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Band 6 - Die Fackel des Thanatos -

Band 6 Ein Lichtstrahl zerriss die Dunkelheit und störte die Grabesruhe. Das scharfe Licht traf auf schwarzen Stein und erschuf tanzende Schatten, wo seit Jahrtausenden Finsternis geherrscht hatte. Ein Seufzer entrang sich dem Mund der blonden Frau, die die Lampe hielt, als sie von der Schönheit dessen gefangen wurde, was sie entdeckt hatte.
Eine Statue, aus makellosem schwarzen Marmor, die einen nackten jungen Mann mit Flügeln darstellte, dessen perfekter Körper die Muskulatur eines Athleten zeigte. Seine Haltung war gebieterisch, was noch durch den ausgestreckten Arm unterstrichen wurde, der den Betrachter aufforderte, näher zu treten und dessen Hand zu ergreifen. In der anderen Hand hielt er gesenkt eine erloschene Fackel.
Die blonde Frau trat an die Statue heran und streckte den Arm nach ihr aus, als wollte sie dem jungen Mann die Hand schütteln. Die Augen der Statue glühten auf, und sie schien von einer Sekunde zur anderen lebendig zu werden. Ihre Finger griffen zu und packten das Handgelenk der Frau. Sie schrie erschrocken auf, ließ die Taschenlampe fallen und versuchte mit aller Kraft, sich aus dem Klammergriff der Statue zu befreien. Doch je mehr sie dagegen ankämpfte, desto fester schlossen sich die steinernen schwarzen Finger um ihr Gelenk.
Ein Schatten schob sich drohend heran, als die Statue jetzt die Fackel hob und das obere Ende dicht vor das Gesicht der zappelnden Frau brachte, die ihre Anstrengung daraufhin verdoppelte. Sie erstarrte, als ein silberfarbener Nebel aus ihrer Nase und ihrem Mund floss und von der Fackel aufgesogen wurde, die jetzt zu brennen begann. Und der schwarze Schatten im Hintergrund schob sich gierig näher und näher ...

Edward Paris erwachte mit einem erstickten Schrei und schlug mit beiden Armen wild um sich, ehe er begriff, dass nicht er das Opfer des steinernen Jünglings geworden war und dass der nicht ihm die Lebenskraft mitsamt seiner Seele aus dem Leib sog, um sie an jenen furchtbaren schwarzen Schatten zu verfüttern. Doch das beruhigte ihn nur bedingt, denn irgendwo auf dieser Welt gab es diese blonde Frau und die Statue und den schwarzen Schatten, und falls sie nicht schon tot war, so würde sie es in absehbarer Zeit sein.
Denn Edward Paris’ Träume waren keine gewöhnlichen Träume, sondern Visionen, die ihm zeigten, was in der Vergangenheit geschehen war, sich in der Gegenwart ereignete und in der Zukunft sein würde.
Während er tief ein- und ausatmete, um seinen rasenden Herzschlag wieder zu beruhigen, stand er langsam auf, warf sich Hose und T-Shirt über und ging hinunter in sein Atelier im Erdgeschoss seines Hauses, wo er wie besessen zu malen begann und die Vision auf eine Leinwand bannte. Er wusste, dass er nicht alle Menschen retten konnte, deren Tod er in seinen Träumen sah. Aber er kannte eine Person, die dazu vielleicht in der Lage wäre. Doch natürlich brauchte sie Anhaltspunkte, und so malte er, was er gesehen hatte, um ihr hinterher ein Foto des fertigen Bildes zu schicken.
Und außerdem hoffte er, dass sie das als Anlass nehmen würde ihn wiederzusehen…

Jacques LeGrand betrat seinen geheimen Raum, der noch unterhalb des Kellergeschosses seines Hauses bereits vor Jahrhunderten in den massiven Fels gehauen worden war. Er war nicht sehr groß, doch er enthielt alles, was er brauchte. Die schwarze Robe, die der hochgewachsene Afroamerikaner trug, verriet ebenso wie die Dinge, die auf dem kleinen Altar mitten im Raum lagen, dass er ein Bokor war, ein Voodoo-Zauberer, der die Toten beschwor. LeGrand hatte sich außerdem dem Bizago angeschlossen, jenem modernen Voodookult, der sich ausschließlich der Schadenszauberei widmete. Und er war nicht nur ein einfaches Mitglied des Kults von New Orleans, sondern dessen ungekrönter König.
Allerdings wackelte sein Thron seit einigen Monaten, nachdem er eine herbe Niederlage gegen eine mächtige Hexe erlitten hatte, die über eine immense magische Macht verfügte. LeGrand hatte inzwischen einiges über sie herausgefunden. Sie arbeitete als Privatdetektivin, Sicherheitsberaterin und Bodyguard in Cleveland, doch hatte sie aus ihm unbekannten und uninteressanten Gründen einen Bibliothekar hier in New Orleans vertreten, der das einzige Exemplar des Grimoires der Hexenkönigin Marie Laveau besaß. (1) Natürlich hatte LeGrand dieses Buch haben wollen – haben müssen, denn mit der Magie, die darin niedergeschrieben stand, hätte er seine Macht derart steigern können, dass nichts und niemand ihn mehr hätte aufhalten können.
Doch der Besitzer hatte sich der Hilfe dieser Hexe versichert: Sam Tyler. Und woher auch immer sie ihre Macht haben mochte, sie war seiner eigenen ebenbürtig; vielleicht sogar überlegen, falls er ihrer diesbezüglichen Drohung Glauben schenken konnte. Jedenfalls hatte sie den Todeszauber, mit dem er ihren Klienten hatte töten wollen, gegen ihn selbst gekehrt, und er wusste bis heute nicht, wie sie das angestellt hatte. Die wächserne Todespuppe, dieser unfehlbare Zauber, der noch niemals versagt hatte, war in Flammen aufgegangen, hatte LeGrands rechte Hand verbrannt, und alles, was er dem Bibliothekar über die Puppe angetan hatte, war über ihn selbst gekommen. Lediglich die Tatsache, dass er von Guede Nimbo beschützt wurde, hatte ihn vor dem Tod bewahrt. Noch immer war die Hand nicht geheilt, sodass er sie ständig in einem Handschuh verbarg, um sie zu schützen und sich den Anblick des verkohlten Fleisches zu ersparen.
Doch damit nicht genug! Die Hexe war am nächsten Tag zu ihm gekommen und hatte fast alle seiner mächtigen magischen Artefakte zerstört, darunter die unersetzliche Todesmaske von Guede Nimbo und die Blutmaske der Maya. Lediglich die zouti (2), die er hier unten in seinem persönlichen Tempel versteckt hielt, waren der Vernichtung entgangen. LeGrand hatte damit nicht nur einen Teil seiner Macht verloren, er hatte auch Wochen gebraucht, bis er sich körperlich und magisch von der Konfrontation mit Sam Tyler erholt hatte. Seitdem war er damit beschäftigt – wenn er sich nicht um sein Antiquitätengeschäft kümmerte, was er momentan weitgehend einem Assistenten überließ –, die verlorene Macht zurückzugewinnen. Denn erst wenn er wieder im Vollbesitz seiner Fähigkeiten war oder eine mächtige Waffe in die Hände bekam, würde er in der Lage sein, seine Rache an Sam Tyler nehmen zu können.
Allerdings ging ihm das gegenwärtig nicht schnell genug, weshalb er die Sache beschleunigen wollte. Er hatte bereits seit langem einen Pakt mit Guede Nimbo, dem loa, der über die Toten wacht und seine Anhänger mit der Macht der Nekromantie beschenkt. Guede Nimbo war einem Handel nie abgeneigt, und so machte sich LeGrand jetzt daran, den Gott zu beschwören. Sorgfältig malte er das veve auf den Boden vor dem Altar, das heilige Bildsymbol, das Guede Nimbo herbeirief. Die drei Zombies, die ständig hier unten im Tempel an den drei heiligen Trommeln saßen und darauf warteten, dass er ihnen irgendetwas zu tun befahl, begannen auf seinen Wink hin, den Beschwörungsrhythmus zu schlagen, und LeGrand stimmte den Gesang an, der das Ritual einleitete. Als der Bokor auf dessen Höhepunkt eine Ziege opferte und ihr Blut über den Altar fließen ließ, erschien Guede Nimbo.
Die schlanke Gestalt eines Afrikaners mit glühend gelben Augen stand so plötzlich vor ihm, dass LeGrand, hätte er ihr Erscheinen nicht erwartet, erschrocken zur Seite gesprungen wäre. Doch so gebot er nur den Trommlern mit einer Handbewegung aufzuhören und verneigte sich leicht vor ihm.
„Du solltest deine Trommler ersetzen“, schlug Guede Nimbo ironisch vor. „Sie beginnen schon zu stinken.“
„Ich mag den Geruch von Verwesung ebenso wie du“, konterte LeGrand nicht minder ironisch.
„Und vor allem solltest du dich nicht bespitzeln lassen“, hielt ihm Guede Nimbo vor und machte eine Geste, als würde er einen unsichtbaren Gegenstand werfen. Ein Stück über LeGrands Kopf zuckte eine kleine Flamme auf, die zischend verpuffte. „Jemand hat einen Luftelementar geschickt, der dich beobachtet und seinem Herren alle deine magischen Aktivitäten meldet. Und du hast es nicht einmal gemerkt.“ Guede Nimbos Stimme triefte vor Verachtung, und LeGrand stieß einen lästerlichen Fluch aus. Das konnte nur das Werk dieser verdammten Hexe sein, und wäre er nicht so geschwächt, hätte er ihren Spion längst selbst entdeckt.
„Was also willst du?“, fragte Guede Nimbo, und es klang gelangweilt und ungehalten zugleich.
„Ich will meine Macht zurückgewinnen, um dir besser dienen zu können.“
Guede Nimbo lachte. „Mach mir nichts vor, kleiner Bokor“, forderte er. „Du dienst mir nur, um deiner eigenen Macht willen. Aber das ist mir gleich, denn ich habe schließlich auch etwas davon. Bring mir Seelen, und ich gebe dir Macht.“
„Ich könnte dir schneller Seelen bringen, wenn ich ein Instrument hätte wie die heilige Maske der Guede, aber die wurde zerstört.“ Seine Stimme klang hasserfüllt.
Guede Nimbo schüttelte missbilligend den Kopf. „Du besitzt bereits drei Lebenszeiten, die ich dir geschenkt habe für deine Dienste“, stellte er fest. „Und dennoch wagst du es, mich um eine weitere Gunst anzubetteln?“
LeGrand verneigte sich tief vor ihm. „Ich diene dir, mächtiger loa, und ich werde dir immer dienen, so gut ich kann und nichts verlangen.“
Guede Nimbo schnaufte verächtlich. „Du hast auch nichts mehr zu verlangen, nachdem du durch deine eigene Inkompetenz einen Teil deiner Macht verloren hast. Aber machtlos bist du mir nicht von allzu großem Nutzen. Deshalb werde ich dir die Gelegenheit geben zu erlangen, was du begehrst ...“

Die Strahlen der Taschenlampen huschten wie geisterhafte, weiße Finger über die Wände der Tropfsteinhöhle und wurden von den teilweise glatten Kalkwänden zurückgeworfen, die wie Eis glitzerten.
„Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind, Byron?“
Die Stimme von Dr. Pete Caulfield hatte hier unten einen hallenden Klang. Er richtete seine Taschenlampe auf die Karte, die er in einem durchsichtigen Plastikbeutel vor der hier unten herrschenden Feuchtigkeit geschützt hatte. Es handelte sich dabei um einen Ausdruck der neuesten Messungen mit dem Tiefenscanner, der bei den letzten Scans irgendwo hier unten einen noch unentdeckten, aber recht großen Hohlraum angezeigt hatte. Immerhin waren die 83 Einzelhöhlen des Carlsbad Cavern National Park noch lange nicht vollständig erforscht. Das traf nicht nur auf die vielen relativ kleinen und unzugänglichen Höhlen des Parks zu, sondern auch auf die Tiefen der Haupthöhle, die die Touristenattraktion darstellten.
„Ganz sicher, Pete“, antwortete Dr. Byron Simmons, der Leiter der Forschungsgruppe. „Die Höhle muss hier irgendwo sein.“
„Ja, nach den Messungen liegt sie direkt neben dieser, aber nirgends haben die Scanner einen Durchgang gefunden“, beharrte Pete.
„Was nichts heißen will“, widersprach Simmons, „denn wir haben ja nicht jede Tiefenschicht abgetastet, sondern nur eine einzige, die aber zeigt, dass die Trennwand zwischen dieser und der neuen Höhle derart dünn ist, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, wenn die Zeit und die Erosion hier nicht irgendwo mindestens einen Durchgang geschaffen haben.“
Er ließ den Strahl seiner Taschenlampe über eine Wand gleiten, die sich im hinteren Teil der Höhle befand. Im nächsten Moment schoss eine Flut kleiner schwarzer Leiber direkt aus der Wand hervor, wie es schien.
„Verdammt!“, fluchte Sarah Heller erschrocken, die Dritte im Bunde, und duckte sich instinktiv. „Ich dachte, die Fledermäuse halten sich nur in der Bat Cave nahe dem Haupteingang auf.“
„Hm, hm“, bestätigte Simmons geistesabwesend und leuchtete mit seiner Lampe in die Richtung, aus der die Fledermäuse gekommen waren. „Aber wir sind die ersten Forscher, die sich so tief in die Höhlen hineinwagen, ‚where no man has gone before’“, zitierte er den letzten Satz des Vorspanns aus der ersten Star-Trek-Serie der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. „Vor uns war noch niemand hier, weshalb auch noch niemand diese Fledermäuse aufgeschreckt haben kann. Außerdem vermuten die Biologen schon lange, dass sich hier gut eine Million Fledermäuse tummeln, aber die Population der Bat Cave ist ungefähr nur halb so groß. Also muss die restliche Hälfte anderswo ihre Residenz aufgeschlagen haben. Und ich glaube, wir haben sie gerade gefunden. Aber wohl auch noch etwas anderes.“ Er deutete auf das, was das Licht seiner Lampe erfasst hatte.
Dort, woher die Fledermäuse gekommen waren, klaffte ein Spalt in der Höhlenwand, der gerade breit genug war, einen Menschen durchzulassen. Simmons, Caulfield und Heller drängten sich eifrig um die Öffnung und leuchteten in den Spalt hinein.
„Na bitte!“, sagte Simmons zufrieden. „Da ist unsere Höhle. Gehen wir rein.“
„Was ist denn das?“ Pete Caulfield leuchtete mit der Lampe durch den Spalt in eine Nische der Höhle. Der Strahl verfing sich an etwas Dunklem, Glänzendem. „Das sieht so aus, als wäre der Felsen dort bearbeitet.“
„Unmöglich“, war Sarah Heller überzeugt. „In dieser Höhle ist noch niemand gewesen.
„Sehen wir uns das mal näher an“, entschied Simmons und zückte ein Sprechfunkgerät. „Hey, Billy“, meldete er dem restlichen Team draußen vor der Höhle, „wir haben die Höhle gefunden und gehen jetzt rein. Wundere dich also nicht, falls wir dann nicht mehr zu erreichen sein sollten.“
„Verstanden“, kam die Antwort von Billy Prentice, der für die technische Ausrüstung zuständig war. „Wenn ihr euch in einer Stunde nicht wieder gemeldet habt, schicke ich den Suchtrupp los.“
„Okay, Billy. Over and out.“
Er hakte das Walkie-Talkie wieder an seinem Gürtel fest und zwängte sich als Erster durch den Spalt. Doch die Ränder der Spalte waren dünn und brüchig und hielten dem Druck eines sich gegen sie stemmenden Körpers nicht aus. Mit einem knirschenden Geräusch gab ein Teil der Höhlenwand nach, bröckelte ab und fiel zu Boden. Simmons verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Staub wirbelte auf und verursachte den drei Menschen heftigen Husten und tränende Augen.
„Pass doch auf, Mann!“, schimpfte Sarah und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht, um die Staubschwaden zu vertreiben.
„Immerhin ist der Eingang jetzt groß genug für uns“, stellte Caulfield pragmatisch fest und folgte Simmons. Sarah schloss sich ihm an.
Simmons rappelte sich wieder vom Boden auf und leuchtete die Höhle aus. Der Höhlenraum besaß die Form einer Niere und maß etwa zwölf mal sieben Meter. Und in der Ecke links vom Eingang, wo Caulfield bearbeiteten Fels gesehen haben wollte, befand sich eine echte Sensation. Dort stand die lebensgroße Statue eines Jünglings aus schwarzem Stein, von dessen Rücken sich große Flügel ausbreiteten. Er streckte eine Hand dem Betrachter entgegen und hielt in der anderen eine erloschene Fackel mit der Spitze nach unten.
„Wow!“, meinte Caulfield und trat näher an die Statue heran. Er ließ den Strahl seiner Taschenlampe darüber gleiten und strich schließlich mit den Fingern über den glatten Stein. „Fühlt sich an wie Marmor“, stellte er fest. „Aber wie ist das Ding hierher gekommen?“
„Na, irgendwer wird sie wohl hierher getragen und in der Höhle versteckt haben“, meinte Sarah Heller schnippisch und strich sich eine vorwitzige Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn.
„Das muss aber schon vor sehr langer Zeit passiert sein“, sagte Simmons, „denn der einzige Eingang zu dieser Höhle war, wie wir ja selbst gesehen haben, derart schmal, dass diese Figur mit ihren weit ausgebreiteten Flügeln niemals durchgepasst hätte. Sie muss also hereingebracht worden sein, als der Eingang noch breiter war.“
„Oder sie wurde hier drinnen erschaffen“, widersprach Caulfield, während Sarah Heller ihre Kamera zückte und den Fund von allen Seiten zu fotografieren begann.
Als das erste Blitzlicht aufflammte und die Statue für einen Moment in helles Licht tauchte, schienen deren Augen lebendig zu werden und sich zu öffnen, doch das war natürlich nur Einbildung. Trotzdem hatte Sarah das Gefühl, als hätte der Tod sie gerade angeblickt. Sie fröstelte. Täuschte sie sich, oder war es tatsächlich in der Höhle schlagartig kälter geworden? Sie warf einen Blick zu ihren Begleitern hinüber, doch die schienen davon nichts zu merken. Sicherlich hatte sie sich das nur eingebildet wegen des seltsamen Effekts, den das Blitzlicht in den Augen der Statue verursacht hatte. Entschlossen setzte sie das Fotografieren fort.
„Sie kann unmöglich hier erschaffen worden sein“, war Simmons überzeugt. „Die einzigen Menschen, die in früheren Zeiten die Höhlen hier besucht haben, waren Indianer. Und nach allem, was wir über sie und ihre Kultur wissen, haben die niemals solche Statuen hergestellt.“ Er betrachtete sie eingehend. „Irgendwie sieht sie nach griechischer Klassik aus.“
„Natürlich!“, höhnte Caulfield. „Und wie soll eine griechische Statue hierher gekommen sein?“
„Wie wäre es“, unterbrach Sarah die Diskussion, „wenn ihr die Debatte auf einen Zeitpunkt verschiebt, nachdem wir die Statue näher untersucht und vor allem datiert haben. Dadurch könnte sich vielleicht die Hälfte eurer Spekulationen in Luft auflösen.“
Beide Männer machten schuldbewusste Gesichter. „Du hast ja Recht, Sarah“, stimmte Caulfield ihr zu. Er ging noch einmal um die Statue herum, legte die Hände dagegen und versuchte sie zu bewegen, doch sie wackelte nicht einmal. „Also, sie ist zu schwer, als dass wir drei sie allein hier heraustragen könnten“, stellte er fest. „Wir brauchen Seile, eine Bahre und die anderen.“
„Und ich werde versuchen herauszufinden, wen diese Statue darstellen soll“, fügte Sarah hinzu. „Vielleicht sollten wir auch mal im Reservat nachfragen, ob von den Leuten dort jemand etwas über solche Statuen weiß.“
„Tu das“, stimmte Simmons ihr zu. „Wir Männer erledigen den Rest.“

Jacques LeGrand betrat Mama Fortuna’s Occult Shop im French Quarter von New Orleans. Der Laden war nicht nur ein Geheimtipp unter den Voodoo-Anhängern der ganzen Gegend, sondern auch weit darüber hinaus bekannt. Jeder, der sich mit echter Magie beschäftigte und dafür Zutaten benötigte, die schwer zu bekommen waren, konnte sich vertrauensvoll an die Besitzerin wenden. Alice Tyler stand in dem Ruf, wirklich alles besorgen zu können, sei es die Haut eines Ghouls, das Blut eines Vampirs, den Zahn eines Höllenhundes oder den Leichenstaub eines Tikolosh.
LeGrand war einer ihrer Stammkunden und es auch noch geblieben, nachdem er festgestellt hatte, dass sie eine Cousine der Hexe Sam Tyler war. Doch wie er durch vorsichtiges Sondieren in einem Gespräch mit Alice Tyler festgestellt hatte, herrschte zwischen den Cousinen keine allzu große Liebe, weshalb LeGrand sich sicher war, dass er Mama Fortuna’s Occult Shop gefahrlos weiterhin frequentieren konnte. Es wäre auch zu ärgerlich gewesen, wenn er sich eine andere Quelle für seine magischen Ingredienzien hätte suchen müssen. Natürlich war auch Alice Tyler eine Hexe von Format, aber sie mischte sich nicht in die Dinge ein, die ihre Kunden mit dem taten, was sie ihnen verkaufte. Sie war nur an dem Geld interessiert, das die ihr bezahlten.
Jetzt begrüßte sie ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln. „Mr. LeGrand! Sie waren lange nicht hier. Ich habe Sie schon vermisst.“
Täuschte er sich, oder lag tatsächlich ein Hauch von Bosheit in ihrer Stimme? Er neigte leicht den Kopf. „Ich war beschäftigt“, antwortete er ausweichend. „Doch nun kann ich mich wieder wichtigen Dingen zuwenden.“
„Und dafür brauchen Sie etwas aus meinem reichhaltigen Angebot“, stellte Alice Tyler fest und deutete auf den Durchgang zu einem Hinterzimmer, in dem sie ihre besonderen Gäste empfing und magische Beratungen durchführte.
LeGrand folgte ihr und nahm in dem Korbsessel Platz, den sie ihm anbot, lehnte es aber ab, eine Tasse Tee zu trinken. Ein Bokor musste immer vorsichtig sein, von wem er etwas zu trinken oder essen annahm, und LeGrand traute ohnehin niemandem.
„Was also kann ich heute für Sie tun, Mr. LeGrand?“
Der Afroamerikaner beugte sich leicht vor. „Ich brauche einen Zauber“, erklärte er.
Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch und musste sich ein boshaftes Grinsen verkneifen. Sie spürte mit ihren magischen Sinnen deutlich, dass LeGrand immer noch unter den Nachwirkungen des Kampfes litt, den er unvorsichtigerweise mit ihrer Cousine Sam ausgetragen hatte. Es war zum Lachen, dass LeGrand mit all seiner für einen Menschen nicht gerade geringen Macht immer noch nicht begriffen hatte, dass er es bei Alice und Sam Tyler nicht mit Menschen zu tun hatte, sondern mit Dämonen, die sich vor einem halben Jahr eine Macht angeeignet hatten, verglichen mit der seine eigene wie ein kümmerliches Sandhäufen neben einem Berg wirkte. Doch das würde Tai’Aliada, wie ihr richtiger Name lautete, ihm natürlich nicht auf die Nase binden.
„Ein Houngan wie Sie braucht einen Zauber von mir?“, vergewisserte sie sich. Zwar wusste sie sehr genau, dass LeGrand ein Bokor war, doch er gefiel sich darin, sich nach außen hin als Houngan zu präsentieren, einen Hohepriester des Voodoo. Doch die echten Houngans und ihre weiblichen Pendants, die Mambos, dienten ausschließlich den guten loas.
LeGrand neigte zustimmend den Kopf. „Sie wissen, dass es Ihr Schaden nicht sein wird.“
„Natürlich nicht, Mr. LeGrand, denn Sie werden wohl kaum auf den Gedanken kommen, jemanden wie mich nicht angemessen zu bezahlen.“ Und das Lächeln, das ihre Worte begleitete, war ausgesprochen kalt.
LeGrand war weit davon entfernt, sich von ihr einschüchtern zu lassen, doch sie hatte natürlich Recht. Wer sie nicht angemessen bezahlte, mit dem machte sie keine Geschäfte mehr, und er brauchte sie auch weiterhin als Bezugsquelle.
„Ich brauche einen Zauber, mit dem ich toten Gegenständen vorübergehend Leben einhauchen kann“, brachte er sein Anliegen auf den Punkt. „Und ich zahle natürlich, was Sie dafür verlangen.“
Aliada blickte ihn ausdruckslos an und dachte angestrengt nach. Ihr war natürlich bewusst, dass LeGrand plante, sich an Sam zu rächen, und dass sie das keinesfalls unterstützten durfte, indem sie ihm das dazu erforderliche Werkzeug verkaufte. Andererseits würde ein solcher Zauber, wie er ihn verlangte, eine gehörige Stange Geld bringen, und die Dämonin liebte den ganz profanen Reichtum, den der Shop ihr einbrachte. Dennoch war der Zauber, den LeGrand haben wollte, in seinen Händen ein gefährliches Werkzeug.
„Der ist nicht leicht zu bekommen“, spielte Aliada auf Zeit.
„Aber Sie können ihn besorgen“, insistierte LeGrand.
„Vielleicht. Kommen Sie morgen wieder, dann kann ich Ihnen mehr sagen.“
LeGrand erhob sich, verbeugte sich leicht und ging. Aliada wartete, bis er den Laden verlassen hatte, ehe sie ihre Hellsichtigkeit aktivierte und damit kurz überprüfte, ob er den Zauber für einen Angriff auf Sam benutzen wollte. Doch LeGrand plante etwas anderes. Er wollte die Fackel einer steinernen Statue haben, die fest mit dem Stein verbunden war. Falls es ihm gelang, die Statue zum Leben zu erwecken, so wäre es ein Leichtes, sie dazu zu bringen, ihre Hand zu öffnen und die Fackel loszulassen. Deshalb sah Aliada keinen Grund, ihm einen solchen Zauber nicht zu verkaufen.
Sie ging in ihre Wohnung im ersten Stock des Hauses hinauf und trat zu einer Wand im Schlafzimmer, die völlig glatt und fugenlos war. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass darin eine magische „Tasche“ im Gefüge von Raum und Zeit einen Hohlraum bildete, in dem sie eine Zauberbox mit einem überaus wichtigen Inhalt versteckt hatte. Sie öffnete die „Tasche“ mit einem Zauber und holte die Box heraus. Schon die allein garantierte einen optimalen Schutz dessen, was Aliada darin versteckt hielt, denn sie war mit jedem nur erdenklichen Schutzzauber gesichert, den die Dämonin kannte, und sie war die einzige Person, die sie öffnen konnte.
Mit einem zufriedenen Lächeln öffnete sie die Box und entnahm ihr ein dickes Notizbuch, das auf den ersten Blick völlig unscheinbar war, doch der Inhalt war umso brisanter. Es handelte sich um eine Kopie des Grimoires von Marie Laveau, der „Hexenkönigin“ von New Orleans, und es enthielt eine Unmenge an Zaubern, magischen Tränken und Wissen, für das jemand wie LeGrand seine Seele verkauft hätte, um sie zu bekommen. Vorausgesetzt der hatte sie nicht schon längst „verkauft“, wovon Aliada überzeugt war.
Eigentlich dürfte dieses Buch gar nicht mehr existieren, denn die Tai’u hatten das Original vor ein paar Monaten bereits vernichtet, da das Wissen darin zu gefährlich war (3). LeGrand hatte bereits versucht, sich das Buch anzueignen, um mit seiner Hilfe seine Herrschaft über die Welt zu errichten. Doch das Wissen darin hätte auch der Unterwelt gefährlich werden können, weshalb Sam und ihr Vater Benyun darauf bestanden hatten, es zu vernichten. Rational betrachtet war das eine weise Entscheidung, doch Aliada hatte nicht eingesehen, dass dieses ungeheure Wissen verloren gehen sollte und das Buch heimlich magisch kopiert. Da sie seinen Inhalt in Unadru übertragen hatte, der Sprache und Schrift der Dämonen, die kein Mensch zu lesen vermochte, sah sie darin keine Gefahr. Außerdem achtete sie sorgfältig darauf, dass sie keine Zauber daraus an Menschen verkaufte, mit denen die allzu großen Schaden anrichten konnten.
Sie wusste, dass ein Zauber in dem Buch enthalten war, der, leicht abgewandelt, genau dem entsprach, was LeGrand haben wollte und suchte ihn heraus. Es war für sie nicht schwer, die entsprechende Modifizierung vorzunehmen. Zusätzlich würde sie den Zauber noch so verändern, dass er nur ein einziges Mal wirkte und danach seine Macht verlor.
Aliada genoss solche Spielchen, weil sie ihr immer wieder aufs Neue zeigten, wie groß ihre magische Macht inzwischen war. Geld und Macht waren wunderbare Accessoires, die einem Sukkubus wie ihr bestens zu Gesicht standen. In dem Punkt waren sie und LeGrand gar nicht einmal so verschieden. Dennoch wäre Aliada nie auf den Gedanken gekommen, sich in irgendeiner Weise mit dem Bokor zu verbünden, denn LeGrand wollte nur die Macht, und er teilte sie mit niemandem. Auch dagegen hatte Aliada nicht das Mindeste einzuwenden, aber LeGrand ging zur Machtgewinnung über Leichen, und sie hatte keine Lust, als eine solche zu enden. Zwar dürfte es ihm schwerfallen, ihr irgendetwas anzuhaben, aber da sie nicht wusste, welche Tricks er noch in petto hatte, die ihr vielleicht gefährlich werden könnten, ging sie kein Risiko ein und beließ es bei einer rein geschäftlichen Beziehung.
Sie würde für den Zauber zwanzigtausend Dollar verlangen und nach dem üblichen Feilschen ungefähr vierzehntausend bekommen. Das war ein mehr als guter Preis für einen Zauber, der nur ein einziges Mal wirkte. Sorgfältig schrieb sie das Ritual und alles, was dazu gehörte, auf ein Blatt Pergament und präparierte es so, dass die Schrift sich darauf unwiederbringlich selbst löschte, sobald LeGrand das Ritual einmal durchgeführt hatte. Als Bonus legte sie es noch in eine kleine Schmuckbox und freute sich darauf, morgen um ein paartausend Dollar reicher zu sein.

