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- #7: Die Unadru-Schriften
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Rocky Mountains, heute
„Ein Lied! Zwo, drei vier!“, befahl eine junge Männerstimme und begann gleich selbst zu singen.
„In a cavern by a canyon excavating for a mine
lived a miner, fourty-niner, and his daughter, Clementine ....”
„Halt die Klappe, Jason!”, verlangten gleich mehrere seiner Begleiter. „Du vertreibst ja alles hier in der Umgebung mit deinem Gegröle.“
„Ja, vor allem mit diesem scheußlichen alten Lied!“, stimmte eine junge Frau zu und wandte sich an den Leiter der Wandergruppe. „Wir durften keine Walkmans und Discmans mitnehmen, aber der darf singen? Das ist nicht fair, Professor!“
Professor Douglas MacGregor schmunzelte. „Nun, gegen Singen ist nichts einzuwenden“, meinte er. „Singen macht glücklich, stärkt die Lungenfunktion, und gemeinsames Singen fördert das Gemeinschaftsgefühl. Und das ist ja nun mal der primäre Zweck unseres Ausflugs.“
„Ich verstehe nicht, wozu wir überhaupt eine Gemeinschaft sein sollen“, beschwerte sich Jason Gorman. „Wir sind angehende Kryptologen und werden unser Berufsleben in einsamen Arbeitszimmern mit der Entschlüsselung von Codes, Schriften, Symbolen und so weiter verbringen. Wozu also dieser Ausflug?“
MacGregors Schmunzeln wurde breiter. „Weil Sie Ihre Zeit eben nicht nur in der erwähnten Weise verbringen werden, meine jungen Damen und Herren“, erklärte er. „Zum Beruf eines Kryptologen gehört auch der Kontakt zu Auftraggebern, Sponsoren, Behörden, Politikern, exzentrischen Privatpersonen, die man becircen muss, damit sie einem Zugang zu ihren Schätzen gewähren, manchmal auch mit der Polizei und ganz sicher mit so manchem Zerberus, der in irgendeinem Museum darüber entscheidet, wer ein Exponat ansehen und ausleihen darf. Diplomatisches Geschick ist also eine Grundvoraussetzung unseres Berufs. Und das kann man sich nun mal nicht im stillen Kämmerlein aneignen. Hier draußen können Sie lernen, auch mit Menschen zurechtzukommen, die sie nicht unbedingt zu Ihren Freunden zählen, und allein diese Erfahrung ist von unschätzbarem Wert. Also, Jason, singen Sie ruhig weiter.“
Mehrstimmiges Stöhnen antwortete ihm, weshalb Jason schulterzuckend darauf verzichtete, der Aufforderung nachzukommen. Douglas MacGregor schmunzelte und marschierte zügig voran.
Er war ein dynamischer Mann Mitte Fünfzig, der dem alten Motto anhing, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnte, weshalb er sich fit hielt und auf seine Ernährung achtete. Er spielte regelmäßig Tennis, wanderte und ging hin und wieder Bergsteigen. Nicht nur deshalb lud er seine Studenten jedes Jahr dazu ein, mit ihm auf eine mehrtägige Wandertour durch die Rocky Mountains zu gehen, denn – wie er ihnen gerade erklärt hatte – förderten solche gemeinsamen Aktivitäten diverse soziale Kompetenzen, ohne die sie in ihrem künftigen Berufsleben nicht auskommen würden.
Die Wochenendtour im Februar, auf der er sich gerade befand, war schwieriger zu bewältigen als die große Wandertour in den Sommerferien. Der Marsch durch den Schnee mit den klobigen Schneeschuhen war anstrengend, obwohl sie sich ausschließlich auf ausgewiesenen Wanderwegen bewegten. Und in der Kälte im relativ dünnen Zelt zu übernachten, bildete eine Herausforderung ganz eigener Art, weshalb auch nur die Unerschrockensten seiner Studenten daran teilnahmen. Insgeheim erhofften sie sich, da war MacGregor sich sicher, dadurch bessere Beurteilungen ihrer Leistungen. Tatsächlich hatte er die Macht dazu, seine Studenten unabhängig von ihren nachweisbaren Leistungen durch Klausuren so zu beurteilen wie er es für richtig hielt. Und die Macht, das musste er zugeben, gab ihm insgeheim ein gutes Gefühl.
MacGregor erinnerte sich noch gut daran, wie schwach seine Kurse vor dem Jahr 2003 besucht gewesen waren – dem Jahr, in dem Dan Browns Bestseller „The Da Vinci Code“ erschien, dessen Held der Kryptologe Robert Langdon war. Im darauffolgenden Semester hatte er sich vor Anmeldungen für seinen Kurs kaum retten können und etliche Studenten aufs nächste Semester vertrösten müssen. Dieses Interesse an seinem Fach war bis heute nicht abgeklungen, obwohl der Andrang inzwischen nicht mehr ganz so groß war. Geblieben war aber die Option, dass er sich seine Studenten aussuchen und nur die Vielversprechendsten wählen konnte, statt wie früher froh sein zu müssen, wenn die Mindestzahl für seinen Kurs überhaupt erreicht wurde. Im Geiste hatte er deswegen Mr. Dan Brown schon so manchen Dankesaltar errichtet.
„Oh Scheiße!“
Jamal Ocholis Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. MacGregor blieb stehen und blickte zurück. Der junge Afroamerikaner hatte sich offensichtlich für eine kleine Pinkelpause ins schneebedeckte Gebüsch schlagen wollen und war dabei mit dem Schneeschuh in irgendeine unter dem Schnee unsichtbare Vertiefung geraten, gestolpert und hingefallen. Wie es aussah, steckte der Fuß noch fest, und Jamal stöhnte vor Schmerzen. MacGregor konnte selbst aus dieser Entfernung erkennen, dass der Fuß im günstigsten Fall schlimm verstaucht und im schlimmsten gebrochen war.
„Keine Panik!“, beruhigte er die Studenten, die sich um ihren Kameraden scharten und aufgeregt durcheinander redeten. „Lassen Sie mich mal sehen.“
Als Bergsteiger hatte MacGregor natürlich auch so manchen Erste Hilfe Kurs absolviert. Zwar kletterte er selten allein, aber wenn seinen Freund und zeitweiligen Begleiter Mortimer Sachs oder ihn selbst dabei die eine oder andere Blessur ereilte, so war er in der Lage, die wichtigsten Notfallmaßnahmen ergreifen zu können. Er kniete sich neben Jamal hin und tastete vorsichtig den Fuß ab, wo er aus dem Erdloch ragte.
„Nichts gebrochen“, stellte er fest. „Aber böse verstaucht. Wir müssen zunächst Ihren Fuß aus dem Loch befreien und anschließend eine Trage oder ein Travois bauen, um Sie zurück zum Ranger-Lager zu bringen.“
Ein paar der Studenten stöhnten. „Wir müssen ihn doch nicht etwa den ganzen Weg zurückschleppen, Professor!“
„Nicht unbedingt“, beruhigte MacGregor die jungen Leute. „Aber das wird sich zeigen, sobald ich den Fuß untersuchen konnte.“
„Verdammt, Jamal, hättest du nicht aufpassen können?“, hielt ihm Johnny Yo vor.
„Hey, ich bin bestimmt nicht mit Absicht in das verdammte Loch getreten!“, beschwerte sich Jamal.
„Keinen Streit, Herrschaften“, mahnte MacGregor. „Einem verletzten Kameraden zu helfen, gehört auch zu den sozialen Kompetenzen, die Sie hier kostenlos lernen können.“ Er ignorierte das unwirsche Murren der Studenten und fügte hinzu: „Also graben Sie Jamals Fuß vorsichtig aus, während ich ein paar Äste für eine Trage suche.“
Und nach denen brauchte er nicht lange zu suchen. Ein paar Meter entfernt lag ein umgestürzter Baum, den wohl der letzte Sturm gefällt hatte. Beim Fall waren etliche seiner starken Äste abgebrochen, die sichtbar unter dem Schnee herausragten, sodass MacGregor sich nur noch ein paar aussuchen und zurechtschneiden musste. Er hatte schnell zwei passende Zweige gefunden, setzte seinen Rucksack ab und zog den ersten problemlos unter dem Baum hervor. Doch der zweite war unter dem Stamm eingeklemmt oder festgefroren, und es bedurfte einer nicht gerade geringen Kraftanstrengung, ihn zu befreien.
MacGregor stemmte die Füße gegen den Boden, wobei er trotz der Schneeschuhe ein gutes Stück im Schnee versank und zog mit aller Kraft daran. Im selben Moment, als der Ast endlich freikam, gab der Boden unter seinen Füßen nach, und er fiel in die Tiefe. Sein Körper prallte schmerzhaft auf eine harte Schräge, und spitze Steine bohrten sich durch den dicken Anorak in seine Haut und rissen seine Kleidung auf. Er rutschte sich überschlagend abwärts und rollte seinen Körper instinktiv zusammen, sodass er die Gefahr verminderte, sich die Knochen zu brechen – falls er nicht zu tief fiel ...
Mit einem dumpfen Aufprall, der ihm die Luft aus den Lungen presste, kam er schließlich am Boden des Lochs an, entrollte sich augenblicklich und schnappte nach Luft. Ein Hustenanfall schüttelte ihn, als er dabei Staub einatmete, der in einem heftigen Niesen endete. Für einen Moment blieb er reglos liegen und wartete, ob noch weitere Erde oder Geröll auf ihn zu fallen gedachten, doch es schien vorbei zu sein. Mühsam richtete er sich auf und sah sich um. Seine Schneeschuhe waren gebrochen, und er schnallte sie ab, während er sich zu orientieren versuchte.
Durch das Loch, durch das er gefallen war, schien genug Tageslicht in die Tiefe, dass er einigermaßen erkennen konnte, wo er sich befand. Es war eine Höhle, deren Wände ungewöhnlich glatt poliert und gerade waren, beinahe so, als wären sie künstlich bearbeitet worden. Ein Gewirr dunkler Linien darauf zeugte von Wurzelwerk, das im Laufe der Zeit darüber gewachsen war. Unmittelbar unter dem Loch befand sich eine Ansammlung von Geröll, wo die Decke der Höhle offensichtlich schon vor langer Zeit teilweise eingebrochen war. Vielleicht sogar durch den Baum, der darauf gefallen war. MacGregors zusätzliches Gewicht hatte der dadurch fragil gewordenen Decke den Rest gegeben und sie einstürzen lassen.
Genau genommen hatte der Kryptologe noch Glück gehabt. Wäre er nicht auf den Geröllberg gefallen, so hätte er sich durch den Sturz alle Knochen gebrochen. So aber hatte er nur ein paar Hautabschürfungen, oberflächliche Risswunden und Prellungen davon getragen. Das Einzige, was den Sturz tatsächlich nicht überlebt hatte, waren die Schneeschuhe, und seine Jacke und Hose hatten ebenfalls gelitten. Doch zum Glück hatte er Ersatz im Rucksack.
„Professor! Ist Ihnen was passiert? Geht es Ihnen gut? Leben Sie noch?“ Michelle Colberts Stimme klang beinahe panisch.
„Nein. Ja. Ja“, antwortete MacGregor amüsiert und erläuterte: „Nein, mir ist wohl nicht allzu viel passiert, es geht mir ganz gut – abgesehen davon, dass ich in diesem Loch sitze –, und ich lebe definitiv noch. Also keine Panik, Michelle. Werfen Sie mir bitte eine Taschenlampe runter. Und bleiben Sie vom Rand des Lochs weg! Es könnte sein, dass der ebenfalls instabil ist, und es reicht, wenn einer von uns hier unten sitzt.“
„Ja, vor allem, wenn es sich dabei um denjenigen handelt, der den Rückweg kennt“, ergänzte Jason. „Mann, Professor, Sie haben uns einen schönen Schrecken eingejagt.“
„Ich mir selbst auch“, antwortete MacGregor ironisch. „Okay, also wir haben genug Seile, und Sie werden eins davon um einen Baum binden, der ein gutes Stück von dem Loch entfernt ist. Ein zweites knoten Sie daran fest – aber wirklich gut fest! – und werfen das Ende zu mir runter. Den Rest schaffe ich schon allein.“
Die jungen Leute machten sich daran, seine Anweisungen auszuführen.
„Hier kommt die Taschenlampe, Professor!“
Michelles Hand erschien über dem Loch, und MacGregor stellte sich am Fuß des Geröllhügels auf, um sie aufzufangen. Die junge Frau zielte kurz und warf sie ihm zu. Er fing sie geschickt auf.
„Was ist denn da unten?“, rief Michelle von oben herab.
„Ich hoffe keine überwinternden Schlangen oder andere unangenehme Zeitgenossen“, antwortete MacGregor und schaltete die Lampe ein.
