Sie sind hier: Startseite - Stories & Lyrik - Serien - Sukkubus - Band 8 - Die Maske aus Menschenhaut


Serien & Stories

Diese Geschichte downloaden alsPDF-Dateigeht HIER
Adobe Reader downloaden geht HIER



Band 8 - Die Maske aus Menschenhaut

Er starrte sein Spiegelbild unverwandt an und hasste den Anblick, der sich ihm bot: quarkweiße Haut, hellblondes, beinahe weißes Haar, wasserhelle Augen. Dazu schlaffe Muskeln, einen Schmerbauch und eine allgemeine Weichheit, die er zutiefst verabscheute. Das Einzige, was ihm diese jämmerliche Gestalt erträglich machte, war die unglaubliche magische Macht, über die er verfügte. Wer immer der Mensch gewesen war, dessen Körper er jetzt besaß, er musste einer von denen sein, in deren Adern das Blut der alten Zauberer floss, die von den Göttern abstammten.
Wenigstens das war ein Fortschritt zu seinem vorherigen Körper. Dennoch hätte er es vorgezogen, einen zu bekommen, der seinem alten wenigstens ein bisschen ähnelte mit ebenholzfarbener Haut, kraftvollen Muskeln und dem Aussehen eines Zulu-Kriegers. Nicht den einer verweichlichten Quarknase.
Sei dankbar, dass du überhaupt lebst!, vernahm er in seinem Geist die Stimme seines Meisters. Und vergiss nicht den Preis zu bezahlen für dein geschenktes Leben.
Er ignorierte das. Obwohl ihm natürlich bewusst war, dass der Meister recht hatte. Nun gut. Es würde eine Weile dauern, aber er würde diesen widerlichen Rollmops mit der ihm eigenen Disziplin so formen, wie er ihn brauchte. Mit etwas Zeit ließ sich sogar die Haut wenn schon nicht auf Ebenholz umfärben, so doch wenigstens auf Honigbraun tönen.
Er wandte sich vom Spiegel ab und sah sich in dem Raum um, der sein Schlafzimmer darstellte. Er würde auch hier einige Änderungen vornehmen, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen. Wichtig war im Moment nur, dass er nicht negativ auffiel. Von dem Bewusstsein des ehemaligen Besitzers dieses Körpers war gerade genug übrig geblieben, um nahtlos in dessen Leben schlüpfen zu können: Sein Name, gewisse Erinnerungen an wichtige Ereignisse und Menschen und vor allem die Zugangsdaten zu seinen Konten. Das genügte, um nach außen hin glaubhaft zu sein.
In jedem Fall war es ausreichend, damit Jacques LeGrand, Bokor des Bizago, im Körper des Hexenmeisters Sergej Borzov seine Rache an Sam Tyler nehmen konnte ...

Für Gordon Kingsley war es Liebe auf den ersten Blick. Allerdings eine Liebe, für die keine Frau jemals Verständnis aufgebracht hätte, denn seine Auserwählte war eine Maske. Genauer gesagt handelte es sich um ein seltenes Stück aus dem Nachlass eines Sammlers, der sie woher auch immer bekommen hatte.
Kingsley sammelte Masken aus aller Herren Länder, denn er war von ihnen fasziniert, was sich allerdings nur auf ihre Eigenschaft als Kunstgegenstand bezog. Diese Leidenschaft hatte er wohl von seinem Ururgroßvater geerbt, der dem Volk der Dogon entstammte, das noch heute für seine außergewöhnlichen Masken bekannt war. Bis zu einem gewissen Grad interessierte Kingsley auch die Rolle, die sie im religiös-zeremoniellen Leben der Kultur spielten, aus der sie stammten. Allerdings ging er keineswegs so weit wie manche anderen Sammler, die an die angeblich magische Wirkung ihrer Stücke glaubten. Die einzige „Magie“ in den Masken war für Kingsley dieselbe, der er in jeder Kirche begegnete, wo Hostie und Messwein symbolisch zum Leib und Blut Christie „verwandelt“ wurden – mit anderen Worten: nichts als Glaube beziehungsweise Aberglaube.
Kingsleys Sammlung umfasste mittlerweile über dreihundert Exemplare, die er unlängst in dem eigens dafür hergerichteten Keller seines Hauses untergebracht und als Museum eröffnet hatte. Der Kauf immer neuer Masken war auf die Dauer kostspielig, und sein Verdienst als Geschichtslehrer der Whitney Young High School in Cleveland reichte auf die Dauer nicht aus, um die Neuanschaffungen zu finanzieren. Mit etwas Glück würden die Einnahmen aus dem Museum und die Eintrittsgelder der Events, die er mit Replikaten der Masken zu veranstalten gedachte, das notwendige Geld in seine Kasse spülen.
Das war allerdings noch Zukunftsmusik, und Kingsley konnte bis dahin seiner Leidenschaft nur in bescheidenem Maße frönen. Aber diese Maske musste er haben, selbst wenn es ihn sein gesamtes Geld kostete.
Es handelte sich um ein Artefakt der Maya und gemäß dem Auktionskatalog war sie über zweitausend Jahre alt. Das Besondere an ihr war der Stoff, aus dem sie hergestellt war. Die Maya hatten normalerweise ihre Masken aus Gold angefertigt, doch dieses Exemplar bestand aus Leder und besaß lediglich einen fünf Zentimeter breiten Rand aus Gold, um den herum diverse Maya-Schriftzeichen eingeprägt waren.
Die Maske stellte die perfekte Nachbildung eines Gesichts dar, im Gegensatz zu den Goldmasken, die die Gesichtsformen in der Regel nur stilisiert abbildeten. Die Ledermaske dagegen sah aus wie ein lebendiges Gesicht, das in einem einzigen Augenblick erstarrt war. Diese Tatsache bekam einen makabren Touch dadurch, dass das Leder angeblich von der Haut eines Menschen stammte. Die Experten vermuteten sogar, dass der Schöpfer dieser Maske seinem Opfer – vermutlich ein Ritualopfer – die Gesichtshaut abgezogen und zu dieser Maske verarbeitet hatte.
Noch makabrer war die Tatsache, dass die Maske nicht nur von der Haut eines einzigen Menschen stammte, sondern aus mehreren Schichten der Haut von mindestens dreißig Menschen, vermutlich sogar mehr. Allerdings wusste kein Experte, welchem Zweck die Maske ursprünglich diente. Sie war von ihrer gesamten Machart her völlig untypisch für die Mayakultur, und nur die Schriftzeichen auf dem Rand und die als Verzierung daran angebrachten Ohrgehänge, wiesen eindeutig auf Maya-Arbeit hin.
Kingsley hoffte, dass diese makabre Machart den Preis der Maske drückte. Der Meinung war wohl auch das Auktionshaus, denn sie war mit einem Mindestgebot von nur dreihundert Dollar ausgezeichnet. Wahrscheinlich war der zweite Grund für den niedrigen Preis, dass der Vorbesitzer der Maske ermordet worden war, und zwar auf bestialische Weise. Man hatte ihm, wenn man den Berichten der Presse Glauben schenken konnte, bei lebendigem Leib das Gesicht abgehäutet. Die Polizei stand vor einem Rätsel, vermutete aber wegen der Herkunft der Maske, dass da wohl ein perverser Irrer dem Ruf der Maske gerecht zu werden versucht hatte. Vom Täter fehlte allerdings jede Spur.
Äußerlich unbeteiligt wartete Kingsley auf seinem Platz, bis die Maske aufgerufen wurde. Um etwaigen Mitinteressenten nicht zu verraten, dass er auf einen bestimmten Auktionsposten wartete, hatte er zwischendurch immer wieder auch für andere Stücke geboten, allerdings nur für solche, bei denen er sich sicher war, dass andere Interessenten ihn in jedem Fall überbieten würden. Als die Maske endlich an der Reihe war, fühlte er, wie sein Puls schneller schlug und ein Gefühl sich in ihm ausbreitete, das er immer empfand, wenn er auf der Jagd nach einer Maske war: Gier. Er musste diese Maske haben, koste es, was es wolle.
Deshalb konnte er es kaum abwarten, bis der Auktionator endlich mit der üblichen Einleitung über das Stück fertig war und das Bieten eröffnete mit den Worten: „Wir beginnen bei 300 Dollar.“
„Dreihundert!“, rief augenblicklich eine Frauenstimme, noch ehe Kingsley den Mund aufmachen konnte.
Er hob sein Nummernschild zum Zeichen, dass er ebenfalls bot und erhöhte auf: „Dreihundertfünfzig.“
„Vierhundert!“, überbot ihn die Frau sofort. Sie saß zwei Reihen vor ihm.
Das Einzige, was Kingsley von ihr sehen konnte, war ihr langes dunkles Haar, das in einem mit einer antiken Haarspange zusammengefassten Pferdeschwanz über einer hellgrauen Kostümjacke auf ihren Rücken fiel. Kingsley fühle unerklärliche Wut in sich aufwallen. Wie konnte sie es wagen, ihm seine Maske streitig zu machen!
„Fünfhundert!“
Sie zögerte.
„Fünfhundert sind geboten von dem Herren mit der Nummer 42“, sagte der Auktionator. „Höre ich mehr?“
Die Frau wandte sich um und blickte Kingsley an, der einen Moment von ihrer Schönheit überrascht war. Doch in ihren dunklen Augen lag ein Ausdruck, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte, denn er war eiskalt und schien eine unausgesprochene Drohung zu enthalten.
„Sechshundert!“, bot sie und blickte wieder nach vorn.
Jetzt waren leider auch andere Bieter darauf aufmerksam geworden, dass diese Maske wohl einen höheren Wert haben mochte als das Mindestgebot vermuten ließ und boten ebenfalls. Sehr zu Kingsleys Verdruss lag das Gebot in kürzester Zeit bei 2700 Dollar. Doch mehr schien diese untypische Mayamaske den übrigen Interessenten doch nicht wert zu sein, weshalb schließlich wieder nur Kingsley und die Bieterin 67 übrig bleiben, die jetzt 3000 Dollar bot. Das war eigentlich Kingsley Limit, doch er hatte jetzt ein Stadium erreicht, in dem ihm alles egal war und nur noch zählte, dass er diese Maske bekam und niemand sonst.
„Viertausend!“, bot er energisch und durchbohrte den Rücken von Bieterin 67 mit Blicken, von denen er wünschte, sie wären Dolche.
Sie fuhr zu ihm herum und wünschte sich wahrscheinlich in diesem Moment genau dasselbe, denn der Ausdruck ihrer Augen grenzte beinahe schon an Hass. Offensichtlich hatte sie nicht die Mittel, Kingsley weiter überbieten zu können. Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Wenig später erhielt Kingsley den Zuschlag und konnte es kaum erwarten, seine Trophäe in den Händen zu halten. Das Glücksgefühl, das ihn in diesem Moment durchströmte, glich verblüffend dem Gefühl, das er immer nach gutem Sex verspürte. Darüber machte er sich allerdings keine weiteren Gedanken. Für ihn zählte nur, dass er sein Ziel erreicht hatte und die begehrte Maske ihm gehörte. Sobald er sie bezahlt hatte ...
Als er seinen Platz verließ, um die Formalitäten zu erledigen, vertrat ihm Bieterin 67 den Weg. Kingsley befürchtete schon, dass sie ihm eine Szene machen würde, aber sie schien anderes im Sinn zu haben. Der ernste Ausdruck ihrer dunklen Augen passte nicht so richtig zu ihrem schönen Gesicht.
„Sir“, sagte sie eindringlich, „ich weiß nicht, was Sie mit der Maske vorhaben, aber sie gehört nicht hierher. Sie gehört zurück in ihre Heimat, nach Mexiko. Ich habe zwar nicht so viel Geld bei mir, aber ich kann innerhalb einer Woche eine größere Summe besorgen. Ich bin bereit, Ihnen die Maske für sechstausend Dollar abzukaufen.“
„Keine Chance, gute Frau“, unterbrach Kingsley sie mit einem beinahe höhnischen Triumph, der ihn selbst überraschte und befremdete. „Ich habe sie, und ich behalte sie und werde sie für kein Geld der Welt wieder verkaufen. Sie kommt in mein Museum und erfährt dort die Würdigung, die ihr zusteht. Und jetzt entschuldigen Sie mich.“
Er wollte sich an ihr vorbei drängen, doch sie hielt ihn am Arm zurück. „Sollten Sie es sich doch einmal anders überlegen – hier ist meine Karte. Rufen Sie mich jederzeit an.“
Sie drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand, nickte ihm zu und ging endlich. Kingsley warf einen Blick darauf. „Nora Halston – Anthropologin“ las er und darunter die üblichen Angaben über Adresse, Telefonnummern und Website. Nun, die Frau konnte lange warten, dass er sich bei ihr meldete. Am liebsten hätte er die Karte weggeworfen, doch da sich kein Papierkorb in seiner unmittelbaren Nähe befand und er sie nicht einfach auf dem Fußboden werfen konnte, steckte er sie notgedrungen ein.
Als er eine halbe Stunde später mit der kostbaren Maske wohl verstaut in einem gepolsterten Koffer nach Hause fuhr, hatte er die Frau schon vergessen.

Jacques LeGrand war sich bewusst, dass er nie wieder in sein Haus und sein Geschäft in New Orleans zurückkehren konnte, denn er war tot. Da er keine Familie hatte und somit auch keine Erben, fiel sein gesamter Besitz an den Staat, der auch keine Zeit verloren hatte, sich daran zu bedienen, besonders da Jacques LeGrand als Mörder überführt worden war, der sich allerdings in einem Anfall von Wahnsinn wohl selbst die Kehle durchgeschnitten hatte.
So jedenfalls lautete das offizielle Untersuchungsergebnis der Polizei von New Orleans. Die Wahrheit sah anders aus: Sam Tyler hatte ihn umgebracht, diese Frau, die wie ein Mensch aussah, aber, wie er leider erst nach seinem Tod von seinem Meister erfahren hatte, eine mächtige Dämonin war.(1) Nun, er hatte sie einmal unterschätzt; das würde ihm nie wieder passieren. Dass sie seine kostbaren zouti – seine Ritualgegenstände, die er für seine magische Arbeit benötigte – zerstört hatte, steigerte seinen Hass auf sie noch und bestärkte ihn in seinem Plan, sich an ihr zu rächen. Sie wusste nicht, dass er noch lebte, und dass er einen neuen Körper besaß, würde die Sache leichter machen. Doch natürlich brauchte er Ersatz für seine zerstörten zouti, und er wusste auch, wo er den bekommen konnte.
Sergej Borzovs Vermögen reichte aus, die erforderlichen Gegenstände nachzukaufen, weshalb er sich jetzt in seiner alten Heimatstadt New Orleans aufhielt und dort im French Quarter den Occult Shop einer gewissen Alice Tyler besuchte. Dass die Frau eine Verwandte von Sam Tyler war, störte weder LeGrand noch sie selbst, denn wie er mitbekommen hatte, waren die beiden Frauen einander wohl nicht besonders zugetan. Dass auch Alice Tyler eine Dämonin sein musste, erklärte ihm immerhin endlich, woher sie die außergewöhnlichen Dinge bekam, die nur sie besorgen konnte, wie man in den Kreisen der Eingeweihten munkelte. LeGrand hatte sich schon mehr als einmal davon überzeugen können, dass das der Wahrheit entsprach.
Als sein Taxi vor dem Shop hielt, erlebte er allerdings eine unangenehme Überraschung. Im Fenster verkündete ein großes Schild „Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe“. Und im Laden tummelten sich Kaufinteressierte in ungewöhnlich großer Zahl. LeGrand trat ebenfalls ein und sah sich um. Hinter dem Tresen stand Alice Tylers Assistentin zusammen mit zwei weiteren Frauen und versuchte der Flut von Kaufwütigen, die hier ihre Schnäppchen zu machen gedachten, Herr zu werden. LeGrand tastete den Inhalt des Ladens mit seinen magischen Sinnen ab und stellte fest, dass sich kein einziger der machtvollen Gegenstände mehr hier befand, die noch bei seinem letzten Besuch existiert hatten. Für einen Moment schlug die Wut über ihm derart heftig zusammen, dass er Mühe hatte, sich zu beherrschen und nicht etwas Unüberlegtes zu tun, denn die Sache warf ihn in seinen Plänen um Tage, wenn nicht gar Wochen zurück.
Nachdem er seine Contenance zurückgewonnen hatte, trat er äußerlich gelassen an den Tresen. „Verzeihung, Miss“, sprach er die Verkäuferin an, „ich hatte eine Verabredung mit Miss Tyler. Ist sie da?“
„Falls Sie Alice Tyler meinen, Sir“, antwortete die Frau, „nein, die ist nicht da. Und sie kommt auch nicht wieder. Sie hatte vor einer Woche einen tödlichen Unfall. Ihre Verwandten sind hier, um den Shop und ihren Haushalt aufzulösen. Falls Sie die sprechen wollen ...“
„Nein, ich war mit Miss Alice verabredet“, wehrte LeGrand ab und verabschiedete sich hastig.
Er hatte nicht die geringste Lust, den Verwandten zu begegnen, von denen eine Sam Tyler war. Noch war er nicht bereit, seiner Mörderin gegenüberzutreten. Allerdings warf der Tod seiner Lieferantin für magische Zutaten das Problem auf, wo er die jetzt her bekommen sollte. Eine neue Quelle aufzutun, die ebenso gut war wie „Mama Fortuna’s Occult Shop“, würde schwierig werden. Und dann war da auch noch die Blutmaske des Jaguarpriesters, die er unbedingt finden musste, um sich noch ein paar weitere Leben erkaufen zu können ...
Missmutig machte er sich auf den Rückweg zu Borzovs Haus in Atlanta.

Tai’Conaru und seine Schwester Lilama hatten die undankbare Aufgabe übernommen, den Nachlass ihrer Cousine Aliada in der Menschenwelt zu ordnen, während ihr Vater Benyun dafür sorgte, dass ihre Schwester Samala nicht den Verstand verlor, nachdem ihr Gefährte Scott Parker tot war. Das Ganze war eine Katastrophe in mehr als einer Hinsicht. Vor ein paar Tagen war durch die Machtgier und bodenlose Verantwortungslosigkeit einiger Menschen der Dämon Káshnarokk entfesselt worden, der schon Atlantis vernichtet hatte, und es hatte der vereinten Kräfte der Unterwelt und des Lichts bedurft, ihn erneut zu bannen.
Dabei hatte Káshnarokk Scott getötet, und Samala, die ohnehin zu dem Zeitpunkt die Finsternis verkörperte, weil sie an Luzifers Seite einen der Zehn Mächtigen Fürsten hatte ersetzen müssen, war komplett ausgerastet. Gegenwärtig fristete sie ihr Dasein in einem magischen Gefängnis in der Zentrale der Wächter, da sie am liebsten etliche Menschen umbringen wollte und man sie nicht frei herumlaufen lassen konnte. Auch Aliada hatte in diesem Zusammenhang den Tod gefunden. Sie war vom Tribunal der Unterwelt hingerichtet worden, weil sie den Menschen, die dafür verantwortlich waren, die magischen Zutaten verkauft hatte, die es denen überhaupt erst ermöglicht hatte, Káshnarokk befreien zu können.
Und falls Samala sich nicht wieder fing, bevor sie nach spätestens zwei Wochen vollends den Verstand verlor, wäre der zweite Verlust, den die Dämonenfamilie Tai’u zu beklagen hätte. Um allerdings zu verhindern, dass die Menschen unerwünschte Aufmerksamkeit auf Aliadas Occult Shop richteten und noch unerwünschtere Nachforschungen anstellten, mussten sie ihn ganz profan auflösen auf die Art, die bei Menschen üblich war. Dabei wäre es so viel einfacher gewesen, ihn magisch einfach verschwinden zu lassen ...
Schon beim Betreten des Hauses hatten Conaru und Lilama festgestellt, dass Aliada offenbar viel verantwortungsloser mit ihren magischen Gütern umgegangen war, als sie das vermutet hatten. Es gab in der magischen Gemeinschaft allgemein und unter Dämonen im Besonderen den Konsens, dass nicht nur die unbedarfte Menschheit nach Möglichkeit niemals von der Existenz echter Magie und der Unterwelt erfahren durfte, sondern dass gewisse Dinge und Rituale einfach nicht in die Hände von Menschen gehörten. Aliada hatte das sträflich missachtet, und Conaru war in gewisser Weise sogar froh darüber, dass man ihr durch ihre Hinrichtung Einhalt geboten hatte, obwohl sie seine Cousine gewesen war.
In dem Verkaufsraum für ihre „spezielle Kundschaft“ fanden sich Zutaten und mächtige Artefakte, mit denen Menschen niemals in Berührung kommen sollten. Conaru und Lilama hatten sie alle vernichtet, da sie sie nicht selbst gebrauchen konnten und wollten. Seit sie sich die magischen Kräfte eines Kitsune angeeignet hatten, eines japanischen Fuchsgeistes (2), benötigten sie keine Rituale und Zaubersprüche mehr, um die unglaublichen Dinge bewirken zu können, die sie jetzt beherrschten. Auch deshalb empfand Conaru eine gewisse Wut auf Aliada, die in ihrer Gier nach profanem Reichtum – den sie sich auch auf andere Weise hätte beschaffen können – einen regelrechten Ausverkauf magischer Zutaten betrieb und sie alle damit in Gefahr gebracht hatte. Da er seiner Cousine in dem Punkt – und nicht nur in diesem – nicht allzu weit traute, ging er kein Risiko ein. In ihrer Wohnung initiierte er einen machtvollen Zauber, der jedes geheime und magisch geschützte Versteck, das sie dort haben mochte, offenbarte.
Dass er dadurch unzählige Dinge fand, die sie eigentlich gar nicht besitzen durfte – zum Beispiel den Trakshono-Dolch, der Feuerdämonen vernichtete oder das Sybillenauge, das jedes Geheimnis offenbarte – wunderte ihn nicht. Dass er aber in einem wahrhaft gut gesicherten Versteck eine notizbuchgroße Kopie des Grimoires von Marie Laveau entdeckte, die Benyun eigentlich vernichtet hatte, erfüllte ihn mit grimmiger Wut. Die durch und durch menschliche „Hexenkönigin von New Orleans“ hatte aus Quellen, die keiner kannte, geheimes Wissen erlangt, das sie in ihrem Grimoire niedergeschrieben hatte. Es enthielt nicht nur mächtige Zaubersprüche und Rezepte für magische Tränke aller Art, sondern auch Rituale, die auf keinen Fall in die Hände von Menschen geraten sollten.
Hinter dem Original waren damals nicht nur die Diener des Schwarzen Feuers her gewesen – die für Káshnarokks Befreiung verantwortlich waren – sondern auch ein Bokor namens Jacques LeGrand. Ein Blick in eine alternative Zukunft, den Samala und Benyun unfreiwillig auf der Suche nach einem Mittel, um das Grimoire zu zerstören, erhalten hatten, zeigte, dass LeGrand mit Hilfe des Buches die Welt beherrschen würde, sollte es ihm jemals in die Hände fallen. Deshalb hatten sie das Buch vernichtet. Doch Aliada hatte in ihrem bodenlosen Leichtsinn heimlich eine Kopie angefertigt, wenn auch in Unadru, der Sprache der Dämonen, die zum Glück kein Mensch lesen konnte. Als Benyun das herausgefunden hatte, hatte er sie bestraft, indem er ihr den größten Teil ihrer magischen Kräfte genommen hatte. Offenbar war es ihr aber vorher gelungen, noch eine weitere Kopie des Buches anzufertigen.
Conaru fragte sich, wie oft sie das Grimoire noch vernichten mussten, damit es endlich vernichtet blieb und nie mehr auftauchte. Doch hier war nicht der richtige Ort dafür, denn das Buch war mit mehreren Schutzzaubern derart gegen Dienstahl und Vernichtung gesichert, dass es eine Weile dauern würde, die alle aufzulösen, bevor es zerstört werden konnte. Deshalb steckte er es ein und vertagte die Zerstörung auf später, wenn er Zeit dazu hatte.
Jetzt musste er sich erst mal weiter um die Formalitäten hinsichtlich des Hauses kümmern.

Gordon Kingsley war selig; anders konnte er den Zustand beinahe sinnlichen Glücks nicht nennen. Er hielt die Maske in der Hand – seine Maske! – und strich mit den Fingern darüber, als liebkoste er eine Frau. Mit einem weichen Tuch polierte er hingebungsvoll den goldenen Rand, bis er glänzte und fragte sich flüchtig, was die Symbole darauf wohl bedeuten mochten. Obwohl die Maya eine Bildschrift benutzt hatten, konnte er sie nicht entziffern. Er erkannte darauf nur ein stilisiertes Jaguargesicht mit extrem grimmigem Ausdruck, einen Mann in einem Jaguarfell, der wohl ein Priester sein sollte und eine Maske in der Hand hielt sowie etwas, das vielleicht ein Kalender sein konnte.
Aber das interessierte ihn nicht. Die Maske war sein! Es verwirrte ihn allerdings etwas, dass deren Haut relativ hell war. Auf einem Foto, das der Expertise beigefügt war, die Kingsley mit dem Kauf erhalten hatte und das vor ein paar Monaten aufgenommen worden war, sah die Haut erheblich dunkler aus. Aber das konnte auch an der Aufnahme liegen. Dennoch wirkten die Gesichtszüge deutlich anders. Waren sie auf der alten Aufnahme eindeutig indianisch, so sahen sie jetzt seltsam europäisch aus. Allerdings war das Foto wirklich nicht gut, und der Gedanke, dass man ihm eine Fälschung angedreht haben konnte, kam ihm gar nicht. Schließlich hatte er ein Echtheitszertifikat eines renommierten Prüfers, dass die Maske echt und tatsächlich über zweitausend Jahre alt war.
Ein überraschender Schmerz riss ihn aus seinen Gedanken. Beim Polieren des Ohrgehänges, das die Form von Krallen besaß, hatte er sich an einer Spitze davon regelrecht geschnitten, die unglaublich scharf war. Unwillig bemerkte er, dass Blut aus einem gar nicht mal kleinen Schnitt seines Daumens tropfte. Er legte die Maske auf den Tisch und hielt die andere Hand unter den blutenden Daumen um zu verhindern, dass er mit dem Blut die Maske besudelte. Doch es war zu spät. Ein Tropfen fiel auf die Innenseite, und Kingsley fluchte unbeherrscht.
Im selben Moment ließ ein heftiger Schwindel ihn wanken. Er versuchte, sich an der Kante des Tisches festzuhalten, an dem er saß, doch er verfehlte sie und rutschte zu Boden, wobei er die Maske mit sich riss. Er hörte ein hässliches Zischen, wie wenn Wasser ins Feuer tropfte und landete auf der Seite, ebenso wie die Maske. Für einen Moment hatte er das entsetzliche Gefühl, dass die Maske aus deren Augenhöhle ein Blutstropfen zu quellen schien, ihn anstarrte – dass sich hinter ihr ein menschliches Gesicht befand, das ihn aus brennenden schwarzen Augen blutrünstig anblickte.
Kingsley versuchte entsetzt, von der Maske weg zu robben, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Die glühenden Augen schienen näher zu kommen und ihn zu verschlingen, und Kingsley schrie panisch auf, als ...

