerdings sagen lassen, dass manche Menschen genauso reagieren, wenn ihr Geliebter umgebracht wird. Ich brauche nur einen beliebigen Fernsehkanal einzuschalten und kann sicher sein, dass auf mindestens einem davon gerade ein Film läuft, in dem ein Mann den Tod seiner Frau, Geliebten, Familie, seines Partners oder eine Frau den Tod ihres Mannes, Geliebten, Kindes etc. blutig an dem oder den Verursachern rächt. Der Tenor dieser Filme ist«, fügte sie ironisch hinzu, »dass der arme Rächer ja vor Trauer so außer sich war, dass seine Morde aus dem Grunde nicht nur entschuldbar, sondern auch noch gerechtfertigt wären. Jedenfalls verdächtigt kaum ein Mensch eine solche Person, sich dadurch auf die Seite des Teufels zu stellen. Aber weil ich eine Dämonin bin, ist das bei mir ja was ganz anderes, auch wenn ich in der Lage bin, dieselben Gefühle zu empfinden wie ihr Menschen. Wenn ich so handle, werfe ich mich damit ja gleich Luzifer an den Hals.«
Lady Sybilla blickte Sam sichtlich zerknirscht an. »Es tut mir leid, Sam. Aber du hast recht. Wir haben dich tatsächlich so behandelt, weil du eine Dämonin bist, und das war falsch von uns. Ich kann durchaus verstehen, dass du sauer auf uns bist.«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht sauer auf euch, Sybilla«, versicherte sie der Wächterin und überlegte, ob sie sich ihr ebenso anvertrauen sollte wie Axaryn. Vielleicht wäre das gar nicht mal verkehrt. »Ich war nur verwirrt, weil ich das nicht verstanden habe. Vielleicht habe ich mich auch verletzt gefühlt. Das kann ich nicht sagen. Ich bin für die menschlichen Gefühle nicht geschaffen, die ich leider besitze, deshalb weiß ich nicht mit ihnen umzugehen. Was für euch alle so selbstverständlich und alltäglich ist, ist für mich etwas Fremdes und Verwirrendes. Vielleicht lerne ich im Laufe der Zeit noch damit umzugehen.« Sie sah der Hexe in die Augen. »Worüber ich allerdings tatsächlich sauer bin, ist die Tatsache, dass ihr einerseits etwas von mir wollt, gleichzeitig aber etwas Wichtiges vor mir verbergt. Das ist die Art der Dämonen, aber unter menschlichen Freunden soll so was nicht üblich sein, habe ich mir sagen lassen.«
Sie blickte Sybilla auffordernd an, die jetzt tief errötete. »Auch dafür muss ich mich entschuldigen, Sam. Wir hätten gerade in diesem Punkt von Anfang an offen zu dir sein sollen – sein müssen, wie Axaryn uns geraten hat.«
»Vielleicht solltet ihr bei Gelegenheit mal auf seinen Rat hören«, konnte Sam sich nicht verkneifen zu sagen.
»Ich würde dir gern alles erklären, Sam, aber das wird eine Weile dauern. Wir sollten uns Zeit dafür nehmen.«
»Okay«, stimmte Sam zu. »Ich habe diese Woche noch ein paar Fälle zu erledigen, aber nächste Woche hätte ich so viel Zeit wie du willst.«
»Das passt mir ausgezeichnet.« Lady Sybilla blätterte in ihrem Terminkalender. »Nächsten Mittwoch wäre es günstig. Ich lade dich zum ganz profanen Abendessen in meinem Appartement ein. Und ich glaube«, sie lächelte verschmitzt, »Axaryn wird mit Freuden die Rolle des Desserts übernehmen.«
Sam musste über ihre Wortwahl lachen und stellte fest, dass sie zum ersten Mal seit Scotts Tod wieder echte Heiterkeit empfand. »Mittwoch also«, stimmte sie zu. »Ich werde zur Stelle sein.« Sie blickte die Hexe ernst an. »Ich freue mich, dass wir unsere Differenzen beigelegt haben. Für immer, hoffe ich.«