Die Höhle war nicht besonders groß, besaß einen ovalen Grundriss und maß vielleicht zehn mal fünfzehn Meter. Die Decke war an ihrer niedrigsten Stelle etwa fünf Meter und an ihrer höchsten knapp acht Meter hoch. Doch das, was MacGregor für Wurzeln an den Wänden gehalten hatte, entpuppte sich als etwas ganz anderes, und er hielt unwillkürlich die Luft an.
Die Höhlenwände waren über und über mit in den Stein eingemeißelten Symbolen oder Schriftzeichen bedeckt. Der Kryptologe trat gebannt näher und ließ seine Hand darüber gleiten. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als ihm bewusst wurde, dass er hier möglicherweise etwas Großartiges und Einmaliges entdeckt hatte. Doch etwas irritierte ihn. Falls es sich bei den Symbolen tatsächlich um eine Schrift handelte, so wirkte sie erstaunlich modern und glich auf den ersten Blick einer Ansammlung von mathematischen und physikalischen Zeichen. Doch wer sollte sich eine solche Mühe machen und eine ganze Höhle mit solchen Zeichen gravieren?
„Was sehen Sie, Professor?“ Michelles Stimme riss ihn aus seiner Betrachtung.
MacGregor öffnete schon den Mund, um ihr seine Entdeckung mitzuteilen, schloss ihn aber wieder. Was immer es bedeutete, dass diese Symbole hier unten mitten in den Rocky Mountains weit ab jeglicher Zivilisation an den Wänden einer Höhle prangten, es konnte tatsächlich eine Sensation sein. Und wer die entdeckte und die Bedeutung dieser Symbole zu entschlüsseln in der Lage war – und auch noch ein Buch darüber verfasste –, wäre ein gemachter Mann in der Fachwelt, dessen Namen man in einem Atemzug mit Champollion, Schliemann oder Carter nennen würde. Aber nicht, wenn er den Ruhm – und die Tantiemen für das potenzielle Buch – noch mit einem Haufen von Studenten teilen musste.
„Professor?“
„Was hier unten ist, wollen Sie wissen?“, antwortete er Michelle. „Steine, Geröll, Staub, Wurzeln und eine verdammte Menge Spinnen“, log MacGregor, denn es gab hier tatsächlich keine einzige. „Zum Glück gibt es in diesen Breiten keine Exemplare, die giftig wären. – Und wo, zum Teufel, bleibt das Seil?“ Er schaltete die Taschenlampe aus und kehrte zum Ausstiegsloch zurück.
„Kommt schon, Professor!“, rief Jason, und im nächsten Moment fiel das Ende des Seils in das Loch, das gerade tief genug reichte, dass MacGregor es greifen konnte, wenn er sich danach streckte.
MacGregor steckte die Taschenlampe in den Gürtel und hangelte sich geschickt nach oben. Seine Studenten hatten inzwischen Jamals Fuß aus dem befreit, was sich als Kaninchenloch entpuppte, und der Professor untersuchte ihn kurz.
„Sie sehen ein bisschen ramponiert aus, Professor“, stellte Johnny Yo grinsend fest.
„So wie Sie aussehen würden, wenn Sie an meiner Stelle in das Loch gefallen wären“, konterte MacGregor. „Also, gebrochen ist der Fuß nicht, aber wandern können Sie mit ihm auch nicht mehr, Jamal.“
„Scheiße!“, knurrte der junge Schwarze. „Tut mir echt leid, Leute.“
„Was machen wir denn nun, Professor?“, wollte Jason wissen.
„Tja“, meinte MacGregor, „unter diesen Umständen müssen wir unsere Tour abbrechen. Aber“, fügte er schmunzelnd hinzu, „ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie darüber nicht allzu unglücklich sind.“ Er richtete sich wieder auf. „Okay, wir machen Folgendes. Wir kehren zu unserem letzten Lagerplatz zurück, verarzten dort Jamals Bein ordentlich und bereiten alles dafür vor, dass wir ihn möglichst schonend – und zwar für alle Beteiligten – morgen wieder in die Zivilisation zurückschaffen können. Keine Sorge, Leute, wir schaffen das schon.“
Er umwickelte Jamals Fuß mit einer elastischen Binde, während Jason und Johnny nach seinen Anweisungen die beiden Äste zusammenbanden und eine Decke dazwischen befestigten, sodass ein provisorisches Travois entstand, eine Schlepptrage, die sie abwechselnd ziehen konnten. Während Johnny die Rolle des ersten „Zugpferds“ übernahm, trugen Jason und MacGregor seinen und Jamals Rucksack, nachdem er sich Jamals Schneeschuhe angeschnallt hatte und Michelle ging voran.
MacGregor gab sich die größte Mühe, sich ganz normal zu benehmen und nicht durch Hektik oder gar Ungeduld zu verraten, dass er in der Höhle etwas entdeckt hatte, das er vor seinen Studenten verheimlichte. Dass der letzte Lagerplatz gerade mal eine Wegstunde von der Höhle entfernt lag, kam seinen Plänen sehr entgegen. Heute Nacht, wenn die jungen Leute schliefen, würde er sich mit einer Kamera bewaffnet zurückschleichen und die gesamten Inschriften der Höhle fotografieren. Außerdem würde er ihren genauen Standtort per GPS ermitteln.
Sollte sich der Fund wider Erwarten nicht als die Sensation entpuppen, für die er ihn hielt, so würde er sich auch nicht lächerlich gemacht haben, weil er ihn dafür gehalten hatte. Aber wenn es eine war, so gehörte sie ihm ganz allein – nebst allen lukrativen Begleiterscheinungen. Und das wollte er sich unter keinen Umständen nehmen lassen. Und erst recht mit niemandem teilen.

Mitternacht war bereits vorüber, als endlich der Letzte seiner Studenten in seinem Zelt eingeschlafen war. Douglas MacGregor hatte sich bereits relativ früh am Abend in sein Zelt zurückgezogen und gehofft, sein Beispiel würde auch die jungen Leute dazu animieren, es ihm gleich zu tun. Doch er hatte die Ausdauer der Jugend unterschätzt, was ihre Kraftreserven nach einem anstrengenden Tag betraf. So war seine Geduld auf eine harte Probe gestellt worden.
Doch jetzt war er endlich auf dem Weg zur Höhle und kam sich dabei vor wie Indiana Jones auf der Jagd nach dem verlorenen Schatz. Eigentlich hielt er diese Filme für absolut lächerlich und hätte sich unter normalen Umständen jeden derartigen Vergleich verbeten. Aber da war er auch noch nicht auf eine potenzielle Sensation gestoßen.
Zwischendurch blieb er immer wieder stehen, blickte zurück und lauschte, ob ihm jemand folgte. Aber alles blieb still bis auf die Geräusche des nächtlichen Waldes: knisterndes Eis, von den Bäumen fallende Schneeklumpen und ab und zu der Schrei einer Eule. Falls ihm aber doch jemand folgen sollte, so hatte er sich schon eine plausible Ausrede zurechtgelegt, um zu begründen, weshalb er mitten in der Nacht und ganz allein noch einmal in die Höhle kletterte.
Er hatte sie jetzt erreicht und knotete das Seil um den Baum, der am Morgen schon dafür benutzt worden war. Zu den Ausrüstungsgegenständen, die er ständig bei sich hatte, wenn er mit oder ohne seine Studenten auf Wandertour ging, gehörte auch ein Bergsteigerhelm mit einer Helmlampe. Die setzte er jetzt auf, schaltete sie ein, sicherte sich mit dem Seil und ließ sich vorsichtig in die Höhle hinab. Sie war noch genauso, wie er sie am Morgen verlassen hatte, und kein Tier hatte sich durch das einladend offene Loch hinein verirrt. Sah man davon ab, dass es jetzt hier unten tatsächlich von Spinnen wimmelte, die vorher nicht da gewesen waren. Das sprach dafür, dass es sich bei der Höhle wohl um einen völlig abgeschlossenen Hohlraum gehandelt hatte.
MacGregor löste das Seil von seiner Taille und sah sich diesmal etwas genauer um. Er beleuchtete jede Wand und vor allem auch die Decke und stellte fest, dass es hier nirgends einen Hinweis darauf gab, wie derjenige, der die Schrift in die Wände gemeißelt hatte, überhaupt hier herein gekommen war. Die Höhle wirkte wie eine Luftblase im Fels, die weder Eingang noch Ausgang besaß, kein Schlupfloch im Boden und – bevor MacGregor in sie eingebrochen war – auch keine Öffnung in der Decke. Die zeigte an den Rändern des Lochs zwar deutliche Spuren, dass der Fels darüber im Laufe der Jahrhunderte erodiert war, weshalb sie so dünn geworden war, dass sie MacGregors Gewicht nicht mehr getragen hatte. Aber an keiner Stelle gab es die unverkennbaren Spuren, dass dort einmal eine Öffnung gewesen wäre. Und da das Innere dieser Höhle keiner Witterung ausgesetzt gewesen war, die diese Spuren hatte beseitigen können, war es ihm ein Rätsel, wie der unbekannte Schreiber hier herein gekommen war.
MacGregor beschloss, die Lösung dieses Rätsels auf später zu vertagen und widmete sich der Inschrift. Bei näherer Betrachtung bestätigte sich MacGregors erster Eindruck, dass die Schrift erstaunlich modern aussah. Abgesehen von geometrischen Grundformen wie senkrechten und horizontalen Strichen – einzeln oder als Zweier- und Dreiergruppen – sowie Dreieck, Quadrat, Kreis und X, gab es aus der Mathematik das Pluszeichen oder die Zeichen für „kleiner“ und „größer“. Wieder andere erinnerten an Symbole aus dem Wingdings- und Webdings-Alphabet der PC-Schriften, und einige waren ihm völlig unbekannt.
Er trat an die nächstbeste Wand und brachte sein Gesicht dicht vor die eingemeißelten Schriftzeichen. Zwar war er kein Archäologe, aber er wusste genug über die Materie, um sagen zu können, dass diese Schrift nicht erst kürzlich in den Felsen gemeißelt worden war. Die Ränder der einzelnen Zeichen waren scharf und wirkten frisch, was kein Wunder war, denn durch den hermetischen Einschluss hatte hier drinnen keine Verwitterung stattgefunden. Theoretisch konnten sie hier schon seit Hunderten oder gar Tausenden von Jahren existieren oder tatsächlich relativ jung sein. Um den genauen Zeitpunkt der Entstehung dieser Schriften festzustellen, würde er früher oder später wohl einen Archäologen zurate ziehen müssen.
Doch vorher würde er erst einmal alles tun, damit diese Höhle geheim blieb, bis er herausgefunden hatte, um welche Schrift es sich handelte. Danach würde er mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit gehen und sich als ihr Entdecker feiern lassen. Da ihm diese Schrift völlig unbekannt war – und er nahezu jede auf der Welt existierende Schrift zumindest schon mal gesehen hatte und identifizieren konnte – musste es eine Sensation sein. Vielleicht hatte er hier die frühen Zeugnisse einer noch unbekannten nordamerikanischen indianischen Kultur entdeckt, die bereits eine Schrift besessen hatte, lange bevor oder zur selben Zeit wie die Maya, Inkas und Azteken die ihre entwickelt hatten.
Der Gedanke elektrisierte ihn, und er machte sich daran, die beschrifteten Wände zu fotografieren. Schließlich nahm er auch noch eine kleine Gesteinsprobe für spätere Analysen mit und kletterte anschließend vorsichtig wieder aus der Höhle.
Draußen war alles ruhig, und keiner der Studenten schien ihm gefolgt zu sein. Er zog das Seil hoch, steckte es in seinen Rucksack zurück. Anschließend bedeckte er das Loch im Boden mit Zweigen des umgestürzten Baums und schaufelte Schnee darüber, damit andere Wanderer es nicht entdeckten und ebenfalls neugierig in die Höhle kletterten. Danach verwischte er mit einem Zweig in guter alter Indianermanier alle Spuren, die zum Loch führten, so gut es ging und kehrte leise ins Lager zurück.
Niemand schien ihn vermisst oder überhaupt bemerkt zu haben, dass er zwischenzeitlich verschwunden war. Das passte hervorragend in seine Pläne. Jetzt musste er nur noch den Rückweg hinter sich bringen, ohne seine Ungeduld zu verraten, damit die jungen Leute keinen Verdacht schöpften. Und sobald er wieder in der Zivilisation war, würde er sich in jeder freien Minute ganz seiner Entdeckung widmen. Und mit dem Bewusstsein, dass er kurz davor stand, ein berühmter Mann zu werden, schlief er schließlich ein.

Die Prophetin öffnete ihre goldfarbenen Augen und seufzte tief. Was sie gerade in ihrer Vision gesehen hatte, bestätigte die Ahnungen, die seit einiger Zeit wie hauchdünne Nebelgespinste ihre Träume durchzogen. Die Zeit war nun also gekommen, und ES würde geschehen. Die Fehler der Vergangenheit mochten manchmal eine lange Zeit damit warten, ehe sie ihre Konsequenzen offenbarten – Jahrtausende sogar –, aber die Folgen traten irgendwann unweigerlich ein. Immer. Und die des größten Fehlers, den jemals ein mächtiger Dämon begangen hatte, seit die Welten existierten, standen kurz davor, ihn heimzusuchen. Doch leider nicht nur ihn, sondern auch zwei der drei Welten.
