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Band 9 - Das Schwarze Rudel

Hunkpapa-Sioux-Reservat Standing Rock, South Dakota, 1998
»Verräter!« Ivans Stimme klang eisig und hasserfüllt zugleich. »Hast du ernsthaft geglaubt, dass ihr uns entkommen könntet, Nikolai?« Er wandte sich an die dunkelhaarige Frau, die sich mit gefletschten Zähnen schützend vor zwei fünf- und achtjährige Jungen gestellt hatte. »Wenigstens du hättest es besser wissen müssen, Yelena. Aber ich bin großzügig und gebe euch die Chance, euch mir wieder anzuschließen.«
»Niemals!«, knurrte die schöne Frau.
»Lasst uns in Ruhe, Ivan«, forderte Nick nachdrücklich und warf den acht Männern und Frauen, die sie eingekreist hatten und die ebenso nackt waren wie er und seine Familie, einen warnenden Blick zu.
Ivan trat dicht an ihn heran. »Euch in Ruhe lassen?«, wiederholte er knurrend. »Das könnte dir so passen! Niemand verlässt das Rudel und untergräbt meine Autorität. Am allerwenigsten mein eigener Bruder!« Er spuckte vor Nick aus. »Du schuldest mir als deinem Rudelführer Loyalität, wenn schon nicht als Bruder. Das hast du wohl vergessen.«
»Keineswegs, Ivan. Doch du hast dir meine Loyalität verscherzt, als du begonnen hast, unschuldige Welpen zu töten, nur um deinen Blutdurst zu befriedigen. Das ist nicht die Art des Wolfs«, fügte er an die anderen gewandt nachdrücklich hinzu, die allerdings nicht den Eindruck machten, als interessierten sie sich für die strikten Regeln ihrer Art. Er wandte sich wieder an seinen Bruder. »Regeln wir das unter uns auf die herkömmliche Weise: Ich fordere dich heraus zum Kampf um deine Stellung als Rudelführer.«
Ivan lachte. »Ach, Nikolai, das hatten wir doch schon einmal. Falls du es vergessen haben solltest: Du hast verloren.«
»Und du hast wohl dein Vertrauen in deinen eigenen Anspruch als Anführer verloren, dass du dich weigerst, meine Herausforderung anzunehmen«, höhnte Nick. »Außerdem hast du damals nur gewonnen, weil du betrogen und nicht fair gekämpft hast.«
Ivans Augen flammten. »Das hättest du nicht sagen sollen, Bruder. – Haltet ihn fest!«, befahl er den anderen.
Drei von ihnen packten Nick ohne zu zögern und hielten ihn eisern umklammert. Zwar wehrte er sich verbissen, doch gegen drei starke Werwölfe gleichzeitig kam auch er nicht an. Ivan trat so dicht vor ihn hin, dass ihre Nasen einander beinahe berührten.
»Ich werde deine Herausforderung annehmen, Nikolai. Aber vorher erteile ich dir noch eine Lektion darin, welche Folgen es hat, sich gegen mich zu stellen.«
Im nächsten Moment stand ein riesiger schwarzer Wolf vor Nick, der sich ohne zu zögern auf seine beiden Kinder stürzte. Nick brüllte auf und wand sich in dem Klammergriff der Werwölfe, die ihn hielten. Yelena warf sich Ivan in den Weg, jetzt ebenfalls eine Wölfin, doch Ivan rammte sie mit der Schulter und stieß sie derart brutal zur Seite, dass sie ein paar Meter weit flog, ehe sie auf dem Boden aufprallte. Sofort kam sie wieder auf die Beine, doch es war bereits zu spät. Ivan hatte die Kinder erreicht und biss zu.
Nick hörte die Knochen krachen, als sein Bruder den Kopf seines jüngsten Sohnes zwischen den Kiefern zermalmte, ehe er den Leichnam mit einer beinahe verächtlich wirkenden Bewegung fortschleuderte, den anderen fünf vor die Füße, die ebenfalls Wolfsgestalt angenommen hatten und sich sofort gierig über die Überreste des Kindes hermachten.
Der ältere Junge suchte sein Heil in der Flucht, kam aber nicht weit. Ivan hatte ihn nach wenigen Schritten eingeholt und riss dem Kind die Kehle heraus, bevor Yelena wie eine Kanonenkugel gegen ihn prallte und knurrend nach seiner Kehle schnappte.
Nick, jetzt ebenfalls ein Wolf, versuchte zu ihr zu kommen, um wenigstens noch sie zu beschützen, doch die drei anderen Wölfe drängten ihn ab, warfen ihn zu Boden, verbissen sich in ihm und verhinderten, dass er Ivan tötete, der mit Yelena kämpfte, die immer noch versuchte, seine Kehle zwischen ihre Fänge zu bekommen. In ihrer Wut entwickelte sie gewaltige Kräfte, und es hätte schlecht für Ivan ausgesehen. Doch weder er noch seine Gefolgsleute spielten fair.
Zwei Wölfe verbissen sich in Yelenas Hinterbeine, brachen sie mit ihren kräftigen Kiefern entzwei und rissen sie ihr förmlich vom Körper. Sie stürzte zu Boden, und der wahnsinnige Schmerz verwandelte sie wieder in einen Menschen. Sie brüllte markerschütternd, während ihr Blut in einem riesigen Schwall aus ihren zerfetzten Beinstümpfen ins Gras des Waldes strömte. Ivan beobachtete es mit lüstern funkelnden Augen.
Er ging aufreizend langsam zu der Sterbenden und leckte das aus ihren Wunden quellende Blut geräuschvoll auf, wohl wissend, dass jede Berührung seiner rauen Zunge ihr zusätzliche Schmerzen verursachte. Bevor sie das Bewusstsein verlor, legte er sich auf sie und leckte ihr beinahe wie ein Liebender über die Lippen. Im nächsten Moment schlossen sich seine Kiefer über ihren Kopf und zermalmten ihr schönes Gesicht, bevor er sich daran machte, den Rest ihres Körpers mit Krallen und Zähnen in Stücke zu reißen.
Nick gelang es endlich, sich von seinen Angreifern zu befreien, und er stürzte sich auf ihn. In seiner maßlosen Wut, wahnsinnigen Trauer und höllischem Hass war er allerdings nicht mehr in der Lage, noch klar zu denken, und so hatte Ivan leichtes Spiel mit ihm. Er wich geschickt dem Angriff aus, verbiss sich in seines Bruders Genick und zwang ihn zu Boden. Der Rest des Rudels fiel augenblicklich über Nick her und begann ihn zu zerreißen. Nick heulte auf vor Schmerz und Wut. Er biss um sich und hatte noch die Befriedigung, einem seiner Peiniger – leider nicht Ivan – die Kehle herauszureißen, bevor sie ihn töten konnten.
Ein Schuss peitschte in das Rudel, und die Wölfin, die gerade ihre Zähne in Nicks Hals schlagen wollte, wurde zur Seite geschleudert. Sie stürzte tot zu Boden. Ein zweiter Schuss traf den Wolf, der sich in Nicks Bauch verbissen hatte und gerade dabei war, ein großes Stück Fleisch aus ihm herauszureißen. Auch der war auf der Stelle tot. Jetzt begriffen auch Ivan und die anderen, dass sie es nicht mit normalen Jägern zu tun hatten, die da auf ihren Pferden herangaloppiert kamen, sondern mit solchen, die ihn und die anderen als Werwölfe identifiziert hatten und genau wussten, wie man ihresgleichen tötete: mit Silberkugeln.
Der nächste Schuss streifte Ivans Schulter, der widerwillig von Nick abließ und mit einem letzten hasserfüllten Knurren die Flucht ergriff. Der Rest des Rudels folgte ihm. Wenige Augenblicke später waren sie im dichten Wald verschwunden, nachdem eine letzte Kugel noch einen von ihnen getötet hatte.
Nick versuchte, auf die Beine zu kommen, schaffte es aber nicht. Er blutete aus unzähligen Wunden. Sein halber Körper war zerbissen, die Organe beschädigt, und er hatte keine Ahnung, ob der diese Verletzungen überlebt hätte, selbst wenn die Jäger – Indianer – ihn am Leben gelassen hätten. Er nahm ihren Geruch wahr, als sie ihre Pferde zügelten, abstiegen und näher kamen und schloss mit seinem Leben ab, denn sie waren keine Menschen, sondern ebenfalls Werwölfe.
Allerdings gehörten sie zu den Lichtwölfen, die sich strikt an die Gesetze ihrer Art hielten, sie verteidigten und jeden Dunkelwolf töteten, der ihren Weg kreuzte. Ihren Anführer umgab außerdem der unverkennbare Geruch eines Wächters.
Sie traten an ihn heran und blickten mitleidlos auf ihn herab. Nick hatte nicht mehr die Kraft, sich gegen sie zu wehren. Er fletschte nur die Zähne und stieß ein heiseres Knurren aus, während sein geschundener Körper gegen seinen Willen wieder menschliche Gestalt annahm, was seine Schmerzen beinahe ins Unermessliche steigerte.
Dies war also das Ende, und es war gut so. Seine geliebte Yelena und seine Welpen waren tot, und er würde ihnen gleich nachfolgen. Es gab ihm sogar eine gewisse Befriedigung, dass es die Lichtwölfe waren, die ihn töten würden und nicht Ivan. Wenigstens dieser Triumph war seinem Bruder dadurch verwehrt.
Einer der Männer hob die Hand mit der mit Silberkugeln geladenen Pistole und richtete den Lauf auf Nicks Kopf. Nick sah ihn furchtlos an und erwartete die Kugel. Doch der Anführer der Lichtwölfe drückte den Arm seines Kameraden nach unten.
»Warte. Die anderen wollten diesen hier töten. Vielleicht kann er uns nützlich sein. Wir nehmen ihn mit.«
Nein! Nick wollte es hinausbrüllen, doch er war inzwischen auch zu schwach zum Sprechen. Sein Blickfeld verengte sich und wurde langsam dunkel. Das Letzte, was er sah, bevor sein Geist ins Nichts fiel, war, wie sich die Lichtwölfe zu ihm herabbeugten und nach ihm griffen. Doch ihre Berührungen spürte er schon nicht mehr.

Yelena rief nach ihm, und Kolja und Aljoscha winkten ihm lachend zu. Er streckte die Hände nach ihnen aus und wollte zu ihnen eilen, doch eine unsichtbare Kraft hielt ihn fest. Plötzlich war Ivan da, warf ihm einen triumphierenden Blick zu, stürzte sich auf seine Familie und zerfetzte ihre Leiber, bis nur noch winzige blutige Stücke von ihnen übrig waren, die er genussvoll zu fressen begann ...
Nick fuhr mit einem Schrei aus dem Albtraum hoch und wurde augenblicklich von wahnsinnigen Schmerzen im ganzen Körper wieder auf das Lager gezwungen. Er stöhnte und hatte Mühe zu atmen. Die Luft war erfüllt vom Geruch nach verbranntem Salbei, Süßgras und Zedernholz. In unmittelbarer Nähe schlug jemand eine Trommel, ein anderer sang ein monotones Lied, und ein Feuer neben ihm verbreitete angenehme Wärme.
Nick fühlte Hände, die ihm eine kühlende Paste auf den Körper strichen, und der Schmerz ließ langsam nach. Das Lied verklang, die Trommel verstummte, und das Feuer knisterte leise. Nick zwinkerte, um klar sehen zu können und erkannte, dass er sich in einem Zelt befand, das nach traditioneller Sioux-Art errichtet worden war. Ein Schatten fiel über ihn, und er identifizierte den Mann an seinem Geruch als den Wächter unter den Lichtwölfen, die ihn gefangen hatten.
»Ich bin Brian Wolfheart«, stellte der sich vor, während er sich neben ihn hockte. »Hunkpapa-Sioux. Du bist hier in Sicherheit. Wir werden deine Wunden heilen. Danach werden wir entscheiden, wie wir mit dir verfahren.«
Nick antwortete ihm nicht, und der Indianer schien auch keine Antwort erwartet zu haben.
»Dieses Zelt ist mit einem Schutzzauber umgeben, den du nicht durchdringen kannst. Ich rate dir also, das gar nicht erst zu versuchen, es sei denn, du willst dir noch mehr Schmerzen zufügen, als du ohnehin schon hast. Die gute Nachricht ist, dass du überleben wirst. Aber es wird eine Weile dauern.«
Nick antwortete auch darauf nicht. Es gab nicht viele Dinge, die einen Werwolf zu töten vermochten. Außer den Silberkugeln, die allerdings lebenswichtige Organe oder das Gehirn treffen mussten, um tödlich zu sein, gab es nur noch drei: Feuer, eine heilige Lanze mit einer Spitze aus Menschenknochen und der tödliche Biss eines anderen Werwolfs. Aus Brian Wolfhearts Sicht gesehen mochte es ein Glück sein, dass Nick noch lebte, nachdem sein eigenes Rudel ihm schwerste Verletzungen zugefügt hatte. Er selbst empfand es jedoch als einen Fluch. Einen Fluch, den er allerdings, falls er tatsächlich am Leben blieb und die Lichtwölfe ihn am Ende nicht doch noch umbrachten, ungezügelt an den weitergeben würde, der ihn verdient hatte: Ivan.
»Hier steht Wasser und was zu Essen«, erklärte Brian Wolfheart und deutete auf eine Stelle neben dem Kopfteil des Lagers. »Wenn du sonst etwas brauchst, genügt es zu rufen. Wir werden dich in jedem Fall hören.« Er nickte ihm zu. »Wenn du wieder gesund bist, reden wir.«
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und verließ das Zelt. Nick schloss die Augen, öffnete sie aber gleich wieder. Sobald er sie schloss, sah er das entsetzliche Bild vor sich, wie Ivan seine kleinen Söhne tötete und Yelena zerfleischte. Der Hass brandete so stark in ihm auf, dass sein ganzer Körper schmerzte. Gut! Schmerz zeigte ihm, dass er am Leben war und weiterleben würde, um Ivan zu töten. Vielleicht würde sein Hass ihn selbst eines Tages ebenfalls zerstören. Im Moment jedoch war er die Quelle der Kraft, die ihm das Überleben ermöglichte. Nur das zählte.

Nick blickte mit finster gerunzelter Stirn auf das Tribunal der Lichtwölfe, die sich versammelt hatten, um ein Urteil über ihn zu fällen. Seit seinem Kampf mit Ivan waren fast drei Monate vergangen. Seine Verletzungen waren dank Brian Wolfhearts schamanischen Zeremonien und Heilkünsten vollständig verheilt und Nick wieder in Topform.
Man hatte ihn gut behandelt, was ihn wunderte, denn die Lichtwölfe machten keinen Hehl daraus, dass sie ihn für das hielten, was er war: ein Dunkelwolf, weshalb sie ihm alles mögliche Schlechte zutrauten. Dennoch hatten sie ihn aufgepäppelt und ihm alles gegeben, was er brauchte, obwohl sie ihn natürlich gefangen hielten und scharf bewachten, damit er nicht fliehen konnte. Jetzt saßen sie über ihn zu Gericht und würden ihn vielleicht doch noch töten.
»Du bist ein Mitglied eines Schwarzen Rudels«, hielt Brian Wolfheart ihm vor. »Einer von den Rassimov-Wölfen, hinter denen wir schon seit Jahrzehnten her sind. Dein Schicksal hängt jetzt davon ab, ob du uns zufriedenstellend erklären kannst, warum dein eigenes Rudel dich töten wollte.«
Nick hatte nicht vor, mit diesen Wölfen, die immer noch seine Feinde waren, über etwas so Persönliches zu sprechen. Doch wenn sie entschieden, ihn zu töten, konnte er Ivan nicht verfolgen, um seine Familie zu rächen.
»Meine Frau Yelena und ich haben uns schon lange vom Rudel losgesagt und mit unseren Kindern unser eigenes Leben geführt. Aber mein Bruder Ivan fürchtete, dass meine dadurch offen demonstrierte Ablehnung seiner Führung auch noch andere animieren könnte, meinem Beispiel zu folgen und dadurch seine Autorität als Rudelführer untergraben würde. Also verfolgte er uns. Jahrelang. Als wir uns weigerten, uns ihm wieder anzuschließen, hat er Yelena und unsere Welpen getötet und hätte dasselbe auch mit mir getan, wenn ihr nicht gekommen wärt.«
Er starrte die Lichtwölfe missmutig an und hatte ihnen noch längst nicht verziehen, dass sie ihn am Leben erhalten hatten.
»Wir wachen über unsere Art und die Einhaltung der Gesetze, wie du weißt«, sagte Brian schließlich. »Wir beseitigen die Gefahr, die Dunkelwölfe wie euer Rudel für uns und die Menschen darstellen, indem wir sie töten. Aber du bist anders als der Rest deines Rudels. Nach den Informationen, die wir über dich eingeholt haben, hast du dich von Anfang an nie an Ivans Grausamkeiten beteiligt. Trotzdem können wir dich nicht einfach so gehen lassen.«
Es war zu erwarten gewesen, dass sie ihn überprüften. Schließlich gab es seit gut 150 Jahren eine Gruppe von Jägern, die sich PROTECTOR nannte und offiziell eine renommierte Detektei mit Zweigstellen in der ganzen Welt unterhielten. Hinter ihrer biederen Fassade war aber ihre eigentliche Tätigkeit die Jagd auf Werwölfe, Vampire, Hexen und Dämonen. PROTECTOR besaß eine Datei über jeden Werwolf, von dessen Existenz sie je erfahren hatten. Und die Rassimov-Wölfe waren ihnen ein besonderer Dorn im Auge, weil Ivan sich zu oft einen Spaß daraus gemacht hatte, die Jäger zu verhöhnen, an der Nase herumzuführen und zu töten. Natürlich steckte auch Nick in ihren Dateien.
Er zuckte mit den Schultern. »Dann tötet mich. Ihr tut mir damit sogar einen Gefallen.«
»Wir töten niemanden, wenn es nicht unumgänglich ist«, erklärte ihm Brian. »Außerdem scheint es so, als wäre in dir noch etwas Gutes. Was würdest du tun, wenn wir dich gehen ließen?«
»Ich würde Ivan jagen und nicht eher ruhen, bis ich ihn und das ganze verdammte Rudel von Mördern vernichtet habe.« Er konnte nicht verhindern, dass er seinen Entschluss hasserfüllt herausknurrte.
»Das wäre ganz in unserem Sinn«, stellte Brian ruhig fest. »Gesetzt den Fall, dass du das schaffst und die Konfrontation am Ende überlebst, was wirst du danach tun?«
Nick zuckte mit den Schultern. »Weiterziehen. Wie immer. Und ich bin deine Fragen jetzt langsam leid. Tötet mich, oder lasst mich endlich gehen.«
Die Indianer sahen ihn schweigend an, und Nick schwieg zurück.
Schließlich nickte Brian Wolfheart. »Du kannst gehen, Nick Rassimov. Solange du keinem Menschen Schaden zufügst und dich an die Gesetze unserer Art hältst, werden wir dich in Ruhe lassen. Aber wir behalten dich natürlich im Auge.«
»Natürlich«, grollte Nick und stand auf.
»Ivans Rudel wurde gestern an der kanadischen Grenze am Big Fork River gesehen. Wahrscheinlich will er wieder nach Kanada.«
»Danke«, quetschte Nick widerwillig heraus. Sein Wagen stand vermutlich immer noch auf dem einsamen Waldparkplatz, auf dem er und Yelena ihn abgestellt hatten. Er würde ihn holen und Ivan folgen, und alle Teufel der Hölle mochten seinem Bruder gnädig sein, wenn er ihn zu fassen bekam.

Lotos Institut für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft, Denver, Colorado, September 2009
Tai’Samala seufzte zufrieden und ließ sich auf das Bett zurücksinken. Ein Hüne mit einem markanten Gesicht mit goldfarbenen Pupillen, die die gesamte Oberfläche seiner Augäpfel ausfüllten, beugte sich grinsend über sie.
»Schon genug?«, fragte Axaryn spöttisch. »Ich bin noch längst nicht am Ende mit meiner Lust.«
»Du meinst wohl Lüsternheit«, korrigierte Sam schmunzelnd. »Oder sollte ich sagen: Geilheit?«
»Wie immer du es nennen willst«, meinte der Dämon grinsend, kniete sich vor sie hin, spreizte langsam ihre Schenkel und lag im nächsten Moment auf ihr. Sein großes Glied suchte erneut den Weg in ihre Liebesgrotte, und Sam ließ ihn gewähren. Sie schlang die Arme um ihn, zog ihn zu sich herab und biss ihm in die Schulter. Axaryn stöhnte erregt und gab sich der neu erwachenden Leidenschaft hin, zu der Sam ihn anstachelte, genoss die ungezügelte Wildheit in dem feurigen Strudel, in den sie ihn mit ihrer Lockmagie unwiderstehlich hineinzog und fühlte sich großartig dabei.
Auch Sam genoss den Sex mit ihm sehr und das nicht nur, weil die Vitalität des Dämons ihr mehr als genug Sexenergie gab, die sie als Sukkubus zum Leben brauchte. Es machte einfach Spaß mit ihm, denn er war kein schwacher Mensch, weshalb Sam ihre eigene Wildheit hemmungslos mit ihm ausleben konnte. Und falls es Axaryn störte, dass er praktisch nur eine Notlösung für sie war, so ließ er es sich nicht anmerken. Seit ihr Verlobter Scott Parker vor einem halben Jahr von einem Dämon getötet worden war, hatte Sam es noch nicht wieder über sich bringen können, mit einem Menschenmann zu schlafen. Wenn sie den Sex nicht zum Überleben gebraucht hätte, so würde sie sogar immer noch enthaltsam leben. Doch sie erholte sich langsam von dem Verlust.
Natürlich war ihr klar, dass Axaryn sie in mehr als einer Hinsicht aus reinem Eigennutz fütterte. Da war zunächst die persönliche Komponente, von der sie wusste, dass die ihm die wichtigste war. Axaryn war über fünfzehntausend Jahre alt und hatte nicht nur mit Sams Urahnin Menéssia das gehabt, was man heute eine leidenschaftliche Affäre nannte. Er war außerdem der Blutsgefährte von Menéssias Tochter Tarynya gewesen, die wiederum auch die Tochter eines Erzpriesters von Atlantis gewesen und später die Frau von dessen Bruder Vesgyn geworden war.
Nach allem, was Sam durch das Wissen des Blutes erfahren hatte – jener Fähigkeit, die ihrer Art Zugang zu den Erinnerungen aller ihrer Vorfahren bis ins letzte Glied ermöglichte –, sah sie sowohl Menéssia wie auch Tarynya frappierend ähnlich. Das weckte nicht nur in Axaryn Erinnerungen und entsprechende Gefühle und Gelüste, sondern, wie Sam vermutete, auch in Vesgyn. Der letzte Überlebende von Atlantis hatte sich allerdings noch nicht mit ihr in Verbindung gesetzt, obwohl er bereits ihre Nähe gesucht, aber jeden Kontakt vermieden hatte.
Der Grund dafür bildete auch Axaryns zweites eigennütziges Motiv, mit Sam zu schlafen. Er und Vesgyn waren Wächter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die magischen Aktivitäten der Menschen zu überwachen, besonders die der Hexen und Zauberer. Die Wächter schützten die Menschheit vor den Mächten des Bösen in all ihren Erscheinungsformen und sorgten natürlich auch dafür, dass die Existenz echter Magie von so wenigen Normalsterblichen wie möglich erkannt wurde.
Vor nicht allzu langer Zeit – genauer gesagt bis zum Tag von Scotts Tod – hatte deren Chefin, Lady Sybilla Oliphant, noch alles daran gesetzt, Sam als eine Wächterin zu gewinnen. Nachdem Sam aber für einige Zeit durch Scotts Verlust komplett ausgerastet war und sich beinahe vollständig ihrer dunkelsten Seite ergeben hatte, misstraute man ihr im Lotus Institut. Dass Sam regelmäßig kam, um mit Axaryn zu schlafen, nutzte zumindest der Dämon, um sie dadurch wieder auf den »Pfad der Tugend« zurückzuführen.
Es braute sich etwas zusammen in den drei Welten der Menschen, der Götter und der Unterwelt, was als das »Ritual der Entscheidung« bekannt war. Aus irgendwelchen Gründen glaubten die Wächter vom Lotus Institut, dass Sam bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle zukam, weshalb sie sie unbedingt fest auf ihrer Seite haben wollten, wenn es soweit war. Auch deshalb ermutigte Axaryn sie, ihn so oft wie möglich im Institut zu besuchen.
Sam interessierten seine Beweggründe herzlich wenig. Axaryn war momentan das einzige Wesen, in dessen Gegenwart sie sich einigermaßen ausgeglichen fühlte. Sie hatte eine geraume Weile gebraucht um zu begreifen, dass das dem entsprach, was die Menschen Geborgenheit nannten und wünschte sich wieder einmal, sie wäre nicht in der Lage, wie ein Mensch zu fühlen. In dem Fall hätte sie Scotts Tod längst überwunden und würde sich nicht so entsetzlich verloren fühlen.
Sie schob die düsteren Gedanken energisch beiseite und konzentrierte sich auf den Sex mit Axaryn, den sie zur Abwechslung einmal etwas zärtlicher gestalteten als bisher, nachdem Sam im letzten halben Jahr die wilde, um nicht zu sagen brutale Variante vorgezogen hatte, die sie in der Form nur mit Axaryn ausleben konnte, da ein Mensch und selbst ein Inkubus das kaum überlebt hätte.
»Wie geht es dir, Samala?«, fragte der Dämon schließlich, als sie nach einer dritten Runde über eine Stunde später endlich voneinander abließen und Sam sich in seinen Armen zufrieden zusammengekuschelt hatte, statt wie sonst unmittelbar nach dem Akt zu verschwinden, was er für ein positives Zeichen hielt.
»Danke, ich bin restlos satt.«
»Das meinte ich nicht, und das weißt du auch. Wie fühlst du dich?«
Sam reagierte gereizt. »Warum fragst du mich nicht einfach nach dem, was du wirklich wissen willst?«, grollte sie. »Ob ich in Gefahr bin, zur dunklen Seite überzulaufen.«
Axaryn blieb gelassen. »Das ist nebensächlich, Samala. Wir machen uns Sorgen um dich.«
»Wir?«, höhnte sie. »Ihr Wächter habt doch bloß Angst, dass die Finsternis in mir über das Licht siegen könnte, in welchem Fall ich eine äußerst gefährliche Gegnerin wäre.«
Axaryn drückte sie überraschend sanft an sich und streichelte ihre nackte Schulter. »Ich habe ganz gewiss keine solche Angst, und ich denke, das weißt du. Glaub mir, Samala, wir machen uns wirklich in erster Linie Sorgen um dein Wohlergehen um deinetwillen. Du hast deine Mitte verloren, und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm so etwas ist. Ob du dadurch am Ende das Licht oder die Finsternis wählst, ist allein deine Entscheidung. Natürlich wäre es aus unserer Sicht elend schade, wenn du dich für die Finsternis entschiedest, aber wir würden das respektieren.«
»Und mich hinterher bis aufs Blut bekämpfen«, ergänzte Sam nüchtern.
»Selbstverständlich, denn wir sind Wächter, und das ist unsere Aufgabe.« Er gab ihr unvermittelt einen leidenschaftlichen Kuss. »Aber ich weiß, dass diese Gefahr nicht besteht. Zumindest im Moment nicht.«
Sam löste sich von ihm und seufzte. »Warum überzeugst du dann nicht Lady Sybilla davon?«
»Das musst du schon selbst tun.«
Er wollte noch ein paar Erklärungen hinzufügen, unterließ es aber. Täte er es, würde sie sich von ihm in eine ihm genehme Richtung gedrängt fühlen, und er wusste nur allzu gut, wie sie darauf reagierte. Sie würde auf der Stelle verschwinden und sich für Tage oder sogar Wochen bis Monate nicht mehr bei ihm blicken lassen. Doch je öfter sie ins Institut kam und der positiven Atmosphäre hier ausgesetzt war, desto mehr wurde dadurch das Licht in ihr gestärkt.
Sam stand auf und zog sich an. »Ja, das sollte ich vielleicht tun. Ich werde mal mit ihr reden. Man sieht sich, Axaryn.«
»Jederzeit gern und so oft du nur willst«, versicherte der Dämon grinsend.
Sie verließ die Wohnung des Dämons und ging in den ersten Stock hinunter, wo Lady Sybilla ihr Büro hatte. Von unten kam ihr ein Hunkpapa-Indianer entgegen, der sie aufmerksam musterte, als er sie bemerkte.
»Hallo Sam«, grüßte er sie schließlich unbefangen. »Willst du auch zu Lady Sybilla?«
Sam nickte. »Hallo Brian«, grüßte sie zurück und hob abwehrend die Hände. »Ich hoffe, du kommst nicht auch noch auf den Gedanken, mich zu fragen, wie es mir geht. Ich kann’s nicht mehr hören, besonders nicht von euch Wächtern.«
Brian Wolfheart lächelte und erlaubte sich, ihr freundschaftlich einen Arm um die Schultern zu legen. »Sam, für viele von uns bist du eine Kampfgefährtin und für einige von uns auch eine gute Freundin. Unter Freunden ist es nun mal üblich, dass man sich Gedanken um das Wohlergehen der anderen macht.«
»Ja, ja«, knurrte Sam und wehrte sich nicht gegen seinen Arm um ihre Schultern. »Wo ich stehe, wisst ihr ja, da ich eure heiligen Hallen immer noch jederzeit problemlos betreten kann.«
Das gesamte Gelände des Instituts war mit einem starken magischen Schutzschirm gesichert, den nichts Böses durchdringen und den nur Wächter durch die Dimensionen hindurch betreten konnten. Selbst Sam musste ganz profan durch die Tür gehen, da sie keine Wächterin war.
»Jedenfalls will ich Lady Sybilla eben davon überzeugen«, fügte sie jetzt hinzu. »Seit dem Ritual, mit dem wir Káshnarokk gebannt haben1, misstraut sie mir, wie du wissen dürftest.« Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Seitenblick zu. »Und du und einige andere von meinen hiesigen Freunden habt das auch getan.«
Brian nickte. »Natürlich. Schließlich warst du tatsächlich eine Zeit lang kurz davor, dich der Finsternis zu ergeben. Ich freue mich jedenfalls, dass du das überwunden hast. In erster Linie um deinetwillen, aber natürlich auch aus ganz eigennützigen Gründen. Ich würde dich nur höchst ungern bekämpfen müssen, da meine Aussichten, mit dem Leben davonzukommen, in dem Fall recht gering wären.«
Sam grinste flüchtig. »Wenigstens bist du ehrlich genug, das zuzugeben.«
Sie hatten die Tür von Lady Sybillas Büro erreicht, und Brian klopfte an. Unverzüglich ertönte Lady Sybillas klare Stimme: »Herein!«
Brian öffnete Sam höflich die Tür und ließ ihr den Vortritt. Sie blieb abrupt stehen, als sie den Mann erkannte, der vor Lady Sybillas Schreibtisch saß, obwohl er sich seit ihrer letzten Begegnung sehr verändert hatte.
Professor Douglas MacGregor hatte sich den Kopf kahl geschoren und trug ein Gewand von dunklem Violett, das einer bis zu den Fußgelenken reichenden langärmligen Tunika ähnelte. Um die Taille war sie mit einem geflochtenen Gürtel aus weißer Baumwolle gebunden. Es war die Tracht des dem Institut angeschlossenen Klosters, das offiziell eine Richtung des Buddhismus vertrat, in dem in Wahrheit aber jeder seiner ganz persönlichen Religion folgen konnte, vom Paganismus bis zum Christentum, vom Buddhismus zum Judaismus, vom Islam zum Hinduismus und Schamanismus – sie alle galten gleich viel im Lotus Kloster und wurden friedlich neben einander in unterschiedlichen Räumen desselben Gebäudes praktiziert.
Douglas MacGregor hatte sich offenbar entschieden, seine Sünden durch den Eintritt in dieses Kloster zu büßen. Er hatte durch seinen Egoismus und seine Gier, ein berühmter und im selben Zug auch reicher Mann zu werden, den »Dienern des Schwarzen Feuers« geholfen, Káshnarokk zu entfesseln, der bereits Atlantis zerstört hatte. Nun glaubte er wohl, die Schuld, die er dadurch auf sich geladen hatte, durch ein Leben im Kloster abtragen zu können.
Sam fletschte bei seinem Anblick die Zähne und knurrte ihn an wie ein Tier. MacGregor war mit dafür verantwortlich, dass Scott tot war, und sie hatte ihm das noch lange nicht verziehen. Bei seinem Anblick empfand sie wieder den Impuls, ihn auf der Stelle umzubringen.
MacGregor sprang vom Stuhl auf und machte Miene, auf Sam zu zugehen. »Miss Tyler, ich ...«
Sam fauchte ihn nur hasserfüllt an und verschwand.
Brian Wolfheart seufzte tief und schloss die Tür hinter sich. »Guten Tag, Lady Sybilla. Professor MacGregor.«
Die zierliche rothaarige Frau mit den unwahrscheinlich blauen Augen seufzte ebenfalls und schüttelte missmutig den Kopf. Lediglich ihre vornehme Herkunft aus altem schottischen Adel hinderte sie daran, jetzt laut zu fluchen.
»Hallo Brian. Sam hat dir nicht zufällig gesagt, was sie von mir wollte, bevor sie uns so überstürzt verließ?«
MacGregor setzte sich wieder und ließ Kopf und Schultern hängen. »Das ist alles meine Schuld«, meinte er, bevor Brian dazu kam, Lady Sybillas Frage zu beantworten.
»In der Tat«, stimmte der Werwolf ihm mitleidlos zu und wandte sich an die Hexe. »Sam wollte dir wohl versichern, dass sie auf unserer Seite steht, falls ich ihre diesbezügliche spartanische Äußerung richtig verstanden habe. Es war einfach Pech, dass sie das ausgerechnet jetzt tun wollte.«
»Was natürlich die Frage aufwirft, ob sie nun immer noch dazu steht oder uns jetzt in Sippenhaft nimmt, weil wir den Menschen bei uns aufgenommen haben, den sie wahrscheinlich am meisten hasst.«
Brian zuckte mit den Schultern. »Das wird sich zeigen. Sybilla, ich wollte mich für einige Zeit abmelden. Meine Leute haben mich benachrichtigt, dass das Rassimov-Rudel die kanadische Grenze überschritten hat und jetzt wieder in den Staaten ist. Wir müssen sie aufhalten, sofern es in unserer Macht steht.«
Lady Sybilla nickte nachdrücklich. »Wenn du unsere Unterstützung brauchst ...«
»Ich komme darauf zurück«, versicherte Brian, nickte ihr und MacGregor zu und ging.
Er kannte Sam nicht allzu gut, da er selten mit ihr zu tun hatte, doch er vertraute seinem Instinkt, der ihm sagte, dass sie zwar momentan immer noch in einer Krise steckte, dass sie aber stark genug war, die zu überwinden und wieder zu ihrem früheren Selbst zurückzufinden, das immer noch in ihr steckte. Weitgehend zumindest, denn nicht einmal eine Dämonin von ihrem Schlag verkraftete es ohne Weiteres, dass die Liebe ihres Lebens vor ihren Augen buchstäblich zerschmettert worden war und ihre gesamten magischen Kräfte nicht ausgereicht hatten, ihn zu retten.
Doch das war nicht sein Problem. Er und die übrigen Werwölfe seines Rudels mussten den Rassimov-Wölfen Einhalt gebieten. Zumindest hoffte er, dass ihnen das diesmal endlich gelang. Denn Ivan Rassimov war verdammt clever und niederträchtig.