Die Bergung der Statue aus der Höhle erwies sich als schwieriger, als Simmons’ Team es gedacht hatte, denn wie sich herausstellte, stand sie nicht direkt auf dem Boden der Höhle, sondern auf einem fast anderthalb Meter tief ins Erdreich eingelassenen Sockel. Nach den Jahrhunderten, die die Statue hier wohl verbracht hatte, hatte sich dieser Sockel derart fest mit der Erde verbunden, die unter der Oberfläche bereits nahezu versteinert war, dass das Team ihn ohne den Einsatz von schwerem Gerät nicht daraus befreien konnte. Da es nicht ratsam war, zu diesem Zweck einen Presslufthammer zu verwenden, weil dessen Vibrationen nicht nur die Statue schädigen, sondern unter Umständen auch die Höhlenwände destabilisieren konnten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich mit Hämmern und Meißeln an die schweißtreibende Arbeit zu machen. Voraussichtlich würde es mehrere Tage dauern, bis der Sockel freigelegt war und sie sich daran machen konnte, die Statue nach oben zu transportieren.
Ihre Herkunft gab immer noch Rätsel auf. Sarah Heller hatte ein Foto an die Apachen-Reservation gemailt, die nördlich der Höhlen lag und angefragt, ob man etwas darüber wüsste. Doch den Indianern war sie völlig unbekannt. Sie konnten nur mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie definitiv keine indianische Arbeit darstellte und die Figur auch mit keiner Gestalt aus ihren zahlreichen Mythen und Legenden korrespondierte. Später hatten Sarahs Recherchen im Internet einwandfrei ergeben, dass es sich dabei um eine Statue des prä-hellenischen Totengottes Thanatos handelte. Zumindest wurde er seit ungefähr zweitausend Jahren eben so dargestellt, wie die Statue aussah. Die Analyse eines Splitters des Sockels datierte das Alter der Figur auf 2350 Jahre. Und seit etwa eben dieser Zeit stand sie in der Höhle.
„Das kann nicht sein“, war nicht nur Byron Simmons überzeugt. „Eine griechische Statue kann unmöglich vor 2300 Jahren oder so über den Großen Teich hierher geschafft worden sein. Irgendetwas stimmt mit den Analysen nicht. Entweder ist die Statue nicht so alt, oder sie steht noch nicht so lange da unten. Außerdem war die Höhle bis auf den Spalt, den wir gefunden haben und der auch erst jüngeren Datums ist, völlig verschlossen. Wie sollte die Statue da hinein gekommen sein? Unmöglich!“
„Ich habe die Analysen viermal wiederholt“, hielt Sarah ihm leicht pikiert vor. „Sie sind korrekt. Ich dachte auch erst an einen Fehler in den Analysegeräten und habe sie überprüft. Sie arbeiten einwandfrei. Das Ding ist eine Statue von Thanatos, und sie ist 2350 Jahre alt und sie steht seit ungefähr dieser Zeit dort unten in der Höhle. Und nein, ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie sie dahin gekommen sein könnte. Doch wie sagte schon Sherlock Holmes: Wenn man jede andere Möglichkeit ausgeschlossen hat, dann muss die, die noch übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unglaublich sie auch scheinen mag.“
„Und wie lautete deiner Meinung nach diese Wahrheit?“, wollte Pete Caulfield wissen.
Sarah zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht den leisesten Schimmer“, gestand sie. „Vielleicht erfahren wir mehr, wenn wir die Statue endlich raufgeholt haben und sie bei Tageslicht betrachten können. Bis dahin werde ich zur Sicherheit mal überprüfen, ob in irgendeinem Museum so eine Statue steht oder gestanden hat, die jetzt verschwunden ist. Aber selbst wenn dem so wäre, so erklärte das noch lange nicht, wie unser Thanatos seit über zweitausend Jahren dort unten stehen kann.“
„Vielleicht ist die Analyse doch falsch und das Gerät hat einen Defekt, den du nur nicht gefunden hast“, vermutete Simmons.
Sarah schüttelte den Kopf. „Billy hat es auseinander genommen und jeden einzelnen Schaltkreis gecheckt. Die Messungen sind korrekt und bleiben immer dieselben. Wir müssen also davon ausgehen, dass es eine altgriechische Statue irgendwie geschafft hat, von Griechenland hierher zu kommen, lange bevor Amerika überhaupt von den Europäern entdeckt wurde.“
„Mal langsam“, wandte Caulfield ein. „Erik der Rote war schon vor Columbus in Amerika.“
„Ja, aber das war im Jahr 992 nach Christus“, erinnerte ihn Sarah, „und diese Statue stammt aus dem vierten Jahrhundert vor Christus und steht seit ungefähr dieser Zeit hier. Erik kann sie also nicht hergebracht haben, mal ganz abgesehen davon, dass er nur an der Nordostküste war und niemals so weit nach Süden oder ins Landesinnere vorgedrungen ist.“
„Aber wer dann?“, überlegte Caulfield laut. „Vorausgesetzt, die Analysen sind wirklich korrekt, woran ich immer noch zweifle. Aber“, er hob abwehrend die Hände, als Sarah ihm einen bitterbösen Blick zuwarf, „bestimmt lösen wir das Rätsel noch, sobald wir die Statue heraufgeholt haben und sie intensiver untersuchen können. Schließlich kann sie nicht durch Zauberhand hierher gekommen sein.“
Sarah verspürte bei seinen Worten wieder den eisigen Hauch in der Luft, der ihre Haut streifte, wie in der Höhle, als sie die Statue fotografiert hatte. Sie schüttelte das unbehagliche Gefühl ab. Die Angelegenheit mochte mysteriös sein, aber es gab mit Sicherheit eine logische Erklärung dafür; die musste es einfach geben, denn Zauberei existierte schließlich nicht. Zumindest keine, die so ein Kunststück fertig gebracht hätte. Also würde sie noch einmal alles überprüfen und am besten dazu eine neue Gesteinsprobe des Erdreichs und des Sockels nehmen.
Entschlossen nahm sie ihre Taschenlampe und ihr Werkzeug und ging in die Höhle hinein.

Jacques LeGrand war mehr als zufrieden mit seinem Geschäft mit Alice Tyler. Für 14.504 Dollar hatte er den Zauber bekommen, den er brauchte. Jetzt musste er nur noch den Gegenstand holen, zu dem Guede Nimbo ihm den Weg gewiesen hatte. Ein Flug zum Cavern City Airport in Carlsbad war schnell gebucht und er noch am selben Tag dort, wo er sich zunächst unauffällig unter die Touristen gemischt hatte; zumindest soweit es ihm möglich war. Mit seiner Größe von ein Meter achtundneunzig war er nun mal in gewisser Weise ein Blickfang, was er durch eine betont unauffällige Kleidung wettzumachen versuchte sowie sich durch einen kleinen Illusionszauber kleiner erscheinen ließ, als er war.
Bei den Haupthöhlen arbeitete ein Team von Archäologen, und wie LeGrand den belauschten Gesprächsfetzen entnehmen konnte, hatten sie zu seinem profunden Missfallen offenbar genau die Statue gefunden, auf die er selbst es abgesehen hatte. Im ersten Moment verspürte er darüber eine gewaltige Wut wie immer, wenn jemand oder etwas seine Pläne zu durchkreuzen drohte. Doch die legte sich wieder, als er mitbekam, dass sie Schwierigkeiten hatten, die Statue zu bergen. Da sie nicht rund um die Uhr daran arbeiteten sie auszugraben, gab ihm das genug Gelegenheit, nach Feierabend in die Höhle zu schleichen und sein Werk zu tun.
Nein, noch besser war es, wenn er sich unter die Arbeiter mischte, um einen Grund zu haben, sich auf dem Gelände aufzuhalten. Immerhin suchten sie für die Bergung der Statue noch Leute. Mit einem weiteren Zauber fiel es ihm nicht schwer, den Job zu bekommen, und schon konnte er im Camp der Archäologen ein und aus gehen. Trotzdem verlor er keine Zeit und setzte seinen Plan gleich am ersten Tag in die Tat um. Er kam pünktlich und arbeitete gut, aber natürlich nicht gut genug, um dadurch aufzufallen, und blieb wie zufällig etwas zurück, als die Arbeiter Feierabend machten und die Höhle wieder verließen.
Kaum war er allein mit der Statue, holte er die Utensilien, die er für das Ritual brauchte, aus seiner Arbeitstasche, die er ständig bei sich trug und zog sich das schwarze Ritualgewand über, das er bei allen Zeremonien anlegte. Anschließend malte er das erforderliche veve aus mit Blut vermischter Asche vor der Statue auf den Boden. Er war gerade mit den Vorbereitungen fertig, als er Schritte hörte, die sich der Höhle näherten. Sofort schaltete er die Taschenlampe aus und drückte sich an die Höhlenwand. Sein Gewand verschmolz mit den Schatten und machte ihn nahezu unsichtbar.

Sarah betrat die Thanatos-Höhle, wie sie jetzt vom ganzen Team genannt wurde, und ließ den Strahl ihrer Lampe über die Statue gleiten. Jedes Mal, wenn sie sie ansah, überlief es sie kalt und verursachte ihr das Gefühl, als ginge gerade jemand über ihr Grab. Die Figur wirkte so lebendig, dass Sarah glaubte sehen zu können, wie sich die Muskeln unter der steinernen Haut anspannten und bewegten. Obwohl ihr der Anblick Angst machte, fand sie die Statue dennoch wunderschön, und sie seufzte leise. Bestimmt würde das Gefühl von Bedrohung verfliegen, sobald die Arbeiter sie ans Tageslicht geschafft hatten.
Entschlossen nahm sie einen kleinen Meißel aus ihrer Werkzeugtasche und beugte sich zum Sockel hinunter, um von einer geeigneten Stelle ein Stück abzuschlagen, das sie analysieren konnte und stutzte. Auf dem Boden vor der Statue waren seltsame Linien und Punkte gemalt, die sich von dem dunklen Boden kaum abhoben. Sarah wusste, dass sie heute Morgen noch nicht hier gewesen waren und fragte sich verärgert, was die Arbeiter sich bei dieser Schmiererei gedacht haben mochten. Aber wahrscheinlich fühlte sich mindestens einer von ihnen in der Gegenwart dieser so lebendig wirkenden Statue ebenfalls unwohl, und dieses „Gemälde“ war wohl der Bannzauber gegen deren „bösen Blick“.
Kopfschüttelnd machte sie Miene, die Zeichnung mit dem Fuß zu verwischen, als eine Stimme hinter ihr aufklang, die Worte in einer Sprache rief, die Sarah noch nie gehört hatte. Sie fuhr erschrocken herum und sah sich einer Gestalt in einer schwarzen Robe gegenüber, die die Arme ausbreitete und wie besessen weitersprach. Sarah fiel vor Schreck die Taschenlampe aus der Hand, und sie stolperte einen Schritt zurück. Hinter sich, wo die Statue stand, vernahm sie ein knirschendes Geräusch und wandte den Kopf. Unwillkürlich stieß sie einen entsetzten Schrei aus, denn was sie sah – glaubte zu sehen – konnte es unmöglich geben.
Die Statue hatte die Augen geöffnet, und ihr durchdringender Blick schnitt mitten hinein in Sarahs Lebenskraft. Sie streckte abwehrend die Hand aus – und Thanatos wurde lebendig, packte sie am Handgelenk und hielt sie eisern fest. Sarah schrie und wehrte sich mit aller Kraft, doch die kalte Steinhand hielt sie fest, und die andere Hand hob langsam die Fackel und näherte sie ihrem Gesicht.
„Hilfe!“, brüllte die junge Frau aus Leibeskräften und wandte sich verzweifelt dem Mann zu, der immer noch unverständliche Worte ausstieß. „So helfen Sie mir doch!“
Doch das war nicht in seinem Sinn, wie sie erkennen musste, denn er lächelte zufrieden, und das Licht der herabgefallenen Taschenlampe verlieh seinem dunklen Gesicht einen wahrhaft dämonischen Ausdruck. Tränen rannen über Sarahs Gesicht, als sie begriff, dass sie sterben würde. Noch immer stemmte sie sich mit aller Macht gegen den Klammergriff der Statue, doch ihre Kraft ließ rapide nach, als das Ende der Fackel jetzt unmittelbar vor ihrem Gesicht war und kurz aufglühte.
Etwas Unsichtbares griff nach ihr, tauchte in sie ein, packte ihre Seele und sog sie zusammen mit ihrer Lebenskraft aus ihr heraus. Sarah fühlte, wie sie ihren Körper verließ, der in Thanatos’ Klammergriff jetzt leblos zusammensackte, und in die Fackel hineingesogen wurde. Für einen Moment wurde es völlig finster um sie herum, ehe sie in weiter Ferne etwas Helles sah, das rasch größer wurde. Für einen Moment empfand sie fast so etwas wie Trost, denn es hieß ja, dass die Seelen nach dem Tod durch einen langen, dunklen Tunnel gehen, ehe sie ins himmlische Licht eintreten.
Doch was da beständig näher kam, ähnelte immer weniger einem Licht, erst recht keinem göttlichen, sondern nahm zu ihrem ultimativen Entsetzen die Konturen eines grinsenden Totenschädels an, der sein grässliches Maul öffnete und Sarahs Seele verschlang ...

Jacques LeGrand sah Guede Nimbo hinter der lebendig gewordenen Statue auftauchen und beobachtete zufrieden, wie er die Seele fraß, die die Fackel gerade eingesogen hatte. Kaum war die Frau tot, als der Blick des Todes sich jetzt langsam auf LeGrand richtete. Doch der Bokor hatte nicht die Absicht, das Opfer seines eigenen Zaubers zu werden. Er trat zur Seite, packte die Fackel und entwand sie den steinernen Fingern, ehe sie ihm ebenfalls zum Verhängnis werden konnte. Anschließend sprach er das Wort, das den Zauber brach, und die Statue erstarrte wieder in – fast – der Haltung, die sie gehabt hatte, bevor LeGrand sie erweckte. Lediglich die Leiche der Frau, deren Arm immer noch in ihren steinernen Fingern hing, störte das Bild.
Doch darum kümmerte er sich nicht. Er hatte, was er wollte. Rasch wickelte er die Fackel in einen langen Mantel ein, zog seine Robe aus, packte seine Gerätschaften in die Arbeitstasche und verwischte das veve auf dem Boden. Anschließend ging er gelassen wieder nach draußen, brachte sein Werkzeug in den dafür vorgesehenen Container der Archäologen und verließ das Gelände, ohne dass ihn jemand aufhielt. Zwei Stunden später befand er sich schon auf dem Rückweg nach New Orleans und empfand ein wahres Hochgefühl. Mit der Fackel von Guede Nimbo hatte er ein Instrument in der Hand, mit dessen Hilfe er sich nicht nur noch ein paar weitere Lebenszeiten erkaufen konnte, sondern das ihm auch den Weg zu seinem ehrgeizigen Ziel der absoluten Macht ebnen würde.
Doch zu allererst würde er seine Rache an der Hexe Sam Tyler nehmen ...

„Wo steckt denn Sarah?“, wollte Pete Caulfield wissen, als sich das Team zum Abendessen im Camp zusammenfand und Sarah fehlte.
„Sie wollte noch eine Probe von der Statue holen“, erklärte Billy Prentice und runzelte gleich darauf die Stirn, als ihm auffiel: „Aber das war schon vor drei Stunden.“
Caulfield und auch Byron Simmons sahen sich suchend um. Es war nicht Sarahs Art, einfach ohne ein Wort für längere Zeit zu verschwinden. Um eine Probe aus der Höhle zu holen, brauchte man keine drei Stunden, obwohl der Weg in die Tiefe ungefähr eine Dreiviertelstunde dauerte.
Billy griff zum Walkie-Talkie und versuchte, Sarah auf diesem Weg zu erreichen, erhielt aber keine Antwort. „Ich suche sie“, entschied er, und es klang ausgesprochen besorgt.
„Wir alle suchen sie“, korrigierte Simmons, schnappte sich ein Sprechgerät und eine Taschenlampe und marschierte in die Höhle hinein. Billy und Caulfield folgten ihm.
Als sie die Thanatos-Höhle betraten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens, denn was sie sahen, konnte es eigentlich nicht geben. Die Statue hielt Sarahs Hand umklammert, und die junge Frau hing tot in ihrem Griff, die Augen vor Entsetzen weit geöffnet und das Gesicht zu einer entsetzlichen Fratze verzerrt.

Byron Simmons nahm genervt den Hörer ab, als das Telefon schon wieder klingelte. Seit sie gestern Sarahs Leiche gefunden hatten, wimmelte das Camp nicht nur von Polizisten und Forensikern. Auch Reporter kamen ständig vorbei oder riefen an, um Informationen abzugreifen.
„Ich habe nichts zu sagen!“, brüllte Byron beinahe in den Hörer, ohne abzuwarten, wer sich vielleicht meldete.
„Byron? Bist du das? Was ist denn los bei dir?“
Simmons erkannte mit einer gewissen Erleichterung die Stimme von Conrad Harrington, dem Kurator des Cleveland Museum of Art, zu dem er eine intensive Freundschaft pflegte, obwohl Harrington gute zwanzig Jahre älter war als er selbst.
„Ach, du bist es, Con. Was hier los ist? Die Hölle! Wir haben eine neue Höhle entdeckt und darin eine Jahrtausende alte Statue von Thanatos.“
„Moment mal“, unterbrach ihn Harrington. „Eine Jahrtausende alte griechische Statue in der Carlsbad-Höhle? Ich darf dich mal daran erinnern, dass, falls eure Datierung stimmt, die Griechen damals von der Existenz des amerikanischen Kontinents noch gar nichts wussten. Also wie soll die denn dahin gekommen sein?“
„Das ist mir im Moment scheißegal.“ Simmons knurrte es fast. „Irgendwer hat der Statue ihre Fackel gestohlen und meine Assistentin ermordet. Das Camp ist fest in den Händen von Polizei und Presse, und wir alle stehen unter Verdacht. Der Detective, der den Fall leitet, verdächtigt uns wahlweise, den Mord gemeinsam begangen zu haben oder dass einer von uns beim Diebstahl der Fackel von Sarah überrascht wurde und sie deshalb umgebracht hat. Sie haben schon das ganze Camp und die Umgebung auf den Kopf gestellt, aber die Fackel ist hier nicht. Es ist, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Und Sarah ...“
Simmons brach ab und brachte es nicht über sich, seinem Freund zu erzählen, wie sie Sarah gefunden hatten. Sie war schließlich nicht nur seine Assistentin gewesen, sondern auch eine Freundin, und aus dieser Freundschaft hätte durchaus mehr werden können. Doch nun war sie tot, und Simmons stand zusammen mit seinem Team unter Mordverdacht.
Conrad Harrington schwieg einen Moment. „Das tut mir sehr leid, Byron“, sagte er schließlich. „Ich weiß, dass Sarah ... Aber lassen wir das. Ich will dich nicht quälen. Das tut wohl die Polizei schon genug.“
„Darauf kannst du wetten!“, bestätigte Simmons bitter.
„Also, ich glaube, ich kann dir helfen. Ich kenne da die richtige Person, die dir zumindest die Fackel wiederbeschaffen kann. Eine wirklich kompetente Privatdetektivin hier in Cleveland. Sie heißt Sam Tyler und hat uns gerade vor zwei Stunden ein gestohlenes Exponat zurückgebracht, das die Versicherungsdetektive und die Polizei nicht einmal in zwei Wochen finden konnten. Und sie hat dafür noch nicht mal einen einzigen Tag gebraucht. Hast du was zum Schreiben? Ich gebe dir ihre Telefonnummer und Handynummer. Sie nimmt Aufträge im ganzen Land an, wenn ich recht informiert bin.“
Harrington gab die Telefonnummer durch, und Simmons notierte sie. „Danke, Con. Ich werde gleich mal anrufen und hoffen, dass die Dame frei hat.“
„Hat sie erst, nachdem sie morgen unsere Sicherheitssysteme auf Vordermann gebracht hat“, teilte Harrington ihm mit. „Aber ich drücke dir die Daumen, denn die Frau ist wirklich gut. Sie hat auch gute Beziehungen zur Polizei, wie ich mitbekommen habe. Jedenfalls zur hiesigen und sie weiß, wie sie mit den Uniformträgern umgehen muss.“
„Danke, Con“, sagte Simmons noch einmal, „das können wir hier brauchen.“ Er beendete das Gespräch mit ein paar Höflichkeitsfloskeln und wählte sofort danach die Nummer von Sam Tyler in Cleveland.