Coatlocca betrachtete wohlgefällig sein Werk. Die beiden Masken waren ihm wahrhaft gut gelungen. Nein, sie waren perfekt. Ihre Gesichter waren das Ebenbild von Balam, dem Jaguargott, und es würde eine Ehre für die Zwillingskinder sein, seine Opfer sein zu dürfen. Ihr Blut – der Sitz ihrer Seelen – würde dem Volk der Maya Kraft und Macht geben und die Fruchtbarkeit der Erde für ein weiteres Jahr garantieren.
Allerdings war es an der Zeit, dass Coatlocca ein bisschen von dieser Macht abbekam. Er war nicht freiwillig Priester des Jaguargottes geworden, sondern weil sein Vater, der König, es so bestimmt hatte und nur einer seiner Zwillingssöhne ihm auf dem Thron nachfolgen konnte. Der andere war zum Priester bestimmt. Und da Coatlocca der Zweitgeborene war, musste er dem Großen Jaguar dienen. Was nicht nur gegen seinen Willen war, sondern auch die unangenehme Nebenwirkung hatte, dass er enthaltsam leben musste. Irgendwann würde er für eine einzige Nacht das Gelübde der Enthaltsamkeit brechen dürfen, um einen Sohn zu zeugen, der sein Nachfolger werden würde. Doch bis dahin würden noch viele Jahre vergehen.
Coatlocca hatte nicht die Absicht, so lange zu warten. Nicht genug damit, dass er es fertig gebracht hatte, seinen Bruder zu überzeugen, dass Balam, der Große Jaguar dessen Zwillinge als nächste Opfer forderte, nein, er hatte diese beiden Masken mit einem Zauber versehen, die ihm, Coatlocca, und nicht Balam die Seelen der Kinder und damit ihre Kraft geben würde. Außerdem gedachte er diese Macht zu nutzen, um seinen Bruder vom Thron zu stoßen.
Seine Finger strichen zärtlich über die kühlen, funkelnden Goldgesichter der Masken. Noch vor dem Mondaufgang würde er König sein, und niemand würde es wagen, an seiner Macht zu zweifeln. Er nahm die Kostbarkeiten und brachte sie in den Tempel, um die Zeremonie vorzubereiten.
Als die Dämmerung kam, die Stunde des Jaguars, bewegte sich die Prozession durch die Stadt zum Tempel. Coatlocca schritt voran und die beiden achtjährigen Zwillinge – ein Junge und ein Mädchen – folgten ihm, geschmückt mit den Jaguarmasken und nur mit einem Jaguarfell bekleidet. Hinter ihnen schritt ihr Vater, der König, mit ausdruckslosem Gesicht. Auf der Spitze der Tempelpyramide angekommen, legten Coatloccas Unterpriester die Kinder nebeneinander auf den Altar, und Coatlocca stellte sich an die Stirnseite mit einem Obsidianmesser in jeder Hand.
Während er die vorgeschriebenen Worte der Zeremonie sprach und die Musikanten die Flöten spielten, begann er wortlos den Zauber zu wirken. Als er schließlich die Messer gleichzeitig in die Körper der Kinder stieß, spürte er, wie deren Lebenskraft auf ihn übertragen wurde. Für einen Moment berauschte sich der Priester an dem Gefühl, das ihn dabei durchströmte, ebenso wie an dem Gefühl maßloser Macht.
Ein Donnerschlag ließ die Erde und den Tempel erzittern und riss ihn und alle anderen Anwesenden fast von den Beinen. Ein greller Blitz zuckte über den Himmel, und überall um die Stadt und den Tempel herum ertönte das Brüllen von unzähligen Jaguaren, ehe es in heftigen Strömen zu regnen begann. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Balam war auch dafür zuständig, dass es regnete. Doch die Stimmen der Jaguare gingen Coatlocca durch Mark und Bein.
Als er auf die jetzt toten Körper der beiden Kinder blickte, entfuhr ihm ein Ausruf des Schreckens. Die Masken hatten sich verwandelt! Ihre Gesichter bestanden nicht mehr aus Gold und zeigten auch nicht mehr das Antlitz Balams – sie hatten sich in Masken aus Menschenhaut verwandelt, die die Gesichtszüge der Kinder trugen. Nur der Rand mit den eingravierten Schriftzeichen und das Ohrgehänge, das stilisierte Jaguarkrallen darstellte, waren immer noch aus Gold. Und aus den Augenhöhlen starrten ihn die Augen Balams anklagend an.
Coatlocca prallte zurück und ließ unwillkürlich die Obsidianmesser fallen, als sich seine tote Nichte und sein toter Neffe aufrichteten und mit der grollenden Stimme des Gottes sprachen.
„Frevler! Du hast es gewagt, meine heilige Zeremonie zu stören und meine heiligen Opfer zu entweihen! Dafür verfluche ich dich auf ewig!“
Zu Coatloccas profundem Entsetzen lösten sich die Masken von den Kindergesichtern, schwebten auf ihn zu und legten sich nacheinander über sein Gesicht. Ein wahnsinniger Schmerz durchzuckte ihn, als sie in quälender Langsamkeit begannen, die Haut von seinem Gesicht abzuziehen und sie mit dem goldenen Rahmen verschmolzen. Er versuchte zu schreien, bekam aber keine Luft mehr und brachte nur ein Röcheln zustande.
„Du wolltest Lebenskraft und Macht“, hörte er Balams Stimme in seinem Geist. „Du wirst beides bekommen, aber nie wieder Leben und Blut von Unschuldigen. Du wirst die Leben von Frevlern nehmen, und ihre Schandtaten sollen dich quälen bis ans Ende der Zeiten!“
Der Schmerz erstarb, als Dunkelheit sich um ihn herum ausbreitete. Als er seine Augen wieder öffnete, starrte er in das Gesicht seines Bruders, der ihn entsetzt und angewidert musterte. Dessen Hand näherte sich seinem Gesicht – seinen zwei Gesichtern! –, hob sie hoch und hielt sie so, dass Coatlocca die auf den Stufen der Pyramide und davor versammelte Menschenmenge sehen konnte.
„Balam hat den Frevler bestraft!“, verkündete der König. „Und diese Masken werden von heute an das Instrument der Bestrafung jedes Frevlers sein, der für seine Taten den Tod verdient.“
Coatlocca begriff für einen Moment gar nichts mehr. Erst als sein Bruder seine Gesichter senkte und herumdrehte, dass er sehen konnte, dass sein eigener, Coatloccas, Körper mit abgehäutetem Gesicht tot zu dessen Füßen lag, erkannte er, dass der Jaguargott seine Seele in die beiden Masken gebannt hatte. Als er gleich darauf einen unsagbaren Hunger nach Blut und Lebenskraft und Seelen verspürte, der so gewaltig war, dass er ihn beinahe wahnsinnig machte, verstand er das ganze Ausmaß der Strafe. Dieser Hunger würde ihn endlos quälen und niemals enden und nur in den seltenen Fällen befriedigt werden, wenn Coatlocca – wenn die Masken – benutzt wurden, um jemanden hinzurichten.
Coatlocca hätte seine Verzweiflung, sein Entsetzen, seine Wut und seinen Hass am liebsten hinausgebrüllt, doch die Masken konnten nicht mehr schreien. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit für Menschen unsichtbaren Augen seinen Bruder hasserfüllt anzustarren und stumm den Hunger zu ertragen.
König Nucolocca starrte eine lange Zeit auf die beiden Masken in seinen Händen, von denen jede nun das Gesicht seines Bruders trug, ehe er sie in den Tempel brachte und sich schwor, sie nie wieder anzurühren und nie wieder in ihre Nähe zu gehen ...

Gordon Kingsleys Entsetzen kannte keine Grenzen, als die Maske sich wie von Geisterhand auf ihn zu bewegte, als besäße sie ein Eigenleben. Ein Albtraum! Das musste ein Albtraum sein, denn was er hier gerade erlebte – zu erleben glaubte – konnte es nicht geben! Bestimmt befand sich an dem spitzen Ohrgehänge, an dem er sich geschnitten hatte, ein Gift, das Halluzinationen hervorrief und ihn lähmte. Dennoch gelang es ihm nicht, seine Panik zu unterdrücken.
Er hörte nicht die leisen, tappenden Schritte, die sich näherten und zuckte deshalb zusammen, als ein weißes Fellbündel sich zwischen ihn und die Maske schob, worauf seine Panik eine andere Dimension annahm. Die Maske bestand aus Leder, und sie bewegte sich – oder auch nicht; in jedem Fall befand sie sich am Boden und somit in Schneewittchens Reichweite. Und wenn es etwas gab, mit dem seine weiße Perserkatze liebend gern spielte, so war es Lederspielzeug ...
Kingsley stöhnte, als ihm bewusst wurde, dass die Katze die Maske beschädigen oder gar zerstören würde und er momentan nicht in der Lage war, sie daran zu hindern. Seine kostbare Maske! Hilflos musste er mit ansehen, wie Schneewittchen mit der Pfote spielerisch nach der Maske schlug und hörte im Geist schon das Leder reißen. Doch es kam anders.
Kaum hatte die Katze die Maske berührt, als diese regelrecht herumfuhr in einer Art und Weise, die nicht durch den Pfotenschlag verursacht worden war. Sie schien die Katze regelrecht anzuspringen, drehte sich und landete mit der Innenseite direkt auf dem Gesicht des erschrockenen Tieres. Schneewittchen kreischte auf, ehe sie einen Schrei von sich gab, der verblüffend menschlich klang und der Kingsley die Haare zu Berge stehen ließ.
Gleich darauf färbte sich der Lederteil der Maske rot von ihrem Blut, ehe er die Form eines Katzengesichts annahm, an dessen Rändern noch ein paar weiße Haare klebten. Schneewittchen erstarrte und fiel zu Boden, wo sie reglos liegen blieb. Die Maske glitt von ihrem Gesicht, und im selben Moment war Kingsley wieder in der Lage, sich zu bewegen.
Entsetzt sprang er auf und stellte fest, dass er am ganzen Körper zitterte. Fassungslos starrte er auf seine tote Katze, deren Gesicht vollkommen enthäutet war. Eine Halluzination! Es musste eine Halluzination sein! Ebenso wie das, was er in der Vision – oder was immer es gewesen war – über die Entstehung der Maske und den verfluchten Maya-Priester gesehen zu haben glaubte. So etwas konnte es nicht geben! Und Schneewittchen war garantiert noch sehr lebendig und lag mit Sicherheit auf ihrem Lieblingsplatz in der Fensterbank des Südfensters, wo sie sich den ganzen Tag die Sonne auf den Pelz scheinen ließ.
Kingsley wankte ins Badezimmer und hielt seinen Kopf unter eiskaltes Wasser. Das belebte zwar seine Sinne wieder, aber er hatte immer noch das Gefühl, neben sich zu stehen. Trotzdem war er überzeugt, dass er danach die Maske unversehrt und vor allem unverändert vorfinden würde. Doch als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, lag die Maske immer noch neben seiner toten Katze auf dem Boden und trug Schneewittchens Gesicht.
Natürlich. Die Wirkung einer Droge, die wohl in sein Blut gelangt war, wurde nicht innerhalb von Minuten durch einen Schwall kalten Wassers neutralisiert. Das brauchte Zeit. Kingsley erwog, einen Arzt aufzusuchen, entschied sich aber dagegen. Die Wahrheit, wie die Droge in seinen Körper gekommen war, würde ihm kein Arzt glauben, und er, Gordon Kingsley, Geschichtslehrer an einer renommierten High School, stünde als Drogensüchtiger da. Das Beste wäre, er legte sich ins Bett und schlief seinen unfreiwilligen Drogenrausch aus. Vorausgesetzt die Droge ließ ihn schlafen.
Zu seiner Verblüffung schlief er beinahe sofort ein, kaum dass er sich hingelegt hatte, und als er erwachte, stellte er fest, dass er fast zwanzig Stunden geschlafen hatte. Zu seinem Glück war Wochenende, sodass er in der Schule keine Schwierigkeiten bekam, weil er unentschuldigt nicht zur Arbeit erschienen war. Nun, in jedem Fall würde er jetzt die Maske unverändert und Schneewittchen quicklebendig vorfinden – und ziemlich sauer darüber, dass er sie noch nicht gefüttert hatte.
Doch als er ins Wohnzimmer trat, hätte er sich beinahe übergeben, denn die Katze lag immer noch tot mit abgehäutetem Gesicht auf dem Boden. Eine Schar von Fliegen labte sich bereits an ihrem rohen und bereits deutlich ruchbar verwesenden Fleisch. Und die Maske trug immer noch ihr Gesicht.
Kingsley begrub die Katze im Garten hinter dem Haus und traute sich danach kaum, die Maske anzufassen. Er stieß sie erst ein paar Mal mit einer langen Grillzange an, ehe er es wagte sie aufzuheben – die Hände mit dicken Lederhandschuhen geschützt – und auf den Tisch zu legen. Eigentlich hätte er die Maske gleich zusammen mit Schneewittchen begraben sollen. Aber sie hatte ihn viertausend Dollar gekostet, und die konnte er nicht einfach wegwerfen, wie gruselig die ganze Sache auch war.
Er erinnerte sich an die Visitenkarte, die Nora Halston ihm gegeben hatte und die immer noch in der Tasche seines Mantels steckte. Er holte sie hervor und rief die Frau an.
„Miss Halston“, begann er und wurde scharf darauf hingewiesen, dass sie verheiratet war, worauf er die Anrede korrigierte: „Mrs. Halston, ich möchte Ihnen ein Angebot machen, da Sie sich so sehr für die Mayamaske interessierten. – Nein, Ma’am“, wehrte er ab, als sie sofort nach der unheimlichen Maske fragte, „nicht diese Maske. Ich besitze zwei andere Mayamasken, die von derselben Machart sind und genau gleich aussehen. Ich erwarb sie als Doppelpack, benötige aber nur eine für mein Museum. Deshalb wäre ich bereit, Ihnen die zweite zu verkaufen, als Entschädigung sozusagen. Falls Sie interessiert sind. Sie stellt ein Katzengesicht dar.“
Schließlich konnte er ihr ja nicht sagen, dass dieselbe Maske, um die sie sich während der Auktion quasi gestritten hatten, nun plötzlich ganz anders aussah. Gespannt lauschte er auf ihre Antwort. Nora Halston zögerte zwar und gab sich nur mäßig interessiert, aber Kingsley kannte das als die übliche Taktik, um den Preis zu drücken. Schließlich stimmte Mrs. Halston zu, sich die Maske einmal anzusehen.
„Ich habe ein Zimmer im Radisson Hotel, 651 Huron Road, Mrs. Halston. Wir können uns dort in zwei Stunden treffen.“ Aus irgendeinem ihm selbst unerfindlichen Grund wollte er nicht, dass Nora Halston ihn in seinem Haus besuchte. Und er wusste, dass das Radisson meistens ein Zimmer frei hatte.
Nora Halston stimmte zu. Kingsley buchte das Zimmer im Radisson und fuhr wenig später zur Huron Road, die Maske sorgfältig in ihrer Transportbox verstaut. Dennoch vergewisserte er sich während der Fahrt immer wieder mit einem Seitenblick darauf, dass die Box verschlossen war, denn er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass diese blutgierige Maske nur darauf lauerte, ihn jeden Moment anzuspringen, sobald sie die Gelegenheit dazu bekam.

Jacques LeGrand würde sich definitiv nie mit diesem käsigen Körper aussöhnen, in dem er steckte, doch in Momenten wie diesem, in denen er die Vorteile von Sergej Borzovs Mitteln und Besitztümern genoss, konnte er ihn einigermaßen ertragen. Borzov besaß eine Menge magischer Ritualgegenstände und sonstiger Zutaten, mit denen LeGrand sein Werk fortsetzen und vor allem seine Rache an der Dämonin Sam Tyler planen konnte. Doch zunächst musste er sein Versprechen gegenüber Guede Nimbo einlösen und ihm Seelen verschaffen, um sich damit weitere Lebenszeiten zu erkaufen. Und dafür brauchte er die zweite Blutmaske des Jaguarpriesters.
Erneut wallte unbändiger Hass auf die Dämonin in ihm auf, die seine Blutmaske schon bei ihrer ersten Begegnung zerstört hatte. Doch sie würde dafür bezahlen, und die Maske würde am Ende auch ihr Blut und ihre Seele trinken – sofern sie überhaupt eine besaß. Bevor er diesen Vorsatz allerdings in die Tat umsetzen konnte, musste er die zweite Maske erst mal beschaffen.
Borzov hatte eine andere Form von Magie benutzt als LeGrand, und obwohl in erster Linie die Seele und der Geist eines Menschen die Medien waren, die die Magie in Gang setzten, besaß doch der Körper von Magiern, die sich täglich damit befassten und in deren Blut ihr Erbe verankert war, eine eigene Erinnerung und eigene Fähigkeiten, die LeGrand sich jetzt zunutze machte. Eines von Borzovs mächtigsten Instrumenten, um Dinge in Erfahrung zu bringen, war ein Spiegel der Baba Jaga, der aus einer schwarzen, polierten Kristallscheibe bestand, die zwischen die Zähne eines Totenschädels geklemmt war.
Wenn man wusste, wie seine Magie initiiert werden musste, war es ganz leicht, ihn zu benutzen. Zu LeGrands Glück gehörte dieses Wissen zu den Erinnerungen, die er von Borzov übernommen hatte, weshalb es ihm jetzt nicht schwerfiel, den Spiegel zu aktivieren. Doch als besäße der ein Eigenleben und wüsste genau, dass LeGrand nicht Borzov war, setzte ihm der Spiegel ungeahnten Widerstand entgegen.
Zunächst blieb er dunkel, und LeGrand musste eine enorme Konzentration aufbieten sowie einen eisernen Willen, ehe sich überhaupt etwas auf der schwarzen Kristalloberfläche zeigte. Als endlich ein Bild erschien, sah er nicht den Ort, an dem sich die Mayamaske befand, sondern Sergej Borzov – genauer gesagt dessen Geist, denn seine Gestalt war so schlank und kraftvoll, wie der Mann im Leben nie gewesen war. Wofür LeGrand den Beweis jeden Tag unrühmlich vor Augen hatte. Die Lippen des Geistes bewegten sich unaufhörlich, die blassen Augen glühten förmlich, und er vollführte Gesten, die LeGrand unschwer als Begleitgesten eines Fluchs erkannte.
Der Bokor verzog verächtlich die Lippen und sprach eine Bannformel aus. Gleich darauf hatte er das Vergnügen zu sehen, wie Borzovs Geist von einem unsichtbaren Blitz getroffen wurde, der ihn ins Nichts schleuderte. Er knurrte zufrieden, als der magische Spiegel für einen Moment erlosch, um eine Sekunde später matt aufzuleuchten und nun seine Bereitschaft signalisierte, seinem neuen Herren zu dienen.
LeGrand sprach den Suchzauber aus, und der Spiegel gehorchte endlich ohne Widerstand. Wenige Augenblicke später sah er die Maske – und sie trank gerade Blut und fraß eine Seele.
LeGrand zögerte nicht. Augenblicklich schickte er einen weiteren Zauber los, der durch den Spiegel die Maske traf und die Kraft des Blutes auf LeGrand übertrug, während die Seele schnurstracks zu Guede Nimbo geschleudert wurde. Die erste Seele, die den Grundstock dafür legte, dass LeGrand sich noch eine weitere Lebenszeit erkaufen konnte. Doch um diese Gunst von Guede Nimbo zu erlangen, musste er dem Herrn der Toten noch eine Menge mehr Seelen bringen.
Nachdem er jetzt wusste, wo die Maske sich befand, konnte er daran gehen, sie in seinen Besitz zu bringen. Zu dem Zweck musste er aber in ihrer unmittelbaren Nähe sein, denn Cleveland lag zu weit von Atlanta entfernt, als dass seine Kräfte bis dorthin gereicht hätten. Das funktionierte nicht einmal mit einem so mächtigen Instrument wie Baba Jagas Spiegel.
Allerdings gab es einen unschätzbaren Vorteil bei dem Umstand, dass er sich nach Cleveland würde bemühen müssen: In eben dieser Stadt lebte Sam Tyler ...

Gordon Kingsley verbarg seine Nervosität und seine Angst ausgezeichnet, als er Nora Halston schließlich gegenüber stand und ihr die Maske präsentierte. Dass er Handschuhe trug, als er sie aus dem Kasten nahm, wunderte die Anthropologin nicht, denn viele Sammler fassten ihre wertvollen Antiquitäten ausschließlich mit Handschuhen an. Und dass Kingsley gleich ein paar Schritte zurücktrat, als sie die Maske in die Hand nahm, bemerkte sie nicht, denn sie war auf die Antiquität konzentriert.
„Ein interessantes Stück“, stellte sie schließlich fest. „Ich habe allerdings eine solche Maske noch nie in Zusammenhang mit der Mayakultur gesehen. Diese Katzendarstellung ist äußerst ungewöhnlich. Vor allem sehr, hm, modern. Das Gesicht erinnert eher an eine Perserkatze, nicht an einen Jaguar, wie man vermuten sollte.“ Sie blickte Kingsley misstrauisch an. „Sie haben für dieses Stück ein Echtheitszertifikat und eine Expertise, nehme ich an?“
„Eh, natürlich“, versicherte der Afroamerikaner und überlegte fieberhaft, woher er eine gefälschte Expertise bekommen sollte. „Aber ich habe sie nicht dabei. Ich wollte erst sehen, ob Sie sich überhaupt für die Maske interessieren.“ Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen zu versuchen, Nora Halston die Maske zu verkaufen. Oder irgendeinem anderen Menschen.
Nora Halston betrachtete sie noch einmal eingehend. „Es ist in jedem Fall ein außergewöhnliches Stück“, stellte sie fest. „Wenn es echt ist. Wie viel wollen Sie dafür haben?“
Kingsley feilschte nicht lange, sondern stimmte den dreitausend Dollar zu, die sie ihm bot. Sein Angebot, ihr die Maske sofort zu überlassen und trotzdem erst das Geld zu kassieren, sobald er das Echtheitszertifikat brachte, erweckte allerdings Nora Halstons professionelles Misstrauen.
„Mr. Kingsley, was stimmt mit dieser Maske nicht?“, fragte sie scharf. „Ein so unprofessionelles Verhalten legt nur jemand an den Tag, der mich aufs Kreuz legen will.“
„Ich habe nichts dergleichen vor, das versichere ich Ihnen. Ich ...“ Er suchte verzweifelt nach einer glaubhaften Ausrede und fand keine, was Nora Halston als Beweis für ihre Theorie wertete.
Sie betrachtete die Maske erneut eingehend, drehte sie um und brachte sie dicht vor ihr Gesicht, um die Innenseite genauer in Augenschein zu nehmen und dort nach Spuren dafür zu suchen, dass es sich um eine Nachbildung handelte und nicht um das Original.
„Nein!“
Kingsleys Warnung kam zu spät, denn die Maske erwachte zum Leben und sprang aus ihrer Hand direkt auf Nora Halstons Gesicht. Die Frau schrie markerschütternd auf. Ihr Körper begann konvulsivisch zu zucken, und sie stürzte zu Boden. Ihre Hände krallten sich in die Maske und versuchten verzweifelt, sie von ihrem Gesicht zu reißen – vergeblich. Nach wenigen Sekunden, die Kingsley aber wie Ewigkeiten vorkamen, erschlaffte ihr Körper. Die Maske fiel zu Boden und enthüllte den entsetzlichen Anblick von Nora Halstons enthäutetem Gesicht.
Kingsley, der die ganze Zeit über wie gelähmt gewesen war, spürte heftige Übelkeit in sich aufsteigen. Er wankte ins Bad und übergab sich, bis sein Magen vollkommen leer war. Zitternd sank er anschließend auf den geschlossenen Toilettendeckel und versuchte, sich wieder einigermaßen zu beruhigen. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. Er konnte unmöglich die Polizei rufen. Die würden ihm kein Wort glauben und ihn für einen Mörder halten. Oh Gott!
Kingsley verspürte nur noch einen einzigen Impuls: so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Zu einem klaren Gedanken war er nicht mehr fähig. Dies musste ein Albtraum sein. Bestimmt stand er immer noch unter dieser merkwürdigen Droge, und das alles war gar nicht passiert! Er erhob sich mit weichen Knien und wankte ins Zimmer zurück. Nora Halston lag immer noch tot auf dem Boden mit ihrem enthäuteten Gesicht. Und die Maske trug nun ihre Züge und nicht mehr die von Schneewittchen.
Schlagartig begriff er auch, was mit dem Vorbesitzer des Dings passiert sein musste. Er hatte die Maske ebenso wie Nora Halston zur Inspektion vor sein Gesicht gebracht, und die hatte sein Gesicht gefressen. Oh Gott!
Kingsley drückte sich an der Wand entlang zur Tür, wobei er die furchtbare Maske nicht aus den Augen ließ. Rückwärts gehend öffnete er die Tür, verließ das Zimmer und rannte über den Hinterausgang in die Tiefgarage, wo sein Wagen parkte. Während er nach Hause fuhr und mehrmals um ein Haar einem Unfall entging, überlegte er fieberhaft, was er jetzt tun sollte. Doch sein Gehirn war wie leergefegt, sodass er schließlich nichts anderes tat, als zu Hause in seinem Sessel zu sitzen und in die Luft zu starren und zu versuchen, eine Entscheidung zu treffen.
Dass er irgendwann eingeschlafen sein musste, wurde ihm erst bewusst, als ein penetrantes Klingeln an seiner Tür ihn weckte. Er saß immer noch komplett angezogen im Sessel, und nach den Anzeigen auf seiner Uhr war es bereits Montagmorgen nach zehn Uhr, wo er schon längst in der Schule beim Unterricht hätte sein müssen.
Er wankte zur Tür und sah sich drei uniformierten Polizisten gegenüber sowie einem in Zivil, der ihm seine Marke unter die Nase hielt.
„Lieutenant Ronan Kerry vom Cleveland Police Department, Abteilung Major Case“, stellte der sich vor. „Mr. Gordon Kingsley, ich verhafte Sie wegen des Verdachts, Mrs. Nora Halston ermordet zu haben. Sie haben das Recht zu schweigen ...“
Kingsley nahm die Rechtsbelehrung nicht wahr und ließ sich widerstandslos Handschellen anlegen und abführen. Sein Leben war ruiniert. Vollständig zerstört von einer Maske, die zu besitzen er alles gegeben hätte. Wie es aussah, bezahlte er sie nun mit seinem Leben, denn in Ohio vollstreckte man immer noch die Todesstrafe.