Sheila Partridge genoss die Party in vollen Zügen, die auf der Lichtung eines Waldstücks zwischen dem Lakeshore Boulevard und dem Lakeland Freeway stattfand. Sie und ihre Freunde hatten ein Lagerfeuer angezündet – obwohl das im Wald natürlich verboten war – und grillten Marshmallows, Kartoffeln und Stockbrot in seinen Flammen. Die Luft war herbstlich kühl, beinahe schon kalt, aber das machte den jungen Studenten nichts aus, besonders da sie außerdem genug Bier und anderen Alkohol mitgebracht hatten, um sich auch von innen zu wärmen.
Sheila hatte dem bereits recht gut zugesprochen und verspürte nun das dringende Bedürfnis, sich im Gebüsch zu erleichtern. Sie ging zum Waldrand hinüber und stolperte über einen abgebrochenen dicken Ast, den sie im Schatten der Bäume nicht gesehen hatte. Ihre Augen waren noch zu sehr an das Licht des Feuers gewöhnt, in das sie die ganze Zeit über gesehen hatte.
Zwei Arme umfingen sie von hinten, und sie stieß einen erschrockenen Schrei aus. Eine kalte Nase drückte sich gegen ihren Hals, und ein heiseres Knurren erklang unmittelbar neben ihrem Ohr.
»Kleine Mädchen sollten nicht allein in den dunklen Wald gehen«, flüsterte eine Männerstimme in betont tiefer Tonlage. »Denn ich bin der große böse Wolf und habe kleine Mädchen zum Fressen gern!«
Sheila befreite sich rigoros. »Mann, Jimmy! Lass den Quatsch! Du hast mir fast einen Herzinfarkt verpasst!«
Jimmy Cohen lachte leise. »Siehst du, das ist genau das, was ich meine. Wenn du dich schon in den finsteren Wald begibst, muss dich doch jemand beschützen.« Er umarmte Sheila erneut. »Außerdem gibt es eine Menge angenehmer Dinge, die wir zu zweit allein im Wald tun können.« Er biss sie zärtlich in den Hals.
Sheila machte sich ein zweites Mal von ihm los. »Ich muss mal pinkeln, und dabei will ich keine Zuschauer haben. Erst recht nicht dich«, fügte sie schnippisch hinzu. »Und für gewisse Dinge zu zweit allein ist es viel zu kalt.«
Sie wandte sich wieder dem Wald zu. Jimmy hielt sie am Arm fest und zog sie wieder zu sich heran. »Nicht wenn ich uns eine warme Decke besorge, Sheila.«
Die junge Frau verdrehte ungeduldig die Augen und riss sich von ihm los. »Ich muss mal, Jimmy«, erinnerte sie ihn nachdrücklich. »Also lass mich in Ruhe.«
Sie ging hastig weiter und war froh, dass Jimmy ihr nicht folgte. Sie suchte sich eine geschützte Stelle hinter einem Gebüsch, zog ihre Hose runter, ging in die Hocke und erleichterte sich. Als sie sich gerade wieder angezogen hatte, knackte es vernehmlich nicht allzu weit von ihr entfernt, begleitet von einem leisen Knurren, das überaus bedrohlich klang.
»Jimmy, du Kindskopf!«, rief sie in die Richtung, aus der sie das Geräusch vernahm. »Mich erschreckst du nur einmal. Darauf falle ich nicht wieder rein.«
Entschlossen ging sie in Richtung auf das Lagerfeuer, das sie als schwachen Schein zwischen den Bäumen schimmern sehen konnte. Sie hörte knackende Schritte im Unterholz und blieb stehen. »Verdammt, Jimmy, lass den Scheiß«, forderte sie, »und benimm dich wenigstens ein einziges Mal wie ein erwachsener Mann und nicht wie ein dummer Junge!«
Ein Schatten stürzte sich mit einem tiefen Grollen auf sie und warf sie zu Boden. Sheila schrie auf und schlug nach ihm. »Idiot!«, fauchte sie ihn an. »Willst du mir alle Knochen brechen?«
Jimmy grinste sie unbekümmert an, legte die Arme um sie und küsste sie innig. »Na, ist dir das ‚männlich’ genug? Ich habe die versprochene Decke mitgebracht.«
Er ließ sie los, wälzte sich von ihr herunter, griff neben sich und zog eine Wolldecke heran, die er auf dem Boden ausbreitete. Einladend deutete er darauf.
Sheila seufzte versöhnlich. »Ach, Jimmy.«
Sie ließ sich auf der Decke nieder. Jimmy legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Bevor er aber dazu kam, mehr zu tun, als seine Hand unter ihren Pullover zu schieben, ertönte ein Rascheln und Knacken in unmittelbarer Nähe. Er stöhnte genervt.
»Ach, Leute, ich habe euch doch gebeten, uns in Ruhe zu lassen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Das finde ich jetzt echt nicht witzig!«
Sheila kicherte. »Tja, da siehst du mal, wie nervtötend so was sein kann«, stellte sie boshaft fest und rief in die Dunkelheit: »Aber echt, Leute, lasst uns jetzt in Ruhe, ja?«
Ein Knurren antwortete ihr, das so ganz anders klang als das, was Jimmy vorhin von sich gegeben hatte. Es war sehr viel lauter und tiefer und konnte unmöglich aus einer menschlichen Kehle stammen. Sheila richtete sich entsetzt auf. Jimmy tat dasselbe und tastete mit der Hand nach irgendetwas, das er als Waffe benutzen konnte. Er bekam einen dicken Ast zu fassen und hielt ihn wie eine Keule vor sich.
»Steh ganz langsam auf, Sheila«, wies er seine Freundin an, »und geh ganz ruhig zum Feuer zurück.«
Das Knurren wiederholte sich. Diesmal klang es noch sehr viel näher und kam auch aus einer anderen Richtung.
»Was ist das?«, flüsterte Sheila erschreckt. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie fühlte ihre Hände kalt werden vor Angst.
»Irgendein Tier«, flüsterte Jimmy zurück. »Geh schon!«
Sheila wandte sich um und schrie auf. Ein paar Schritte vor ihr leuchteten zwei gelbgrüne Augen, die den Umrissen nach zu urteilen zu dem Körper eines wahrhaft riesigen schwarzen Hundes gehörten. Der fletschte jetzt die Zähne und entblößte ebenfalls ungewöhnlich große Fänge. Jimmy stellte sich schützend zwischen Sheila und das Tier und schlug mit dem Ast nach ihm.
»Verschwinde!«, brüllte er. »Hau ab! Ksch! Ksch!«
Das beeindruckte den Hund allerdings überhaupt nicht. Er kam langsam näher mit Bewegungen, die man nur als aufreizend bezeichnen konnte, wobei er Jimmy nicht aus den Augen ließ. Sheila klammerte sich an dessen Arm und zupfte daran.
»Jimmy!«, flüsterte sie drängend.
»Ruhig, Sheila!«
»Jimmy!«
Er fuhr zu ihr herum und folgte mit dem Blick ihrem ausgestreckten Arm. Sie waren umzingelt. Vier schwarze Hunde – nein, Wölfe! – hatten sie eingekreist und starrten sie mit einem wahrhaft hungrigen Ausdruck in den Augen an.
»Oh Scheiße!« Jimmy machte sich keine Illusionen bezüglich ihrer Chancen gegen vier hungrige Wölfe. »Hilfe!«, rief er, so laut er konnte, während ein Teil seines Gehirns sich fragte, wieso es Wölfe mitten in Cleveland geben konnte. »Leute, wir brauchen Hilfe! Hier sind Wölfe!«
Vom Lagerfeuer her ertönte ein entsetzter Schrei, gleich darauf noch einer, der sich zu einem wahren Schmerzgebrüll steigerte, in den sich ein anderer Schrei von schierer Todesangst mischte, ehe auch dieser sich zu einem durch wahnsinnige Schmerzen verursachten Kreischen wandelte. Sekunden später brach er ab und ein anderer grauenvoller Schrei klang auf.
Jimmy verlor die Nerven. Er brüllte und schlug mit dem Ast nach dem Wolf, der ihm am nächsten stand. Sein Schlag ging ins Leere, denn der Wolf rettete sich mit einem Sprung zur Seite. Im nächsten Moment schnellte er mit einem wütenden Knurren auf Jimmy zu, brachte ihn zu Fall und riss ihm Sekunden später die Kehle heraus. Der Schrei des jungen Mannes erstarb in einem Gurgeln. Sein Körper zuckte noch ein paar Mal und lag dann still.
Und der Wolf wandte sich Sheila zu.
Sie starrte ihn vor Entsetzen gelähmt an und war unfähig sich zu bewegen. Der Wolf kam langsam näher. Sheila wimmerte und vermochte nicht, den Blick von seinen gelben, beinahe hypnotischen Augen zu lösen. Ein scharfer Schmerz riss sie aus ihrer Erstarrung. Einer der anderen Wölfe, die sie eingekreist hatten, war unbemerkt von hinten herangeschlichen und hatte sie in die Hand gebissen. Seine kalte Schnauze berührte jetzt beinahe zärtlich ihren Nacken.
Sheila schrie auf. Die unverletzte Hand auf die Wunde der anderen gepresst, sprang sie auf und rannte. Zwei Schritte. Ein schwerer Körper prallte seitwärts gegen sie und warf sie zu Boden. Das Gewicht des Wolfs drückte sie nieder, und er legte sich auf sie, beinahe als wollte er sie wärmen. Sein Atem, der nach Blut roch, streifte ihr Gesicht, und Sheila musste würgen. Doch der Horror dieser Nacht war noch lange nicht vorbei.
Die Gestalt des Wolfs begann sich zu verändern. Sein Fell löste sich auf und ließ bloße Haut zurück, und wenige Augenblicke später lag anstelle des Wolfs ein nackter Mann auf ihr, der sie mit einem Ausdruck von Lüsternheit anblickte.
»Nicht so hastig, Süße«, sagte er und lächelte jetzt. »Du bleibst schön hier, denn du bist jetzt eine von uns.«
Sheilas Verstand war nicht in der Lage zu begreifen, was ihr gerade geschah, und so reagierte er in der einzig ihm möglichen Weise: Er schaltete sich ab, und die junge Frau versank in gnädiger Bewusstlosigkeit.

Detective Kevin Bennett hatte sich seinen ersten Tag beim Major Case Squad des Cleveland Police Departments ein bisschen anders vorgestellt. Zwar war er durchaus darauf vorbereitet gewesen, einen Mordfall zu bearbeiten, aber er hatte nicht damit gerechnet, gleich mit einem Haufen scheußlich zugerichteter Leichen konfrontiert zu werden.
Offenbar hatten ein paar junge Leute am Tatort, einem Waldstück zwischen Lakeshore Boulevard und Lakeland Freeway eine Lagerfeuerparty gefeiert und waren dabei Michael Myers oder Hannibal Lecter begegnet. Vielleicht auch beiden, denn es erschien Bennett unwahrscheinlich, dass ein einziger Mann ein solches Blutbad anrichten und sechs Menschen derart bestialisch zerfleischen konnte, wie es hier geschehen war.
Bennett zog seine Jacke fester um sich und rieb sich die Oberarme. Er fror erbärmlich. Kein Wunder, denn er war noch vor zwei Tagen im warmen Carlsbad, New Mexico, gewesen, wo die Temperaturen auch im September noch um die dreißig Grad betrugen. Hier lagen sie bei gerade mal vierzehn Grad. Sein neuer Partner und Vorgesetzter, Lieutenant Ronan Kerry, bemerkte sein Frösteln und grinste flüchtig.
»Ist ein ganz schöner Unterschied zum sonnigen Süden, nicht wahr«, stellte er fest.
Bennett nickte. »Ich gewöhne mich schon noch dran.«
Schließlich hatte er sich nicht hierher versetzen lassen, weil er in einer Großstadt wie Cleveland die besseren Karrierechancen bekam. Er hatte etwas Persönliches zu erledigen, das mit einer Frau zusammenhing, die hier wohnte: Sam Tyler, Privatermittlerin, Securityspezialistin und Bodyguard. Er war ihr vor etwa einem Jahr in Carlsbad begegnet, als sie ihm geholfen hatte, einen mysteriösen Fall zu lösen2. Allerdings hatte sie noch mehr getan als das und Bennett unfreiwillig gezwungen, sich seinem schlimmsten Trauma zu stellen. Mit Hilfe eines Psychiaters, den sie ihm empfohlen hatte, war es ihm inzwischen gelungen, das weitgehend zu bewältigen. Aber es blieben Fragen offen, die mit Sam zu tun hatten, und er wusste, dass er niemals seinen Seelenfrieden finden würde, wenn er die nicht mit ihr klärte. Jetzt allerdings galt es erst einmal, diesen Fall hier zu lösen, der, wie er mitbekommen hatte, schon der zweite seiner Art war.
»Wahrscheinlich ein Raubtier oder ein Rudel wilder Hunde wie beim ersten Mal«, hörte er den Pathologen sagen, der die oberflächliche Untersuchung der Leichen gerade abgeschlossen hatte. »Sie sind zerfleischt worden in einer Weise, die kein Mensch fertig bringt.«
»Es sei denn, er bewaffnet sich mit künstlichen Klauen und Zähnen«, korrigierte Ronan den Mann. »Das hatten wir ja schon einmal.«
Der Pathologe nickte. »Ja, es könnte auch wieder ein Ritualmord einer Gruppe Wahnsinniger sein, wie damals bei der Satanistengruppe vor drei Jahren. Das werde ich nach der Obduktion sagen können. Sie hatten alle Studentenausweise dabei. Damit ist zumindest die Identifizierung nicht schwer.«
Ronan starrte die Toten an und wusste, dass sie keinem Raubtier oder wilden Hunden zum Opfer gefallen waren. Seine magischen Sinne, die er von seiner Mutter, einer Dryade, geerbt hatte, sagten ihm mehr als jeder Obduktionsbefund, wer oder vielmehr was für diese Grausamkeiten verantwortlich war. Er griff zum Handy und wählte Sams Nummer, denn mit dem, was sich hier anbahnte, konnte er unmöglich allein fertig werden.

Nick fühlte seinen Puls schneller schlagen, als er die Stadtgrenze von Cleveland passiert hatte. Ivan war hier. Er konnte seinen Bruder zwar nicht auf herkömmliche Weise mit seinen Wolfssinnen spüren, aber er wusste, dass er irgendwo hier in der Nähe war. In den vergangenen elf Jahren hatte sich sein diesbezüglicher Instinkt verschärft. Das war auch erforderlich gewesen, denn Ivan hatte natürlich kein Interesse daran, dass Nick ihm noch einmal zu nahe kam.
Es war ihm damals gelungen, Ivan in Kanada zu stellen, nur wenige Wochen, nachdem die Lichtwölfe ihn hatten gehen lassen. Aus Erfahrung klüger geworden, hatte er einen Moment abgepasst, in dem sein Bruder allein war, damit ihm die anderen Rudelmitglieder nicht wieder regelwidrig in die Quere kommen konnten. Doch Ivan war offensichtlich mit dem Teufel persönlich im Bunde; anders war es nicht zu erklären, dass er schon wieder davongekommen war. Sie hatten miteinander gekämpft und waren dabei auf eine Klippe oberhalb eines Wasserfalls geraten. Unglücklicherweise waren sie beide abgestürzt.
Während Ivan sich relativ schnell an ein Ufer hatte retten können, war Nick von dem reißenden Fluss meilenweit abgetrieben worden. Als er Stunden später zum Lagerplatz des Rudels zurückkehren konnte, war es natürlich längst verschwunden. Nick hatte vor Wut getobt und sich seitdem nur an der Erinnerung des ungläubigen und entsetzten Gesichts seines Bruders erfreuen können, das dieser gezeigt hatte, als der von ihm tot geglaubte Nick leibhaftig vor ihm stand.
Seitdem war Ivan auf der Flucht vor Nicks Rache. Allerdings gelang es ihm seit elf Jahren ausgezeichnet, seine Spuren zu verwischen. Er wusste, dass Nick ihn anhand seines Geruchs verfolgen konnte, wenn er mit dem Wagen fuhr, weshalb er größere Ortswechsel nur noch per Flugzeug vornahm. Und bei den heutigen Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen war es für Nick schwierig, einen Angestellten dazu zu bringen, ihm zu verraten, für welches Ziel Ivan Tickets gelöst hatte, bevor der die Sicherheitsleute rief, die wiederum die Polizei einschalteten.
Nick konnte nicht mehr zählen, in wie vielen Gefängnissen er eine Nacht oder mehrere deswegen verbracht hatte, bis es ihm gelungen war, die Polizei zu überzeugen, dass er nur auf der Suche nach seinem lange verschollenen Bruder war und kein Verbrecher, der einen unbescholtenen Bürger verfolgte. Zwar glaubte ihm kaum einer die Story, da sie ihm aber nie etwas anderes beweisen konnten, mussten sie ihn jedes Mal wieder laufen lassen. Ivan hatte natürlich in der Zwischenzeit seinen Vorsprung wieder vergrößert und Zeit genug gehabt, irgendwo unterzutauchen.
Da Ivan aber nun mal Ivan war, hatte er sich früher oder später immer verraten. Wo immer Nick Station machte auf seiner Jagd, las er die Zeitungen und durchforstete das Internet nach Meldungen, in denen von verstümmelten Leichen berichtet wurde, die wahrscheinlich von wilden Tieren oder wilden Hunden zerfleischt worden waren. Fast immer führte eine solche Meldung zu Ivan. Doch meistens war sein Bruder schon weitergezogen. Zu seinem zunehmenden Groll und Frustration hatte er Ivan seit jenem verhängnisvollen Kampf über dem Wasserfall nicht noch einmal stellen können. Dafür war es ihm gelungen, vier andere Rudelmitglieder zu töten, und er tröstete sich mit der Erinnerung an das herrliche Gefühl, das er jedes Mal empfunden hatte, wenn er ihre Leiber zerriss und ihnen die Kehlen zerfetzte.
Zufällig hatte er sich in Chicago aufgehalten, wo er einer falschen Spur nachgegangen war, als er auf die Meldung stieß, dass hier in Cleveland von vermutlich streunenden Hunden verstümmelte Leichen gefunden worden waren. Er wusste, dass Ivan hier war. Und er, der sonst niemals betete, flehte zu Moeris, dem ersten Werwolf, dass er ihm endlich, endlich seine Rache gewähren möge, damit Yelena, Kolja und Aljoscha in Frieden ruhen konnten.
Damit er selbst endlich seinen eigenen Frieden finden konnte.