Sam lag mit ihrem Lebensgefährten und inzwischen Verlobten Scott Parker im Bett und genoss die Nachwehen der Ekstase, die sie gerade geteilt hatten. Ihrer beider Leben hatte vor wenigen Stunden eine einschneidende Wende genommen, und Sam wusste immer noch nicht so recht, was sie davon halten und vor allem, wie sie die handhaben sollte.
Sie war ein Sukkubus, eine Dämonin, die sich vom Sex mit Menschen ernährte, und Wesen ihrer Art waren für dauerhafte Partnerschaften nicht geschaffen, was nicht nur daran lag, dass sie normalerweise keine Liebe empfinden konnten. Sam bildete auch in diesem Punkt eine Ausnahme. Doch als Scott vor ein paar Wochen dahinter gekommen war, dass seine geliebte Sam kein Mensch war und ihn aus seiner Sicht gesehen mehrmals die Woche mit anderen Männern betrog, hatte er sich von ihr getrennt.
Inzwischen hatten sich die Dinge aber geändert, denn Luzifer persönlich hatte Scott in einen Inkubus verwandelt und ihnen damit die Möglichkeit gegeben, nicht nur miteinander alt werden zu können, sondern füreinander auch weitgehend ausschließlich die einzige „Nahrungsquelle“ zu sein. Immerhin verfügten Sukkubi und Inkubi nicht nur in diesem Punkt über erheblich mehr Kraft und Energie als selbst der vitalste Mensch. Doch natürlich barg dieses Arrangement nicht nur einige Tücken, sondern Luzifer hatte von Sam auch einen Preis dafür gefordert: Sie hatte seine Tochter zur Welt gebracht, Danaya, die, wie es bei manchen Dämonen die Natur war, innerhalb von nur einer Stunde nach der Geburt körperlich voll ausgewachsen war.
Da Luzifer nichts ohne Grund tat und ganz besonders diesen Preis nicht aus reinem Vergnügen von Sam verlangt hatte, fragte sie sich seitdem, was er damit bezweckte. Etwas Gutes konnte es jedenfalls kaum sein. Doch sie musste erst für sich selbst entscheiden, wie sie mit dieser Sache umgehen sollte, ehe sie bereit war, mit Scott darüber zu sprechen, der bis jetzt nur vermutete, dass Luzifer als Preis für Scotts Verwandlung mit Sam geschlafen hatte. Sie hatte ihn gerade darum gebeten, ihr etwas Zeit zu lassen und ihr zu vertrauen, doch sie fühlte, dass ihm das nicht leicht fiel.
„Okay“, sagte er jetzt ein wenig unsicher. „Ich denke, ich habe durch die vergangenen Ereignisse gelernt, dir zu vertrauen, Sam. Das hätte ich von Anfang an tun sollen, statt die beleidigte Leberwurst zu spielen.“
„Du warst ein Mensch“, erinnerte sie ihn, „und hast ganz normal menschlich reagiert.“
Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment klingelte ihr Handy, das auf dem Tisch lag. Sie beförderte es mit einem Bringzauber in ihre Hand und fand es überaus angenehm, dass sie in Scotts Gegenwart nun nicht mehr so tun musste, als wäre sie ein vollkommen normaler Mensch.
„Sam Tyler, Privatermittlungen“, meldete sie sich, da ihre magischen Sinne ihr sagten, dass der Anrufer einen Detektiv wollte.
„Hier spricht Dr. Byron Simmons, Miss Tyler. Ich bin Archäologe und arbeite für das Cleveland Museum of Natural History. Mein Kollege Conrad Harrington von Museum of Art, mit dem ich gerade gesprochen habe, hat Sie mir empfohlen. Sie sollen eine Expertin darin sein, gestohlene Exponate wiederzubeschaffen.“
„Ich habe diesbezüglich einige Erfolge aufzuweisen“, antwortete Sam. „Was ist Ihnen denn wo gestohlen worden?“
„Eine Fackel, die zu einer außergewöhnlichen Skulptur gehört, und wir haben sie bei Ausgrabungen hier bei Carlsbad in New Mexico gefunden. Es ist doch richtig, dass Sie Aufträge im ganzen Land annehmen?“
„Allerdings“, bestätigte Sam. „Sie zahlen natürlich meine Reisekosten sowie sämtliche Spesen und 500 Dollar pro Tag. Und Sie haben Glück, ich muss morgen noch einen Auftrag abschließen und wäre dann übermorgen früh bei Ihnen. Passt Ihnen das?“
„Ja, Miss Tyler, das wäre ausgezeichnet. Kommen Sie bitte, so schnell Sie können.“
„Das tue ich immer, Dr. Simmons.“
„Danke, aber ... da ist noch etwas, das Sie wissen müssen. Eine meiner Mitarbeiterinnen wurde ermordet, und mein Team und ich stehen jetzt unter Mordverdacht. Ich glaube, ich liege wohl nicht ganz falsch, wenn ich sage, dass der Dieb mit größter Wahrscheinlichkeit auch der Mörder ist. Falls Sie also den Fall wegen der damit verbundenen Gefahr nicht übernehmen wollen, so wäre ich Ihnen keineswegs böse.“
„Ich übernehme Ihren Fall, Dr. Simmons“, sagte Sam fest. „Und glauben Sie mir, ich hatte schon öfter mit Schwerstkriminellen zu tun. Ich werde meine Arbeit hier schnellstmöglich erledigen und bin, wenn alles glatt verläuft, morgen Abend, spätestens übermorgen früh bei Ihnen. Carlsbad-Höhlen, sagten Sie? Und falls die Ermittlungsbeamten ihnen dumm kommen, machen Sie von Ihrem Recht auf einen Anwalt Gebrauch, auch wenn Sie sich nichts vorzuwerfen haben.“
„Danke, Miss Tyler. Ich hoffe, Sie sind wirklich so gut wie Ihr Ruf.“
„Ich werde mich bemühen. Bis dann.“
Sie unterbrach die Verbindung und legte das Handy beiseite. Scott seufzte tief und drückte sie an sich. „Keine Pause“, stellte er fest. „Du solltest dir nach dem, was wir gerade durchgemacht haben, ein bisschen Ruhe gönnen.“
„Wozu das denn?“, fragte Sam ihn verständnislos. „Ich brauche keine Ruhe, denn ich wurde ja nicht verwandelt.“
„Aber was Luzifer mit dir getan hat ...“, begann er.
„Geht nur ihn und mich etwas an“, unterbrach Sam ihn bestimmt. „Denke an die oberste Regel unserer Art, Scott: Das Leben eines Sukkubus oder Inkubus ist allein seine Angelegenheit, die niemanden, wirklich niemanden etwas angeht, auch nicht einen Lebensgefährten.“
„Aber ich dachte, zwischen uns wäre das anders“, protestierte er.
„Nein, ist es nicht“, sagte Sam entschieden und zuckte mit den Schultern. „Zumindest uns geborenen Dämonen liegt diese Verschwiegenheit in den Genen. Und außerdem hast du mir doch gerade vor ein paar Minuten versichert, dass du durch die Ereignisse des heutigen Tages gelernt hast, mir zu vertrauen. Also musst du ohnehin nicht alles wissen, was ich tue. Außerdem werde ich in nächster Zeit ab und zu für eine Weile privat verschwinden. Das als Warnung vorweg. Irgendwann werde ich dir sagen, wohin ich zu diesen Zeiten gehe, aber bis dahin verlange ich von dir, dass du mich niemals danach fragst.“
„Das ist verdammt viel verlangt“, fand er.
„Nein, denn ich nehme dich damit nur bei deinem Wort, dass du mir vertraust. Wenn du das nämlich tatsächlich tust, dürftest du damit ja wohl keine Probleme haben.“
Scott gab seufzend nach. „Es ist nur alles so ungewohnt, Sam“, klagte er. „Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin kein Mensch mehr, ich fühle Dinge in mir ... Kräfte, die ich nicht einschätzen und nicht kontrollieren kann – und ich habe einfach eine Scheißangst.“
Sam strich ihm sanft über die Wange. „Die kann ich dir leider nicht nehmen, Scott“, sagte sie bedauernd. „Aber ich kann dir versichern, dass du sie bald überwunden haben wirst. Während ich morgen meinen Job im Museum erledige, wird mein Bruder dir die Grundbegriffe beibringen, wie man die Magie unserer Art beherrscht – also die Kräfte, die du jetzt noch nicht kontrollieren kannst. Und morgen Abend holt dich mein Vater zum praktischen Unterricht ab. Du bist also in den besten Händen. Ach ja, noch eins. Wir haben gewisse Regeln für so seltene Fälle wie dich. Eine davon lautet, dass dein Mentor – mein Vater – derjenige ist, der bestimmt, wann du flügge bist, also wann du in der Lage bist, allein und völlig ohne unsere Hilfe zurechtzukommen. Bis dahin hast du seinen Anweisungen Folge zu leisten, auch wenn sie dir nicht gefallen. Und ich würde dir raten, das auch zu tun, denn Ben kann verdammt unangenehm werden.“
Sie sah auf die Uhr. „Und da ich jetzt noch einen Termin habe, muss ich dich leider allein lassen.“ Sie blickte ihn aufmerksam an. „Oder soll ich jemanden rufen, der dir Gesellschaft leistet?“
„Ich brauche keinen Babysitter“, wehrte er missmutig ab.
„Doch, den brauchst du“, war Sam überzeugt. „Aber nicht für lange. Ich bin jedenfalls so schnell zurück, wie ich kann und gebe dir dann die erste Unterrichtsstunde in der Handhabung inkubischer Magie.“
Sie stieg aus dem Bett, zog sich an und verließ nach einem letzten Kuss für Scott das Haus. Er blieb allein zurück mit seiner Verwirrung und seinen chaotischen Gefühlen. Und mit seiner Angst ...

Detective Kevin Bennett hasste Anwälte. Sie tauchten immer dann auf, wenn er einen Verdächtigen in die Enge getrieben hatte und nur noch eine Minute von einem umfassenden Geständnis entfernt war und verdonnerten ihre Mandanten zum Schweigen. Danach folgten in der Regel Anträge über Anträge auf Ausschluss der wichtigsten – und aussagekräftigsten – Beweismittel und Zeugenaussagen, und am Ende stand Bennett mit leeren Händen da und musste mit ansehen, wie ein Verbrecher straffrei davonkam.
Allerdings gab es eine Sorte von Menschen, die er beinahe noch mehr hasste als Anwälte: Privatschnüffler, die ihre Nasen in Dinge steckten, die sie nichts angingen, die Tatorte kontaminierten, alles besser zu wissen glaubten und es obendrein mit dem Gesetz nicht allzu genau nahmen. Deshalb wusste er von dem Moment an, da Byron Simmons ihm mitteilte, dass er einen Schnüffler engagiert hatte, dass er den Mann verabscheuen würde, selbst wenn der zu einer renommierten Detektei gehören sollte. Und dass der Ärger sich noch vervielfachte, wenn der Schnüffler eine Frau war, sagte ihm seine langjährige Erfahrung mit solchen Weibern, die sich betont tough gaben, um ja keine Schwäche zu zeigen.
Dennoch konnte er nicht umhin, von der Frau beeindruckt zu sein, die jetzt am Rand des Archäologen-Camps aus einem Mietwagen stieg, sich suchend umsah und schließlich zielstrebig auf ihn zukam. Ihre ganze Haltung drückte Selbstsicherheit und Kompetenz aus, und sie war zweifellos eine große Schönheit, obwohl sie ihr schwarzes Haar beinahe stoppelkurz trug und auf jeglichen Schmuck verzichtete. Bennett ertappte sich dabei, dass er sich ausmalte, wie es wohl sein mochte, mit ihr zu schlafen und rief sich energisch zur Ordnung.
Sie blieb jetzt vor ihm stehen und nickte ihm grüßend zu. „Sind Sie der Verantwortliche hier?“
Ihre Stimme klang nicht wie der Gesang der Sirenen, den er erwartet hatte, aber sie besaß ein Timbre, dem er unwillkürlich nachlauschte, und er musste sich gewaltsam zusammenreißen, um sie nicht wie ein tumber Klotz stumm anzugaffen.
„Ja“, antwortete er knapp. „Detective Kevin Bennett. Und Sie sind?“
Sie reichte ihm die Hand und schüttelte seine überraschend kräftig. „Sam Tyler, Privatermittlerin. Dr. Simmons hat mich engagiert, um das gestohlene Artefakt zu finden, das zu einer hier entdeckten Skulptur gehört.“ Sie reichte ihm eine Visitenkarte. „Ich habe Erfahrung mit dieser Art von Dingen und die beste Reputation, wie Sie sicherlich umgehend nachprüfen werden. Wenden Sie sich an Lieutenant Ronan Kerry von der Mordkommission des Cleveland Police Departement, mit dem ich des Öfteren zusammenarbeite, wenn sie einen schwierigen Fall haben.“
„Und die Mordkommission in Cleveland kann ihre schwierigen Fälle nicht allein lösen?“, höhnte Bennett. „Das halte ich, mit Verlaub, für ein Gerücht.“
„Ich auch“, stimmte Sam ihm ungerührt zu. „Aber Sie wissen ja selbst, dass wir Privatermittler einen gewissen Spielraum haben, den die Polizei nicht hat. Und das ist manchmal sehr nützlich.“ Er blickte sie nur missmutig an und war von ihrer Anwesenheit immer noch nicht begeistert. Sam schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Ich geben Ihnen mein Wort, Detective Bennett, dass ich Ihnen nicht ins Handwerk pfusche. Aber ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen. Und sollte es mir gelingen, eine Spur des Diebes und/oder Mörders zu finden, so erfahren Sie es als Erster. Ehrenwort.“
Sein Blick blieb immer noch missmutig und misstrauisch, aber er nickte schließlich. „Okay, darauf kann ich mich einlassen. Aber wenn Sie meine Leute behindern oder mir doch ins Handwerk pfuschen, buchte ich Ihren Arsch schneller ein, als Sie ‚Mama’ sagen können, klar?“
„Vollkommen“, antwortete Sam schmunzelnd. „Und ich werde schon auf meinen Arsch aufpassen. – Kann ich mit meinem Klienten sprechen, oder haben Sie ihn verhaftet?“
„Noch nicht. Sie finden ihn dort drüben in dem Container.“
„Vielen Dank, Detective.“
Sie wandte sich ab und ging zu dem bezeichneten Container hinüber, und Bennett musste sich beherrschen, um nicht ihre Visitenkarte an die Nase zu halten, um zu prüfen, nach welchem Parfüm sie duftete. Es war bestimmt Moschus oder Patchuli oder „Passion“, „Poison“, „Irresistable“ oder irgendetwas anderes Verführerisches, da war er sich sicher. Oh ja, diese Frau bedeutete Ärger, und zwar eine ganze Menge!