Jason Goldstein jr. wusste wieder einmal nicht, wo ihm der Kopf stand. Zu seinem geringen Trost erging es seinen Kollegen keinesfalls besser. Erst vor knapp einem Monat war ein Mitglied der renommierten Anwaltskanzlei Weston, Kruger & Goldstein verhaftet worden, weil er ein Mordkomplott gegen einen Klienten geplant hatte, was dem Ruf der Kanzlei alles andere als gut getan hatte. Und nur zwei Wochen später hatte der frisch gebackene Juniorpartner Scott Parker bei einem Autounfall den Tod gefunden. So mussten die Fälle von zwei Anwälten auf den Rest der Belegschaft verteilt werden, was natürlich zu Überstunden ohne Ende führte.
Zum Glück hatte Jason Goldstein Senior, der sich eigentlich schon in den Ruhestand verabschiedet hatte, die Vorprüfung der eingehenden Bewerbungen um die jetzt freien Stellen übernommen, denn darum konnte sich niemand kümmern. Besonders nicht mit einem Fall wie dem um die Ohren, der der Kanzlei heute als Pflichtverteidigung aufgedrückt worden war. Ein Afroamerikaner namens Gordon Kingsley war wegen Mordes an einer Frau verhaftet worden und beteuerte vehement seine Unschuld, obwohl die Beweise nahezu erdrückend gegen ihn sprachen.
Goldstein hatte vor einer Stunde mit ihm und dem Ermittlungsbeamten gesprochen und glaubte Kingsley kein Wort. Doch der Ermittler, ein überaus vernünftiger Lieutenant namens Ronan Kerry, hatte ihm empfohlen, die Beweise durch einen Privatermittler prüfen zu lassen. Interessanterweise hatte er dafür eine gewisse Samantha Tyler vorgeschlagen, von der nicht nur Lieutenant Kerry große Stücke hielt. Scott Parker hatte die Dame bereits zweimal für eben solche Ermittlungen hinzugezogen, und sie hatte hervorragende Arbeit geleistet.
Allerdings war sie auch Parkers Verlobte gewesen und hätte ihn in wenigen Tagen geheiratet. Jason Goldstein war ihr bei der Beerdigung flüchtig begegnet und hatte eine überaus schöne Frau gesehen, die außer sich vor Trauer gewesen war, obwohl sie sich bemühte, es nicht allzu deutlich zu zeigen. Goldstein erinnerte sich nur zu gut daran, wie er sich gefühlt hatte, als seine Frau vor inzwischen acht Jahren an Krebs gestorben war und bezweifelte, dass Miss Tyler nach nur zwei Wochen bereits wieder in der Lage wäre, ihrer Arbeit nachzugehen.
Andererseits war es einen Versuch wert, denn die Erkundigungen, die er über Sam Tyler eingezogen hatte, bescheinigten ihr eine hervorragende Arbeit und eine hohe Erfolgsquote. Kurzum: Sie wäre die Beste, die Weston, Kruger & Goldstein bekommen konnten. Deshalb beschloss er jetzt sie aufzusuchen.
Das Haus, in dem sie mit Scott Parker gelebt hatte, machte einen beinahe unbewohnten Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, dass niemand auf sein Klingeln reagierte. Gerade als er sich abwenden wollte, um unverrichteter Dinge wieder zu gehen, vernahm er drinnen schlurfende Schritte. Als die Tür endlich geöffnet wurde, hatte Jason Goldstein Mühe, sich sein Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Sam Tyler sah schrecklich aus; anders konnte man es nicht nennen. Sie wirkte unglaublich alt und ähnelte einer Fünfzigjährigen, nicht der Dreißigjährigen, die sie nach seinen Informationen war.
„Guten Tag, Miss Tyler. Ich bin Jason Goldstein jr., einer von Scotts Seniorpartnern in der Kanzlei“, stellte er sich vor. „Wir hatten uns auf der Beerdigung schon kurz gesehen.“
Sie nickte nach kurzem Zögern, doch Goldstein konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie sich gar nicht daran erinnerte.
„Miss Tyler, ich möchte Ihnen im Namen der ganzen Kanzlei noch einmal unser tief empfundenes Mitgefühl aussprechen. Scotts Tod ist für uns alle ein großer Verlust. Für Sie natürlich noch mehr als für jeden anderen.“
„Danke“, murmelte sie undeutlich. Sogar ihre Stimme klang alt. Goldstein wartete darauf, dass sie ihn herein bat, doch sie blickte ihn nur aus glanzlosen grünen Augen an, in denen er so etwas wie Desinteresse zu erkennen glaubte. Fast schämte er sich, dass er sie in ihrer Trauer um ihren Verlobten gestört hatte. Trotzdem musste er sein Anliegen im Interesse seines Klienten vorbringen.
„Außerdem möchte ich Ihnen anbieten, dass wir Sie bei allen rechtlichen Dingen kostenlos beraten und unterstützen werden, was die Regelung von Scotts Nachlass betrifft“, fuhr er fort und überlegte, wie er am besten auf den Zweck seines Besuchs zu sprechen kommen konnte, ohne unhöflich zu wirken. „Wir haben Scott sehr geschätzt. Er hatte eine große Karriere vor sich. Meine Partner und ich waren sehr beeindruckt von seiner Idee, Sie als Privatermittlerin bei dem Betrug am Projekt Erie Lake Tower hinzuzuziehen und auch im Ryker-Fall vor einem Jahr. Das hat uns die Fälle gewonnen.“
„Vor allem hat es Peter Ryker, Kevin Hopkins und Selina McCarthy vor der Todeszelle bewahrt“, betonte sie.
„Ja, das in erster Linie natürlich auch“, gab Goldstein zu und räusperte sich verlegen. „Miss Tyler, es ist sicher kein guter Zeitpunkt, um über Geschäftliches zu sprechen, aber meine Partner und ich würden gern auch in Zukunft bei anderen Fällen Ihre Dienste in Anspruch nehmen.“
Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn abweisend an. „Falls Sie das nur aus einer Art Loyalität für Scott oder aus Mitleid mit mir tun, so vergessen Sie es, Mr. Goldstein. Ich bin auf derartige Almosen nicht angewiesen“, sagte sie stattdessen.
„Das wissen wir. Wir haben natürlich Erkundigungen über Sie eingezogen und festgestellt, dass Sie in Ohio und vielleicht sogar in den ganzen Staaten die Beste in Ihrem Job sind. Sie haben eine nahezu unwahrscheinliche fast hundertprozentige Erfolgsquote und stehen in dem Ruf, sogar Fälle lösen zu können, an denen sich die besten Ermittler der Polizei und sogar des FBI die Zähne ausbeißen. Deshalb würden wir Sie gern regelmäßig mit Ermittlungen in unseren schwierigen Fällen betrauen.“
„Mr. Goldstein, ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Sie zufällig gerade einen solchen Fall haben, den Sie dringend gelöst haben möchten“, brachte sie die Sache auf den Punkt.
Er lächelte schuldbewusst. „Erwischt!“, gestand er. „Und der Fall ist ähnlich mysteriös wie damals der Ryker-Fall. Doch ich erwarte von Ihnen natürlich jetzt keine Antwort. Hier ist meine Karte. Überlegen Sie sich die Sache, und rufen Sie mich an, wenn Sie sich entschieden haben.“
Sie nahm seine Karte wortlos entgegen. Goldstein konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er den Auftrag jemand anderem würde geben müssen, denn Sam Tyler machte auf ihn nicht den Eindruck, als würde sie ihn annehmen. „Die Verhandlung des Falls ist erst in vier Wochen“, sagte er aus diesem Gedanken heraus. „Sollte ich bis Ende der Woche nichts von Ihnen gehört haben, beauftragen wir jemand anderes. Aber Sie sind unsere erste und beste Wahl, Miss Tyler.“
Er fügte noch ein paar mitfühlende Worte hinzu, hatte aber nicht den Eindruck, dass er sie damit erreichte und verabschiedete sich gleich darauf. Er hatte sich kaum umgedreht, als sie ohne ein Wort die Tür hinter ihm zu knallte. Goldstein war sich danach sicher, dass Sam Tyler sich nicht bei ihm melden würde. Vielleicht war das auch zuviel verlangt. Manche Menschen bewältigten ihre Trauer, indem sie sich in Arbeit stürzten, andere indem sie ihren Schmerz auslebten und in dieser Phase überhaupt nicht in der Lage waren zu arbeiten. Wie es aussah, gehörte Sam Tyler wohl zu Letzteren.
Umso mehr überraschte es ihn, als er nur vier Stunden später einen Anruf von ihr erhielt, mit dem sie für den nächsten Tag einen Termin mit ihm vereinbarte, um mehr über den mysteriösen Fall zu erfahren. Vielleicht war sein Angebot genau das gewesen, was sie brauchte, um den ersten Schritt dafür tun zu können, ihre Trauer zu überwinden. Er hoffte es jedenfalls – nicht nur für Gordon Kingsley.

Als Sam am nächsten Tag die Kanzlei Weston, Kruger & Goldstein aufsuchte, kam Jason Goldstein jr. ihr mit ausgestreckter Hand entgegen, kaum dass sie das Gebäude betreten hatte, als hätte er auf sie gewartet. „Miss Tyler, es freut mich, dass Sie gekommen sind. Ich habe schon alles vorbereitet, damit Sie sich mit dem Fall vertraut machen können. Bitte folgen Sie mir.“ Er warf ihr einen prüfenden Seitenblick zu. „Sie sehen sehr viel besser aus als gestern, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf“, sagte er vorsichtig. Schließlich war es ausgesprochen unhöflich, eine Frau daran zu erinnern, dass sie einmal nicht perfekt und wunderschön ausgesehen hatte.
„Ich habe mich gründlich ausgeschlafen und zur Abwechslung mal wieder vernünftig gegessen“, antwortete sie schlicht.
„Ich hoffe, Sie haben meinen Besuch nicht als zu aufdringlich empfunden, Miss Tyler. Wenn es nicht um unseren Klienten ginge, den bestmöglich zu vertreten wir uns verpflichtet haben, so hätte ich Sie gewiss nicht belästigt nur zwei Wochen nach ...“ Er räusperte sich verlegen.
„Schon okay, Mr. Goldstein. Ich bin hier, weil ich hoffe, dass mich die Arbeit eine Weile ablenkt. Vorübergehend zumindest.“ Schließlich konnte sie ihm ja nicht sagen, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sie mit dem entsetzlichen Schmerz über Scotts Verlust umgehen sollte, den sie empfand. Eine Dreißigjährige hatte das zu wissen – sofern sie ein Mensch war ...
Wenig später saß Sam mit Goldstein in einem Konferenzraum, wurde mit Kaffee verköstigt und studierte die Akte „Gordon Kingsley“, die er ihr gereicht hatte.
„Wie Sie aus dem Protokoll erkennen können, ist die Sachlage eindeutig und spricht definitiv gegen unseren Klienten. Er hat sich mit Mrs. Nora Halston in seinem Hotelzimmer getroffen, um mit ihr über den Kauf einer antiquarischen Maske zu verhandeln. Die Überwachungsbänder des Hotels zeigen, wie er das Zimmer betritt und eine Stunde später auch Mrs. Halston. Eine gute halbe Stunde später verließ Kingsley das Zimmer wieder, sichtbar desorientiert und in Panik. Danach ist niemand mehr in dem Zimmer gewesen, bis am Morgen das Zimmermädchen kam und das vorfand, was Sie auf den Tatortfotos sehen. Wie es aussieht, hat Mr. Kingsley Mrs. Halston ermordet und ihr“, er schluckte, „ihr Gesicht enthäutet und die Haut über die antike Maske gespannt, die er ihr verkaufen wollte. Wirklich grausam. Aber er beteuert seine Unschuld und behauptet, dass ein Mann ihn niedergeschlagen hätte, der das Verbrechen begangen hat. Doch nach den Überwachungsbändern ist niemand außer Kingsley und Halston in das Zimmer gegangen.“
„Und wie ist Ihre Meinung, Mr. Goldstein?“, wollte Sam wissen.
Jason Goldstein zuckte mit den Schultern. „Ich halte das, ehrlich gesagt, für eine Schutzbehauptung. Andererseits lagen die Dinge damals im Ryker-Fall ähnlich, und es stellte sich am Ende heraus, dass der Klient die Wahrheit gesagt hat und tatsächlich unschuldig war. Entweder haben wir hier einen vergleichbaren Fall, oder Mr. Kingsley hat die Tat verdrängt oder lügt nur ganz schamlos. Welche der drei Möglichkeiten zutrifft, sollen Sie für uns herausfinden. Falls Sie den Auftrag übernehmen wollen.“
Sam nickte. „Das tue ich. Und ich verspreche Ihnen, Mr. Goldstein, falls der große Unbekannte tatsächlich existiert, so finde ich ihn.“
Allerdings sah es nicht so aus, als wäre das der Fall. Die Fingerabdrücke, die die Polizei auf der Maske sichergestellt hatte, stammten ausschließlich von Kingsley und Nora Halston. Falls der ominöse Unbekannte keine Handschuhe getragen hatte, so blieb nur Kingsley als Täter übrig.
Sam blätterte weiter in der Akte und stieß auf ein Foto der Maske. Überrascht kniff sie die Augen zusammen. Sie hatte diese Maske schon einmal gesehen – oder einen Zwilling davon – und zwar im Antiquitätenladen eines gewissen Jacques LeGrand, seines Zeichens ein Voodoo-Zauberer und Bokor des Bizago. Allerdings hatte Sam diese Maske damals vernichtet. Falls es sich bei dieser hier um dieselbe oder eine von ihrer Art handelte, so befand sich jeder Mensch in großer Gefahr, der mit ihr zu tun hatte.
Ein Blick auf den Namen des Ermittlungsbeamten beim Major Case zeigte ihr zu ihrer Erleichterung, dass dieser Fall von Lieutenant Ronan Kerry bearbeitet wurde. Der irischstämmige Polizist war nicht nur ein guter Freund von Sam, sondern kannte sich auch mit Magie aus, sodass sie ihm gegenüber in diesem Punkt vollkommen offen sein konnte. Sie griff zu ihrem Handy und rief ihn an.
„Sam! Wie geht es dir?“, lautete seine überraschte und erfreute Frage, als sie sich meldete. Ronan hatte seit Scotts Tod fast jeden Tag angerufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, sie zum Essen einzuladen und seine Hilfe anzubieten, obwohl sie jedes Mal ablehnte und oft genug sogar wortlos den Hörer auflegte.
„Keine Ahnung“, brummte sie unwirsch und sprach auf Gälisch weiter, da sie nicht wollte, dass Jason Goldstein mitbekam, was sie sagte. „Hör mal, Ron, du bearbeitest den Kingsley-Fall. Die Maske, die bei dem Opfer sichergestellt wurde, ist brandgefährlich! Ich weiß zwar nicht wie, aber sie tötet die Menschen, die mit ihr zu tun haben. Du musst dafür sorgen, dass sie in Sicherheit gebracht wird. Ich werde so schnell es geht Ersatz beschaffen, damit ihr sie als Beweisstück vorweisen könnt. Aber du musst sie augenblicklich aus der Reichweite jedes Menschen entfernen. Wo ist sie jetzt?“
„Im Forensiklabor soweit ich weiß“, antwortete Ronan. „Ich sehe zu, dass ich sie in Sicherheit bringe. Eh, Sam, wo ist sie denn in Sicherheit?“
„Solange sie nicht vernichtet ist – bei mir. Ich hole sie so schnell es geht ab.“ Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern unterbrach die Verbindung.
„Sie haben eine Spur?“, vermutete Goldstein, der kein Wort ihres Gesprächs verstanden hatte.
„Möglicherweise. Ich glaube, dass diese Maske der Schlüssel zu dem Fall ist. Ich habe so eine schon mal gesehen bei einem anderen Fall, den ich bearbeitet habe. Ich glaube, dass sie als Antiquität eine Menge wert ist. Ich treffe mich gleich mit einem Fachmann, der mir vielleicht mehr darüber sagen kann. Falls die Maske echt ist, könnte die Theorie mit dem Unbekannten, der angeblich den Mord begangen hat, durchaus stimmen. Doch das wird sich zeigen.“ Sie blickte Goldstein fragend an. „Kann ich eine Kopie der Akte haben?“
„Natürlich, Miss Tyler. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh wir sind, dass Sie den Auftrag übernommen haben. Wir sind personell momentan reichlich unterbesetzt. Uns fehlen immerhin zwei Anwälte, nachdem wir einen wegen Unregelmäßigkeiten entlassen mussten.“
An deren Aufdeckung Sam maßgeblichen Anteil gehabt hatte, was Goldstein allerdings nicht wusste und auch niemals erfahren würde. Scotts Konkurrent um den Posten des Juniorpartners in der Firma hatte mit der Frau eines Klienten die Ermordung ihres Mannes geplant, was Sam hatte verhindern können. Und obwohl das erst ein paar Wochen her war, kam es Sam vor wie eine Ewigkeit und die Sache selbst als völlig bedeutungslos. Was tat sie eigentlich hier?
„Die Ausschreibungen laufen natürlich auf Hochtouren“, fuhr Jason Goldstein fort, „aber es wird sehr schwer werden, einen wirklich passenden Ersatz zu finden. Abgesehen davon, dass auch für uns niemand Mr. Parker ersetzen kann.“
Sam interessierte sich nicht mehr für die Belange der Menschen, ihre Sorgen oder Nöte und auch nicht ihr Leid. Was sie jetzt wieder für sie tat, tat sie allein, weil sie es Scott schuldig war. Deshalb war es ihr auch vollkommen gleichgültig, ob oder woher Weston, Kruger & Goldstein einen Nachfolger für Scott bekamen. Andererseits hatte sie bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworen, sich nicht an den Menschen für Scotts Tod zu rächen. Auch eine Hilfsverweigerung aufgrund der Gleichgültigkeit, die sie jetzt für den Personalnotstand der Kanzlei – und sämtliche anderen Belange der Menschen – empfand, war genau genommen eine Form von Rache im Sinne des Schwurs.
Sam verfluchte im Geiste Axaryn, den Dämon und Wächter, der sie zu diesem Schwur gedrängt hatte. Sie hasste nichts mehr als zu Dingen gezwungen zu sein, die sie freiwillig nicht tun wollte. Doch genau das war jetzt ihr Los, bis sie sich – vielleicht – irgendwann wieder daran gewöhnt hatte, der aus der Art geschlagene, altruistische Sukkubus zu sein, dem das Wohl der Menschen am Herzen lag. Falls sie diesen Zustand überhaupt je wieder erreichte. Was sie sich, ehrlich gesagt, nicht vorstellen konnte und was sie auch gar nicht wollte. Dennoch blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie nicht die unaussprechlich entsetzlichen Folgen ihres gebrochenen Schwurs ertragen wollte.
Bis sie also irgendwann wieder zu ihrem alten Selbst zurückgefunden hatte – immer vorausgesetzt, dass ihr das überhaupt gelang – musste sie, ob sie wollte oder nicht, ihre Arbeit für die Menschen in vollem Umfang wie gewohnt fortsetzen; wenn auch ohne jede innere Beteiligung. Verflucht seiest du, Axaryn!
„Ich will mich keinesfalls in Ihre Firmenpolitik einmischen, Mr. Goldstein, aber ich habe gehört, dass ein gewisser Anwalt namens Bill Crawford sehr tüchtig sein soll. Er ist – war Scotts Schwager, hat dieselbe Ausbildung und arbeitet gegenwärtig reichlich unterbezahlt aus purem Idealismus für die Gerichtshilfe. Ich habe keine Ahnung, ob er wirklich gut ist und die Voraussetzungen mitbringt, die Sie brauchen, aber vielleicht wollen Sie ihn sich ja mal ansehen. Er ist jedenfalls viel zu bescheiden, um von sich aus auch nur daran zu denken, sich bei Ihnen zu bewerben.“
„Danke für den Tipp, Miss Tyler. Wir werden es in Erwägung ziehen.“ Er blickte Sam aufmerksam an, griff zu einem Notizblock und schrieb etwas darauf. „Dies ist die Adresse und Telefonnummer einer Trauerhilfegruppe. Wenn Sie mal mit jemandem reden wollen, der ganz genau weiß, wie es Ihnen geht ...“ Er hielt Sam den Zettel hin. „Ich gehe manchmal immer noch zu den Treffen, wenn es mir schlecht geht, obwohl der Tod meiner Frau schon acht Jahre zurückliegt.“
Sie steckte den Zettel kommentarlos ein. „Danke, Mr. Goldstein. Ich werde mich dann mal an die Arbeit machen. Darf ich mich als freie Mitarbeiterin Ihrer Kanzlei ausgeben?“
„Jederzeit, Miss Tyler. Und sollte man Ihnen das nicht glauben, sollen die Leute mich anrufen. Wir sind Ihnen wirklich sehr dankbar, dass Sie den Auftrag angenommen haben.“
„Dafür bezahlen Sie mich schließlich mit 500 Dollar am Tag plus Spesen, Mr. Goldstein. Und jeder zusätzliche Bonus ist immer willkommen.“
„Wenn Sie gute Arbeit leisten, sind wir keinesfalls knauserig“, versicherte Goldstein.
Bevor Sam darauf antworten konnte, klingelte ihr Handy.
„Sam!“, Ronan Kerrys Stimme klang aufgeregt. „Die Maske ist weg! Und keiner hat auch nur die leiseste Ahnung, wohin sie verschwunden sein könnte.“
Sam unterdrückte einen Fluch. „Ich bin gleich bei dir, Ron. Und ich sorge für Ersatz, damit keiner bei euch Ärger bekommt. Bis gleich.“

Jacques LeGrand verlor keine Zeit, als er in Cleveland ankam. Er mietete sich in einem Hotel ein, und bereitete sich auf seine Mission vor. Mit Hilfe von Baba Jagas Spiegel fand er die Maske, die offensichtlich in einem Labor lag und darauf wartete, untersucht zu werden. Sie war ihm nahe genug, dass er sie mit einem machtvollen Zauber zu sich holen konnte.
Wieder einmal musste er dem verhassten Körper dankbar sein, in dem er steckte, denn diese Fähigkeit, Gegenstände von weit her zu sich zu holen, ohne sie selbst berühren zu müssen, hatte er in seinem alten Körper nicht besessen. Dennoch war es eine überaus anstrengende Prozedur, die ihn viel Kraft kostete. Nun, diese Kraft würde er mit Hilfe der Maske wieder ersetzen.
Wenig später lag das kostbare Stück vor ihm, und er konnte den Hunger in ihr spüren, der nach Blut und Seelen lechzte. LeGrand betrachtete die Maske beinahe liebevoll und strich mit den Fingern sanft darüber. Solange sie weder mit Blut benetzt wurde oder jemand sie aufzusetzen wagte, war sie zwar nicht unbedingt harmlos, aber doch relativ ungefährlich. Und LeGrand gedachte nicht, sie mit seinem Blut oder gar seiner Seele zu füttern.
Sie trug das Gesicht ihres letzten Opfers, einer hellhäutigen Frau. Und LeGrand konnte es kaum abwarten, bis sie das Gesicht von Sam Tyler trug. Sobald es soweit war, würde er den Anblick ihrer toten Züge eine Weile genießen, ehe er die Maske erneut verwendete, um weitere Seelen für Guede Nimbo zu sammeln.
Doch zunächst brauchte er einen Plan, wie er an die Dämonin herankommen wollte und wie er ihr die Maske aufs Gesicht drücken konnte, ohne dass sie sich dagegen zu wehren vermochte oder ihn gar vorher töten konnte.
Er legte die Maske zur Seite und entnahm seinem Koffer ein Grimoire, das an die dreihundert Jahre alt sein musste. Es war in Russisch geschrieben, doch auch diese Sprache gehörte zu Borzovs Erinnerungen, die auf LeGrand übergegangen waren. Und irgendwo in diesem Buch würde er, wie er ebenfalls aus Borzovs Erinnerung wusste, einen Zauberspruch finden, mit dem man die Kräfte von Dämonen für ein paar Sekunden blockieren konnte. Und diese paar Sekunden würden ihm vollauf genügen.