Sam saß auf der Terrasse ihres Hauses, was ihr in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden war und starrte auf den Eriesee hinaus. Heute war dessen Wasser ruhig und beinahe spiegelglatt, und Sam wünschte sich dasselbe auch für ihre Gefühle. Aber Scotts Tod schmerzte sie immer noch, wenn dieses Gefühl auch längst nicht mehr so stark und definitiv nicht mehr so zerstörerisch war. Es hatte sich zu einem tiefen Bedauern gewandelt, das ihr Leben allerdings nicht mehr negativ beeinträchtigte. Auch nicht, nachdem sie Douglas MacGregor vorgestern wieder begegnet war, den sie am liebsten immer noch tot sehen wollte. Was natürlich nichts geändert hätte, denn sein Tod würde Scott nicht wieder lebendig machen, und sie bezweifelte, dass sie sich danach in irgendeiner Weise besser fühlen würde.
Außerdem hatte sie ohnehin andere Sorgen. Seit der Teil ihrer Magie verschwunden war, den sie einmal von einem Kitsune übernommen hatte, rätselte sie, wie das möglich gewesen war. Sie hatte zunächst vermutet, dass ihr Widersacher Jacques LeGrand sie ihr bei ihrer letzten Begegnung auf eine ihr unbekannte Weise entrissen haben könnte, denn der Bokor war ein Gegner, den man nicht unterschätzen durfte. Erst recht nicht, nachdem er es fertig gebracht hatte, aus dem Reich der Toten in einem anderen Körper zurückzukehren und weiterhin sein Unwesen zu treiben. Zwar hatte sie ihn erneut töten können, aber sie schloss keineswegs aus, dass er wie schon zuvor das Kunststück noch einmal fertig brachte und irgendwann wieder auftauchte.
Jedenfalls hatte sie sich an dem Ort, an dem ihre Kräfte verschwunden waren, noch einmal genau umgesehen und ihre Gabe der Retrospektion eingesetzt, um herauszufinden, was tatsächlich geschehen war. Dabei hatte sie festgestellt, dass sich noch eine weitere Person dort aufgehalten hatte, die unter einem Mantel der Unsichtbarkeit das Geschehen beobachtet hatte. Diese Person hatte ihr die Kitsunekräfte gestohlen. Sam war allerdings außerstande zu eruieren, auf welche Weise sie das fertig gebracht hatte.
Außerdem gab es ihr zu denken, dass der oder die Unbekannte keine magische Signatur zurückgelassen hatte. Normalerweise hinterließ jede Anwendung von Magie eine Art Fingerabdruck auf metaphysischer Ebene, die magische Signatur, die genauso unverwechselbar war wie ein normaler Fingerabdruck. Eine solche Signatur zu tilgen, ohne dabei eine neue zu hinterlassen, erforderte eine magische Macht, die nur wenige Wesen besaßen.
Sam hatte augenblicklich Luzifer in Verdacht gehabt, diesen Gedanken aber schnell wieder verworfen. Seit der Herr der Unterwelt bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworen hatte, weder Sam noch ihrer Familie in irgendeiner Form Schaden zuzufügen oder andere Wesen dazu zu veranlassen, schied er als Täter aus. Einen solchen Eid konnte selbst Luzifer nicht brechen, ohne entsetzliche Konsequenzen dafür zu erleiden, die nicht einmal er riskierte. Blieben noch die Zehn Mächtigen Fürsten, und Sam war sich sicher, dass einer von denen ohne Luzifers Wissen ihr die Kräfte geraubt hatte. Doch mit den normalen magischen Fähigkeiten, über die sie als Sukkubus verfügte, war sie nicht einmal für den Schwächsten unter ihnen eine ernst zu nehmende Gegnerin. Deshalb blieb ihr nichts anders übrig, als zu lernen, ohne die Kitsunemagie auszukommen.
Ihr Bruder Conaru hatte ihr die Kopie des Grimoires von Marie Laveau gegeben, die ihre inzwischen tote Cousine Aliada heimlich angefertigt hatte. Sam hatte die darin enthaltenen Zaubersprüche und alles, was sonst noch Nützliches darin stand, auswendig gelernt und das Buch anschließend vernichtet, damit es nicht noch einmal versehentlich in falsche Hände geraten konnte. Doch das Rätsel, wer ihr die Kräfte und aus welchem Grund genommen hatte, beschäftigte sie weiterhin.
Das Klingeln des Handys an ihrem Gürtel riss sie aus ihren Gedanken. Noch bevor sie das Gespräch angenommen hatte, wusste sie, dass der Anruf von Ronan Kerry kam.
»Was kann ich für dich tun, Ron?«, fragte sie, ohne seine Begrüßung abzuwarten.
»Ich wollte dich warnen, Sam«, antwortete Ronan wie immer in Gälisch, wenn er nicht wollte, dass einer seiner Kollegen mitbekam, worüber er mit Sam sprach. »Und ich brauche deine Hilfe. Wir haben ein paar scheußlich zugerichtete Leichen gefunden, die nach den Anderen stinken. Ich fürchte, wir haben diesmal ein wirklich großes Problem. Die Pathologen sind sich zwar noch nicht darüber einig, was die Leute umgebracht hat und streiten sich, ob es ein irgendwo entwichenes Raubtier oder ein Rudel wilder Hunde war oder die Ritualmorde einer Gruppe von Wahnsinnigen. Die Wahrheit ist, dass sie von Werwölfen regelrecht zerfleischt wurden.«
Sam hörte, wie Ronan am anderen Ende der Leitung zitternd die Luft ausstieß, ehe er sehr ernst sagte: »Sam, wir haben ein Schwarzes Rudel in Cleveland. Und wir werden jeden verfügbaren Krieger brauchen, um ihm Einhalt zu gebieten. Andernfalls wird kein Mensch hier mehr sicher sein.«
Sam saß schlagartig aufrecht in ihrem Liegestuhl. »Wie viele sind es?«
»Elf Tote bis jetzt in nur zwei Nächten. Dazu kommen noch fünf Vermisste, die in derselben Gegend verschwunden sind. Möglicherweise sind es noch mehr, denn bei dem jüngsten Fall habe ich noch nicht alle Informationen zusammentragen können.«
»Ich bin sofort bei dir.«
Sie unterbrach die Verbindung, holte mit einem Bringzauber ihre Jacke und ihre erforderlichen Papiere und sprang durch die Dimensionen in die Nähe des Tatortes, an dem sich Ronan aufhielt. Wie alle Dämonen besaß sie die Fähigkeit, ihr Ziel bis auf den Meter genau »orten« zu können, wenn sie ihre zum Sprung erforderliche angeborene Magie aktivierte. Da sie außerdem einen Unsichtbarkeitszauber beherrschte, würde niemand sie sehen.
Sie landete ein Stück abseits der Polizeiabsperrung. In einem Moment, in dem keiner der Beamten und der inzwischen versammelten Schaulustigen in ihre Richtung sah, löste sie den Unsichtbarkeitszauber wieder auf und trat an die Absperrung. Ronan bemerkte sie augenblicklich und winkte dem Polizisten zu, der dort stand, Sam durchzulassen.
»Hallo Sam«, begrüßte er sie und deutete auf einen Mann, der ein Stück entfernt stand. »Darf ich dir meinen neuen Partner vorstellen: Detective Kevin Bennett.«
Sam nickte Bennett zu, der jetzt auf sie zu kam und ihr die Hand reichte. »Hallo Kevin.«
Sie hatte ihn keineswegs vergessen, obwohl sie sich nur einmal begegnet waren. Bei ihrem Abschied hatte er angedeutet, dass er eines Tages Sams Geheimnisse herausfinden würde. Offenbar war er gekommen, um seine Drohung wahr zu machen.
»Wie bist du denn an den gekommen?«, fragte sie Ronan in Gälisch.
»Er hat selbst um seine Versetzung hierher gebeten«, antwortete der in derselben Sprache. »Aus persönlichen Gründen. Angeblich. Da er sich bei seiner alten Dienststelle nicht das Mindeste hat zuschulden kommen lassen und seit er hier ist, nichts anderes tut, als nach allen Regeln der Kunst zu versuchen, mich nach dir auszufragen, bin ich mir verdammt sicher, dass du dieser Grund bist.« Er grinste. »Was hast du mit ihm angestellt?«
»Außer dem Üblichen – nichts. Na ja, nicht allzu viel.«
»Würde es euch was ausmachen, in einer Sprache zu reden, die man verstehen kann?«, verlangte Bennett ungehalten.
»Wenn wir wollten, dass du verstehst, was wir zu besprechen haben, hätten wir das sicher getan«, beschied ihm Sam. »Aber unsere Unterhaltung war privat. Und da wir hier nicht eben mal eine Tür schließen konnten, um die erforderliche Privatsphäre herzustellen, haben wir ganz einfach eine verbale Tür geschlossen.«
Bennett starrte sie an und verspürte das dringende Verlangen, sie in die Arme zu nehmen und noch sehr viel mehr mit ihr zu tun, nämlich den heißen Sex mit ihr zu haben, den er schon einmal mit ihr erleben durfte. Er schluckte. Falls Sam etwas von seinen Regungen mitbekam, so ließ sich nichts anmerken. Sie wirkte distanziert, sogar bis zu einem gewissen Grad abweisend und ähnelte darin überhaupt nicht mehr der durchaus mitfühlenden Frau, der er in Carlsbad begegnet war. Jetzt wandte sie sich Ronan zu, der sie kurz und diesmal in Englisch über das in Kenntnis setzte, was sie hier vorgefunden hatten und sie den Tatort besichtigen ließ.
Bennett war nicht nur deshalb irritiert. Er wusste zwar, dass Sam eine Privatermittlerin war und gerade bei seinem neuen Vorgesetzten einen ausgezeichneten Ruf genoss; aber es war absolut unüblich und gegen jede Vorschrift, dass eine Privatperson einen Tatort besichtigte, bevor der nicht von der Polizei freigegeben war.
»Ich bitte meine Unwissenheit der hiesigen Sitten zu entschuldigen«, sagte er deshalb, »aber wird Sams vorschriftswidrige Anwesenheit hier von irgendwelchen Regelungen abgedeckt, die ich noch nicht kenne?«
»In der Tat«, bestätigte Ronan. »Die Regelung ist, dass ich das in vollem Umfang autorisiere, alle daraus resultierenden Konsequenzen verantworte und das notfalls auch vorm Polizeichef vertrete, wenn es sein muss.«
Sam grinste Bennett flüchtig an. Als sie ihn damals gebeten hatte, den Tatort besichtigen zu dürfen, hatte er das kategorisch abgelehnt; der Vorschriften wegen. Natürlich auch deshalb, weil er von Privatschnüfflern nicht allzu viel hielt, woran auch seine Begegnung mit Sam grundsätzlich nichts geändert hatte. Dass sie hier Sonderrechte genoss und auch Dr. Bryce Connlin auf sie große Stücke hielt, bestärkte ihn darin, dass er längst noch nicht alles über sie wusste, was es an Wissenswertem über sie gab.
Dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen von der Existenz von Magie und Lebewesen wusste, die man gemeinhin für Horrorfiguren aus mehr oder weniger guten Büchern und Filmen hielt, hatte er schließlich akzeptiert, da er selbst als Kind ein Erlebnis mit einem solchen Wesen gehabt hatte. Auch Dr. Connlin hatte ihm bestätigt, dass solche Dinge sehr real waren. Aber seine Fragen nach Sam und was an ihr war, das ihn so sehr irritierte, hatte auch der Psychiater nicht beantwortet. Allerdings ließ er durchblicken, dass er die Antwort sehr wohl kannte.
Bennett hatte sein Kindheitstrauma bewältigt, aber aus ihm selbst nicht begreiflichen Gründen war er sich sicher, dass er erst Ruhe finden würde, wenn er Sams Geheimnis entschlüsselte. Deshalb hatte er seinen Job in Carlsbad aufgegeben und sich hierher versetzen lassen. Verrückt; aber er hatte es tun müssen. Jetzt war er Sam wieder begegnet, aber er erkannte sie kaum. Sie hatte sich unglaublich verändert, wenn auch nicht in der Art, wie sie jetzt überaus professionell die Spuren am Tatort untersuchte.
»Pfotenabdrücke«, stellte sie schließlich fest. »Von mindestens sechs verschiedenen Individuen.«
Bennett entging keineswegs, dass sie das Wort »Individuen« eigenartig betonte, als wollte sie Kerry damit etwas Bestimmtes sagen, der das wohl auch zu begreifen schien.
»Es könnten auch mehr sein«, ergänzte sie und blickte den irischstämmigen Ermittler ernst an. »Ich denke, wenn ihr die Parole ausgebt, dass die Morde auf das Konto von einem Rudel wilder Hunde gehen, kommt das der Wahrheit nahe genug. Wenn es soweit ist, werde ich was drehen, dass diese Theorie voll und ganz beweist.«
»Kannst du damit fertig werden, Sam?«, erkundigte sich Ronan.
Beide schienen Bennetts Anwesenheit völlig vergessen zu haben.
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht allein. Außerdem ist das in erster Linie eine Angelegenheit der Wächter. Ich werde den für diesen Fall Zuständigen umgehend benachrichtigen und dafür sorgen, dass er und seine Truppe schnellstmöglich hierher kommen.«
Bennett wollte sich gerade nachdrücklich in Erinnerung bringen und fragen, wovon die beiden überhaupt redeten, als er bemerkte, dass sowohl Sam wie auch Ronan Kerry schlagartig aufmerkten und sich wie auf ein geheimes Kommando in eine bestimmte Richtung wandten. Er blickte in dieselbe Richtung auf die Schaulustigen jenseits des schwarz-gelben Absperrbandes.
Der Mann fiel ihm sofort auf, obwohl er nicht sagen konnte, was an ihm derart auffallend war, denn er unterschied sich auf den ersten Blick in nichts von den anderen Gaffern. Er war schlank, beinahe hager und dennoch sehnig und muskulös wie ein Topathlet. Seine Kleidung war unauffällig, sah man davon ab, dass er eine für die Kühle des Tages viel zu dünne Jeansjacke trug. Sein schwarzes Haar wirkte frisch gewaschen und war ordentlich gekämmt, der Vollbart nicht minder ordentlich getrimmt. Als er bemerkte, dass Sam und Ronan ihn ansahen, wandte er sich langsam um und ging ohne Eile davon.
»Einer von denen«, stellte Ronan besorgt fest. »Hat er mit dem hier zu tun?«
»Das finde ich heraus«, versprach Sam und machte Miene, dem Mann zu folgen.
»Soll ich ihn verhaften, Lieutenant?«, fragte Bennett.
»Nein, Sie bleiben bei mir. Sam erledigt das.« Er nickte ihr zu. »Sei vorsichtig!«
»Klar, aber seine Sorte kann mir nicht allzu viel anhaben.«
Ronan hielt sie am Arm zurück. »Er könnte dich töten«, erinnerte er sie nachdrücklich.
Sie zuckte mit den Schultern. »Na wenn schon!« Ohne ein weiteres Wort folgte sie dem Mann.
Bennett sah ihr nach und konnte nicht verhindern, dass er beim Anblick ihrer unglaublich erotischen Bewegungen eine gewaltige Erektion bekam. Zu seiner tödlichen Verlegenheit entging das Ronan Kerry ebenfalls nicht. Bennett wurde knallrot.
Ronan grinste und winkte ab. »Keine falschen Schamgefühle«, riet er ihm. »Sam hat nun mal diese Wirkung auf Männer.«
»Sie scheinen dagegen immun zu sein«, bemerkte Bennett säuerlich.
»Ich bin glücklich verheiratet und ein ebenso glücklicher Vater einer süßen Tochter. Aber als ich Sam kennenlernte, hatte sie genau dieselbe Wirkung auf mich. Machen Sie sich nichts draus, Detective. Das vergeht mit der Zeit. Allerdings sollten Sie nicht zu oft mit ihr schlafen, sonst kommen Sie nie mehr von ihr los. Der Sex mit ihr macht ab einem gewissen Quantum definitiv süchtig, und das meine ich nicht im metaphorischen Sinn.«
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!«, schnappte Bennett gereizt.
»Nichts«, gestand Ronan schulterzuckend. »Das war nur ein guter Rat unter Kollegen.«
»Warum haben Sie sie überhaupt hergebeten? Das hier ist Polizeiarbeit und nichts für Zivilisten.«
»Weil wir einfachen Polizisten ohne Leute wie Sam mit dieser Situation nicht fertig werden«, antwortete Ronan ernst. »Sam und ihresgleichen sind die einzigen, die diese Katastrophe beenden können. Und wenn denen das nicht bald gelingt, wird es noch sehr viel mehr Tote geben.«
Bennett blickte ihn misstrauisch an. »Warum? Was zur Hölle ist hier los? Und was ist mit ihr?«
Ronan zuckte mit den Schultern. »Das wird sie Ihnen selbst sagen, sollte sie der Meinung sein, dass Sie das wissen dürfen. Nur so viel: Sam ist absolut vertrauenswürdig, und ich würde ihr jederzeit bedenkenlos mein Leben und das meiner Familie anvertrauen und meine Seele obendrein. Also, Bennett, was immer Ihr Problem mit ihr ist, was immer Sie von ihr wollen, Sie täten gut daran, das niemals zu vergessen.«
Ronan wollte sich abwenden, aber Bennett hielt ihn zurück. »Lieutenant, ich bitte Sie. Sagen Sie mir, was hier los ist. Ich bin mir sicher, dass Sie und Sam sehr viel mehr über den oder die Killer wissen, als Sie uns sagen.«
Ronan blickte ihn ausdruckslos an. »Ja«, gestand er schließlich. »Aber hier ist nicht der richtige Ort, um darüber zu reden. Am besten sprechen Sie mit Sam. Doch bis dahin halten Sie den Mund. Sobald Sam Sie eingeweiht hat, werden Sie wissen warum. Und jetzt sammeln Sie die Studentenausweise der Toten ein und machen sich bereit, den Angehörigen die Nachricht vom Tod ihrer Kinder, Geschwister, Lebenspartner zu überbringen.«
Er befreite sich aus Bennetts Griff und wandte sich wieder den Spuren zu, die er nochmals gründlich in Augenschein nahm. Bennett blieb nichts anderes übrig, als zu tun, was ihm aufgetragen worden war. Doch vorher musste er noch eine Sache klären.
»Ist Sam wirklich dieselbe Person, die vor einem Jahr in Carlsbad war?«
»Biologisch ja«, bestätigte Ronan.
»Was soll das denn heißen?«
Ronan wandte sich ihm zu und seufzte. »Detective, ich schätze Ihre Hartnäckigkeit, allerdings würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie die ausschließlich auf unsere Fälle anwendeten. Was Sam betrifft, so reden Sie mit ihr, verdammt noch mal, wenn Sie was wissen wollen. Allerdings würde Sie Ihnen wohl kaum sagen ...« Er zögerte und zuckte schließlich mit den Schultern. »Also gut, ich verrate damit kein Geheimnis. Noch bis vor einem halben Jahr war Sam richtig glücklich und plante, ihren langjährigen Lebensgefährten und Verlobten zu heiraten. Aber vier Wochen vor der Hochzeit starb er bei einem entsetzlichen Unfall. Das hat sie komplett aus der Bahn geworfen. Wesen wie sie sind nicht dafür geschaffen, Liebe empfinden zu können. Deshalb ist sie auch nur schwer in der Lage, mit den Nebenwirkungen wie Trauer und Verlust fertig zu werden. Sie wird eine Weile brauchen, ehe sie wieder zu sich selbst gefunden hat und bis dahin wohl noch weiterhin unausstehlich bleiben. Obwohl sie sich schon sehr gebessert hat. Sie hätten Sie mal unmittelbar nach Scotts Tod erleben müssen. Oder besser nicht. Sie hätten das wahrscheinlich nicht überlebt. Und nun tun Sie endlich Ihre Arbeit.«
Bennett gehorchte und musste die Informationen erst einmal verdauen. Dass Sam einen Lebensgefährten – Verlobten – gehabt hatte, den sie mit ihm damals regelrecht betrogen hatte, hätte er ihr nicht zugetraut. Noch mehr irritierte ihn aber Kerrys Bezeichnung »Wesen wie sie, die nicht dafür geschaffen waren, Liebe zu empfinden." Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten?
Nun, das würde er in jedem Fall Sam fragen müssen, denn die Geduld seines Vorgesetzten hinsichtlich seiner Fragen nach ihr war momentan restlos erschöpft.

Nick brauchte nicht erst die neuesten lokalen Nachrichten zu sehen oder zu lesen, um den Schauplatz von Ivans letzter Bluttat zu finden. Der spezifische Hauch des Todes, der jede Tötung durch einen Werwolf noch Stunden später umgab und sich für seine empfindliche Wolfsnase bereits durch die halbe Stadt ausgebreitet hatte, wies ihm den Weg. Als er dort ankam, mischte er sich unauffällig unter die Schaulustigen und nahm die Gerüche der Szene in sich auf.
Ivan war ohne jeden Zweifel hier gewesen, ebenso die restlichen Rudelmitglieder. Aber es gab auch neue Gerüche von jungen Werwölfen, die das Rudel offenbar erst kürzlich verwandelt hatte. Auch hier hatten sie nicht alle getötet, sondern zwei Frauen mitgenommen, die sie zweifellos ebenfalls zu Werwölfinnen machen würden oder es schon getan hatten. Alles in allem umfasste Ivans Rudel jetzt dreizehn Mitglieder einschließlich ihm selbst – zu viele, als dass Nick mit ihnen fertig werden konnte.
Die Frage war allerdings, wie weit sich die Neuen vor Ivans Karren spannen ließen. Würden sie Nick entgegen der Art des Wolfs angreifen, wenn er Ivan stellte oder sich aus der Auseinandersetzung heraushalten? Möglich war beides, weshalb er kein Risiko eingehen konnte.
Er spürte, dass zwei der Leute, die den Tatort untersuchten, schlagartig auf ihn aufmerksam wurden: ein dunkelhaariger Mann und eine unglaublich schöne schwarzhaarige Frau. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie ihn als einen Werwolf erkannt hatten und dass es sehr viel besser für ihn wäre, ihnen aus dem Weg zu gehen. Er wandte sich langsam um und ging davon.
Die Frau folgte ihm gleich darauf. Nick passte einen Moment ab, in dem niemand in seine Richtung sah, ehe er zu laufen begann und sich im Wald hinter einem breiten Baum versteckte, der ihn vor ihren Blicken verbarg. Zu seinem Erstaunen musste er allerdings feststellen, dass sie sich davon keine Sekunde lang beirren ließ. Er hörte, dass sie genau dort stehen blieb, wo er zu laufen begonnen hatte und jetzt zielstrebig ein paar Schritte in seine Richtung ging. Das beunruhigte ihn allerdings nicht, denn er konnte sich immer noch verwandeln und ihr als Wolf entkommen.
Die Schritte verstummten. Nick witterte in ihre Richtung und nahm einen beinahe betörenden Geruch nach Sex wahr, den sie ausströmte, der allerdings abrupt verschwand. Ebenso abrupt tauchte er unmittelbar hinter ihm auf. Er fuhr verteidigungsbereit herum. Sie stand nur einen guten Meter von ihm entfernt und blickte ihn aufmerksam an. Da sie weder eine Waffe in der Hand hatte noch irgendeine aggressive Geste machte, wartete er ab, was sie tun würde.
»Du bist ein Werwolf«, stellte sie fest und nickte zum Tatort hinüber. »Aber keiner von denen, die das hier angerichtet haben.«
Er fragte sich, woher sie das wusste.
»Ein Wächter bist du aber auch nicht«, ergänzte sie. »Ich vermute mal, du weißt, wer für das Blutbad verantwortlich ist.«
»Und wenn dem so wäre?«, fragte er misstrauisch.
»Dann sollten wir uns zusammentun und das Schwarze Rudel gemeinsam zur Strecke bringen«, schlug sie vor.
Nick knurrte abweisend. »Das geht dich nichts an«, beschied er ihr. »Lass mich in Ruhe.«
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und ging. Sie folgte ihm nicht, aber er war sich natürlich bewusst, dass sie sich nicht so einfach abspeisen lassen würde. Was immer sie befähigt hatte, ihn als Werwolf zu erkennen und hier in seinem Versteck aufzuspüren, würde sie auch in die Lage versetzen, ihn erneut zu finden. Er hoffte nur, dass sie ihm nicht in die Quere kam, wenn er Ivan stellte, denn er hätte sie nur ungern getötet. Eine Frau zu töten war schließlich nicht die Art des Wolfs. Doch wenn sie ihn an seiner Rache zu hindern versuchte – absichtlich oder nur versehentlich –, so würde er bei ihr keine Gnade walten lassen.
Sam ließ den Werwolf gehen und folgte ihm nicht. Sie beorderte allerdings einen unsichtbaren Luftelementar an seine Seite, der ihn überwachte und ihr jeden seiner Schritte meldete. Anschließend griff sie zum Handy und wählte Brian Wolfhearts Nummer.
»Hier ist Sam«, sagte sie, als der Werwolf-Wächter sich meldete. »Wir haben hier in Cleveland ein Schwarzes Rudel mit mindestens sechs Mitgliedern, wahrscheinlich mehr. Wir brauchen euch Lichtwölfe, Brian, und zwar schnell. Es hat bereits elf Tote gegeben und eine Reihe von Vermissten. Ich müsste mich schwer täuschen, wenn das Rudel nicht dabei ist, sich zu vergrößern.«
Brian stieß einen Fluch aus. »Wenigstens wissen wir jetzt, wo sie sind. Unser Wächter in Kanada hat uns informiert, dass das Rassimov-Rudel die Grenze überschritten hat. Wir konnten sie bis jetzt nur noch nicht ausfindig machen. Danke für die Information, Sam.« Er zögerte kurz. »Könntest du uns vor Ort bringen? Ich meine uns alle und jetzt.«
»Natürlich. Wie schnell seid ihr bereit?«
»In einer halben Stunde.«
Sam spürte mit ihren magischen Sinnen, dass Brian sich im Standing Rock Reservat aufhielt, das sie kannte. »Versammelt euch in deinem Haus, ich hole euch in einer halben Stunde ab.«
Sie unterbrach die Verbindung und kehrte zu Ronan und Bennett zurück. »Der Typ hat nichts mit dem hier zu tun«, informierte sie die beiden Männer über den Werwolf, dem sie gefolgt war. »Aber er weiß etwas, und ich behalte ihn im Auge. Die Wächter sind in einer halben Stunde hier. Danach sollten wir alle zusammen Kriegsrat halten.«
Ronan nickte zu Bennett hinüber, der ein Stück entfernt stand und sichtbar die Ohren spitzte. »Du solltest ihm reinen Wein einschenken«, schlug er vor. »Er ist ein guter Mann, und er wird sowieso nicht eher Ruhe geben, bis er alles weiß.«
Sam warf Bennett einen finsteren Blick zu und brummte etwas Unverständliches. »Wann bist du hier fertig, Ron?«
»In einer halben Stunde könnte ich hier weg.«
Sam nicke. »Komm danach zu mir. Wir warten auf dich. Und um den da«, sie nickte zu Bennett hinüber, »kümmere ich mich später.« Sie wandte sich ab und kam auf Bennett zu, der ihr mit einem Gefühl von Unbehagen entgegensah. Sie reichte ihm eine Visitenkarte. »Mein Haus, heute Abend, acht Uhr. Pünktlich.«
Sie ging an ihm vorbei. Bennett sah ihr nach und trat schließlich zu Ronan. Der hob abwehrend die Hand. »Heute Abend wird Sam Ihnen alle Fragen beantworten. Bis dahin gedulden Sie sich. Und vor allem: verschonen Sie mich mit Ihrer Neugier.«
Bennett nickte nur und konnte es kaum erwarten, dass es acht Uhr abends wurde.