Und die Zeit, wenn der Schwarze und Goldene Krieger diese Gefahr endgültig bannen würde, war noch nicht gekommen.
Die Prophetin seufzte erneut und schloss die Augen wieder. Was geschehen würde, würde geschehen. Und einige Dinge aus der Vergangenheit waren gerade dabei, sich mit teilweise denselben wie auch teilweise anderen Akteuren zu wiederholen. So würde es immer wieder geschehen, bis der Schwarze und Goldene Krieger dem irgendwann in der Zukunft ein Ende bereitete.
Doch nach dem, was die Prophetin jetzt in ihren Visionen sah, war es nicht einmal sicher, ob dieser Krieger überhaupt jemals geboren werden würde ...

Atlantis, 9603 v. Chr.
Schreie gellten durch die Nacht, als eine riesige Feuerwalze sich durch die Straßen von Alatana, der Hauptstadt von Atlantis fraß und alles vernichtete, was ihr in den Weg kam. Die Menschen versuchten zu fliehen, doch nur jene, die über die Gabe der Magie verfügten und die, die sie durch ihre magischen Tore mit sich nehmen konnten, schafften es. Die anderen wurden ein Opfer der Flammen oder von den herabstürzenden Trümmern ihrer zerstörten Häuser verschüttet. Gleichzeitig erhoben sich gigantische Flutwellen aus dem Meer und schlugen über anderen Teilen von Atlantis zusammen.
Und der Dämon, den die Unterwelt ausgespuckt hatte, um Atlantis zu zerstören, wütete mit einer so schrecklichen Gewalt und Brutalität, wie sie die Bewohner der heiligen Insel noch nie erlebt hatten.
Wer konnte, rettete sich auf den Berg Lantor, der in der Mitte der großen Insel lag und den Tempel von Ishaltara beherbergte, der Schutzgöttin von Atlantis. Doch der Tempel war bereits überfüllt, und selbst der gesamte Berg war nicht groß genug, um alle Flüchtlinge aufzunehmen, die das magische Tor passieren wollten, das die Priesterschaft unablässig offen hielt, um die Menschen auf den Kontinenten der Welt in Sicherheit zu bringen. Allerdings hätte es auch keinen Unterschied gemacht, wenn der Platz ausgereicht hätte. Atlantis war dem Untergang geweiht, falls es den Priesterinnen und Priestern nicht doch noch gelang, das Unheil abzuwenden, das über sie hereingebrochen war.
Das war allerdings höchst unwahrscheinlich, denn der Unaussprechliche, dessen Zorn sich die Priesterschaft zugezogen hatte, wollte die Vernichtung ihres gesamten Volkes. Atlantis, deren Bewohner von den Göttern selbst abstammten, war in der Mittelwelt eine Bastion des Lichts, und Er, der sich zum Herrn der Unterwelt aufgeschwungen und beschlossen hatte, sich die Erde untertan zu machen, hatte alles daran gesetzt, das Licht von Atlantis zu korrumpieren. Dafür schreckte er auch nicht vor den perfidesten Methoden zurück. Aber das war seine Natur, und niemand machte ihm daraus einen Vorwurf. Der Vorwurf traf vielmehr diejenigen, die sich von Ishaltara und Ihren Lehren abgewandt hatten und dem Unaussprechlichen gefolgt waren.
Syvon, einer der Erzpriester des Tempels, wusste das nur allzu gut, denn auch ihn hatte der Unaussprechliche auf seine Seite zu ziehen versucht. Sein Lockmittel war eine Dämonin in Gestalt einer wunderschönen Frau, die Syvon mit ihrer unheiligen Magie unwiderstehlich verführt und eine Zeitlang an sich gebunden hatte, und es hatte seiner gesamten magischen Macht bedurft, um sich wieder aus ihrem Bann zu befreien.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ohne die Hilfe seines jüngeren Bruders Vesgyn hätte er das niemals geschafft. Der Bann, den Ta’i’Menéssia Ta’i’kunu über ihn geworfen hatte, war selbst für einen Erzpriester mit Syvons Fähigkeiten zu stark gewesen, und er verfluchte sich noch immer für seine Schwäche, die es überhaupt so weit hatte kommen lassen.
Allerdings hatte er einen hohen Preis für eben diese Schwäche bezahlt. Menéssia hatte ihm eine Tochter geboren, und Syvon hätte alles getan, um sein Kind nicht in die Hände des Unaussprechlichen fallen zu lassen. Er hatte sich sogar vorübergehend mit Axaryn verbündet, einem mächtigen Dämon, um seine Tochter aus der Unterwelt zu holen, und Axaryn hatte Tarynya zu ihm gebracht. Seitdem war der Unaussprechliche noch mehr bestrebt, die Priesterschaft Ishaltaras zu vernichten. Und wie es aussah, hatte er jetzt sein Ziel erreicht.
Viele der Priesterschaft waren schon gestorben bei dem Versuch, den Dämon zu vernichten oder wenigstens aufzuhalten. Und die noch lebten, waren zu wenige, um alle Bewohner von Atlantis durch die magischen Tore retten zu können. Wenn sie Glück hatten, würden es ungefähr zweitausend schaffen, der Vernichtung zu entkommen. Doch wie es aussah, würden es eher weniger sein. Sehr viel weniger.
Die Luft neben Syvon schimmerte silbrig, und im nächsten Moment stand Vesgyn schwer atmend vor ihm. Das Gesicht des Krieger-Priesters zeigte alle Anzeichen von Erschöpfung. Es war rußverschmiert, und aus einer Wunde am Kopf sickerte Blut. Syvon deutete mit einem Finger darauf, und die Wunde verschwand. Vesgyn schien es nicht einmal zu bemerken. Er schüttelte den Kopf.
„Es ist zwecklos“, sagte er resigniert. „Wir haben alles versucht, wirklich alles, aber dieser Dämon scheint mit nichts zu besiegen zu sein. Nicht einmal mit der vereinten Kraft der Priesterschaft und nicht einmal“, Vesgyns Stimme zitterte, „mit der Kraft der Göttin.“
Das waren beunruhigende Neuigkeiten, die Syvon kaum glauben konnte. Bisher hatte die Kraft der Göttin noch nie versagt – noch niemals seit Sie Ihr Volk als Hüter des Lichts in die Welt der Menschen entsandt hatte. Dass nicht einmal Sie in der Lage war, den Zerstörer aufzuhalten, den der Unaussprechliche ihnen gesandt hatte, konnte nur bedeuten, dass Sie dem Volk von Atlantis Ihren Segen und ihren Schutz entzogen hatte als Strafe dafür, dass über die Hälfte von ihnen sich dem Unaussprechlichen angelobt hatte, darunter auch etliche Mitglieder der Priesterschaft.
„Sie!“
Syvon und Vesgyn fuhren gleichermaßen zusammen beim Klang der hasserfüllten Stimme. Sie standen auf der marmornen Plattform am Eingang des Tempels, durch den die Flüchtlinge strömten, um durch das magische Tor zu den primitiven Völkern auf den Südkontinenten der Erde zu fliehen. Einer von ihnen deutete jetzt mit einem anklagend ausgestreckten Finger an Syvon vorbei. Als der Priester sich umdrehte, sah er seine Tochter Tarynya halb verborgen im Schatten einer Säule stehen.
„Sie ist an unserem Unglück Schuld!“, rief der Mann jetzt. „Diese abscheuliche Dämonenbrut befleckt den Tempel mit ihrer Anwesenheit! Ihretwegen ist die Strafe der Göttin über uns gekommen!“
„Das ist Unsinn“, widersprach Syvon scharf und stellte sich so, dass sein Körper Tarynya vor den Blicken der Menschen schützte. „Meine Tochter ist der lebende Beweis dafür, dass die Macht des Lichts und der Göttin über die Finsternis und die Tücken des Unaussprechlichen triumphiert. Wenn die Göttin uns straft, dann ausschließlich deswegen, weil etliche von uns sich von Ihr abgewandt haben.“
„Ja“, zischte der Mann, „und du warst einer von ihnen, Syvon! Trotzdem hast du es gewagt, deinen Dämonenbastard hierher zu bringen und damit den Tempel entweiht! Und ihr Priester lasst es zu, dass sie einen weiteren Dämon ausbrütet!“ Er deutete auf Tarynyas gewölbten Bauch, der ihre fortgeschrittene Schwangerschaft verriet.
Syvon schloss für einen Moment die Augen. Das Letzte, was sie in dieser Situation gebrauchen konnten, war ein derartiger Disput. Damit nahmen sie dem Unaussprechlichen einen Teil seiner Arbeit ab, der ihre Zwietracht nutzen würde, um ihnen den Rest zu geben.
„Du hast unrecht, Mann“, verteidigte Vesgyn jetzt seinen Bruder und seine Nichte. „Tarynya ist eine geweihte Priesterin der Göttin, und die hätte ihr wohl kaum Ihren Segen erteilt, wenn ihre Seele nicht rein wäre. Und das Kind, das sie trägt, ist ein Kind des Lichts – nämlich meins.“
Der Mann lachte höhnisch. „Bist du dir da wirklich sicher, Priester?“
Syvon legte seinem Bruder eine Hand auf den Arm, als dieser zu einer weiteren Erklärung ansetzte. „Das führt zu nichts, Vesgyn. Wir haben andere Probleme.“
„In der Tat“, stimmte der Krieger-Priester ihm zu.
Wie um seine Worte zu bestätigen, erzitterte der Boden, als die Küstenlinie von der Gewalt einer Riesenwelle getroffen wurde, nachdem dort bereits das Höllenfeuer gewütet hatte. Den aufeinander treffenden Kräften von Feuer und Wasser war die Erde nicht gewachsen, und ein großes Stück der Küste brach einfach ab und versank im Meer. Gleichzeitig klaffte ein Riss im Boden, der sich rasch mit Meerwasser füllte und sich verbreiterte, als würde das Wasser einen Keil in das Fundament der Insel treiben. Und dieser Keil näherte sich mit beunruhigender Geschwindigkeit dem Tempel ...
Die Menschen schrieen entsetzt auf und drängten panisch in den Tempel, um das rettende Tor zu erreichen, ehe die Insel auseinander gerissen wurde. Doch der Schrecken nahm noch kein Ende. Aus dem durch aufschäumende Gischt, Staub und Wasserdampf entstandenen Nebel schälte sich dort, wo der Küstenstreifen eingebrochen war, eine dunkle Gestalt, die eindeutig nicht aus dieser Welt stammte. Das fahle Licht des Vollmonds und der Widerschein des Flammenmeeres, das sich von Alatana her auf den Berg zuwälzte, verliehen ihr einen noch grässlicheren Anblick.
Ein Rumpf und zwei Beine waren alles, was an einen – wenn auch gigantischen – Menschen erinnerte. Der Kopf des Dämons besaß etwas Echsenartiges mit der breiten Schnauze eines riesigen Salamanders, aus der vier unterarmlange Reißzähne herauswuchsen. Fünf peitschenähnliche Zungen zuckten tentakelartig in unregelmäßigen Abständen dazwischen hervor. Die Augen waren die einer Schlange und glühten in dämonischem Rot. Aus dem kahlen, mit glänzenden schwarzen Schuppen bedeckten Schädel wuchsen sechs unterschiedlich lange, spitz zulaufende Hörner, und es bedurfte nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche tödliche Waffe die darstellten. Sechs muskelbepackte Arme, die in sechsfingerigen, mit scharfen Krallen bewehrten Klauenhänden mündeten, durchpflügten die Luft und zerfetzten alles, was ihnen in den Weg kam. Mit einem markerschütternden Brüllen bahnte sich der Riese seinen Weg den Berg hinauf auf den Tempel zu.
„Oh Göttin!“, flüsterte Syvon entsetzt und fühlte, wie sich Panik in ihm auszubreiten begann. Zwar war er wie alle Erzpriesterinnen und Erzpriester insofern unsterblich, dass er nicht alterte und gegen Krankheiten immun war; aber er konnte immer noch durch Gewalteinwirkung sterben. Und davor fürchtete er sich – wie die meisten Unsterblichen – mehr als jeder Sterbliche. Tarynyas leises Wimmern brachte ihn wieder zu sich, und er wandte sich besorgt um. „Kommt das Kind?“, fragte er alarmiert.
Sie schüttelte den Kopf und nickte zu dem Dämon hin. „Das ist Káshnarokk der Zerstörer!“, stellte sie fest. „Der Scharfrichter von Sata, ich meine, dem Unaussprechlichen.“
„Wie können wir ihn vernichten?“, fragte Vesgyn sofort.