Als Sam den Container betrat, fand sie das ganze Team darin versammelt, und eine ausgesprochen düstere Stimmung lag über allem.
„... ganz sicher keiner von uns, auch wenn dieser verdammte Detective das nicht wahrhaben will“, sagte einer der Männer gerade, und Sam erkannte Simmons’ Stimme.
Sie trat zu ihm und reichte ihm die Hand. „Dr. Simmons, ich bin Sam Tyler.“
„Oh, Miss Tyler, ich danke Ihnen, dass Sie so schnell gekommen sind. Aber hat dieser Wachhund von Detective nicht versucht Sie aufzuhalten? Damit hat er nämlich gedroht, kaum dass er erfuhr, dass Sie kommen.“
Sam schmunzelte. „Ich komme mit der Polizei in der Regel immer sehr gut aus. Und Detective Bennett wird da keine Ausnahme sein, denn ich gedenke, mit ihm zu arbeiten und nicht gegen ihn. Sobald er das begriffen hat, wickele ich ihn mir um den Finger.“
Simmons glaubte ihr aufs Wort und stellte ihr sein Team vor, ehe er ihr berichtete, was sich zugetragen hatte.
„Und als ob die Statue selbst nicht schon seltsam genug wäre“, schloss er, „haben wir Sarah auch noch gefunden, wie das ... das Ding sie mit seiner Hand festhielt. Verstehen Sie, Miss Tyler? Die Statue hatte ihre steinerne Hand um Sarahs Handgelenk gelegt und hielt sie fest.“ Er demonstrierte ihr, was er meinte. „Aber das ist unmöglich, denn das Ding ist aus Stein und kann sich nicht bewegen. Und die Fackel war mit dem Stein verbunden, also die Statue ist – war – in diesem Bereich und überhaupt vollkommen aus einem einzigen Stück gemeißelt. Es ist demnach völlig unmöglich, dass ihre Hand um Sarahs Arm gelangen und die Fackel überhaupt von ihr gelöst werden konnte.“
Er schüttelte den Kopf. „Wir dachten schon, dass der Dieb die Fackel gewaltsam herausgeschlagen hätte, aber dafür gibt es nicht die geringste Spur. Es sieht einfach so aus, als hätte die Statue ihre steinerne Hand geöffnet und die Fackel freiwillig losgelassen und sich mit der anderen Hand Sarah gegriffen. Aber das ist doch unmöglich!“
„Du hast noch nicht die Symbole erwähnt, die auf den Boden geschmiert wurden“, wandte Billy Prentice ein. „Könnte doch irgendein perverses Ritual gewesen sein, das ...“
„Ach hör doch mit dem Blödsinn auf!“, fuhr Simmons ihn an. „Kein noch so perverses ‚Ritual’ kann einen Stein zum Leben erwecken!“
In diesem Punkt irrte sich Byron Simmons, wie Sam sehr wohl wusste, aber das würde sie ihm natürlich nicht auf die Nase binden.
„Und wie ist dann Sarahs Hand in den Stein hinein gekommen?“, konterte der junge Mann. Er holte eine Mappe mit Fotos, öffnete sie und warf sie vor Simmons auf den Tisch. „Hier! Als wir die Figur gefunden haben, war ihre Hand geöffnet und leer. Sarahs Hand konnte nicht da hinein geraten!“
Simmons schlug den Ordner zu und schob ihn zur Seite.
„Vielleicht hat jemand die Statue ausgetauscht“, schlug Sam als mögliche Lösung vor und arbeitete im Geist bereits an einer logischen Erklärung für all das, denn sonst würde diese Sache komplizierter werden, als sie ohnehin schon war. Immerhin konnte sie weder Simmons noch Detective Bennett die Wahrheit sagen, dass jemand wohl tatsächlich die Statue vorübergehend zum Leben erweckt hatte.
„Ausgeschlossen“, antwortete Simmons resigniert. „Wir haben versucht, sie auszugraben, also den Sockel, auf dem sie steht, und die Polizei hat das auch versucht, aber er ist fest mit dem Untergrund verbunden, auf dem er steht, als wäre die Statue hier geschaffen worden. Aber das ist eigentlich genauso unmöglich.“
Für den menschlichen Verstand war es das sicherlich, doch Sam wusste natürlich aus eigener Erfahrung, was Magie alles vermochte, wenn jemand über genug Macht verfügte. Sie nahm sich die Mappe mit den Fotos und blätterte sie aufmerksam durch. Nach allem, was sie über griechische Mythologie wusste, handelte es sich bei der Statue tatsächlich um die des Gottes Thanatos. Aber es gab jemanden, der ihr das ganz genau würde sagen können.
„Ich kenne einen Experten für griechische Mythologie und Artefakte“, sagte sie zu Simmons. „Mit Ihrer Erlaubnis werde ich ihn hinzuziehen. Er ist Grieche und hält sich zurzeit bei Freunden in den USA auf. Er wird Ihnen in jedem Fall sagen können, ob die Statue echt ist und tatsächlich aus der Epoche stammt, auf die Sie sie datiert haben.“
„Das würde uns in jedem Fall schon mal in diesem Punkt ein Stück weiterbringen“, fand Simmons. „Wenn es auch nicht den Mord an Sarah aufklärt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber das ist ja auch Sache der Polizei. Tun Sie, was Sie für richtig halten, Miss Tyler. Und wie gedenken Sie hinsichtlich der verschwundenen Fackel vorzugehen?“
„Ich werde mir zunächst mal den Tatort ansehen. Falls Detective Bennett das gestattet. Wenn er die Ergebnisse seiner Ermittlungen mit mir teilt, spare ich viel Zeit, sonst muss ich Ihren Leuten all die Fragen noch einmal stellen, mit denen er Sie schon belästigt hat.“ Sie nickte ihm und den anderen zu, nahm ein paar der Fotos und verließ den Container.
Kevin Bennett war gerade dabei, einen der Arbeiter zu befragen, als Sam ihn fand. Sie lächelte ihm freundlich zu, doch er verdrehte genervt die Augen und wünschte sie offensichtlich in diesem Moment weit weg von hier, wenn vielleicht auch nicht gerade bis in die Hölle.
„Was wollen Sie?“, fragte er ungnädig.
„Sie fragen, ob ich mir den Tatort ansehen darf.“
„Nein“, antwortete er schroff. „Wir sind noch lange nicht fertig mit den Ermittlungen. Und bis dahin halten Sie sich fern. Verstanden?“
„Natürlich. Aber ich hätte gern Ihre Meinung zu dem Vorfall. Wie Dr. Simmons mir sagte, war die verschwundene Fackel fest mit der Statue verbunden, sodass es ein Rätsel ist, wie sie überhaupt gestohlen werden konnte. Und die Figur“, sie zeigte ihm eins der Fotos, „konnte wohl kaum eine Frau festhalten.“
Bennett starrte sie einen Moment lang abweisend an. „Kein Kommentar“, knurrte er schließlich. „Lassen Sie mich einfach meinen Job machen.“
Sam steckte das Foto mit den anderen in die Innentasche ihrer Jacke und lächelte. „Das tue ich. Aber wie ich vorhin schon sagte, sind wir wohl hinter demselben Täter her. Was ist mit den Symbolen, die auf den Boden gemalt waren? Handelt es sich dabei Ihrer Meinung nach um einen Teil eines Rituals, dessen zufälliges oder beabsichtigtes Opfer diese Sarah geworden ist?“
Zu Sams Überraschung wurde Bennett regelrecht blass, ehe er gepresst hervorstieß: „Ich glaube nicht an solchen Humbug.“
„Das müssen Sie auch nicht, Detective. Es genügt, dass die Leute, die das taten, daran glauben.“ Sie grinste flüchtig. „Welcher meiner Kollegen aus der Riege der schwarzen Schafe unter uns hat Sie so verärgert, dass Sie jetzt jeden Privatermittler hassen wie die Pest?“
„Sie werden ihn kaum kennen, Miss Tyler, aber er heißt Darnell Morgan.“
„Ups!“, machte Sam und grinste breit. „Von dem hat wohl die Mehrheit von uns schon mal gehört. Der Kerl ist der sprichwörtliche Furunkel im Hintern jedes anständigen Ermittlers. Aber es wird Sie sicherlich freuen zu hören, dass Mr. Morgan nicht nur kürzlich seine Lizenz verloren hat, sondern auch wohlverdient im Knast sitzt für irgendeine Straftat. Und die ganze Branche jubelt darüber, dass sie ihn los ist. Typen wie er schädigen unseren Ruf in unverantwortlicher Weise.“
„Wenigstens etwas“, fand Bennett und warf Sam einen Blick zu, der nicht mehr ganz so unfreundlich war. „Kommen Sie mit“, sagte er schließlich. „Ich kann Sie zwar nicht an den Tatort lassen, aber ich kann Ihnen ein paar Fotos zeigen. Vielleicht haben Sie ja eine Idee.“
„Danke, Detective.“
Wenig später stand sie mit ihm vor dem Container, den die Polizei als Stützpunkt requiriert hatte, und Bennett zeigte ihr ein paar Fotos des Tatorts. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie darüber nichts der Presse mitteilen“, vergewisserte er sich, bevor er sie ihr reichte.
„Versprochen“, sagte Sam und besah sich die Bilder.
Darauf war eindeutig zu erkennen, dass die Statue ihre Haltung verglichen mit den ersten von ihr gemachten Aufnahmen verändert hatte. Und die Symbole, die davor auf den Boden gemalt worden waren, hatte wohl der Täter selbst wieder verwischt, aber es war noch genug zu sehen, dass Sam erkennen konnte, dass es sich um ein Voodoo-veve handelte, das eindeutig der Beschwörung von Guede Nimbo diente. Demnach war der Täter mit großer Wahrscheinlichkeit ein Bokor. Aber was wollte ein Voodoo-Zauberer mit der Fackel einer griechischen Statue? Sam musste unbedingt den Tatort sehen und die magische Signatur prüfen, die dort garantiert zu finden war, dann wäre sie schon einen großen Schritt weiter.
Bennett reichte ihr schließlich ein weiteres Foto, auf dem die Leiche der jungen Frau zu sehen war, wie sie mit einem Arm in dem Klammergriff der Statue hing. „Die Sache ist insofern tatsächlich mehr als nur ein Rätsel, als dass es unmöglich ist, dass das Opfer überhaupt mit der Hand in die Finger dieser Figur geraten sein kann. Sie saßen so fest um das Handgelenk, dass wir der Leiche die Hand abtrennen mussten, um sie daraus zu befreien. Und die Todesursache ist Herzversagen – bei einer Frau Ende zwanzig, die blühend gesund war.“ Er sah Sam an. „Haben Sie eine Erklärung dafür?“ Sam gab seinen Blick ruhig zurück und schwieg. „Sie haben eine“, stellte er fest. „Heraus damit, denn – auch wenn Ihnen das jetzt wahrscheinlich eine ungeheure Befriedigung gibt – ich bin mit meinem Latein am Ende.“
„Warum sollte ich das befriedigend finden“, meinte Sam und schüttelte den Kopf. „Aber ich muss Sie enttäuschen, Detective. Ich habe auch keine rationale Erklärung dafür. Noch nicht.“
Sein Blick bekam etwas Lauerndes. „Keine rationale Erklärung“, wiederholte er. „Aber eine irrationale?“
Sam zuckte mit den Schultern. „Zauberei ist die einzige Erklärung, die mir spontan einfällt“, antwortete sie und vertraute darauf, dass er diese Möglichkeit natürlich als Hirngespinste und Phantasterei abtun würde. Doch sie hatte nicht mit der Reaktion gerechnet, die sie erhielt.
Kevin Bennett blickte sie ausdruckslos an und begann unbewusst zu zittern. Er hatte gewusst, dass diese Frau Ärger bringen würde. Aber dass sie jetzt auch noch an seinen schlimmsten Albtraum rührte, damit hatte er nicht gerechnet. In diesem Moment fühlte er sich wieder in sein Zimmer im Haus seiner Eltern versetzt, als er gerade sieben Jahre alt war, befand sich wieder in jener Nacht, als das Entsetzliche geschehen war.
Seine Eltern hatten das Haus erst vor Kurzem gekauft, und vom ersten Tag ihres Einzugs an war es darin nicht geheuer. Nächtliche Geräusche von tappenden Pfoten und ein Heulen, das wie das eines Wolfs klang, waren dabei noch die geringsten Schrecken gewesen. Es gab mehrere Brände aus unerklärlichen Gründen im Haus, und jedes Haustier wurde auf bestialische Weise umgebracht. Bennett erinnerte sich noch gut daran, dass sein Vater geglaubt hatte, jemand wollte die Familie aus dem Haus vertreiben, doch er war ein mutiger Mann und zuversichtlich, den Schurken stellen zu können.
Das war ihm schließlich zum Verhängnis geworden, denn nachdem der unbekannte Tiermörder und Brandstifter sein Ziel auf diese Weise nicht erreicht hatte, griff er zu drastischeren Mitteln. Bennett erinnerte sich daran, dass er in jener entsetzlichen Nacht von den Todesschreien seiner Eltern aufgewacht war, während das Haus im Erdgeschoss bereits brannte. Und dann war das Ding in sein Zimmer gekommen, das Monster, das den Körper eines Riesen besaß, den Kopf eines Hundes mit glühenden Augen und furchtbare Krallen an Füßen und Händen, von denen das Blut von Kevins Eltern tropfte. Er erinnerte sich an das panische Entsetzen, das er verspürte – und jetzt in diesem Moment erneut fühlte –, als das Ding mit einem riesigen Satz auf ihn zusprang, ihn packte und ...
Das Nächste, an das er sich erinnern konnte, war, dass er außerhalb des lichterloh brennenden Hauses auf dem Rasen des Vorgartens lag und Polizei und Feuerwehr kamen und ein Notarzt sich um ihn kümmerte. Wie sich herausstellte, war er der einzige Überlebende seiner Familie, und er hatte Monate gebraucht, bis er nach dieser grauenvollen Nacht wieder in der Lage gewesen war, auch nur ein einziges Wort zu sprechen und den Beamten, die nur darauf gewartet hatten, erzählen zu können, was passiert war.
Aber natürlich hatte ihm niemand die Geschichte von dem Monster mit dem Hundekopf und den bluttriefenden Klauen geglaubt. Doch Bennett wusste, dass er sich das nicht nur eingebildet hatte und auch, dass es sich dabei nicht, wie im Polizeiprotokoll stand, um einen Mann gehandelt hatte, der eine Hundemaske trug. Das Ding war real gewesen, und es war nicht von dieser Welt. So wie auch das, was da unten in der Höhle passiert war, nicht von dieser Welt gewesen war.
„Detective?“, riss ihn Sams Stimme aus der Erinnerung. „Ist alles in Ordnung?“
Nein, es war gar nichts in Ordnung, und er fühlte, dass er wieder wie damals in kalten Schweiß gebadet war. Er schluckte ein paar Mal und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, die klatschnass war. Er versuchte zu antworten, aber er brachte kein Wort heraus. Und ausgerechnet jetzt sah er auch noch seinen Partner auf sich zukommen, der ihm offenbar etwas Wichtiges mitzuteilen hatte.
Sam bemerkte das ebenfalls. Sie fasste Bennett vorsichtig am Arm und führte ihn mit sanftem Druck hinter einen der kleineren Container, in denen die Werkzeuge gelagert wurden. Bennett folgte ihr widerstandslos. Kaum waren sie außer Sicht seines Partners, zog sie ihn mit raschen Schritten zum Parkplatz, nötigte ihn, in ihren Wagen zu steigen und fuhr vom Gelände, ehe jemand sie aufhalten konnte. Sie lenkte den Wagen ein Stück die Straße hinauf und bog gleich darauf in eine Nische zwischen hohen Felsen ein, wo ihnen ein paar Bäume Deckung gaben, ehe sie anhielt, den Motor ausschaltete und sich Bennett zuwandte.
„Nur ein kleiner Schwindelanfall“, versuchte er abzuwiegeln, denn er wollte sich um keinen Preis vor dieser Frau eine Blöße geben. „Die Hitze ...“
Sam quittierte das mit einem ironischen Lächeln. „Sie müssen mir natürlich nichts sagen, Detective, aber wir wissen beide, dass Ihr ‚Schwindelanfall’ nichts dergleichen war und auch nichts mit der Hitze zu tun hat.“
Er wollte protestieren, doch ein Blick in ihre grünen Augen ließ ihn verstummen. Darin lag ein Wissen, das ihn einerseits erschreckte, ihn aber auch drängte, ihr alles zu erzählen. Auch auf die Gefahr hin, dass sie ihn auslachte. Andererseits wollte er vergessen, und er wollte das Leben spüren und nicht diese verdammte Angst. In diesem Moment war er nicht mehr in der Lage, klar zu denken, und so tat er etwas, das er unter anderen Umständen nie getan hätte.
Er griff nach Sam, zog sie an sich und küsste sie mit einer Härte, die ihn selbst erschreckte. Wie im Rausch schälte er sie aus ihrer Jacke, riss ihr T-Shirt auf, massierte ihre Brüste und nestelte am Verschluss ihrer Hose. Statt sich zu wehren, wie er erwartet hatte, was ihn augenblicklich wieder ernüchtert hätte, erwiderte sie sein Verlangen mit einer Leidenschaft, die er noch von keiner Frau erlebt hatte. Mit wenigen Handgriffen hatte sie nicht nur den Beifahrersitz in eine Liegeposition geklappt, sondern auch ihre Hose ausgezogen. Mit einer unglaublich lasziven Bewegung öffnete sie den Reißverschluss seiner Hose, zog seine Unterhose herunter, dass sein pralles Glied herausragte, bestieg ihn und begann ihn zu reiten.
Bennett zog ihren Oberkörper zu sich herab und tat mit ihr, was er noch mit keiner Frau getan hatte. Er nahm sie mit einer rücksichtslosen Wildheit, von der er nicht gewusst hatte, dass sie in ihm steckte, heftig, hemmungslos und ohne Gedanken an die Folgen, bis sich die beinahe schmerzhafte Spannung in einem Orgasmus löste, der ihn schließlich erschöpft zur Ruhe kommen ließ.
Schwer atmend lag er anschließend still und wagte nicht, Sam anzusehen, die sich jetzt von ihm löste und wieder auf den Fahrersitz kletterte. Was zum Teufel war nur in ihn gefahren? Zwar hatte sie ihm nicht den geringsten Widerstand entgegen gesetzt, aber sie konnte ihm trotzdem einen Strick daraus drehen, wenn sie wollte. Sie hatte garantiert Kratzer und blaue Flecken davongetragen, seine DNA war an ihrem Körper und in ihrem Körper, und wenn sie das alles als Beweismittel sicherte und ihn anzeigte ...
„Fühlst du dich jetzt besser?“, fragte sie und strich mit den Fingerspitzen sanft über seine Stirn.
Er fühlte sich tatsächlich besser, sehr viel besser sogar. „Danke, ja.“
Er wagte es sie anzusehen und stellte fest, dass sie lächelte. Ihr T-Shirt hing zerrissen um ihre Schultern, was ihn unwillkürlich erröten ließ. Sie streifte es mit einer raschen Bewegung ab, warf es nach hinten auf den Rücksitz und fischte aus einer Reisetasche, die dort stand, ein frisches, das sie sich überzog und anschließend wieder in ihre Hosen schlüpfte. Sie tat das mit so geschmeidigen Bewegungen, dass er augenblicklich erneut eine Erektion bekam.
„Tut mir leid, wenn ich ein bisschen grob gewesen bin“, versuchte er sich zu entschuldigen.
Sie quittierte das mit einem Grinsen. „Darüber musst du dir keine Gedanken machen, Kevin. Ich mag wilden Sex, und mit dir war er verdammt gut. Auch wenn ich dafür normalerweise etwas bequemere Orte vorziehe, als den Sitz eines Autos, aber das hatte seinen ganz eigenen Reiz.“
Er brachte seine Kleidung ebenfalls wieder in Ordnung. „Ich bin ausgesprochen dankbar, dass du das so siehst. Immerhin könntest du mit dem, was gerade passiert ist, meine Karriere ruinieren.“
Sie beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn sanft. „Sehe ich so aus, als würde ich das tun?“, fragte sie, wartete aber eine Antwort gar nicht erst ab. „Ich versichere dir, dass ich mich sehr gut zu wehren weiß und du gegen mich nicht die geringste Chance gehabt hättest, wenn ich dich hätte abwehren wollen. Es war völlig okay, und ich fand es schön. Ehrlich.“ Sie nahm seine Hand und drückte sie fest. „Wie alt warst du damals?“, fragte sie sanft. „Und was ist passiert, dass dich allein die Andeutung, dass es Zauberei geben könnte, derart in Panik versetzt?“
Er tat einen tiefen Atemzug und beging den Fehler, ihr in die Augen zu sehen. Im nächsten Moment sprudelte alles aus ihm heraus, als hätte seine Zunge einen eigenen Willen.
„Ich habe mir immer eingeredet, dass ich das nur geträumt hätte“, schloss er. „Das haben mir ja auch alle bestätigt, denn schließlich gibt es so etwas ja gar nicht. Aber es hat mir keine Ruhe gelassen, und als ich nach meiner Ausbildung berechtigt war, die Protokolle von damals einzusehen, fand ich darin nur die Beschreibung eines ganz normalen Einbruchs mit zwei Morden und Brandstiftung zur Vertuschung einer Straftat. Von dem, was ich gesehen hatte, war keine Silbe erwähnt. Jedenfalls nicht die Wahrheit. Es hieß nur, der siebenjährige Zeuge – ich – hätte einen Brandstifter gesehen, der sich mit einer Hundemaske tarnte. Aber das war keine Maske, das kann ich beschwören.“
„Natürlich nicht“, bestätigte Sam ernst. „Aber diese Art von Wahrheit glaubt nun mal kein normaler Mensch. Die Ermittler von damals hatten keine Lust, sich mit solchen ‚Märchen’ die Karrieren zu ruinieren. Also haben sie eine logische Begründung geschrieben und sich selbst davon zu überzeugen versucht, dass das die Wahrheit wäre. So macht man das in solchen Fällen.“
Er blickte sie fragend an. „Was genau meinst du jetzt damit? Dass du mir glaubst?“
Sie nickte. „Ich glaube dir nicht nur, Kevin, ich kann dir auch sagen, was damals passiert ist. Was du gesehen hast. Das heißt, falls du das wirklich wissen willst.“
„Unbedingt!“, verlangte er. „Ich habe mein ganzes Leben darunter gelitten, dass ich nicht wusste, was es ist. Ich muss es wissen, sonst werde ich niemals Frieden finden.“ Er sah sie auffordernd an.
„Was du beschreibst, war ein Kynokephalos.“
„Ein – was?“
„Ein hundsköpfiger Dämon. Seine Art war ursprünglich in Indien beheimatet, und einige Magier beschworen die Kynokephalen als Beschützer ihrer Familien und ihres Besitzes. Mit den Zigeunern kamen sie später nach Osteuropa und von dort aus irgendwann in die Staaten. Ich vermute mal, dass der Vorbesitzer eures Hauses ihn beschworen hat, um sich und sein Eigentum zu schützen und vergessen hat, ihn wieder freizugeben, als er ausgezogen ist.“
„Der Vorbesitzer war gestorben“, erklärte Bennett tonlos. „Deshalb war das Haus so billig zu haben.“
Sam nickte. „Und der Kynokephale hatte den Auftrag, dieses Haus zu beschützen. Da ihr nicht seine Herren wart, hat er das Territorium gegen die feindlichen Eindringlinge, als die er euch sah, verteidigt und alles versucht, euch zu vertreiben. Als das nicht funktionierte, hat er zu dem letzten Mittel gegriffen und die Erwachsenen im Haus umgebracht.“
„Warum hat er mich nicht auch getötet?“
„Er hat dich nicht nur nicht getötet, er hat dich mit Sicherheit aus dem brennenden Haus gerettet. In manchen Dingen sind die Kynokephalen tatsächlich wie Hunde. Welpen sind keine Feinde und müssen beschützt werden, selbst wenn es nicht die eigenen Welpen sind. Und du warst für ihn ein Menschenwelpe, dem er niemals etwas angetan hätte.“
„Das ist verrückt“, fand er, doch er fühlte sich gleichzeitig ungeheuer erleichtert.
„Nein“, widersprach Sam, „aber weil die Menschen vergessen haben, dass es außer der Welt, die sie kennen, auch noch eine andere gibt – mehrere andere, um genau zu sein – leugnen sie solche Dinge, versuchen, sie mit ihrem Verstand wegzurationalisieren und erklären alle Leute für ‚verrückt’, die davon wissen und davon reden.“
Er sah sie an. „Du scheinst Erfahrung mit solchen Dingen zu haben.“
„Oh ja“, bestätigte Sam. „Das sind genau die ‚schwierigen Fälle’, die ich erwähnte, bei denen ich auf den Plan trete, wenn die Polizei nicht weiter weiß. Und glaube mir, Kevin, eine rationale Erklärung dafür zu finden, die jeder glaubt und nicht hinterfragt, ist in der Regel schwieriger als die Aufklärung des Falles selbst.“
Er glaubte ihr. „Und was ist das in diesem Fall?“, fragte er. „Womit haben wir es hier zu tun? Ich meine, was kann dieses Phänomen verursacht haben?“
Sam blickte ihn ernst an. „Genau das ist es, was mir Sorgen macht. Es gibt tatsächlich einen Zauber verbunden mit einem Ritual, der tote Gegenstände zum Leben erwecken kann. Wie den Golem (4). Davon hast du sicher gehört.“
„Das ist doch ein Märchen.“
„Das einen wahren Kern enthält. Doch nach allem, was du mir vorhin geschildert hast, wurde hier ein anderes Ritual verwendet. Was mir Sorgen bereitet ist die Tatsache, dass der letzte Mensch, der diesen Zauber kannte, seit über hundert Jahren tot ist. Und die einzigen Aufzeichnungen, die es darüber gab, wurden vernichtet.“ Sie warf Bennett einen Blick zu. „Ich muss den Tatort sehen, Kevin, dann kann ich dir mehr sagen.“
Er nickte. „Ich kann dich aber nicht hin lassen, bevor er offiziell freigegeben ist. Daran ändert auch das nichts, was gerade zwischen uns war. Ich hoffe, du verstehst das.“
„Natürlich.“ Sam grinste. „Vergiss nicht, dass ich das Prozedere der Polizeiarbeit ziemlich gut kenne.“ Sie beugte sich nach hinten und holte aus ihrer Reisetasche einen Notizblock, auf den sie einen Namen und eine Telefonnummer schrieb, ehe sie den Zettel abriss und ihm reichte.
„Dr. Bryce Connlin, Lotos Foundation, Institut für angewandte Philosophie, Metaphysik und Naturwissenschaft“, las er sowie eine Telefonnummer aus Denver.
„Connlin ist Psychiater und auf Fälle spezialisiert, bei denen Menschen ein Trauma durch übernatürliche Ereignisse erlitten haben“, erklärte Sam. „Wenn du also kompetente Hilfe brauchst von einem Arzt, der das, was du mir gerade erzählt hast, nicht für Schwachsinn hält und dich in die erstbeste Zwangsjacke steckt, dann ist er der Richtige. Außerdem macht er Hausbesuche überall in den Staaten und wird dich bevorzugt behandeln, wenn du ihm sagst, dass du auf meine Empfehlung kommst.“
Bennett drehte den Zettel unschlüssig in den Händen. „Und was tut diese Lotos Foundation tatsächlich?“
„Offiziell tut sie genau das, was ihr Untertitel besagt. Inoffiziell ist sie eine Vereinigung, die Menschen vor Wesen wie Kynokephalen beschützt.“
„Ich vermute mal, du bist Mitglied.“
„Nein“, antwortete Sam zu seinem Erstaunen, „aber ich arbeite hin und wieder mit ihnen zusammen.“
Bennett steckte den Zettel ein und war sich nicht sicher, was er von all dem halten sollte. Er hatte einen mysteriösen Fall aufzuklären, mit einer Detektivin geschlafen, von der er gerade mal den Namen kannte und von der er immer noch überzeugt war, dass sie ihm nicht unbedingt gut tat, aber er hatte endlich eine plausible, wenn auch sehr verwirrende Erklärung für das bekommen, was ihn seit seiner Kindheit verfolgte. Falls er denn geneigt wäre, Sams Worten zu glauben. Aber irgendetwas sagte ihm, dass sie ganz genau wusste, wovon sie redete, auch wenn das jeglicher Ratio widersprach. Er sollte ihr nicht trauen, aber instinktiv tat er genau das.
„Ich sollte das eigentlich keine Außenstehende fragen“, sagte er schließlich, „aber wie kann ich diesen Fall lösen? Ich meine so, dass keine Fragen offen bleiben oder ich mich komplett zum Narren mache.“
Sam dachte einen Moment nach. „Ich kann dir helfen“, antwortete sie und sah ihm in die Augen. „Aber dafür müsstest du mir vertrauen. Und nicht allzu viele Fragen stellen. Am besten gar keine. Ich gebe dir allerdings mein Wort, dass ich nichts tun werde, was dich kompromittieren könnte.“
Er zögerte. „Selbst wenn ich bereit wäre, das Risiko einzugehen“, sagte er langsam, „wie willst du es bewerkstelligen zu erklären, wie eine steinerne Statue zum Leben erwachen konnte? Falls das wirklich der Grund war.“
Sam grinste. „Ich versichere dir, dass ich das vor den Augen der entsprechenden Spezialisten beweisen werde, und zwar so, dass es wissenschaftlich haltbar ist. Aber frag mich bitte nicht wie. Du hast heute schon genug Schock erlebt.“
Er nickte zustimmend. „Weißt du was über den Mörder?“, wollte er wissen und sah ihr in die Augen, um zu erkennen, falls sie log.
Sam zuckte mit den Schultern. „Ich habe einen Verdacht. Die auf den Boden gemalten Symbole weisen in eine bestimmte Richtung, der ich folgen werde. Aber um es mit Sicherheit sagen zu können, müsste ich den Tatort sehen“, beharrte sie. „Womit ich natürlich warten werde, bis du ihn freigegeben hast. Bis dahin habe ich ohnehin noch eine Menge zu tun. Zum Beispiel herauszufinden, woher die Statue überhaupt stammt und wie sie in die Höhle gekommen ist.“
Bennett tat einen tiefen Atemzug. „Ich sollte dir nicht trauen“, meinte er offen, „denn wenn ich es tue, könnte mich das meine Karriere kosten. Doch ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich den Fall nicht lösen kann, wenn ich es nicht tue.“
Sam grinste. „Was für ein Dilemma“, stimmte sie ihm zu und wurde wieder ernst. „Wie also entscheidest du dich?“
Er zuckte mit den Schultern. „Die Alternative wäre, einen Mörder entkommen zu lassen, und das werde ich auf keinen Fall zulassen. Also“, er tat einen tiefen Atemzug, „werde ich dir vertrauen. In Grenzen zumindest.“
„Vielen Dank. Und da das nun geklärt ist: Fühlst du dich in der Lage, wieder ins Camp zu gehen?“
Er nickte, und Sam startete den Wagen. Wenig später waren sie genauso unbeachtet wieder zurück wie sie weggefahren waren. Sam ließ Bennett an einer Stelle aussteigen, wo niemand beobachten konnte, dass er aus ihrem Wagen kam, wofür er ihr zutiefst dankbar war. Anschließend wendete sie und fuhr davon, und Bennett machte sich wieder an seine Arbeit.
Sam fuhr zum Flughafen, damit ihr Wagen dort sichtbar stand, falls jemand auf die Idee käme, das nachzuprüfen. Zwar hatte sie Kevin Bennett vorläufig davon überzeugt, dass sie auf seiner Seite stand, aber er befand sich in einem Zustand von Stress und Verwirrung und mochte, sobald er den überwunden hatte, auf den Gedanken kommen, dass Misstrauen doch der bessere Teil des Verfahrens wäre. Und für den Fall wollte Sam vorsorgen.
Sie parkte ihren Wagen ordnungsgemäß, vergewisserte sich, dass niemand sie beobachtete und sprang durch die Dimensionen zu einer abgelegenen Höhle im Yosemite Nationalpark.

Jacques LeGrand befand sich in einem regelrechten Machtrausch. Nachdem er die Fackel ohne Probleme durch die Kontrollen an den Flughäfen gebracht hatte und wieder in New Orleans angekommen war, bestand seine erste Handlung darin, mit Hilfe der Fackel alle Mitglieder des Bizago zu eliminieren, die gegen ihn opponiert und versucht hatten, ihm seine Stellung als Oberhaupt der Sekte streitig zu machen. Guede Nimbo hatte ihre Seelen gefressen, war ebenfalls zufrieden und hatte LeGrands Macht gestärkt.
Nachdem er seine Stellung nun nachhaltig gesichert hatte und niemand es mehr wagte, sich gegen ihn zu stellen, wandte er sich dem gegenwärtig wichtigsten Teil seiner Ambitionen zu: der Vernichtung von Sam Tyler. Doch bevor er sie erledigte, würde er ihr etwas nehmen, das ihr wichtig war. Mit diesem Vorsatz bestieg er schließlich ein Flugzeug nach Cleveland.