Sam kehrte mit einem Sprung durch die Dimensionen nach Hause zurück und bereitete alles dafür vor, Brian und sein Rudel herzubringen. Nachdem die halbe Stunde um war, die Brian und seine Leute für ihre Vorbereitungen erbeten hatten, erschuf sie mit einem Zauber ein Dimensionstor, das sich mitten im Wohnzimmer seines Hauses in Standing Rock öffnete. Dort warteten bereits neun Hunkpapa, vier Männer und fünf Frauen.
Sam machte eine einladende Geste. »Hereinspaziert«, forderte sie sie mit einer theatralischen Verbeugung auf.
Brian und seine Leute traten ohne zu zögern durch das Tor, das sich selbstständig wieder schloss, nachdem der Letzte von ihnen es passiert hatte. Brian stellte Sam die Mitglieder seines Rudels vor, die sie noch nicht kannte. Die Werwölfe betrachteten sie aufmerksam und versuchten wohl zu ergründen, wie weit sie einem Sukkubus trauen konnten. Allerdings vertrauten sie in diesem Punkt Brian Wolfhearts Urteil, der mit Sam nicht die geringsten Probleme zu haben schien.
Sam versammelte sie alle in ihrem Wohnzimmer und ließ gleich darauf Ronan ein, der sich zu ihnen setzte.
»Wie ich verstanden habe, kennt ihr dieses Schwarze Rudel«, wandte sich Sam an Brian.
Der nickte. »Vor elf Jahren trieb es sich in unserem Reservat herum. Wir konnten es damals vertreiben, aber nicht vollständig vernichten. Das Rudel floh daraufhin nach Kanada, wo es unserem dortigen Wächter zufolge die ganze Zeit an ständig wechselnden Orten geblieben ist.«
Sam zog die Augenbrauen hoch. »Sind Wölfe nicht weitgehend territorial?«
Brian nickte. »Normalerweise. Aber das Rudel hat einen Verfolger, der nicht eher ruhen wird, bis er das letzte Mitglied zur Strecke gebracht hat.«
Das musste der Werwolf sein, der am letzten Tatort aufgetaucht war und der, wie ihr der Luftelementar mitteilte, der ihn immer noch überwachte, der Spur des Rudels durch die Stadt folgte.
»Ich denke, diesen Verfolger haben wir schon gesehen. Er ist auch ein Werwolf.«
»Er gehörte früher selbst zum Rudel und ist der Bruder des Anführers. Aus sehr gewichtigen persönlichen Gründen will auch er das Rudel vernichtet sehen. Da wir es nicht ständig jagen konnten, haben wir ihm das überlassen, aber bisher hat er keinen Erfolg gehabt. Er konnte zwar die Hälfte von ihnen töten, aber der Rest lebt immer noch.«
»Und vermehrt sich wieder«, warf Ronan ein. »Denn ich gehe mal davon aus, dass die im Zusammenhang mit diesen – Schlachtungen Vermissten inzwischen ebenfalls Werwölfe sein dürften.«
Die Indianer nickten nachdrücklich. »Mit Sicherheit«, war Kayla Skyfire, die Alphawölfin des Rudels, überzeugt. »Wie viele sind es?«
»Sieben. Einschließlich der zwei Frauen, die, wie wir inzwischen wissen, ebenfalls an der gestrigen Lagerfeuerparty teilgenommen haben und spurlos verschwunden sind.«
Brian seufzte. »Dann besteht das Rudel jetzt aus dreizehn Mitgliedern einschließlich ihres Anführers«, stellte er nüchtern fest. »Die neuen Wölfe dürften, sofern sie sich noch nicht zu sehr von Ivan haben beeinflussen lassen, für uns kein allzu großes Problem darstellen. Da sie sich in der kurzen Zeit, die sie erst Werwölfe sind, noch nicht an diese Existenz gewöhnt haben, werden wir spielend mit ihnen fertig, falls sie sich gegen uns stellen sollten.«
»Das eigentliche Problem ist«, ergänzte Ronan, »dass wir für die Menschen eine plausible Lösung der Mordfälle vorweisen können. Die Pathologen werden natürlich zu dem Schluss kommen, dass wolfsähnliche Viecher die Menschen getötet haben.«
»Womit dann wieder die Mär vom bösen menschenfressenden Wolf neue Nahrung bekommt«, bemerkte Kayla bitter.
Ronan blickte Sam vertrauensvoll an. »Du kannst doch bestimmt mit deiner Magie irgendetwas drehen, dass uns allen hilft, nicht wahr?«
Sam fühlte eine Welle von Bitterkeit in sich aufsteigen. Sie sollte mal wieder helfen und für andere Leute die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie war es immer noch sattsam leid! Doch sie hätte es natürlich getan – tun müssen – wenn sie dazu noch in der Lage gewesen wäre.
»Nein, das kann ich nicht«, knurrte sie ärgerlich.
Nicht nur Ronan runzelte überrascht die Stirn und wartete auf eine Erklärung, doch Sam schwieg und verschränkte nur abweisend die Arme vor der Brust.
»Du meinst, du willst nicht«, vermutete Ronan vorsichtig. »Aber ...«
»Ich sagte, ich kann es nicht!«, fuhr sie ihn an und fügte unwillig hinzu: »Ich habe einen Teil meiner magischen Kräfte verloren.« Und sie fühlte sich seitdem wie ein Krüppel, hatte aber nicht vor, sich davon beeinträchtigen zu lassen.
»Wie ist das denn passiert?«, erkundigte sich Ronan und fragte mitfühlend: »Wie kommst du damit klar?«
»Das ist mein Problem«, wehrte Sam schroffer ab, als sie beabsichtigt hatte.
»Sam«, sagte Brian sanft, »ich hoffe, du weißt, dass du uns vertrauen kannst. Uns allen. So wie auch wir dir vertrauen.«
Die Dämonin schloss für einen Moment die Augen. Sie wollte nicht, dass man ihr derart vertraute, denn dieses Vertrauen schmeckte ihrer dunklen Seite nicht, die immer noch überaus aktiv und mächtig war. Lediglich der Eid, den Axaryn ihr vor einem halben Jahr abgetrotzt hatte, dass sie sich niemals an den Menschen für Scotts Tod rächen durfte, hielt die im Zaum. Leider beinhaltete der Schwur auch, dass eine »unterlassene Hilfeleistung« oder wie in diesem Fall ein verweigertes Vertrauen ebenfalls indirekt als eine Form von Racheakt gewertet werden konnte. Und Sam würde nicht einmal in ihren finstersten Momenten wagen, die Folgen dieses gebrochenen Eids zu riskieren.
»Jemand hat mir einen Großteil meiner magischen Kräfte gestohlen«, gestand sie widerstrebend. »Ich weiß nicht, wer es war oder wie er es gemacht hat, aber sie sind weg. Ich besitze noch meine angeborenen Kräfte sowie meine Heilkräfte und habe inzwischen gelernt, eine Menge Dinge mit Hilfe von Zaubersprüchen und Ritualen bewerkstelligen zu können. Doch die Erschaffung eines Rudels wilder Hunde beziehungsweise Halbwölfe liegt nicht mehr in meiner Macht. Ich könnte zwar eine täuschend echte Illusion erschaffen; das wäre kein Problem. Aber ihr braucht etwas, das fotografiert und obduziert werde kann, und solche Illusionen können keine Kamera täuschen.«
»Dann haben wir ein Problem«, stellte Ronan nüchtern fest und legte Sam mitfühlend die Hand auf die Schulter.
Sie schüttelte seine Hand ab. »Nicht unbedingt. Meine Familie besitzt diese Kräfte noch, und ich denke, ich werde einen von ihnen überreden können, uns zu helfen.«
»Das wissen wir sehr zu schätzen, Sam«, sagte Brian und lächelte ihr wohlwollend zu. »Wir werden unsere Vorbereitungen treffen, um das Rudel zur Strecke zu bringen. Es wird, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt, wohl nur zwei oder drei Tage dauern. Dank dir, Sam, waren wir dem Rudel noch nie so schnell so nahe. Ihr Anführer Ivan wird sich noch eine Weile in Sicherheit wiegen, denn mit seinem Bruder glaubt er fertig zu werden.« Er gestattete sich ein flüchtiges Lächeln. »Der Mann hat einen Hang zur Hitzköpfigkeit, die ihm nicht immer gut tut.«
»Tut euch mit ihm zusammen«, riet Sam, die auf die Informationen des Luftelementars lauschte. »Wie ich auch zuverlässiger Quelle weiß, ist er gerade dabei, der Spur des Rudels zu folgen.«
Eine Weile schwiegen sie alle. Schließlich richteten sich nach und nach alle Augen auf Sam. Sie wusste, was als Nächstes kommen würde, noch ehe Brian es aussprach.
»Wo können wir unterkommen? Wir brauchen einen Ort, von dem aus wir frei operieren können, ohne dass jemand unliebsame Fragen stellt.«
Sam hätte sie am liebsten in irgendein Hotel abgeschoben, denn sie wollte niemanden im Haus haben. Doch das vereinbarte sich nicht mit der erforderlichen Vermeidung unliebsamer Fragen; und auch nicht mit ihrem Eid, wofür sie Axaryn mal wieder im Stillen verfluchte.
»Ihr könnt hier bleiben. Ich habe Platz genug. Aber heute Abend um acht brauche ich mein Haus für mich für zwei Stunden oder so.«
»Kein Problem«, versicherte Kayla lächelnd. »Auch wenn wir Lichtwölfe sind, so lieben wir es doch zu jagen. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, bist du uns für den Rest der Nacht los.«
Was Sam zu dem Schluss kommen ließ, dass das Beherbergen des Rudels doch nicht ganz so unangenehm für sie werden würde, wie sie befürchtet hatte.

Sheila Partridge kam in einem fremden Bett zu sich und war vollkommen nackt. Irgendjemand hatte allerdings eine Decke über sie gebreitet. Sie fuhr hoch und blickte sich um. Im Zimmer war es dunkel, und auch von draußen fiel kein Licht herein. Trotzdem sah sie überraschend gut. Sie nahm auch intensive Gerüche wahr, die im Raum schwebten und hörte unglaublich scharf.
Drogen!, durchfuhr es sie. Sie selbst nahm zwar keine, aber sie hatte gehört, dass die Nachwirkung mancher Drogen gesteigerte Sinneswahrnehmungen mit sich brachten. Bestimmt hatte Jimmy, dieser Idiot, ihr irgend so ein Zeug ins Bier gekippt. Und alles, was sie danach erlebt hatte – die Wölfe, die Jimmy zerfleischten, der Wolf, der auf ihr gelegen und sich in einen Mann verwandelt hatte – war alles nur eine Halluzination gewesen, die die Droge verursacht hatte. Sheila fühlte sich erleichtert.
Bis sie den fremden Mann bemerkte, der in einer Ecke des Zimmers saß und sie beobachtete. Es war derselbe, der auf ihr gelegen hatte. Die Angst kehrte zurück, und sie begann unwillkürlich zu zittern. Hatte er sie vergewaltigt, während sie bewusstlos war? Oder hatte er damit gewartet, bis sie wieder zu sich gekommen war, um …
Er lächelte ihr beruhigend zu. »Du musst dich nicht fürchten«, sagte er leise, und seine Stimme hatte einen beinahe hypnotischen Klang. »Ich habe dir das ewige Leben geschenkt und eine Macht, von der du garantiert noch nicht einmal zu träumen gewagt hast. Ich bin Alexej. Wie heißt du?«
»Sh-Sheila«, antwortete sie vorsichtig. »Was ... was haben Sie mit mir gemacht?« Schlagartig kam ihr zu Bewusstsein, dass, falls das hier kein Traum oder drogeninduzierte Halluzination war, Jimmy tot war und die anderen wohl auch. »Oh mein Gott!«
Er stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und war bei ihr, bevor sie auch nur daran denken konnte zu fliehen. Was sie ohnehin nicht hätte tun können ohne einen einzigen Faden am Leib. Er setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern. Sheila zuckte zurück, aber er hielt sie eisern fest.
»Du wirst meine Gefährtin sein, süße Sheila.« Er drückte seine Wange an ihre. »Du wirst sehen, wie wunderbar das ist. Komm!«
Sein Befehl duldete keinen Widerspruch. Er half ihr hoch, wickelte die Decke um ihren Körper und führte sie aus dem Zimmer. Offenbar befanden sie sich im ersten Stock eines geräumigen Hauses. Sheila konnte durch die geschlossenen Türen und Fenster den Wald riechen, ebenso Düfte von Tieren, die in ihr die für sie die ganz untypische Regung hervorriefen, ein rohes und vor allem noch blutiges Steak zu verschlingen. Dabei war sie überzeugte Vegetarierin.
Alexej führte sie in ein Wohnzimmer, in dem bereits elf Menschen versammelt waren. Einige von ihnen waren wie Sheila nur in eine Decke gehüllt.
»Mandy!« Sheila erkannte ihre Kommilitonin und warf sich ihr in die Arme.
Mandy Blake war nicht minder erleichtert, Sheila zu sehen und klammerte sich an sie wie eine Ertrinkende.
»Welch rührende Wiedersehensfreude«, höhnte einer der Männer, die Kleidung trugen. Wie die vier anderen Angezogenen – drei Männer und eine Frau – hatte er schwarzes Haar und grüne Augen, die unglaublich kalt wirkten. »Da wir nun alle vollzählig versammelt sind, stelle ich mich denjenigen vor, die mich noch nicht kennen. Ich bin Ivan und der Führer dieses Rudels.« Er deutete auf die Frau an seiner Seite. »Meine Alphawölfin Sonja. Das sind Alexej, Sergej und Ilja. Ihr anderen könnt euch selbst vorstellen.«
»Rudelführer?«, wiederholte Sheila verständnislos. »Was zum Teufel ist hier los?«
Einer der anderen Männer, der ebenfalls in eine Decke gewickelt war, grinste sie an. »Wir sind Werwölfe, Süße«, erklärte er begeistert.
Alexej war mit wenigen Schritten bei ihm und schlug ihm die flache Hand ins Gesicht. »Sie ist nicht deine Süße«, knurrte er kalt. »Vergiss das niemals, Patrick.«
»Ja, wir sind Werwölfe«, bestätigte Ivan und blickte Sheila und Mandy an. »Und das seid ihr beide seit gestern auch, meine Schönen, seit wir euch gebissen haben. Unser Rudel war ein bisschen dezimiert und brauchte eine Auffrischung. Alexej, Ilja und Sergej brauchten außerdem Gefährtinnen, damit«, seine Stimme wurde eisig, »sie endlich aufhören, meine Sonja anzumachen. Ihr Neuen werdet euch schon bald in unser Rudel eingefügt haben.«
»Es ist herrlich!«, versicherte Patrick begeistert. »Die Verwandlung tut zwar zuerst ziemlich weh, aber danach ist es wunderbar! Ihr werdet es sehen.«
Sheila und Mandy hielten einander immer noch umklammert und suchten bei den anderen »Neuen« mit Blicken Unterstützung. Doch die vier Frauen und ein weiterer Mann blickten nur unglücklich und schweigend zu Boden und vermieden es, die beiden anzusehen. Sheila schüttelte den Kopf. Offenbar war sie hier in die Fänge einer Bande von Verrückten geraten – Lykanthropen, die sich einbildeten, sich in Wölfe verwandeln zu können. Falls die auf den Gedanken kamen, sich tatsächlich wie Wölfe aufzuführen und Menschen anzufallen, so wie sie Jimmy und die anderen angefallen und umgebracht hatten ... Aber Sheila hatte doch mit eigenen Augen gesehen, dass Jimmy von einem Wolf zu Tode gebissen worden war! – Oh Gott!
»Entweder ist das hier ein entsetzlicher Albtraum«, flüsterte sie Mandy zu, »oder wir sind komplett verrückt geworden!«
»Weder noch«, versicherte ihr Ivan. »Ihr könnt euch gleich davon überzeugen, dass das alles ganz real ist.«
Er ging zur Terrassentür, zog die Vorhänge zurück und öffnete sie weit. Patrick und die anderen Deckenträger ließen ihre Decken fallen, unter denen sie wie Sheila und Mandy nackt waren. Sheila reagierte instinktiv. Sie riss sich von Mandy los und rannte auf die offene Tür zu. Mochte es draußen auch noch so kalt sein und sie nicht einmal Schuhe anhaben, es war ihr egal. Sie wollte nur weg von hier, weit weg von diesem entsetzlichen Wahnsinn, den sie gerade erlebte.
Zu ihrer Überraschung versuchte Ivan nicht sie aufzuhalten, als sie an ihm vorbeirannte. Er lächelte nur. Sheila sprang auf die Terrasse und ins Licht des vollen Mondes, der gerade aufgegangen war. Ein Schwindel überkam sie, den sie zu ignorieren versuchte. Doch den Schmerz, der im nächsten Augenblick durch ihren gesamten Körper fuhr, konnte sie nicht mehr ignorieren. Sie schrie auf, stolperte und brach zusammen. Bevor es ihr gelang, sich wieder aufzurappeln, warf eine neue Schmerzwelle sie nieder, und sie fühlte entsetzt, wie ihr Körper sich zu verwandeln begann und zu ihrem schieren Horror zu dem einer Wölfin wurde.
Die anderen waren jetzt ebenfalls auf die Terrasse getreten, und Sonja hatte die widerstrebende Mandy ebenfalls aus dem Haus gezerrt. Sobald das Mondlicht ihre Körper berührte, setzte auch bei ihnen die Verwandlung ein. Lediglich Ivan und die anderen »Alten« seines Rudels blieben davon verschont. Sie zogen jetzt ihre Kleidung aus und ließen sich auf allen vieren nieder.
»Willkommen in der Bruderschaft der Werwölfe«, sagte Ivan, bevor er sich ebenfalls innerhalb von Sekunden verwandelte. »Lasst uns jagen gehen!«

Kevin Bennett war mehr als pünktlich und stand bereits um fünf Minuten vor acht Uhr vor Sams Tür. Bevor er jedoch auf den Klingelknopf drücken konnte, öffnete sie ihm schon und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung einzutreten. Wieder stieg das Verlangen in ihm auf, sie in die Arme zu nehmen und auf der Stelle Sex mit ihr zu haben, das er gewaltsam unterdrücken musste. Falls Sam es ebenfalls bemerkte – und er war sich sicher, dass dem so war –, so ließ sie sich nichts anmerken.
Sie führte ihn in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und bot ihm mit einer Handbewegung Platz an. Bennett setzte sich in einen Sessel, während sie sich auf die Couch setzte. Auf einem Beistelltisch ihm gegenüber stand eine gerahmte Fotografie, die das Porträt eines Mittdreißigers mit blonden Haaren und einem gewinnenden Lächeln zeigte, das ihn ungemein sympathisch aussehen ließ.
»Das ist Scott, mein – Verlobter«, erklärte Sam, die seinen Blick bemerkt hatte.
»Es tut mir leid, dass du ihn verloren hast, Sam. Lieutenant Kerry hat mir von dem Unfall erzählt, der ...« Er unterbrach sich und räusperte sich, ehe er mit der Frage herausplatzte, die ihm schon die ganze Zeit auf der Seele lag. »Er hat so eine seltsame Bemerkung gemacht, dass Wesen wie du nicht dafür geschaffen wären, Liebe zu empfinden. Was hat er damit gemeint?«
»Das habe ich dir bei unserem Abschied damals in Carlsbad bereits gesagt, Kevin. Ich bin eine Dämonin und verfüge über entsprechende magische Kräfte. Und ja, Liebe zu empfinden oder irgendwelche anderen menschlichen Regungen ist in unserer genetischen Disposition nicht enthalten.«
Er schüttelte den Kopf. »Du – eine Dämonin? Das ist unmöglich!«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ja, so unmöglich wie ein Kynokephalos.«
Er schüttelte erneut den Kopf. »Das ist ein Trick! Du und dieser Dr. Connlin – wer sagt mir denn, dass das mit dem Kyno… die Wahrheit ist? Ich weiß nicht, was ihr vorhabt, aber …« Er unterbrach sich und starrte Sam ungläubig an.
Sie atmete einmal tief durch. »Kevin, ich weiß, warum du gekommen bist. Nicht nur heute Abend hierher, sondern warum du dich nach Cleveland hast versetzen lassen. Du brauchst Antworten auf gewisse Fragen und hast intuitiv erkannt, dass ich sie dir geben kann.«
»In der Tat«, bestätigte er. »Aber ich bin nicht gekommen, um mich von dir oder wem auch immer verarschen zu lassen.«
»Das tue ich nicht«, versicherte sie ernst. »Aber die Sache ist für einen Menschen kompliziert. Ihr lebt in einer Zeit und einem Kulturkreis, in der nahezu alles für Hirngespinste, überbordende Fantasie oder geisteskrank gehalten wird, das sich nicht wissenschaftlich hieb- und stichfest erklären lässt. Aber Magie lässt sich nun mal nicht mit der herkömmlichen Wissenschaft erklären, obwohl sie genau genommen eine Wissenschaft für sich ist und ganz bestimmten Naturgesetzen gehorcht.«
Bennett blickte sie immer noch misstrauisch an. Bryce Connlin hatte ihm zwar schon Ähnliches erklärt und vor allem auch bestätigt, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die nur wenige sich je träumen ließen und noch weniger als Fakt akzeptieren konnten. Da er aber als Kind den Kynokephalos gesehen hatte und wusste, dass er sich das nicht eingebildet hatte, war er durchaus bereit gewesen zu glauben, dass diese geheimnisvollen Dinge existierten. Doch sein Verstand weigerte sich immer noch, das zu akzeptieren. Er hatte gehofft, wenn er Sam wiedersah, dass sie seine letzten Zweifel beseitigen würde – so oder so. Trotzdem empfand er eine profunde Angst vor der Wahrheit. Allerdings war mit der Ungewissheit zu leben noch unerträglicher.
»Es gibt drei Welten, Kevin, und dazu noch unzählige Dimensionen innerhalb dieser drei Welten«, fuhr Sam mit ihrer Erklärung fort. »Das, was ihr Menschen als die reale Welt begreift, nennen wir die Mittelwelt beziehungsweise die mittlere Dimension. Hier gibt es nur noch wenig natürliche Magie. Die obere Welt ist das Reich der Lichtwesen, also der Götter, Engel und was da sonst noch so herumschwirrt, was ihr gemeinhin als ‚gut’ bezeichnen würdet. Die dritte Welt ist die Unterwelt, von der übrigens die sogenannte Hölle ein Teil ist und in der die Wesen der Finsternis leben, hauptsächlich Dämonen, aber auch andere Leute, die nicht alle per se böse sind.«
»So wie du? Wenn ich denn geneigt wäre zu glauben, dass du tatsächlich eine Dämonin bist.« Was für ihn unvorstellbar war, denn sie sah aus wie ein ganz normaler Mensch.
Sam nickte. »Ich bin ein Sukkubus, eine Dämonin, die sich von Sexenergie ernährt. So wie du täglich drei ordentliche Mahlzeiten brauchst bestehend aus Kohlenhydraten, Proteinen, Fett, Ballaststoffen, Mineralien und Vitaminen, um nicht zu verhungern, brauche ich jeden Tag eine gewisse Menge Sexenergie, um am Leben zu bleiben. Die Wesen meiner Art tun Menschen nichts Böses. Wir schenken ihnen im Gegenteil Freude und Entspannung.«
Das konnte Bennett nur bestätigen, denn der bisher einmalige Sex, den er mit Sam gehabt hatte, war derart überwältigend gewesen, dass er immer noch davon träumte.
Sam zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls sind die Menschen normalerweise nicht mehr in der Lage, damit fertig zu werden, wenn ihnen etwas Magisches begegnet. In der Regel verursacht ihnen das wahnsinnige Angst, die nicht selten darin gipfelt, dass sie zu vernichten versuchen, was ihnen Angst macht. Aus dem Grund existiert die Lotus Foundation. Die Leute dort haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass so wenige Menschen wie möglich von der Existenz realer Magie und Wesen wie dem Kynokephalos oder Sukkubi und Inkubi erfahren sowie die Menschheit vor den Mächten des Bösen in all ihrer Erscheinungsform zu beschützen. Deshalb nennt man sie auch die Wächter. Einer von ihnen ist übrigens ein Dämon. Die Chefin der Wächter ist die wohl mächtigste Hexe, die je gelebt hat, ein weiterer Wächter ist ein Vampir und ein anderer ist ein Werwolf. Womit wir bei dem aktuellen Fall wären, den du und Ron gerade bearbeitet.«
Bennett starrte sie immer noch ungläubig an. »Willst du damit sagen, dass diese scheußlichen Morde ... von Werwölfen begangen wurden?«
Sam nickte. »Genau das. Auch Werwölfe sind nicht per se böse, aber womit wir es hier zu tun haben, ist ein sogenanntes Schwarzes Rudel, das sich an keine Regeln seiner Art hält, deren wichtigste vorschreibt, dass sie niemals Menschen angreifen, geschweige denn töten dürfen. Ron und ich haben ein Rudel Lichtwölfe hergeholt, damit sie uns helfen, das Schwarze Rudel zur Strecke zu bringen.« Sie blickte Bennett in die Augen. »Du erinnerst dich, dass ich dir damals sagte, dass die hiesige Polizei meine Dienste ab und zu anfordert, wenn sie einen schwierigen Fall hat, in dem sie nicht weiterkommt. Dies ist die Art von Fällen, die ich damit meinte.«
Bennett erinnerte sich auch, dass sie gesagt hatte, das Schwierigste bei solchen Dingen wäre, die Sache am Ende so zu drehen, dass es für alles eine rationale Erklärung gab, die niemand infrage stellte. Genau das hatte sie damals getan, und Bennett hatte die Wahrheit nicht wissen wollen, obwohl er sie tief in seinem Inneren geahnt hatte.
Sam schenkte ihm ein leichtes Lächeln. »Jetzt weißt du alles. Zumindest in der Kurzfassung. Zufrieden?«
Nein, er war nicht zufrieden und war es auf eine gewisse Weise doch. »Und Lieutenant Kerry? Ist der etwa ... auch kein Mensch?«
»Nur zur Hälfte. Seine Mutter war eine Dryade, eine Baumnymphe, und er hat geringe magische Kräfte von ihr geerbt. Seine Tochter besitzt diese Kräfte allerdings in vollem Umfang.«
An die Realität von Magie zu glauben, erschien ihm immer noch unmöglich. Aber das erklärte ihm tatsächlich alles, was ihn seit seiner Kindheit beschäftigt hatte.
Sam legte ihm eine Hand auf den Arm. »Wenn Menschen wie du unvorbereitet mit Magie in Kontakt kommen oder mit Wesen der anderen Welten – Ron nennt sie immer nur schlicht die Anderen – dann verändert euch das. Der Blick in eine Welt, die scheinbar jeder Ratio und jeder Logik widerspricht, ist nicht leicht zu verkraften. Und wenn ihr nicht irgendwann eine Erklärung dafür bekommt und sie auch akzeptiert, findet ihr euren Seelenfrieden in der Regel nicht wieder.« Sie sah ihm in die Augen. »Hast du deinen jetzt zurückgewonnen?«
Das hatte er tatsächlich. Er erkannte in diesem Moment auch, dass dies genau das war, worauf Dr. Connlin ihn in den Sitzungen des vergangenen Jahres vorbereitet hatte.
»Das ist zwar ziemlich gewöhnungsbedürftig«, gestand er, »aber ja, ich fühle mich zumindest besser.«
»Du gewöhnst dich schon daran«, war Sam überzeugt und beugte sich zu ihm hinüber. »Und ich weiß, dass du gerade jetzt wahnsinnige Lust auf wilden Sex mit einem Sukkubus hast.«
Bennet lachte verlegen. »Ist das so offensichtlich?«
»Nein, aber jeder Sukkubus kann die tiefsten und verborgensten Wünsche und Sehnsüchte seiner Gespielen erspüren, selbst wenn die sich derer gar nicht bewusst sind. Und dieser Instinkt sagt mir, dass du jetzt liebend gern in irgendeinem Wald auf einem weichen Moosbett so hemmungslos mit mir sein willst, wie du es dir bisher immer nur in deiner Fantasie vorgestellt hast.«
Genau diese Fantasie war Bennetts geheimer Traum, seit er als Jugendlicher zum ersten Mal Sex gehabt hatte. Bisher war er allerdings keiner Frau begegnet, mit der er sie hätte ausleben können.
Sam stand auf und zog ihn aus dem Sessel hoch. »Ich kenne genau den richtigen Ort dafür, Kevin. Und bitte nicht erschrecken, denn wir sind sofort da.«
Trotz ihrer Warnung zuckte er überrascht zusammen, als sich im nächsten Moment die Umgebung verändert hatte und er nicht mehr in Sams Wohnzimmer stand, sondern mitten in einem dichten Wald neben einem Baum, zwischen dessen Wurzeln sich tatsächlich ein weiches und überaus einladend wirkendes Moosbett befand.
»Wie zum Teufel ...«
»Teleportation«, erklärte Sam knapp. »Eine angeborene Fähigkeit von uns Dämonen.«
Sie trat dicht an ihn heran und begann, ihm seine Kleidung auszuziehen. »Ich verspreche dir, Kevin, dass du dieses Erlebnis nie vergessen wirst«, versicherte sie. »Und du wirst auch keine Sekunde frieren.«
Das war ihm in diesem Moment völlig egal.
»Nicht vergessen: Du kannst und darfst mit mir vollkommen zügellos sein«, fügte sie mit einem verführerischen Gurren in der Stimme hinzu.
Genau danach stand ihm der Sinn in dieser urwüchsigen Umgebung. Er hatte zwar nicht vor, brutal zu sein oder auch nur grob; das war normalerweise nicht seine Art. Aber wild und hemmungslos – oh ja!
Er streifte sich die Kleidung vom Körper, während Sam sich ebenfalls auszog und fühlte sich wie Pan persönlich, als er sich gleich darauf neben sie auf das weiche Moos legte und leidenschaftlich küsste, während über ihnen der Vollmond aufging. Der Duft des Mooses, den er schon immer geliebt hatte und als überaus stimulierend empfand, ließ ihn die dünne Haut der Zivilisation abstreifen und sich seinen Instinkten und verborgenen Bedürfnissen hingeben, die jetzt ungezügelt an die Oberfläche drängten.
Er bedeckte Sams Körper mit heißen Küssen, wobei er hier und da einen kleinen Biss hinzufügte, den sie offensichtlich ebenso erregend fand wie er, denn sie lachte jedes Mal leise und biss ihn ebenfalls in einer Weise, die ihn innerhalb kürzester Zeit derart aufgegeilt hatte, dass er es nicht mehr erwarten konnte, in ihre betörend duftende Liebesmuschel einzutauchen. Er drehte sie herum, und Sam wusste, was er sich wünschte.
Sie richtete sich auf allen vieren auf und wandte ihm einladend ihr wohlgeformtes Hinterteil zu. Er drang von hinten in sie ein und verschmolz mit ihr, reizte sie und wurde von ihr gleichermaßen stimuliert. Seine Sinne waren wach und scharf, und er erlebte den Akt mit einer Intensität wie nie zuvor – berauschend, beglückend und wahrhaftig hemmungslos. So stark, dass er zum ersten Mal in seinem Leben innerhalb kürzester Zeit zwei Orgasmen bekam, nach denen er sich schließlich entspannt und zutiefst befriedigt wieder auf das inzwischen zerwühlte Moosbett sinken ließ mit Sam in seinen Armen, die offensichtlich ebenso zufrieden war wie er. Er fühlte sich großartig und genoss den Nachhall dieses ungewöhnlichen Erlebnisses.
»Du hast recht, Sam«, brach er schließlich das Schweigen. »Dieses Erlebnis werde ich tatsächlich niemals vergessen.«
Sam antwortete nicht darauf. Seit Scotts Tod war Kevin der erste Mensch, mit dem sie wieder geschlafen hatte. Verglichen mit der Kraft, die Axaryn und auch Nyros, der Satyr, ihr beim Akt geben konnten, war Kevins Energie nur ein schwacher Abklatsch, wenn auch durchaus lecker für ihren Geschmack. Allerdings überlegte sie ernsthaft, ob sie nicht in Zukunft in Sachen Ernährung den Menschen den Rücken kehren und sich ausschließlich auf Wesen ihrer eigenen Art oder andere von Axaryns Kaliber beschränken sollte. Den Bronzedämon würde es freuen, wenn sie eine Weile oder auch für längere Zeit ausschließlich mit ihm zusammenblieb. Andererseits ...
»Was, hm, bedeutet unser, eh, Spiel jetzt für uns?«, fragte Kevin schließlich. »Haben wir nun eine Beziehung oder so was?«
»Nein«, stellte Sam mit Nachdruck klar. »Ich werde nie wieder eine Beziehung zu einem Menschen eingehen. Nicht wenn ich es verhindern kann!«, fügte sie vehement hinzu. »Aber wenn bei dir mal der sexuelle Notstand ausbrechen sollte, kannst du natürlich jederzeit zu mir kommen, und ich meine jederzeit. Auch mitten in der Nacht. Allerdings solltest du das nicht allzu oft tun, denn zu häufiger Sex mit einem Sukkubus verändert irgendwas irreversibel im Hormonstatus von euch Menschen, sodass ihr irgendwann ständig notgeil seid, aber niemals wieder mit einer Menschenfrau glücklich werden könnt.«
»Ja, davor hat mich Lieutenant Kerry schon gewarnt, wenn auch nicht so detailliert.«
»Außerdem sind unsere sporadischen Vergnügungen ohnehin ab dem Moment vorbei, sobald du eine feste Freundin hast. Ich bin zwar eine Dämonin, aber ich habe gewisse Prinzipien, von denen eins besagt, dass verheiratete Männer oder solche in festen Händen und erst recht die Männer und Gefährten von Freundinnen für mich tabu sind. Selbstverständlich können wir danach immer noch gute Freunde bleiben wie Ron und ich. Ich würde es sogar bedauern, wenn wir das nicht mehr wären.«
Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch ein lang gezogenes, mehrstimmiges Heulen ließ sie beide hochfahren. Gleichzeitig meldete ihr der Luftelementar, den sie auf den Werwolf angesetzt hatte, der am Tatort gewesen war, dass der ebenfalls hier war.
»Ist das das, was ich denke, dass es ist?«, fragte Bennett und angelte nach seiner Kleidung.
Sam tat dasselbe. »Wölfe«, bestätigte sie. »Und da es hier keine frei lebenden Wölfe gibt, stehen die Chancen verdammt gut, dass wir unser Schwarzes Rudel gefunden haben.«
»Wo sind wir hier eigentlich?«
»Am Rande des Cuyahoga Valley National Parks in der Nähe der Hathaway Road.«
Bennett hatte sich ebenso schnell wieder angezogen wie Sam, lud seine Pistole durch, die er gewohnheitsmäßig bei sich trug. Sam grinste flüchtig.
»Die wird dir gegen Werwölfe nichts nützen, da sie nicht mit Silberkugeln geladen ist. In manchen Dingen sind die Legenden beziehungsweise das, was in Büchern und Filmen propagiert wird, durchaus zutreffend. Werwölfe kann man nur mit Feuer, Silber, einer heiligen Lanze aus Menschenknochen und durch die Zähne eines anderen Werwolfs töten. Ich bringe dich zurück. Danach kümmere ich mich um die Bande.«
»Auf keinen Fall«, widersprach Bennett. »Ich komme mit.«
Sam verdrehte die Augen. »Kevin, ich bin eine Dämonin und kann mich gegen Werwölfe sehr gut wehren und schützen. Du nicht.«
»Ich komme mit«, beharrte er.
Sam hätte ihn gegen seinen Willen zurück in ihr Haus bringen können, aber es mochte vielleicht von Vorteil sein, wenn sie einen in die »Dinge zwischen Himmel und Erde« eingeweihten Detective an ihrer Seite hatte. Außerdem blieb ihr jetzt keine Zeit mehr, ihn zurückzubringen, denn der Luftelementar meldete ihr, dass sein Werwolf sich jetzt in wahrhaft üblen Schwierigkeiten befand.
Sam packte Bennett am Arm und sprang durch die Dimensionen mit ihm direkt zu dem Ort, wo sich die Wölfe befanden.