Tarynya schüttelte den Kopf. „Das kann niemand allein. Sogar der Unaussprechliche bräuchte Hilfe, um ihn zu bändigen.“
Weder Syvon noch Vesgyn mussten fragen, woher sie das wusste. Zwar war Tarynya, nachdem Axaryn sie als Kind aus der Unterwelt geholt und zu ihrem Vater gebracht hatte, im Tempel aufgewachsen. Doch Jahrzehnte später hatte sie sich, für alle völlig unverständlich, dazu entschlossen, ihre dämonische Herkunft zu erkunden und war für mehrere Jahre in der Unterwelt verschwunden. Als sie zurückkehrte, war sie völlig verändert und hatte nicht lange danach die Gelübde einer Priesterin abgelegt. Noch heute wunderte sich die gesamte Priesterschaft – einschließlich Syvons und Vesgyns – darüber, dass die Göttin ihren Eid akzeptiert und ihr Ihren Segen gegeben hatte.
Tarynya sprach nie von ihrer Zeit in der Unterwelt, aber Vesgyn wusste, dass sie den Kontakt dorthin und besonders zu Axaryn niemals aufgegeben hatte. Jetzt allerdings mochte das von Nutzen sein.
„Wenn wir seine Schwäche kennen, können wir ihn vernichten“, war Tarynya überzeugt. „Ich werde Axaryn fragen.“ Sie verschwand übergangslos auf eine Weise, die nur Dämonen eigen war.
„Und wie lange wird das dauern?“, fragte Syvon die leere Luft, die sie hinterlassen hatte.
„Wahrscheinlich länger als uns noch Zeit bleibt“, vermutete Vesgyn und deutete auf den Abhang des Berges.
Der Spalt, der sich gebildet hatte und noch immer stetig weiter aufriss, hatte jetzt den Fuß des Berges erreicht und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Die Menschen wurden von den Füßen gerissen und fielen aufschreiend übereinander.
Vesgyn rappelte sich schnell wieder auf und half auch seinem Bruder auf die Füße. „Wir müssen ein zweites Tor bilden, und zwar schnell“, entschied er und wartete nicht erst Syvons Zustimmung ab.
Er schuf ein magisches Tor zwischen zwei Säulen des Tempels, dessen Ziel auf einem anderen Kontinent lag als dem, auf den die Menschen durch das Tor im Tempelinneren gebracht wurden.
„Das ist der falsche Ort“, protestierte Syvon, als er Vesgyn half, die Magie im Boden zu verankern, damit das Tor selbstständig geöffnet blieb.
„Nein“, widersprach sein Bruder. „Wir dürfen nicht alle unsere Leute an ein und denselben Ort bringen. Glaubst du, der Unaussprechliche hört auf, uns zu verfolgen, nachdem er Atlantis vernichtet hat? Wohl kaum! Er wird versuchen, die Überlebenden zu finden, um sein Werk zu vollenden. Wenn wir unsere Leute an einem einzigen Ort konzentrieren, machen wir es ihm leicht, uns alle auf einen Schlag auszulöschen.“
Syvon sah ein, dass sein Bruder recht hatte. „Hierher, Leute!“, rief er den Flüchtenden zu. „Geht durch dieses Tor und mischt euch unter das Volk, das auf der anderen Seite lebt. Werdet ein Teil von ihm und seht zu, dass der Unaussprechliche euch nicht erkennen kann.“
Das war zwar leichter gesagt als getan, denn die Bewohner von Atlantis besaßen feine Züge und eine hoch gewachsene Gestalt, wohingegen die Menschen auf den Kontinenten immer noch grobschlächtige, primitive Barbaren waren. Doch zumindest einigen Atlantern würde die Anpassung gelingen und sie in Sicherheit sein. Sie würden sich eines Tages mit den Primitiven vermischen und ihnen die Kultur von Atlantis bringen und auf diese Weise auch dafür sorgen, dass das Blut der Lichtkrieger und der Priesterschaft Ishaltaras in der Mittelwelt fortbestehen würde.
In dieser Nacht des Schreckens, als die Bewohner von Atlantis durch die magischen Tore flohen, ahnte niemand von ihnen, dass aus ihrem Blut Jahrtausende später die Dynastien Ägyptens entspringen würden und die Gottkönige der Maya sowie andere frühe Hochkulturen. Oder dass auch Ishaltara überleben würde als Ishtar, Inanna, Ixchel und unter vielen anderen Namen. Noch dass das Blut von Atlantis dafür sorgen würde, dass es auch in ferner Zukunft Menschen mit magischen Fähigkeiten gab.
In dieser Nacht ging es nur um das nackte Überleben.
Káshnarokk wälzte sich jetzt den Berg zum Tempel hinauf, und die Erde erzitterte unter seinen schweren Tritten. Alles, was ihm unter die Füße kam, wurde zermalmt. Und durch die Erschütterungen, die er verursachte, wurde der Riss im Berg, der sich unaufhörlich immer weiter in Richtung des Tempels auftat, stetig größer. Doch der Zerstörer verfügte nicht nur über seine körperliche Kraft, sondern auch über eine Magie, die er rücksichtslos einsetzte.
Er schleuderte riesige Feuerbälle auf die Bäume und Sträucher, die den Weg zum Tempel säumten. Und da es Sommer war und es längere Zeit nicht geregnet hatte, ging das ausgetrocknete Holz wie Zunder in Flammen auf. Die Flammenwand fraß sich mit rasender Geschwindigkeit auf den Tempel zu. Vesgyn und Syvon setzten dem alle Magie entgegen, über die sie verfügten und versuchten, das Feuer zu löschen oder doch wenigstens einzudämmen. Doch es gelang ihnen nicht. Die Flammen durchbrachen unerklärlicher Weise jede magische Barriere und ließen sich auch mit dem Wasser des Ozeans nicht löschen, das die beiden Brüder aus dem Meer direkt in sie hinein zauberten.
Stattdessen machten ihre Versuche Káshnarokk nur noch wütender. Er brüllte, dass der Schall die Tempelwände knirschen ließ und stampfte heftig mit dem Fuß auf, während er gleichzeitig ein Wort der Macht rief. Der Boden erzitterte erneut und heftiger als zuvor. Und aus der Tiefe der Erde schoss eine gewaltige Fontäne aus glühender Lava, kochendem Wasser, das augenblicklich verdampfte und unzähligen Gesteinsbrocken, die wie Geschosse auf die Flüchtlinge niederprasselten, die das magische Tor noch nicht erreicht hatten.
Das Tor erlosch, als seine Säulen zermalmt wurden. An seiner Stelle klaffte ein Spalt in der Erde, aus dem jetzt ebenfalls Lava strömte. Und der heilige Tempel von Ishaltara stürzte in sich zusammen und begrub alle Menschen in seinen Trümmern, die sich darin aufgehalten hatten.
Vesgyn und Syvon wurden erst von den Füßen gerissen und gleich darauf von der Druckwelle des ausbrechenden Vulkans in die Luft geschleudert. Beide sprangen unverzüglich durch die Dimensionen und materialisierten außerhalb der Reichweite des Ausbruchs. Doch Káshnarokk hatte nicht nur unmittelbar vor dem Tempel das Feuer der Erde entfesselt, sondern überall auf der Insel, sodass die beiden Brüder mitten in einem weiteren Ausbruch landeten, wo ihnen ebenfalls feurige Lava und glühende Gesteinsbrocken um die Ohren flogen.
Vesgyn stürzte erneut, als ein weiterer Erdstoß den Boden unter seinen Füßen ins Schwanken brachte. Als er sich aufgerappelt hatte und nach seinem Bruder umsah, bot sich ihm ein entsetzliches Bild. Syvon war zwar nur ein paar Schritte von ihm entfernt gelandet – aber genau dort, wo nur einen Herzschlag später ein riesiger Gesteinsbrocken eingeschlagen war und den Erzpriester unter sich begraben hatte. Von Syvon war nur noch eine undefinierbare blutige Masse übrig geblieben und ein blutgetränkter, zerrissener Fetzen seiner blauen Robe.
Vesgyn brüllte seinen Schmerz hinaus, konnte aber nichts mehr für seinen Bruder tun. Und da ihm immer noch die Steine um die Ohren flogen und neue Erdbeben immer heftiger und in immer kürzeren Abständen die Insel erschütterten, konnte er hier nicht mehr bleiben. Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm, dass es ohnehin zu spät war. Atlantis ging buchstäblich unter. Überall bröckelte die Küstenlinie ab, klafften neue Lavaspalten auf, und Alatana war längst vollständig unter Schutt und Asche begraben. Schwarzer Rauch erfüllte die Luft und machte das Atmen fast unmöglich.
Das Letzte, was Vesgyn wahrnahm, bevor er durch die Dimensionen dorthin sprang, wohin die Priesterschaft die Bewohner von Atlantis in vorläufige Sicherheit gebracht hatte, war das triumphierende Brüllen von Káshnarokk – und das zufriedene Lachen des Unaussprechlichen.

Zehn Monate später
Vesgyn saß auf dem grasbewachsenen Hügel, der das Lager überblickte, das die Flüchtlinge errichtet hatten. Er wusste schon nicht mehr, das wievielte seiner Art es war, seit Atlantis zerstört worden war. Entgegen seiner Hoffnung und dem Versprechen, das er seinen Leuten gegeben hatte, kamen sie einfach nicht zur Ruhe. Der Unaussprechliche hatte sich keineswegs damit begnügt, Atlantis zu vernichten. Da er entschlossen war, tatsächlich alle Überlebenden von Ishaltaras auserwähltem Volk zu vernichten, verfolgte Káshnarokk sie unablässig.
Er wütete in der Welt und zerstörte alles, was ihm auf seinem Weg in die Quere kam. Doch er konzentrierte sich dabei nicht nur auf Vesgyns Leute, sondern vernichtete einen Stamm der primitiven Menschen nach dem anderen und verwüstete ganze Landstriche derart, dass sie ihre Fruchtbarkeit für immer oder doch zumindest für lange Zeit verloren. Ohne jeden Sinn. Und falls doch ein Sinn dahinter steckte, so kannte er ihn allein.
Vesgyn nutzte seine magischen Fähigkeiten, um seine Leute immer wieder durch ein magisches Tor anderswo in Sicherheit zu bringen, und für eine Weile waren sie dort sicher. Aber nie sehr lange. Meistens nur ein paar Tage oder Wochen, ehe Káshnarokk sie erneut gefunden hatte. Einmal war es ihnen gelungen, sich vier Monate lang vor ihm zu verbergen, und die Flüchtlinge hatten schon begonnen Hoffnung zu schöpfen. Aber dann hatte der Dämon sie wieder aufgespürt und ein paar mehr von ihnen getötet. Inzwischen war die Zahl derer, die die Vernichtung von Atlantis überlebt hatten, auf vierundsiebzig geschrumpft, und Vesgyn selbst wurde durch den ständigen Gebrauch seiner Magie immer schwächer. Nicht mehr lange, und er würde nicht mehr in der Lage sein, sein Volk noch einmal an einem anderen Ort in Sicherheit zu bringen.
Dazu kamen noch die Trauer um Syvon und die Sorge um seine kleine Familie. Tarynya hatte eine kleine Tochter zur Welt gebracht, die sie Calyssa genannt hatten. Der Versuch der Halbdämonin, Axaryn zu finden, den sie in der Nacht der Zerstörung von Atlantis unternommen hatte, war fehlgeschlagen, und sie hatte nichts erfahren, was ihnen hätte helfen können. Die Nachricht vom Tod ihres Vaters Syvon hatte sie, als sie nach ihrer Rückkehr aus der Unterwelt Vesgyn endlich gefunden hatte, gelassen aufgenommen und keinerlei Trauer erkennen lassen. Vesgyn fragte sich, ob sie überhaupt in der Lage war, echte Gefühle und vor allem Liebe zu empfinden oder wie ihre Dämonenmutter Menéssia nur Leidenschaft und Begehren kannte.
Jedenfalls verschwand sie seitdem immer wieder und für zunehmend längere Zeiten in der Unterwelt. Natürlich waren diese Exkursionen einerseits von unschätzbarem Wert, denn Tarynya erfuhr dort so Manches, das den Flüchtlingen nützte. Allerdings sorgte Vesgyn sich zunehmend um sie, seit sie hatte durchblicken lassen, dass sie sich auf irgendeine Weise Satas Zorn zugezogen hatte. Deshalb fürchtete er jedes Mal, dass er sie ebenfalls verlieren könnte und sie nie wieder zu ihm zurückkehrte. Und er hätte nicht gewusst, wie er ihren Verlust auch noch hätte verkraften sollen.
Das leichte Flimmern der Luft wie von großer Hitze war die einzige Warnung, die Vesgyn erhielt, bevor ein Dämon neben ihm auftauchte. Der Priester sprang verteidigungsbereit auf die Füße und sah sich Axaryn gegenüber, der ihn verächtlich angrinste.