„Du siehst schon viel besser aus, Sam“, fand Ronan Kerry, als er die Dämonin eine halbe Stunde nach seinem Telefonat mit ihr in seinem Büro begrüßte. „Wie fühlst du dich?“
„Mordlüstern“, gab sie ungeschminkt zu. „Aber keine Sorge, ich werde mich beherrschen.“
Ronan konnte nicht verhindern, dass er sich höchst unbehaglich fühlte. Immerhin kannte er Sam seit elf Jahren und wusste, wozu sie fähig war. Doch in so einem Zustand hatte er sie noch nie erlebt.
„Falls du sauer bist, dass ich dich Kingsleys Anwalt empfohlen habe, bin ich wohl die falsche Adresse für deinen Unmut, denn du hättest den Auftrag schließlich nicht annehmen müssen.“
Sie warf ihm einen finsteren und überaus abweisenden Blick zu. „Doch, musste ich“, knurrte sie unwirsch, „denn ich habe leider keine Wahl, als meine Arbeit wie gewohnt fortzuführen, ob ich will oder nicht. Und ich will nicht!“, fügte sie vehement hinzu. „Im Moment hätte ich absolut nichts dagegen, wenn die gesamte Menschheit nicht mehr existierte.“
Ronan spürte nur allzu deutlich die Finsternis in ihr, die versuchte, das bisschen Licht, das noch in ihr war, zu ersticken. Als er erfahren hatte, dass Sam von dem Geist einer Menschenfrau die Fähigkeit geschenkt bekommen hatte, lieben zu können wie ein Mensch, hatte er sich für sie und für Scott Parker gefreut. Jetzt begann er zu begreifen, dass eine Dämonin tatsächlich für solche Gefühle nicht geschaffen war, denn Sam war offensichtlich vollkommen unfähig, mit der Kehrseite eben dieser Gefühle umgehen zu können. Und das machte sie überaus gefährlich.
„Gilt das auch für mich?“, fragte er dennoch ruhig. „Und für Sarah? Und meine kleine Siobhan(3)? Für John Whispering Wind? Dr. Connlin?“ Er zählte noch ein paar weitere Menschen auf, von denen er wusste, dass sie ihre Freunde waren. „Sam, du bist zu ... zu klug und intelligent, um uns Menschen in Sippenhaft zu nehmen für etwas, das durch einige Wenige verursacht wurde.“
Sie warf ihm einen weiteren finsteren Blick zu und sagte schlicht: „Ja.“ Was in diesem Zusammenhang alles Mögliche bedeuten konnte. „Was ist mit der Maske?“
Ronan seufzte lautlos und reichte ihr den Bericht der Forensiker. „Die Maske besteht aus mehreren Schichten von Leder, das ausnahmslos von Menschen stammt. Die Meisten sind mehrere Jahrhunderte alt, aber die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, was die tieferen Schichten betrifft. Die oberste Haut stammt jedenfalls zweifelsfrei von Nora Halston. Und ich glaube, ich muss dir nicht sagen, dass das ganze Ding nach Blutmagie stinkt. Ich habe, als ich sie sah, einen Schutzzauber darüber gelegt, damit sie keinen weiteren Schaden anrichtet, aber ich fürchte, der reicht nicht aus, denn meine magischen Kräfte sind bekanntlich recht gering.“
Obwohl er sie bestmöglich einzusetzen verstand, waren diese Kräfte tatsächlich nicht allzu stark, wenn auch nicht annähernd so schwach, wie er sie gerade dargestellt hatte. Allerdings besaß er als Sohn einer Dryade, einer Baumnymphe, ohnehin nur die Hälfte der Magie, über die seine Mutter verfügt hatte.
„Da ist noch ein anderes Problem. Der Vorbesitzer der Maske wurde ebenfalls mit einem enthäuteten Gesicht gefunden. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass Kingsley auch für diese Tat verantwortlich ist. Die Theorie lautet, dass er die Maske wohl unbedingt haben wollte und da der Vorbesitzer die nicht verkaufte, diesen ermordete, um sie über die Versteigerung seines Nachlasses erweben zu können. Dass Kingsley die Maske danach an Nora Halston verkaufen wollte, glaubt ihm der Staatsanwalt nicht. Allerdings konnte Kingsley bisher nicht mit dem Vorbesitzer in Verbindung gebracht werden. Es gibt keine Telefonate oder Briefe, die die beiden ausgetauscht haben, Kingsleys Fingerabdrücke finden sich an keiner einzigen Stelle im Haus des Opfers, und niemand hat sie je zusammen gesehen.“
„Hm“, meinte Sam unbestimmt und studierte weiter den Bericht der Forensiker. Demnach war Nora Halston an Herzversagen gestorben infolge der Enthäutung ihres Gesichts bei lebendigem Leib.
„Kommst du heute Abend zu uns zum Essen, Sam?“, fragte Ronan aus diesem Gedanken heraus. „Siobhan hat Geburtstag und ist heute zwei Jahre alt. Sarah macht ihren berühmten Schmorbraten zur Feier des Tages. Und ich wollte dich bitten, ihren Baum zu schützen.“ Er nickte, als er Sams fragenden Blick sah. „Siobhan besitzt die Magie der Dryaden, und in unserem Garten ist ein Schössling gewachsen, der eindeutig ihr Lebens- und Seelenbaum ist. Ich habe ihn mit allen mir bekannten Schutzzaubern versehen, aber ich verfüge natürlich nicht über deine Macht, Sam. Ich möchte jedenfalls nicht, dass meine Kleine stirbt, weil ihr Baum beschädigt wird.“
Dryaden besaßen einen Lebensbaum, mit dessen Leben ihr eigenes symbiotisch untrennbar verknüpft war. Starb der Baum, so starb auch die Dryade und umgekehrt. Ronans Mutter hatte dieses Schicksal ereilt, als ein Blitz ihren Lebensbaum verbrannt hatte. Ein solches Schicksal wollte er seiner Tochter natürlich ersparen.
Sam verspürte allerdings nicht die geringste Lust, inmitten menschlicher Fröhlichkeit zu sein und vor allem nicht, die Liebe miterleben zu müssen, die Ronan und Sarah für alle sichtbar füreinander fühlten. Siobhans Lebensbaum konnte sie auch zu einem anderen Zeitpunkt schützen. Andererseits mochte ihr so eine Party tatsächlich helfen, mit ihrem Schmerz und Scotts Tod umzugehen. Einen Versuch war es wert.
„Okay.“
„Wie bitte?“ Ronan hielt sich eine Hand ans Ohr und wandte es Sam zu. „Habe ich da tatsächlich ein ‚Okay’ gehört?“
„Ja, hast du“, bestätigte Sam.
Er griff zum Telefon und rief seine Frau an. „Sarah, plane für die Party heute Abend einen Person mehr ein. Sam kommt auch. Und reserviere ihr ein besonders großes Stück von deinem Braten. Sie sieht ein bisschen mager aus.“
Sam hörte durch den Hörer Sarahs scharfe Zurechtweisung, dass man so etwas einer Frau niemals ins Gesicht sagen durfte und musste unwillkürlich schmunzeln. Sarah wusste zwar, dass Ronan der Sohn einer Dryade und somit nur zur Hälfte ein Mensch war und dass es noch andere nichtmenschliche Wesen gab, die aber in Menschengestalt unter Menschen lebten. Sie wusste auch, dass Sam eins von denen war. Aber sie kannte ihre wahre Natur nicht und wollte davon auch nichts wissen. Deshalb behandelte sie Sam wie jede normale Menschenfrau und scherte sich nicht darum, dass Ronans Bemerkung die Dämonin in keiner Weise verletzte oder gar beleidigte.
Ronan beendete das Gespräch und blickte Sam an. „Wenn ich irgendwas für dich tun kann, Sam – außer dich auf die einzige Weise zu füttern, die dich wirklich satt macht –, dann erwarte ich, dass du es mich wissen lässt. Sonst werde ich verdammt sauer.“
„Ja, kannst du. Arrangiere, dass ich Kingsley unter vier Augen sprechen kann. Oder unter sechs, denn gegen deine Anwesenheit habe ich nichts.“
„Mache ich“, versprach Ronan. „Aber du weißt, dass ich das nicht gemeint hatte.“
„Weiß ich.“ Sie warf die Arme in die Luft. „Ist es die unter Menschen übliche Vorgehensweise, trauernde Hinterbliebene mit solchen Angeboten zu belästigen?“
„Wenn du das als Belästigung empfindest, so werde ich es nie wieder tun“, versprach Ronan ernst. „Aber ja, das ist die übliche Vorgehensweise. Man nennt sie ‚Mitgefühl’. Und bis vor Kurzem hattest du davon auch so einiges in dir.“
Sam gab ein gereiztes Knurren von sich, und Ronan hielt es für geraten, das Thema fallenzulassen. „Zeig mir den Weg in euer Labor, wo die Maske war. Hat jemand den Verlust schon bemerkt?“
„Noch nicht. Man glaubt, dass sie im Asservatenlabor im Tresor liegt, und ich habe alle in dem Glauben gelassen. Aber du weißt, dass ich dich nicht dorthin mitnehmen darf.“
„Ach nein?“ Im nächsten Moment war Sam verschwunden. Zumindest für menschliche Augen. Ronan spürte immer noch deutlich ihre Anwesenheit. „Du brauchst nur hinzugehen, und ich werde an deiner Seite sein“, sagte ihre Stimme aus dem Nichts heraus. „Verlieren wir keine Zeit.“
Ronan stand auf, und Sam folgte ihm. Wenig später befanden sie sich im Labor, wo Ronan sie zu dem Raum führte, in dem in einem speziellen Safe die Maske aufbewahrt worden war. Der Safe war leer. Doch nur wenige Sekunden später lag die Maske wieder darin. Zumindest war es eine Maske, die dem Original täuschend ähnlich sah, und Ronan staunte wieder einmal über die Macht, über die Sam verfügte.
„Kannst du rausfinden, wohin sie verschwunden ist?“, fragte er leise, während er sich den Anschein gab, die Maske zu untersuchen, um die anwesenden „Laborratten“ – wie die Forensiker genannt wurden – nicht misstrauisch zu machen.
„Dumme Frage!“, konterte Sam ebenso leise. „Selbstverständlich! Aber jetzt muss ich Kingsley sprechen und anschließend den Tatort sehen.“
Ronan verspürte nicht die geringste Lust, länger als unbedingt nötig in Sams Nähe zu sein, solange sie in dieser destruktiven Stimmung war und bereute schon, sie eingeladen zu haben. Aber natürlich konnte und würde er sie nicht wieder ausladen. Jede Tat, die sie für die Mächte des Lichts ausführte, würde ihr – hoffentlich – helfen, zu ihrem alten, durchaus liebenswerten Selbst zurückzufinden. Auch wenn es nur etwas so Geringes war, wie einen Dryadenbaum mit einem Schutzzauber zu versehen.
Er beendete seine „Untersuchung“ der Maske und fuhr anschließend mit Sam ins Gefängnis.

Das Leben hatte es nicht gut gemeint mit Joshua Clancy. Aufgewachsen in einem ärmlichen Viertel am Hafen von Cleveland als Sohn eines Säufers und einer Hure, war sein Lebensweg vorgezeichnet. Mit vierzehn hatte er die Schule geschmissen und auf der Straße gelebt, wo er – bis auf recht häufige Aufenthalte im Knast – geblieben war. Sein Versuch einer Ehe war ebenso gescheitert wie jeder Resozialisierungsversuch seines Bewährungshelfers. Nachdem er auch seinen letzten Job wegen permanenter Unpünktlichkeit – bedingt durch allzu exzessives Saufen – verloren hatte und von seinem Vermieter auf die Straße gesetzt worden war, weil die Miete für „Alk“ draufgegangen war, saß er jetzt wieder auf der Straße.
Längst schon war sein Körper nicht mehr in der Lage, einer Arbeit nachzugehen, und gäbe es nicht die kostenlose medizinische Betreuung für Menschen wie ihn, er wäre schon längst tot – was er begrüßt hätte, denn er ertrug dieses Elend nicht mehr. Zum Selbstmord fehlte ihm allerdings der Mut. So lebte er in den Tag hinein, durchwühlte Mülltonnen nach Essbarem und Brauchbarem und bettelte in den Einkaufsstraßen Passanten an, bis ihn die Cops mal wieder verscheuchten und wartete darauf, endlich von diesem Elend erlöst zu werden.
Joshua Clancy zuckte zusammen, als plötzlich ein Mann lautlos neben ihm auftauchte, als er gerade in einer abgelegenen Seitenstraße die Mülltonne eines Restaurants durchwühlte. Im ersten Moment glaubte er, der Mann wäre ein Angestellter des Restaurants und wollte ihn vertreiben, doch dazu war er zu gut angezogen. Seine Kleidung war vermutlich maßgeschneidert, denn Clancy konnte sich nicht vorstellen, dass ein Anzug von der Stange diesem Fettsack so gut passen würde. Dass der Mann ihn anlächelte, nahm ihm etwas von seiner Angst und ließ ihn kühn werden. Er streckte die Hand aus und versuchte zu lächeln, doch es wurde nur eine abstoßende Grimasse daraus.
„Ham Se ’n Dollar für mich, Mister? Hab’ seit zwei Tagen nichts gegessen.“
Das war zwar eine Lüge, doch sie bewirkte meistens, dass Clancy nicht nur einen Dollar erhielt, sondern ein paar mehr. Falls der oder die Angebettelte in der Laune war, ihm überhaupt etwas zu geben. Der dicke Mann mit dem fast weißen Haar und den auffallend hellen Augen lächelte wohlwollend. Er zog eine Fünfzig-Dollar-Note aus der Tasche und hielt sie Clancy hin.
„Die gehört Ihnen, wenn Sie für mich diese Maske aufsetzen“, sagte er und hielt Clancy eine Ledermaske hin, die mit einem breiten Goldrand versehen war. „Ich möchte Sie damit fotografieren“, fügte er erklärend hinzu.
Clancy hatte nicht vor, dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen. Offenbar war der Mann ein exzentrischer Tourist oder ein Künstler oder was auch immer. Für fünfzig Eier würde Clancy sogar für ihn Polka tanzen und Männchen machen. Er nickte grinsend und streckte die Hand nach dem Geld aus. Doch der Mann zog sie zurück.
„Erst das Foto, dann das Geld“, verlangte er.
Clancy zuckte mit den Schultern und gehorchte. Er nahm die Maske und setzte sie sich ungeschickt auf. Er hatte die Bewegung noch nicht vollendet, als er fühlte, wie die Maske sich an seinem Gesicht festsaugte, als hätte sie ein Eigenleben. Im nächsten Moment durchzuckte ihn ein scharfer Schmerz, als wenn sich tausend Nadeln in sein Gesicht bohrten. Er brüllte auf und versuchte, sich die Maske vom Gesicht zu reißen, aber das Ding klebte an ihm wie Pech. Schlimmer noch: Die Maske fraß sein Gesicht, zog ihm mit quälender Langsamkeit die Haut bei lebendigem Leib ab und verschlang sie.
Clancy vernahm nicht den beschwörenden Gesang, den der Dicke anstimmte, er fühlte nur das Feuer, das wahnsinnig schmerzhaft auf seinem Gesicht brannte. Doch die Maske gab sich nicht damit zufrieden, sein Gesicht zu enthäuten. Clancy fühlte mit einem panischen Entsetzen, dass sie außerdem alles aus ihm heraussaugte, was ihn als Mensch ausmachte: seine Seele! Und er begriff, dass er sterben würde.
Mit einem Mal war seine Todessehnsucht wie weggeblasen und erschien ihm das Leben köstlich und wunderbar wie nie zuvor. Er wollte es behalten, er wollte leben, und falls Gott ihn am Leben ließ, so würde er dieses gottgeschenkte Leben ändern und ein guter Mensch werden, trocken werden, sogar arbeiten, wenn nur ...
Aber Gott erhörte ihn nicht, und so trank Guede Nimbo Clancys Seele, während sein Blut die Macht des Bokor Jacques LeGrand stärkte. Wenig später lag Clancys Leiche mit dem völlig enthäuteten Gesicht neben der Mülltonne, die er kurz zuvor noch durchwühlt hatte.
LeGrand lächelte zufrieden, nahm die Maske wieder an sich, die jetzt das bärtige Gesicht des Penners trug und steckte sie in die unscheinbare Aktentasche, die er bei sich trug. Mit raschen Schritten entfernte er sich aus der menschenleeren Gasse und suchte sich sein nächstes Opfer. Obdachlose, die niemand vermisste und deren Tod aufzuklären die Polizei sich nicht allzu viel Mühe geben würde, gab es in dieser Gegend genug. Und der Maske – und Guede Nimbo – war es egal, wessen Seele und Blut sie tranken.
LeGrand fühlte, wie die Kraft des Blutes ihn stärkte und rechnete sich aus, dass er noch ungefähr zwanzig Opfer brauchen würde, ehe er stark genug wäre, um der Dämonin Sam Tyler gegenüberzutreten – nachdem er ihr mit dem Zauber aus Sergej Borzovs Grimoire sie vorübergehend ihrer Kräfte beraubt hatte ...

Gordon Kingsley war ein Nervenbündel und ein Häufchen Elend, als Sam und Ronan ihm in der Verhörzelle gegenüber saßen. Sam stellte sich als Mitarbeiterin von Weston, Kruger & Goldstein vor.
„Man hat mir die Aufgabe übertragen herauszufinden, ob Ihre hanebüchene Geschichte mit dem Unbekannten, der Sie angeblich niedergeschlagen hat, stimmt. Also, Mr. Kingsley, erzählen Sie mir, was passiert ist.“
Kingsley warf einen misstrauischen Blick auf Ronan, der ihm beruhigend zulächelte. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, Mr. Kingsley“, versicherte er. „Ich bin nämlich davon überzeugt, dass Sie Mrs. Halston nicht ermordet haben.“
Ronan verstärkte seine Worte mit ein bisschen Magie, die Kingsley dazu veranlasse, ihm zu vertrauen, und der Afroamerikaner wiederholte, was er Ronan bereits bei seiner ersten Vernehmung erzählt hatte. Schon als er zu dem Punkt kam zu erklären, dass er in dem Hotelzimmer einen kurzen Abstecher ins Bad gemacht hatte und bei seiner Rückkehr ins Zimmer niedergeschlagen worden sei, wusste Sam, dass er log.
Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass nicht nur Kingsley erschrocken zusammenzuckte. „Hören Sie auf, mich zu verarschen, Kingsley!“, schnauzte sie ihn an. „Was Sie mir da erzählen, ist Bullshit! Ich will die Wahrheit wissen, verdammt noch mal!“
Sie beugte sich vor und funkelte Kingsley bösartig an. Am liebsten hätte sie ihn an der Kehle gepackt, genüsslich zugedrückt, bis er sich nicht mehr rührte und seinen Todeskampf und seine Furcht genossen. Doch ihr Eid hinderte sie daran. Verflucht seiest du, Axaryn!
Ronan, der deutlich spürte, was in ihr vorging, legte ihr begütigend die Hand auf den Arm. Sie schüttelte sie unwirsch ab. Immerhin hatte ihre Wut die gewünschte Wirkung. Kingsley fuhr zurück und machte ein schuldbewusstes Gesicht.
„Die Wahrheit werden Sie mir nicht glauben“, war er überzeugt.
„Sie ahnen gar nicht, was ich alles glaube!“, zischte Sam ihn an. „Reden Sie!“
Kingsley warf noch einen unsicheren Blick von ihr zu Ronan, der ermutigend nickte und begann zu reden. „Es war die Maske! Die Maske hat sie getötet! Und es war einfach entsetzlich!“ Stockend berichtete er, was vorgefallen war und wurde zunehmend sicherer, als er merkte, dass weder Sam noch Ronan Anzeichen von Unglauben oder gar Hohn zeigten.
„Íosa Críost!(4) “, entfuhr es Ronan, als Kingsley geendet hatte.
„Amen“, fügte Sam ironisch hinzu.
Kingsley sah von einer zum anderen. „Sie glauben mir?“, vergewisserte er sich ungläubig.
„Allerdings“, bestätigte Sam und zitierte Shakespeares Hamlet: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“ Sie blickte Ronan an und sprach auf Gälisch weiter. „Die Frage ist nur, wie wir die Sache so drehen können, dass wir seine Unschuld beweisen, ohne aller Welt ins Gesicht zu brüllen, dass es Magie gibt.“ Sie blickte Kingsley ungnädig an. „Sie haben in der Tat ein Problem, Mr. Kingsley, denn die Wahrheit wird Ihnen kein Gericht der Welt glauben.“
Er nickte unglücklich. „Das ist mir bewusst, Miss Tyler. Deshalb habe ich der Polizei und meinem Anwalt von dem Unbekannten erzählt, der mich niedergeschlagen hätte. Was Besseres ist mir spontan nicht eingefallen.“
„Das wäre kein Problem, Mr. Kingsley, wenn das gesamte Hotel nicht videoüberwacht wäre und dadurch hieb- und stichfest bewiesen werden könnte, dass Sie und Mrs. Halston die einzigen Menschen waren, die im fraglichen Zeitraum das Zimmer betreten haben. Wieso haben Sie überhaupt ein Hotelzimmer gemietet? Sie wohnen doch hier in Cleveland.“
„Ja, aber ich ... ich hatte das Gefühl, dass Mrs. Halston auf keinen Fall in meine Wohnung kommen sollte. Ich kann es rational nicht erklären. Ich ... ich wollte die Maske einfach so schnell wie möglich aus dem Haus haben, nachdem sie meine Katze ...“ Er schlug die Hände vors Gesicht. „Ich dachte, an diesem Ohrschmuck, an dem ich mich gestochen hatte, wäre ein Gift, ein Halluzinogen, das mir das alles vorgegaukelt hat. Aber die Frau war wirklich tot, sonst säße ich ja wohl nicht hier im Gefängnis.“ Er nahm die Hände vom Gesicht und blickte von Ronan zu Sam und wieder zurück. „Aber das kann doch gar nicht sein“, versuchte er sich zu überzeugen. „Wie könnte denn so etwas möglich sein, dass eine Maske ...“
„Sie haben ja gar keine Ahnung, was alles möglich ist“, knurrte Sam unwirsch und wandte sich wieder auf Gälisch an Ronan. „Was machen wir mit ihm? Wir können sein Gedächtnis nicht einfach löschen. Zumindest nicht, bevor der Fall abgeschlossen ist.“
Ronan schüttelte den Kopf. „Die einzige Alternative wäre ihn einzuweihen, aber das halte ich für keine gute Idee.“ Er zuckte mit den Schultern. „Doch darüber können wir uns noch Gedanken machen, wenn wir ihn entlastet haben.“ Er dachte einen Moment nach. „Könntest du nicht die Aufzeichnung magisch manipulieren, Sam, dass auf denen tatsächlich ein Unbekannter zu sehen ist, der nach ihm und Mrs. Halston das Zimmer betritt?“
„Grundsätzlich schon, aber es haben bereits zu viele Menschen das Video gesehen. Die alle mit einem Vergessenszauber zu belegen, ist zu riskant. Du kennst die Nebenwirkungen solcher Zauber.“ Die da waren, dass sie, da das menschliche Gehirn ein sehr komplexer Organismus war, oft auch Erinnerungen löschte, die gar nicht berührt werden sollten. Das konnte umso fatalere Folgen haben, je umfangreicher die zu löschende beziehungsweise zu manipulierende Erinnerung war.
Kingsley sah von einem zum anderen. „Worüber reden Sie beide? Was ist hier eigentlich los? Und vor allem: Habe ich überhaupt eine Chance, meine Unschuld zu beweisen?“
„Wir tun unser Möglichstes“, versicherte ihm Ronan und blickte Sam an. „Wenn es jemand schafft, dann ist es Sam.“
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. Das grenzenlose Vertrauen, das aus seiner Stimme sprach und in seinem Blick lag, verursachte ihr profundes Unbehagen.
„Und was hier los ist“, fuhr er an Kingsley gewandt fort, „das wollen Sie gar nicht wissen. Glauben Sie mir, Mr. Kingsley, das wollen Sie wirklich nicht wissen.“ Er verstärkte das mit einem bisschen von seiner eigenen Magie, mit der er den Geist der Menschen beeinflussen konnte, und Kingsley schwieg gehorsam.
Gleich darauf verließen Sam und Ronan das Gefängnis wieder, und der Ire brachte sie zum Tatort, wo Sam ihre Gabe der Retrospektion benutzte, um zu sehen, was sich in dem Zimmer wirklich abgespielt hatte. Kingsley hatte bei seiner zweiten Version die Wahrheit gesagt. Die Maske hatte tatsächlich ein Eigenleben entwickelt und Nora Halston getötet, worauf Kingsley in Panik geflüchtet war. Das Problem war und blieb allerdings immer noch zu beweisen, dass er die Tat selbst nicht begangen hatte.
Doch zunächst musste die Maske unschädlich gemacht werden, damit derjenige, der sie jetzt besaß, nicht noch mehr Unheil mit ihr anrichtete. Sam initiierte einen Bringzauber, um sie durch die Dimensionen zu sich zu holen und erlebte zu ihrer absoluten Verblüffung, dass der Zauber zum ersten Mal versagte. Normalerweise konnte man mit einem Bringzauber jeden Gegenstand zu sich holen, den man kannte oder von dem man zumindest wusste, wie er aussah; sofern der sich innerhalb der Reichweite des Zaubers befand. Oder falls es sich um keinen spezifischen Gegenstand handelte, sondern nur um einen allgemeinen Wunsch, jetzt zum Beispiel irgendeine Kaffeetasse zu haben, so brachte der Zauber die Tasse, die der Person, die den Zauber wirkte, am nächsten war.
Da Sam wusste, wie die Maske aussah, hätte sie die, da sie den Zauber auf die größtmögliche Reichweite ausgedehnt hatte – die nahezu den gesamten Erdball umfasste –, augenblicklich in den Händen halten müssen. Dass dem nicht so war, konnte nur bedeuten, dass der Besitzer der Maske sie mit einem Zauber geschützt hatte, was die Sache verkomplizierte.
„Ich kann die Maske auf herkömmlichem Weg nicht finden“, teilte sie Ronan mit. „Dazu brauche ich ein bisschen Ruhe.“ Außerdem bekam sie langsam Hunger und brauchte bald wieder Nahrung.
„Vergiss nicht, dass du versprochen hast, heute Abend zu Siobhans Geburtstagsparty zu kommen“, erinnerte er sie. „Sechs Uhr. Pünktlich!“
Sie schnitt ihm eine Grimasse und verschwand mit einem Sprung durch die Dimensionen nach Hause zurück. Allerdings empfand sie einen regelrechten Widerwillen gegen das Haus 198 Cresthaven Drive, hinter dessen Terrasse nur dreißig Meter entfernt der Eriesee lag. Sie fühlte sich unglaublich allein – ein Gefühl, dass sie früher nie gekannt hatte. Sie war geneigt, ihrem Vater recht zu geben, der sie immer davor gewarnt hatte, sich zu sehr mit Menschen einzulassen und erst recht nicht mit einem zusammenzuziehen. Die Quittung dafür bekam sie jetzt. In den fast vier Jahren, die sie mit Scott gelebt hatte, hatte sie sich so sehr an seine Anwesenheit gewöhnt, an das Gefühl, dass er da war, selbst wenn er sich nicht gerade im Haus aufhielt oder sie ihn wegen ihrer Arbeit ein paar Tage nicht sehen konnte, dass sie jetzt eine unbeschreibliche – und sehr schmerzhafte – Leere verspürte.
Gleichzeitig meldete sich jetzt der Hunger nachdrücklich, obwohl sie erst gestern wahrhaft gehaltvoll gespeist hatte. Es widerstrebte ihr allerdings, jetzt schon wieder die Dienste von Nyros in Anspruch zu nehmen. Sie wusste, dass sie ihn gestern sehr erschöpft hatte, da sie fast zwei Wochen lang komplett gefastet hatte. Und auch ein Satyr verfügte trotz der sprichwörtlichen und extrem ausdauernden Virilität, die seine Art besaß, nicht über unerschöpfliche Reserven, mit denen er einen ausgehungerten Sukkubus mehrmals hintereinander zu füttern vermochte, ohne selbst dadurch Schaden zu nehmen.
Allerdings gab es da noch eine andere Quelle, die Sam anzapfen konnte: Axaryn. Der Dämon war dafür verantwortlich, dass sie gezwungen war, den Menschen weiterhin zu helfen. Da war es nicht mehr als recht und billig, dass er sie auch dafür fütterte. Außerdem hatte sie zwar geschworen, sich nicht an den Menschen für Scotts Tod zu rächen, aber Axaryn war kein Mensch, und sie empfand eine unbändige Lust, wenigstens ihn zu quälen, nachdem die Menschen für sie tabu waren.
Kurz entschlossen sprang sie durch die Dimensionen nach Denver zum Lotos Institut, in dem die Wächter ihr Hauptquartier hatten.