»Von unserer Seite aus in jedem Fall«, versicherte Lady Sybilla. »Und, Sam, ich hätte dich immer noch gern als Wächterin in unseren Reihen. Mein diesbezügliches Angebot bleibt bestehen.«
Sam nickte ihr zu und stand auf. »Ich werde es mir überlegen – nach dem nächsten Mittwoch.«
Sie verschwand und kehrte mit einem Sprung durch die Dimensionen in ihr Büro zurück. Während sie die Fälle durchsah, die zur Erledigung anstanden, um zu entscheiden, um welchen sie sich zuerst kümmern würde, dachte sie über die unerwartete Entwicklung nach, die sich in dem Verhältnis der Wächter zu ihr abzeichnete. Vor allem war sie neugierig auf das, was Lady Sybilla ihr am Mittwoch zu sagen hatte. Alles in allem empfand sie die Entspannung zwischen ihr und der Hexe als wohltuend und war Gwyn überaus dankbar, dass seine Fürsprache das ermöglicht hatte.
Er, Stevie und die anderen Wächter, die zu seinen Konzerten gekommen waren, waren danach wieder abgereist. Lediglich Gwyns Freund Cronos war geblieben, denn ein paar Vampire hatten sich entschieden, Cleveland zu ihrem neuen Domizil zu machen. Der Rat der Wächter hatte entschieden, dass einer von ihnen denen helfen sollte, sich hier zu etablieren. Sam traf sich recht häufig mit ihm und genoss die spontane Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte.
Auch die neueste Schlagzeile im Plain Dealer, Clevelands größter Tageszeitung, hob ihre Stimmung. Der dazugehörige und überaus engagiert geschriebene Bericht teilte den Lesern mit, dass im St. Mary’s Hospital mehrere Morde einer okkulten Sekte aufgedeckt worden waren, die einige der der Klinik anvertrauten Kinder unter Drogen gesetzt und für perverse Rituale missbraucht hatte. Der Drahtzieher und Leiter der Klinik, Dr. Marcus Samson, war allerdings leider entkommen und die Fahndung nach ihm bis jetzt ergebnislos.
Was sie natürlich auch bleiben würde, da Samson tot war. Nachdem sie Abby bei Ronan und Sarah untergebracht hatte, hatte sich Sam gleich am nächsten Tag um dieses lose Ende der Affäre gekümmert und mit einem Zauber dafür gesorgt, dass alle Klinikmitarbeiter, die entsprechenden Dreck am Stecken hatten, diesen in vollem Umfang gestanden, ohne allerdings etwas über die wahren Zusammenhänge verraten zu können. Offiziell hieß es, dass alle ermordeten Kinder und deren ebenfalls ermordete Eltern von Samson und seinen Kumpanen umgebracht worden waren, um an das Geld zu kommen, das die Klinik erbte, wenn es keine lebenden Erben mehr gab – eine Verfügung, zu denen Samson die Eltern genötigt hatte. Angeblich brauchte er das als »Sicherheit« dafür, dass die Behandlungskosten bezahlt würden. Sam hatte auch hier die entsprechenden Beweise beschafft, und niemand kam auf die Idee, in einer anderen Richtung nachzuforschen.
Für die »Geisterseher« unter den ehemaligen Patienten der Klinik war ebenfalls gesorgt. Dr. Bryce Connlin, anerkannter Spezialist und Koryphäe für die Behandlung schwerst Traumatisierter, hatte sie alle in seine Klinik im Lotus Institut geholt, um sie dort zu behandeln, nachdem er von dem Fall – offiziell – aus der Presse erfahren hatte. Sie würden, sobald sie von ihrem Martyrium genesen waren, dort lernen können, mit ihren besonderen Kräften umzugehen und später ein weitgehend normales Leben führen.
Sams Gedanken wurden unterbrochen, als die Türglocke einen Besucher ankündigte. Eine böse Vorahnung überfiel sie, als sie hörte, dass er sich bei ihrer Sekretärin als Amos Kumara vorstellte und höflich nach einem Termin fragte. Amos Kumara war in Cleveland kein Unbekannter, sondern der Starreporter des Plain Dealers, dessen Artikel sie gerade gelesen hatte. Dass der Mann, dem sämtliche Informationsquellen offenstanden, ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte, war äußerst ungewöhnlich. Sie signalisierte Molly Spring, dass sie Kumara empfangen würde, und der Dienergeist führte den Journalisten herein.
Kumara war ein hochgewachsener Afroamerikaner Mitte fünfzig, der eine goldumrandete Brille trug. Schon bei seinem Anblick erkannte Sam den Grund für ihre negative Vorahnung. Den Mann umgab eine Aura der Macht. Es gab keinen Zweifel daran, dass Amos Kumara über magische Kräfte verfügte, auch wenn sie nicht an Sams Fähigkeiten heranreichten.
Sie reichte ihm die Hand. »Mr. Kumara, es ist mir eine Ehre und auch eine große Überraschung, dass Sie meine Dienste in Anspruch nehmen wollen. Bitte nehmen Sie Platz.«
Der Journalist setzte sich. »Miss Tyler, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum. Ich weiß, dass Sie über besondere Fähigkeiten verfügen. Genauer gesagt über magische Macht, von der ich hoffe, dass sie meine bescheidenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet übersteigt. Deshalb kam ich zu Ihnen.«
Sam ließ sich nicht anmerken, dass diese Eröffnung sie mehr als überraschte. »Wie kommen Sie denn auf die Idee?«, fragte sie in einem Tonfall, als hätte Kumara etwas völlig Absurdes behauptet.
Der Schwarze gestattete sich ein flüchtiges Lächeln. »Wie ich gerade sagte, verfüge auch ich über geringe magische Kräfte. Für das, was ich von Ihnen will – und wofür Sie sich hoffentlich von mir engagieren lassen – sind aber erheblich stärkere Fähigkeiten erforderlich. Deshalb habe ich ein Ritual durchgeführt, das mir eine Person finden sollte, die über solche Kräfte verfügt, und es führte mich zu Ihnen.«
Er beugte sich vor und sah Sam eindringlich in die Augen. »Miss Tyler, niemand, der verantwortungsvoll mit seiner Magie umgeht, würde damit jemals an die Öffentlichkeit gehen. Von Ihnen habe ich auch noch nie dergleichen gehört. Ihre nahezu hundertprozentige Erfolgsquote spricht allerdings eine deutliche Sprache.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich über Ihr Geheimnis schweigen werde bis ans Ende meiner Tage. Nur bitte helfen Sie mir.«
Sam war sich zwar nicht sicher, wie weit sie Kumaras Zusicherung trauen konnte, aber für den Fall der Fälle gab es ja immer noch einen Vergessenszauber sowie ein paar andere Möglichkeiten, ihn nachhaltig zum Schweigen zu bringen. »Ich nehme Sie beim Wort, Mr. Kumara. Worum geht es?«
»Um meinen Bruder Aaron. Er ist ein mächtiger Houngan 6 , und wir stehen in regelmäßigem Kontakt. Den hat er allerdings vor zwei Wochen auf eine unglaublich rüde Weise abgebrochen, die nicht zu ihm passt und ist verschwunden. Ich kann ihn nicht mehr finden. Davon abgesehen hatte ich bei unserem letzten Gespräch den Eindruck, dass Aaron nicht mehr er selbst ist. Als wäre er ein vollkommen Fremder ...«

Ende

Fussnoten:

1 altnordisches Wort = Zauberin, Priesterin, Wahrsagerin
2 Svartalf = Schwarz- oder Dunkelelf
3 Draugr = Untoter der nord. Mythologie, Körper eines Verstorbenen, der das Grab verlässt, die Lebenden heimsucht und über übermenschliche Kräfte verfügt
4 Surtr = ein Feuerriese, Feind der Asen (= der nordischen Götter)
5 altnordisches Wort = Zauberkundiger
6 Voodoo-Hohepriester

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Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Runen
Als Runen bezeichnet man Schriftzeichen germanischen Ursprung, die in 6 verschiedene Alphabete unterschieden werden, »Futhark« genannt nach ihren ersten 6 Buchstaben (TH zählt als ein Buchstabe). Der genaue Ursprung ist nicht bekannt. Vermutlich entstanden die überlieferten Runenalphabete aus verschiedenen anderen Schriften, da sie teilweise Übereinstimmungen mit sowohl phönizischen wie auch etruskischen Schriftzeichen aufweisen. Im germanischen Raum tauchten sie nachweislich erst in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. als Inschriften auf Waffen und Opferplätzen in Jütland und Schweden auf. Das Wort »Rune« stammt vom urgermanischen Wort »rūn« (später erweitert zu »runa«) = Geheimnis.
Ursprünglich wurden die Runen ausschließlich zu religiösen/magischen Zwecken benutzt und als Schutzsymbole und Sympathiezauber verwendet. Erst später begannen sie sich auch als Schrift für Profanes zu etablieren (Grabinschriften, später Lehrtexte etc.).
Man unterscheidet insgesamt 6 verschiedene Runenalphabete: 1. das altnordische (und älteste) Futhark mit 24 Buchstaben, 2. das gemeingermanische mit ebenfalls 24 Zeichen, 3. die angelsächsische Runenreihe (8. – 12. Jahrhundert) mit anfänglich 28, später 33 Zeichen, 4. die nordischen Runen (ca. 800 – 1050 n. Chr.) mit 16 Zeichen, 5. die Armanen-Runen mit 18 Zeichen, die Guido von List in Anlehnung an die 18 »Zauberlieder« der Edda zusammenstellte, in denen der Gebrauch und die Bedeutung der Runen beschrieben werden und 6. die Wikinger-Runen mit ebenfalls 18 Zeichen, die sich in Esoterikerkreisen entwickelten und bis auf ein einziges Zeichen mit den Armanen-Runen identisch sind.
Wenige Menschen wissen, dass wir unser Wort »Buchstabe« den Runen zu verdanken haben. Es leitet sich ab von »Buchenstab«, denn auf dünnen Aststücken (= »Buchenstäbe«) der den Nordleuten und Germanen heiligen Buche wurden die Runen geritzt, die sie für ihre Orakel verwendeten. Außerdem entsprechen die altnordischen Runen bis auf wenige Abweichungen unserem heutigen Alphabet, wenn auch nicht immer im Aussehen der Zeichen.
Auf dem europäischen Festland (mit Ausnahme der nordischen Länder) endete die Verwendung der Runen als Schriftsystem im Zuge der Christianisierung und der damit verbundenen Einführung der lateinischen Schrift im 7. Jahrhundert. Auf den britischen Inseln konnten sie sich noch bis ins 10. Jahrhundert erhalten. Lediglich in den nordischen Ländern hatten sie bis ins 15. Jahrhundert Bestand.
Ein Revival erlebten die Runen gegen Ende des 18. Jahrhunderts in esoterischen Kreisen. Vorreiter war Guido von List (1848 – 1919), Gründer des Armanen-Ordens. Durch den ideologischen Missbrauch der Runen während der NS-Zeit gerieten sie jedoch in Verruf, der ihnen bis heute anhaftet. Selbst ernstzunehmende Runenforscher müssen sich heutzutage immer noch gefallen lassen, mit (Neo-)Nazis in einen Topf geworfen zu werden.

Quellen: Meyers Lexikon Band 19; Edred Thorsson: »Runelore«, Barbara Walker: »Encyclopedia of Myths & Secrets«

Orakel
Das Wort Orakel stammt vom lateinischen Wort »orare« = »beten« und bezeichnet eine Form von Zukunfts- bzw. Schicksalsdeutung mit Hilfe von Zeichen, die von einem Medium (Mittler/-in) gedeutet werden. Beim Orakel spricht eine höhere Macht (Gott/Götter) durch eben diese Zeichen, weshalb die ersten Orakeldeuter ausschließlich Priester/-innen waren. Die für die Orakel verwendeten Zeichen (»Omen«) reichen vom Vogelflug über das »Lesen« in den Eingeweiden von Opfertieren, Erdformationen, dem Werfen von Kaurischnecken bis hin zur Deutung aus (beschnitzten/bemalten) Knochen und Systemen wie den Runen oder den Tarotkarten. Das älteste Orakel aus Knochen stammt aus China und wird auf das ca. 16. – 14. Jahrhundert v. Chr. datiert.

Quelle: Meyers Lexikon Band 17; Barbara Walker: »Encyclopedia of Myths & Secrets«