Axaryn sah zwar auf den ersten Blick aus wie ein Mensch, doch allein seine Größe von über zwei Metern strafte diesen Eindruck Lügen. Dazu hätte es nicht des kahlen Schädels und vor allem der goldfarbenen Pupillen seiner Augen bedurft, die die gesamte Oberfläche seiner Augäpfel ausfüllte oder der bronzefarben schimmernden Haut, die ihm den Beinamen „der Bronzene“ eingetragen hatte. Und wie gewöhnlich bestand seine einzige „Kleidung“ aus einem überaus knappen Lendenschurz.
Vesgyn senkte rasch den Blick, um dem Dämon nicht in die Augen sehen zu müssen, denn Axaryn verfügte über eine gefährliche Magie, mit der er jedes Lebewesen in Stein verwandeln konnte, das den Fehler beging, ihm in die Augen zu sehen.
Axaryn lachte bei dieser offensichtlichen Demonstration von Angst vor seiner Macht. „Ich bin nicht hier, um dich zu töten, Vesgyn“, versicherte er dem Priester. „Zumindest jetzt noch nicht.“
„Was willst du dann?“, fragte der vorsichtig und vermied immer noch den Blickkontakt, denn er traute keinem Dämon. Nicht einmal einem, der ihm und Syvon in der Vergangenheit einen Dienst erwiesen hatte. Dämonen taten nichts uneigennützig, doch ihre Beweggründe waren weder für Menschen noch für die Priester Ishaltaras nachvollziehbar. Deshalb war es besser, kein Risiko einzugehen.
„Er ist meinetwegen hier“, sagte Tarynya, die unvermittelt hinter Axaryn aufgetaucht war und eine weitere Dämonin mitgebracht hatte. Bis auf eine einzige aus ihrem Scheitel wachsende kupferfarbene dicke Haarsträhne, die sie zu einem Zopf geflochten hatte, war sie Axaryns Ebenbild.
„Wir und einige andere Dämonen haben uns zusammengetan, um Káshnarokk Einhalt zu gebieten. Doch das wird überaus schwierig werden, und ich weiß nicht, ob uns Erfolg beschieden sein wird. Falls es uns nicht gelingt, so ist nicht nur die Mittelwelt, sondern auch die Unterwelt dem Untergang geweiht, denn es gibt keine Möglichkeit, den Zerstörer zu vernichten.“
Vesgyn schnaufte ungehalten. „Der Unaussprechliche wird wohl kaum zulassen, dass Káshnarokk sein eigenes Reich vernichtet“, war er überzeugt.
„Da hast du recht“, stimmte Axaryn ihm zu. „Aber nicht einmal er kann Káshnarokk noch aufhalten.“
Vesgyn blickte den Dämon fragend an, der grimmig nickte.
„Sata wollte einen Zerstörer erschaffen, dem nicht einmal die geballte Magie der Priester von Atlantis etwas anhaben kann“, erklärte er.
„Das haben wir gemerkt“, stellte Vesgyn bitter fest.
„Doch in seinem Eifer, euch zu vernichten, hat er vergessen, dass ein Dämon, der über eine so große Macht verfügt und auch noch unzerstörbar ist – und demnach ewig lebt – nicht die geringste Neigung verspürt, irgendwem zu gehorchen. Auch nicht dem selbsternannten Herrn der Unterwelt.“
Vesgyn blickte sprachlos von Axaryn zu Tarynya und wieder zurück. „Soll das heißen ...“, begann er, wagte aber nicht, den Satz zu Ende zu führen, denn was der beinhaltete, war einfach zu entsetzlich.
„Das heißt“, erklärte Tarynya voll unterdrückter Wut, „dass Káshnarokk sich Satas Befehlen widersetzt.“ Sie machte eine weit ausholende Handbewegung. „Diese endlose Vernichtung von Leben und Land ist ganz allein Káshnarokks Wille und Werk. Sata hat damit nichts mehr zu tun. Der ist nur hinter den Überlebenden von Atlantis her.“
Vesgyn schüttelte den Kopf und verstand noch immer nicht ganz.
„Káshnarokk“, fuhr sie fort, „gehörte ursprünglich zu den niederen Dämonen, die sich von Emotionen ernähren. Seine Nahrung ist Angst und Tod. Das schließt allerdings auch den Tod von Pflanzen und sogar von Erde ein. Deshalb zerstört er das Land. Die Menschen und Tiere, die dabei umkommen, sind nur eine für ihn äußerst schmackhafte Dreingabe.“
„Und da Sata ihn unverwundbar und immun gegen magische Angriffe gemacht hat“, fügte Axaryn sarkastisch hinzu, „kann jetzt nicht einmal er ihn noch vernichten.“
„Oh Göttin!“, entfuhr es Vesgyn. „Dann sind wir alle verloren!“
„Nicht unbedingt“, widersprach Tarynya. „Wir haben einen Plan, und wenn er funktioniert, können wir Káshnarokk zumindest bannen, wenn auch nicht vernichten.“
„Wer ist ‚wir’?“, fragte Vesgyn misstrauisch.
„Sata und seine Statthalter, die Zehn Mächtigen Fürsten“, antwortete Axaryn, als Tarynya schwieg. „Sowie ein paar andere mächtige Dämonen. Denn du hast vollkommen recht, Priester, dass Sata nicht zulassen wird, dass sein Geschöpf sein Reich zerstört. Aber für das dafür erforderliche Ritual braucht es ungeheuer viel Macht, sodass wir alle zusammenarbeiten müssen.“
„Und was hast du damit zu tun?“, fragte Vesgyn Tarynya.
Sie blickte ihn ausdruckslos an. „Ich muss daran teilnehmen“, sagte sie schlicht.
„Warum?“, beharrte er auf einer Antwort.
„Weil sie Menéssias Tochter ist und durch dieses Blutsband Sata Gefolgschaft schuldet“, erklärte Axaryn und grinste breit. „Menéssia war Satas Geschöpf. Er hat sie und ihresgleichen erschaffen. Sie hat ihm Tarynya unmittelbar nach ihrer Geburt vorgestellt und damit seinen Anspruch auf ihre Tochter anerkannt. Tarynya kann davon nur befreit werden, wenn Sata selbst das Band löst. Und ich glaube nicht, dass er diese Absicht hat.“
Vesgyn blickte Tarynya an, die Frau, die er über alles liebte, und fühlte sich in diesem Moment zutiefst verletzt und hintergangen, weil sie ihm offenbar eine Menge verschwiegen hatte.
„Und was genau bedeutet das jetzt?“, verlangte er zu wissen.
„Sata verlangt meine Anwesenheit bei dem Ritual“, antwortete sie. „Er braucht meine spezielle Magie, die ich von Syvon geerbt habe, um Káshnarokk zu bannen. Aber das würde er natürlich nie zugeben. Jedenfalls muss ich dabei sein, weil es sonst wohl nicht funktioniert.“
Das gefiel Vesgyn ganz und gar nicht. Er fasste Tarynya am Arm und führte sie ein Stück abseits außer Hörweite der beiden Dämonen. „Ich habe ein verdammt ungutes Gefühl dabei, Tarynya“, sagte er. „Was ist, wenn das eine Falle ist, in die der Unaussprechliche dich und damit auch mich locken will? Er hat geschworen, uns alle zu vernichten. Das schließt dich mit ein, da du Syvons Blut in dir trägst. Ich denke, du weißt besser als ich, dass er keine Rücksicht darauf nehmen wird, dass du zur Hälfte eine Dämonin bist.“
„Das ist mir bewusst, Vesgyn“, antwortete Tarynya ruhig. „Und deshalb habe ich Vassora mitgebracht.“ Sie nickte zu der Dämonin hinüber. „Unsere Gruppe ist die letzte der Überlebenden von Atlantis. Alle anderen hat entweder Káshnarokk vernichtet oder Sata. Wenn die Letzten von uns auch noch umkommen, hat er sein Ziel erreicht. Deshalb wird Vassora unsere Leute in einer magischen Tasche in Raum und Zeit verstecken, bis die Gefahr gebannt ist.“
„In einer magischen Tasche aus Raum und Zeit“, wiederholte Vesgyn ungläubig. „Ist es überhaupt möglich, so etwas zu erschaffen?“
„Die hochrangigen Dämonen unter uns verfügen über eine besondere Magie, die es möglich macht. Und wenn eine solche Tasche entsprechend getarnt wird, kann nicht einmal Sata sie aufspüren und Káshnarokk demnach auch nicht. Die ist das Einzige, was uns jetzt noch helfen kann, fürchte ich.“
Vesgyn nickte nur und empfand ein tiefes Mitgefühl mit Tarynya. Sicherlich war es ihr nicht bewusst geworden, doch sie hatte gerade die innere Zerrissenheit offenbart, unter der sie offenbar immer noch litt, indem sie sich einmal zu den Dämonen gezählt hatte und im nächsten Satz zu den Lichtkriegern von Atlantis. Vesgyn würde ihr helfen, diese Zerrissenheit zu heilen, sobald sie irgendwann und irgendwo endlich zur Ruhe kommen konnten. Doch im Moment hatte er andere Sorgen. Er warf der Dämonin einen misstrauischen Blick zu, die abwartend bei Axaryn stand und den Krieger-Priester spöttisch anblickte.
„Und was sagt dir, dass diese Dämonin dich nicht hintergeht?“, wollte er wissen.
Tarynya blickte ihn ausdruckslos an. „Das“, sagte sie ernst, „verhindert das Band des Blutes zwischen uns. Vassora ist meine Tochter.“
Vesgyn blieb für einen Moment der Mund offen stehen vor Schock, und seine Gedanken wirbelten durcheinander. Unwillkürlich fragte er sich, wie viele Kinder Tarynya noch geboren haben mochte während ihrer Zeit in der Unterwelt. Immerhin brauchte er nicht zu fragen, wer Vassoras Vater war. Ihre Ähnlichkeit mit Axaryn war unverkennbar.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“, fragte er verletzt.
Sie zuckte nur mit den Schultern. „Meine Zeit in der Unterwelt geht dich absolut nichts an.“
Er enthielt sich einer scharfen Antwort darauf, denn das war genau die Art, wie Dämonen vom Schlag Menéssias dachten und handelten. Und ihm wurde wieder einmal schmerzhaft bewusst, dass die Frau, die er liebte, eine Halbdämonin war. Doch das war jetzt völlig unwichtig.
„Wie lange können unsere Leute in so einer magischen Tasche überleben? Und warum brauchst du deine ... Vassora, um sie zu erschaffen?“
„Ich gehöre nicht zu den hochrangigen Dämonen und verfüge deshalb nicht über die erforderliche Magie. Vassora dagegen schon. Und eine solche Tasche beinhaltet einen völlig autarken Lebensraum und kann so groß gemacht werden wie ein ganzes Land, ja, sogar wie eine ganze Welt mit vielen Ländern, einer Sonne, einem Mond, Wasser, Land, Gezeiten – mit einfach allem, was Menschen – oder andere Wesen – zum Leben brauchen oder wünschen. Unsere Leute können darin bis ans Ende ihrer natürlichen Lebensspanne existieren.“
Tarynya warf über die Schulter einen Blick zurück zu ihrer Tochter und Axaryn. „Und ich brauche Vassora noch aus einem anderen Grund, nicht nur weil sie eine solche Tasche erschaffen kann und ich nicht. Ich teile deine Befürchtung, dass Sata mir eine Falle stellen könnte. Er will auch noch die Letzten von Atlantis vernichten. Und wenn ich weiß, wo sich die magische Tasche befindet, in der Vassora unsere Leute verstecken wird, so kann er das auf vielfältige Weise aus mir herausbringen.“
„Du meinst foltern“, korrigierte Vesgyn besorgt.
Tarynya zuckte mit den Schultern. „Das ist zweifellos die Methode, die ihm das größte Vergnügen bereiten würde. Doch was ich nicht weiß, kann ich auch unter Folter nicht preisgeben. Vesgyn, falls ich nicht zurückkehre ...“
„Sag so etwas nicht!“, unterbrach er sie heftig, doch sie schüttelte den Kopf.