Nick war Ivans Spur vom Tatort unbeirrt gefolgt. Obwohl sein Bruder und die anderen einen Wagen benutzt hatten, um zu verschwinden, fiel es ihm nicht schwer, der Duftspur nachzugehen, die sie trotzdem hinterlassen hatten. Obwohl er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte, einen kühlen Kopf zu bewahren, fiel es ihm jedes Mal aufs Neue schwer, ihn zu behalten, sobald er Ivans Geruch in die Nase bekam. Sein Hass auf seinen Bruder war mit den Jahren keinen Deut geringer geworden und würde erst mit dessen Tod erlöschen.
Die Spur führte aus der Stadt hinaus in eine Richtung, von der Hinweisschilder an den Straßen verkündeten, dass sie zum Cuyahoga Valley National Park führte, einem großen Waldgebiet, das ideale Bedingungen für ein Wolfsrudel bot. Wahrscheinlich wollte Ivan sich hier für längere Zeit niederlassen, da er glaubte, Nick wieder einmal dauerhaft abgehängt zu haben. Ivan war zwar verschlagen, aber nicht intelligent genug, um zu erkennen, dass er selbst seinen Verfolger immer wieder auf seine Spur brachte, indem er rücksichtslos Menschen anfiel und tötete und es auf diese Weise sogar als Randnotiz in überregionale Zeitungen schaffte. Die natürlich eine Fundgrube für jemanden waren, der gezielt nach solchen Meldungen suchte.
Nick stellte seinen Jeep auf einem Parkplatz am Rand des Nationalparks ab. Es war inzwischen dunkel und um diese Zeit kein Mensch mehr hier. Nachdem er sich kurz vergewissert hatte, dass er wirklich allein war, zog er seine Kleidung aus, verstaute sie im Wagen, ließ sich nackt auf allen vieren nieder und wurde innerhalb von Sekunden zum Wolf. Seine Instinkte übernahmen das Regiment, und er lief im ausdauernden Wolfstrab in die Richtung, die Ivan eingeschlagen hatte.
Normalerweise genoss er es, als Wolf im Wald zu sein und zu jagen oder einfach nur seine Wolfsnatur auszuleben. Doch jetzt hatte er für die Schönheit der Nacht und des Waldes keinen Sinn. Er wollte nur Ivan stellen und endlich töten.
Er blieb abrupt stehen, als er das Rudel witterte. Ivan, Sonja, Alexej, Sergej und Ilja. Doch sie hatten noch andere Wölfe bei sich. Deren Geruch nach zu urteilen waren sie neu entstanden, aber sie hatten bereits eindeutig den typischen Rudelgeruch an sich. Nick konnte nur hoffen, dass zumindest die Neuen sich aus dem Zwist mit Ivan heraushielten.
Denn sein Bruder hatte ihn jetzt ebenfalls gewittert. Er heulte seine Herausforderung, und Nick antwortete ihm. Mit schnellen Sprüngen eilte er ihm entgegen und stand gleich darauf dem Rudel gegenüber. Die neuen Wölfe hielten sich mit instinktiv eingekniffenen Schwänzen im Hintergrund und signalisierten auf diese Weise, dass sie sich nicht einmischen würden. Doch die fünf Rassimov-Wölfe waren gefährlich genug.
Du! Ivans geknurrte Begrüßung klang hasserfüllt. Du bist wirklich lästig, Nick. Aber egal. Diesmal wirst du endgültig sterben.
Ivan griff an, doch Nick hatte nach dessen Vorwarnung natürlich damit gerechnet. Er warf sich zur Seite, wich den Zähnen seines Bruders aus und schnappte zu. Seine Kiefer schlossen sich um Ivans Genick, und er schmeckte dessen Blut, das ihm in diesem Moment wie der köstlichste Nektar vorkam.
Ein scharfer Schmerz in seinem Oberschenkel machte diesen Eindruck zunichte. Sonja hatte sich darin verbissen und schien entschlossen, ihm das Bein vom Körper zu reißen. Gezwungenermaßen musste er Ivan loslassen. Er fuhr herum und biss Sonja in die Schnauze. Aufheulend ließ die Wölfin von ihm ab. Doch jetzt war Ilja über ihm und grub ihm seine Zähne ins Genick. Nur das Anspannen seiner Nackenmuskeln bis zum Äußersten verhinderte, dass Ilja ihm beim ersten Versuch die Wirbelsäule durchbeißen konnte.
Er gehört mir!, forderte Ivan nachdrücklich. Aber vorher könnt ihr noch ein bisschen mit ihm spielen.
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Sergej riss ihm die Flanke auf, und Alexej verbiss sich in seinen Bauch, um ihm im nächsten Moment die Eingeweide herauszureißen. Nick heulte auf, mehr vor Wut als vor Schmerz, weil sein Bruder wieder einmal zu entkommen und durch die Hilfe seines Rudels auch zu triumphieren drohte. Er biss um sich, erwischte Alexejs Ohr und biss es ab. Der Wolf heulte und lockerte seinen Biss.
Nick wand sich aus seinen Fängen, obwohl er sich damit selbst die Bauchdecke aufriss und der Schmerz ihn beinahe ohnmächtig werden ließ. Aber eben nur beinahe. Er schnappte erneut zu, erwischte Alexejs Hals von der Seite und biss mit aller Kraft zu. Die Halsschlagader des Wolfs wurde regelrecht zerfetzt, und das Blut schoss in einem dicken Schwall heraus. Alexej brach zusammen, aber Ilja, der immer noch in Nicks Genick verbissen war, drückte seine Kiefer mit aller Macht zusammen.
Er gehört mir!, erinnerte Ivan ihn und kam jetzt näher.
Nick knurrte und wand sich vergeblich in Iljas Fängen. Sergej schnappte nach seinem Vorderbein und brach ihm den Knochen. Nick heulte auf, konnte aber nur noch hilflos zappeln und wusste, dass er selbst dann sterben würde, wenn Ivan ihn nicht tötete, denn aus seinem aufgerissenen Bauch quollen seine Eingeweide auf die Erde. Nick heulte hasserfüllt und wäre in diesem Moment liebend gern einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, wenn der ihm dafür nur seine Rache an Ivan gewährt hätte.
Doch es kam anders.
Eine Art Feuerblitz traf Ilja in den Rücken. Der Werwolf kam nicht einmal mehr dazu aufzujaulen, ehe er bereits zu einem Häufchen Asche zerpulvert war. Ein zweiter Blitz traf Sergej, der ihn zwar nicht voll erwischte, aber sein Hinterteil in einer Weise zerschmetterte, dass er es nicht überleben würde. Schüsse krachten und trafen Sonja, deren von Nicks Biss verletzte Schnauze gerade wieder geheilt war. Doch normale Kugeln hielten eine Werwölfin natürlich nicht auf. Mit einem gereizten Knurren sprang sie den Schützen an, der außerhalb von Nicks Blickfeld stand, dessen Sicht sich jetzt zunehmend trübte. Er nahm einen Duft von frischem Sex wahr und wusste, dass die schwarzhaarige Hexe gekommen war. Dann sah er nur noch, wie Ivan – wieder einmal – feige das Weite suchte.
Du bist erledigt, Bruder!, stellte der ungeheuer zufrieden fest. Viel Spaß in der Hölle!
Ivan floh, und die neuen Rudelmitglieder folgten ihm. Sonja hinkte schwer verletzt und nur noch dreibeinig hinterher. Nick versuchte, sich an den Rest von Leben zu klammern, der noch in ihm war, denn es durfte nicht so enden. Es durfte einfach nicht so enden! Doch er wusste, dass er es nicht schaffen würde. Diesmal war kein Hunkpapa-Lichtwolf-Schamane da, der ihm das Leben rettete. Es war vorbei. Er verlor das Bewusstsein.

Kevin Bennett hatte keine Zeit, sich mit der Situation vertraut zu machen, in die er buchstäblich mit Sam hineinsprang, nämlich inmitten eines vielköpfigen Rudels Wölfe. Ein paar standen abseits, während drei von ihnen sich auf einen einzigen gestürzt hatten und ihn gerade zerfleischten, wobei ihnen ein anderer mit glühenden Augen zusah. Ein weiterer fuhr sich winselnd mit der Pfote über die offensichtlich verletzte Schnauze.
Sam dagegen trat in Aktion, kaum dass sie Bennetts Arm losgelassen hatte. Ihre Hände glühten vor Energie, und sie schleuderte sie pfeilartig auf die Wölfe, die einen der ihren gerade in Stücke rissen. Der erste traf einen in den Rücken und zerpulverte ihn zu Asche. Ein zweiter zerschmetterte einem anderen das Hinterteil, der sich zwar noch davon zu schleppen versuchte, aber nach wenigen Metern tot zusammenbrach.
Doch jetzt griff der Wolf mit der verletzten Schnauze, die auf wundersame Weise geheilt zu sein schien, Bennett an. Er feuerte sofort und schoss das gesamte Magazin auf den Wolf leer, der in großen Sprüngen und überaus wütend auf ihn zu eilte. Obwohl jede einzelne Kugel traf, hielt das Tier – der Werwolf – nicht einmal kurz inne und war bereits über ihm, ehe sein Verstand entscheiden konnte, welche Option ihm jetzt noch blieb. Es gab keine.
Bennett warf sich instinktiv zur Seite, doch der Wolf war bereits heran, und seine zuschnappenden Kiefer erwischten seinen linken Arm. Bennett riss ihn zurück, was sein Glück war, denn der Wolf bekam ihn dadurch nicht ganz zu fassen. Seine Zähne rutschten von seinem Arm ab und zerrissen den Ärmel von Jacke und Hemd. Im nächsten Moment traf ein Blitz dessen Hinterteil und riss ihm ein Bein ab.
Der Wolf heulte markerschütternd auf und suchte auf drei Beinen hinkend das Weite, hinter seinen Kumpanen her, die bereits in großen Sprüngen die Flucht ergriffen.
»Hierher, Kevin! Schnell!«
Bennett eilte zu Sam, die neben dem zerrissenen Wolf kniete, dessen Gedärme auf den Waldboden gequollen waren. Sie hatte eine Hand auf dessen Körper gelegt und packte jetzt mit der anderen Bennetts Bein.
Im nächsten Moment befanden sie sich alle drei im Wohnzimmer von Sams Haus, die sich augenblicklich dem Wolf zuwandte.
»Bist du verletzt, Kevin?«, fragte Sam drängend.
»Ich ... ich glaube nicht. Ich spüre nichts.«
»Sieh nach!«, drängte sie, während sie ihre Magie einsetzte und versuchte, die furchtbaren Wunden des Werwolfs zu heilen.
Bennett schob den zerrissenen Ärmel hoch und untersuchte seinen Unterarm. Er entdeckte einen Bluterguss, doch keine weitere Verletzung. Offenbar hatte der Wolf ihm tatsächlich nur den Ärmel zerfetzt und der dicke Stoff seiner Jacke verhindert, dass der Biss durchging.
»Bis auf einen Bluterguss bin ich okay«, versicherte er Sam und warf einen Blick auf den übel zugerichteten Körper des Wolfs, der jetzt als ein nackter Mann vor ihm lag. Es war der Mann, der heute Vormittag am Tatort gewesen war.
Das war für Bennett schon enervierend genug, aber als er sah, wie sich unter Sams Händen, die sie ein paar Zentimeter über seinem Körper hielt, die zerrissenen Eingeweide langsam wieder zusammenfügten und ihren Platz in der Bauchhöhle einnahmen, wo sie hingehörten, war das zu viel für seinen Verstand. Er wich zurück und verspürte den Drang sich zu übergeben.
»Geh!«, befahl Sam. »Wir sehen uns morgen. Ich hoffe, ich kann den hier noch retten.«
Bennett brauchte keine zweite Aufforderung. Er drehte sich um und floh regelrecht aus dem Haus, stieg in seinen Wagen und fuhr nach Hause. Dort angekommen nahm erst einmal eine heiße Dusche und versuchte, die Ereignisse des Abends zu verkraften. Das Erlebnis mit den Wölfen – Werwölfen – verdrängte er, denn das erinnerte ihn zu sehr an sein entsetzliches Kindheitserlebnis mit dem Kynokephalos.
Stattdessen konzentrierte er sich auf die Erinnerung an den wunderbaren Sex mit Sam. Sie hatte ihm tatsächlich die Erfüllung seiner geheimsten Träume geschenkt. Es war berauschend gewesen, einmal die dünne Haut der Zivilisation abstreifen zu können und inmitten der Natur seinen Instinkten und wahren Bedürfnissen nachgeben zu können, in jeder Beziehung ein Teil der Natur zu sein. Bennett wünschte sich schon jetzt sehnlichst eine Wiederholung dieses Erlebnisses.
Natürlich war er sich bewusst, dass er das nur selten würde bekommen können; vielleicht sogar nie wieder. Da er mit Sam, wie sie nachdrücklich klar gemacht hatte, keine feste Beziehung würde haben können, sollte er sich besser eine Freundin suchen, die einem Sexabenteuer in freier Natur aufgeschlossen gegenüber stand. Denn nachdem er es nun endlich einmal erlebt hatte, wollte er nicht wieder dauerhaft darauf verzichten.
Als er sich zwanzig Minuten später abtrocknete, bemerkte er eine etwa fünf Zentimeter lange Schramme an der Unterseite des linken Arms unmittelbar unter dem Ellenbogen. Offenbar hatten die Zähne des Werwolfs seine Haut doch durch die Jacke hindurch geritzt. Aber er war gegen Tollwut und andere Krankheiten geimpft und maß dem deshalb keine weitere Bedeutung bei. Mit der Wundsalbe, die er gleich darauf auftrug, glaubte er die Sache erledigt zu haben.
Und die unruhigen Träume, die ihn heimsuchten, kaum dass er eine Stunde später eingeschlafen war und in denen er sich selbst als einen Wolf im Wald erlebte, schob er auf die unglaublichen Ereignisse dieser Nacht.

Nick erwachte übergangslos und fuhr ruckartig hoch. Er hatte erwartet, dass diese unwillkürliche Bewegung ihm heftige Schmerzen verursachen würde, denn er war schließlich verletzt. Doch er spürte nichts. Er befand sich auch nicht mehr im Wald, sondern lag in einem sauberen Bett, war selbst sauber, und seine Verletzungen waren verschwunden. Alle. Er lebte noch, war vollkommen geheilt und wieder topfit.
Zögernd kehrten jetzt die Erinnerungen an das Geschehen im Wald zurück. Jemand war unvermittelt aufgetaucht und hatte Ivan und die anderen vertrieben. Sein Geruchsgedächtnis identifizierte jetzt auch die Person, die er zwar nicht gesehen, aber gerochen hatte. Es war die wunderschöne schwarzhaarige Frau, die ihm am Ort von Ivans letztem Verbrechen gefolgt war und ihm vorgeschlagen hatte, sich mit ihr zu verbünden.
Er hörte Schritte sich nähern und spannte sich unwillkürlich abwehrbereit an. Zusammen mit den Schritten kam ihr Geruch näher. Schließlich öffnete sie die Tür zu seinem Zimmer und sah ihn mit einem freundlichen Lächeln an. Nick sog ihren Duft in sich ein und die Gerüche, die jenseits von ihr aus dem Haus kamen.
Er roch andere Werwölfe, die noch vor Kurzem hier gewesen waren und deren Geruch ihm vertraut war. Die Duftmarken gehörten zu Brian Wolfheart und seinem Rudel von Lichtwölfen. Aber dieses Wesen hier gehörte nicht dazu. Ein Mensch war sie allerdings auch nicht. Nick konnte zwar nicht identifizieren, was sie war, doch er spürte in ihr eine seltsame Mischung aus Licht und Finsternis, Polaritäten, die in ihr fluktuierten und mal die eine und mal die andere Seite in schnellem Wechsel überwiegen ließen.
Doch das interessierte ihn im Moment nicht. Er war am Leben und wieder vollständig geheilt. Was Ivan aber nicht wusste und auch nicht ahnte. Somit war das Überraschungsmoment auf seiner Seite, wenn er seinen Bruder erneut stellte.
»Ich bin Sam Tyler«, stellte das Wesen sich ihm vor. »Du bist in meinem Haus und hier vollkommen in Sicherheit. Nichts Böses kann hier eindringen, auch nicht ein Schwarzes Rudel. Wie soll ich dich nennen?«
Er zögerte nur kurz. »Nick. Nick Roscoe.«
Sam kniff überrascht die Augen zusammen. Der Mann war ein Werwolf, und er hieß obendrein Nick. Vor anderthalb Jahren hatten sie und ihr Vater Benyun durch ein Zeitportal in die Vergangenheit reisen müssen, um herauszufinden, mit welchem Zauber Marie Laveau ihr Grimoire unzerstörbar gemacht hatte, damit sie es vernichten konnten und es weder dem Bokor Jacques LeGrand noch der Dienerschaft des Schwarzen Feuers in die Hände fiel. Doch dabei hatten sie versehentlich den Lauf der Geschichte verändert und waren in eine Gegenwart zurückgekehrt, in der Sam mit einem Werwolf namens Nick liiert gewesen war und sogar Kinder mit ihm gehabt hatte3. Ob er dieser Nick war?
Falls ja, so bedeutete das allerdings nicht zwangsläufig, dass er in dieser Gegenwart derselbe Mann war wie ihr Gefährte in einer anderen. Die normale Zeitlinie hatte sich anders entwickelt als die, in die Sam und Benyun damals zurückgekehrt waren. Deshalb konnte dieser Nick hier durchaus einen ganz anderen Charakter besitzen als »ihr« Nick aus der anderen Zeitlinie, der ohnehin bereits tot gewesen war, als Sam und Benyun dort auftauchten. In jedem Fall war es müßig, sich darüber Gedanken zu machen.
Sie deutete auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand und auf dem eine Jeans, Hemd, Strümpfe und Unterwäsche lagen. Davor standen ein Paar Sneakers. »Die Sachen müssten dir einigermaßen passen.«
»Wem gehören die?«, wollte er wissen, denn er nahm den Geruch eines Mannes daran wahr, der sie aber schon seit Wochen nicht getragen hatte.
»Einem Toten. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.«
Er schüttelte den Kopf. »Wenn es dir nichts ausmacht?«
Sie schüttelte ebenfalls den Kopf. »Ich habe das Mittagessen fertig. Wenn du willst, kannst du mit mir essen.«
»Gern«, bestätigte er und schwang sich aus dem Bett. Unbefangen wandte er sich ihr zu und sah sie fragend an. »Hast du mich geheilt?«
Sam nickte. »Gern geschehen.«
»Danke«, sagte er schlicht und wandte sich der Kleidung zu.
Jede einzelne seiner Bewegungen war kraftvoll und geschmeidig, und Sam bewunderte seinen perfekt proportionierten nackten Körper, dessen Anblick ihr einen Schauer von Lust verursachte, besonders da er sich völlig unbefangen gab und keine falsche Scham kannte. Sie musste sich beherrschen, um ihn nicht augenblicklich mit ihrer Lockmagie zu verführen. Doch das war nicht das, was er jetzt erst einmal brauchte. Beinahe widerstrebend wandte sie sich ab und verließ das Zimmer.
Wenig später hatte Nick zielstrebig den Weg in die Küche gefunden. Sam hatte einen wahren Berg von nur oberflächlich angebratenen, innen aber noch rohen Steaks und Leberstücken aufgetischt, dazu einen nicht minder großen Berg Kartoffeln und Gemüse. Nick langte zu und verschlang ausgehungert Dreiviertel des Vorrats. Danach fühlte er sich erheblich besser.
Als er Sam schmunzeln sah, errötete er verlegen. »Ich hoffe, ich habe dir jetzt nicht zu viel weggefressen«, entschuldigte er sich.
»Absolut nicht«, versicherte sie. »Ich ernähre mich sowieso nicht von dieser Art Nahrung, obwohl sie mir ganz gut schmeckt. Leider macht sie mich nicht satt.«
Er blickte sie fragend an.
»Ich bin ein Sukkubus.«
»Oh.« Das erklärte den permanenten – und überaus anregenden – Duft nach Sex, der sie ständig umgab. »Dass ich ein Werwolf bin, weißt du ja.«
Sie nickte. »Mein Angebot, dass wir uns zusammentun sollten, um das Schwarze Rudel zu erledigen, steht immer noch.« Sie sah ihn aufmerksam an. »Es geht mich natürlich nichts an, aber ich bin neugierig, welches Huhn du mit ihnen zu rupfen hast.«
Nick zögerte. Einerseits ging sein Zwist mit Ivan tatsächlich niemanden etwas an. Andererseits hatte Sam ihm das Leben gerettet, deshalb schuldete er ihr zumindest eine Erklärung. Und wenn er schon mal dabei war, konnte er ihr auch die ganze Geschichte erzählen. Wahrscheinlich hatte Brian Wolfheart sie ihr ohnehin schon mitgeteilt.
»Ich war bis vor ungefähr fünfzehn Jahren selbst ein Teil dieses Rudels«, gestand er und scherte sich nicht darum, ob er dadurch in ihrer Achtung sinken würde, dass er ein Dunkelwolf war. Sie war schließlich eine Dämonin. »Aber meine Frau und ich haben es mit unseren Kindern verlassen.« Und die Zeit danach gehörte mit zu den glücklichsten Erinnerungen seines Lebens.
»Hat euch der Anführer verjagt?«, erkundigte sich Sam vorsichtig, als Nick in Gedanken versunken schwieg.
»Ich war der Anführer unseres Rudels, sonst hätte ich keine Kinder mit Yelena haben können. In dem Punkt sind wir nicht anders als unsere rein tierischen Brüder und Schwestern«, fügte er erklärend hinzu. »Nur der Rudelführer und seine Alphawölfin haben Kinder.« Die er in diesem Moment vor seinem geistigen Auge sah, als stünden sie vor ihm, und der Schmerz des Verlustes grub sich erneut in seine Eingeweide. Er schloss die Augen und kämpfte die Trauer nieder.
»Jedenfalls begann mein Bruder Ivan, mir meine Führerschaft streitig zu machen. Eines Tages, als ich durch eine Vergiftung geschwächt war – von der ich inzwischen weiß, dass er sie mir zu eben diesem Zweck verpasst hat – forderte er mich heraus und hat mich besiegt.« Er ballte die Fäuste und gab ein wütendes Knurren von sich. »Er hat mich immer nur besiegen können, wenn ich geschwächt war. Solange ich im Vollbesitz meiner Kräfte bin, wäre er mir nie gewachsen. Niemals!«
Es kostete ihn einige Mühe, sich wieder zu beruhigen, ehe er fortfahren konnte. »Natürlich konnten wir nicht bleiben. Nicht nur, weil ich mich Ivan niemals unterworfen hätte, sondern auch, weil er Yelena als seine Alphawölfin beanspruchte. Außerdem war uns schon damals klar, dass er meine Welpen nicht am Leben lassen würde, obwohl das völlig der Art des Wolfs widerspricht. Deshalb haben wir das Rudel verlassen. Doch natürlich konnte Ivan das nicht dulden. Nicht nur, weil dadurch seine Autorität infrage gestellt wurde, sondern in erster Linie weil er wirklich böse ist. Wir waren schon immer ein Schwarzes Rudel, das sich nicht an die Regeln der Lichtwölfe hält. Wir haben uns am Vieh der Menschen vergriffen, uns einen Spaß daraus gemacht, sie in Angst und Schrecken zu versetzen und sie auch manchmal wie Sklaven unserer Herrschaft unterworfen. Und wenn uns ein Mensch gefiel – in der Regel eine Frau – haben wir sie verwandelt und ins Rudel aufgenommen.«
Er nickte nachdrücklich. »Auch ich habe mich an diesen Dingen beteiligt, aber ich habe niemals Menschen zum Spaß getötet, sondern nur, wenn sie eine Bedrohung für das Rudel darstellten wie die Jäger von PROTECTOR. Aber Ivan …« Er schüttelte den Kopf. »Ivan ist böse. Er quält und tötet, weil es ihm Spaß macht, und er kann nicht zulassen, dass etwas Schönes existiert, ohne es besitzen zu wollen. Wenn er es nicht haben kann – so wie Yelena und die Liebe, die wir für einander empfanden – dann vernichtet er es, damit es auch kein anderer bekommt.«
»Er hat deine Familie getötet«, vermutete Sam.
»Vor meinen Augen. Er hat uns nur zu dem Zweck verfolgt, um sich dafür zu rächen, dass ich mich weigerte, mich ihm zu unterwerfen und ihm Yelena zu überlassen. Ich habe ihn herausgefordert, um meine Führerschaft zurückzugewinnen. Er hat Yelena und die Welpen vorher getötet, weil er genau wusste, dass mich der Schmerz darüber so schwächen würde, dass er leichtes Spiel mit mir hätte. Das ist seine Masche: den Feind schwächen und über ihn herfallen, wenn der sich nicht mehr oder nur noch eingeschränkt wehren kann oder ihn mit einer Übermacht angreifen. Das ist nicht die Art des Wolfs!«, fügte er nachdrücklich hinzu, bevor er die Fäuste ballte und hervorstieß: »Ich werde ihn vernichten! Und wenn du mir dabei in die Quere kommst, auch dich!«
Sam grinste unbeeindruckt. »Du kannst es gern versuchen, Nick, aber du solltest dich besser nicht mit mir anlegen. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht deine Feindin bin.« Sie wurde wieder ernst. »Wir müssen deinen Bruder aufhalten, sonst ist kein Mensch hier mehr sicher. Er hat schon sieben Unschuldige verwandelt und elf bestialisch umgebracht.«
»Er gehört mir!«, fuhr er sie knurrend an und fletschte die Zähne. Seine grünen Augen glühten für einen Moment förmlich auf, ehe er sich wieder beruhigte.
Sam hob abwehrend die Hände. »Keine Einwände. Wir kümmern uns um den Rest des Rudels, und dein Bruder gehört dir. Es sei denn, du willst wieder versuchen, es mit dem ganzen Rudel allein aufzunehmen und diesmal vielleicht endgültig auf der Strecke bleiben.«
Nick zog finster die Brauen zusammen und wirkte in diesem Moment überaus bedrohlich. Er wollte nicht, dass sie oder jemand anderes sich da einmischte. Andererseits hatte sie völlig recht, dass er es nicht allein mit dem ganzen Rudel aufnehmen konnte. Ivan würde niemals fair spielen und es allein mit ihm aufnehmen. Wenn er seinen Bruder stellen und mit ihm abrechnen wollte, dann brauchte er Sam und die Lichtwölfe, um die anderen Rudelmitglieder in Schach zu halten. Er glättete seine Stirn wieder.
»Einverstanden. Aber Ivan gehört mir!«
Sam nickte. »Kein Problem.«
Die Haustür wurde aufgeschlossen, und Brian und sein Rudel kamen herein, denen Sam einen Schlüssel zu ihrem Haus gegeben hatte. Der Hunkpapa-Sioux grüßte Nick mit einer leichten Neigung des Kopfes.
»Hallo, Nick. Ich freue mich, dass du noch lebst.«
»Tatsächlich?«, knurrte der finster. »Ich dachte, es würde dich freuen, wenn es einen Dunkelwolf weniger in der Welt gibt.«
»Bist du das denn noch, Nick?«
Nick starrte ihn nur an, und Brian starrte zurück. Sam kannte sich mit dem Verhalten von Wölfen und Werwölfen gut genug aus, um zu wissen, dass die beiden gerade stumm ihre Kräfte maßen. Das Ende wäre, dass entweder einer von ihnen den Blickkontakt abbrach – was keiner freiwillig tun würde – oder sie zu kämpfen begannen, um zu etablieren, wer von ihnen das Sagen hatte.
»Wölfe!«, knurrte Sam ungehalten, trat zwischen die beiden Männer und unterbrach so deren Blickkontakt. »Dieses Spielchen vertagt ihr gefälligst bis nach der Lösung des Problems mit dem Schwarzen Rudel.« Sie stemmte die Fäuste an die Hüften und warf beiden einen verweisenden Blick zu. »Ihr befindet euch in meinem Haus, und hier herrscht Burgfrieden. Kapiert?«
»Natürlich«, gab Brian unverzüglich nach. »Entschuldige, Sam.«
Nick entschuldigte sich nicht. Er griff nach seiner Tasse Kaffe, die noch auf dem Küchentisch stand und trank sie aus.
»Wir haben deinen Wagen geholt, Nick«, sagte Brian ruhig und legte die Wagenschlüssel vor ihn auf den Tisch. »Er steht vor der Tür.«
Nick bedankte sich auch nicht. Schließlich hatte er Brian nicht um diesen Gefallen gebeten. Er war nur erfüllt von dem brennenden Wunsch, Ivan endlich zur Strecke zu bringen, ihn auszulöschen, wie er Yelena und die Welpen ausgelöscht hatte und jede Spur von ihm vom Antlitz dieser Erde zu tilgen. Dass er dazu tatsächlich Hilfe brauchte, passte ihm absolut nicht. Dass er dazu keine andere Hilfe bekommen konnte als die dieser Lichtwölfe, passte ihm noch viel weniger. Die Alternative, aus reiner Sturheit abzulehnen und Ivan wieder einmal entkommen zu lassen, war allerdings indiskutabel. Er steckte die Schlüssel in die Hosentasche.
»Wir haben Ivans Lager ausfindig gemacht«, teilte Brian ihm und Sam mit.
»Wo?«, verlangte Nick zu wissen.
»Er hat ein Haus an der Canyon View Road bezogen. Wie es aussieht, plante er, für längere Zeit hier zu bleiben.« Brian grinste flüchtig. »Er hat offensichtlich nicht damit gerechnet, dass du ihm so schnell auf den Fersen sein würdest, Nick.«
Nick sprang vom Stuhl. »Habt ihr ihn etwa schon gestellt?«, fuhr er wütend auf.
Brian unterdrückte ein Schmunzeln. »Das erschien uns nicht ratsam«, erklärte er ruhig. »Wie du natürlich selbst am besten weißt, ist es nicht klug, ein Wolfsrudel in seinem eigenen Lager anzugreifen. Außerdem sind sieben Mitglieder seines Rudels bis jetzt noch unschuldig. Soweit es möglich ist, müssen wir sie schützen. Dafür brauchen wir einen Plan.«
»Ivan hält mich für tot«, stellte Nick nüchtern fest. »Er wird nicht damit rechnen, dass ich noch einmal auftauche.«
»Was wir zu unserem Vorteil nutzen können und werden«, meinte Sam und dirigierte sie alle ins Wohnzimmer. »Brian, was wäre das beste Vorgehen, deiner Meinung nach?«
»Wir warten bis nach Mondaufgang. Dann wird das Rudel seine Höhle verlassen. Wir folgen ihnen und stellen sie.« Er nickte zu Nick hinüber, der neben der Tür mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand und Sam beobachtete. »Wir halten das Rudel in Schach, sofern wir keinen von ihnen töten müssen, und du kannst dich um Ivan kümmern. Wenn du ihn besiegst, wirst du der rechtmäßige Anführer des Rudels.«
»Ich will nicht das Rudel, ich will Ivan«, knurrte er. »Aber der Plan ist gut.« Auch wenn es ihm nicht gefiel, bis zur Nacht zu warten. Da es aber bereits nach Mittag war, dauerte es nur noch ein paar Stunden, bis zum Einbruch der Dunkelheit.
»Spricht was dagegen, wenn ich euch begleite?«, fragte Sam.
»Das ist eine Angelegenheit der Lichtwölfe und der Wächter«, erinnerte Brian sie. »Und eine persönliche Angelegenheit von Nick.«
Sam hob abwehrend die Hände. »Ich habe keinesfalls vor mich einzumischen. Ich will nur dabei sein. Schließlich können meine Fähigkeiten euch nützlich sein, sollte etwas schiefgehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Es sei denn, ihr wollt im Falle eines Falles den Schurken unbedingt entkommen lassen, woran ich ihn virtuos hindern könnte, wie ihr wisst.«
Brian beriet sich stumm mit seinem Rudel und nickte schließlich. »Von unserer Seite gibt es keine Einwände.« Er sah Nick an. »Nick?«
Der zuckte mit den Schultern. »Solange du dich nicht zwischen mich und Ivan stellst«, sagte er zu Sam, »habe ich auch keine Einwände.«
»Prima. Ich werde Ronan Kerry informieren und mich darum kümmern, dass wir die Sache für die Menschen so drehen können, dass es eine plausible Erklärung für Ivans Morde gibt.«
Brian nickte ihr zu. »Wir schlafen inzwischen ein bisschen und sammeln unsere Kräfte für heute Abend.«
Er und die anderen begannen sich auszuziehen, legten ihre Sachen sorgfältig gefaltet auf die Couch und nahmen Wolfsgestalt an. Danach suchte sich jeder eine Ecke oder einen anderen gemütlichen Platz, auf dem sie sich zusammenrollten und gleich darauf eingeschlafen waren.
Nick zögerte, es ihnen gleich zu tun, obwohl auch er müde war und seiner Natur gemäß um diese Tageszeit schlief, wenn er konnte. Er blickte Sam an. Offensichtlich war sie an Werwölfe und ihre Eigenheiten gewöhnt. Trotzdem fühlte er sich ihr gegenüber ein wenig befangen darin, seine Wolfsnatur auszuleben. Er räusperte sich.
»Würde es dich stören, wenn ich auch ...« Er deutete mit dem Kopf auf die schlafenden Wölfe.
Sam lächelte. »Nicht im Geringsten«, versicherte sie ihm. »Fühl dich wie zu Hause. Und das meine ich wörtlich. Du bist hier willkommen, Nick.«
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging in ihr Arbeitszimmer, wo er sie gleich darauf telefonieren hörte. Nick zog sich aus, wurde zum Wolf und legte sich ein wenig abseits der anderen Wölfe schlafen. Die kommende Nacht würde endlich die Entscheidung bringen. Er konnte es kaum erwarten.
Sam rief als erstes Ronan an, setzte ihn über die Ereignisse des vergangenen Abends in Kenntnis und besprach mit ihm die weitere Vorgehensweise. Ihr Plan, wie sie die Angelegenheit für ihn offiziell regeln wollte, fand seine Billigung.
»Euer Erlebnis scheint Bennett verdammt mitgenommen zu haben«, teilte er ihr zum Schluss noch mit. »Er fühlt sich schon den ganzen Tag nicht wohl, hat Kopfschmerzen und ist überaus reizbar. Ich habe ihn nach Hause geschickt. Es wäre vielleicht gut, wenn du dich um ihn kümmern könntest.«
Sam versprach ihm, später nach Bennett zu sehen. Als nächstes rief sie ihren Bruder Conaru an.
»Ich brauche ein paar wilde Hunde, idealerweise Halbwölfe, die sich von der Polizei abschießen lassen«, teilte sie ihm mit. »Da ich sie nicht mehr selbst erschaffen kann, brauche ich dich dafür.«
»Du willst schon wieder Menschen helfen«, warf er ihr missmutig vor. »Und ich soll dich jetzt dabei unterstützen.«
»Ich will verhindern, dass Menschen von der Existenz von Werwölfen erfahren, die hier ihr Unwesen treiben und damit auch uns in Gefahr bringen«, korrigierte sie ihn. »Und wenn ich die Wahl hätte, wäre mir das scheißegal!«
»Nein, das wäre es nicht, Samala«, korrigierte Conaru sie ernst. »So etwas ist dir noch nie gleichgültig gewesen. Irgendwie scheint dir die Unart, dich um Dinge zu kümmern, die keinen anständigen Sukkubus zu interessieren haben, angeboren zu sein.«
»Vielen Dank, Dr. Freud«, beschied ihm Sam bissig. »Hilfst du mir nun?«
»Na klar. Ich warte auf dein Zeichen und werde zur Stelle sein.«
Sam unterbrach das Gespräch und fuhr in ihr Büro. Sie hatte schließlich nebenbei noch einen Job zu erledigen.