Scott fuhr erschrocken zusammen, als aus dem Nichts heraus ein Mann neben ihm auftauchte und brauchte einen Moment, ehe er in ihm Ben Tyler erkannte, Sams Vater; oder Tai’Benyun, wie sein richtiger Name lautete.
„Verdammt, könnt ihr nicht wie normale Menschen an der Tür klingeln?“, beschwerte er sich.
„Wenn wir normale oder überhaupt Menschen wären, würden wir das bestimmt tun“, beschied ihm Connor Tyler – Tai’Conaru – ungerührt, der ihm Gesellschaft geleistet hatte, seit Sam gestern Abend nach Carlsbad geflogen war. „Aber gewöhne dich daran, dass du dich auch so fortbewegen kannst. Wie das geht, bringe ich dir bei, wenn du noch ein paar andere Lektionen in Sachen Magie gelernt hast.“ Er nickte seinem Vater kurz zu und verschwand von einem Moment auf den anderen.
Scott seufzte. Er hatte immer noch das Gefühl, mitten in einem Albtraum zu sein. Zwar hatte er es mit Conarus Hilfe geschafft, seine „magische Sicht“, die ihm jeden Menschen und jeden Gegenstand von einer leuchtenden Energieaura umgeben zeigte, so weit unter Kontrolle zu bringen, dass er diese Erscheinungen nur noch sah, wenn er sich darauf konzentrierte, aber er war noch weit davon entfernt, mit den restlichen Begleiterscheinungen seiner Verwandlung zurecht zu kommen. Außerdem stellte er fest, dass er Sams Familie nicht besonders mochte. Conaru war ein gleichgültiger, eiskalter Typ, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und nicht das geringste Mitgefühl für Scott oder irgendwen sonst aufbrachte. Und nach dem, was er bisher von Benyun erlebt und von Sam über ihn gehört hatte, war der nicht besser. Dazu kam, dass Scott seit ein paar Stunden einen bohrenden Hunger verspürte, den er nicht mit normaler Nahrung stillen konnte, aber Sam war unerreichbar fern, solange er noch nicht den Trick mit dem „Springen durch die Dimensionen“ gelernt hatte.
„Also, Junge“, sagte Benyun jetzt ohne ein Wort der Begrüßung, „ich erkläre dir mal die Regeln, nach denen das hier zwischen uns läuft. Sie sind sehr einfach. Ich sage dir, was du tun musst, und du tust es. Idealerweise ohne Kommentar. Je gelehriger du dich anstellst, desto schneller bist du mich wieder los.“
„Und du bringst mir was genau bei?“, fragte Scott.
„Wie du dich von Menschen ernährst, ohne sie dabei umzubringen. Komm mit. Wir fahren jetzt wie ganz normale Menschen in die Stadt und erjagen unser Abendessen.“
„Erjagen“, wiederholte Scott missmutig und griff gehorsam nach seiner Jacke und den Autoschlüsseln. „Das klingt, als wären die Menschen für dich nichts anderes als ...“ Er suchte nach Worten.
„Beute“, half Benyun ihm. „Genau das sind sie.“
„Aber für mich werden sie das nie sein“, protestierte Scott, während er die Garage aufschloss und Benyun in seinen Wagen einsteigen ließ.
„Mir egal“, sagte der. „Meinetwegen kannst du deine menschlichen Steaks als Persönlichkeiten betrachten oder als grüne Männchen vom Mars. Hauptsache du lernst, wie du mit ihnen umzugehen hast, um uns nicht zu gefährden und dich als das preiszugeben, was du bist.“
Und zu sein, was er jetzt seit zwei Tagen war, machte Scott wahnsinnig zu schaffen. Die Lebensweise eines Inkubus stellte alle seine Werte und Moralbegriffe auf den Kopf, und er konnte sich nicht vorstellen, dass er sich je an das ausschweifende, ungezügelte, um nicht zu sagen amoralische Sexleben gewöhnen konnte, das er als Hurerei empfand und letztendlich als eine subtile Form von Vergewaltigung, denn die Opfer hatten, wenn ein Inkubus oder Sukkubus seine Lockmagie einsetzte, gar keine Chance, sich zu wehren, weil ihr freier Wille ausgeschaltet war. Da hätte er einer Frau ja gleich K.O.-Tropfen in den Drink schütten und sich hinterher an der Wehrlosen vergehen können.
„Muss ich das wirklich lernen, eh, Ben?“, fragte er aus diesem Gedanken heraus. „Sam und ich sind doch jetzt für einander da und ...“
„Das seid ihr aber nicht immer“, unterbrach Benyun ihn, „und werdet es auch in Zukunft nicht immer sein können. Außerdem wirst du, wenn du deine Lockmagie nicht zu beherrschen lernst, sie unwillkürlich einsetzen, sobald dich der Hunger überkommt und eine Frau in deiner Nähe ist. Und nun stell dir mal vor, das passiert, wenn du gerade in einem Gerichtssaal ein Plädoyer hältst, und die Staatsanwältin oder Richterin oder noch schlimmer eine Klientin von dir fällt mitten vor aller Augen über dich her. Die Presse hätte ein gefundenes Fressen, und du wärst wohl deinen Job los.“
Was Benyun beschrieb war eine grauenhafte Vorstellung für Scott. Trotzdem gefiel ihm die ganze Sache nicht, wenn er auch die Notwendigkeit dieses besonderen „Unterrichts“ natürlich einsah.
Benyun lotste ihn zu einem zweistöckigen Gebäude im Künstlerviertel der Stadt, dessen Leuchtschrift jedem Besucher „Joyful Bliss“ versprach – fröhliche Glückseligkeit. Scott parkte den Wagen, und Benyun stieg aus mit einem Gesichtsausdruck wie eine Katze vor einer randvollen Sahneschüssel.
Er deutete mit beiden Händen auf den Eingang. „Dort drinnen, Junge, wartet das leckerste Futter, das du dir nur denken kannst“, prophezeite er. „Lauter Frauen, die geil und nur allzu willig sind.“ Er packte Scott am Arm und zog ihn zur Tür.
„Ich dachte immer, dieses, hm, Etablissement sei ein Kabarett.“
„Ist es auch – vordergründig. In der angeschlossenen Bar findet allerdings die Kontaktbörse statt.“
„Dann ist es ein Bordell?“ Scotts Widerwillen wuchs.
„Nein, mein Junge, es gibt hier keine Professionellen, sondern nur Privatpersonen auf der Suche nach einem unverbindlichen One-Night-Stand.“ Benyun nickte den beiden Türstehern zu.
„Hallo Ben“, begrüßte ihn der hünenhafte Typ, der aussah wie ein Wikinger.
„Lange nicht gesehen“, sagte der nicht minder hünenhafte Afroamerikaner neben ihm.
„Hallo Tyson, hallo Aldo“, grüßte Benyun zurück und deutete auf Scott. „Der Junge gehört zu mir.“
Tyson, der Wikinger, nickte ihm augenzwinkernd zu. „Viel Vergnügen.“
Benyun zog Scott ins Innere und bugsierte ihn zur Kasse. Auch die Kassiererin begrüßte ihn mit einem freundlichen: „Wie geht es, Ben?“
„Bestens. Eine Abendkarte für meinen Freund, bitte“, orderte er.
„Sieht so aus, als kämst du öfter hierher“, stellte Scott fest, nachdem er seine Karte bezahlt hatte.
„Natürlich. Ich bin Clubmitglied mit Dauerkarte. Konntest du dir das nicht denken?“ Er führte Scott am Eingang zur Bühne vorbei in den hinteren Bereich, in dem die Bar lag.
Scott wagte es kaum zu fragen, aber die Neugier ließ ihm keine Ruhe. „Und Sam?“
„Die natürlich auch.“ Benyun blickte ihn scharf an. „Du wirst doch jetzt nicht etwa eifersüchtig auf ein paar Steaks werden, oder?“
„Ich wäre dir sehr verbunden, Ben, wenn du von Menschen nicht immer als ‚Steaks’ sprechen würdest“, knurrte Scott ungehalten.
Benyun zuckte mit den Schultern. „Das sind sie nun einmal für uns, Junge. Aber gut, ich werde mit Rücksicht auf deine zarten Gefühle eine andere Ausdrucksweise wählen. Wie wäre es mit: ‚Spender unserer Nahrung und hin und wieder nicht unbeträchtlicher Freuden’?“
„Und ich wäre dir ebenfalls sehr verbunden, wenn du aufhörtest, dich über mich lustig zu machen! Ich finde die Sache nicht witzig, und es ist verdammt schwierig für mich. Und wenn wir schon mal dabei sind: mein Name ist Scott, nicht ‚Junge’.“
„Schon gut, Scott“, lenkte Benyun ein. „Ich kann die Schwierigkeiten zwar nicht nachvollziehen, weil ich als Inkubus geboren bin, aber ich kann dir versichern, dass du sie bewältigen wirst.“ Er setzte sich mit ihm an die Bar und sondierte das Terrain. „Sieh dich um“, forderte er Scott auf. „Welche der Damen willst du?“
„Keine. Ich will Sam.“
„Die steht aber nicht zur Verfügung.“ Er legte Scott die Hand auf den Arm. „Junge, eh, Scott, dies hat nichts mit Gefühlen zu tun. Gar nichts. Es ist einfach nur eine notwendige Mahlzeit und wirklich genau so wie das Essen eines Steaks, auch wenn du das nicht gern hörst. – Wie wäre es mit der da? Die ist definitiv auf der Suche nach einem Abenteuer.“
Scott folgte seinem Blick und sah eine elegant gekleidete Frau um die Dreißig, die sich betont unauffällig umsah. Er schaute schnell weg und zog den Kopf ein. „Das ist eine Klientin unserer Kanzlei“, stellte er fest. „Oh Gott, wenn die mich hier sieht und bei meinen Chefs eine entsprechende Bemerkung fallen lässt, bin ich meinen Job los.“
„Nun, erstens dürfte die Dame kein Interesse daran haben publik zu machen, dass sie es nötig hat, sich in einem Etablissement wie diesem einen Lover zu suchen. Und zweitens wird sie dich nicht erkennen, wenn du deine Lockmagie einsetzt. In dem Fall sieht sie dich als den Mann ihrer geheimsten Träume. Das ist das beste Mittel zu verhindern, dass sie bemerkt, dass sie mit ihrem Anwalt schläft. Und so machst du das immer, wenn du auf der Jagd einer Frau begegnest, die dich kennt. Du nimmst sie, damit sie dich nicht in deiner wahren Gestalt sieht und dich demnach auch nicht erkennt.“
„Ich will aber nicht ...“
„Schluss damit!“, unterbrach ihn Benyun scharf. „Du scheinst immer noch nicht kapiert zu haben, dass du lernen musst, dich von Menschen zu ernähren. Andernfalls bist du eine Gefahr für sie und bringst unter Umständen auch uns in Gefahr. Wir müssen schließlich weiterhin im Verborgenen bleiben, um sicher leben zu können. Also reiß dich zusammen. Und denk daran, dass sie und jede andere Frau außer Samala nichts weiter ist als ein Steak, verdammt noch mal, dessen einzige Funktion es ist, dich zu sättigen.“
Scott gab widerwillig nach. „Okay, was muss ich tun?“
„Konzentrier dich auf sie und nur auf sie und stell dir vor, dass sie dich und nur dich will, und dass sie dich jetzt will.“
„Und wenn es nicht klappt, und sie mich doch erkennt?“
„In dem Fall wirkst du hinterher einen Vergessenszauber – vielmehr ich tue das für dich, bis du es selbst kannst –, und sie wird sich an nichts erinnern, außer dass sie eine leidenschaftliche Stunde mit ihrem absoluten Traummann verbracht hat, der dir aber in keiner Weise ähnlich sieht. Na los.“
Scott warf über die Schulter einen Blick zu der Frau hinüber, die gerade in eine andere Richtung blickte und tat, wie Benyun ihm geheißen hatte. Es funktionierte. Sie wandte augenblicklich den Kopf und sah ihn an, und er konnte selbst über die Distanz zwischen ihnen spüren, dass allein sein Anblick sie erregte. Diese Erregung aktivierte den Hunger vollends in ihm, und es fiel ihm auf einmal leicht, sich auf sie zu konzentrieren. Sie stand von ihrem Tisch auf und kam mit wiegenden Schritten näher.
„Hallo, schöner Mann“, gurrte sie verführerisch und legte eine Hand auf seine Brust. „Hast du vielleicht Lust auf ein Abenteuer?“
„Zufällig habe ich die“, antwortete Scott.
Benyun schob sich jetzt neben ihn. „Und hast du, schöne Frau, vielleicht Lust auf ein doppeltes Abenteuer?“, fragte er, und Scott spürte, wie er ebenfalls seine Magie bei der Frau einsetzte.
Sie lächelte erfreut. „Zwillinge!“, stellte sie fest und sah in Benyun demnach eine zweite Ausgabe ihres Traummannes. „Jungs, ihr seid die Erfüllung meiner schönsten Träume!“ Sie hakte sich bei beiden unter und strebte mit ihnen zum Treppenaufgang, der ins Obergeschoss führte, wo die Zimmer für die Liebespaare bereitgehalten wurden. Offenbar war sie nicht zum ersten Mal hier.
Wenig später schlossen sie die Tür eines Zimmers hinter sich, und die Frau kam sofort zur Sache. Sie küsste Scott leidenschaftlich und presste ihren Körper an ihn, während Benyun langsam von hinten ihre Bluse aufknöpfte, sie ihr von den Schultern streifte und den Verschluss ihres BHs aufhakte. Sie entledigte sich hastig der Kleidungsstücke und begann ihrerseits, Scott auszuziehen, der sich nun vollends von ihrer Begierde anstecken ließ und mit einem Mal verstand, warum manche Männer ab einem gewissen Punkt dieses Spiels nicht mehr den Willen aufbrachten, es zu beenden, bevor sie ihren Ehefrauen oder Freundinnen untreu wurden.
Benyun schob sie beide zu dem breiten Bett hin, das einladend auf sie wartete, und sie ließen sich darauf fallen. Scott schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf die Frau, unter anderem auch, um ausblenden zu können, dass Benyun ebenfalls bei ihnen war und er den ersten „Dreier“ seines Lebens mitmachen musste. Doch das hatte, wie er widerwillig zugeben musste, tatsächlich seinen eigenen Reiz.
Er begann die Energie, die die Frau erzeugte, in sich aufzunehmen und fühlte, wie die ihn stärkte und in seine Körperzellen eindrang, bis sie vor Lebendigkeit vibrierten und das nagende Hungergefühl abebbte. Doch da war noch etwas Außergewöhnliches. Im Moment ihrer höchsten Ekstase verschmolz er auf eine Weise mit der Frau, dass er nicht mehr unterscheiden konnte, wo sie begann und er selbst aufhörte. Er fühlte ihre Bedürfnisse, ihr Verlangen und wusste genau, wie er beides befriedigen konnte. Er gab ihr, was sie wollte und brauchte, wodurch sich ihre eigene Lust noch steigerte und die Nahrung, die er so dringend benötigte, wie eine ergiebige Quelle sprudeln ließ. Scott sog die Energie in sich auf und fühlte sich dabei wie im Rausch.
Beinahe unbewusst spürte er schließlich, wie die Kraft der Frau langsam nachließ, hörte auf, sie in sich aufzunehmen und beendete den Akt mit einem auch für ihn durchaus angenehmen Höhepunkt.
„Konzentrier dich“, flüsterte Benyun ihm in Unadru zu. „Du darfst nicht aufhören, dich auf sie zu konzentrieren, bis wir wieder aus ihrem Blickfeld entschwunden sind.“
Scott gehorchte und versuchte, sie immer noch zu begehren, obwohl seine Begierde zusammen mit dem Hunger verflogen war. Es fiel ihm schwer. Trotzdem es klappte sogar so gut, dass die Frau ihn und Ben schamlos anbettelte, sie noch einmal zu befriedigen, obwohl sie bereits erschöpft war. Während Ben sie ablenkte, zog Scott sich wieder an und übernahm anschließend die Ablenkung, damit auch Ben sich wieder anziehen konnte. Sie waren aus der Tür hinaus, bevor die Frau sich aufraffen konnte, ihnen zu folgen.
„Fällt das dem Wachhund dort nicht auf, dass wir jetzt anders aussehen als vorher?“, fragte Scott besorgt, als sie sich dem Mann näherten, der die Zimmerschlüssel und die obligatorischen Kondome an die Gäste verteilte.
„Nein, denn er hat uns die ganze Zeit so gesehen, wie wir sind. Unsere Lockmagie wirkt nur auf unsere auserwählte Beute. Aber du kannst unbesorgt sein. Diskretion ist hier das oberste Gebot, und keiner der Angestellten hat jemals auch nur eine Silbe über einen Gast verlauten lassen. Jedenfalls ist das übliche Prozedere, wenn du dich von einer Frau ernährt hast, die dich kennt, dass du danach so schnell wie möglich verschwindest, bevor sie dir folgen kann. Bei Unbekannten genügt es, wenn du nach dem Akt einfach die Lockmagie abstellst, sobald du außerhalb ihrer Sicht bist, um ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen.“ Er blickte Scott nachdenklich an.
„Was ist?“, fragte der irritiert.
„Du bist ein Naturtalent, Scott. Du hast vorhin sofort gespürt, wo der Punkt war, an dem du aufhören musstest, bevor du ihr zuviel abgezapft hast.“
Zwar gefiel es Scott gar nicht, auf diesem Gebiet ein „Naturtalent“ zu sein, aber: „Heißt das, ich muss nicht mehr unter deiner Aufsicht üben?“
„Oh doch“, machte Benyun seine Hoffnung zunichte. „Ein paar Mal noch, bis ich mir sicher bin, dass du das Metier wirklich beherrschst und das eben nicht nur Anfängerglück war. Wie fühlst du dich?“
„Satt“, gestand Scott. „Knapp an der Grenze zum vollgefressen sein. Und unglaublich lebendig. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mit ihrer Energie auch einen Teil ihrer Empfindungen übernommen habe.“
„Das hast du“, bestätigte Benyun. „Aber das geht in einer Stunde oder zwei wieder vorbei.“
„Ist das das Geheimnis, weshalb die Frauen vom Sex mit einem, hm, Inkubus so begeistert sind? Weil wir einen Teil von ihnen aufnehmen und sie und ihre Bedürfnisse dadurch besser verstehen?“
„Unter anderem. Zumindest was die ganz unmagische Werbung betrifft. Frauen mögen Frauenversteher, und welcher Mann könnte eine Frau besser verstehen als einer, der ihre geheimsten Gefühle und Sehnsüchte vorübergehend als seine eigenen erlebt hat.“ Benyun klopfte ihm auf die Schulter, während sie zurück zum Parkplatz gingen. „Du gewöhnst dich schon daran, glaube mir.“
„Das fällt mir schwer.“
„Noch. Aber du bist jetzt ein Inkubus und hast eine Lebenserwartung von ungefähr siebenhundert Jahren. Ehe das erste Jahrhundert davon um ist, wirst du dich nur noch vage daran erinnern können, wie es war, ein schwacher Mensch zu sein.“
Scott schüttelte nur den Kopf, sagte aber nichts dazu und fuhr mit Benyun wieder nach Hause. Er sehnte sich nach Sams Gesellschaft und dem Sex mit ihr und hoffte, dass sie ihren Auftrag bald beendet hatte und wieder bei ihm sein würde. Als der Wagen sich dem Haus 198 Cresthaven Drive näherte, spürte er in unmittelbarer Nähe etwas, das ihm Unbehagen verursachte.
„Ben, fühlst du das auch?“, fragte er. „Oder ist es eine Nebenwirkung von, eh, meiner Mahlzeit?“
„Was denn?“, fragte der Dämon verständnislos.
„Da ist etwas ...“ Scott zuckte nur hilflos mit den Schultern, weil ihm Worte fehlten es zu beschreiben.
Benyun tastete mit seinen magischen Sinnen die Umgebung ab und fand eine Aura des Bösen, die in unmittelbarer Nähe des Hauses lauerte. Zwar war er dem Träger dieser Aura noch nie persönlich begegnet, aber er hatte ihre Signatur schon einmal gespürt, als er Sam bei einem Auftrag in New Orleans unterstützt hatte. Sie gehörte einem Bokor namens Jacques LeGrand. Und der war ganz sicher nicht zufällig hier.
Benyun zögerte keinen Moment. Er warf einen magischen Schutzschild über Scott und das Auto, in dem sie saßen, doch es war schon zu spät. Eine gewaltige Macht schlug zu und fuhr direkt in den Benzintank. Der Treibstoff entzündete sich augenblicklich, und der Wagen ging in Flammen auf. Die ungeheure Gewalt der Explosion hob das Auto mehrere Meter in die Luft, wo es regelrecht in Fetzen gerissen wurde, die weit verstreut in der Straße nieder regneten. Die Fenster der umliegenden Häuser zerbarsten, Türen wurden aus den Angeln gesprengt, Mauern verformt und Umstehende verletzt sowie andere Autos ebenfalls beschädigt. Auf der Straße brach das Chaos aus.
Und niemand, der in dem explodierenden Auto gesessen hatte, konnte die Katastrophe überlebt haben ...

Jacques LeGrand war hoch zufrieden und fühlte sich beinahe trunken vor Triumph. Zwar wusste er nicht, wen er eigentlich vernichtet hatte, und es war ihm auch vollkommen gleichgültig. Es waren in jedem Fall Leute, die mit Sam Tyler eng verbunden waren. Da er sie nicht kannte, hatte er sich auch keine persönlichen Gegenstände oder Teile beschaffen können, die zu ihren Körpern gehörten wie abgeschnittene Fingernägel, Haare, Speichel oder Blut, mit denen er aus der Ferne einen wirkungsvollen Todeszauber über sie hätte werfen können. Deshalb hatte er sich persönlich nach Cleveland bemühen müssen. Doch das hatte sich in jedem Fall gelohnt.
Er hatte Sam Tylers Domizil anhand ihrer magischen Signatur recht schnell in der Stadt aufgespürt, aber zu seinem Missfallen feststellen müssen, dass ihr Haus eine unangreifbare Festung war, die er weder magisch attackieren, noch in irgendeiner Form in sie eindringen konnte. Also hatte er gewartet und sich auf die Lauer gelegt. Sehr schnell fand er heraus, dass sein auserkorenes Opfer selbst gar nicht im Haus, ja nicht einmal in der Stadt weilte. Doch das machte bei näherer Betrachtung keinen allzu großen Unterschied, denn er hatte ohnehin geplant, erst die Leute zu exekutieren, die ihr wichtig waren, idealerweise Familienmitglieder, und da kamen ihm diese beiden Männer, die am Abend das Haus verließen, gerade recht.
Besonders der eine der beiden hatte Sam Tylers Signatur so deutlich an sich getragen, dass er entweder ein Blutsverwandter oder ein Geliebter sein musste. Jetzt waren sie beide tot, und die Hexe würde leiden. Das machte sie natürlich schwach und somit angreifbar.
LeGrand lächelte zufrieden, als er sich vom Schauplatz des Geschehens abwandte, nachdem er die Sirenen der Polizeifahrzeuge und der Ambulanz kommen hörte. Letztere konnte nur noch zwei Leichen aus dem brennenden Wrack bergen, vielmehr ihre Einzelteile vom Straßenpflaster abkratzen. Doch er hatte dafür gesorgt, dass Sam Tyler die Nachricht erhielt, wer für deren Tod verantwortlich war. Sie würde zu ihm kommen und damit ihrem eigenen Tod direkt in die Arme laufen. Er, Jacques LeGrand, Bokor des Bizago und Diener Guede Nimbos, würde auf sie vorbereitet sein.

Sam grinste breit, als Nyros nach einem ausgiebigen Liebesspiel endlich von ihr abließ und sich mit einem zufriedenen Seufzen auf die Seite rollte. „War das etwa schon alles?“, neckte sie den Satyr, obwohl er sie mit so viel Energie versorgt hatte, dass sie zwei Tage davon hätte leben können, ohne Hunger zu verspüren.
„Oh, keine Sorge“, neckte Nyros zurück. „Ich nehme nur Rücksicht auf deine zarte Kondition.“
Diese Form der Neckerei war in den gut dreißig Jahren, die sie sich inzwischen kannten, zu einer liebgewonnenen Tradition geworden, die sie beide genossen. Doch heute schlossen sie daran nicht sofort die nächste Runde des „Ringkampfs auf den Fellen“ an, wie Nyros es gern nannte, denn Sam holte die Fotos aus ihrer Jackentasche, die sie von Byron Simmons bekommen hatte und zeigte sie dem Satyr.
„Ich brauche deine Expertise, mein Freund“, teilte sie ihm mit. „Archäologen haben in Carlsbad diese Statue gefunden, und jemand hat ihre Fackel gestohlen. Außerdem gab es eine Tote und ...“
Nyros erbleichte, nachdem er das erste Foto angesehen hatte, sprang auf und rannte auf seinen Ziegenbeinen in seiner Höhle auf und ab mit allen Anzeichen von Furcht, die Sam noch nie bei ihm gesehen hatte. „Die Fackel ist fort?“, vergewisserte er sich. „Sie wurde von Thanatos getrennt?“ Und auf Sams Nicken fügte er hinzu: „Das ist unmöglich! Es sollte unmöglich sein! Aber wenn sie wirklich fort ist ... Wer hat sie genommen? Und wie?“
„Ich hatte gehofft, dass du mir da weiterhelfen könntest. Es deutet zumindest alles darauf hin, dass hier jemand am Werk war, der über große magische Macht verfügt und dem Voodoo-Kult angehört. Ich konnte mir den Tatort noch nicht ansehen. Aber was hat es mit dieser Statue auf sich? Und wie ist eine offensichtlich griechische Statue in die Carlsbad-Höhlen gekommen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Nyros und beruhigte sich langsam wieder. „Aber die Fackel muss zurückgebracht werden und die Statue ...“ Er unterbrach sich. „Ich muss sie sehen und mich davon überzeugen, ob sie wirklich die ist, die ...“ Er unterbrach sich erneut und sah Sam bittend und überaus ernst an. „Kannst du mich hinbringen?“
„Kann ich schon“, antwortete sie und warf einen anzüglichen Blick auf seine fellbedeckten Ziegenbeine und die kleinen schwarzen Hörner, die aus seiner Stirn wuchsen. „Aber in dem Aufzug fangen sie dich auf der Stelle ein und stecken dich in ein Forschungslabor oder in den Zoo. So ein Szenario hatten wir ja schon mal.“
Nyros war vor über dreißig Jahren mit einer Freakshow in die USA gekommen, in der er den Satyr „gespielt“ hatte. Doch unglücklicherweise war eines Tages ein missgünstiger „Kollege“ dahinter gekommen, dass Nyros kein als Ziegenbeine getarntes Kostüm anzog und sich Hörner auf die Stirn klebte, sondern dass er ein echter Satyr war. Daraufhin hatten die Mitarbeiter der Show ihn überwältigt, in einen Käfig gesperrt und ihn nicht nur wie ein Tier im Zoo ausgestellt, sondern ihn auch grausam gequält. Zum Glück hatte er kurz vor dieser Katastrophe Sam kennengelernt, die natürlich seine wahre Natur ebenso erkannt hatte wie er ihre. Sie hatte ihn befreit und ihm geholfen, diese Höhle im Yosemite Park zu finden, die so weit ab von jeder menschlichen Siedlung und den Touristenrouten lag, dass er hier in Sicherheit war.
„Aber zum Glück kann ich dir helfen“, sagte sie jetzt und wirkte einen Verwandlungszauber um ihn, sodass er einen Moment später als ein stattlicher, in einen eleganten Anzug gekleideter Mann vor ihr stand.
„Das ist ja grauenhaft!“, fand Nyros.
„Aber die einzige Möglichkeit, wie du dich gefahrlos unter Menschen trauen kannst. Komm schon, alter Freund, ich bringe dich so schnell es geht wieder zurück.“
Sie zog sich wieder an und runzelte überrascht die Stirn, als ihr Handy klingelte. Auch ohne einen Blick auf die Nummer im Display werfen zu müssen, wusste sie, dass der Anrufer Edward Paris aus New Orleans war.
„Hallo Edward“, begrüßte sie ihn, bevor er etwas sagen konnte.
„Sam!“, stieß er atemlos hervor und hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf. „Ich habe dir ein paar Fotos meiner letzten Bilder gemailt. Ich weiß nicht, wo du gerade bist, aber du musst sie dir unbedingt sofort ansehen, so schnell du nur kannst.“ Seine Stimme klang aufgeregt, drängend und beinahe ängstlich. „Etwas Schlimmes ist passiert oder wird passieren, und es wird furchtbare Ausmaße annehmen, wenn es nicht aufgehalten wird. Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte ...“
„Wo bist du jetzt, Edward?“, unterbrach sie ihn ruhig.
„In meinem Atelier in New Orleans.“
„Bist du allein?“
„Ja.“
„Ich bin sofort bei dir, und ich meine sofort. Erschrick also nicht, wenn ich gleich neben dir stehe.“ Und mit einem an Nyros gewandten: „Bin glich zurück!“ verschwand sie, bevor er protestieren konnte.

Edward Paris zuckte trotz der Warnung mit einem erstickten Ausruf erschreckt zusammen, als Sam unvermittelt neben ihm auftauchte und lächelnd ihr Handy zuklappte. Im nächsten Moment seufzte er erleichtert. Trotz seiner Aufregung konnte er nicht verbergen, dass allein ihr Anblick ihn augenblicklich erregte, und er errötete verlegen.
Sam schmunzelte. Sie war Edward Paris bisher erst einmal begegnet (5). Der junge Maler besaß nicht nur ein ausgesprochenes Talent in seinem Metier, er war als ein direkter Nachfahre von Marie Laveau, der man schon zu Lebzeiten den Titel „Hexenkönigin von New Orleans“ gegeben hatte, auch mit der Gabe der Visionen gesegnet, die er allerdings wie die meisten echten Hellsichtigen oft genug als Fluch empfand. Und zwar immer dann, wenn wie in offenbar diesem Fall ihm seine Visionen, die er alle auf die Leinwand bannte, etwas zeigten, was ihn erschreckte. Schon damals hatten seine Bilder Sam bei der Lösung ihres Falles geholfen.
Und da Edward sich selbstlos angeboten hatte, Sams Sukkubus-Hunger zu befriedigen, verband sie mit ihm auch noch die Erinnerung an eine überaus angenehme Stunde. Die „Nebenwirkung“ dieser Stunde bekam allerdings Edward allein zu spüren, denn seitdem sehnte er sich nach einer Wiederholung, obwohl Sam ihm gesagt hatte, dass sie sich möglicherweise nicht wiedersehen würden. Dass es jetzt anders gekommen war, empfand er als Glück und Schmerz zugleich.
„Schön dich wiederzusehen, Sam“, sagte er und legte sein Handy auf den Tisch. „Und danke, dass du so schnell gekommen bist. Sieh dir das hier an.“
Er fasste sie bei der Hand und zog sie zu einer Seite seines weiträumigen Ateliers, wo er die Bilder aufbewahrte, die er nach seinen Visionen malte. Auf drei Staffeleien standen drei frisch bemalte Leinwände. Was auf den ersten Blick wie die etwas düsteren Fantasien eines Malers wirkte, bekam mit dem Wissen um die okkulten Dinge der Welt eine ganz andere Bedeutung, und Sam konnte durchaus nachvollziehen, dass Edward von diesen Visionen erschreckt war.
Das erste Bild zeigte die Statue eines nackten jungen Mannes aus schwarzem Stein, die in einer düsteren Höhle stand und dessen Kopf von Fledermäusen umschwärmt wurde. In der Hand hielt er eine nach unten gerichtete erloschene Fackel, die andere streckte er gebieterisch dem Betrachter entgegen. Sam erkannte die Statue augenblicklich als die, die Dr. Simmons’ Team gefunden hatte. Doch schräg davor stand ein in eine schwarze Robe gekleideter, nur als Schattenriss erkennbarer Mann mit dem Rücken zum Betrachter, den selbst auf dem Bild eine Aura des Bösen umgab. Seiner Körperhaltung und Armhaltung nach zu urteilen, führte er gerade eine Beschwörung durch.
Das zweite Bild zeigte dasselbe Szenario, doch diesmal kniete eine blonde Frau vor der Statue, die jetzt zum Leben erwacht war und sie mit der einen Hand festhielt, während sie mit der anderen die Fackel auf die Frau richtete, deren Spitze nun glühte. Ein feiner Nebel löste sich vom Körper der Frau und wurde von der Fackel eingesogen, während der schwarze Mann immer noch in beschwörender Haltung daneben stand. Im Hintergrund befand sich diesmal noch eine weitere Gestalt, die nur als überdimensionaler Schatten zu erkennen war, und aus dem hinteren Ende der Fackel trat der feine Nebel, den sie aus dem Körper der Frau gesogen hatten, wieder aus und wurde von dem Schatten verschlungen.
Auf dem dritten Bild stand der schwarzgekleidete Magier mit der Fackel in der Hand inmitten einer Menschenmenge und schwenkte sie in einer Kreisbewegung. Von allen Menschen, die in den Bereich der Fackel gerieten, lösten sich ihre Seelen als feiner Nebel, den die Fackel aufsog und die Opfer reihenweise tot zurück ließ. Wieder war der schwarze Schatten da und sog die Seelen der Toten in sich auf. Doch noch immer war das Gesicht des Magiers nicht zu sehen.
„Ich nehme an, jetzt weißt du, was mich so, hm, erschreckt hat“, sagte Edward leise. „Diese Vision habe ich die letzten drei Nächte geträumt, und ich kann sagen, dass zumindest die dritte noch nicht eingetroffen ist. Bei der zweiten bin ich mir nicht sicher, aber die erste ist bereits geschehen. Hast du eine Ahnung, was das bedeuten könnte? Ich weiß nur, dass das, was da auf uns – auf die Menschheit oder doch zumindest viele Menschen – zukommt“, er deutete auf das dritte Bild, „etwas Furchtbares ist, das langfristig noch sehr viel Schlimmeres nach sich ziehen wird. Aber es ist eine veränderliche Vision, das heißt, es steht nicht fest, dass sie eintritt. Sie kann noch verhindert werden.“ Er sah Sam flehentlich an. „Du hattest doch gesagt, dass ich dich jederzeit anrufen soll, wenn ich Visionen habe, die mir wichtig erscheinen. Und diese hier gehören dazu.“
Sam nickte und betrachtete die drei Bilder nochmals intensiv. Irgendetwas an der Gestalt des schwarz gekleideten Magiers kam ihr bekannt vor und war es doch wieder nicht. „Hast du eine Ahnung, wer der ‚schwarze Mann’ ist?“, fragte sie aus diesem Gedanken heraus.
Edward schüttelte den Kopf. „Ich habe aber das Gefühl, dass ich ihn kennen sollte. Nicht unbedingt persönlich, aber er kam bestimmt schon mal in einer meiner Visionen vor.“
Schlagartig wusste Sam, wer der Mann war: Jacques LeGrand, ein in New Orleans lebender Bokor, mit dem sie in Zusammenhang mit ihrem damaligen Fall heftig aneinander geraten war und der ihr Rache geschworen hatte. Auch die auf den Boden gemalten Symbole in der Höhle der Statue passten dazu. Doch eigentlich konnte es nicht LeGrand sein, denn sie ließ ihn seit damals von einem unsichtbaren Luftelementar überwachen, der ihr jede magische Aktivität des Mannes augenblicklich meldete. Allerdings war der kleine Elementargeist seit ein paar Tagen auffallend still ...
Sie rief ihn zu sich – und erhielt keine Antwort. Sie beauftragte andere Elementargeister, nach diesem einen zu suchen und erhielt das höchst beunruhigende Ergebnis ihrer Nachforschung innerhalb von Sekunden: Der Elementargeist war vernichtet worden. Das versetzte Sam einen gelinden Schock. Man konnte Elementargeister bannen und sie abwehren, doch um sie zu vernichten, bedurfte es einer magischen Macht und eines Wissens, das Jacques LeGrand bei ihrer letzten Begegnung noch nicht gehabt hatte. Entweder hatte er sich die erforderlichen Kenntnisse während der letzten Monate unbemerkt angeeignet, oder er hatte einen Komplizen. Falls ja, so war es mit Sicherheit kein Mensch, denn ein Bokor teilte seine Macht nicht, und einer wie Jacques LeGrand erst recht nicht. In jedem Fall sollte Sam sich um dieses Problem kümmern.
„Was ist, Sam?“, fragte Edward voll böser Vorahnung.
Sie deutete auf das Bild. „Der Mann ist Jacques LeGrand.“
„Oh mein Gott!“, entfuhr es dem Maler.
LeGrand war bereits Gegenstand mehrerer seiner Visionen gewesen, die eine von ihm verursachte Schreckensherrschaft zeigten, in der Wesen aus der Unterwelt die Erde heimsuchten und sie in ein blutiges Schlachtfeld verwandelten. Sam hatte geglaubt, dass dieses Thema vom Tisch wäre, nachdem sie ihn beim letzten Mal aufgehalten und ihm einen Teil seiner magischen Macht genommen hatte. Doch ihr Vater hatte schon damals vermutet, dass er seine ambitionierten, um nicht zu sagen größenwahnsinnigen Pläne, mit denen er nicht nur nach der Weltherrschaft strebte, sondern auch nach der Dominanz über die Unterwelt, keineswegs aufgegeben, sondern nur vertagt hätte und dass er sie wieder verfolgen würde, sobald er sich von der Schlappe erholt hatte. Wie es aussah, hatte Benyun Recht behalten.
„Was tun wir jetzt?“, fragte Edward, und ein Hauch von Verzweiflung lag in seiner Stimme.
Sam legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und schenkte ihm ein Lächeln. „Dasselbe wie letztes Mal. Du überlässt die Sache mir, und ich werde mich darum kümmern. Und diesmal“, fügte sie grimmig hinzu, „für Mr. LeGrand endgültig.“
„Schaffst du das?“, fragte er besorgt.
„Sicher“, war sie überzeugt. „Danke, Edward. Du hast mir soeben geholfen, in einem Fall weiterzukommen, den ich gerade übernommen habe.“
„Freut mich“, antwortete er und trat einen Schritt näher. „Du bist nicht zufällig, eh, hungrig?“
Sie lachte. „Nein, bin ich nicht.“ Sie war noch satt von der Nahrung, die Nyros ihr so reichlich gegeben hatte und vor ihm Kevin Bennett. Und außerdem hatte sie sich vorgenommen, Scott so weit wie möglich treu zu bleiben. Aber sie wusste natürlich, dass das nicht immer möglich war, und Scott war für die nächsten Tage ohnehin nicht erreichbar, bis Benyun ihn für „flügge“ erklärte. Davon abgesehen hatte sie keine Ahnung, wann sie ihre nächste Mahlzeit einnehmen konnte. Noch ein bisschen auf Vorrat zu essen war also keinesfalls verkehrt. Sie legte eine Hand an Edwards Hüfte und ließ sie langsam nach vorn zu der verräterisch harten Wölbung unterhalb seiner Gürtellinie gleiten. „Aber ich könnte ja so tun, als wäre ich ganz furchtbar hungrig.“
Mit einer theatralischen Handbewegung ließ sie ihre und seine Kleidung verschwinden. Edward tat einen überraschten Ausruf, ehe er Sam lachend in die Arme nahm und ungehemmt küsste. Im nächsten Moment ließen sie sich auf das weiche Fell fallen, das aus dem Nichts heraus neben ihnen auftauchte, und Edward Paris erlebte zum zweiten Mal die unbeschreiblichen Freuden, die zu schenken nur ein Sukkubus in der Lage war.