„Wir müssen mit dieser Möglichkeit rechnen“, stellte sie nüchtern fest. „Falls ich also nicht zurückkehren sollte, so bleibt in der magischen Tasche, bis Sata euch vergessen hat. Danach mischt euch unter die Menschen auf den Kontinenten und vermischt euch mit ihnen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie wenigstens unser Blut erhalten bleiben wird, denn aus ihm entspringen die Lichtkrieger, die unseren Kampf gegen Sata weiterführen, wenn wir nicht mehr sind.“
Vesgyn fasste sie bei den Schultern und zog sie an sich. „Bleib hier, Tarynya. Geh nicht!“
Sie lehnte sich an ihn. „Ich kann nicht“, widersprach sie traurig. „Meine Mutter hat Sata Macht über mich gegeben, und er kann mich jederzeit mit einem magischen Befehl zu sich holen, auch gegen meinen Willen. Was er zweifellos tun wird, sollte ich mich ihm widersetzen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das hat Menéssia damals natürlich nur getan, um Syvon eins auszuwischen. Und ich kann dir versichern, dass sie diesen Schritt bereut hat, nachdem sie sich mit Sata überworfen hatte und dieses Zerwürfnis mit dem Leben bezahlen musste. Aber nichtsdestotrotz ist es geschehen, und, wie Axaryn schon sagte, nur Sata kann dieses Band wieder lösen, das mich zum Gehorsam zwingt.“
„Warum hat er dich die ganzen Jahre über bei uns gelassen und dich nie zu sich befohlen?“
„Das hat er getan“, gestand Tarynya. „Sehr oft sogar. Aber ich wollte nicht, dass es jemand erfährt, darum habe ich es geheim gehalten.“ Sie hob den Kopf und blickte Vesgyn in die strahlend blauen Augen, deren Farbe ausschließlich bei den Unsterblichen unter der Priesterschaft zu finden war. „Schließlich wurde ich auch so schon oft genug als ‚Dämonenbalg’ und Schlimmeres beschimpft. Hätte jemand davon erfahren, so hätte es noch sehr viel böseres Blut gegeben.“
In dem Punkt musste er ihr Recht geben. „Was könnte den Unaussprechlichen dazu veranlassen, dich freizugeben?“, fragte er schließlich. „Irgendetwas muss es doch geben, das ihm mehr wert ist als seine Macht über dich.“
Tarynya schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Vesgyn. Ich weiß, was du vorhast. Du willst zu Sata gehen und ihm anbieten, was immer er dafür haben will, mich gehen zu lassen. Aber damit würdest du ihm nur in die Hände spielen und ihm deine eigene Schwäche offenbaren, die er gnadenlos nutzen wird, um nicht nur dich, sondern durch dich uns alle zu vernichten. Ich habe nur ein einziges Leben, aber das Überleben unseres Volkes ist sehr viel wichtiger als das und auch wichtiger als unsere Liebe.“
Vesgyn drückte sie heftig an sich und empfand grenzenlose Liebe zu Tarynya, gepaart mit unbändigem Stolz, denn mit diesen Worten hatte sie sich ganz klar für die Lichtkrieger von Atlantis entschieden. Er hoffte nur, dass der Preis dafür nicht ihr Leben sein würde.
„Pass auf dich auf, Geliebte“, mahnte er, als er sie schließlich widerstrebend losließ. Er warf einen misstrauischen Blick auf Axaryn und Vassora. „Und du bist dir wirklich sicher, dass wir denen trauen können?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Vassora hat mir ihr Wort gegeben, dass sie euch in Sicherheit bringt und für immer darüber schweigt, wo sie die magische Tasche errichten wird. Und da, wie schon gesagt, das Band des Blutes zwischen uns verhindert, dass sie mich hintergeht, wird sie sich daran halten. Ich kann ihr trauen, Vesgyn, aber ihr solltet vorsichtig sein. Das gilt auch für Axaryn. Zwar ist er kein Gefolgsmann Satas, aber er ist auch kein Freund der Lichtkrieger. Dass er euch damals geholfen hat, mich zu finden, tat er aus rein persönlichen Gründen. Du solltest also niemals davon ausgehen, dass er auf unserer Seite steht.“ Sie gab Vesgyn einen innigen Kuss. „Ich muss gehen, denn je länger wir hier verweilen, desto mehr Zerstörung bringt Káshnarokk über die Welt.“
Bevor Vesgyn noch etwas sagen konnte, war sie zu Axaryn getreten und mit ihm verschwunden. Doch er hatte noch das triumphierende Grinsen des Dämons gesehen, und seine Sorge um Tarynya wuchs. Aber zunächst musste er sich um andere Dinge kümmern. Er wandte sich an Vassora, die ihn abwartend und mit untergeschlagenen Armen ansah.
„Nun, wohin willst du euer Versteck haben, Erzpriester?“, fragte sie.
„Das ist egal“, antwortete Vesgyn. „Hauptsache, der Unaussprechliche kann uns dort nicht finden.“
Sie verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Grinsen, das dem Axaryns ungemein ähnlich war. „Das kann ich dir garantieren. Und ich werde noch etwas tun“, fügte sie gleich darauf ernst hinzu. „Ich werde das Versteck mit einem Zauber versehen, der bewirkt, dass es langsam beginnt sich aufzulösen, sobald Sata euch vergessen hat und ihr sicher in die Welt zurückkehren könnt.“
„Danke, Vassora. Das wird uns sehr helfen.“
Sie schnaufte verächtlich. „Das tue ich nicht für euch, sondern für meine Mutter. Also, wie wollt ihr eure Welt haben?“

Tarynyas Befürchtung, dass Sata sie und ihre magischen Kräfte eigentlich gar nicht brauchte, um Káshnarokk zu bannen, erwies sich als zutreffend. Er, die Zehn Mächtigen Fürsten sowie siebzehn weitere hochrangige Dämonen, Axaryn und Tarynya hatten Káshnarokk in eine Falle gelockt und das Ritual durchgeführt, das ihn in ein ausbruchsicheres Gefängnis aus purer magischer Energie zwischen den Dimensionen auf ewig gefangen halten würde, die an eine Felsformation mit besonderen Eigenschaften gebunden war, die in der Unterwelt existierte und in ihrer Beschaffenheit dort einzigartig war. Der Zauber war so mächtig, dass er niemals von selbst mit der Zeit vergehen würde, sondern erst aufhörte zu existieren, wenn das Ende der Zeit und des Universums gekommen wäre.
Dass sie sich in Gefahr befand, erkannte Tarynya augenblicklich, als Sata Axaryn zusammen mit fünf anderen Dämonen fortschickte, um die Ritualgegenstände zu verstecken, die für den Bann erforderlich gewesen waren und die, in einem anderen Ritual angewendet, durchaus die Macht besaßen, Káshnarokk nicht nur aus seinem Gefängnis zu befreien, sondern ihm auch für alle Zeiten die Freiheit schenken könnten. Natürlich wäre es das Beste gewesen, diese Gegenstände zu vernichten, doch das Risiko konnte selbst Sata nicht eingehen. Zwar war es mehr als unwahrscheinlich, dass Káshnarokk jemals aus seinem Gefängnis entkam; doch sollte das Unwahrscheinliche wider Erwarten eintreten, so wären die drei Welten verloren, wenn die Mittel, die ihn erneut bannen konnten, vernichtet wären.
Doch dass Sata nachdrücklich darauf bestand, dass ausgerechnet Axaryn die ganze Aktion überwachte – die natürlich eine geraume Zeit in Anspruch nehmen würde –, zeigte Tarynya, dass der Herr der Unterwelt etwas mit ihr plante, für das er den Bronzedämon aus dem Weg haben wollte. Denn natürlich hatte er längst gemerkt, dass Axaryn Tarynyas Beschützer spielte. Zum Glück kannte er nicht die ganze Wahrheit über das Verhältnis zwischen ihnen. Andernfalls hätte er den Bronzedämon auch vernichtet.
„Und nun zu dir, Tarynya“, sagte Sata, als sie sich unmittelbar nach Axaryns Aufbruch anschickte zu verschwinden. „Ich habe dich lange genug mit den Lichtkriegern herumspielen lassen. Damit ist jetzt Schluss. Du gehörst mir, und wirst ab sofort bei mir bleiben. Aber vorher wirst du mir noch deine Tochter bringen, denn sie gehört ebenfalls mir.“
Tarynya schüttelte heftig den Kopf. „Niemals!“
Sata riss sie mit seiner Magie grob zu sich heran und packte sie an der Kehle. Seine Augen glühten rot. „Du wagst doch nicht etwa ernsthaft, dich mir zu widersetzen“, zischte er gefährlich leise. „Du weißt, ich habe Mittel und Wege, dich zum Gehorsam zu zwingen.“
„Ich bleibe hier, wenn du es wünschst“, krächzte Tarynya, die kaum noch Luft bekam, „aber du wirst mein Kind niemals bekommen!“ Sie schrie auf, als eine unsichtbare Kraft ihr einen breiten Streifen Haut quälend langsam vom Körper zog.
Sata ließ sie los und lächelte. „Oh, ich werde bekommen, was ich will. Ich bekomme immer, was ich will“, sagte er beinahe liebenswürdig und zerschmetterte ihr magisch eine Hand. „Wo ist deine Tochter, Tarynya? Ich weiß, du hast sie vor mir versteckt, aber du weißt natürlich, dass ich sie irgendwann finden werde. Du kannst die Sache – und vor allem dein gegenwärtiges Ungemach – abkürzen, indem du mir sagst, was ich wissen will.“ Er machte eine Handbewegung, und sein Thron stand mitten im Raum. Er nahm gemütlich darauf Platz. „Also, wo ist sie?“
Tarynya versuchte, ihre Verletzungen mit ihrer Magie zu heilen, doch Sata entriss ihr brutal alle magischen Kräfte. „Das erfährst du nie!“, schleuderte sie ihm wimmernd entgegen und brüllte erneut, als ein weiterer Hautstreifen von ihrem Körper gezogen wurde, diesmal im Gesicht.
„Ach, Tarynya“, sagte Sata immer noch liebenswürdig, „so sehr ich es auch genieße, dich in die tiefsten Abgründe des Begriffs ‚Schmerzen’ einzuweihen“ – er ließ eine Salzkruste über ihren Wunden entstehen, die schlimmer als Feuer auf dem rohen Fleisch brannten, und Tarynya kreischte vor Pein – „so sehr nähert sich meine Geduld mit dir doch langsam ihrem Ende. Zum letzten Mal: Wo. Ist. Deine. Tochter?“ Er betonte jedes einzelne Wort und begleitete es mit je einem aus ihrem Körper herausgerissenen Stück Fleisch.
„Das. Erfährst. Du. Nie!“
Eine Stunde und nahezu alle gebrochenen Knochen später, als Tarynya eine kaum noch zu erkennende Masse blutigen Fleisches war, hatte sie Sata alles verraten, was sie wusste. Und der Herr der Unterwelt tobte vor Wut, denn er hatte trotzdem absolut nichts erfahren, außer dass das Kind, das er so sehr begehrte, sich an einem sicheren Ort befand, von dem aber selbst Tarynya nicht wusste, wo er lag. Auch den Namen dessen, der ihr geholfen hatte, konnte sie nicht mehr nennen. Dass sie einen Helfer gehabt hatte, stand außer Frage, denn die Art und Weise, in der die Signatur des Kindes von der Bildfläche verschwunden war, konnte nur bedeuten, dass es sich innerhalb einer magischen Raum-Zeit-Tasche befand oder tot war. Da Tarynya zugegeben hatte, dass sie es versteckt hatte, schied Letzteres aus.
Aber auch ihren Helfer konnte sie Sata nicht verraten, denn sie hatte jedes diesbezügliche Wissen darüber mit einem Vergessenszauber aus ihrem Gedächtnis getilgt. Sata verdächtigte Axaryn, doch der konnte es nicht gewesen sein, denn zu dem Zeitpunkt, als die Signatur des Kindes verschwand, war er zusammen mit den anderen Dämonen bei dem Kriegsrat gewesen, den Sata hinsichtlich der Bannung Káshnarokks gehalten hatte. Und dass Tarynya sich nicht nur deutlich spürbar für die Seite der Lichtkrieger entschieden hatte, sondern jetzt auch noch über Sata triumphierte, erfüllte ihn mit einem solchen Hass, wie selbst er ihn selten empfand.
In seiner Wut zertrampelte er Tarynyas geschundenen Körper mit seinen eigenen Füßen, bis nichts mehr von ihr übrig blieb als ein schmieriger Film auf dem Boden, den er mit einer Feuerkugel endgültig tilgte. Anschließend tobte er durch sein Reich und vernichtete wahllos jeden Dämon und sonstiges Wesen, das ihm dabei in die Quere kam. Und Satas Wüten war so gewaltig, dass es sich auf der Erde in Erdbeben und Seebeben manifestierte und er erst aufhörte, als er die ersten Anzeichen von Erschöpfung an sich bemerkte.

Vesgyn betrat den innersten Raum des Tempels von Ishaltara, den er Vassora in der magischen Tasche hatte errichten lassen und bereitete alles für das Ritual vor, mit dem er und die Überlebenden von Atlantis der Göttin für ihre Rettung danken würden. Doch er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er das Ritual allein würde zelebrieren müssen. Seine Leute weigerten sich, einen Tempel zu betreten, den eine Dämonin erschaffen hatte, obwohl Ishaltara ihn gesegnet hatte, was unschwer an dem silberfarbenen Leuchten zu erkennen war, das das gesamte Gebäude umgab und das nur ein geweihter und gesegneter Tempel der Göttin besaß.