Das Lotos Institut, das nach außen hin als Lehr- und Forschungsanstalt für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft firmierte, war die Zentrale der „Wächter“, einer Jahrhunderte alten Vereinigung von Menschen – der inzwischen auch andere Wesen angehörten –, die ihr Leben der Aufgabe verschrieben hatten, die Menschheit vor den Mächten des Bösen in all ihren Erscheinungsformen zu beschützen und dafür zu sorgen, dass die magischen Kräfte nicht missbraucht wurden. Sam hatte schon oft mit ihnen zusammengearbeitet, zuletzt bei der Vernichtung Káshnarokks, doch das war im Moment vollkommen unwichtig. Axaryn lebte hier, und sie wusste mit unfehlbarem Instinkt, dass er jetzt dort war.
Sie tauchte unmittelbar vor der Grenze des Institutsgeländes auf. Ein machtvoller Schutzzauber, der das gesamte Grundstück umgab, verhinderte, dass irgendetwas Böses es zu betreten vermochte oder jemand, der nicht durch den Eid der Wächter an ihn gebunden war, ihn mit einem Sprung durch die Dimensionen durchbrechen oder umgehen konnte. Als sie die unsichtbare Barriere durchschritt spürte sie, wie der Schutzschild ihr Widerstand entgegensetzte, sodass sie eine gewisse Körperkraft aufwenden musste, um ihn überhaupt durchschreiten zu können. Das war noch nie zuvor der Fall gewesen.
Die Erklärung für diese Veränderung war natürlich, dass Sam gegenwärtig mehr ihre dunkle Seite verkörperte als die lichte, die sie sonst lebte. Scotts Tod hatte auch das gravierend verändert. Sie wusste, dass der Schild mit einer Art magischer Alarmsirene versehen war, die den Wächtern unverzüglich meldete, wenn jemand ihn durchschritt, der nicht zum Institut gehörte. Deshalb wunderte sie sich nicht über das Empfangskomitee, das in achtköpfiger Besetzung in der Eingangshalle auf sie wartete, angeführt von Lady Sybilla Oliphant, der Gründerin und Chefin der Wächter. Flankiert wurde sie von Axaryn sowie sechs anderen Wächterinnen und Wächtern. Und sie alle blickten Sam überaus misstrauisch entgegen.
„Was verschafft uns die Ehre deines Besuches, Sam?“, fragte die Hexe kühl.
Sam warf die Arme theatralisch in die Luft und Axaryn einen bezeichnenden Blick zu. „Ich habe Hunger.“
„Wir sind keine Snackbar“, erinnerte Lady Sybilla sie kalt und machte eine weit ausholende Handbewegung. „Die Welt ist voll von Menschen und anderen Wesen, von denen du dich ernähren kannst.“
Sam blickte immer noch Axaryn an. „Die sind aber nicht so lecker oder auch nur annähernd so gehaltvoll.“
„Schon gut“, sagte der Dämon, bevor Sybilla noch etwas erwidern konnte und bedeutete Sam mit einer Kopfbewegung ihm zu folgen. Er warf Sybilla und den anderen noch einen intensiven Blick zu. „Und ihr lasst uns in Ruhe. Ganz gleich, was ihr vielleicht aus meinem Zimmer hört.“
Sam ging an den Wächtern vorbei und ignorierte die misstrauischen Blicke, die sie ihr ausnahmslos zuwarfen und stieg die Treppe hinauf zu Axaryns Zimmer.
„Welch unerwarteter Besuch“, meinte der Dämon, nachdem er seine Zimmertür hinter ihnen geschlossen hatte und blickte Sam aufmerksam an. „Bei einer unserer letzten Begegnungen hast du versprochen, mich zu töten. Bist du gekommen, dieses Versprechen jetzt einzulösen?“
„Aber nicht doch!“, wehrte Sam sarkastisch ab. „Wenn du tot bist, kann ich dich nicht mehr quälen.“
Bevor er reagieren konnte, hatte sie ihm und sich mit einem Zauber die Kleidung vom Leib gefegt und stürzte sich auf ihn, während sie gleichzeitig ihre Lockmagie einsetzte, die jeden Mann – und auch jedes männliche Wesen jeder anderen Spezies – unwiderstehlich anzog und ihn zwang, Sam zu begehren und mit ihr zu schlafen, ob er wollte oder nicht. Axaryn bildete da keine Ausnahme. Er vergaß jeden Gedanken an Abwehr, den er vielleicht gehabt haben mochte und riss sie wild zu sich heran. Ihre Finger krallten sich in sein Fleisch und rissen tiefe Wunden hinein. Er stöhnte auf, und Sam genoss seinen Schmerz.
Sie hatte keinesfalls vor, Axaryn umzubringen, obwohl es Momente gegeben hatte, in denen sie nichts lieber getan hätte als das. Doch er war ein Dämon, und so musste sie im Gegensatz zu einem menschlichen Partner keine Rücksicht auf ihn nehmen und konnte so wild und sogar brutal sein, wie sie es mit einem Menschen niemals hätte sein können. Auch nicht mit Nyros. Jetzt dominierte in ihr die archaische Wildheit ihrer Art, obwohl sowohl sie wie auch Axaryn durchaus zärtlich sein konnten, wenn sie wollten. Aber in diesem Moment wollte das keiner von ihnen.
Auch Axaryn fügte Sam unzählige Biss- und Kratzwunden zu und genoss es, endlich einmal wieder mit einer Frau zu schlafen, bei der er seine eigene Wildheit vollkommen ausleben konnte. Nicht nur in diesem Punkt erinnerte ihn Samala an unzählige Momente köstlicher Ekstase, die er mit ihrer Ahnin Menéssia geteilt hatte. Fast fühlte er sich in jene längst vergangene Zeit vor über elftausend Jahren zurückversetzt, und Samala verwandelte sich gefühlsmäßig für ihn in Menéssia, die er nicht nur begehrt, sondern auch in gewisser Weise geliebt hatte, obwohl Dämonenliebe natürlich nichts mit dem menschlichen Äquivalent zu tun hatte.
Menéssia – und nach ihr ihre Tochter Tarynya, die seine Blutsgefährtin gewesen war – und nach ihr Menéssias Nachfahrin Samala, die ihr so unglaublich ähnlich sah und in diesem Moment beinahe wie sie war.
Axaryn kostete die wilde Lust, die hemmungslose Geilheit, zu der ihn Samalas Lockmagie anstachelte, bis zur Neige aus, genoss sogar die Schmerzen, die sie ihm zufügte und ließ erst von ihr ab, als sie beide nach über einer Stunde vollkommen befriedigt und ausgepumpt waren.
Als sie aus dem Rausch, in den sie geraten waren, wieder erwachten, stellten sie fest, dass nahezu kein Gegenstand mehr in Axaryns Zimmer unbeschädigt geblieben war. Sogar das Bett war unter ihnen zusammengebrochen. Der Dämon brachte alles mit einem Zauber wieder in Ordnung, während er neben Sam liegen blieb und seine heftige Atmung langsam wieder unter Kontrolle brachte. Auch Sam lag still und hielt die Augen geschlossen.
„Fühlst du dich jetzt besser?“, wollte Axaryn wissen.
Sie knurrte unwirsch. „Nein!“, fauchte sie und wusste im selben Moment, dass sie Axaryn nicht täuschen konnte. „Ein bisschen schon“, gab sie zu. „Jedenfalls bin ich erst mal satt.“ Sie warf dem Dämon einen missmutigen Blick zu und quetschte mühsam ein „Danke!“ heraus. Sie bemerkte die Verletzungen, die sie ihm zugefügt hatte, und ein Teil von ihr genoss boshaft die Schmerzen, die er immer noch haben musste, obwohl Dämonen generell relativ schmerzunempfindlich waren. Trotzdem setzte sie ihre Heilmagie ein, um seine Wunden zu heilen. Die würden sich zwar in Kürze von selbst schließen – sie hatten de facto schon begonnen zu heilen – aber so ging es natürlich schneller.
„Danke“, sagte Axaryn. „Ich weiß das zu schätzen.“ Obwohl er selbst auch über Heilmagie verfügte und sich unschwer hätte heilen können. Er warf ihr einen forschenden Blick zu. Er hatte erwartet, dass sie unmittelbar nach der Befriedigung ihres Hungers verschwinden würde. Dass sie immer noch blieb, war ungewöhnlich. „Warum bist du wirklich gekommen?“, fragte er aus diesem Gedanken heraus.
Sam zuckte mit den Schultern. „Abgesehen davon, dass ich tatsächlich Hunger hatte, brauche ich deinen Rat“, gestand sie unwirsch und blickte ihn ernst an. „Hast du eine Ahnung, wie ich mit diesem menschlichen Schmerz umgehen soll? Liebeskummer, gebrochenes Herz oder was immer das ist.“
Er schüttelte den Kopf. „Da ich kein Mensch bin, kann ich dir darauf keine Antwort geben. Ich weiß nur, wie wir Dämonen mit derartigen Schmerzen umgehen, wenn wir sie denn empfinden, und das weißt du auch. Je nachdem, zu welcher Art wir gehören, fordern wir ebenbürtige Gegner heraus, um sie zu töten, wenn wir können, oder wir vernichten massenweise niedere Dämonen, die uns nicht gewachsen sind. Oder“, fügte er schmunzelnd hinzu, „wir toben uns mit ebenbürtigen Gegnern auf andere Weise bis zur Erschöpfung aus.“ Er wurde wieder ernst. „Weißt du, Samala, ich lebe schon seit Tausenden von Jahren unter Menschen, aber ich verstehe sie immer noch nicht. Vor allem nicht ihre chaotischen Gefühle.“ Er musterte sie wachsam. „Du bist doch nicht gekommen, damit ich dich füttere und du mich bei der Gelegenheit fertig machen kannst“, stellte er fest. „Weshalb dann?“
„Doch, ich bin auch deswegen hier. Ich ertrage Menschenenergie im Moment nicht.“
Er wartete, dass sie weitersprechen würde, doch sie schwieg. Als der Dämon schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete, sagte sie: „Ich weiß nicht wieso, aber du bist für mich gegenwärtig das, was einem Zuhause am nächsten kommt.“
Sie musste das nicht näher erklären, denn der Bronzedämon verstand sie vollkommen. Sie war eine Dämonin, aber sie fühlte sich schon lange nicht mehr in der Unterwelt heimisch und hier in der Mittelwelt manchmal wie im Exil. Was es ja auch war, obwohl sie und ihre Familie es letztendlich freiwillig gewählt hatten. Sie besaß menschliche Gefühle und lebte unter Menschen, aber sie blieben ihr fremd und würden das wahrscheinlich für immer bleiben. Er, Axaryn der Bronzene, war ein Dämon und damit von ihrer eigenen Art, aber er lebte unter Menschen wie sie. Beide Punkte schufen unabhängig von dem, was sie schon mit einander erlebt hatten, ein Band zwischen ihnen. Vielleicht war das genau das Band, das Samala brauchte, um wieder zu sich selbst zu finden.
„Wenn es dir hilft, kann ich eine Weile bei dir bleiben. Im Moment werde ich hier nicht unbedingt gebraucht.“
Das war ein überaus verlockendes Angebot. Es würde die Leere ihres Hauses vorübergehend füllen und ihr wieder ein gewisses Gefühl von Heimat geben. Allerdings wäre das auf die Dauer keine Lösung. Sie würde damit nur eine Abhängigkeit gegen eine andere eintauschen. Dass sie überhaupt – ohne es vorher zu merken – von Scott dahingehend abhängig gewesen war, dass sie ihn brauchte, um sich wohl zu fühlen, machte sie im Nachhinein noch wütend. Sie hatte nicht vor, denselben Fehler zweimal zu begehen. Sie war ein Sukkubus und kein schwacher Mensch. Auch wenn sie sich in gewisser Weise immer noch schwächer fühlte als ein Mensch.
„Ich komme schon klar“, antwortete sie Axaryn. „Aber danke fürs Angebot. Es hilft mir schon … du hilfst mir schon damit, wenn ich ab und zu kommen kann – darf, um mich zu ernähren.“
„Jederzeit gern, Samala“, versicherte der Dämon und fügte grinsend hinzu: „Schließlich habe ich auch meinen Spaß dabei.“
„Wenn das so ist, kann ich ja gleich noch mal über dich herfallen.“
„War das jetzt eine Drohung oder ein Versprechen?“
„Beides.“ Sie blickte Axaryn ernst an und stellte fest, dass ihre Wut auf ihn verraucht war. Er gab ihren Blick ruhig zurück aus seinen unmenschlichen goldfarbenen Augen. „Ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass du neulich mein Leben gerettet hast“, sagte sie überraschend friedfertig.
„Du würdest im Leben vieler Wesen eine gravierende Lücke hinterlassen, wenn du nicht mehr da wärst, Samala. Auch in meinem.“
„Wie das?“, fragte sie erstaunt. „So oft haben wir uns bisher nun doch nicht gesehen.“ Ihr Blick wurde misstrauisch. „Axaryn, ich kann mich schon eine ganze Weile des Gefühls nicht erwehren, dass ihr Wächter mich auf Biegen und Brechen am liebsten schon ‚vorgestern’ schanghaien wollt. Und ich frage mich natürlich, was ihr eigentlich von mir wollt. Und komm mir jetzt nicht mit den Ausflüchten, dass ich ja sowieso auf eurer Seite stünde. Im Moment“, fügte sie düster hinzu, „weiß ich das nämlich selbst nicht.“
„Du bist ein Teil meiner Vergangenheit, Samala. Deine Ahnin Menéssia hat mir ebenso viel bedeutet wie ihre Tochter Tarynya. Und du siehst beiden unglaublich ähnlich. Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, habe ich eine Art Déjà-vu. Deshalb fühle ich mich zu dir hingezogen. Abgesehen davon“, fügte er grinsend hinzu, „dass ich einem Sukkubus noch nie widerstehen konnte oder auch nur wollte.“
Sam musste gegen ihren Willen lachen, wurde aber sofort wieder ernst. „Und was ist der Grund für den Wächter Axaryn, mich unbedingt auf seiner Seite haben zu wollen?“, beharrte sie auf einer Antwort.
„Das Ritual der Entscheidung steht in absehbarer Zeit bevor. Wenn die Finsternis das Ritual für sich entscheidet, brauchen wir jeden Lichtkrieger, um die Folgen halbwegs einzudämmen. Und wenn das Licht gewinnt, wird Sata mit seinen Schergen alles daran setzen, noch so viel Unheil wie möglich anzurichten, ehe er sich der Herrschaft des Lichts für die nächsten 999 Jahre beugen muss. Gerade du wärst mit all den Kräften, über die du inzwischen verfügst, in dem Fall ein nicht zu unterschätzendes Gegengewicht zu ihm und seinen Machenschaften.“
Er zuckte mit den Schultern. „Vesgyn wollte mit dir darüber reden. Aber er hat sich nicht getraut, ganz offen zu dir zu gehen“, fügte er verächtlich hinzu. „Der Idiot fürchtete, du könntest in ihm einen Feind sehen oder dich anderweitig bedroht fühlen, weil du eine Dämonin bist und er ein Erzpriester von Atlantis. Er wollte sich eine Weile in deiner Nähe aufhalten, damit du dich an ihn gewöhnen kannst. Ich habe ihm gesagt, dass das falsch ist“, fügte er vehement hinzu, „aber dieser verdammte Priester hat ja noch nie auf mich gehört.“
Vesgyn war der letzte noch lebende Erzpriester von Atlantis und ebenfalls ein Teil von Sams Familiengeschichte aus grauer Vorzeit. Unmittelbar vor der Katastrophe mit Káshnarokk war er in Sams Nähe aufgetaucht, hatte sich aber beinahe fluchtartig zurückgezogen, als sie ihn bemerkt und versucht hatte, mit ihm in Kontakt zu treten.
„Soweit ich weiß, ist das Ritual der Entscheidung eine große Sache für alle drei Welten. Aber ich bin nur ein kleiner Sukkubus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so wichtig für euch sein könnte.“
„Nun, es gibt uns zu denken, dass Sata versucht, dich auf seine Seite zu ziehen, bevor das Ritual durchgeführt wird. Und wenn er dich für sich gewinnen will, musst du eine wichtige Rolle spielen, sonst wäre ihm deine Unterstützung nicht so verdammt wichtig.“
Sam schnaufte ungehalten. „Da kann er lange warten!“, zischte sie wütend. „Wenn er damals nicht Káshnarokk unverwundbar, unsterblich und unzerstörbar gemacht hätte, nur um Atlantis zu vernichten, dann wäre Scott noch am Leben! Luzifers Seite ist die Letzte, auf die ich mich jemals schlagen werde!“ Sie stand auf. „Ich muss gehen. Ich bin zum Essen eingeladen.“ Sie zauberte ihre Kleidung wieder an ihren Körper, nickte dem Dämon zu und verschwand.
Axaryn blickte eine Weile auf die Stelle, an der sie gestanden hatte und seufzte schließlich. Samala mochte sich vielleicht nicht auf Satas Seite schlagen – aber sie war die Mutter seiner Tochter, und die stand gegenwärtig voll und ganz auf der Seite ihres Vaters. Axaryn war sich sehr sicher, dass es Satas Plan war, Samala über ihre Tochter dazu zu bringen, letztendlich ihre und damit seine Seite zu wählen.
Axaryn hatte Samala bewusst verschwiegen, was er wirklich wusste, weil er es von einer nahezu allwissenden und vor allem unbestechlichen Prophetin erfahren hatte. Demnach war Tai’Samala, der „kleine“ Sukkubus, ein Angelpunkt in den Ereignissen um das Ritual der Entscheidung. Wenn sie sich für die falsche Seite entschied, konnte es eine Katastrophe geben. Doch im Moment sah es ganz so aus, als stünde Samala bereits mit einem Bein auf eben dieser falschen Seite.
Er erhob sich, zog sich an und suchte Lady Sybilla auf. Dass nicht nur Dr. Bryce Connlin, der Institutspsychiater, sondern auch Vesgyn bei ihr waren und offensichtlich Kriegsrat hielten, wunderte ihn nicht.
„Ist alles in Ordnung, Axaryn?“, erkundigte sich Lady Sybilla besorgt.
„Natürlich“, knurrte der Dämon unwirsch.
„Nun, nach dem, was wir vorhin aus deinem Zimmer gehört haben, wundert es mich, dass du noch lebst“, meinte Vesgyn ironisch.
„Ich bin kein schwacher Mensch, Vesgyn, und auch kein ebenso schwacher Priester von deiner Art. Samala kam zu mir, weil ich ein Teil ihrer Vergangenheit bin und ihr geben kann, was sie braucht. Besser sie tobt sich bei mir aus, als dass sie das mit einem Menschen tut und ihn dabei vielleicht versehentlich umbringt, weil sie im Moment die Finsternis in sich auslebt.“
„Ja, und deshalb solltest du dich vielleicht von ihr fernhalten, Axaryn“, forderte Vesgyn scharf. „Wir wollen, dass sie sich für unsere Seite entscheidet und nicht dadurch, dass sie sich bei dir auf dämonische Weise austoben kann, immer mehr zu ihrer dunklen Seite tendiert.“
„Ach!“, höhnte der Dämon. „Bist du dir sicher, dass das der Grund ist und du mich nicht aus dem Weg haben willst, damit der Weg bei ihr für dich frei ist, Priester?“
„Schluss!“, befahl Lady Sybilla kalt. „Ihr beide seid wie alt?“ Sie blickte Vesgyn an. „Zwölftausend Jahre?“ Sie musterte Axaryn. „Fünfzehntausend? – Aber ihr benehmt euch gerade wie zwei unreife Teenager. Und das hilft uns nicht weiter.“
Die beiden Männer schwiegen und warfen einander missmutige Blicke zu. Axaryn und Vesgyn verband unter anderem eine immer noch nicht bereinigte Rivalität seit den Tagen von Atlantis. Der eine ein Erzpriester der Göttin Ishaltara und der andere ein Dämon, hatten sie ihre Beziehung als erbitterte Feinde begonnen, was keineswegs dadurch besser geworden war, dass beide Tarynya geliebt hatten und sie beiden eine Tochter geboren hatte. Erst als Sata Tarynya umbrachte und die letzten Überlebenden von Atlantis Vesgyn und seine Tochter verstießen, weil sie „mit Dämonen Umgang pflegten“, hatte der nun gemeinsame Feind Sata sie zunächst einen Waffenstillstand schließen lassen, aus dem im Laufe der folgenden Jahrtausende erst Respekt und schließlich eine Art moderater Freundschaft geworden war. In Situationen wie dieser brachen allerdings die alten Ressentiments ab und zu wieder auf.
„Gehen wir die Sache doch einmal anders an“, schlug Bryce Connlin begütigend vor. „Axaryn, wie reagiert eine Dämonin wie Sam darauf, wenn sie sich zu etwas gedrängt fühlt? Ganz besonders in ihrem derzeitigen Gemütszustand.“
Der Hüne tat einen tiefen Atemzug. „Sie tut genau das Gegenteil von dem, wohin man sie zu drängen versucht, egal ob das sinnvoll oder klug ist.“
Connlin nickte. „In dem Fall dürfte unser Vorgehen ja wohl klar sein. Wir lassen Sam in Ruhe und geben ihr Zeit, sich wieder zu fangen. Sobald das geschehen ist, können wir mit ihr reden.“
„Und wenn sie sich dann auf Luzifers Seite geschlagen hat?“, überlegte Sybilla düster.
„Das ist nicht sehr wahrscheinlich“, meinte Axaryn immer noch missmutig. „Sata trägt ursächlich die Schuld daran, dass Káshnarokk ihren Gefährten töten konnte. Das wird sie ihm niemals verzeihen und somit auch niemals auf seiner Seite stehen. Außerdem hätte sie die Schutzschilde des Instituts nicht passieren können, wenn sie unsere Feindin wäre.“
„Völlig richtig“, stimmte Connlin ihm zu und blickte Lady Sybilla an. „Und es ist absolut nicht hilfreich, ihr offen zu misstrauen.“
„Aber sie stand beim Ritual, mit dem wir Káshnarokk gebannt haben, vollkommen auf der Seite der Finsternis“, erinnerte die Hexe ihn. „Und anschließend hat sie nicht nur versucht, Professor MacGregor zu töten, wenn ich euch mal daran erinnern darf.“ (5)
„Zumindest das hat sie überwunden“, war Axaryn überzeugt.
„Tatsächlich?“ Lady Sybilla zog zweifelnd die Augenbrauen hoch.
„Ja, tatsächlich!“, knurrte der Dämon. „Sie hat bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworen, sich niemals an einem Menschen für Scott Parkers Tod zu rächen. Diesen Schwur kann sie nicht brechen.“ Er blickte Vesgyn an. „Behalten wir sie im Auge, aber lassen wir sie in Ruhe. Und ich stimme Bryce darin zu, dass es unserer Sache nicht dienlich ist, ihr offen zu misstrauen. Sie braucht ...“ Er unterbrach sich und zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, was sie gegenwärtig braucht“, gestand er mit grimmigem Missmut. „Ich weiß nur, was sie definitiv nicht braucht: euer Misstrauen. Ich habe sie eingeladen, so oft zu mir zu kommen, wie sie will.“ Axaryn registrierte mit einer gewissen Befriedigung, dass Vesgyn bei dieser Eröffnung finster die Stirn runzelte. „Und es wäre überaus hilfreich, wenn sie sich nicht bei jedem Besuch fühlen müsste wie eine Persona non grata und von eurem Abfangjägerkomitee empfangen wird. Ansonsten können wir nur abwarten.“
Ohne ein weiteres Wort verschwand er.
Vesgyn stieß einen langen Seufzer aus. „So ungern ich das auch zugebe, aber Axaryn hat recht. Unser Verhalten Samala gegenüber wird möglicherweise den Ausschlag geben, für welche Seite sie sich entscheidet. Sata hat uns gegenüber einen sehr gewichtigen Trumpf in der Hand: Seine und Samalas Tochter.“
„Ich verstehe, was du meinst“, sagte Connlin langsam. „Sam hat im Moment hier in dieser Welt keinen Halt mehr bis auf ihre Familie. Aber soweit ich weiß, sind die Familienbande von Sukkubi und Inkubi emotional nicht besonders stark. Also ist ihre Tochter wohl der Pol, dem sie sich zuwenden wird und damit der Unterwelt, falls sie hier keinen Halt mehr findet. Demnach wäre es nur gut, wenn Axaryn ihr diesen Halt geben kann.“ Er blickte Lady Sybilla an. „Wir haben doch schon oft versucht, Sam dazu zu überreden, sich uns anzuschließen, weil wir sie als Wächterin in unseren Reihen haben wollen. Ich denke, wir sollten ihr das Vertrauen entgegen bringen, das wir vorher auch in sie gesetzt haben und ihr zeigen, dass sie in dieser Welt einen Platz hat, wenn sie ihn denn beanspruchen will.“
Die Hexe schüttelte den Kopf. „Aber du hast doch gerade gesagt, dass wir sie in Ruhe lassen sollen.“
„Natürlich, aber sie wird wohl ab und zu kommen, um Axaryn, eh, zu besuchen. Bei diesen Gelegenheiten sollten wir sie einfach so behandeln wie früher auch. Allerdings“, wandte er sich an Vesgyn, „solltest du mit dem, was du ihr zu sagen hast, warten, bis es ihr wieder besser geht. Sonst könnte sie sich in der Tat bedrängt fühlen, was sie in die Arme ihrer Tochter und damit in die von Luzifer treiben könnte.“
Der Erzpriester schüttelte den Kopf. „Dämonen!“, knurrte er frustriert. „Ich habe die Brut noch nie verstanden. Nicht einmal Tarynya.“ Auch er verschwand auf dieselbe Weise wie Axaryn, ohne zu warten, ob jemand ihm noch etwas zu sagen hatte.
Lady Sybilla und Connlin blieben allein zurück, beide sich nur allzu bewusst, dass sie in Bezug auf Sam keinen Fehler machen durften. Aber auch nicht den geringsten Fehler ...

Jacques LeGrand fühlte sich großartig, woran in diesem Augenblick auch der verhasste Körper nichts änderte, in dem er steckte. Cleveland war voll von Obdachlosen und sonstigen verkommen Subjekten, und er hatte in nur einer einzigen Nacht Guede Nimbo mit Hilfe der Maske elf Seelen geschenkt und ihre Kraft getrunken. Es war geradezu lächerlich einfach gewesen, die Penner dazu zu bringen, die Maske aufzusetzen. Der Trick mit den fünfzig Dollar fürs Fotografieren mit der Maske ließ jeden von ihnen nur allzu begierig danach greifen und sie sich wie gewünscht aufsetzen. Es war so leicht – und hinsichtlich der Kraft, die LeGrand dadurch erhielt, berauschend –, dass er am liebsten weiter gemacht hätte, bis er die gesamte Stadt von ihrem Abschaum gesäubert hätte.
Das barg allerdings gewisse Risiken, unter anderem das, dass er damit eine Spur hinterließ, der die Polizei nur allzu leicht folgen konnte. Und das absolut nicht in seinem Sinn. Morgen Nacht würde er sein Werk in einem anderen Stadtteil fortsetzen, der ebenso weit von dem Hotel entfernt war, in dem er wohnte, wie dieses. Bis dahin würde er – nach einem ausgiebigen Schlaf – die Zeit nutzen, die Falle für Sam Tyler vorzubereiten. In ein oder höchstens zwei weiteren Nächten würde er genug Kraft besitzen, die Dämonin zu vernichten. Und nichts würde ihm eine größere Befriedigung verschaffen.
Der Hass auf diese Ausgeburt der Hölle brannte in ihm wie ein alles verzehrendes Feuer, und für einen recht langen Moment hatte er Mühe, ihn zu beherrschen. Doch er brauchte einen klaren Kopf, wenn er Erfolg haben wollte. Die Dämonin hatte ihn einmal getötet; ein zweites Mal würde ihr das nicht gelingen.
Obwohl der Bokor es kaum erwarten konnte, seine Rache in die Tat umzusetzen, musste er sich noch etwas gedulden. Aber danach würde sie umso süßer sein und der Tod der Dämonin ihm eine Macht verschaffen, von der er nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Bald, sehr, sehr bald ...