Als Sam eine gute halbe Stunde später zu Nyros zurückkehrte, hatte der Satyr den Anzug ausgezogen und lief sichtbar ungehalten nackt durch die Höhle.
„Wo warst du so lange?“, beschwerte er sich und deutete an seinem zu dem eines Menschen verwandelten Körper herab. „Dieser Zustand ist unerträglich!“
Sam grinste. „Aber du siehst auch als Mensch verkleidet richtig verlockend aus, mein Freund, und wenn ich nicht schon satt wäre, würde ich auf der Stelle über dich herfallen.“ Sie wurde wieder ernst. „Wir haben Arbeit zu erledigen. Komm.“
Mit einer lässigen Geste zauberte sie ihm den Anzug wieder auf den Körper, fasste den Satyr an der Hand und sprang mit ihm unter einem Unsichtbarkeitszauber direkt in ihr am Carlsbad Cavern Airport geparktes Auto. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, dem auffallen würde, wenn in dem Wagen plötzlich zwei Leute auftauchten, löste sie den Zauber wieder auf und fuhr mit Nyros zum Camp der Archäologen.
Byron Simmons war überaus angetan, „Professor Nyros“ aus Athen kennenzulernen, als Sam die beiden mit einander bekannt machte. Allerdings irritierte es ihn, dass der überraschend jung aussehende Mann auffällig den Frauen hinterher sah mit einem Gesichtsausdruck, als würde er jede von ihnen nur zu gern in sein Bett holen.
Die Polizei hatte die Versuche, die Statue aus der Höhle zu bergen, inzwischen notgedrungen eingestellt, denn sie ließ sich ohne schweres Gerät nicht aus dem Felsboden lösen, mit dem sie verschmolzen war. Doch den Einsatz eines solchen verbot die Parkverwaltung, da es sich um ein antikes Kunstwerk handelte. Da die anderen Spuren alle gesichert waren, hatte Kevin Bennett den Tatort freigegeben und war gerade dabei, mit seinen Leuten abzuziehen.
Sam trat zu ihm. „Detective Bennett, Professor Nyros wollte sich die Statue einmal ansehen. Vielleicht interessiert Sie seine Expertise.“
„Unbedingt“, stimmte Bennett zu und bewunderte ihre Selbstbeherrschung, mit der sie perfekt verbarg, dass sie beide inzwischen sehr intime Dinge geteilt hatten. Selbst mit seinem hervorragenden Gespür für Mimik und Gestik und allen Signalen dazwischen konnte er nicht erkennen, dass irgendetwas darauf hin deutete, dass er etwas anderes für sie war als ein Fremder, mit dem sie bisher nicht mehr als ein paar Sätze gewechselt hatte.
Eine knappe Stunde später waren sie in der Thanatos-Höhle, und Nyros ging mit einem Ausruf von Überraschung um die Statue herum, berührte sie, schüttelte immer wieder den Kopf und stampfte den Boden mit den Füßen.
„Halte deine Beine still, Nyros“, riet ihm Sam in Altgriechisch, von dem sie sich sicher war, dass niemand der Anwesenden es verstehen würde. „Menschen stampfen nicht den Boden, wenn sie aufgeregt sind.“
„Sie kennen die Statue offensichtlich, Professor?“, vergewisserte sich Simmons.
Nyros nickte und redigierte sorgfältig, was er sagte. „Sie war bisher ein Mythos, für den es nicht den geringsten Beweis gab“, erklärte er schließlich und fragte: „Wie weit sind Sie mit dem Mythos von Thanatos vertraut?“
„Ich weiß nur, was allgemein bekannt ist“, gestand Simmons.
„Ich weiß nichts darüber und wäre Ihnen daher dankbar, wenn Sie mir erklären würden, worum es dabei geht“, sagte Bennett.
„Thanatos ist ein Totengott, der den Götterhimmel schon bevölkerte, bevor die Hellenen zum Glauben an Zeus, Hera und die anderen sogenannten hellenischen Götter wechselten. Er ist der Sohn der Göttin Nyx – der Nacht – und Erebos, des Herrn der Unterwelt.“
„Hades?“, fragte Simmons nach.
„Nein, nicht Hades. Erebos ist, wenn Sie so wollen, die griechische Variante von Luzifer. Manche behaupten sogar, die beiden wären dasselbe Wesen. Erebos’ Kinder, die er mit Nyx zeugte, sind neben dem Tod – Thanatos – der Schlaf, die Träume, das Alter, das Schicksal, die Zwietracht, das Elend, der Mutwille und die Nemesis.“
„Hört sich eher an wie die Plagen aus der Büchse der Pandora“, kommentierte Bennett trocken.
„Die enthielt noch sehr viel schlimmere Dinge“, korrigierte Nyros. „Jedenfalls trägt Thanatos immer eine erloschene Fackel bei sich“, er deutete auf die linke Hand der Statue, aus der die Fackel verschwunden war, „die hier fehlt. Er wandelte über die Erde und sammelte damit die Seelen derer ein, deren Zeit gekommen war. Allerdings gab ihm diese Fackel auch die Macht über das Leben und damit den Tod der Götter, die fürchteten, dass er sie eines Tages gegen sie wenden könnte. Aus diesem Grunde beauftragte Zeus eines Tages Hephaistos, den Gott der Schmiede, eine Nachbildung der Fackel des Thanatos anzufertigen, die ausschließlich Macht über das Leben der Menschen haben sollte. Als es soweit war, lud Zeus Thanatos zu einem Festmahl ein, bei dem er ihm Wein zu trinken gab, der mit einem Schlafmittel versetzt war. Und als Thanatos schlief, tauschte er dessen Fackel gegen die Nachbildung von Hephaistos aus.“
Nyros machte eine Pause und betrachtete die Statue nachdenklich und beinahe ehrfürchtig, ehe er fortfuhr. „Zeus versuchte natürlich, die Fackel zu zerstören, die Götter töten kann, doch das gelang ihm nicht. Thanatos’ Zauber, mit der er seine Fackel geschützt hatte, war selbst für Zeus zu stark. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sie Fackel zu verstecken. Er schuf eine Statue von Thanatos“, er deutete auf die Skulptur, „diese hier und verband die echte Fackel untrennbar mit ihr. Er schützte sie, so berichtet die Legende, sogar mit einem besonderen Zauber, die verhindern sollte, dass Thanatos sie je wieder an sich bringen kann, selbst wenn er die Statue finden sollte. Anschließend schleuderte er sie fort bis hinter den Horizont, wie die Legende berichtet, wo sie tief in der Erde versank und Gaia – die Erdmutter – sie in sich verbarg.“ Nyros zuckte mit den Schultern. „Die Legende berichtet weiter, dass Thanatos, als er aus der Betäubung erwachte, lediglich glaubte, dass Zeus ihn blamieren wollte, indem er ihm einen so starken Wein zu trinken gab, der ihn in Bewusstlosigkeit fallen ließ und schrieb die Nachwirkungen einem Kater zu. Ob er jemals herausgefunden hat, dass seine Fackel ausgetauscht worden war, ist nicht überliefert.“
„Eine nette Geschichte“, fand Bennett, „aber sie erklärt nicht, wieso jemand diese Fackel gestohlen und dafür oder dabei eine Frau umgebracht und vor allem wie er das angestellt hat. Von allem anderen ganz zu schweigen.“
„Und sie erklärt auch nicht“, ergänzte Simmons, „wie diese Statue vor über zweitausend Jahren hierher gekommen ist.“
Nyros lächelte und war durch diese Einwände nicht im Mindesten verunsichert. Er zog es zwar vor, allein in der Wildnis zu leben, aber er war dennoch überaus gelehrt und verfügte über ein Wissen, das seinesgleichen suchte in der Welt.
„Nun“, antwortete er jetzt, „abgesehen von den Legenden dürfte Ihnen bekannt sein, dass die Griechen schon vor über zweitausend Jahren Seefahrer waren. Es gibt Berichte über Seereisen, die weit über das Mittelmeer hinaus führten. Leider können die nicht mehr belegt werden, da die entsprechenden Aufzeichnungen zusammen mit der Bibliothek von Athen, die vom Tyrannen Peisistratos im sechsten Jahrhundert vor Christus gegründet wurde, längst nicht mehr existieren. Doch in späteren Berichten, die sich auf die Schriften der Athener Bibliothek beziehen, heißt es, dass einer der Könige von Theben – sein Name ist nicht mehr überliefert – ein Schiff ausrüsten ließ, das mit kostbaren Schätzen beladen war und es mit dem Auftrag losschickte, durch die Säulen des Herakles nach Atlantis zu fahren und mit dem dortigen Herrscher einen Handelspakt zu schließen. Und die Säulen des Herakles sind bekanntlich die Felsen von Gibraltar. Unnötig zu erwähnen, dass das Schiff nie zurückkehrte. Doch es ist gut möglich, dass es die Gestaden dieses Landes erreichte und die Besatzung auf der Suche nach den Atlantern es bis hierher schaffte. Das ist die einzig mögliche Erklärung dafür, wie die Statue von Thanatos hierher gekommen sein kann.“
„Wunderbar logische Erklärung“, lobte Sam auf Griechisch. „Sie könnte beinahe wahr sein.“
Nyros grinste flüchtig. „Da die Menschen die Wahrheit nicht glauben, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen.“
„Aber wie kann der Statue die Fackel abgenommen worden sein, wenn sie fest mit ihr verbunden war?“, beharrte Bennett. „Und wieso sollte jemand sich die ganze Mühe machen, um diese Fackel zu stehlen?“
„Wegen der Legende, Detective, dass dies die Fackel ist, die Zeus damals Thanatos abgenommen hat: die Fackel, die Götter töten kann“, war Nyros überzeugt. „Es gibt Menschen, die an solche Dinge glauben und alles dafür tun würden, um solche Gegenstände an sich zu bringen, in der Hoffnung, dadurch Macht zu erlangen. Stellen Sie sich vor, welche Macht die Person besäße, die die Fackel hat, wenn sie wirklich die ihr zugeschriebenen Kräfte über Leben und Tod hätte. Glauben Sie mir, es gibt eine Menge Menschen, die für diese Macht bedenkenlos töten würden.“
„Gut“, gab Bennett zu, „das erscheint mir plausibel. Verblendete Phantasten und Spinner gibt es ja wie Sand am Meer. Aber wie ist es denen gelungen, die Fackel von der Statue zu lösen?“
„Es handelt sich dabei vermutlich um eine Chemikalie, die Stein vorübergehend weich und formbar macht“, sagte Sam. „Ich kenne einen Chemiker, der mit einer solchen Substanz experimentiert.“
„Sie scheinen ja eine ganze Menge Leute zu kennen“, meinte Bennett, und in seiner Stimme schwang unüberhörbar Misstrauen.
Sam neigte zustimmend den Kopf. „In meinem Job, Detective, lernt man in der Tat mindestens so viele verschiedene Leute aus verschiedenen Fachgebieten kennen wie Sie bei Ihrer Polizeiarbeit. Ich werde meinen Bekannten mal fragen, wie weit seine diesbezüglichen Forschungen gediehen sind.“
„Tun Sie das. Wie lange werden Sie dafür brauchen? Sie verstehen, Miss Tyler, dass mein Team und ich natürlich sehr daran interessiert sind, dieses Rätsel zu lösen.“
„Vollkommen, Detective. Und ich werde ihn gleich anrufen, sobald ich Professor Nyros nachher zum Flughafen gebracht habe.“
„Aber Sie sind sich absolut sicher, Professor“, wandte Simmons sich wieder an Nyros, „dass diese Statue authentisch und griechischen Ursprungs ist und aus dem dritten oder vierten Jahrhundert vor Christus stammt?“
„Vollkommen“, versicherte Nyros ernst. „Aber Sie sollten sie in dieser Höhle lassen und nicht versuchen, sie noch weiter auszugraben“, riet er. „Auch wenn es nur eine Legende ist, so hat Gaia diese Figur doch all die Jahrtausende in sich geborgen. Sie wird zornig werden, wenn Sie versuchen, sie mit Gewalt zu nehmen.“
Simmons warf ihm einen Blick zu, als wäre Nyros selbst ein bisschen verschroben, zuckte aber schließlich nur mit den Schultern. „Wie es aussieht, können wir sie ohnehin nicht ohne schweres Gerät ausgraben, und damit ist die Parkverwaltung nicht einverstanden. Also werden wir sie zwangsläufig lassen müssen, wo sie ist.“ Er reichte Nyros die Hand und schüttelte sie. „Sie haben uns jedenfalls sehr geholfen, Professor. Vielen Dank. Und auch dafür, dass Sie sich so kurzfristig herbemüht haben.“
„Ich war zufällig gerade in der Nähe“, wehrte Nyros ab und blickte Sam auffordernd an. „Wenn du mich wieder zum Flughafen bringen würdest, Sam. Ich habe noch anderweitige Verpflichtungen.“
„Natürlich. Falls Dr. Simmons und Detective Bennett uns nicht mehr brauchen?“
Beide Männer schüttelten die Köpfe, und sie verließen die Höhle wieder.
„Samala, du musst die Fackel finden“, sagte Nyros, kaum dass sie wieder in ihrem Auto allein waren und Sam pflichtschuldigst den Weg zum Flughafen einschlug. „Sie darf auf keinen Fall in den Händen der Menschen bleiben!“
„Sei unbesorgt, mein Freund. Ich bin mir relativ sicher, dass ich weiß, wer sie gestohlen hat, und ich werde das gleich noch überprüfen, sobald ich dich wieder nach Hause gebracht habe. Aber was schlägst du vor, dass ich mit der Fackel tun soll, wenn ich sie zurück habe? Sie ist unzerstörbar, wie du sagst, und in die Höhle kann ich sie nicht zurückbringen. Jedenfalls nicht die echte, weil sie dort nicht mehr sicher ist, nachdem die Höhle nun entdeckt wurde.“
Nyros dachte eine Weile nach. „Samala“, fragte er, „wie groß ist deine magische Macht? Würde sie ausreichen, um etwas Ähnliches zu tun, was Zeus damals tat? Die Fackel so tief in der Erde zu verbergen, dass sie in den nächsten paar Tausend Jahren nicht wieder gefunden werden kann?“
Sam nickte. „Ich könnte sie, glaube ich, sogar bis in den flüssigen Erdkern bringen.“
„Das wäre nicht gut“, widersprach der Satyr. „Die Fackel ist ein magisches Instrument, und niemand weiß, wie sich die Magie in ihr auf das Feuer in Gaias Bauch auswirkt. Aber wenn du sie nur so tief in irgendeinen Felsen bringen kannst, dass selbst ein Erdbeben sie nicht wieder befreien kann, so wäre das wohl das Beste.“
Sam nickte. „Das ist kein Problem. Wäre der Himalaya weit genug weg vom Schuss, dass sie dort sicher wäre?“
Nyros nickte und blickte Sam an. „Danke, Samala. Das ist mir eine große Beruhigung, denn die göttertötende Fackel des Thanatos in den Händen von Menschen hätte mir mehr als nur schlaflose Nächte bereitet.“

Nachdem Sam Nyros in seiner Höhle abgeliefert und sich zu dessen Enttäuschung ungewöhnlich schnell wieder von ihm verabschiedet hatte, kehrte sie zu den Carlsbad Caverns zurück. Bevor sie ihre nächsten Schritte unternahm, musste sie sich hinsichtlich der Täterschaft von Jacques LeGrand Gewissheit verschaffen. Sie ging noch einmal in die Thanatos-Höhle. Die Skulptur strahlte noch immer die Macht aus, mit der sie einst erschaffen worden war, auch wenn die im Laufe der Zeit an Kraft verloren hatte. Und sie war so fest mit dem Stein des Höhenbodens magisch verschmolzen worden, dass Sam sich ziemlich sicher war, dass nicht einmal das schwerste Arbeitsgerät in der Lage wäre, sie von ihrem Sockel zu trennen. Doch auch Götter wussten nicht alles, und Zeus & Co. hatten offenbar nicht im Traum damit gerechnet, dass in ferner Zukunft Menschen eines ganz anderen Volkes einen Zauber entwickeln würden, der leblose Gegenstände zum Leben erwecken konnte. Deshalb hatten sie den Schutzzauber um die Figur und ihre Fackel ausschließlich gegen Thanatos gerichtet.
Sie setzte sich vor die Statue hin, versetzte ihren Geist in Trance und spürte mit ihren magischen Sinnen nach der Signatur, die der Täter hinterlassen hatte. Was sie wahrnahm, beseitigte auch noch den letzten Zweifel. Jacques LeGrand hatte es irgendwie fertig gebracht, sich Zutritt zu dieser Höhle zu verschaffen und hier ein Ritual ausgeführt.
Sam setzte ihre Gabe der Retrospektion ein, die es ihr ermöglichte sehen zu können, was genau er getan hatte und erkannte, dass Sarah Heller lediglich das erste Opfer der Fackel geworden war, weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Doch LeGrand hatte dieses gefundene Fressen natürlich nicht verschmäht.
Sam erkannte auch, wer der dunkle Schatten war, den Edward Paris auf seinen Bildern im Hintergrund dargestellt hatte: Guede Nimbo, und das verhieß nichts Gutes. Wenn Guede Nimbo LeGrand unterstützte, so erklärte das nicht nur, wer den Luftelementar vernichtet hatte, der seine Aktivitäten überwachen sollte, sondern auch, welchem zumindest sekundären Zweck der Raub der Fackel diente. Je mehr Seelen der Bokor Guede Nimbo mit Hilfe der Fackel verschaffte, desto mehr Macht würde der Gott ihm geben. Und da LeGrand sehr viel Macht gewinnen wollte, würde er die Magie der Fackel rücksichtslos einsetzen. Ja, Jacques LeGrand musste endgültig aufgehalten werden, und Sam war entschlossen, genau das zu tun.
Was sie allerdings am meisten irritierte, war der Zauber, den er verwendet hatte, um die Statue zum Leben zu erwecken. Sam hatte diesen Zauber schon einmal gesehen, als sie mit ihrem Vater in die Vergangenheit gereist war, um herauszufinden, wie Marie Laveau ihr Grimoire vor der Vernichtung geschützt hatte. Während ihres mehrwöchigen Aufenthalts im New Orleans der 1840er Jahre hatte sie von Maries magischer Arbeit einiges mitbekommen, und dieser Zauber gehörte dazu. Nur: Jacques LeGrand konnte ihn unmöglich kennen, denn Sam und ihre Familie hatten das Grimoire vernichtet, bevor es dem Bokor oder seiner Konkurrenz in die Hände fallen konnte. Woher also kannte er ihn?
Eine dringende Botschaft des Luftelementars, den sie damit beauftragt hatte, über Scott zu wachen, riss sie aus der Trance. Das Wesen berichtete, dass Scott in höchster Gefahr schwebte. Im nächsten Moment brach der Kontakt zu dem Elementar ab. Gleichzeitig fühlte Sam durch das Band des Blutes, das sie mit allen Mitgliedern ihrer Familie verband, dass auch Benyun in Gefahr war. Und auch das Band mit ihm brach von einer Sekunde zur anderen ab – was normalerweise nur geschah, wenn der Betreffende tot war.
Ohne zu zögern sprang sie durch die Dimensionen dorthin, wo sie Scotts Elementar und ihren Vater zuletzt wahrgenommen hatte – und landete inmitten einem Chaos aus brennenden Wrackteilen mehrerer Autos, verletzten, panischen Menschen und aufgerissenem Straßenpflaster nicht weit von ihrem Haus entfernt.
Und unmittelbar vor der magischen Barriere, die ihr Haus gegen unbefugtes Eindringen und magische Angriffe schützte, leuchtete nur für ihre magische Sicht erkennbar ein Siegel, das Jacques LeGrand gehörte – eine eindeutige Herausforderung an Sam.
Sie verzog das Gesicht zu einer bösartigen Grimasse, die wohl selbst Luzifer erschreckt hätte, wenn er sie hätte sehen können. LeGrand war bereits tot. Er wusste es nur noch nicht.
Doch Sam nahm in diesem Moment etwas wahr, das ihr, wäre sie ein Mensch gewesen, die Knie hätten weich werden lassen vor Erleichterung. Sie begab sich unverzüglich dorthin, woher diese Wahrnehmung kam.