Vampire
Vampire (auch Vampyre) glaubt heutzutage jeder zu kennen, da sie gegenwärtig in Literatur und Film stark vertreten sind. Das Wort »Vampir« stammt aus dem Serbischen und bezeichnet ein dämonenähnliches Nachtgeschöpf, das sich vom Blut anderer Lebewesen ernährt. Allerdings taucht der Vampir nicht nur in Osteuropa auf; nahezu jede Kultur kennt ihn, wenn auch unter einem anderen Namen und mit einer jeweils anderen Mythologie. So gibt es in Afrika nicht nur blutsaugende Vampire, sondern auch den Obayifu, eine Vampirart, die sich von Pflanzenenergie ernährt, aber auch Blut trinken kann. In China heißt der Vampir Chiang Shih, in Schottland Baobhan Sith, in Südostasien Aswang, in Griechenland nennt man sie Lamien. Der Vampir ist ebenfalls in Südamerika beheimatet und als »Nightwalker« auch den nordamerikanischen Indianerstämmen bekannt.
Mit dem Erscheinen von Bram Stokers »Dracula« wurde der Vampirmythos in der Neuzeit geprägt und seitdem unzählige Male variiert. Galten die Vampire seitdem als teuflische Untote, so begann sich das Bild zu ändern, als Anne Rice ihren Roman »Interview mit dem Vampir« schrieb, der eine Revolution dieses Bildes auslöste. Von da an wurde nahezu alles möglich für den Vampir – bis hin zum zuckersüßen, asexuellen, im Tageslicht wandelnden Jüngelchen.
Die Psychologie sieht im Mythos des Vampirs jedoch (u. a.) die Sehnsucht nach leidenschaftlichem (und »verbotenem«) Sex verbunden mit der Erotik der als stimulierend empfundenen Todesgefahr. Und nicht umsonst heißt der Orgasmus auf Französisch »le petit mort« = der »kleine Tod« ...

Quelle: Diverse

Psi-Vampire/Sympathen
Psi-Vampire, auch Sympathen genannt, sind Wesen, die sich von den Emotionen anderer, bevorzugt von Menschen ernähren. In der Mythologie wie auch in der Literatur spielen sie nur selten eine Rolle, weshalb ihre Merkmale nicht genau festgelegt sind. Meistens werden sie als Dämonen niederer Ordnung bezeichnet, die über keinerlei magische Kräfte verfügen und mit den bluttrinkenden Vampiren nichts gemein haben.
Jedoch sind Psi-Vampire die einzige Art mythischer Wesen, die tatsächlich auch in der Realität zu finden ist, und zwar in Form von Menschen, die anderen meistens nicht nur ihre Zeit stehlen, sondern in ihrer Ich-Bezogenheit derart anstrengend sind, dass man sich nach einer Begegnung mit ihnen total erschöpft und ausgelaugt fühlt.

Quelle: Diverse

Ghouls/Ghule
Hauptsächlich im arabischen Sprachraum beheimatete leichenfressende Dämonen mit Eselsbeinen und den Oberkörpern von Menschen. Ein Ghoul kann verschiedene Gestalten annehmen, behält dabei aber immer seines Eselsbeine. Die weibliche Ghula lockt Reisende in die Wüste, um sie dort zu fressen. Mit den Erzählungen aus 1001 Nacht hielten die Ghouls (eingedeutscht »Ghule/Gule«) auch in der westlichen Literatur und Mythologie Einzug.

Quelle: Wikipedia

Im nächsten Roman:

Noch bleibt das Geheimnis um Sams wahre Herkunft im Dunkeln. Außerdem hat sie vorerst ganz andere Sorgen. Jacques LeGrand, der Bokor, den sie bereits zweimal getötet hat, nutzt seine letzte Lebenszeit, um endlich seine Rache an ihr zu vollenden. Dabei soll ihm ausgerechnet Jessie Johnson helfen, eine Schülerin aus dem Internat des Lotos-Instituts der Wächter. Es gelingt ihm, das junge Mädchen unter seine Kontrolle zu bringen und sich ihrer außergewöhnlichen Gabe zu bedienen.
Doch nicht nur Jessie steht »Im Bann des Voodoo-Priesters«. Mit der neuen Macht, über die er nun verfügt, verwandelt LeGrand einen Freund von Sam nach dem anderen in ihren Feind. Zudem ist der Bokor nicht der Einzige, der ihren Kopf will. Ein Dämonenjäger hat es ebenfalls auf sie abgesehen und erweist sich als immun gegen ihre magischen Kräfte. Dass ausgerechnet Ronan Kerry unter LeGrands Einfluss ihr obendrein noch einen grauenvollen Mord anzuhängen versucht und sogar Sams Tochter Danaya die Situation gegen sie ausnutzt, erscheint dagegen beinahe wie eine Lappalie ...

»Im Bann des Voodoo-Priesters« erscheint in doppelter Jubiläumslänge am 05. Juni 2010 bei

© Mara Laue

 

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