Kevin Bennett fühlte sich scheußlich. Er litt an einer nie gekannten Reizüberflutung, hatte Kopfschmerzen und Gliederschmerzen und fühlte sich fieberig. Offenbar hatte der Wechsel vom heißen Klima in New Mexico ins kalte Cleveland ihm eine kräftige Grippe beschert. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er konnte unmöglich krank feiern, nachdem er hier gerade mal drei Tage im Dienst war, auch wenn Lieutenant Kerry ihn kulanterweise heute Mittag nach Hause geschickt hatte. Seit Einbruch der Dunkelheit hatten sich die Beschwerden verstärkt. Bis er wieder genesen wäre, würde es mindestens zehn Tage dauern. Es sei denn ...
Ungebeten schob sich die Erinnerung an die vergangene Nacht vor seine Augen, wie Sam mit irgendeiner unheiligen Magie den Werwolf geheilt hatte. Zumindest glaubte Bennett, dass der noch lebte. Wenn sie solche schweren Verletzungen zu kurieren imstande war, so dürfte ihr das Heilen einer profanen Grippe nicht schwerfallen. Etwas widerwillig griff er zum Telefon und rief Sam an.
»Wie geht es dir, Kevin?«, fragte sie ihn, noch bevor er sich gemeldet hatte. »Ron hat mir schon gesagt, dass du krank bist.«
»Eine fürchterliche Grippe, wie es aussieht. Ich wollte fragen, ob du mir da vielleicht, eh helfen kannst.« Eine Welle von Schmerz fuhr durch seinen Körper. Er stöhnte.
»Kevin?«, fragte Sam besorgt.
»Ist schon gut«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich hatte nur noch nie eine Grippe, die so verdammt schmerzhaft war.«
Sam hatte plötzlich das sichere Gefühl, dass Kevin Bennett nicht nur an einer harmlosen Grippe litt. Hätte er ihr nicht versichert, dass der Wolf ihn gestern nicht verletzt hatte, sie hätte vermutet, dass er mit dem Werwolfkeim infiziert war und kurz vor seiner ersten Verwandlung stand. In jedem Fall musste sie sich unverzüglich um ihn kümmern.
»Ich bin gleich bei dir, Kevin.«
Sie unterbrach die Verbindung und blickte die Werwölfe an, die gerade im Begriff waren aufzubrechen, um Ivan zur Strecke zu bringen.
»Kleine Verzögerung, Leute. Ein Notfall. Ich bin gleich wieder da.«
Sie verschwand und hörte gerade noch Nicks unterdrückten Fluch, der es kaum erwarten konnte, seinen Bruder endlich zur Strecke zu bringen. Sie landete in dem Hotelzimmer, in dem Bennett wohnte, bis er eine Wohnung gefunden hatte. Der Detective hockte verkrümmt auf der Couch und stöhnte vor Schmerzen.
Sam erfasste mit ihren magischen Sinnen augenblicklich, was los war. »Kallas Blut!«, entfuhr es ihr. Sie fasste Bennett am Arm und sprang mit ihm zurück in ihr Haus.
Bennett stöhnte und wand sich wie unter Krämpfen. »Mein Gott, was passiert mit mir?«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen keuchend hervor und blickte die Indianer und Nick peinlich berührt an. Dass er hier ein ausgesprochen jämmerliches Bild abgab, war ein Albtraum für ihn. Der noch durch das Mitleid verstärkt wurde, das er in deren Augen sah.
Sam legte ihm einen Arm um die Schulten. »Versuch dich zu entspannen, Kevin. Ich habe mir sagen lassen, dass das die Verwandlung erleichtert.«
»Verwandlung? Was für eine ...« Er stieß einen Schrei aus und krümmte sich zusammen.
Sam begann, sein Hemd aufzuknöpfen und half ihm, es auszuziehen, ebenso sein T-Shirt. »Du hättest mir sagen sollen, dass der Wolf dich doch gebissen hat, dann hätte ich die Wunde und die Infektion heilen können, und das hier würde nicht passieren. Die Legenden sind leider auch in der Hinsicht wahr, dass jeder, der von einem Werwolf gebissen wird, ebenfalls zu einem wird, wenn die Verletzung nicht augenblicklich geheilt oder ausgebrannt werden kann.«
Sie zog ihm auch seine Hose und Unterhose aus. Bennett krümmte sich vor ihren Füßen zusammen. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. Seine Augen begannen sich zu verändern, wurden gelbbraun und schrägstehend. Aus seiner Stirn kam Fell zum Vorschein, und Nase und Mundpartie wurden länger. Er stieß einen Schmerzschrei aus, der sich zu einem grauenerregenden Heulen wandelte.
»Du bist ein Werwolf, Kevin«, sagte Sam ruhig, während sich seine Verwandlung immer weiter fortsetzte. »Aber du musst keine Angst haben. Du behältst deinen Verstand, und du wirst garantiert nicht bösartig durch die Verwandlung. Entspann dich, wenn du kannst.«
Sie legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter, während die Knochen seines Körpers sich knirschend deformierten, hier in die Länge streckten, dort verkürzten und die Muskeln und Sehnen sich zitternd und äußerst schmerzhaft dem anpassten. Kevin heulte ununterbrochen, bis die Verwandlung zwei Minuten später abgeschlossen war und er keuchend in der Gestalt eines braunen Wolfs vor ihr lag. In seinen Augen standen nackte Angst und schieres Entsetzen. Sam streichelte ihn beruhigend.
Einer der Lichtwölfe hatte inzwischen begonnen, seine Kleidung auszuziehen und hockte sich jetzt vor ihn hin.
»Ich bin Tom Shadowchaser«, stellte er sich vor. »Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst, aber es ist okay. Du musst keine Angst haben. Du wirst lernen, als Werwolf zu leben. Das wird dein Leben zwar ein bisschen umkrempeln, aber es wird alles gut werden, glaube mir.«
Bennett winselte verzweifelt und richtete sich mühsam auf. Er wankte ein wenig und versuchte ein paar Schritte zu gehen, aber offensichtlich taten ihm die Knochen immer noch weh. Sam exerzierte ihre Heilkräfte und nahm ihm die Schmerzen.
Tom sah ihn mitfühlend an. »Mein junger Bruder«, sagte er sanft, "wir werden dich lehren, was du wissen musst, um sicher leben zu können als einer von uns.« Er blickte Brian und Sam an. »Geht ihr das Schwarze Rudel jagen. Ich bleibe bei ihm. Kannst du uns deine Terrassentür offen lassen, Sam?«
»Kein Problem«, versicherte Sam und ging zur Terrassentür. Im Vorbeigehen legte sie Kevin eine Hand auf den Kopf. »Bei Tom bist du in den besten Händen, eh, Pfoten. Du kannst ihm vollkommen vertrauen.«
Sie öffnete die Tür und nickte Kevin und Tom zu, der sich innerhalb von Sekunden ebenfalls in einen Wolf verwandelte und Kevin mit der Schnauze sanft anstieß, um ihn zu animieren, nach draußen zu gehen.
»Ich hoffe, er war das letzte Opfer von Ivans Bande«, wünschte Sam inbrünstig mit unverhohlenem Grimm und streckte die Hände nach den Werwölfen aus. »Bringen wir es hinter uns.«
Sie fassten sich alle an den Händen, und Sam transportierte sie durch die Dimensionen in die Nähe von Ivans Haus.
»Sobald sie draußen sind, versiegele ich ihr Haus, dass sie nicht wieder hinein flüchten können«, versprach Sam, während die Werwölfe sich auszogen.
»Ansonsten hältst du dich raus!«, verlangte Nick zum unzähligsten Mal nachdrücklich.
Sam grinste. »Aber ja.«
Er trat dicht vor sie hin, nackt wie er war und starrte ihr in die Augen. »Wenn mein Bruder und ich kämpfen, wirst du dich auf keinen Fall einmischen«, stellte er nachdrücklich klar. »Wenn es ein fairer Kampf ist, soll der Bessere gewinnen, egal wer von uns das sein wird. Sollte Ivan mich besiegen, so vernichtet ihn hinterher. Er darf nicht so weitermachen. Aber der Kampf geht nur ihn und mich etwas an.«
»Du hast mein Wort, dass ich mich nicht einmischen werde, Nick«, versprach Sam ernst. »Viel Glück!«, fügte sie inbrünstig hinzu.
Sekunden später stand er als Wolf vor ihr, und das Rudel bezog Warteposition und harrte geduldig des Augenblicks, an dem die Dunkelwölfe in Aktion traten.

Ivan befand sich in Hochstimmung. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die letzten drei männlichen Mitglieder des ursprünglichen Rassimov-Rudels tot waren. Für ihn zählte nur, dass sein Bruder Nick endlich tot war und ihn nie wieder belästigen würde. Sonja, die zwar schlimm verletzt worden war, hatte sich inzwischen wieder erholt. Das abgetrennte Bein wuchs langsam nach, aber es würde ein paar Tage dauern, bis es wieder ganz war. Auch sie teilte Ivans Hochstimmung. Nie mehr fürchten zu müssen, dass Nick plötzlich wieder auftauchte und sie alle zu töten versuchte, war jedes Opfer wert.
Die neuen Wölfe würden sich schnell ins Rudel eingefügt haben. Nun, da Sonja wieder auf dem Damm war, würde sie diese aufsässige Sheila, die sich ihr nicht beugen wollte, schnell in ihre Schranken gewiesen haben. Auch sie würde Sonja als Alphawölfin anerkennen. Anerkennen müssen, noch ehe die Nacht vorüber war.
Der Mond ging auf, und Ivan führte sie alle nach draußen, wo die Neuen sich langsam und immer noch unter Schmerzen verwandelten. Die Jagd konnte beginnen.
Doch noch ehe sie sich ein paar Schritte vom Haus entfernt hatten, spürten sie, dass etwas nicht stimmte. Eine Macht manifestierte sich um das Haus herum, die zumindest Ivan und Sonja schmerzte: ein magischer Schild, der ihnen den Zutritt verwehrte. Ivan fuhr knurrend herum und suchte nach der Ursache, die jetzt völlig furchtlos vor dem Haus stand und ihm provozierend zuwinkte. Es war die schwarzhaarige Hexe – oder was immer sie sein mochte – die Ilja, Alexej und Sergej getötet und Sonja verstümmelt hatte. Ivan knurrte bösartig und machte Miene, sich auf sie zu stürzen, um ihr eine Lektion zu erteilen, die sie nie vergessen würde.
In diesem Moment bemerkte er das Rudel von Lichtwölfen, das sich ihnen näherte. Außerdem nahm er einen Geruch und eine Präsenz wahr, die es gar nicht mehr geben konnte. Gleich darauf stürmte Nick an der Spitze der Lichtwölfe heran und hatte sichtbar nur eins im Sinn: seinen Bruder endlich zu töten.
Ivan zögerte nicht. Er drehte sich um und floh, und das Rudel folgte ihm. Die Lichtwölfe hetzten hinterher. Es war Ivan völlig egal, was aus den neuen Wölfen wurde. Es war ihm in diesem Moment sogar egal, was aus Sonja wurde. Sein verfluchter Bruder musste einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben; anders war es nicht zu erklären, dass er immer noch lebte und offenbar nicht totzukriegen war. Doch Ivan kannte sich in dieser Gegend inzwischen ganz gut aus und wusste, wie er ihn und die Lichtwölfe abhängen konnte. Er musste nur schnell genug sein.
Er hätte vielleicht sogar Erfolg gehabt, aber er hatte die Rechnung ohne Sam gemacht. Sie schickte ihm einen Luftelementar auf den Hals, der ihr jeden Richtungswechsel von ihm und seinem Rudel meldete, jede Finte, die er versuchte und jedes Versteck, in dem er sich zu verkriechen versuchte. Sam meldete das mit Hilfe eines anderen Luftelementars an Brian weiter, sodass Ivans Ortskenntnis ihm gar nichts nützte.
Gemäß dem Sprichwort, dass Angst Flügel verleiht, rannte Ivan wie noch nie zuvor in seinem Leben. Aber Nick und die Lichtwölfe blieben ihm auf den Fersen. Sie jagten ihn nicht nur nach allen Regeln der Kunst, sie spielten auch mit ihm – auf Nicks Initiative hin, keine Frage –, indem sie ihm ab und zu das Gefühl gaben, dass er ihnen entkommen könnte, nur um diese Hoffnung jedes Mal wieder zunichte zu machen. Auf diese Weise hetzten sie ihn und sein Rudel, bis sie ihn auf einer Lichtung endgültig stellten, als der Mond unterging und die neuen Wölfe sich unwillkürlich wieder in Menschen verwandelten, kaum dass das Mondlicht sie nicht mehr berührte.
Völlig erschöpft und jetzt vor Kälte zitternd kauerten sie sich zusammen und blickten angstvoll Brian und seinem Rudel entgegen, das sie jetzt alle eingekreist hatte. Sekunden später tauchte Sam aus dem Nichts auf. Ivan nahm ebenfalls wieder Menschengestalt an.
Nick, der nur Augen für seinen verhassten Bruder hatte, trat jetzt vor ihn hin. »Diesmal entkommst du mir nicht, Ivan. Ich fordere dich zum Kampf heraus.«
Ivan rührte sich nicht. Das tat Sonja an seiner Stelle, die immer noch Wölfin geblieben war. Sie stürzte sich auf Nick. Ein Levinblitz traf sie mitten im Sprung und zerpulverte sie zu Asche.
»So nicht!«, knurrte Sam erbost.
Die jungen Werwölfe schrien entsetzt auf.
»Oh bitte, tut uns nichts!«, flehte Sheila, die glaubte, dass sie und ihre Freunde die nächsten wären, die Sam vernichtete. »Wir haben doch niemandem was getan!«
»Ihr habt von uns nichts zu befürchten«, versicherte Brian ihr. »Solange ihr euch an die Regeln haltet und sie nicht wie diese Wölfin zu brechen versucht.« Er nickte zu Sonjas Asche hinüber.
»I-Ivan? Was sollen wir denn jetzt tun?«, fragte Patrick unsicher.
»Ihr sollt und werdet das tun, was die Regeln unserer Art für einen solchen Fall vorschreiben«, verlangte Brian nachdrücklich. »Der Rudelführer wurde herausgefordert, und er und sein Herausforderer müssen und werden diesen Kampf ganz allein unter sich austragen. Der Sieger ist vom Moment seines Sieges an euer Rudelführer.«
»Aber Ivan hat uns gesagt, dass wir jetzt ein Rudel sind und immer zusammenhalten müssen«, protestierte Patrick. »Er ist unser Rudelführer.«
»Nicht mehr lange!«, knurrte Nick grimmig und ließ seinen Bruder nicht aus den Augen, der zu seiner ungeheuren Genugtuung nach Angst zu riechen begann.
»Hat er euch auch gesagt, dass er und seinesgleichen ein sogenanntes Schwarzes Rudel bilden, das die Gesetze unserer Art aufs Sträflichste und Schändlichste missachtet und alles pervertiert, wofür wir Wölfe einstehen?«, fragte Brian. »Dass die Gesetze des Wolfs uns verbieten, Unschuldige anzugreifen oder gar zu töten und erst recht, Menschen zu verwandeln? Dass es ein unsägliches Verbrechen ist, das mit dem Tod bestraft wird, sich an Menschen zu nähren? Und vor allem: Hat er euch auch gesagt, dass wir Lichtwölfe euch ebenso töten werden wie ihn, wenn ihr seinem Beispiel folgt?«
Patrick wich einen Schritt zurück und blickte Brian und die anderen Hunkpapa misstrauisch an. »Das ... das ist doch nicht wahr. Das sagst du nur, um uns einzuschüchtern.«
»Darauf würde ich nicht wetten«, beschied Sam ihm kalt und zuckte mit den Schultern. »Aber wenn du meinst, dass Brian lügt, dann versuch nur, deinen verfemten Rudelführer regelwidrig zu verteidigen und bezahle mit deinem Leben dafür.«
Patrick blickte sie und die Lichtwölfe unsicher an. Sheila kannte jedoch keine solchen Bedenken.
»Ich will nicht sterben!«, entschied sie. »Und ich wollte nie ein Werwolf werden! Ich will mit dem da«, sie nickte zu Ivan hinüber, »nichts zu tun haben!« Sie blickte Sam, Brian und die anderen Indianer flehentlich an. »Kann man das nicht wieder rückgängig machen?«
Brian schüttelte den Kopf. »Das ist leider unmöglich. Aber wir lassen euch nicht im Stich. Wir werden euch helfen, euch mit eurer neuen Existenz zurechtzufinden und euch lehren, wie ihr trotzdem gut und sicher leben und euer gewohntes Leben weitgehend weiterführen könnt. Mit der Zeit werdet ihr auch eure Verwandlung zu steuern lernen und nicht mehr vom Mondlicht abhängig sein. Dann entscheidet ihr allein, wann und ob ihr euch überhaupt verwandelt. Bis dahin müsst ihr dem Mond gehorchen.«
»Hauptsache nicht unter seiner Fuchtel!«, stieß Sheila hasserfüllt hervor und deutete auf Ivan. Sie fuhr zu Patrick herum und drohte ihm mit geballter Faust: »Und du wirst ihm auf keinen Fall helfen, sonst mach ich dich hier und auf der Stelle fertig!«
Patrick gab nach, trat einen Schritt zurück und senkte den Kopf.
»So, Ivan!«, knurrte Nick mit grimmiger Genugtuung. »Jetzt gibt es nur noch uns beide. Und diesmal kannst du keine miesen Tricks anwenden oder Gift benutzen, um dir einen Sieg über mich zu erschleichen. Du bist erledigt!«
Ivan warf einen gehetzten Blick in die Runde auf der Suche nach einem letzten Ausweg und fand keinen. Die Lichtwölfe hatten ihn und Nick umzingelt und würden ihn ebenso wenig entkommen lassen wie die schwarzhaarige Hexe, die nur darauf zu warten schien, dass er einen Fluchtversuch unternahm, damit sie ihn ebenso töten konnte wie Sonja. Und von den Neuwölfen war nicht mehr die geringste Hilfe zu erwarten. Wenn er am Leben bleiben wollte, so blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich seinem Bruder zu stellen und ihn auf traditionelle Weise zu bekämpfen.
Ohne Vorwarnung verwandelte er sich und griff Nick an. Der hatte jedoch mit so etwas gerechnet. Er warf sich zur Seite und verwandelte sich noch im Fallen. Ivans Zähne schnappten ins Leere. Dafür biss Nick jetzt zu und erwischte Ivans Hinterbein, das er ihm gnadenlos abbiss. Ivan heulte auf.
Brian und sein Rudel stellten sich schützend vor Sheila und die anderen, damit sie nicht versehentlich zwischen die Kämpfenden gerieten. Sam gesellte sich zu ihnen und beobachtete nicht minder gespannt den Kampf. Sie war fest entschlossen, Ivan höchstpersönlich zu töten, sollte es ihm gelingen, Nick umzubringen und fragte sich, woher diese heftige Regung stammte. Sie kannte Nick kaum und hatte nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Sie hatte noch nicht mal – oh Schande für einen Sukkubus! – mit ihm geschlafen. Trotzdem fühlte sie sich überraschend stark zu ihm hingezogen. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie um jene andere Realität wusste, in der er ihr Gefährte gewesen war.
Ivan fuhr jetzt trotz seiner Verletzung herum und versuchte, Nick in die Flanke zu beißen. Wieder hatte sein Bruder damit gerechnet, wich aus, erwischte das andere Bein und riss es ihm ebenfalls ab. Ivan jaulte schmerzgepeinigt auf. Er versuchte, sich auf den Vorderbeinen aufzurichten, doch Nick landete mit einem Sprung auf ihm und warf ihn zu Boden. Drohend knurrend stand er mit gefletschten Zähnen über ihm, und Ivan winselte vor Todesfurcht.
Nick ging ein paar Schritte um ihn herum. Ivan versuchte wegzukriechen, schaffte es aber nicht. Nick fuhr mit seiner Zunge betont langsam über die blutenden Beinstümpfe, und Ivan heulte auf.
Erinnerst du dich, Bruder, ja?, höhnte Nick und leckte noch einmal kräftig an den Wunden. Das sind die Schmerzen, die du meiner Yelena in ihrem letzten Moment zugefügt hast. Und das – er biss ihn in die Flanke und riss ein großes Stück Fleisch aus ihm heraus – ist der Schmerz, den du mir zugefügt hast.
Ivans Heulen wandelte sich zu einem heiseren Kreischen, als er unwillkürlich wieder Menschengestalt annahm und die Schmerzen doppelt spürte. Nick genoss seine Qual in vollen Zügen. Gleichzeitig fühlte er sich aber auch von dem Todesgestank seines Bruders angeekelt. Er stürzte sich erneut auf ihn und zerbiss ihm das Gesicht.
Das ist für meinen kleinen Kolja! Und das ist für Aljoscha!
Er riss ihm den Brustkorb auf. Danach packte er Ivans Kehle und riss sie ihm heraus. Dessen Körper zuckte noch ein paar Mal, während das Blut aus ihm herausrann, dann lag er still.
Ivan war tot, aber Nick noch lange nicht fertig mit ihm. Er zermalmte den Schädel seines Bruders, riss ihm mit den Hinterpfoten die Bauchdecke auf, dass die Eingeweide herausquollen und sich als stinkende Masse über den Boden verteilten. Er biss ihm jeden Arm einzeln ab und zerfetzte auch noch den Rest seines verstümmelten Körpers wie in einem wahnsinnigen Blutrausch. Er hörte erst auf, als nur noch eine undefinierbare glitschige Masse übrig war, die mit glucksenden Geräuschen zäh im Waldboden zu versickern begann.
Nick heulte seinen Triumph mit erhobener Schnauze zum Himmel. Langsam wandelte sich sein Wolfskörper anschließend wieder zu dem eines Menschen. Er blieb schwer atmend und von oben bis unten mit Blut, Fleisch- und Eingeweideresten besudelt am Boden hocken und brauchte eine geraume Weile, um seinen Blutrausch vollends unter Kontrolle zu bringen. Es war vorbei. Ivan war tot und Yelena, Aljoscha und Kolja endlich gerächt.
Er fuhr knurrend und mit gefletschten Zähnen herum, als er jemanden näher kommen fühlte und erblickte Sam, die furchtlos zu ihm trat und ihm ein feuchtes Handtuch reichte, das sie wer weiß woher geholt hatte. Er nahm es entgegen und wandte verlegen den Kopf zur Seite, als ihm bewusst wurde, welchen Anblick er bieten musste: bluttriefend, nackt am Boden hockend inmitten der stinkenden Überreste dessen, was einmal sein Bruder gewesen war.
Er stand auf, ging ein paar Schritte zur Seite, wo der Waldboden nicht mit Ivans Rückständen getränkt war und begann, sich das Blut notdürftig abzuwischen. Schließlich trat er Brian Wolfheart gegenüber und blickte ihn stumm an. Dessen Rudel hatte die jungen Werwölfe gnädigerweise bereits abseits geführt, dass sie Nicks Blutrausch nicht mehr in vollem Umfang mitbekommen hatten.
»Was wirst du jetzt tun, Nick?«, fragte Brian ihn nach einer Weile. »Du bist nun der rechtmäßige Anführer der Überlebenden des Rudels.«
Nick schüttelte ohne zu zögern den Kopf. »Kümmert ihr euch um sie«, bat er. »Sie brauchen die Führung von Lichtwölfen, damit keiner von ihnen eines Tages Ivans Beispiel folgt.«
»Die du ihnen nicht geben kannst?«
»Die ich ihnen nicht geben kann«, bestätigte Nick. »Nicht, solange ich nicht weiß, wer oder was ich selbst eigentlich bin oder welchen Weg ich gehen werde.«
Brian sah ihm noch eine Weile in die Augen, ehe er schließlich nickte. »Wir kümmern uns um sie«, versprach er, wandte sich um und ging den anderen Mitgliedern seines Rudels nach.
Nur Sam blieb noch zurück. »Lass dir Zeit«, sagte sie schlicht. »Ich hole dich ab, wenn du so weit bist.«
Übergangslos verschwand sie, und Nick war allein. Er wandte sich um, wurde zum Wolf und begann zu laufen, weiter und immer weiter, stundenlang ohne Pause, bis er erschöpft an einem Bach ankam. Er stillte seinen Durst und tauchte anschließend seinen ganzen Körper in das klare Wasser, das ihn sanft umspülte und die letzten Reste vom Blut und Fleisch seines Bruders von ihm abwusch. Erst als er die Kälte des Wassers bis auf die Knochen zu spüren begann, fühlte er sich sauber genug und verließ das Wasser.
Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Er suchte sich eine Mulde unter einem umgestürzten Baum, kroch hinein, rollte sich zusammen und schloss die Augen. Er hatte seine Lebensaufgabe erfüllt. Ivan war endlich tot und das ganze Schwarze Rudel vernichtet. Nick fühlte keine Erleichterung, wie er erwartet hatte, sondern nur eine unglaubliche Leere in sich. Er fühlte sich allerdings außerstande zu entscheiden, wie es nun weitergehen sollte. Er war allein, und ein Wolf ohne Rudel war nun mal verdammt einsam, wenn er kein Ziel hatte.
Nick hatte keins mehr. Zudem hatte er nicht die leiseste Ahnung, wie er sein weiteres Leben gestalten sollte. In den vergangenen elf Jahren hatte er nur für das Ziel gelebt, Ivan zu töten. Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wie es danach weitergehen sollte. Das tat er auch jetzt nicht. Er nahm einen tiefen Atemzug und schlief ein.