Schlagartig war es vollkommen still um ihn herum. Scott sog erschrocken die Luft ein und sah sich verwirrt um. Er befand sich in einem leeren, grauweißen Raum, der keine Konturen besaß. Sein Verstand, der sich an keinem Anhaltspunkt orientieren konnte, wo hier oben oder unten gewesen wäre, reagierte mit einer massiven Gleichgewichtsstörung, und Scott fiel hin. Im war schwindelig, und er fühlte eine heftige Übelkeit, als müsste er sich gleich übergeben.
„Alles in Ordnung, Junge?“
Benyuns Stimme unmittelbar hinter ihm erschreckte ihn und verstärkte den Schwindel. „Gibt es hier keine Orientierung?“, stöhnte er.
„Oh“, machte Benyun. „Entschuldigung.“ Im nächsten Moment wandelte sich der Raum zu einem leeren Zimmer, in dem es aber immer noch auffallend still war. „Besser?“
„Ja.“ Scotts Magen beruhigte sich wieder, und der Schwindel ließ nach. Er stand vom Boden auf und sah sich um. „Wo sind wir hier? Und wie sind wir hierher gekommen?“
„Wir befinden uns in einer magischen ‚Tasche’ aus Raum und Zeit“, erklärte Benyun. „Und hierher gebracht hat uns meine Magie.“
„Und wie muss ich mir das vorstellen?“, wollte Scott wissen. „Was ist überhaupt passiert?“
„Ich beantworte deine erste Frage zuerst. Wer über die entsprechende Magie verfügt, ist in der Lage, endlose Räume innerhalb eines in der Realität begrenzten Raums zu schaffen. Beispiel: Ich kann innerhalb eines einzigen Mauerziegels eine magische Tasche erschaffen, die so groß ist wie die ganze Welt und sie mit allem bestücken, was ich darin haben will, angefangen bei Vegetation und Sonne und Mond bis hin zu Tieren oder Menschen.“
„Soll das heißen, du kannst“, Scott traute sich fast nicht, es auszusprechen, „Leben erschaffen wie – Gott?“
„Nicht ganz. Im Unterschied zu den von den Schöpfern geschaffenen Wesen haben die, die wir erschaffen, keine Seele, wenn sie auch intelligent sind und denken und sprechen können.“
„Werde ... werde ich das auch können?“, fragte Scott unbehaglich.
„Nein. Diese Kräfte haben wir Tai’u dank Samala von einem Kitsune übernommen. Du verfügst nur über die ganz normale Magie eines Inkubus. Und zu deiner Frage, was passiert ist: Wir sind magisch angegriffen worden. Das, was du unmittelbar vorher gespürt hast, was dich so irritierte, war die Aura eines Bokor, eines Schadenszauberers, und er hat dein Auto in die Luft gejagt. Ohne deine rechtzeitige Warnung hätte ich wohl zu spät reagiert, und wir wären beide jetzt tot.“ Benyun blickte ihn beinahe wohlwollend an. „Du hast uns das Leben gerettet, Scotaru.“
Scott hatte sich noch lange nicht daran gewöhnt, mit seinem „wahren“ Namen Par’Scotaru angeredet zu werden, den er jetzt als Inkubus trug, doch das war im Moment nebensächlich. „Wieso habe ich das gefühlt und du nicht?“, wollte er wissen.
„Weil du noch nicht gelernt hast, dich so abzuschirmen wie wir. Ein magischer Schild hat den Vorteil, dass du, wenn er stark genug ist, gegen magische Angriffe weitgehend geschützt bist. Aber er hat auch den Nachteil, dass du solche Angriffe erst wahrnimmst, wenn sie schon über dir sind. Sozusagen.“
Scott wollte noch etwas sagen, aber in diesem Moment tauchte Sam neben ihm auf, gleich darauf Conaru, Lilama und Aliada. In Sams Gesicht stand unglaubliche Erleichterung, und sie riss Scott heftig in die Arme.
„Ich dachte, du wärst tot“, murmelte sie, „als ich für einen Augenblick den Kontakt zu dir verloren hatte. Und ich hätte nicht gewusst, wie ich das hätte ertragen sollen.“
„Schön dass ihr noch lebt“, meinte auch Conaru. „Der Kontakt zu dir war vorübergehend abgerissen, als wärst du tot, Vater“, erklärte er Benyun. „Offensichtlich bringt der Eintritt in eine magische Tasche diesen Nebeneffekt mit sich. Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
„Interessant“, fand Benyun nur. „Aber das bedeutet natürlich auch, dass unser kleiner Bokor uns nicht mehr wahrnehmen kann und überzeugt sein dürfte, sein Ziel erreicht zu haben.“ Er wandte sich an Sam. „Das alles haben wir einem gewissen Jacques LeGrand zu verdanken.“
Sam presste wütend die Lippen zusammen. „Ich weiß. Er hat seine Signatur ganz bewusst unmittelbar vor unserem Haus hinterlassen mit einer magischen Herausforderung an mich. Die nehme ich nur zu gern an, und diesmal werde ich ihn nicht verschonen.“
„Das hättest du von Anfang an nicht tun sollen“, fand Benyun, und ein deutlicher Vorwurf lag in seiner Stimme. „Gnade ist eine menschliche Schwäche, die uns nicht gut bekommt.“
Sam sagte dazu nichts. „Wir haben aber noch ein anderes Problem. LeGrand hat sich die Fackel des Thanatos angeeignet, und zwar jene Fackel, die sogar Götter töten kann.“
„Wie ist er denn daran gekommen?“, fragte Lilama entsetzt und bemerkte nicht, dass Aliada ein wenig blasser wurde.
„Das ist eine sehr gute Frage“, stellte Sam fest und blickte ihre Cousine an. „Er hat dafür einen Voodoo-Zauber verwendet, der tote Gegenstände vorübergehend zum Leben erweckt, von dem ich mit Sicherheit weiß, dass er in Marie Laveaus Grimoire stand, das wir vernichtet haben.“
Alle sahen jetzt Aliada an.
„Was?“, fragte sie schulterzuckend.
„Das frage ich dich“, grollte Benyun aufgebracht. „Dieser Zauber ist keineswegs allgemein bekannt. Als Voodoo-Zauber ist er sogar einmalig und war nur Marie Laveau bekannt. Und du, Aliada, warst mit ihrem Grimoire nicht lange genug allein, um diesen Zauber auswendig gelernt haben zu können, aber du bist die Einzige, von der LeGrand ihn haben könnte, denn seine Macht ist nicht groß genug, um einen solchen Zauber selbst zu entwickeln. Also woher hat er ihn?“
„Das würde mich allerdings auch interessieren“, knurrte Sam. „Raus mit der Sprache, Aliada!“
Aliada zuckte mit den Schultern. „Ich habe in dem Buch ein bisschen geblättert, als ihr beide in der Vergangenheit wart und bin zufällig auf den Zauber gestoßen, der eben hängen geblieben ist. So schwer oder kompliziert ist er ja nun mal nicht.“
„Nein, aber immer noch kompliziert genug, dass du ihn nicht innerhalb der einen Minute, die wir in der Realzeit weg waren, gelernt haben könntest“, hielt ihr Benyun vor und packte sie grob an der Kehle. „Was hast du getan, Tai’Aliada?“, fragte er drohend. „Und komm mir nicht mit irgendwelchen Lügen!“
Wenn Benyun den Dämon in sich herauskehrte so wie in diesem Moment, so war mit ihm nicht zu spaßen, und seine Rache konnte furchtbar sein, wenn er dann gereizt wurde.
„Ich habe es magisch kopiert“, gestand Aliada kleinlaut. „Aber in Unadru, das kein Mensch lesen kann! Und ich habe es gesichert, dass es nicht in falsche Hände fällt.“
Benyun versetzte ihre eine so brutale Ohrfeige, dass Aliada ein paar Meter zur Seite geschleudert wurde und gegen die Wand prallte. „In den falschen Händen befindet es sich offensichtlich bereits“, zischte er wütend. „Nämlich in deinen, da du offenbar auch noch so dämlich bist, die Zauber darin zu verkaufen. Ich hatte dich gewarnt, Aliada. Du holst das Ding sofort her! Auf der Stelle!“
Aliada verschwand und kehrte keine fünf Minuten später mit dem Buch zurück, das sie widerstrebend Benyun reichte.
„Für so dumm habe ich dich eigentlich nicht gehalten“, hielt Benyun ihr vor. „Wir haben das Original vernichtet, weil das darin enthaltene Wissen einfach zu gefährlich ist, als dass es in niedergeschriebener Form existieren dürfte. Und du treibst damit auch noch schwunghaften Handel und verkaufst einen mehr als gefährlichen Zauber an einen von unseren Feinden. Wie viele von den hier enthaltenen Zaubern hast du noch verkauft?“
„Nur sechs“, gestand Aliada. „Aber die sind vollkommen harmlos.“
„Ja, so harmlos wie der, den du LeGrand verkauft hast“, hielt Sam ihr vor. „Du weißt doch verdammt genau, dass ein Bokor von seinem Kaliber selbst aus einem harmlosen Zauber eine furchtbare Waffe machen kann. Ganz abgesehen davon, dass er diesen dazu benutzt hat, die Fackel von Thanatos an sich zu bringen, Aliada, dem Totengott, die die Macht besitzt, Götter zu töten. Begreifst du? Mit dieser Fackel kann er nicht nur uns töten, sondern auch die Götter und natürlich sämtliche Dämonen der Unterwelt, die er ja ohnehin erbobern will! Verdammt, Aliada, wo hast du deinen Verstand gelassen?“
„Das frage ich mich allerdings auch“, sagte Benyun und steckte das Buch ein. „Das behalte ich, bis wir Zeit haben es zu vernichten. Im Moment haben wir andere Probleme. Und du, Aliada, geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse und dich umbringe.“
Aliada verschwand, und Benyun stieß einen lästerlichen Fluch aus. „Diesmal ist sie zu weit gegangen“, stellte er nüchtern fest. „Wir werden überlegen müssen, was wir mit ihr machen, denn das können wir nicht ungestraft durchgehen lassen.“
„Aber jeder macht doch mal einen Fehler“, wandte Scott ein, der von Benyuns Brutalität überaus abgestoßen war.
„Halt dich da raus!“, fuhr Benyun ihn an. „Das ist eine Angelegenheit der Tai’u, mit der du nichts zu tun hast.“
„Wen welche Angelegenheiten betreffen, Scott, ist in einem Fall wie diesem unter unseresgleichen ausschließlich eine Frage der Blutsverwandtschaft“, erklärte ihm Sam in einem überaus kalten Ton, den er von ihr kaum kannte. „Aliada hat gegen die Grundregeln des Blutsbandes verstoßen, die unter anderem besagen, dass kein Sukkubus oder Inkubus etwas tun darf, das seine Verwandten in Gefahr bringt. Dass du als Kollateralschaden in Mitleidenschaft gezogen wurdest, hat nichts damit zu tun. Und außerdem handelt es sie hier nicht um irgendeinen belanglosen Fehler, den jeder mal begeht. Aliada hat mit ihrer Gedankenlosigkeit nicht nur uns, sondern die gesamte Menschheit und die Unterwelt in große Gefahr gebracht. Und da sie über die Gabe des Hellsehens verfügt, ist dieser Fehler unentschuldbar.“
Scott sagte dazu nichts, aber er begann langsam zu begreifen, dass ein Inkubus zu sein noch sehr viel größere Veränderungen bedeutete, als er bisher geglaubt hatte. Die Veränderung bezog sich nicht nur auf seine Physiognomie und die magischen Kräfte, die er jetzt besaß und die er immer noch kaum begreifen konnte. Sexdämonen beiderlei Geschlechts besaßen eine völlig andere Moral und Wertvorstellungen, ja eine ganz andere Kultur – falls man sie denn so nennen wollte –, von denen er sich nicht sicher war, ob er sich je daran würde gewöhnen können. Und er begriff jetzt erst in vollem Umfang, wie sehr Sam sich doch von ihrer Familie unterschied.
„Was also tun wir mit LeGrand?“, fragte Lilama.
„Der gehört mir“, stellte Sam grimmig klar. „Aber ich verlasse mich darauf, dass ihr mir zur Seite steht, falls er noch ein paar unangenehme Überraschungen auf Lager hat, die ich allein nicht bewältigen kann.“
„Klar“, meinte Conaru. „Tun wir doch immer.“
„Darf ich mal eine ganz profane Frage stellen?“, meldete Scott sich beinahe zaghaft. „Mein Wagen wurde in die Luft gesprengt. Was sage ich der Polizei?“
Benyun grinste. „Dein Wagen wird unversehrt in der Garage stehen“, versprach er ihm. „Magie macht’s möglich. Sollte die Polizei irgendwelche Hinweise darauf finden, dass es dein Wagen war, der da explodierte, so kannst du ihnen das Gegenteil beweisen, da deiner ja noch vorhanden und völlig unbeschädigt ist. Und den Rest der Geschichte kannst du ihnen wahrheitsgemäß erzählen: Dass wir beide im Joyful Bliss waren“ – Scott errötete unwillkürlich bei der Erwähnung des Etablissements – „und ungefähr zehn Minuten vor der Explosion wieder nach Hause gekommen sind. Das Gegenteil kann uns niemand beweisen. – Der Junge ist übrigens ein Naturtalent, Samala“, fügte er mit leiser Anerkennung hinzu.
Sam quittierte das mit einem Grinsen und einem Schulterzucken. „Das wusste ich von Anfang an.“ Sie wurde wieder ernst. „Und jetzt kümmere ich mich um Mr. LeGrand.“
Sie gab Scott noch einen leidenschaftlichen Kuss zum Abschied und verschwand. Lilama und Conaru taten es ihr nach. Benyun löste die magische „Tasche“ wieder auf, und Scott und er befanden sich sicher in Sams und Scotts Haus – wo dessen Wagen wie versprochen unversehrt in der Garage stand.

Sam sprang unter einem Unsichtbarkeitszauber in die Thanatos-Höhle zurück und löste ihn erst auf, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sonst sich darin befand. Danach ging sie ganz normal hinaus. Sie suchte Simmons in seinem Büro-Container auf und erklärte ihm, dass sie eine Spur hatte, die nach New Orleans führte und dass sie sich schnellstmöglich melden würde, sobald sie Näheres wusste. Anschließend fuhr sie mit dem Wagen wieder einmal zum Flughafen, buchte die nächste Maschine, die nach New Orleans flog und erschuf ein magisches Ebenbild ihrer selbst, das an ihrer Stelle in der Abfertigungshalle auf den Abflug wartete und statt ihrer fliegen und auch wieder zurückfliegen würde, damit für menschliche Augen – und etwaige Nachprüfungen durch Kevin Bennett oder seine Kollegen – alles seine Richtigkeit hatte.
Anschließend sprang sie durch die Dimensionen nach New Orleans. Da Jacques LeGrand nicht über die Fähigkeit der Teleportation verfügte, musste er ganz profan die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Ein Anruf beim Flughafen ergab, dass die nächste Maschine aus Cleveland erst in zehn Stunden in New Orleans landen würde. Das gab Sam genug Zeit, um ihre Vorbereitungen zu treffen.
Da sie wusste, wo LeGrand wohnte und zu Recht vermutete, dass er seine magische Wirkungsstätte in unmittelbarer Nähe hatte, begab sie sich zu seiner Wohnung und tastete mit ihren magischen Sinnen das Haus und seine Umgebung ab. Sie musste nicht lange suchen, um seinen geheimen Tempel zu finden. Zwar hatte er den mit magischen Bannzaubern geschützt, doch verglichen mit Sams diesbezüglicher Macht waren die relativ schwach, besonders nachdem er sich immer noch nicht von dem Verlust seiner Kräfte erholt hatte, den er Sam verdankte. Sie zerfetzte seine Schutzzauber, als wären sie nur Spinnweben und sprang direkt in den Tempel.
Sie erhellte den Raum mit einem magischen Licht und blickte sich um. Der Gestank nach Verwesung nahm ihr beinahe den Atem, und sie musste nicht lange suchen, um die Ursache zu finden. In einer Ecke des Raums neben einem Altar, der über und über mit getrocknetem Blut besudelt war, hockten drei Zombies hinter den Voodoo-Trommeln, die zu spielen wohl ihre einzige Aufgabe war. Ihre Körper befanden sich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, und sie boten einen erbarmungswürdigen Anblick. Sie blickten Sam reglos und aus stumpfen Augen an, in denen allerdings ein Funken Verzweiflung glomm, sodass sie spontan ein Gefühl tiefen Mitleids für sie empfand – eine Regung, die ihr in der Form bisher vollkommen fremd gewesen war.
In einem schmalen Regal an einer Wand standen kleine, versiegelte Gefäße, und Sam musste nicht erst ihre magischen Sinne bemühen, um zu wissen, dass LeGrand darin die Seelen von Menschen gefangen hielt, die ihm dienen mussten, zu denen mit Sicherheit auch die unglücklichen Zombies gehörten. Kurzentschlossen zerschmetterte sie die Gefäße mit einer Salve von Levin-Pfeilen. Ein heftiger Windstoß fegte durch den Raum, als die Seelen sich wie silberfarbene Nebel aus ihren Gefängnissen befreiten und mit einem für Sam deutlich spürbaren Gefühl von zutiefst dankbarer Freude verflüchtigten. Die Körper der drei Zombies sackten leblos in sich zusammen.
Sam ließ sie liegen, wo sie waren, denn sie brauchte die Toten noch für die Polizei als Beweise gegen LeGrand, obwohl die weltliche Gerichtsbarkeit ihm nichts mehr würde anhaben können, wenn sie mit ihm fertig war. Aber vorher musste sie noch die Fackel des Thanatos unschädlich machen. LeGrand war offensichtlich der Überzeugung, seinen geheimen Tempel gut genug gegen unbefugtes Eindringen geschützt zu haben, denn die Fackel lag offen auf dem Altar. Vielleicht wirkten seine Schutzzauber gegen normale Houngans, Mambos und Bokors, aber gegen die Kraft eines Sukkubus mit den magischen Fähigkeiten eines Kitsune boten sie keinen ernst zu nehmenden Widerstand.
Sie streckte die Hand nach der Fackel aus. Ein eisiger Hauch war die einzige Warnung, die sie erhielt, ehe ein wolfsartiges Wesen mit überdimensionalen Reißzähnen und glühenden roten Augen sich aus dem Nichts auf sie stürzte und knurrend nach ihrem Arm schnappte. Sam riss ihn reflexartig zur Seite, war aber nicht schnell genug, denn die Zähne des Dämonenhundes schrammten über ihren Arm und rissen tiefe Wunden, die sogar für einen relativ schmerzunempfindlichen Sukkubus unangenehm spürbar waren.
Sam fluchte und gab dem Biest keine zweite Chance, das hinter ihr auf dem Boden aufgekommen war, sofort zum nächsten Angriff herumfuhr und sprang. Sie zerpulverte es noch in der Luft mit einem Feuerblitz und schalt sich eine leichtsinnige Närrin, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass LeGrand natürlich sein wertvollstes magisches Instrument mit zusätzlichen Schutzzaubern versehen hatte.
Sie hatte schon des Öfteren festgestellt, dass sie sich, seit sie die Kräfte des Kitsune vor einem Dreivierteljahr übernommen hatte, zu sehr auf sie verließ. Das war nicht nur deshalb gefährlich, weil sie diese Kräfte immer noch nicht vollständig beherrschte und das vielleicht auch nie schaffen würde. Die Magie eines Kitsune war nun mal nur begrenzt mit der eines Sukkubus kompatibel. Andererseits gab sie ihr so viel zusätzliche Macht, dass sie zu oft unbewusst in einem Gefühl von Unbesiegbarkeit schwelgte, das sehr schnell ihren Tod bedeuten konnte. Sie musste unbedingt vorsichtiger sein.
Sorgfältig tastete sie jetzt die Fackel mit ihren magischen Sinnen ab und stellte fest, dass LeGrand zwar keinen zweiten Schutzzauber darauf gelegt hatte; der Dämonenhund schien ihm wohl ausreichend zu sein. Doch er hatte die Oberfläche mit einem Kontaktgift präpariert, das jeden Menschen, der sie mit bloßen Händen berührte, unweigerlich tötete. Sam grinste flüchtig und entfernte das Gift mit einer magischen Reinigung, ehe sie die Fackel nahm. Zwar war sie gegen alle Krankheiten und auch Gifte immun, sofern die kein Silbernitrat enthielten – die einzige Substanz, gegen die alle Dämonen allergisch waren –, aber sie wollte kein Risiko eingehen.
Sie beauftragte einen Luftelementar, LeGrand zu suchen und bekam Minuten später die Meldung, dass er sich immer noch am Flughafen von Cleveland befand. Das verschaffte ihr genug Zeit. Sie erschuf eine detailgetreue Kopie der Fackel und ließ sie auf dem Altar zurück an genau der Stelle, wo das Original gelegen hatte. Anschließend sprang sie mit dem Original ins Himalaya-Gebirge an einen Ort, der weit ab von jeder menschlichen Siedlung lag. Sie wählte ein Gebirgsmassiv, das breit und stabil war und in seinem Gefüge fest genug, dass es schon mehr als einer Erdbebenserie oder Bombenangriffe bedurft hätte, um es bis in die Tiefen zu zerstören, in denen Sam die Fackel zu versenken plante.
Erneut aktivierte sie ihre Kitsune-Magie und schuf einen schmalen Tunnel am Fuß des Bergs, in den sie die Fackel legte. Anschließend versiegelte sie die Öffnung wieder und trieb die Fackel in einer kleinen „Gesteinsblase“ immer tiefer in die Erdkruste hinein, bis sie sie in ungefähr siebzig Kilometern Tiefe untrennbar mit dem umliegenden Gestein verband. Außerdem umgab sie die Stelle noch mit einem „Nicht-da-Zauber“, der jedem Wesen, das mit magischen Sinnen danach suchte, nichts anderes zeigen würde als ganz normales, massives Himalayagestein, das in seiner Zusammensetzung für die entsprechende Tiefe typisch war.
Als sie endlich fertig war, fühlte sie sich reichlich erschöpft und hatte Hunger, denn diese Arbeit hatte ihre Kräfte überraschend stark beansprucht. Außerdem waren inzwischen über neun Stunden vergangen, und Mr. LeGrand würde bald in seinem Haus ankommen. Ihre nächste Mahlzeit musste also warten. Sie sprang zurück in seinen Tempelraum und machte sich ein Vergnügen daraus, seine gesamten darin gelagerten zouti – seine magischen Ritualgegenstände – bis auf die Kopie der Fackel zu zerstören. Anschließend setzte sie sich auf den einzigen Stuhl, den es in dem Raum gab und wartete.

Jacques LeGrands Hochgefühl, das er empfand, seit er in Cleveland die beiden Menschen umgebracht hatte, die mit der Hexe verbunden waren, erhielt schlagartig einen Dämpfer, als er in New Orleans das Flugzeug verließ und in der Schlange seiner Mitreisenden zur Kontrolle ging. Er spürte, wie sich übergangslos seine Kraft verflüchtigte, als hätte jemand diese Macht mit einem Zauber gebannt. Oder als hätte jemand die magischen Gegenstände, an die er sie gebunden hatte, zerstört. Aber das eine war so ausgeschlossen wie das andere. Niemand konnte ihm seine Macht nehmen oder in den Tempel eindringen, in dem er seine zouti aufbewahrte. Das war unmöglich. Es war einfach unmöglich!
LeGrand konnte es kaum abwarten, endlich alle Formalitäten erledigt zu haben. Er nahm sich ein Taxi und nötigte den Fahrer, ihn so schnell er konnte nach Hause zu fahren, wo er unverzüglich in seinen Tempel unter dem Keller eilte – und sich dort etwas gegenüber sah, das einfach nicht sein konnte. Seine gesamten zouti waren vernichtet, seine Seelengefäße zerstört, seine Zombies tot – und diesmal endgültig – und inmitten ihres Zerstörungswerks saß die Hexe Sam Tyler auf seinem Stuhl und blickte ihm mit einem wahrhaft bösartigen Grinsen entgegen.
„Mr. LeGrand“, sagte sie mit einer tückischen Samtigkeit, hinter der sich stählerne Härte und eine eisige Kälte verbargen. „Ich hatte Sie gewarnt. Leider haben Sie es vorgezogen, meine Warnung in den Wind zu schlagen. Mehr noch: Sie haben den Fehler begangen, sich an meiner Familie zu vergreifen, und das nehme ich sehr persönlich und sehr, sehr übel.“
LeGrand sah die Fackel auf dem Altar liegen, die sie nicht hatte vernichten können und war deshalb weit davon entfernt, sich von ihr einschüchtern zu lassen, obwohl sie unbehelligt in sein Allerheiligstes eingedrungen war. (Wie war sie nur an den Schutzzaubern vorbei gekommen?) Und dass sie seine zouti zerstört hatte, erfüllte ihn mit einer derartigen Wut und Hass, dass er darüber jede Furcht vergaß, die er eigentlich hätte fühlen sollen.
Er grinste wölfisch. „Ja, und es war mir ein ausgesprochenes Vergnügen, Ihre Angehörigen zu töten“, versicherte er und registrierte irritiert, dass die Hexe immer noch grinste.
„Tja, auch in dem Punkt waren Sie nicht gründlich genug, denn meine Angehörigen haben zwar einen gehörigen Schrecken bekommen, sind aber alle noch am Leben und wohlauf. Was Sie von sich in wenigen Augenblicken nicht mehr sagen können. Sie hätten meine Warnung wirklich beherzigen und mir nie wieder in die Quere kommen sollen, erst recht nicht sich an Unschuldigen vergreifen, nur um mir eins auszuwischen. Doch das war Ihr letzter Fehler.“
„Tatsächlich?“, höhnte LeGrand.
Er hatte sich, während sie ihren scheinbaren Triumph genoss, immer mehr zum Altar hin bewegt. Jetzt war die Fackel zum Greifen nahe, und da er immer noch den Handschuh trug, der seine verletzte Hand schützte, konnte er sie gefahrlos berühren, ohne an seiner eigenen Giftfalle zu sterben. Mit einer schnellen Bewegung und einem triumphierenden Lachen schnappte er die Fackel, ignorierte den Schmerz, der durch die verletzte Hand in seinen Arm hinauf schoss und richtete das Ende auf die Hexe.
„Sich mit mir anzulegen, war Ihr letzter Fehler, Miss Tyler“, meinte er und wartete auf das kurze Aufglühen der Fackel und das Einsaugen der Hexenseele, das unweigerlich darauf folgen musste. Aber nichts geschah. Gar nichts geschah – außer dass die Hexe noch breiter grinste und nachsichtig den Kopf schüttelte.
„Mr. LeGrand, ich hatte vom ersten Moment unserer Begegnung an das Gefühl, dass Sie nicht halb so intelligent sind wie Sie glauben. Die echte Fackel habe ich längst unschädlich gemacht. Sie halten ein Duplikat in der Hand. Und das war jetzt Ihr letzter Fehler.“
Bevor LeGrand noch irgendetwas tun konnte, warf ihn eine unsichtbare Kraft rücklings auf den Altar. Aus dem Nichts heraus erschien ein Messer über seinem Körper und schlitzte seine Kehle auf wie einem Opfertier. Während sein Leben mit dem Blutstrom verrann, der aus seinem Körper floss und sein Verstand immer noch nicht begriff, wie das Unmögliche hatte geschehen können, fühlte er einen solchen Hass auf die Hexe, dass er hoffte, zumindest der würde seinen Tod überdauern und sie heimsuchen und plagen und am Ende vernichten. Und sein letzter Gedanke war: Rache! Rache, Rache, Rache, RACHE! ...
Sam blickte mitleidlos auf den toten Bokor herab und musste ihrem Vater Recht geben. Sie hätte LeGrand gleich bei ihrer ersten Begegnung töten sollen statt ihn zu verschonen, dann wäre Sarah Heller wahrscheinlich noch am Leben. Und etliche andere Menschen, die LeGrand mit der Fackel inzwischen getötet hatte, wohl auch. Doch das ließ sich leider nicht mehr ungeschehen machen.
Sam überlegte sorgfältig ihre nächsten Schritte. Wieder einmal musste sie improvisieren, um die Angelegenheit für die beteiligten Menschen plausibel und glaubhaft zu machen. Ihr Alter Ego kam erst in zwei Stunden mit der Maschine aus Carlsbad in New Orleans an. Da das nachweisbar war und niemand sie jetzt hier gesehen hatte, würde man sie mit dem Tod von LeGrand auch nicht in Verbindung bringen können. Aber sie musste diesbezüglich noch einiges vorbereiten.
Sie ging in LeGrands Wohnung und erschuf in seinem PC eine E-Mail von einem Unbekannten, der LeGrand über den Fund der Statue mit der „Todesfackel“ in den Carlsbad-Höhlen unterrichtete. Dass die Polizei den Absender nie finden würde, machte die Sache nicht unbedingt unglaubwürdig, denn es gab heutzutage eine Menge gewiefter Hacker. Da LeGrand nach allem, was die Polizei in seinem Haus und vor allem in seinem Keller finden würde, eindeutig ein Voodoo-Anhänger der übelsten Sorte und vom Standpunkt normaler Menschen aus gesehen wahnsinnig gewesen war, würde niemand daran zweifeln, dass er in seiner Verblendung die Fackel wegen ihres „magischen“ Werts an sich gebracht und Sarah Heller dabei getötet hatte. Und Sam würde sich in zwei Stunden vom Flughafen direkt zur Polizei begeben und sie über ihren Verdacht informieren, dass Jacques LeGrand die Fackel aus der Carlsbad-Höhle gestohlen hatte. Alles Weitere würde seinen gewohnten Gang gehen und die Fackel in ein paar Tagen nach Carlsbad zurückgeschickt werden. Mit etwas Glück konnte Sam es sogar so drehen, dass sie die im Anschluss an die obligatorischen Verhöre gleich mitnehmen konnte. Und bei den Archäologen musste sie danach nur noch den Nachweis führen, wie LeGrand es angeblich geschafft hatte, die Fackel von der Statue zu lösen.
Sie nahm ihr Handy und wählte eine Nummer in Denver. „Hallo Bryce“, sagte sie, als sich eine tiefe Stimme mit „Connlin“ meldete. „Sam Tyler. Ich brauche ein bisschen Hilfe von euch Wächtern, um ein paar Menschen vorzugaukeln, dass es ganz profane Mittel gibt, mit denen man Steine zum Leben erwecken kann. Ihr habt doch da diesen genialen Chemiker in euren Reihen. Ich brauche ihn so schnell wie möglich in Carlsbad. Morgen, wenn es geht. Flugtickets gehen auf mich.“
Und mit Bryce Connlins Zusage, dass Dr. Hank Willowby unverzüglich das nächste Flugzeug nach Carlsbad nehmen würde, verschwand Sam aus LeGrands Wohnung, nachdem sie noch von einem Münztelefon aus anonym die Polizei benachrichtigt hatte, dass in Jacques LeGrands Haus vier Leichen lagen. Sie hatte einen Mordshunger, und es war höchste Zeit, den zu stillen.