Vassora hatte bei der Erschaffung der magischen Tasche ganze Arbeit geleistet und nach Vesgyns Vorgaben eine Welt geformt, die ein Ebenbild der schönsten Gegend von Atlantis war. Üppige Wälder, saftige Wiesen und fruchtbarer Ackerboden sowie klare Flüsse und Seen würden nicht nur das Überleben sichern, sondern auch ein gutes Leben garantieren. Vassora hatte für jeden Mann, jede Frau und jede Familie mit ihrer eigenen Magie Häuser geschaffen, aber die Menschen weigerten sich, darin einzuziehen, selbst nachdem Vesgyn sie mit Ishaltaras Macht gesegnet hatte. Statt froh zu sein, dass sie überlebt hatten, protestierten sie dagegen, dass sie in einem Domizil aus „Dämonenwerk“ auf unbestimmte Zeit leben sollten.
„Ihr könnt gern in die Welt zurückkehren und euch vom Unaussprechlichen abschlachten lassen“, hielt Vesgyn ihnen schließlich verärgert vor Augen. „Doch damit würdet ihr ihm in die Hände spielen. Also betrachtet es als ausgleichende Gerechtigkeit, dass eine Dämonin uns zu überleben hilft, nachdem der Herr der Dämonen unser Volk nahezu ausgelöscht hat. Alles hier hat Ishaltaras Segen empfangen, den Sie uns gewiss nicht erteilt hätte, wenn Sie damit nicht einverstanden wäre. Also hört auf zu jammern und sorgt dafür, dass unser Volk weiter bestehen kann!“
Das hatte erst einmal für Ruhe gesorgt, doch Vesgyn war sich nur allzu bewusst, dass die Sache damit noch lange nicht vorüber war. Er konnte nur hoffen, dass sich die Lage mit der Zeit entspannte.
Tarynya war noch immer nicht zurückgekehrt, obwohl Káshnarokk längst verschwunden war, und in Vesgyn wuchs die Gewissheit, dass ihr etwas zugestoßen sein musste. Er glaubte nicht einen einzigen Augenblick daran, dass sie ihren Bund mit ihm gelöst und sich freiwillig entschieden hatte, in der Unterwelt zu bleiben. Vielleicht wäre sie in der Lage, Vesgyn ohne ein Wort des Abschieds zu verlassen, aber sie hätte sich niemals auf diese Weise von ihrer Tochter getrennt. Er konnte nur hoffen, dass sie noch am Leben war, denn an die Alternative wagte er nicht einmal zu denken.
Er musste sie suchen. Und da sie, als er sie zuletzt gesehen hatte, auf dem Weg in die Unterwelt gewesen war, würde er dort mit seiner Suche beginnen. Natürlich war ihm bewusst, dass er sich damit in große Gefahr begab, aber er musste es riskieren. Er würde Tarynya, die Liebe seines Lebens und die Mutter seines Kindes, nicht einfach im Stich lassen.
Unmittelbar nach dem Ritual des Dankes – das er tatsächlich ganz allein zelebrierte – ließ er Calyssa in der Obhut einer älteren Frau zurück, die versprach, bis zu seiner Rückkehr für das Kind zu sorgen. Da seine Gedanken bei Tarynya und seiner Suche waren, bemerkte er kaum, dass die Frau sich offensichtlich alles andere als wohl dabei fühlte und seiner Bitte nur nachkam, weil sie sich Vesgyns Autorität als Priester beugte. Er verließ den schützenden Kokon der magischen Tasche und machte sich in der Unterwelt auf die Suche nach Tarynya.

Sata lächelte zufrieden von seinem Thron herab seinen Gefangenen an, der sich vergeblich dem Griff der Dämonen zu entwinden versuchte, die ihn unnachgiebig festhielten.
„Ah, Vesgyn, ich hätte niemals zu hoffen gewagt, dass du freiwillig zu mir kommst, damit ich mein Werk vollenden kann“, sagte er genüsslich. „Andererseits hätte ich mir denken können, dass du nach deiner geliebten Tarynya suchen wirst. Dennoch war es überaus mutig – und überaus dumm – von dir, dich in mein Reich zu begeben.“
„Wo ist sie?“, fragte Vesgyn und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er Angst hatte, denn ihm war durchaus bewusst, dass Sata ihn töten würde.
In einem Punkt hatte der Herr der Unterwelt allerdings Recht: Vesgyn hatte sich bei seiner Suche nach Tarynya überaus dumm angestellt. Vielmehr hatte er die Hinterlist der Dämonen unterschätzt, weil Hinterlist seinem Wesen völlig fremd war. Er hatte Kontakt zu einem niederen Dämon bekommen, den er nach Tarynya gefragt hatte. Doch der hatte ihm einen Ort gewiesen, wo sich Tarynya angeblich befand. Aber dort erwarteten ihn bereits Satas Schergen, zehn überaus mächtige Dämonen, deren vereinte Macht seiner eigenen weit überlegen war. Vesgyn hatte sich zwar nach Kräften gegen sie gewehrt, doch er hatte keine Chance gegen sie. Stattdessen hatte der Kampf ihn so sehr erschöpft, dass er momentan nicht mehr in der Lage war, Magie anzuwenden.
Sata lächelte immer noch. „Ich würde dich ja gerne zu ihr bringen und mich dann an dem Schauspiel ergötzen, wie ihr beide verzweifelt und vergeblich versucht, einander vor mir zu beschützen. Das wäre wirklich überaus amüsant. Doch leider ist das unmöglich, denn Tarynya ist tot.“
Obwohl Vesgyn geneigt war, dem Unaussprechlichen kein einziges Wort zu glauben, spürte er doch mit untrüglicher Sicherheit, dass der diesmal die Wahrheit sagte.
„Du Missgeburt!“, brüllte er und versuchte, sich auf ihn zu stürzen, um ihn mit bloßen Händen zu töten. Doch die Dämonen hielten ihn unerbittlich fest.
„Und du“, verkündete Sata zufrieden, „du wirst mir eine Weile dienen, bevor du ihr in die ewige Finsternis folgst. Aber zunächst werde ich noch meinen Spaß mit dir haben, Lichtkrieger.“
Eine Flammenwand umfing den Erzpriester, und er schrie gepeinigt auf. Das Feuer erlosch wieder und machte Hunderten von glühenden Nadeln Platz, die Sata magisch in seinen Körper trieb, ehe er sie quälend langsam auf dieselbe Weise wieder heraus holte.
„Was immer ... du mit mir ... tust, Sata“, keuchte Vesgyn halb blind vor Schmerz, „ich werde ... dir niemals dienen!“
Sata lachte. „Welch tapfere Worte!“, höhnte er, trat dicht an ihn heran und strich unglaublich sanft mit einem Finger über Vesgyns Wange. Zu dessen Entsetzen wurde sein Schmerz augenblicklich durch ein kaum zu beherrschendes sexuelles Verlangen ersetzt – nach Sata!
Vesgyn stöhnte angeekelt und entsetzt und wehrte sich mit aller Macht dagegen. Sata lachte zufrieden. „Oh, du wirst mir dienen, Lichtkrieger, und mit Freuden, sobald ich mit dir fertig bin. Und du wirst mir verraten, wo Tarynyas Kind ist.“
„Tot“, sagte eine fremde Stimme, und Vesgyn brauchte einen Moment, ehe er erkannte, dass sie Axaryn gehörte. Der Bronzedämon war unvermittelt in Satas Thronzimmer getreten und hatte dessen letzte Worte gehört. Axaryn trat vor den Priester hin und grinste ihn bösartig an. „Und es war mir ein Vergnügen, deinen Wurm zu zerquetschen.“
Ohne Vorwarnung holte er aus und schmetterte Vesgyn die Faust ins Gesicht. Vesgyn brach mit zertrümmertem Kiefer bewusstlos zusammen.
„Axaryn.“ Satas Stimme klang gefährlich ruhig. „Ich wollte dieses Kind haben.“
Der Dämon machte eine wegwerfende Handbewegung und ignorierte, dass die Zehn Mächtigen ihn jetzt drohend einkreisten. „Du magst wollen, was immer du willst, Sata, aber du hattest kein Recht auf den Wurm. Tarynya war meine Blutsgefährtin, und damit gehört nach den in der gesamten Unterwelt immer noch geltenden Gesetzen von Thorluk und Kalla jede Brut aus ihrem Leib mir. Ich kann damit tun, was immer ich will. Sie hatte den Wurm nur wirklich gut versteckt, dass ich eine Weile brauchte, um ihn zu finden.“ Axaryn versetzte Vesgyns reglosem Körper einen Tritt, der ihm die Schulter auskugelte. „Und du hast doch wohl nicht geglaubt, Sata, dass ich eine Lichtbrut meiner Blutsgefährtin am Leben lasse. Aber“, fügte er gleichmütig hinzu, „hätte ich gewusst, dass du den Wurm haben willst, so hätte ich ihn dir gern überlassen.“
Satas unbewegtes Gesicht zeigte nicht, was er dachte. „Nun“, sagte er schließlich, „es ist nicht so wichtig.“
Axaryn nickte. „Und jetzt werde ich Tarynya suchen und ihr beibringen, dass ich der Einzige bin, dessen Kinder sie auszutragen hat.“ Er blickte Sata fragend an. „Du weißt nicht zufällig, wo sie sich seit dem Ritual vor mir verkrochen hat?“
„Nein. Sie verschwand, unmittelbar nachdem Káshnarokk gebannt war. Aber du wirst sie schon finden.“
„Ganz gewiss sogar“, war Axaryn überzeugt und warf einen Blick auf Vesgyns reglose Gestalt. „Brauchst du den hier noch?“, fragte er und versetzte dem Priester einen weiteren Tritt, der ihm hörbar die Rippen brach. „Falls nicht“, seine goldfarbenen Augen funkelten böse, „so überlass ihn mir. Ich habe mir ein paar hübsche Dinge für ihn ausgedacht, die sein Sterben köstlich qualvoll machen werden.“
Sata lächelte maliziös und machte eine zustimmende Geste. „Ich wünsche dir viel Spaß, Axaryn. Mit Tarynya und mit dem da.“
Der Bronzedämon packte Vesgyn im Genick und verschwand.
Einer der Zehn Mächtigen trat an Satas Seite. „Warum hast du ihn gehen lassen? Der Bronzene ist gefährlich. Wenn Tarynya wirklich seine Blutsgefährtin war, so wird er dein erbittertster Feind sein, sobald er herausfindet, dass sie tot ist und du sie umgebracht hast.“
Sata lächelte immer noch. „Er wird glauben, dass die Priester von Atlantis sie getötet haben. Doch sollte dem nicht so sein, so werde ich schon mit ihm fertig werden. Denn für Axaryn den Bronzenen werde ich mir in dem Fall etwas ganz Besonderes einfallen lassen ...“

Als Vesgyn erwachte, zuckten seine Hände unwillkürlich zu seinem Gesicht, das eigentlich völlig zerschmettert, in jedem Fall aber stark geschwollen sein musste, nachdem Axaryn ihn mit der Faust geschlagen hatte. Doch sein Gesicht war vollkommen heil, und er verspürte nicht einmal Schmerzen. Aber das Blut auf seiner Brust zeugte davon, dass er tatsächlich verletzt gewesen war. Das war ihm in diesem Moment allerdings völlig egal, denn das Bewusstsein, dass Axaryn seine kleine Tochter umgebracht hatte, nachdem Sata schon Tarynya getötet hatte, machte alles bedeutungslos. Vesgyn hoffte, dass auch er bald tot sein würde. Noch besser wäre es, wenn er das selbst besorgte, bevor er Sata noch unfreiwillig den Triumph gönnte, ihn tatsächlich zu seinem Diener gemacht zu haben.
Ein leises Wimmern neben ihm ließ ihn hochfahren. Dort, in einem mit einer weichen Decke gepolsterten Korb lag sein Kind und blickte ihn aus strahlend blauen Augen an. Vesgyn schälte sich aus den Decken, in die ihn jemand gewickelt hatte, nahm seine Tochter auf den Arm und konnte nicht fassen, dass sie lebte. Er wiegte sie hin und her und merkte nicht einmal, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen, bis sie auf Calyssas Gesicht tropften und die Kleine zu weinen begann.
„Ist ja schon gut“, murmelte er kaum hörbar. „Ich bin da.“ Und das war ein Wunder an sich.
„Wie rührend!“ Axaryns verächtliche Stimme ließ ihn herumfahren und das Kind schützend an sich drücken.
Jetzt erst nahm Vesgyn wahr, dass er sich in einem offensichtlich aus Magie geformten Unterstand auf irgendeinem Berg befand. In der Ferne stieg weit unterhalb des Berges Rauch von mehreren Feuern auf, die zu einem Lager der primitiven Menschen gehörten. Und der warmen Luft nach zu urteilen, befand Vesgyn sich hier irgendwo auf einem Südkontinent. Doch das war im Moment nebensächlich.
„Was hast du vor, Dämon?“, fragte er Axaryn.
Der grinste breit. „Wonach sieht es denn aus?“, fragte er zurück.
„Eben das weiß ich ja gerade nicht“, stellte Vesgyn misstrauisch fest. „Du hast mich niedergeschlagen und behauptet, du hättest Calyssa getötet“, warf er Axaryn anklagend vor. „Was also soll ich davon halten?“
„Das war die einzige Möglichkeit, sie vor dem zu bewahren, was Sata mit ihr vorhatte. Zurzeit befriedigt ihn nichts mehr, als eine Seele des Lichts zu korrumpieren. Und bei deiner und Tarynyas Tochter wäre ihm das ein besonderes Vergnügen gewesen.“
Vesgyn schüttelte den Kopf. „Sie befand sich doch in der magischen Tasche und wäre dort sicher gewesen.“
Axaryn schnaufte verächtlich. „Ja, vor Sata – aber leider nicht vor deinen eigenen Leuten. Ich kam gerade dazu, als sie das Kind töten wollten, um ‚die Dämonenbrut’ in ihrer Mitte ein für alle Mal auszumerzen. Deren Worte, nicht meine.“
„Das ist nicht wahr!“, fuhr Vesgyn auf. „Du lügst! Sie würden nie ...“
„Wenn die Kleine bei deinen Leuten wirklich sicher gewesen wäre“, unterbrach ihn der Dämon, „warum hätte ich mir die Mühe machen sollen, sie hierher zu dir zu bringen? Und nebenbei: Ich würde dir nicht raten, wieder zu ihnen zurückzukehren. Sie planen nämlich, auch dich zu erschlagen, weil sie dich für alles verantwortlich machen, da du ja durch den Dämonenbastard, mit dem du dich eingelassen hast – Tarynya – die Reinheit deiner Seele verloren hast und auch noch Vater eines Dämonenbastards geworden bist.“ Er deutete auf Calyssa.
„Das kann nicht sein!“, widersprach Vesgyn und wollte es nicht glauben.
Doch er musste zugeben, dass Axaryns Behauptungen durchaus einen Sinn ergaben. Schließlich hatten die Atlantaer von Anfang an dagegen protestiert, dass Tarynya im Tempel lebte. Und die Blicke und das Tuscheln, wenn Vesgyn vorüberging, empfand er, wie er zugeben musste, selbst als zunehmend bedrohlich. Bisher hatte er allerdings darauf vertraut, dass seine magisch unbegabten Leute sich niemals an einem unsterblichen Priester Ishaltaras vergreifen würden, besonders da er inzwischen der letzte von ihnen war, der noch lebte.
Axaryn mochte ihn vielleicht tatsächlich zu täuschen versuchen; doch falls er die Wahrheit sagte, so würde er Calyssa und sich selbst in große Gefahr bringen, wenn er zu seinen Leuten zurückkehrte. Doch da war noch etwas anderes.
„Woher weißt du, wo unsere Zuflucht ist?“, verlangte er zu wissen. „Hat Vassora es dir verraten?“
Der Dämon grinste. „Nein, du kannst unbesorgt sein. Aber sie ist meine Tochter, und uns eint das Band des Blutes. Ich kann ihre Magie riechen, wo immer sie sie anwendet. Ich brauchte nur dieser Spur zu folgen, um eure Zuflucht zu finden. Und nein, Sata ist es nicht möglich, sie auf diese oder eine andere Weise aufzuspüren. Es sei denn, er fragt die Prophetin. Doch als er versuchte, euch zu finden und keine Spur irgendeines Atlantaers mehr in der Welt entdecken konnte, ging er davon aus, dass er sein Ziel erreicht und euch alle vernichtet hat. Er wird sich deshalb nicht bei dem Orakel rückversichern. Deine Leute sind also in Sicherheit und werden es bleiben, bis Sata euch vergessen hat.“
Wenigstens das war eine große Beruhigung. Doch es war für den Krieger-Priester immer noch unfassbar, dass die Atlantaer tatsächlich versucht haben sollten, seine kleine Calyssa zu töten – einen hilflosen, harmlosen Säugling! Aber er hielt es für höchst unklug, das Risiko einzugehen und es durch seine Rückkehr herauszufinden. „Meine Verletzungen ...“ Er blickte den Dämon fragend an.
„Es gibt Vieles, was du über uns Dämonen noch nicht weißt, Vesgyn. Einige von uns besitzen auch magische Heilkräfte.“
„Aber warum hast du mir überhaupt geholfen, Axaryn? Und wie hast du mich aus Satas Gewalt befreien können? Ich dachte, du stehst auf seiner Seite.“
„Und genau das solltest du und soll vor allem er denken“, knurrte der Dämon und warf Vesgyn einen verächtlichen Blick zu. „Nicht alle Dämonen sind Gefolgsleute von Sata oder einem der Zehn Mächtigen Fürsten, nur weil wir Dämonen sind. Ich jedenfalls diene keinem von ihnen und werde es niemals tun. Sata glaubt, ich wüsste nicht, dass er Tarynya getötet hat wie vor ihr schon Menéssia. Doch ich weiß es, und allein das ist Grund genug, niemals auf seiner Seite zu stehen. Und was dich betrifft“, fügte er hämisch hinzu, „so glaubt Sata, dass ich dir gerade in diesem Moment einen überaus qualvollen Tod bereite, was ganz in seinem Sinn ist.“
Er zuckte mit den Schultern. „Du kannst unbesorgt sein, Priester. Ich habe deine Aura und die der Kleinen magisch verdeckt, sodass Sata sie nicht finden wird, falls er danach sucht. Ihr könnt also unbehelligt in der Mittelwelt leben.“ Er deutete auf die Feuer in der Ferne. „Du kannst zu diesen Menschen gehen, dich mit deiner Magie bei ihnen als Gott etablieren und bei ihnen leben, wenn du willst. Sie sind Nomaden. Und um vor Sata wirklich sicher zu sein, wäre es vielleicht gar nicht so schlecht für dich, für die nächsten paar Jahrhunderte nicht allzu lange am selben Ort zu bleiben. – Und warum ich das tue? Ganz sicher nicht für dich. Es bereitet mir einfach ein unsagbares Vergnügen, Satas Pläne mit euch beiden auf diese Weise durchkreuzt zu haben.“
Vesgyn blickte den Bronzedämon nachdenklich an. Falls Axaryn die Wahrheit sagte – und in dem Punkt war er sich keineswegs sicher –, so konnte der möglicherweise ein wertvoller Verbündeter werden. Denn Vesgyn würde niemals aufgeben, die Mächte der Unterwelt zu bekämpfen, auch wenn er im Moment der Einzige war, der das noch tun konnte. Aber der Dämon würde schon einen starken Anreiz brauchen, um ihn in diesem Kampf zu unterstützen.
„Axaryn“, sagte Vesgyn aus diesem Gedanken heraus eindringlich. „Ich weiß zwar nicht, was Tarynya dir bedeutet hat. Ob ihr Dämonen überhaupt so etwas wie Liebe und Zuneigung kennt. Oder ob es dir irgendetwas bedeutet, dass sie die Mutter deiner Tochter war.“ Er blickte den Dämon fragend an, doch der schwieg mit ausdruckslosem Gesicht. „Aber der Unaussprechliche hat sie getötet, weil sie sich für das Licht entschieden hatte. Und auch du kannst dich für das Licht entscheiden. Als Dämon geboren zu sein, bedeutet nicht, dass du in diesem Punkt nicht die Wahl hättest.“
„Was willst du?“, fragte der Bronzene unwirsch.
„Kämpfe mit mir gegen Sata und seine Gefolgsleute.“
Axaryn schnaufte verächtlich. „Ich werde ihn bekämpfen, Lichtkrieger, oh ja. Aber dafür brauche ich dich nicht und auch nicht auf deine Seite zu wechseln.“
„Natürlich nicht“, stimmte Vesgyn ihm zu, war aber nicht bereit, so leicht aufzugeben. Er nahm zu einer Lüge Zuflucht. „Und sicherlich bedeutet es dir auch nichts, dass du Tarynya nicht gleichgültig warst“, behauptete er und zuckte mit den Schultern. „Wäre ich kein Priester Ishaltaras, ich wäre verdammt eifersüchtig auf dich. Die Art, wie sie über dich gesprochen hat ...“ Er runzelte gespielt finster die Stirn und bedachte den Dämon mit einem beinahe feindseligen Blick. „Nun, ich hatte immer das Gefühl, dass sie in Wahrheit dich liebt und nicht mich.“ Er zuckte erneut mit den Schultern. „Aber das ist dir sicherlich auch völlig gleichgültig. Doch falls nicht“, er sah Axaryn offen in die Augen, wohl wissend, dass der ihn dadurch auf der Stelle versteinern konnte, wenn er wollte, „so solltest du vielleicht einmal überlegen, ob es nicht ein guter Grund wäre, dich um Tarynyas Willen der Seite anzuschließen, für die sie sich entschieden hatte.“
„Du hast recht, Priester, wir Dämonen kennen Liebe nicht. Jedenfalls nicht in derselben Form wie ihr Götterkinder oder die Menschen. Wir schließen Blutbündnisse einer besonderen Art, die uns für alle Zeiten untrennbar aneinander binden und verhindern, dass die so Verbundenen einander Schaden zufügen können. Das kann man zwar nicht mit der von euren Göttern gesegneten Verbindungen vergleichen, die Männer und Frauen bei euch schließen, aber es kommt dem recht nahe. Und Tarynya war meine Blutsgefährtin.“
Vesgyn starrte den Bronzedämon schockiert an und konnte kaum glauben, was er da hörte. Davon hatte Tarynya ihm nie etwas erzählt! Doch es passte zu ihrem manchmal seltsamen Verhalten. Ihre heimlichen Treffen mit Axaryn, ihre Traurigkeit und die unverhohlene Sehnsucht in ihrer Stimme, wenn sie einmal von ihrem Leben in der Unterwelt sprach. Und für einen Moment kamen ihm jetzt Zweifel, ob Calyssa wirklich seine Tochter war – oder die von Axaryn.
Der Dämon grinste. „Das hat sie dir nie gesagt, nicht wahr?“
„Nein“, bestätigte Vesgyn und fragte sich, was Tarynya wohl dazu veranlasst haben mochte, einen solchen Schritt zu tun.
Axaryn gab ihm ungefragt darauf die Antwort. „Sie sah in unserer Blutsgefährtenschaft die einzige Möglichkeit sicherzustellen, dass ich sie nicht hintergehe und ihr keinen Schaden zufüge, nachdem sie mich gebeten hatte, ihr, hm, Mentor zu sein in der Unterwelt. Ohne mich hätte sie dort keinen einzigen Tag überlebt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Da dieses Blutbündnis aber von meiner Seite aus nichts mit ‚Liebe’ zu tun hatte, war es für mich auch kein Problem, sie wieder gehen zu lassen, als sie sich entschied, zu euch zurückzukehren. Das Band zwischen uns blieb dennoch bestehen. Und“, Axaryn blickte Vesgyn entschlossen an, „wegen dieses Bandes stehe ich auf eurer Seite im Kampf gegen Sata. Er hat meine Gefährtin getötet und ist dadurch mein Feind geworden. Ich werde nicht eher ruhen, als bis er vernichtet ist.“
„Danke.“
Axaryn schnaufte nur verächtlich. „Das tue ich nicht für dich und deinesgleichen, Lichtkrieger, sondern für das, was das Blutsband zwischen mir und Tarynya beinhaltet hat.“ Er wandte sich ab, aber bevor er verschwand, drehte er sich noch einmal um und warf einen Blick auf das jetzt schlafende Baby in Vesgyns Armen. „Sie ist zwar deine Tochter“, stellte er fest, als ahnte er, dass Vesgyn daran gezweifelt hatte. „Aber sie ist auch zu einem Viertel Dämonin, so wie ihre Halbschwester Vassora zu einem Viertel Mensch ist. Verschweige ihr niemals diesen Teil ihrer Herkunft oder dass sie eine Schwester in der Unterwelt hat.“
Ohne ein weiteres Wort verschwand er und mit ihm der Unterstand. Vesgyn blieb noch eine Weile unschlüssig, wo er war, ehe er langsam zum Lager der Menschen ging. Nachdem Káshnarokk nun für immer gebannt war, mussten er und später die Seinen lernen, in dieser primitiven Welt zu überleben und den Menschen, die sie für Götter halten würden, helfen, so etwas wie Zivilisation zu entwickeln. Und nebenbei den Kampf gegen den Unaussprechlichen weiterführen.
Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er und Calyssa die einzigen Überlebenden der unsterblichen Priesterkaste von Atlantis waren und alle Menschen, die er geliebt hatte, tot waren. Nur seine Tochter war ihm geblieben, die schon jetzt Tarynyas kleines Ebenbild war. Er setzte sich auf den Boden, wo er gerade stand und weinte, und es dauerte sehr lange, bis er die Kraft aufbrachte aufzustehen und sich der Aufgabe zu stellen, die auf ihn wartete.

© Mara Laue
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