Sam wusste, dass es ein Fehler gewesen war, Ronans Einladung anzunehmen, kaum dass sie sein und Sarahs Haus betreten hatte. Es wimmelte dort von fröhlichen Menschen, in der Hauptsache glückliche Paare, die ihre Kinder mitgebracht hatten, welche alle in Siobhans Alter waren. Und natürlich hatte es sich Sarah nicht nehmen lassen, ihren noch unverheirateten Cousin einzuladen, damit Sam einen „Tischherren“ hatte und sich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlte. Der Cousin war zwar ein durchaus gutaussehender Mann, der sich höflich und in keiner Weise aufdringlich benahm; aber er hielt es dennoch für seine Pflicht, der ihm zugedachten Rolle gerecht zu werden und tat sein Bestes, um Sam zu unterhalten.
Sams Stimmung wurde mit jeder Minute düsterer, die sie in dieser Situation verbringen musste, und die Kinder gingen ihr besonders auf die Nerven. Beinahe so sehr wie die tiefe Liebe, die Ronan und Sarah mit jeder Geste, jedem Wort und jedem Blick füreinander ausdrückten. Sie wollte nur noch weg hier.
Gerade als sie aufstehen wollte, um sich heimlich zu verdrücken, spürte sie eine magische Berührung, so zart, rein und hell, dass es sie regelrecht schmerzte. Sie brauchte gar nicht lange nach der Ursache zu suchen. Die kleine Siobhan, die eben noch mit den anderen Kindern gespielt hatte, war auf ihren kleinen Beinchen zu ihr getappt, blickte jetzt zu ihr auf und strahlte Sam regelrecht an, wobei ihre unglaublich grünen Dryadenaugen intensiv leuchteten.
Sam wollte Ronan oder Sarah schon auffordern, ihr die Kleine vom Hals zu schaffen – wenn auch nicht mit diesen Worten –, doch das Kind verstärkte seine Sympathiemagie, sodass Sam unwillkürlich lächeln musste. Dryaden besaßen bis zu einem gewissen Grad auch sukkubische Verhaltensweisen und verführten oft Männer – meistens Jäger, manchmal auch Hirten oder einsame Spaziergänger –, die in die Nähe des Baums kamen, in dem sie lebten. Zwar war Siobhan von diesem Aspekt des magischen Erbes ihrer Großmutter noch weit entfernt, aber sie beherrschte instinktiv bereits die Magie, auf den Gemütszustand der Wesen in ihrem Umfeld einwirken zu können.
Das Mädchen überschwemmte Sam regelrecht mit Zuneigung und Licht, dass es die Dämonin für einen Moment unglaublich quälte. Am liebsten hätte sie das Kind zurückgestoßen oder wäre auf der Stelle verschwunden. Doch beides war unmöglich, denn es hätte unliebsame Aufmerksamkeit erregt. Und Siobhan zurückzustoßen, hätten ihr Ronan und Sarah zudem extrem übel genommen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als den Schmerz und das widerliche Licht auszuhalten, mit dem die Kleine sie regelrecht zuschüttete.
Die Finsternis in ihr wehrte sich nach Kräften gegen das Licht und sammelte seine Macht, um sie gegen das Kind zu schleudern. Doch wie groß die Finsternis in Sam auch immer noch sein mochte, sie würde niemals zulassen, dass die ein Kind angriff, und so hielt sie die eisern im Zaum und ließ zu, dass das Licht langsam in die Finsternis eindrang und einen Teil davon auflöste und zurückdrängte, was noch übrig war.
Ihr brach vor Anstrengung der Schweiß aus allen Poren. Es war ein Gefühl, als würde ihre Seele verbrannt, zersplittert und wieder zusammengefügt, und doch konnte – wollte sie sich nicht dagegen wehren. Als es endlich nachließ, fühlte sich Sam, als habe man ihr Innerstes nach außen gekehrt. Sie wollte jetzt erst recht nur noch weg von hier, und zwar so schnell wie möglich. Sie stand auf, murmelte was von „frische Luft schnappen“ und strebte der Tür zu.
Ronan hatte sie eingeholt, noch ehe sie die erreicht hatte. Sie funkelte ihn verärgert an. „Ronan Kerry, du bist ein verdammter Mistkerl!“, warf sie ihm grollend vor. „Du hast gewusst, dass deine Tochter diese Fähigkeit hat und mich nur eingeladen, damit sie ihre Zauberkräfte an mir austobt!“
„Ihre Heilkräfte“, bestätigte Ronan grinsend. „Seelenheilkräfte, um genau zu sein. Sie spürt, wenn die Seele eines Menschen – oder Anderswesens – krank ist oder anderweitig leidet und hat das Bedürfnis, dieses Leid zu heilen. Wahrscheinlich weil sie es nicht ertragen kann, es zu spüren. Sie wird eines Tages eine fantastische Psychiaterin oder Therapeutin werden, keine Frage.“ Aus seiner Stimme klang unüberhörbar zufriedener Stolz. Er wurde wieder ernst. „Ich hatte gehofft, dass sie es auch bei dir versucht und noch mehr gehofft, dass es ihr auch gelingt.“ Er blickte Sam aufmerksam an. „Sam, du bist eine wirklich gute Freundin, und du bedeutest mir als solche eine Menge. Ich würde verdammt viel darum geben, wenn ich dir helfen könnte. Da ich selbst aber nicht in der Lage bin, deinen Schmerz zu heilen, wusste ich mir keinen anderen Rat, als dich Siobhans Seelenheilkräften auszusetzen und zu hoffen, dass ihre Magie auch bei dir wirkt. Und wenn du mich dafür in den Arsch treten willst – bitte sehr, aber nicht vor den Augen meiner Familie.“
Sam konnte nicht verhindern, dass Ronans Worte sie tief berührten in einer Weise, wie sie eigentlich nie wieder von einem Menschen berührt werden wollte, egal wer er war. Aber Ronans aufrichtige Zuneigung zu ihr und seine Sorge um sie, taten etwas mit ihr, das sie nicht einzuordnen vermochte und das sie nicht einmal ansatzweise verstand. Für einen Moment hatte sie Mühe zu atmen und wünschte sich wieder einmal völlig irrational, wie ein Mensch weinen zu können.
Sie umarmte Ronan kurz aber innig. „Mistkerl!“, wiederholte sie, doch es klang überraschend versöhnlich. Sie warf Siobhan einen Blick zu, die sie immer noch anstrahlte und knurrte: „Mistbalg!“ Was allerdings nicht minder versöhnlich und beinahe schon liebevoll klang.
Sie ließ es zu, dass Ronan ihr über den Kopf strich und ihren Rücken freundschaftlich streichelte und empfand beides als überaus tröstlich. Schließlich löste sie sich von ihm.
„Lenk deine Leute ab“, forderte sie ihn auf. „Ich werde jetzt Siobhans Seelenbaum schützen. Das muss ja keiner mitbekommen. Und danach verschwinde ich. Sei mir nicht böse.“
„Natürlich nicht. Und ich danke dir von Herzen, Sam.“
Sie winkte ab. „Das ist das Mindeste, was ich für eine Seelenheilung tun kann.“ Sie sah ihm in die Augen, hatte das Bedürfnis, noch etwas zu sagen und wusste doch nicht was.
Ronan legte ihr lächelnd einen Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf. „Ich weiß“, sagte er schlicht, und sie hatte das Gefühl, dass er sie auch ohne Worte verstand. Schließlich verfügte er tatsächlich über schwach telepathische Kräfte. „Ich lenke die Bagage jetzt ab, dann kannst du unbemerkt verschwinden.“ Er wandte sich zu den Menschen um. „Bitte alle Platz nehmen zum Gruppen-Geburtstagsfoto! Dort drüben auf der Couch! Mütter mit Kindern auf die Couch, die Väter dahinter.“
Sam schlich im allgemeinen Trubel, der jetzt wieder ausbrach unbemerkt zur Tür. Bevor sie das Haus verließ, sandte sie der kleinen Siobhan noch einen Schwung von Kraft, um die auszugleichen, die sie Sam geschenkt hatte. Während Ronan drinnen virtuos sein Ablenkungsmanöver inszenierte, fand Sam zielstrebig Siobhans Seelenbaum, einen Silberweidenschössling. Sie wob um ihn herum nicht nur die stärksten Schutzzauber, zu denen sie fähig war, sondern schützte auch die gesamte Erde um ihn herum und unter ihm. Nachdem sie damit fertig war, würde nicht einmal ein Erdbeben, ein Blitz oder eine auf ihn abgefeuerte Rakete in der Lage sein, den Baum auch nur zu verletzen, geschweige denn zu vernichten.
Siobhan Kerry würde, soweit es ihren Baum betraf, gesund und munter leben, bis sie eines Tages friedlich an ihrem Alter starb – in ungefähr hundertfünfzig Jahren ...

Als Sam in ihr Haus zurückkehrte, das – natürlich – immer noch so leer war, wie sie es verlassen hatte, überkam sie das seltsame Gefühl, dass es sich verändert hatte. Natürlich war das nicht der Fall, sondern sie hatte sich verändert, weshalb ihr ihre Umwelt anders vorkam. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen oder wütend auf Ronan und seine Dryadentochter sein sollte und vertagte diese Entscheidung auf später. Sie hatte noch etwas Wichtiges zu tun: Sie musste herausfinden, wer die todbringende Maske besaß.
Normalerweise führte sie die zu solchen Zwecken erforderliche Magie in ihrem Schlafzimmer aus. Da ihre magischen Fähigkeiten stark genug waren, dass sie selten ein Ritual ausführen musste, war das am bequemsten; obwohl sie natürlich einen magischen Arbeitsraum im Keller besaß, den sie aber kaum benutzte. Doch jetzt empfand sie einen Widerwillen dagegen, überhaupt hier im Haus Magie zu wirken.
Kurz entschlossen sprang sie durch die Dimensionen zu einem abgeschiedenen Ort im Cuyahoga Valley National Park, einem Waldgebiet, in dem man sich tagelang hätte verstecken können, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Es war kalt, und an manchen Stellen lag noch Schnee, aber Sam spürte die Kälte kaum.
Sie setzte sich auf einen Findling, initiierte ihre Magie und suchte nach der Maske, nachdem ein erneuter Versuch, sie mit einem Bringzauber in die Hand zu bekommen, fehlgeschlagen war. Sie rief die Luftelementare an und bat sie um Informationen, wer die Maske jetzt besaß.
Die Elementargeister lebten unsichtbar in den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde und existierten überall in den drei Welten. Die Luft- und Wassergeister waren am zahlreichsten, und alle zusammen sahen und erfuhren nahezu alles, was sich in den drei Welten abspielte – sofern nicht irgendein Bereich magisch gegen ihr Eindringen geschützt war oder jemand sich mit einem Zauber umgeben hatte, der verhinderte, dass sie ihn wahrnehmen konnten. Ihre Kommunikation untereinander ging so schnell vonstatten, dass es in der Regel nur wenige Sekunden bis zu ein paar Minuten dauerte, ehe man die gewünschten Informationen erhielt. Sie waren zwar nicht übermäßig intelligent, aber sehr nützliche Helfer, wenn man mit ihnen richtig umzugehen verstand.
Deshalb musste Sam nicht allzu lange warten, um zu erfahren, dass ein mächtiger Hexenmeister namens Sergej Borzov die Maske besaß. Einer der Luftelementare ließ seinen Körper sogar vor Sams Augen sichtbar werden und formte ihn zu dessen Gesicht. Sie erfuhr noch mehr. Da sie die Elementargeister bisher immer mit Achtung und Respekt behandelt hatte, revanchierten sie sich, indem sie ihr ungefragt alles preisgaben, was mit diesem Mann zusammenhing.
So erfuhr Sam detailliert, auf welche Weise er die Maske an sich gebracht hatte. Allerdings wusste sie mit der Behauptung, dass er ein anderer war, als der, dessen Körper er trug, nichts anzufangen. Auf ihre Frage, wo er sich gerade aufhielt, bekam sie nur Ratlosigkeit als Antwort, denn Sergej Borzov war vom „Radar“ der Elementargeister verschwunden und unauffindbar, seit er die Maske besaß.
Das wunderte Sam nicht allzu sehr, denn Borzov hatte klugerweise nicht nur die Maske geschützt – was Sams Bringzauber versagen ließ – sondern auch sich selbst. Als ob er ahnte, dass nicht nur normale Cops danach und somit nach ihm suchen würden, sondern auch magisch Begabte. Sie machte sich keine Illusionen darüber, dass er die Maske natürlich benutzen würde und vielleicht schon benutzt hatte. Nachdem er sie ganz gezielt an sich gebracht hatte, musste ihm die Macht der Maske bekannt sein, und Leute wie er benutzten solche Gegenstände ausschließlich zur Machtgewinnung. Wie damals der Bokor Jacques LeGrand, bevor Sam sein Exemplar zerstört hatte.
Nun, Sie würde auch Borzov Einhalt gebieten. Die Frage blieb allerdings, auf welche Weise sie schlüssig Gordon Kingsleys Unschuld beweisen sollte. Im Moment hatte sie diesbezüglich nicht die geringste Ahnung.
Sie vertagte die Lösung des Problems auf morgen und kehrte nach Hause zurück. Mit etwas Glück würde sie diese Nacht dank Siobhans Seelenheilung endlich einmal wieder gut schlafen können.

Das Klingeln ihres Handys riss Sam am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es sieben Uhr früh war und sie tatsächlich fast neun Stunden tief und fest geschlafen hatte.
„Guten Morgen, Ron“, begrüßte sie den Anrufer. „Was gibt es zu so früher Stunde?“
„Ärger“, lautete seine ernste Antwort, und Sam war schlagartig hellwach. „Wir haben acht tote Obdachlose, denen das Gesicht auf dieselbe Weise enthäutet wurde wie Nora Halston. Und wahrscheinlich haben wir noch nicht einmal alle gefunden. Es könnten durchaus noch einige mehr sein. Hast du was rausgefunden?“
„Den Namen des Täters“, teilte Sam ihm mit. „Ein gewisser Sergej Borzov. Er ist ein Hexenmeister, und er ist definitiv eine Nummer zu groß für dich und deine Leute. Ich habe ihn bis jetzt nicht mal mit magischen Mitteln finden können, aber ich habe auch noch nicht alle Mittel ausgeschöpft. Ich weiß nur, dass er sich wohl immer noch in Cleveland aufhält.“
„Falls er hier wohnt oder unter seinem Namen in einem Hotel abgestiegen ist, finde ich das heraus“, war Ronan überzeugt. „Solange es allerdings außer deinem Wort keinen greifbaren Hinweis auf ihn als Täter gibt, haben wir ohnehin keine Handhabe gegen ihn. Wie gehen wir also vor?“
Das wusste Sam auch noch nicht genau zu sagen. „Ich habe keine Ahnung“, gestand sie. „Aber ich lasse mir was einfallen und halte dich auf dem Laufenden.“
„Gleichfalls.“
„Und, Ron“, sie zögerte und suchte nach Worten und gestand schließlich widerstrebend: „Siobhans Heilmagie hat mir gut getan. Danke. Ich hoffe, der Kleinen geht es gut?“
„Oh ja, keine Sorge. Sie hat sich, nachdem du weg warst, deinen Schmerz aus der Seele geweint und war hinterher reichlich erschöpft, aber es geht ihr gut. Dir hoffentlich auch wieder? Zumindest etwas besser?“
„Etwas besser“, bestätigte Sam. „Ich melde mich, sobald ich neue Informationen habe.“
Sie wartete seine Antwort nicht ab und unterbrach die Verbindung. Bevor der Gedanke sich ihr aufdrängen konnte, dass sie normalerweise jetzt mit Scott „frühstücken“ würde – nach sukkubischer und inkubischer Art – schwang sie sich aus dem Bett, zog sich an und verließ das Haus. Sie machte einen kurzen Abstecher in ihr Büro, das sie seit Scotts Tod nicht mehr aufgesucht hatte und in dem ihr als Sekretärin Molly Spring getarnter Dienergeist die Dinge am Laufen hielt.
Die Routine der Arbeit, Briefe zu unterzeichnen, Rechnungen zu schreiben und zu bezahlen, lenkte sie überraschend gut von dem immer noch in ihr bohrenden Schmerz ab. Der war allerdings seit gestern erheblich schwächer geworden, sodass Sam Hoffnung schöpfte, ihn vielleicht doch in absehbarer Zeit überwinden zu können, ohne daran zu zerbrechen.
Allerdings behagte es ihr gar nicht, dass das nur durch Siobhans Magie möglich geworden war, zeigte es ihr doch eine Schwäche auf, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie in ihr steckte. Aber das war im Moment nebensächlich. Sie hatte einen Hexenmeister zu finden und zu stoppen und Gordon Kingsleys Unschuld zu beweisen. Das erinnerte sie daran, dass sie Jason Goldstein noch Bericht erstatten musste. Ein Anruf in der Kanzlei bestätigte ihr, dass der Anwalt anwesend war und entzückt wäre, sie in einer Stunde zu empfangen.
Als Sam eine Stunde später bei ihm erschien, begleitete Jason Goldstein gerade Bill Crawford zur Tür.
„Guten Tag, Sam“, begrüßte Bill sie und schien überrascht zu sein, sie hier zu sehen.
Sie nickte ihm kurz zu. „Hallo Bill.“
„Miss Tyler“, sagte Goldstein, „Sie können mir hoffentlich helfen, Mr. Crawford davon zu überzeugen, dass er hier eine Chance bekommt, wie sie ihm wohl kein zweites Mal im Leben geboten wird. Sie hatten vollkommen recht, was seinen Idealismus betrifft. Aber Idealismus zahlt keine Hypothek ab und auch nicht das College-Geld für seinen Sohn.“
„Ich sagte ja schon, Sir“, wehrte Bill ab, bevor Sam antworten konnte, „ich kann unmöglich Scotts Platz hier einnehmen. Das wäre einfach nicht passend.“
„Da stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu, Mr. Crawford. Niemand kann Scott Parker ersetzen. Aber wir haben zeitgleich noch ein zweites Mitglied unserer Kanzlei verloren, wie ich Ihnen bereits erklärt habe, und wir würden Ihnen dessen Fälle übertragen.“
„Du hast es gehört, Bill. Was also spricht gegen eine Zusage, wenn man dich hier schon haben will?“
Bill wand sich sichtlich und suchte nach einer diplomatischen Formulierung. Sam packte ihn ungeduldig am Arm und zog ihn weg.
„Entschuldigen Sie uns kurz, Mr. Goldstein“, bat sie und bugsierte ihn in einen leeren Konferenzraum. „Wovor hast du Angst, Bill?“, fragte sie ihn rundheraus und wehrte seinen reflexartigen Protest ab: „Und komm mir nicht mit der Lüge, du hättest keine. Also?“
Bill errötete flüchtig und tat einen tiefen Atemzug. „Scott war immer der Bessere von uns, und wenn ich hier anfange, werde ich garantiert ständig an ihm gemessen werden.“
„Und wenn schon! Wenn du deine Arbeit nicht gut machst, wirst du wieder gefeuert und kannst zu deinen Sozialfällen zurückkehren. Aber es wäre reichlich feige, wenn du dich nur deshalb zu ihnen flüchten würdest, weil du Angst hast, mit einem Toten zu konkurrieren. Goldstein hat nämlich vollkommen recht: Eine solche Chance bekommst du wahrscheinlich nie wieder. Und die willst du nur aus Angst in den Wind schlagen? Ich frage mich, wie du das Jenny erklären willst.“
„Das ist unfair, Sam!“, fuhr Bill auf.
„Das ist nüchterne Logik“, konterte Sam ungerührt. „Mal ganz davon abgesehen, dass Scott vielleicht während eurer Studienzeit der Bessere war, aber das ist Jahre her. Goldstein und seine Partner haben sich mit Sicherheit genauestens über dich und deine Erfolge erkundigt, bevor sie dich eingeladen haben. Sie würden dir den Job nicht anbieten, wenn eben die sie nicht überzeugt hätten, dass deine Qualitäten ihren Vorstellungen entsprechen. Und wenn diese überaus anspruchvolle Anwaltsbagage von Weston, Kruger & Goldstein dir zutraut, den Job zu machen, dann solltest du ihnen beweisen, dass sie recht haben, statt den Schwanz einzukneifen. Hier gibt es nämlich auch eine Reihe von Klienten, die einen wirklich guten Anwalt brauchen, der sich für sie ins Zeug legt. Und jetzt gehen wir wieder zu Goldstein und sagen ihm, dass du den Job annimmst.“
Bill sah sie mit einem seltsamen Blick an. „Macht es dir denn nichts aus, Sam? Dass ich in Scotts Fußstapfen trete, auch wenn die mir nicht seine Fälle übertragen wollen?“
Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Warum sollte mir das was ausmachen?“
„Weil du ihn geliebt hast“, antwortete Bill in einem Tonfall, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt.
„Aber unsere Liebe hatte mit seinem Beruf nichts zu tun“, erinnerte ihn Sam. „Außerdem geht es hier nicht um mich, sondern um dich und deine Familie. Scott ist tot, und ich sehe keinen Sinn darin, einem Toten das eigene Wohlergehen zu opfern. Der Job hier garantiert euch ein gutes Leben und deinem Sohn Harlan die beste Ausbildung, die man für Geld kaufen kann. Du wärst ein verdammter Narr, wenn du das ablehntest.“
Bill gab nach, blickte Sam aber mit einem befremdeten Ausdruck an, und sie hatte das Gefühl, sich gerade wieder einmal absolut nichtmenschlich verhalten zu haben. Allerdings konnte sie nicht erkennen, welchen Fehler sie begangen haben könnte.
„Du scheinst Scotts Tod ganz gut zu verkraften“, meinte Bill schließlich. „Jenny ist immer noch am Boden zerstört und ihre Eltern auch.“
Sam schnaufte ironisch. „Ich habe mir sagen lassen, dass es hilfreich sei, sich in Arbeit zu vergraben. Ich probiere gerade aus, ob das funktioniert. Aber nur weil ich nach außen hin funktioniere, heißt das nicht, dass ich nicht trauere oder genauso wie Scotts Eltern am Boden zerstört bin. Und jetzt lassen wir das Thema bitte fallen, ja?“
„Entschuldige, Sam. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
„Das hast du aber gerade getan.“ Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern schob ihn unnachgiebig nach draußen, wo Jason Goldstein geduldig wartete. „Mr. Goldstein, Mr. Crawford hat Ihnen was zu sagen.“
„Eh, ja, Sir“, stotterte Bill. „Also, wenn Sie mich wirklich wollen, so ist es mir eine Ehre, in Ihrer Kanzlei arbeiten zu dürfen, Sir.“
Goldstein lächelte erfreut. „Wunderbar! Sie können sofort anfangen, Mr. Crawford. Bis Ihre Kündigung bei der Gerichtshilfe durch ist, können Sie zur Probe schon mal nebenbei den Fall übernehmen, für den wir Miss Tyler engagiert haben. Ich bin mir sicher, Sie beide geben ein fantastisches Team ab.“
Sam unterdrückte einen Fluch. Das passte ihr absolut nicht in den Kram, nicht nur was den Fall als solchen betraf, sondern auch in Hinblick darauf, dass sie mit Scotts Familie so wenig wie möglich zu tun haben wollte. Doch nachdem sie Bill zu dem Job überredet hatte, konnte sie das jetzt unmöglich ablehnen.
„Gute Idee“, stimmte sie deshalb zu. „Mr. Goldstein, wo können wir uns unterhalten?“
Bill verabschiedete sich, und Goldstein führte Sam in sein Büro, wo sie unverzüglich zur Sache kam. „Mr. Kingsley ist wahrscheinlich unschuldig“, teilte sie ihm mit. „Die Polizei hat allein bis heute Morgen acht Leichen von Obdachlosen gefunden, die auf dieselbe Weise ermordet wurden wie Mrs. Halston. Und da Kingsley zu den jeweiligen Tatzeiten im Gefängnis saß, kann er das nicht gewesen sein.“
„Aber er könnte einen Komplizen haben. Oder mehrere“, meinte Goldstein.
Sam schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht, obwohl die Staatsanwaltschaft natürlich ebenfalls davon überzeugt ist. Aber natürlich ist mein ‚Glaube’ völlig irrelevant. Sie brauchen beweisbare Fakten, und die kann ich Ihnen erst beschaffen, wenn ich ein bisschen mehr über diese neuen Morde weiß. Vielleicht bekomme ich den entscheidenden Hinweis durch das, was die Polizei darüber herausfindet. Lieutenant Kerry ist überaus kooperativ.“
Goldstein schmunzelte. „Sie leisten gute Arbeit, Miss Tyler“, lobte er. „Hätten Sie vielleicht Interesse daran, fest für uns zu arbeiten?“
„Danke nein“, wehrte Sam ab. „Ich liebe meine Unabhängigkeit. Aber ich übernehme gern jeden Auftrag, den Sie für mich haben, sofern es meine Zeit zulässt.“
„Wie Sie wünschen. Sollten Sie es sich anders überlegen – wir erhalten unser Angebot aufrecht.“
Sam bedankte sich und verabschiedete sich von Goldstein. Ihr nächster Weg führte zu Ronan ins Präsidium.
„Ich habe diesen Sergej Borzov gefunden“, empfing er sie. „Er residiert im Renaissance Hotel, 24 Public Square. Er kommt aus Atlanta und ist so reich, dass er es nicht nötig hat zu arbeiten. Ich habe mal meine Quellen in der Szene angezapft. Er ist ein führendes Mitglied einer Organisation, die sich Diener des Schwarzen Feuers nennt.“
Ronan zuckte erschreckt zusammen, als Sam einen lästerlichen Fluch ausstieß und eine solche geballte Wut ausstrahlte, dass er sie körperlich überaus schmerzhaft spüren konnte. „Ich sollte diese verdammte Brut ein für alle Mal auslöschen. Alle!“, zischte sie und hatte Mühe, sich zu beherrschen. Leider würde sie diesen Vorsatz nicht in die Tat umsetzen können, da ihr Eid, sich nicht an Menschen für Scotts Tod zu rächen, ihr eben das verbot. Am liebsten hätte sie jetzt Axaryn in ihrer Reichweite gehabt, um ihm kräftig in den Arsch zu treten. Und nicht nur dorthin ...
„Die Diener des Schwarzen Feuers waren diejenigen, die Káshnarokk befreit haben“, erklärte sie Ronan, nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. „Sie sind ein Geheimbund von Satanisten, der weltweit operiert und überall seine Zellen hat.“
„Ich verstehe“, sagte Ronan langsam und war sich bewusst, dass seine nächsten Worte Sams Wut erneut herausfordern konnten. „In dem Fall wäre es vielleicht besser, wenn jemand anderes sich um Borzov kümmert.“
Sie warf ihm einen kalten Blick zu. „Ich komme schon damit klar, Ron, keine Sorge. Das Problem im Moment ist immer noch, wie wir Kingsleys Unschuld beweisen können. Seine Story von dem Mann, der ihn niedergeschlagen hat, ist jetzt allenfalls noch bedingt haltbar, nachdem ihr die anderen Leichen gefunden habt.“
„Es sind inzwischen elf, alle in Euclid“, warf Ronan ein.
Sie zuckte mit den Schultern. Missmutig stellte sie fest, dass ihr nichts einfiel, wie sie die Sache hätte drehen können und erkannte, dass auch ihre Fähigkeit, sich in menschliche Gedankengänge hineinzuversetzen, gelitten hatte. Früher hätte sie innerhalb von ein paar Minuten eine praktikable Lösung gefunden. Oder lag es nur daran, dass sie ihre Arbeit für die Menschen ohne das innere Engagement ausführte, das früher ihre Handlungen bestimmt hatte?
Früher. Das schien ihr eine Ewigkeit her zu sein und nicht erst knapp vier Wochen.
„Gehen wir die Sache mal durch“, riss Ronan sie aus ihren Gedanken. „Die Obduktion von Nora Halston hat ergeben, dass ihr die Gesichtshaut nicht mit einem Messer entfernt wurde. Die Pathologen rätseln noch darüber, wie der Mörder das fertig gebracht hat. Jedenfalls ist sie an Herzversagen gestorben, buchstäblich vor Angst, wie die Ärzte meinen. Natürlich wissen wir es besser.“ Er blickte Sam aufmerksam an. „Gibt es eine Möglichkeit, das irgendwie chemisch zu erklären wie damals die Sache mit den Traumfängern?“ (6)
Sam nickte langsam. „Grundsätzlich schon. Aber das ist etwas kompliziert. Schließlich haben deine Laborleute keine chemischen Rückstände an der Maske gefunden und an der Leiche auch nicht. Wenn wir eine ‚chemische’ Erklärung ins Feld führen, müsste es dafür einen Beweis geben.“ Sie dachte einen Moment nach. „Einen Beweis dafür, dass so eine Chemikalie überhaupt existiert und dass sie sich nach einer Weile rückstandslos verflüchtigt. Außerdem muss irgendwo ein Vorrat dieser ‚Chemikalie’ gefunden werden. Denn da der Stoff sich angeblich verflüchtigt, muss die Maske immer wieder neu mit dem Zeug präpariert worden sein. Das Ganze dann diesem Borzov unterzuschieben, dürfte dagegen eine Kleinigkeit sein.“
„Außerdem muss es noch Beweise geben, dass Kingsley mit der Sache nichts zu tun hat“, ergänzte Ronan.
„Und genau das ist eine weitere Schwierigkeit. Er hat gesagt, dass er die Maske erst am Tag zuvor ersteigert hat, bevor er sie Mrs. Halston zum Kauf anbot. Und er hat sie mehrfach ohne Schutz mit den Händen angefasst, ohne dass ihm was passiert ist. Also kann diese ominöse Chemikalie beim Kauf und auch später noch nicht oder nicht mehr daran gewesen sein. Wenn wir dieses Szenario als Erklärung wählen, steht Kingsley immer noch als Mörder da, zumindest als Mittäter, denn wie sollte die Chemikalie ohne sein Zutun sonst auf die Maske gekommen sein und Mrs. Halston umgebracht haben können.“
Eine Weile schwiegen sie beide, und Sam verspürte einen wachsenden Widerwillen dagegen, sich über eine Lösung den Kopf zu zerbrechen, nur um einen schwachen Menschen zu retten. Doch natürlich musste sie ihm trotzdem helfen, wollte sie nicht den Fluch des Bruchs ihres bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworenen Eids auf sich laden.
Sie stand auf. „Für Kingsley müssen wir uns was anderes einfallen lassen. Ich werde jetzt erst mal zusehen, dass ich diese ‚Chemikalie’ hinbekomme.“
Sie nickte Ronan zu und ging. Inzwischen hatte sie einen formidablen Hunger und sprang durch die Dimensionen nach Denver, um sich von Axaryn füttern zu lassen.