„Dumm, dumm, dumm“, stellte Guede Nimbo fest und maß Jacques LeGrands Geist mit einem Blick tiefster Verachtung. „Wirklich extrem dumm. Um genau zu sein, an Dummheit schon nicht mehr zu überbieten!“ Die letzten Worte brüllte er hinaus, und LeGrand wurde trotz seiner körperlosen Form von seinem Zorn überaus schmerzhaft gepeitscht. „Ich gebe dir Macht und immer mehr Macht, ermögliche dir sogar, eine der mächtigsten magischen Waffen zu bekommen, die je existierten, und du verschwendest deine Möglichkeiten mit kleinlicher Rache!“
LeGrand wand sich erneut vor Schmerzen. „Ich konnte nicht ahnen, dass diese Hexe so mächtig ist“, verteidigte er sich. „Nichts deutete darauf hin, dass ...“
„Sie ist keine Hexe“, unterbrach ihn Guede Nimbo. „Sie ist nicht einmal ein Mensch, sondern eine Dämonin, aber nicht irgendeine Dämonin. Prefect Duffant (6) hat sie zur Mutter seiner Tochter gemacht (7), und sie ist so mächtig, dass selbst Baron Samedi (8) Respekt vor ihr hat. Und ausgerechnet mit ihr hast du dich angelegt.“ Guede Nimbo schüttelte missbilligend den Kopf.
„Rache!“, zischte LeGrand dennoch hasserfüllt und fügte fordernd hinzu: „Du hast mir drei Lebenszeiten versprochen!“
Guede Nimbo schüttelte erneut den Kopf. „Ja, aber jede dieser Lebenszeiten hätte 88 Jahre betragen, insgesamt also 264 Jahre, und du hättest dir noch weitere erkaufen können. Jetzt ist deine erste Lebenszeit ausgelöscht, und dir bleiben nur noch 176 Jahre. Doch was willst du mit ihnen anfangen? Du willst dich an einer Dämonin rächen, die mächtiger ist als du, für etwas, das du selbst zu verantworten hast. Offensichtlich hast du nicht einmal aus deinem Tod etwas gelernt.“ Er zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Vor mir aus kannst du dich noch mal von ihr umbringen lassen. Doch wenn du zum dritten Mal getötet wirst, ohne dir vorher eine vierte Lebenszeit erkauft zu haben, ist dein Tod endgültig.“
„Ich werde dir Seelen verschaffen, so viel du nur willst“, versprach LeGrand grimmig. „Und wenn diese Dämonin meine Maya-Blutmaske nicht zerstört hätte, so hätte ich dir schon längst viele davon gegeben!“
„Ah ja, die seelentrinkende Maske aus der Haut des Jaguarpriesters“, sagte Guede Nimbo beinahe gelangweilt und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es gibt noch eine zweite, identische Maske mit denselben Eigenschaften. Finde sie und nutze sie. Und wenn du mir genug Seelen gegeben hast, erwäge ich vielleicht, dir eine weitere Lebenszeit zu gewähren. Das hängt ganz allein von dir ab. Nun verschwinde!“
Und mit der machtvollen Magie einer einzigen Handbewegung schleuderte er Jacques LeGrands Geist zurück in die Menschenwelt und in einen neuen Körper ...

Detective Kevin Bennett stand mit dem CSI-Team und einigen Forensik-Wissenschaftlern in der Thanatos-Höhle und beobachtete gemeinsam mit Byron Simmons, Pete Caulfield, Billy Prentice und Sam Tyler, wie Dr. Hank Willowby demonstrierte, wie der Mörder die Fackel von der Figur gelöst und Sarah Hellers Hand in die der Statue gebracht hatte.
Bennett war zunächst zutiefst misstrauisch gewesen, als er vorgestern einen Anruf von der Polizei in New Orleans erhalten hatte, die sich auf Sam berief und ihm mitteilte, dass sie ganz offensichtlich den Mörder von Sarah Heller wie auch die gestohlene Fackel gefunden hätten. Es handelte sich um einen gewissen Jacques LeGrand, der in New Orleans ein florierendes Antiquitätengeschäft betrieb. Aufgrund eines anonymen Hinweises – von dem Bennett überzeugt war, dass er von Sam stammte – hatte die Polizei LeGrand tot in einem Kellerraum seines Hauses gefunden zusammen mit drei halb verwesten Leichen und allen Anzeichen dafür, dass der Mann in seiner Freizeit wohl ein schwarzer Voodoo-Zauberer gewesen war, der sich ganz offensichtlich in einem Anfall von Wahnsinn selbst die Kehle durchgeschnitten hatte.
Ebenso gab es Beweise, dass jemand von hier LeGrand über den Fund der Fackel informiert hatte, und ein paar Arbeiter hatten ihn anhand eines gefaxten Fotos als einen ihrer Kollegen erkannt, der nur am Tag des Mordes mit ihnen gearbeitet hatte und danach verschwunden war. Auch hatte man eine Haarlocke von Sarah sowie die verschwundene Fackel in seinem Keller gefunden, die jetzt wieder hier vor Ort war und darauf wartete, in die Hand von Thanatos zurückgelegt zu werden.
Dr. Hank Willowby hatte LeGrand auch als den Mann erkannt, der sich unlängst eingehend nach seinen Forschungen bezüglich der steinverformenden Substanz erkundigt hatte, sodass auch diesbezüglich alles zusammenpasste, wenn auch für Bennetts Geschmack etwas zu perfekt. Doch es gab keine Anhaltspunkte dafür, dass Sam oder jemand anderes in irgendeiner Form seine Hände manipulierend im Spiel hatte.
Hank Willowby, mit dicken Schutzhandschuhen an den Händen, holte jetzt ein verschlossenes Reagenzglas aus einem Transportbehälter und goss die darin befindliche gelbliche Flüssigkeit über die Hand der Statue, die ursprünglich die Fackel gehalten hatte. Die Flüssigkeit drang zischend in den Stein ein. Willowby nahm die Fackel, legte sie in die offene Hand und bog die Finger mit einer Leichtigkeit darum, als wären sie aus Knetgummi. Anschließend sah er auf die Uhr und zählte zehn Sekunden ab.
„Jetzt ist der Stein wieder so hart wie vorher“, versprach er, und ließ die Wissenschaftler sich davon überzeugen. „Das Problem mit der Chemikalie ist, dass sie nicht stabil ist“, erklärte er. „Man muss sie unmittelbar vor Gebrauch herstellen, und fünfzehn Sekunden, nachdem sie ihre Wirkung entfaltet hat, härtet der Stein wieder aus und der Rest des Zeugs verflüchtigt sich auf Nimmerwiedersehen. Ich habe bis heute nichts finden können, womit ich es stabilisieren kann. Und solange mir das nicht gelingt, bleibt es wertlos.“
Willowbys Gesicht blieb vollkommen ernst, und er machte seine Sache ausgezeichnet, wie Sam fand. Das „Wundermittel“ war nur eine harmlose Mixtur aus ein paar ungewöhnlichen Zutaten, die außer einem spektakulären Zischen gar nichts bewirkte. Die „Steinerweichung“ war ausschließlich durch Sams Magie entstanden und Willowby nur der Statist. Die CSI-Leute kamen zu dem geplanten Schluss, dass LeGrand sich die Formel für das Mittel illegal von Willowby verschafft haben musste und er es danach eingesetzt hatte, um die Fackel zu stehlen. Sarah Heller war ihm dabei wohl in die Quere gekommen, und er hatte sie auf eine Weise ausgeschaltet, wie es seiner offensichtlich perversen Neigung entsprach. Und der Schock hatte wohl zu ihrem Herzstillstand geführt.
Damit war alles an dem Fall zur allseitigen Zufriedenheit gelöst. Willowby überließ den Wissenschaftlern gern das Reagenzglas zur Untersuchung, worin die nur noch einen nicht mehr zu analysierenden Substanzrückstand finden würden, da die restlichen Bestandteile sich ja angeblich „verflüchtigt“ hatten. Simmons hatte die Fackel zurück, der Mord war ebenfalls aufgeklärt, und der Schuldige würde niemals wieder Schaden anrichten.
Lediglich Sam war mit dem Ausgang des Ganzen unzufrieden. Sie hatte zuviel tricksen müssen, um alles für die Menschen passend zu machen, und das war niemals gut. Je mehr sie Dinge manipulieren musste, desto größer war die Gefahr eines „Ausrutschers“ oder sonstiger unerwünschter Nebenwirkung, die jemanden wie zum Beispiel Kevin Bennett misstrauisch machen konnten, der sie ohnehin schon die ganze Zeit über argwöhnisch im Auge behielt. Und das war ein Grund mehr, zumindest den Detective langfristig auf ihre Seite zu bringen. Sie hatte auch schon einen Plan, wie sie das bewerkstelligen würde. Aber dazu war später noch Zeit genug.
Willowby nahm einen Scheck von Sam in Empfang für seine Flugtickets und fuhr mit dem Taxi unverzüglich wieder zum Flughafen, Sam erhielt einen Scheck von Byron Simmons mit einem Ausdruck höchster Zufriedenheit und Wertschätzung, und das CSI-Team hastete zu seinen Labors, um die unglaubliche Substanz zu untersuchen.
Bennett blieb noch zurück und nahm Sam beiseite. Er blickte sie eine Weile nachdenklich an. „Ich weiß nicht, was ich von dir halten soll“, sagte er schließlich. „Und ganz ehrlich: Ich traue dir immer noch nicht. Irgendetwas ist an dir, das mir sagt, dass du Ärger bedeutest.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe mich natürlich nach dir erkundigt, und alle Leute, die ich gesprochen habe – allen voran dieser Lieutenant Kerry – loben dich in den höchsten Tönen. Und für jemanden aus deiner Branche hast du eine selten weiße Weste. Aber gerade das macht mich misstrauisch.“
Sam schmunzelte. „Und jetzt willst du nicht eher Ruhe geben, als bis du die Leichen in meinem Keller ausgegraben hast?“, vermutete sie und zuckte mit den Schultern. „Viel Vergnügen dabei! Leider wirst du die suchen, bis du eines Tages tot umfällst, denn ich habe sie so gründlich beseitigt, dass kein Mensch sie finden kann.“
„Sehr witzig“, knurrte Bennett ironisch und musterte sie aufmerksam. „Aber ich komme schon noch dahinter, was mit dir wirklich los ist.“
„Oh, das kann ich dir sagen: Ich sehe zwar aus wie ein Mensch, aber ich bin eine Dämonin und kann zaubern.“
Bennett schnaufte sarkastisch. „Okay, behalte dein Geheimnis für dich. Ich werde es schon noch eines Tages entschlüsseln.“
Sam blickte ihn ernst an. „Wenn du eines Tages so weit bist, Kevin, werde ich es dir freiwillig offenbaren. Aber vorher hast du dein eigenes Trauma zu bewältigen.“
„Dann werden wir uns also wiedersehen?“ Er konnte nicht verhindern, dass eine gewisse Sehnsucht in seiner Stimme durchklang.
„Ganz sicher sogar. Und bis dahin haben deine Nachforschungen über mich dich hoffentlich davon überzeugt, dass ich keinen ‚Ärger’ bedeute, sondern auf der Seite der Guten stehe.“ Sie hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Bis dahin leb wohl, Kevin.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging zu ihrem Wagen. Er folgte ihr nicht, sondern schloss sich seinem Team wieder an. Und während er in die Stadt zurückfuhr, entschied er, dass es vielleicht doch ganz gut wäre, diesen Psychiater, Dr. Bryce Connlin, einmal anzurufen und einen Termin mit ihm zu vereinbaren, denn er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er die Angelegenheit „Sam Tyler“ erst würde bewältigen können, wenn er mit sich selbst vollkommen im Reinen war und sein Trauma bewältigt hatte. Und er war gespannt, was er dann hinter Sam Tylers Maske entdecken würde ...

Tai’Aliada hatte noch nie vor einem Tribunal gestanden, und dass dieses Tribunal ausschließlich aus ihren Verwandten bestand, machte die Sache nicht leichter. Es garantierte lediglich, dass die sie nicht töten würden, denn das Band des Blutes zwischen ihnen verhinderte, dass sie einander wissentlich Schaden zufügten. Doch auch das änderte nichts an dem – zugegeben berechtigten – Zorn, den nicht nur Benyun auf sie empfand.
„Deine Tat war absolut unverantwortlich“, stellte Benyun nachdrücklich klar, nachdem er Aliadas Kopie von Marie Laveaus Grimoire vor ihren Augen zerstört hatte. „Du hast damit die Unterwelt und die Menschheit in größte Gefahr gebracht. Ich verstehe nicht, wie du nur auf den Gedanken kommen konntest, diesen gefährlichen Zauber an einen Menschen zu verkaufen! So dämlich wäre ja nicht mal Samala trotz ihrer Affektion für Menschen.“
Aliada hatte nicht vor, sich von Benyun bevormunden zu lassen, mochte er nun der Patriarch der Tai’u sein oder nicht. „Es ist nicht meine Schuld, dass wir hier unter Menschen leben müssen“, versuchte sie sich zu verteidigen.
Doch das Argument zog bei Benyun überhaupt nicht. „Wenn dir das nicht passt, kannst du gern dein Domizil in der Unterwelt aufschlagen. Dort hat niemand was gegen dich außer vielleicht den Dämonen, die du selbst gegen dich aufgebracht hast. Für deine Tat gibt es keine Entschuldigung. Zum Glück konnte Samala den Schaden begrenzen, den du angerichtet hast. Trotzdem wirst du die Konsequenzen tragen müssen, Aliada.“ Er blickte seine Kinder der Reihe nach an. „Wie verfahren wir mit ihr?“
„Wir sollten sie irgendeinem Dämon zum Fraß vorwerfen“, meinte Lilama mitleidlos. „Doch das verbietet das Band des Blutes. Leider!“
„Irgendwas, was sie ein bisschen Vernunft lehrt“, fand Conaru, „und ihr vor allem beibringt, dass sie mit ihrer Macht vorsichtig umzugehen hat, wenn Menschen involviert sind.“
„Aliada ist zu anfällig für die Versuchungen der Macht“, stellte Sam fest. „Allerdings fehlt ihr dafür leider die Einsicht.“
„Die wird sie bekommen“, entschied Benyun.
Ehe Aliada es verhindern konnte, war er bei ihr, hatte mit beiden Händen ihren Kopf gepackt und entriss ihr brutal alle magischen Kräfte, die sie nicht von Geburt an mitbekommen hatte. Als er Sekunden später von ihr abließ, war sie nur noch ein normaler Sukkubus, ohne Kitsune-Magie und ohne all die Fähigkeiten, die sie sich sonst angeeignet hatte.
„Und wenn du noch einmal so einen Bockmist baust, Tai’Aliada“, drohte Benyun, „so werde ich dir auch noch den Rest deiner magischen Kräfte nehmen und das Band des Blutes zwischen dir und uns für alle Zeiten kappen. Und nun verschwinde!“
Aliada verschwand, bevor sie mit irgendeiner Geste den Hass verriet, den sie in diesem Moment auf Benyun und die anderen Tai empfand. Sie kehrte in ihre Wohnung zurück und verbrachte eine überaus befriedigende halbe Stunde damit, die Einrichtung zu demolieren. Dass sie keine Kitsune-Kräfte mehr besaß, mit der sie die zertrümmerten Gegenstände wieder neu erschaffen konnte, machte nicht viel aus. Schließlich war sie nicht ganz so dumm, wie Benyun und der Rest der verhassten Bagage glaubten.
Nachdem sie sich einigermaßen wieder beruhigt hatte, holte sie aus dem bewährten Versteck in der Mauer mit einem Bringzauber die Zauberbox, und in der lag – eine weitere Kopie des Grimoires von Marie Laveau. Benyun war ein Narr, dass er glaubte, sie hätte ihm dieses kostbare Buch zur Vernichtung überlassen, ohne sich vorher noch eine Kopie zu sichern. Besonders jetzt, da sie nur noch über die natürliche Magie eines Sukkubus verfügte, würde sie die Zauber darin brauchen. Sie würde natürlich keinen mehr davon verkaufen; das war ihr doch zu riskant, denn wie sie Benyun kannte, würde er sie und ihre Aktivitäten für die nächste Zeit scharf im Auge behalten. Aber für den Eigengebrauch sah sie da keine Gefahr.
Sie suchte einen Zauber heraus, der Zerbrochenes wieder zusammenfügte, und wenige Minuten später war ihre Wohnung wieder wie neu.
Und ihre Verwandtschaft konnte sie ab sofort am Arsch lecken!

Sam war überaus froh, wieder zu Hause zu sein und Arm in Arm mit Scott gemütlich auf der Wohnzimmercouch sitzen zu können. Sie genoss seine Nähe wie selten zuvor. So ungern sie das auch zugab, aber der Moment des Schreckens, in dem sie geglaubt hatte, Scott wäre tot, steckte ihr immer noch in den Knochen. Falls er wirklich gestorben wäre, so hätte sie tatsächlich nicht gewusst, wie sie damit umgehen sollte, denn durch die menschlichen Gefühle, die zu empfinden sie in der Lage war, fühlte sie nicht nur Liebe, sondern auch das dazu gehörige Leid, sei es Liebeskummer oder der unaussprechliche Schmerz, den der Verlust des geliebten Partners brachte. Und diese Schwäche beunruhigte sie mehr, als sie sich selbst eingestehen mochte.
Benyun hatte Scott gestern für „flügge“ erklärt, was diesen mit großer Erleichterung erfüllte und er seiner Hoffnung immer wieder wortreich Ausdruck gab, dass er und Sam nach Möglichkeit nun niemals mehr auf „auswärtige Fütterungen“ zurückgreifen mussten. Doch er hatte sich noch lange nicht mit den Veränderungen abgefunden, die seine Verwandlung zum Inkubus mit sich brachte. Mehr noch als die „Unmoral“ und die Magie, die er immer noch lernen musste zu beherrschen, beschäftigte ihn die Gestaltung seiner Kontakte mit Menschen.
„Sam, ich fürchte mich direkt davor, Weihnachten meine Eltern zu besuchen“, sagte er aus diesem Gedanken heraus. „Ich habe das Gefühl, dass alle Welt mir anmerken wird, dass ich kein Mensch mehr bin. Meine Mutter wird in jedem Fall sofort sehen, dass etwas mit mir nicht stimmt, und ...“ Er unterbrach sich und zuckte hilflos mit den Schultern.
„Nun, Weihnachten ist ja erst in drei Monaten. Bis dahin wirst du dich schon gut an die Veränderung gewöhnt haben und dich in deiner eigenen Haut nicht mehr fremd fühlen. Die Magie beherrschst du dann auch schon ganz gut, sodass ich da keine Probleme sehe. Und die Veränderungen, die deine Mutter möglicherweise feststellt, kannst du immer damit begründen, dass du bis über beide Ohren in mich verliebt bist. Aber ich mache dir einen Vorschlag. Schütze irgendeine wichtige Arbeit vor, die dich über die Weihnachtstage derart mit Beschlag belegt, dass du unmöglich deine Eltern besuchen kannst.“ Sie grinste. „Notfalls sorge ich mit Magie dafür, dass du tatsächlich so eine übertragen bekommst, falls du dich damit besser fühlst, statt deine Eltern zu belügen.“ Sie wurde wieder ernst. „Zum Ausgleich kannst du deine Familie zu deinem Geburtstag im Februar zu uns einladen, damit du mich ihr bei der Gelegenheit auch endlich vorstellen kannst.“ Sie verzog das Gesicht. „Irgendwann muss ich ja mal in den sauren Apfel beißen, wenn wir schon heiraten werden. Jedenfalls wirst du spätestens bis Februar alles im Griff haben, was zu deiner neuen Existenz dazugehört.“
Scott drückte sie zärtlich an sich und blickte sie liebevoll an. „Und wann heiraten wir endlich?“
„Am 21. März“, schlug Sam vor. „Am Tag der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche. Das ist ein perfektes Datum.“
„Einverstanden. Frühlingsanfang scheint mir auch für ein solches, hm, Wagnis ein glückbringender Tag zu sein.“
Er beugte sich vor und küsste sie, was augenblicklich seinen Appetit anfachte, wenn auch nicht seinen Hunger. Sam machte sich lachend von ihm los und rannte hinauf in ihr Schlafzimmer. Scott folgte ihr, entledigte sich schon im Laufen seiner Kleidung und fand es in diesem Moment nicht mehr ganz so schlimm, ein Inkubus zu sein ...

Fünf Monate später

Sam bestätigte die letzte Online-Überweisung am Computer und schaltete das Gerät aus. Sobald sie die Schriftstücke unterzeichnet hatte, die ihre Sekretärin ihr in einer Unterschriftsmappe auf den Tisch gelegt hatte, würde sie nach Hause fahren und den Abend mit Scott verbringen. Sie freute sich schon darauf, denn ihre Beziehung hatte spürbar an Tiefe gewonnen, seit er ein Inkubus war und gelernt hatte, damit umzugehen. Vor zwei Tagen hatten sie seinen siebenunddreißigsten Geburtstag gefeiert und er hatte Sam bei dieser Gelegenheit seiner Familie vorgestellt, deren Herzen sie im Sturm erobert hatte. Und in knapp vier Wochen würden sie heiraten. Sam hielt das zwar immer noch für überflüssig, aber es bedeutete Scott sehr viel, und deshalb tat sie ihm den Gefallen.
Sie seufzte, als die Türglocke des Büros noch einen unerwarteten Besucher ankündigte.
Der Mann, der mit allen Anzeichen von Besorgnis eintrat, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und trug einen grauen Anzug, der schon einmal bessere Tage gesehen hatte. In der Hand hielt er einen dicken Briefumschlag.
„Ich weiß, dass ich keinen Termin habe“, begann er ohne einen Gruß, „aber ich muss unbedingt mit Mr. Tyler sprechen. Es ist wirklich sehr, sehr dringend.“
Wie die meisten Menschen, die Sams Detektei aus den Gelben Seiten aussuchten, vermutete auch er, dass „Sam Tyler“ ein Mann war.
„Ich bin Sam Tyler“, stellte sie sich vor und deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Bitte nehmen Sie Platz, Sir, und sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann.“
„Mein Name ist Mortimer Sachs, und ich bin Kryptologe. Mein Freund und Kollege Douglas MacGregor ist verschwunden. Ich vermute, dass er entführt wurde, aber die Polizei tut nichts, weil es nicht den geringsten Hinweis auf eine Entführung gibt. Aber Doug hat mir kurz vor seinem Verschwinden das hier gegeben.“ Er reichte ihr den Briefumschlag. „Und ich bin mir sicher, dass er deswegen entführt wurde – vielleicht sogar ermordet ...“

Ende

Fussnoten:

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Kleines mythologisches Lexikon/Glossar

Thanatos
ist ein prähellenischer Totengott und gilt als die Personifizierung des Todes. Er darf nicht mit Hades verwechselt werden, welcher der Gott des Hades (= des Totenreichs) ist und erst in hellenischer Zeit auftauchte. Thanatos ist der Zwillingsbruder von Hypnos, dem Schlaf und Sohn der Nyx (Nacht) und des Erebos (auch Tartaros genannt, der bedingt mit dem späteren Teufel/Luzifer gleichgestellt werden kann). „Er hat ein eisernes Herz und ehernen, erbarmungslosen Sinn. Einen einmal gepackten Menschen gibt er niemals wieder frei, und selbst den unsterblichen Göttern ist er feind“. So beschreiben ihn alte Sagentexte. Zu der Zeit, da er erstmals in der Mythologie auftaucht (ca. um 1000 v. Chr.) wurde ihm noch keine Gestalt zugeschrieben. Erst ab ca. 500 v. Chr. setzten sich die Darstellungen von Thanatos als jungem Mann oder pubertierendem Knaben mit schwarzen Flügeln und der gesenkten oder schon verlöschten Fackel in der Hand durch. Noch später war die bevorzugte Abbildung die eines Dauerschläfers mit oder ohne Fackel.

Quelle: Diverse

Carlsbad-Höhle/Carlsbad Caverns National Park
ist ein aus 83 (bisher entdeckten) Einzelhöhlen bestehendes und 1930 zum Nationalpark erklärtes Höhlenareal im US-Bundesstaat New Mexico, das eine weltbekannte Touristenattraktion ist und seit 1995 auch UNESCO-Weltnaturerbe. Die Höhlen sind die Heimat von maximal rund einer Million Fledermäusen der Art „Mexican Free-tailed Bat“, deren ca. 500.000 Exemplare umfassende Hauptpopulation in der sogenannten „Bat Cave“ haust. Vor über tausend Jahren wurde die Höhle bereits von den Indianern aufgesucht, um Schutz vor der Witterung zu suchen. Aus dieser Zeit stammen viele Wandzeichnungen in der Nähe des natürlichen Eingangs. Um 1800 entdeckten die ersten weißen Siedler die Höhle, deren Erforschung auch heute noch immer weiter geht, da längst noch nicht alle Höhlen entdeckt bzw. katalogisiert und erschlossen sind. Der zweitgrößte Raum der Höhle, der „Guadalupe Raum“, wurde z. B. erst 1966 entdeckt, der „Bifrost Raum“ im Jahr 1982 und die „Chocolate High“ im Jahr 1993.

Quelle: Wikipedia

Kynokephalen
(Einzahl: Kynokephale oder Kynokephalos) sind, wie ihr Name besagt, der übersetzt „Hundsköpfe“ bedeutet, hundsköpfige Dämonen, die in verschiedenen Kulturen vorkommen, unter anderem in Indien, Äthiopien und Osteuropa. Sie werden dargestellt als Wesen mit Menschenkörpern und Hundsköpfen, in Indien auch als Affen mit Hundsköpfen. Sie können teilweise Feuer speien und gelten im osteuropäischen Raum als menschfressende Ungeheuer.

Quelle: „Fabeltiere und Dämonen“ von Heinz Mode

Voodoo
siehe Sukkubus 3: „Das Grimoire der Marie Laveau“

Im nächsten Roman:
Bei einer Wanderung in den Rocky Mountains mit einer Gruppe seiner Studenten stößt Professor Douglas MacGregor zufällig auf eine Höhle, deren Wände von oben bis unten mit fremder Schrift bedeckt sind. Was er für eine weltbewegende Sensation hält, entpuppt sich als Katastrophe, denn die Schrift ist Unadru, die Sprache der Dämonen und beschreibt ein Ritual, mit dem der Dämon Káshnarokk aus der Hölle befreit werden kann, den nicht einmal Luzifers Macht vernichten kann.
Als die „Diener des Schwarzen Feuers“ von dem Fund Wind bekommen und MacGregor entführen, ihn zwingen, die Schrift zu übersetzen und Káshnarokk entfesseln, muss Sam die zweite Unadru-Schrift finden, mit der der Dämon wieder in sein Höllengefängnis verbannt werden kann. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Káshnarokk setzt natürlich alles daran, die zweite Schrift vorher zu vernichten, sodass Sam schließlich gezwungen ist, eine Allianz mit Luzifer und den Zehn Mächtigen Höllenfürsten einzugehen.
Doch „Die Unadru-Schriften“ bergen noch ein anderes Geheimnis, und Sam erlebt eine Katastrophe, die die Weichen ihres ganz persönlichen Weges völlig neu stellt ...

„Die Unadru-Schriften“ erscheint am 05.06.09 exklusiv bei in doppelter Jubiläums-Länge!!! Freut Euch auf ca. 120 Seiten Mystery, Crime und unglaubliche Spannung!

© Mara Laue

 

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