Sam brachte Brians Rudel und die von Ivan verwandelten jungen Werwölfe zurück zu Ivans Haus und hob den Schutz darum herum auf. Die jungen Leute waren vollkommen verwirrt und unsicher.
»Was wird jetzt aus uns?«, fragte Sheila schließlich. »Können wir wieder nach Hause gehen?«
»Grundsätzlich schon«, stimmte Kayla Skyfire ihr zu. »Aber das solltet ihr erst später tun. Ihr seid jetzt Werwölfe, und solange ihr noch nicht gelernt habt, die damit einhergehenden Fähigkeiten zu beherrschen, ist es nicht ratsam, wenn ihr allein unter Menschen seid. Ihr seid Leidensgenossen und bildet bereits jetzt ein Rudel. Ihr solltet alle gemeinsam hier wohnen bleiben. Oder an einem anderen Ort. Aber zusammen, als Wohngemeinschaft. Das ist die Art des Wolfs. Ein paar von uns werden bei euch bleiben, bis ihr gelernt habt, was ihr wissen müsst, um gefahrlos unter Menschen leben zu können, ohne euch zu verraten.«
»Was ist mit der Polizei?«, fragte Patrick. »Die wird doch Fragen stellen. Was sagen wir denen?«
»Das besprecht ihr am besten mit Lieutenant Kerry«, sagte Sam. »Er ist zwar kein Werwolf, aber er weiß, was ihr seid. Ihr könnt vollkommen offen zu ihm sein. Wir haben schon einen Plan, Ivans Morde schlüssig für die Öffentlichkeit zu erklären, dass keine Fragen offen bleiben.«
Das beruhigte die jungen Leute etwas.
»Sie sind kein Werwolf«, stellte Sheila fest. »Aber ... sind Sie ein Mensch?«
Sam grinste. »Nein. Aber ich fresse trotzdem keine kleinen Kinder und auch keine jungen Werwölfe, als keine Sorge.«
»Sam ist ebenso wie Lieutenant Kerry absolut vertrauenswürdig«, fügte Brian hinzu.
Sam sagte dazu nichts. »Ich schicke Ronan zu euch, sobald ich mit ihm gesprochen habe«, versprach sie und blickte sich auffordernd um. »Wer von euch kommt mit zurück?«
»Ich«, entschied Brian. »Die anderen bleiben hier.«
Wenige Sekunden später waren er und Sam zurück in Sams Haus, wo Kevin Bennett mit Tom Shadowchaser auf sie wartete. Der Detective war mit dem Monduntergang ebenfalls wieder ein Mensch geworden und immer noch sichtbar erschüttert von dem Erlebten.
»Warum hast du mir nicht gesagt, dass die Wölfin dich verletzt hatte?«, fragte Sam ihn noch einmal. »Männlicher Stolz?«
Kevin schüttelte den Kopf. »Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich gebissen worden bin«, versicherte er. »Und es war ja auch nur ein Kratzer. Den habe ich erst gesehen, als ich am Abend unter die Dusche ging. Ich hatte ja keine Ahnung!« Er schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. »Und jetzt bin ich ein – Monster!«
»Wir sind keine Monster, Kevin«, korrigierte Brian ruhig. »Wir sind Wölfe. Jäger. Und als solche sind wir nicht besser oder schlechter als jeder andere Jäger auch.«
»Dem muss ich entschieden widersprechen, Brian«, sagte Sam. »Ihr seid definitiv besser als unzählige menschliche Jäger. Ihr jagt und tötet nur das, was ihr zum Leben braucht; nicht mehr und nicht weniger. Menschen töten zur Befriedigung ihrer Lust am Töten und/oder für Trophäen.« Sie wandte sich an Kevin. »Das ist nicht die Art des Wolfs. Schwarze Rudel wie das von Ivan sind die absolute Ausnahme. Du wirst garantiert niemals so werden wie er.«
Er blickte sie an und war versucht, ihr die Schuld an seiner Misere zuzuweisen. Wenn sie ihn damals nicht im Dunkeln gelassen hätte über ihre wahre Natur, wenn sie zu ihm zurückgekommen wäre, wie sie ihm quasi versprochen hatte, wenn sie die ganze Zeit über nicht so geheimnisvoll getan hätte, so wäre er niemals nach Cleveland gekommen. Dann hätte ihn kein Werwolf beißen und verwandeln können, und er wäre nicht für den Rest seines Lebens dazu verdammt, als Werwolf zu leben. Waren Werwölfe nicht unsterblich, was den Alterungsprozess betraf? Oh Gott!
Hätte – wäre – wenn ...
Nein, Sam trug keine Schuld daran. Er hatte seit damals gewusst, als der Kynokephalos seine Eltern ermordet und ihn gerettet hatte, dass es Wesen gab, die sonst nur in Albträumen oder Märchen vorkamen. Er hätte Sam in Ruhe lassen können, besonders nachdem Dr. Connlin ihn bereits schonend darauf vorbereitet hatte, dass nicht nur Kynokephalen und echte Hexen und Dämonen real waren. Letztendlich war hierher zu kommen seine eigene freie Entscheidung gewesen und es einfach nur ein verdammtes Pech, dass er einem Werwolf zwischen die Fänge geraten und selbst zu einem werden musste.
»Kevin«, sagte Brian jetzt, »du bist nicht allein mit dem, was dir passiert ist. Ivan hat noch sieben andere Menschen verwandelt, die jetzt ein Rudel ohne Anführer sind. Sie brauchen einen starken Leitwolf, der dafür sorgt, dass sie Lichtwölfe werden, die sich an die Regeln halten.«
»Was habe ich damit zu tun?«
»Du solltest die Führung übernehmen. Sie haben nur zwei Männer bei sich. Einer ist ein typischer Omega-Wolf, der mit dem untersten Platz im Rudel zufrieden ist. Aber der andere, ein gewisser Patrick, neigt zur Dunkelheit und muss im Zaum gehalten werden. Du bist der Ältere und Erfahrenere und wirst, sollte er es auf einen Kampf mit dir ankommen lassen, womit zu rechnen ist, ihn in höchstens einer Minute besiegt haben.«
»Ich will kein Leitwolf eines Werwolfrudels werden«, wehrte Kevin ab. »Ich will mein normales Leben zurück!«
Sam setzte sich neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schultern. »Kevin, dein Leben hat aufgehört normal zu sein, als du dem Kynokephalos begegnet bist«, erinnerte sie ihn sanft. »Das wird dir jetzt wahrscheinlich kein Trost sein, aber wenn solche Dinge geschehen, so haben sie einen tieferen Sinn, der sich manchmal erst Jahre später erschließt.«
So wie auch Scotts Tod einen tieferen Sinn hatte, wie Sam in diesem Moment erkannte, den sie ebenfalls noch nicht erfassen konnte. »Die Lebenskunst ist, mit solchen Widrigkeiten nicht nur fertig zu werden, sondern auch das Beste daraus zu machen. Dieses junge Rudel braucht dich, Kevin. Und du brauchst das Rudel, denn ein Wolf ohne Rudel ist verdammt einsam. Habe ich mir jedenfalls sagen lassen«, fügte sie schulterzuckend mit einem Blick zu Brian und Tom hinzu, die bestätigend nickten.
Dass ein Werwolf zu sein, seinen tiefsten, in ihm verborgenen Bedürfnissen entsprach, würde er ihr nicht glauben, in jedem Fall aber von selbst herausfinden. Deshalb sagte Sam darüber nichts. »In jedem Fall solltest du das mit dem Rudel versuchen. Wenn es nichts für dich ist, kannst du immer noch wieder abspringen.«
Kevin überdachte das. »Was wird mit meinem Job?«
»Das dürfte kein Problem sein. Ron wird dich an den drei Abenden vor Vollmond jeden Monat freistellen.«
»Darüber hinaus wirst du sehen, dass deine Fähigkeiten als Werwolf dir auch in deinen Beruf helfen werden«, erklärte Brian. »Du wirst Spuren finden, die einem Menschen entgangen wären. Als Werwolf bist du ein zehnmal besserer Cop als du es als Mensch warst. Mein Wort darauf.«
Kevin zögerte und überdachte das eine Weile schweigend. »Okay«, stimmte er schließlich zu. »Eine andere Wahl habe ich wohl nicht. Zumindest keine, die vernünftig wäre.«
Sam gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. »Du schaffst das, Kevin. Denn schließlich musst du nicht allein da durch.«
So wie sie allein durch die Nebenwirkungen von Scotts Verlust hindurch musste.
»Du auch nicht, Sam«, erinnerte Brian sie, der ihre Gedanken erriet. »Du hast eine Menge Freunde, die dir helfen. Du musst es nur zulassen.«
Sam nickte langsam. »Ich glaube, das fange ich langsam an zu begreifen.«
Sie griff zum Telefon und rief Conaru an, der wenige Augenblicke später bei ihr auftauchte und ihr versicherte, dass das geplante »wilde Hunderudel« quasi bei Fuß stand und nur auf seinen Marschbefehl wartete.
Sam rief Ronan an. »Hallo Ron. Das Schwarze Rudel ist Geschichte«, teilte sie ihm mit. »Beordere deine Leute unter einem Vorwand noch mal zum letzten Tatort. Wir werden dort ein Rudel wilder Hunde auftauchen lassen, das ihr abschießen und als die Übeltäter präsentieren könnt. Und danach musst du dich um die in Werwölfe verwandelten Opfer kümmern. Sie sind alle am Leben. Du findest sie 674 Canyon View Road im Cuyahoga Valley. Brians Rudel kümmert sich um sie.«
»Wunderbar!« Ronan war erleichtert. »Ich finde schon eine gute Begründung dafür, was mit ihnen passiert ist. Danke, Sam. – Ich kann übrigens Bennett nicht erreichen. Du weißt nicht zufällig, wo er steckt?« Seine Stimme implizierte, dass er sehr genau wusste oder doch vermutete, dass Kevin bei Sam war.
»Der ist hier bei mir und versucht gerade verzweifelt die Tatsache zu akzeptieren, dass er zu einem Werwolf geworden ist.«
»Mallaichte!4« , fluchte Ronan. »Wie kommt er damit klar?«
»Das wird sich noch zeigen. Kannst du ihn decken, soweit es eure Arbeit betrifft?«
»Natürlich. Sag ihm, dass er sich darüber keine Sorgen machen muss, und dass er selbstverständlich mein Partner bleibt. Es sei denn, er will von sich aus kündigen, was ich bedauerlich fände. Er ist ein verdammt guter Cop.«
Kevin, dessen Gehör auch in seiner menschlichen Gestalt ungeheuer geschärft war, hatte jedes Wort verstanden. »Danke, Lieutenant«, sagte er laut. »Ich weiß das zu schätzen.«
»Ab sofort für dich Ronan oder Ron«, antwortete der. »Okay, Sam, wir kümmern uns um die ‚wilden Hunde’. Ich verlasse mich darauf, dass die Biester nur so tun, als würden sie jemandem was zuleide tun und das nicht wirklich machen.«
Sam nickte Conaru zu, der ebenfalls nickte. »Mein Wort darauf, Ron. Du brauchst nur noch zur Jagd zu blasen. Ich lese dann über eure Heldentat morgen im Plain Dealer.« Sie unterbrach die Verbindung.
»Danke«, sagte Kevin zu ihr, Tom und Brian. »Für alles.«
Brian erhob sich. »Lass uns zu deinem Rudel gehen, damit sie dich kennenlernen können, Kevin. Bringst du uns hin, Sam?«
Wenige Augenblicke später hatte Sam die drei vor Ivans ehemaligem Haus abgeliefert und Conaru zum Tatort gebracht, wo er ein Rudel von neun Halbwölfen entstehen ließ, das sich Ronans Leuten zeigen würde, sobald sie dort eintrafen und sich abschießen lassen würden. Sogar die DNA ihres Speichels würden mit den entsprechenden Spuren an den Leichen übereinstimmen. Anschließend kehrte sie wieder nach Hause zurück. Nachdem die Episode so weit abgeschlossen war und alle losen Enden zur Zufriedenheit aller wieder zusammengebunden waren, blieb nur noch Nick übrig.
Der Luftelementar war immer noch bei ihm, und so war Sam ständig darüber informiert, wo er sich befand und was er tat. Da sein Wagen vor ihrem Haus stand, würde er in jedem Fall zurückkommen müssen, um ihn zu holen. Im Moment war er jedoch damit beschäftigt, einigermaßen wieder zu sich selbst zu finden.

Nick streifte über eine Woche im National Park herum, ehe er sich wieder in der Lage fühlte, in die Zivilisation zurückzukehren, um sich sein Leben neu einzurichten. Alle Versuche, sich ein neues Ziel zu setzen, waren bisher gescheitert. Deshalb würde er das tun, was er auch in der Vergangenheit immer getan hatte, selbst als er noch ein Teil des Rudels gewesen war. Er würde weiterziehen, zwischendurch einen Job annehmen, wenn er Geld brauchte, dann wieder mehrere Wochen oder Monate im Wald als Wolf leben, unter Menschen arbeiten, wieder Wolf sein – und so weiter, bis er irgendwann wissen würde, was er wollte. Falls er überhaupt jemals wieder irgendwas wollte. Dass er sich eines Tages einem anderen Rudel anschloss, war eine Möglichkeit. Im Moment wollte er allerdings nur allein sein und die Vergangenheit hinter sich lassen.
Sein Wagen stand immer noch vor Sams Tür, seine Kleidung lag im Gästezimmer ihres Hauses, und so musste er notgedrungen nach Cleveland zurück, um sie zu holen. Er machte sich auf den Weg.
Als er in die Nähe eines Parkplatzes kam, stieg ihm unvermittelt Sams Duft in die Nase. Verblüfft ging er darauf zu und trat unter den Bäumen hervor. Auf dem Parkplatz standen nur wenige Autos, die alle leer waren. Direkt vor ihm war ein dunkelblauer Jeep Cherokee, der mit Sams Geruch behaftet war. Und da stand Sam mit dem Rücken gegen ihren Wagen gelehnt und blickte ihm entgegen.
Der Teufel mochte wissen, woher sie gewusst hatte, dass er zu diesem Zeitpunkt genau hierher kommen würde. Es war auch egal. Ihre Anwesenheit ersparte es ihm, den langen Weg zur Stadt zurück zu laufen, machte gleichzeitig aber auch seinen Plan zunichte, sich heimlich in ihr Haus zu schleichen, seine Sachen zu holen und ebenso heimlich zu verschwinden; falls es ihm denn gelungen wäre, von ihr unbemerkt ins Haus zu gelangen. Nun gut. Es war vielleicht gar nicht mal das Schlechteste, wenn er sich noch einen Tag bei ihr ausruhte, ehe er weiterzog. Irgendwo hin.
Er ging langsam auf sie zu. Sie lächelte ihm entgegen, öffnete die hintere Tür und ließ ihn hineinspringen. Wortlos setzte sie sich danach ans Steuer und fuhr in die Stadt zurück. Auf der Rückbank lag eine Garnitur seiner eigenen Kleidung. Nick nahm wieder menschliche Gestalt an und zog sie an, ehe er von der Rückbank auf den Beifahrersitz kletterte und sich anschnallte. Er blickte auf die vorbeigleitende Landschaft, ohne sie bewusst wahrzunehmen und war Sam zutiefst dankbar, dass sie ihn nicht ansprach.
Er wollte nicht reden; er wollte vergessen. Leider war das nicht möglich. Gewisse Dinge gruben sich unauslöschlich ins Gedächtnis und verblassten auch nach Jahrhunderten nicht, wie er aus Erfahrung wusste. Doch er war ein Werwolf. Er würde damit fertig werden.
Wie immer.
Als sie Sams Haus erreichten, hatte Nick immer noch keinen Entschluss gefasst, wie es weitergehen sollte. Er blickte Sam an, die ihren Autoschlüssel auf den Spiegeltisch im Flur legte, ihre Jacke an die Garderobe hängte und an ihm vorbei ins Wohnzimmer ging. Sie schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln und nickte ihm zu; ansonsten ließ sie ihn Ruhe. Er wusste das sehr zu schätzen. Langsam ging er ins Gästebad und nahm eine ausgiebige heiße Dusche. Anschließend ging er ins Gästezimmer und sortierte seine Sachen in der abgewetzten Reisetasche, die er schon seit Jahrzehnten besaß. Sein ganzes Leben hatte in der wirklich nicht sehr großen Tasche Platz, was sicherlich daran lag, dass von seinem Leben nicht mehr allzu viel übrig war.
Ivan war endlich tot, Yelena und seine Welpen hatten ihren Frieden, und die Lichtwölfe kümmerten sich um die neuen Werwölfe, die durch Ivans ruchlose Taten während der letzten Wochen entstanden waren. Für Nick gab es hier nichts mehr zu tun.
Er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Etwas Ruhe würde ihm gut tun. Sein Geruchssinn sagte ihm, dass Sam Essen zubereitet hatte, doch er konnte es nicht über sich bringen, ihr unter die Augen zu treten. Er war ein Werwolf und schämte sich absolut nicht dafür; auch nicht für die blutrünstige Seite seiner Natur. Doch Sam war Zeugin gewesen, mit welcher Brutalität und Blutgier er den Körper seines toten Bruders zerrissen hatte. Obwohl sie sich mit keiner noch so winzigen Geste oder Mimik davon abgestoßen gezeigt und ihn sogar abgeholt hatte, fürchtete er, in ihren Augen dennoch Abscheu vor seiner Tat zu sehen.
Deshalb wartete er, bis sie selbst gegessen und sich anschließend in ihr Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, bevor er sich in die Küche schlich und ein einsames Abendessen einnahm. Anschließend zog er sich ebenso unbemerkt ins Gästezimmer zurück, schloss die Tür und legte sich schlafen. Entgegen seiner Befürchtung schlief er fast augenblicklich ein.

Als Sam mitten in der Nacht erwachte, wusste sie, dass sie nicht mehr allein war. Sie spürte Nicks Präsenz, noch ehe sie die Augen aufschlug und ihn sah. Er stand im Türrahmen, hatte sich mit der Schulter dagegen gelehnt, die Arme untergeschlagen und betrachtete Sam stumm. Offensichtlich war er ebenso wie sie kein Freund von Schlafanzügen, denn er war vollkommen nackt. Mit ihrer Nachtsichtigkeit konnte sie sein Gesicht ebenso klar erkennen wie er ihres. Er sah sie unverwandt an, und in dem Blick seiner gelbgrünen Wolfsaugen lag nichts Zudringliches. Sie konnte seine Einsamkeit spüren, und sie rief ein schmerzhaftes Echo in ihr wach.
Sie hob einen Zipfel ihrer Decke an und lud ihn stumm ein, sich zu ihr zu legen. Er zögerte einen Moment, ehe er mit lautlosen Schritten zum Bett kam. Sam rückte ein Stück zur Seite, und er ließ sich mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung neben ihr nieder. Sie warf die Decke über seine Schulter, und ihre Hand berührte seine Haut, die sich überraschend seidig anfühlte. Er stützte seinen Kopf auf eine Hand und sah ihr immer noch schweigend in die Augen, während er mit der anderen ihr Gesicht so zart berührte, dass sie es kaum spüren konnte.
Sie schmiegte ihre Wange in seine Hand und imitierte seine Geste, und eine Weile taten sie nichts anderes, als einander anzusehen und federzarte Berührungen auszutauschen. Sam spürte mit dem sicheren Instinkt eines Sukkubus, dass sie jetzt bei ihm auf keinen Fall initiativ sein durfte. Er stand an einem Wendepunkt in seinem Leben, der ihm, wie sie fühlte, sehr zu schaffen machte. Wenn sie ihn ermutigte, würde er eine Richtung einschlagen, von der er im Moment noch nicht wusste, ob er sie wirklich nehmen wollte. Deshalb übte sie sich in Geduld und bereitete sich innerlich auch darauf vor, dass er plötzlich aufspringen und verschwinden würde.
Doch er blieb. Er ließ seine Hand an ihrer Wange liegen, näherte sein Gesicht vorsichtig dem ihren und fragte stumm mit einem kaum wahrnehmbaren Druck seiner Hand, ob er weitergehen durfte. Sam stupste als Antwort seine Nase sanft mit ihrer an. Er brauchte keine weitere Ermutigung, sondern beugte sich vor, streichelte ihr Gesicht mit seiner Nase und küsst sie schließlich zärtlich, wobei er mit der Zungenspitze ein paar Mal kurz über ihre Mundwinkel leckte – die Art des Wolfs, Zuneigung zu demonstrieren.
Sam imitierte auch diese Geste, worauf er mit einem kaum wahrnehmbaren Seufzer seinen Arm unter sie schob, den anderen über sie legte und sie an sich zog. Die Berührung seiner Haut sandte erregende Schauer durch ihren Körper. Er streichelte ihren Rücken und ihre Schultern, fuhr ihr mit der Hand durch das Haar und küsste sie immer wieder. Sie spürte, wie seine Erregung im selben Maße wuchs wie ihre eigene und erwiderte jede seiner Zärtlichkeiten mit derselben Intensität.
Sie sprachen kein einziges Wort. Nur ab und zu war ein scharfes Einatmen zu hören oder ein gehauchtes Ausatmen, wenn einer beim anderen einen besonders empfindlichen Punkt berührte. Schließlich drehte er ihren Körper langsam auf den Rücken und blickte sie fragend an. Sie lächelte, öffnete die Schenkel und hieß ihn willkommen. Er glitt über sie, streichelte ihre feuchte Spalte mit seinem harten Glied und tauchte schließlich langsam in ihre warme Tiefe ein.
Sam gab ein kaum hörbares Seufzen von sich. Nick war so unglaublich zärtlich, wie sie es ihm nie zugetraut hätte, nachdem sie seine brutale Seite kennengelernt hatte. Er bewegte sich langsam in ihr auf eine Weise, die deutlich zeigte, dass sein vordringliches Bestreben ihrem Vergnügen galt und erst in zweiter Linie seinem eigenen. Sie streichelte seine Schultern, seine Brust, fuhr über die straffen Muskeln seines Bauches und seines Rückens und genoss seine Bewegungen. Er küsste sie, leckte ihre Mundwinkel und fuhr mit den Lippen liebkosend über ihren Hals, während er sie mit sanften Stößen stimulierte.
Sam fühlte, wie sich zwischen ihnen ein kribbelndes Hochgefühl ausbreitete, das langsam anstieg und sich zu einem Höhepunkt aufbaute, von dem sie spürte, dass er eine seltene Intensität erreichen würde. Nick drehte sich auf die Seite, ohne aus ihr heraus zu gleiten, legte sich auf den Rücken und zog sie mit sich, sodass sie auf ihm zu liegen kam, womit er ihr jetzt die Initiative überließ. Sam bewegte sich auf ihm ebenso langsam wie er es bei ihr getan hatte und überließ den geübten Muskeln ihrer Scheide die Stimulation.
Er seufzte leise und genoss es offensichtlich ebenso sehr wie sie. Sie fühlte die Energie fließen, als ihr Höhepunkt begann und sog sie sanft in sich auf. Bevor der jedoch seine volle Intensität erreichen konnte, schob Nick sie von sich, legte sie auf den Bauch und glitt hinter sie. Doch statt sofort erneut in sie einzudringen, küsste er ihren Nacken, fuhr mit der Zunge über ihren Rücken und streichelte ihre Hüften, bis ihre Erregung sich etwas gelegt hatte.
Sam erkannte verblüfft, dass er dieses Spiel in ebensolcher Perfektion beherrschte wie sie und genau wusste, wie er ihr Vergnügen verlängern und somit steigern konnte. Sie vertraute sich seiner Führung an, und er fand den genau richtigen Moment, um diesmal von hinten in sie einzudringen und das Feuer erneut zu entfachen, ehe es zu sehr nachgelassen hatte.
Jetzt erwachte auch die Wildheit des Wolfs in ihm, aber noch immer blieb er zärtlich und hielt sich zurück, bis sich ihre aufgestaute Energie in einem so intensiven Orgasmus entlud, dass sie einen leisen Schrei ausstieß, was sie überaus selten tat. Er wartete geduldig, bis er sich sicher sein konnte, dass sie in vollem Umfang befriedigt war, ehe er seine eigene Befriedigung suchte. Nur wenige Augenblicke später spürte sie, wie sein warmer Samen in sie strömte, während er sie von hinten umarmte und an sich drückte, bis sein Höhepunkt abgeebbt war.
Langsam glitt er schließlich aus ihr heraus, drehte sie zu sich herum und küsste sie innig, während sie ihre Körper nebeneinander auf das Laken betteten und Sam die Decke über sie breitete, die irgendwann von ihnen herabgeglitten war. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und ihre Hand auf seine Brust. Er legte seine darüber und streichelte sie mit den Fingerspitzen. Sie fühlte, dass Tränen über sein Gesicht liefen und beneidete ihn um die Möglichkeit, auf diese Weise Trauer oder Glück ausdrücken zu können. Als Sukkubus konnte sie nicht weinen. Hätte sie es gekonnt, so hätte das vielleicht auch für sie manches leichter gemacht.
Eigentlich hatte sie erwartet, dass Nick bald wieder ins Gästezimmer zurückkehren würde, doch er blieb die ganze Nacht bei ihr, und sie gaben einander Nähe und Wärme, bis die Sonne aufging und sein Magen hungrig zu knurren begann. Nach einem Moment der Verblüffung mussten sie beide lachen und standen nach einem letzten Kuss widerstrebend auf.
»Wünschst du dein Frühstück auf traditionelle Weise zubereitet, oder darf ich Magie anwenden?«, fragte Sam, bevor sie ins Bad ging.
Nick zuckte mit den Schultern. »Wie du willst.«
»Wünsche?«
»Rühreier mit viel Speck und Schinken und ein blutiges Steak.«
Für einen Moment fürchtete er, dass das blutige Steak sie abschrecken könnte, ehe er sich wieder ins Gedächtnis rief, dass sie eine Dämonin war und trotz ihrer Lebensweise unter Menschen wohl an blutigere Dinge gewöhnt als ein rohes Steak. Er ging ins Gästebad, um sich frisch zu machen und spürte immer noch in jeder Faser seines Körpers das Echo der Ekstase, die er in der Nacht mit Sam geteilt hatte. So ungern er das auch zugab, aber es war der wunderbarste Sex, den er je erlebt hatte. Verdammt schade nur, dass sie keine Werwölfin war. Wäre sie eine, so wäre er wohl versucht gewesen, noch eine Weile zu bleiben, vielleicht auch mit ihr zusammen ein neues Rudel zu gründen.
Als er gleich darauf in die Küche kam, stand sein Frühstück auf dem Tisch, und er stellte fest, dass sie das riesige Steak wirklich nur oberflächlich sehr kurz angebraten hatte, um ihm wenigstens den Anschein einer gewöhnlichen Mahlzeit zu geben. Er merkte erst jetzt, wie hungrig er war und vertilgte insgesamt drei große Portionen Speck mit ein paar Alibi-Eiern dazwischen, ehe er sich gesättigt fühlte. Sam gab dazu keinen Kommentar ab. Sie aß ihr eigenes Frühstück und las dabei in der Morgenausgabe des Plain Dealer. Wieder ließ sie ihn in Ruhe und sprach ihn nicht an, was er überaus angenehm fand.
Nach dem Essen half er ihr, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen und lud anschließend seine Reisetasche in seinen Wagen. Es war Zeit zu gehen.
Sam folgte ihm schweigend nach draußen und reichte ihm noch ein riesiges Fresspaket als Wegzehrung, das sie wahrscheinlich gerade hergezaubert hatte. Nick spürte, dass sie nichts dagegen hätte, wenn er noch eine Weile blieb. Aber er konnte nicht. Er sah sie lange an, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Wehmut und Bedauern.
»Ich kann nicht bleiben«, sagte er schließlich. »Ich muss erst ...« Er zuckte mit den Schultern und ließ den Satz unvollendet.
»Ich weiß«, sagte sie, »und ich werde nicht versuchen, dich davon abzubringen.«
Er hob die Hand und streichelte mit dem Daumen ihr Gesicht. »Du bist ein wunderbares Wesen, Sam, und ich werde dich nie vergessen.«
»Ich werde dich auch nie vergessen, Nick. Und ich hoffe, du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn du mal wieder in der Gegend bist oder einen Ort zum Ausruhen brauchst. Du wirst mir immer willkommen sein.«
Er nickte. »Sollte ich tatsächlich mal wieder in der Gegend sein, komme ich darauf zurück.« Er zögerte. »Was ist mit dem Rest von Ivans Rudel, den Neuverwandelten? Kümmert sich Wolfheart um sie, wie er es versprochen hat?«
Sam nickte. »Sie haben Ivans Haus übernommen und somit ihr Jagdrevier direkt vor der Tür. Es hätte auch zu viele Fragen bei ihren Angehörigen und der Polizei aufgeworfen, wenn sie sang- und klanglos verschwunden wären oder sich Knall auf Fall geschlossen in einer anderen Stadt niedergelassen hätten. Außerdem haben sie einen neuen und wirklich guten Rudelführer bekommen: Kevin Bennett. Und Brian ist wie versprochen mit drei seiner Brüder und Schwestern bei ihnen geblieben, um sie durch die Anfangsschwierigkeiten zu begleiten. Sie werden sie erst wieder verlassen, wenn sie sich sicher sind, dass das junge Rudel allein zurechtkommt. Danach bin ich ja noch da und habe ein Auge auf sie. Du musst dir um sie keine Sorgen machen.«
»Danke. Das bedeutet mir sehr viel.« Er beugte sich vor und gab ihr einen sanften Kuss. »Alles Gute, Sam.«
»Das wünsche ich dir auch, Nick. Vor allem wünsche ich dir, dass du deine Wunden heilen kannst und wieder zu dir selbst findest.«
»Das wird, fürchte ich, noch sehr lange dauern. Jedenfalls danke für alles.«
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern stieg in seinen Wagen und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sam sah ihm nach, bis er hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war und entließ den Luftelementar, der immer noch über ihn gewacht hatte. Sie kehrte langsam in ihr Haus zurück, das nun wieder leer und trostlos wirkte.
Als sie damals, nachdem sie mit ihrem Vater in die Vergangenheit gereist und bei ihrer Rückkehr in eine veränderte Gegenwart gekommen war, erfahren hatte, dass sie darin mit einem Werwolf namens Nick liiert gewesen war, hatte sie sich das kaum vorstellen können. Nachdem sie diesem Werwolf nun tatsächlich begegnet war und sie mit ihm eine unerwartet tiefe Verbundenheit erfahren hatte, war diese Vorstellung absolut nicht mehr abwegig. Doch Nick war fort, und die Art, wie er sich von ihr verabschiedet hatte, besaß etwas Endgültiges.
Bei näherer Betrachtung war das allerdings gut so, denn Sam war noch lange nicht wieder bereit für eine Beziehung. Falls sie denn jemals wieder in Erwägung ziehen sollte, eine einzugehen, was sie sich im Moment nicht vorstellen konnte. Jetzt war es jedenfalls Zeit für die Routine des Alltags.
Sie fuhr ins Büro, wo bereits jemand auf sie wartete: Vesgyn von Atlantis. Er erhob sich aus dem Sessel, in dem er unter Molly Springs Aufsicht gesessen hatte und reichte ihr die Hand. Sam drückte sie kurz.
»Wie komme ich denn zu der Ehre deines Besuches, Vesgyn? Und ausgerechnet in meinem Büro.« Sie lud ihn mit einer Kopfbewegung ein, ihm in den hinteren Raum ihres Büros zu folgen und schloss die Tür hinter ihm.
»Ich dachte mir, dass du es vielleicht vorziehst, mir auf neutralem Boden zu begegnen, Samala. Deshalb wollte ich dich nicht in deinem Haus besuchen.«
Sam runzelte finster die Stirn. »Was ist eigentlich dein Problem mit mir, Vesgyn?«, fragte sie rundheraus. »Was bin ich für dich? Ein Monster, dem man sich nur mit äußerster Vorsicht nähern darf? Ein gefährliches Wesen, dessen Bau man nicht zu nahe kommen darf? Was?«
Vesgyn hob abwehrend die Hände. »Nichts dergleichen«, versicherte er und setzte sich unaufgefordert in den Sessel vor ihrem Schreibtisch. »Es ist kompliziert.«
Sie schnaufte ironisch. »Ich bin Spezialistin für komplizierte Fälle, also spuck aus, worum es geht.«
Er blickte sie forschend an, und Sam spürte, dass er versuchte, mit seinem Geist in ihre Gedanken einzudringen. Sie grollte verärgert und blendete seinen Geist mit einem Psi-Pfeil. Vesgyn stöhnte schmerzgepeinigt auf.
»Versuch das nicht noch mal«, warnte Sam ihn kalt. »Andernfalls könnte ich dich tatsächlich für meinen Feind halten.«
»Das bin ich nicht«, versicherte er ihr. »Ich wollte nur ... Entschuldige bitte.« Er seufzte tief und fragte rundheraus: »Wie ist deine Beziehung zu Sata?«
Sam maß ihn mit einem eisigen Blick. »Vesgyn«, sagte sie mit trügerischer Sanftheit, »pass auf, was du sagst oder fragst, sonst war dies dein letzter Versuch, mit mir ein Gespräch zu führen. Meine ‚Beziehung’ zu Luzifer geht dich nichts an.«
»Du bist immerhin die Mutter seiner Tochter, und du wirst zugeben müssen, dass das nicht gerade eine Referenz für das Licht in dir ist.«
»Freut mich, dass du immerhin noch ein bisschen Licht in mir siehst«, knurrte Sam sarkastisch. »Es geht dich zwar absolut nichts an, aber ich habe meine Tochter nicht freiwillig zur Welt gebracht. Und ich habe Luzifer noch lange nicht verziehen, dass er mich dazu gezwungen hat. Das werde ich auch nie tun, denn ich bin definitiv nicht der verzeihende Typ. Außerdem trägt er durch die Erschaffung Káshnarokks ursächlich die Schuld an Scotts Tod, und das werde ich ihm ganz gewiss niemals verzeihen, solange die drei Welten existieren. Zufrieden?«
»Bedingt«, gab Vesgyn zu. »Dir ist natürlich bewusst, dass du nicht zwangsläufig mit Sata gemeinsame Sache machen beziehungsweise dich ihm anschließen musst, um ...«, er zögerte kurz, »nun, um ihm in die Hände zu spielen. Es genügt unter Umständen schon, dass du nicht aktiv für das Licht arbeitest, wie du das früher getan hast.«
»Ach!«, grollte Sam.
»Samala«, sagte Vesgyn sanft, »die Große Entscheidung steht in absehbarer Zeit bevor, sobald das letzte der fünf Zeichen eingetroffen ist, die ihr voraus gehen. Ich denke, du weißt inzwischen, dass einige Wesen dabei eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen werden. Wie es aussieht bist du eins davon. Aber selbst wenn wir uns in diesem Punkt irren sollten, so werden wir in jedem Fall jeden Kämpfer auf unserer Seite brauchen, wenn es so weit ist, und zwar unabhängig davon, wie die Große Entscheidung am Ende ausfällt. Du darfst dich nicht von dem Licht abwenden, nur weil der Tod deines Gefährten dich aus der Bahn geworfen hat.«
Sam kniff verärgert die Augen zusammen, und Vesgyn fuhr hastig fort. »Ich weiß genau, wie du dich fühlst, Samala. Ich habe denselben Schmerz und dieselbe Verzweiflung durchgemacht wie du. Mehr als einmal. Ich habe meine geliebte Tarynya verloren und meine nicht minder geliebte Tochter, wenn auch auf eine andere Weise. Ich habe im Laufe der Jahrtausende jedes Wesen verloren, das ich mal geliebt habe und dieselbe tiefe Verzweiflung durchgemacht, die du jetzt empfindest. Aber nicht ein einziges Mal ist mir der Gedanke gekommen, deshalb das Licht aufzugeben, das zu verteidigen ich geschworen hatte.«
»Was sicherlich daran liegt, dass du ein Abkömmling von Göttern bist und nicht wie ich von Dämonen. Außerdem habe ich niemals geschworen, das Licht zu verteidigen.«
»Tarynya war auch zur Hälfte eine Dämonin«, erinnerte er sie. »Trotzdem hat sie sich für das Licht entschieden und war sogar eine Priesterin Ishaltaras. Auch mir hat mein Glaube bis heute immer die erforderliche Kraft gegeben, meinen Weg weiter zu gehen und das Licht zu verteidigen, egal welche persönlichen Verluste ich erleiden musste.«
Sam lachte spöttisch. »Vesgyn, versuchst du gerade, mich zu irgendeiner Religion zu bekehren? Das versucht schon ein gewisser Vikar Hopkins von der St. Alban’s Episcopal Church seit über einem Jahr vergeblich. Götter – egal welcher von ihnen – sind nichts anderes als Wesen mit unglaublich großen magischen Kräften, die bei dem einen oder anderen nahezu unbegrenzt sind. Ich sehe nicht, wie der Glaube an einen von ihnen mir in irgendeiner Weise helfen sollte.«
»Nun, der Glaube an welche Gottheit auch immer besteht nicht nur aus dem Wissen um ihre Existenz und ihre Macht sowie dem Befolgern ihrer Lehren, sondern darin, ihr oder ihm zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass sie oder er uns niemals im Stich lässt und uns immer die Kraft gibt, weiterzumachen und durchzuhalten, ganz gleich wie sehr uns das Schicksal beutelt. Aber ich bin tatsächlich nicht gekommen, um dich zu bekehren, Samala.«
»Sondern?«
»Um dir zu helfen, wieder zu dir selbst zu finden und dich für den richtigen Weg zu entscheiden.«
Sam schnaufte ironisch. »Mit anderen Worten: den Weg, den du für den ‚richtigen’ hältst.« Sie schüttelte den Kopf. »Weißt du eigentlich, was – abgesehen von Káshnarokk – damals zu eurem Untergang geführt hat? Eure Arroganz. Ihr dünktet euch so unglaublich gut und rechtschaffen, so über alles Böse und niedere Instinkte erhaben, dass das Bewusstsein eurer eigenen Rechtschaffenheit ins Gegenteil umgeschlagen ist. Das hat Luzifer am Ende schon den halben Sieg über euch gebracht, lange ehe Káshnarokk euch und Atlantis den Rest gab. Wie es aussieht, hast du in diesem Punkt immer noch nichts dazugelernt.«
So ungern Vesgyn es auch zugab, aber Samala hatte bis zu einem gewissen Grad durchaus recht. Er erinnerte sich noch allzu gut daran, wie sehr nicht nur ein großer Teil der Priesterschaft, sondern auch das Volk von Atlantis Tarynya abgelehnt hatte, weil sie die Tochter einer Dämonin war, obwohl Ishaltara selbst sie als Priesterin gesegnet hatte. Die wenigen Überlebenden der Katastrophe hatten sich sogar an seiner Tochter Calyssa vergreifen wollen, obwohl sie noch ein unschuldiges Baby gewesen war, weil sie nicht dulden wollten, dass das reine Blut der Göttin in ihrem Volk durch das von Dämonen verunreinigt wurde. Letztendlich hatte diese Einstellung und die daraus resultierenden Handlungen tatsächlich dazu geführt, dass es Sata am Ende gelungen war, sie alle auszulöschen.
Sam beugte sich vor und sah ihm in die Augen. »Sag mal, Vesgyn«, fragte sie sarkastisch, »was unterscheidet dich – beziehungsweise euch Wächter – eigentlich von Luzifer? Er will mich aus ganz egoistischen Gründen auf seiner Seite haben oder doch zumindest nicht auf eurer sehen. Aber eure Gründe sind keinen Deut weniger egoistisch. Ihr wollt mit meiner Hilfe die Große Entscheidung zu euren Gunsten beeinflussen. Immer vorausgesetzt, ich spiele dabei tatsächlich die wichtige Rolle, die ihr vermutet, wovon ich absolut nicht überzeugt bin. Und ihr würdet – genau wie Luzifer – alles tun, um mich auf eure Seite zu bringen. Lediglich eure Methoden sind andere, aber euer Ziel ist dasselbe.« Sie beugte sich vor und fixierte Vesgyn mit einem kalten Blick. »Also, Vesgyn, Erzpriester von Atlantis, sage mir: Was unterscheidet euch von ihm? Und komm mir jetzt nicht mit der dummen Plattitüde, dass ihr die Guten wärt.«
Vesgyn wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Der Fakt, dass er und die Wächter die Mächte des Lichts vertraten, war, wenn man die Sache mit Samalas Augen betrachtete, in der Tat der einzige Unterschied zu Sata.
»Hab ich mir doch gedacht«, fand Sam, als er schwieg. »Verschwinde, Vesgyn. Und sage Sybilla und den anderen Wächtern Folgendes: Ich lasse mich nicht drängen und erst recht nicht manipulieren. Von niemandem! Je mehr ihr oder wer auch immer das versucht, desto weiter entfernt ihr euch von eurem Ziel. Also lasst mich, verdammt noch mal, in Ruhe!« Sie deutete nachdrücklich auf die Tür.
Vesgyn erhob sich schweigend und ging. Was immer er sagte – falls er denn noch etwas zu sagen gehabt hätte – würde Samala nicht erreichen. Abgesehen davon, dass sie von ihrem Standpunkt aus durchaus recht hatte mit ihrer Anschuldigung hinsichtlich seiner Motive. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Tai’Samala für das Licht schon verloren war, obwohl Axaryn immer noch das Gegenteil behauptete.
Zwar widerstrebte es ihm, sie wie gewünscht in Ruhe zu lassen, weil er genau wusste, dass Sata eben das nicht tun und versuchen würde, sie durch ihre Tochter zu beeinflussen. Doch es war ihm nur allzu bewusst, dass Samala in einem Punkt eine typische Dämonin ihrer Art war: Drängte man sie zu etwas, so tat sie aus reiner Rebellion und Boshaftigkeit das Gegenteil. Und das war absolut nicht im Sinn der Wächter. Sie würden ihr Zeit lassen müssen. Auch wenn ihnen allen das schwerfiel.
Sam starrte Vesgyn finster nach und fühlte sich wieder einmal versucht, ihrer dunklen Seite zu gestatten, sich in vollem Umfang auszutoben. Was in diesem Fall darin gegipfelt hätte, Vesgyn einen Feuerball in den Rücken zu pfeffern, der ihn zwar nicht getötet, ihm aber höchst schmerzhaft die Haut verbrannt hätte. Sie tat es nicht, wenn auch der Hauptgrund dafür nur die Tatsache war, dass gerade in diesem Moment eine potenzielle Klientin das Büro betrat und höflich, aber mit allen Anzeichen von Besorgnis dringend um einen Termin mit Sam Tyler bat.
Doch Sam konnte sich nicht verkneifen, Vesgyn einen Psi-Pfeil ins Gehirn zu schießen, der dort zwar keinen bleibenden Schaden anrichtete, aber äußerst qualvoll war und erlebte die Genugtuung, dass er aufstöhnte, sich zusammenkrümmte, stolperte und sich mit beiden Händen den schmerzenden Kopf hielt, der ihn noch für mindestens eine Stunde peinigen würde. Dass er Lady Sybilla mit Sicherheit berichten würde, Sam habe ihn angegriffen, war ihr scheißegal.
Überaus zufrieden bedeutete sie Molly Spring, die neue Klientin hereinzuführen, erhob sich und reichte der Frau die Hand.
»Ich bin Sam Tyler. Was kann ich für Sie tun, Ma’am?« Sie bot der Frau mit einer Handbewegung Platz an und orderte einen Tee bei Molly. Mit dem sicheren Instinkt eines Sukkubus, der auch die tiefsten und geheimsten Bedürfnisse jedes Wesens auf Anhieb erspürte, wusste sie, dass die Frau einen guten Tee einem Kaffee vorzog.
»Mein Name ist Elisha Dunn, und ich bin Kinderkrankenschwester im St. Mary’s Hospital für psychisch kranke Kinder und Jugendliche.« Sie zögerte und Sam ermutigte sie mit einem gewinnenden Lächeln fortzufahren. »Miss Tyler, in der Klinik geht irgendetwas Entsetzliches vor, und ich habe mittlerweile wahnsinnige Angst um die kleine Abby ...«
Ende

Fussnoten:
1 siehe
Sukkubus 7: »Die Unadru-Schriften«
2 siehe
Sukkubus 6: »Die Fackel des Thanatos«
3 siehe Sukkubus 3: » Das Grimoire der Marie Laveau«
4 Gälisch = »Verflucht!«

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar
Werwölfe
Die Legenden um die Werwölfe, also Menschen, die sich in Wölfe verwandeln können, sind uralt. Seinen Ursprung hat dieser Mythos sowie der von anderen Wertieren (vom lateinischen Wort »vir« für »Mann/wehrhafter Mann«) zum Teil vermutlich in einem alten Jagdzauber. Diese Form von Sympathiezauber besteht darin, durch Rituale – in der Regel Tänze und andere Zeremonien – in Verkleidung der tierischen Jäger des begehrten Wildes dem Jagdglück auf die Sprünge zu helfen und die Fähigkeiten der Tiere – in diesem Fall der Wölfe – auf die menschlichen Jäger zu übertragen.
Eine weitere Erklärung liegt in dem bei vielen Völkern früher (und teilweise heute noch, z. B. nordamerikanischen Indianern) verbreiteten Glaube, dass der Wolf nicht nur ein wichtiger spiritueller Lehrer ist, sondern selbst ein göttliches Wesen, das sich ab und zu in einen Menschen verwandelt, um sich mit den Menschen besser verständigen zu können.
In unserem Kulturkreis ist (nicht nur) der Wolf ursprünglich ein dem Kult der Großen Göttin zugeschriebenes heiliges Tier. Deshalb ist die Werwolflegende untrennbar mit dieser alten Naturreligion verknüpft, in der die Große Göttin auch die »Mutter der Wölfe« ist. Als solche wurde sie von den Römern in der Göttin Feronia verehrt oder Lupa, der zu Ehren die Lupercalia gefeiert wurden (Mitte Februar), das Fest der Wölfin. Im irischen Ossory soll ein ganzer Stamm von Werwölfen gelebt haben, der seinen Ursprung auf eine Wolfsgöttin zurückführt und sich geschlossen immer am Tag der Wintersonnenwende in Wölfe verwandelte. Wir finden solche Legenden auch bei den Kelten, Germanen, Slawen, Griechen, Indern und vielen anderen Völkern. In Griechenland geht die Legende, dass König Lykaon von Arkadien von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde, weil er sein eigenes Kind getötet hat und somit der erste Werwolf wurde.
Eine besondere Rolle spielt der Werwolf auch in einigen Mythen der Roma und Sinti, denen man nachsagte, das Geheimnis der Verwandlung in einen Werwolf zu kennen. Darin galten die Werwölfe als Nachkommen einer Wolfsgöttin, die auf den sogenannten »Wolfsbergen« verehrt wurde.
Der Werwolf wurde erst im frühen Mittelalter (ab ca. dem 10. Jahrhundert) zum Symbol des zerstörerischen Außenseiters, des perversen Menschenmonsters und ist dieses Image bis weit in die Neuzeit nicht mehr losgeworden, wie die älteren einschlägigen Filme und Horrorromane beweisen.
Gemäß den (teils fiktiven) Legenden wird ein Mensch auf folgende Weise zum Werwolf:
- wenn er von einem Werwolf gebissen wird
- wenn er Wasser aus dem Pfotenabdruck eines Werwolfs trinkt
- wenn er in einer Vollmondnacht ein bestimmtes Zaubergebet an die Mondgöttin richtet
- wenn er einen »Werwolfgürtel« aus Menschenhaut umlegt
- wenn er Menschenfleisch isst
- wenn er in den zwölf Rauhnächten zwischen dem 24. Dezember und 6. Januar geboren wurde
- wenn er sich in einem Wolfsfell auf einer Lichtung im Vollmondlicht schlafen legt
Darüber hinaus gibt es angeblich noch etliche andere Methoden, um zu einem Werwolf zu werden.
Töten kann man einen Werwolf herkömmlich mit der traditionellen Silberkugel und mit Feuer oder (indianische Legende) durch eine heilige Lanze mit einer Spitze aus Menschenknochen. Außerdem kann der tödliche Biss eines anderen Werwolfs ihn töten.
Quellen: Diverse
Moeris
Moeris (gesprochen: Mo-éris, nicht Möris!) wird in der Literatur zum ersten Mal in einem Gedicht von Vergil erwähnt, in dem er der Gatte der dreifachen Schicksalsgöttin Moire gewesen sein soll. Bei den Roma und Sinti ist Moeris der Sohn der Wolfsgöttin und gilt für einige Stämme als deren Ahnherr. Für manche von ihnen hat(te) er den Status eines Wolfsgottes.
Quelle: »Encyclopedia of Myths and Secrets« von Barbara Walker
Lykanthropie
Unter Lykanthropie versteht man heute in erster Linie eine psychische Erkrankung (eine Form von Psychose), in der ein Mensch sich einbildet, ein Wolf zu sein, bzw. sich in einen Wolf verwandeln zu können. Patienten mit diesem Krankheitsbild verhalten sich auch wie Wölfe, bewegen sich auf allen vieren, heulen wie ein Wolf, fressen wie einer (bevorzugt rohes Fleisch) und zeigen alle Verhaltensweisen eines Wolfs. Früher war Lykanthropie die Bezeichnung für die »echte« Verwandlung in einen Werwolf.
Quelle: Wikipedia

Im nächsten Roman:
Die sechsjährige Abby Bronnell besitzt nicht nur die Gabe, Geister und andere Wesen sehen zu können, sie ist auch ein starkes Medium. Diese Gabe wollen ein paar skrupellose Leute für sich nutzen, um mit Hilfe einer alten Orakelschale zu Macht und Reichtum zu gelangen. Sie entführen Abby und zwingen das Kind, die Kraft der Schale einzusetzen. Als Sam das Mädchen aus den Fängen der Entführer befreien will, gerät sie unversehens in einen regelrechten Krieg um »Die Runenschale«, denn auch andere Leute, die keineswegs alle von dieser Welt sind, wollen die Schale in ihre Gewalt bringen, die für sie einer alten Legende nach der einzige Weg zur Erlösung ist.
Doch keiner der Beteiligten ahnt, dass die Schale ein Geheimnis birgt, das ihnen allen zum Verhängnis werden kann ...
»Die Runenschale« erscheint am 05. März exklusiv bei 
© Mara Laue
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