Sam brauchte nur einen Tag, um die „Chemikalie“ zu entwickeln, ein wahrhaft teuflisches Zeug, das genau die Wirkung erzielte, die sie für den Plan haben musste. Inzwischen war sie zu dem Schluss gekommen, dass es für Gordon Kingsley nur eine Möglichkeit gab, aus der Sache halbwegs ungeschoren herauszukommen. Er musste sich einer Jury stellen, die Gerichtsverhandlung über sich ergehen lassen und darauf vertrauen, dass die ihn – mit Sams magischer Hilfe – freisprach. Jeder Versuch ihrerseits, die Sache magisch so zu drehen, dass er als der völlig zu Unrecht verhaftete Unschuldige dastand, wäre zu gefährlich, da sie dazu zu viele Menschen beeinflussen musste. Sie fertigte auch noch eine zweite Kopie der Maske an, denn die echte würde sie natürlich vernichten, sobald sie Borzov unschädlich gemacht hatte.
Sie war gerade damit fertig, als Ronan anrief. „Wir haben weitere Leichen, Sam“, teilte er ihr ernst mit. „Wieder Obdachlose und ein paar Junkies. Diesmal alle in Murray Hill. Sam, was immer du gegen Borzov tun willst, tu es bald, bevor er noch mehr Menschen umbringt!“
„Keine Sorge, Ron. Meine Vorbereitungen sind abgeschlossen, und ich werde ihn mir heute Nacht kaufen.“
„Brauchst du Hilfe?“
„Nicht von dir, mein Freund. Du könntest nichts gegen ihn ausrichten. Außerdem bin ich mir sehr sicher, dass meine magischen Kräfte mehr als ausreichend sind, um mit einem Menschen fertig zu werden, auch einem vom Schlage Borzovs. Morgen könnt ihr ihn so oder so einkassieren.“
„In Ordnung“, stimmte Ronan zu. „Ich warte auf dein Signal.“
Sam hatte gerade die Verbindung unterbrochen, als sie unmittelbar vor ihrer Tür – genauer gesagt hinter der Terrasse – eine magische Aktivität wahrnahm, deren Energie durchdrungen war vom Bösen. Natürlich hatte sie ihr Haus vollkommen geschützt, sodass kein Feind auf profane oder magische Weise eindringen oder ihr im Haus auch nur Schaden zufügen konnte. Das war auch gar nicht der Zweck des Ganzen, wie sie gleich darauf spürte.
Als sie auf die Terrasse hinaus trat, fand sie unmittelbar hinter der unsichtbaren Grenze ihres Schutzschildes ein veve auf dem Boden, das jetzt in Flammen aufging, aus denen sich eine riesige Schlange erhob, die sie mit zischender Stimme auslachte, ehe sie sich zu dem Abbild der Maske aus Menschenhaut formte, die für einen Moment Sams Gesicht trug, das in Blut getaucht war und sich danach buchstäblich in Rauch auflöste, als die Flammen erloschen.
Ein veve – ein magisches Voodoo-Zeichen. Und die Maske. Mit einem Mal ergab das Ganze für Sam einen Sinn, besonders als sie die Rückstände der magischen Energie mit ihren dämonischen Sinnen analysierte und ihre Signatur erkannte. Sie war zwar etwas verfremdet, aber dennoch unverkennbar, obwohl das, was Sam spürte, eigentlich gar nicht sein konnte.
Die magische Signatur gehörte eindeutig Jacques LeGrand, dem Bokor, den sie vor einem halben Jahr eigenhändig getötet hatte. Offenbar hatte er sich bei seinem Herrn und Meister Guede Nimbo ein weiteres Leben erkauft. Sie erinnerte sich an das, was die Luftelementare ihr gesagt hatten, dass er ein anderer war, als der, in dessen Körper er steckte. Jetzt verstand sie, was damit gemeint war: LeGrands Seele befand sich jetzt im Körper von Sergej Borzov. Im Grunde genommen entbehrte das nicht einer gewissen Ironie. Borzov war ein Diener des Schwarzen Feuers und LeGrand ein erbitterter Konkurrent, wenn nicht sogar Gegner dieser Organisation; zumindest der inzwischen zerschlagenen Gruppe in New Orleans.
Doch das war jetzt völlig unbedeutend. LeGrand lebte – ganz gleich wie und in wem –, und Sam war fest entschlossen, ihn diesmal endgültig zu beseitigen. Der Bokor hatte nicht nur bereits in seinem ersten Leben unzählige Menschen ermordet, auch wenn man ihm das nie hatte beweisen können und er nicht einmal in Verdacht geraten war. Schließlich konnte die normale Polizei keinen Mord via Voodoozauber beweisen. Außerdem hatte LeGrand größenwahnsinnige Ambitionen, sich die gesamte Welt oder doch zumindest die Vereinigten Staaten untertan zu machen, und Sam wusste durch ein Erlebnis in einer veränderten Realität, dass ihm das auch gelingen würde, falls er jemals die dazu erforderlichen Mittel in die Hand bekam.
Und natürlich spielte es auch eine gewisse Rolle, dass er sie jetzt ganz dreist herausforderte. Nun, er würde nicht nur das schwer bereuen, noch ehe der Tag vorbei war.
Mit einem verächtlichen Lachen folgte sie der magischen Spur, die er ihr zu eben diesem Zweck gelegt hatte. Sie führte sie direkt zu einem abgelegenen Ort inmitten der North Chagrin Reservation, einem Naturreservat vor den Toren Clevelands. Natürlich war sie sich bewusst, dass LeGrand ihr dort eine Falle gestellt hatte und freute sich schon auf sein Gesicht, wenn er erkennen musste, dass er sie wieder einmal unterschätzt hatte. Mit größter Wahrscheinlichkeit konnte sie seine eigene Falle gegen ihn kehren.
Und danach – sobald sie hier alles Erforderliche erledigt hatte, sollte sie vielleicht einmal ernsthaft überlegen, ob es noch sinnvoll war, hier in Cleveland zu bleiben. Sie lebte seit elf Jahren hier, und in spätestens vier oder fünf weiteren Jahren musste sie ohnehin weiterziehen, da es sonst den Leuten auffiel, dass sie nicht älter wurde, obwohl sie sich natürlich ein paar graue Haare auf den Kopf und Falten ins Gesicht zaubern konnte, wenn es sein musste. Doch zunächst musste sie Jacques LeGrand zum zweiten und hoffentlich letzten Mal in die Hölle schicken.
Der Bokor erwartete sie bereits, als Sam dort auftauchte, wohin seine „Einladung“ sie gelockt hatte. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass LeGrand in diesem unförmigen Körper steckte, der in wahrhaft jeder Hinsicht das Gegenteil von dem LeGrands war, so hätte sie ihn wirklich nicht erkannt. Sie gestattete sich ein boshaftes Grinsen bei dem Gedanken, wie unwohl er sich in diesem Körper fühlen musste und tastete mit ihren magischen Sinnen die Umgebung ab um herauszufinden, wo und welcher Art die Falle war, die er ihr hier gestellt hatte. Sie konnte nicht die geringste Spur einer solchen entdecken.
Augenblicklich klingelten sämtliche Alarmsirenen in ihrem Inneren Sturm, denn es war unmöglich, dass der Bokor ihr keine Falle gestellt hatte. Natürlich gab es Möglichkeiten, magische Fallen auch magisch zu verdecken, sodass man sie selbst mit magischen Sinnen nicht wahrnehmen konnte. Deshalb initiierte Sam einen Revelationszauber, der auch die geschicktest getarnte Falle offenbarte. Doch auch der zeigte kein Ergebnis. Da Sam wusste, dass es nichts gab, was ein Revelationszauber nicht zu enthüllen vermochte, befand sich hier tatsächlich keine magische Falle.
Doch das war mehr als unwahrscheinlich, denn LeGrand hatte sie ganz gewiss nicht hierher gelockt, um sich von ihr ein zweites Mal umbringen zu lassen. Schon gar nicht kampflos. In der Hand hielt er die Maske aus Menschenhaut, die das bärtige, verlebte Gesicht seines letzten Opfers trug. Offenbar wollte der Bokor sie ebenfalls mit dieser Maske töten und vertraute ganz auf deren Magie. Sam grinste verächtlich.
„Glauben Sie ernsthaft, LeGrand, dass Sie mir mit dem Ding da was anhaben können?“ Sie deutete auf die Maske. „Sie scheinen aus unserer letzten Begegnung nichts gelernt zu haben.“
„Oh doch, das habe ich“, antwortete LeGrand. „Und diesmal werden Sie nicht ungeschoren davonkommen, denn ich bin auf Sie vorbereitet.“
Sam verstärkte sicherheitshalber ihren magischen Schutzschild, den sie gewohnheitsmäßig immer um sich herum trug, sobald sie das Haus verließ und empfand in diesem Moment nur abgrundtiefe Verachtung für LeGrand und seinen Größenwahn, der ihn sogar einer Dämonin drohen ließ, von der er inzwischen wusste, dass er ihr mit all seiner beschränkten Macht nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte. Deshalb war sie auch nicht im Mindesten besorgt, als LeGrand sie jetzt bösartig angrinste.
Bevor sie jedoch irgendetwas tun konnte, sprach er einen Zauber aus, den Sam noch nie gehört hatte. Abgesehen davon, dass ohnehin kein Zauber in der Lage gewesen wäre, ihren Schutzschild zu durchdringen, spürte sie nicht die geringste Wirkung und begann zu lachen. Eine Sekunde später lachte sie nicht mehr, denn ihr Schutzschild hörte auf zu existieren, als hätte ihn jemand ausgeschaltet. Und das war absolut unmöglich – es sei denn, dieser Jemand wäre Luzifer gewesen.
LeGrand kam jetzt auf sie zu, die Maske nach vorn gestreckt mit der Innenseite zu Sam gewandt. Sie hatte nicht vor zu warten, bis er sie erreicht hatte, sondern sprang durch die Dimensionen hinter seinen Rücken. Jedenfalls versuchte sie das und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass auch das nicht funktionierte. Was immer LeGrand getan hatte, es hatte sie ihrer gesamten Magie beraubt, sogar ihrer angeborenen simpelsten Fähigkeiten. Le Grand lachte triumphierend.
„Und jetzt, Miss Tyler oder wie immer Sie heißen“, sagte er hasserfüllt, „bekomme ich endlich meine Rache, denn Sie werden sterben.“
Sam hatte nicht vor, es so weit kommen zu lassen. Auch ohne magische Kräfte war sie immer noch eine geübte Nahkämpferin und verfügte über eine Körperkraft, die selbst der des stärksten Menschen haushoch überlegen war. Sie setzte zu einem gesprungenen Seitwärtskick an, der auf LeGrands Stirn zielte und ihm den Schädel zertrümmert hätte, als der Bokor einen weiteren Zauber aussprach.
Und Sam fand sich zu ihrem Entsetzen an den Platz gebannt, an dem sie stand und war vollkommen gelähmt. Sie versuchte, gegen die unsichtbaren Fesseln anzukämpfen, die sie gefangen hielten, doch es war zwecklos. Sie versuchte, sie mit Magie zu zerreißen, aber das funktionierte erst recht nicht, denn momentan war kein einziger Funken Magie mehr in ihr. Sie versuchte erneut, durch die Dimensionen zu springen, um zu entkommen und scheiterte erneut. Sie konnte nur hilflos zusehen, wie der Bokor mit einem Ausdruck obszöner Freude im Gesicht und abgrundtiefem Hass in den Augen vor ihr stehen blieb und mit quälender Langsamkeit, jede Sekunde auskostend, die todbringende Maske ihrem Gesicht näherte.
Sam konnte spüren, wie das, was in der Maske lebte, seine unsichtbaren gierigen Finger nach ihrer Lebenskraft und ihrer Seele ausstreckte und fühlte eine Berührung, die kälter war als Eis. Im nächsten Moment lag die Maske auf ihrer Haut und begann, sie hungrig in sich aufzusaugen, sodass sogar sie, ein relativ schmerzunempfindlicher Sukkubus, einen scharfen Schmerz verspürte, als das Ding begann, ihre Seele in sich einzusaugen.
Für einen Moment war Sam gelähmt von Todesangst und fühlte sich wieder zurückversetzt in jene Gegend in Südmexiko, wo sie ahnungslos die Göttin Itzpapalotl verärgert hatte, die ihr mit den scharfen Obsidianklingen an den Enden ihrer Schmetterlingsflügel die Haut vom Leib schnitt und sie getötet hatte. Lediglich die Heilkraft ihres Vaters hatte sie in letzter Sekunde retten können. Und auch jetzt brüllte die für Ohren unhörbare Stimme des Blutes in ihr in höchster Not nach der Hilfe ihrer Familie.
Im nächsten Moment hörte sie LeGrand aufschreien und wurde die Maske von ihrem Gesicht gerissen, wobei sie die gesamte oberste Hautschicht ihres Gesichts mit sich riss. Sam schrie ebenfalls auf und sah, wie Jacques LeGrand im Körper von Sergej Borzov von einer Salve von dämonischen Feuerkugeln getroffen wurde, die aus den Händen ihres Vaters, ihres Bruders und ihrer Schwester flogen und ihn quälend langsam zu Asche verbrannten. Gleichzeitig kehrten ihre eigenen magischen Kräfte zurück, und sie konnte sich wieder bewegen.
Unverzüglich begann sie, mit Hilfe ihrer Heilmagie ihr enthäutetes Gesicht zu heilen und fühlt erleichtert, wie ihre magischen Kräfte wieder wie gewohnt durch ihren Körper strömten. Ihre Erleichterung währte allerdings nur kurz. Sie verspürte einen scharfen Ruck, und ein Teil ihrer Kräfte verschwand im selben Moment, als LeGrands Körper den letzten Herzschlag tat. Erschrocken spürte sie in sich nach, welche Magie ihr noch geblieben war und stellte fest, dass sie nur noch ihre angeborenen Fähigkeiten besaß. Die immensen Kräfte, die sie und ihre Familie von dem Kitsune übernommen hatten, waren verschwunden.
Sie merkte kaum, dass ihre Familie sich besorgt um sie versammelt hatte und Tai’Benyun ihre Heilung mit seinen eigenen Heilkräften unterstützte, bis ihr Gesicht in Sekunden wiederhergestellt war. Das Band des Blutes, das sie alle teilten, hatte ihnen gesagt, dass Sam sich in Lebensgefahr befand, und sie waren alle gekommen, um ihr beizustehen, denn dieses Band ließ es nicht zu, dass einer von ihnen die Gefahr ignorierte, in der ein anderer schwebte. Nur Sams Tochter Danaya fehlte. Seltsamerweise.
„Alles in Ordnung, Samala?“, erkundigte sich Benyun besorgt.
„Wie man es nimmt“, antwortete sie ihrem Vater zögernd. „Dank eurer Hilfe lebe ich zwar noch, aber meine Kitsune-Kräfte sind weg.“
„Unmöglich!“, war Lilama überzeugt. „Magische Kräfte können nicht einfach verschwinden. Und selbst wenn er“, sie deutete auf den Haufen Asche, der einmal Sergej Borzovs Körper gewesen war, „sie dir entzogen hätte, so wären sie unmittelbar nach seinem Tod wieder auf dich übergegangen.“
Sam nickte nachdrücklich. „Aber sie sind trotzdem verschwunden. Weg! Und ich kann nicht sagen wohin.“
Benyun tastete sie seinerseits mit seinem magischen Sinnen ab und runzelte besorgt die Stirn. „In der Tat, sie sind weg. Aber das ist wahrhaftig ...“
„Sag jetzt nicht unmöglich“, unterbrach Sam ihn, „denn es ist passiert.“
Benyun zuckte mit den Schultern. „Apropos passiert. Was war hier los?“
Diese Frage hätte Sam liebend gern nicht beantwortet, denn es war einfach zu peinlich zugeben zu müssen, dass sie vor lauter Überheblichkeit in die Falle eines Menschen getappt und auch noch beinahe darin umgekommen war.
„Lass uns erst mal hier verschwinden“, bat sie und sprang zurück in ihr Haus. Wenigstens das funktionierte wieder.
Die anderen folgten ihr und warteten anschließend gespannt auf ihre Antwort. Sam gab ihrer Familie einen kurzen Bericht über den Fall, den sie gerade für Weston, Kruger & Goldstein bearbeitete und welche Rolle LeGrand/Borzov dabei gespielt hatte.
„Ich brauche, nebenbei bemerkt, noch eine Leiche, die aussieht wie Borzov.“
Benyun nickte, und im nächsten Moment lag sie zu Sams Füßen. Sie blickte sie nachdenklich an und wurde sich schlagartig bewusst, wie groß der Fehler tatsächlich war, den sie begangen hatte. Genau den Größenwahn, den sie an LeGrand verachtet hatte, hatte sie selbst an den Tag gelegt, indem sie sich mit ihren Kräften unbezwingbar vorkam und dadurch jede gebotene Vorsicht außer Acht gelassen hatte. Wie eine tumbe Nuss hatte sie sich von ihm in die Falle locken lassen, weil sie sich für unbesiegbar hielt und geglaubt hatte, dass keine Falle gut genug sein konnte, um sie, Tai’Samala, zu fangen. Und mit Schrecken erkannte sie, wie ähnlich sie damit auf einer gewissen Ebene dem Bokor geworden war. Eine bittere Erkenntnis.
„Ben, wie alt muss eigentlich einer unserer Art werden, um solche Fehler nicht mehr zu machen?“, fragte sie ihren Vater aus diesem Gedanken heraus.
Benyun legte einen Arm um ihre Schultern und sah ihr in die Augen. „Eine Million Jahre. Oder vielleicht auch zwei Millionen.“ Er schüttelte den Kopf. „Samala, ganz gleich wie alt, erfahren und vielleicht sogar weise du einmal wirst, du wirst die Fehler niemals ausmerzen können. Kein Wesen ist vollkommen. Selbst die Götter machen Fehler. Sogar die Mächtigsten unter ihnen. Das Einzige, was du diesbezüglich tun kannst, ist, so sorgfältig wie möglich zu handeln und in letzter Konsequenz zu lernen, mit deinen Fehlern und ihren Folgen zu leben. Das ist nicht immer leicht, aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“ Er drückte sie enger an sich und streifte ihre Wange verführerisch mit den Lippen. „Komm, ich gebe dir die Kitsune-Kräfte zurück.“
Sams Familie verfügte über die angeborene Fähigkeit, durch den Sex nicht nur die Energie des jeweiligen Partners aufnehmen zu können, sondern auch dessen magische Fähigkeiten, sofern er welche besaß. Einmal übernommen, blieben diese Fähigkeiten Bestandteil ihrer selbst und wurden sogar an die Nachkommen vererbt. Auf diese Weise hatten die Tai’u sich stärkere magische Kräfte angeeignet, als sie von Natur aus besaßen oder ihre Vorfahren besessen hatten. Nur bei sehr hochrangigen Dämonen wie Luzifer oder Axaryn funktionierte das nicht, denn die hatten einen natürlichen Schutz dagegen, dass jemand auf diese Weise ihre Kräfte quasi kopierte oder gar raubte.
„Danke nein, Ben“, wehrte Sam das Angebot ab und machte sich von ihm frei. „Du weißt, dass ich ungern mit dir oder Conaru schlafe.“
„Verdammt, Samala, benimm dich doch nicht immer wie ein Mensch!“, fluchte Benyun aufgebracht. „Solche moralischen Beschränkungen gelten für uns nicht. Eure Mutter war auch meine Schwester. Unsere Stammeltern waren Geschwister und etliche weitere Ahnen ebenfalls. Wieder andere waren Elternteil und Kind. Und selbst etliche menschliche Kulturen erlauben solche Beziehungen. In Frankreich und Schweden ist sogar die Geschwisterehe erlaubt. Und wir beide hatten schließlich auch schon das Vergnügen miteinander. Also stell dich nicht so an!“
Sam schüttelte den Kopf. „Das hat nichts mit Moral zu tun“, beschied sie ihrem Vater nachdrücklich. „Eure Energie schmeckt mir einfach nicht.“
Benyun lachte verächtlich. „Was für eine Narretei!“, fand er. „Statt mal eine weniger wohlschmeckende Mahlzeit in Kauf zu nehmen und dafür deine Kräfte zurück zu bekommen, verzichtest du lieber auf deine Kräfte! Ich wusste bis jetzt noch nicht, dass ich eine Idiotin zur Tochter habe.“
Sam presste ärgerlich die Lippen zusammen. „Und das hat auch nichts mit Narretei zu tun, Ben.“
„Womit dann?“
„Ganz einfach“, antwortete sie ernst. „Dieser Vorfall hat mir gezeigt, wie abhängig ich inzwischen von der Kitsune-Magie war.“ Sie schüttelte reumütig den Kopf. „Sie hat mir manchmal sogar ein Gefühl von Allmacht gegeben. Ich brauchte nur mit den Fingern zu schnippen und konnte ganze Landstriche umformen, Lebewesen und sogar Weltentaschen erschaffen. Jetzt habe ich nachdrücklich vor Augen geführt bekommen, dass meine scheinbare Allmacht nur eine Illusion war. Diese im Grunde genommen unserer Art fremden Kräfte haben mich in letzter Konsequenz gefährlich geschwächt, und das hätte mich beinahe das Leben gekostet. Deshalb werde ich wieder lernen, mit den natürlichen Kräften auszukommen, über die ich als geborener Sukkubus verfüge. Erst wenn ich danach wieder so weit bin, komme ich vielleicht auf dein Angebot zurück. Falls ich diese Form von Magie dann noch brauche. Und falls du das nicht verstehst, so habe ich meinerseits wohl einen Idioten zum Vater.“
Benyun starrte seine Tochter eine Weile ausdruckslos an. Schließlich nickte er. „Ich verstehe das“, versicherte er ihr, und sein Ton klang überaus nachdenklich. „Vielleicht hast du sogar recht damit, dass diese Kräfte uns in letzter Konsequenz möglicherweise tatsächlich schaden.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin allerdings nicht bereit, freiwillig auf meine zu verzichten, solange ich sie kontrollieren kann und keinen Schaden dadurch erleide. Aber du musst natürlich für dich selbst entscheiden.“
Er nickte ihr zu und verschwand. Conaru und Lilama taten es ihm nach, und Sam blieb allein zurück. Allerdings nicht lange, denn Conaru kehrte gleich darauf zurück. Sam runzelte unwillig die Stirn.
„Was immer du willst, meine Antwort ist nein“, beschied sie ihm, da ihr Bruder erfahrungsgemäß irgendwelche Anliegen hatte, die sich nicht mit ihren eigen Interessen deckten.
Conaru grinste. „Oh, ich bin mir sicher, dass du dir das noch einmal gründlich überlegst, sobald du erfährst, was mich zu dir treibt.“
„Was sollte das sein?“
Er streckte die Hand aus, in der plötzlich ein dickes Notizbuch lag. Er hielt es ihr hin.
Sam schlug es auf und starrte ihn perplex an. „Aliadas Kopie von Marie Laveaus Grimoire“, stellte sie fest. „Aber das hat Ben doch vernichtet.“
Conaru nickte und setzte sich in den Sessel neben ihr. „Offensichtlich hatte Aliada ein weiteres Exemplar angefertigt. Lilama und ich haben es in ihrer Wohnung gefunden, als wir die und das Geschäft aufgelöst haben. Nachdem du einen Teil deiner magischen Kräfte verloren hast, wirst du das Grimoire brauchen können.“ Er grinste. „Ich schließe mich allerdings Benyuns Angebot an und teile meine Kräfte gern mit dir.“
Sam schüttelte den Kopf. Mochte es auch gerade unter Inkubi und Sukkubi normal sein, dass Blutsverwandte einander fütterten und sogar Kinder miteinander zeugten, Sam hatte etwas dagegen, ihre Verbindung mit ihrer Familie derart eng werden zu lassen. Es reichte schon, dass sie diesbezügliche Erfahrungen mit ihrem Vater teilte.
Conaru zuckte mit den Schultern. „Wie du willst. Mein Angebot bleibt bestehen. Ich würde dir allerdings nicht raten, Benyun wissen zu lassen, dass du das Grimoire jetzt hast oder dass es überhaupt existiert. Ich denke, dass du es sicher verwahren kannst. Und falls du es irgendwann nicht mehr brauchst, kannst du es ja endgültig vernichten.“
„Danke, Conaru. Das wird mir in der Tat helfen.“
Ihr Bruder blickte sie forschend an. „Was glaubst du, ist mit deinen Kräften passiert? Magische Kräfte können nicht einfach aufhören zu existieren. Sie übertragen sich oder werden übertragen, aber sie können nicht vernichtet werden.“
„Ja, und genau das bereitet mir Sorgen“, gestand Sam. „Ich kann nur hoffen, dass sie außerhalb von LeGrands Reichweite waren und noch sind. Denn wenn ich mir vorstelle, dass er diese unglaublichen Kräfte jetzt besitzt, wird mir übel.“
„LeGrand ist tot“, erinnerte Conaru sie.
Sam schüttelte den Kopf. „Das dachte ich beim letzten Mal auch, und er war tot, mein Wort darauf! Aber irgendwie hat er es geschafft, in einen anderen Körper zu schlüpfen und noch größere Macht zu erlangen, als er je zuvor besessen hatte. Ich weiß nicht, über welche Tricks und Fähigkeiten er noch verfügt, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass es ihm gelingt, noch einmal von den Toten zurückzukehren. Und in dem Fall kann ich wirklich nur hoffen, dass er dann nicht auch noch mit Kitsune-Kräften ausgestattet ist.“ Sie schüttelte den Kopf. „So oder so, ich werde jedenfalls nicht noch einmal den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen.“
Conaru strich ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. „Sei vorsichtig, Samala und pass auf dich auf. Und wenn du meine Hilfe brauchst, werde ich immer für dich da sein. Das weißt du.“
Sie nickte, gab ihrem Bruder einen Kuss, und er verschwand. Sam machte sich daran, den „Tatort“ für die Polizei vorzubereiten, damit sie Sergej Borzov als den Schuldigen in Sachen „Skinner-Morde“ identifizierte, wie die Mordserie intern bei der Polizei genannt wurde. Sie nahm Borzovs Leiche und brachte sie mit einem Sprung durch die Dimensionen in dessen Hotelzimmer. Anschließend holte sie die Kopie der Maske und die Chemikalie, die sie erschaffen hatte, mit einem Bringzauber zu sich. Sie legte die Maske auf Borzovs Gesicht und stieß sogleich schmerzhaft an eine Grenze, die sie ohne die Kitsune-Magie nun wieder hatte. Da es aber keinen anderen Weg gab, um das Szenario glaubhaft herzurichten und den Verdacht zu erwecken, dass es noch einen Komplizen gegeben hatte, der für Borzovs Tod verantwortlich war, musste sie wohl oder übel auf Conarus Angebot zurückkommen. Sie rief ihn durch das Band des Blutes zu sich.
„Ich brauche Borzovs Haut auf der Maske“, erklärte sie ihm, was Conaru mit einem lässigen Fingerschnippen innerhalb von Sekunden bewerkstelligte. „Außerdem noch so etwas wie ein Tagebuch, in dem in seiner Handschrift Hasstiraden und Ähnliches gegen Obdachlose und Junkies aufgeschrieben sind. Einschließlich einer guten Begründung warum er hier in Cleveland mit seinem ‚Vernichtungsfeldzug’ gegen diese Leute begonnen hat.“
Sie erklärte ihm noch weitere Details, und er fertigte das Tagebuch magisch an, wie sie es wünschte. Sam sah es mit einem Anflug von Neid, der Conaru nicht entging. Er blickte sie fragend an.
„Willst du dir deine Kräfte nicht doch von mir oder Vater zurückholen? Von mir bekämst du noch meine Feuermagie gratis dazu.“ Er streckte die Hand in die Höhe und ließ aus jedem Finger eine kleine Flamme in die Luft zucken.
Sam fühlte sich schwer versucht, sein Angebot anzunehmen, denn ihre Magie jetzt derart beschränkt zu erleben, nachdem sie vorher ein Jahr lang eine kaum begrenzte Macht besessen hatte, schmerzte sie mehr, als sie zugeben mochte und gab ihr das Gefühl, in magischer Hinsicht ein Krüppel zu sein. Dennoch schüttelte sie den Kopf. „Es bleibt dabei, Conaru. Ich will erst lernen, ohne diese unglaublichen Kräfte auszukommen und wieder meine frühere Stärke zurückerlangen. Meine innere Stärke, nicht starke Magie. Danach werde ich weitersehen.“
„Wie du willst.“ Er zuckte mit den Schultern und verschwand.
Sam durchsuchte noch sicherheitshalber LeGrands Habseligkeiten – ohne sie zu berühren und dadurch Fingerabdrücke zu hinterlassen; wenigstens in diesem Punkt funktionierte ihre Magie wieder einwandfrei. Dabei fand sie Borzovs Grimoire. Zwar war das in einem altertümlichen Russisch geschrieben, doch auch Russisch gehörte zu den Sprachen, die Sam beherrschte.
Schließlich musste ein Sukkubus sich mit jedem Menschen jeder Nation auf Anhieb verständigen können, weshalb ihre gesamte Spezies die angeborene Gabe der Xenoglossie besaß – die Gabe, eine Sprache sprechen zu können, ohne sie je gelernt zu haben. Bei Inkubi und Sukkubi genügte es, einen Menschen zu berühren, um über diese Berührung seine Sprache aufnehmen und perfekt sprechen zu können. Sam beherrschte durch diese Gabe inzwischen 38 verschiedene Sprachen, Benyun sogar ungefähr das Doppelte.
Deshalb fiel es ihr nicht schwer, das Grimoire zu entziffern. Dabei stieß sie auch auf den Zauber, mit dem es LeGrand gelungen war, ihre Kräfte zu blockieren. Sie nahm das Buch mit, denn es sollte besser nicht in eines anderen Menschen Hand gelangen. Nicht einmal in Ronan Kerrys, der es ohnehin asservieren müsste. Und wer weiß, was dann daraus wurde.
Sam kehrte nach Hause zurück. Um Borzov brauchte sie sich nicht weiter zu kümmern. Den würde am nächsten Morgen das Zimmermädchen finden und alles Weitere danach seinen geregelten Gang nehmen. Sie teilte das Ronan kurz telefonisch mit und setzte sich in ihren Lieblingssessel auf die Terrasse. Sie empfand ihr Haus immer noch als schmerzhaft leer und fragte sich, ob sie nicht wenigstens für ein paar Tage anderswo hin ziehen sollte, um Abstand zu gewinnen. Doch das würde sie, wenn überhaupt, erst nach Abschluss des Masken-Falls tun. Sie nahm das Grimoire von Marie Laveau zur Hand und schlug auf.
Sie war immer noch der Meinung, dass es nie hätte geschrieben werden dürfen, da es ein Wissen enthielt, das definitiv nicht in die Hände von Menschen gehörte. Aliada hatte wenigstens Verstand genug besessen, das Buch in Unadru zu kopieren, das, nachdem Luzifer dafür gesorgt hatte, dass alle Spuren der Dämonensprache aus der Menschenwelt getilgt wurden, kein Mensch zu lesen oder zu entziffern in der Lage war. Und da diese Kopie mit diversen Zaubern gegen Diebstahl geschützt war, würde es auch ein Dämon nicht entwenden können.
Jedenfalls half das Grimoire Sam jetzt, einen Teil ihrer verlorenen Fähigkeiten auszugleichen. Und ja, sie würde es vernichten, sobald sie es nicht mehr brauchte. Bis dahin würde sie nicht eher ruhen, als bis sie auch das letzte darin enthaltene Detail im Schlaf aufsagen konnte. Dasselbe würde sie mit Borzovs Grimoire tun, ehe sie das ebenfalls zerstörte.
Sie ließ die Geschehnisse des Abends noch einmal Revue passieren. Ohne die Hilfe ihrer Familie wäre es LeGrand gelungen, sie zu töten. Wieder einmal war sie überaus dankbar für das Band des Blutes, das sie alle verband. Eins wunderte Sam allerdings. Das Band des Blutes verband sie nicht nur mit ihrer Familie, sondern auch mit ihrer Tochter Danaya. Auch sie hätte zur Stelle sein müssen, als Sam sich in Lebensgefahr befand. Warum war sie nicht gekommen?
Obwohl es ihr widerstrebte, sprang sie durch die Dimensionen in die Unterwelt zu dem Ort, wo sie sich immer mit Danaya traf und rief auf magische Weise nach ihrer Tochter. Sie erschien beinahe augenblicklich.
„Schön dich zu sehen, Mutter“, begrüßte sie Sam und wollte sie umarmen.
Sam wehrte sie ab, was sie bisher noch nie getan hatte. „Ich nehme an, du hast gespürt, dass ich mich in Gefahr befand“, sagte sie übergangslos. „Oder nicht?“
Danaya zögerte. Sie wusste, dass Sam genau wusste, dass sie die Gefahr natürlich gespürt haben musste, da sie das Band des Blutes teilten. Wenn sie leugnete, würde ihre Mutter das sofort als Lüge erkennen und wahrscheinlich noch verärgerter sein, als sie es ohnehin gerade war.
„Ja. Aber da ich gemerkt habe, dass deine Familie rechtzeitig zur Stelle war, war meine Anwesenheit nicht vonnöten. Deshalb blieb ich hier. Wäre meine Hilfe erforderlich gewesen, wäre ich sofort gekommen.“ Sie blickte Sam betrübt an. „Bist du mir böse, dass ich nicht dort war?“
„Ich wollte nur den Grund wissen.“
Sam verschwand, noch ehe Danaya sie zurückhalten konnte, und die Dämonin fluchte lästerlich. Sie hatte einen Fehler gemacht, indem sie sich ihrer Mutter nicht gezeigt hatte, denn sie war dort gewesen, oh ja – unsichtbar und unspürbar für Samala und hatte ihre eigenen Pläne verfolgt. Sich nicht zu zeigen war insofern ein Fehler gewesen, als dass sie alles tun sollte – tun musste, um ihre Mutter auf ihre Seite zu bringen und ein so festes, starkes Band zwischen ihnen beiden zu schaffen, dass Tai’Samala, wenn die Große Entscheidung kam, sich allein deswegen für die Seite ihrer Tochter entscheiden würde.
Jetzt hatte sie einen feinen Bruch in ihrer Beziehung verursacht, der letztendlich das Gegenteil bewirken mochte. Verdammt! Sie durfte so einen Fehler nicht noch einmal begehen. Sie kehrte in ihr eigenes Domizil zurück, trat an das Brunnenbecken, das sie in ihrem Schlafzimmer erschaffen hatte und blickte zu dem unscheinbaren graugrünen Stein hinüber, der in einem Haufen anderer äußerlich ebenso unscheinbarer Steine lag.
Niemand, nicht einmal ihr Vater Luzifer, würde spüren können, dass in diesem Stein Samalas Kräfte ruhten, die Danaya ihr genommen hatte, als sie unsichtbar neben ihr gestanden hatte, während sie mit dem Bokor kämpfte. Natürlich musste Samala glauben, dass LeGrand ihr die Kräfte entzogen hatte, und genau das war auch der Plan. Wenn die Zeit gekommen war, würde Danaya ihr die Kräfte zurückgeben, allerdings nicht einfach so, sondern in einer Situation, in der ihre Mutter diese Kräfte zum Überleben brauchte.
Danaya kannte sie inzwischen gut genug um zu wissen, dass Samala nicht nur überaus dankbar dafür sein würde. Darüber hinaus würde es auch ihre Liebe zu Danaya vertiefen, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aus dieser Liebe heraus für die Seite ihrer Tochter entscheiden würde, wenn die Zeit gekommen war, dadurch erheblich größer wurde. Sie hoffte zumindest, dass dieser Schachzug, wenn es so weit war, nicht gerade mal ausreichte, um den jetzt entstandenen Bruch zu kitten. Verflucht, sie hätte diesen Fehler nicht begehen dürfen. Doch es war nun einmal geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.
Luzifer durfte von all dem natürlich nichts wissen. Er hatte bei Thorluks Schädel und Kallas Blut geschworen, niemals zuzulassen, dass Samala oder ihrer Familie und Freunden Schaden zugefügt wurde. Sollte er jemals auch nur ahnen, was Danaya getan hatte, würde er durch diesen Eid gezwungen sein, Samala ihre Kräfte auf der Stelle zurückzugeben, und Danayas diesbezüglicher Plan wäre vereitelt. Luzifer würde zwar toben und seine Wut darüber an jedem auslassen, der das Pech hatte, seinen Weg zu kreuzen, aber er würde Samala die Kräfte zurückgeben. Doch was er nicht wusste, konnte er auch nicht rückgängig machen.
Und sobald Samala sich wieder halbwegs gefangen hatte und keinen Widerwillen mehr gegen alles empfand, was mit Luzifer zu tun hatte – und das schloss Danaya ein –, würde Danaya sich intensiver um sie kümmern, um das Band zwischen ihnen zu festigen. Wenn es soweit war, würde sie eine Weile zu ihr ziehen und bei ihr leben. Und wenn sie es richtig anfing, würde das den Ausschlag für eine Entscheidung zugunsten der Finsternis geben.
Danaya lächelte und widmete sich zum Zeitvertreib dem Vergnügen, ein paar Ghouls zu jagen.

Jacques LeGrands Hass kannte keine Grenzen. Er brüllte ihn hinaus, als er in Guede Nimbos Reich geschleudert wurde und hörte erst damit auf, als sein Meister ihn mit seiner Magie verstummen ließ. Voller Verachtung blickte der Gott ihn an.
„Was war doch gleich die Steigerung von Idiotie?“, fragte er süffisant. „Wahnsinnige Dämlichkeit, die schon an Demenz grenzt?“ Er schüttelte den Kopf. „Ach nein, selbst das ist noch zu milde ausgedrückt und trifft den Umfang deiner Dummheit nicht mal ansatzweise.“ Er blickte LeGrand ungnädig an. „Ich gebe dir ein neues Leben und einen Körper, der über eine größere Macht verfügte, als du ursprünglich besessen hast, und du bekommst es fertig, mein Geschenk in kürzester Zeit zu ruinieren.“
Er gab LeGrand seine Stimme zurück, der auf der Stelle seine Forderungen stellte. „Du schuldest mir noch ein paar Leben“, erinnerte der Guede Nimbo. „Ich will das nächste haben! Oder mach mich zu einem Wesen, das dieser Dämonin gewachsen ist!“
„Ich schulde dir noch ein Leben, Jacques LeGrand. Nur noch ein einziges. Aber ich entscheide, wann du es bekommst.“
„Nur eins? Ich habe dir Seelen gegeben!“
Guede Nimbo schnaufte verächtlich. „Die paar minderwertigen Dinger? Diese noch nicht einmal zwanzig? Nein, dafür bekommst du kein weiteres Leben. Ich gewähre dir lediglich für jede Seele ein weiteres Lebensjahr.“
„Erfülle dein Wort und gib mir ein neues Leben!“, verlangte LeGrand erneut.
„Zu gegebener Zeit“, stimmte der Gott zu. „Aber du bist momentan nicht in der Lage, dieses letzte Leben zu würdigen. Du würdest es wieder aus purer, sinnloser, dummer Rachsucht wegwerfen. Und darum, mein Lieber, wirst du erst mal eine Weile hier bleiben, bis du wieder in der Lage bist, klar zu denken und die Besessenheit von Rache dein Urteilsvermögen nicht mehr trübt. Denn Rache, mein Freund, ist etwas, das kalt genossen am besten mundet.“
Und mit einer lässigen Handbewegung schleuderte er LeGrands Seele in einen Teil seines Reiches, wo der Bokor einsam und völlig isoliert sein Mütchen kühlen und zur Besinnung kommen konnte. Doch das, da war sich Guede Nimbo sicher, würde wohl einige Zeit dauern.

Sergej Borzovs Leiche wurde bereits einen Tag später gefunden mit einem enthäuteten Gesicht, auf dem noch die Maske lag. Außerdem fand man in seinem Hotelzimmer ein Fläschchen mit einer Chemikalie, die sich, als das Forensiklabor sie testete, als eine unbekannte Substanz entpuppte, welche, sobald sie in Verbindung mit lebenden Hautzellen kam, diese regelrecht in sich aufsog und mumifizierte, sie quasi in Leder verwandelte. Leider entzog sich das Zeug hartnäckig einer genauen Analyse.
Man fand bei Borzov auch eine Art Tagebuch, in dem er fanatische – und wahnsinnige – Hasstiraden gegen die „Schmarotzer der Menschheit“ ausstieß, als die er Obdachlose, Drogensüchtige, Prostituierte und andere Menschen betrachtete. Aus diesen Aufzeichnungen ging eindeutig hervor, dass er nur zu dem Zweck nach Cleveland gekommen war, um hier seinen Vernichtungsfeldzug gegen besagte Schmarotzer zu beginnen. Offenbar hatte er Cleveland wahllos von der Landkarte ausgesucht, da es weit genug weg von seinem Wohnort Atlanta lag, dass der Verdacht wohl kaum auf ihn gefallen wäre.
Außerdem gab es Anzeichen dafür – und entsprechende Eintragungen in seinem Tagebuch –, dass er mindestens einen Komplizen gehabt haben musste und dass Mrs. Nora Halston die zweite Maske in Borzovs Auftrag hatte beschaffen sollen. Zu diesem Zweck hatte sie sich mit Kingsley getroffen, nachdem der die Maske ersteigert hatte und nicht sie, um sie ihm abzuschwatzen. Was sich dann in dem Hotelzimmer abgespielt und welche genauen Umstände zu ihrem Tod geführt hatten, ließ sich beim besten Willen nicht rekonstruieren.
Kingsley kam vor Gericht, und Bill Crawfords einzige Chance, seinen Mandanten vor einer Verurteilung wegen Mordes zu bewahren, war, genug begründete Zweifel an dessen Täterschaft bei der Jury zu wecken, dass sie ihn wegen eben dieser Zweifel freisprach. Sam sagte vor Gericht zu ihren Ermittlungsergebnissen aus und beeinflusste dabei die Jury mit einem Zauber dahingehend, dass sie Kingsleys Aussage glaubten, er sei von hinten niedergeschlagen worden, hätte Nora Halston tot aufgefunden, als er aus der Bewusstlosigkeit erwachte und sei darauf in Panik geflohen.
Auch Ronan Kerry machte seine Aussage und versicherte, dass die Polizei nach wie vor fieberhaft nach dem unbekannten Dritten fahndete, gegenwärtig allerdings keine heiße Spur hatte. Zusammen mit Bills flammendem Plädoyer, dem auch Jason Goldstein als Zuhörer beiwohnte, und Sams Zauber genügte das, um die Jury von Kingsleys Unschuld zu überzeugen. Er wurde von allen Anklagepunkten freigesprochen und die immer noch vorhandenen ungeklärten Fakten und Widersprüche ignoriert. Und für Bill bedeutete der gewonnene Prozess eine Festanstellung bei Weston, Kruger & Goldstein.

Ein paar Monate später

Sam saß auf der Terrasse ihres Hauses, was ihr in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden war und starrte auf den Eriesee hinaus. Heute war dessen Wasser ruhig und beinahe spiegelglatt, und Sam wünschte sich dasselbe auch für ihre Gefühle. Aber Scotts Tod schmerzte sie immer noch, wenn dieses Gefühl auch längst nicht mehr so stark und definitiv nicht mehr so zerstörerisch war. Es hatte sich zu einem tiefen Bedauern gewandelt, das ihr Leben allerdings nicht mehr negativ beeinträchtigte.
Noch immer suchte sie ausschließlich Axaryn oder Nyros auf, wenn sie Hunger hatte, obwohl sie feststellte, dass ihr Appetit auf Menschenenergie langsam zurückkehrte. In ein paar Tagen oder Wochen würde sie die wieder genießen können. Auch ihre Arbeit für die Menschen erfüllte sie nicht mehr mit dem Widerwillen wie unmittelbar nach Scotts Tod. Zwar empfand sie die immer noch nicht wieder als befriedigend wie früher, geschweige denn, dass sie ihr ein Bedürfnis war, aber auch das mochte eines Tages wieder kommen.
Das Klingeln des Handys, das sie gewohnheitsgemäß an ihrem Gürtel trug, riss sie aus ihren Gedanken. Noch bevor sie das Gespräch angenommen hatte, wusste sie, dass der Anruf von Ronan Kerry kam.
„Was kann ich für dich tun, Ron?“, fragte sie, ohne seine Begrüßung abzuwarten.
„Ich wollte dich warnen, Sam“, antwortete Ronan wie immer in Gälisch, wenn er nicht wollte, dass einer seiner Kollegen mitbekam, worüber er mit Sam sprach. „Und ich brauche deine Hilfe. Wir haben ein paar scheußlich zugerichtete Leichen gefunden, die nach den Anderen stinken. Ich fürchte, wir haben diesmal ein wirklich großes Problem. Die Pathologen sind sich zwar noch nicht darüber einig, was die Leute umgebracht hat und streiten sich, ob es ein irgendwo entwichenes Raubtier war oder die Ritualmorde einer Gruppe von Wahnsinnigen. Die Wahrheit ist, dass sie von Werwölfen regelrecht zerfleischt wurden.“
Sam hörte, wie Ronan am anderen Ende der Leitung zitternd die Luft ausstieß, ehe er sehr ernst sagte: „Sam, wir haben ein Schwarzes Rudel in Cleveland. Und wir werden jeden verfügbaren Krieger brauchen, um ihm Einhalt zu gebieten. Andernfalls wird kein Mensch hier mehr sicher sein ...“

Ende

Fussnoten:

Zurück zum Text

Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Masken
Masken gibt es in jeder Kultur der ganzen Welt, und sie spielen heutzutage unterschiedliche Rollen. Oft sind sie nur noch Überbleibsel alter Rituale, die an (magischer) Bedeutung verloren haben wie zum Beispiel die Karnevals- und Fastnachtmasken im süddeutschen Raum. Ursprünglich dienten letztere der Vertreibung der Wintergeister und anderer Dämonen. In allen Kulturen stellten die Masken aber Abbilder oder Teilaspekte von Gottheiten dar, und wer sie trug, wurde vom Geist der betreffenden Gottheit besessen und war in dem Moment die Gottheit selbst. In dieser Funktion werden sie heute noch in Afrika (z. B. beim Stamm der Dogon) und Asien verwendet. Später dienten sie, z. B. in Theaterstücken, dazu, in die „Maske“ anderer Personen zu schlüpfen und sie darzustellen. Das Wort „Grimasse“ stammt übrigens von „Grima“, dem althochdeutschen Wort für „Maske“.

Quelle: Barbara Walker: „Encyclopedia of Myths and Secrets“

Maya
Die Maya sind eine Gruppe von indianischen Stämmen, die in Südamerika lebten und für ihre hoch entwickelte Kultur bekannt waren. Ihr Gebiet erstreckte sich über Yucatan, Guatemala, Belize, Honduras. Ihre größten Errungenschaften waren der Maisanbau, der Bau von bis zu 65 m hohen Stufenpyramiden sowie ihre astronomisch hoch entwickelten Kalender. Bis zur Ankunft der Spanier besaßen sie auch als einziges indianisches Volk eine auf Bildsymbolen basierende Schrift.

Quelle: Wikipedia

Jaguargott
Bei den Maya gab es mehrere Jaguargötter. Der Name „Balam“ für diese Gottheit ist nichts anderes als das Maya-Wort für Jaguar. Balam galt als Beschützer der Felder und Ernten und schützte die Menschen vor Feinden. Er gilt auch als Gott der Unterwelt und ist einer der ältesten Götter der Maya. Er stellt nicht nur ein Symbol der Macht, sondern stellte auch einen Aspekt des Sonnengottes Kinchi Ahau dar, der sich, sobald er in der Dämmerung in die Unterwelt begab, um sie zu durchwandern, bis er am nächsten Morgen wieder daraus hervorging (Sonnenaufgang), zum Jaguargott und Herrn der Unterwelt wurde.

Quelle: Diverse

Baba Jaga
Baba Jaga ist die alte russische Göttin der Unterwelt, des Todes und der Hexenkunst. Manchmal wird sie auch als Kriegsgöttin angesehen, die ihre Spuren mit dem Besen verwischt. Sie wohnt in einer Hütte aus Hühnerbeinen, die sich auf ihr Geheiß „mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderfront zu mir“ dreht und von einem Zaun aus Menschenknochen umgeben ist, auf deren Spitzen Totenschädel sitzen. Sie fliegt entweder des Nachts auf einem Besen durch die Luft oder in einem hölzernen Mörser. Ein Mensch, der schlau genug ist, kann ihr Wohlwollen erringen und von ihrer Zauberkunst profitieren. Im Russischen ist „Baba-Jaga“ auch ein Schimpfwort für eine hässliche alte Frau.

Quelle: Herders Lexikon der Mythologie

Im nächsten Roman:
Mehrere Morde mit teilweise bestialisch zerfleischten Leichen lassen nur einen einzigen Schluss zu: Werwölfe gehen in Cleveland um, die eindeutig zu den „Dunkelwölfen“ gehören, die verbotenerweise Menschen als ihre rechtmäßige Beute betrachten. Damit nicht genug, setzen sie alles daran, ihre Zahl durch die Verwandlung von Menschen zu erhöhen, um eine regelrechte Wolfsarmee zu schaffen, denn „Das Schwarze Rudel“ will Cleveland zu seinem Territorium machen. Sam, Ronan Kerry und Arvin Ravenstone, ein Wächter und selbst ein Werwolf, bekommen alle Hände voll zu tun, um die Menschen davor zu beschützen.
Und ein Werwolf, den Sam vor dem Tod durch seine eigenen Kumpane gerettet hat, verfolgt zudem noch ganz eigene Pläne, sodass sie nicht weiß, auf wessen Seite er steht oder ob sie ihm trauen kann ...

Das Schwarze Rudel“ erscheint am 05.12.09 exklusiv bei

© Mara Laue

 

© by 2009
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox